Archive for July, 2018

Heimzug und Brutzeit 2018:
„Brüh’ im Lichte dieses Glückes!”

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 1: Meister Proper im Göttinger Süden. Silberreiher im Hochzeitskleid.
Foto: M. Siebner

Die eigenwillige Umdichtung der deutschen Nationalhymne, die eine leichte Muse aus Delmenhorst 2005 vor einem Fußballspiel versehentlich zu Gehör brachte („ich war so aufgeregt“), hat endlich Wirkung gezeigt: Im April, Mai und Juni 2018 gestaltete sich das Wetter so sonnig und warm wie noch nie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor ca. 150 Jahren. Können wir bald ein Klimaoptimum (heutzutage ein verpönter Begriff!) wie im Mittelalter genießen, mit Weinbau an den Hängen des Leinetals oder Ackerbau und Viehzucht auf Grönland wie zur Wikingerzeit? Fällt die nächste Eiszeit, die eigentlich nicht mehr fern sein sollte, etwa aus? Oder herrschen im kommenden Jahr wieder ganz andere Verhältnisse? Egal: Bis Ende Juni konnten in der Region schon knapp 30 Sommertage (mit Höchsttemperaturen von 25°C und mehr) verbucht werden. Von lokalen Starkregenereignissen war nur der Nordteil des Landkreises Northeim betroffen, die Altstadt von Bad Gandersheim soff gleich zweimal ab.
Davor jedoch gab es eine Neuauflage des berüchtigten „Märzwinters 2013“. Anders als in der Südhälfte der Republik fiel sie in unserer Region nicht so heftig aus wie vor fünf Jahren und machte besonders den heimziehenden Kiebitzen schwer zu schaffen: Am 11. März indizierten 5400 Ind. im Leinepolder Salzderhelden ein sehr gutes Rastvorkommen, alles schien sich im grünen Bereich zu bewegen. Drei Tage später drehte der Wind auf Nordost und die Temperaturen fielen dramatisch ins Minus. Eine knappe Woche lang malträtierten Frost und eisige Sturmböen die bedauernswerten Vögel. Weil die güllesatten Äcker weder Schutz noch Nahrung boten, kämpften sie an Straßenrändern, in Gräben, auf Verkehrsinseln und in Vorgärten ums Überleben, einmal sogar zwischen Wohnblocks an der Göttinger Geismar Landstraße. Zumeist waren es kleinere Trupps von weniger als 20 Vögeln. Wie viele umgekommen sind bleibt offen. Die Handvoll Totfunde dürfte nur einen Bruchteil der realen Verluste angezeigt haben. In der letzten Märzdekade normalisierten sich die Verhältnisse und der Heimzug nach Osten kam wieder in Gang.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 2: Kiebitz auf einer Verkehrsinsel am Ortseingang Rosdorf. Foto: M. Siebner

Neben den Kiebitzen waren es vor allem Heidelerchen, deren Heimzug jäh ins Stocken geriet. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten sich vom 17. bis 21. März bis zu 85 von ihnen.
Der Heimzug verlief insgesamt eher schleppend und individuenarm. Besonders auffällig war dies beim Gartenrotschwanz: Viele Reviere wurden erst Ende April besetzt, einige gar nicht. Ähnlich verhalten trat die Wiesenschafstelze in Erscheinung: Die maximalen Tagessummen von 20 Ind. in der Leineniederung bei Northeim und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben wurden nirgendwo übertroffen. Im Seeanger, wo optimale Rastbedingungen herrschten, gaben sich ganze 15 Ind. ein maximales Stelldichein. Ob es sich dabei nur um regionale Phänomene gehandelt hat muss offen bleiben. Einen Erklärungsansatz für den (bei einigen Arten vielleicht nur scheinbar) stotternden Heimzug lieferte die Großwetterlage im Südwesten Europas: Sie wurde von zählebigen Tiefdruckgebieten dominiert und hinderte die Vögel vermutlich am schnellen Weiterkommen. Hatten sie die ungastlichen Gefilde erst einmal hinter sich gelassen, sind sie vielleicht, bei durchweg „schönem Wetter“ hierzulande, schnell, zielstrebig und weithin unsichtbar in ihre Brutgebiete geflogen.
Vom Kuckuck (14. April) und vom Braunkehlchen (9. April) lagen wiederum recht frühe Erstbeobachtungen vor, wobei anzumerken ist, dass sich jeweils weitere Artgenossen in den Folgetagen bemerkbar machten. Dies betrifft auch die Nachtigall (9. April), bei der sich die frühere Ankunft immer mehr verstetigt.

Nachtigall - MGöpfert
Abb. 3: Nachtigall. Foto: M. Göpfert

Gleich zwei Erstbeobachtungen der Gartengrasmücke erfolgten, aus regionaler Sicht singulär früh, bereits am 15. April. Die erste Dorngrasmücke geriet, ganz regulär, zwei Tage später in den Blick. Garten- vor Dorngrasmücke: Das hat es bei uns noch nie gegeben.

Im Landkreis Northeim schritten drei Paare des Höckerschwans zur Brut, am Böllestau bei Hollenstedt, an den Northeimer Kiesteichen und an den „Wunderteichen“ südlich der A7. Die Paare an den „Wunderteichen“ und am Böllestau blieben erfolglos, während das Paar an den Kiesteichen sich mit vier Jungen (später nur noch zwei) reproduzieren konnte. In Göttingen waren die traditionellen Paare im Levin-Park (acht Junge, davon vier immutabilis), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (neun Junge) und am Kiessee (fünf Junge, später nur noch drei, die mit den Eltern auf die Leine auswichen) erfolgreich. An der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden gab es drei Junge. Am Wendebachstau bei Reinhausen schlüpften aus einer Spätbrut fünf Junge, davon vier immutabilis.
Ein Singschwan legte am 2. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre Hollenstedt eine kurze Rast ein.

Am 3. und 24. März lieferten zwei Kanadagänse an der Kiesgrube Ballertasche die ersten Lokalnachweise seit 1987. Am Seeanger und in der Leineniederung nördlich von Northeim trieben sich beständig ein bis drei Vögel umher. Maximal sieben Ind. gerieten am 26. April im Leinepolder und am 29. Mai an der Geschiebesperre ins Visier. Zu Bruten oder Brutversuchen ist es, anders als im Vorjahr (erfolgreiches Paar am Lutteranger), zum allgemeinen Bedauern wohl nicht gekommen.
Am 14. und 15. März hielt sich eine kleinere Kanadagans am Göttinger Kiessee und der Kiesgrube Reinshof auf, die vermutlich der Unterart parvipes angehörte. Diese Unterart wird gern in Gefangenschaft gehalten. Ein phänotypisch ähnlicher Vogel wurde im Frühjahr 2000 am Seeburger See gesehen.

Kanadagans - M.Siebner
Abb. 4: Kanadagans (vermutlich Unterart parvipes). Foto: M. Siebner

Einzelvögel der Weißwangengans traten im gesamten Berichtszeitraum auf, Anfang März an der Kiesgrube Reinshof, später in der Leineniederung nördlich Northeim.
Anfang März rasteten noch bis zu 2500 Tundrasaatgänse an der Geschiebesperre. Nach dem 25. des Monats waren die letzten verschwunden.
Blässgänse waren im März mit bis zu 1600 Ind. in der Leineniederung wie üblich etwas schwächer vertreten als Saatgänse. Der aus dem Vorbericht bekannte, 2011 in Noord-Brabant/Niederlande markierte Vogel (schwarzer Halsring 5VA) konnte am 4. und 11. März am Seeburger See bzw. Seeanger erneut abgelesen werden. Die letzte Blässgans des Frühjahrs stammt vom 23. April.
Die Brutpopulation der Graugans erlebte in der Leineniederung nördlich von Northeim ein ziemliches Desaster, dessen Ursachen (Beeinträchtigung durch den „Märzwinter“, Prädation, gezielte Verfolgung?) offen bleiben. Im Leinepolder Salzderhelden hatte ein Paar Schlupferfolg (vier Junge), am Böllestau bei Hollenstedt eines von zwei Paaren (ein Jungvogel), an der Geschiebesperre Hollenstedt zwei bis drei Paare (insgesamt sieben bis neun Junge) und am Freizeitsee eines (fünf Junge). Der Erfolg von ein bis zwei Paaren an den Northeimer Kiesteichen blieb ungewiss. Wie viele der geschlüpften Küken die Selbständigkeit erreichten ist ebenfalls unklar. Sieben Paare mit Schlupferfolg zeigten nur ein Fünftel bis Sechstel des Bestands der letzten Jahre an.
In Göttingen lief es besser: Am Kiessee hatten 17 Paare Schlupferfolg. Später führten 13 Paare um die 37 Jungvögel, mit guten Chancen zur Selbständigkeit.
Der Levin-Park erwies sich heuer als „Land des Friedens“, an dem nicht nur religiöse Sektierer ihre helle Freude gehabt hätten: Weil sich die Attacken des Höckerschwan-Erpels (wollte man ihm einen Namen verpassen, wäre „Clemens“ eine Option) weithin in Grenzen hielten, brachten zwei Paare zwei bzw. vier Kleine zum Ausfliegen. Das gab es noch nie.
Eine Brut auf dem Stadtfriedhof wurde, wie so oft, aufgegeben.
An der Kiesgrube Ballertasche brüteten fünf Paare. Offenbar hatte nur eines von ihnen Schlupferfolg. Von den fünf Gösseln waren vier später verschwunden. An der Sandgrube Meensen gab es ein Paar mit drei Jungen, die bald darauf nicht mehr aufzufinden waren. Am Wendebachstau bei Reinhausen waren mindestens vier Paare mit Erfolg (insgesamt 14 Kleine) gesegnet.
Am Seeburger See führten vier bis fünf Paare Junge (insgesamt zwölf bis 15, darunter drei aus einer späten Brut im Juni), am Seeanger (wieder) nur eines (drei Kleine). Am winzigen Teich in Bodensee brüteten wie üblich zwei Paare hintereinander, d.h. das zweite Paar legte los, wenn das erste mit seinem Nachwuchs abgewandert war.

