Archive for May, 2019

Birdrace 2019 in GÖ: Ein Schauspiel der vielfältigen Fortbewegungsmittel

Birdrace Titel
Abb. 1: Unterwegs bei nassem und kaltem Wetter. Foto: A. Bischoff

Nach dem plötzlichen, unerwarteten Höhepunkt der Vielfalt mit neun Teams im Jahr 2018, waren die mehr- bis langjährig angestammten Teams und Teilnehmenden 2019 wieder mehr unter sich. Unerwartet vielfältig waren aber diesmal die Fortbewegungsmittel: Neben dem bewährten motorisierten Vierrad und dem muskelkraft-betriebenen Zweirad trat diesmal auch die elektrisierte Variante des Letztgenannten in Erscheinung. Mit unterschiedlichen technischen Gegebenheiten traten letztlich vier Teams - darunter ein soweit nicht näher bekanntes Team namens MILANOVIC – zu diesem alljährlich freudig-verrückten Ereignis am ersten Samstag im Mai im Landkreis Göttingen an, während der Nachbar-Landkreis Northeim diesmal nicht besucht wurde.
Regen, Graupel, Schnee und die zugehörige Kälte mit nur einigen kurzen sonnigen Phasen sorgten den ganzen Tag über für gemischte Gefühle bei den Teilnehmenden. Lange Unterhosen, Regenhosen und Handschuhe – wahlweise auch ein zweites, trockenes Paar – gehörten diesmal zur Standardausrüstung des gut vorbereiteten Birdracers. Vor allem am Nachmittag bescherte dann die mehr oder weniger aufgerissene Wolkendecke jedoch beeindruckende Wolkenformationen, großartige Farbkontraste und einen tollen Fernblick in die frisch gewaschene Landschaft. So sorgte das Wettergeschehen für vergleichsweise gute Birdrace-Bedingungen, das typische Mittagsloch mit geringer Vogelaktivität bei sommerlichen Temperaturen unter blauem Himmel blieb aus. Am Ende des Tages hatten die drei Birdrace-Teams aus dem Arbeitskreis Göttinger Ornithologen insgesamt 133 Vogelarten aufgespürt – nur eine weniger als 2016, als sich die drei (zumindest namentlich) selben Teams im Landkreis Göttingen dem harten Wettbewerb stellten. Gemeinsam mit den anonym gebliebenen Birdern von MILANOVIC waren es sogar spitzenmäßige 135 Arten – Sumpfrohrsänger und Weidenmeise waren nur diesem Team vergönnt. Nur 2018 entdeckten die neun Teams ebenfalls 135 Arten - wie natürlich auch beim seit 2013 unangetasteten Rekordbirdrace, wo ein Team alleine eine Liste von 135 Arten zustande brachte…
Es folgen exklusive Einblicke in die individuellen Birdrace-Erlebnisse der Teams, die vielleicht so manchen ermuntern mögen, am 2. Mai 2020 wieder in langer Tradition oder auch zum ersten Mal anzutreten…

Hier die Berichte von drei Birdrace-Teams aus dem Landkreis Göttingen:

