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	<title>Arbeitskreis Göttinger Ornithologen (AGO)</title>
	<link>http://www.ornithologie-goettingen.de</link>
	<description>Internetauftritt des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO)</description>
	<pubDate>Sun, 05 Sep 2010 14:56:09 +0000</pubDate>
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	<language>en</language>
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		<title>Katastrophen? – Wir warten nur darauf!</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Sep 2010 14:56:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[Brennende Wälder, von Orkanen leergefegte Höhenzüge, Truppenübungsplätze mit feuerspeienden Panzerverbänden, die Schneisen der Verwüstung hinterlassen, die Mondlandschaften des Braunkohle-Tagebaus: Was der empfindsame Normalbürger zumeist als „Schändung“ und „Zerstörung“ einer vermeintlich „intakten Natur“ wahrnimmt und der Forstwirt oder Waldbesitzer als ökonomisches Desaster beklagt, ist für etliche - zunehmend seltener werdende - Brutvogelarten ein wahrer Segen. Dieser [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Brennende Wälder, von Orkanen leergefegte Höhenzüge, Truppenübungsplätze mit feuerspeienden Panzerverbänden, die Schneisen der Verwüstung hinterlassen, die Mondlandschaften des Braunkohle-Tagebaus: Was der empfindsame Normalbürger zumeist als „Schändung“ und „Zerstörung“ einer vermeintlich „intakten Natur“ wahrnimmt und der Forstwirt oder Waldbesitzer als ökonomisches Desaster beklagt, ist für etliche - zunehmend seltener werdende - Brutvogelarten ein wahrer Segen. Dieser hält sich jedoch in engen Grenzen, wenn die Natur rasch wieder „in Ordnung gebracht“ wird und düngender Nährstoffeintrag die offenen Flächen schneller denn je wieder zuwachsen lässt. Um diese Phänomene am Beispiel des Reinhäuser Walds südlich von Göttingen genauer zu erkunden hatte sich im Frühjahr 2009 ein Team unseres Arbeitskreises unter der Ägide von Silvio Paul zusammengefunden. Die Ergebnisse der Untersuchung können jetzt hier nachgelesen werden.</p>
<p><a id="more-259"></a>Paul, S. (2010): Welchen Nutzen hat der Sturm? Ergebnisse einer Brutvogelerfassung auf ausgesuchten Waldschadensflächen im Reinhäuser Wald bei Göttingen. Online im Internet, URL: <a href="http://www.ornithologie-goettingen.de/material/paul_welchennutzen.pdf">http://www.ornithologie-goettingen.de/material/paul_welchennutzen.pdf</a> [PDF-Datei].</p>
<p>Die Printversion findet sich im jüngst erschienenen Band 14 der vom AGO herausgegebenen „Naturkundlichen Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen“, der zum Preis von 14  €  beim Planungsbüro Prof. Heitkamp, Bergstr. 17, 37130 Gleichen-Diemarden, E-Mail planungsbuero[at]uheitkamp.de bezogen werden kann. Wir wünschen eine anregende Lektüre!
</p>
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		<title>Raues Klima macht rauen Füßen Beine</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jul 2010 11:45:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
	<category>Vogelportraits</category>
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		<description><![CDATA[Der Raufußbussard Buteo lagopus ist ein vereinzelter Wintergast und Durchzügler in Südniedersachsen und wird nicht alljährlich nachgewiesen. Im vergangenen Kältewinter 2010 kam es jedoch nach 1977 und 1987 erneut zu einem regelrechten Einflug dieses im Gegensatz zum Mäusebussard fast anmutigen Greifvogels, dessen Brutgebiete in den Tundrazonen rund um den Polarkreis liegen. Die hohen Schneelagen in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Raufußbussard <em>Buteo lagopus</em> ist ein vereinzelter Wintergast und Durchzügler in Südniedersachsen und wird nicht alljährlich nachgewiesen. Im vergangenen Kältewinter 2010 kam es jedoch nach 1977 und 1987 erneut zu einem regelrechten Einflug dieses im Gegensatz zum Mäusebussard fast anmutigen Greifvogels, dessen Brutgebiete in den Tundrazonen rund um den Polarkreis liegen. Die hohen Schneelagen in den regulären Überwinterungsgebieten der norddeutschen Tiefebene und den Niederungen des östlichen Mitteleuropas dürften die Tiere veranlasst haben, diese zu verlassen und nach Süden auszuweichen. <a id="more-258"></a> Die erste Beobachtung eines Raufußbussards in Südniedersachsen gelang bereits im November 2009. Im Februar 2010 stieg die Zahl der Beobachtungen dann drastisch an und kulminierte in der zweiten Monatshälfte. Die vergleichsweise geringen Beobachtungen vom 15.02. bis 19.02. sind auf eine verminderte Beobachtungsintensität zurückzuführen. Nach dem 1. März wurde kein Raufußbussard mehr gesichtet. Offenkundig hatten die Vögel während einer Tauwetterperiode schnell wieder das Feld geräumt.</p>
<p align="center"><img alt="verlauf_einflug.jpg" id="image252" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/verlauf_einflug.jpg" /><br />
<em>Abb. 1: Sichtungen von Raufußbussarden in Südniedersachsen im Winter 2010</em></p>
<p>Insgesamt konnten 56 verschiedene Sichtungen für diesen Winter dokumentiert und bei 41 Individuen eine Unterscheidung nach Alt- oder Jungvogel vorgenommen werden. Der Jungvogelanteil von knapp 5 % fiel dabei sehr gering aus. Dies deutet auf schlechten Bruterfolg der Art im Jahr 2009 hin. Dafür spricht auch die geringe Durchzugszahl von Raufußbussarden zwischen August und November 2009 in Falsterbo (Südschweden), die deutlich unter dem Durchschnitt der Wegzugperiode lag (Abb. 2). Wegzugzahlen gelten allgemein als guter Indikator des Bruterfolges.</p>
<p align="center">
<table cellspacing="1" cellpadding="1" border="1" style="border-collapse: collapse">
<tr>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 250px">2009</td>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">185</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 250px">langjähriger Durchschnitt 1973 – 2008</td>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">904</td>
</tr>
</table>
<p><em>Abb. 2: Durchziehende Raufußbussarde in Falsterbo, Südschweden<br />
(Quelle: http://www.skof.se/fbo) </em></p>
<p>Ob unterschiedliche Präferenzen von Überwinterungsgebieten von Alt- und Jungvögeln oder anderes Zugverhalten bei dem Einflug eine Rolle gespielt haben, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Die sich täglich verändernde Geschlechterzusammensetzung in den südniedersächsischen Beobachtungsgebieten deutet auf eine hohe Fluktuation der Tiere und wenig stationäres Verhalten hin.</p>
<p align="center"><img alt="karte.jpg" id="image257" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/karte.jpg" /><br />
<em>Abb. 3: Wetterstationen in möglichen Überwinterungsgebieten<br />
(Quelle: Google Earth) </em></p>
<p align="center"><img alt="Marlow.gif" id="image255" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/Marlow.gif" /><br />
<em>Abb. 4: Schneehöhen in Marlow, Winter 2010 </em></p>
<p align="center"><img alt="Gorzow.gif" id="image251" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/Gorzow.gif" /><br />
<em>Abb. 5: Schneehöhen in Gorzów Wielkopolski, Winter 2010 </em></p>
<p align="center"><img alt="GÃttingen.gif" id="image256" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/G%C3%B6ttingen.gif" /><br />
<em>Abb. 6: Schneehöhen in Göttingen, Winter 2010 (Quelle: wetteronline.de) </em></p>
<p>Um einen Zusammenhang der Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zu prüfen, wurden Schneehöhenkurven des Winters 2009/10 von verschiedenen potenziellen Überwinterungsgebieten des Raufußbussards untersucht (Abb. 3). Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die Flussniederungen Polens und die Norddeutsche Tiefebene. Obwohl Unterschiede im Verlauf der Schneehöhen in Norddeutschland und Polens festgestellt werden konnten, zeigt sich eine deutliche Zunahme der Schneehöhen aller in Norddeutschland und Westpolen untersuchten Gebiete ab Anfang Februar. Die Schneedeckenhöhe verdoppelte sich vielerorts sogar. Bedenkt man eine Reaktionszeit der Bussarde auf die veränderten Umweltbedingungen, dann liegt es nahe, dass die Bussarde auf die Schneehöhen, die eine Nahrungssuche unmöglich machten, mit Abwanderung reagierten. Aus Südschweden, das ebenfalls zu den regulären Überwinterungsgebieten der Raufußbussarde zählt, lagen keine Daten über die Schneehöhen während des Einfluges vor. Die geringe Zahl der Februarbeobachtungen in Schweden deutet jedoch ebenfalls auf eine Abwanderung der dort überwinternden Individuen hin (Abb. 7). Es könnten also auch Vögel aus diesen Gebieten an dem Einflug beteiligt gewesen sein.</p>
<p align="center">
<table cellspacing="1" cellpadding="1" border="1" style="border-collapse: collapse">
<tr>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">Januar 2010</td>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">1542</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">Februar 2010</td>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">596</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">März 2010</td>
<td valign="top" style="padding: 0cm 3.5pt; width: 100px">1394</td>
</tr>
</table>
<p><em>Abb. 7: Zufallsbeobachtungen des Raufußbussards in Schweden im Winter 2010<br />
(Quelle: http://svalan.artdata.slu.se/)</em></p>
<p>Alle bis auf zwei der dokumentierten Sichtungen aus den Landkreisen Göttingen und dem Altkreis Northeim stammen aus nur drei verschiedenen Beobachtungsgebieten: Der Leineniederung nördlich von Northeim, der Umgebung des Steinbergs in Seeburg und dem Diemardener Berg südlich von Göttingen. In der Leineniederung waren mindestens sechs Individuen anwesend, auf dem Steinberg drei und auf dem Diemardener Berg konnten zwei Vögel gleichzeitig beobachtet werden. Der Leineniederung mit ihrem hohen Grünlandanteil kam schon in den Einflugjahren der Vergangenheit eine besondere Bedeutung zu. Aus den beiden anderen Gebieten liegen keine oder nur sehr wenige ältere Nachweise vor. Die Beobachtungen aus der Leineniederung stammen zum größten Teil aus dem Leinepolder 2. Dort war von einem guten Nahrungsangebot an Mäusen auszugehen, da es bis zu dem Einflug im Gegensatz zum Leinepolder 1 nicht zu einer Einstauung kam, was ein Überleben der Kleinsäugerpopulationen erst möglich machte. Bei den anderen Gebieten handelt es sich um exponierte Standorte, bei denen Schneeverwehungen zu geringeren Schneehöhen führten und den Zugang zu Kleinsäugern begünstigten.</p>
<p align="center"><img alt="Raufu_20100205_003.jpg" id="image228" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Raufu_20100205_003.jpg" /><br />
<em>Abb. 8: Raufußbussard (Foto: M. Siebner) </em></p>
<p>Im Januar 1977 sowie im Januar und Februar 1987 kam es schon einmal zu einem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen (Riedel 1978, Dierschke 1997). Leider liegen aus den beiden Einflugjahren nur sehr wenige Informationen über die Schneehöhen in den traditionellen Überwinterungsgebieten vor. Das Untersuchungsgebiet der Schneehöhen beschränkte sich aufgrund der geringen Datengrundlage auf drei ausgewählte Punkte in Norddeutschland: Schwerin, Rostock und Hamburg.</p>
<p align="center"><img alt="Schwerin 1977.gif" id="image254" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/Schwerin%201977.gif" /><br />
<em>Abb. 9: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1977 (Quelle: wetteronline.de) </em></p>
<p>Für das Einflugjahr 1977 scheint es zweifelhaft, dass die Schneehöhenzunahme in Norddeutschland Mitte Januar auf maximal 10 cm die Ursache für den massiven Einflug in Südniedersachsen darstellte, obwohl der Beginn des Einfluges kurz darauf begann (Abb. 9). Im Dezember des Vorjahres lagen die Schneehöhen schon über den besagten 10 cm und waren in anderen Jahren Mitte Januar um ein vielfaches höher, ohne dass ein Einflug in Südniedersachsen dokumentiert werden konnte.</p>
<p align="center"><img alt="Schwerin 1987.gif" id="image253" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/07/Schwerin%201987.gif" /><br />
<em>Abb. 10: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1987 (Quelle: wetteronline.de) </em></p>
<p>Für 1987 liegen keine ausreichenden Daten über den Beginn und Verlauf des Einfluges vor. Maximalzahlen lagen bei jeweils fünf Individuen am 25.01 sowie am 03.02 im Leinepolder Salzderhelden. In diesem Jahr scheint es schon wahrscheinlicher, dass in Norddeutschland überwinternde Vögel an dem Einflug beteiligt waren, da die Schneehöhen von bis zu 30 cm in Norddeutschland Mitte Januar den Auslöser für die Abwanderung dargestellt haben könnten (Abb. 10).<br />
Neben dem gehäuften Auftreten von Raufußbussarden kam es im vergangenen Winter 2010 zu einem nie dagewesenen Einflug von Sumpfohreulen <em>Asio flammeus</em> in Südniedersachsen. Bis zu fünf Individuen konnten am Steinberg bei Seeburg gleichzeitig beobachtet werden und auch in anderen Gebieten gelangen Nachweise. Interessanterweise trat die Sumpfohreule in den Einflugjahren der Raufußbussarde in der Vergangenheit überhaupt nicht in Erscheinung. Anders scheinen sich die Schneehöhen auf das Auftreten der Kornweihe <em>Circus cyaneus</em> in Südniedersachsen auszuwirken. Während Riedel 1977 neben dem Einflug der Raufußbussarde parallel dazu einen Einflug der Kornweihe dokumentieren konnte, wurden im Februar 2010 nur zwei Individuen am Steinberg beobachtet. Im Leinepolder Salzderhelden gelang in diesem Zeitraum kein einziger Nachweis.<br />
Auch wenn ein Zusammenhang zwischen den extremen Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zumindest für 2010 wahrscheinlich scheint, sollte man sich vor ökologischen Kurzschlüssen hüten. Die Raufußbussardeinflüge der Vergangenheit und das abweichende Einflugverhalten der drei genannten Arten zeigen, dass einfache, kausale Zusammenhänge die Einflüge allein nicht erklären können. Warum kommt es in manchen Jahren beim Auftreten hoher Schneehöhen in den Überwinterungsgebieten nicht zu Einflügen? Inwieweit können geringe Kleinsäugerpopulationen zu Einflügen führen und welche weiteren Gründe können das Abwanderungsverhalten der Tiere beeinflussen? An Hinweisen, die zur Beantwortung dieser Fragen beitragen können und kritischen Anmerkungen zu diesem Artikel ist der Verfasser sehr interessiert. Diese können an martinschuck[at]gmx.de geschickt werden. <em>M. Schuck</em></p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<ul>
<li>Dierschke, V. (1997): Das Wintervorkommen von Greifvögeln im südniedersächsischen Leinetal. Gött. Naturk. Schr. 4: 95-106.</li>
<li>Riedel, B. (1978): Der Kornweihen- und Rauhfußbussardeinflug im Winterhalbjahr 1976/1977 in den Landkreisen Northeim – Göttingen – Osterode. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 359-367.</li>
</ul>
<p>Mein Dank geht einerseits an die fleißigen Beobachter, die sich bei eiskalten Wintertemperaturen trotzten, sowie allen anderen, die bei der Erstellung dieses Artikels geholfen haben: B. Bierwisch, S. Böhner, J. Bryant, G. Brunken, H.-H. Dörrie, M. Drüner, V. Hesse, U. Hinz, L. Hülsmann, H.-A. Kerl, M. Kotowska, W. Kühn, V. Lipka, T. Meineke, K. Menge, S. Paul, M. Siebner und H.-J. Thorns.