Bis dato gibt es acht erfolgreiche Bruten der Nilgans zu vermelden: Am Göttinger Levin-Park mit sechs flügge gewordenen Jungen, an der Rhume bei Bilshausen (zwei Junge Ende April, die offenbar später nicht mehr auszumachen waren), an der Sandgrube Meensen (neun Kleine), am Böllestau bei Hollenstedt (acht), an der Geschiebesperre (sieben), nahe der Staumauer in Salzderhelden (neun), im Seeanger (zwei) und auf der Werra bei Hedemünden an der Außengrenze unserer Zivilisation (neun). In Fredelsloh stritt sich eine Nilgans mit Turmfalken und Dohlen um das Turmloch der Klosterkirche. Fortsetzung folgt…

Höckerschwan - MSiebner
Abb. 5: Höckerschwan im Levin-Park, mit kleinen Nilgänsen im Visier.
Foto: M. Siebner

Brandgänse erreichten am 25. Juni mit vier Ind. an der Geschiebesperre ihr Maximum.
Im April schmückten zwei Rostgänse den Leinepolder. Ebenfalls zu zweit waren Artgenossen, die am 27. Juni über die Einbecker Altstadt flogen.

Am Seeanger führte ein Weibchen der Schnatterente zum Sommerbeginn sieben Junge. Damit liegt für dieses Gebiet (und den Landkreis Göttingen) der zweite Brutnachweis in Folge vor.
Überwinternde Pfeifenten waren bis Ende März an der Rhume bei Northeim und im Leinepolder mit bis zu 600 Ind. noch gut vertreten. Der positive Trend seit ca. 20 Jahren ist bemerkenswert, zumal für einen Rastplatz im tiefen Binnenland.
Heimziehende Schwimmenten zeigten ein durchweg schwaches Vorkommen an, mit einer Ausnahme: Am 16. April bedeckten 129 Löffelenten die kleine Kiesgrube Reinshof - ein Lokalrekord der Extraklasse. Ansonsten bewegten sich auch bei dieser Art die Maximalzahlen im zweistelligen Bereich.
Am 17. und 18. März glänzte am Northeimer Freizeitsee ein schmuckes Männchen der Kolbenente samt schlichtem Gespons.

Die weibliche Bergente vom Freizeitsee hielt es bis zum 25. März dort aus. Ein Weibchen vom 23. April an der Geschiebesperre dürfte ein anderer Vogel gewesen sein.

Ein bis zwei ausgesetzte Fasane vegetieren in der Feldmark Gieboldehausen und in der Rhumeaue als Flintenfutter vor sich hin.
Das Ergebnis der diesjährigen Kartierung von Rebhühnern an 90 Transekten im Göttinger Ostkreis fiel mit 170 Vögeln gegenüber dem Vorjahr (218 Ind.) mäßig aus. Die Brutsaison 2017 war durch eine hohe Kükenmortalität im Juli gekennzeichnet (drei Tage Dauerregen). Gleichwohl bewegte sich der Rückgang (noch) im Rahmen normaler Schwankungen. Zudem können die verschiedenen Teilpopulationen unterschiedliche Trends aufweisen. So legte die Diemardener Population, die im letzten Jahr stark zurückgegangen war, trotz der Schlechtwetterphase im Juli wieder etwas zu.

Die bis zu drei am Northeimer Freizeitsee überwinternden Rothalstaucher waren (wohl) bis Ende März präsent. Die nahezu komplette Vereisung des Gewässers Anfang März ignorierten sie souverän. Am Seeburger See hielten sich vom 23. März bis zum 30. April beständig ein bis zwei Ind. auf (immer dieselben?). Von Mitte bis Ende April traten am Freizeitsee und an den Northeimer Kiesteichen Einzelvögel in Erscheinung. Den Reigen beschlossen ein bis zwei Ind. im Brutkleid vom 11. bis 13. Mai an den Northeimer Kiesteichen.

Rothalstaucher - BRiedel
Abb. 6: Rothalstaucher auf dem Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Am 23. März schmückten zwei Ohrentaucher den Seeburger See. Ihnen folgte am 26. und 27. April ein Einzelvogel ebenda, der sich am Rand eines kleinen Trupps von fünf Schwarzhalstauchern aufhielt. Die letztgenannte Art erreichte dort am 7. April mit 15 Ind. ihr Maximum. Über das Brutgeschäft der anderen Lappentaucher wird im Folgebericht Auskunft gegeben.

Ein Silberreiher mit Schmuckfedern posierte im März über Wochen im Landwehrgraben am südlichen Göttinger Stadtrand (vgl. Abb. 1). Ähnlich gewandet waren im März/Anfang April auch bis zu vier Vögel am Seeanger und Seeburger See. Dem Modesta-Typ (rote Beine, schwarzer Schnabel) zugeordnet wurde jedoch nur ein Ind. am 10. Mai in der Leineniederung nördlich von Northeim. Maximal 82 Ind. hielten sich am 14. April im Leinepolder auf, ansonsten lagen die Zahlen weit darunter und bestätigten das insgesamt schwache Auftreten in den vergangenen Monaten.
Die Kolonie der Graureiher in zwei Hybridpappeln am Göttinger Kiessee umfasste in diesem Frühjahr zehn Paare (im Vorjahr zwölf). Knapp 30 Jungvögel dürften flügge geworden sein.
Ein Seidenreiher stattete der Geschiebesperre Hollenstedt am 23. Mai einen kurzen Besuch ab.

Die Expansion brütender Weißstörche im und um den Leinepolder ist in diesem Frühjahr ins Stocken geraten: Brutversuche auf Nisthilfen in Hohnstedt und am Ortsrand von Salzderhelden scheiterten. Das traditionelle Paar am Seeanger schritt nicht zur Brut. Sein Nest war in den vergangenen Jahren mächtig gewachsen, sogar mit einem Bäumchen als Untermieter. Weil der Landkreis Göttingen den Absturz befürchtete, wurde eine Fachkraft mit der Verkleinerung beauftragt. Diese fiel jedoch - man kennt das ja von anderen „Pflegemaßnahmen“ durch Grobmotoriker - so radikal aus, dass bis auf die Plattform von dem Nest kaum noch etwas zu sehen war. Zudem fand die Aktion zum Beginn der Brutzeit statt. Das war den Vögeln denn doch zuviel…

Storchennest - MSiebner
Abb. 7: Rasiert statt saniert: Weißstorchnest am Seeanger. Foto: M. Siebner

Für die Brutstörche ist 2018 wohl ein schlechtes Jahr. Trockenheit und Mäusemangel forderten ihren Tribut. Es liegen Berichte von aus dem Nest geworfenen Jungvögeln vor. In Hevensen/Wolbrechtshausen überlebte ein Jungvogel (von vier) den Rauswurf schwer verletzt und wird in einer Pflegestation im Eichsfeld aufgepäppelt. In Gieboldehausen wurde ein schwaches Küken kurzerhand von einem Altvogel verspeist.

