Archive for September, 2006

… weißer geht’s nicht?!

Kommentar. In den vergangenen dreißig Jahren wurde immer wieder vorgeschlagen, Brutvogelarten, die im Bestand nicht gefährdet sind oder einen positiven Trend aufweisen, in gesonderten Verzeichnissen aufzuführen, den sogenannten Grünen oder Blauen Listen. Durchsetzen konnten sich die Positivlisten aber nicht, weil sie für den Natur- und Artenschutz als fragwürdig bis kontraproduktiv eingestuft wurden.

Wei�e Liste

Dagegen ist die öffentlichkeitswirksame Präsentation von Erfolgen im staatlichen Natur- und Artenschutz nicht nur legitim - sie kann auch, zur Freude des Steuerzahlers, sinnvoll gestaltet werden. So liegt als gelungenes Beispiel der Werbung für bedrohte, aber im Bestand wieder zunehmende Tierarten eine im Jahr 2002 vom Bundesumweltministerium herausgegebene Broschüre mit dem treffenden Titel “Sie kommen wieder. Arten im Aufwind” vor.
Das Referat für Öffentlichkeitsarbeit des niedersächsischen Umweltministeriums hat einen Sonderweg beschritten und im März 2006 eine “Weiße Liste der Brut- und Gastvögel Niedersachsens” vorgelegt. Diese vereint, auf solidem Datenmaterial fußend, in zwei Tabellen Brutvogelarten, die seit 1976 wachsende bzw. gleichbleibende Bestände aufweisen. Eine dritte Tabelle dokumentiert die Zunahme einiger Gastvogelarten. Quantitative Angaben enthält nur die Tabelle von Brutvogelarten, die vor dreißig Jahren die niedersächsische Rote Liste bevölkerten und seitdem im Bestand zugenommen haben. Mit bebilderten Kurzportraits u.a. von Graureiher, Schwarzstorch und Schleiereule werden dem Leser Erfolge im Natur- und Artenschutz anschaulich vor Augen geführt. Soweit zum ersten Eindruck, den die Publikation hinterlässt. Bei näherer Betrachtung tun sich aber einige kritische Fragen auf.
Im Vorwort dankt der Umweltminister “den Menschen, den Vogelschützern, den Naturschützern und den verantwortungsbewusst die Natur nutzenden Landwirten, Jägern sowie Fischern und ihren Aktivitäten”. Nun ja. Wenn verantwortungsbewusstes Handeln die Massentötungen von Rabenvögeln und Kormoranen einschließt, macht die holprige Aufzählung durchaus Sinn. Ob man sich als Vogelkundler in der engen Nachbarschaft zu gut organisierten und entsprechend einflussreichen Top-Prädatoren besonders wohl fühlt, steht auf einem anderen Blatt.
Der in der Weißen Liste dokumentierte Zuwachs einiger Großvögel und etlicher anderer Greif- und Wasservogelarten fällt ohne Zweifel eindrucksvoll aus. Dies trifft in besonderem Maße auf den Kranich mit aktuell 400 Brutpaaren zu, der von Renaturierungsmaßnahmen und dem wirksamen Abschirmen der Nistplätze profitiert hat. Bei anderen Spezies (Graugans, Wanderfalke, Uhu) entspringt der positive Trend (teilweise umstrittenen) Wiederansiedlungsprojekten, die vor allem deshalb erfolgreich verliefen, weil Habitatverlust nicht die hauptsächliche Rückgangsursache war. Von entscheidender Bedeutung für die Bestandserholung gefährdeter Arten war jedoch - und ist noch immer - die nachlassende Verfolgung durch den Menschen, die ab den 1970er Jahren in einigen europäischen Ländern mit Gesetzen und speziellen Schutzverordnungen eingeleitet wurde. Im Zusammenwirken mit der Entstehung und Erschließung neuer Lebensräume konnten einige vormals seltene Arten kopfstarke Quellenpopulationen aufbauen, aus denen im Laufe der Jahrzehnte eine Zuwanderung nach Niedersachsen erfolgte. Dies bedeutet aber auch, dass man bei landesweit 37 Schwarzstorch- und 19 Seeadlerpaaren auf dem Teppich bleiben sollte. Ein Blick über den niedersächsischen Tellerrand nach Osten zeigt, dass unsere kleinen Brutbestände beeindruckender Großvögel Dependancen größerer Geflechte sind.
Der besonders spektakuläre Anstieg der Blaukehlchen-Population von 20 auf 3000 Brutpaare basiert auf Zuwanderung aus den Niederlanden in Kombination mit vermehrtem Rapsanbau in Nordwestdeutschland, hat also mit Arten- und Biotopschutzmaßnahmen hierzulande kaum etwas zu tun. Dagegen ist der Populationszuwachs der geschützten Saatkrähe, einer bei “den Menschen” ziemlich unpopulären Vogelart, als bodenständiger Erfolg zu werten. Ausnahmegenehmigungen zur Vernichtung von Kolonien in der Nähe von Altersheimen und das illegale Fällen der Brutbäume, das von den Behörden vor Ort zumeist nur mit einem Augenzwinkern geahndet wird, trüben das Bild jedoch ein. Das bedrückende Schicksal des Kormorans, der nach seiner Bestandszunahme vorschnell und eilfertig aus der Roten Liste entlassen und erneut der flächendeckenden Verfolgung preisgegeben wurde, ist bekannt.