Früher Kaltstart - späte Warmdusche (von B. Bartsch)
Wenngleich inzwischen in komplett neuer Besetzung, auf zwei elektrisierten statt vier motorisierten Rädern und mit neuer Strategie, so war selbstverständlich auch dieses Jahr wieder das Traditionsteam der “Göttinger Sozialbrachvögel” mit von der Partie. Dankenswerterweise erklärten sich die Brachvogelveteranen bereit, den Namen übernehmen zu dürfen, denn die unkreativen Alternativen wären “Trockenstörche”, “E-Bike-Atzen” oder “Claudia´s Fanclub” gewesen…
Zu dritt begab sich das Dreiergespann, bestehend aus B. Bartsch, A. Bischoff und M. Georg, am Freitagabend in den Reinhäuserwald, um dort die Nacht im Zelt zu verbringen. Ein stimmungsvoller, klarer Abendhimmel ließ auf einen guten Start hoffen. Als nach drei Stunden Schlaf um 02:10 Uhr Mercurys “Don´t stop me now” für die drei den Tag einläutete war sofort klar, dass dem nicht so werden würde. Regen und Kälte, zeitweise Schneeregen - bis 5 Uhr waren nur Begegnungen mit Säugetieren zu verbuchen. Ein Waldkauz machte dann endlich den Anfang; es blieb aber leider die einzige Eulenart im Wald. Bei den Singvögeln verlief es ebenfalls frustrierend. Wenige Vögel sangen und der Regen übertönte die meisten Geräusche, aber mit Haubenmeise und Fichtenkreuzschnabel ließen sich immerhin gute Birdrace-Arten mitnehmen. Die Stimmung war ähnlich nasskalt wie die Kleidung, als die drei mit viel Verspätung am Morgen den Wald verließen und sich in Richtung Göttingen aufmachten. Ein am Wendebachstausee singender Pirol ließ die Hoffnungen auf ein einigermaßen vorzeigbares Endergebnis dann schnell wieder ansteigen. Und nun lief es tatsächlich ziemlich gut: Einem Feldschwirl an der Garte folgten Schwarzkehlchen, Wanderfalke und Wiesenweihe am Diemardener Berg, alles in der Region durchaus seltene oder schwierige Arten! Die Kiesgrube Reinshof überraschte das Team daraufhin mit vier Löffelenten und dem Dynamo-Avigoe-Duo. Gemeinsam erfreute man sich an einem durchziehenden Wespenbussard - Anfang Mai alles andere als selbstverständlich. Im Stadtgebiet erfuhr dann die Stimmung zumindest eines Teammitglieds einen Dämpfer durch die Abwesenheit von Claudia, einer seit Monaten in der Südstadt anwesenden und sehr sympathisch-trägen Warzenente. Wenngleich das offizielle Birdrace-Regelwerk das Abhaken “sämtlicher frei fliegender Vogelarten, die sich außerhalb von Haltungen oder ähnlichen Anlagen aufhalten” vorsieht und daher das Zählen dieser Art grundsätzlich ermöglicht [Hierbei ließe sich wiederum streiten, da Claudia bislang nie mehr als wenige Meter fliegend beobachtet wurde - und zwar um schneller an vorgeworfenes Brot zu gelangen!], so hätten zumindest die Sozialbrachvögel sie sicher nicht in die Liste aufgenommen und sich lediglich ihrer Schönheit erfreut!
Es folgte eine Stippvisite am Kiessee, der mit Drosselrohrsänger und Gelbspötter wie so oft unerwartete Überraschungen parat hielt. Neben diesen sollte auch die Ringdrossel, die wenig später an der ehemaligen Tongrube Siekgraben vorbeiflog, den anderen Teams verwehrt bleiben. Andersrum waren die Sozialbrachvögel das einzige Team, welches einen rastenden Trauerschnäpper am Levinpark nicht wahrzunehmen vermochte. Die Wasseramsel klappte hier dagegen recht schnell und einen Waldlaubsänger gab es noch als Beifang.
Um den Eulenflop im Reinhäuserwald etwas wiedergutzumachen entschied man sich, nun einen Umweg über Geismar zu machen, wo drei kleine Waldohreulen ein weiteres Kreuzchen ermöglichten. Das Kerstlingeröder Feld konnte anschließend zumindest mit Baumpieper, Schwanzmeise, Grau- und Kleinspecht aufwarten. Ein geplanter längerer Aufenthalt war hier aus Zeitgründen leider nicht mehr umsetzbar, weshalb dem Team letztlich drei Spechtarten fehlten.

Sozialbrachvögel
Abb. 2: Zwei “Göttinger Sozialbrachvögel” am Seeburger See. Foto: A. Bischoff

Ohne große Umwege ging es dann zügig Richtung Seeanger, dessen Limikolen- und Singvogelgemeinschaft an diesem Tage eher von qualitativer als von quantitativer Natur war. Allemal nennenswert sind hier eine Uferschnepfe, ein heimlicher Temminckstrandläufer, eine späte Spießente sowie acht in den Lutteranger fliegende Silberreiher. Baumfalke, Rohrschwirl, Schwarzhalstaucher und Kormoran machten schließlich die letzten Kreuze am Seeburger See aus, der kaum Wasservögel aber dafür etliche Schwalben vorzuweisen hatte.
Insgesamt hielten viele der Brutvögel bei dem kalten Wetter den Schnabel und Tagzug fand quasi nicht statt bzw. war durch den warmen April bereits weitgehend abgeschlossen gewesen. Die Singvogelpalette wies letztlich zwar nur wenige Lücken auf (Erlenzeisig, Weidenmeise, Wiesenpieper), dafür fehlten am Ende einige der selteneren Brutvögel wie Waldschnepfe und Uhu. Mit 121 Arten fiel das Ergebnis hinter den Erwartungen zurück, darf aber angesichts der Wetterverhältnisse als sehr zufriedenstellend eingestuft werden.
Nach einem letzten erfolglosen Versuch, die ein oder andere nachtaktive Vogelart nachzuweisen, erreichte das Team erst gegen 23 Uhr todmüde und mit erschöpften Akkus wieder Göttingen. Insgesamt wurde der miese Start aber durch einige exklusive Arten ausgeglichen, die in gewohnter Weise zum gewissen, verdienten Abstand zu den anderen Teams führten. Doch schlafen tut auch die muskelkraft-basierte Konkurrenz nicht…

