Seeburg und Umgebung

Seeanger: Naturschutzgebiet unter Druck?

Seeanger - VHesse
Abb. 1: Seeanger. Foto: V. Hesse

Bis ins 18. Jahrhundert existierte in der Senke zwischen Seeburg und Ebergötzen ein ca. 15 Hektar großes Gewässer: der Westersee. Zusammen mit dem Seeburger See und dem Luttersee (heute Lutteranger, 1989 wiedervernässt) bildete er ein Ensemble aus drei Feuchtgebieten. In der Folgezeit verlandete er. Übrig blieb ein Niedermoor, das bis weit ins 20. Jahrhundert entwässert und, bis auf kleine Reste, in Weide- und Ackerland verwandelt wurde.
Nach jahrelangen Vorarbeiten begann 2002/2003 die Renaturierung des Gebiets. Der Landkreis Göttingen hatte mit 105 Hektar einen Großteil der Flächen angekauft. Der Bachlauf der Aue, die seit jeher die Senke durchfließt, wurde streckenweise in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, Entwässerungsgräben verschlossen. An der tiefsten Stelle entstand schnell ein Gewässer, das zusammen mit dem benachbarten „Pfuhl“, der von einem weiteren Bach, der Retlake, gespeist wird, eine Einheit bildet.
Nach dieser Naturschutz-Großtat entwickelte sich der Seeanger schnell zum mit Abstand artenreichsten und wertvollsten Feuchtgebiet im Landkreis Göttingen. Besonders auf Vögel übt er - in einer Landschaft, die extrem arm an Feuchtgebieten mit Flachwasserzonen ist - eine magische Anziehungskraft aus. In manchen Frühjahren wimmelt es von Watvögeln (Limikolen), die auf dem Heimzug in ihre skandinavischen und nordasiatischen Brutgebiete rasten. Darunter befanden sich Ausnahmegäste wie Terekwasserläufer, Graubrust-Strandläufer, balzende Doppelschnepfen und andere Vögel, die auch versierte Vogelkundler zuvor nur dem Namen nach kannten. Als Rastgebiet für Limikolen im tiefen Binnenland kommt dem Seeanger mittlerweile eine niedersachsenweite Bedeutung zu. Vereinzelte Bruten und Brutversuche landes- und bundesweit hochbedrohter Arten wie Tüpfelsumpfhuhn, Knäkente und Bekassine unterstreichen die Bedeutung des Gebiets. Der Seeanger ist derzeit der einzige Brutplatz des Kiebitz’ und der Schnatterente im Landkreis Göttingen. Als neue Brutvogelarten haben sich Blaukehlchen und Schwarzkehlchen etabliert. Sumpfrohrsänger, Feldschwirl und Fitis (mit dem selten gewordenen Kuckuck als Brutparasit) sind Vogelarten mit überregional negativem Bestandtrend, die hier noch eine Heimstatt finden. Das Loblied ließe sich – gestützt auf knapp 50.000 Datensätze, die der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen in 15 Jahren zusammentragen konnte - noch über Seiten fortsetzen. Kurzum: Der Seeanger ist ein wahres Juwel in einer Landschaft, die weithin von der industriellen Landwirtschaft geprägt ist.

Heute ist der Seeanger ein Naturschutzgebiet (bis jetzt leider ohne entsprechende Hinweisschilder). Doch nicht nur das: Er war von Anfang an auch als Rückhaltebecken für Sedimente geplant, um die Aue und den Seeburger See, in den der Bach mündet, von nährstoffreichen Ablagerungen aus den umliegenden Ackerflächen zu entlasten. Mittlerweile erfüllen die wachsenden Röhrichtbestände an den Gewässerufern, die in diesem Sommer leider durch intensiven Viehverbiss gelitten haben, eine wichtige Filterfunktion. Auch im Hochwasserschutz spielt der Seeanger eine positive Rolle und hat in manchen Jahren die Einwohner von Seeburg, besonders die Anlieger der Aue, vor größeren Kalamitäten bewahrt.

