August 17th, 2006

Parkanlagen stellen im Siedlungsbereich einen wichtigen und artenreichen Lebensraum für Vögel dar. Dies gilt in besonderem Maße für den 1881 eingeweihten Göttinger Stadtfriedhof an der Kasseler Landstraße, der in seiner jetzigen Form zu den schönsten Friedhöfen Deutschlands gehört. Das äußere Erscheinungsbild des Friedhofs hat sich dabei gravierend verändert. Bis vor wenigen Jahrzehnten zeichnete sich das Gebiet durch offene und halboffene Strukturen aus, heute vermittelt es aber bereits auf den ersten Blick einen mischwaldähnlichen Eindruck: Koniferen und alte Laubbäume bestimmen neben den friedhofstypischen Grab- und Rasenflächen das Bild. Damit eignet sich der Stadtfriedhof hervorragend zum Studium der typischen Waldvogelarten, die die nur 36 ha große, vom Siedlungsbereich umschlossene Waldenklave in hohen Dichten besiedeln. Vorteilhaft für Naturinteressierte wirken sich hierbei nicht nur das enge Wegenetz, sondern auch die geringen Fluchtdistanzen der mit menschlichen Besuchern durchaus vertrauten Vögel aus.

Die Zukunft des Stadtfriedhofs ist derzeit durchaus offen. Zu befürchten ist die Umwandlung in eine sterilere, pflegeleichtere und höherem Besucherdruck ausgesetzte Parkanlage sowie die Reduzierung von Altholz und Gebüschstrukturen, denn in Göttingen fielen bereits einige andere Grünanlagen (z.B. der Bartholomäusfriedhof) solchen Maßnahmen zum Opfer. Für den Stadtfriedhof wäre eine gravierende Verschiebung des Artengefüges die Folge.

Stadtfriedhof

Typische Aspekte des Stadtfriedhofes: Altholzbestände und intensiv gepflegte Scherrasen und Grabflächen. Foto: Nikola Vagt

Schon das Brutvogelspektrum kann sich sehen lassen. Regelmäßig nutzen deutlich mehr als 30 Arten das Gebiet zur Reproduktion. Die Amsel ist der mit Abstand häufigste Brutvogel, aber auch die Singdrossel besiedelt das Gebiet mit fast zwanzig Paaren. Für den Sperber liegen seit Jahren Brutzeitbeobachtungen und auch Brutnachweise vor. Auf dem Stadtfriedhof brüten alle sechs heimischen Meisenarten (Sumpf- und Weidenmeise aber nur mit wenigen Paaren) sowie die Schwanzmeise. Winter- und Sommergoldhähnchen fühlen sich in den zahlreich vorhandenen Koniferen wohl und brüten alljährlich mit jeweils mehr als zehn Paaren. Beide Baumläuferarten besiedeln dass Gebiet, Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig und Zilpzalp sind keine seltenen Brutvögel. Für eine ganze Reihe von Finkenvögeln bietet der Stadtfriedhof ein geeignetes Bruthabitat. Für Girlitz und Gimpel stellt der Stadtfriedhof einen lokalen Verbreitungsschwerpunkt dar. Kernbeißer besetzen hingegen nicht alljährlich Reviere, gleiches gilt für den Birkenzeisig und den Stieglitz. Für den Fichtenkreuzschnabel liegt ein Brutnachweis (1999) vor. Auch Gartenrotschwanz (zuletzt vor mehr als zehn Jahren) und Trauerschnäpper (zuletzt 1999) haben dort gebrütet - aus den letzten Jahren fehlen jedoch Brutzeitnachweise. Der Grauschnäpper besetzt hingegen alljährlich Reviere. Ein kleines Parkgewässer dient alljährlich als Lebensraum zur Reproduktion von Teichralle, Graugans und Stockente.

Zur Zugzeit lassen sich auf dem Stadtfriedhof spärlich durchziehende Langstreckenzieher wie Trauerschnäpper, Gartenrotschwanz, Waldlaubsänger und seltener auch Wendehals beobachten. Im zeitigeren Frühjahr und späteren Herbst nutzen Rot-, Mistel-, Sing-, Wacholderdrossel und Amsel das Gebiet zur Rast, recht selten werden auch Ringdrosseln beobachtet. Auch Waldschnepfen wurden zur Zugzeit festgestellt.

Im Winter versammeln sich – besonders in Fruktifikationsjahren der Koniferen – am Stadtfriedhof größere Trupps von Finkenvögeln: Stieglitz, Birken- und Erlenzeisig, Grün- und Buch- und Bergfink können dann aus nächster Nähe und in recht großen Zahlen beobachtet werden. Der Fichtenkreuzschnabel ist ein regelmäßiger Wintergast in unterschiedlichen Zahlen. Auf dem Stadtfriedhof hat man recht gute Möglichkeiten, die krummschnäbeligen, hübschen Finken aus geringer Distanz zu beobachten. Mit den arttypischen Rufen sollte man sich trotzdem vertraut machen, weil die Kreuzschnäbel trotz auffälliger Färbung gar nicht so einfach zu entdecken sind. Regelmäßig überwintern Misteldrosseln in dem Gebiet. Seidenschwänze werden zwar in fast jedem Winter am Stadtfriedhof beobachtet, im Stadtgebiet der „Seidenschwanz-Hochburg“ Göttingen gibt es aber einige bessere Stellen für die Art - beispielsweise das pappel- und mistelreiche Leineufer am südlichen Stadtrand sowie die umliegenden Kleingärten und den Kiessee.

Der Stadtfriedhof ist von der Innenstadt bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Die Buslinien 3, 4 und 5 halten direkt vor dem Haupteingang an der Kasseler Landstraße. Wer mit dem Auto anreist, kann dieses auf dem Friedhofsparkplatz an der Ostseite (Jheringstraße) abstellen.

Vogelbeobachter sind auf dem Stadtfriedhof ein gewohnter Anblick, Konflikte mit Verwaltung und Gästen sind hier die absolute Ausnahme. Es versteht sich trotzdem von selbst, dass dieses gute Verhältnis nicht durch pietätloses oder der sensiblen Umgebung unangemessenes Verhalten aufs Spiel gesetzt werden sollte. In diesem Zusammenhang sei vor allem darauf hingewiesen, dass eine öffentliche Toilette im Hauptgebäude im Eingangsbereich an der Kasseler Landstraße zur ordnungsgemäßen Benutzung einlädt. sp

Zum Weiterlesen:

Entry Filed under: Stadtfriedhof Göttingen


Kalender

December 2017
M T W T F S S
« Oct    
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Letzte Beiträge