Archive for March, 2011

Amtliche Entwarnung: Nur eine deutsche Brutvogelart akut vom Klimawandel bedroht!

BFN-Grafik1.jpg

In der Schriftenreihe „Naturschutz und biologische Vielfalt“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) ist als Bd. 98 eine Literaturstudie von Rabitsch et al. zum Thema „Auswirkungen des rezenten Klimawandels auf die Fauna in Deutschland“ erschienen. In einer Pressemitteilung des BfN vom 18.3.2011 wird die Publikation wie folgt vorgestellt: „Vom Klimawandel sind auch Tiere betroffen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Bienenfresser, der sich infolge des Klimawandels nordwärts in Mitteleuropa ausbreitet. Als „Verlierer“ des Klimawandels gelten die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln, die oft zu spät wieder in Deutschland eintreffen. Der Gartenrotschwanz oder der Trauerschnäpper finden so kaum noch genügend Brutplätze und Nahrung“.
Wie sich die Bilder gleichen: Der Vorläufer der aktuellen Studie von Leuschner & Schipka (2004) wurde vom BfN damit beworben, dass der Kuckuck ein besonderer Verlierer der Klimaerwärmung ist und deshalb in kühlere Höhenlagen ausweichen muss, um seine Wirtsvögel in einem artgerechten Zeitfenster parasitieren zu können (vgl. dazu den Beitrag auf dieser Homepage unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=137). Nun wurde aber der Kuckuck von Leuschner & Schipka überhaupt nicht namentlich erwähnt, geschweige denn als besonderer Klimaverlierer hervorgehoben. Die medienwirksame Berufung auf das Gutachten und eine populäre Vogelart durch die PR-Abteilung des BfN verlieh der steilen These gleichwohl einen wissenschaftlichen Anstrich.
Wie damals der Kuckuck kommen Gartenrotschwanz und Trauerschnäpper in der neuen Studie nicht vor. Es dürfte auch schwerfallen, den Habitatverlust beider Arten in einen monokausalen Zusammenhang zum moderaten Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur hierzulande zu stellen (vgl. dazu den Beitrag auf dieser Homepage unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=264). Dies alles spielt jedoch keine Rolle, solange man sich, wie in der Überschrift des vorliegenden Beitrags genüsslich karikiert, einer plakativen Vermarktungsstrategie mit griffigen Pauschalaussagen bedienen kann. Im populär gestrickten Birdnet ist man denn auch gleich mit vollem Elan auf die Veröffentlichung angesprungen.

Auch zu dieser neuen Studie sind einige Anmerkungen angebracht, die sich - der vogelkundlichen Beschränktheit des Verfassers und dieser Homepage gemäß - nur auf die Klasse der Vögel beziehen. Der Einfachheit halber stützen sie sich zumeist auf die fundierten Angaben in Bauer et al. (2005a, 2005b) und Südbeck et al. (2007).
Rabitsch et al. haben mehrere internationale Internet-Datenbanken genutzt und 136 Brut- und Gastvogelarten der bundesdeutschen Artenschutzverordnung (BArtSchV) einem kompliziert anmutenden Bewertungssystem unterzogen, das u.a. Biotopbindung, ökologische Amplitude, aktuelle Bestandssituation, Arealgröße und Vermehrungsrate berücksichtigt. Aus diesen Parametern wurden Kriterien einer Klimasensibilitätsanalyse (KSA) mit drei Risikoklassen (HR = hoch, MR = mittel, LR = niedrig) definiert und, nach Punkten quantifiziert, einzelnen Arten zugeordnet.

Das Ergebnis fällt - nicht nur für interessierte Avifaunisten - höchst verblüffend aus: Die höchste Risikoklasse klimasensitiver Vogelarten in Deutschland wird von (nur) fünf Spezies bevölkert: Papageitaucher, Doppelschnepfe, Eistaucher, Bartgeier und Goldregenpfeifer. Vom letzteren, dem einzigen rezenten Brutvogel unter ihnen, wird berichtet, dass er mit seinen südlichsten Vorkommen Deutschland erreicht, wo er „in weitgehend unberührten Moorgebieten lebt“. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem deutschen Bruthabitat um triste, frisch abgefräste Torfflächen industriell ausgebeuteter Moorkomplexe, auf denen die letzten acht Paare, aus Naturschutzmitteln üppig alimentiert und von Vogelschützern streng bewacht, einem ungewissen Schicksal entgegenvegetieren.
Welche Bedeutung der, bis auf Island, im wesentlichen nearktische Eistaucher, der in Deutschland niemals gebrütet hat und nur als seltener Gastvogel in Erscheinung tritt, für die Themenstellung besitzt, wäre eine Nachfrage wert. Die anderen drei Arten sind als ephemere Faunenelemente einzustufen - und dies bereits seit Jahrzehnten bzw. seit mehr als 150 Jahren.
Hat nun eine ausgeprägt hohe Klimasensibilität ihr Aussterben in Deutschland verursacht? Würde ihre Wiederansiedlung aus demselben Grund auf besondere Probleme stoßen?
Die bayrische Brutpopulation des Bartgeiers - eine Vogelart mit einem transkontinentalen afrotropisch-paläarktischen Verbreitungsgebiet, die schon ganz andere Warmzeiten gemeistert hat als die angeblich kommende! - wurde durch Abschuss und Vergiften dezimiert, 1855 ereilte den letzten Vogel sein trauriges Schicksal. Eine Wiederansiedlung im ehemaligen Brutgebiet ist, als Nebenprodukt von erfolgreich verlaufenen Aussetzungen in einigen Alpenländern, aber durchaus möglich und vielleicht nicht mehr fern. „Problemgeier“, die Bergwanderer mit gezielt herabgeworfenen Gemsenknochen malträtieren oder gar zu Tode bringen und die deshalb letal vergrämt werden müssen, dürften eine äußerst seltene Ausnahme sein…
Die winzige (damals britische) Helgoländer Brutpopulation des Papageitauchers von ein bis zwei Paaren wurde um 1830 von einem ortsansässigen Schuster und Vogelfänger namens Koopmann ausgerottet (Gätke 1900). Seitdem tritt diese Alkenart nur noch als sehr spärlicher Gast auf. Ihrer Wiederansiedlung steht nicht der Klimawandel entgegen, sondern der Mangel an geeigneten Bruthabitaten. Diese sind - anders als bei den prosperierenden Felsbandbrütern Basstölpel, Trottellumme und Dreizehenmöwe - auf der Insel nicht oder nur noch in kläglichen Relikten vorhanden (z.B. um die Aussichtsplattform gegenüber der „Langen Anna“) und unterliegen zudem starken Störungen durch Touristen.
Auch für die Doppelschnepfe (letzte Bruten in den 1930er Jahren) kann als gesichert gelten, dass ihr Verschwinden von deutschem Boden nicht auf klimatischen Veränderungen basierte, sondern zeitlich mit den großflächigen „Kultivierungen“ norddeutscher Moore zusammenfiel. In ihrem ostpolnischen Verbreitungszentrum wird der Brutbestand weniger vom Klimawandel beeinträchtigt, sondern vielmehr von Eutrophierungs- und Sukzessionsprozessen, die unter anderem mit der Aufgabe der traditionellen Beweidung zusammenhängen.
Woraus genau die Autoren die besonders hohe Klimasensibilität dieser fünf Arten ableiten (vermutlich aus Daten, die nicht in Deutschland erhoben und publiziert wurden) und, vor allem anderen, welche nutzbringende Relevanz diese Erkenntnis für die Analyse eines rezenten Phänomens haben soll, bleibt reichlich unklar. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie irgendetwas liefern mussten, um wenigstens ein paar in Deutschland vorkommende Vogelarten als hochgradig klimasensibel einstufen zu können.