</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Heimzug und Brutzeit 2010 – wer besteht den Härtetest?</title>
		<link>http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=250</link>
		<comments>http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=250#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 20:02:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[Nach einem extrem harten und langen Winter wartete das Wetter mit weiteren Kapriolen auf. Während der April warm und viel zu trocken war, lag die durchschnittliche Maitemperatur in Göttingen um 1,5°C unter dem langjährigen Mittel. Die erste Hälfte des Wonnemonats fiel sogar noch kühler aus und war zudem von überdurchschnittlich hohen Niederschlägen und einem außergewöhnlichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach einem extrem harten und langen Winter wartete das Wetter mit weiteren Kapriolen auf. Während der April warm und viel zu trocken war, lag die durchschnittliche Maitemperatur in Göttingen um 1,5°C unter dem langjährigen Mittel. Die erste Hälfte des Wonnemonats fiel sogar noch kühler aus und war zudem von überdurchschnittlich hohen Niederschlägen und einem außergewöhnlichen Defizit an Sonnentagen geprägt. Bundesweit war der Mai 2010 der kälteste seit 1991 und einer der kältesten seit Beginn systematischer Wetteraufzeichnungen. Der Juni hingegen zeigte sich bis dato, die übliche Schafskälte eingeschlossen, von einer etwas wärmeren Seite.<br />
<a id="more-250"></a>Der Erfolg vieler Singvogelarten tendierte im Mai bei den Erstbruten gegen Null. In den meisten von hungrigem Nachwuchs bevölkerten Nistkästen herrschte nach und nach Totenstille. Das lag weniger, wie vom BUND am 10.5. in einer Pressemitteilung in die Welt gesetzt, an der Dünnwandigkeit von Billigkästen aus dem Baumarkt, sondern vielmehr am kältebedingten Insektenmangel, der zum Verhungern zahlloser Jungvögel führte.</p>
<p>Braun tut gut!</p>
<p>Mit Ausnahme der Fans des Hamburger FC St. Pauli wird dieses Motto wohl bei allen spontane Empörung auslösen, denn es ist in zweierlei Hinsicht ziemlich anrüchig. Aus der Sicht sachkundiger Ökologen und Vogelkundler fallen jedoch alle negativen Konnotationen schnell in sich zusammen: Braungelbe Flecken zeigen im stickstoffsatten Einheitsgrün der Normallandschaft Nährstoffarmut und geringen Bewuchs an. Solche „Störstellen“ oder „Sonderstandorte“ üben, nicht zuletzt wegen ihrer zunehmenden Seltenheit, eine magnetische Anziehungskraft auf wärmeliebende Brutvögel und rastbedürftige Zugvögel aus. Wenn flache Gewässer und Schlammbänke hinzukommen, ist die - in der Regel kurzlebige - Idylle perfekt. An zwei ehemaligen Tongruben am südlichen Göttinger Stadtrand zwischen der Bahntrasse und der Siekhöhenallee ist genau das eingetreten. Nach der kompletten Verfüllung der westlichen Tongrube (2008 noch Brutplatz des regional seltenen Zwergtauchers) im Herbst 2009, nahm man im Frühjahr 2010 die Verfüllung der östlichen zügig in Angriff. Dabei ergoss sich das abgepumpte Wasser teilweise in den westlichen Bereich; Regenfälle und steigender Grundwasserpegel taten ein übriges. Binnen kurzem entstand auf ca. 2,5 Hektar ein attraktives Brut-, Rast- und Beobachtungsgebiet, dessen ungepflegt und wüst wirkendes Erscheinungsbild den Normalbürger, mit Hund oder ohne, eher abschreckte und das deshalb nur wenigen unmittelbaren Störungen ausgesetzt war.</p>
<p align="center"><img alt="Siekgraben 2.jpg" id="image247" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Siekgraben%202.jpg" /><br />
<em>Abb. 1: Ehemalige westliche Tongrube Siekgraben. Lebensfeindliche Einöde? Von wegen! Foto: M. Siebner</em></p>
<p>Wenn im folgenden bei einigen Vogelarten die Ortsangabe „Siekgraben“ auftaucht, ist damit das oben abgebildete Gebiet gemeint.</p>
<p>Für unsere Region bemerkenswert sind eine an der Geschiebesperre Hollenstedt übersommernde <strong>Tundra-Saatgans</strong> sowie zwei <strong>Blässgänse</strong>, die bis weit in den Juni zwischen dem Seeburger See und der Geschiebesperre Hollenstedt pendelten und möglicherweise dort noch präsent sind. Ortsfeste Übersommerungen dieser beiden nordischen Gastvogelarten hat es bei uns zuvor nicht gegeben. Eine der beiden Blässgänse ist gehbehindert, aber voll flugfähig, so dass ein unfreiwilliges Verweilen eher unwahrscheinlich ist.<br />
Am Göttinger Kiessee verdreifachte sich der Brutbestand der <strong>Graugans</strong> von zwei auf sechs Paare, die kolonieartig auf der kleinen „Vogelschutzinsel“ brüteten. Mit insgesamt 13 Jungvögeln (aus einer Brut wurden fünf Junggänse selbständig, aus den fünf anderen jeweils nur ein bis zwei), hielt sich ihr Erfolg jedoch in Grenzen. Am Levin-Park konnte sich erstmals ein Paar reproduzieren und brachte fünf Junge zum Ausfliegen. Zunahme und Bruterfolg basieren in beiden Gebieten auf der Erfolglosigkeit der ansässigen <strong>Höckerschwäne</strong>, die sich entsprechend friedlich verhielten.<br />
Wie in den beiden vergangenen Jahren wurde der Erholungswert des Levin-Parks vom penetranten Tröten des gefiederten Pendants zur südafrikanischen Fußballfanfare „Vuvuzela“, der <strong>Nilgans</strong>, beeinträchtigt. Die lärmenden Neubürger brachten wiederum vier Junge (von ursprünglich sechs) zum Ausfliegen. Ein weiteres Paar unternahm in einem Mäusebussardnest im Pappelwäldchen zwischen dem Kiessee und dem Rosdorfer Kreisel einen rasch wieder abgebrochenen Brutversuch.<br />
Am 3.4. wurde im Leinepolder Salzderhelden eine männliche <strong>Mandarinente</strong> gesehen. Vielleicht derselbe Vogel hielt sich Mitte April für ein paar Tage im Levin-Park auf und nährte natürlich sofort die Hoffnung, dass er sich dort als Nachfolger des von einigen Lokalavifaunisten schmerzlich vermissten Maskottchens „Cheech“ vom Kiessee etabliert. Leider war dies nicht der Fall. <strong>Knäkenten</strong> erreichten am 3.4. im Leinepolder Salzderhelden mit 38 Ind. ein zeit- und gebietstypisches Maximum. Am 22.3. verstopften 221 <strong>Pfeifenten</strong> die Geschiebesperre Hollenstedt. Am 21.3. dümpelten zwei <strong>Kolbenenten</strong>-Paare auf dem wieder eisfreien Seeburger See.<br />
Leichte Irritation löste am 29.3. anfänglich ein männlicher Hybrid <strong>Moor- x Tafelente</strong> an der Geschiebesperre Hollenstedt aus.<br />
Die aktuelle Übersommerung eines mausernden <strong>Eiderenten</strong>-Erpels im 2. Kalenderjahr an den Northeimer Kiesteichen ist keineswegs singulär: Von November 1997 bis Mai 2002 musste sich ein Weibchen dieser Meeresentenart gezwungenermaßen mit dem Northeimer Freizeitsee anstelle der Nord- oder Ostseeküste begnügen. Der bedauernswerte Vogel war nach einem Flügelbruch flugunfähig. Der Erpel hingegen macht einen fitteren Eindruck.<br />
Bemerkenswert ist auch ein <strong>Schellenten</strong>-Erpel, der an der Geschiebesperre Hollenstedt übersommert.</p>
<p align="center"><img alt="Eiderente+4+Kiesteiche+Northeim+10+Juni+2010.jpg" id="image242" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Eiderente+4+Kiesteiche+Northeim+10+Juni+2010.jpg" /><br />
<em>Abb. 2: Eiderenten-Erpel an den Northeimer Kiesteichen. Foto: V. Hesse </em></p>
<p>2010 scheint ein schlechtes Jahr für die <strong>Wachtel</strong> zu sein. In Gebieten, die gezielt auf ihr Vorkommen abgehört wurden, fehlte sie oder wurde nur mit ein bis zwei Individuen wahrgenommen, so z.B. in der Feldmark zwischen Ebergötzen und Landolfshausen oder im Sattenhäuser Becken. In der Feldmark Geismar-Süd und am Diemardener Berg rufen aktuell bis zu drei M., die ebenfalls einen unterdurchschnittlichen Bestand indizieren.</p>
<p>An der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal zeigten zwei <strong>Zwergtaucher</strong>-Paare das einzige Brutvorkommen in der Region an. 31 Ind. rasteten am 6.4. mit einem typischen Maximum an einem typischen Datum auf dem Seeburger See. Ein Einzelvogel trillerte am 22.5. an den Husumer Teichen sehnsuchtsvoll vor sich hin.<br />
Am Göttinger Kiessee konnte sich bislang keines der drei <strong>Haubentaucher</strong>-Paare reproduzieren. Alle Bruten wurden aufgegeben, weil der Wasserstand des Sees wegen Ausbaggerungsarbeiten am Flüthewehr stark schwankte. Ein Paar an der Insel hatte zu allem Überfluss Probleme mit bräsigen Rotwangen-Schildkröten, die sich auf seinem Nest zum Sonnen breit machten…<br />
Beobachtungen des <strong>Rothalstauchers</strong> werden in unserer Region aus ungeklärten Gründen immer seltener. Deshalb ist ein Vogel vom 29.3. vom Seeburger See eine besondere Erwähnung wert.</p>
<p>Von den Niederlanden über Deutschland bis Dänemark hat der Brutbestand des <strong>Löfflers</strong> an der Wattenmeerküste und auf den vorgelagerten Inseln stark zugenommen. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum der Schopfreiher in Süd-Niedersachsen allmählich von der Rarität zur alljährlichen Erscheinung mutiert. Am 21.4. konnte ein Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt von B. Riedel für naturgucker.de fotografisch belegt werden. Am Seeanger hielten sich zwei Vögel am 25.5. nur kurz auf.<br />
Während sich die überwinternden bzw. auf dem Heimzug rastenden <strong>Silberreiher</strong> in den vergangenen Jahren zumeist bis zur dritten Maidekade wieder verabschiedet hatten, bahnt sich im Leinepolder Salzderhelden die aktuelle Übersommerung eines Einzelvogels an. Übersommerungen sind bei einigen Großvogelarten nicht selten Vorläufer von Brutansiedlungen. Gleichwohl ist übertriebener Optimismus nicht angebracht, weil es erstaunlicherweise noch keinen deutschen Brutnachweis dieses in vielen Gegenden zur Normalität gewordenen Reihers gibt - warum also ausgerechnet im Leinepolder? Oder etwa (bald) doch?<br />
Für die kleine, seit zehn Jahren bestehende <strong>Graureiher</strong>-Kolonie am Göttinger Hagenberg verlief die Brutsaison 2010 ziemlich desaströs. Zum einen waren, vermutlich als Folge des harten Winters mit entsprechenden Verlusten, nur ca. sechs Nester (von normalerweise neun bis zehn) beflogen. Zum anderen stellte sich Ende Mai heraus, dass nur in einem Nest Jungvögel saßen, die sich durch Bettelrufe bemerkbar machten. Ob sie zum Ausfliegen kamen ist ungewiss. Zwei Paare wagten einen Neubeginn ca. 300 m westlich der Kolonie, der ebenfalls im Misserfolg endete. Ein cleveres Paar ist auf die Insel im größeren der beiden Teiche im Levin-Park ausgewichen und brütet dort seit Anfang Juni auf der großen Weide in einem „Mistelnest“ - mitten in der Stadt. Als Hauptursache für das weitgehende Scheitern kann, neben der ungünstigen Witterung, Prädation angenommen werden, wobei sich der Waschbär als Hauptverdächtiger förmlich aufdrängt. Allerdings haben sich die dreisten Neubürger mit Banditenmaske bislang nur selten an Nester gewagt, die, wie am Hagenberg, in hohen Altfichten errichtet wurden. Die genauen Gründe für das Scheitern müssen daher offen bleiben. An den Thiershäuser Teichen bei Gillersheim wurden an einem zwischenzeitlich aufgegebenen Koloniestandort wieder fünf beflogene Nester gezählt, dafür am Ableger dieser Kolonie in der Rhumeaue bei Bilshausen nur noch zwei.<br />
Am 11.5. beehrte ein <strong>Seidenreiher</strong> im Hochzeitskleid den Siekgraben. Bei dem zwei Tage später an der Geschiebesperre Hollenstedt fotografierten Vogel dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um dasselbe Individuum mit Zugprolongation nach Norden gehandelt haben.</p>
<p align="center"><img alt="Seidenreiher GSH.JPG" id="image249" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Seidenreiher%20GSH.JPG" /><br />
<em>Abb. 3: Seidenreiher an der Geschiebesperre Hollenstedt.  Foto: H.-J. Thorns</em></p>
<p>Mit einem Schornstein-Brutpaar in Langenholtensen ist die Zahl der <strong>Weißstorch</strong>-Brutpaare in der Region auf fünf gestiegen, die vier anderen brüten in Gieboldehausen, am Seeanger, in Seeburg und im Leinepolder Salzderhelden.</p>
<p>Man darf gespannt sein, ob es einem am Seeburger See und an den Northeimer Kiesteichen übersommernden <strong>Fischadler</strong> so gut gefällt, dass er, aber nur ganz vielleicht, nächstes Jahr wiederkommt, möglicherweise einen Partner und einen geeigneten Baum oder Strommast findet, und dann…<br />
Am 28.4. zog eine männliche <strong>Wiesenweihe</strong> über die ehemalige Bauschuttdeponie Gö.-Geismar. Revierbesetzungen brutverdächtiger <strong>Rohrweihen</strong> liegen aus der Rhumeaue und dem Leinepolder Salzderhelden vor, aber nicht vom Seeburger See, wo die Art schon seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gebrütet hat.<br />
Der Brutbestand des <strong>Rotmilans</strong> im Landkreis Göttingen ist im stetigen und dramatischen Rückgang begriffen, nicht nur im extra für ihn ausgewiesenen EU-Vogelschutzgebiet V 19, „Unteres Eichsfeld“ - das Vogelschutzgebiet könnte man ebenfalls in Anführungszeichen setzen, weil es faktisch nur auf geduldigem Papier existiert! -, sondern auch westlich der Leine. Näheres dazu in einem Spezialbeitrag, der demnächst auf dieser Homepage erscheint.  Wie die Population unseres Wappenvogels mit höchster Schutzpriorität bewegt sich auch die des <strong>Mäusebussards</strong> im Sinkflug. Bei allen Begehungen und Exkursionen in den Wäldern und im offenen Kulturland wurden Zahlen ermittelt, die einen Bestandsrückgang von mehr als 50 Prozent anzeigen. Verluste durch die letzten beiden Winter allein können den negativen Trend, der sich schon seit einiger Zeit bemerkbar macht, nicht verursacht haben, erst recht nicht der viel strapazierte Klimawandel. Vielmehr belegt ein realistischer Blick auf unsere Normallandschaft, dass die immer intensivere Landnutzung mit riesigen Mais-, Raps- und Wintergetreideschlägen zum Bestandsrückgang vieler Vogelarten führt, selbst wenn diese so robust und anpassungsfähig erscheinen wie der Mäusebussard. Und überhaupt: Warum sollte es dem Mäusebussard anders ergehen als dem Rotmilan, mit dem er Lebensraum und Beutespektrum teilt?<br />
Interessanter- und auch bezeichnenderweise kommen Mäusebussarde, die in Stadtnähe brüten, etwas besser zurecht. Das traditionelle Paar an der Göttinger Stegemühle hatte mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln schon Anfang Juni Bruterfolg. Im viel besuchten städtischen Levin-Park balzte und kopulierte ein äußerst „zutrauliches“ nestbauendes Paar, das aber in letzter Zeit dort nicht mehr gesehen wurde und möglicherweise (wieder) in die Baumreihe an der nahen Glunz-Brache umgezogen ist, wo eine Brut 2008 erfolgreich verlief. Verstädterung aus Verzweiflung oder als findiges Nutzen günstiger Umstände? Seit dem Mittelalter wissen die Menschen, dass es sich in der freien Stadtluft besser leben lässt als in der ländlichen Idiotie. Keimt diese Erkenntnis jetzt auch beim Mäusebussard?<br />
Am 8.6. flog ein weiblicher <strong>Rotfußfalke</strong> über das Gelände der Göttinger Uni-Nordmensa. Das Göttinger <strong>Wanderfalken</strong>-Brutpaar musste wegen der Einrüstung des Kirchturms von St. Jacobi für Sanierungsarbeiten nach St. Johannis umziehen, wo ein weiterer Nistkasten bereitsteht. Immerhin zwei Jungfalken kamen in der für die Altvögel ungewohnten Umgebung zum Ausfliegen.</p>
<p>Im Leinepolder Salzderhelden übersommert eine kleine Bande halbstarker <strong>Kraniche</strong>, unter ihnen ein Pubertant mit einer rotweißen Doppelring-Markierung, die ihm am 8.7.2009 im estnischen Üdrüma verpasst wurde. Seine Herkunft ist insofern interessant, weil nach bisherigen Erkenntnissen hier in erster Linie Kraniche aus Skandinavien durchziehen und rasten. Ein Anfang März im Leinepolder Salzderhelden abgelesenes adultes M. aus einem norwegisch-schwedischen Beringungsprojekt hat das noch einmal untermauert.</p>
<p>Am 23.3. rastete eine <strong>Großtrappe</strong> in der Feldmark zwischen Diemarden und Reinhausen. Der wenig scheue (unberingte?) Vogel konnte in Waldrandnähe fotografiert werden. Damit liegt für 2010 der sechste Nachweis dieses imposanten Schwergewichts vor. Wem es nicht zu peinlich ist, kann sich damit brüsten, dass Süd-Niedersachsen in diesem Winter Deutschlands trappenreichste Region westlich der Elbe war…</p>
<p align="center"><a title="GroÃ�trappenbelegfoto.JPG" class="imagelink" href="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Gro%C3%9Ftrappenbelegfoto.JPG"><img alt="GroÃ�trappenbelegfoto.JPG" id="image243" style="width: 450px; height: 302px" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Gro%C3%9Ftrappenbelegfoto.JPG" /></a><br />
<em>Abb. 4: Belegfoto der Großtrappe bei Reinhausen. Zum Vergrößern anklicken. Foto: B. Schmidt</em></p>
<p>Trotz der heftigen Überschwemmungen in Polen kam es bislang zu keinem nennenswerten Einflug des <strong>Wachtelkönigs</strong>. Im Gegenteil: Der Bestand im Leinepolder Salzderhelden beträgt aktuell weniger als zehn rufende M. Einzelvögel machten sich am 8.6. in der Feldmark Reinshof und am 15.6. in der Feldmark Geismar-Süd akustisch bemerkbar. Ebenso düster wie für den Wiesenknarrer sieht es im Leinepolder für das <strong>Tüpfelsumpfhuhn</strong> aus, obwohl weite Flächen für beide Arten optimal sind.<br />
Der Göttinger Brutbestand des <strong>Teichhuhns</strong> weist bereits seit einiger Zeit einen negativen Trend auf und bewegt sich, durch Winterverluste weiter dezimiert, momentan auf einem äußerst niedrigen Niveau. 2010 brüten nicht mehr als fünf bis sechs Paare, die sich auf den Kiessee, den Levin-Park und den Pfingstanger verteilen. Die Brutplätze an der Leine am südlichen Stadtrand sind allesamt verwaist und selbständig gewordene Jungvögel bis dato absolute Mangelware.</p>
<p>Ein <strong>Austernfischer</strong> fiel am 4.6. an der Geschiebesperre Hollenstedt jahreszeitlich etwas aus dem Rahmen. Am Siekgraben rastete am 7.5. ein <strong>Kiebitzregenpfeifer</strong> im 2. Kalenderjahr, adult und im Prachtkleid waren gleich zwei Ind. einen Tag später ebenda. Am 8.5. hielt sich auch ein Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt auf.<br />
