Beobachtungsgebiete

Seeburger See, Seeanger und Lutteranger

Etwa 20 Kilometer östlich von Göttingen befindet sich eines der vogelartenreichsten Gebiete Süd-Niedersachsens. Im gewässerarmen und stark bewirtschafteten Eichsfeld geht von den drei Feuchtgebieten Seeburger See, Lutteranger und Seeanger eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Vögel aus, die entweder den Harz als Barriere in nordöstlicher Richtung noch vor sich oder ihn gerade überquert haben. Mindestens 255 verschiedene Arten haben das Gebiet schon als Brut- oder Rastplatz aufgesucht. Eistaucher, Rallenreiher, Terekwasserläufer und Rötelschwalbe sind nur eine Auswahl der Highlights, die den Puls einiger Ornithologen in den letzten Jahren in die Höhe trieben.

Wei�storch am Seeanger. Foto: Fabian Bindrich

Der Wiedervernässung des Seeangers verdankt Seeburg mit großer Sicherheit die Ansiedlung des Weißstorchs, der mit zwei Paaren in der Umgebung von Seeburg brütet. Die strukturarmen Feldfluren der Umgebung bieten der anspruchsvollen Art jedenfalls kaum Lebensraum. Foto: Fabian Bindrich

Seeburger See

Aalherpes, Muschelsterben und Algenblüte - diese Schlagworte kursierten in letzter Zeit über den Seeburger See in der Presse und vermittelten manch einem den Eindruck, Süd-Niedersachsens größtes natürliches Stillgewässer stehe kurz vor dem ökologischen Kollaps. Vor diesem düsteren Hintergrund wirken Opernaufführungen in Kombination mit der spendenheckenden Vermarktung als „Heinz Sielmanns Naturlandschaft“ als dekorative PR-Aktionen. Wie dramatisch die Situation tatsächlich ist, lässt sich vor dem Abschluss ökologischer Untersuchungen nicht sagen. Ein Blick in die landwirtschaftlich intensiv genutzte Umgebung, die nur ein schmaler Streifen Feuchtgrünland vom See trennt, zeigt jedoch, dass der Eintrag von Schad- und vor allem Nährstoffen in den See beträchtlich sein muss. Der Augenschein wird auch durch langjährige Messungen bestätigt, die einen bedenklich hohen Phosphat- und Nitratgehalt des Wassers belegen.

�bersichtskarte Seeburger See und Umgebung

Übersichtskarte für die Umgebung von Seeburg: 1 = Seeburger See; 2 = Seeanger; 3 = Lutteranger. Die roten Pfeile markieren geeignete Aussichtspunkte.

Als Ausflugsziel ist der Seeburger See bei Erholungssuchenden aus der ganzen Region schon lange bekannt und dementsprechend gut erschlossen. Doch wurde in den vergangenen Jahren das Erholungsgebiet am Seeburger Ufer noch zusätzlich erweitert und umgestaltet, um den See auch überregional interessant zu machen. Restaurant, Campingplatz, Freibad und Bootsverleih erfüllen an vielen Wochenenden ihren Zweck und ziehen zahlreiche Besucher an.
Natürlich prägen diese nicht zu übersehenden Zeugnisse übermäßiger touristischer Nutzung das Erscheinungsbild. Dennoch sollte man sich als Vogelbeobachter von dem Rummel nicht abschrecken lassen. Wasserfläche und Schilfgürtel stehen schließlich unter Naturschutz und bieten so mancher Vogelart Brut- und Rastmöglichkeit. Vom Badesteg im Freibad, dessen Kiosk übrigens ausgezeichnete Pommes Frites im Angebot hat, und vom Seerundweg lassen sich Wasserfläche und Schilfgürtel gut einsehen und bieten hervorragende Beobachtungsmöglichkeiten.
Daher gilt trotz aller Einschränkungen und Störungen, sei es von Landwirtschaft oder Tourismus, für jeden ornithologisch Interessierten: Der Seeburger See hat einiges zu bieten!

Haubentaucher

Der Haubentaucher ist charakteristischer Brutvogel des Sees und lässt sich - sofern die Wasserfläche nicht überfroren ist, ganzjährig beobachten. Foto: Volker Hesse.

