Archive for September 6th, 2006

Göttinger Ornithologen beenden Stadtvogelkartierung

Langfristige Vergleiche von Bestandsaufnahmen der Brutvogelwelt sind für die Dokumentation von Veränderungen besonders aussagekräftig. Göttingen ist in der glücklichen Lage, dass bereits in den Jahren 1947 und 1965 das 3,6 km² große Kerngebiet der Stadt auf Brutvögel untersucht wurde. Nach Abschluss der Kartierung 2005/2006 liegen jetzt Daten vor, die einen Vergleich über sechs Jahrzehnte ermöglichen.

Die Ergebnisse zeigen einen allgemeinen Rückgang - bis zum Verschwinden einiger Spezies - von ursprünglichen Lichtwald- und Offenlandarten, der von der Zunahme robuster Standvögel und Kurzstreckenzieher begleitet wird. Zwischen 1947 und 2006 sind die lokalen Vorkommen von zehn Arten erloschen, während acht Arten eingewandert sind.

Die fünf häufigsten Arten im Kerngebiet sind, absteigend geordnet: Amsel, Mauersegler, Haussperling, Straßentaube und Kohlmeise.

Starke Zuwächse weisen Ringeltaube und Mönchsgrasmücke auf. Auch Zaunkönig, Rotkehlchen sowie Schwanz- und Blaumeise haben ihre Populationen deutlich vergrößern können. Das mit 424 „Revieren“ - allein im Kerngebiet! - bemerkenswert zahlreiche Brutvorkommen des Mauerseglers wird bislang kaum durch Sanierungen und den Verlust von Altbausubstanz beeinträchtigt. Dies trifft auch auf die Population des Hausrotschwanzes zu.

Starke Rückgänge zeigt, wie wohl überall in Mitteleuropa, der Haussperling, dessen Bestand sich mehr als halbiert hat. Die Kerngebiets-Population des Gartenrotschwanzes ist auf ganze zwei Reviere geschrumpft, das mit drei Paaren ohnehin minimale Vorkommen der Rauchschwalbe steht vor dem Erlöschen. Erheblich im Bestand zurückgegangen ist auch die Türkentaube.

Ein Hauptgrund für die Veränderungen der Stadtvogelfauna ist die zunehmende „Verwaldung“ großer Teile des Kerngebiets, die sich unter anderem im stark angewachsenen Nadelbaumbestand ausdrückt. Dieser fördert das Einwandern von Tannen- und Haubenmeise sowie von Winter- und Sommergoldhähnchen. Der Eichelhäher ist im Kerngebiet mittlerweile häufiger als die Elster. Dagegen verschlechtern das schnelle Verkrauten von Offenflächen als Zeichen der allgemeinen Eutrophierung und die fortschreitende Versiegelung vor allem in der Innenstadt die Lebensbedingungen von Arten, die auf insektenreiche Freiflächen angewiesen sind. Dazu zählen, neben dem Haussperling, auch Arten wie Bachstelze und Buchfink.

Wer mehr über die Verschiebungen innerhalb der Göttinger Stadtvogelwelt und deren Ursachen erfahren möchte, muss sich bis zum Erscheinen von Band 11 der Naturkundlichen Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen gedulden. Erscheinungsmonat ist der November 2006. hd

September 6th, 2006

Die Heimzugsaison im Frühjahr 2006

Der vergangene Winter ließ sich nicht lumpen: Zugefrorene Stillgewässer bis in den April und verhältnismäßig niedrige Temperaturen bis weit in den Mai sorgten dafür, dass Frühlingsgefühle der ornithologischen Art lange Zeit nicht so recht aufkommen wollten. Dafür gestaltete sich die Heimzugsaison recht turbulent. Der Frühling 2006 (April bis Mai) verlief nicht nur meteorologisch betrachtet äußerst abwechslungsreich.

Falkenraubmöwe nahe Wollbrandshausen

Falkenraubmöwe bei Gieboldehausen - der dritte Nachweis dieser Art für die Region, und der erste Vogel im Brutkleid. Foto: Christoph Grüneberg

