Heimzug und Brutzeit 2017 in Süd-Niedersachsen – (fast) alles schon mal da gewesen?

July 16th, 2017

Wiedehopf - M.Siebner
Abb. 1: Wiedehopf im Göttinger Westen. Foto: M. Siebner

Unter dem knapp 2000 Jahre alten, hier leicht veränderten Sinnspruch des weisen Rabbi Ben Akiba wird im Folgenden ein kleiner Einblick in das süd-niedersächsische Vogelleben gegeben. Wie immer gibt es neben vielen Schattenseiten auch ein paar Lichtblicke. Sie alle zu dokumentieren ist das nüchterne Metier seriöser Avifaunistik. Wohl dem, der sich heute noch, animiert von der beschaulichen Devise “Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl’ die heit’ren Stunden nur“, in die Natur begibt. Sich darüber zu erheben oder gar lustig zu machen, ist völlig verfehlt: Bisweilen muss auch der abgeklärteste Vogelkundler - etwa nach der Durchquerung einer mit monströsen Windrädern zugestellten, güllegesättigten Glyphosat-Wüstenei - zu Stimmungsaufhellern greifen, wenn er seinen Seelenfrieden bewahren will. Trost spendende Kalendersprüche zählen dabei sicher zu den harmloseren Substanzen

Das Wetter im Berichtszeitraum März bis Juni wies zwei Besonderheiten auf: Einem mit ca. 3,5°C über dem langjährigen Mittel sehr warmen März (vielleicht der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen) folgte eine ungewöhnlich kalte zweite Aprilhälfte, mit Nachtfrösten in überdurchschnittlicher Zahl. Mai und (warmer) Juni verliefen ohne besondere Vorkommnisse, mit einer Ausnahme: Am 22. Juni tobte sich südlich von Göttingen ein Unwetter mit Starkregen und lokalem Hagelschlag aus. Verglichen mit anderen Teilen Niedersachsens ging es aber eher gemäßigt zu. Insgesamt war es, bis auf die zweite Junihälfte, wieder einmal recht trocken.

Zugphänologische Ausreißer waren dünn gesät: Am 14. April ließ sich im Leinepolder Salzderhelden ein Wachtelkönig vernehmen, für diesen ausgeprägten Spätheimkehrer fast ein Winterdatum. Wohl derselbe Vogel knarrte dort auch am 20. des Monats, so dass von einer extrem frühen Revierbesetzung ausgegangen werden kann. Am 10. April rief ein früher Kuckuck an den Northeimer Kiesteichen, der zweite am 21. des Monats ebenda. 2015 war es ganz ähnlich (am 9.4. im Leinepolder und am 21.4. bei Diemarden). Die zeitlichen Abstände von elf bzw. zwölf Tagen (für den Heimzug, bei dem es schnell gehen muss, eine lange Spanne!) zeigen, dass Erstbeobachtungen nicht überinterpretiert werden sollten. Noch ausgeprägter war die Kluft zwischen Erst- und Zweitbeobachtung bei einem anderen Weitstreckenzieher: Am 5. März flog eine Rauchschwalbe in der Leineniederung nördlich von Northeim umher. Dann vergingen drei Wochen, bis sich am 26. März am Göttinger Kiessee die zweite zeigte. Leicht verfrüht trafen Waldlaubsänger ab dem 10. April ein. Ein Braunkehlchen machte bereits am 1. April im Leinepolder auf sich aufmerksam. Die zweite Beobachtung erfolgte zwölf Tage später am Northeimer Freizeitsee. Bei der Nachtigall scheint sich hingegen der Trend zur früheren Heimkehr zu verfestigen: Am 10. April sang an den Northeimer Kiesteichen ein Männchen, dem sich in den Tagen danach weitere Mitbewerber an die Fersen hefteten.

Im Leinepolder (einem über die Jahrzehnte nur sehr unregelmäßig genutzten Brutplatz) verlief eine von zwei Bruten des Höckerschwans mit vier Jungvögeln erfolgreich. Am Böllestau bei Hollenstedt schlüpften sechs Jungschwäne. In Göttingen waren die traditionellen Paare im Levin-Park (anfangs acht Kleine, darunter drei weiße immutabilis, von denen eines später verschwunden war), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (anfangs sieben Küken, darunter vier immutabilis, eines später verschwunden) und am Kiessee (sechs Jungvögel, bis dato ohne Verluste) erfolgreich. Der Brutplatz am Wendebachstau bei Reinhausen war erstmals seit 2011 (danach wurde das Gewässer für den Hochwasserschutz umgestaltet) wieder besetzt (fünf Jungvögel, ein immutabilis). An der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden schritten zwei Paare zur Brut. Eins war erfolglos, das andere saß Ende Juni noch auf dem Nest.
Der letzte Singschwan des Northeimer Winterbestands war nach dem 24. März verschwunden.

Im Mai trat ein Ereignis ein, dem wohl nur ein sehr überschaubarer Beobachterkreis entgegen gefiebert haben dürfte: Im Lutteranger zeigte ein Paar Kanadagänse mit zwei Küken den ersten regionalen Brutnachweis an. Der Nachwuchs war nach dem 28. des Monats über Wochen nicht mehr auszumachen. Mitte Juli jedoch demonstrierte, vorausschickend angemerkt, ein großer Jungvogel in Begleitung eines Elternteils den vergleichsweise guten Ausgang der Erstansiedlung.

Kanadagans - M.Göpfert
Abb. 2: Neu für die Region: Kanadagans-Familie im Lutteranger. Foto: M. Göpfert

Eine Weißwangengans (eventuell aus dem Dreiertrupp im März im Leinepolder) verweilte bis in den Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Eine mit einer Graugans vergesellschaftete Tundrasaatgans hielt es bis Ende April an der Kiesgrube Ballertasche aus. Im Leinepolder übersommert eine Blässgans im 2. Kalenderjahr.
Als neu gemeldete Brutplätze der Graugans können die kleinen Gewässer (und das Dach des Raucherpavillons der Asklepios-Klinik) bei Tiefenbrunn mit vier Paaren verbucht werden. An der Tongrube bei Parensen hat sich die Art ebenfalls angesiedelt. Baumbruten wie in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau kommen immer wieder mal vor. Als Besonderheit kann vermerkt werden, dass im Seeanger in dieser Saison nur ein (spätes) Brutpaar mit zwei Kleinen, die ab dem 29. Mai gesehen wurden, erfolgreich war. Ungewohnt positiv verlief eine Brut im Levin-Park: Ein Jungvogel erreichte, dank der ungewohnten Milde des ansässigen Höckerschwan-Männchens mit Terrorpotential, die Selbständigkeit.
Am Göttinger Kiessee brachten 14 Paare ca. 50 Junge zum Schlüpfen. In den Wochen danach halbierte sich diese Zahl auf 25. Hohe Jungenverluste sind beim Wassergeflügel nicht ungewöhnlich. Die Ursachen für den Schwund (der z.B. an den Brutplätzen am Northeimer Freizeitsee oder an der Geschiebesperre in diesem Ausmaß nicht konstatiert wurde) müssen offen bleiben. Rücksichtsloses Verhalten mancher Spaziergänger/innen, vor allem in Gesellschaft unangeleinter Hunde, und Prädatoren (von der kleinen Wanderratte über schuppige Unterwasserräuber bis zum großen Graureiher) haben sicher ihren Teil dazu beigetragen.
Am 11. und 12. Mai rastete ein markierter Gast mit gelbem Halsring und der Aufschrift D050 an der Geschiebesperre.

Erfolgreiche Bruten der Nilgans gibt es bis dato an der Leine bei Salzderhelden (vier Kleine), an der Geschiebesperre (eine mit anfangs drei, später zwei Gösseln, die andere mit zunächst zehn, später nur noch fünf oder sechs – ein Jungvogel wurde von Kolkraben erbeutet, ohne dass die eigentlich wehrhaften Altvögel einschritten), an Fischteichen an der Bölle nördlich vom Gut Wickershausen (sieben Kleine), am Levin-Park (sechs), südlich von Klein Lengden in einem Rotmilannest (mindestens zwei), am Wendebachstau bei Reinhausen (drei) und an der Sandgrube Meensen (fünf, später nur noch zwei). Acht Bruten sind wohl kaum dazu angetan, die von Jägern, Landwirten und anderen uneigennützigen Verteidigern einer kerndeutschen Vogelwelt entfachte Hysterie um diesen Neubürger zu befeuern.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 3: Nilgansbrut im Levin-Park. Foto: M. Siebner

Das Maximum der Brandgans liegt kurioserweise vom Kiessee vor: Am Morgen des 23. Juni suchten vier Vögel das Weite.
Bis zu drei Rostgänse hielten sich bis in den Juni in verschiedenen Feuchtgebieten der Region auf.