Nur eine einzige erfolgreiche <strong>Kiebitzbrut</strong> ist bis dato bekannt geworden, und zwar aus der Feldmark Wollbrandshausen.<br />
Am Siekgraben balzten bis zu drei Paare des <strong>Flussregenpfeifers</strong>. Am 21.5. geriet ein zwei bis drei Tage alter Jungvogel vor die Kamera, der aber später nicht mehr aufzufinden war. Weitere Bruten zumindest mit Schlupferfolg konnten bislang nicht registriert werden. Der in den letzten beiden Jahren besetzte Brutplatz an der Glunz-Brache in Gö.-Grone war 2010 verlassen. Birkenaufwuchs in Kombination mit regen Planierarbeiten hat ihn für die Art unbrauchbar gemacht. Ob das W. eines Paares an der Kiesgrube Reinshof überhaupt zur Eiablage schreiten konnte, ist fraglich. Dies trifft auch auf die beiden Paare an der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal zu. Die Brutzeit 2010 verläuft für die Regenpfeifer alles andere als ersprießlich.<br />
Im April zogen drei <strong>Regenbrachvögel</strong> über die Region, die sich auf den Seeburger See, die Geschiebesperre Hollenstedt und den Leinepolder Salzderhelden verteilten.<br />
Ein unverzichtbares Habitatrequisit für <strong>Waldschnepfen</strong> in Fortpflanzungsstimmung sind Offenflächen und Schneisen, an denen die Männchen ihre pittoresken Balzflüge zelebrieren. Im Lutterberger Forst/Kaufunger Wald können sich vier M. über eine 27 Hektar große Windwurffläche freuen und richtig zur Sache kommen. Anderswo ist ihnen das verwehrt, weil der Wald zu dunkel und die (wenigen) Offenstellen zu klein sind. Deshalb ist diese Limikolenart im Landkreis Göttingen als Brutvogel vom Aussterben bedroht. Abseits des Kaufunger Walds liegen nur zwei Brutzeitbeobachtungen nahe der Burg Plesse und vom Husumer Tal vor.<br />
Auffliegende <strong>Zwergschnepfen</strong> traten zu dritt am 22.3. an der Geschiebesperre Hollenstedt und einzeln am 8.4. am Stockhäuser Bruch und am 17.4. am Siekgraben in Erscheinung.  Vom 14. bis 17.5. hielt sich ein <strong>Knutt</strong> an der Geschiebesperre Hollenstedt auf, desgleichen ein <strong>Sanderling</strong> Anfang Mai für einige Tage am Northeimer Freizeitsee.<br />
Am 21.5. wurde am Siekgraben das Maximum von neun <strong>Temminckstrandläufern</strong> gezählt, für die das Gebiet ein ideales Rasthabitat bereithielt. Drei <strong>Alpenstrandläufer</strong> im Prachtkleid verliehen dem neuen Hotspot am 17.5. gebührenden Glanz.</p>
<p>58 <strong>Zwergmöwen</strong> zeigten am 27.4. am Seeburger See ein passables Heimzug-Maximum an. Drei <strong>Schwarzkopfmöwen</strong> beehrten dasselbe Gewässer am 27.3., am 27.4. waren sie dort zu zweit. Die ortsfeste Seeburger <strong>Mittelmeermöwe</strong> „Michaela“ mausert unverdrossen vor sich hin. Davon konnte sich, neben ihren menschlichen Bewunderern, am 19.5. und 29.5. je ein Artgenosse im 2. Kalenderjahr überzeugen, ein ebenfalls zweijähriger Vogel am 12.6. dagegen nicht, weil er an den Northeimer Kiesteichen zu Wasser ging. Eine <strong>Steppenmöwe</strong> im 2. Kalenderjahr lieferte am 25.4. am Göttinger Kiessee den zweiten Nachweis für das Stadtgebiet, einen Tag später hielt sich ein dreijähriges Ind. am Seeburger See auf. Drei <strong>Heringsmöwen</strong> legten dort am 20.3. eine Heimzug-Pause ein.<br />
Es riecht schon sehr nach Rasttradition, denn an einer rapiden Bestandszunahme wie beim Löffler kann das nunmehr alljährliche Auftreten von <strong>Raubseeschwalben</strong> nicht liegen. Je zwei Ind. hielten sich am 30.4. am Seeburger See bzw. am Seeanger auf. Die beiden Vögel vom 11.5. pendelten zudem sehr ortskundig zwischen See und Anger.  Einzelne <strong>Weißflügel-Seeschwalben</strong> beeindruckten am 10.5. am Seeburger See und am 22.5. am Seeanger die Beobachter. Im Vergleich zu früheren Jahren trat die <strong>Küstenseeschwalbe</strong> mit nur einem Nachweis vom 25.4. am Seeburger See äußerst spärlich auf. Die vermeintliche Seltenheit ist aber, wie so oft in der Feldornithologie, ein Artefakt, denn man wird nie wissen, wie viele von ihnen das Gebiet in großer Höhe bei „schönem“ Wetter überflogen haben. Eine <strong>Flussseeschwalbe</strong> ließ sich am 9.5. ebenda blicken, zwei Ind. waren es am 10.6.</p>
<p>In der Region wurden im Mai ganze drei <strong>Turteltauben</strong> notiert (Reinhäuser Wald, Lutterberger Forst und bei Bühren). Die Zukunft dieser Lichtwaldart ist in der Region ähnlich düster wie die der Waldschnepfe, weil beide Arten ähnliche Habitate besiedeln.</p>
<p>Das aus dem Vorjahr bekannte Brutpaar des <strong>Sperlingskauzes</strong> im Reinhäuser Wald hatte wieder dieselbe Bunt- oder Mittelspechthöhle bezogen. Die Brut scheiterte jedoch, worauf die Vögel in eine andere, noch kleinere Höhle ein paar Bäume weiter umzogen.<br />
Recht bemerkenswert sind, nach dem harten Winter, gleich sechs erfolgreiche Bruten der <strong>Waldohreule</strong>. Zudem fiel der Erfolg recht gut aus. Je fünf flügge Jungeulen wurden aus der Kiesseestraße und vom Menzelberg in Gö.-Roringen bekannt, vier waren es in Diemarden. Für die anderen Bruten, die aus Bösinghausen, Mariaspring bei Bovenden und von der Plesse gemeldet wurden, liegt keine genaue Nachwuchszahl vor. Interessant ist, dass sich die Eulen fast alle im Siedlungsbereich bzw. in dessen Peripherie fortpflanzten. Dort gab es offenkundig ein gutes Mäuseangebot. An den Offenflächen im Göttinger Wald (Kerstlingeröder Feld und Sengersfeld) scheinen sie dagegen in dieser Brutsaison zu fehlen.</p>
<p align="center"><img alt="waldohr01.jpg" id="image248" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/waldohr01.jpg" /><br />
<em>Abb. 5: Junge Waldohreulen an der Kiesseestraße. Die „Baby-Vuvuzelas“ nervten im durchdringenden Diskant die Anwohner und erfreuten mit ihrer drolligen Anmut die Vogelbeobachter.  Foto: M. Siebner</em></p>
<p>Am 21.3. zeigte ein flügger junger <strong>Waldkauz</strong> im Göttinger Ostviertel nahe der Ludwig-Beck-Str. wiederum die sehr frühe Brut eines robusten Paares an, bei dem es sich um dasselbe gehandelt haben könnte, das sich bereits im kalten Winter des Vorjahrs dort fortpflanzen konnte.<br />
Am 14.4. flog eine <strong>Sumpfohreule</strong> über dem Seeanger umher. Da waren ihre Artgenossen, die am nahen Steinberg überwintert hatten, schon seit mehr als fünf Wochen in Richtung Heimat verschwunden.<br />
Das traditionelle <strong>Uhu</strong>-Paar im Reinhäuser Wald kann sich über (mindestens) zwei Junge freuen, obwohl in der Brutwand beständig Waschbären auf der Lauer lagen. Doch dürfte kaum jemand von ihnen so kühn gewesen sein, sich mit einem Uhu anzulegen…</p>
<p>Aus regionaler Sicht ist die Meldung eines <strong>Alpenseglers</strong> am 3.5. aus dem Leinepolder Salzderhelden singulär. Leider bekamen herbeigeeilte Beobachter den Seltling nicht (mehr) zu Gesicht. Am 8.5. gelangte über dem Göttinger Kiessee eine fliegende Zigarre der Qualitätsstufe „Fehlfarben“ ins Blickfeld des erstplazierten Birdrace-Teams der „Leinehänflinge“. Der so umschriebene <strong>Mauersegler</strong> zeigte einen sehr hellen Bauch und Bürzel. Die Farbverteilung war allerdings asymmetrisch, so dass die anfängliche Erregung bald der Ernüchterung wich…</p>
<p>Das einzige <strong>Eisvogel</strong>-Brutpaar weit und breit konnte an der Hahle bei Mingerode die Erstbrut erfolgreich abschließen. Derweil leidet halb Göttingen mit dem einsamen Männchen an der Leine südlich des Kiessees, das bis dato immer noch kein Weibchen gefunden hat. <strong>Wiedehopfe</strong> wurden am 8.4. in der Feldmark Geismar-Süd und am 3.5. an der Leine südlich des Flüthewehrs bestaunt.</p>
<p>Auf dem Kerstlingeröder Feld hat der als regionaler Brutvogel fast ausgestorbene <strong>Wendehals</strong> wieder zwei Reviere besetzt. Neben vier auf dem Heimzug rastenden Einzelvögeln ist ein Wendehals erwähnenswert, der sich Ende April in Gö.-Elliehausen in ein Kleingewächshaus verflogen hatte. Nach Angaben des Besitzers kommt so etwas nicht selten vor, doch finden die Vögel (in der Mehrzahl Amseln und Meisen) in der Regel von selbst wieder hinaus oder können durch behutsames Scheuchen ins Freie geleitet werden. Bei dem ver(w)irrten Wendehals half alles nichts: Er fand partout nicht den Ausgang. Daraufhin wurde er gegriffen und hinausexpediert. Dort allerdings machte er sich schnell davon. Irgendwie passt das zu diesem seltsamen Vogel.</p>
<p align="center"><img alt="Avigoe_20100411_003wendehals.jpg" id="image241" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Avigoe_20100411_003wendehals.jpg" /><br />
Abb. 6: Wendehals auf dem Kerstlingeröder Feld. Foto: M. Siebner</p>
<p>Am 5.5. sang am Göttinger Kiessee ein <strong>Pirol</strong>. Eine <strong>Neuntöter</strong>-Erfassung erbrachte am 10.6. auf dem Kerstlingeröder Feld 12 revieranzeigende M., die einen durchschnittlichen Bestand anzeigen. Insgesamt geht es der Art bei uns momentan recht gut, denn es wurden aus vielen Gebieten Vorkommen gemeldet.</p>
<p align="center"><img alt="neuntoeter.jpg" id="image244" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/neuntoeter.jpg" /><br />
<em>Abb. 7: Neuntöter-M. an der ehem. Bauschuttdeponie Gö.-Geismar. Foto: M. Siebner </em></p>
<p>Interessant und erfreulich zugleich ist die Ansiedlung eines erfolgreichen <strong>Dohlen</strong>-Paars an der Seeburger Kirche. Auch der Brutplatz an der Kirche in Rüdershausen ist wieder besetzt. In Duderstadt wurden dagegen keine Bruten festgestellt. Interessant ist auch eine Brutzeitbeobachtung im altholzreichen Schlosspark von Gieboldehausen.</p>
<p>Vom Denkershäuser Teich liegt ein Brutnachweis der <strong>Beutelmeise</strong> mit drei Jungvögeln vor. Diese verstärkt seit den 1980er Jahren eingewanderte Art ist abseits ihrer Hochburg an den Northeimer Kiesteichen sehr selten geworden.<br />
Im engeren Göttinger Siedlungsbereich ist die <strong>Tannenmeise</strong> in diesem Frühjahr nachgerade eine Rarität. Auch in den Wäldern scheint es - allein aufgrund des harten Winters? - einen Bestandseinbruch gegeben zu haben.</p>
<p>Die regionalen Kolonien der <strong>Uferschwalbe</strong> an der Sandgrube Meensen und an den Northeimer Kiesteichen sind von ca. 12 bzw. ca. 25 Paaren besetzt.</p>
<p>Am Denkershäuser Teich hielten sich vom Herbst 2009 bis Mitte April 2010 zwei <strong>Bartmeisen</strong> auf und trotzten dem harten Winter. Eine Brut in den Folgemonaten kann nicht ausgeschlossen werden, ist aber schwer zu dokumentieren, weil sich die Vögel in dieser Lebensphase recht heimlich und vor allem stumm verhalten können. Zwei Ind. am 8.4. am Stockhäuser Bruch waren vermutlich schnell wieder verschwunden.<br />
Uneinheitlich sind die Göttinger Angaben zur <strong>Schwanzmeise</strong>. Im Kiessee-Leinegebiet und in der Leineaue bis zum Hagenberg/Levin-Park konnten ab Ende Mai insgesamt nur drei Familienverbände notiert werden, was auf hohe Winterverluste deutet. Im Ostviertel scheint es hingegen etwas besser auszusehen.</p>
<p><strong>Schlagschwirle</strong> sangen am 6.5. am Seeburger See, am 8.5. am Seeanger exklusiv für das Birdrace-Team der „Leinehänflinge“ und am 25.5. in der Rhumeaue bei Bilshausen. Der in Niedersachsen als Brutvogel seltene <strong>Rohrschwirl</strong> scheint sich im Leinepolder Salzderhelden (2 Rev.) dauerhaft etabliert zu haben. Am 24.4. lieferte ein Ind. den dritten Lokalnachweis für die Kiesgrube Reinshof südlich von Göttingen. Gesangsreviere des <strong>Schilfrohrsängers</strong> wurden von Ende Mai bis Mitte Juni am Denkershäuser Teich (1), in der Rhumeaue bei Lindau (2) und im Leinepolder Salzderhelden (1, vermutlich aber mehr) registriert. Wie in einigen Vorjahren waren auch 2010 am Seeburger See ein bis zwei Gesangsreviere des <strong>Drosselrohrsängers</strong> besetzt. Ein Ind. am 22.5. in der Rhumeaue bei Lindau dürfte sich noch auf dem (späten) Heimzug befunden haben.</p>
<p><strong>Winter-</strong> und <strong>Sommergoldhähnchen</strong> haben ebenfalls Verluste erlitten, vor allem in ausgedehnten Waldgebieten. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof sind beide Arten aber wieder recht gut vertreten.</p>
<p align="center"><img alt="Sommer mit Schnake.jpg" id="image246" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/06/Sommer%20mit%20Schnake.jpg" /><br />
<em>Abb. 8: Sommergoldhähnchen verfüttern, im Vergleich zum Wintergoldhähnchen, in der Regel größere Beutetiere. Das stellt dieser Winzling mit einer großen Schnake im Schnabel nachdrücklich unter Beweis. Foto: W. Kühn</em></p>
<p><strong>Seidenschwänze</strong> wurden in unbekannter Zahl am 30.3. im Göttinger Levin-Park vernommen. Weitere Wahrnehmungen liegen für den Berichtszeitraum nicht vor. Der extrem kalte Winter 2010 war bei uns der „schlechteste“ seit über zehn Jahren für diese Nordlichter, die in Göttingen über eine traditionelle Winterhochburg verfügen.</p>
<p>Der auch überregional beklagte Bestandsrückgang des <strong>Zaunkönigs</strong> kann für zwei Gebiete, die Wendebachaue zwischen der B 27 und Reinhausen und das Glasebachtal bei Laubach an der Werra, aussagekräftig auf jeweils 50 bis 60 Prozent beziffert werden. Dies ergab der Vergleich aktueller Bestandserhebungen mit Erfassungen zwischen 2007 und 2009. Allerdings dürfte die Wintermortalität der ausharrenden Vögel noch erheblich höher, vermutlich bei mehr als 90 Prozent, gelegen haben. Am Wendebachstau und im Kiessee-Leinegebiet hatte wohl nur je ein Einzelvogel überlebt. Bei den aktuellen Revierbesetzern wird es sich in der Mehrzahl um Vögel handeln, die weiter südlich überwintert haben und damit der ganz grimmigen Kälte entfliehen konnten.</p>
<p>Arg gebeutelt wurde auch der <strong>Star</strong>. In Göttingen waren viele Brutplätze in der Süd- und Innenstadt verwaist. Zudem fiel sein Bruterfolg wegen des nasskalten Maiwetters miserabel aus. Auf den Rasenflächen am Kiessee, wo sich die Familien nach dem Ausfliegen der Jungen gut zählen lassen, waren nicht mehr als zehn Jungvögel präsent. Nur leicht gelitten hat dagegen die robuste <strong>Wasseramsel</strong>. Das traditionelle Paar an der Göttinger Stegemühle zeigte mit einem flüggen Jungvogel bereits am 3.5. einen zeitlich normalen Brutverlauf an. Heimziehende <strong>Ringdrosseln</strong> lieferten mit drei Ind. am Diemardener Berg am 10.4. ein eher unterdurchschnittliches Maximum.</p>
<p>Die kleine Brutpopulation des <strong>Trauerschnäppers</strong> im und am Wildgehege am Kehr/Göttinger Stadtwald scheint langsam dahinzuschwinden. Dort wurden nur zwei singende M. beobachtet. Ein M. sang am 28.5. vor einem Nistkasten am Hagenberg, konnte aber später nicht mehr bestätigt werden. In der Rhumeaue bei Bilshausen ist der Brutbestand des <strong>Schwarzkehlchens</strong> auf drei Paare angestiegen.<br />
Mit sieben Revieren des <strong>Blaukehlchens</strong> kann der Denkershäuser Teich nunmehr als von der Art gesättigt gelten. Im Leinepolder Salzderhelden und am Seeburger See wurden fünf bzw. zwei Reviere notiert, die aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Untergrenze des wirklichen Bestands anzeigen. Am Seeanger schritt wie im Vorjahr ein Paar zur Brut.</p>
<p><strong>Brachpieper</strong> wurden am 24.4. am Diemardener Berg zu zweit und einzeln am selben Tag auf dem Kerstlingeröder Feld gesichtet.<br />
Am 10.6. demonstrierten 22 singende <strong>Baumpieper</strong> auf dem Kerstlingeröder Feld einen doppelt so hohen Bestand wie in den beiden Vorjahren. Die Gründe für die lokale Zunahme - die nichts am allgemeinen dramatischen Bestandsrückgang in der Region ändert - müssen vorerst offen bleiben. Das kommende Jahr wird zeigen, ob es vielleicht nur ein statistisch insignifikanter Ausrutscher nach oben war. Auf der 27 Hektar großen Windwurffläche im Lutterberger Forst waren immerhin fünf Reviere besetzt.<br />
Im Verlauf des Aprils stellte sich heraus, dass auch die <strong>Gebirgsstelze</strong> unter dem Winter schwer gelitten hat. Ihr Rückgang kann, wie beim Zaunkönig, auf 50 bis 60 Prozent beziffert werden. Aus Göttingen sind bis dato nur zwei erfolgreiche Bruten bekannt geworden.</p>
<p>Dagegen hat sich der robuste <strong>Grünfink</strong>, dem in manchen Regionen Deutschlands wegen hoher Mortalität als Folge einer Trichomonadeninfektion schon das Totenglöckchen geläutet wurde, souverän behauptet. Derzeit sind überall Familienverbände zu beobachten, die geringe Winterverluste und einen guten Bruterfolg anzeigen. Dies trifft auch auf den wärmeliebenden <strong>Stieglitz</strong> an den Göttinger Grünzügen zu. Mit diesem versöhnlichen Ausblick schließt der Bericht, der, wie immer, das vielfältige Vogelleben in unserer Region nur mit einigen Schlaglichtern beleuchtet hat.</p>
<p>Unser herzlicher Dank geht an die Beobachter, Informanten und Bildautoren: P.H. Barthel, B. Bierwisch, S. Böhner, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, H. Dörrie, M. Drüner, T. Gausling, C. Grüneberg, V. Hesse, U. Heitkamp, U. Hinz, S. Hohnwald, L. Hülsmann, H.-A. Kerl, G. Kobabe, G. Köhler, F.-J. Lange, T. Meineke, S. Paul, D. Radde, Familie Reimer, W. Roth, R. Rotzoll, B. Schmidt, H. Schmidt, M. Schuck, M. Siebner, A. Stumpner und H.-J. Thorns. <em>hd, sp. </em>
</p>
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		<title>Das Birdrace 2010 im Göttinger Land</title>
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		<pubDate>Wed, 19 May 2010 13:07:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Weil der Internationale Kampftag der Arbeiterklasse dieses Jahr auf den ersten Samstag des Wonnemonats fiel, fand das Birdrace eine Woche später am 8. Mai statt - dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus 1945, der jedoch von den allermeisten VogelbeobachterInnen nur noch als interessantes Datum für gefiederte Seltenheiten wahrgenommen wird.
