Archive for February, 2010

„Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt“

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Unter diesem sympathisch verschnarchten Titel ist, nach einer elefantösen Tragzeit von 22 Monaten, ein kleines Buch ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Sein Inhalt ist jedoch nur bedingt für die Kaffeetafel geeignet. Vielmehr wird hier der Versuch unternommen, dem interessierten Normalbürger Einblicke in ökologische Prozesse und in die Auswirkungen menschlicher Umgestaltungen zu verschaffen, deren Bedeutung für Vogelpopulationen gar nicht hoch genug angesetzt werden kann. Möglicherweise könnte sogar der eine oder andere Vogelkundler von der Lektüre profitieren… Das mit über 150 Fotos, Tabellen und Karten reich bebilderte Werk konzentriert sich in seinem Hauptteil auf die Brutvögel des 116 km² großen Göttinger Stadtgebiets und deren arttypische Lebensräume. Auf der Basis von Kartierungen und anderen Datenerhebungen werden konkrete Angaben zum Bestand und zur langjährigen Populationsdynamik von Vogelarten geliefert. Weil das Untersuchungsgebiet zu etwa je einem Drittel aus dem Siedlungsbereich, Wäldern und Agrarflächen besteht, fällt das Spektrum mit 101 behandelten Arten entsprechend vielfältig aus und beschränkt sich nicht auf Stadtvögel im engeren Sinn.

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Als Brutvogel im Göttinger Stadtgebiet gar nicht so selten: Die Wasseramsel brütet hier mit sechs bis sieben Paaren. Foto: M. Siebner.

Der - trotz der vieldiskutierten Klimaerwärmung (!) - anhaltende Rückgang sogenannter Lichtwaldarten, besonders der Bodenbrüter unter ihnen, wird in einen erhellenden Bezug zu Eutrophierungsprozessen, aber auch zur veränderten Waldbewirtschaftung hin zum Dunkelwald gestellt. Die Bilanz der Agrarbrutvögel fällt, wie in ganz Mitteleuropa, auch in Göttingen düster aus. Anpassungsfähige Waldvogelarten befinden sich dagegen im Aufwind, sowohl in ihrem Primärhabitat als auch im Siedlungsbereich, der in Teilen waldähnlicher geworden ist. Auf der Gewinnerseite bewegen sich, cum grano salis, auch einige Charakterarten der Fließ- und Stillgewässer.
Neben der Bestandsentwicklung heimischer Brutvögel wird auch die Geschichte der lokalen Avifaunistik, das Verhältnis von Mensch und Vogel in der Stadt, der Dauerbrenner „Vögel füttern - warum eigentlich nicht?“ und der Umgang mit vermeintlich hilflosen (Jung-)Vögeln behandelt. Natur- und Landschaftsschutz in Göttingen und Vogelschutz im Siedlungsbereich sind weitere Themenfelder. Die von missgünstigen Zeitgenossen als „schädlich“ stigmatisierten Straßentauben, Elstern, Rabenkrähen und Kormorane werden, wie es sich gehört, gegen hartnäckige Anfeindungen in Schutz genommen.
Damit die Leserschaft die Vögel, um die es geht, auch zu Gesicht bekommen kann, werden attraktive Beobachtungsgebiete vorgestellt, die sich bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen lassen. In diesem Kapitel kommen auch die Gastvögel zu ihrem Recht.
Kurzum: Das Buch ist weder eine gleichermaßen dickleibige wie staubtrockene Avifauna, in der verstädterte Vogelarten traditionell zu kurz kommen, noch ein ausschließlich praxisorientierter Ratgeber für vogelfreundliche Gartenbesitzer, von denen es schon mehr als genug gibt. Ob der Versuch gelungen ist, ein facettenreiches Bild der Göttinger Vogelwelt in kompakter und lesbarer Form zu zeichnen, mag die Leserschaft entscheiden. Aus Sicht des Verfassers kommt natürlich keiner, der sich mit den gefiederten Nachbarn in der südniedersächsischen Metropole vertraut machen möchte, an dem Buch vorbei…

P.S. … und natürlich ist auch diese Neuerscheinung bereits veraltet: Die Brutkolonie des Haussperlings an der Walkemühle, die das Vorsatzblatt ziert, ist im Herbst 2009 der Umwandlung des Gebäudes in eine Wellness-Oase (für Menschen) zum Opfer gefallen. Der Rauhfußbussard vom 13.2.2010 in der Feldmark Geismar-Süd fehlt selbstredend auf der im Buch enthaltenen Liste von – vor seinem Auftauchen – 223 Vogelarten, die bislang im Göttinger Stadtgebiet beobachtet wurden. Dem lokal seltenen Wintergast dürfte das aber ziemlich schnuppe sein, er hat momentan ganz andere Probleme. hd