Drei Winterbeobachtungen der Kornweihe stehen neun Heimzugbeobachtungen gegenüber. Sie waren weit über die Region verteilt und betrafen, mit Ausnahme von zwei Ind. in der Rhumeaue bei Bilshausen am 19. März, Einzelvögel. Bis auf zwei Männchen handelte es sich um Weibchen oder immature Vögel.
Eine weibliche Wiesenweihe krönte während des Birdrace am 5. Mai eine kleine Exkursion an den Lutteranger. Weibchenfarben und entsprechend knifflig zu bestimmen war eine Steppen- oder Wiesenweihe am 10. Mai über der Feldmark Reinshof.
Am 31. März und 2. April mischte ein junger Seeadler den Leinepolder auf.

Schlichte Merline wurden am 14. April im Leinepolder und am 28. April im Seeanger notiert.
Weibliche Rotfußfalken ließen sich am 10. Mai in der Feldmark Reinshof und am 12. Mai an der Geschiebesperre bestaunen (und fotografieren).
Am beliebten Junikäfer-Buffet auf der Drachenwiese in Gö.-Treuenhagen fanden sich ab Mitte des namensgebenden Monats der Tierchen in der Dämmerung bis zu sechs Baumfalken ein. Wie immer ein tolles Spektakel, obwohl es weniger Käfer gab als in den Vorjahren.

Junikäfer - MSiebner
Abb. 8: Mmmmhh, lecker: Junikäfer als Baumfalken-Snack. Foto: M. Siebner

Mit einer Neuansiedlung im Norden der Stadt ist die Göttinger Wanderfalken-Population auf drei Paare angewachsen. Mindestens fünf Jungfalken erreichten die Flugfähigkeit. Näheres kann an dieser Stelle leider nicht (mehr) mitgeteilt werden, weil die Verfolgung durch ebenso vernagelte wie skrupellose Reisetaubenzüchter stark zugenommen hat. Diese kriminellen Vogelfreunde der ganz speziellen Art arbeiten mit vergifteten/imprägnierten Tauben, die noch eine Weile fliegen können („Kamikaze-Tauben“). Beliebt sind auch kleine Metallhaken im Fleisch der Köder, die, wenn sie von den Falken verschluckt werden, für deren elenden Tod sorgen. In Westdeutschland, aber auch im benachbarten Thüringer Eichsfeld wurden so schon etliche Familien ausgelöscht. Dass unsere Falken scheinbar sicher im Siedlungsbereich brüten, schützt sie nicht unbedingt, weil sie in der Regel im Offenland auf die Jagd gehen.
Aus dem Landkreis Northeim wurde eine Brut in einem Strommast bekannt. Weil sie recht spät und von möglicherweise unerfahrenen Vögeln in Angriff genommen wurde, scheiterte sie. Eine kleine Sensation ist, dass die Brut nicht einem Nistkasten, sondern in einem Corvidennest stattfand. So etwas gab es seit der Wiederbesiedlung Niedersachsens vor ca. 30 Jahren (mit in Hessen ausgewilderten Vögeln) wohl noch nie. Das Brüten in Nestern von anderen Vornutzern ist typisch für Baumbrüter. Baumbrüter sind aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für den Norden und Nordosten des heutigen Bundeslands belegt. In Brandenburg zeigt ein Projekt zum Wiederaufbau einer Baumbrüterpopulation erste Erfolge. Dagegen sind Baumfalken, die Krähennester in Strommasten zum Brüten nutzen, in unserer Region so ungewöhnlich nicht. Es gab sogar Nistplätze, die über Jahre genutzt wurden. Wie es heute damit aussieht, weiß leider keiner…

Der Heimzug des Kranichs plätscherte, mit höchsten (sichtbaren) Tagessummen von um die 1000 Ind., in der ersten Märzdekade vor sich hin. Die größte Zahl wurde am 7. März im Leinepolder mit ca. 1350 Rastvögeln registriert. Ein Jungvogel im 2. Kalenderjahr mit Beinverletzung konnte sich im Seeanger bis (mindestens) zum 3. Juni regenerieren.
Wachtelkönige waren nur sehr spärlich vertreten: Im Leinepolder riefen bis zu drei Männchen, Einzelvögel in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen (im Mai) und am 17. Juni an der Retlake nahe dem Seeanger. Nachweise aus dem Seeanger und Umgebung sind eine Rarität.
Am 22. April drückte sich ein Tüpfelsumpfhuhn am Schilfrand des Seeangers herum. Am 28. des Monats sangen im Leinepolder mindestens zwei Männchen. Am 12. Mai taten es ihnen ebenfalls zwei Männchen in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau nach.

Am 9. April beehrte ein Austernfischer die Geschiebesperre mit einer Stippvisite.

Austernfischer - WVogeley
Abb. 9: Austernfischer. Wichtigstes Bestimmungsmerkmal: Kleiner als Schwarzstorch. Foto: W. Vogeley

Goldregenpfeifer traten im kleinen „Märzwinter“ nicht in überdurchschnittlich hoher Zahl auf. Die Maximalzahlen lagen bei 67 Ind. am 7. März im Leinepolder und 56 Ind. am 15. März in der Feldmark Gö.-Geismar. Ein Vogel am 19. März an der Weser bei Hann. Münden war erst der zweite Nachweis für den Altkreis. Der erste stammt aus dem Jahr 1969!
Erfolgreiche Bruten (Schlupferfolg) des Kiebitz’ fanden wie in den Vorjahren nur an der Geschiebesperre (mindestens drei Paare) und am Seeanger (ebenfalls mindestens drei Paare) statt. An der Geschiebesperre erreichten drei Jungvögel aus zwei Bruten die Selbständigkeit, am Seeanger wohl nur einer. Wegen der oftmals ungünstigen Beobachtungsbedingungen und der Tarnung der Jungvögel in der aufwachsenden Vegetation könnten es (vielleicht und hoffentlich) auch mehr gewesen sein. Ob die Brut an einer Vernässungsstelle gegenüber der Geschiebesperre (nahe der Schäferei) erfolgreich verlief muss offen bleiben. Immerhin scheint der „Märzwinter“ den regionalen Brutbestand nicht beeinträchtigt zu haben.
Von ca. zwölf brutwilligen Paaren des Flussregenpfeifers an den Abbaugewässern der Region sind offenkundig nur drei mit Schlupferfolg dokumentiert: An der Geschiebesperre (vier Jungvögel aus zwei Bruten) und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (zwei Kleine). Über den Ausgang einer Brut (Gelegefund) an der Sandgrube Meensen lagen keine weiteren Informationen vor. Ob überhaupt ein Jungvogel die Selbständigkeit erreichte ist fraglich. Prädatoren und Freizeitrummel sind die schlimmsten Feinde des Flussregenpfeifers. Seine Zukunft verdüstert sich immer mehr.
Vom Sandregenpfeifer, der in typisch niedrigen Tagessummen von maximal vier Ind. auftrat, ist ein aus dem Rahmen fallender Nachweis vom 25. Juni an der Geschiebesperre eine besondere Erwähnung wert. Zuvor waren dort am 2. und 3. Juni ein bis zwei Ind. präsent, die wohl noch dem späten Heimzug zugerechnet werden konnten.

Einzelne Regenbrachvögel standen am 15. April an der Geschiebesperre und im Polder (vermutlich derselbe Vogel) und am 7. Mai im Seeanger.
Ihr Großer Vetter war in der Leineniederung und am Seeanger mit vier Beobachtungen von Einzelvögeln vertreten, zu zweit am 1. April über der Geschiebesperre und am 15. April im Leinepolder.
Uferschnepfen traten ebenfalls als Einzelvögel in Erscheinung: Vom 25. bis 27. März im Seeanger, am 19. und 22. April ebenda (mit kurzer Luftbalzeinlage) und am 29. April im Luftraum über der Geschiebesperre.
Sieben Pfuhlschnepfen (teils noch im Winterkleid, teils ins Brutkleid mausernd) am 25. April im Seeanger sind nicht annähernd so viele wie der legendäre Trupp von 80 Vögeln (kein Tippfehler!), der am 9. September 2010 bei gruseligem Wetter über dem Seeburger See auf der Suche nach einem Rastplatz umherflog. Gleichwohl signalisierten sie die zweitgrößte Anzahl in unserer Region.