Zu den Heimzug-Rastbeständen von Gründel- und Tauchenten liegen keine Daten vor, die den herkömmlichen Rahmen überschreiten.
Das im Winter am Seeanger und Seeburger See präsente Männchen der Mandarinente wurde dort nach dem 26. März nicht mehr gesehen. Zu ihm hätte (theoretisch) ein Weibchen gepasst, das im Juni auf einem kleinen Gewässer in Moringen dümpelte.
Balzende Schnatterenten sind im Seeanger nicht ungewöhnlich. Dieses Jahr wurde ernst gemacht: Ab dem 25. Juni präsentierte eine stolze Mutter mit neun sehr agilen Kleinen den ersten Brutnachweis für den Landkreis Göttingen.
Wie festgezurrt wirkte ein sehr ortsfestes Männchen der Spießente, das sich vom 15. März bis 26. April auf der Leine in der Göttinger Weststadt aufhielt. Der Vogel war aber offenkundig gesund bzw. nicht (wesentlich) behindert.
Der aus dem Vorbericht bekannte Trupp aus sechs Kolbenenten (vier Männchen, zwei Weibchen) am Seeburger See reduzierte sich bis zum 5. März auf drei Vögel. Am 15. März legte ein Paar auf dem Kiessee eine kurze Rast ein. Ein Weibchen fand den Seeanger vom 7. April bis zum 9. Mai offenbar sehr kommod.
Am 9. März rastete eine männliche Moorente auf dem Kiessee. Der Vogel war farbmarkiert („YB“) und entstammte dem Auswilderungsprojekt am Steinhuder Meer, wo er am 9. August 2016 entlassen wurde. Sein Ring konnte im Oktober am Möhnesee/NRW und im Dezember bei Grigny südlich von Paris abgelesen werden. Bemerkenswert ist nicht nur, dass er, obwohl aus einer Volierenzucht stammend, ein arttypisches Wegzugverhalten mit Südwest-Disposition zeigte, sondern auch, dass er den Flinten unserer schießwütigen Nachbarn auf heilen Flügeln entkommen konnte. Dieses Glück wurde einem als Reiherente bestimmten Steinhuder Weibchen, das 2012 in Frankreich geschossen wurde, leider nicht zuteil (vgl. Melles & Brandt 2016). Damit liegt der erste Nachweis eines unversehrten Rückkehrers mit Auslandserfahrung vor.

Moorente - M.Göpfert
Abb. 4: Moorente am Göttinger Kiessee. Foto: M. Göpfert

Am 5. März lieferten außergewöhnliche 19 Bergenten am Northeimer Freizeitsee einen neuen Regionalrekord. Die bisherige Höchstzahl stammt mit 18 Vögeln aus dem November 1988 vom Seeburger See. Das Auftreten passt gut zu den hohen Zahlen, die im vergangenen Winter aus Süddeutschland bekannt wurden.
Die aus dem Vorbericht bekannte weibliche Samtente hatte den Northeimer Freizeitsee nach dem 4. März verlassen. Ihr folgten vom 11. bis 26. April drei (wohl vorjährige) Männchen an den Northeimer Kiesteichen.

Am 13. und 14. April präsentierte sich ein Paar Mittelsäger am Seeburger See als kleine Dauerschläferzelle. Schlicht ging es vom 23. April bis zum 3. Mai am Freizeitsee mit einem Weibchen zu, dem sich am 4. und 5. Mai eine Artgenossin zugesellte.

Bei der diesjährigen Kartierung rufender Rebhühner im Göttinger Ostkreis gerieten 218 Vögel (mit Zusatztransekten, die 2017 erstmals bearbeitet wurden, 232 Vögel) zu Gehör. Im Vorjahr waren es 238. Insgesamt kann der Bestand als stabil eingestuft werden. Wiederum gab es starke lokale Schwankungen: Am Hotspot Feldmark Geismar-Süd riefen nur 12 Hähne (vor zwei Jahren noch 62!), während der Bestand in der auf weiten Strecken apokalyptisch anmutenden Feldmark Gieboldehausen - Wollbrandshausen von 29 auf 51 Hähne stieg. Im Seeanger und seinem Umfeld zeigten 13 ziemlich aus dem Rahmen fallende Rufer nach Jahren des Fehlens einen gleichermaßen beachtlichen wie unerklärlichen Zuwachs an. Auch am südlichen Göttinger Stadtrand (südlich der Drachenwiese, bisweilen sogar auf der Erweiterungsfläche am Kiessee) lassen sich wieder Rebhühner blicken. Die lokalen Schwankungen können unter anderem mit einzelnen Prädatoren erklärt werden, die sich auf die Hühnchen spezialisiert haben, z.B. ein Habicht am Diemardener Berg oder ein Uhu in der Feldmark Nesselröden. Umso wichtiger sind Schutzprojekte auf großer Fläche, die solche Schwankungen ausgleichen können.

Rebhuhn - A.Stumpner
Abb. 5: Gelege frisch abgemäht? Rebhuhn bei Bovenden. Foto: A. Stumpner

Einzelne Männchen des Fasans gerieten am Seeburger See und in der Rhumeaue bei Wollershausen zu Gehör.

Solitäre Rothalstaucher hielten sich am 11. April am Seeburger See und am 17. Mai an den Northeimer Kiesteichen auf.
Zwei Ohrentaucher, die ab und an ihren Balztanz zelebrierten, gaben sich vom 13. bis 20. April am Seeburger See recht lange die Ehre.
Schwarzhalstaucher waren am Seeburger See in guter Zahl über den gesamten Berichtszeitraum präsent und erreichten am 6. Mai mit 29 Ind. ein bemerkenswertes Maximum. Über die beiden anderen Lappentaucherarten wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.

Auf der Suche nach einem Kleinspecht im dichten Baumbestand der Insel im Kiessee wurde am 13. März ein scharfäugiger Beobachter eines Vogels gewahr, der etwas größer ausfiel als die Zielart: Eine Rohrdommel stand, gut verborgen, in stoischer Gelassenheit auf einem Ast, bisweilen auch in der bekannten Pfahlstellung. Gegen Abend verließ der aus lokaler Sicht sehr seltene Gast, von dem es nur noch einen Nachweis vom März 2003 (ebenfalls im Geäst der Insel) gibt, rufend das Gebiet.

Rohrdommel - M.Siebner
Abb. 6: Insulare Rohrdommel am Kiessee. Foto: M. Siebner

Die kleine Graureiher-Kolonie am Sultmer bei Northeim bestand in diesem Jahr aus mindestens vier Paaren mit Schlupferfolg.
Die Göttinger Population konzentrierte sich wie im vergangenen Jahr auf eine große mistelreiche Hybridpappel an der Nordostecke des Kiessees. Bruten gab es auch in zwei benachbarten Pappeln. Mindestens zwölf Paare brachten ca. 25 Junge zum Ausfliegen. Derzeit sitzen noch mindestens fünf Jungvögel in zwei Nestern. Wenn weiterhin alles gut läuft, werden ca. 30 kleine Reiher selbständig geworden sein, ein gutes Ergebnis. Für das zukünftige Gedeihen der Kolonie sind alle potentiellen Nestbäume (Pappeln) an der Ostseite des Kiessees von hoher Schutzwürdigkeit und dürfen nicht gefällt werden! Im Levin-Park werkelten im April fünf Paare an ihren Nestern, gaben diese Aktivitäten aber auf und siedelten vermutlich an den Kiessee um.

Der regionale Brutbestand des Weißstorchs ist auf epochale 20 Paare gestiegen. Im Landkreis Northeim gab es erfolgreiche Neuansiedlungen am Gut Wiebrechtshausen nahe dem Denkershäuser Teich und bei Lindau, im Landkreis Göttingen bei Bernshausen, wo 1989 ein Paar für eine Saison gebrütet hatte. Das Brutergebnis fiel insgesamt passabel aus (im Schnitt ca. 2,5 Junge pro Paar mit Schlupferfolg), nur in Seeburg und wohl auch im Seeanger gab es Totalausfälle. Ist die spektakuläre Zunahme wirklich auf die „Renaturierung der Biotope“ zurückzuführen, wie im „Göttinger Tageblatt“ vom 22. Juni zu lesen war? Diese steile These wäre einer Überprüfung wert…Ist aber auch egal: In den Augen vieler Naturfreunde ist jetzt, wo der Storch zurück ist, die Welt wieder in Ordnung.