Bei passablen Witterungsbedingungen (windstill, weitgehend trocken und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Weil der Internationale Kampftag der Arbeiterklasse dieses Jahr auf den ersten Samstag des Wonnemonats fiel, fand das Birdrace eine Woche später am 8. Mai statt - dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus 1945, der jedoch von den allermeisten VogelbeobachterInnen nur noch als interessantes Datum für gefiederte Seltenheiten wahrgenommen wird.<br />
Bei passablen Witterungsbedingungen (windstill, weitgehend trocken und bis zu 15°C warm) traten in der Region gleich vier Teams gegen- und miteinander an. Wer mag, kann ihre nach Arten und Uhrzeit der Entdeckung gegliederte Gesamtausbeute auf der <a href="http://www.dda-web.de/index.php?cat=dda&#038;subcat=birdrace&#038;subsubcat=hintergrund">Homepage des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA)</a> umfassend in Augenschein nehmen.</p>
<p><a id="more-235"></a>Das in zahlreichen Niederlagen gestählte Traditionsteam der „Göttinger Sozialbrachvögel“ (seit 2005 dabei) hatte sich nach dem Wegzug von Frontfrau N. Vagt in die Landesgeschäftsstelle des NABU Schleswig-Holstein in Neumünster durch J. Pfützenreuter ergänzt. Entspanntes Abhängen in einem Café an der Holtenser Landstraße und auf dem Plateau der ehemaligen Bauschuttdeponie Gö.-Geismar führte letztlich zum verspäteten Eintreffen in den artenreichen Gebieten Seeanger und Seeburger See. Da waren Trauerseeschwalbe, Zwergmöwe und Silberreiher aber schon wieder weg und konnten auch nicht mehr durch die exklusiven Arten Fischadler und Zwergstrandläufer kompensiert werden. Mit 115 Arten erreichten die sympathisch verschlampten „Sozialbrachvögel“ dennoch ein persönliches Bestergebnis und konnten sich als achtbare Dritte mit Bronze schmücken. Mit Rebhuhn, Kornweihe, zwei Kiebitzregenpfeifern am Siekgraben, dem aktuellen Topgebiet bei Rosdorf, Zwergstrandläufer und Schwarzkehlchen konnten sie gleich fünf Neuzugänge auf ihrem langjährigen Birdrace-Konto verbuchen.</p>
<p align="center"><img id="image240" alt="SozialbrachvÃ¶gel 2010.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/05/Sozialbrachv%C3%B6gel%202010.jpg" /><br />
<em>Foto 1: Die „Göttinger Sozialbrachvögel“ vor der malerischen Kulisse des Seeburger Sees (C. Grüneberg, H. Dörrie, J. Pfützenreuter, M. Siebner).</em></p>
<p>Planmäßiger und konzentrierter - und nach einer eineinhalbstündigen Mittagspause mit reichlich Spaghetti Bolognese wieder hinreichend gestärkt - gingen die ehrgeizigen „Leine-Hänflinge“ ans Werk. Der treuherzige Name weckt Reminiszenzen an die Kastelruther Spatzen oder die Gonsbachlerchen mit der legendären Margit Sponheimer („gelle, isch disch aach“…) aus der Mainzer Fastnacht und wurde von den „Sozialbrachvögeln“ im Vorfeld mit entsprechender Häme überschüttet. Gleichwohl erwies er sich im nachhinein als geschickte Camouflage einer beträchtlichen Kampfkraft.<br />
Durch das vielversprechende Nachwuchstalent S. Böhner verstärkt, starteten die VeteranInnen früherer Verbände („Resteküche“ und „Ave Göttingen!“) frühmorgens im Reinhäuser Wald. Dort gelangten die Zielarten Waldschnepfe, Waldkauz und Sperlingskauz wie geplant auf die Liste. Waldschnepfe und Spauz sind sogar neue Birdrace-Arten für die Region. Göttinger Hainberg und Kerstlingeröder Feld wurden, auch dies sehr sinnvoll und durchdacht, zeitsparend mit dem Fahrrad bewältigt. Bei einem finalen Abendeinsatz am Seeanger konnte noch ein exklusiv für das Team singender Schlagschwirl ausgemacht werden. Mit einer Wachtel in der Feldmark Wollbrandshausen und einem Schwarzstorch in der Rhumeaue südlich von Bilshausen - die entgegen missgünstigen Verlautbarungen der Konkurrenz sehr wohl im Landkreis Göttingen liegt! - wurde die regionale Birdrace-Gesamtliste um weitere zwei Arten verlängert. Wie in anderen Regionen auch, bereitete die Weidenmeise 2010 beim Auffinden besondere Probleme und wurde nur von diesem Team registriert. Mit 120 Arten belegten die „Leine-Hänflinge“ den verdienten ersten Platz und den 41. in der bundesdeutschen Gesamtwertung. Das Spendenaufkommen von 210,20 €, zu dem immerhin 17 SponsorInnen beigetragen hatten, sicherte ihnen Rang 23 in der Spendenwertung, während die drei anderen Teams in pekuniärer Hinsicht völlig versagten.</p>
<p align="center"><img id="image238" alt="Leine-HÃ¤nflinge.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/05/Leine-H%C3%A4nflinge.jpg" /><br />
<em>Foto 2: Die „Leine-Hänflinge“ (M. Schuck, S. Böhner, L. Hülsmann, M. Drüner und S. Paul).</em></p>
<p>Noch bemerkenswerter als der erste Platz ist das bundesweit einzigartige Phänomen eines eigenen Clubs weiblicher Fans, auf den die Womanizer der „Leine-Hänflinge“ besonders stolz sein können - die rotbemützten „Seulinger Kampfwachteln“ aus dem schwarzen Eichsfeld. Bei ihrem Anblick wurde ein „Sozialbrachvogel“, und zwar der Schreiber dieser Zeilen mit einem absonderlichen Interesse für die Abgründe und Untiefen menschlichen Seins, nachgerade gelb vor Neid…</p>
<p align="center"><img id="image239" alt="Seulinger Kampfwachteln.JPG" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/05/Seulinger%20Kampfwachteln.JPG" /><br />
<em>Foto 3: Atemberaubend: Die „Seulinger Kampfwachteln“, propere Cheerleaders der „Leine-Hänflinge“, auf dem Steg des Seeburger Sees. Foto: S. Böhner.</em></p>
<p>Die beiden anderen Teams setzten sich im wesentlichen aus Mitgliedern und Senioren (verbandsintern „Alte Socken“ genannt) des Deutschen Jugendbunds für Naturbeobachtung (DJN) zusammen, dessen Bundeszentrale sich in Göttingen befindet.</p>
<p>Das Team „DJNten und TiHopfe“ (der zweite Teil des Namens ist reichlich kryptisch) bestand zu einem Gutteil aus auswärtigen Novizen. Sie wurden, unter großzügiger Auslegung der DJN-Statuten in bündischer Tradition („Jugend führt Jugend“), von V. Hesse betreut und befeuert, einem Göttinger Birdrace-Urgestein aus Teams wie den „Schnellen Brütern“ und den „Feuchtkehlchen“, die sich gegen die „Sozialbrachvögel“ zu Tode gesiegt hatten. Der Plan, als reine Fahrradmannschaft anzutreten, musste allerdings frühzeitig aufgegeben werden, nachdem ein Rad von Unbekannten am Stadtfriedhof in Brand gesetzt worden war. Normalerweise geschieht so etwas im noblen Göttinger Ostviertel mit Luxuskarossen und protzigen Geländewagen; insofern dokumentierte die verkohlte Fahrrad-Satteltasche einen für unsere Stadt beispiellosen Akt des Vandalismus, der aufs schärfste zu verurteilen ist. Die böse Tat wurde schnell und mehr oder minder gelassen verdaut. Gleichwohl war jetzt die Inanspruchnahme eines Autos unabwendbar geworden, wollte man nicht aufstecken. Umso erstaunlicher ist, dass „DJNten und TiHopfe“ zum Schluss 118 Arten für sich reklamieren und den zweiten Platz belegen konnten. Zwergtaucher, Wespenbussard, Dunkler Wasserläufer und Schilfrohrsänger wurden nur von diesem Team gesehen oder gehört, darüber hinaus alle in der Region vorkommenden sieben Spechtarten, Klein- und Mittelspecht eingeschlossen. Auch der Waldlaubsänger, eine Vogelart mit dramatischem Bestandsrückgang, konnte exklusiv in die Liste aufgenommen werden. Wollte sich die Göttinger Vogelwelt bei den jungen Gästen und ihrem hochmotivierten Fremdenführer für das ruchlose Gebaren eines ortsansässigen Hominiden entschuldigen und hat deshalb beim Zählergebnis etwas nachgeholfen? Man weiß es nicht…</p>
<p align="center"><img id="image236" alt="djnten.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/05/djnten.jpg" /><br />
<em>Foto 4: Das Team „DJNten und TiHopfe“ (B. Wiggering, M. Münnich, C. Stolz, V. Hesse, N. Röder) mit abgefackeltem Fahrrad.</em></p>
<p>Die ebenfalls aus DJNlern bestehende Formation der „Kosmos-Racer“ (P. Meinecke, F. Weiß, V. Rösch, ein Foto liegt leider nicht vor) konnte sich, von Rabauken unbehelligt, auf Fahrrädern bis zum Seeburger See bewegen und kam schließlich auf das bemerkenswerte Ergebnis von 94 Arten, das in seiner Wertigkeit dem der anderen Teams in nichts nachsteht.</p>
<p>Obwohl das Birdrace 2010 an einem raritätenträchtigen Datum stattfand, waren regionale Seltenheiten und jahreszeitlich ungewöhnliche Beobachtungen (wieder einmal) Mangelware. Allenfalls hervorzuheben sind Kiebitzregenpfeifer, Mittelmeermöwe (womöglich dieselbe „Michaela“ in ihrem dritten Frühling, die bereits im Vorjahr einen überschaubaren Kreis von Verehrern über Wochen am Seeburger See zu entzücken vermochte), ein leicht verspäteter Fischadler sowie zwei verbummelte Blässgänse, von denen die eine gehbehindert ist und die andere sich in den süßen Wahn verstiegen hat, mit einer Graugans verpaart zu sein…<br />
Sehr erfreulich war nach dem ungewöhnlich harten Winter ein Eisvogel im Göttinger Süden, der von den „Sozialbrachvögeln“ und den „Leine-Hänflingen“ gebührend gefeiert wurde.</p>
<p align="center"><img id="image237" alt="Eisvogel 2010.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/05/Eisvogel%202010.jpg" /><br />
<em>Foto 5: Eisvogel-Männchen am Göttinger Flüthewehr, 8.5.2010. Auch er sagt <a href="http://www.bi-goettinger-sueden.de">„Nein zur Südspange!“</a>, die seine Ansitzwarte unter sich zu begraben droht. Foto: M. Siebner.</em></p>
<p>Auf der Sollseite fiel das weitgehende Fehlen von Enten auf, obwohl der hohe Wasserstand im Seeanger für einige Arten derzeit optimal ist. Lediglich Stock-, Krick- und Reiherente gerieten ins Blickfeld. Recht überraschend war auch das Fehlen des Erlenzeisigs bei allen Teams, hatten sich doch bis vor kurzem noch Tausende dieser quirligen Finken in den Nadel- und Mischwäldern der Region durchgefressen. Egal: Bei den „Sozialbrachvögeln“ und den „Leine-Hänflingen“ war die Stimmung ausgesprochen gut und es steht zu hoffen, dass auch die beiden DJN-Teams ähnlich zufrieden in die Betten sinken konnten – nach 20- bzw. 18-stündigem Beobachten.</p>
<p>Wer weiß, welche Konstellationen sich im nächsten Jahr ergeben, wenn es wieder heißt: Schlagt die „Sozialbrachvögel“! <em>hd</em>
</p>
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		<title>Endlich: Sensationelle Fotos freigegeben!</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 04:41:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[2007 wurde der englische Spielfilm „Irina Palm“ (Regie: Sam Gabarski) auf der Berlinale uraufgeführt und erhielt 27 Minuten lange, stehende Ovationen. In der Titelrolle verkörpert die grandiose Marianne Faithfull, deren Leben von Abstürzen und Auferstehungen geprägt ist wie kaum ein zweites, anrührend und komisch zugleich eine mittellose Hausfrau, die ihrem todkranken Enkel eine kostspielige Behandlung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>2007 wurde der englische Spielfilm „Irina Palm“ (Regie: Sam Gabarski) auf der Berlinale uraufgeführt und erhielt 27 Minuten lange, stehende Ovationen. In der Titelrolle verkörpert die grandiose Marianne Faithfull, deren Leben von Abstürzen und Auferstehungen geprägt ist wie kaum ein zweites, anrührend und komisch zugleich eine mittellose Hausfrau, die ihrem todkranken Enkel eine kostspielige Behandlung in Australien finanziert. Sie tut dies, indem sie - unter dem Künstlerinnennamen „Irina Palm“ - sexuell überfrachteten Londoner Männern durch ein Loch in der Wand eines Sexclubs („Glory Hole“) im Handumdrehen Erleichterung verschafft. Nach kurzer Zeit wird sie, ihrer speziellen Begabung wegen, zur vielgefragten Hauptattraktion des Etablissements. Sie entwickelt eine Wertschätzung der eigenen Arbeit, die sie gegen die - mit lüsterner Neugier gepaarte - Entrüstung von Freundinnen und Familie zu verteidigen weiß. Der Besitzer des Sexclubs, ein melancholisch umflorter und recht sympathisch wirkender Einwanderer vom Balkan, verliebt sich in sie, und sie sich in ihn - und alles kommt, nach einigen Verwicklungen, zu einem guten Ende. Wer dieses Meisterwerk realistischer Filmkunst in bester britischer Tradition noch nicht gesehen hat – ob im Kino oder in den Spätprogrammen der ARD – ist selber schuld und sollte dies schleunigst nachholen!</p>
<p>Bis heute blieb der Öffentlichkeit verborgen, dass die ersten Probeaufnahmen für „Irina Palm“ nicht in England, sondern in der Bundesrepublik Deutschland verfertigt wurden, und zwar an den Northeimer Kiesteichen in Süd-Niedersachsen. <a id="more-234"></a> Wie das? Dies liegt bzw. lag an spezifischen Vorgaben der Filmförderung der Europäischen Union, die an dieser Stelle aus Platzgründen nicht näher erläutert werden können. Zudem sind sie mittlerweile außer Kraft gesetzt, nachdem ruchbar geworden war, dass ein hoch subventionierter Dokumentarfilm über entflogene Großtrappen (englischer Titel „Inglorious Bustards“) nicht, wie vertraglich vereinbart, im Schutzgebiet Belziger Landschaftswiesen, sondern in Potsdam-Babelsberg abgedreht wurde.<br />
Ein weiteres Argument für das strukturschwache Süd-Niedersachsen war das im Vergleich zu Großbritannien erheblich geringere Lohnniveau für Statisten. Als solche mussten sich zwei Neigungsvogelkundler verdingen, die damals (wie heute) knapp bei Kasse waren und daher, ähnlich wie „Irina Palm“, in ihrer Notlage zu allem bereit. Als Ausgleich für den Hungerlohn brachten sie einige Standfotos in ihren Besitz, zwecks Eigenverwertung auf einschlägigen Internetseiten, was sich jedoch wider Erwarten als Flop erwies.</p>
<p align="center"><img alt="Foto 1.jpg" id="image232" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Foto%201.jpg" /><br />
<em>Foto 1: Vor der „Glory Hole“-Kulisse: Einer der beiden Statisten in realistischer Aufstellung.</em></p>
<p align="center"><img alt="Foto 2.jpg" id="image233" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Foto%202.jpg" /><br />
<em>Foto 2 zeigt den älteren der beiden in Vertretung von „Irina Palm“ bei der Arbeitssimulation.</em></p>
<p>Diese Probeeinstellung wurde später, natürlich unter leicht geänderten Bedingungen, exakt im Film reproduziert. Zudem dokumentiert das Bild, wie man Lohnerwerb und brotlose Passion harmonisch in Einklang bringen kann: Der Kleindarsteller hat einen Erpel der Kolbenente fest im Blick und alles andere fest im Griff. Wer denkt da nicht sogleich an eine biedere Hausfrau, die den Anrufer einer kostenträchtigen Antillennummer (0190…) fernmündlich bedient, während sie nebenher an einem Pullover strickt oder sich die Fußnägel schneidet?</p>
<p>Nach Abschluss der Arbeiten konnten die beiden Statisten die Produktionsfirma überreden, das hölzerne Provisorium nicht abzubauen, sondern es - unter dem elektrisierenden Motto „Naturgucken macht Spaß!“ - erlebnishungrigen Mitmenschen zur Nachnutzung zu überlassen. Seitdem findet die Vorrichtung als „Spanische Wand“ (absurd!) oder „Schießschartenwand“ (schon treffender!) in den Einträgen diverser vogelkundlicher Internetseiten und Newsgroups lobende Erwähnung. Ende gut, alles gut - fast wie im Film.</p>
<p>P.S. … und natürlich steht zu hoffen, dass diese brisante Enthüllung einen vergleichbaren Widerhall findet wie die bahnbrechende Präsentation des Göttinger Trichters ORNIVOX, die vor genau drei Jahren, am 1.4.2007, auf dieser Seite in Szene gesetzt wurde (nachzulesen unter „Archiv“). Seitdem ist ORNIVOX, ein Produkt hochsensibler Spitzentechnologie, aus der seriösen, ausschließlich an harten Fakten orientierten Avifaunistik nicht mehr wegzudenken. Auch der Naturschutz hat von dieser Neuerung enorm profitiert, was für die „Schießschartenwand“ an den Northeimer Kiesteichen noch belegt werden muss…
</p>
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		<title>Der Winter 2009/2010 oder: Wenn Niedersachsens südlicher Zipfel zum Eiszapfen gefriert</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Mar 2010 08:48:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[Der Januar 2010 war der wärmste oder zweitwärmste seit Beginn meteorologischer Aufzeichnungen (WetterOnline-Forum vom 5.2.). Wie bitte? Durchgeknallt, oder was? Von wegen: Global betrachtet trifft diese für unsere Breiten grotesk anmutende Aussage durchaus zu. Das pazifische Wetterphänomen &#8220;El Niño&#8221; drückte sich in einer starken Erwärmung des Meerwassers aus, während sich gleichzeitig als Antipode ein zähes [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Januar 2010 war der wärmste oder zweitwärmste seit Beginn meteorologischer Aufzeichnungen (WetterOnline-Forum vom 5.2.). Wie bitte? Durchgeknallt, oder was? Von wegen: Global betrachtet trifft diese für unsere Breiten grotesk anmutende Aussage durchaus zu. Das pazifische Wetterphänomen &#8220;El Niño&#8221; drückte sich in einer starken Erwärmung des Meerwassers aus, während sich gleichzeitig als Antipode ein zähes Kältetief über dem Nordatlantik festsetzte. Auf der südlichen Halbkugel war es mithin viel zu warm, auf der nördlichen dagegen saukalt. Wenn man die extremen Temperaturunterschiede zum Jahresbeginn 2010 wie in einem Cocktailschwenker schüttelt (oder verrührt, das ist in diesem Fall egal!), kommt als Ergebnis ein Global-Durchschnittswert heraus, der über dem langjährigen Mittel liegt. Alles klar? Hauptsache ist, dass medienwirksam haften bleibt: wieder mal zu warm!</p>
