Archive for December, 2006

Ist das Rebhuhn noch zu retten, Herr Gottschalk?

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Interview. Seit nunmehr zwei Jahren ist der Landkreis Göttingen Schauplatz eines der ehrgeizigsten Artenschutzprojekte in Deutschland. Seitdem betreibt die Biologische Schutzgemeinschaft (BSG) gemeinsam mit dem Zentrum für Naturschutz an der Uni Göttingen das sogenannte „Rebhuhnschutzprojekt“. In Kooperation mit Landwirten und Jägern soll dabei den regionalen Beständen des charismatischen Hühnervogels auf die Sprünge geholfen werden. Wir haben mit Dr. Eckhard Gottschalk vom Zentrum für Naturschutz, einem der Projektkoordinatoren, gesprochen und ihn zum Rebhuhnschutzprojekt befragt.

AGO: Das Rebhuhn war bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein ein weit verbreiteter und häufiger Bewohner der offenen Kulturlandschaft. Warum braucht es heute Schutz?

E. Gottschalk: Die Bestände des Rebhuhns sind in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa katastrophal zurückgegangen. Für ganz Europa wird der Rückgang der letzten Jahrzehnte auf mindestens 85% geschätzt, in Mitteleuropa sieht es noch viel schlimmer aus. Der Bestand, der heute beispielsweise für Niedersachsen geschätzt wird, entspricht ca. 5% der jährlichen Abschussrate von 1930. Außerdem beginnt lokal das Verbreitungsgebiet zu schrumpfen, da das Rebhuhn in immer mehr Landschaften völlig ausgestorben ist. Leider hält der negative Trend an, wie beispielsweise Zahlen des Jagdverbandes aus den 90er Jahre belegen.

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Die beiden Projektkoordinatoren: Eckhard Gottschalk vom Zentrum für Naturschutz (li.) und Werner Beeke von der Biologischen Schutzgemeinschaft (re.)

AGO: Welche Rolle spielen Prädatoren wie Fuchs, Rabenkrähe oder Habicht beim Bestandsrückgang des Rebhuhns?

E. Gottschalk: Natürlich hat Prädation einen Einfluss auf die Überlebensrate von Rebhühnern. Großräumig durchgeführte Experimente in England zeigten, dass sich die Rebhuhndichte durch intensivste Bejagung von allen als Prädator auch nur in Frage kommenden Lebewesen steigern lässt. Trotzdem ist die Ursache für den Rückgang der Rebhühner eine andere. Das Rebhuhn war ein Feldvogel und lebt heute aber eher von den Sonderstrukturen in der Landschaft, weil die Felder selbst beispielsweise für die Kükenaufzucht nicht mehr geeignet sind. Die wichtigste Ursache für den Rückgang der Rebhühner ist die schleichende Intensivierung im Getreideanbau mit der völligen Umstellung auf Wintergetreide, den fehlenden Beikräutern und damit auch Insekten durch den Herbizideinsatz und den immer dichteren Getreidekulturen, ermöglicht durch Dünger und Fungizide. Auch die Flurbereinigung hat ihren Beitrag geleistet, die Lebensbedingungen zu verschlechtern. Unter den Prädatoren kann man lediglich dem Fuchs einen gewissen Beitrag an der schwierigen heutigen Lebenssituation zuschreiben, da die Fuchsdichten mit der Tollwutbekämpfung viel höher sind als früher.

AGO: Welche Schutzmaßnahmen sind denn Bestandteil ihres Rebhuhnschutzprojektes? Und welche Rolle spielen die Projektpartner dabei?

E. Gottschalk: Wir haben uns vorgenommen, relativ großräumig zu agieren, und damit die Überlebensfähigkeit einer lokalen Population als Maßstab für das zu erreichende Ziel zu nehmen. Da wir im gesamten Landkreis die Lebenssituation verbessern wollen, ergibt sich ein enormer Flächebedarf. Lediglich mit den Agrarumweltmaßnahmen können wir in eine Größenordnung kommen, die relevant ist. Als im Jahr 2004 eine neue Agrarumweltmaßnahme angeboten wurde – Blühstreifen –, haben wir dafür Werbung gemacht und in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer die Landwirte diesbezüglich beraten. Der Erfolg war, dass im Jahr 2005 dann 155 Hektar Blühstreifen im Landkreis Göttingen entstanden. Die Biologische Schutzgemeinschaft schließt mit den Landwirten Zusatzverträge ab, damit die Streifen rebhuhngerecht bewirtschaftet werden, weil die Richtlinie der Maßnahme nicht auf den Schutz von Rebhühnern ausgelegt ist. Darüber hinaus werden weitere 55 Hektar in Rebhuhnrevieren nach unseren Vorgaben bewirtschaftet. Mittels weiterer Werbung und dank der zunehmenden Bekanntheit der Blühstreifen werden ab 2007 weitere 400 Hektar Blühstreifen im Landkreis eingerichtet. Damit kommen wir auf eine Flächengröße, die tatsächlich positive Auswirkungen auf die lokale Rebhuhnpopulation haben kann.
Weiterhin kooperieren wir mit den Jägern, die durch ihren direkten Kontakt zu Landwirten Teilnehmer am Rebhuhnprojekt gewinnen und die vor allem beim Monitoring der Rebhuhnbestände helfen. Besonders muss man die gute Kooperation mit der Landwirtschaftskammer hervorheben.

AGO: Aussetzungen von Rebhühnern gelten in Teilen der Jägerschaft als geeignete Artenschutzmaßnahme. Wie stehen Sie dazu?