Eines ist sicher: Auf das Konto des derzeitigen Umweltministers, der sich seit Amtsantritt vor allem mit dem Zerschlagen naturschutzfachlicher Kompetenzen und der verschleppten Umsetzung von EU-Richtlinien hervorgetan hat, gehen die langjährigen positiven Trends mit Sicherheit nicht. Wohl selten trifft der Anwurf, dass sich jemand mit fremden Federn schmückt, so wort- und zielgenau wie hier.
Bleibt die schlichte, aber entscheidende Frage: Warum hat sich das Landesministerium nicht mit einer informativen Broschüre begnügt - wie das Bundesministerium vor vier Jahren? Warum musste es, als bundesweite Novität, unbedingt eine Weiße Liste sein und was wird mit ihr eigentlich bezweckt? Die Roten Listen haben sich in Jahrzehnten bewährt und stellen wirksame Instrumente im Natur- und Artenschutz dar. Für die fachliche Bewertung von Eingriffen in Natur und Landschaft sind sie unverzichtbar. Welchen Sinn macht es daher, wenn beispielsweise Schwarzstorch, Seeadler und Kranich, die immer noch in den Kategorien 1 bzw. 3 der aktuellen niedersächsischen Roten Liste geführt werden, jetzt in einer offiziösen Positivliste auftauchen, die auch optisch der Roten Liste ähnelt? Sind diese Arten über den Berg? Zumindest für den Schwarzstorch trifft dies ganz gewiss nicht zu; daran wird selbst eine Verdreifachung der vom Minister besonders propagierten Kunstnester nichts ändern.
Wie steht es um die konkrete Verwendung der Weißen Liste in der naturschutzfachlichen Praxis? Werden Genehmigungsbehörden und willfährige Gutachter sie aus der Schublade ziehen, wenn es um einen Kranichbrutplatz (“nur ein einziger von 400”) auf einem Flughafen-Erweiterungsgelände geht? Ist bei 1200 Kolkrabenpaaren nicht doch die eine oder andere Abschussgenehmigung zum Schutz todkranker Lämmer “objektiv hinnehmbar”? Wird man angesichts der Bestandszunahme des Mittelspechts - die im wesentlichen ein auf genauerer Erfassung beruhendes Kunstprodukt ist - die intensivierte Nutzung unserer Laubwälder noch schöner färben als ohnehin schon? Wer diese Fragen für abwegig hält, ist naiv. Die Weiße Liste spiegelt mit der immanenten Relativierung ihres roten Pendants einen Paradigmenwechsel in der Naturschutzpraxis wider, von dessen Intentionen das kurze Vorwort des Ministers ein beredtes Zeugnis ablegt. Als Sachwalter der heimischen Vogelwelt werden in zunehmendem Maße nicht mehr qualifizierte Fachleute herangezogen, sondern pseudowissenschaftlich drapierte Lobbyisten von Naturnutzerverbänden und handverlesene Vogelschützer mit einem arttypisch begrenzten Aktions- und Blickfeld.
Der Normalbürger, der in seinem Garten - dessen naturnahe Gestaltung immerhin angemahnt wird - Nistkästen für Meisen aufhängt, wird in der Weißen Liste als Beleg dafür gefeiert, wie “stark das ökologische Bewusstsein und die Notwendigkeit von Vogelartenschutz in der Bevölkerung verankert sind”. Bewusstsein und Einsicht in die Notwendigkeit stoßen aber schnell an ihre engen Grenzen, wenn sich im Garten ein Elsternpaar niederlässt. Dieses kann heutzutage von den flintenbewehrten Exekutoren der Rabenvogel-Verordnung letal vergrämt werden – zur hellen Freude fast aller Vogelliebhaber. Was hilft es da, wenn in der Weißen Liste eine Lanze für den (noch) geschützten Eichelhäher gebrochen wird?
Die Weiße Liste soll, so wird betont, keineswegs von der bedrohlichen Situation vieler Vogelarten ablenken. Das sagt sich leicht. Der eventgeilen Tagespresse sind 19 imposante Seeadlerpaare immer eine Meldung wert, die Bestandsabnahme der unscheinbaren Sperlingsvögel Bluthänfling und Wiesenpieper dagegen nicht. Der galoppierende Rückgang fast aller Charakterarten des offenen Kulturlands und das kontinuierliche Anwachsen der Vorwarnliste von Rote-Liste-Kandidaten werden, so steht zu befürchten, von dem Propagandainstrument Weiße Liste in den Hintergrund gedrängt. Dies den beiden Verfassern von der Staatlichen Vogelschutzwarte anzulasten, wäre jedoch ungerecht. Die Protagonisten einer vorgeblich “bürgernahen” Naturschutzpolitik, die – zunehmend auf den kostengünstigen Einsatz von Ehrenamtlichen gestützt - als beschauliches Anhängsel diverser Nutzerinteressen betrieben wird, sitzen weiter oben… Auf den weiteren Umgang mit der Weißen Liste darf man gespannt sein. hd