Erstmals seit Jahren konnte im Leinepolder wieder ein Seidenreiher nachgewiesen werden. Die Art ist – obwohl in anderen Regionen Deutschlands vermehrt festgestellt – in Südniedersachsen eine echte Seltenheit. Alljährlich werden bei uns hingegen Nachtreiher beobachtet, und zwar zumeist am Seeburger See. Auch in diesem Frühjahr besuchten zwei Individuen dieser südeuropäischen Art das Eichsfelder Stillgewässer. Der Seeanger unterstrich einmal mehr seine herausragende regionale Bedeutung für durchziehende Watvögel: Ein Säbelschnäbler-Trio nutzte die Flachwasserbereiche des ehrgeizigen Naturschutzprojektes für einen Zwischenstop. 30 Temminckstrandläufer rasteten für einen Tag ebendort und lieferten für die Region die höchste jemals notierte Tagessumme dieser traditionell spärlichen Art. Am Seeburger See und in der Feldmark Wollbrandshausen – Gieboldehausen verweilte für einige Tage eine adulte Falkenraubmöwe. Der als Nahrungshabitat dienende Rübenacker verdutzte hier nur auf den ersten Blick: Der seltene Gast bediente sich an den offensichtlich zahlreich vorhandenen Regenwürmern und erfreute sich bester Gesundheit. Acht Küsten- und vier Flußseeschwalben am Seeburger See passen durchaus ins gewohnte Bild des Heimzuges der beiden Arten in Südniedersachsen. In Verzückung hingegen versetzten die Beobachter dafür aber gleich elf spektakuläre Brandseeschwalben und zwei Raubseeschwalben am Göttinger Kiessee. Je eine Weißbart- und Weißflügel-Seeschwalbe gibt es vom Seeburger See zu melden. Am Seeufer bei Bernshausen balzte kurzzeitig ein Ziegenmelker (erster regionaler Nachweis seit 20 Jahren). Insgesamt vier Wiedehopfe wurden gemeldet, so viele wie noch nie. Ein Bienenfresser wurde rufend über der Göttinger Nordstadt festgestellt. Über die Kiesgrube Reinshof zogen zwei Rötelschwalben, die kurz darauf am Kiessee auftauchten. Gegen Abend wurde dort noch ein dritter Vogel gesehen. Auch Halbseltenheiten bzw. regional spärliche Vertreter der Vogelwelt wie Wendehals, Blau- und Schwarzkehlchen, Brachpieper, Schilf- und Drosselrohrsänger, Rohr- und Schlagschwirl sowie Pirol und Ortolan gelangten zur Beobachtung. Recht üppig fiel auch der Durchzug anderer normalerweise eher spärlich auftretender Weitstreckenzieher wie Waldlaubsänger, Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz aus.

Vögel im Beobachtungsgebiet des AGO 100.jpg

Bittere Zeiten für den Eisvogel: Der harte und lang anhaltende Winter machte der Art mächtig Probleme. Die gar nicht so kleine Population im Göttinger Süden brach komplett zusammen, auch aus anderen Revieren fehlen Brutzeitnachweise. Foto: Christoph Grüneberg

Während viele spät heimkehrende Arten sowohl früh als auch in guten Zahlen durchzogen, hatten einige Standvögel offenkundig Winterverluste zu beklagen – allen voran der Eisvogel, von dem in Göttingen im Frühjahr nur noch ein einsames Männchen präsent war. Es wird sich zeigen, ob diese bisher in Göttingen und Umgebung nicht seltene Art die Verluste in den Folgejahren kompensieren kann. Auch der Grünspecht musste herbe Winterverluste hinnehmen, so dass etliche traditionelle Reviere unbesetzt blieben und zum Teil vom kleineren und offensichtlich vom langen und kalten Winter weniger beeindruckten Verwandten (Grauspecht) „aufgefüllt“ wurden. hd, sp

September 6th, 2006

Hilfe, mein See hat Fieber!

Kommentar. Seit der grausamen Niederwerfung aufständischer Bauern vor fast 500 Jahren lastet auf dem Eichsfeld ein dumpfes Brüten. Sicher: Veränderungen gibt es selbst hier. Die Omnipotenz des Mainzer Erzbischofs hat dem alles beherrschenden Einfluss eines global operierenden Unternehmers im Prothesengewerbe Platz gemacht. Die Menschen dürfen zur Wahl gehen, wissen aber in der Regel schon von Geburt an, welcher Partei sie ihre Stimme zu geben haben.

Untergangsstimmung am Seeburger See

Untergangsstimmung am Seeburger See?