Die mittlere KSA-Risikoklasse (MR), in der 26 Vogelarten, darunter 12 mit einem kritischen Wert von weniger als 2,00 Punkten aufgeführt werden, wird kurioserweise vom Kubaflamingo (!) angeführt. In der Arbeit wird er nur als „Flamingo“ bezeichnet; gemeint ist aber wohl die paläarktisch-afrotropische Unterart roseus, auch „Rosaflamingo“ genannt. Diese Art ist in Deutschland ein noch nicht fest eingebürgertes Neozoon (Bauer & Woog 2008), das mit wenigen, wohl mehrheitlich aus Gefangenschaft entwichenen Individuen in einer einzigen, mit anderen Flamingoarten gemischten Kolonie im Zwillbrocker Venn unregelmäßig brütet. In die mittlere Risikoklasse ist diese Handvoll ausgebüxter Exoten wohl nur deshalb gelangt, weil Kriterien wie z.B. enge Brutplatzbindung, geringe Ausbreitungskapazität und Vermehrungsrate erfüllt werden und Moore als besonders klimasensitiv gelten. Aber ist der Rosaflamingo deshalb eine Vogelart, für die in Deutschland spezielle klimabezogene Schutzkonzepte entwickelt und finanziert werden müssen?
Dem Flamingo folgt der Raufußbussard, von dem nur ein einziger (valider?) mitteleuropäischer Brutnachweis 1988 auf Borkum existiert und dessen deutsche Rast- und Überwinterungsbestände bei starken jährlichen Schwankungen stabil zu sein scheinen.
Potentiell kaum geringer vom Klimawandel betroffen ist der Mornellregenpfeifer. Er wurde seit den 1820er Jahren nie mehr als deutscher Brutvogel nachgewiesen. Seine auf dem Zug bevorzugten Rasthabitate in Gestalt monotoner abgeernteter Ackerflächen sind alles andere als vom Klimawandel bedroht.
Die Rosenseeschwalbe, ein weiterer Kandidat der MR, hat im Jahr 2000 auf der Minsener Oog eine Mischbrut mit einer Flussseeschwalbe in den Sand gesetzt, das war’s auch schon.
Hinzu tritt der Steinadler, eine euryöke Brutvogelart mit einem holarktischen Verbreitungsgebiet, das sich über mehrere Klimazonen erstreckt. Seine deutsche Beschränkung auf den alpinen Raum ist ein der gnadenlosen Verfolgung und Lebensraumvernichtung geschuldetes Artefakt, das nichts mit klimatischen Faktoren zu tun hat.
Der profunde Nachweis einer besonderen Klimasensitivität des Schreiadlers, dessen Populationstrend sich nach der Wende in Ostdeutschland wegen intensivierter forstlicher und touristischer Nutzung der Wälder schier unaufhaltsam nach unten zu bewegen scheint, könnte sich womöglich bald erübrigen.
Ebenfalls besonders klimasensitiv soll auch der Alpenstrandläufer sein, dessen winzige Restpopulation von 8-14 Paaren durch Eutrophierung, anthropogene Habitatdegradation und einen damit einhergehenden verstärkten Prädationsdruck demnächst wohl auf Null gebracht werden wird.
Alle diese Brutvogelarten sind, man muss es ausdrücklich festhalten, nicht vom Klimawandel in ihren trostlosen Status versetzt worden, sondern ausschließlich von Faktoren, die mit der Landnutzung bzw. Nachstellung durch den Menschen zusammenhängen.
Eher paradox anmutende Risikokandidaten sind drei wärmeliebende Arten: der Schlangenadler, der seit spätestens 100 Jahren durch Lebensraumvernichtung und brutalstmögliche Verfolgung als deutscher Brutvogel verschwunden ist, der Rotkopfwürger (trotz Klimaerwärmung in der jüngsten Vergangenheit faktisch ausgestorben) und die Blauracke (seit ca. 20 Jahren als Brutvogel erloschen). Immerhin: dem Klimaatlas europäischer Brutvögel von Huntley et al. (2007), in dem diesen und anderen (mediterranen) Arten bis zum Jahr 2100 ein fulminantes Come-Back bis in den Norden Europas prophezeit wird, begegnen die Autoren mit berechtigter Skepsis, weil „die Ergebnisse nur auf Temperaturänderungen und nicht auf den ebenso wichtigen Landnutzungs- und Lebensraumkriterien basieren“. Wohl wahr, nur wäre man für die eigene Studie mit diesem kritischen Ansatz auch ganz gut gefahren…
Den Schlusspunkt der 12 Arten setzen Großtrappe und Dreizehenspecht. Die Großtrappe weist in Deutschland keine sich selbst erhaltende Population mehr auf. Der Rückgang auf ca. 120 mehrheitlich künstlich erbrütete Ind. in drei ostdeutschen Hochsicherheits-Reservaten beruht auf anthropogener Habitatvernichtung und erhöhter Prädation und ist alles andere als klimainduziert. Von der bisweilen prognostizierten „Versteppung“ großer Teile Ostdeutschlands könnte dieser Steppenvogel eigentlich nur profitieren… Ob der Bestand des Dreizehenspechts, eines borealen Totholzspezialisten, von steigenden Temperaturen stärker beeinträchtigt wird als von der Intensivierung und Chemisierung der Forstwirtschaft (z.B. großflächige Bekämpfung von Borkenkäfer-Kalamitäten selbst in Nationalparks) darf wohl bezweifelt werden.