E. Gottschalk: Wir sind strikt gegen Aussetzungen. Sie machen aus vielerlei Gründen hier keinen Sinn. Einerseits kann man den Bestand sowieso nur durch Verbesserung des Lebensraumes langfristig schützen. Weiterhin tragen ausgesetzte Rebhühner nichts zur Bestandsstützung bei, da sie in ihrer Unerfahrenheit nicht lange überleben. Feindvermeidung wird bei Rebhühnern nicht nur durch angeborene Instinkte geleistet, sondern erlernte Komponenten spielen eine wichtige Rolle. Vögel ohne erfahrene Eltern haben fast keine Chance. Ausgesetzte Rebhühner, die in der Gefangenschaft mit energiereicher Nahrung gefüttert wurden, haben auch einen kürzeren Darm und schaffen die Umstellung auf weitgehende Blätternahrung im Winter schlecht. Auch sind bereits genetische Veränderungen an Zuchtvögeln zu beobachten. Nach nur sechs Generationen in Gefangenschaft verfrüht sich beispielsweise schon der Legetermin der ersten Eier.
Wir möchten außerdem dokumentieren, dass wir mit den Blühstreifen die Lebenssituation verbessern. Auch wenn die ausgesetzten Vögeln kaum Überlebenschancen haben, würden Aussetzungen unsere Erfolgskontrolle verwässern.

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Blühstreifen an der Diemardener Warte am südlichen Göttinger Stadtrand.

AGO: In Süd-Niedersachsen wird im Moment der Anbau nachwachsender Rohstoffe diskutiert und auch schon tatkräftig in die Praxis umgesetzt. Wird sich diese neue Entwicklung auch auf die Qualität der Lebensräume in der Agrarlandschaft und damit auch auf die Situation des Rebhuhns auswirken?

E. Gottschalk: Vermutlich ja. Bereits jetzt ist der Verlust an Brachen spürbar. Rebhühner sind auf diese kaum genutzten Flächen mittlerweile angewiesen. Weiterhin ist zu befürchten, dass der Verlust an Grünland anhält, als Folge des erhöhten Flächenbedarfs und dass der Maisanbau stark zunimmt. Mais ist aus Sicht des Rebhuhns die lebensfeindlichste Kultur. Die Insektenverfügbarkeit ist so gering, dass Küken in Maisfeldern sogar während der Nahrungsaufnahme an Gewicht verlieren! Leider gibt es zu diesem Thema noch keine Studien, was dringend erforderlich wäre.

AGO: Gibt es für Ihr Artenschutzprojekt so etwas wie eine „Erfolgskontrolle“? Liegen womöglich schon Ergebnisse vor? Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten Ihres Projekts generell ein?

E. Gottschalk: Natürlich führen wir ein Monitoring der Rebhuhnzahlen durch. Zum einen haben wir Kontakt zu allen Jägern, die noch Rebhühner in ihrem Jagdrevier haben. Zum anderen haben wir erstmals im letzten Frühjahr auf immerhin 400 km² ein eigenes Monitoring etabliert, das wir nun alljährlich mit der gleichen Methodik wiederholen. So lassen sich Bestandstrends erfassen. Westlich der Leine sind die Rebhühner (mit Ausnahme eines einsamen Paares) im Landkreis ausgestorben. Im Osten schätzen wir den Bestand noch auf ca. 250 Paare. Das ist deutlich mehr, als wir anfangs erwartet hatten. Weiterhin untersuchen wir auch weitere Effekte des Projektes auf Arten der Agrarlandschaft, beispielsweise Blütenbesucher. Vielleicht ließe sich ja auch der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen gewinnen, die Nutzung der Blühstreifen durch Vögel zu dokumentieren. Wenn Sie mit einer einheitlichen Methodik eine Erfassung von Wintergästen und Brutvögeln an ausgewählten Flächen vornehmen würden, wäre dem Projekt sehr geholfen!
Die Erfolgsaussichten unseres Projektes sind nicht leicht abzuschätzen, da sich zur Zeit in der Landwirtschaft viel bewegt (z.B. durch den Verlust der Brachen, neue Agrarumweltmaßnahmen etc.).
Da nächstes Jahr im Landkreis ca. 600 Hektar auf über 1000 Einzelflächen rebhuhngerecht bewirtschaftet werden, sind wir aber optimistisch, den Bestand anheben zu können.
Ein Feldvogel wie das Rebhuhn wird aber immer von der Landwirtschaftspolitik abhängig sein.

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Blühstreifen im Winter: Nicht nur interessant für Rebhühner, sondern auch für Finkenvögel, die hier Sämereien finden. Alle Fotos: Rebhuhnschutzprojekt Göttingen

AGO: Vielen Dank und viel Erfolg!

E. Gottschalk: Danke!

Zum Weiterlesen:

December 23rd, 2006

Das Futterhäuschen - eine Kathedrale des Vogelschutzes?