Wei�storch - VHesse
Abb. 2: Weißstorch: Hat sich nach der Wiedervernässung schnell angesiedelt.
Foto: V. Hesse

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte - sollte man meinen. Seit dem Frühjahr 2018 ist das Gebiet jedoch (wieder einmal) in den Fokus geraten. Vordergründig geht es um den Seeburger See, der schon seit langem von hohen Phosphat- und Nitrateinträgen gebeutelt wird. Die Kreistagsgruppe Linke/Piraten/Partei und ein fraktionsloser Abgeordneter haben das „Auge des Eichsfelds“ für sich entdeckt und Vorschläge entwickelt, wie ihm zu helfen sei. Neben sinnvollen, wenngleich leider ziemlich wirklichkeitsfremden Maßnahmen wie die Ausweitung des Naturschutzgebiets Seeburger See auf die angrenzenden Ackerflächen und deren Rückverwandlung in Grünland wird auch das Ausbaggern der dicken Sedimentschicht ins Gespräch gebracht. Darüber hinaus - und jetzt wird es interessant - soll in Zukunft weniger Wasser durch den Seeanger fließen, um die Aue und damit den Seeburger See zu entlasten. Dieses Ansinnen wird seit einiger Zeit von einem Seeburger Landwirt propagiert, der als Stichwortgeber für die auf diesem Themenfeld unerfahrenen Kommunalpolitiker gelten kann. Die Argumentation lautet etwa wie folgt: Weil sich das Wasser im Seeanger in den Sommermonaten erwärmt, führt dessen Zufluss über die Aue zur Erwärmung des Seeburger Sees, Algenblüte und Fischsterben sind die Folgen. Stimmt das? Aktuelle Messungen einer Arbeitsgruppe der Uni Göttingen um Dr. C. Heim haben ergeben, dass die Wassertemperatur der Aue vor ihrer Einmündung in den Messmonaten April bis Oktober immer um etliche Grade niedriger lag als die des Sees. Im März waren die Temperaturen mit jeweils ca. 10°C ungefähr gleich. Damit ist eine direkte Erwärmung, die zudem wegen der Größe des Sees nur sehr lokal wäre, nicht gegeben.
Das letzte nennenswerte Fischsterben im See fand 2006 statt, als mehr als 1000 Aale an einem spezifischen Herpesvirus verendeten. Mit der oben geschilderten (Schein-)Problematik hatte das nichts zu tun. Massensterben von Weißfischen in den Frühjahren bis 2013 kamen dadurch zustande, dass sich die Tiere in den flachen, zur Dekoration künstlich angelegten Gräben um das Restaurant „Graf Isang“ verirrten, nicht mehr hinausfanden und letztlich zu Tausenden an Sauerstoffmangel starben. Später konnte das Sackgassen-Problem behoben werden. Auch hier passt das Drehbuch nicht.

Auch die kurzzeitige Massenvermehrung von Cyanobakterien („Blaualgenblüte“), die 2018 zum Badeverbot führte, kann man dem Seeanger schwerlich anlasten. Sie erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem in diesem extremen Dürresommer kaum Wasser aus dem (weithin ausgetrockneten) Seeanger in den See gelangte. Blaualgen waren in Deutschland auch an etlichen anderen Gewässern ein Problem.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 3: Kiebitz. Brütet im Landkreis Göttingen nur noch im Seeanger.
Foto: M. Siebner