Haubentaucher, Wasserralle und Teichrohrsänger haben in dem Schilfgürtel, der in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Breite gewonnen hat, ihren regionalen Verbreitungsschwerpunkt. Das Blaukehlchen ist seit 1998 alljährlicher Revierbesetzer mit zunehmender Tendenz (in den Schilfflächen unmittelbar am Restaurant-Parkplatz waren 2006 zwei Reviere besetzt). Während Schilf- und Drosselrohrsänger nur sporadisch Gesangsreviere besetzen, scheint der Rohrschwirl sich seit den letzten Jahren nicht mehr nur mit dem Status des Durchzüglers zufrieden geben zu wollen. Die Zwergdommel (bis in die 1960er Jahre Brutvogel) stellt mittlerweile eine echte Ausnahmeerscheinung dar, was man vom Nachtreiher, der einst ebenfalls in der Nähe des Sees gebrütet hat (1863), nicht mehr sagen kann. Seit 2000 verging kein Jahr, in dem nicht mindestens einer dieser charismatischen Vögel festgestellt wurde. Die Mehrzahl der Nachweise fällt dabei in den Monat Mai. Oft wurden die Vögel mit letztem Licht oder nur akustisch wahrgenommen. Eine abendliche Exkursion sollte also nicht mit Sonnenuntergang beendet sein…
Vor allem auf dem Heim-, aber auch - in etwas abgeschwächter Form - auf dem Wegzug sind neben den diversen Gründelentenarten (Pfeif-, Schnatter-, Krick-, Spieß-, Knäk- und Löffelente) vor allem zwei Spezialitäten des Seeburger Sees hervorzuheben: Zum einen können vor allem im April mit einiger Sicherheit Schwarzhalstaucher beobachtet werden. Die andere, wesentlich spektakulärere Spezialität sind Ende April und Anfang Mai Trupps von bis zu 80 Trauerseeschwalben, die in unnachahmlicher Eleganz über dem Wasser ihre Kreise ziehen. Unter ihnen können sich auch die anderen beiden Chlidonias- Arten verstecken, von denen zumindest die Weißbart-Seeschwalbe seit 2001 alljährlich nachgewiesen wurde. Zur Monatswende April-Mai stehen die Chancen nicht schlecht, auch auf Sterna-Seeschwalben zu stoßen. Fluss- und Küstenseeschwalbe können dann zumeist als Einzelvögel bei der Jagd über dem See bewundert werden. Raub-, Brand- und Zwergseeschwalbe sind wesentlich seltenere Gäste.
Wenn der Seeschwalbenzug gerade erst in Gang kommt, kulminieren bereits die Zahlen der Zwergmöwe, von der an guten Zugtagen schon bis zu 100 Vögel im Trupp gezählt wurden. Die im Frühjahr einige hundert Individuen umfassenden Lachmöwentrupps sollte man sorgfältig durchmustern, da sich unter ihnen neben einzelnen Sturmmöwen auch die eine oder andere Schwarzkopfmöwe verbergen kann. Herings-, Silber-, Mittelmeer- und Steppenmöwe sind zwar alljährliche, aber nur recht spärlich auftretende Gäste.
Hin und wieder sollte der aufmerksame Beobachter, auch wenn es noch so schwer fällt, den Blick von der Wasserfläche in den Luftraum schweifen lassen: Fischadler, Rohrweihe und Baumfalke ziehen durch oder brüten im Falle der beiden letzteren in der Umgebung.
Im Winterhalbjahr sind Gänsesäger die auffälligsten Vögel. In manchen Wintern halten sich mehr als 100 Individuen auf dem See auf. Zwergsäger sind zwar alljährlich anwesend, aber selten werden mehr als 10 Vögel gleichzeitig gesehen. Gleiches gilt für die Schellente. Ab November sollte man auf einzelne Seetaucher oder Meeresenten eingestellt sein, in deren Genuss man in den letzten Jahren leider immer seltener kommt. Dafür wurden an klaren Dezembertagen schon mehrfach bis zu drei Rohrdommeln beim Sonnenbad entdeckt. Es empfiehlt sich also, den Schilfrand genauestens abzusuchen, um einen der exzellent getarnten Vögel zu finden.
Wie man sieht, lohnt sich eine Exkursion an den Seeburger See zu jeder Jahreszeit. Bei längeren Frostperioden friert er recht schnell zu. Dann kann man sich das Benzingeld sparen und mit dem Fahrrad den Göttinger Süden erkunden.

