Archive for May, 2011

(Hoffentlich nicht nur) in eigener Sache: Gegen das dreiste Absaugen von Beobachtungsdaten durch naturgucker.de!

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Wir schlucken lieber Goldfische als die Daten anderer!

Die Northeimer Firma naturgucker.de, die sich selbst als „bundesweiter Marktführer bei naturkundlichen Beobachtungen“ bewirbt, hat ihre Geschäftsidee mit einer neuen Serviceleistung aufpoliert. Unter der Rubrik “Seltenheiten” und der Herkunftsbezeichnung „Zitat Internet“ findet man neuerdings mehr oder minder interessante Beobachtungen aus landesweiten bzw. regionalen Newsgroups und Mailinglisten sowie aus dem bundesweit agierenden, kostenpflichtigen Club 300. Hinzu kommen Meldungen, von denen nur die Betreiber der Firma meinen, sie seien besonders bemerkenswert, wie z.B. zwei Zwergmöwen vom 15.5. am Seeburger See, die bar jeder Fachkenntnis als „saisonale Besonderheit“ präsentiert werden.
Vor dem trostlosen Hintergrund, dass bis vor kurzem das gefiederte Raritätenspektrum dieser Datenbank, neben einer Vielzahl fragwürdiger bis grotesker Wahrnehmungen (z.B. balzende Steppenadler, gleich truppweise auftretende Rötelfalken, in einem Waldgebiet rastende Eistaucher etc.) nicht unerheblich von überwinternden Seidenreihern und den immer gleichen ausgebüxten Münchner Rothalsgänsen geprägt war, mag die Neuerung noch verständlich erscheinen. So desolat konnte es in der Tat nicht weitergehen. Zeit also, für ein bisschen Abwechslung zu sorgen…
Bevor wir uns aber weiter in den Beweggründen der Firma naturgucker verlieren, sei die Frage erlaubt: Ist es, nur weil das eigene Angebot zu wünschen übrig lässt, in Ordnung, fremde Daten abzuziehen, ohne die Beobachter vorher um Erlaubnis zu bitten?! Unsere regionale, nicht frei zugängliche Newsgroup www.avigoe.de wurde in den vergangenen Tagen gleich dreimal abgeschöpft. Dabei wird in den Nutzungsbedingungen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass exklusiv in avigoe mitgeteilte Daten nicht ohne vorherige Zustimmung des Beobachters/der Beobachterin verwendet werden dürfen. Dafür hatten und haben wir gute Gründe, unter denen das Selbstbestimmungsrecht der Beobachterinnen und Beobachter, ihre Daten betreffend, an erster Stelle steht – eigentlich eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander.
Trotz einer deutlichen Abmahnung durch den Moderator von avigoe, die sofort nach dem ersten Fall erfolgte, halten der/die Betreiber von naturgucker.de an ihrer unseriösen Geschäftspraxis fest. Nachdem sie zuvor wegen permanenter, an Aufdringlichkeit kaum zu überbietender Werbung für ihr Unternehmen von avigoe ausgeschlossen worden waren, haben sie sich, so ist zumindest stark anzunehmen, unter falschem Namen wieder bei avigoe angemeldet. Nicht etwa um Beobachtungen beizusteuern, sondern einzig zu dem Zweck, Daten anderer für ihr Unternehmen abzuschöpfen. Diese Vorgehensweise ist so skandalös wie ethisch verwerflich.
Das monströse Ansinnen, ohne jede Legitimation und Einverständnis der Betroffenen, alle nur erdenklichen Beobachtungsdaten zu verwursten (und, wie am Beispiel der Zwergmöwen gezeigt, mit sinnfreien Kommentaren zu versehen), ist mittlerweile auch bei etlichen Nutzer/innen von naturgucker auf Kritik gestoßen. Bei avigoe und im Arbeitskreis Göttinger Ornithologen gab und gibt es, mit Ausnahme der Betreiber der Firma, keinerlei Konflikte mit gleichzeitigen Nutzer/innen von naturgucker.de, denen es selbstverständlich freigestellt ist, ihre eigenen Beobachtungen zu veröffentlichen wo immer sie wollen. Dieses klarzustellen ist uns wichtig, um jeder Gegendarstellung oder Fehlinterpretation, die irgendwelche regionalen Rivalitäten oder zwischenmenschliche Differenzen hypothetisch ins Spiel zu bringen meint, von vornherein den Boden zu entziehen.
Wir erhoffen uns mit dieser Stellungnahme, dass sich auch, wenn nicht bereits erfolgt, die Moderatoren und Nutzer anderer Newsgroups und Mailinglisten (z.B. Orni BB, HGON-Birdnet, oagshnet etc.), deren Daten ohne Genehmigung von naturgucker.de vereinnahmt wurden, dieses unseriösen Geschäftsgebarens annehmen und entsprechend tätig werden. Hier ist klare Kante angesagt!