<p align="center"><img style="width: 450px; height: 299px" id="image230" alt="2010_02_21_37363pse1.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/2010_02_21_37363pse1.jpg" /><br />
<em>Sumpfohreule am Seeanger: Foto. W. Kühn. </em></p>
<p><a id="more-231"></a>Global? Egal! In Deutschland und Süd-Niedersachsen hatten Mensch und Vogel unter dem härtesten und längsten Winter seit (mindestens) 25 Jahren zu leiden. Ab Mitte Dezember 2009 folgte eine Kältewelle der anderen, mit Nachtfrösten von bis zu - 18°C und ungewöhnlich heftigen Schneefällen. In der dritten Februardekade setzte kurzzeitig Tauwetter ein, das jedoch bald wieder von Schneefällen und Frosttagen abgelöst wurde. Erst Mitte März, beim Schreiben dieser Zeilen, büßte der Winter seine Vitalität ein.<br />
Im kollektiven Gedächtnis der regionalen Vogelbeobachter wird der Winter 2009/2010 sicher seine Spuren hinterlassen, weil er etliche interessante Arten und ungewöhnliche Vogelansammlungen ins süd-niedersächsische Bergland brachte. Ob dies die Vögel ebenso begeistert hat wie ihre Bewunderer, darf bezweifelt werden…</p>
<p>Die Zahlen von <strong>Höckerschwan</strong> und <strong>Singschwan</strong> lagen in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck über dem Durchschnitt der vergangenen Winter, aber nicht so sehr, wie dies angesichts der harschen Wetterverhältnisse zu erwarten war. Die erstgenannte Art trat mit maximal ca. 80 Ind. (darunter ein im Winter 2008 in Schlesien/Slansk beringter polnischer Vogel) in Erscheinung, die zweite mit maximal 26 Ind. am 27.2. und 24 Ind. (darunter nur vier Jungvögel) am 13.3. Regional ungewöhnlich waren drei in der Rhumeaue und am Seeanger überwinternde Altvögel sowie eine Gruppe von sechs ad. und drei vorj. Ind. in der Feldmark Reinshof südlich von Göttingen am 5.2., die aber später nicht mehr aufzufinden war.<br />
Eine <strong>Ringelgans</strong> legte am 20.2. nahe der Geschiebesperre Hollenstedt offenbar nur einen kurzen Zwischenstop ein. Am 2.3. ließ sich Göttingens erste <strong>Kanadagans</strong> auf dem Kiessee nieder, wenig später wurden am gleichen Tag an der bereits knapp im Landkreis liegenden Siekhöhenallee drei weitere Ind. entdeckt, denen sich ab dem 11.3. eine <strong>Weißwangengans</strong> anschloss. Diese verpaarte sich kurz darauf am Kiessee mit einer Graugans.<br />
Ab Januar erfolgte ein spektakulärer Einflug länger verweilender <strong>Tundrasaatgänse</strong> mit bis zu 2500 Ind., die wegen der hohen Schneelage in Nordostdeutschland gezwungen waren nach Westen auszuweichen. Die Vögel verhielten sich auffallend unruhig und scheu und zeigten damit an, dass sie aus Gegenden geflohen waren, in denen sie alljährlich dem anachronistischen Freizeitspaß einer materiell gut gestellten, aber in nahezu jeder anderen Hinsicht minderbemittelten Minderheit zum Opfer fallen. Malta ist überall! Zum ihrem Glück hielt sich das blutige Treiben im Raum Northeim in diesem Jahr in Grenzen.<br />
Unter den großen Saatgansscharen wurde nur eine <strong>Waldsaatgans</strong> am 16.2. an der Geschiebesperre Hollenstedt sicher identifiziert. Waldsaatgänse sind graugansgroß mit einem langen gelben Schnabel und erinnern im &#8220;jizz&#8221; fast schon an eine Schwanengans. Wegen Unkenntnis der Variationsbreite bei Körpergröße und Schnabelfärbung von Tundrasaatgänsen kommt es aber immer wieder zu Fehlbestimmungen. Ende Februar bedeckten, beispiellos für Niedersachsen, 4800 Ind. dieses im Bestand hochgradig gefährdeten Taxons die Aller- und Leineniederung um Rethem (vgl. aller-voegel.de).<br />
Die nicht ganz so winterharte und zudem Grünland bevorzugende <strong>Blässgans</strong> war mit ca. 400-600 Ind. in unserer Region spärlicher vertreten. Die Hauptmasse der Vögel war nach Südwesteuropa ausgewichen, wo sie bereits sehnsüchtig von einer riesigen Armada schussbereiter Gourmets erwartet wurden. Bis zu 1500 Graugänse erhöhten die Gesamtzahl der Wintergäste aus der Anser-Familie auf ca. 4500 Vögel, die der winterlichen Szenerie in der Leineniederung mit ihren lautstarken Formationen einen ganz besonderen Stempel aufprägten - fast wie am Niederrhein oder in Holland!<br />
Eine <strong>Samtente</strong> stattete der Geschiebesperre Hollenstedt am 6.1. einen kurzen Besuch ab. Wie in den letzten Jahren waren <strong>Gänsesäger</strong> dabei, am Göttinger Kiessee eine kopfstarke Winterpopulation aufzubauen; sie kamen bis Mitte Dezember auf maximal 22 Ind., bis ihnen der erste Kälteeinbruch einen Strich durch die Rechnung machte. Im Hochwinter bevölkerten ca. 15 Ind. die Göttinger Leine. Ungewöhnlicherweise traten sie als Einzelvögel oder paarweise auch auf dem Leinekanal in der Innenstadt und sogar am winzigen, nur knapp einen Hektar großen Quellgebiet der Weende im gleichnamigen Ortsteil in Erscheinung. Der Hunger war sehr groß… Während der Tauperiode fanden sich die mobilen Vögel am 27.2. wieder am Kiessee mit beeindruckenden 62 Ind. ein. Ein weiblicher <strong>Mittelsäger</strong> blieb am 19.12. am Surfsee der Northeimer Kiesteiche nicht unentdeckt.</p>
<p>Der Bestand des <strong>Rebhuhns</strong> hat im Landkreis Göttingen winterbedingte Einbußen erlitten. Im 90 km² großen Untersuchungsgebiet östlich der Leine, das seit 2006 auf 104 Transekten unter Einsatz von Klangattrappen kartiert wird, fiel der Bestand mit 213 revieranzeigenden Männchen gegenüber dem vorigen Frühjahr (274 Männchen) um ca. 20 Prozent niedriger aus. Der prozentuale Rückgang ist jedoch nicht identisch mit der Rate der Wintermortalität, die vermutlich erheblich höher lag als 20 Prozent. Weil der Bruterfolg im Vorjahr bzw. die Gesamtzahl der Individuen zum Herbst 2009 unbekannt war, kann sie nicht genauer beziffert werden. Niedrige Temperaturen, ungewöhnliche Höhe und Verharschen des Schnees haben den Vögeln sicher zu schaffen gemacht, entscheidend war jedoch, dass sie zum Schutz und zum Schlafen verstärkt Hecken und andere Randlinienstrukturen aufsuchen mussten, wo sie zur leichten Beute von Prädatoren wurden. Von 30 im Vorjahr besenderten Ind. (vgl. im Internet unter Rebhuhnschutzprojekt.de) konnten nur zwei lebend relokalisiert werden. 16 unverdauliche Sender, z.T. noch mit anhaftenden Federn, wurden gefunden, bei den übrigen Vögeln ist unklar, ob sie tot, wegen Senderausfall verschollen oder abgewandert sind. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Rebhuhn den Winter besser überstanden hat als befürchtet. Welche Rolle dabei die weitgehende Einstellung der Bejagung und die ca. 500 Hektar Blühstreifen, die zum Schutz der Art im Landkreis Göttingen angelegt wurden, im einzelnen gespielt haben, muss vorerst offen bleiben.</p>
<p>Im Dezember stieg die Zahl der <strong>Kormorane</strong> am Göttinger Kiessee auf ungefähr 60 Vögel. Nach dessen Zufrieren wichen sie auf die Leine aus, wo das Nahrungsangebot allerdings bald knapp wurde bzw. schwerer zu erreichen war. Der Göttinger Mittwinterbestand lag bei ca. 20 Ind. Auch der &#8220;Vogel des Jahres 2010&#8243; trat mit Einzelvögeln oder in kleinen Gruppen von bis zu fünf Ind. auf dem Leinekanal und am Weendespring in Erscheinung. Ziemlich aus dem Rahmen fallend waren bis zu 95 Ind., die im Februar über mehrere Tage in der Pappelanpflanzung am Seeanger saßen. Sie gingen aber nicht nur an der zum &#8220;Pfuhl&#8221; angestauten Aue, sondern auch an der Rhume auf Jagd. Weil sie dort &#8220;letal vergrämt&#8221; (= geschossen) werden, kamen ihnen die Pappeln im ca. sieben bis acht Kilometer entfernten Seeanger als Ruhezone und Schlafplatz gerade recht.</p>
<p>Ende Februar hielt sich an der Geschiebesperre Hollenstedt für mehrere Tage eine überwinternde <strong>Rohrdommel</strong> auf. Ob sie identisch mit dem am 15.2. am Seeanger beobachteten Ind. war, muss offenbleiben. Der regionale Hochwinterbestand des <strong>Silberreihers</strong> war, wen wundert&#8217;s, kleiner als mittlerweile üblich und dürfte nicht mehr als ca. 15 Ind. betragen haben. Zudem suchten die Vögel vermehrt kleine Flüsse und Bäche wie z.B. die Schwülme bei Lödingsen auf, wo sie den auf wenige Top-Gebiete konzentrierten Feldornithologen entgingen. Insofern ist die oben angeführte Zahl mit Vorsicht aufzunehmen. Vom Seeanger liegt ein Totfund (Rupfung) vor.<br />
Das standortfeste Salzderheldener Brutpaar des <strong>Weißstorchs</strong> wurde im Hochwinter nicht mehr gesehen, tauchte aber Ende Februar wieder auf und brütet bereits wieder. Das Seeanger-Paar war wenig später am 1.3. zurück. Wer weiß, wo diese Vögel, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Nachfahren &#8220;ausgewilderter&#8221; Projektstörche sind, sich haben durchfüttern lassen: War es im Mannheimer Industriehafen oder gar am Ufer des Bodensees, der Heimat eines ihrer größten Fans? Wie auch immer: Mit einer Aktion &#8220;Return to Sender&#8221; käme man auch nicht weiter, dafür sind es bundesweit schon zu viele.</p>
<p>Es wurden nur sehr wenige <strong>Kornweihen</strong> gemeldet. Aus der sogenannten &#8220;Normallandschaft&#8221; (öde Feldfluren) liegt überhaupt kein Nachweis vor. Am Seeanger und im Leinepolder Salzderhelden hielten sich insgesamt nur ca. drei bis fünf Ind. auf, und auch das in der Regel nur kurz. Dies erscheint seltsam, weil der harte Winter sie &#8220;eigentlich&#8221; in Massen aus ihren Überwinterungsgebieten in Nordostdeutschland (auch) in unsere Region hätte drücken müssen.<br />
Das Beispiel dieser Greifvogelart zeigt, dass Wintereinflüge offenkundig ihren eigenen Gesetzen folgen, die bislang wenig erforscht sind. Zudem können sie bei jeder der betroffenen Vogelarten, ja sogar bei einzelnen Teilpopulationen dieser Arten, unterschiedliche Ursachen haben. Für plakative Pauschalaussagen und vollmundige Prognosen ist da wenig Raum. Diese luzide Erkenntnis wird auch dadurch bekräftigt, dass ein bemerkenswerter Aspekt des extrem schneereichen Winters 1978/1979 keine Wiederholung erfuhr: Damals flogen zahlreiche Merline ein, die in ländlichen Ortsrandlagen überwinternde Ohrenlerchen und Berghänflinge erbeuteten. Alle drei, Jäger und Gejagte, blieben aus, wobei das Fehlen der beiden Sperlingsvögel, die in den vergangenen 20 Jahren entweder gar nicht mehr (Ohrenlerche) oder nur noch als Ausnahmeerscheinung (Berghänfling) beobachtet werden konnten, wenig überraschte.<br />
Mitte Januar hielt sich ein nahezu adulter <strong>Seeadler</strong> für einige Tage an der Geschiebesperre Hollenstedt und im Leinepolder Salzderhelden auf. Längere Verweildauer und Alter des Vogels waren für die Region ungewöhnlich.<br />
Anders als die Kornweihe trat der <strong>Rauhfußbussard</strong> ab Anfang Februar in Zahlen auf, die für unsere Region beispiellos sind. Im Leinepolder Salzderhelden konnten gleichzeitig bis zu sechs bestaunt werden, am Seeanger bis zu drei. In der Feldmark Geismar-Süd und am Diemardener Berg lieferten zwei Ind. den Erstnachweis für das Göttinger Stadtgebiet. Interessanterweise waren es nicht immer dieselben Vögel, die ins Blickfeld gerieten. Geschlechterverhältnis und individuelle Färbung ließen den Schluss zu, dass sie oftmals nur kurzzeitig präsent waren, abzogen und durch Nachrücker ersetzt wurden. Deshalb könnte ihre Gesamtzahl, vorsichtig geschätzt, durchaus bei 20 Ind. (!) gelegen haben. Sicher ist hingegen, dass der Anteil vorj. Ind. mit ganzen zwei äußerst gering war, was zwar mit dem Einflug nichts zu tun hat, aber auf einen schlechten Bruterfolg der (unbekannten, nicht zwangsläufig in Fennoskandien siedelnden) Herkunftspopulationen deutet. Eine Dokumentation des Einflugs, der von einigen Regionalavifaunisten dankenswerterweise zum Anlass genommen wurde, sich mit diesem traditionell eher seltenen Wintergast genauer zu befassen, ist in Vorbereitung.</p>
<p align="center"><img id="image229" alt="Rauhfussbussard ad. W Seeanger 15 Feb 2010.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Rauhfussbussard%20ad.%20W%20Seeanger%2015%20Feb%202010.jpg" /><br />
<img id="image228" alt="Raufu_20100205_003.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Raufu_20100205_003.jpg" /><br />
<em>Am aktuellen Einflug von Raufußbussarden waren vor allem Altvögel beteiligt. Oben adultes Weibchen (Foto: V. Hesse), unten adultes Männchen (Foto: M. Siebner), beide Vögel bei Seeburg.</em></p>
<p>Die erste Heimzugwelle des <strong>Kranichs</strong> konnte über Göttingen vom 20. bis 24. Februar mit ca. 3000 Ind. registriert werden, d.h. in einer ganz normalen Zeitspanne, die nicht wesentlich von den vergangenen Jahren abwich. Alles andere als normal war hingegen, dass große Teile Nordostdeutschlands noch von einer hohen Schneedecke bedeckt waren. Wer nun prophezeit hatte, dass die tollkühn anmutende Heimkehr in einem spektakulären Umkehrzug enden würde, sah sich getäuscht: Irgendwie kamen die hartgesottenen Vögel zurecht und blieben vor Ort. In der zweiten Märzdekade zog eine zweite, weitaus machtvollere Kranichwelle übers Land. In der Nacht zum 16.3. gerieten die Vögel in eine Regenfront, die sie zum Landen zwang. Im Seeanger rasteten sie für eine Nacht in vierstelliger Zahl.<br />
Für eine weitere Attraktion sorgten <strong>Großtrappen</strong> auf Winterflucht. Am 31.1. flog einer dieser Riesenvögel über den Polder II nach Südwesten. Er konnte aber von den herbeigeeilten Beobachtern in der weiteren Umgebung nicht dingfest gemacht werden. Ab dem 15.2. hielten sich drei Weibchen auf einem Rapsfeld in Hanglage (!) oberhalb der Rhumeaue zwischen Gieboldehausen und Rüdershausen auf, wo sie von Jägern entdeckt wurden. Am 25.2., als es kurzfristig milder wurde, zogen sie wieder ab. Alle drei waren beringt, eine trug zusätzlich einen Sender um den Hals. Sie entstammten den Jahrgängen 2003 und 2009 des Brandenburger Trappenschutzprojekts. Ihre individuelle Lebensgeschichte ist für Menschen, die Vögel als Symbole der Freiheit schätzen, eher ernüchternd (im Brutkasten geschlüpft, nahe dem monströsen Freizeithangar &#8220;Tropical Island&#8221; eingefangen und in die Belziger Landschaftswiesen zurücktransportiert etc.). Aber: beeindruckend war ihr Anblick schon! Den Schlusspunkt des Einflugs setzte ein (vermutliches) Männchen, das am 19.3. über den Steinberg am Seeburger See zielstrebig nach Nordosten zog.</p>
<p align="center"><img style="width: 451px; height: 316px" id="image226" alt="Grosstrappen1.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Grosstrappen1.jpg" /><br />
<em>Großtrappen zwischen Gieboldehausen und Rüdershausen Foto: G. Schönekeß.</em></p>
<p>Die mehrtägige Erwärmung mit Tauwetter in der dritten Februardekade ließ sogleich die üblichen frühen Heimkehrer auf den Plan treten, unter ihnen 7170 <strong>Kiebitze</strong>, die am 27.2. die Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck bevölkerten. Unter ihnen befanden sich, in Trupps von bis zu 30 Ind. auch die ersten <strong>Goldregenpfeifer</strong>.<br />
<strong>Zwergschnepfen</strong> konnten sich am 13.12. an der Rosdorfer Südostumfahrung, am 7.3. an der Geschiebesperre Hollenstedt und am 13.3. in der Sandgrube Meensen den Blicken der Beobachter nicht entziehen.<br />
An der Geschiebesperre gelang ein bis zwei <strong>Waldwasserläufern</strong> die erfolgreiche Überwinterung - trotz härtester Bedingungen, die sich u.a. im Zufrieren aller Flachwasser- und ufernahen Bereiche manifestierten.<br />
Wie bei den Großtrappen hatte auch die Beobachtung einer vorjährigen <strong>Dreizehenmöwe</strong> am 1.3. im Leinepolder Salzderhelden einen unfrohen Beigeschmack. Der Hochseevogel wurde nämlich vom Orkantief &#8220;Xynthia&#8221; ins tiefe Binnenland geblasen, das er hoffentlich bald wieder in Richtung Küste verlassen konnte. Vorjährig war auch eine <strong>Mittelmeermöwe</strong>, die ab Ende Februar bis Mitte März den Leinepolder mit ihrer Anwesenheit schmückte. Dagegen ließ sich ein Altvogel der nah verwandten <strong>Steppenmöwe</strong> nur für einen Tag, am 3.1., an den Northeimer Kiesteichen blicken.</p>