Wenig Schweiß - viele Störche (von D. Singer)
Wohl nicht zuletzt dank des speziellen Wetters, erreichten die Schweißstörche mit vergleichsweise wenig Schweiß, dafür vielen Störchen das bisherige Rekordergebnis eines (rein muskelkraft-betriebenen) Fahrradteams im Landkreis Göttingen. Mit M. Röder, J. Joosten, S. Racky und D. Singer wagte eine Mischung aus Birdrace-Frischlingen und -Althasen den regenreichen Start um 4 Uhr am Alten botanischen Garten in Göttingen. Ruffreudig waren die Waldkäuze dort nicht, doch dank der städtischen Lichtverschmutzung war der Himmel hell genug, um ausreichenden Kontrast zur Silhouette eines sitzenden Kauzes zu bieten. Erfreulicherweise wagte ein Waldohreulen-Jungvogel wenig später in Geismar einen zaghaften Bettelruf, sodass der regenreiche Start durchaus als planmäßig gelungen bezeichnet werden konnte. Nach einem schnellen Fahrradaustausch aufgrund eines unliebsamen Geräuschs pfeifender Luft, ging es dann zunächst an den Kiessee und Umgebung, um dort die ersten Sing- und Wasservögel einzusammeln – leider ohne Drosselrohrsänger dafür mit dankenswerterweise deutlich gedrosselter Techno-Musik von der inzwischen wohl traditionellen Birdrace-Techno-Party in einem Kleingarten an der SW-Ecke des Sees.

Schweissstörche
Abb. 4: Pause bei den “Schweißstörchen”

Beim Birdrace eher außerplanmäßige Erscheinungen wie Eisvogel und Feldschwirl waren am Flüthewehr kooperativ. Erfreulich waren auch zwei Braunkehlchen bei Rosdorf, während der erste Eichelhäher des Tages leider nur von einem Teammitglied gesehen entschwand. Zum Glück blieb es nicht der einzige. Die Tongrube und ihre Reste am Siekgraben hielten nur einen Flussregenpfeifer parat, eingeplante Arten wie der Bluthänfling ließen noch zwei weitere Streckenkilometer auf sich warten. Fast schon zu erwarten war der Flop beim Besuch eines wohl nicht fertiggestellten oder vom Weibchen abgelehnten Sperbernestes in Grone-Süd. Nur mäßig erfolgreich war auch der Besuch des Stadtfriedhofs, der zunächst schmerzliche Lücken bei den Meisenarten zurückließ - jedoch unerwartet zwei rastende Baumpieper hervorbrachte. Im letzten Moment vor der Weiterfahrt gelangte in der Weststadt nahe des Levinparks die Wasseramsel in den Fokus des Fernglases, worauf Birkenzeisig und Wanderfalke kurze Zeit später an der Leine folgten. Planmäßig waren auch die Türkentauben zur Stelle. Einen großen Zeitbonus verschaffte dem Team ein Trauerschnäpper im Cheltenhampark, der einen Abstecher zum Westerberg überflüssig machte, wo zuvor seit einigen Tagen ein singender Reviervogel festgestellt worden war. Dankenswerterweise zeigte sich die Haubenmeise vor der Haustür eines Teammitglieds am Klausberg sehr zuverlässig, sodass sich der kleine Umweg lohnte. Im Stadtwald vervollständigte sich anschließend die Waldartenliste. Freundlicherweise rief ein Grauspecht aus Richtung Herberhausen und im Wildgehege stocherte zusätzlich ein zweites Individuum in einem liegenden Stamm herum.
Das Kerstlingeröder Feld hatte anschließend trotz längerer Verweildauer bei einem wohl verdienten Picknick und erstem größeren Stopp leider keinen Wendehals, dafür einen Schwarzspecht zu bieten. Zunächst unspektakulär erschien der folgende Versuch am nadelholzreichen Waldrand bei den „Schweckhäuser Wiesen“ Fichtenkreuzschnäbel oder Erlenzeisige aufzutreiben – doch ein ungleiches Paar aus kreisendem Habicht und Schwarzstorch verwandelte den Kurzabstecher zum wahren Highlight des Tages. Angekommen in Seeburg verblieb ausreichend Zeit um Seeanger und Seeburger See mit zunehmender Müdigkeit ausführlich und langsam zu erkunden. Die Ausbeute am Seeanger war gut - das Wuseln der tausenden Schwalben über dem Seeburger See machte das Auffinden der Schwarzhalstaucher jedoch bis zuletzt schwierig. Ein mehrfach gesichteter Baumfalke wurde fast schon langweilig, während eine männliche Rohrweihe über dem Schilf eine willkommene weitere Art war. Ein kräftiger Graupelschauer am Nachmittag zwang das Team zum erneuten Einsatz der Regenhosen und ein paar durchziehende Bienenfresser zur Reduktion der Flughöhe, sodass sie am Seeanger dem erfahrenen Gehör der Schweißstörche nicht entgingen – das zweite große Highlight des Tages, welches auch zu einer Exklusiv-Art des Teams führte.
Beendet wurde das Birdrace dann in gemütlicher Runde gegen 21:30 Uhr mit für die Teamhistorie spitzenmäßigen 116 Arten. Nächstes Jahr wird es weitergehen und Ziel bleibt es natürlich, die Artenzahl, wie in den vergangenen Jahren, beständig zu erhöhen – Strategie, Route und Erfahrungsschatz wurden dafür dieses Jahr weiter optimiert. Daher bleibt es wohl spannend, verehrte elektrisierte Sozialbrachvögel!