Ab und an wird die Stille des abgeschiedenen Landstrichs durchbrochen – beispielsweise durch den spektakulären Fund eines Kiwiblatts in Duderstadt, das den Umriss einer betenden Mutter Gottes erahnen lässt oder während einer mediokren Opernaufführung an den Gestaden des Seeburger Sees, nicht zu vergessen der fulminante Auftritt einer reifen Ex-DDR-Eisprinzessin, bei dem die Duderstädter Fußgängerzone in ein schlüpfriges Parkett verwandelt wurde. Die Menschen arbeiten fleißig und nehmen in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits unverdrossen die Dienstleistungen eines segensmächtigen Weltkonzerns in Anspruch, der sie mit gutgeölten Homilien bei Laune hält.
Seit dem Sommer 2006 ist alles anders. Das Eichsfeld befindet sich in einer Art offenem Aufruhr. In selbstbewusster, fast schon vermessener Anlehnung an die machtvollen Leipziger Montagsdemonstrationen versammeln sich besorgte Bürger auf dem großen Badesteg des Seeburger Sees. Parolen wie „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“, die damals den Drang zur nationalen Einheit besonders pointiert zum Ausdruck brachten, hört man von den Manifestanten aber nicht. Eigentlich hört man von ihnen überhaupt nichts, denn es sind stille Mahnwachen, die sie drei Fußbreit über der Wasserfläche zelebrieren.
Das öffentliche Auftreten einer Menschengruppe wirft immer Fragen auf, darunter natürlich als erste diejenige nach dem Sinn und Zweck der Aktion. Da wird es allerdings ein wenig kompliziert. Aus Presseberichten lässt sich zwar entnehmen, dass es irgendwie um die Zukunft des Seeburger Sees geht, der von Erwärmung, Algenblüte und einem Muschel- und Aalsterben gebeutelt wird. Aber gegen wen oder was richtet sich der Protest eigentlich? Im späten Frühjahr war es noch der renaturierte Seeanger, dessen Erwärmung für den miserablen ökologischen Zustand des Sees verantwortlich gemacht wurde – eine substanzlose Mutmaßung, die nach einer Bürgerinformation mit Experten am 18.07. in Bernshausen als klar widerlegt gelten kann. Gegen die industrielle Landwirtschaft, die mit ihren Phosphat- und Nitrateinträgen das Gewässer seit Jahrzehnten übermäßig belastet, wie auf derselben Veranstaltung mit harten Messwerten belegt wurde? Nein, „die Landwirtschaft kann nicht der Grund sein“, wird am 09.08. im „Göttinger Tageblatt“ der Hauptmatador des Unmuts zitiert, ein Bio-Landwirt, der in der Hitze seiner Mission offenkundig jede Distanz zum konventionellen Wirtschaften seiner Kollegen über Bord geworfen hat. Gegen das Restaurant „Graf Isang“, über dessen Küche man vieles sagen kann, aber eines gewiss nicht: dass dort massenhaft Algen wuchern, die auf verborgenen Pfaden in den See gelangen? Die ungefähr 400 tot gefundenen Aale - die nur einen winzigen Bruchteil der von Sportanglern ausgesetzten Artgenossen ausmachen, weshalb diese Interessengruppe ziemlich gelassen bleibt – sind erwiesenermaßen an einem spezifischen Herpesvirus verendet. Richtet sich der Protest etwa gegen das Virus oder gar gegen einen unheimlichen Aalküsser? Oder gegen die allgemeine Klimaerwärmung mit Rekordtemperaturen im Sommer 2006? Man weiß es nicht. Ahnt aber, dass eine Stimmung am Köcheln gehalten werden soll, die allem, was der Naturschutz erreicht hat und für die Zukunft plant, abträglich ist - und das ist, wenn man den Seeanger mit seiner artenreichen Brut- und Rastvogelfauna betrachtet, eine ganze Menge.
Damit schließt sich der Kreis. Das heroische Jahrzehnt charismatischer Bauernführer ist ferne Geschichte. Das Aufbegehren heute ist ungerichtet und diffus. Womöglich wird es vermehrt von Quellen gespeist, die noch trüber sind als das veralgte Seewasser. Mit dem irrlichternden Schmerzensmann, der die schwere Verantwortung für den See auf sich geladen hat und den Protest - wohin auch immer - dirigiert, kann man es eigentlich nur gut meinen. Ihm ist anzuraten, sich vordringlich an dem Weißstorch-Paar zu erfreuen, das sich nach der Wiedervernässung des Seeangers auf seinem Hof zum Brüten eingefunden hat. Dem medienwirksamen Schwadronieren über ökologische Probleme sollte er in Zukunft entsagen. Andernfalls steht zu befürchten, dass der Badesteg irgendwann unter dem Gewicht seiner Spekulationen zusammenkracht. Und das wäre für alle, die Vogelkundler eingeschlossen, ein ziemliches Horrorszenario. hd

September 6th, 2006


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