Der Mittelspecht - “Wappenvogel” des AGO

September 14th, 2006

Mittelspecht

Mittelspecht (Dendrocopos medius). Foto: Klaus Transier / www.klaus-transier.de

Von den sechs einheimischen Spechtarten (Picinae) hat der Mittelspecht das weltweit kleinste Brutareal, welches bis auf ein Vorkommen im Iran ausschließlich westpaläarktisch ist (CRAMP 1985). Der europäische Bestand (150.000 – 315.000 Paare) wird auf ca. 95 % der Weltpopulation geschätzt. In Mitteleuropa brüten ca. 42.000 – 71.000 Paare, davon ca. 35 % in Deutschland (BAUER et al. 2005). Diese Zahlen belegen, dass die europäischen Staaten – besonders aber Deutschland – spezielle Verantwortung für den Erhalt dieser Art tragen.Auch aus diesem Grund ist der Mittelspecht eine derjenigen Arten, die beim AGO in den letzten Jahren im Mittelpunkt avifaunistischen Interesses steht. Über die Verbreitung der Art in Süd-Niedersachsen war bis Ende der 1990er Jahre praktisch nichts bekannt. Nur wenige Vorkommen wurden gemeldet und der Gesamtbestand wurde einschließlich der Stadt Göttingen und des Südteils des Landkreises Northeim auf 25 bis 30 Paare geschätzt (DÖRRIE 2000).
Eine Kartierung im Frühjahr 2000, die allerdings bei weitem nicht flächendeckend und in den verschiedenen Waldgebieten auch mit unterschiedlicher Intensität und nicht standardisierter Methodik vorgenommen wurde, führte immerhin zum Nachweis von 71 bis 76 Individuen. Verbreitungsschwerpunkte waren die eichenreichen Genossenschafts- und Realgemeindeforsten im westlichen Randbereich des Untereichsfeldes, im wesentlich dünner von der Art besiedelten Areal westlich der Leine die stadtnahen Laubholzmischbestände um Knutbühren (DÖRRIE 2001). In den großen geschlossenen Waldgebieten (Bramwald, Kaufunger Wald, Göttinger Wald, Reinhäuser Wald) tritt der Mittelspecht als Brutvogel ebenfalls auf, großflächig jedoch in geringer Abundanz.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse wurde der Mittelspecht als eine der wertbestimmenden Arten des EU-Vogelschutzgebietes V19 (Unteres Eichsfeld) definiert und die ursprünglich festgesetzten Grenzen den Verbreitungsschwerpunkten der Art angepasst korrigiert.
2003 und 2005 wurde durch Auftrag des seinerzeit noch existierenden Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie im Rahmen der Berichtspflicht an die EU der Bestand des Mittelspechtes im Schutzgebiet V19 ermittelt. Auf 4.600 ha Waldfläche konnten 79 Reviere entsprechend 1,72 Rev./100 ha ermittelt werden. Verbreitungsschwerpunkte sind die Genossenschaftsforsten im Ostteil des Gebietes mit ihrem noch relativ hohen Anteil an Alteichen, wohingegen die Siedlungsdichte in den durch Buchenwälder geprägten Landesforsten erwartungsgemäß eher niedrig lag (BRUNKEN et al. 2006, i.V.).
Parallel zum Monitoring im V19 gelangen auch in anderen Waldgebieten von Landkreis und Stadt Göttingen und des Südteils des Landkreises Northeim durch systematische Kartierung viele weitere Reviernachweise, so dass sich die vor noch nicht allzu langer Zeit vorherrschende Einschätzung des Mittelspechts als seltenste Spechtart des süd-niedersächsischen Berg- und Hügellandes als gründlich revisionsbedürftig erwies: Dendrocopos medius ist gemäß aktuellem Kenntnisstand nach dem Buntspecht die mit Abstand häufigste Spechtart in unseren Wäldern!
Besiedelt werden – entgegen früheren Vermutungen – nicht nur Waldflächen mit einem hohen Anteil von alten Eichen, sondern durchaus auch Buchenbestände mit einzelnen Alteichen und die durch Eschen geprägten Bachniederungen in den Wäldern. Nähe zum Grundwasser scheint nicht die entscheidende Rolle zu spielen, sehr wohl aber eine ausreichende Lichtdurchlässigkeit der Baumkronen. So sind bei schonender Bewirtschaftungsweise durch Entnahme einzelner Alteichen aus den Beständen auch keine Abundanzeinbußen zu befürchten. Diese forstlichen Maßnahmen sollten allerdings nicht, wie des öfteren registriert, genau zur Brutzeit der Mittelspechte durchgeführt werden. Verheerend wirkt sich darüber hinaus eine kahlschlagähnliche Abholzung der Alteichen aus, auf die der Mittelspecht mit Abwanderung reagiert.
Die Zukunft der Art in den heimischen Wäldern ist nicht leicht zu prognostizieren. Während es in den Genossenschafts- und Realgemeindewäldern teilweise durchaus eine Bindung an traditionelle Waldbewirtschaftungsweisen zu geben scheint, ist das Schreiben schwarzer Zahlen in den Forsten, die sich in Landes- oder Kommunalbesitz befinden, durch politischen Druck mittlerweile offensichtlich zur Handlungsmaxime verkommen, auch wenn die Programmatik der ökologischen Waldentwicklung anderes verlauten lässt. Dabei sind auch Veräußerungen von Flächen und deren Umwandlung in Privatwald keineswegs mehr Tabu. Hier sieht es dementsprechend um die Zukunft des Mittelspechtes eher düster aus. gb

Typische Mittelspecht-Lebensräume im EU-Vogelschutzgebiet Unteres Eichsfeld (Landkreis Göttingen)

Eichenberg zwischen Wöllmarshausen und Bischhausen

Eichenberg zwischen Wöllmarshausen und Bischhausen

Esplingeroder Wald

Esplingeroder Wald

Mühlenberg (Nesselrödener Wald)

Mühlenberg (Nesselrödener Wald). Alle Habitataufnahmen: Gerd Brunken

Zum Weiterlesen:

  • BAUER, H.-G., E. BEZZEL & W. FIEDLER (Hrsg.): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. 2. Aufl. Wiebelsheim. AULA-Verlag 2005.
  • Angaben zu Beständen und Verbreitung des Mittelspechtes bei BirdLife International
  • BRUNKEN, G., M. CORSMANN & U. HEITKAMP : Das EU-Vogelschutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld). Ergebnisse des Monitorings 2003 und 2005., in: Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bd. 11 (2006)
  • CRAMP, S.: Handbook of the Birds of Europe, the Middle Ease and North Africa. The Birds of the Western Palearctic. Oxford, New York. Oxford University Press 1985.
  • DÖRRIE, H.-H.: Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Selbstverlag. Göttingen 2000.
  • DÖRRIE, H.-H: Der Mittelspecht Picoides medius in Süd-Niedersachsen - Bilanz einer qualitativen Bestandsaufnahme im Frühjahr 2000 mit Anmerkungen zu seiner Naturgeschichte, in: Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bd. 6 (2001)

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