Archive for November, 2008

Ab durch die Mitte der Republik: Wegzug Juli - November 2008

trauerente.jpg

Abb. 1: Trauerente am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Eine Zwergdommel, die sich am 7.8. im Schilfgürtel des Seeburger Sees nur für wenige Sekunden zeigte, trug zur leichten Zunahme der regionalen Nachweise bei. 2007 und 2005 ließ sich diese in ganz Deutschland hochgradig gefährdete kleine Reiherart ebenfalls dort blicken. Die Beobachtungen fielen jedoch allesamt in den Hochsommer oder das Ende der Brutzeit und betrafen unverpaarte Einzelvögel. Die grotesk anmutende „Zutraulichkeit“ einiger junger Schwarzstörche ist in unserer Region mehrfach dokumentiert worden. Besonders krass führte sich ein Jungstorch auf, der sich 2004 bei Volpriehausen mit Schnecken fütterten ließ und sogar bis zur Rezeption im Inneren einer Hotelanlage vordrang. Damit verglichen zeigte der Vogel, der am 6.9. in Lödingsen auf Hausdächern stand und die Straße nach Adelebsen entlangstolzierte, ein fast normales Verhalten. Zu seinem Glück wurde er weder angefahren noch von übermotivierten Vogelschützern in Gewahrsam genommen und in einen Storchenhof bei Magdeburg verbracht, wie es 2004 leider der Fall war.
Graugänse erreichten am 29.8. mit ca. 1600 Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt ein neues Maximum. Ein mit gelben Halsmanschetten (N90, N92) versehenes Altvogelpaar, das Ende Juni 2008 auf Rügen markiert worden war und sich seit Ende Oktober in der Feldmark Reinshof zusammen mit ca. 350 Kollegen durchfrisst, belegt einen Zuzug aus dem Nordosten Deutschlands. Göttingens erste Nonnengans traf am 11.7. zusammen mit Graugänsen am Kiessee ein und hielt sich dort, immer zahmer werdend, einsam bis Anfang September auf. Später schloss sie sich wieder Graugänsen an und tauchte am Wendebachstau bei Reinhausen und in der Feldmark Reinshof auf. Seit dem 24.11. kann sie sich der Gesellschaft zweier Artgenossen erfreuen. Einzelne Trauerenten ließen am 16.11. an den Northeimer Kiesteichen und am 24.11. am Göttinger Kiessee die hellen Backen leuchten. Der Kiessee-Vogel war der erste dort seit mehr als 25 Jahren.