Pfulschnepfen - VHesse
Abb. 10: Belegfoto der Pfuhlschnepfen im Seeanger. Foto: V. Hesse

Von der Waldschnepfe gab es 28 Beobachtungen. Im Kaufunger Wald (Hann. Münden/Lutterberg) konnte die Anzahl besetzter „Reviere“ wieder auf ca. fünf beziffert werden. Am 30. März zeigte ein schon länger toter Vogel in der Göttinger Südstadt Kalamitäten an, von denen Waldschnepfen auf dem Zug besonders betroffen sind (Scheibenanflüge, Kollision mit Fassaden, Verkehrsopfer usw.). In der Fotogalerie von ornitho gibt es wieder eine Vielzahl von Ablichtungen toter Vögel, auch und gerade aus dem Siedlungsbereich.
Am 5. März feierten elf (!) Zwergschnepfen in einem winzigen Feuchtgebiet am westlichen Stadtrand einen Göttinger Allzeitrekord.
Im Leinepolder balzte am 17. Mai mindestens eine Bekassine. Der kurze Meckerflug eines Männchens am 29. April im Seeanger blieb ohne weitere Konsequenzen. Ansonsten war die Art auf dem Heimzug nur schwach vertreten, in der Regel in einstelliger bis niedriger zweistelliger Zahl. 72 Ind. am 22. März im Leinepolder waren die große Ausnahme.

Limikolen der Gattung Tringa waren eher durchschnittlich präsent: Dunkle Wasserläufer erreichten am 26. April im Seeanger mit 15 Ind. ihr Maximum, Rotschenkel am 26. April mit vier Ind. ebenda, Grünschenkel mit, immerhin, 26 Ind. am 23. April, Waldwasserläufer am 3. April mit mindestens 40 Vertretern im Leinepolder und Bruchwasserläufer am 6. Mai an der oben genannten Vernässungsstelle bei der Schäferei in der Leineniederung mit 105 Ind. Am Seeanger bewegten sich die Maximalzahlen durchweg im mittleren zweistelligen Bereich (68 Ind. am 6. Mai).
Beim Kampfläufer lag wieder der Seeanger mit 40 Ind. (darunter auch Schönlinge mit barocker Federpracht á la Louis Quatorze) am 25. April vorn.

Ein Sumpfläufer erregte am 15. und 16. Mai im Seeanger einiges Aufsehen. Mausert sich das Gebiet zum Binnenland-Hotspot für diese hochgeschätzte Limikolenart? Seit 2014 liegt schon die zweite Beobachtung vor, zwei weitere aus den Jahren 2015 und 2016 sind bei der Avifaunistischen Kommission Niedersachsen/Bremen anhängig.
Von den Calidris-Limikolen sind ein Zwergstrandläufer am 5. Juni und, recht bemerkenswert, zwölf Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre und neun an der Vernässungsstelle gegenüber am 13. Mai erwähnenswert (vielleicht identisch).

Temminckstrandläufer - MSiebner
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Der einzige Sichelstrandläufer (auf dem Heimzug ohnehin eher selten) stammte vom 28. April aus dem Seeanger.
Mehr als zwei Alpenstrandläufer wurden an einem Tag in keinem Gebiet gesehen.

Maximal 16 Zwergmöwen zeigten am 23. April am Seeburger See ein insgesamt eher schwaches Auftreten an.
Einzelpaare der Lachmöwe schritten im Seeanger und Lutteranger zur Brut, vermutlich erfolglos. Ein Vogel, der am 21. März mit 110 Artgenossen auf dem vereisten Göttinger Kiessee stand, stammte aus Polen. Er trug einen weißen Farbring mit dem Code „T2TW“, der ihm am 10. Juni 2011 als Nestling im Zentrum des Landes verpasst worden war.
Von der Schwarzkopfmöwe gab es zehn Beobachtungen von mind. elf Ind. in allen für das Frühjahr typischen Altersklassen, eingeschlossen einen irritierenden Vogel nahe der Schäferei vom 10. Mai, der vom ersten Winterkleid ins erste Sommerkleid ummauserte.
Eine alte Großmöwe wurde am 20. April an den Northeimer Kiesteichen als Silbermöwe bestimmt.
Sicher ansprechbar war eine vorjährige Mittelmeermöwe am 6. und 7. Mai am Seeburger See und Seeanger. Sie trug einen roten Farbring mit der Kombination „62T“, der ihr am 13. Mai 2017 als Nestling an der Donau im Kreis Straubing (Bayern) angelegt worden war. Darüber hinaus lagen Beobachtungen vom 30. April am Northeimer Freizeitsee (vorjähriger Vogel), am 8. Mai am Göttinger Flüthewehr sowie vom 12. und 15. Mai an der Geschiebesperre (zu zweit, im 3. bzw. 4. Kalenderjahr) vor.
Von der Steppenmöwe, die sich aus regionaler Sicht zur „häufigsten“ Großmöwenart gemausert hat, gab es vom 2. März bis 15. Juni beachtliche 22 Beobachtungen von (wohl) 22 verschiedenen Ind. Ob sie durchweg kussecht waren, sei angesichts der notorischen Hybridproblematik dahingestellt…
Eine alte Heringsmöwe ließ sich am 3. Mai an der Geschiebesperre gut bestimmen, wenngleich, in weiser Beschränkung, nicht auf Unterartniveau.

Am 8. Mai schmückte eine Weißflügel-Seeschwalbe die Geschiebesperre, als einziger Vertreter der seltenen Seeschwalben in dieser Saison.
Am 1. Mai zeigten 30 Trauerseeschwalben am Seeburger See ihr saisonales Maximum.

Trauerseeschwalbe - MSiebner
Abb. 12: Trauerseeschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Flussseeschwalben machten sich im Zeitraum vom 23. Mai bis 21. Juni mit insgesamt vier Ind. am Seeburger See und am Northeimer Freizeitsee eher rar.
Gleichhäufig waren Küstenseeschwalben am Seeburger See zu Gast: Am 24. April (zwei Ind.), am 27. April und am 15. Mai.

Von der Turteltaube lagen, immerhin, elf Beobachtungen vor, zumeist von heimziehenden Vögeln. Interessant waren Hinweise auf eine Revierbesetzung in Sievershausen (Sollingvorland), wo dreimal ein singendes Männchen vernommen wurde. Dies betraf auch ein singendes Männchen am 16. Juni auf einer Windwurffläche im Gillersheimer Forst. Nahe Eberhausen, wo sich im Mai letzten Jahres ein balzender Vogel in einem Feldgehölz aufgehalten hatte, machte sich wiederum ein Männchen bemerkbar, allerdings erst Ende Juni am Dorfrand zur Zeit der Kirschernte. Der Brutplatz auf der Windwurffläche bei Ellershausen scheint wohl endgültig verwaist zu sein. Gehölzsukzession und Verdichtung der Bodenvegetation haben das Gebiet für die Art vollends entwertet. Im zweiten Frühjahr in Folge ließ sich kein Vogel mehr blicken.

Unsere heimischen Eulenarten zeichneten in dieser Brutsaison ein düsteres Bild: Von der Schleiereule gab es keine Beobachtung. Das ist jedoch nicht weiter verwunderlich, weil dieser Art schon seit langem keine Beachtung mehr geschenkt wird.
Raufußkauz: Fehlanzeige.
Sperlingskauz: Im Hochsolling konnte nur ein singendes Männchen in einem altbekannten Revier bestätigt werden. Eine Suche nach weiteren Männchen wäre vielleicht sinnvoller gewesen als das Anfahren und Abhaken dieses Vogels auf der Jahresliste.
Waldohreule: Kein Brutnachweis, obwohl der Göttinger Süden mehrfach darauf kontrolliert wurde.
Dagegen geriet die Sumpfohreule gleich dreimal vor die Optik: am 7. April am Northeimer Freizeitsee, am 5. Mai am Seeburger See und am 21. Juni (!) ebenda.
Die einzigen Jungeulen wurden aus dem Göttinger Ostviertel nahe dem Nikolausberger Weg bekannt: Dort konnte sich das unverwüstliche Waldkauz-Paar mit ein bis zwei Jungen reproduzieren. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof ist immer noch ein Männchen präsent. Ob ihm die drei Nistkästen, die der NABU dort (überflüssigerweise) angebracht hat, bei der Verpaarung helfen, darf bezweifelt werden.
Für das kommende Jahr gilt (hoffentlich) die alte Eulenweisheit „Kommt Zeit, kommt Maus“…

Bienenfresser machten sich ungewohnt zahlreich bemerkbar, allerdings nicht auf Augenhöhe: Am 19. Mai flogen 14 Ind. über Gö.-Geismar (Einstellung des Regionalrekords vom Mai 2014 bei Einbeck), einen Tag später mindestens drei Vögel im Luftraum über einem belegten Liegestuhl in Diemarden und am 21. Mai drei Vögel über dem Göttinger Ostviertel. Macht zusammen mindestens 20 Bienenfresser an drei Folgetagen. Das kann man fast schon Massenzug nennen…

Der Wiedehopf konnte seinen Status als jährlicher Heimzuggast zementieren. Einzelvögel rasteten am 9. April in Gö.-Weende (Hausgarten am Kellnerweg), am 11. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre (vielleicht derselbe) und am 17. April südlich Waake und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben.