Silvio Paul (Moderator www.avigoe.de) und Hans-Heinrich Dörrie (Arbeitskreis Göttinger Ornithologen).

May 20th, 2011

Das Birdrace 2011 im Göttinger Land

Sonnenschein aus einem strahlend blauen Himmel bei 24°C, dazu ein leichter Ostwind - Kundige wissen, dass derart angenehm erscheinende Bedingungen für das Aufspüren von Vögeln alles andere als optimal sind. Dessen ungeachtet traten am 7. Mai zwei Göttinger Teams mit- und gegeneinander an: die seit 2005 alljährlich startenden „Sozialbrachvögel“ und, in ihrem zweiten Jahr, die „Leinehänflinge“. Mit 102 (Platz 90 bundesweit) zu 117 Arten (Platz 51) kassierten die „Sozialbrachvögel“ eine Niederlage, die als „krachend“ zu bezeichnen noch untertrieben ist. Ergebnisse und Namen der SponsorInnen können auf der Homepage des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) im Einzelnen studiert werden.

Beide Teams verzichteten in diesem Jahr auf einen Besuch des Reinhäuser Waldes. Warum? Der langjährige Uhu-Brutplatz ist aus unbekannten Gründen verwaist. Direkt an einem Brutbaum des Sperlingskauzes, der auch dem Forstamt Reinhausen bekannt ist, wurde eine forstliche Versuchsfläche unter Einsatz von schwerem Gerät mit einem Metallzaun eingehegt und für Probeentnahmen aller Art hergerichtet. Kein Wunder, dass der Eulenzwerg daraufhin das Weite suchte. So viel zum vollmundig postulierten „Artenschutz“ in unseren Wirtschaftswäldern, in dessen Genuss, wenn überhaupt, offenkundig nur Vögel ab Schwarzstorchgröße kommen.
Die ehrgeizigen „Leinehänflinge“ ließen sich von diesen Widrigkeiten nicht beeindrucken und wichen in den Bramwald aus. Die Umorientierung trug reiche Früchte. An der „Langen Bahn“ balzten, trotz der extremen Trockenheit, in der Morgendämmerung gleich fünf Waldschnepfen. Ebendort und an einer Offenfläche bei Ellershausen konnte mit der Turteltaube eine weitere Vogelart registriert werden, die im Landkreis Göttingen sehr selten geworden ist. Hinzu kamen, neben Bunt- und Schwarzspecht, auch Grau- und Mittelspecht. Beeinträchtigt wurde das arglose Beobachten jedoch von omnipräsenten Waidwerkern auf der Rehbockjagd, darunter ein schnöseliger Jungjäger, der sich in der Rolle des aufgeblasenen Platzhirsches gefiel.
Der weitere Rennverlauf verlief für das ambitionierte Team ähnlich ersprießlich. Wie im Vorjahr wurde das Kerstlingeröder Feld kräfte- und zeitsparend mit dem Fahrrad bewältigt, um danach am Klausberg eine ausgiebige Mittagspause (diesmal mit Linsensuppe statt Spaghetti) einzulegen. Mit Beobachtungen von Rebhuhn, Eisvogel, Schilfrohrsänger, Waldlaubsänger und Gelbspötter gelangten traditionell knifflige Arten auf die Liste, die zudem der Konkurrenz fehlten. Letztlich befand sich auf der Sollseite nur die Wasseramsel, deren regionaler Bestand aus ungeklärter Ursache zusammengebrochen ist. Dazu demnächst mehr auf dieser Homepage.
Von beiden Teams schmerzlich vermisst wurde „Mandy“, das von allen Fraktionen der Göttinger Vogelkundler sorgsam umhegte Mandarinenten-Weibchen vom Levin-Park. Das treulose Luder hatte seinen angestammten Schwimm- und Futterplatz schon Tage vor dem Birdrace verlassen. Darf man dieses skandalöse Verhalten einem Kommentar in der Tradition Schopenhauers unterziehen? Natürlich nicht…