Das Gleiche betrifft den Sauerstoffgehalt: Er ist bereits am Badesteg des Sees erheblich höher als in der ca. 40 Meter entfernten Auemündung. Beispiel: Der Sauerstoffgehalt betrug im August 2017 nahe der Auemündung (gemessen in einiger Entfernung an der Brücke am Rundweg) magere 0,22 mg/l, während am Badesteg immerhin 10,45 mg/l ermittelt wurden. Der vermeintlich negative Einfluss des Seeangers auf Seetemperatur und Sauerstoffgehalt ist daher ein Trugbild, nichts weiter.
Ähnliches gilt auch für den Eintrag von Nitraten und Phosphaten aus dem Seeanger, der als einer der Hauptgründe für die ökologische Misere des Sees dargestellt wird. Zwar wird manchmal, vor allem nach Starkregenereignissen, vermehrt phosphatreiches Wasser aus Aue und Retlake in den See geleitet, doch ist diese Menge viel zu gering, um die Gesamtbelastung des Sees signifikant zu erhöhen. Zum einen ist die Aue nur einer von mehreren Zuflüssen von intensiv gedüngten Äckern, zum anderen ist der Wasserkörper des Sees für eine gravierende Belastung durch einen einzelnen Zufluss viel zu groß. Das konnte bereits 2006 auf einer Veranstaltung in Bernshausen von einem Experten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eindrucksvoll mit Messdaten belegt werden. Auf dem Seegrund lagert mittlerweile eine jahrzehntealte, meterdicke Sedimentschicht, die, besonders an der Bernshäuser Seite, faktisch biologisch tot ist. Wäre, könnte man ebenso hypothetisch zurückfragen, die Situation ohne den Seeanger, der weitaus mehr phosphathaltige Sedimente zurückhält als er in dem einen oder anderen feuchten Jahr zeitweise freigibt, möglicherweise noch schlechter?

Es liegt auf der Hand, dass (wieder einmal) der Seeanger die bewährte Funktion des Sündenbocks erfüllen soll. Doch damit nicht genug: Im Frühsommer 2018 schritten drei Personen aus dem oben genannten Spektrum zur Tat und nahmen in krasser Selbstermächtigung Manipulationen am zentralen Zulauf von der Aue in den Seeanger vor, um die Durchlaufmenge zu reduzieren. Mindestens ebenso skandalös wie diese kriminelle Aktion in einem Naturschutzgebiet ist das Verhalten des Landkreises, der bis dato weder Anzeige erstattet (die Namen der Leute sind bekannt!) noch die Manipulation rückgängig gemacht hat.

Es ist bezeichnend, dass in den Verlautbarungen der Seeretter im Zusammenhang mit dem Seeanger das Wort „Naturschutzgebiet“ niemals auftaucht. Zu einem Runden Tisch Ende September in Bernshausen wurden Naturschutzorganisationen und Fachgruppen wie unser Arbeitskreis gar nicht erst eingeladen. Ist das wirklich nur pure Ignoranz oder hat das Methode?

Blaukehlchen - MSiebner
Abb. 4: Blaukehlchen: Regelmäßiger Brutvogel im Seeanger.
Foto: M.Siebner

Wie auch immer: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger würde das Naturschutzgebiet und seine Schutzziele schwer beeinträchtigen. Die Gesetzeslage spricht da eine deutliche Sprache. In diesem Zusammenhang muss leider auch ein Bauprojekt Erwähnung finden, das der Landkreis demnächst in Auftrag geben will: Ein Weg im zentralen Bereich des Seeangers soll um einen halben Meter aufgeschüttet werden, damit Rinderhalter bequemer zu ihren Tieren gelangen können. Damit würde aus dem Weg, der in manchen Jahren stellenweise überflutet wird (aber für Trecker immer noch passierbar bleibt) ein Damm, der die Feuchtwiesen zerschneidet. Resultat wäre ein Trockenfallen weiterer Flächen. Trockene Flächen beherbergen mehr Mäuse als feuchte. Die Folge: Prädatoren werden angelockt, die zwischen einer Maus und einem jungen Kiebitz keinen Unterschied machen. Prädation ist ohnehin schon ein großes Problem für die ansässige Vogelwelt. So wichtig und unabdingbar die Beweidung zum Erhalt von Offenflächen ist: Hier soll den Partikularinteressen von Landwirten Vorrang gegenüber den Naturschutzzielen eingeräumt werden, wohlgemerkt auf Flächen, die dem Landkreis gehören und die im Rahmen des Vertragsnaturschutzes bewirtschaftet werden. Zudem ist von einer gesetzlich vorgeschriebenen Verbandsbeteiligung von Trägern öffentlicher Belange (zu denen auch Naturschützer zählen) an dem Bauvorhaben bis dato nichts zu hören.