Nervige Meisenlücken - erfreuliche Exklusivarten (von M. Drüner)
Ebenfalls in mehrjähriger Tradition trat die Mannschaft von Dynamo AviGoe um 4 Uhr vom Kehr zum Rennen auf. Standardmäßig ging es für M. Mooji und M. Drüner früh am Kerstlingeröder Feld los, der Start war dieses Jahr jedoch ähnlich zäh wie bei den Sozialbrachvögeln…
Auf dem Kerstlingeröder Feld war erst gegen 5 Uhr der allererste Vogel zu vernehmen, eine Feldlerche. Fast musste man sie bewundern, dass sie dem Schietwetter singfliegend trotzte. Wenig Gesang, Waldkauz stumm über die Wiese fliegend. Keine Greife, kein Wintergoldhähnchen, aber wenigstens der Wendehals ließ vier fünf Mal eine einzelne Strophe durch den Regen vernehmen. Eine Stunde Schneeregen. Immerhin fünf Spechtarten und zwei Waldlaubsänger.

Teamfoto_Avigoe
Abb. 3: Vor Nässe triefendes Teamfoto von “Dynamo Avigoe”
(zum Vergrößern bitte anklicken)

Auf dem Weg zum Siekgraben ein Abstecher zum Sandweg, wo wir den erhofften Birkenzeisig nicht hörten, dafür aber die Moschusente / Warzenente stehen sahen. Am Siekgraben Braunkehlchen, Steinschmätzer und ein Baumfalke, aber keine Limikolen. An der alten Tonkuhle Rosdorf sah es trostlos aus, aber der Eisvogel saß dort auf einem Baumstamm im Wasser und bereitete einen Futterfisch zum Transport vor. Danke!
Kiesgrube Reinshof: erster Kuckuck (es sollten insgesamt sechs werden). Auch Löffelente, Brandgans, Birkenzeisig und Grauschnäpper. Erster Kontakt mit den Sozialbrachvögeln. Gemeinsam genießen wir den niedrig überfliegenden Wespenbussard. Man konnte regelrecht den Gesichtsausdruck sehen. So ein bisschen wie „Was macht ihr denn hier? Dürft ihr das?“ Dann noch schnell fünf kleine Gebirgsstelzen im Nistkasten beäugt (Süüüüß!-Faktor) während die Altvögel aufgeregt riefen und dann weiter zum Kiessee. Auch hier einige Arten nicht zuverlässig. Der von anderen geclaimte Drosselrohrsänger wurde von uns als Teichrohrsänger eingeschätzt und der Gelbspötter, der genau dort gehört wurde wo wir geparkt hatten, muss ausschließlich gesungen haben, wenn wir gerade außer Hörweite waren. So kann’s gehen. Die Türkentaube bekamen wir an traditionellen Plätzen im Heimatviertel zu hören und nahmen dort noch den Gimpel mit. Auch der Girlitz sang in seinem seit Jahren besetzten Revier am Gailgraben. Der Stadtfriedhof schließlich enttäuschte. Zumindest uns, denn die Sozialbrachvögel wiesen uns noch den Weg zum Haubenmeisenrevier, sie sang aber nicht für uns und zeigte sich auch sonst nicht. Pflicht war dann der Levinpark, wegen der Wasseramsel, neben der Gebirgsstelze die einzige Art, von der wir wussten wo wir sie abholen konnten. Das dauerte auch keine drei Sekunden. Fast wären wir gleich wieder abgefahren, aber glücklicherweise stippvisitierten wir doch noch und siehe da: ein Trauerschnäpper verjagte einen Grauschnäpper von der Warte und zeigte sich in seiner ganzen schwarzweißbraunen Pracht so frisch wie man nur nach einem Regen sein kann.