Wiedehopf - MGeorg
Abb. 13: Wiedehopf in Weende. Foto: M. Georg

Anfang Juli zeigte sich im Leinepolder ein Wendehals an einer (Brut-)Höhle. Unverhofft kommt bei dieser Art nicht gerade oft…
Vögel mit längerer Verweildauer konnten im Göttinger Raum nur in Weende/Nikolausberg (Bärenberg, Fassberg und Forstbotanischer Garten) dokumentiert werden. Duettgesang und heimliche Vögel im Juni legten starken Brutverdacht von ein bis zwei Paaren nahe. Auf dem Kerstlingeröder Feld trat die Art nur unregelmäßig in Erscheinung, leider schon das zweite Jahr in Folge.

Der einzige Pirol der Saison ließ sich am 21. Mai in einem Hausgarten in Ebergötzen ausmachen.

Neuntöter trafen in diesem Jahr in Deutschland ungewöhnlich früh und in guter Zahl ein. Die zeitige Ankunft dieses Ostziehers wird auch durch ein Paar belegt, das sich am 29. April an der Kiesgrube Ballertasche bemerkbar machte. In der Region war er gut vertreten und eine gezielte Erfassung hätte vermutlich noch weitaus höhere Zahlen erbracht. Die alljährlich vorgenommene Zählung auf dem Kerstlingeröder Feld war jedoch dazu angetan, die Hoffnung auf ein Rekordjahr etwas zu dämpfen: 20 revieranzeigende Männchen sind zwar ein gutes Ergebnis, die Zahlen der Vorjahre (2016 und 2017: 20, 2015: 21) wurden aber nicht übertroffen, es bleibt beim Rekordbestand von 25 Männchen im Frühjahr 2014. Mitten im Bramwald war wieder ein Brutplatz auf einer kleinen Windwurffläche besetzt.

Brutplatz Neuntöter - JWeiss
Abb. 14: Brutplatz des Neuntöters im Bramwald. Foto: J. Weiss

Der überwinternde Raubwürger auf dem Kerstlingeröder Feld wurde am 12. April das letzte Mal gesehen. Die anderen Wintergäste (ehemaliger Grenzstreifen bei Duderstadt, Feldmark Tiftlingerode, Atzenhausen) waren schon zwei Wochen vorher verschwunden.

Bemerkenswert ist die Beobachtung eines Tannenhähers, der am 30. Mai in Sievershausen drei flügge Jungvögel fütterte. Ob die Brut im Siedlungsbereich stattgefunden hat muss offen bleiben. Der Solling, wo Tannenhäher regelmäßig brüten, liegt praktisch nebenan.
Positives gibt es von der Dohle zu berichten: In Gillersheim zog ein Paar in einer Scheune (Schleiereulenkasten) vier Junge groß. An den Kirchen in Fredelsloh und Barterode bestand Brutverdacht von Einzelpaaren. Im Hedemündener Gemeindewald brüteten drei Paare in Schwarzspechthöhlen. Zu verdächtigen Vögeln in Lindau und Bodensee lagen keine weiteren Angaben vor, die ein Brüten wahrscheinlich machten.
Die Höchstzahl von Saatkrähen stammte mit 25 Ind. am 4. März aus dem Göttinger Süden. Dabei dürfte es sich um länger präsente Wintergäste gehandelt haben. Kleinere Trupps von 11 Ind. am 6. März über Gö.-Weende und von 16 Ind. am 7. März ebenda konnten vielleicht ebenfalls dem (abziehenden) Winterbestand zugeordnet werden. Mit anderen Worten: Der Heimzug von Vögeln, die weiter südlich überwintert hatten, war in diesem Frühjahr nicht wahrnehmbar.
Am Diemardener Berg hatte ein Agraringenieur auf einem großen Maisacker tote Rabenkrähen und ein Gas-Schnellschreckgerät der Marke „Purivox Karussel“ platziert. Für den Göttinger Süden stellte dieser befremdliche Anblick (von den regelmäßigen Detonationen ganz zu schweigen) einen krassen Gegensatz zu den Umwelt- und Artenschutzmaßnahmen gleich nebenan dar, eine echte Novität.

Rabenkrähe - VLipka
Abb. 15: So macht man einen Maisacker noch vogelärmer. Foto: V. Lipka

Von der Beutelmeise lagen sieben Heimzugbeobachtungen von insgesamt mindestens elf Ind. vor. Bruthinweise: Fehlanzeige. Ihr Status als ehemaliger Brutvogel ist nicht mehr fern…

Neben den bis zu 85 in der Einleitung erwähnten unglückseligen Heidelerchen, die sich im „Märzwinter“ an den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten, sind mindestens 20 Vögel erwähnenswert, denen es am 19. März an der Weser in Hann. Münden ähnlich erging. Darüber hinaus gerieten vom 6. bis 27. März ca. 95 weitere Vögel in den Blick. Nach einem gigantischen Zugstau sah das eher nicht aus. Allerdings sind die kleinen Lerchen nicht so auffällig wie Kiebitze.

Ende Mai wurden an der Brutkolonie der Uferschwalbe am Freizeitsee um die 50 angeflogene Röhren gezählt.

2017 war für den Waldlaubsänger kein gutes Jahr. Im Landkreis Göttingen wurden vom 15. April bis Ende Juni ganze 29 Vögel ausgemacht. Ganz anders ein Jahr später: Mit 121 Beobachtungen lag im gleichen Zeitraum ein passables Ergebnis vor. Vermutlich ist der Einbruch der Mäusepopulationen diesem Bodenbrüter zugute gekommen. Mäuse plündern Nester und locken Prädatoren an, die sich dann auch bei den Vögeln bedienen. Gleichwohl ist die Zukunft dieser faszinierenden Art, der aktuell, vor allem in der Schweiz, einige Forschungsprojekte zu Populationsdynamik und Habitatnutzung gewidmet sind, recht düster. Im Bramwald zum Beispiel werden die meisten Buchenbestände nach der Großschirmschlag-Methode bewirtschaftet. Das bedeutet: Ein paar ältere Bäume bleiben stehen, während sich zwischen ihnen dichter Jungwuchs ausbreitet. Solche wenig strukturierten Flächen sind dem Waldlaubsänger abträglich: Es fehlen mäßig bewachsene Offenstellen mit Bülten und ähnlichen Requisiten zum Brüten sowie jüngere Einzelbäume, deren horizontal verlaufende Äste er gern als Singwarte nutzt. Zwei Fotos sollen das verdeutlichen:

Waldlaubsänger 1 - JWeiss
Abb. 16: Brutplatz des Waldlaubsängers im Bramwald.
Foto: J. Weiss

Waldlaubsänger 2 - JWeiss
Abb. 17: Dichter Jungwuchs auf einer Schirmschlagfläche im Bramwald.
Foto: M. Weiss

Nicht nur für den Waldlaubsänger, auch für andere Waldvögel (z.B. Spechte und andere Höhlenbrüter) sind jungwuchsreiche Schirmschlagflächen nicht nutzbar. Allenfalls ein paar Ubiquisten (Zilpzalp, Rotkehlchen) können dort brüten. In den nächsten Jahrzehnten wird sich daran leider nichts ändern.
Über den Grünlaubsänger, der vom 4. bis 9. Juni Gö.-Weende beschallte, wurde bereits im Vorbericht auf dieser Homepage Auskunft gegeben, hoffentlich erschöpfend.

Am zunehmend desolaten Status des Feldschwirls hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert: In der Rhumeaue bei Bilshausen ließen sich, als saisonales Maximum, vier Sänger vernehmen. Jeweils bis zu drei sangen im Leinepolder, in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau, an den Schweckhäuser Wiesen, im Stockhauser Bruch und an der Kiesgrube Ballertasche. Aus der Normallandschaft ist er faktisch verschwunden.
Schlagschwirle waren mit 16 Beobachtungen (zum Teil identischer Vögel) an Fluss- und Bachläufen in passabler Zahl vertreten. Die meisten gab es mit drei Sängern in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau. Im weiteren Umfeld ließen sich noch vier andere vernehmen. Damit bestätigte sich die Rhumeaue als traditioneller Hotspot für diese Art. An der Retlake nahe dem Seeanger gelangte am 17. Juni ein Sänger zu Gehör, bis zu drei waren es an der Kiesgrube Ballertasche und Umgebung. Ein Sänger am 24. Juni bei Scheden komplettierte die Nachweise aus dem Westkreis.
Ein Rohrschwirl hielt am Seeburger See ein Gesangsrevier besetzt. Im Leinepolder war er anscheinend ungewöhnlich schwach vertreten, mit nur einer akustischen Wahrnehmung am 28. April.