  • Die Weiße Liste der Brut- und Gastvögel Niedersachsens kann kostenlos beim Niedersächsischen Umweltministerium, Archivstr. 2, 30169 Hannover oder per E-Mail unter poststelle@mu.niedersachsen.de bezogen werden.

September 20th, 2006

Zwischenbericht zum Wegzug 2006

Die diesjährige Wegzugsaison lief etwas schleppend an. Das lag nicht zuletzt an den Beobachtern, die in der Sahara-Hitze des Juli 2006 an schattigen Plätzen ihr WM-Fieber zu kurieren versuchten. Wer sich doch einmal aufraffte, konnte am azzurroblauen Himmel nicht viel entdecken. Erst der wechselhafte und um einiges kühlere August brachte den Zug langsam in Gang. Ab Ende Juli konnte starker Mauersegler- und Schwalbenzug registriert werden, wie 5000 ziehende Segler in einer Woche am Göttinger Kiessee und mindestens 3000 Rauchschwalben am Schlafplatz am Seeburger See recht eindrucksvoll belegen. Der Limikolenzug machte sich im Seeanger bislang ohne nennenswerte Besonderheiten bemerkbar. Bis Anfang September wurden nur einzelne adulte Alpen- und Sichelstrandläufer gesichtet. Erst am 10.09. gingen die Zahlen in die Höhe. Bei den Tringa-Arten war das für den Wegzug relativ zahlreiche Erscheinen des Dunklen Wasserläufers mit bis zu sechs gleichzeitig anwesenden Individuen bemerkenswert. Mittelmeermöwen blieben mit einer Handvoll Beobachtungen auf dem niedrigen Niveau der letzten Jahre. Dagegen stellte das gehäufte Auftreten junger Schwarzkopfmöwen mit bis zu sechs Individuen am Seeburger See sowie einem Einzelvogel an der Kiesgrube Reinshof eine regionale Novität dar. Als weitere Besonderheiten vom Seeburger See sind eine adulte Zwergseeschwalbe im Juli und eine junge Küstenseeschwalbe im August zu nennen, in deren Begleitung sich eine alte Flussseeschwalbe befand. Für den Wegzug bemerkenswert waren auch 23 Trauerseeschwalben ebenda.
Die Planbeobachtungen am Diemardener Berg begannen am 12. August mit einem Paukenschlag: Der erste Seggenrohrsänger in unserem Bearbeitungsgebiet seit 30 Jahren ließ sich in einem schmalen Entwässerungsgraben mit Ruderalvegetation zur Rast nieder! Es handelte sich um einen Vogel im ersten Kalenderjahr. Der achte regionale Mornellregenpfeifer überflog das Gebiet am 23.08. Bei den regulären Durchzüglern konnten bis zum 13.09. recht hohe Zahlen ermittelt werden. Insgesamt wurden 89 Wespenbussarde und 28 Rohrweihen sowie acht Baumfalken notiert. Die beiden häufigsten heimischen Greifvögel Mäusebussard und Turmfalke waren hingegen in erbärmlichen Zahlen vertreten, was mit dem schlechten Mäusejahr und dem damit einhergehenden geringen Bruterfolg erklärt werden kann.