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Mit dem Buch „Vögel füttern - aber richtig“ (Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart 2006) haben Peter Berthold und Gabriele Mohr einen Ratgeber vorgelegt, der für ein zumindest in Deutschland völlig neues Verständnis der Vogelfütterung wirbt.*
In den einleitenden Kapiteln des Buches beschreiben die beiden Autoren das Ausgangsszenario ihrer Überlegungen präzise und korrekt. Die Rote Liste gefährdeter Brutvögel wird immer länger. Mehr und mehr vermeintliche Allerweltsarten bevölkern wegen starker Bestandsrückgänge die Vorwarnliste zukünftiger RL-Kandidaten. Besonders betroffen sind Charakterarten des offenen und halboffenen Kulturlandes (darunter zahlreiche Weitstreckenzieher) sowie einige synanthrope Vertreter der Vogelwelt des Siedlungsbereichs. Hauptursache und Motor dieser bedrückenden Entwicklung ist die industrialisierte und chemisierte Landwirtschaft, die unter anderem den Verlust von Brachen, vegetationsreichen Randstreifen und Sonderstandorten zur Folge hat. Die Bilanz des Natur- und Artenschutzes fällt in diesem Bereich besonders deprimierend aus.
Um der allgemeinen Abwärtsentwicklung entgegenzuwirken, fordern die Autoren kategorisch die flächendeckende Ganzjahresfütterung von (Sing-)Vögeln. Diese wird bereits in Großbritannien praktiziert und wäre im bundesdeutschen Vogelschutz eine Novität - worüber sich trefflich und sachlich streiten ließe. Berthold & Mohr erklären jedoch potentielle Kritiker von vornherein zu Propagandisten einer unwissenschaftlichen und überlebten Sichtweise. Das vorliegende deutschsprachige Schrifttum zu den heterogenen Auswirkungen von Fütterungen auf Winter- und Brutbestände heimischer Arten ist in ihren Augen im wesentlichen ein Wust von „unwahren, unsinnigen und unausgegorenen“ Behauptungen, verfasst von inkompetenten „Schreiberlingen“, die das Gebot der Stunde nicht erkennen (wollen). Von diesen tumben Toren wollen sich Berthold & Mohr nicht nur fachlich abheben - den Kollegen wird indirekt auch eine sittliche Inferiorität bescheinigt, weil die ganzjährige Fütterung eine „moralische Verpflichtung“ darstellt. Was hat einen weltweit renommierten Ornithologen bewogen, sich derart provokant als Zuchtmeister in Szene zu setzen? Ist es wirklich inneres Bedürfnis oder nur eine knallige Marketing-Strategie des Verlages? Viele Seiten des Buches sind mit Beschimpfungen gespickt und moralinsauer grundiert. Dies macht eine objektive Bewertung nicht gerade einfach.
Da zu erwarten steht, dass „Vögel füttern - aber richtig“ in der Fachwelt einige Kontroversen auslösen und, nicht zuletzt, für die unterschiedlichsten Vogelschutzaktionen bis hin zur Ausgestaltung von Kompensationsmaßnahmen bei Eingriffen in Natur und Landschaft als Legitimation herhalten wird, ist eine Auseinandersetzung mit den Hauptinhalten trotz einigen Widerwillens geboten.

1. Der praktische Teil des Buches (Wie und was füttern?) ist lesenswert. Dies trifft auch auf die historische Skizzierung des Vogelfütterns zu. Darüber hinaus kritisieren Berthold & Mohr völlig zu Recht den wirklichkeitsfremden Schmalspur-Darwinismus prinzipieller Gegner der Vogelfütterung und deren hartnäckige Vorurteile. Die sturen Verächter jedweder Fütterung können sich aber heute nur noch eines minimalen Zuspruchs erfreuen. Im nicht gerade kleinen Bekannten- und Freundeskreis der Verfasser dieser Zeilen gibt es niemanden, der gegenüber der Fütterung eine grundsätzlich ablehnende Haltung einnimmt. Die beiden Autoren bauen schlichtweg einen Popanz auf. Und auf Popanze kann man bekanntlich besonders lustvoll einschlagen.

2. In maßgeblichen Publikationen wie dem „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“ (z.B. im glänzend recherchierten Artkapitel zur Kohlmeise) und im „Taschenbuch für Vogelschutz“ wird die Winterfütterung differenziert bewertet. Diese Darstellungen heben sich wohltuend vom ätzenden Duktus der vorliegenden Streitschrift ab. Es liegen eben nicht nur „Hunderte einschlägiger … Publikationen“ vor, die den positiven Einfluss von Winterfütterungen belegen, sondern auch etliche, bei denen dies nicht der Fall ist. Sind letztere nun unterschiedslos ein hanebüchenes „Geschreibsel“ vom „Grünen Tisch“?

3. Hauptaussage der beiden Autoren ist, dass die Fütterung „einen wesentlichen Beitrag zum Vogelschutz, insbesondere zum Erhalt und z.T. sogar zum Wiederaufbau der Artenvielfalt (! - Verf.) der Vogelwelt“ darstellt. Die Diversität wird lediglich an der Zahl von Vogelarten festgemacht, die regelmäßig bis äußerst selten Futterstellen frequentieren. Wie steht es aber um die wenigen aktuellen Belege, mit denen die beiden Autoren ihre These untermauern? Als Paradebeispiel dient ihnen die Etablierung einer Feldsperling-Population von 20 Paaren auf einer Schafweide bei Billafingen, die als Erfolg der Ganzjahresfütterung gefeiert wird. Nun stellen beweidete Streuobstwiesen von jeher einen optimalen Lebensraum des Feldsperlings dar. Wenn dieser noch, wie in Billafingen geschehen, durch das Anbringen zahlreicher Nistkästen aufgewertet wird, ist der Erfolg fast programmiert - das zeigen zumindest unsere süd-niedersächsischen Erfahrungen, nach denen Passer montanus in Streuobstwiesen die mit Abstand dominierende Art mit einer Siedlungsdichte von bis zu 12 Rev./0,75 ha ist. Künstliche Nisthilfen in geeigneten Habitaten am südlichen Göttinger Stadtrand werden in Windeseile angenommen. Aus lichten Wäldern und kleineren Gehölzen ist die Art dagegen nahezu komplett verschwunden.
Ein weiteres von den Autoren herausgehobenes Beispiel ist die starke Zunahme von Stieglitzen an englischen Futterstellen. Die Graphik sagt zunächst nur aus, dass sich Stieglitze verstärkt dort einfinden - mehr nicht. Nach wie vor ziehen 75 % der Population im Winter nach Südwesteuropa ab. Die höchsten Zahlen werden an Futterstellen für kurze Zeit Ende April erreicht, also auf dem Heimzug der hübschen Finken (Brown & Grice 2005). In welchem Umfang die bereitgestellten Nahrungsressourcen auf die Bestandsentwicklung einwirken, bleibt, trotz gegenteiliger Darstellung, in beiden Fällen reine Spekulation.
Das Buch bezieht sich zu einem Gutteil auf langjährige Untersuchungen in Großbritannien. Dabei werden die erheblichen Unterschiede zwischen dem (generell milden) Winterklima dort und im kontinentalen Mitteleuropa nicht weiter thematisiert. Jenseits des Ärmelkanals haben sich ganz andere Überwinterungstraditionen herausgebildet als bei uns. Trotz der europaweit einmaligen Dichte von Futterstellen fällt jedoch der Rückgang von Kulturlandarten im Vereinigten Königreich ähnlich dramatisch aus wie in vielen mitteleuropäischen Staaten, bei Feldlerche, Singdrossel, Feldsperling und Goldammer sogar noch deutlich höher als in der BRD (BirdLife International 2004).