Obwohl ihr Ergebnis mit 117 Arten leicht unter dem des Vorjahrs (120 Arten, die den ersten Platz unter vier Göttinger Teams bedeuteten) lag, waren die „Leinehänflinge“ sehr zufrieden. Das Fehlen ihrer derzeit zu Forschungszwecken in Spanien weilenden Spitzenkraft Martin Schuck konnte durch die Rekrutierung des viel versprechenden J. Fleischfresser locker kompensiert werden. Auch das Spendenergebnis von 265,95 €, verteilt auf 19 (!) Sponsoren, kann sich sehen lassen.

Die â��Göttinger Leinehänflingeâ�� (Silvio Paul, Jan Fleischfresser, Steffen Böhner, Mischa Drüner, Lisa Hülsmann) â�� von wegen allein im Wald!
Abb. 1: Die „Göttinger Leinehänflinge“ (Silvio Paul, Jan Fleischfresser, Steffen Böhner, Mischa Drüner, Lisa Hülsmann) – von wegen allein im Wald!

Ganz anders erging es den „Sozialbrachvögeln“, die dieses Mal mit dem rätselhaften Zusatz „feat. Berliner Extrawurst“ antraten (dazu weiter unten). Durch das Aussparen eines großen Mischwaldgebiets, dessen frühzeitiger Besuch zwei weitere Stunden Schlaf gekostet hätte, war die Niederlage von Anbeginn programmiert. Dieser Tatbestand ist den „Sozialbrachvögeln“ jedoch aus praktisch allen bisherigen Rennen (mit Ausnahme des Jahres 2009, als es ein Unentschieden gab!) gut vertraut und fast schon ans Herz gewachsen. Als sie am Kiessee in Begleitung von Redakteur U. Schubert, der für das „Göttinger Tageblatt“ eine Birdrace-Reportage machte, gegen 10 Uhr auf die Konkurrenz trafen, ließen deren raunende Andeutungen wiederum nichts Gutes erahnen.
Zu der Schlafmützigkeit kam zu allem Überfluss das blanke Pech hinzu: Haubenmeise, Waldbaumläufer, Schwanzmeise (!) und Birkenzeisig (!) – Fehlanzeige. Dort, wo diese keineswegs seltenen Arten noch in den Vortagen locker aufzufinden waren, traten sie am alles entscheidenden Datum nicht in Erscheinung. Immerhin: anders als im Vorjahr konnte die Weidenmeise verbucht werden, weil Neukombattant K. Jünemann an der Rhume gerade noch rechtzeitig eine Bruthöhle ausfindig gemacht hatte. Gleichwohl war die Stimmung wie immer ausgezeichnet, selbst auf dem Kerstlingeröder Feld, wo im mittäglichen Glast weder Grauspecht noch Wendehals zu hören waren und es für den Neuntöter noch zu früh im Jahr war. Bester Laune war das Team auch, als es am alten Göttinger Freibad zufällig auf seine langjährige (2006 bis 2009), vor gut einem Jahr nach Hamburg umgezogene Frontfrau Nikola Vagt stieß, die sogleich in bewährter Qualität ein Mannschaftsfoto vor einer skurrilen Kulisse zauberte. Eine feierlich in Szene gesetzte nachträgliche Stabübergabe an ihre aktuelle Nachfolgerin T. Matthies, deren taufrischer Enthusiasmus dem angejahrten Traditionsteam neuen Glanz verleiht, konnte aus Zeitgründen leider nicht vorgenommen werden.
Einen kleinen Erfolg konnten die „Sozialbrachvögel“ immerhin einfahren: Ihr Spendenaufkommen für die neue, vom DDA fachkundig betreute Internet-Datenbank ornitho.de lag mit 202 € deutlich über dem der vergangenen Jahre.