Fischadler

Fischadler am Seeburger See. Die Art war auf dem Wegzug nur schwach vertreten. Vom Seeburger See lagen bis zum 13.09. ganze zwei Beobachtungen vor. Ob es den Vögeln schwer fällt, im gülletrüben Wasser Fische zu erspähen, was sie vom längeren Verweilen abhält, bleibt abzuwarten. Foto: Julian Heiermann

Baumpieper waren im zehnten Jahr der Planbeobachtungen mit mehr als 470 Individuen so zahlreich wie nie. Der Durchzug von Brachpieper (16) und Ortolan (7) blieb im guten Schnitt der vergangenen Jahre. Vom Braunkehlchen wurde am 30.08. mit 83 Individuen am südlichen Göttinger Stadtrand ein neuer Tagesrekord erzielt. Steinschmätzer waren bislang eher unterdurchschnittlich repräsentiert.
Die stabile Hochdruckwetterlage, die Europa im Juni und Juli im Schwitzkasten hielt, scheint besonders den wärmeliebenden und insektivoren Arten wie Wespenbussard, Baumpieper und Braunkehlchen einen sehr guten Bruterfolg beschert zu haben.
Man darf gespannt sein, was der Herbst 2006 noch für die Region bereithält. cg

September 14th, 2006

Der Mittelspecht - “Wappenvogel” des AGO

Mittelspecht

Mittelspecht (Dendrocopos medius). Foto: Klaus Transier / www.klaus-transier.de

Von den sechs einheimischen Spechtarten (Picinae) hat der Mittelspecht das weltweit kleinste Brutareal, welches bis auf ein Vorkommen im Iran ausschließlich westpaläarktisch ist (CRAMP 1985). Der europäische Bestand (150.000 – 315.000 Paare) wird auf ca. 95 % der Weltpopulation geschätzt. In Mitteleuropa brüten ca. 42.000 – 71.000 Paare, davon ca. 35 % in Deutschland (BAUER et al. 2005). Diese Zahlen belegen, dass die europäischen Staaten – besonders aber Deutschland – spezielle Verantwortung für den Erhalt dieser Art tragen.Auch aus diesem Grund ist der Mittelspecht eine derjenigen Arten, die beim AGO in den letzten Jahren im Mittelpunkt avifaunistischen Interesses steht. Über die Verbreitung der Art in Süd-Niedersachsen war bis Ende der 1990er Jahre praktisch nichts bekannt. Nur wenige Vorkommen wurden gemeldet und der Gesamtbestand wurde einschließlich der Stadt Göttingen und des Südteils des Landkreises Northeim auf 25 bis 30 Paare geschätzt (DÖRRIE 2000).
Eine Kartierung im Frühjahr 2000, die allerdings bei weitem nicht flächendeckend und in den verschiedenen Waldgebieten auch mit unterschiedlicher Intensität und nicht standardisierter Methodik vorgenommen wurde, führte immerhin zum Nachweis von 71 bis 76 Individuen. Verbreitungsschwerpunkte waren die eichenreichen Genossenschafts- und Realgemeindeforsten im westlichen Randbereich des Untereichsfeldes, im wesentlich dünner von der Art besiedelten Areal westlich der Leine die stadtnahen Laubholzmischbestände um Knutbühren (DÖRRIE 2001). In den großen geschlossenen Waldgebieten (Bramwald, Kaufunger Wald, Göttinger Wald, Reinhäuser Wald) tritt der Mittelspecht als Brutvogel ebenfalls auf, großflächig jedoch in geringer Abundanz.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse wurde der Mittelspecht als eine der wertbestimmenden Arten des EU-Vogelschutzgebietes V19 (Unteres Eichsfeld) definiert und die ursprünglich festgesetzten Grenzen den Verbreitungsschwerpunkten der Art angepasst korrigiert.
2003 und 2005 wurde durch Auftrag des seinerzeit noch existierenden Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie im Rahmen der Berichtspflicht an die EU der Bestand des Mittelspechtes im Schutzgebiet V19 ermittelt. Auf 4.600 ha Waldfläche konnten 79 Reviere entsprechend 1,72 Rev./100 ha ermittelt werden. Verbreitungsschwerpunkte sind die Genossenschaftsforsten im Ostteil des Gebietes mit ihrem noch relativ hohen Anteil an Alteichen, wohingegen die Siedlungsdichte in den durch Buchenwälder geprägten Landesforsten erwartungsgemäß eher niedrig lag (BRUNKEN et al. 2006, i.V.).
Parallel zum Monitoring im V19 gelangen auch in anderen Waldgebieten von Landkreis und Stadt Göttingen und des Südteils des Landkreises Northeim durch systematische Kartierung viele weitere Reviernachweise, so dass sich die vor noch nicht allzu langer Zeit vorherrschende Einschätzung des Mittelspechts als seltenste Spechtart des süd-niedersächsischen Berg- und Hügellandes als gründlich revisionsbedürftig erwies: Dendrocopos medius ist gemäß aktuellem Kenntnisstand nach dem Buntspecht die mit Abstand häufigste Spechtart in unseren Wäldern!
Besiedelt werden – entgegen früheren Vermutungen – nicht nur Waldflächen mit einem hohen Anteil von alten Eichen, sondern durchaus auch Buchenbestände mit einzelnen Alteichen und die durch Eschen geprägten Bachniederungen in den Wäldern. Nähe zum Grundwasser scheint nicht die entscheidende Rolle zu spielen, sehr wohl aber eine ausreichende Lichtdurchlässigkeit der Baumkronen. So sind bei schonender Bewirtschaftungsweise durch Entnahme einzelner Alteichen aus den Beständen auch keine Abundanzeinbußen zu befürchten. Diese forstlichen Maßnahmen sollten allerdings nicht, wie des öfteren registriert, genau zur Brutzeit der Mittelspechte durchgeführt werden. Verheerend wirkt sich darüber hinaus eine kahlschlagähnliche Abholzung der Alteichen aus, auf die der Mittelspecht mit Abwanderung reagiert.
Die Zukunft der Art in den heimischen Wäldern ist nicht leicht zu prognostizieren. Während es in den Genossenschafts- und Realgemeindewäldern teilweise durchaus eine Bindung an traditionelle Waldbewirtschaftungsweisen zu geben scheint, ist das Schreiben schwarzer Zahlen in den Forsten, die sich in Landes- oder Kommunalbesitz befinden, durch politischen Druck mittlerweile offensichtlich zur Handlungsmaxime verkommen, auch wenn die Programmatik der ökologischen Waldentwicklung anderes verlauten lässt. Dabei sind auch Veräußerungen von Flächen und deren Umwandlung in Privatwald keineswegs mehr Tabu. Hier sieht es dementsprechend um die Zukunft des Mittelspechtes eher düster aus. gb