nonnengans.jpg

Abb. 2: Nonnengans mit Graugänsen an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Ziehende Wespenbussarde wurden vom 14.8. bis 3.9. am Diemardener Berg südlich von Göttingen mit insgesamt 26 Ind. in leicht überdurchschnittlicher Zahl notiert. Im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ gelangte eine weitere Mischbrut von Rot- und Schwarzmilan ins Blickfeld, und zwar an der Retlake nahe dem Seeanger. Auch diese Brut verlief mit einem Jungvogel erfolgreich. Der Sprössling sah phänotypisch eher wie ein Rotmilan aus, rief aber wie ein Schwarzmilan. 61 am 8.10. über die Göttinger Nordoststadt ziehende Rotmilane signalisierten ein in den vergangenen fünf Jahren nicht erreichtes Maximum. Seeadler scheinen (auch) in Süd-Niedersachsen zu alljährlichen Gästen zu werden, was angesichts der rasanten Zunahme des deutschen Brutbestands nicht weiter verwunderlich ist. Die Verweildauer eines diesjährigen Vogels am 14.10. am Seeburger See war jedoch nur kurz. Sieben Fischadler, davon fünf stationäre Ind., zeigten am 12.9. für den Seeburger See ein Maximum an.
Sonderbar gestaltete sich am 26.8. der Anblick eines toten diesjährigen Rebhuhns auf dem Gleis 8 des Göttinger Bahnhofs. Es darf vermutet werden, dass der Vogel nicht dort zu Tode gekommen ist, sondern sein bereits in Verwesung übergehender Leichnam von einem Zug mitgeschleift worden war. Jahreszeitlich ziemlich spät wurde am 28.9. eine Wachtel in der Feldmark Sattenhausen gesehen.
Recht merkwürdig war es im Herbst 2008 um die Kraniche bestellt. Bereits in der dritten Septemberdekade wurde, für unsere Region sehr früh, im Seeanger ein kleiner rastender Trupp festgestellt. Am 24.10. erfolgte mit 3800 Ind. ebendort starker Zug. Später wurden, zumindest nach den bislang vorliegenden Daten, nur geringe Zahlen notiert - der typische zweite Gipfel Anfang November machte sich kaum bemerkbar. Ist ein Großteil der Vögel auf einer weiter nördlich liegenden Route in die Diepholzer Moorniederung geflogen, wo sich bis zu 50.000 Ind. aufhielten? Vielleicht bahnt sich eine Abänderung des Zugwegs an – zum „Nachteil“ Süd-Niedersachsens. Diese hätte jedoch weniger mit der vieldiskutierten Klimaerwärmung zu tun, sondern wäre vor allem mit der Ausweitung des Maisanbaus und der Einrichtung von opulenten Ablenkungsfütterungen zu erklären.
Waren die am 26.6. im Seeanger beobachteten vier Säbelschnäbler bereits auf dem Wegzug oder hat es sich bei ihnen um vagabundierende Nichtbrüter bzw. erfolglose Brutvögel gehandelt? Klarer zu deuten ist das Auftreten zweier adulter Mornellregenpfeifer, die vom 19. bis 20.8. zum arttypischen Wegzuggipfel auf dem Diemardener Berg rasteten. Ein am 16.9. über den Seeburger See fliegender Kiebitzregenpfeifer war nicht nur eine lokale Besonderheit, sondern der einzige im süd-niedersächsischen Vogeljahr 2008. Er hatte weniger Probleme als eine Waldschnepfe, die am 31.10. frühmorgens auf dem Bürgersteig der Jüdenstraße in der Göttinger Innenstadt saß, vermutlich nach einem Scheibenanflug. Nach einer kurzen Rekonvaleszenzphase flog der Vogel nach Norden ab - hoffentlich nicht gegen die nächste Glasfront oder, außerhalb der Stadt, vor die Flinten lodengrüner Feinschmecker, die ihre absonderliche Vorliebe für den gebratenen kotgefüllten Enddarm einer Waldschnepfe, den sogenannten „Schnepfendreck“, am fernen Rand unserer Zivilisation ausleben.

Alpipunk.jpg

Abb. 3: Alpenstrandläufer an der Kiesgrube Reinshof, modisch frisiert. Foto: M. Siebner