Als „Gewinner des Klimawandels“ werden wieder einmal zwei sattsam bekannte Kronzeugen präsentiert: Der Bienenfresser und der (in Deutschland nicht brütende) Silberreiher.
Bei der medialen Inanspruchnahme des Bienenfressers wird jedoch meistens außer acht gelassen, dass er bis vor wenigen Jahrzehnten intensiver Verfolgung durch Imker und Balgfetischisten ausgesetzt war, die jede dauerhafte Ansiedlung verhinderten. Erst nach der Herausbildung großer Quellpopulationen in Südosteuropa und der konsequenten Unterschutzstellung der Kolonien konnte eine Verstetigung der Ansiedlung einsetzen, die zweifellos auch durch einige warme Sommer in klimatisch von jeher begünstigten Gebieten unterstützt wurde.
Ähnliches gilt für den durch Schmuckfederhändler und ihre schießwütigen Lieferanten stark dezimierten Silberreiher, dessen Brutbestand sich nach Schutzmaßnahmen und der Ausweitung von Teichwirtschaften zunächst in Südosteuropa spektakulär erholen konnte. Die Gründe für die faszinierende Änderung des Migrations- und Überwinterungsverhaltens dieser Reiherart sind jedoch nach wie vor unklar und sollten, mangels anderer Erklärungen, nicht vorschnell monokausal dem Klimawandel zugerechnet werden (vgl. dazu den Beitrag unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=84 auf dieser Homepage).

Und was ist nun mit den Paradebeispielen Gartenrotschwanz und Trauerschnäpper als zwei „besonders durch den Klimawandel gefährdeten“ Transsaharaziehern? Sie tauchen, wie oben bereits angedeutet, in der Klimasensibilitätsanalyse nicht auf (übrigens auch der vielzitierte Kuckuck nicht!). Immerhin erfährt man etwas von einem Forschungsprojekt „Auswirkungen klimabedingter Populationsdynamik auf die genetische Variabilität europäischer Trauerschnäpper“ am Senckenberg-Institut der Naturhistorischen Sammlungen in Dresden. Bei der Datenerhebung musste man sich jedoch nicht ins Freiland begeben, sondern konnte sich rezenter und historischer Gewebeproben aus der Schublade bedienen - Fördervolumen 50.000 bis 100.000 Euro.

Fazit: Der hochsubventionierte - die Rede ist von 1,5 Mio Euro Steuergeldern - Forschungsbericht, der sicher seinen Weg durch Behörden, Institutionen und Vogelschutzverbände machen wird, liest sich, was die Vögel anbelangt, stellenweise wie eine bittere Realsatire. Verfasst wurde er offenkundig von Rechercheuren mit überschaubaren avifaunistischen und naturhistorischen Kenntnissen. Der aktuelle Nutzen der arbeitsintensiven Studie mit ihren bis auf zwei Stellen hinterm Komma feinziselierten Schreibtischkategorien dürfte sich für die Vogelwelt leider im Nanobereich bewegen. Ob sie in einem überschaubaren Zeitraum von den zahlreichen Handlungsempfehlungen, z.B. regionale Besonderheiten stärker als bisher zu berücksichtigen, profitieren wird, bleibt abzuwarten.
Positiv ist zu vermerken, dass die Ergebnisse der Studie wenig dazu angetan sind, die katastrophischen Phantasien vom klimaverursachten galoppierenden Artenschwund weiter zu befeuern. Die Autoren resümieren sehr richtig, dass „die beobachteten Zugveränderungen ein Maß für die phänotypische Plastizität der Vogelarten als Reaktion auf diese Klimaänderungen darstellen“. Die alarmistische BfN-Pressemitteilung zeigt jedoch, dass sich diese nüchterne Erkenntnis nur schlecht in der Öffentlichkeit vermarkten lässt; deshalb bringt man lieber, untermalt mit dem Schreckensbild verhungernder Trauerschnäpper und Gartenrotschwänze, die bewährten Posaunen der Apokalypse in Stellung.

Der Zustand unserer Normallandschaft ist beklagenswert. Das faktische Scheitern fast aller Arten- und Naturschutzprogramme für Brutvogelarten des Agrarlands, deren Lebensbedingungen sich gerade durch angeblich „klimafreundliche“ Formen der Energieerzeugung dramatisch verschlechtert haben, macht deutlich, wo die wirklichen und aktuellen Probleme unserer Vogelwelt liegen. Eine sinnvolle Empfehlung wäre, dem Irrsinn aus Biogas, E 10-Sprit und monströsen Windparks zu Land und Wasser ein Ende zu bereiten und endlich die enormen Energie-Einsparpotentiale von bis zu 50 Prozent auszuschöpfen. Allein der überflüssige stand by-Modus elektronischer Geräte verschlingt die Kapazität zweier AKWs! Daran ist aber seltsamerweise kaum jemand interessiert, am wenigsten die Atomkonzerne Vattenfall & Co., die zunehmend auf „erneuerbare Energien“ setzen und sich auch auf diesem Feld kräftig vom Staat, d.h. vom Steuerzahler bezuschussen lassen. Das Schwadronieren über die bedrohlichen Folgen des Klimawandels für Mensch und Vogel liefert dazu, oftmals sicher unbeabsichtigt, die willkommene Begleitmusik. Hans-Heinrich Dörrie (hd)

Rabitsch, W., Winter, M., Kühn, E., Kühn, I., Götzl, M., Essl, F., Gruttke, H. (2010): Auswirkungen des rezenten Klimawandels auf die Fauna in Deutschland. Naturschutz u. Biol. Vielfalt, Bd. 98. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg. Preis: 20 €. Bezug über: Landwirtschaftsverlag 48084 Münster, www.lv-h.de/bfn.