Typische Mittelspecht-Lebensräume im EU-Vogelschutzgebiet Unteres Eichsfeld (Landkreis Göttingen)

Eichenberg zwischen Wöllmarshausen und Bischhausen

Eichenberg zwischen Wöllmarshausen und Bischhausen

Esplingeroder Wald

Esplingeroder Wald

Mühlenberg (Nesselrödener Wald)

Mühlenberg (Nesselrödener Wald). Alle Habitataufnahmen: Gerd Brunken

Zum Weiterlesen:

  • BAUER, H.-G., E. BEZZEL & W. FIEDLER (Hrsg.): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. 2. Aufl. Wiebelsheim. AULA-Verlag 2005.
  • Angaben zu Beständen und Verbreitung des Mittelspechtes bei BirdLife International
  • BRUNKEN, G., M. CORSMANN & U. HEITKAMP : Das EU-Vogelschutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld). Ergebnisse des Monitorings 2003 und 2005., in: Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bd. 11 (2006)
  • CRAMP, S.: Handbook of the Birds of Europe, the Middle Ease and North Africa. The Birds of the Western Palearctic. Oxford, New York. Oxford University Press 1985.
  • DÖRRIE, H.-H.: Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Selbstverlag. Göttingen 2000.
  • DÖRRIE, H.-H: Der Mittelspecht Picoides medius in Süd-Niedersachsen - Bilanz einer qualitativen Bestandsaufnahme im Frühjahr 2000 mit Anmerkungen zu seiner Naturgeschichte, in: Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bd. 6 (2001)

September 14th, 2006

Göttinger Ornithologen beenden Stadtvogelkartierung

Langfristige Vergleiche von Bestandsaufnahmen der Brutvogelwelt sind für die Dokumentation von Veränderungen besonders aussagekräftig. Göttingen ist in der glücklichen Lage, dass bereits in den Jahren 1947 und 1965 das 3,6 km² große Kerngebiet der Stadt auf Brutvögel untersucht wurde. Nach Abschluss der Kartierung 2005/2006 liegen jetzt Daten vor, die einen Vergleich über sechs Jahrzehnte ermöglichen.