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Abb. 2: „Die Göttinger Sozialbrachvögel feat. Berliner Extrawurst“ (Hans H. Dörrie, Tanja Matthies, Karl Jünemann, Mathias Siebner).

Was aber hat es mit der Berliner Extrawurst auf sich? Nun, hinter dieser Umschreibung verbirgt sich kein anderer als Christoph Grüneberg, als hoch qualifizierter Mitstreiter von Anfang an bei den „Sozialbrachvögeln“ aktiv, derzeit in Berlin ansässig und 2011 ausnahmsweise wegen einer Familienfeier an der Teilnahme gehindert.
Gleichwohl ließ er es sich nicht nehmen, seinen individuellen Beitrag zur Unterstützung der Heimatfront zu leisten. Zu diesem Zweck wurde ein Ökotop aufgesucht, dessen schmuddeliges Image als „Brennpunkt der „Drogenkriminalität“ vergessen lässt, dass hier eine ausgeprägt hohe Diversität aus Faunenelementen unterschiedlichster Herkunftsregionen studiert werden kann – in der Regel unter optimalen Bedingungen, die nur ab und an durch Polizeirazzien beeinträchtigt werden.
Anlass der Aktion war ein kleiner Disput, den die beiden Göttinger Mannschaften im Vorfeld mit dem Birdrace-Team des DDA ausgetragen hatten. Es ging dabei um die neue Regelung, dass alle Vögel, soweit sie nicht in Volieren oder ähnlichen Einrichtungen ihr Leben fristen, gezählt werden dürfen. Dies betrifft auch Vogelarten, die noch nicht als dauerhaft eingebürgerte Neozoen eingestuft werden wie z.B. Schwarzschwan, Schwanengans, Brautente etc. Der aus fachlicher Sicht fragwürdigen Neuerung an der Grenze zum Klamauk standen und stehen die Göttinger Birdracer sehr kritisch gegenüber; hinzu kommt, dass sich dadurch ein künstlich herbeigeführter Wettbewerbsvorteil für Teams in städtischen Ballungsräumen ergeben könnte, wo man mit dem Werfen einer einzigen Toastbrotscheibe in den Genuss von fünf und mehr Bonusarten gelangen kann. Obgleich die Auswirkungen beim diesjährigen Birdrace nur eine marginale Rolle gespielt haben dürften, kamen die „Sozialbrachvögel“ nicht umhin, einmal sinnfällig zu demonstrieren, wie man anderswo mit geringem Aufwand zusätzliche Arten ergattern kann – und das geht so:

Konzentriert bis in die Haarspitzen: die Extrawurst vor dem Einsatz im Halbschatten der Neuköllner Hasenheide
Abb. 3: Konzentriert bis in die Haarspitzen: die Extrawurst vor dem Einsatz im Halbschatten der Neuköllner Hasenheide.

Geschafft: Mandarinente, Pfeifente, Spießente und Kolbenente auf einen Streich
Abb. 4: Geschafft: Mandarinente, Pfeifente, Spießente und Kolbenente auf einen Streich!