Literatur

  • Bauer, H.-G., Woog, F. (2008): Nichtheimische Vogelarten in Deutschland, Teil I: Auftreten, Bestände und Status. Vogelwarte 46: 157-194.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2005a): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2005b): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeriformes - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Gätke, H. (1900): Die Vogelwarte Helgoland. 2. Auflage. Verlag Johann Heinrich Meyer, Braunschweig.
  • Huntley, B., Green, R.E., Collingham, Y.C., Willis, S.G. (2007): A Climatic Atlas of European Breeding Birds. Lynx Editions, Barcelona.
  • Leuschner, C., Schipka, F. (2004): Klimawandel und Naturschutz in Deutschland. BfN-Skripten 115. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.
  • Südbeck, P., Bauer, H.-G., Boschert, M., Boye, P., Knief, W. (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

March 31st, 2011

Temperaturen auf der Achterbahn – der Vogelwinter 2010/2011 in Süd-Niedersachsen

Der dritte Kältewinter in Folge setzte bereits Ende November mit einem massiven Kälteeinbruch und heftigen Schneefällen ein. Mit 30 Frosttagen und bis zu 40 cm Schneehöhe auch in den Tieflagen war der Dezember 2010 der kälteste und schneereichste seit 40 Jahren. Der Januar hingegen zeichnete sich im wesentlichen durch milde Temperaturen aus und war vermutlich wieder mal „zu warm“. Das Tauwetter zum Monatsanfang brachte Hochwasser und einen Volleinstau des Leinepolders Salzderhelden. Im Februar lösten sich kalte und milde Perioden ab. Mäßiger Nachtfrost sorgte dafür, dass Anfang März viele Stillgewässer noch ganz oder teilweise zugefroren waren.

Mit bis zu 90 Ind. lag der Winterbestand des Höckerschwans in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck im Schnitt der vergangenen Jahre. Ungewöhnlich hoch waren die Zahlen am südlichen Göttinger Stadtrand. Am Kiessee wurde am 28.2. mit 36 Ind. ein neues Lokal-Maximum erreicht.
Bis zu 22 Singschwäne (darunter nur vier Jungvögel) zeigten im Leinepolder ein durchschnittliches Auftreten an. Interessanterweise haben die jüngsten Kältewinter nicht zum rapiden Anwachsen des Rastbestands geführt, wie es früher, allerdings auf niedrigerem Niveau, der Fall war. Unter den Vögeln befanden sich zwei in Lettland mit einer blauweißen Halsmanschette (4C30 und 1E34) versehene Ind. Am 30.11. geriet am Seeburger See ein vermutlich ebenfalls aus Lettland stammender Manschettenschwan ins Blickfeld, dessen Code aber nur teilweise abgelesen werden konnte.
Dmitrijs Boiko markiert seit 2003 die Vögel mit 12 Helfern. Wie viele sinnvolle Projekte ist auch dieses chronisch knapp bei Kasse. Jährlich werden ca. 2000 Euro vor allem für das Begleichen der Benzinkosten benötigt. Für finanzielle Zuwendungen ist Dmitrijs deshalb sehr dankbar. Wer den sympathischen Schwanenwart und seine Kollegen unterstützen möchte, sollte ihn unter dmitrijs.boiko [at] gmail.com kontaktieren.

Singschwan_Dmitrij.JPG
Abb. 1: D. Boiko mit frischmarkierten Singschwänen.

Einen ungewöhnlich guten Bruterfolg demonstrierte eine Familie mit sechs Jungvögeln, die am 12.12. am Seeanger rastete. Mit hoher Wahrscheinlichkeit derselbe Verband hatte sich am 24.12. in der Weseraue bei Hann. Münden niedergelassen.
Eine kleine Sensation für Beobachter/innen mit kleinem Aktionsradius war Göttingens erster Singschwan seit 1970 (!), der am 2.1. auf der Leine nahe der Stegemühle schwamm. Seine wiederholten Versuche, sich einer Höckerschwan-Familie anzuschließen, stießen bei den dumpf xenophoben Vettern auf Ablehnung. Der Aufenthalt war deshalb nur von kurzer Dauer.
Die ortsfeste Überwinterung von bis zu zwei Kanadagänsen und einer Weißwangengans im Leinepolder Salzderhelden ist als regional ungewöhnlich einzustufen.
In der Feldmark Reinshof südlich von Göttingen rasteten vom 12. bis 13.12. bis zu 280 Tundrasaatgänse auf Schneeflucht, die eine Rekordmarke für Stadt und Umland setzten. Drei im Jahr 2010 auf der nordrussischen Halbinsel Kanin am Weißen Meer mit gelben Halsmanschetten (0720, 0910 und 0930) markierte Ind. fanden sich ab Mitte Februar im Leinepolder Salzderhelden ein und waren Anfang März noch präsent.
Als Besonderheit unter den nordischen Wildgänsen, die in diesem Winter wegen früher Schneeflucht nach Westen und Südwesten nicht annähernd so zahlreich vertreten waren wie im vergangenen, sind zwei Kurzschnabelgänse hervorzuheben, die ab dem 22.1. bis (mindestens) Mitte Februar die optikbewehrten Frostspanner im Leinepolder Salzderhelden erfreuten.

Kurzschnabelgans+Hollenstedt+29+Januar+2011+(IMG_3346).jpg
Abb. 2: Zwei Kurzschnabelgänse an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: V. Hesse.