Beobachtungstipp: Der Seeburger See wird fast das ganze Jahr über von Booten aus beangelt. Besonders Seetaucher scheinen diesbezüglich sehr sensibel zu sein. Man sollte daher zur entsprechenden Zeit im November und Dezember möglichst früh morgens vor den ersten Anglern am See sein.
Aufgrund der recht großen Wasserfläche (95 ha) ist ein Spektiv sehr empfehlenswert.

Seeanger

Im Juli 2002 wurden vom Landkreis Göttingen 105 Hektar intensiv beweidetes Grünland renaturiert. Die später den Seeburger See durchfließende Aue wurde wieder in ihren annähernd ursprünglichen Verlauf gebracht und auf etwa fünf Hektar Fläche gestaut. Die so entstandenen Wasserflächen sollen auch als Sedimentfalle dienen und der Verlandung des Seeburger Sees entgegenwirken. Die Resultate übertrafen alle ornithologischen Erwartungen!

Blick auf den Seeanger

Die überstauten Flächen des Seeangers lassen sich von den Wegen am und auf dem Steinberg mit einem Spektiv gut einsehen. Foto: Nikola Vagt

Sofort wurden Limikolen magisch von den staunassen Wiesen angezogen. 29 Arten dieser Vogelfamilie wurden seitdem nachgewiesen, darunter neben einigen regionalen Seltenheiten Arten wie Austernfischer, Säbelschnäbler und Steinwälzer auch echte Raritäten wie Graubrust-Strandläufer und Terekwasserläufer. Regulär rastende Arten haben schon beachtliche Zahlen erreicht: 30 Temminckstrandläufer, 150 Bruch- und mehr als 40 Dunkle Wasserläufer sind für süd-niedersächsische Verhältnisse rekordverdächtig.

Graubrustrtandläufer am Seeannger im August 2003. Foto: Fabian Bindrich

Neben den regelmäßig durchziehenden Watvögeln verschlägt es auch immer wieder seltenere Durchzügler an den Seeanger: Ein Graubrust-Strandläufer erfreute im August 2004 zahlreiche Beobachter. Foto: Fabian Bindrich.

Noch erfreulicher haben sich aber die Brutvogelbestände entwickelt. Der in den Landkreisen Göttingen und Northeim als Brutvogel seltene Zwergtaucher hat sich mit zwei Paaren angesiedelt. Seit 2003 profitiert auch der Weißstorch vom großen Nahrungsangebot im Seeanger, das 2006 auch einem zweiten Paar eine erfolgreiche Brut ermöglichte.
Schnatter-, Krick-, Knäk- und Löffelente besetzen alljährlich Reviere. Leider konnte bisher bei keiner dieser Arten ein Brutnachweis erbracht werden. Reiherenten-Weibchen ließen sich dagegen schon mehrfach mit ihrem Nachwuchs blicken. Angesichts der spärlichen regionalen Verbreitung ist das im Seeanger fast schon kolonieartig brütende Blässhuhn eine echte Bereicherung. Während sich Wasserrallen mit bis zu zwei Paaren etabliert haben, ist die Revierbesetzung des Tüpfelsumpfhuhns im Jahr 2004 bislang einmalig geblieben. Von den klassischen Wiesenbrütern haben sich Kiebitz und Bekassine zum Brüten niedergelassen. Braun- und Schwarzkehlchen wurden dagegen leider nur zu Zugzeiten festgestellt, obwohl geeignete Habitate vorhanden sind.
Die Renaturierung des Seeangers hat sich als voller Erfolg erwiesen. Nicht nur die Vielzahl der Arten, sondern auch die gute Zugänglichkeit lassen das Beobachterherz höher schlagen. Von einem asphaltiertem Wirtschaftsweg, der in etwa 100 Meter Entfernung parallel zu den überstauten Flächen verläuft, kann das Gebiet vortrefflich eingesehen werden, ohne dabei zu stören.

Beobachtungstipp: Auch hier ist ein Spektiv von Vorteil.