Aus alldem ergibt sich: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger darf es nicht geben, erst recht nicht aus einer Motivation, die fragwürdig ist und sich letztlich einer rationalen Bewertung entzieht.
Unsere Forderung gewinnt auch vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass der Seeanger Teil eines FFH-Gebiets ist, für das ein Verschlechterungsverbot gilt. Auch hier dürfte die Rechtslage klar sein.

Für den Arbeitskreis Göttinger Ornithologen:
H. Dörrie
Prof. Dr. M. Göpfert
F. Helms
Dr. V. Hesse
K. Jünemann
S. Paul
Dr. M. Siebner

Seeanger - VHesse
Abb. 5: In fast allen Jahren immer gut mit Wasser gefüllter Seeanger.
Foto: V. Hesse

September 13th, 2018

Seeburger See, Seeanger und Lutteranger

Etwa 20 Kilometer östlich von Göttingen befindet sich eines der vogelartenreichsten Gebiete Süd-Niedersachsens. Im gewässerarmen und stark bewirtschafteten Eichsfeld geht von den drei Feuchtgebieten Seeburger See, Lutteranger und Seeanger eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Vögel aus, die entweder den Harz als Barriere in nordöstlicher Richtung noch vor sich oder ihn gerade überquert haben. Mindestens 255 verschiedene Arten haben das Gebiet schon als Brut- oder Rastplatz aufgesucht. Eistaucher, Rallenreiher, Terekwasserläufer und Rötelschwalbe sind nur eine Auswahl der Highlights, die den Puls einiger Ornithologen in den letzten Jahren in die Höhe trieben.

Wei�storch am Seeanger. Foto: Fabian Bindrich

Der Wiedervernässung des Seeangers verdankt Seeburg mit großer Sicherheit die Ansiedlung des Weißstorchs, der mit zwei Paaren in der Umgebung von Seeburg brütet. Die strukturarmen Feldfluren der Umgebung bieten der anspruchsvollen Art jedenfalls kaum Lebensraum. Foto: Fabian Bindrich

Seeburger See

Aalherpes, Muschelsterben und Algenblüte - diese Schlagworte kursierten in letzter Zeit über den Seeburger See in der Presse und vermittelten manch einem den Eindruck, Süd-Niedersachsens größtes natürliches Stillgewässer stehe kurz vor dem ökologischen Kollaps. Vor diesem düsteren Hintergrund wirken Opernaufführungen in Kombination mit der spendenheckenden Vermarktung als „Heinz Sielmanns Naturlandschaft“ als dekorative PR-Aktionen. Wie dramatisch die Situation tatsächlich ist, lässt sich vor dem Abschluss ökologischer Untersuchungen nicht sagen. Ein Blick in die landwirtschaftlich intensiv genutzte Umgebung, die nur ein schmaler Streifen Feuchtgrünland vom See trennt, zeigt jedoch, dass der Eintrag von Schad- und vor allem Nährstoffen in den See beträchtlich sein muss. Der Augenschein wird auch durch langjährige Messungen bestätigt, die einen bedenklich hohen Phosphat- und Nitratgehalt des Wassers belegen.

�bersichtskarte Seeburger See und Umgebung

Übersichtskarte für die Umgebung von Seeburg: 1 = Seeburger See; 2 = Seeanger; 3 = Lutteranger. Die roten Pfeile markieren geeignete Aussichtspunkte.

Als Ausflugsziel ist der Seeburger See bei Erholungssuchenden aus der ganzen Region schon lange bekannt und dementsprechend gut erschlossen. Doch wurde in den vergangenen Jahren das Erholungsgebiet am Seeburger Ufer noch zusätzlich erweitert und umgestaltet, um den See auch überregional interessant zu machen. Restaurant, Campingplatz, Freibad und Bootsverleih erfüllen an vielen Wochenenden ihren Zweck und ziehen zahlreiche Besucher an.
Natürlich prägen diese nicht zu übersehenden Zeugnisse übermäßiger touristischer Nutzung das Erscheinungsbild. Dennoch sollte man sich als Vogelbeobachter von dem Rummel nicht abschrecken lassen. Wasserfläche und Schilfgürtel stehen schließlich unter Naturschutz und bieten so mancher Vogelart Brut- und Rastmöglichkeit. Vom Badesteg im Freibad, dessen Kiosk übrigens ausgezeichnete Pommes Frites im Angebot hat, und vom Seerundweg lassen sich Wasserfläche und Schilfgürtel gut einsehen und bieten hervorragende Beobachtungsmöglichkeiten.
Daher gilt trotz aller Einschränkungen und Störungen, sei es von Landwirtschaft oder Tourismus, für jeden ornithologisch Interessierten: Der Seeburger See hat einiges zu bieten!