Im Vergleich mit der norddeutschen Wattenmeerküste sicherlich eine Petitesse, aber aus regionaler Sicht geradezu spektakulär gestaltete sich das Auftreten des Großen Brachvogels: Am Seeanger bezogen im September/Oktober bis zu 48 Ind. einen Schlafplatz, später bröckelte ihre Zahl merklich auf aktuell noch zwei Vögel. Ab Mitte November wurde an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Flussuferläufer gesehen: Ist es derselbe robuste Wintercamper, der bei uns seinen dritten oder vierten Abenteuerurlaub in Folge angetreten hat? Nach dem vom Sturmtief „Irmela“ ab dem 22.11. herbeigeführten Wintereinbruch kann man ihm nur alles Gute wünschen. Ein diesjähriger Steinwälzer, der es sich am 6.9. auf dem Badesteg des Seeburger Sees gemütlich machte, repräsentiert den zweiten oder, wenn man ein undatiertes Stopfpräparat aus der im Infozentrum ausgestellten Vogelsammlung Ripping einbezieht, dritten Lokalnachweis für das nährstofftrübe Auge des Eichsfelds. Die beiden adulten Odinshühnchen, die am 25. und 26.7. ebendort kreiselten und hektisch umherflogen, waren für das Gebiet die ersten seit 1980. Der Seeburger See beherbergte Anfang bis Mitte September auch bis zu zwei diesjährige Schwarzkopfmöwen. Zwei der in den vergangenen Jahren vermehrt auftretenden Raubseeschwalben rasteten am 8.7. im Seeanger offenbar nur für kurze Zeit, desgleichen eine Küstenseeschwalbe am 27.7. am nahen Seeburger See.
An der Langen Bahn im Bramwald, im Bodenhausener Forst und auf dem Plateau des Reinhäuser Walds ließen sich von Anfang September bis Anfang Oktober insgesamt vier singende Sperlingskäuze vernehmen, ab und an auch sehen. Es hat den Anschein, dass dieser hochcharismatische Kobold von den Offenflächen profitiert, mit denen die Orkane „Emma“ und „Kyrill“ die monotonen Fichtenbestände aufgelichtet haben. Mauersegler fütterten in der Düsteren Straße noch bis Mitte August, die allermeisten verließen jedoch ihre Brutplätze zugplangemäß ab Mitte Juli.
Zwischen dem 30.8. und 5.9. wurden am südlichen Göttinger Stadtrand fünf Brachpieper notiert. Spät dran war eine Rauchschwalbe am 27.10. im Leinepolder Salzderhelden. Von der auf dem Wegzug traditionell spärlicher auftretenden Ringdrossel wurden immerhin neun Ind. beobachtet, darunter allein sechs Ind. vom 3. bis 4.10. am Rand des Göttinger Walds bei Herberhausen. 21 am 8.10. über den Kiessee ziehende Misteldrosseln zeigten für diese Art fast schon Massenzug an. Bemerkenswert früh und nur einen Tag später als beim Masseneinflug 2004/05 gelangten am 7.11. neun Seidenschwänze in die Region, nach Eddigehausen. Am 24.10. machten am Seeanger fünf Bartmeisen durch ihre charakteristischen Rufe auf sich aufmerksam. Im Unterschied zu ihnen waren zwei Beutelmeisen am 19.11. an den Northeimer Kiesteichen ziemlich spät unterwegs.
Ob der bereits in der Übersicht zur Brutzeit 2008 vermeldete phänomenale Bruterfolg einiger Sperlingsvögel, die sich einer Massenvermehrung der Blattlaus erfreuen durften, auch eine Ursache der ab Ende August bis Mitte Oktober über ganz Mittel- und Westeuropa flutenden Invasion von Tannenmeisen gewesen ist, muss offenbleiben. Die Mehrzahl der Vögel stammte nämlich, durch Ringfunde belegt, aus dem Nordosten Europas, wo andere ökologische Faktoren gewirkt haben könnten. Wie bei dieser und anderen Arten üblich, machte sich der Einflug im waldreichen süd-niedersächsischen Bergland nur abgeschwächt bemerkbar. Vormittagssummen von bis zu 65 der winzigen Wandervögel allein am Südufer des Göttinger Kiessees waren dennoch recht beeindruckend. Auch Kohl- und Blaumeisen zogen in überdurchschnittlichen Zahlen durch. Kernbeißer traten vor allem Anfang Oktober mit bis zu 60 Ind. pro Vormittag am Kiessee in Erscheinung. Auch im engeren Göttinger Siedlungsbereich waren sie deutlicher häufiger als sonst, aber zumeist nur akustisch wahrnehmbar. Dagegen verlief der Buchfinken-Zug mit maximal 1150 aktiv ziehenden Vögeln am 3.10. nahe Herberhausen im üblichen Rahmen. Am Diemardener Berg zeigten einzelne Ortolane am 27. und 30.8. ein zahlenmäßig schwaches Auftreten an, das aber im Kontext der geringeren Erfassungsfrequenz betrachtet werden muss.
Nach Daten von R. Aramayo, U. Bade, G. Brunken, M. Corsmann, H. Dörrie, M. Hesse, H.-A. Kerl, S. Paul, D. Radde, M. Schuck, M. Siebner, G. Spließ, A. Stumpner, E. Tauer, N. Vagt, H.-W. Wolf, denen allen herzlich gedankt sei.