Der Code (NCU) einer mit schwarzer Manschette im Dezember 2003 in den Niederlanden gekennzeichneten Blässgans, die seitdem dort alljährlich überwintert, wurde am 19.2. im Leinepolder Salzderhelden abgelesen. Bei den mehr oder minder stationären Vögeln (in der Regel weniger als 200 Ind.) war der hohe Jungvogel-Anteil von knapp 40 Prozent so erfreulich wie auffällig.
Nilgänse erreichten am 12.2. mit 55 Ind. im Leinepolder Salzderhelden ihr Wintermaximum. Bis zu drei winterliche Brandgänse sind aus regionaler Sicht bemerkenswerter als ein bis zwei Rostgänse unbekannter Provenienz, die mittlerweile zum festen Inventar der Geschiebesperre Hollenstedt gehören.
Pfeifenten haben in den letzten Jahren in der Leine- und Rhumeniederung zwischen Northeim und Salzderhelden eine für das niedersächsische Bergland ungewöhnliche Rasttradition entwickelt, die sich auch in diesem Winter mit bis zu 150 Ind. vor allem während des Vollstaus im Leinepolder bemerkbar machte. Angesichts des, zumindest in Westeuropa, stark negativen Trends bei den Rastbeständen sind 1250 Stockenten am 8.1. im Leinepolder erwähnenswert. Dies trifft auch auf ein M. der Kolbenente zu, das sich vom 14. bis 16.2. auf der Kiesgrube Reinshof aufhielt.
360 Reiherenten lieferten am 29.1. an der Geschiebesperre Hollenstedt ihr winterliches Maximum. Der langsam ins Prachtkleid ummausernde stationäre Eider-Erpel wurde letztmalig am 30.1. an der Geschiebesperre Hollenstedt gesehen. Seit dem 20.2. hält sich auf dem Fischzuchtteich (Northeimer Kiesteiche) eine Samtente auf.

samtente.JPG
Abb. 3: Samtente. Foto: S. Böhner.

Während Zwergsäger an den Stillgewässern mit in der Regel weniger als 10 Ind. eher spärlich vertreten waren, traten Gänsesäger während des Tauwetters in außergewöhnlich hohen Zahlen auf. 77 Ind. am 8.2. auf dem nur 13 Hektar großen Göttinger Kiessee, 96 Ind. am 16.2. auf der Kiesgrube Reinshof (10 Hektar) und 175 Ind. am 18.2. auf dem Seeburger See sind lokale Rekord-Maxima, wobei die Vögel vom Kiessee und der Kiesgrube Reinshof zumindest teilweise identisch gewesen sein dürften. Selbst auf dem kleinen Teich im Göttinger Levin-Park widmeten sich bis zu 11 Gänsesäger (19.1.) dem Fischfang.

Für die regionale Population des Rebhuhns war der vergangene Winter ein ziemliches Desaster. Die vom Rebhuhnschutzprojekt der Uni Göttingen auf 90 km² im Ostteil des Landkreises auf 104 Transekten durchgeführte Kartierung mit Klangattrappen erbrachte gegenüber dem Winter 2009/2010 einen Rückgang von 213 auf 119 revieranzeigende Vögel. Besonders dramatisch fiel der Verlust von 97 auf 35 Ind. auf den strukturarmen Agrarflächen im Viereck Wollbrandshausen - Gieboldehausen - Seulingen - Oberfeld aus. Im Vergleich zum ebenfalls schneereichen Winter 2008/2009 hat das Eichsfeld 75 Prozent seiner Rebhühner eingebüßt. Hinzu kommt, dass die Zahl der Blühstreifen (z.T. zugunsten eines höher dotierten Rotmilanprojekts mit Luzernestreifen!) weiter zurückgeht. In der strukturreichen Feldmark Gö.-Geismar und am Diemardener Berg war der Bestand hingegen stabil.

Kälte und Schnee erhöhen auch das Prädationsrisiko: Wenn sich die Vögel im Winter zum Schlafen an den wenigen verbliebenen Hecken und Randstreifen konzentrieren müssen, fallen sie leichter Beutegreifern wie Fuchs und Habicht zum Opfer. Um dem Dilemma aus erschwerter Nahrungssuche und Fressfeinddruck zu entgehen, verfielen einige Rebhühner auf eine Gegenstrategie: Auf dem Schulhof in Diemarden und unter einem Container im Gieboldehäuser Gewerbegebiet wurden besenderte Vögel relokalisiert. Vier Ind. suchten in einem Hausgarten im Göttinger Stadtteil Treuenhagen unter einer für Kleinvögel eingerichteten Futterstelle für knapp eine Woche Schutz. Zum Schlafen flogen sie in die nahe gelegene Kleingartenkolonie „Lange Bünde“. Diese „Verstädterung“ eines Feldvogels aus Not ist so außergewöhnlich wie unfroh stimmend.

Rebhuehner.jpg
Abb. 4: Rebhühner in Treuenhagen. Foto: S. Hillmer.

120 Haubentaucher zeigten am 18.12. an den Northeimer Kiesteichen das lokale Wegzug-Maximum an. Am 21.11. hielt sich im Leinepolder Salzderhelden ein Rothalstaucher auf.
Auf dem Freizeitsee (Northeimer Kiesteiche) schwamm vom 28.11. bis 12.12. ein Sterntaucher. Auf der Kiesgrube Reinshof hielt es ein Prachttaucher vom 2. bis 13.12. aus. Süd-Niedersachsens zweiter Eistaucher, der am 14.11. auf dem vorgenannten Gewässer eine kurze Rast einlegte, wurde bereits auf dieser Homepage in einem Sonderbericht vom 22.11. ausgiebig gewürdigt.

prachttaucher.jpg
Abb. 5: Prachttaucher auf der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner.

Kormorane erreichten am 12.2. an den Northeimer Kiesteichen mit 96 Ind. ihr winterliches Maximum. Am Göttinger Kiessee waren sie während des Tauwetters mit maximal 40 Ind. in vergleichsweise geringer Zahl präsent.

Am 14.11. zeigten 55 Silberreiher vor dem Wintereinbruch im Polder I des Leinepolders Salzderhelden bereits ein kopfstarkes (Wegzug?-)Vorkommen an. Nach der Schneeschmelze Anfang Januar tauchten die Weißen Riesen wieder auf (von wo?) bzw. wurden wieder sichtbar - und wie! Von zahllosen ertrunkenen Kleinsäugern angezogen, versammelten sie sich in Trupps von manchmal mehr als 40 Ind. Grob geschätzt dürfte der Hochwinterbestand in Süd-Niedersachsen mehr als 70 Ind. umfasst haben. Das ist, zumal für einen Winter wie diesen, außergewöhnlich, denn normalerweise betrug er in den vergangenen Jahren um die 20 bis 25 Ind. Ende Februar gingen die Zahlen wieder zurück.
Ebenso spektakulär wie ihr erstaunliches Migrationsverhalten ist - als Göttinger Spezialität? - die kontinuierliche Verstädterung dieser Reiherart, die vor 30 Jahren noch als Rarität bestaunt wurde. Während „zutrauliche“ Einzelvögel in der Weststadt (z.B. am Levin-Park und am Rückhaltebecken Grone) fast schon Normalität sind, ist ein vergleichbares Auftreten im Ostviertel neu. Am 9.1. hielten sich zwei Ind. an der aufgestauten Reinsrinne auf den Schillerwiesen, einer städtischen Parkanlage mit regem Besucherverkehr, auf. Am 18.1. saß ein Silberreiher auf einem Hausdach am Nonnenstieg und sorgte dort mit seiner unwirklich anmutenden Erscheinung für einiges Aufsehen unter den Anwohnern. Im selben Zeitraum wurden zwei Ind. mehrfach am Weendespring im Ortsteil Weende gesehen.