Haubentaucher

Der Haubentaucher ist charakteristischer Brutvogel des Sees und lässt sich - sofern die Wasserfläche nicht überfroren ist, ganzjährig beobachten. Foto: Volker Hesse.

Haubentaucher, Wasserralle und Teichrohrsänger haben in dem Schilfgürtel, der in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Breite gewonnen hat, ihren regionalen Verbreitungsschwerpunkt. Das Blaukehlchen ist seit 1998 alljährlicher Revierbesetzer mit zunehmender Tendenz (in den Schilfflächen unmittelbar am Restaurant-Parkplatz waren 2006 zwei Reviere besetzt). Während Schilf- und Drosselrohrsänger nur sporadisch Gesangsreviere besetzen, scheint der Rohrschwirl sich seit den letzten Jahren nicht mehr nur mit dem Status des Durchzüglers zufrieden geben zu wollen. Die Zwergdommel (bis in die 1960er Jahre Brutvogel) stellt mittlerweile eine echte Ausnahmeerscheinung dar, was man vom Nachtreiher, der einst ebenfalls in der Nähe des Sees gebrütet hat (1863), nicht mehr sagen kann. Seit 2000 verging kein Jahr, in dem nicht mindestens einer dieser charismatischen Vögel festgestellt wurde. Die Mehrzahl der Nachweise fällt dabei in den Monat Mai. Oft wurden die Vögel mit letztem Licht oder nur akustisch wahrgenommen. Eine abendliche Exkursion sollte also nicht mit Sonnenuntergang beendet sein…
Vor allem auf dem Heim-, aber auch - in etwas abgeschwächter Form - auf dem Wegzug sind neben den diversen Gründelentenarten (Pfeif-, Schnatter-, Krick-, Spieß-, Knäk- und Löffelente) vor allem zwei Spezialitäten des Seeburger Sees hervorzuheben: Zum einen können vor allem im April mit einiger Sicherheit Schwarzhalstaucher beobachtet werden. Die andere, wesentlich spektakulärere Spezialität sind Ende April und Anfang Mai Trupps von bis zu 80 Trauerseeschwalben, die in unnachahmlicher Eleganz über dem Wasser ihre Kreise ziehen. Unter ihnen können sich auch die anderen beiden Chlidonias- Arten verstecken, von denen zumindest die Weißbart-Seeschwalbe seit 2001 alljährlich nachgewiesen wurde. Zur Monatswende April-Mai stehen die Chancen nicht schlecht, auch auf Sterna-Seeschwalben zu stoßen. Fluss- und Küstenseeschwalbe können dann zumeist als Einzelvögel bei der Jagd über dem See bewundert werden. Raub-, Brand- und Zwergseeschwalbe sind wesentlich seltenere Gäste.
Wenn der Seeschwalbenzug gerade erst in Gang kommt, kulminieren bereits die Zahlen der Zwergmöwe, von der an guten Zugtagen schon bis zu 100 Vögel im Trupp gezählt wurden. Die im Frühjahr einige hundert Individuen umfassenden Lachmöwentrupps sollte man sorgfältig durchmustern, da sich unter ihnen neben einzelnen Sturmmöwen auch die eine oder andere Schwarzkopfmöwe verbergen kann. Herings-, Silber-, Mittelmeer- und Steppenmöwe sind zwar alljährliche, aber nur recht spärlich auftretende Gäste.
Hin und wieder sollte der aufmerksame Beobachter, auch wenn es noch so schwer fällt, den Blick von der Wasserfläche in den Luftraum schweifen lassen: Fischadler, Rohrweihe und Baumfalke ziehen durch oder brüten im Falle der beiden letzteren in der Umgebung.
Im Winterhalbjahr sind Gänsesäger die auffälligsten Vögel. In manchen Wintern halten sich mehr als 100 Individuen auf dem See auf. Zwergsäger sind zwar alljährlich anwesend, aber selten werden mehr als 10 Vögel gleichzeitig gesehen. Gleiches gilt für die Schellente. Ab November sollte man auf einzelne Seetaucher oder Meeresenten eingestellt sein, in deren Genuss man in den letzten Jahren leider immer seltener kommt. Dafür wurden an klaren Dezembertagen schon mehrfach bis zu drei Rohrdommeln beim Sonnenbad entdeckt. Es empfiehlt sich also, den Schilfrand genauestens abzusuchen, um einen der exzellent getarnten Vögel zu finden.
Wie man sieht, lohnt sich eine Exkursion an den Seeburger See zu jeder Jahreszeit. Bei längeren Frostperioden friert er recht schnell zu. Dann kann man sich das Benzingeld sparen und mit dem Fahrrad den Göttinger Süden erkunden.