Eisvogelrohr.jpg

Abb. 4: Allzeit volles Rohr: Der Vogel des Jahres 2009 und wir wünschen den BeobachterInnen alles Gute! hd, sp. Foto: M. Siebner

November 27th, 2008

Der Eisvogel (Alcedo atthis) in Süd-Niedersachsen - ein Torpedo auf Erfolgskurs

Soll man darüber räsonieren, dass es sich der NABU mit dem Vogel des Jahres 2009 wieder einmal recht einfach gemacht hat? Wären, nur als Beispiel, Habicht und Kolkrabe nicht bessere Kandidaten gewesen? Beide geraten zunehmend ins Visier hasserfüllter Interessengruppen und sind massiven illegalen Verfolgungen ausgesetzt. Dem anachronistischen, aber äußerst vitalen Gedankengut, das Vogelarten in nützlich und schädlich selektiert, kommt man nicht bei, wenn Jahr für Jahr konsensfähige Sympathieträger präsentiert werden.
Wie auch immer: Die Wahl des Eisvogels zum gefiederten Jahresemblem - er durfte sich bereits 1973 dieser Ehrung erfreuen - kann zum Anlass genommen werden, seine Naturgeschichte in unserer Region nachzuzeichnen.

Eisvogelbesser.jpg

Abb. 1: Eisvogelweibchen am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Historische Bestandsentwicklung

Das waldreiche niedersächsische Bergland ist kein bevorzugter Lebensraum des Eisvogels. Gleichwohl dürfte er bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch hier nicht selten gewesen sein. Das alljährliche Töten von 15 bis 60 Individuen mit Hilfe kleiner Schlagfallen allein an einer Fischzuchtanlage bei Walkenried (Arens 1909) belegt dies auf makabre Weise. In den folgenden Jahrzehnten ging es mit dem Brutbestand rapide bergab. Die Übersichten von Bruns (1949), Eichler (1949-50) und Hampel (1965) vermitteln für Süd-Niedersachsen übereinstimmend das Bild eines sehr spärlichen bis seltenen Brut- und Gastvogels mit einem regionalen Brutbestand von vermutlich weniger als fünf Paaren. Regelmäßig und über einen längeren Zeitraum besetzt war letztlich nur ein Revier an der Leine südlich von Göttingen.
Die Populationsdynamik des obligatorischen Fischfressers Eisvogel wird von jeher durch Kältewinter geprägt. Sind die Nahrungsquellen wegen Vereisung großflächig nicht erreichbar, muss unser Held verhungern. Insbesondere der Horrorwinter 1962/63, mit einer geschlossenen Schnee- und Eisdecke vom Nordkap bis Saloniki und Sevilla, brachte die bislang schwersten, über Jahre nachwirkenden Verluste. Eine 1978 auf 200 km Gewässerlänge in Süd-Niedersachsen vorgenommene Suche förderte nur eine einzige Brutzeitbeobachtung am Weendespring in Göttingen zu Tage (Schmidt et al. 1979). Die damaligen Auswirkungen von Kältewintern müssen jedoch im Zusammenhang mit anderen ökologischen Faktoren betrachtet werden: Der Winter 1962/63 konnte nur deshalb seine nachhaltig katastrophale Wirkmächtigkeit entfalten, weil Gewässerverschmutzung und rabiater Uferverbau eine Bestandserholung des Eisvogels verhinderten.
An der desolaten Situation änderte sich auch nach 1978 kaum etwas: In der weiteren Umgebung war nur der altbekannte Brutplatz an der Leine südlich von Göttingen besetzt. Die Kältewinter 1984/85 und 1986/87 bekräftigten den prekären Status: Mit Nachweisen von weniger als fünf Individuen zwischen Göttingen und Hannover geriet der Eisvogel nachgerade zur Seltenheit, deren Wahrnehmung in den Tagebüchern der Vogelkundler mit einem Ausrufezeichen versehen wurde (Dörrie 2000).
Mit den 1990er Jahren kam endlich die Wende zum Besseren. Die Gewässerbelastung mit Chemie- und anderen Industrierückständen verringerte sich; die Unterhaltungsmaßnahmen zum Zweck des Hochwasserschutzes wurden nicht mehr ganz so akribisch und klotzig in Szene gesetzt wie früher. Zwar verliefen auch die Kältewinter 1995/96 und 1996/97 für den Eisvogel alles andere als ersprießlich, doch konnten diesmal die Verluste weitaus schneller wettgemacht werden. Die gravierenden Auswirkungen des jüngsten Kältewinters 2005/06, der die Göttinger Population auf ein einsames Männchen reduziert hatte, vermochte unser Porträtvogel binnen zweier Brutperioden souverän auszugleichen.