Silberreiher_urban.jpg
Abb. 6: Silberreiher am Nonnenstieg. Foto: M. Listing.

Dagegen nahmen sich die Zahlen des Graureihers gering aus. Die lokalen Tagessummen lagen beständig unter 10 Ind., zumeist sogar unter fünf Ind.
Die mit fünf ausgeflogenen Jungreihern erfolgreiche Brut im Levin-Park im vergangenen Jahr hat offenbar Nachahmer animiert. Ende Februar begannen drei Paare mit dem Nestbau. Ob der neue Brutplatz, immerhin auf einer kleinen Insel, sicher vor nordamerikanischen Eierräubern mit Banditenmaske ist wird sich bald erweisen…
Das winterfeste Weißstorch-Paar aus dem Leinepolder wich nach den Schneefällen und dem Zufrieren der Gewässer im Dezember auf die Deponie Blankenhagen bei Moringen aus und hatte dort offenbar ein gutes Auskommen. Ab Mitte Januar ließ es sich wieder im Brutgebiet blicken.

Kornweihen waren mit 13 Ind. (maximal vier Ind. am 23.11. im Leinepolder Salzderhelden (IV) bzw. drei Ind. (1 ad. M., 1 M K 2 und ein wf. Ind.) am 19.12. am Diemardener Berg) eher spärlich vertreten. In der Regel war die Verweildauer der Vögel kurz, Nachweise von ortsfesten Überwinterungen liegen nicht vor. Diese wären im Leinepolder, ihrem bevorzugten Überwinterungsgebiet, wegen der Überflutung auch kaum zu erbringen gewesen. Ertrunkene Mäuse und anderes Aas stehen nun mal nicht auf dem Kornweihen-Speiseplan…
Immerhin vier Rauhfußbussarde wurden gemeldet und zwar vom 2.12. am Seeburger See (W.), vom 10.12. an den Northeimer Kiesteichen (W.) und über Gö.-Nikolausberg (K 1) sowie vom 19.12. bei Scheden. Alle waren wohl auf der Flucht vor den Schneemassen und sahen - anders als im Winter 2009/2010 (vgl. den Spezialbeitrag vom 19.7.2010 auf dieser Homepage) - von einem längeren Aufenthalt wohlweislich ab.
Merlin-Winterbeobachtungen sind in unserer Region eine Seltenheit und gelingen, wenn überhaupt, fast nur in schneereichen Kältewintern. Insofern passen Einzelvögel vom 13.1. im Leinepolder Salzderhelden (IV), vom 15.1. in der Feldmark Sattenhausen und vom 23.1. an der Geschiebesperre Hollenstedt gut ins Bild. Möglicherweise betrafen die drei Beobachtungen nur ein oder zwei Vögel mit, wegen der Kleinvogelarmut (s.u.), großem Aktionsradius.

Regional bemerkenswert ist die erste Überwinterung eines Kranichs, die aus eigenem Antrieb erfolgte. Der Vogel hielt sich vom 11.12. bis Ende Februar an der Geschiebesperre Hollenstedt auf und trotzte in Eis und Schnee der harschen Witterung. Dabei kam ihm eine Wildfütterung zugute, die er regelmäßig aufsuchte. Ein ähnliches Phänomen liegt bereits 20 Jahre zurück. Das monatelange Ausharren eines Paares im Winter 1988/89 im Leinepolder Salzderhelden war aber alles andere als freiwillig. Einer der beiden hatte sich an einer Stromleitung verletzt und konnte nicht mehr fliegen. Der treue Gefährte blieb - weitaus uneigennütziger als der sinistre Adoptivprinz Frederic von Anhalt bei Zsa Zsa Gabor! - solange bei seinem Gespons, bis dessen Verletzung im Frühjahr abgeheilt war und beide die Heimreise ins Brutgebiet antreten konnten. Das nennt man wahre Gattenliebe nach dem Vorbild einer bekannten Beethoven-Oper.

kranich.jpg
Abb. 7: Kranich mit Rostgans und anderem Wassergeflügel an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: J. Herting.

Der Heimzug setzte bereits am 7.2. ein und tröpfelte bis zum Ende des Monats vor sich hin. Vergleichsweise gute Zugtage bzw. –nächte waren der 13.2. (ca. 1000 Ind.) und der 23.2. (ca. 500 Ind.).
„Eigentlich“ hätte der außergewöhnlich kalte und schneereiche Dezember zu einem Massenausbruch von Großtrappen aus ihren ostdeutschen Hochsicherheitstrakten führen müssen. Dem war aber nicht so: Anders als im Winter 2009/2010 (vier regionale Nachweise mit sechs Ind.) wurde nur die Beobachtung eines Einzelvogels bekannt, der am 2.1. südlich von Hollenstedt nach Südwesten zog und von B. Riedel bei naturgucker.de fotografisch festgehalten werden konnte.
Am 13.12. wurde an den Northeimer Kiesteichen das winterliche Maximum von 495 Blässhühnern ermittelt. Der Göttinger Winterbestand des Teichhuhns war wiederum gering. Im Kiessee-Leinegebiet hielten es ganze zwei Ind. aus und auch im Levin-Park lag ihre Zahl mit maximal 12 Ind. unter dem langjährigen Durchschnitt. Um die Bestandsentwicklung dieser von der Avifaunistik weithin vernachlässigten Rallenart muss man sich - vielleicht nicht nur in Göttingen - ernsthaft Sorgen machen.