Danach ein Abstecher in den Westkreis. In Eberhausen fanden wir keine Weidenmeise, hatten aber einen schönen Spaziergang und eine endlich (schwach?) einsetzende Thermik bescherte eine Reihe von Milanen beider Couleurs und Mäusebussarden. Die Dohlen schauten wir uns in Adelebsen an der Burg an und der Steinbruch in Emmenhausen brachte uns zwar nicht den Uhu, aber immerhin den einzigen Bluthänfling des Tages.
Mit dem Auto jetzt noch mal durch die Stadt zu gurken, nur um eventuell auch vom Wanderfalken im Stich gelassen zu werden, erschien uns nicht attraktiv und wir fuhren gleich weiter die B 27 Richtung Seeburg. Ein erster Scan über den Seeburger See zeigte drei Großmöwen, von denen wir eine adulte als Steppenmöwe ansprechen konnten, die anderen (beide immature Vögel) blieben weit entfernt und auf dem Wasser (flimmernde Luft!), so dass wir uns die „schenken“ mussten. Schließlich fuhren wir in die Rhumeaue nach Wollershausen. Dort ein ausgiebig rufender Schwarzmilan, balzende Rotmilane, eine Rohrweihe und Schwanzmeisen. Wir waren es zufrieden. Überhaupt: Wenn wir nachmittags ins Auto stiegen, fing es an zu regnen, sobald wir wo ankamen und aussteigen wollten, hörte es wieder auf. Nett. Die Bilshauser Rhumeaue brachte uns einen Feldschwirl und ein Schwarzkehlchen. Die Feldmark Wollbrandshausen zeigte sich fast ereignislos. Immerhin ließen sich Trupps von Goldammern sehen, die man nach Ortolanen absuchen konnte, allerdings ohne Erfolg.
Der Seeanger brachte zwar erwartungsgemäß einen Schwung Entenvögel, aber leider nur wenig Limikolen. Wo zwei Wochen vorher noch zehn Watvogelarten zu sehen waren, fanden wir heute nur fünf. Allerdings ließen uns trotz dutzendfacher Scans der geeigneten Bereiche Bekassine und Temminck im Regen stehen, die sich den anderen Mannschaften rätselhafterweise gezeigt haben. Offensichtlich geht es immer noch einen Tuck besser oder Glück ist im Spiel. Auch der Schilfrohrsänger blieb für uns stumm und das Blaukehlchen zeigte sich nur einmal kurz und nur einem von uns. Auf dem Weg zum See eine schöne Überraschung: der Wanderfalke machte sich die Mühe uns noch einen Besuch abzustatten. Der einzige Kormoran flog niedrig über den Seeburger See. Aber auch dort außer zwei Schwarzhalstauchern nicht mehr viel zu holen. Den Abschluss machten wir in Geismar mit drei bettelnden jungen Waldohreulen.
Ergebnis: mit 111 Arten zwar nur dritte von drei Mannschaften, aber erstens nur zu zweit (weniger Augen und geht einer pinkeln, geht gar nix mehr, siehe Blaukehlchen), zweitens behindert durch das Verkehrsmittel Auto (etwas hermetisch und die Fahrstrecken teilweise uninteressant; die interessante sind für Autos größtenteils gesperrt oder ungeeignet) und drittens für das Wetter gar nicht sooo schlecht! Zapfenstreich 22:30. Völlig fertig. Man ist nicht mehr dreißig. Ein großartiger Tag draußen – wohl für alle Teams, die diesen erlebnisreichen Spaß-Wettkampf wieder einmal auf sich genommen haben!