Aktueller Status und Lebensraum

Die Größe der Brutpopulation im Landkreis Göttingen und im Altkreis Northeim kann heutzutage verlässlich mit ca. 35 bis 38 Paaren, davon acht in Göttingen und seiner südlichen Umgebung, beziffert werden. Eisvögel brüten mittlerweile regelmäßig an den strukturreichen Abschnitten von Leine, Schwülme, Harste, Garte, Rase, Rhume, Hahle, Nieste und Nieme. Auch Stillgewässer wie Kies- und Tongruben oder angestaute Bäche werden besiedelt. Optimal ist eine kleinräumige Kombination beider Gewässertypen: Sie ermöglicht den Vögeln bei Hochwasser oder nach wassertrübenden Starkregenereignissen von den Fließgewässern in klarere Fischgründe auszuweichen, in denen Futter für den hungrigen Nachwuchs erbeutet werden kann.
Die Qualität von Brut- und Nahrungsrevier bemisst sich, neben dem Vorhandensein geeigneter Brutplätzen, vor allem am Fischreichtum bzw. an dessen Erreichbarkeit, weniger an der Gewässergüte allein. Der Eisvogel ist mit einiger Wahrscheinlichkeit sekundärer Nutznießer von Eutrophierungsprozessen, die, zumindest kurz- bis mittelfristig, den Fischbestand eines Gewässers anwachsen lassen.
Der Göttinger Kiessee ist stark mit Nährstoffen befrachtet, aber voller Fische und wird deshalb von den Vögeln regelmäßig aufgesucht. 1999 und 2008 haben sie dort, vom regen Besucherverkehr und Bootsbetrieb unbeeindruckt, erfolgreich in der Böschung unter Wurzelüberhängen gebrütet. Am Wendebachstau bei Reinhausen, dessen Wasser sich auch nicht gerade durch Nährstoffarmut auszeichnet, brütet die Art mitunter ebenfalls unter einem Wurzelteller. Eisvögel, die sich seit Jahren an einem naturnahen Prallufer der schnellfließenden und flachen Garte reproduzieren, fliegen zum Beutemachen an den Leineanstau beim Flüthewehr - wenn es zur Brutzeit schnell gehen muss, mit einer Abkürzung auch ca. 800 Meter über das freie Feld. Wie man sieht, sind die Vögel recht anpassungsfähig. Das popularisierte Bild eines an Prallufer und Abbruchkanten gebundenen Charaktervogels von Fließgewässern mit Trinkwasserqualität entspricht nur bedingt der Realität.

eisvogelhöhle.jpg

Abb. 2: Ungenutzte Bruthöhle an der Rosdorfer Tongrube, Mai 2008. Die Brut fand letztlich woanders statt. Foto: M. Siebner.