Lutteranger

Nur einen Steinwurf in nördlicher Richtung vom Seeburger See entfernt liegt der Lutteranger. Nach der Einstellung des Torfabbaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gebiet mit Schwarzerlen, Pappeln und Fichten aufgeforstet. Im Jahr 1989 erfolgte im Rahmen einer Naturschutzmaßnahme die Wiedervernässung. Sofort siedelten sich Graugans, Reiherente und Tafelente als Brutvögel an, von denen sich aber nur die Graugans gehalten hat. Die eigentliche Attraktion ist jedoch eine andere: Lachmöwen finden auf den etwas gespenstisch anmutenden Baumstümpfen im Wasser geeignete Nistmöglichkeiten. Bis zu 150 Paare umfasste diese einzige Kolonie in Südniedersachsen. Leider ist seit drei Jahren ein starker Rückgang zu konstatieren, für den vermutlich mehrere Faktoren verantwortlich sind. Eine wesentliche Ursache könnte die Schließung einer ca. 10 km entfernten Mülldeponie sein, die von den Vögeln zur Nahrungssuche angeflogen wurde. Aber auch das Eindringen von Prädatoren und der allgemeine Verlust von Offenflächen (Grünland und Sommergetreide) könnten den Schwund der Brutpaarzahlen bewirkt haben. Es steht zu befürchten, dass die Lachmöwe als Brutvogel in den nächsten Jahren aus der Region verschwindet.
Ein Besuch kann aber auch sonst recht ergiebig sein. Rastende Fischadler nutzen die toten Bäume als Kröpfplatz, und Silberreiher sind alljährliche Gäste vor allem im Oktober. Man sollte sich zum Beobachten jedoch etwas Zeit nehmen, da die Vögel zwischen den im Wasser vor sich hin faulenden Baumstümpfen leicht zu übersehen sind. Gerade hier muss man immer daran denken: Oft steckt mehr drin, als man glaubt!

Blick in die Umgebung

Nordöstlich des Seeburger Sees zwischen den Ortschaften Wollbrandshausen und Gieboldehausen zerschneidet die B 27 eine ausgeräumte Agrarsteppe. Besonders in den Monaten Februar/März und August bis Oktober rasten hier Kiebitze in nicht geringer Zahl. Dazwischen können auch immer wieder Goldregenpfeifer und einzelne Kampfläufer entdeckt werden. Auch zur Beobachtung von Greifvögeln kann ein Abstecher recht lohnend sein: Neben Mäusebussarden und Turmfalken nutzen Rohrweihen, Rotmilane und Baumfalken die Feldmark zur Jagd. Auch Kornweihe und Merlin beehrten das Gebiet schon. Dass man vor erfreulichen Überraschungen nicht sicher ist, belegen die Nachweise eines jungen Rotfußfalken (2001) und einer adulten Falkenraubmöwe (2006). cg

August 23rd, 2006

Kiessee Göttingen, Kiesgrube Reinshof und Feldmark Göttingen Geismar

Göttingen wird im Norden und Westen von Schnellstraßen in Kombination mit intensiv bewirtschafteten Agrarflächen eingeschnürt. Im Osten grenzt die Stadt an den Göttinger Wald. Im Süden geht der Siedlungsbereich noch vergleichsweise harmonisch in die offene Landschaft über. Obwohl “Normallandschaft pur” weist der Göttinger Süden eine Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume auf.

Skyline Göttingen

Von der Innenstadt erreicht man nach nur 10 Minuten auf dem Fahrrad den Ausgangspunkt einer Reihe lohnender Beobachtungsgebiete, die den Stadtrand wie mit einer Perlenschnur bekränzen.

Knapp 240 Vogelarten wurden bislang im Süden Göttingens nachgewiesen. Diese für einen winzigen Ausschnitt des niedersächsischen Berglands bemerkenswert hohe Zahl zeigt keineswegs eine besondere Attraktivität für Vögel aller Art an, sondern beruht in hohem Maße auf dem engagierten Einsatz lokaler Beobachter. Diese können sich als Bewohner einer Universitätsstadt in einer naturkundlichen Tradition bewegen, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Im folgenden möchten wir die wichtigsten Gebiete kurz vorstellen. Sie sind eher klein und können alle zusammen bequem an einem Vormittag abgefahren werden.

�bersichtskarte Göttingen Süd

Übersichtskarte über die Beobachtungsgebiete am südlichen Göttinger Stadtrand: 1 - Kiessee; 2 - Kiesgrube Reinshof; 3 - Diemardener Berg; 4 - Bauschuttdeponie Geismar Süd