Alle Ergebnisse vom Birdrace können wie immer auf der Internetseite des DDA nachgelesen werden.

D. Singer

Waldohreule - MSiebner
Abb. 5: Die Art Waldohreule bekamen die drei Teams in Geismar
auf den Zettel. Foto: M. Siebner

May 21st, 2019

Die schönste Schwalbe zu Besuch -
nicht zum ersten Mal

Rötelschwalbe - VHesse
Abb. 1: Rötelschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: V. Hesse

Anfang April. Genauer gesagt der 3. April 2019. Ich bin auf der Suche nach meinem ersten Fitis der Saison. Auf meiner Fahrt durch die Feldmark Bovenden im Leinetal nördlich von Göttingen konnte ich bereits ein Pärchen Eisvögel am Graben entdecken, aber eigentlich hatte ich mir ein paar mehr Arten erhofft. Schafstelze, Fitis, Klappergrasmücke, Mehlschwalbe. All das hatte sich die letzten Tage bereits den anderen Vogelbeobachtern Göttingens gezeigt, nur heute vor mir wollten sie sich alle nicht offenbaren. Etwas resigniert erreichte ich die Kiesgrube bei Angerstein. Schon aus der Ferne fielen mir einige Schwalben auf, nicht viele, aber möglicherweise war ja nun doch noch die erste Mehlschwalbe darunter. Sie schienen meine bisher eher erfolglose Fahrt wieder gut machen zu wollen. In geringer Höhe jagten die Vögel über der Wasserfläche und der angrenzenden Feldmark und ließen sich dabei schön beobachten. Schnell waren einige Uferschwalben und auch die ersehnte Mehlschwalbe unter den etwa 50 anwesenden Tieren gefunden und bei mir machte sich Freude und etwas Erleichterung breit, den Weg nicht umsonst gefahren zu sein. Plötzlich weckt eine der Schwalben erneut meine Aufmerksamkeit. Sie ist noch nicht gut zu sehen, recht weit weg und in einem sehr spitzen Winkel zu mir und fliegt nun hinter den Weiden am Ufer entlang, aber irgendwas ist nicht normal an diesem Vogel. Ich behalte die Silhouette im Fernglas, gleich würde sie wieder vor den Bäumen auftauchen. Wenige Augenblicke später und die Schwalbe tut genau dies und sofort steigt die pure Freude und gleichzeitig Ungläubigkeit über das Gesehene in mir auf. Ich ging die Merkmale in meinem Kopf durch: Helle, rostfarbene Unterseite - passt! Kehle ebenso, nicht dunkel- passt! Unterschwanzdecke schwarz, scharf begrenzt zur restlichen Unterseite - passt! Und der Bürzel rostfarben und weiß - passt auch! RÖTELSCHWALBE!!! Ein absoluter Traumvogel für mich und dann auch noch selbst entdeckt. Der Hammer. Schnell wurde die Beobachtung über WA den anderen Göttinger Beobachtern mitgeteilt. Eine Kamera hatte ich nicht mitgenommen- ich wollte ja nur Fitisse suchen. Also hoffte ich, dass jemand rechtzeitig erscheinen würde um Belegbilder anzufertigen. Kurze Zeit später hatten sich zwei Ornis angemeldet, aber würden sie pünktlich erscheinen? Ich behielt die Schwalbe so gut es ging im Auge, was sich