Gefährdung und Schutz

In der bundesdeutschen Roten Liste der Brutvögel (Südbeck et al. 2007) wird der Eisvogel nicht (mehr) geführt. In der niedersächsischen Roten Liste (Krüger & Oltmanns 2007) rangiert er in Kategorie 3 („gefährdet“). Trotz des allgemein positiven Bestandstrends wird ein Eisvogelleben, das ohnehin im Schnitt nur etwas mehr als drei Jahre währt, immer noch durch allerlei Widrigkeiten beeinträchtigt. Obschon die Auswirkungen von Kältewintern den Löwenanteil der Verluste verursachen und viele Eisvögel natürlichen Fressfeinden wie z.B. dem Sperber zum Opfer fallen, sind zusätzliche anthropogene Kalamitäten in der Summe nicht zu vernachlässigen. Die direkten Nachstellungen durch Fischzüchter und Sportangler sind stark zurückgegangen, doch darf daran erinnert werden, dass nach einem Bericht im „Falken“ noch 1998 in einer bayrischen Forellenzucht Eisvögel mit Mausefallen, auf Ansitzpfählen montiert, getötet wurden. Der negative Einfluss des Menschen vollzieht sich heute eher indirekt und zumeist unbeabsichtigt: So manche Brut dürfte scheitern oder beeinträchtigt werden, wenn sich ein Sportfischer stundenlang nahe der Bruthöhle breitmacht und die Altvögel vom Füttern abhält. Auch Vogelfotografen und -beobachter mit eindimensionaler Begeisterung für alles, was farbenprächtig daherfliegt, fordern ihren Tribut, wenn sie unbedingt die Vögel bei ihrem Brutgeschäft ablichten oder „in aller Ruhe“ betrachten möchten.
Eisvögel ertrinken manchmal unter Abdeckungen von Fischzuchtanlagen (z.B. 2004 bei Oldenrode im Landkreis Northeim). Angesichts der geringen Populationsgröße sterben unverhältnismäßig viele von ihnen nach Kollisionen mit Glasscheiben, denen sie bei ihrem rasanten geradlinigen Streckenflug kaum ausweichen können. Das jüngste bekannt gewordene Opfer datiert vom 12.1.2008 am Neuen Göttinger Rathaus.
Was besondere „Artenschutzprogramme“ für den Eisvogel anbelangt, bei denen sich wohlmeinende Vogelschützer mit medienwirksamer Unterstützung von kommunalen Kreditinstituten oder Energie-Oligopolisten ihre eigene Eisvogelwand zurechtzimmern, sei vor blindem Aktionismus gewarnt. Es ist erheblicher sinnvoller und auch mit weniger materiellem Aufwand verbunden, die Unterhaltungsverbände mit Blick auf die EU-Wasserrahmenrichtline zu motivieren, an den Fließgewässern zumindest abschnittsweise der natürlichen Dynamik Raum zu geben. An den ausgeräumten Leineufern zwischen dem nördlichen Göttinger Stadtrand und Nörten-Hardenberg, wo kein einziges Eisvogelpaar brütet, ist dies mehr als überfällig. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass das Befolgen der Devise „Weniger bringt mehr“ schnelle Früchte trägt und dem Eisvogel eine gedeihliche Zukunft bescheren kann.

Offene Fragen

In der kalten Jahreszeit scheinen nur wenige Eisvögel, zumeist Männchen, im niedersächsischen Bergland auszuharren - auch in milden Wintern. Warum ist das so? Die Reviertreue der Weibchen ist augenscheinlich wenig ausgeprägt, zudem werden sie im Winter von den einzelgängerischen Männchen nicht in ihrer Nähe geduldet. Für die Jungvögel kann als gesichert gelten, dass sie bereits kurz nach dem Selbständigwerden von ihren Eltern vertrieben werden und einen Dispersionszug antreten (Bauer et al. 2005).
In unserer Region werden die meisten Reviere erst wieder im April besetzt. Wo die Revierinhaber den Winter verbringen, ist unklar und könnte allenfalls durch systematische Beringungen mit entsprechenden Kontrollfängen oder Ringablesungen erhellt werden.