Am 26.2. zogen bemerkenswerte 77 Goldregenpfeifer über die Feldmark Geismar-Süd. Am 20.2. bedeckten 3000 Kiebitze den Leinepolder Salzderhelden, nach einem erneuten Kälteeinbruch gingen die Zahlen jedoch deutlich zurück. Am 27.11. legten vier verbummelte Große Brachvögel im Leinepolder Salzderhelden eine kurze Rast ein.
Ab dem 12.2. ließen sich an den Northeimer Kiesteichen wieder zwei bald schon obligatorische Zwergschnepfen aufscheuchen. Der frühe Wintereinbruch führte zur bundesweit registrierten Schneeflucht von Waldschnepfen, die sich auch bei uns mit Einzelvögeln am 30.11. in Rosdorf und am 2.12. in einem Hausgarten in der Göttinger Münchhausenstraße bemerkbar machte. Der Rosdorfer Vogel war gegen eine Scheibe geflogen, wurde in Gewahrsam genommen und konnte am folgenden Tag wieder der freien Wildbahn zugeführt werden. An der Geschiebesperre Hollenstedt gelang wiederum zwei hartgesottenen Waldwasserläufern die Überwinterung.

Das Massensterben von Kleinsäugern nach dem Vollstau des Leinepolders Salzderhelden lockte im Januar bis zu 19 Silbermöwen an. Diese Zahl ist für unsere großmöwenarme Region recht bemerkenswert. Am 10.12. wurden an den Northeimer Kiesteichen drei Steppenmöwen (2 K 3, 1 ad. Ind.) ins Visier genommen. Dort hielt sich am 18.12. auch eine K 1-Mittelmeermöwe auf, der am 16.1. ein K 2-Vogel folgte.
Ab dem 24.11. sorgte eine, zum Glück fotografierte, Großmöwe aus dem Leinepolder Salzderhelden für eine angeregte Bestimmungsdiskussion. Nach eingeholter Expertenmeinung (u.a. M. Gottschling, A. Buchheim, K. Malling Olsen und V. Rauste) war der Vogel zweifelsfrei eine Heringsmöwe nordöstlicher Provenienz. Was die genauere Bestimmung auf Art-/Taxonniveau anbelangt tendierte die Meinung mehrheitlich zu Larus f. fuscus („Baltische Heringsmöwe“).

heringsmoewe.jpg
Abb. 8: Östliche Heringsmöwe (mit Sturmmöwe). Foto: M. Siebner.

Für Göttingen recht ungewöhnlich ist die Beobachtung einer Schleiereule, die am 24.1. an der Sportanlage an der Hermann-Rein-Straße auf einem Fußballtor saß und eine Annäherung auf fünf Meter zuließ.

Ein traditioneller Leidtragender von Kältewintern, der Eisvogel, scheint, trotz neuerlicher Verluste, letztlich mit einem kobaltblauen Auge davongekommen zu sein. Gleichwohl dürfte sich der regionale Brutbestand nach drei Kältewintern in Folge mal wieder auf einem historischen Tiefstand bewegen. An der Hahle bei Mingerode überlebten zwei Vögel, desgleichen im Göttinger Kiessee-Leinegebiet. Dort kam es zu erbitterten Kämpfen dieser im Winter äußerst unflätigen Gesellen, die ein möglichst großes Revier beanspruchen. Die gewaltsamen, über mehr als eine halbe Stunde ausgetragenen Auseinandersetzungen konnten mit einem hervorragenden Foto dokumentiert werden. Wie im letzten Winter gelang auch einem Vogel am Weendespring die Überwinterung.

Eisvogel+Flüthewehr+17+Januar+2011+(IMG_2685).jpg
Abb. 9: Eisvögel beim Kampf ums Winterrevier. Foto: V. Hesse.

Wieder einmal erhebt sich die bange Frage: Wie ist es dem Grünspecht, einem spezialisierten Ameisenfresser und Nicht-Futterhaus-Besucher ergangen? Wie schwer er es hat, bei hohem Schnee an seine Nahrung zu gelangen, verdeutlich das folgende Foto.

Grünspecht+auf+Nahrungssuche+im+Winter+28-12-2010.jpg
Abb. 10: Grünspecht auf Nahrungssuche in Diemarden. Foto: V. Lipka.

Obgleich die Verluste kaum zu quantifizieren sind, zeichnet sich ab, dass einige traditionelle Reviere in Göttingen und Umgebung (z.B. Kiessee, Friedhof Junkerberg, Hainberg, Gartetal bei Diemarden) nach wie vor von Vögeln besetzt sind, die den Horror-Dezember verlacht haben. Auch aus dem Ostteil des Landkreises Göttingen liegen Erkenntnisse zur Bestandssituation vor, die gleichermaßen ermutigend und verblüffend ausfallen - Glückwunsch! Gleichwohl bleibt es ein Mysterium, welche ökologischen Faktoren dafür verantwortlich sind, dass Kältewinter für diese Art offenkundig nicht mehr solche desaströsen Verluste mit sich bringen wie noch vor 20 Jahren. Seitdem hat ihr Bestand jedoch stark zugenommen, warum genau, ist ungeklärt. Und kleine Populationen leiden bekanntlich unter Wetterextremen und ähnlichen Phänomenen weitaus stärker als große…

Wenn im folgenden von den Sperlingsvögeln die Rede ist, sei vorausgeschickt: Wohl selten war ein Winter ärmer an Kleinvögeln als dieser! Dies drückte sich nicht zuletzt auch in etlichen Anrufen erboster Mitbürger/innen aus, die sich über den geringen oder gar fehlenden Zuspruch beklagten, den ihre üppig beschickten Futterstellen fanden. Vermutlich hatten (auch) viele Passeres, sofern sie nicht obligatorisch standortstreu sind wie z.B. Sumpfmeise und Elster, bereits Ende November/Anfang Dezember das Weite gesucht – ein durchaus weiser Entschluss. Gleichwohl gibt es auch bei diesem Spektrum einige Ausnahmen und interessante Beobachtungen.
Vom Raubwürger liegen immerhin 16 Beobachtungen von 14 verschiedenen Ind. vor, die zumeist an ihren traditionellen Überwinterungsplätzen (z.B. Kerstlingeröder Feld, Golfplätze Brochthausen und Levershausen, Leinepolder Salzderhelden, Dransfelder Hochfläche etc.) angetroffen wurden. Ob für das vergleichsweise zahlreiche, aber ansonsten durchaus nicht aus dem langjährigen Rahmen fallende Auftreten in diesem Kältewinter die engagierte Erfassung durch einen Enthusiasten, guter Bruterfolg im Mäusejahr 2010 oder Zuzug von nordeuropäischen Überwinterern die Ursache war (oder alle drei Faktoren zusammenwirkten), muss offen bleiben. Erstaunlich bleibt allemal, wie die robusten Vögel bei der außergewöhnlichen Schneehöhe und der bereits erwähnten Kleinvogelarmut an ihre Nahrung gelangten.
Am 14.11. machten sich in einem Röhrichtbestand unweit der Staumauer des Leinepolders Salzderhelden 14 Bartmeisen (8 M., 6 W.) bemerkbar.

bartmeise.jpg
Abb. 11: Eine von 14 Bartmeisen bei Salzderhelden. Foto: M. Siebner.