Recht bemerkenswert ist die Übersommerung von bis zu zwei Fischadlern an den Northeimer Kiesteichen.

Fischadler - B.Riedel
Abb. 7: Fischadler an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Der am 24. Juni 2016 im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern freigelassene und besenderte Bartgeier „Lucky“ aus dem Berliner Tiergarten gönnte sich eine ganz erstaunliche (aber nicht untypische) Erkundungsreise über Westeuropa. Am 20. Mai 2017 schaffte er es bis nach Uslar, kehrte dann nach Südosten um, flog über Göttingen immer weiter, bis er nach einem großen Schlenker über Hessen, Nordrhein-Westfalen und Belgien an der Nordspitze der Niederlande anlangte. Von dort ging es über Mittel-/Ostfrankreich und Süddeutschland wieder zurück in die Heimat, mit einem Abstecher nach Slowenien. Damit liegt der zweite Nachweis eines Bartgeiers für Süd-Niedersachsen vor. Der Erstnachweis, das Weibchen „Scadella“ aus der Schweiz, saß am 1. Juni 2012 auf einem Scheunendach der Domäne Wetze bei Northeim. Den zweiten Vogel hat (wohl) niemand gesehen, sein Auftreten erschließt sich nur aus den Daten des Senders. Wer die Reise nachvollziehen möchte kann dies unter www.hohetauern.at tun. Sehr zu empfehlen!

Bis zum 20. April gerieten elf Kornweihen ins Blickfeld, darunter bis zum 20. März das am Bramwaldrand bei Eberhausen überwinternde Männchen und bis zum 26. März ein (?) im Leinepolder überwinterndes Weibchen.
Rekordverdächtige fünf Wiesenweihen (drei Männchen, zwei Weibchen bzw. weibchenfarbene Vögel) zogen im Zeitraum vom 29. April bis 5. Juni über die Region. Zwei weitere Vögel ließen sich als immature Steppen- oder Wiesenweihen bestimmen.
Das traditionelle Brutpaar der Rohrweihe im Osten des (alten) Landkreises Göttingen hatte seinen Nistplatz in diesem Jahr wieder bezogen.
Am 25. März flog ein immaturer Seeadler über den Hochsolling. Vermutlich dieser Vogel sorgte bis zum 28. des Monats im Leinepolder für Aufsehen.

Zwischen dem 10. März und dem 4. Mai konnten drei heimziehende Merline notiert werden.
Am 12. Mai flog ein männlicher Rotfußfalke über dem Kiessee umher, der einzige der Saison und immerhin der erste Lokalnachweis für das beliebteste Göttinger Beobachtungsgebiet.

Rotfussfalke - S.Hörandl
Abb. 8: Rotfußfalke über dem Göttinger Kiessee. Foto: S. Hörandl

Das Göttinger Wanderfalken- Brutpaar auf dem Neuen Rathaus brachte vier Junge zum Ausfliegen, die derzeit mit ihren lautstark inszenierten Bettelflügen die Innenstadt beleben. Das Paar am Fernsehturm bei Gö.-Deppoldshausen begnügte sich mit drei Jungen. Ob bis zu zwei Vögel zum Ende des Berichtszeitraums nur deshalb auf der Duderstädter Oberkirche saßen, um den schönen Blick auf die Fußgängerzone zu genießen, wird sich im kommenden Frühjahr herausstellen…

Im Leinepolder übersommert erneut eine Handvoll Kraniche, darunter immerhin zwei ältere Vögel. Hat der Landkreis Göttingen bei der (überfälligen) Brutansiedlung gegenüber dem Landkreis Northeim den Schnabel vorn? Das könnte sich demnächst erweisen…
Aus dem Leinepolder liegen Hinweise auf weniger als zehn rufende Wachtelkönige vor. Die Rhumeaue zwischen Lindau und Bilshausen war in diesem Frühjahr in vergleichbarer Dichte besiedelt. Bei Wachenhausen sangen sechs Männchen. Ausgerechnet hier hat die Betriebsstelle Süd des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mit dem Landvolk informelle Vereinbarungen zur Beweidung geschlossen. Offenkundig bestand weder ein durchdachtes Konzept noch wurde die Untere Naturschutzbehörde Northeim einbezogen. Und so standen Rinder und Schafe ab Mitte Juni auf eingezäunten Flächen unweit der Rufplätze der Vögel. Fachkundiger Naturschutz - zu dem Beweidungsmaßnahmen durchaus zählen können - sieht wohl anders aus. Im Göttinger Abschnitt der Rhumeaue bei Bilshausen kam es noch verheerender: Hier sollen zwei Altarme wieder mit dem Flusslauf verbunden werden, der zudem auf einem Abschnitt neu durch eine Wiese gelegt wird. Die Baggerarbeiten mit ca. 10.000 m³ Bodenhaushub in einem Naturschutzgebiet wurden in nur 20 Meter Entfernung von Rufplätzen des Wachtelkönigs in Angriff genommen. Die Maßnahmen mögen ja sinnvoll sein - aber dass sie am 14. Juni, also mitten in der Brutzeit der Vögel, mit schwerem Gerät in Szene gesetzt wurden, ist ein klarer Verstoß gegen die gesetzlichen Vorgaben von Natur- und Artenschutz. Jeder private Landbesitzer wäre zu Recht rasiert worden, wenn er auf seinem Grund und Boden dermaßen gewütet hätte…Das „N“ für Naturschutz scheint im Akronym dieses Kompetenzzentrums nicht ohne Grund den letzten Platz einzunehmen.
Am 26. März hüpfte eine Elster in einem Hausgarten in Wiershausen aufgeregt umher und kroch förmlich in die dichte Krautvegetation unter einer Fichte. Ursache des merkwürdigen Verhaltens war kein Wiesel und auch kein Waschbär, sondern – eine Wasserralle. Der wehrhafte Vogel verließ sein Versteck und verscheuchte die Elster. Dieser Vorgang wiederholte sich noch ein Mal. Am Folgetag war die Ralle aus dem Dickicht verschwunden. Wasserrallen sind auf dem Zug, ob havariert oder kerngesund, in Habitaten fernab jedes Gewässers häufiger als man denkt. Davon zeugen auch vergleichsweise viele Totfunde (Scheibenanflüge, Verkehrsopfer, von Katzen erbeutet), manchmal sogar mitten in Großstädten. In der Fotogalerie von ornitho sind etliche dieser bedauernswerten Zivilisationsopfer dokumentiert.

Wasserralle - J.Weiss
Abb. 9: Garten-Wasserralle startet Angriff auf Elster. Foto: J. Weiss

Interessanterweise wurden in diesem Frühjahr die meisten Wasserrallen in der Rhumeaue bei Wollershausen sowie in der Kiesgrube Ballertasche festgestellt. Hier machten sich jeweils bis zu fünf Ind. bemerkbar, während am Seeburger See und Seeanger die Tagessummen nur bei ein bis zwei Ind. lagen.
Bei der diesjährigen landesweiten Erfassung des Tüpfelsumpfhuhns konnten bis dato in den Feuchtgebieten der Region keine Vögel festgestellt werden. Dabei dürfte auch die Trockenheit bis Mitte Juni eine Rolle gespielt haben. Nach Starkregenfällen haben sich die Bedingungen verbessert. Vielleicht gelingt im Juli noch der ein oder andere Brutzeit-Nachweis. Aus dem traditionellen Brutgebiet Leinepolder liegen keine verwertbaren Angaben vor.
Der warme März hat Paare des Teichhuhns zum frühen Brüten animiert. Bereits am 26. April konnten an der Leine im Göttinger Westen drei Pulli notiert werden. Eine weitere Aprilfamilie wurde am 30. aus Bodensee gemeldet. Das Paar auf dem Göttinger Stadtfriedhof trotzte wacker dem durch Eisbruch und menschliches Einwirken verursachten Röhrichtschwund und baute ein exponiertes Schwimmnest. Die Brut verlief erfolgreich. Am Levin-Park ist derzeit nur ein Brutpaar mit einer Schachtelbrut aktiv. Die beiden Jungen aus der ersten Brut beteiligen sich an der Aufzucht ihrer fünf kleinen Geschwister. Am Weendespring, wo sich im letzten Jahr nach langer Abwesenheit wieder ein Paar angesiedelt hat, überlebte bis dato nur einer von fünf Jungvögeln. Ein Paar brütete erfolgreich in der Stahlwand am Flüthewehr, die zum Glück in dieser Zeit nicht vom Schwemmgut gesäubert wurde.