Natürlich verbieten die - in diesem Fall recht strengen - Birdrace-Regeln, die vier Zusatzarten auf das Konto der Sozialbrachvögel zu packen. Genützt hätte es gegen die „Leinehänflinge“ mit ihrem satten Vorsprung von 15 Arten ohnehin nichts, aber die launige Retourkutsche gegen den Firlefanz mit ausgebüxten Volierenvögeln und anderen Exoten war es allemal wert. Mal sehen, was einem dazu in den kommenden Jahren noch so alles einfällt…

Fazit: Alle waren wieder mit viel Spaß dabei. Gab es irgendwelche Highlights? Eher bedingt, denn das „schöne Wetter“ machte ein Registrieren des sichtbaren Vogelzugs faktisch unmöglich. Für die „Leinehänflinge“ waren sicher die Waldschnepfen im Bramwald mit ihrem bizarren Balzgehabe unvergesslich, für die „Sozialbrachvögel“ allenfalls ein leicht verspäteter Bergfink, der an der Kiesgrube Reinshof seinen erregenden Gesang erschallen ließ. Der Anblick eines in der Rhumeaue bei Gieboldehausen balzenden Rohrweihen-Paars ist auch deshalb erwähnenswert, weil es so etwas am verrummelten Seeburger See seit Jahren nicht mehr gibt. Mit Wohlwollen könnte man auch zwei K2-Mittelmeermöwen und einen singenden Rohrschwirl am Seeburger See in diese Rubrik einordnen, zusammen mit einem Kranich und einem Silberreiher am Seeanger.

Vielleicht gewittert es ja am 6. Mai 2012. Dann regnet es am nährstoffgetrübten „Auge des Eichsfelds“ Seeschwalben, unbestimmbare Raubmöwen und seltene Limikolen und alle sind nass, aber glücklich!

Hans-Heinrich Dörrie und Silvio Paul

May 17th, 2011

Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) in Süd-Niedersachsen 2010/2011: mehr sanfte Brise als Invasorensturm

Das gleichermaßen frühe und zahlreiche Eintreffen von Seidenschwänzen bereits im Oktober 2010 auf Helgoland und an der deutschen Nord- und Ostseeküste nährte bei einigen Vogelkundlern die Erwartung, dass nach einem extrem schwachen Auftreten im kalten Winter 2009/2010 wieder einmal ein Masseneinflug bevorstehen könnte. Im spektakulären Invasionsjahr 2004/2005 waren die ersten der gefräßigen Nordlichter nämlich ähnlich früh erschienen. Flugs erfolgte auf unserer Homepage am 28.10. ein Aufruf, die Vögel zu melden. Auch das „Göttinger Tageblatt“ war, wie 2004, am 3.11. mit einer entsprechenden Aufforderung an seine Leserinnen und Leser erneut am Start. Damit waren gute Voraussetzungen gegeben, einen Einflug auf großer Fläche und unter breiter Beteiligung der Öffentlichkeit zu dokumentieren. Allein: Einem gut abgehangenen Bonmot zufolge sind Vorhersagen immer dann mit großen Unsicherheiten behaftet, wenn sie die Zukunft betreffen. Umfang und Verlauf des aktuellen Einflugs haben dies, zumindest für unsere Region, eindrücklich bestätigt.