4. Zweifellos kann Nahrungsknappheit die Überlebenschancen vieler Agrarvögel erheblich mindern. Die in unseren avifaunistischen Jahresberichten dokumentierten großen Winterkonzentrationen süd-niedersächsischer Goldammern auf vergleichsweise winzigen Flächen - z.B. bis zu 1500 Ind. auf einem nur 0,5 ha großen, nicht abgeernteten Getreidefeld in Bösinghausen oder mehr als 300 Ind. auf ca. zwei ha Ruderalfläche an der im Bau befindlichen Ortsumfahrung Rosdorf - legen ein beredtes Zeugnis vom beklagenswerten Allgemeinzustand der Agrarlandschaft ab. Dieser macht sich nach starken Schneefällen für die Vögel besonders bemerkbar. Winterfütterungen von Agrarland-Arten im Offenland und im ländlichen Siedlungsbereich können deshalb als sinnvoll und notwendig betrachtet werden. Für den Arterhalt sind sie aber nur dann von Bedeutung, wenn in der weiteren Umgebung (noch) Habitate existieren, die sich zur Reproduktion eignen. Winterfütterungen können ihre Wirksamkeit letztlich nur dann entfalten, wenn sie von überlebensfähigen freilebenden Populationen angenommen werden. Alles andere wäre Augenwischerei. Berthold & Mohr zäumen jedoch das Pferd vom Schwanz auf, wenn sie behaupten, primär durch Winter- und Ganzjahresfütterung diese Populationen erhalten oder sogar neu etablieren zu können. Aber: Was nützt einer Goldammer die erfolgreiche Überwinterung an einer Futterstelle, wenn sie danach keinen geeigneten Brutplatz findet?

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Foto: Jan Goedelt

5. Die entscheidende Schwachstelle in der Argumentation von Berthold & Mohr besteht darin, die Habitatqualität weitestgehend auf die Verfügbarkeit von Nahrung zu reduzieren. Dabei wird außen vor gelassen, dass jede Vogelart nicht nur auf Nahrungsflächen, sondern auch auf andere Habitatrequisiten angewiesen ist, wie z.B. geschützte Brutplätze in Hecken und Gebüschen, Sing- und Ansitzwarten, Baumhöhlen, Offenstellen zum Sandbaden etc. Die rasant dahinschwindende Strukturvielfalt unserer Kulturlandschaft auf Millionen Hektar kann durch Fütterung auch nicht annähernd kompensiert werden - eigentlich eine ökologische Binsenweisheit.

6. Zu welchen Fehlleistungen der Tunnelblick auf die Nahrungsressourcen und deren Abkopplung von den natürlichen Lebensgrundlagen insgesamt führt, lässt sich an zwei Beispielen aufzeigen. Das Schweizer Weißstorch-Wiederansiedlungsprojekt mit Vögeln, denen der natürliche Zugtrieb buchstäblich kupiert und ausgezüchtet wurde, wird von den Autoren ohne Einschränkung als großer Erfolg gefeiert. Heute existiert in der Schweiz eine im wesentlichen sesshafte Population halbzahmer Störche, die wegen des Fehlens geeigneter Habitate ganzjährig von der Fütterung u.a. mit Eintagsküken aus der ethisch verwerflichen Massenhaltung abhängig ist. Wenn Weißstörche als dekoratives Strukturelement von Aldi-Parkplätzen ein Vorbild für den Artenschutz der Zukunft sind, dann gute Nacht!
Das Anlegen naturnaher Gärten mit einem reichen Nahrungsangebot wird ausdrücklich befürwortet, allerdings nur als „die Fütterung ergänzende Maßnahme“. Bei solchen Aussagen fasst man sich dorthin, wo das Haupthaar zu Berge steht.

7. Synanthrope Arten wie Türkentaube und Haussperling sind in hohem Maße von menschlicher Nahrungszufuhr abhängig. Im Bestand sind sie in Göttingen, wie anderswo auch, stark zurückgegangen. In unserer Stadt reiht sich eine Winterfütterung an die andere. Haussperlinge sind dort häufige Gäste, von einem Nahrungsmangel im Winter kann keine Rede sein. Bei der Türkentaube liegt der Fall anders: Die wenigen verbliebenen Vögel konzentrieren sich im Winter an nur ein oder zwei landwirtschaftlichen Betrieben am Stadtrand. Dort gehen sie an Mais- und Getreidesilos auf Nahrungssuche. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation für sie erheblich verschlechtert, die Zahlen gehen beständig zurück. Dennoch muss auch für die Türkentaube vorerst offen bleiben, ob Wintermortalität die Hauptursache des Bestandsrückgangs ist. Die Brutplatz-Konkurrenz mit der kräftigeren und enorm expandierenden Ringeltaube könnte nämlich eine ebenso gravierende Rolle spielen. Für den Haussperling ist - neben der Aufgabe der Viehhaltung - mit einiger Wahrscheinlichkeit besonders der Verlust insektenreicher Offenstellen bedrohlich, die für die Jungenaufzucht von entscheidender Bedeutung sind. Insektenmangel zur Brutzeit kann jedoch selbst mit der aufwendigsten Ganzjahresfütterung nicht kompensiert werden, so fit die Altvögel nach der täglich verabreichten Körnerration auch sein mögen. Für die Rauchschwalbe als dritte synanthrope Art, die im Bestand dramatisch zurückgeht, verbietet sich jeder Gedanke an eine praktikable Zufütterung wohl von selbst.