<p>Winterliche, ab Ende Dezember über Wochen besetzte Schlaf- und Sammelplätze der <strong>Waldohreule</strong> wurden vom Senderviertel in Göttingen-Nikolausberg und vom Ortsrand Tiftlingerode mit jeweils bis zu zwölf Ind. bekannt. Interessanterweise liegt von dieser empfindlichen Art nur ein einziger Totfund vor, und zwar vom Göttinger Kiessee.<br />
Neben nordischen Gänsen, Rauhfußbussarden und Großtrappen sorgten <strong>Sumpfohreulen</strong> dafür, dass der Winter 2009/2010 bei vielen einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hat. Nach einem Einzelvogel am 3.1. im Leinepolder traten ab Ende Januar bis Ende Februar am Ortsrand von Seeburg bis zu fünf (!) von ihnen in Erscheinung, die einen für die Region beispiellosen Einflug anzeigten. Die Vögel gingen mit Vorliebe am Steinberg auf die Jagd nach Mäusen und vielleicht auch Kleinvögeln, mitunter auch in Seeburg selbst, wo sie sich ab und an auf den Einfriedungen der Hausgärten und auf Gebäuden niederließen. Offenkundig kamen sie gut über die Runden, denn es konnten auch angedeutete Balzflüge beobachtet werden. Mitte Februar hielt sich ein Ind. für einige Tage in der Feldmark Geismar-Süd und am Diemardener Berg auf. Die wirkliche Zahl der regionalen Überwinterer wird man wohl nie erfahren…</p>
<p>Der regionale Bestand des <strong>Eisvogels</strong> wurde bereits im letzten Winter dezimiert. Von den Zuwanderern, die sich ab Juli 2009 blicken ließen, sind vermutlich die meisten den späteren Kältewellen, die praktisch alle Stillgewässer zufrieren ließen, zum Opfer gefallen. Im Kiessee-Leinegebiet fehlte die Art bereits nach dem 10. Januar. Auch an der Geschiebesperre Hollenstedt und an den Northeimer Kiesteichen gelangen ab Mitte Januar keine Beobachtungen mehr. Aber: Am bereits erwähnten Weendespring in Göttingen konnte ein glücklicher Einzelvogel bis in den März überdauern! In Mingerode sorgte ein Eisvogelfreund, der einen kleinen Teich offenhielt und mit Fischen bestückte, dafür, dass ein Paar überlebte. Jetzt heißt es für sie: Bruthöhle bauen und  drei- bis viermal hintereinander (oder verschachtelt) brüten. Fische gibt es in unseren nährstoffreichen Gewässern mehr als genug!</p>
<p>Der Ausnahmewinter hielt ein weiteres Phänomen parat, das für das klimatisch eher benachteiligte süd-niedersächsische Bergland erstaunlich ist: Offenkundig hat der <strong>Grünspecht</strong>, der als spezialisierter Ameisenjäger von kalten und vor allem schneereichen Wintern wie diesem normalerweise besonders hart getroffen wird, keine übermäßig großen Verluste erlitten. Eine Umfrage bei den Nutzern der regionalen Newsgroup avigoe.de ergab, dass in allen bekannten Revieren in Göttingen und Umgebung sein irres Lachen nach wie vor zu hören ist. Eine mögliche Erklärung dafür ist so banal wie naheliegend: Regionaler Brutbestand und Verbreitungsareal dieses (zumindest akustisch) auffälligen Spechts haben in der Vergangenheit deutlich zugenommen, deshalb könnte ein Schwund von, sagen wir mal, 50 Prozent sich weniger bemerkbar machen als bei einer kleinen, auf wenige Lokalitäten beschränkten Population. Es könnte aber auch sein, dass der Grünspecht sich neue, auch im Winter gut erreichbare Nahrungsquellen erschlossen hat. An Futterstellen taucht er aber, im Unterschied zu Bunt-, Grau- und manchmal Mittelspecht, nur sehr selten auf, auch in diesem extremen Winter. Woran also liegt es? Die Beantwortung dieser Frage ist ein spannendes Thema, das Aufmerksamkeit verdient.</p>
<p align="center"><img id="image227" alt="GrÃ¼nspecht 3.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Gr%C3%BCnspecht%203.jpg" /><br />
<em>Freiflächen mit Ameisen sind sein Lebenselixier: Grünspecht. Foto: W. Kühn.</em></p>
<p>Immerhin vier <strong>Raubwürger</strong> haben in der Region überwintert, je einer an den Golfplätzen bei Brochthausen und Levershausen sowie zwei im Leinepolder Salzderhelden.<br />
Bemerkenswert, weil nicht alljährlich und zudem nur (noch) als Einzelvogel auftretend, ist eine <strong>Nebelkrähe</strong>, die sich Mitte Februar für einige Tage in der Feldmark Geismar-Süd aufhielt.<br />
Am 24.2., also in der bereits öfter erwähnten kurzen Tauwetterphase, fand in der Feldmark zwischen Wollbrandshausen und Gieboldehausen ein Massenzug von <strong>Feldlerchen</strong> statt, dessen Dimensionen selbst in Jahrzehnten gereifte Beobachter beeindruckten: Die Lerchen bedeckten mit 12.000 bis 13.000 (!) Ind. die angetauten Äcker oder flogen über ihnen umher. Dies war umso bemerkenswerter, da praktisch auch ganz Westeuropa unter einer Schneedecke lag. Die Vögel müssen also in sehr kurzer Zeit den weiten Weg von schneearmen oder -freien Gebieten in Südwestfrankreich oder Nordspanien zurückgelegt haben. In der Feldmark beim Gut Wickershausen gelang fünf von ihnen die Überwinterung.</p>
<p>So kalt und lang der Winter war, so arm war er auch an <strong>Seidenschwänzen</strong>, die bis dato in ihrer Hochburg Göttingen in außergewöhnlich niedriger Zahl in Erscheinung getreten sind. Zudem pendelten sie, wie ihr Entdecker launig enthüllte, ziellos zwischen Rotlichtmilieu und Strafvollzug: Am 10.2. wurden 45 Ind. nahe dem Bordell in der Güterbahnhofstraße und am 11.2. 40 Ind. an der ehemaligen JVA am Waageplatz gesichtet. Vermutlich war es an beiden Tagen derselbe Trupp. Offenkundig stand den Vögeln in oder nahe ihren Brutgebieten ein gutes Beerenangebot zur Verfügung, das ihnen das Ausweichen in südliche Gefilde ersparte - Minustemperaturen stecken die harten Vögel ohnehin locker weg.<br />
Die Winterverluste der ganzjährig insektenfressenden und daher empfindlichen <strong>Schwanzmeise</strong> sind schwer zu quantifizieren. Bis Mitte Januar hielten sie sich im Kiessee-Leinegebiet recht wacker, mit Trupps von bis zu 15 Ind., die, obschon teils weißköpfig, alle der mitteleuropäischen Unterart angehörten. Weil die frühbrütenden Federbällchen bereits ab Mitte Februar überwiegend paarweise auftreten und sich heimlicher verhalten, muss offen bleiben, wie viele von ihnen den Winter nicht überlebt haben.<br />
Der erste <strong>Zilpzalp</strong> des Jahres wurde (erst) am 16.3. am Göttinger Kiessee gesehen und damit ca. 10 Tage später als im Mittel der vergangenen Jahre.<br />
Besonders hart hat der Winter den <strong>Zaunkönig</strong> getroffen. Im Kiessee-Leinegebiet und am Wendebachstau bei Reinhausen überlebten beispielsweise nur jeweils ein bis zwei Ind.<br />
Die erste <strong>Singdrossel</strong> geriet am 19.2. am Göttinger Kiessee ins Blickfeld, nicht wesentlich später als sonst. Die Winterverluste des <strong>Rotkehlchens</strong> fielen augenscheinlich recht hoch aus. Allerdings setzten ab Mitte März verstärkte Heimzugaktivitäten ein, die einen aussagekräftigen Blick auf die Überlebensrate der ausharrenden Überwinterer erschwerten.<br />
Überwinternde <strong>Bergpieper</strong> waren nur in sehr geringer Zahl zu verzeichnen. An der Geschiebesperre Hollenstedt hielten sich durchweg nur ein bis drei, ausnahmsweise fünf Ind. auf.<br />
Im letztgenannten Gebiet glänzte die <strong>Gebirgsstelze</strong> im Hochwinter durch komplette Abwesenheit. In Göttingen harrte ein Vogel an der Leine bis zum Frühling aus. Nachgetragen sei an dieser Stelle eine späte <strong>Schafstelze</strong> vom 10.11. am Göttinger Kiessee. Sie machte sich rechtzeitig davon und entging damit nicht nur dem Dauerfrost, sondern auch einer Fehlbestimmung als Gebirgsstelze - obwohl es bei den beiden Arten in der Regel andersrum passiert: Davon zeugen die vielen &#8220;Winterschafstelzen&#8221; in diversen Internetforen, die in Wirklichkeit die ersten Gebirgsstelzen sind, deren die Melder ansichtig werden.<br />
Noch ungewöhnlicher als ein bis zwei trotzige <strong>Bachstelzen</strong>, die an der Geschiebesperre Hollenstedt überwinterten, waren männliche <strong>Trauerbachstelzen</strong>, die am 28.2. im Polder I (zwei Ind.) und am 1.3. an der Geschiebesperre (ein Ind.) bestimmt und fotografisch belegt werden konnten.</p>
<p align="center"><img style="width: 451px; height: 300px" id="image225" alt="Bachstelze_20100228_004.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Bachstelze_20100228_004.jpg" /></p>
<p align="center"><img style="width: 300px; height: 451px" id="image224" alt="Bachstelze_20100228_003.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/03/Bachstelze_20100228_003.jpg" /></p>
<p align="center"><em>Trauerbachstelzen bei Salzderhelden. Fotos: M. Siebner.</em></p>
<p><strong>Kernbeißer</strong> traten, nach einem starken Einflug im Vorwinter, erst ab Februar wieder in höheren Zahlen in Erscheinung, beispielsweise mit ca. 35 Ind. am 7.2. am Göttinger Kiessee. Im Göttinger Stadtwald und im Ostviertel waren sie ungewöhnlich häufig, aber wegen ihres unkooperativen Verhaltens kaum zu quantifizieren. Ein paar Hundert dürften es aber gewesen sein. Dies trifft noch stärker auf den <strong>Fichtenkreuzschnabel</strong> zu, der bei den wenigen Waldexkursionen in den bereits aus dem Herbst bekannten Dimensionen festgestellt wurde. Während der <strong>Birkenzeisig</strong> sich ausgesprochen spärlich bemerkbar machte (manch einer hat es wohl anders erwartet, aber… siehe Seidenschwanz), waren die Nadel- und Mischwälder voll von <strong>Erlenzeisigen</strong>, deren Zahl in die Tausende ging. Aber auch dieses massenhafte Auftreten hatte wohl weniger mit den eisigen Temperaturen zu tun als mit dem Nahrungsangebot bzw. dessen Verfügbarkeit.<br />
Angesichts des äußerst negativen Bestandstrends des <strong>Bluthänflings</strong> wäre ein Schwarm von ca. 200 Ind. in unserer Region auch im Spätsommer bemerkenswert gewesen. Mitte Februar war ein solcher an einem Blühstreifen in der Feldmark bei Edesheim recht ungewöhnlich, aber dennoch nicht untypisch für einen Kältewinter, der auch die letzten ausharrenden Vögel aus dem Nordosten nach Süden getrieben haben dürfte.<br />
Typisch für schneereiche Kältewinter sind auch größere Ansammlungen von <strong>Goldammern</strong> und deren vermehrtes Auftreten an Futterstellen im urbanen Siedlungsbereich. Eine Ruderalflur auf dem Uni-Nordgelände wurde bis Ende Januar von bis zu 400 Ind. (unter ihnen eine einsame <strong>Rohrammer</strong>) genutzt. Futterstellen im nördlichen Ostviertel und an der Theodor-Heuss-Straße zogen bis zu 25 Ind. an.</p>
<p>Damit schließt dieser recht ausführlich (aber hoffentlich nicht langatmig) geratene Bericht über einen sehr ereignisreichen Winter, verbunden mit einem herzlichen Dank an die DatenmelderInnen und InformantInnen:</p>
<p>U. Bade, P.H. Barthel, B. Bierwisch, S.Böhner, G. Brunken, M. Corsmann, H. Dörrie, M. Drüner, M. Göpfert, E. Gottschalk, C. Grüneberg, J. Herting, V. Hesse, U. Hinz, H.-A. Kerl, W. Kühn, F.-J. Lange, T. Meineke, S. Paul, D. Radde, Frau Reineke, M. Schuck, M. Siebner, A. Stumpner, V. Lipka, H.-J. Thorns, D. Trzeciok &#038; H. Weitemeier. <em>hd, sp</em>
</p>
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		<title>„Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt“</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Feb 2010 19:17:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[
Unter diesem sympathisch verschnarchten Titel ist, nach einer elefantösen Tragzeit von 22 Monaten, ein kleines Buch ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Sein Inhalt ist jedoch nur bedingt für die Kaffeetafel geeignet. Vielmehr wird hier der Versuch unternommen, dem interessierten Normalbürger Einblicke in ökologische Prozesse und in die Auswirkungen menschlicher Umgestaltungen zu verschaffen, deren Bedeutung für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div style="text-align: center"><img alt="cover_stadtvogelfuehrer.jpg" id="image220" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/02/cover_stadtvogelfuehrer.jpg" /></div>
<p>Unter diesem sympathisch verschnarchten Titel ist, nach einer elefantösen Tragzeit von 22 Monaten, ein kleines Buch ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Sein Inhalt ist jedoch nur bedingt für die Kaffeetafel geeignet. Vielmehr wird hier der Versuch unternommen, dem interessierten Normalbürger Einblicke in ökologische Prozesse und in die Auswirkungen menschlicher Umgestaltungen zu verschaffen, deren Bedeutung für Vogelpopulationen gar nicht hoch genug angesetzt werden kann. Möglicherweise könnte sogar der eine oder andere Vogelkundler von der Lektüre profitieren…<a id="more-222"></a> Das mit über 150 Fotos, Tabellen und Karten reich bebilderte Werk konzentriert sich in seinem Hauptteil auf die Brutvögel des 116 km² großen Göttinger Stadtgebiets und deren arttypische Lebensräume. Auf der Basis von Kartierungen und anderen Datenerhebungen werden konkrete Angaben zum Bestand und zur langjährigen Populationsdynamik von Vogelarten geliefert. Weil das Untersuchungsgebiet zu etwa je einem Drittel aus dem Siedlungsbereich, Wäldern und Agrarflächen besteht, fällt das Spektrum mit 101 behandelten Arten entsprechend vielfältig aus und beschränkt sich nicht auf Stadtvögel im engeren Sinn.</p>
<p align="center"><img id="image221" alt="20090303_IMG_40531.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/02/20090303_IMG_40531.jpg" /><br />
<em>Als Brutvogel im Göttinger Stadtgebiet gar nicht so selten: Die Wasseramsel brütet hier mit sechs bis sieben Paaren. Foto: M. Siebner.</em></p>
<p>Der - trotz der vieldiskutierten Klimaerwärmung (!) - anhaltende Rückgang sogenannter Lichtwaldarten, besonders der Bodenbrüter unter ihnen, wird in einen erhellenden Bezug zu Eutrophierungsprozessen, aber auch zur veränderten Waldbewirtschaftung hin zum Dunkelwald gestellt. Die Bilanz der Agrarbrutvögel fällt, wie in ganz Mitteleuropa, auch in Göttingen düster aus. Anpassungsfähige Waldvogelarten befinden sich dagegen im Aufwind, sowohl in ihrem Primärhabitat als auch im Siedlungsbereich, der in Teilen waldähnlicher geworden ist. Auf der Gewinnerseite bewegen sich, cum grano salis, auch einige Charakterarten der Fließ- und Stillgewässer.<br />
Neben der Bestandsentwicklung heimischer Brutvögel wird auch die Geschichte der lokalen Avifaunistik, das Verhältnis von Mensch und Vogel in der Stadt, der Dauerbrenner „Vögel füttern - warum eigentlich nicht?“ und der Umgang mit vermeintlich hilflosen (Jung-)Vögeln behandelt. Natur- und Landschaftsschutz in Göttingen und Vogelschutz im Siedlungsbereich sind weitere Themenfelder. Die von missgünstigen Zeitgenossen als „schädlich“ stigmatisierten Straßentauben, Elstern, Rabenkrähen und Kormorane werden, wie es sich gehört, gegen hartnäckige Anfeindungen in Schutz genommen.<br />
Damit die Leserschaft die Vögel, um die es geht, auch zu Gesicht bekommen kann, werden attraktive Beobachtungsgebiete vorgestellt, die sich bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen lassen. In diesem Kapitel kommen auch die Gastvögel zu ihrem Recht.<br />
Kurzum: Das Buch ist weder eine gleichermaßen dickleibige wie staubtrockene Avifauna, in der verstädterte Vogelarten traditionell zu kurz kommen, noch ein ausschließlich praxisorientierter Ratgeber für vogelfreundliche Gartenbesitzer, von denen es schon mehr als genug gibt. Ob der Versuch gelungen ist, ein facettenreiches Bild der Göttinger Vogelwelt in kompakter und lesbarer Form zu zeichnen, mag die Leserschaft entscheiden. Aus Sicht des Verfassers kommt natürlich keiner, der sich mit den gefiederten Nachbarn in der südniedersächsischen Metropole vertraut machen möchte, an dem Buch vorbei…</p>
<p>P.S. … und natürlich ist auch diese Neuerscheinung bereits veraltet: Die Brutkolonie des Haussperlings an der Walkemühle, die das Vorsatzblatt ziert, ist im Herbst 2009 der Umwandlung des Gebäudes in eine Wellness-Oase (für Menschen) zum Opfer gefallen. Der Rauhfußbussard vom 13.2.2010 in der Feldmark Geismar-Süd fehlt selbstredend auf der im Buch enthaltenen Liste von – vor seinem Auftauchen – 223 Vogelarten, die bislang im Göttinger Stadtgebiet beobachtet wurden. Dem lokal seltenen Wintergast dürfte das aber ziemlich schnuppe sein, er hat momentan ganz andere Probleme. <em>hd</em></p>
<p><strong>Hans-Heinrich Dörrie (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger.</strong> 181 S. ISBN 978-3-924781-58-3. Verlag Göttinger Tageblatt. Preis: 14,80 €. Bezug ab Samstag, 20. Februar (bei Tauwetter!) über: Göttinger Buchhandlungen, die Geschäftsstelle des Göttinger Tageblatts, Jüdenstraße 13c, 37073 Göttingen, den Verlag Göttinger Tageblatt, Dransfelder Str. 1, 37079 Göttingen oder im Internet beim <a href="http://gt-extra.de/shop/oscommerce/product_info.php?products_id=114">E-Shop</a>.