Göttinger Kiessee

Zwei vor 40 Jahren noch vergleichsweise abgelegene naturnahe Kiesgruben mit unregelmäßigen Vorkommen von Zwergdommel und Drosselrohrsänger wurden ab 1962 zu einem der beliebtesten Göttinger Naherholungsgebiete umgemodelt. Der Pflanzenbewuchs in Gestalt von Schilf, Rohrkolben und jungen Weiden wurde radikal beseitigt. Nach dem Abpumpen des Wassers entstanden Schlammflächen, die binnen kurzer Frist spektakuläre Erstnachweise von Seeregenpfeifer und Graubruststrandläufer bereithielten. Das alles ist lange her. Heute ist der Kiessee ein vielbesuchtes Freizeitgewässer mit regem Bootsverkehr in den Sommermonaten. Seit ungefähr 25 Jahren hat sich kleinflächig wieder ein lückenhafter Röhrichtgürtel entwickelt, der typische Brutvogelarten wie Haubentaucher, Teichrohrsänger und Rohrammer beherbergt. Mit seiner Wasserfläche von ca. 12 Hektar und einer kleinen dichtbewachsenen “Vogelschutzinsel” übt der Kiessee eine nicht zu unterschätzende Anziehungskraft auf Rastvögel aus. Davon zeugen Nachweise von Rallenreiher (1983), Purpurreiher (1984 und 2003) und Nachtreiher (2001). Überfliegende Silberreiher sind seit ein paar Jahren fast schon Normalität. Alle im Binnenland vorkommenden Enten- und Sägerarten , einschließlich Eider-, Samt-, Trauer- und Eisente, haben das unscheinbare Gewässer schon besucht. Das trifft auch auf Pracht- und Sterntaucher sowie alle fünf Lappentaucherarten zu. Das Spektrum der Seeschwalben (inklusive Zwerg-, Küsten- und Weißflügel-Seeschwalbe) wurde 2006 durch den lokalen Erstnachweis der Brandseeschwalbe (11 Individuen) komplettiert, während zwei Raubseeschwalben bereits den zweiten Nachweis (Erstnachweis 1981) anzeigten. Für Limikolen ist das Gebiet weniger lohnend, weil geeignete Rastflächen fehlen, aber Waldwasserläufer und vor allem Flussuferläufer geben sich auf dem Heim- und Wegzug alljährlich ein Stelldichein. An guten Heimzugtagen bestehen optimale Möglichkeiten zur Beobachtung von Drossel- und Schilfrohrsänger (beide erfreulicherweise wieder zunehmend), die in der Regel durch ihren Gesang auf sich aufmerksam machen. Auch stumme Vögel können sich in den kleinen Röhrichtparzellen nur schlecht den Blicken ihrer Bewunderer entziehen. Von den Sperlingsvögeln gerieten auch schon Schlagschwirl (1996) und Zwergschnäpper (1986) ins Visier. Die Beutelmeise wird, wie anderswo auch, immer seltener auf dem Heim- und Wegzug wahrgenommen. In klassischen Zugstausituationen von Ende April bis Ende Mai fliegen über dem See manchmal Tausende von Schwalben und Mauerseglern umher, die sich wegen der geringen Entfernung und der immer guten Einsehbarkeit des Gewässers exzellent studieren lassen. Darum sind gleich zwei Nachweise der Rötelschwalbe mit insgesamt vier Individuen in den Jahren 2005 und 2006 nicht weiter verwunderlich. Zum Schwalben- und Seglerbeobachten ist der Kiessee bei schlechtem Wetter das beste Gebiet weit und breit. In der Hauptzugzeit (März bis Ende Mai und Juli bis Ende Oktober), aber auch im Winter, wenn viele andere Gewässer zugefroren sind, lohnt sich ein Besuch immer. Vom regen Besucherverkehr, der auch kopfstarke Hundemeuten einschließt, sollte sich kein Vogelbeobachter abschrecken lassen – viele Vögel tun es nämlich auch nicht!