Vom Schilfrohrsänger gab es in unseren Feuchtgebieten (Ausnahme: zwei Sänger in Gebüschen an Göttinger Bahndämmen) 13 Heimzugbeobachtungen. Am Seeanger war ein Sänger wiederum über Wochen präsent (zwei Vögel am 9. Mai). Ob es zu einer Neuauflage der Brut aus dem Vorjahr gekommen ist, bleibt bis dato unklar.
16 Beobachtungen (Mehrfachmeldungen eingeschlossen) belegen: Für den Drosselrohrsänger war es ein gutes Jahr. An der Kiesgrube Ballertasche sangen, sehr bemerkenswert, bis zu drei Männchen, die sich aber offenkundig nicht verpaaren konnten. Irgendwann klappt das schon…
Neben den üblichen Rastplätzen (Göttinger Kiessee, Seeburger See, Kiesgrube Reinshof) wurden auch kleine Gebüsche oder Hecken weitab jedes Röhrichts aufgesucht. Aus dem Göttinger Siedlungsbereich lagen Nachweise vom Leinepark und Levin-Park vor. Am 30. Mai ließ ein Krachmacher in einem Hausgarten im Kiessee-Karree in Gö.-Geismar die Anwohner aufschrecken. Ein Nachweis vom 16. Juni an den Husumer Teichen ist bemerkenswert, dürfte aber einen umherstreifenden Vogel betroffen haben. Wie auch immer: Es ist ein tolles Erlebnis, wenn man, arglos dahinschlendernd, von den beeindruckenden Lautäußerungen dieser gefiederten Knarr- und Krächzmembrane aus dem Trott gerissen wird.

Drosselrohrsänger - WVogeley
Abb. 18: Drosselrohrsänger in der Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Mit 22 Beobachtungen von ca. 34 Ind. zwischen dem 1. und 23. April war die Ringdrossel in diesem Frühjahr vergleichsweise gut vertreten. Zumeist handelte es sich um Einzelvögel. An der Geschiebesperre, in der Feldmark südlich Eberhausen und auf dem Kerstlingeröder Feld traten kleine Trupps von maximal vier Ind. in Erscheinung.

Auf dem Heimzug rasteten zehn Trauerschnäpper in der Region. Ein Ind. war am 19. Mai am Duderstädter Stadtwall auf Nistplatzsuche.

Anfang Juli gelang im Leinepolder, einem traditionellen Brutplatz, die Beobachtung eines fütternden Paars des Braunkehlchens, ansonsten überwogen die Heimzugbeobachtungen. Im Umfeld eines Blühstreifens in der Feldmark Desingerode im Göttinger Ostkreis kam es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Brut, der ersten im Landkreis seit 2004 (Seeanger). Jungvögel wurden nicht gesehen, doch zeigte ein futtertragendes Weibchen zumindest Schlupferfolg an. Leider scheiterte die Brut, vermutlich durch Prädation. Kontrollen im Seeanger, die im Rahmen einer landesweiten Erfassung durchgeführt wurden, erbrachten keinen Bruthinweis.
Einige der aus den Vorberichten bekannten Brutplätze des Schwarzkehlchens waren in diesem Frühjahr verwaist. Folge des „Märzwinters“, der dieser Art große Probleme bereitet haben könnte? Allein in Hessen sollen sich im März ca. 2000 Schwarzkehlchen gestaut haben. Andererseits gab es auch neue Brutplätze. Erfolgreiche Paare mit ausgeflogenen Jungvögeln gerieten in der Feldmark Ellensen (Sollingvorland), nahe Lödingsen und am Göttinger GVZ III („Kalahari“) in den Blick. Dieser Brutplatz wird im nächsten Jahr unter weiteren Logistikhallen monströsen Ausmaßes begraben sein…Bruterfolg hatten mindestens zwei Paare in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen. Der traditionelle Brutplatz am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt war zumindest wieder besetzt. In der Feldmark Obernfeld und nahe den Schweckhäuser Wiesen (Brut im Vorjahr) zeigten verpaarte Vögel Interesse. Im Seeanger, ansonsten eine Bank für diese Art, scheint es in diesem Jahr keine Brut gegeben zu haben. Möglicherweise ergibt sich nach Beendigung der Zweitbruten ein etwas positiveres Bild. Dazu mehr im nächsten Bericht.
Erfolgreiche (Einzel-?)Bruten des Blaukehlchens konnten im Seeanger und am Seeburger See dokumentiert werden. Aus dem Leinepolder und der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau gab es Brutzeitbeobachtungen. Das klingt nicht gerade üppig. Möglicherweise hat auch dieser Art, mit ähnlicher Zugphänologie wie das Schwarzkehlchen, der „Märzwinter“ zu schaffen gemacht. Aus dem Süden Deutschlands liegen bei ornitho etliche Fotos ungewohnt „zutraulicher“ Blaukehlchen vor, die bar jeder Deckung und teilweise sogar im Siedlungsbereich auf die Nahrungssuche gehen mussten. Man kann sich vorstellen wie ihnen zumute war…

Blaukehlchen - SHörandl
Abb. 19: Junges Blaukehlchen im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Anfang Juni wurden einige Bewunderer des Weender Grünlaubsängers eines Gartenrotschwanz-Männchens gewahr, das in seinen Gesang Lautäußerungen des verwandten Hausrotschwanzes eingebaut hatte. Solche Mischsänger sind/waren auch aus dem Göttinger Ostviertel bekannt. Gartenrotschwänze sind begabte Spötter. Wenn sie einsam auf weiter Flur balzen, liegt es nahe, den Gesang der in der Nachbarschaft wesentlich häufigeren Schwesternart nachzuahmen. Einen Hinweis auf Mischbruten liefern diese Sänger in der Regel nicht. In Göttingen ist ein Hybrid Garten- x Hausrotschwanz noch nie gesehen worden.

Der einzige Brachpieper dieses Frühjahrs stammte vom 21. April aus der Umgebung von Appenrode.
Die alljährliche Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 15. Juni (nur) 15 revieranzeigende Männchen. Neben dem (zu) späten Datum hat vermutlich auch das Bombenwetter dazu beigetragen, dass sich die Vögel nach Abschluss der ersten Brut noch weniger bemerkbar machten als sonst.
Der Brutbestand des Wiesenpiepers konnte am Polder II des Leinepolders (wiederum) auf mindestens drei Paare beziffert werden. Anfang Juli zeigte ein balzendes Männchen nahe Bovenden, dass die Art in der Leineniederung zwischen Göttingen und Nörten-Hardenberg noch brüten könnte. Wie groß bzw. klein die Population ist weiß niemand. Die letzten umfassenden Kontrollen liegen 15 Jahre zurück…Auch die Rastzahlen hielten sich in Grenzen: Maximal 90 Vögel konnten am 6. April in der Leineniederung nördlich Northeim gezählt werden, 68 am 14. April ebenda. Das ist nur ein kläglicher Abglanz früherer Zeiten, als dreistellige Rastzahlen keine Ausnahme waren.
Einzelne Rotkehlpieper ließen sich am 3., 6. und 9. Mai im Seeanger bewundern.
Bis zum 18. April konnten, u.a. an der Kiesgrube Ballertasche und im Seeanger, insgesamt 90 Bergpieper gezählt werden (Mehrfachmeldungen eingeschlossen). Die meisten gab es, mit bis zu 22 Ind., am 6. April im Leinepolder. Nach Jahren der Flaute ein vergleichsweise gutes Ergebnis. Schlafplatzzählungen lagen leider nicht vor.

Am 22. April leuchtete eine männliche Zitronenstelze im Seeanger. Damit liegt für dieses Gebiet seit 2009 schon der fünfte Nachweis vor.
Kann es sein, dass Getreidebruten der Wiesenschafstelze seltener werden? Die buchstäbliche Handvoll, die gemeldet wurde, ist sicher nicht repräsentativ. Gleichwohl wäre es interessant zu erfahren, ob sich dieser Acker-Neubürger, nach 20 Jahren erfolgreicher Anpassung, wieder im Sinkflug befindet. Verwunderlich wäre es nicht…

Wiesenschafstelze - SHörandl
Abb. 20: Wiesenschafstelze im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Am 11. Mai wuselten an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (für die Saison bemerkenswerte) 23 Thunbergschafstelzen umher, ansonsten gab es nur Einzelvögel.
Eine Bachstelze, die sich von Ende März bis in die erste Maidekade im Seeanger aufhielt, wies mit einem sehr dunklen Mantel und hellen Flügelbinden Merkmale der nordwesteuropäischen Unterart yarrellii (Trauerbachstelze) auf. Nach Diskussionen und Fotostudium konnte jedoch ein Hybrid mit der Nominatform alba nicht ausgeschlossen werden. So erschien der Mantel auf manchen Fotos grau geschuppt, was an einer astreinen Trauerbachstelze zweifeln ließ. Hybriden scheinen im tiefen Binnenland nicht selten zu sein. Zwei weitere dunkle Vögel wurden in der Leineniederung nördlich von Northeim und am Seeburger See ausgemacht. Sie waren jedoch nicht so krass gefärbt wie die Seeanger-Stelze.