</p>
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		<title>Eisvogel fängt Spitzmaus?</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 19:18:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[
„Fischer sind vielfach langweilige, mürrische, einsiedlerische Gesellen, bei den Tieren sowohl wie bei den Menschen, und das gilt auch für den Eisvogel.“ So sah das zumindest Flöricke im Jahre 1907 [1].  Eisvögel ernähren sich tatsächlich vorwiegend von kleinen Fischen, im Sommerhalbjahr teilweise auch von Insekten [2]. Im Winter jedoch, wenn viele Gewässer zugefroren sind, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div style="text-align: center"><img id="image218" alt="20100101_004.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/02/20100101_004.jpg" /></div>
<p>„Fischer sind vielfach langweilige, mürrische, einsiedlerische Gesellen, bei den Tieren sowohl wie bei den Menschen, und das gilt auch für den Eisvogel.“ So sah das zumindest Flöricke im Jahre 1907 [1].  Eisvögel ernähren sich tatsächlich vorwiegend von kleinen Fischen, im Sommerhalbjahr teilweise auch von Insekten [2]. Im Winter jedoch, wenn viele Gewässer zugefroren sind, kommen die Vögel nur schwer an ihre Beute. In harten Wintern wie diesem haben sie es besonders schwer und es kommt zu radikalen Bestandseinbußen, von denen sich lokale Populationen zum Teil erst nach Jahren wieder erholen [3].  Auf ihrer verzweifelten Suche nach eisfreien Gewässern kann man Eisvögel in der Nähe menschlicher Behausungen und sogar an Gartenteichen antreffen.</p>
<p><a id="more-219"></a>Am Neujahrstag 2010 gelang mir die Beobachtung eines solchen Einzelgängers im Göttinger Süden in unmittelbarer Nähe zum Wohngebiet Kiesseekarree.  Am kleinen, nicht zugefrorenen Landwehrgraben kam ein Eisvogel mit Beute im Schnabel angeflogen, setzte sich ein paar Meter vor mir auf eine Warte und war dann offensichtlich damit beschäftigt, die Beute nach Eisvogelart zu erschlagen. Davon konnte ich ein paar Belegaufnahmen anfertigen. Ob sie danach verzehrt oder wieder fallen gelassen wurde, ist unklar.</p>
<div style="text-align: center"><img id="image216" alt="20100101_001.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/02/20100101_001.jpg" /></div>
<p>Erst bei der Durchsicht der Fotos am heimischen Rechner fiel mir auf, dass es sich bei der Beute nicht um einen Fisch gehandelt haben kann.  Auf den zweiten Blick war es für mich eine Maus. Man erkennt etwas Schwanzartiges und einen Körper. Schaut man jedoch genauer hin und rechnet nach,  kommen Zweifel an der Maustheorie [4]:</p>
<p>Bei dem Vogel handelt es sich augenscheinlich um ein Weibchen. Nach Glutz [2] misst die Schnabellänge von Eisvogelweibchen vom Stirnansatz bis zur Spitze maximal 46 mm. Damit wäre der Mausekörper auf dem Bild nur ca. 35 mm lang. Die kleinste Maus, die Zwergspitzmaus hat jedoch eine Rumpflänge von mindestens 56 mm, dazu kommt ein Schwanz von 32 mm [5]. Wenn überhaupt kann es sich also höchstens um die Überreste einer Spitzmaus handeln.</p>
<p>Schaut man dann noch genauer hin, erkennt man, dass die Beute „am Schwanz“ überfroren und sonst voller Schneekristalle war. Sie kann also nicht direkt aus dem Wasser gefischt worden sein. Für einen Eisvogel, der, anders als seine tropischen Verwandten, seinen Beutetieren ausschließlich im Wasser nachstellt, ist auch dies sehr ungewöhnlich.</p>
<p>Bleibt eigentlich als einzige Erklärung, dass es sich bei dem Schnabelinhalt um ein Pflanzenteil wie z.B. einen Erlenzapfen handelt.  In der Literatur ist beschrieben, dass Blätter nach Fang ebenfalls „totgeschlagen“ werden.</p>
<div style="text-align: center"><img id="image217" alt="20100207_001.jpg" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2010/02/20100207_001.jpg" /></div>
<p>Letztlich muss die Frage, was der desorientierte Fischfänger in der Not erbeutet hat, unbeantwortet bleiben. Desgleichen ist offen, ob ein vergleichbarer Beuteerwerb jemals zuvor fotografisch belegt werden konnte. Möglicherweise liegt hier eine echte Weltpremiere vor. <em>M. Siebner</em></p>
<ul>
<li>(1) R. Flöricke, Deutsches Vogelbuch (1907)</li>
<li>(2) U. Glutz von Blotzheim, Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 9 (1980)</li>
<li>(3) <a href="http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=174">H.H. Dörrie: Der Eisvogel (Alcedo atthis) in Süd-Niedersachsen - ein Torpedo auf Erfolgskurs</a> (2009)</li>
<li>(4) A. Stumpner, Mitteilung per Email auf <a href="http://www.avigoe.de">www.avigoe.de</a> vom 10.1.2010</li>
<li>(5) Schilling, Singer, Diller: Säugetiere, BLV (1983)</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Wenig Neues unter der Sonne: Späte Brutzeit und Wegzug, August bis Dezember 2009</title>
		<link>http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=212</link>
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		<pubDate>Sat, 12 Dec 2009 17:31:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
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		<description><![CDATA[Am 8.11. und vom 16. bis 29.11. gerieten am Seeburger See diesjährige Sterntaucher ins Visier. An den Northeimer Kiesteichen und an der Kiesgrube Reinshof hielt sich vom 15. bis 22.11. bzw. vom 19. bis 25.11. je ein Prachttaucher auf.
 

Ein Prachttaucher auf der Kiesgrube Reinshof&#8230;

&#8230;sowie ein Sterntaucher auf dem Seeburger See. Beide Fotos: M. Siebner. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 8.11. und vom 16. bis 29.11. gerieten am Seeburger See diesjährige <strong>Sterntaucher</strong> ins Visier. An den Northeimer Kiesteichen und an der Kiesgrube Reinshof hielt sich vom 15. bis 22.11. bzw. vom 19. bis 25.11. je ein <strong>Prachttaucher</strong> auf.</p>
<p> <a id="more-212"></a></p>
<p style="text-align: center"><img alt="Reinshof_008_20091125.jpg" id="image214" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/12/Reinshof_008_20091125.jpg" /><br />
<i>Ein Prachttaucher auf der Kiesgrube Reinshof&#8230;</i><br />
<img alt="003_20091129.jpg" id="image213" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/12/003_20091129.jpg" /><br />
<i>&#8230;sowie ein Sterntaucher auf dem Seeburger See. Beide Fotos: M. Siebner. </i></p>
<p>An der Leine am südlichen Göttinger Stadtrand betrug der traditionelle Rastbestand des <strong>Zwergtauchers</strong> nicht mehr als sechs Ind. und lag damit um 50 Prozent unter den langjährig ermittelten Zahlen. Dies könnte mit dem gebietsweise strengen Winter 2008/2009 zusammenhängen, der für erhebliche Verluste bei dieser empfindlichen Art gesorgt hat. Am Göttinger Kiessee fiel der Ausfliegerfolg von vier <strong>Haubentaucher</strong>-Paaren wiederum sehr mäßig aus: Nur zwei Jungvögel aus einer von drei Bruten mit Schlupferfolg wurden selbständig.<br />
Die maximalen Rastzahlen des <strong>Kormorans</strong>, Vogel des Jahres 2010, lagen bis dato am Lutteranger bei ca. 100 Ind. und am Göttinger Kiessee bei 55 Ind. Zu allem Überfluss wird dem verhassten Konkurrenten von Sportanglern und Binnenfischern jetzt auch noch eine Mitschuld für den dramatischen Bestandsrückgang des Aals angedichtet (vgl. „Göttinger Tageblatt“ vom 27.11.). Der Aal ist ein Wanderfisch, der sich wegen der Verriegelung der Fliessgewässer mit Stauwehren und Wasserkraftanlagen kaum noch reproduzieren kann und dessen Nachwuchs („Glasaale“) im Atlantik tonnenweise von asiatischen Trawlern abgefischt wird. Man fragt sich, was diesem gefiederten Sündenbock in Zukunft noch alles aufgebürdet wird…<br />
Eine <strong>Rohrdommel</strong> ließ sich am 18.8. am Seeburger See kurz blicken, desgleichen eine <strong>Zwergdommel</strong> am 30.7. ebenda. Am Seeburger See traten Zwergdommeln in vier der letzten fünf Jahre auf; die Art nähert sich dem Status eines jährlichen Gastvogels – eine erfreuliche Entwicklung, die, so steht zu hoffen, bald (wieder) in der einen oder anderen Brut mündet. An der Geschiebesperre Hollenstedt begeisterte ein <strong>Seidenreiher</strong> von Anfang Oktober bis Anfang November die zahlreichen Beobachter. Im November hielten sich im Leinepolder Salzderhelden um die 50 <strong>Silberreiher</strong> auf. Dort haben erneut zwei <strong>Weißstörche</strong> die Überwinterung angetreten – dies dürfte jedoch weniger mit der Klimaerwärmung zu tun haben (die zudem in Deutschland seit 1998 eine Pause eingelegt hat), sondern vielmehr mit dem steigenden Anteil von Nachfahren sogenannter „Projektstörche“ aus fragwürdigen Wiederansiedlungsvorhaben in der Schweiz und Süddeutschland, die unter anderem mit algerischen Störchen, die keine Weitstreckenzieher sind, vorgenommen wurden.<br />
2200 <strong>Graugänse</strong> zeigten am 5.10. an der Geschiebesperre Hollenstedt eine neue Höchstzahl an, eine solche lag auch am 19.11. mit 467 Ind. an der Kiesgrube Reinshof vor. Die <strong>Nilgans</strong>-Zahlen erreichten Anfang November mit knapp 200 Ind. im Leinepolder Salzderhelden ein neues Rekordniveau, gingen danach aber wieder zurück auf aktuell ca. 30 Ind. Weil dort nur drei bis vier Paare brüten und auch der regionale Brutbestand lediglich bei knapp über zehn Paaren liegt, dürfte es sich bei den meisten Vögeln um Zuzügler gehandelt haben. Woher diese im einzelnen stammen, bleibt unklar. Bislang existiert nur die Beobachtung einer höchstwahrscheinlich in Nordrhein-Westfalen beringten Nilgans aus dem Jahr 2002, die einen Hinweis auf die Herkunft zuwandernder Vögel liefert. Interessant ist das Phänomen allemal, zeigt es doch, dass auch exotische Neubürger nach relativ kurzer Zeit ein arttypisches, den klimatischen Gegebenheiten des „Gastlandes“ angepasstes Weg- oder Zwischenzugverhalten entwickeln. Aus Göttingen wurde nur eine einzige Brut der <strong>Reiherente</strong> mit Schlupferfolg bekannt. Zudem waren die drei Jungen bereits nach einem Tag nicht mehr aufzufinden. Am 22.11. beehrte eine <strong>Samtente</strong> den Wendebachstau bei Reinhausen. Weitere vier Vögel schwammen am 12. Dezember auf dem Seeburger See.<br />
Ein flügger <strong>Wespenbussard</strong> mit Bettelrufen könnte am 28.8. in der Straut bei Groß Ellershausen ein bislang unbekanntes Brutvorkommen im Göttinger Stadtgebiet angezeigt haben. 17 Ind. zogen am 29.8. über den Göttinger Kiessee. Bis zu vier <strong>Kornweihen</strong> gaukelten ab Anfang November über dem Leinepolder Salzderhelden, etwas mehr als in den vergangenen Jahren. <strong>Wiesenweihen</strong> erfreuten am 12.8. am Diemardener Berg (ziehendes Weibchen) und am 30.8. am Steinberg oberhalb des Seeangers (rastendes Männchen) die Beobachter. Ein <strong>Rauhfußbussard</strong> lieferte am 1.11. in der Feldmark Klein Wiershausen einen der ganz wenigen Nachweise abseits des Leinepolders Salzderhelden – aber auch dort tritt diese regional seltene Art nur alle paar Jahre auf.<br />
Vom 4.8. bis zum 20.8. ließen sich am Seeanger bis zu drei <strong>Tüpfelsumpfhühner</strong> pro Tag erspähen. Der <strong>Kranich</strong>-Wegzug ließ wie im Vorjahr zum Bedauern vieler Fans dieses majestätischen Großvogels wiederum sehr zu wünschen übrig. Beeindruckende Zugtage mit 5000 Ind. und mehr scheinen fürs erste der Vergangenheit anzugehören. Dies dürfte mit dem neuen Massenrastplatz in der Diepholzer Moorniederung zusammenhängen, der nordwestlich von Göttingen liegt und von 50.000 Vögeln angeflogen wird. Wer von den zahlreichen Kranichbetreuern und –fütterern in Meck-Pomm und Brandenburg überzeugt die Vögel vor ihrem Abflug, netterweise einen Umweg über Süd-Niedersachsen einzulegen - „altruistischer Schleifenzug“ ist das Stichwort)!<br />
Ein nordamerikanischer <strong>Grasläufer</strong> in der Feldmark Wollbrandshausen (bei Anerkennung durch die Deutsche Seltenheitenkommission erst der zweite regionale Nachweis nach einem Ind. vom Frühjahr 1996 an der Geschiebesperre Hollenstedt) versetzte die Szene ab dem 30.8. für einige Tage in Aufruhr. Leider konnte der Seltling, der von einem einzigen Beobachter gesehen wurde, nicht mehr aufgefunden werden. Am Seeanger rasteten ab Mitte August bis zu 33 <strong>Große Brachvögel</strong>. Vermutlich einer von ihnen wurde am 21.10. tot in einem Vorgarten in Esplingerode gefunden, seine Verletzungen deuteten auf die Attacke eines gefiederten Prädators („Göttinger Tageblatt“ vom 23.10.). Für süd-niedersächsische Verhältnisse recht früh, nämlich am 15.9., hielt sich die erste <strong>Zwergschnepfe</strong> des Wegzugs an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Gleich acht Ind. drückten sich am 28.11. in feuchten Bereichen der Sandgrube Meensen herum. Als Bummelant wurde ein <strong>Dunkler Wasserläufer</strong> am 4. und 6.12. an der Geschiebesperre Hollenstedt fotografisch durch W. Kassebeer in naturgucker.de dingfest gemacht. Dagegen erschien ein <strong>Teichwasserläufer</strong> am 6.8. am Seeanger genau zur richtigen Zeit.<br />
Von Anfang August bis Anfang September tummelten sich am Seeburger See bis zu drei <strong>Schwarzkopfmöwen</strong> im schmucken Kleid des ersten Kalenderjahrs. Die von einer versprengten Minderheit hymnisch verehrte <strong>Mittelmeermöwe</strong> „Michaela“ (vgl. den Bericht zum Heimzug auf dieser Homepage) hielt es bis zum 14.8. dort aus. Einzelne <strong>Steppenmöwen</strong> brachten am 4.8. (adult) und am 8.11. (K 3) das Auge des Eichsfelds zum Blinzeln. Gleich fünf adulte <strong>Heringsmöwen</strong> beehrten am 15.9. die Geschiebesperre Hollenstedt.<br />
Nur mutmaßen lässt sich, ob ein rufender <strong>Sperlingskauz</strong> am 19.10. im Bodenhausener Forst mit dem Brutvorkommen auf dem nahegelegenen Plateau des Reinhäuser Waldes in Verbindung zu bringen ist. Mit zwei rufenden Männchen wurde am 26.9. an der Langen Bahn im Bramwald das traditionelle Vorkommen bestätigt. <strong>Eisvögel</strong> ließen sich ab Ende Juli am Göttinger Kiessee und in der Innenstadt (Leinekanal und Schwänchenteich), an der Geschiebesperre Hollenstedt, am Wendebachstau bei Reinhausen und am Seeburger See vermehrt blicken. Dies bietet Anlass zum Optimismus – sofern nicht ein zweiter Kältewinter in Folge ihnen den Garaus macht.<br />
Am 18.10. zogen 96 <strong>Heidelerchen</strong> am Waldrand westl. Herberhausen. Bei morgendlichen Wegzug-Planbeobachtungen am Diemardener Berg (18 Begehungen zwischen dem 4.8. und 11.9.) wurden nur fünf <strong>Brachpieper</strong> registriert. 107 ziehende <strong>Baumpieper</strong> am 8.9. am Waldrand westl. Herberhausen sind eine regional bemerkenswerte Tagessumme. Am 20.8. wurde am Seeanger ein gerade flügges <strong>Blaukehlchen</strong> notiert. Vielleicht entstammte es der Zweitbrut eines vielfotografierten Paares am Wegesrand, das sich klugerweise in ruhigere Gefilde verzogen hatte.</p>