Teichhuhn - M.Siebner
Abb. 10: Erfolgreiche Teichhuhnbrut vom Flüthewehr. Foto: M.Siebner

Der einzige Kiebitzregenpfeifer der Heimzugsaison geriet am 6. Mai im Leinepolder ins Blickfeld des auswärtigen Birdrace-Teams „Partizan Marzipan“.
An der Geschiebesperre Hollenstedt kam es zu drei Kiebitz-Bruten mit insgesamt vier Küken. Zwei Jungvögel wurden flügge, einer fiel einem Rotmilan zum Opfer. Am Seeanger hielten sich zwei balzende Paare auf. Anfang Mai saß ein Altvogel für ein paar Tage auf einem Gelege. Dann wurden die Bemühungen eingestellt oder von Prädatoren zunichte gemacht.
An der Geschiebesperre Hollenstedt hatte eins von zwei bis drei Paaren des Flussregenpfeifers Schlupferfolg. Die beiden Küken waren jedoch nach kurzer Zeit nicht mehr auszumachen. Am Freizeitsee konnte der Brutbestand auf ca. fünf bis sechs Paare beziffert werden, mit mehr als ungewissem Erfolg. An der Kiesgrube Reinshof hatten zwei Paare Schlupferfolg. Während aus der ersten Brut zwei Jungvögel selbständig wurden (zum ersten Mal seit Jahren in diesem Gebiet!), waren die beiden anderen nach dem Unwetter am 22. Juni nicht mehr aufzufinden. An den Northeimer Kiesteichen, auf der Erweiterungsfläche des GVZ III („Göttingens Kalahari“) im Westen der Stadt und in der Kiesgrube Ballertasche bestand Brutverdacht.
Elf Sandregenpfeifer am 14. Mai im Seeanger sind aus regionaler Sicht bemerkenswert viele.

Fluss- und Sandregenpfeifer - M.Siebner
Abb. 11: Im Vergleich: Sand- und Flussregenpfeifer an der Kiesgrube Reinshof.
Foto: M. Siebner

Einzelne Regenbrachvögel machten am 22. April am Freizeitsee und am 27. April an der Geschiebesperre kichernd auf sich aufmerksam. Vom Großen Brachvogel liegen nur zwei Beobachtungen vor. Am 15. April gab es vier Vögel westlich von Gö.-Elliehausen, ein Einzelvogel flog am 19. April über den Seeburger See.
Die einzige Uferschnepfe der Saison wurde am 1. April im Leinepolder gesichtet.
Am 23. und 24. April rastete eine prächtige Pfuhlschnepfe am Freizeitsee bzw. an der Geschiebesperre.

Brutzeitbeobachtungen balzender Waldschnepfen, die sich auf knapp zehn „Paare“ beziehen könnten, liegen aus dem Hochsolling, dem Bramwald bei Eberhausen und aus dem Kaufunger Wald (einschließlich Hühnerfeld) vor. Rastvögel gab es am 14. März im Stockhäuser Bruch und am 21. März auf dem Göttinger Stadtfriedhof.
Das (magere) Maximum der Bekassine wurde mit 25 Vögeln am 31. März im Seeanger erreicht. Im Leinepolder balzten maximal zwei Männchen.
Am 1. März stand eine Zwergschnepfe ungeschützt (im doppelten Wortsinn!) an der Geschiebesperre.

Das Auftreten von Limikolen der Gattung Tringa wies keine Besonderheiten auf. Das Maximum von 31 Bruchwasserläufern (eine gute Indikatorart für geeignete Rastflächen) fiel am 5. Mai im Seeanger eher mager aus.
Sehr bemerkenswert ist ein Waldwasserläufer, der sich für ca. vier Wochen in der Rhumeaue bei Lindau aufhielt und brutverdächtige Verhaltensweisen zeigte. Die letzten Bruthinweise stammen aus den frühen 1990er Jahren von der Geschiebesperre.
Mit 54 Ind. gestaltete sich das Maximum des Kampfläufers am 22. März in Leinepolder nicht gerade berauschend.
Ein harlekinesker Steinwälzer stocherte am 14. Mai an der Kiesgrube Reinshof eifrig im Gänsekot (von diesem Weltenbummler sind noch wesentlich unappetitlichere Substanzen als Nahrung bekannt)…
Aus tiefer binnenländischer Sicht war der Sanderling mit vier Nachweisen gut vertreten. Am 29. April rastete ein schlicht gewandeter Vogel an der Kiesgrube Reinshof. Vom 14. bis 17. Mai tat es ihm ein Artgenosse, der in der Mauser schon etwas weiter war, ebenda nach. Am 15. Mai stand einer an der Geschiebesperre und am 3. Juni zeigte sich ein Vogel im Seeanger im bunten Prachtkleid.
Einzelne Zwergstrandläufer am 7. Mai an der Geschiebesperre und vom 30. bis 31. Mai im Limikolenparadies Reinshof bekräftigten das Bild vom spärlichen Heimzuggast.
Das Maximum von Temminckstrandläufern wurde am 3. Mai mit sieben Vögeln erreicht, und zwar, wie so oft, im Seeanger. An der Kiesgrube Reinshof zeigte sich einer besonders fotogen. Den (systematisch geordneten) Reigen der Calidris-Limikolen beschließen maximal sechs Alpenstrandläufer am 31. März an der Geschiebesperre.

Kiesgrube Reinshof: Treffpunkt für Limikolen und ihre Bewunderer:

Steinwälzer - L.Sebesse
Abb. 12: Steinwälzer. Foto: L. Sebesse

Zwergstrandläufer - M.Siebner
Abb. 13: Zwergstrandläufer. Foto: M. Siebner

Sanderling und Alpenstrandläufer - M.Georg
Abb. 14: Sanderling mit Alpenstrandläufer. Foto: M. Georg

Temminckstrandläufer - M.Siebner
Abb. 15: Temminckstrandläufer. Foto: M. Siebner

Das Maximum heimziehender Zwergmöwen wurde am 23. April am Northeimer Freizeitsee mit 30 Vögeln erreicht. Anderswo (z.B. in Hessen) war der Zug stärker wahrnehmbar. Regionale Daten sind, auch und gerade bei dieser Art, immer mit Vorsicht zu genießen und sollten nie verallgemeinert werden.
Die Lachmöwen-Kolonie im Lutteranger war von drei Brutpaaren bevölkert, deren Erfolg unklar ist.
Vom 12. bis 29. April gab es fünf Nachweise der Schwarzkopfmöwe (zumeist Altvögel). Ein Nachweis vom 25. April am Göttinger Kiessee ist einer besonderen Erwähnung wert.
Eine beringte Sturmmöwe (schwarzer Ring mit weißer Markierung X 97P) vom 11. März am Göttinger Kiessee war sächsischen Geblüts und entstammte einer Kolonie bei Kulkwitz/Leipziger Land. Bei der Beringung am 5. Juni 2012 war sie bereits erwachsen.
Mittelmeermöwen ließen sich am 4. März über dem Seeanger, am 20. April am Göttinger Kiessee (vorjähriger Vogel) und am 30. April wiederum am Seeanger (zwei Altvögel) bestimmen.
Von der mittlerweile erheblich häufiger in Erscheinung tretenden Steppenmöwe wurden zwischen dem 5. März und dem 5. Juni mindestens 13 verschiedene Ind. gemeldet, darunter je ein vom 16. bis 31. März sowie ein vom 22. bis 25. April am Freizeitsee und der Geschiebesperre präsenter Vogel. Letzterer erbeutete an der Geschiebesperre mindestens zwei Graugansküken. Ein vorjähriger Vogel (roter Farbring 91 4P) vom 13. März am Freizeitsee stammte aus Polen, wo er am 28. Mai 2016 bei Kozielno beringt worden war. Daneben gab es wieder ein paar auf Artniveau unbestimmbare Großmöwen (darunter auch Hybriden östlicher Provenienz).
Von der Heringsmöwe liegen drei Nachweise vor: Am 25. April an der Kiesgrube Reinshof (vorjähriges Ind.) sowie vom 13. Mai an der Geschiebesperre (vier ziehende Altvögel) und vom 2. Juni ebenda (zwei Ind. ohne weitere Angaben).
Am 5. Mai bestätigten zwei Raubseeschwalben am Seeanger ihren Status als alljährlicher Gastvogel. Eine war metallberingt, konnte aber nicht abgelesen werden.
Während des Unwetters am 22. Juni trotzte, neben sechs tollkühnen Beobachtern, eine Weißbart-Seeschwalbe am Göttinger Kiessee den Kapriolen der Natur.