Beobachtungstipp: Der Seeburger See wird fast das ganze Jahr über von Booten aus beangelt. Besonders Seetaucher scheinen diesbezüglich sehr sensibel zu sein. Man sollte daher zur entsprechenden Zeit im November und Dezember möglichst früh morgens vor den ersten Anglern am See sein.
Aufgrund der recht großen Wasserfläche (95 ha) ist ein Spektiv sehr empfehlenswert.

Seeanger

Im Juli 2002 wurden vom Landkreis Göttingen 105 Hektar intensiv beweidetes Grünland renaturiert. Die später den Seeburger See durchfließende Aue wurde wieder in ihren annähernd ursprünglichen Verlauf gebracht und auf etwa fünf Hektar Fläche gestaut. Die so entstandenen Wasserflächen sollen auch als Sedimentfalle dienen und der Verlandung des Seeburger Sees entgegenwirken. Die Resultate übertrafen alle ornithologischen Erwartungen!

Blick auf den Seeanger

Die überstauten Flächen des Seeangers lassen sich von den Wegen am und auf dem Steinberg mit einem Spektiv gut einsehen. Foto: Nikola Vagt

Sofort wurden Limikolen magisch von den staunassen Wiesen angezogen. 29 Arten dieser Vogelfamilie wurden seitdem nachgewiesen, darunter neben einigen regionalen Seltenheiten Arten wie Austernfischer, Säbelschnäbler und Steinwälzer auch echte Raritäten wie Graubrust-Strandläufer und Terekwasserläufer. Regulär rastende Arten haben schon beachtliche Zahlen erreicht: 30 Temminckstrandläufer, 150 Bruch- und mehr als 40 Dunkle Wasserläufer sind für süd-niedersächsische Verhältnisse rekordverdächtig.

Graubrustrtandläufer am Seeannger im August 2003. Foto: Fabian Bindrich

Neben den regelmäßig durchziehenden Watvögeln verschlägt es auch immer wieder seltenere Durchzügler an den Seeanger: Ein Graubrust-Strandläufer erfreute im August 2004 zahlreiche Beobachter. Foto: Fabian Bindrich.

