Reinhäuser Wald / Kaufunger Wald / Bramwald

Vogelbeobachten im Wald

Der Landkreis Göttingen zählt zum waldreichen Leine- und Weserbergland, dessen Hochlagen von Vogelarten besiedelt werden, die nördlich der Mittelgebirgsschwelle nur spärlich vertreten sind oder fehlen. Leider werden die Wälder von vielen Vogelbeobachtern eher gemieden. Dies liegt zum wenigsten an der (hypothetischen) atavistischen Scheu des ursprünglichen Savannenbewohners Homo sapiens vor dunklen Baumbeständen, sondern ist der reinen Bequemlichkeit geschuldet. Die meisten Waldvögel tauchen nämlich regelmäßig außerhalb ihrer Primärhabitate auf, sei es auf dem Zug, sei es als einfliegender Wintergast oder auch als verstädterter Nachbar im Garten nebenan. Eine Stunde gemächlichen Dahinschlenderns an einem Feuchtgebiet kann doppelt bis dreimal so viele Arten vor die Optik befördern wie ein Wandertag im Wald. Damit erklärt sich auch, warum Top-Birdern, die in der Bundesrepublik Deutschland schon mehr als 300 Arten gesehen haben, der Gesang von Waldbaumläufer und Sumpfmeise genauso unbekannt ist wie anderen das Liedgut der Kastelruther Spatzen. Vielleicht gelingt es ja, mit dem Vorstellen dreier attraktiver Gebiete einigen Waldvermeidern den Mund zu wässern. Das - zugestandenermaßen oftmals mühselige und manchmal frustrierende - Vogelbeobachten im grünen Dickicht hat nämlich seinen ganz eigenen Reiz. Wohl nirgendwo sonst wird einem die ökologische Grundregel, dass das Vorkommen von Vogelarten an bestimmte Lebensräume gebunden ist, derart facettenreich vor Augen geführt wie hier. Die stimmungsvolle Atmosphäre einer Waldexkursion tut oft ein übriges.

Hesse-Straße im Reinhäuser Wald

Ungefähr 15 km südöstlich von Göttingen befindet sich im Ostteil des Reinhäuser Waldes die Ischenröder Schweiz. Sie bezieht ihren malerischen Namen von den mächtigen Buntsandsteinformationen, die dem Waldbild ein eigentümliches Gepräge verleihen. Man erreicht die Ischenröder Schweiz, wenn man vor dem Ortsausgang von Bremke der Straße nach Ischenrode (Richtung Eschwege) folgt. Nach ungefähr 1,5 kurvenreichen Kilometern erblickt man an der rechten Straßenseite in Höhe einer Pferdeweide an einem Bachlauf eine unscheinbare, mit Kalk geschotterte Abfahrt, die vor einer Schranke endet. Von dort aus folgt man dem Hauptweg unterhalb des Mönche-Bergs, der in mäßiger Steigung auf das Plateau des Reinhäuser Waldes führt. Die Umgebung wird zunächst von Nadelbäumen dominiert, aus denen die leisen Gesänge des Quartetts von Tannenmeise, Haubenmeise und Winter- und Sommergoldhähnchen erklingen. Oben angekommen, passiert man zur Linken eine größere Laubholzparzelle mit Eichen, deren Altholzanteil jedoch in den vergangenen Jahren durch Abholzung deutlich geschrumpft ist. Hier kommt noch der Mittelspecht vor, der im Reinhäuser Wald ansonsten recht selten ist. Auf der rechten Seite des Weges ragen alte Kiefern in die Höhe, die in ungewöhnlicher Stetigkeit vom Fichtenkreuzschnabel bevölkert werden. Im weiteren Umfeld des Plateaus brüten Habicht, Wespenbussard, Kolkrabe und der Schwarzspecht. Die letztgenannte Art ist ein auffälliger Brutvogel, der sich nicht nur durch weittragende Rufreihen bemerkbar macht. Auch kräftige Hackspuren an morschen Fichtenstümpfen bezeugen seine Präsenz. Ein milder Tag im März mit Spechten in voller Aktion - trommelnd, quäkend und nach rasantem Verfolgungsflug zwischen den Bäumen verschwindend - ist ein Erlebnis, das sich keiner entgehen lassen sollte.

Vorwiegend akustisch können auch Hohltaube und, mehr in Richtung Waldrand des Mönche-Bergs, die Turteltaube registriert werden. Diese hat stark im Bestand abgenommen, weil unsere Wälder aufgrund veränderter Bewirtschaftung insgesamt dichter und dunkler geworden sind.

Wenn man sich vom Plateau in Richtung Reinhausen ungefähr 250 m weit bergab bewegt, erblickt man linkerhand in Höhe der Jägersteine einen unaufgeräumten Mischwaldbestand mit künstlich angelegten Tümpeln, von denen es in diesem Teil des Reinhäuser Waldes recht viele gibt. Hier und in der näheren Umgebung wurde in den Jahren 2003 und 2005 ein balzendes Männchen des Sperlingskauzes öfter gehört als gesehen. Ob es sich um eine dauerhafte Ansiedlung handelt, bleibt abzuwarten.

Waldkäuze können bei abendlichen Begehungen regelmäßig vernommen werden, ab und an, wiederum in Richtung Mönche-Berg, auch die Waldohreule. Für einen Besuch der Hesse-Straße empfehlen sich die Monate März bis Mai sowie September und Oktober.

Lange Bahn im Bramwald

Ungefähr 20 Kilometer westlich von Göttingen führt eine Landstraße zwischen Ellershausen und Hemeln durch den Bramwald. Auf halber Strecke liegt ein Parkplatz, der sich als Ausgangspunkt einer Erkundung der Langen Bahn, einem Höhenweg, anbietet.