8. Die Göttinger Stadtvogelfauna hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Eindeutige Gewinner sind winterharte Waldvögel und Kurzstreckenzieher. Alle häufigen Besucher von Futterstellen (z.B. Amsel, Kohl- und Blaumeise, Grünling) haben im Bestand deutlich zugelegt. Oberflächlich betrachtet sicher ein Beleg für die segensreiche Wirkung der allgegenwärtigen Winterfütterungen. Bei genauerem Hinschauen ergibt sich jedoch, dass Brut- und Nahrungshabitate für Waldarten selbst im Stadtkern noch an Fläche gewonnen haben, was sich auch im positiven Trend der eher spärlichen Futterhausbesucher Rotkehlchen, Zaunkönig und Schwanzmeise niederschlägt. Diese Arten sind zudem Nutznießer der globalen Erwärmung. Vor monokausalen Erklärungsansätzen wird gewarnt!

9. Wegen Habitatverlusts und Problemen in den Überwinterungsgebieten sind einige Lichtwald- und Offenlandarten bereits aus dem Göttinger Kerngebiet verschwunden. Von diesen sind die meisten Weitstreckenzieher (Wendehals, Gartenrotschwanz, Gelbspötter, Gartengrasmücke, Fitis und Trauerschnäpper). Auch der Bluthänfling, der im Winter unsere Region verlässt, hat das Kerngebiet als Brutvogel geräumt. Weitziehende Insektenfresser halten sich an den Fütterungen nur ganz ausnahmsweise auf. Deshalb liegt deren Effekt für den „Wiederaufbau der Artenvielfalt“ und den Erhalt selbst kleiner Populationen bei dieser besonders gefährdeten Artengruppe bei Null.

10. Vogelarten mit in manchen Jahren besonders hohen Winterverlusten wie Zwergtaucher, Graureiher und Eisvogel werden ebenfalls nicht in einem Maße von Fütterungen profitieren, das die signifikante Reduzierung der Mortalitätsrate erwarten lässt. Damit schränkt sich das Spektrum empfänglicher Arten weiter ein.

11. Merkwürdigerweise gerät der moralische Impetus der Autoren nicht nur bei Rabenvögeln, sondern auch bei der Fütterung von Wasservögeln mächtig ins Schlingern. Die Folgen des Brötchenwerfens werden in den düstersten Farben gemalt: Eutrophierung der Gewässer, Algenblüte, ökologischer Kollaps, Schließung von Freibädern aufgrund der Verschmutzung durch Enten und Gänse. Über die Nährstoff-Einleitungen der Landwirtschaft und das hartnäckig verteidigte Privileg von Sportanglern, auch den kleinsten Tümpel alljährlich mit mehr oder minder fetter Beute aufzufüllen und diese kräftig anzufüttern, wird kein Wort verloren. Dabei ist es vor allem diese Lobby, die das beliebte Alimentieren von Wasservögeln gänzlich verbieten möchte. Bläss- und Teichhühner, die sich in harten Wintern an den letzten eisfreien Stellen drängeln, sollte man nach Ansicht der Autoren nicht mit Nahrung behelligen. Zentnermengen von Vogelfutter sind in einem naturnahen Garten von Nutzen, an vogelreichen Gewässern aber nicht. Warum? Weil die Wasservögel „als schnelle Flieger rasch andere Gewässer erreichen, wo sie ihr Auskommen finden“. Die hochmobilen Trupps von Finkenvögeln, Ammern und Meisen sollen dagegen bereits im September an feste Futterstellen gewöhnt werden. Der tiefere Sinn dieser Dialektik erschließt sich wohl nur wenigen Eingeweihten.
Ein Traum der Verfasser ist es, „wenn wir den Vögeln in der offenen Landschaft … Ersatzfutter flächendeckend anbieten könnten - etwa durch regelmäßige Verteilung von Hubschraubern aus, wie dies z.B. beim Kalken unserer …Wälder geschieht“. In den 1990er Jahren wurde nach Auskunft der Vogelwarte Hiddensee von örtlichen Vogelschützern vehement gefordert (und in Einzelfällen auch praktiziert), an den zugefrorenen Bodden vor der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns vom Hubschrauber aus Nahrung zwecks Verminderung der Wintermortalität von Höcker- und Singschwänen aufs Eis zu werfen. War dies nun ein Beispiel verfehlter Vogelfreundlichkeit oder einfach nur exotisch, weil es weitab vom warmen Bodensee geschah?

12. Einen besonderen Groll hegen Berthold & Mohr gegen Naturschutzorganisationen, die der Fütterung differenziert gegenüberstehen und zumindest teilweise eine andere Verwendung der immerhin ca. 80 Mio. Euro vorschlagen, die jährlich für Vogelfutter aller Art ausgegeben werden. Im Landkreis Göttingen betreibt die Biologische Schutzgemeinschaft (BSG) ein ehrgeiziges Projekt zum Schutz des Rebhuhns (derzeit nur noch ca. 200 Paare). Aktuell werden auf ca. 200 ha artenreiche Blühstreifen zur Habitatverbesserung angelegt und den teilnehmenden Bauern aus Landesmitteln und Sponsorengeldern vergütet. Im kommenden Jahr werden es mehr als 600 ha sein! Wenn der eine oder andere Jäger oder Landwirt zusätzlich Fütterungen anlegt, hat niemand etwas dagegen. Im Winter wimmeln die Blühstreifen nur so von samenknackenden Goldammern, Grünlingen, Feldsperlingen und anderen Finkenvögeln. Ist der Wunsch wirklich verwerflich, einen kleinen Prozentsatz des Geldes für Singvögel-Fütterungen im Siedlungsbereich für die Fortführung dieses äußerst sinnvollen und erfolgversprechenden Projekts und vielleicht auch den gezielten Flächenankauf einzuheimsen?