Zweifelsfreie Beobachtungen von Schwanzmeisen der nordischen Nominatform caudatus (nicht zu verwechseln mit weißköpfigen Ind. der heimischen Unterart europaeus!) waren vor diesem Winter in unserer Region eine große Rarität. Drei aktuelle Nachweise von insgesamt ca. fünf bis sechs Vögeln sind einer mehr als die beiden einzigen, die zuvor aus den letzten Jahrzehnten existierten! Am Göttinger Stadtwall hielt sich im Hochwinter für längere Zeit ein gemischter Trupp auf, unter dem sich auch zwei bis drei klassische caudatus-Ind. befanden. Das Auftreten dieser Vögel stand sicher im Zusammenhang mit einem größeren Einflug nach Mittel- und Westeuropa, der sich aber, wie so oft, in Süd-Niedersachsen nur sehr abgeschwächt bemerkbar machte.

schwanzmeise.jpg
Abb. 12: Schwanzmeise der Nominatform am Göttinger Stadtwall. Foto: M. Siebner.

Was nun den erhofften Masseneinflug des Seidenschwanzes anbelangt: Er hat bisher nicht stattgefunden! Zwar liegen die Zahlen vor allem in Göttingen erheblich höher als im Vorjahr; sie sind jedoch, verglichen mit der Invasion 2004/2005, eher gering und bewegen sich (noch?) im Rahmen normaler Einflugjahre. Eine ausführliche Dokumentation, zu der zahlreiche Beobachter/innen mit ihren Daten beigetragen haben, erscheint Ende April - wenn die letzten der gefräßigen Nordlichter verschwunden sind - auf dieser Homepage.
Wiederum war der Zaunkönig in vielen Gebieten nur als kläglicher Einzelvogel vertreten oder fehlte sogar völlig. Man kann nur hoffen, dass sich die meisten nach dem frühen Winterbeginn in angenehmere Gefilde verzogen haben. Auch das Rotkehlchen machte sich wieder ausgesprochen rar.
Winterbeobachtungen von Singdrossel, Wiesenpieper und Rohrammer: Fehlanzeige. Auch die Feldlerche war im Hochwinter komplett abwesend. Zwei Hausrotschwänze, die im Industriegebiet im Göttinger Westen zu überwintern versuchten, waren bereits nach dem 6.12. nicht mehr aufzufinden. Auch von den etwas härteren Arten Bergpieper und Gebirgsstelze liegen auffallend wenige Daten vor, die jeweils weniger als 10 bzw. fünf Ind. betreffen. An der plakativen und pauschalen, vom Boulevardblättchen bis zur populär gestrickten vogelkundlichen Fachzeitschrift kolportierten Mutmaßung, dass „wegen der Klimaerwärmung immer mehr Zugvögel zu Standvögeln werden“ bestehen wohl größere Zweifel denn je. Vor diesem Hintergrund ist die erfolgreiche Überwinterung einer Bachstelze auf dem Uni-Campus in Göttingen sehr bemerkenswert. Ansonsten wurden am 14.1. an der Geschiebesperre Hollenstedt und am 16.1. am Göttinger Flüthewehr nur Einzelvögel mit einer kurzen Verweildauer gesehen.
Von einigen Finkenvögeln ist zu berichten, dass sie in eher normalen bis unterdurchschnittlichen Zahlen auftraten. Größere Trupps von mehr als 50 Erlenzeisigen ließen sich wie gewohnt am Seeburger See, am Göttinger Kiessee, auf dem Stadtfriedhof und im Ostviertel blicken. Ähnlich sah es beim Birkenzeisig aus. Erwähnenswert ist ein Trupp von ca. 100 Bluthänflingen, der sich am 29.12. am Diemardener Berg aufhielt. Nordische „Trötergimpel“ wurden bis zum Ende des Winters in einigen Gebieten, z.B. am Göttinger Kiessee, in geringer Zahl (1-2 Ind.) gehört. Wie die Gimpel waren auch Kernbeißer allerorten zu vernehmen, aber nur am Göttinger Kiessee und auf dem Stadtfriedhof zu quantifizieren, wo sich im Hochwinter jeweils bis zu 15 bis 18 Ind. aufhielten.

Dieser Sammelbericht, dem höchste wissenschaftliche und ethische Ansprüche zugrunde liegen, wurde von Hans-Heinrich Dörrie (hd) und Silvio Paul (sp) in mühevollster nächtlicher Kleinarbeit erstellt - unter Hintanstellung aller familiären und sonstigen Verpflichtungen. Er beruht ausschließlich auf einem Exzellenzcluster aus exakt 37 jederzeit nachprüfbaren Primärquellen, die im folgenden alphabetisch aufgelistet werden: P.H. Barthel, S. Böhner, G. Brunken, J.Bryant, M. Corsmann, H. Dörrie, K. Dornfeldt, M. Drüner, M. Fichtler, J. Fleischfresser, M. Göpfert, E. Gottschalk, V. Hesse, J. Herting, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, K. Jünemann, A. Kannengießer, H.-A. Kerl, G. Köhler, V. Lipka, M. Listing, T. Matthies, C. Oppermann, H. Ostwald, J. Ostwald, S. Paul, D. Radde, U. Scheibler, C. Scherber, M. Schuck, A. Schröter, M. Siebner, A. Stumpner, H.-J. Thorns & D. Trzeciok (viele von ihnen mit redlich erworbenem Doktortitel, aber man will ja nicht protzen…).

March 14th, 2011


Kalender

March 2011
M T W T F S S
« Nov   May »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Beiträge nach Monaten

Beiträge nach Kategorien