Noch erfreulicher haben sich aber die Brutvogelbestände entwickelt. Der in den Landkreisen Göttingen und Northeim als Brutvogel seltene Zwergtaucher hat sich mit zwei Paaren angesiedelt. Seit 2003 profitiert auch der Weißstorch vom großen Nahrungsangebot im Seeanger, das 2006 auch einem zweiten Paar eine erfolgreiche Brut ermöglichte.
Schnatter-, Krick-, Knäk- und Löffelente besetzen alljährlich Reviere. Leider konnte bisher bei keiner dieser Arten ein Brutnachweis erbracht werden. Reiherenten-Weibchen ließen sich dagegen schon mehrfach mit ihrem Nachwuchs blicken. Angesichts der spärlichen regionalen Verbreitung ist das im Seeanger fast schon kolonieartig brütende Blässhuhn eine echte Bereicherung. Während sich Wasserrallen mit bis zu zwei Paaren etabliert haben, ist die Revierbesetzung des Tüpfelsumpfhuhns im Jahr 2004 bislang einmalig geblieben. Von den klassischen Wiesenbrütern haben sich Kiebitz und Bekassine zum Brüten niedergelassen. Braun- und Schwarzkehlchen wurden dagegen leider nur zu Zugzeiten festgestellt, obwohl geeignete Habitate vorhanden sind.
Die Renaturierung des Seeangers hat sich als voller Erfolg erwiesen. Nicht nur die Vielzahl der Arten, sondern auch die gute Zugänglichkeit lassen das Beobachterherz höher schlagen. Von einem asphaltiertem Wirtschaftsweg, der in etwa 100 Meter Entfernung parallel zu den überstauten Flächen verläuft, kann das Gebiet vortrefflich eingesehen werden, ohne dabei zu stören.

Beobachtungstipp: Auch hier ist ein Spektiv von Vorteil.

Lutteranger

Nur einen Steinwurf in nördlicher Richtung vom Seeburger See entfernt liegt der Lutteranger. Nach der Einstellung des Torfabbaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gebiet mit Schwarzerlen, Pappeln und Fichten aufgeforstet. Im Jahr 1989 erfolgte im Rahmen einer Naturschutzmaßnahme die Wiedervernässung. Sofort siedelten sich Graugans, Reiherente und Tafelente als Brutvögel an, von denen sich aber nur die Graugans gehalten hat. Die eigentliche Attraktion ist jedoch eine andere: Lachmöwen finden auf den etwas gespenstisch anmutenden Baumstümpfen im Wasser geeignete Nistmöglichkeiten. Bis zu 150 Paare umfasste diese einzige Kolonie in Südniedersachsen. Leider ist seit drei Jahren ein starker Rückgang zu konstatieren, für den vermutlich mehrere Faktoren verantwortlich sind. Eine wesentliche Ursache könnte die Schließung einer ca. 10 km entfernten Mülldeponie sein, die von den Vögeln zur Nahrungssuche angeflogen wurde. Aber auch das Eindringen von Prädatoren und der allgemeine Verlust von Offenflächen (Grünland und Sommergetreide) könnten den Schwund der Brutpaarzahlen bewirkt haben. Es steht zu befürchten, dass die Lachmöwe als Brutvogel in den nächsten Jahren aus der Region verschwindet.
Ein Besuch kann aber auch sonst recht ergiebig sein. Rastende Fischadler nutzen die toten Bäume als Kröpfplatz, und Silberreiher sind alljährliche Gäste vor allem im Oktober. Man sollte sich zum Beobachten jedoch etwas Zeit nehmen, da die Vögel zwischen den im Wasser vor sich hin faulenden Baumstümpfen leicht zu übersehen sind. Gerade hier muss man immer daran denken: Oft steckt mehr drin, als man glaubt!

Blick in die Umgebung

Nordöstlich des Seeburger Sees zwischen den Ortschaften Wollbrandshausen und Gieboldehausen zerschneidet die B 27 eine ausgeräumte Agrarsteppe. Besonders in den Monaten Februar/März und August bis Oktober rasten hier Kiebitze in nicht geringer Zahl. Dazwischen können auch immer wieder Goldregenpfeifer und einzelne Kampfläufer entdeckt werden. Auch zur Beobachtung von Greifvögeln kann ein Abstecher recht lohnend sein: Neben Mäusebussarden und Turmfalken nutzen Rohrweihen, Rotmilane und Baumfalken die Feldmark zur Jagd. Auch Kornweihe und Merlin beehrten das Gebiet schon. Dass man vor erfreulichen Überraschungen nicht sicher ist, belegen die Nachweise eines jungen Rotfußfalken (2001) und einer adulten Falkenraubmöwe (2006). cg

August 23rd, 2006


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