<p style="text-align: center"><img alt="IMG_0396SchneeammerM.JPG" id="image215" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/12/IMG_0396SchneeammerM.JPG" /><br />
<i>Junge Schneeammer im Leinepolder Salzderhelden. Foto: K. Dornfeldt. </i></p>
<p>45 <strong>Kolkraben</strong> zeigten am 5.12. am Seeburger See die höchste jemals dort beobachtete Zahl an. In den Wäldern der Region wimmelt es derzeit nur so von <strong>Fichtenkreuzschnäbeln</strong>, die von der außergewöhnlich ergiebigen Fruktifikation ihrer Nahrungsbäume profitieren. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof, dem besten Beobachtungsort für diese Art, sind sie bislang nur sehr spärlich in Erscheinung getreten. Kein Wunder, denn anderswo gibt es noch ordentlich was zu knacken… Überfliegende <strong>Schneeammern</strong>, die sich durch ihren Zugruf verraten, sind in Südniedersachsen eine mittlere Rarität. Noch seltener bekommt man sie am Boden sitzend zu Gesicht. Umso erfreulicher ist, dass ein solches Ind. am 15.11. im Leinepolder Salzderhelden fotografisch belegt werden konnte. Die oben erwähnten Wegzug-Planbeobachtungen am Diemardener Berg erbrachten nur zwei ziehende <strong>Ortolane</strong>. <em>hd, sp</em></p>
<p>Dieser Bericht basiert auf Daten von: S. Böhner, H. Dörrie, K. Dornfeldt, M. Drüner, C. Grüneberg, V. Hesse, S. Paul, D. Radde, M. Siebner &#038; H. Weitemeier.</p>
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		<title>Der Kormoran (Phalacrocorax carbo) - Vogel des Jahres 2010 - in Süd-Niedersachsen</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Oct 2009 16:12:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>silviopaul</dc:creator>
		
	<category>Archiv</category>
	<category>Vogelportraits</category>
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		<description><![CDATA[Alle Achtung! Der kollektive Wutausbruch der Sportangler-Lobby im Internet und anderswo belegt, dass der NABU mit seiner Wahl richtig gelegen hat. Endlich mal kein konsensfähiger Sympathieträger, an dem sich umtriebige Vogelschützer mit Biotopverbesserungen, Nisthilfen u.ä. abarbeiten können, sondern ein umstrittener „Problemvogel“ im bleihaltigen Spannungsfeld von Naturschutz- und Naturnutzerinteressen. Die Göttinger Vogelkundler haben sich schon immer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Alle Achtung! Der kollektive Wutausbruch der Sportangler-Lobby im Internet und anderswo belegt, dass der NABU mit seiner Wahl richtig gelegen hat. Endlich mal kein konsensfähiger Sympathieträger, an dem sich umtriebige Vogelschützer mit Biotopverbesserungen, Nisthilfen u.ä. abarbeiten können, sondern ein umstrittener „Problemvogel“ im bleihaltigen Spannungsfeld von Naturschutz- und Naturnutzerinteressen. Die Göttinger Vogelkundler haben sich schon immer für den knorrigen Ruderfüßler stark gemacht, zuletzt in der Glosse „Neues von unerwünschten Fischfressern und pelzigen Neubürgern“ vom 27.11.2007 auf dieser Homepage. Der Wahl können sie wärmstens und zudem mit einer gewissen Genugtuung applaudieren.</p>
<div style="text-align: center"><img alt="kormoran1.jpg" id="image209" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/10/kormoran1.jpg" /></div>
<div style="text-align: center">Abb. 1 Foto: NABU / F. Möllers</div>
<p><a id="more-205"></a><br />
<strong>Einst und jetzt</strong><br />
Die Naturgeschichte des Kormorans in unserer Region ist schnell erzählt. Bis zum Beginn der 1980er Jahre war er eine mittlere Rarität, die in Truppgrößen von weniger als zehn Individuen auftrat. Die meisten Kormorane wurden in den Jahren 1998 bis 2002 beobachtet; damals waren Ansammlungen von mehr als 200 Individuen, die sich auf dem Heim- und Wegzug am Seeburger See und an den Northeimer Kiesteichen einfanden, keine Seltenheit. Heutzutage sind Tagessummen von 80 bis 100 Individuen die Ausnahme.1998 etablierte sich an den Northeimer Kiesteichen eine Brutkolonie mit maximal 50 Nestern in den Folgejahren, die 2004 durch einen Ableger an der ehemaligen Kiesgrube im Leinepolder Salzderhelden mit 16 Nestern erweitert wurde. Obwohl sich dort zum Beginn der Brutzeit immer noch ein paar balzende Vögel aufhalten, sind beide Kolonien mittlerweile verwaist; eine erfolgreiche Brut hat in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden. Grund dafür ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Plünderung der Gelege durch Waschbären (vgl. den oben genannten Beitrag auf dieser Homepage). Der Kormoran ist daher bis auf weiteres als regional (wieder) verschwundener Brutvogel einzustufen.</p>
<p>Soweit die dürren Fakten, die sich recht gut in das allgemeine Bild einer rasanten Bestandszunahme bis zum Erreichen der Plateauphase mit aktuell stabilen bis leicht sinkenden Zahlen einfügen. Neben dem Waschbären hat andernorts auch der Seeadler für das Erlöschen von Kolonien gesorgt, z.B. am Steinhuder Meer. Dies zeigt, dass eine schleichende, aber durchaus nachhaltige Regulierung der Kormoran-Brutbestände ohne Pulver und Blei eingesetzt hat; diese wird in dem Maße, wie Waschbär und Seeadler sich weiter ausbreiten, noch zunehmen.</p>
<div align="center"><img alt="20090125_IMG_37328.JPG" id="image206" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/10/20090125_IMG_37328.JPG" /></div>
<div align="center"><em>Abb. 2 Foto: M. Siebner</em></div>
<p><strong>Der Kormoran – ein Kulturfolger der besonderen Art</strong><br />
Ein wesentlicher Katalysator der Bestandszunahme dieser in der alten Bundesrepublik faktisch ausgerotteten und in der damaligen DDR von Staats wegen auf 1500 Paare limitierten Brutvogelart war die nachlassende Verfolgung in den Nachbarländern und die europaweite Unterschutzstellung nach der EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979. Das vermehrte Auftreten in Süd-Niedersachsen wurde jedoch auch durch andere anthropogene Faktoren begünstigt. In unserer an natürlichen Stillgewässern armen Region entstanden in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Sekundärgewässer, im wesentlichen Kiesgruben, die - und jetzt wird’s interessant - bis auf wenige Ausnahmen sogleich von Sportanglern in Beschlag genommen und mit schmackhaften Speisefischen aller Art bestückt wurden. Hinzu kommt, dass viele unserer Gewässer durch die Klärung von Abwässern weniger mit Schadstoffen belastet und sauberer geworden sind. Permanenter Nährstoff- und Sedimenteintrag aus der industriellen Landwirtschaft und abgeregnete Stickstoffverbindungen aus dem Automobilverkehr haben jedoch vielerorts zum starken Wachstum von Wasserpflanzen geführt. Davon profitieren einige anpassungsfähige Fischarten, für andere hingegen wie z.B. die Äsche, die bei ihrer Reproduktion auf vegetationsfreie Flachzonen schnellfließender Gewässer angewiesen ist, hat sich die Lebensraumqualität verschlechtert.</p>
<p>Somit stehen den Kormoranen seit einiger Zeit ergiebige Nahrungsquellen zur Verfügung, die sie, wer will es ihnen verdenken, effektiv ausbeuten. Dies tun sie überwiegend an stehenden Gewässern. Nur in ausgeprägten Kältewintern fliegen sie, notgedrungen, Fließgewässer wie Leine und Rhume vermehrt an. Unsere Binnenland-Kormorane sind klassische „Kulturfolger“, die, ähnlich wie Kraniche auf abgeernteten Maisfeldern oder Gänse auf Ackerflächen mit Zwischenfruchteinsaat, von anthropogenen Veränderungen in der Nutzung von Natur und Landschaft profitieren. Dass sie dabei ihre Beute an den Rand des Aussterbens bringen, gehört ebenso ins Reich der Legende wie das Gruselmärchen von den Rabenvögeln, die angeblich Singvögel ausrotten. Wäre dem so, gäbe es in unserer Region schon seit einiger Zeit keine Kormorane mehr. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass Fischbestände von den geschickt in Gruppen operierenden Tauchjägern gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden können. Dass Fische von ihren Feinden gefressen werden, manchmal auch in Massen, ist jedoch ein ebenso natürlicher Vorgang wie z.B. die Plünderung von Seeschwalbengelegen durch räuberische Silbermöwen, die von jeher den Zorn von Vogelschützern erregt. An Rhume und Leine geschieht dies jedoch immer nur lokal und keineswegs alljährlich. Ein klarer Beleg für einen ausschließlich durch Kormorane herbeigeführten großflächigen Rückgang sogenannter „Edelfischarten“ steht für unsere Region immer noch aus. Dabei wird es wohl auch bleiben. Neben anderen ökologischen Parametern wird der Einfluss von Raubfischen und Laichräubern wie dem (ausgesetzten) Aal, der, das ergab eine Elektrobefischung 2006, mittlerweile knapp zwei Drittel des Fischbestands der Göttinger Leine stellt, mangels Interesse nicht genauer untersucht. Warum auch: Man hat ja einen idealen Sündenbock…</p>
<p><strong>Kormoran-Bekämpfung zur Wiederherstellung einer intakten Natur?</strong><br />
Wer diese Zusammenhänge nicht kennt oder beiseite schiebt und stattdessen von „Überpopulationen“, Begrenzung der Kormoranzahlen auf ein (für wen?) „erträgliches Maß“, den gezielten „Schutz gefährdeter Fischarten“ durch Kormoran-Massenabschüsse und die Wiederherstellung eines imaginären „biologischen Gleichgewichts“ schwadroniert, für den ist auch die Dynamik ökologischer Prozesse ein Buch mit sieben Siegeln. Wer in der Tagespresse oder in Youtube-Filmchen mit dramatisch-düsterer Musikuntermalung den Einflug von 50 Kormoranen als nackten Horror präsentiert, nur weil jeder dieser Vögel, wie es nun mal seine Art ist, pro Tag ca. 350 Gramm Fisch verspeist, bewegt sich in einer unseligen Tradition der Dämonisierung vermeintlicher „Schädlinge“.</p>
<p>Für die Handvoll hauptberuflicher Teichwirte im Binnenland, deren materielle Existenz vom Verkauf der Fische abhängt, hat es bekanntlich schon vor der Genehmigung flächendeckender Abschüsse in fast allen Bundesländern Möglichkeiten der lokalen Vergrämung gegeben, damit sie ihr Kapital vor den gefiederten Konkurrenten schützen können - kein Naturschützer hatte etwas dagegen einzuwenden. Dabei hat sich die Überspannung von Fischzuchtanlagen mit Netzen im Vergleich zu Vergrämungsabschüssen als erheblich effektiver erwiesen.</p>
<p>Mittlerweile werden in Deutschland alljährlich ca. 15.000 Kormorane „zum Schutz der heimischen Tierwelt“ geschossen. Für die Sportangler-Lobby ist aber selbst dieses Blutbad an einer nach EU-Recht immer noch geschützten Vogelart nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um die Natur „wieder in Ordnung zu bringen“ fordern sie jetzt, den Bestand europaweit um 50 Prozent zu reduzieren. Die Durchsetzung dieses Vorhabens würde beispiellose Massaker in den Brutkolonien nach sich ziehen - eine Barbarei, die allenfalls mit der gnadenlosen Greifvogelverfolgung oder dem massenhaften Abschlachten von Reihern und Seevögeln zur Gewinnung von Modeschmuckfedern im ausgehenden 19. Jahrhundert verglichen werden kann.</p>
<p>Durch das verbreitete Aussetzen gebietsfremder Fischarten - vom Aal im Chiemsee bis zum Zander in der Kiesgrube Reinshof bei Göttingen, ganz zu schweigen von nordamerikanischen Bachsaiblingen und Regenbogenforellen - haben sich die Freizeitangler vielerorts ihre eigene, hochgradig naturferne und entsprechend aufwendig „gemanagte“ Fischfauna zusammengestellt. Diese soll jetzt mit aller Gewalt vor einem natürlichen Fressfeind geschützt werden. Es ist an der Zeit, diesem Widersinn ein Ende zu bereiten und Vernunft einkehren zu lassen.</p>
<p>Angler und Naturschützer haben durchaus gemeinsame Interessen, wenn es um den Schutz von Fließ- und Stillgewässern samt ihrer Flora und Fauna (zu der nun auch der Kormoran zählt) geht. In Göttingen haben beide Seiten 2007 einträchtig die Ausbaggerung der Leine für den Hochwasserschutz verhindert, und auch gegen die Planung neuer Wasserkraftwerke wird man sicher an einem Strang ziehen. Insofern sollte die Wahl des Jahresvogels 2010 von den Anglern nicht als bloße Provokation, sondern vielmehr als Angebot verstanden werden, sich gemeinsam der wahrhaft gravierenden Probleme im Natur- und Artenschutz anzunehmen, zu denen die erfreuliche Bestandszunahme eines zuvor fast ausgerotteten Wasservogels gewiss nicht zählt.</p>
<div align="center"><img alt="20090125_IMG_37399.JPG" id="image210" src="http://www.ornithologie-goettingen.de/wp-content/uploads/2009/10/20090125_IMG_37399.JPG" /></div>
<div align="center"><em>Abb. 3 Foto: M. Siebner</em></div>
<p><strong>Kormorane beobachten – wann und wo</strong><br />
Am Seeburger See, an den Northeimer Kiesteichen und an der Geschiebesperre Hollenstedt halten sich, wenn die Gewässer nicht vereist sind, ständig Kormorane auf, zumeist in Ansammlungen von weniger als 50 Tieren.</p>
<p>Als GöttingerIn hat man es besonders leicht und bequem, den Vogel des Jahres zu sehen. Am stadtnahen Kiessee, wo nicht auf die Vögel geschossen werden darf, können sich ab Oktober 50 bis 80 Kormorane mit geringer Fluchtdistanz einfinden, die beim Zufrieren des Gewässers wieder abziehen oder auf die Leine ausweichen. Ab April sind sie wieder verschwunden, nur zwei bis drei bleiben über den Sommer. Schwärme von mehr als 200 Vögeln oder gar „Kolonien“ haben dort bislang nur ein paar Angler zu Gesicht bekommen. Das Flunkern und Übertreiben (sooo groß war der Fisch!) ist aber von jeher ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Freizeitbeschäftigung. Man sollte nachsichtig sein, aber sich zu Wort melden, wenn solche Rekordleistungen Eingang in die Berichterstattung der Tagespresse finden…</p>
<p>Ein kleine, subjektiv gefärbte Anregung zum Schluss: Die vorurteilsfreie Betrachtung unseres Jahresvogels bringt ans Licht, wie schön er ist. Sein Gefieder erscheint nur einfarbig schwarz. In Wirklichkeit schillert es dezent in vielen Blau- und Grüntönen. Die silbrig schimmernden Köpfe der brutwilligen Altvögel in Kombination mit dem dunklen Federkleid erinnern wahlweise an einen in Würde gealterten katholischen Prälaten oder evangelischen Propst. Die quarrenden Balzrufe klingen hingegen ziemlich unchristlich. Ein Kormoran, der regungslos auf einem Ast steht und seine ausgebreiteten Flügel von der Sonne trocknen lässt, verleiht auch dem ödesten Tümpel seinen besonderen Reiz: So soll es sein – so soll es bleiben! <em>hd</em></p>
<p>Ausführliche Informationen über den Kormoran können der <a href="http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/vogeldesjahres/2010-kormoran/">Sonderseite des NABU zum Vogel des Jahres 2010 </a>entnommen werden. Der Verband hat eine Seite eingerichtet, auf der man sich als Kormoranfreund outen und, wenn man möchte, Diskussionen mit netten und weniger netten Zeitgenossen führen kann <a href="http://www.kormoranfreunde.de/">(www.kormoranfreunde.de)</a>.
</p>
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