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Winterliche Finkenvögel in einem Blühstreifen im Landkreis Göttingen. Foto: Rebhuhnschutzprojekt Göttingen.

Fazit

Das Füttern von Vögeln ist nicht nur legitim, sondern stellt auch einen wichtigen Aspekt der Koexistenz des Menschen mit seinen gefiederten Nachbarn dar. Ob man Vögel mit zusätzlicher Nahrung versorgt, um sich an ihrem munteren Treiben zu erfreuen oder um ihnen über den Winter zu helfen, ist letztlich von untergeordneter Bedeutung. Das Motto „Vögel füttern - aber richtig“ ist für jeden Fachornithologen, vogelkundlich interessierten Laien bis zum gutherzigen Normalbürger (der sich mitnichten als stigmatisierter Außenseiter fühlen muss) ein Ansporn. Der praktische Teil des Buches liefert dazu wertvolle Anregungen und praktische Tips. Vieles andere, besonders aber die Propagierung der flächendeckenden Ganzjahresfütterung als Erfolgsrezept gegen Artenschwund und Habitatverlust, sollte mit größter Zurückhaltung aufgenommen werden. hd & sp.

*) Der häufig vorgenommene Bezug auf die Göttinger Regionalavifauna (und nicht auf Untersuchungen fernab unseres Bezirks) ist dem beschränkten Aktionsradius und Wissensstand der Verfasser geschuldet. Sie haben in erster Linie nur das ins Feld geführt, was sie aus eigener Anschauung kennen. Davon ist vieles in den Naturkundlichen Berichten zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen veröffentlicht, deren Lektüre wir empfehlen.

Literatur

  • BirdLife International (2004): Birds in Europe: population estimates, trends and conservation status. BirdLife International Conservation series Nr. 12. Cambridge.
  • Brown, A. & P. Grice (2005): Birds in England. Poyser Verlag (AC Black), London.

December 19th, 2006

Von der Seltenheit zur Normalität - Silberreiher in Süd-Niedersachsen

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Foto: Christoph Grüneberg

Weiße Vögel haben seit jeher die menschliche Phantasie beflügelt. Für die einen symbolisieren sie jungfräuliche Reinheit, anderen sind sie wegen ihrer unwirklich anmutenden Erscheinung irgendwie suspekt. Den Höckerschwänen in städtischen Parkanlagen werden traditionell die unterschiedlichsten Gefühlsregungen entgegengebracht, und wenn diese Vögel nicht weitgehend stumm wären, könnten sie davon ein vielstimmiges Lied singen.

Heutzutage ist nicht jede weiße Erhebung in der Landschaft zwangsläufig ein Schwan (oder eine Plastiktüte). Während der letzten 15 Jahre haben sich Silberreiher zu einem regelmäßigen Anblick gemausert. Gerät einer von ihnen ins Visier des interessierten Normalbürgers, ist dieser in der Regel konsterniert und fragt nicht selten telefonisch beim Experten nach („So einen merkwürdigen Vogel habe ich noch nie gesehen! Ist das ein fehlfarbener Fischreiher? Wo mag der bloß herkommen?“). Damit verglichen fallen die Reaktionen von Feldornithologen heute eher nüchtern aus. Vielleicht schwingt bei dem einen oder anderen mit, dass diese elegante Vogelart bis zur anthropogenen Zerstörung eines einzigartigen Lebensraums in den ausgedehnten Sümpfen und Lagunen der friesischen Nordseeküste gebrütet hat. Dies geschah allerdings lange vor dem Beginn naturhistorischer Aufzeichnungen. Bekannter ist, dass der Silberreiher, wie auch der verwandte Seidenreiher, um die Wende zum 20. Jahrhundert in Europa nahezu ausgerottet war, weil sich betuchte Bürgersfrauen mit seinen Hochzeitsfedern schmückten. Immerhin keimten die ersten Bestrebungen des organisierten Vogelschutzes in empfindsamen Vertreterinnen ebendieser sozialen Klasse auf, die das Niedermetzeln der schönen Vögel öffentlichkeitswirksam anprangerten und letztlich dessen Verbot erreichten.
Von den Massakern des viktorianischen Zeitalters erholte sich die auf den Südosten des Kontinents beschränkte europäische Population des Silberreihers nur sehr langsam. Bezeichnend für den bis weit in die 1960er Jahre geringen Bestand einer Art mit ausgeprägtem Dismigrations- und Dispersionsverhalten war, dass aus Niedersachsen bis zum Jahr 1975 Nachweise von lediglich 26, vielleicht auch von insgesamt nur 16 Ind. existierten (E.R. Scherner in Goethe, Heckenroth & Schumann 1978).
In Süd-Niedersachsen erfolgte die erste Silberreiher-Beobachtung am 1.9.1974 an den Northeimer Kiesteichen. Nach einer Pause von sieben Jahren gelang am 4.9.1982 im Leinepolder Salzderhelden die zweite Wahrnehmung. Die beiden Vögel und ihre Entdecker wurden, wie bei großen Seltenheiten üblich, zum Sujet von Einzelpublikationen (Riedel 1975, Grobe 1983). Danach vergingen weitere sechs Jahre ohne Nachweis. Am 27.3.1989 hielt sich ein Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt auf (V. Dierschke in BSA 1991). In den 1990er Jahren trat die Art bereits fast alljährlich in Erscheinung, allerdings immer noch in geringen Zahlen von maximal sechs Ind. pro Jahr (Dörrie 2000). Mit dem neuen Millennium kam auch die große Wende. Im Jahr 2000 besuchten ca. 27 Ind. die Region, darunter ein Dezember-Vogel den Leinepolder Salzderhelden. Das fast schon exponentielle Anwachsen der Zahlen kulminierte in den Jahren 2004 und 2005 in einem Rastbestand von jeweils ca. 80 bis 85 Ind.
Heutzutage können Silberreiher praktisch ganzjährig (nur wenige Nachweise von Juni bis August) beobachtet werden, Trupps von mehr als zehn Ind. sind keine Seltenheit mehr. Ungefähr 80 Prozent aller Nachweise fallen in den Zeitraum von September bis April. Die bis dato höchste Tagessumme von 31 Ind. wurde am 27.11.2005 von F. Bindrich und G. Holighaus registriert.