Während der folgenden Wochen und Monate gingen 118 Meldungen von 49 Beobachter/innen ein, die 3501 Vögel betrafen. Nach Ausschluss von Mehrfachmeldungen (vermutlich) identischer Trupps reduzierte sich diese Zahl erheblich. Die Addition der auf korrigierter Datengrundlage errechneten Wochensummen ergab nur noch 2121 Ind. Bereinigte Wochensummen sind am ehesten geeignet, den Gesamtrastbestand der hochmobilen Vögel über einen längeren Zeitraum halbwegs verlässlich quantifizieren zu können. Zudem kann, basierend auf den Empfehlungen des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA), eine durchschnittliche lokale Verweildauer der Vögel von sieben Tagen als realistisch gelten (Dörrie 2005).
Zum Vergleich: 2004/2005 erreichten den selbsternannten Erfassungsbeauftragten 421 Meldungen von 176 Mitbürger/innen nicht nur aus Göttingen, sondern auch aus zahlreichen Ortschaften der Landkreise Göttingen und Northeim, die sich auf 17.625 Vögel bezogen. In dieser enormen Zahl waren ebenfalls Mehrfachmeldungen enthalten, nach deren Abzug 12.671 nach Wochensummen addierte Ind. übrig blieben. Wie viele Seidenschwänze sich 2004/2005 wirklich durch Süd-Niedersachsen gefressen haben, muss letztlich offen bleiben - es waren schlichtweg zu viele zum genauen Zählen. Minutiös orchestrierte Synchronzählungen von höherer Aussagekraft - für die man jedoch allein in Göttingen ca. 100 Beobachter/innen benötigt hätte! - waren damals (wie auch sechs Jahre später) leider nicht möglich. Wer mag, kann den Bericht aus dem Invasionsjahr (Dörrie 2005) als pdf lesen bzw. herunterladen (unter „Literatur“ am Ende dieses Beitrags).

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Abb. 1: Phänologie des Einflugs 2010/2011 nach Wochensummen. Grafik: S. Paul.

Die ersten Vögel (5 Ind.) gerieten bereits am 23.10.2010 in der Annastraße (Göttinger Nordstadt) ins Blickfeld, so früh wie nie zuvor. Bis dahin waren der 30.10.1965 (15 Ind. in Göttingen-Treuenhagen - H. Weitemeier, mdl.) und der 6.11.2004 (5 Ind. in Holzerode, Dörrie 2005) die frühesten Ankunftsdaten. Danach tat sich wenig, erst ab Mitte Januar 2011 konnte man von nennenswerten Zahlen sprechen. Dies entspricht jedoch der traditionellen Phänologie von Seidenschwänzen in der Region.
Während 2004 Trupps von bis zu 600 Ind. in Erscheinung traten, bestand diesmal die größte Ansammlung aus 170 Ind., und auch das nur an einem Tag (18.2.), an dem sich vermutlich alle Göttinger Seidenschwänze zu einem Trupp zusammengeschlossen hatten.

Für einen eher normalen Einflug, der gleichwohl über dem Niveau der Jahre 2000 bis 2003 (mit allerdings geringerer Erfassungsintensität) lag, spricht auch, dass nach dem 24.3. für ca. drei Wochen keine Seidenschwänze mehr gemeldet wurden. Erst am 14.4. und 20.4. tauchten sie wieder in Göttingen auf - mit 12 bzw. 25 Ind., die sich vermutlich auf dem Heimzug in ihre Brutgebiete befanden. Den Schlusspunkt setzten 54 Ind. am 22.4. in Duderstadt, die nach Nordosten abzogen. 2005 erfolgte die letzte Beobachtung heimziehender Vögel am 16.5., also der Invasion entsprechend singulär spät.

Auffällig war, dass diesmal aus dem Eichsfeld bzw. dem Ostteil des Landkreises Göttingen nur wenige Seidenschwänze bekannt wurden. Außerhalb der traditionellen Hochburg Göttingen gerieten 424 Ind. - und damit nur ca. 20 Prozent der gewerteten Vögel - ins Visier und zwar in: Bovenden (61 Ind.), Duderstadt (54), Ebergötzen (12), Eddigehausen (35), an der Geschiebesperre Hollenstedt (6), in Hammenstedt (20), an der Kiesgrube Reinshof (44), an der Leine bei Elvese (20), in Lichtenhagen (25), Moringen (60), Nörten-Hardenberg (20), am Northeimer Bahnhof (40), an den Northeimer Kiesteichen (13), an der Rhume bei Northeim (8), in Sattenhausen (3), am Seeburger See (1) und in Wibbecke (2).