Kiesgrube Reinshof

Nur etwa zwei Kilometer südlich des Kiessees und über die Straße “Am Flüthedamm” zwischen Göttingen und Rosdorf schnell zu erreichen, befindet sich in der Gemarkung “Himmelreich” seit Ende der 1960er Jahre die immer noch aktive Kiesgrube Reinshof. Das Gebiet liegt in unmittelbarer östlicher Nachbarschaft zur Leine und ist (noch) erheblich offener strukturiert als der Kiessee. Gleichwohl weist es mittlerweile einen schmalen, von Sportanglern geförderten Röhrichtgürtel - mit einem ähnlichen Brutvogelspektrum wie am Kiessee - und gebüschreiche Sukzessionsflächen auf. Als Brutvögel sind Flussregenpfeifer, Eisvogel (an der Leine), Kleinspecht, Nachtigall, Feldschwirl und Gelbspötter hervorzuheben. Die ca. sieben Hektar große Wasserfläche wird von zahlreichen Entenarten, darunter auch Meeresenten, für einen Zwischenstop oder auch ein längeres Verweilen bis zur Überwinterung traditionell geschätzt. Fast schon eine Spezialität von Reinshof sind Entenhybriden der unterschiedlichsten Kombinationen, die hier optimal unter die Lupe genommen werden können. Wie groß ist die Bestimmerfreude, wenn sich das vermeintliche Bergenten-Weibchen als kniffliger Hybrid von Reiher- und Tafelente entpuppt! Stern-, Pracht- und Ohrentaucher sind dagegen seltene Gäste mit weniger als drei Nachweisen pro Art. Regelmäßig versammeln sich im Herbst und Winter bis zu 100 Saat- und Blässgänse, die zusammen mit den erheblich zahlreicheren Graugänsen auf den angrenzenden Feldern auf Nahrungssuche gehen und sich dabei oftmals aus ungewöhnlich geringer Distanz beobachten lassen. Für Limikolen ist Reinshof vergleichsweise attraktiv. Obwohl die Individuenzahlen immer gering ausfallen, belegen Nachweise von Austernfischer, Säbelschnäbler, Sanderling, Knutt, Temminck- und Zwergstrandläufer aus den letzten sechs Jahren eine gewisse Anziehungskraft. Auch Fluss-, Küsten-, Brand- und Weißbartseeschwalbe gelangten in diesem Zeitraum zur Beobachtung, nicht zu vergessen die in unserer Region traditionell spärlich auftretenden Silber-, Herings- und Mittelmeermöwen. Von der Dreizehenmöwe liegen gleich drei Nachweise (1986, 1987 und 1997) vor. Der Vogelzug lässt sich an der Kiesgrube Reinshof bei einigen Artengruppen besser studieren als am Kiessee. Aus dem Spektrum der Greifvögel treten Wespenbussard, Schwarzmilan, Fischadler und Baumfalke regelmäßig auf dem Heim- und Wegzug in Erscheinung, Seeadler (2004), Rotfußfalke (mehrere Nachweise) und Würgfalke (1991 und 2000 in der angrenzenden Feldmark) sind bislang die Highlights. Die Kiesgrube Reinshof ist im Göttinger Raum das beste Gebiet, um sich mit dem immerwährenden Kalender des Kleinvogelzugs vertraut zu machen. Überdurchschnittlich oft fallen hier die jährlichen Erstbeobachtungsdaten von Grasmücken, Laub- und Rohrsängern an. Auf die Frage “Wann bekomme ich die erste Dorngrasmücke oder den ersten Teichrohrsänger zu sehen” gibt das Gebiet in fast jedem Jahr eine erschöpfende Antwort. An guten Zugtagen im April und Mai kann man fast schon sicher sein, auf spärliche Arten wie Wendehals, Schilf- und Drosselrohrsänger zu stoßen. Das Blaukehlchen wird in fast jeder Heimzugperiode gesehen, im Frühjahr 2006 lag sogar eine Revierbesetzung in einem angrenzenden Rapsfeld vor. Auch der Rohrschwirl ließ sich schon zweimal auf dem Heimzug blicken. Im Herbst sind ziehende Heidelerchen ein immer gern genossener Anblick und Ohrenschmaus. Dann werden auch die Bäume und Büsche von unruhigen Drosseln, darunter in manchen Jahren auch die eine oder andere Ringdrossel, wieder lebendig. Die Kies- und Ödlandflächen mit schütterer Ruderalvegetation sind ein typischer Lebensraum von Berghänfling und Schneeammer, die aber nur alle paar Jahre im November/Dezember gesehen werden. Der letzte Nachweis der Ohrenlerche (1979) liegt sogar fast 30 Jahre zurück.
Ein Besuch an der Kiesgrube Reinshof lohnt sich eigentlich immer. Ab Mitte Juni bis Ende Juli sollte man als Beobachter das Gebiet aber eher meiden, weil es dann übermäßig von Badegästen frequentiert wird, die fernglasbewehrten Besuchern eine gewisse Abneigung entgegenbringen…

Feldmark Göttingen-Geismar mit dem Diemardener Berg und der ehemaligen Bauschuttdeponie

Folgt man dem Wirtschaftsweg von der Kiesgrube Reinshof nach Osten und überquert dann die B 27 in Höhe der Brücke über die Garte, ist man in der Feldmark Göttingen-Geismar angelangt, einem agrarisch geprägten Gebiet, das sich einen gewissen Strukturreichtum bewahrt hat.