Hans-Heinrich Dörrie (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger. 181 S. ISBN 978-3-924781-58-3. Verlag Göttinger Tageblatt. Preis: 14,80 €. Bezug ab Samstag, 20. Februar (bei Tauwetter!) über: Göttinger Buchhandlungen, die Geschäftsstelle des Göttinger Tageblatts, Jüdenstraße 13c, 37073 Göttingen, den Verlag Göttinger Tageblatt, Dransfelder Str. 1, 37079 Göttingen oder im Internet beim E-Shop.

February 16th, 2010

Eisvogel fängt Spitzmaus?

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„Fischer sind vielfach langweilige, mürrische, einsiedlerische Gesellen, bei den Tieren sowohl wie bei den Menschen, und das gilt auch für den Eisvogel.“ So sah das zumindest Flöricke im Jahre 1907 [1]. Eisvögel ernähren sich tatsächlich vorwiegend von kleinen Fischen, im Sommerhalbjahr teilweise auch von Insekten [2]. Im Winter jedoch, wenn viele Gewässer zugefroren sind, kommen die Vögel nur schwer an ihre Beute. In harten Wintern wie diesem haben sie es besonders schwer und es kommt zu radikalen Bestandseinbußen, von denen sich lokale Populationen zum Teil erst nach Jahren wieder erholen [3]. Auf ihrer verzweifelten Suche nach eisfreien Gewässern kann man Eisvögel in der Nähe menschlicher Behausungen und sogar an Gartenteichen antreffen.

Am Neujahrstag 2010 gelang mir die Beobachtung eines solchen Einzelgängers im Göttinger Süden in unmittelbarer Nähe zum Wohngebiet Kiesseekarree. Am kleinen, nicht zugefrorenen Landwehrgraben kam ein Eisvogel mit Beute im Schnabel angeflogen, setzte sich ein paar Meter vor mir auf eine Warte und war dann offensichtlich damit beschäftigt, die Beute nach Eisvogelart zu erschlagen. Davon konnte ich ein paar Belegaufnahmen anfertigen. Ob sie danach verzehrt oder wieder fallen gelassen wurde, ist unklar.

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Erst bei der Durchsicht der Fotos am heimischen Rechner fiel mir auf, dass es sich bei der Beute nicht um einen Fisch gehandelt haben kann. Auf den zweiten Blick war es für mich eine Maus. Man erkennt etwas Schwanzartiges und einen Körper. Schaut man jedoch genauer hin und rechnet nach, kommen Zweifel an der Maustheorie [4]:

Bei dem Vogel handelt es sich augenscheinlich um ein Weibchen. Nach Glutz [2] misst die Schnabellänge von Eisvogelweibchen vom Stirnansatz bis zur Spitze maximal 46 mm. Damit wäre der Mausekörper auf dem Bild nur ca. 35 mm lang. Die kleinste Maus, die Zwergspitzmaus hat jedoch eine Rumpflänge von mindestens 56 mm, dazu kommt ein Schwanz von 32 mm [5]. Wenn überhaupt kann es sich also höchstens um die Überreste einer Spitzmaus handeln.

Schaut man dann noch genauer hin, erkennt man, dass die Beute „am Schwanz“ überfroren und sonst voller Schneekristalle war. Sie kann also nicht direkt aus dem Wasser gefischt worden sein. Für einen Eisvogel, der, anders als seine tropischen Verwandten, seinen Beutetieren ausschließlich im Wasser nachstellt, ist auch dies sehr ungewöhnlich.

Bleibt eigentlich als einzige Erklärung, dass es sich bei dem Schnabelinhalt um ein Pflanzenteil wie z.B. einen Erlenzapfen handelt. In der Literatur ist beschrieben, dass Blätter nach Fang ebenfalls „totgeschlagen“ werden.

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Letztlich muss die Frage, was der desorientierte Fischfänger in der Not erbeutet hat, unbeantwortet bleiben. Desgleichen ist offen, ob ein vergleichbarer Beuteerwerb jemals zuvor fotografisch belegt werden konnte. Möglicherweise liegt hier eine echte Weltpremiere vor. M. Siebner

February 13th, 2010


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