Vom 8. November 2017 bis zum 11. März 2018 gelangen 68 akustische Feststellungen des nordischen Trompetergimpels, zumeist von Einzelvögeln. Das waren ein paar mehr als 2016/17 (40 Beobachtungen), aber weniger als 2015/16 (85 Beobachtungen, über 100 Ind.). Insgesamt liegen die Zahlen nach 2014/15 (nur sieben Vögel) auf einem durchweg höheren Niveau, was auch mit der vermehrten Aufmerksamkeit, die diesem Taxon zuteil wird, erklärt werden kann.

Eine Grauammer sang am 14. April nahe dem ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt leider nur kurz.

Hans H. Dörrie

Damit schließt der Bericht, der nahezu vollständig auf 34.690 Datensätzen in ornitho.de beruht. Maßgeblich dazu beigetragen haben:

R. Barth, P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, A. Delius, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, R. Fleck, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, F. Grau, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, H. Helmerichs, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, P. und W. Pahl, S. Paul, G. Peters, F. Petrick, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, C. Schmidt, H. Schmidt, M. Schneider, D. Schopnie, M. Schulz, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, R. Spellauge, I. Spittler, A. Stumpner, A. Sührig, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, A. Wiedenmann, D. Wucherpfennig und andere.

Blaumeise - MSiebner
Abb 21: Kleine Blaumeise im Moment des Ausfliegens aus dem Nistkasten.
Foto: M. Siebner

July 11th, 2018

Grünlaubsänger:
Ein kleiner Vogel belebt Göttingen-Weende

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Abb. 1: Weender Grünlaubsänger. Foto: V. Hesse

Am 4. Juni 2018 gegen 6:55 Uhr, kurz vor Aufbruch zu einer Mitfahrgelegenheit am anderen Ende von Göttingen, wurde Alexander Sührig in seiner Wohnung durch die auf Kipp stehende Balkontür auf einen sich nicht sofort erschließenden Gesang aufmerksam, der nach längerem Anhören und Sichtung des Vogels - der Beobachter befand sich jetzt auf dem Balkon - als Gesang eines Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) identifiziert werden konnte. Der Vogel hielt sich in Koniferen im unmittelbaren Nahbereich des Hauses Uferweg 4 auf und entzog sich zunächst weiteren Wahrnehmungen.
Weil AS unter Termindruck stand, wurde die Beobachtung gegen 7:02 Uhr abgebrochen, nachdem der zuletzt exponiert in einer Fichte singende Vogel (singenderweise) von der Nord- auf die Südseite des Hauses Uferweg 4 geflogen war. Immerhin konnte - mehr schlecht als recht - auf die Schnelle ein Tondokument angefertigt werden.
Am Arbeitsplatz angekommen, stellte AS die Beobachtung nach kurzem Abgleich des Gehörten mit Gesängen von Grünlaubsängern auf xeno-canto.org umgehend in die Datenbank ornitho.de, um weiteren Interessierten die Möglichkeit einer zeitnahen Nachsuche und damit auch eine qualitätvollere Dokumentation zu ermöglichen. Die Rechnung ging dann auch auf und so ist es nicht zuletzt der engagierten Nachsuche und täglichen „Betreuung“ des Vogels durch Malte Georg zu verdanken, dass er bis zum 9. Juni von vielen weiteren aus nah und fern angereisten Vogelbeobachterinnen und -beobachtern - es waren wohl an die 40 oder mehr - gehört und gesehen werden konnte.

Die ersten Tage seiner Anwesenheit sang der Vogel nahezu unermüdlich während des überwiegenden Teils der Hellphase und konnte dabei trotz vieler Standortswechsel recht gut von seinen Bewunderern ausfindig gemacht werden. Die regelmäßigsten Gesangszeiten waren die frühen Morgen- bis Vormittagsstunden, wobei hier sogar der Nahrungserwerb und fliegende Standortswechsel von Gesang begleitet waren. Der überwiegend von exponiertem Standort vorgetragene, arttypische Gesang, der an einen laut vorgetragenen Mix der Gesänge von Bachstelze, Heckenbraunelle und Zaunkönig erinnert, variierte teilweise sehr im Strophenbau und Rhythmus. Ausschließliche Imitationen des Zaunkönigs anstelle des üblichen Gesangs, die von manchen Grünlaubsängern bekannt sind, brachte der Vogel nicht hervor. Das war auch gut so, denn diese Imitationen können so perfekt ausfallen, dass man meint, nur den Zwerg zu hören und achtlos weitergeht… Nachmittags verstummte er nicht selten und konnte auch im Laufe des Abends zumeist nicht mehr ausfindig gemacht werden. An seiner Territorialität ließ der Grünlaubsänger keine Zweifel aufkommen, was auch die örtlichen Brutvögel zu spüren bekamen. Bei Girlitzen fühlte sich der Laubsänger womöglich durch deren ähnlichen Gesang provoziert und konnte gleich zweimal bei Verfolgungsflügen beobachtet werden. Nachdem am 9. Juni die Gesangsaktivität des Vogels schon sehr stark nachgelassen hatte, verließ der einsam gebliebene Sänger letztendlich nach einer Aufenthaltsdauer von sechs Tagen Weende. Besondere Erwähnung soll auch das rege Interesse der Anwohner vor Ort finden, welche nicht nur tolerant die aufkommenden Menschenmengen, teils mit beeindruckend bis bedrohlich wirkendem optischen Equipment ausgestattet, vor ihren Grundstücken duldeten, sondern sich auch immer wieder angeregt über den kleinen Sänger informierten. So viel Leben war selten in den schmalen Gassen…

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Abb. 2: Tonaufnahme des Gesangs. Aufnahme: M. Göpfert
Bitte das Sonagramm anklicken

Der Grünlaubsänger ist ein typischer Vertreter der artenreichen Gattung Phylloscopus. Auffällig ist der helle Überaugenstreif, der bis an die Schnabelwurzel reicht. Die schmale helle Flügelbinde ist bei vielen Vögeln nur gering ausgeprägt und kann manchmal sogar fehlen. Bei unserem Vogel war sie aber manchmal zu sehen, am besten auf Fotos. Auffallend „grün“ ist die Art eigentlich nicht. Die niederländische Bezeichnung „Grauer Fitis“ trifft es viel besser. Grünlaubsänger brüten in mehreren Unterarten von Osteuropa bis China. In Deutschland ist die Art ein seltener Brut- und Gastvogel. Die große Mehrzahl der Vögel stellen Männchen, die vor allem Ende Mai bis Mitte Juni manchmal über Tage ortsfest singen und, weil sie kein Weibchen anlocken konnten, dann wieder abziehen. Das vermehrte Auftreten an der westlichen Verbreitungsgrenze wird allgemein durch Zugprolongation in Folge von erhöhten Temperaturen zur Zugzeit Mitte Mai bis Mitte Juni begründet. Zudem begünstigen Phasen mit östlichen Winden das Vorkommen. Obgleich diese Bedingungen im Mai 2018 durchaus passten, kam es, zumindest nach den Daten in ornitho.de, bundesweit zu keinem Einflug der Art. Lediglich auf Helgoland und der Greifswalder Oie, einer kleinen Ostseeinsel, zeigten mehrere zeitgleich anwesende Vögel ein vermehrtes, aber nicht untypisches Auftreten an.
Bei der Bruthabitatwahl scheint der Grünlaubsänger eine besondere Affinität zu frisch bis feuchten Hangwäldern zu besitzen. Häufig werden dort die Bereiche mit einer hohen Bonität und dem ältesten Baumbestand aufgesucht, wobei die vorkommenden Baumarten eine untergeordnete Rolle spielen. In Deutschland werden so zum Beispiel im besonderen Umfang strukturreiche Laub- und Mischwälder im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns besiedelt, aber auch alte Fichtenwälder in den Hochlagen des Harzes. Des Weiteren konzentriert sich das sehr kleine deutsche Vorkommen mit mehreren Revierbesetzungen und einzelnen Brutnachweisen unter anderem auf Helgoland, die Greifswalder Oie und die Sächsische Schweiz. Oft vorhandene Strukturelemente sind kleine Lichtungen, Waldränder, Bäche, Wasserfälle und, anscheinend mit besonderer Anziehungskraft, Felsen und Schluchten oder ersatzweise Erdanschnitte, Geländestufen oder auch Gartenmauern. Der Neststandort befindet sich ebenfalls in kleinen Nischen an den letztgenannten Geländestrukturen. Die erste Brut in Deutschland fand 1962 im rheinland-pfälzischen Westerwald denn auch, wie Jahrzehnte später mehrfach auf Helgoland, in einer Felsspalte oder -nische statt. Die geforderten Habitateigenschaften werden nicht selten auch von Parks, Alleen und Gärten erfüllt. In diesem Zusammenhang besonders interessant sind ein Nestfund in Schweden an einer efeubewachsenen Hauswand in 1,5 m Höhe oder auch das Einnisten in einem offenen Hausbriefkasten auf der Kurischen Nehrung.