Feldmark Geismar

Die Feldmark Geismar-Süd, aufgenommen von der ehemaligen Bauschuttdeponie. Hier präsentiert sich die Kulturlandschaft noch verhältnismäßig strukturreich und bietet damit einer recht hohen Zahl von Arten einen geeigneten Lebensraum. Foto: Nikola Vagt

Für Brutvögel aus dem Spektrum der Feld- und Offenlandbrüter sind die zum Diemardener Berg führenden Hanglagen und die gebüsch- und heckenreiche Umgebung der “Hirsebreikuhlen” (Gipseinbrüche), aber auch einige tiefer gelegene Bereiche der Feldmark von Interesse. Hier siedelt noch, mit sechs bis sieben Paaren, eine kleine, aber offenkundig vitale Rebhuhn-Population. Wachteln rufen von Ende April bis Mitte August in jährlich schwankenden Zahlen (von zwei bis 20 Rufern) aus den großen Getreideschlägen. Der Neuntöter brütet mit zwei Paaren und wird im Winter von seinem größeren Vetter, dem Raubwürger vertreten. Die Zahlen rastender Steinschmätzer und Braunkehlchen sind hier auf dem Heim- und Wegzug besonders hoch. Das Schwarzkehlchen wird ab und an beobachtet, während von der Spornammer, was Wunder, nur ein Nachweis (1996) existiert. Eine Spezialität ist die Ringdrossel, die auf dem Heimzug von Anfang bis Ende April regelmäßig auftritt, in guten Jahren mit bis zu acht Individuen pro Tag.

Diemardener Berg

Blick vom Diemardener Berg auf Göttingen. Rastende Mornellregenpeifer interessieren sich jedoch weniger für das Panorama der Leinemetropole. Sie schätzen den freien Rundumblick, der Feinden wie Habicht oder Sperber einen unbemerkten Anflug quasi unmöglich macht. Foto: Fabian Bindrich.

Der Diemardener Berg (170 m ü.NN) riegelt die Feldmark zum Gartetal ab. Dieser kleine, nur etwa 1,5 Kilometer lange Höhenzug sieht mit seinen großen Getreide- und Rapsschlägen auf den ersten Blick ziemlich langweilig aus, hat es aber in sich. Er garantiert dem Besucher nämlich eine freie Sicht über Göttingen, das Leinetal und den Göttinger Wald. Ziehende Vögel jeder Größenklasse können schon aus einiger Entfernung wahrgenommen werden. Weil das ausgeräumte Plateau nur einen geringen Bestand an Bäumen und Büschen aufweist, ist es für den lokalen Starvogel geradezu prädestiniert. Gemeint ist der Mornellregenpfeifer (und erst in zweiter Linie das Steppenflughuhn, das nur 1888 hier gesehen wurde!), der in geringer Anzahl von zumeist ein bis zwei Vögeln nahezu alljährlich auf dem Wegzug von Mitte August bis Mitte September beobachtet werden kann. Eine Frühexkursion auf den Diemardener Berg lässt an guten Zugtagen von Mitte August bis Mitte September die Herzen höher schlagen. Regelmäßig können, neben größeren Trupps von Baumpiepern und Schafstelzen, auch ziehende und rastende Brachpieper und Ortolane geortet werden, die Kenntnis der arttypischen Kontakt- und Zugrufe natürlich vorausgesetzt… Aber auch ein stiller Blick zu Boden kann Überraschungen bereithalten: Am 12.8.2006 ließ sich der erste Seggenrohrsänger Süd-Niedersachsens seit 1975 von drei Beobachtern in einem vegetationsreichen Entwässerungsgraben optimal bestaunen.

Goldammer

Als Bewohnerin des offenen und halboffenen Kulturlandes ist die Goldammer am südlichen Göttinger Stadtrand verhältnismäßig häufig anzutreffen. Im Winter suchen auf dem Diemardener Berg auch größere Trupps nach Nahrung. Foto: Volker Hesse