Die Ergebnisse zeigen einen allgemeinen Rückgang - bis zum Verschwinden einiger Spezies - von ursprünglichen Lichtwald- und Offenlandarten, der von der Zunahme robuster Standvögel und Kurzstreckenzieher begleitet wird. Zwischen 1947 und 2006 sind die lokalen Vorkommen von zehn Arten erloschen, während acht Arten eingewandert sind.

Die fünf häufigsten Arten im Kerngebiet sind, absteigend geordnet: Amsel, Mauersegler, Haussperling, Straßentaube und Kohlmeise.

Starke Zuwächse weisen Ringeltaube und Mönchsgrasmücke auf. Auch Zaunkönig, Rotkehlchen sowie Schwanz- und Blaumeise haben ihre Populationen deutlich vergrößern können. Das mit 424 „Revieren“ - allein im Kerngebiet! - bemerkenswert zahlreiche Brutvorkommen des Mauerseglers wird bislang kaum durch Sanierungen und den Verlust von Altbausubstanz beeinträchtigt. Dies trifft auch auf die Population des Hausrotschwanzes zu.

Starke Rückgänge zeigt, wie wohl überall in Mitteleuropa, der Haussperling, dessen Bestand sich mehr als halbiert hat. Die Kerngebiets-Population des Gartenrotschwanzes ist auf ganze zwei Reviere geschrumpft, das mit drei Paaren ohnehin minimale Vorkommen der Rauchschwalbe steht vor dem Erlöschen. Erheblich im Bestand zurückgegangen ist auch die Türkentaube.

Ein Hauptgrund für die Veränderungen der Stadtvogelfauna ist die zunehmende „Verwaldung“ großer Teile des Kerngebiets, die sich unter anderem im stark angewachsenen Nadelbaumbestand ausdrückt. Dieser fördert das Einwandern von Tannen- und Haubenmeise sowie von Winter- und Sommergoldhähnchen. Der Eichelhäher ist im Kerngebiet mittlerweile häufiger als die Elster. Dagegen verschlechtern das schnelle Verkrauten von Offenflächen als Zeichen der allgemeinen Eutrophierung und die fortschreitende Versiegelung vor allem in der Innenstadt die Lebensbedingungen von Arten, die auf insektenreiche Freiflächen angewiesen sind. Dazu zählen, neben dem Haussperling, auch Arten wie Bachstelze und Buchfink.

Wer mehr über die Verschiebungen innerhalb der Göttinger Stadtvogelwelt und deren Ursachen erfahren möchte, muss sich bis zum Erscheinen von Band 11 der Naturkundlichen Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen gedulden. Erscheinungsmonat ist der November 2006. hd

September 6th, 2006

Die Heimzugsaison im Frühjahr 2006

Der vergangene Winter ließ sich nicht lumpen: Zugefrorene Stillgewässer bis in den April und verhältnismäßig niedrige Temperaturen bis weit in den Mai sorgten dafür, dass Frühlingsgefühle der ornithologischen Art lange Zeit nicht so recht aufkommen wollten. Dafür gestaltete sich die Heimzugsaison recht turbulent. Der Frühling 2006 (April bis Mai) verlief nicht nur meteorologisch betrachtet äußerst abwechslungsreich.

Falkenraubmöwe nahe Wollbrandshausen

Falkenraubmöwe bei Gieboldehausen - der dritte Nachweis dieser Art für die Region, und der erste Vogel im Brutkleid. Foto: Christoph Grüneberg