Wei�bartseeschwalbe - M.Georg
Abb. 16: Weißbart-Seeschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Georg

Auch das Heimzugmaximum der Trauerseeschwalbe fiel am 25. April mit insgesamt 27 Ind. am Freizeitsee und den Northeimer Kiesteichen eher schwach aus.
Von der Flussseeschwalbe existieren sieben Nachweise, zumeist vom Seeburger See. Das Maximum von vier Vögeln wurde jedoch am 1. Juni am Northeimer Freizeitsee erreicht.
Drei Küstenseeschwalben gelangten zur Beobachtung: Am 22. April am Kiessee (dritter Nachweis für das Göttinger Stadtgebiet nach zwei Vögeln im Frühjahr 1967 ebenda!), am 24. April am Seeburger See und am 20. Mai im Lutteranger.

Aus lokaler Sicht recht interessant ist der lange Aufenthalt einer Hohltaube im Ascherberg-Wäldchen am Kiessee. Der Vogel zeigte sich von Mitte März bis Mitte Mai, balzte ab und an und suchte bisweilen die Gesellschaft einer Ringeltaube. Auch im Vorjahr wurde hier eine Hohltaube gesehen. Man darf gespannt sein…
Von der Türkentaube liegen erfreulich viele Meldungen vor, darunter auch aus Ortschaften mit historischen Brutvorkommen. Ob diese jemals erloschen waren, lässt sich wegen fehlender Kontrollen in der Zwischenzeit nicht rekonstruieren. Interessant sind Beobachtungen abseits des Eichsfelds, wo sich die Art immer halten konnte. Gebiete im Leinetal oder westlich davon sind von besonderem Belang, weil der Rückgang hier am stärksten ausgefallen ist. Bruthinweise gab es in Hoppensen/Dassel, Moringen, Nörten-Hardenberg, Gladebeck, Parensen, Harste, Ossenfeld, Stockhausen, Diemarden, Obernjesa, Groß Schneen und Hann. Münden (dort zwischenzeitlich wohl seit 2002 verschwunden). In Rosdorf waren mindestens fünf Reviere besetzt. Auch in Göttingen konnte eine leichte Zunahme dokumentiert werden (neue Rufplätze u.a. am Brauweg, nahe der Gailgrabenbrücke und in Weende). Von einer rasanten Zunahme kann kaum die Rede sein; ein wehmütiges „güle, güle“ für diesen ca. 63 Jahre alten Neubürger scheint aber weniger angebracht denn je…
Der Turteltaube geht es weitaus schlechter. Es liegen nur neun Beobachtungen vor, wohl alle von heimziehenden Vögeln. Am 25. und 30. Mai sang ein Männchen in einem Feldgehölz bei Eberhausen. Auf der großen Bramwald-Blöße bei Ellershausen konnte die Art beim Birdrace nicht gefunden werden, vermutlich/hoffentlich nur wegen schlechten Wetters.

Turteltaube - W.Vogeley
Abb. 17: Turteltaube an der Geschiebesperre. Foto: W. Vogeley

Die Schleiereule geriet, immerhin, fünf Mal ins Blickfeld bzw. ins Ohr, darunter an der Kirche in Rollshausen sowie in Ahlshausen (Northeim) und in Seeburg. In der Rhumeaue bei Gieboldehausen gelangen zwei Offenlandbeobachtungen.
Aus dem Bramwald liegen seit Jahrzehnten keine Beobachtungen des Raufußkauzes vor. Umso bemerkenswerter ist ein Männchen, das am 15. und 16. März sowie am 10. April westlich von Eberhausen (ca. 350 m ü.NN) seine Rufreihe hören ließ.
Sehr ungewöhnlich ist eine erfolgreiche Brut der Waldohreule in der Göttinger Nordstadt. Vier Jungvögel erlangten die Selbständigkeit. Die letzte bekannte Brut im urbanen Lebensraum Wohnblockzone stammt aus dem Jahr 1996 (Wilamowitzweg im Ostviertel). Etwas näher am Waldrand konnte sich ein Paar an der Albert-Einstein-Straße mit mindestens drei Jungen reproduzieren, desgleichen das traditionelle Brutpaar am Ascherberg. In Rosdorf war nur eines von zwei Paaren mit Erfolg (Einzelkind) gesegnet. Bei Stockhausen fiepte ein Quartett. Am Ortsrand Groß Schneen und bei Mollenfelde geriet je ein Paar mit mindestens einem Jungvogel in den Blick. Im Siedlungsbereich von Hann. Münden nervten mindestens drei Junge die Anwohner. Brutverdacht gab es zudem in der Suhleaue bei Rollshausen und nahe dem westlichen Ortsrand von Gö.-Weende.
Anfang April versetzte auf dem Göttinger Stadtfriedhof ein Uhu für ein paar Tage besonders die ansässigen Rabenkrähen in Aufruhr, was das Auffinden der imposanten Großeule ungemein erleichterte. Weil kein Brutvorkommen anzunehmen war, wurde sie dem Göttinger Beobachterkreis zugänglich gemacht, ansonsten sind alle Nistplätze bei ornitho geschützt, um rücksichtslose Fotografen und andere unliebsame Zeitgenossen fernzuhalten.
Einen vor Nachstellungen jeder Art optimal geschützten, wenngleich sehr lärmexponierten Brutplatz hat seit ca. zwei Jahren ein Uhupaar unter der A 7 auf einem der mehr als 50 Meter hohen Pfeiler der Werratalbrücke bei Hedemünden bezogen. Dafür musste der Wanderfalke seinen Nistkasten räumen. Der nutzbare Aktionsraum der Jungvögel außerhalb des Kastens ist vergleichsweise winzig und man kann den Kleinen nur die Daumen drücken. Ein Absturz aus luftiger Höhe in die tief unten fließende Werra würde mit Sicherheit letal enden.
Der verhaltene Optimismus aus dem Vorbericht bezüglich einer Waldkauz-Brut im Göttinger Alten Botanischen Garten fand ab dem 11. März seine erfreuliche Bestätigung. Ein Paar des „Vogels des Jahres 2017“ brachte vier Junge zum Ausfliegen. Der bei vielen Beobachter/innen und Passanten sehr populäre Familienverband blieb über vier Monate zusammen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 18: Niedlicher Jungkauz im Alten Botanischen Garten. Foto: M. Siebner

Ein wesentlicher Faktor bei der erfolgreichen Ansiedlung am Rand der Innenstadt war sicher eine lokale Massenvermehrung der Rötelmaus. Die am Boden wimmelnden Tiere wurden im Dreiminutentakt erbeutet und verfüttert. Leider kam es, wie es so oft kommen muss: Wohlmeinende Spaziergänger griffen einen angeblich kranken Ästling und brachten ihn in die NABU-Pflegestation. Zum Glück konnte er am nächsten Tag wieder zu seiner Familie zurückgebracht werden. Ebenfalls sicher gut gemeint, aber ähnlich fragwürdig ist das Anbringen von mindestens einem, in Kinderarbeit hergestellten Nistkasten in diesem altholz- und baumhöhlenreichen Park durch den NABU. Der Sinn dieser Aktion im Nachklapp einer erfolgreichen Ansiedlung auf eigenen Schwingen bleibt im Dunkeln. Nach dem maßgeblichen Referenzwerk von Mebs & Scherzinger (2000) sind spezielle Artenschutzmaßnahmen für den häufigen und sehr anpassungsfähigen Waldkauz nicht notwendig, manchmal (wenn sie die Vorkommen schwächerer Eulenarten tangieren) sogar kontraproduktiv. Bei den Göttinger Innenstadt-Neubürgern sollte man gelassen abwarten, ob und wie sie in einem schlechten Mäusejahr über die Runden kommen. Alternative Beutetiere wie Singvögel und Amphibien (darunter seltene und streng geschützte!) gibt es genug.

Am GDA-Wohnstift in Geismar brüteten früher ungefähr 90 Paare des Mauerseglers. Die Brutplätze fielen vor ein paar Jahren der Fassadensanierung zum Opfer. Von den zur Kompensation angebrachten 175 künstlichen Nisthöhlen wurden in dieser Brutsaison (vier Kontrollgänge) bis zu 26 angeflogen. Bei der Besetzung konnte keine Präferenz für eine Himmelsrichtung notiert werden. Die meisten beflogenen Kästen befanden sich mit 14 (von 91 Kästen) an der Nordseite des Gebäudes, an der Westseite waren es sechs (von 39 Kästen) und an der Südseite ebenfalls sechs (von 45 Kästen). Vielleicht/hoffentlich steigt die Akzeptanz der langlebigen Vögel in den nächsten Jahren. Das Beispiel zeigt den gravierenden Rückgang nach Wärmedämmungen wie auch die zögerliche Annahme von Ersatzquartieren. Wenn man bedenkt, dass solche Maßnahmen in Göttingen, wo Häuser wie am Fließband gedämmt werden, immer noch die Ausnahme sind, kann man sich das Ausmaß des Bestandsrückgangs vorstellen.