Eiche Bramwald

Auch hier wird der Wald von Koniferen geprägt, den “Brotbäumen” der Forstwirtschaft, die zum Nachteil der ursprünglichen Laubhölzer gehegt wurden. Neben Parzellen, auf denen Roteichen angepflanzt wurden, finden sich hier auch noch größere Birkenbestände und als Besonderheit ein ehemaliger Hutewald mit alten Eichen (Mittelspecht), der seit dem Herbst 2006 von knuffigen schottischen Hochlandrindern beweidet wird. Das Artenspektrum an der Langen Bahn ist demjenigen an der Hesse-Straße vergleichbar. Jedoch kann man hier auch den Tannenhäher und, mit Glück, neben dem Sperlingskauz auch den Rauhfußkauz hören und sehen. Wer noch nie in seinem Leben die hektischen Balzflüge revierbesetzender Erlenzeisige gesehen hat - und das dürfte die große Mehrzahl der Vogelfreunde sein - ist hier im Mai und Juni am richtigen Platz.

Rinder Bramwald

Nordöstlich der Langen Bahn erhebt sich der Totenberg, ein ca. 80 Hektar großes Buchenwald-Totalreservat mit striktem Betretungsverbot. Von einem kräftezehrenden Rundweg, der hinab ins Niemetal und von dort wieder auf das Plateau führt, kann man das Reservat einsehen und einen Eindruck davon gewinnen, wie sich ein nicht mehr genutzter Wald entwickelt und verändert.

Hühnerfeld im Kaufunger Wald

Der Kaufunger Wald ist das größte Waldgebiet der Region. Leider müssen wir es mit unseren hessischen Nachbarn teilen. Auch dieser Wald weist mehrheitlich Nadelhölzer auf, daneben aber auch Buchen-Altholz-Inseln mit Schwarzspechthöhlen, in denen Hohltauben, Rauhfußkäuze und, als regionale Spezialität, Dohlen brüten. Als Einstieg bietet sich eine Exkursion zum ca. 30 Kilometer von Göttingen entfernten Hühnerfeld und dessen Umgebung an. Das Hühnerfeld ist ein unter Naturschutz stehendes Hochmoor, das seinen Namen den Rauhfußhühnern verdankt. Diese sind lange verschwunden, dafür gibt es heute dort Pferde und Ponys, die der Verbuschung und Bewaldung durch unablässiges Fressen Einhalt gebieten. Das Hühnerfeld erreicht man auf der A 7, Abfahrt Hann. Münden-Lutterberg. An der Abzweigung geht es links auf der Landstraße in Richtung Sichelnstein durch den Wald. Nach ungefähr 2,5 km biegt man links in die schmale Straße Richtung Hühnerfeld ein. Dort, wo die Straße auf die Kohlenstraße trifft, gibt es Parkmöglichkeiten. Parken kann man auch am nahe gelegenen Jugendwaldheim am Steinberg. Von hier aus lässt sich das Gebiet nach Lust und Laune stundenlang erkunden. Besonders attraktive Routen gibt es nicht; die Attraktion ist der schier endlos wirkende Wald selbst, in dem man sich fast jeden Vogel erarbeiten muss. Neben Fichtenkreuzschnabel und Erlenzeisig ist der Tannenhäher nicht selten, macht sich aber auch hier gern unsichtbar. Die beste Zeit für den heimlichen Nussknacker ist März und April. Ab Juli wandern die Vögel auf der Suche nach Haselnüssen auch in den Siedlungsbereich der umliegenden Gemeinden (z.B. Hann. Münden).

Eine Abend- und Nachtexkursion im März und April sowie im September und Oktober birgt gute Chancen, Rauhfuß- und Sperlingskauz zu hören. Im Herbst sollte man jedoch die Rotwildjäger im Auge behalten, die - als Platzhirsche der besonderen Art - den Erfolg der Exkursion durch störende Zwischenrufe (“Ihr vergrämt uns das Wild!”) erheblich beeinträchtigen können. Das elitäre Ansinnen, in der hormon- und doppelkornschwangeren Brunftzeit den Wald von allen anderen Zweibeinern frei zu halten, entbehrt jedoch der rechtlichen Grundlage.

In bzw. über allen drei Waldgebieten kann mit Glück auch der Schwarzstorch gesehen werden. Er hat sich seit den frühen 1990er Jahren zum regelmäßigen Brutvogel gemausert und besiedelt unsere Region mit ungefähr fünf bis sechs Paaren, die ca. 10 Prozent der niedersächsischen Gesamtpopulation ausmachen.

Gern hätten wir noch Tipps zur Beobachtung balzender Waldschnepfen gegeben. Viele Limikolen-Bewunderer kennen die meisten ihrer Lieblinge nicht aus ihren Brutgebieten, wo sie sich als stimmfreudige Flugkünstler völlig anders präsentieren als auf der Rast. Der Anblick eines sonst extrem kryptischen Vogels, der im rasanten Zickzackflug, verbunden mit absonderlichen Lautäußerungen, über einer Schneise oder Lichtung umhertorkelt, ist unvergesslich. Leider gehört die Waldschnepfe zu den großen Verlierern des “naturgemäßen Waldbaus”, der das weitgehende Verschwinden von Offenstellen zur Folge hat. Die Waldschnepfe ist deshalb als Brutvogel sehr selten geworden und kann heutzutage fast nur noch auf dem Heim- und Wegzug beobachtet werden. hd

August 17th, 2006


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