als recht schwierig herausstellte, denn der Trupp war recht aktiv und flog zwischen der Kiesgrube und der umliegenden Feldmark hin und her und verschwand immer wieder für einige Minuten. Der helle Himmel trug auch nicht zur Verbesserung der Beobachtungsumstände bei, aber es gelang mir doch immer wieder sie zwischen den anderen Schwalben zu entdecken und schön beobachten zu können. Endlich erschien Malte Georg als Erster vor Ort. Mit dem Fahrrad war er die 12 km zur Kiesgrube gesprintet, angetrieben von dem Wunsch den Vogel zu erblicken. Wir grüßten uns aus der Entfernung und ich zeigte nach oben, denn die Schwalbe kreiste direkt über ihm. Unglücklicherweise hatte ihn die Geißel moderner Telekommunikation fest in ihrer Gewalt. In der einen Hand das Handy haltend, versuchte er mit der anderen Hand das Fernglas auf die Schwalben zu richten- vergebens. Solch hübsche Vögel sind eitel und bestrafen jeden, der ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit zukommen lässt, und das musste Malte nun lernen. Ein Teil der Schwalben war mittlerweile in unterschiedliche Richtungen abgezogen und mit ihnen auch das Objekt der Begierde. Einige Zeit standen wir noch am Gewässer, inzwischen zu dritt, denn auch Steffen Böhner war mittlerweile eingetroffen, aber wir konnten die Schwalbe nicht mehr entdecken. So bleibe ich am Ende des Tages der einzige, der diesen wunderschönen Vogel sehen durfte. Doch die Hoffnung war noch nicht gestorben. Wir wollten es am nächsten Tag an der Northeimer Seenplatte versuchen, schließlich war es bereits recht spät geworden und Vögel im Frühjahr ziehen immer nach Norden: Also sollte sie morgen dort vorbeischauen. Um es kurz zu fassen, wir fanden sie dort nicht. Da es noch früh war, entschlossen wir uns noch am Kiessee in Göttingen vorbeizuschauen. Nur Malte konnte nicht mit, da sein Rad einen Platten hatte. Er verabschiedete sich in etwa mit den Worten: „ Viel Glück. Ihr dürft gerne alles an Seltenheiten entdecken, aber bitte nicht die Rötelschwalbe“, und wir trennten uns. So fuhren nur Béla Bartsch und ich in Richtung Südstadt. Wirklich daran glauben, die Schwalbe hier zu sehen, taten wir nicht, aber man weiß ja nie. Am See angekommen sahen wir einige Rauch- und Mehlschwalben über dem See jagen, jedoch nichts Spektakuläres. Also gingen wir weiter. An der SO-Ecke schauten wir erneut die etwa 150 anwesenden Schwalben durch und plötzlich meinte mein Mitbeobachter: „Da ist sie! Geil!“. Und tatsächlich flog der Vogel etwa 20 m vor uns niedrig über die Wasserfläche und jagte Insekten. Schnell war die Nachricht verbreitet. Und keine 15 Minuten später stand Malte schon hinter uns. Und auch Steffen war schnell vor Ort, sodass wir zu viert die Schwalbe auf geringe Entfernung sehr gut beobachten konnten.