Erstmals seit Jahren konnte im Leinepolder wieder ein Seidenreiher nachgewiesen werden. Die Art ist – obwohl in anderen Regionen Deutschlands vermehrt festgestellt – in Südniedersachsen eine echte Seltenheit. Alljährlich werden bei uns hingegen Nachtreiher beobachtet, und zwar zumeist am Seeburger See. Auch in diesem Frühjahr besuchten zwei Individuen dieser südeuropäischen Art das Eichsfelder Stillgewässer. Der Seeanger unterstrich einmal mehr seine herausragende regionale Bedeutung für durchziehende Watvögel: Ein Säbelschnäbler-Trio nutzte die Flachwasserbereiche des ehrgeizigen Naturschutzprojektes für einen Zwischenstop. 30 Temminckstrandläufer rasteten für einen Tag ebendort und lieferten für die Region die höchste jemals notierte Tagessumme dieser traditionell spärlichen Art. Am Seeburger See und in der Feldmark Wollbrandshausen – Gieboldehausen verweilte für einige Tage eine adulte Falkenraubmöwe. Der als Nahrungshabitat dienende Rübenacker verdutzte hier nur auf den ersten Blick: Der seltene Gast bediente sich an den offensichtlich zahlreich vorhandenen Regenwürmern und erfreute sich bester Gesundheit. Acht Küsten- und vier Flußseeschwalben am Seeburger See passen durchaus ins gewohnte Bild des Heimzuges der beiden Arten in Südniedersachsen. In Verzückung hingegen versetzten die Beobachter dafür aber gleich elf spektakuläre Brandseeschwalben und zwei Raubseeschwalben am Göttinger Kiessee. Je eine Weißbart- und Weißflügel-Seeschwalbe gibt es vom Seeburger See zu melden. Am Seeufer bei Bernshausen balzte kurzzeitig ein Ziegenmelker (erster regionaler Nachweis seit 20 Jahren). Insgesamt vier Wiedehopfe wurden gemeldet, so viele wie noch nie. Ein Bienenfresser wurde rufend über der Göttinger Nordstadt festgestellt. Über die Kiesgrube Reinshof zogen zwei Rötelschwalben, die kurz darauf am Kiessee auftauchten. Gegen Abend wurde dort noch ein dritter Vogel gesehen. Auch Halbseltenheiten bzw. regional spärliche Vertreter der Vogelwelt wie Wendehals, Blau- und Schwarzkehlchen, Brachpieper, Schilf- und Drosselrohrsänger, Rohr- und Schlagschwirl sowie Pirol und Ortolan gelangten zur Beobachtung. Recht üppig fiel auch der Durchzug anderer normalerweise eher spärlich auftretender Weitstreckenzieher wie Waldlaubsänger, Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz aus.

Vögel im Beobachtungsgebiet des AGO 100.jpg

Bittere Zeiten für den Eisvogel: Der harte und lang anhaltende Winter machte der Art mächtig Probleme. Die gar nicht so kleine Population im Göttinger Süden brach komplett zusammen, auch aus anderen Revieren fehlen Brutzeitnachweise. Foto: Christoph Grüneberg

Während viele spät heimkehrende Arten sowohl früh als auch in guten Zahlen durchzogen, hatten einige Standvögel offenkundig Winterverluste zu beklagen – allen voran der Eisvogel, von dem in Göttingen im Frühjahr nur noch ein einsames Männchen präsent war. Es wird sich zeigen, ob diese bisher in Göttingen und Umgebung nicht seltene Art die Verluste in den Folgejahren kompensieren kann. Auch der Grünspecht musste herbe Winterverluste hinnehmen, so dass etliche traditionelle Reviere unbesetzt blieben und zum Teil vom kleineren und offensichtlich vom langen und kalten Winter weniger beeindruckten Verwandten (Grauspecht) „aufgefüllt“ wurden. hd, sp

September 6th, 2006

Hilfe, mein See hat Fieber!

Kommentar. Seit der grausamen Niederwerfung aufständischer Bauern vor fast 500 Jahren lastet auf dem Eichsfeld ein dumpfes Brüten. Sicher: Veränderungen gibt es selbst hier. Die Omnipotenz des Mainzer Erzbischofs hat dem alles beherrschenden Einfluss eines global operierenden Unternehmers im Prothesengewerbe Platz gemacht. Die Menschen dürfen zur Wahl gehen, wissen aber in der Regel schon von Geburt an, welcher Partei sie ihre Stimme zu geben haben.

Untergangsstimmung am Seeburger See

Untergangsstimmung am Seeburger See?