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Abb. 3: Felsiger Neststandort auf Helgoland. Foto: M. Georg

Das Streifgebiet des Vogels im Göttinger Stadtteil Weende kann grob nach Süden durch die Hennebergstraße/Im Hassel eingegrenzt werden, sowie nach Norden hin durch die Breite Straße. Die westliche bzw. östliche Grenze bildete die Hannoversche Straße sowie der Friedhof Weende. Da der Vogel überhaupt nur singend wahrgenommen wurde, wäre es auch denkbar, dass er stumm sein Streifgebiet über den hier begrenzten Bereich ausgedehnt hat. In diesem Areal präferierte der Grünlaubsänger im Wesentlichen drei Stellen:
Der zuverlässigste Ort zum Auffinden des Vogels waren eindeutig die zirka 0,5 ha großen, unzugänglichen Hausgärten an der Ecke Petrikirchstraße/Breite Straße. Die Gärten sind charakterisiert durch einen sehr gestuften, lückigen Baumbestand aus sowohl Koniferen als auch Laubbaumarten. Die parkähnlichen Gärten mit zum Teil recht hohen Bäumen sind nach außen hin durch Häuser begrenzt. In der Mitte der Grundstücke fließt ein kleiner Bach, die Weende, in einer recht dichten Einfassung aus Sträuchern. Eine kleine Natursteinmauer rundet das Habitat ab. Bevorzugte Gesangsplätze waren die exponierte Spitze eines Urweltmammutbaums, verdeckt im Kronenbereich einer Esche sowie zahlreiche andere Bäume und seltener auch Hausdächer.

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Abb. 4: Petrikirchstraße in Weende. Foto: M. Georg

Auch der Entdeckungsort am Uferweg entspricht im Allgemeinen der Beschreibung des ersten Gebiets. Auffällig ist hierbei die Eingrenzung der Weende vor allem durch Mauern und Häuser, welche entfernt den Eindruck einer Schlucht entstehen lassen. Der recht hochgewachsene Baumbestand kann hier schon eher als parkähnlicher „Mischwald“ beschrieben werden. Im Vergleich zum ersten Gebiet stehen die Bäume etwas dichter beisammen. Der Grünlaubsänger konnte mitunter beim direkten Wechsel zwischen den beiden Stellen beobachtet werden.

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Abb. 5: Uferweg in Weende. Foto: M. Georg

Der Friedhof Weende, als drittes Gebiet, besitzt im Vergleich zu den beiden zuvor beschriebenen Stellen keinen Bach, der den parkähnlichen Baumbestand durchfließt. Auch der Koniferenanteil ist im Vergleich zu diesen deutlich erhöht. Als Besonderheit sind hier noch die Friedhofsgebäude aus Naturstein zu nennen. Trotz dieses „montanen“ Eindrucks konnte der Grünlaubsänger hier nur zu Anfang einige Male festgestellt werden.

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Abb. 6: Friedhof Weende. Foto: M. Georg

Zusammengefasst sind einige Parallelen zwischen den Habitateigenschaften des aufgesuchten Gebiets im Göttinger Siedlungsbereich und den Primärhabitaten in osteuropäischen Wäldern zu erkennen. Häuser und Mauern suggerieren exponierte Felskuppen im urbanen Lebensraum (die Betriebsstätte einer Bäckerei sieht fast wie eine große, horizontale Klippe aus), die Weende sorgt für ein feucht-kaltes Klima und ein lückiger, parkähnlicher Baumbestand aus teilweise recht stattlichen Einzelbäumen vollendet das Bild.


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Abb. 7: Karte mit bevorzugten Gesangsplätzen. Grafik: A. Sührig, S. Alvite Rúa
Zum Vergrößern bitte anklicken.

Erratische Revierbesetzungen einzelner Männchen in Parklandschaften, Gärten und auf Friedhöfen sind auch im übrigen Deutschland nichts Außergewöhnliches. Figurativ seien an dieser Stelle der Alte Botanische Garten in Hamburg, das Kieler Stadtzentrum, das Hilchenbacher Seniorenwohnheim im Siegerland und mit einer gewissen Regelmäßigkeit diverse Parks und Friedhöfe in Berlin genannt. Ein erster Brutnachweis im Siedlungsbereich mit einem von einem Altvogel gefüttertem flüggen Jungvogel gelang allerdings erst am 27. Juni 2017 auf dem Friedhof „In den Kisseln“ in Berlin-Spandau, vorbehaltlich der Beurteilung der Avifaunistischen Kommission Berlin Brandenburg (AKBB).
All dies zeigt, dass es in Deutschland eine Unmenge von Plätzen und Orten gibt, die für durchziehende oder revierbesetzende Männchen prinzipiell geeignet sind. Hier kann man nur auf den Zufall und seine Stimmenkenntnis vertrauen…

Aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen lagen zuvor drei Beobachtungen des Grünlaubsängers vor. Am 9. Juni 1963 bemühte sich am Bismarckstein im Göttinger Stadtwald (im Volksmund auch „Elefantenklo“ genannt) ein singendes Männchen um ein brütendes Weibchen des Waldlaubsängers. Am 8. August desselben Jahres (!) sang ein Männchen im Kirchweg (heute Humboldtallee). Das Datum ist für einen singenden Vogel recht spät. Im Stadtwald könnte das „Elefantenklo“ als herausragende „Felsformation“ eine besondere Anziehungskraft auf den seltenen Gast ausgeübt haben. Die Humboldtallee ist auch heute noch von hohen Häusern inmitten eines alten Baumbestands geprägt.
Am 29. Mai 1987 ließ sich an der Domäne Eddigehausen (Gemeinde Bovenden) in einem hohen Einzelbaum ein kurzzeitig singendes Männchen vernehmen. Diese Beobachtung wurde vom damaligen Bundesseltenheitenausschuss (BSA) anerkannt.

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Abb. 8: Grünlaubsänger, fast unentwegt singend. Foto: M. Georg

Und zu guter letzt: Die Vorliebe des Grünlaubsängers für Parkanlagen aller Art konnte neulich sogar im deutschen Fernsehen dokumentiert werden. Für die Fußball-WM-Sendung „Kwartira“ im Ersten besuchte ein Reporter in Begleitung russischer Hooligans den Friedhof der westsibirischen Stadt Jekaterinburg. Dort stehen prachtvolle Grabsteine mit aufwendig gestalteten Porträts von Mafiagrößen, die in den 1990er Jahren bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind. Während die Besucher die beeindruckenden Zeugnisse einer hochentwickelten Sepulkralkultur bestaunten, sang über ihnen - ein Grünlaubsänger, laut schmetternd und daher auch vor dem Fernseher unüberhörbar. Die Zahl der Zuschauer, die das zu würdigen wussten, dürfte aber nicht sehr groß gewesen sein…

Malte Georg, Alexander Sührig und Hans H. Dörrie

Literatur:
Deutsche Seltenheitenkommission (2000): Seltene Vogelarten in Deutschland 1997. Limicola 14: 273-340.
Deutsche Seltenheitenkommission (2008): Seltene Vogelarten in Deutschland von 2001 bis 2005. Limicola 22: 249-339.
Frede, M. & H. Krafft (2012): Vogel des Monats: November 2012. Der Grünlaubsänger vom Hilchenbacher Seniorenwohnheim. Charadrius 48, Heft 3-4.
Glutz von Blotzheim U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/II. Aula-Verlag. Wiesbaden.
Hampel, F. (1964): Grüner Laubsänger, Phylloscopus trochiloides, in Göttingen. J. Orn. 105: 199.
Koschkar, S. & J. Dierschke (2014): „Go West…“: Der Grünlaubsänger Phylloscopus trochiloides in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2013: 50-59.
Schäffer, A. (2018): Ostzieher mit Westausdehnung: Grünlaubsänger. Der Falke 7/2018: 22.

Links:
www.oag-helgoland.de
www.ornitho.de

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