Unter den weltweit ca. 10.000 Vogelarten ist der Wiedehopf auch optisch ein echtes Unikum, das bei einheimischen Normalbürger/innen, die seiner ansichtig werden, ungläubiges Staunen („den gibt es hier?“) auslöst. Auf dem Heimzug 2017 rasteten gleich sieben von ihnen, ein neuer Regionalrekord. Neben Vögeln am 28. März nahe der Leine bei Vogelbeck, am 2. April in einem Hausgarten in Ebergötzen, am 5. April am Ortsrand Mariengarten, am 10. April in der Feldmark Wollbrandshausen, am 11. April am Ortsrand Scheden sowie am 24. April bei Niedeck sorgte einer vom 3. bis 5. April in der „Kalahari“ (GVZ III) im Göttinger Westen für besonderes Aufsehen. Manche der zahlreichen Beobachter mussten allerdings lange warten, bis der am Boden praktisch unsichtbare Gast sich zum Auffliegen bequemte und, wie ein exotischer Riesenschmetterling, sein beeindruckendes Feuerwerk zündete. In den vergangenen Jahren haben die regionalen Nachweise deutlich zugenommen, was vermutlich mit dem positiven Trend in einigen ostdeutschen Bundesländern zusammenhängen dürfte. Hier hat man gute Erfahrungen mit künstlichen Nisthilfen auf Truppenübungsplätzen oder in ausgeräumten, aber großinsektenreichen Tagebau-Folgelandschaften gemacht.

Wiedehopf - M.Hild
Abb. 19: Wiedehopf in Scheden. Foto: M. Hild

Obwohl der Heimzug mit ca. 25 verschiedenen Migranten ganz passabel ausgeprägt war, sah es, was Bruten anbelangt, für den Wendehals schlecht aus: Der langjährige Brutplatz auf dem Kerstlingeröder Feld war, ganz bitter, verwaist. Nahe dem Huhnsberg bei Scheden gab es immerhin Hinweise auf eine Revierbesetzung. Im Gartetal westlich von Diemarden sangen über Wochen bis Ende Juni ein bis zwei Vögel an verschiedenen Stellen. Der für eine Verpaarung charakteristische Duettgesang war aber nicht zu vernehmen. Dies war am 11. Mai an den Northeimer Kiesteichen nahe einem im Vorjahr besetzten Revier der Fall; in einer anderen Ecke der Seenplatte (Brut im Vorjahr) sang ein Vogel über mehrere Tage. Mehrtägige Präsenz konnte Mitte Mai auch bei Ahlshausen festgestellt werden.

Vom exotisch wirkenden Pirol konnten immerhin vier Männchen vernommen werden, am 3. Mai am Gieseberg südlich von Deiderode, am 6. Mai bei Ellershausen und an der Geschiebesperre sowie am 24. Juni an der Kiesgrube Reinshof.

Befürchtungen, die Neuntöter könnten auf ihrem Zug durch das extrem trockene Nordostafrika deutliche Verluste erlitten haben, bestätigten sich zum Glück nicht, zumindest auf regionaler Ebene. Bei der alljährlichen Zählung Mitte Juni auf dem Kerstlingeröder Feld zeigten 20 Männchen einen guten durchschnittlichen Bestand an, auch in der jährlich kontrollierten Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau bewegte er sich mit sechs bis sieben Männchen im herkömmlichen Rahmen.
Der östlich von Duderstadt überwinternde Raubwürger hatte sein Revier nach dem 28. März geräumt. Sein Kollege von den ehemaligen Tongruben Siekgraben im Westen Göttingens wurde nach dem 25. März nicht mehr gesehen. Das Kerstlingeröder Feld scheint der traditionelle Wintergast bereits nach dem 12. März verlassen zu haben. Darüber hinaus gerieten noch Einzelvögel am 10. März am Bramwaldrand südlich von Eberhausen (dort auch einmal im Winter beobachtet) sowie am 19. März auf dem Sengersfeld im Göttinger Stadtwald vor die Optik.

Recht bemerkenswert ist die lange Präsenz von Dohlen an der Klosterkirche in Gö.-Nikolausberg. Vom 20. März bis zum 26. April ramenterten dort bis zu vier Vögel, manchmal in heftige Scharmützel mit ansässigen Rabenkrähen verwickelt, deren Willkommenskultur gering ausgeprägt war. Brutverdächtiges Verhalten wie Kopulationen oder Transport von Nistmaterial konnte nicht notiert werden. Wie auch immer: Auf den kommenden Frühling darf man gespannt sein. In Duderstadt scheint die lokale Population zu wachsen: An den drei Kirchen, am alten Rathaus, am Westerturm und an der Marktstraße hielten sich mehrere Paare auf, teils auch mit Nistmaterial.
Aus dem März (früher der Heimzugmonat schlechthin) existieren ganze drei Beobachtungen von insgesamt fünf Saatkrähen.
Deutlich wohler fühlt sich bei uns der Kolkrabe. Am 6. Mai konnten an der Deponie Blankenhagen bei Moringen beeindruckende 220 Vögel gezählt werden, eine neue Rekordzahl. Im sicheren Wildtiergehege am Göttinger Kehr haben sich Kolkraben eingenistet und klauen den Schweinen die Nahrung.

Kolkrabe - M.Siebner
Abb. 20: Kolkrabe im Wildtiergehege am Kehr. Foto: M. Siebner

An der Northeimer Seenplatte scheint das Vorkommen der Beutelmeise vor dem Erlöschen zu stehen. In der Brutsaison konnte nur noch ein Paar beim Nestbau registriert werden. Die Gründe für den seit Jahren anhaltenden Rückgang (im Landkreis Göttingen hat es schon lange keine erfolgreiche Brut mehr gegeben) dürften in der natürlichen Populationsdynamik dieser unsteten Art zu suchen sein, die in Westeuropa seit jeher von Vorstößen und Rückzügen geprägt ist.

Zwischen dem 2. und 19. März fanden an sieben Tagen insgesamt ca. 51 Heidelerchen Eingang in unsere Datenbank. Das Gros stellten mindestens 30 Ind. im Wintergetreide am 19. in der Feldmark Reinshof.

An den Northeimer Kiesteichen beflogen zum Ende des Berichtszeitraums ca. zehn Paare der Uferschwalbe ihre Nester, an einer kleinen, frisch aufgeschütteten Kies-/Sandbank mit nur drei Metern Schräge. Die Kolonie am Freizeitsee bevölkerten mindestens 30 Paare. An der Sandgrube Meensen existierten 13 frische Brutröhren.
Die kleine Kolonie der Rauchschwalbe am Flüthewehr südlich von Göttingen, einem ungewöhnlichen Brutplatz, ist von zwei auf drei Paare angewachsen. Interessant sind Beobachtungen von Altvögeln, die ihren flüggen Nachwuchs abseits bekannter Nistplätze fütterten. Dies geschah Ende Juni/Anfang Juli an der Westseite des Kiessees und an der Springmühle westlich der A7 in Gö.-Grone. Die beiden Reitställe in Grone, wo Rauchschwalben regelmäßig brüten, sind eine Ecke weg; gleichwohl könnten die Vögel natürlich von dort gestammt haben. Andererseits zeigt das langjährige Beispiel der Gerätescheune am Werderhof/Garte, dass sich die Art auch abseits von Großtierstallungen (aber immer in Gewässernähe) fortpflanzen kann. Sollten sich vergleichbare Beobachtungen (am besten mit Nestfunden) häufen, wäre dies ein positives Signal und könnte eine graduelle Emanzipation von der engen Bindung an Stallungen indizieren.
In der Göttinger Innenstadt scheint der Brutbestand der Mehlschwalbe mit knapp 23 Paaren stabil zu sein. Die Kolonie von zehn bis zwölf Paaren an der Ecke Burgstraße/Ritterplan, wo noch vor sechs Jahren ca. zwölf Paare (z.T. hinter einer schadhaften Fassade!) gebrütet hatten, ist nach Sanierungsarbeiten auf zwei Paare geschrumpft. Dafür hat sich am Kaufland-Gebäude in der Kurzen Geismarstraße eine Kolonie von ca. sieben Paaren etabliert.
An der großen Scheune in Bursfelde im Wesertal besteht seit längerer Zeit die größte Kolonie weit und breit. Für die erste Dekade des neuen Jahrtausends liegen Angaben zu ca. 90 bis 100 Paaren vor. Im August 2011 wurden 180 intakte Nester gezählt, von denen die meisten angeflogen wurden. Nach einer Meldung, dass Ende Juni 2017 mindestens 200 Vögel präsent waren, erfolgte Anfang Juli (unter Zuhilfenahme eines Campingstuhls) eine gründliche Zählung: Sie erbrachte 252 intakte Nester, von denen 173 beflogen wurden. Ein echter Lichtblick am verdüsterten Schwalbenhimmel! Weitere Angaben zu dieser Kolonie sind sehr erwünscht - noch ist genügend Zeit, vor dem Wegzug Vögel und Nester zu zählen. Zudem ist ein Ausflug an die Weser (auch in den kommenden Jahren) immer eine feine Sache, für Radfahrer aus Richtung Göttingen zumindest auf dem Hinweg…
Eine Rötelschwalbe, die am frühen Morgen des 9. Mai zusammen mit anderen Schwalben auf dem Steg des Seeburger Sees saß, ist eine von drei Raritäten in diesem Bericht (s.u.), die diesen Namen wirklich verdienen (erster Regionalnachweis seit 2006). Im Laufe des Vormittags suchte sie schnell das Weite.