Ab und an wird die Stille des abgeschiedenen Landstrichs durchbrochen – beispielsweise durch den spektakulären Fund eines Kiwiblatts in Duderstadt, das den Umriss einer betenden Mutter Gottes erahnen lässt oder während einer mediokren Opernaufführung an den Gestaden des Seeburger Sees, nicht zu vergessen der fulminante Auftritt einer reifen Ex-DDR-Eisprinzessin, bei dem die Duderstädter Fußgängerzone in ein schlüpfriges Parkett verwandelt wurde. Die Menschen arbeiten fleißig und nehmen in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits unverdrossen die Dienstleistungen eines segensmächtigen Weltkonzerns in Anspruch, der sie mit gutgeölten Homilien bei Laune hält.
Seit dem Sommer 2006 ist alles anders. Das Eichsfeld befindet sich in einer Art offenem Aufruhr. In selbstbewusster, fast schon vermessener Anlehnung an die machtvollen Leipziger Montagsdemonstrationen versammeln sich besorgte Bürger auf dem großen Badesteg des Seeburger Sees. Parolen wie „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“, die damals den Drang zur nationalen Einheit besonders pointiert zum Ausdruck brachten, hört man von den Manifestanten aber nicht. Eigentlich hört man von ihnen überhaupt nichts, denn es sind stille Mahnwachen, die sie drei Fußbreit über der Wasserfläche zelebrieren.
Das öffentliche Auftreten einer Menschengruppe wirft immer Fragen auf, darunter natürlich als erste diejenige nach dem Sinn und Zweck der Aktion. Da wird es allerdings ein wenig kompliziert. Aus Presseberichten lässt sich zwar entnehmen, dass es irgendwie um die Zukunft des Seeburger Sees geht, der von Erwärmung, Algenblüte und einem Muschel- und Aalsterben gebeutelt wird. Aber gegen wen oder was richtet sich der Protest eigentlich? Im späten Frühjahr war es noch der renaturierte Seeanger, dessen Erwärmung für den miserablen ökologischen Zustand des Sees verantwortlich gemacht wurde – eine substanzlose Mutmaßung, die nach einer Bürgerinformation mit Experten am 18.07. in Bernshausen als klar widerlegt gelten kann. Gegen die industrielle Landwirtschaft, die mit ihren Phosphat- und Nitrateinträgen das Gewässer seit Jahrzehnten übermäßig belastet, wie auf derselben Veranstaltung mit harten Messwerten belegt wurde? Nein, „die Landwirtschaft kann nicht der Grund sein“, wird am 09.08. im „Göttinger Tageblatt“ der Hauptmatador des Unmuts zitiert, ein Bio-Landwirt, der in der Hitze seiner Mission offenkundig jede Distanz zum konventionellen Wirtschaften seiner Kollegen über Bord geworfen hat. Gegen das Restaurant „Graf Isang“, über dessen Küche man vieles sagen kann, aber eines gewiss nicht: dass dort massenhaft Algen wuchern, die auf verborgenen Pfaden in den See gelangen? Die ungefähr 400 tot gefundenen Aale - die nur einen winzigen Bruchteil der von Sportanglern ausgesetzten Artgenossen ausmachen, weshalb diese Interessengruppe ziemlich gelassen bleibt – sind erwiesenermaßen an einem spezifischen Herpesvirus verendet. Richtet sich der Protest etwa gegen das Virus oder gar gegen einen unheimlichen Aalküsser? Oder gegen die allgemeine Klimaerwärmung mit Rekordtemperaturen im Sommer 2006? Man weiß es nicht. Ahnt aber, dass eine Stimmung am Köcheln gehalten werden soll, die allem, was der Naturschutz erreicht hat und für die Zukunft plant, abträglich ist - und das ist, wenn man den Seeanger mit seiner artenreichen Brut- und Rastvogelfauna betrachtet, eine ganze Menge.
Damit schließt sich der Kreis. Das heroische Jahrzehnt charismatischer Bauernführer ist ferne Geschichte. Das Aufbegehren heute ist ungerichtet und diffus. Womöglich wird es vermehrt von Quellen gespeist, die noch trüber sind als das veralgte Seewasser. Mit dem irrlichternden Schmerzensmann, der die schwere Verantwortung für den See auf sich geladen hat und den Protest - wohin auch immer - dirigiert, kann man es eigentlich nur gut meinen. Ihm ist anzuraten, sich vordringlich an dem Weißstorch-Paar zu erfreuen, das sich nach der Wiedervernässung des Seeangers auf seinem Hof zum Brüten eingefunden hat. Dem medienwirksamen Schwadronieren über ökologische Probleme sollte er in Zukunft entsagen. Andernfalls steht zu befürchten, dass der Badesteg irgendwann unter dem Gewicht seiner Spekulationen zusammenkracht. Und das wäre für alle, die Vogelkundler eingeschlossen, ein ziemliches Horrorszenario. hd

September 6th, 2006


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