In Göttingen konzentrierten sich die Vögel wie gewohnt auf das Kiessee-Leinegebiet, den Leinegrünzug zwischen Sandweg und Hagenweg (einschließlich Levin-Park) sowie auf den innerstädtischen Grüngürtel (Stadtwall und Umgebung) und den Bereich Kreuzbergring - Goßlerstraße. Etwas aus dem Rahmen fielen allenfalls 95 Ind., die am 20.1. in der Feldmark Geismar-Süd nahe der Diemardener Warte gesichtet wurden.

Während anfänglich, wie auch 2004/2005, Äpfel und rote Beeren die Hauptnahrung stellten, dominierten ab Ende Januar die Beeren der Laubholz-Mistel, die die Vögel überwiegend in mistelreichen Hybridpappeln zu sich nahmen.
Seit 2004/2005 ist Göttingen weithin „entpappelt“ worden. Auch in diesem Winter wurden, obwohl völlig gesund, noch etliche alte Nahrungsbäume vom Fachdienst Stadtgrün umgesägt, so z.B. am Sandweg.

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Abb. 2: Bald gänzlich „entpappelt“? Leinegrünzug zwischen Rosdorfer Kreisel und Sandweg. Foto: M. Siebner.

Gleichwohl muss offen bleiben, in welchem Umfang sich der Verlust ehemals gutbesuchter Nahrungsbäume auf das zahlenmäßige Auftreten der Vögel ausgewirkt hat bzw. ausgewirkt haben könnte. Dem Katastrophenszenario verhungernder Seidenschwänze steht entgegen, dass mittlerweile auch auf vielen jüngeren Exemplaren diverser Laubbaumarten Misteln wachsen (was das Fällen gesunder alter Pappeln natürlich nicht rechtfertigt!). Warum? Ganz einfach: Sie wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt während der Invasion 2004/2005, von den Seidenschwänzen (oder ihrer zänkischen Konkurrentin, der Misteldrossel) durch rege Fress- und entsprechende Verdauungstätigkeit angesät - als Nahrung der Zukunft. Das von Forstwirten, Agraringenieuren, Wirtschaftsmagnaten und Politikern jeder Couleur zur Worthülse ausgelutschte Prinzip der „Nachhaltigkeit“ wurde hier ausnahmsweise in die Tat umgesetzt - und zwar von exotisch anmutenden Vögeln, deren Ankunft im kommenden Winter so mancher schon wieder entgegenfiebert…

Kackender Seidenschwanz.jpg
Abb. 3: Paradox: Seidenschwanz bei der Nahrungsmittelproduktion Foto: V. Hesse.

Ein herzlicher Dank des Verfassers geht an Britta Bielefeld vom der Lokalredaktion des „Göttinger Tageblatts“ für die (wiederum) gedeihliche Kooperation und an die Melderinnen und Melder: Frau Bäumer, Herr Bentz, B. Bierwisch, S. Böhner, G. Brunken, J. Bryant, Y. Clough, M. Corsmann, H. Dörrie, K. Dornfeldt, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, J. Fleischfresser, Herr Garzorz, K. Gimpel, M. Göpfert, D. Grobe, J. Herting, V. Hesse, S. Hohnwald, Frau Jentzsch, A. Kannengießer, H.-A. Kerl, U. Kormann, Herr Krüger, W. Kühn, T. Knust, T. Matthies, C. Oppermann, S. Paul, D. Pfuhl, D. Radde, R. Rotzoll, P. Reus (naturgucker.de), B. Riedel (naturgucker.de), U. Scheibler, Herr Schön, A. Schröter, M. Schuck, M. Siebner, A. Stumpner, A. Sührig, H.-J. Thorns, D. Trzeciok, M. Venus, H. Weitemeier, Frau Wilk, D. Wucherpfennig.

Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

Zitiervorschlag

Dörrie H.H. (2011): Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) in Süd-Niedersachsen 2010/2011: mehr sanfte Brise als Invasorensturm. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/doerrie_seidenschwaenze2010.pdf [PDF-Datei].

May 9th, 2011


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