Rötelschwalbe - MSiebner
Abb. 2: Rötelschwalbe im Mai 1997 am Seeburger See. Foto: M.Siebner

Während die Rötelschwalbe bei Angerstein im Kreis Northeim nur für etwa 40 Minuten von einem Beobachter gesehen werden konnte, war der Vogel am Kiessee deutlich besser und vor allem länger zu sehen. Um 11:20 Uhr am 4.April wurde er unter den anwesenden Schwalben entdeckt und hielt sich hier für drei Tage bis zum 6. April auf. Zuletzt wurde er an diesem Tag um 11:15 Uhr gesehen und zog dann mit zunehmend besser werdendem Wetter in Gesellschaft der anderen Schwalben ab. Noch außergewöhnlicher als der seltene Gast an sich ist der Umstand, dass er für solch eine lange Zeit in dem selben Gebiet verweilte. Typischer Weise bleiben meist die Entdecker auch die einzigen Glücklichen die diese Vogelart zu Gesicht bekommen, so wie es auch bei dem Angersteiner Vogel der Fall war. Anders die Göttinger Beobachtung. Mit 48-stündiger Anwesenheit stellte sie eine große Ausnahme dar. Bis 2010 gab es aus 82 Beobachtungen nur vier, bei denen die Tiere drei Tage oder länger vor Ort waren. Grund für die lange Rast am Kiessee dürfte das Wetter gewesen sein. Die Tage um die Monatswende März/April waren geprägt durch langanhaltend gutes Wetter mit Temperaturen deutlich über 10°C und beständigen Süd- bis Südwestwinden, welche vermutlich dazu führten, dass die Rötelschwalbe während des Heimzuges über ihr eigentliches südeuropäisches Brutgebiet hinausgeschossen war und sich hier den nordwärts ziehenden Schwalben angeschlossen hatte. Dieses Phänomen nennt sich Zugprolongation und hat Rötelschwalben schon bis nach Skandinavien geführt. Dieses Verhalten ist auch bei vielen weiteren, bei uns seltenen Arten, bekannt, wie etwa dem Alpensegler, der Weißbart-Grasmücke oder dem Rallenreiher. In der Nacht zum 4. April drehte dann der Wind auf Nord und die Temperaturen fielen merklich. Während solcher Schlechtwetterphasen kommt es dann häufig zu Zugstausituationen, in Folge deren manchmal große Ansammlungen von Schwalben über Gewässern entdeckt werden können, wo sie Insekten jagen und in der Ufervegetation rasten. Seltenere Arten werden dabei ebenfalls zur Rast gezwungen und sind schließlich für die Beobachter deutlich einfacher zu entdecken. Da sich die Zugbedingungen auch noch den gesamten Folgetag nicht besserten, war die Rötelschwalbe auch dort den gesamten 5. April zu sehen und zog erst am dritten Tag bei sich deutlich verbesserten Bedingungen ab. Wohl ebenfalls auf die Witterung der vorangegangenen Wochen ist das sehr frühe Erscheinungsdatum zurückzuführen. Normalerweise erreicht die Rötelschwalbe Deutschland zwischen Mitte April und Mitte Mai. Zwischen 1977 und 2010 gab es nur fünf Nachweise der Art die in die erste Aprildekade oder davor fallen. Aufgrund der oben genannten Südwindlage dürfte die Schwalbe sehr schnell, gleichsam in einem Lift, bis zu uns gelangt sein.
Unter Vorbehalt der Einstufung als ein oder zwei verschieden Individuen durch die Deutsche Avifaunistische Kommission, stellen sie den 6. bzw. 7. Nachweis der Art in Süd- Niedersachen dar, den zweiten für den Kreis Northeim und den fünften für Göttingen. Mit Blick auf die Rangliste der Datenbank ornitho.de erkennt man, dass Süd-Niedersachsen für die Rötelschwalbe das wichtigste „Rastgebiet“ bundesweit darzustellen scheint. Mit Ausnahme des Sonderfalls Helgoland hat keine Region in Deutschland auch nur annähernd so viele Beobachtungen vorzuweisen. 2003 und 2006 wurden sogar jeweils zwei Vögel zusammen gesehen. Dabei scheint der Göttinger Kiessee besonders attraktiv zu sein. Vier der neun beobachteten Tiere wurden hier entdeckt. In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende war die Rötelschwalbe ein fast jährlicher Gast im Bearbeitungsgebiet des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen. Zwischen 2002 und 2006 wurde sie vier Mal wahrgenommen. Danach folgte eine elfjährige Pause und erst im Mai 2017 konnte wieder eine am Seeburger See beobachtet werden. Und nun 2019 wieder. Die scheinbare Attraktivität beruht aber nicht auf irgendwelchen ökologischen Besonderheiten, sondern ist in erster Linie auf die hohe Beobachterdichte und -frequenz an einigen Feuchtgebieten zurückzuführen. Zudem wissen die regionalen Beobachter mittlerweile sehr gut, dass es sich lohnt bei schlechtem Wetter die rastenden Schwalben durchzumustern.
Der seltenen Gelegenheit, eine stationäre Rötelschwalbe auf die Artenliste zu bekommen entsprechend, war das Interesse heimischer und auswärtiger Beobachter sehr groß. Mindestens 30 Vogelfreunde konnten am Ende diese Art als gesehen für sich verbuchen. Neben bis zu drei länger präsenten Vögeln im Mai 2010 bei Münster dürfte die Göttinger Rötelschwalbe im April 2019 zu den in Deutschland am meisten fotografierten ihrer Art zählen. Viele Kameraakkus liefen heiß und viele SD-Karten wurden gefüllt, um auch ein eigenes Bild vorzeigen zu können, auch wenn auf diesem die Schwalbe bis zur Unkenntlichkeit verpixelt war. Am Mittag des 6. April endete der Spuk letztendlich mit dem Abzug der Art und es kehrte wieder Ruhe und Frieden an dem sonst so beschaulichen Gewässer ein.

Ole Henning

Literatur:
Kriegs, J.O., Bindrich, F. & H.H. Dörrie (2012): Das Auftreten der Rötelschwalbe Cecropis daurica in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2010: 58-63

Rötelschwalbe - MSiebner
Abb. 3: Rötelschwalbe am Kiessee in Göttingen. Foto: M.Siebner

May 3rd, 2019


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