Gefluteteter Leinepolder

Leinepolder südlich von Einbeck - typischer Winterlebensraum des Silberreihers in Südniedersachsen. Nach Einstauungen werden ertrunkene Kleinnager abgelesen, bleibt der Polder trocken, erbeutet der Silberreiher - ähnlich seinem grauen Verwandten - vor allem lebende Mäuse. Foto: Nikola Vagt.

Die regionale Wintertradition hat sich verfestigt. In den vergangenen zwei Jahren überwinterten jeweils ca. 25 Ind. Dabei fällt ins Auge, dass sie an ihren Lebensraum keine besonders hohen Ansprüche stellen. Ein beliebter Aufenthaltsort überwinternder Silberreiher ist, neben den Grünländern und Feuchtgebieten um den Seeburger See, in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck sowie am Denkershäuser Teich, die strukturarme Feldmark zwischen Bovenden und Nörten-Hardenberg. Diese wird von den naturfernen Bachläufen von Weende und Moore durchquert, ist aber ansonsten von intensiv bewirtschaftetem Ackerland geprägt. Hier gehen die Vögel mit Vorliebe auf Mäusejagd - ein Verhalten, dass sonst eher für den Graureiher typisch ist. Von der letzteren Art haben sie vereinzelt auch eine verminderte Fluchtdistanz übernommen, die ein untrügliches Zeichen nachlassender Verfolgung ist. Ein Ind., das sich im Herbst 2002 für drei Wochen im Wassergewinnungsgelände am südlichen Göttinger Stadtrand aufhielt, ließ sich, wie die gleichzeitig anwesenden Graureiher, kaum von Spaziergängern und freilaufenden Hunden bei der Mäusejagd stören. Für die Robustheit und ökologische Plastizität der Vögel spricht auch, dass sie Kälteperioden mit weitgehender Vereisung vieler Gewässer und Feuchtstellen anscheinend ohne Probleme überstehen - von Winterverlusten ist zumindest nichts bekannt.
Es liegt auf der Hand, dass die ursprünglich vor allem von Fischen lebenden Reiher eine Umstellung bei der Ernährung (wenigstens abseits der Brutplätze) vollzogen haben und neue Lebensräume nutzen. Dabei dürfte ihnen auch die allgemeine Klimaerwärmung mit insgesamt milderen Wintern zugute kommen. Die süd-niedersächsischen Überwinterer stellen jedoch nur einen winzigen Prozentsatz ihrer Artgenossen dar. Deren Zahl dürfte in Mittel- und Westeuropa mittlerweile in die Tausende gehen. Allein in den Niederlanden überwinterten im vergleichsweise harten Winter 2005/2006 ca. 800 Ind. Zahlen, die weit über dem süd-niedersächsischen Niveau liegen, sind auch aus einigen Regionen süd- und ostdeutscher Bundesländer bekannt.
Woher stammen „unsere“ Silberreiher? Der Bestand der südosteuropäischen Quellenpopulationen - von Österreich über Ungarn und die Slowakei bis zur Ukraine - ist in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als 10.000 Paare angewachsen. Heute brüten die Vögel auch im Baltikum und in Weißrussland, in Polen und Tschechien, in den Niederlanden und in Frankreich - aber immer noch nicht in der BRD (BirdLife International 2004). Neben der Einstellung der systematischen Verfolgung dürfte auch das Anlegen großer Teichgebiete zur Fischgewinnung den positiven Bestandstrend gefördert haben.
Angesichts der starken Zunahme in Südosteuropa und der räumlichen Verteilung der bundesdeutschen Nachweise mit einer unverkennbaren Konzentration auf den Süden und Südosten der Republik liegt die Vermutung nahe, dass auch die süd-niedersächsischen Vögel aus diesem geographischen Raum stammen.
Kann man das mittlerweile häufige und alljährliche Auftreten nordwestlich der Brutgebiete im Herbst und Winter noch als ungerichtete Dismigration interpretieren, die für viele Reiherarten typisch ist? Wohl kaum. Vielmehr drängt sich die Annahme auf, dass es sich bei den Einflügen um zielgerichtete und womöglich bereits genetisch codierte Zugbewegungen handelt. Damit läge für eine Vogelart, deren europäische Populationen früher die Wintermonate vor allem im klimatisch begünstigten Mittelmeerraum verbracht haben, eine außergewöhnliche Veränderung des Zugverhaltens innerhalb weniger Jahre vor. Ob diese faszinierende Entwicklung von Dauer ist, muss natürlich offen bleiben.
Interessanterweise entstammten aber die beiden einzigen Vögel, deren Herkunft Anfang Mai 2005 am Seeanger von D. Radde und T. Meineke durch Farbringablesung ermittelt werden konnte, einer nur ca. 15 bis 20 Paare umfassenden Brutpopulation am ca. 1300 Kilometer entfernten Lac de Grand Lieu nahe der französischen Atlantikküste. Einer der Reiher war fünf Jahre alt, der andere mindestens zwei Jahre (Dörrie 2006). Die französischen Brutvögel sollen im wesentlichen Standvögel sein (Dubois et al. 2000). 2005 tauchten jedoch gleich vier von ihnen in Deutschland auf, neben den beiden vom Seeanger je einer Ende Mai an den Ratzener Teichen in Ostsachsen und im September am Kachliner See in Ostvorpommern (Vogelwarte 43: 285, 44: 261). Wer ist so kühn und macht sich einen Reim darauf?
Obwohl die Artbestimmung der weißen Riesen keine Probleme aufwirft, ist in unserer Region so gut wie nichts über ihre Alterszugehörigkeit bekannt. Adulte Silberreiher mit Schmuckfedern sind immer noch ein seltener Anblick. Präsentieren die Vögel keine Schmuckfedern, wird es kompliziert, weil die variable Färbung der unbefiederten Körperteile nur bedingt bei der Altersbestimmung von Nutzen ist. Es gibt also noch einiges zu entdecken!
Das spektakuläre Beispiel des Silberreihers belegt nicht nur die Unvorhersehbarkeit von Ergebnissen natürlicher Prozesse, sondern auch den gravierenden Einfluss menschlicher Verfolgung auf Vogelpopulationen. Hätte jemand im Jahr 1980 in die Welt gesetzt, dass bei uns dieser Schreitvogel in zwanzig Jahren eine problemlos aufzufindende Normalität darstellen wird - er wäre von allen, die damals zum Neusiedler See fahren mussten, um ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Liste zu bekommen, bestenfalls belächelt worden. Heute tendiert so mancher dazu, die leicht bestimmbaren Vögel eher uninspiriert zur Kenntnis zu nehmen und abzuhaken. Dabei sollten es ambitionierte Feldbeobachter aber nicht belassen: auch das Auftreten vormals seltener Arten ist aussagekräftig und gründlich (wie alt sind die Vögel, sind sie beringt?) zu dokumentieren - auch und gerade dann, wenn dies zur Alltagserfahrung wird… hd