Eisvögel sehen - wann und wo

Die allgemeine Bestandszunahme drückt sich auch darin aus, dass Eisvögel praktisch an jedem Gewässer, das Fische beherbergt, beobachtet werden können. Sie tauchen außerhalb der Brutzeit an den kleinen Teichen mitten im Reinhäuser Wald (im Reintal oder nahe dem Hurkutstein) auf, machen im Herbst Beute an Gartenteichen in Göttingen-Geismar oder finden sich, wie im Jahr 2000, sogar an den Wasserbecken auf dem Universitätscampus ein. Im Winter halten sie sich am Leinekanal in der Göttinger Innenstadt auf, vor allem nach dem Zufrieren der meisten Stillgewässer.
Göttinger sind in Sachen Eisvogel auf der sicheren und bequemen Seite: Sie müssen sich nicht extra an die Geschiebesperre Hollenstedt bemühen und dort von Autofahrern mit Northeimer Kennzeichen anhupen lassen, während sich die Zielart nur von ferne betrachten lässt. Auch eine Spezialexkursion zum Seeburger See, wo der Eisvogel nur unregelmäßig brütet, aber die Auemündung beständig zur Nahrungssuche anfliegt, ist nicht erforderlich. Es reicht, sich aufs Rad zu schwingen und zum Kiessee zu fahren, wo aktuell (Oktober 2008) bis zu drei gefiederte Turmaline anzutreffen sind. Klappt es dort nicht, begibt man sich einfach zum nahen Flüthewehr. Der kleine Teich auf dem Stadtfriedhof ist, obschon bereits bei wenigen Minusgraden schnell zugefroren, bis in den November eine Eisvogel-Bank mit nahezu hundertprozentiger Garantie.

 

IMG_3528FriedhofTeich.jpg

Abb. 3: Teich auf dem Stadtfriedhof. Foto: N. Vagt

Unsere Stadt- und Stadtrandvögel sind in der Regel wenig scheu und lassen sich aus geringer Entfernung bewundern. Von großem Vorteil ist dabei die Kenntnis des durchdringenden Rufs, mit dem die Vögel sich ankündigen: Er erinnert an eine Hundepfeife und ist, hat man ihn einmal gelernt, allenfalls mit dem der Heckenbraunelle zu verwechseln. Stille Eisvögel, die regungslos in der Ufervegetation sitzen, sind, obwohl auffällig gefärbt, zumeist erstaunlich schwer auszumachen.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Suchen und Finden des Eisvogels vor der Haustür! hd

Literatur

  • Arens, P. (1909): Zur Eisvogelfrage. Fischerei-Ztg. 12: 404-405.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Aula-Verlag. Wiebelsheim.
  • Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens. Orn. Abh. 3. Göttingen.
  • Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.
  • Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.
  • Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.
  • Schmidt, F.-U., M. Corsmann, N. Kolley & R. Lottmann (1979): Beiträge zur Kenntnis der Verbreitung von Eisvogel (Alcedo atthis), Wasseramsel (Cinclus cinclus) und Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) und der Qualität ihres Lebensraumes im südlichen Niedersachsen. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 2: 59-78.
  • Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye & W. Knief ( 2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Links zum Weiterlesen

Die Jahresberichte 1999 bis 2006 (der für 2007 ist in Arbeit) des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) enthalten eine Fülle von Informationen über den Eisvogel, die in dieser kurzen Abhandlung nicht annähernd berücksichtigt werden konnten. Über Inhalt und Bezugsbedingungen informiert unsere Homepage unter „Publikationen“.

November 9th, 2008


Kalender

November 2008
M T W T F S S
« Aug   Feb »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930

Beiträge nach Monaten

Beiträge nach Kategorien