Rötelschwalbe - M.Siebner
Abb. 21: Rötelschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Waldlaubsänger waren aus regionaler Sicht dünn gesät. Hinweise auf Revierbesetzungen von Einzelvögeln kamen nur aus dem Kaufunger und Göttinger Wald.
Auf dem Kerstlingeröder Feld ließ sich während der Neuntöter-Erfassung im Juni nur ein einziger Fitis ausmachen. Trotz des späten Erfassungstermins scheint der lokale Rückgang dramatisch zu sein. Anfang des Jahrtausends wurden noch bis zu 45 Reviere kartiert (Goedelt & Schmaljohann 2002), die sich auf die Aufwuchsflächen von Lärche und Birke konzentrierten. Mittlerweile ist der Baumbestand (auch) in diesen Bereichen so dicht und dunkel geworden, dass er keinen Lebensraum für diese Lichtwaldart mehr darstellt.

Schlagschwirle sangen vom 21. bis 24. Mai am Seeburger See, am 31. Mai am Sandwasser östlich von Duderstadt, am 2. Juni nahe der Gartemühle südlich von Göttingen, am 3. und 10. Juni an der Kiesgrube Ballertasche sowie am 5. Juni in der Rhumeaue bei Wollershausen. Der Verbreitungsschwerpunkt lag wiederum in der Rhumeaue bei Bilshausen, wo sich ab Anfang Juni bis zu vier Männchen der Balz widmeten - und hoffentlich nicht von den Baggern vertrieben wurden.
Im Leinepolder sangen in der Brutzeit bis zu drei Rohrschwirle. Mit ebenfalls bis zu drei Sängern war die Art am Seeburger See Mitte Mai gut vertreten. Bis Ende Mai balzte dort noch ein Männchen. Ein Sänger am 23. April in der Rhumeaue bei Wollershausen hatte vermutlich nur eine Rast eingelegt.

Ab dem 1. Mai ging ein männlicher Schilfrohrsänger am Seeanger zielstrebig ans Werk. Drei Wochen später war der unermüdliche Sänger (mit typischen Balzflugeinlagen) nicht mehr allein. Ende Juni konnte ein Futter tragender Altvogel ausgemacht werden. Die zahlreichen Beobachtungen in diesem nahezu täglich besuchten Gebiet rechtfertigen (mindestens) einen starken Brutverdacht. Aus den Feuchtgebieten der Region lagen zuvor fast immer nur Hinweise auf so genannte „Gesangsreviere“ vor. Altvögel mit Futter wie 2001 am Denkershäuser Teich (U. Heitkamp in Dörrie 2002) bildeten die singuläre Ausnahme. Auf dem Heimzug war die Art wieder recht gut vertreten, das Maximum wurde am 26. April an der Kiesgrube Reinshof mit vier Vögeln erreicht.

Schilfrohrsänger - S.Hörandl
Abb. 22: Schilfrohrsänger an der Kiesgrube Reinshof. Foto: S. Hörandl

Tagesmaxima von Sumpfrohrsängern wurden am 6. Juni mit elf Sängern zwischen Freizeitsee und Rhume sowie am 2. Juni mit neun Sängern im Leinepolder notiert.
Ungemein dickfellig verhielt sich ein Drosselrohrsänger an der ab Mai völlig verrummelten Kiesgrube Reinshof. Er krächzte zunächst vom 10. bis 27. Mai an der Ostseite mit Ballermann-Flair und zog dann in die etwas ruhigere Nordwestecke um, wo er am 3. Juni zuletzt gehört wurde. Ob es sich, nach mehr als zehn Tagen Pause, bei einem am 15. Juni singenden Männchen um denselben Vogel oder einen späten Heimzieher gehandelt hat, muss offen bleiben. An der Kiesgrube Ballertasche (lange Verweildauer im Vorjahr) traf ein Männchen am 3. Juni ein, wurde aber später nicht mehr festgestellt. Offenkundige Heimzügler ließen sich am 26. April an der Kiesgrube Reinshof (zwei), am 6. Mai im Leinepolder, am Northeimer Freizeitsee und Seeburger See sowie am 7. Mai an der Geschiebesperre vernehmen.
Wie der Waldlaubsänger hat offenbar auch der Gelbspötter eine schlechte Saison. An den Northeimer Kiesteichen, am Freizeitsee, am Lutteranger und an der Kiesgrube Reinshof waren Einzelreviere besetzt. Am 5. Juni sangen in der Rhumeaue Bilshausen - Wollershausen sechs Männchen. Darüber hinaus existiert noch eine Handvoll Junibeobachtungen vermutlich umherstreifender Männchen. In Göttingen konnte kein einziges Revier ausgemacht werden, allerdings fand auch keine gezielte Suche auf großer Fläche statt.

Gelbspötter - S.Hörandl
Abb. 23: Gelbspötter an der Bauschuttdeponie Gö.-Geismar. Foto: S. Hörandl

Am Göttinger Kiessee hielten sich, mit Unterbrechungen, bis zum 28. April Seidenschwänze auf. Die Größe des Trupps schwankte zwischen zwei und 60 Ind. Am 1. März rasteten 15 Vögel bei Reyershausen, am 3. März 20 Ind. am Nordrand des Göttinger Ostviertels. Recht ungewöhnlich ist die Beobachtung von 12 Ind. im Hochsolling, die am 25. März auf Fichten eine Pause einlegten. Am Leineberg und auf dem Stadtfriedhof fraßen sich vom 3. bis 11. April bis zu 20 Ind. durch das Beerenangebot.

Von der Ringdrossel liegen 16 Beobachtungen von insgesamt 18 Ind. vor. Ein Weibchen, das am 18. Mai (also für den Heimzug recht spät) frisch tot unter einer Fensterscheibe an der Göttinger Norduni lag, wies Merkmale auf (z.B. breite weiße Federränder der Unterschwanzdecken), die für die südliche Unterart alpestris sprachen. Allerdings ergab die genauere Befassung mit der Thematik, dass die Zuordnung von Weibchen gerade im Frühjahr wegen des abgetragenen Gefieders extrem knifflig, wenn nicht unmöglich ist. Um ganz sicher zu gehen, wurden DNA-Proben genommen, Das Ergebnis fiel auch hier unbefriedigend aus, weil die Proben den häufigsten Haplotyp zeigten, den beide Unterarten gemeinsam haben. Gleichwohl war die Diskussion um diesen Vogel (auch mit auswärtigen Experten) äußerst lehrreich. So soll es sein…

Ringdossel - V.Lipka
Abb. 24: Ringdrossel (Scheibenanflug) an der Nord-Uni. Foto: V. Lipka

Erstaunlich: Nachdem im Mai/Juni 2016 über Wochen ein altes Männchen des Zwergschnäppers in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg gesungen hatte, tauchten ein Jahr später ab dem 29. Mai im Göttinger Stadtwald nahe der Panzerstraße gleich zwei Sänger auf (ein Rotkehlchen und ein Halbstarker). Ihr Gesang wurde nach dem 25. Juni nicht mehr vernommen. Ob sie sich verpaaren konnten, ist eher unwahrscheinlich.
Im Wildtiergehege am Kehr sang im Mai zehn Tage lang ein Männchen des Trauerschnäppers, nach Jahren des Fehlens in diesem früheren Göttinger Verbreitungsschwerpunkt. Nordöstlich vom Rinderstall im Kaufunger Wald tat es ihm ein Artgenosse am 25. Mai ausgiebig nach. Darüber hinaus existieren 16 Beobachtungen von ca. 17 heimziehenden Vögeln.