Literatur

  • BirdLife International (2004): Birds in Europe: population estimates, trends and conservation status. BirdLife International Conservation series Nr. 12. Cambridge.
  • Angaben zu Beständen und Verbreitung des Silberreihers bei BirdLife International
  • Bundesdeutscher Seltenheitenausschuß (BSA) (1991): Seltene Vogelarten in der Bundesrepublik Deutschland 1989 (mit Nachträgen 1977 bis 1988). Limicola 5: 186-220.
  • Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Dörrie, H.H. (2006): Avifaunistischer Jahresbericht 2005 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 4-67.
  • Dubois, P., P. Le Maréchal, G. Olioso & P. Yésou (2000): Inventaire des Oiseaux de France. Nathan, Paris.
  • Goethe, F., H. Heckenroth & H. Schumann (1978): Die Vögel Niedersachsens. 1. Lieferung. Natursch. Landschaftspfl. Niedersachs., Sonderreihe B, H. 2.1. Hannover.
  • Grobe, D.W. (1983): Silberreiher Casmerodius albus-Beobachtung in Südniedersachsen. Beitr. Naturk. Niedersachs. 36: 108.
  • Riedel, B. (1975): Silberreiher Casmerodius albus und Seidenreiher Egretta garzetta an der Northeimer Seenplatte. Beitr. Naturk. Niedersachs. 28: 63-64.

December 5th, 2006

Band 11 der Naturkundlichen Berichte erschienen

Auch in diesem Jahr veröffentlicht der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen (AGO) seine Naturkundlichen Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen. Pünktlich zu Nikolaus erscheint nunmehr Band 11 der Reihe. Neben dem umfangreichen avifaunistischen Jahresbericht für die Region enthält der Band wieder eine ganze Reihe interessanter Fachbeiträge. Hans-Heinrich Dörrie nimmt einen aussagekräftigen Vergleich von Brutvogelerfassungen im Göttinger Kerngebiet aus den Jahren 1948, 1965 und 2005/2006 vor.  Dem Leser wird ein Überblick über Aus- (Gelbspötter, Fitis) und Zuwanderer (Hauben- und Tannenmeise, Birkenzeisig) der urbanen Avifauna verschafft. Darüber hinaus werden Trends der “treuen” gefiederten Mitbürger Göttingens (Mauersegler, Haussperling) aufgezeigt und in Zusammenhang gestellt mit überregionalen Entwicklungen und der Veränderung der Lebensräume des engeren Göttinger Siedlungsbereichs.
Bestandserfassungen im EU-Vogelschutzgebiet V19 sind der Inhalt eines weiteren Beitrags. Hier informieren die Autoren Ulrich Heitkamp, Gerd Brunken und Michael Corsmann nicht nur über Brutbestände, sondern auch über die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen für die Zielarten dieses Großschutzgebiets und zeichnen vor allem für den Rotmilan ein düsteres Bild.
Ein Blick in die Publikation lohnt also – nicht nur für Ornithologinnen und Ornithologen aus der Region.

Inhalt:

  • H.-H. DÖRRIE: Avifaunistischer Jahresbericht 2005 für den Raum Göttingen und Northeim.
  • H.-H. DÖRRIE: Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006.
  • G. BRUNKEN / M. CORSMANN / U. HEITKAMP: Das EU-Vogelschutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld). Ergebnisse des Monitorings 2003 und 2005.
  • U. HEITKAMP: Zur Siedlungsdichte von Brutvögeln einer strukturreichen Agrarlandschaft in Süd-Niedersachsen: Gemarkung Markusteich bei Bad Gandersheim.
  • G. BRUNKEN: Zum Vorkommen des Laubfroschs (Hyla arborea) im Landkreis Göttingen.
      Der Band kann für EUR 12,00 zzgl. Versandkosten unter folgender Bezugsadresse bestellt werden:Planungsbüro Prof. Heitkamp
      Ökologische Landschaftsplanung,
      Naturschutz, Ökologie
      Bergstraße 17
      37130 Gleichen-Diemarden
      e-mail: planungsbuero[at]uheitkamp.de

      December 5th, 2006


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