Aus dem Leinepolder Salzderhelden (I und II) liegen drei Junibeobachtungen des Braunkehlchens vor, darunter ein singendes Männchen und an anderer Stelle zwei verpaarte Vögel.
In der Feldmark Wiebrechtshausen war ein neues Brutpaar des Schwarzkehlchens auf Anhieb mit zwei Jungen erfolgreich. Neuansiedlungen mit Bruterfolg gab es auch in der Feldmark bei Hohnstedt, in den Schweckhäuser Wiesen und in der Feldmark Mingerode. Der neue Brutplatz in der Suhleaue östlich von Seulingen war auch im Folgejahr wieder besetzt, vermutlich auch derjenige südlich vom Gut Wickershausen. Der mehrjährige, auch in diesem Jahr wieder besetzte Brutplatz am Grenzstreifen bei Ecklingerode stand am 12. Mai voller Schafe. Nachhaltig vertreiben konnten die wolligen Rasenmäher die Vögel aber nicht, wie auch in einem beweideten Teil der Feldmark Hohnstedt. Allein der Bestand in der Rhumeaue zwischen Hammenstedt und Gieboldehausen kann locker auf knapp zehn Paare veranschlagt werden. Der positive Trend hält an, das Ausbreitungspotential der robusten Kerlchen mit hohem Sympathiewert scheint noch lange nicht ausgeschöpft zu sein.

Schwarzkehlchen - M.Siebner
Abb. 25: Junges Schwarzkehlchen in der Feldmark Gö.-Geismar. Foto: M. Siebner

Am Denkershäuser Teich hatten fünf Blaukehlchen Reviere besetzt. Der Brutbestand ist seit zehn Jahren stabil (vgl. Heitkamp 2013). In der (zuvor selten besuchten) Rhumeaue bei Wollershausen zeigten zwei bis drei revierhaltende Männchen eine ordentliche Besiedlung an. Den Brutverdacht aus dem letzten Jahr in der Suhleaue bei Rollshausen konnte ein eben flügger Jungvogel optimal erhärten. Die bekannten Vorkommen im Leinepolder, an der Geschiebesperre, in der Rhumeaue bei Lindau sowie am Seeanger und Seeburger See bestätigten sich erneut, teils auch mit flüggen Jungvögeln.
Heimziehende Steinschmätzer erreichten am 11. Mai mit elf Vögeln an den ehemaligen Tongruben Siekgraben ein eher mageres Maximum. An anderen Orten lagen die Tagessummen durchweg im (zumeist niedrigen) einstelligen Bereich.

Die jährlich Mitte Juni (mit Nachkontrollen) vorgenommene Zählung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte Hinweise auf 24 Reviere (im Vorjahr 18). An den wenigen Orten, an denen er überhaupt noch vorkommt (u.a. Rhumeaue, Sandgrube Meensen, Hühnerfeld im Kaufunger Wald) bewegten sich die Zahlen im einstelligen Bereich.
Die Maximalzahlen rastender Wiesenpieper stammen von den ehemaligen Tongruben Siekgraben: Am 12. März rasteten hier 59 Ind. Am 4. April fiel die Tagessumme mit 55 Ind. nur unwesentlich niedriger aus. Positives gibt es aus dem Leinepolder zu berichten: Am Ostdeich der Polder II und III siedelten sechs bis sieben Paare, darunter mindestens vier mit Bruterfolg. Der (verwaiste?) Brutplatz in der Leineaue bei Bovenden war am 17. April von zwei singenden Männchen bevölkert. Angaben zum weiteren Verlauf fehlen leider. Ansonsten im Landkreis Göttingen: Fehlanzeige.
Der einzige Rotkehlpieper der Saison zog am 6. Mai über Gö.-Nikolausberg.
An der Kiesgrube Ballertasche hielten sich vom 4. März bis zum 9. April bis zu sechs Bergpieper auf. Am 10. April belebten drei Ind. die „Kalahari“ (GVZ III) im Göttinger Westen. Am Seeanger und an der Geschiebesperre verweilten jeweils ein bis zwei Ind., im letztgenannten Gebiet bis zum 28. April.

Am 5. Mai gab eine weibliche Zitronenstelze dem Seeanger die Ehre - die zweite „richtige“ Seltenheit nach der Rötelschwalbe. Kaum war sie weg, tauchte am Folgetag erstaunlicherweise ein Männchen auf, das von den beiden Göttinger Birdrace-Teams frenetisch als unverhoffte Bonusart gefeiert wurde. Wenn man sich das Gewirr toter Äste anschaut, die gerade im „Pfuhl“ an der Ostseite ins oder übers Wasser ragen - einen besseren Brutplatz dürfte es weit und breit nicht geben. Knapper verfehlen konnten sich zwei potentielle Partner wohl kaum… Für den Seeanger existieren jetzt seit 2009 vier Lokalnachweise.

Zitronenstelze - B.Bartsch
Abb. 26: Weibliche Zitronenstelze im Seeanger. Foto: B. Bartsch

Während des einzigen Zähltermins zur Hauptheimzugzeit des Buchfinken zogen am 12. März 1479 Ind. über das Kerstlingeröder Feld. Es ist wohl dem warmen März zu verdanken, dass sich bereits am 20. April, aus regionaler Sicht wohl singulär früh, am Kiessee Jungvögel bemerkbar machten, die gerade das Nest gerade verlassen hatten.
Aus dem März liegen bis zum 9. des Monats noch drei Wahrnehmungen des östlichen „Trompetergimpels“ vor.
Von den anderen Finkenvögeln existieren keine Daten, die im Rahmen dieses Berichts einer besonderen Erwähnung bedürfen.

Im Leinepolder Salzderhelden (IV) machte sich am 26. April eine heimziehende Grauammer bemerkbar. Die Nachweise dieser seit den 1990er Jahren als Brutvogel ausgestorbenen Art (letzter Brutplatz bei Einbeck-Drüber) scheinen langsam zuzunehmen. Ob dies Anlass zum Optimismus bietet bleibt abzuwarten.
Im Berichtszeitraum gab es keinen Nachweis des Ortolans. Auch der Brachpieper fehlte. Beide Arten machen vor allem mit ihrem Flugruf auf sich aufmerksam. Mittlerweile gibt es zuhauf Vogelstimmen-Apps, die das problemlose Bestimmen oder Wiedererkennen von Vogelgesängen und -rufen suggerieren. Ältere Semester können ihre Hörschwäche von der Firma eines (im Nebenjob) sinistren Fußball-Vereinspräsidenten beheben lassen. Warum hört sie trotzdem keiner mehr? Die Antwort steht (vielleicht) in einem der nächsten Sammelberichte…

Hans H. Dörrie

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2002): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.

Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2002): Neues vom Kerstlingeröder Feld - Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2001. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 178-187.

Heitkamp, U. (2013): Die Vögel des Denkershäuser Teiches. Eigenverlag.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Melles, F. & T. Brandt (2016): Moorenten zurück in Niedersachsen. Der Falke 63: 34-39.

Dieser Bericht basiert in erster Linie auf 31.200 Beobachtungen von über 100 Melderinnen und Meldern der Datenbank ornitho.de. Andere Beobachterinnen und Beobachter lieferten Einzeldaten oder erteilten Spezialauskünfte zu bestimmten Arten. Ihnen allen gilt der Dank des Verfassers. Besonders aktiv waren die Damen und Herren:
P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, S. Böhner, L. Bolte, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, S. Bust, J. Bryant, A. Delius, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, M. Grandt, S. Grassmann, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, J. Hegeler, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, S. Holler, D. Hubatsch, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, M. Kiepert, J. Kirchner, F. Kleemann, M. Kuschereitz, V. Lipka, D. Mederer, G. Mackay, T. Matthies, T. Meineke, K. Menge, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, T. Orthmann, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, B. Riedel, J. Rosenkranz, H. Rumpeltin, H. Schmidt, D. Schopnie, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, I. Spittler, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, W. Unkrig, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss und D. Wucherpfennig.

Buchfink - S.Hillmer
Abb. 27: Früher Start ins Leben: Junger Buchfink im April am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

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