Den Kranichzug und den Wegzug von Merlin, Kornweihe, Rotmilan, Sperber und Mäusebussard von Mitte September (Kranich in der Regel ab Mitte Oktober) bis Ende November kann man hier besonders gut erleben. Tagessummen von 5.000 Kranichen und mehr sind keine Seltenheit. Dagegen scheinen die Zahlen wegziehender Rotmilane immer mehr zurückzugehen. Ob die Nachweise von Zwergadler (1998), Rotfußfalke (1986, 1990), Wiesenweihe und Sumpfohreule (jeweils mehrere) darüber hinwegtrösten können, dass ziehende Wespenbussarde bislang nur in geringer Zahl registriert wurden, ist reine Ansichtssache.
Bewegt man sich in der Feldmark Richtung Nordosten, erblickt man von weitem eine kleine, von Bäumen und Büschen bewachsene Erhebung, die ehemalige Hausmüll- und Bauschuttdeponie des heutigen Göttinger Stadtteils Geismar. Hier kommen die Halboffenland-Charakterarten Dorngrasmücke, Sumpfrohrsänger und Goldammer in besonders hohen Dichten vor. Auch der Feldschwirl besetzt alljährlich drei bis vier Reviere. Die allgemein im Bestand zunehmende Nachtigall hat auch dieses Gebiet erobert. Leider wird die Bauschuttdeponie nur vereinzelt von Vogelbeobachtern aufgesucht. Dabei könnten die “vier großen W” (Wiesenweihe, Wachtelkönig, Wiedehopf und Wendehals), die hier beobachtet wurden, nur der Vorgeschmack weiterer Überraschungen gewesen sein!
Die Feldmark Geismar ist durch z.T. asphaltierte Wirtschaftswege nur allzu gut erschlossen und kann problemlos mit dem Fahrrad abgefahren werden. Für eine Exkursion auf den Diemardener Berg (von Geismar aus über die Straße “Im Bruche” zu erreichen) empfiehlt es sich, das Rad an der Informationstafel an der Benjes-Hecke nahe den “Hirsebrei-Kuhlen” abzustellen und sich dann weiter zu Fuß vorzuarbeiten. Die Bauschuttdeponie kann auch mit dem Auto (Verlängerung der Hauptstraße aus Geismar Richtung Klein Lengden) angefahren werden.
Wir hoffen, mit diesem kleinen Streifzug durch die südliche Peripherie einer kleinen niedersächsischen Großstadt gezeigt zu haben, was man alles in einer eher unspektakulären Umgebung, weitab von den Vogelzug-Knotenpunkten Rybatschi, Helgoland oder - Marburg sehen kann. Also: Nichts wie raus! hd
Zum Weiterlesen:

August 17th, 2006

Parkanlagen stellen im Siedlungsbereich einen wichtigen und artenreichen Lebensraum für Vögel dar. Dies gilt in besonderem Maße für den 1881 eingeweihten Göttinger Stadtfriedhof an der Kasseler Landstraße, der in seiner jetzigen Form zu den schönsten Friedhöfen Deutschlands gehört. Das äußere Erscheinungsbild des Friedhofs hat sich dabei gravierend verändert. Bis vor wenigen Jahrzehnten zeichnete sich das Gebiet durch offene und halboffene Strukturen aus, heute vermittelt es aber bereits auf den ersten Blick einen mischwaldähnlichen Eindruck: Koniferen und alte Laubbäume bestimmen neben den friedhofstypischen Grab- und Rasenflächen das Bild. Damit eignet sich der Stadtfriedhof hervorragend zum Studium der typischen Waldvogelarten, die die nur 36 ha große, vom Siedlungsbereich umschlossene Waldenklave in hohen Dichten besiedeln. Vorteilhaft für Naturinteressierte wirken sich hierbei nicht nur das enge Wegenetz, sondern auch die geringen Fluchtdistanzen der mit menschlichen Besuchern durchaus vertrauten Vögel aus.

Die Zukunft des Stadtfriedhofs ist derzeit durchaus offen. Zu befürchten ist die Umwandlung in eine sterilere, pflegeleichtere und höherem Besucherdruck ausgesetzte Parkanlage sowie die Reduzierung von Altholz und Gebüschstrukturen, denn in Göttingen fielen bereits einige andere Grünanlagen (z.B. der Bartholomäusfriedhof) solchen Maßnahmen zum Opfer. Für den Stadtfriedhof wäre eine gravierende Verschiebung des Artengefüges die Folge.

Stadtfriedhof

Typische Aspekte des Stadtfriedhofes: Altholzbestände und intensiv gepflegte Scherrasen und Grabflächen. Foto: Nikola Vagt

Schon das Brutvogelspektrum kann sich sehen lassen. Regelmäßig nutzen deutlich mehr als 30 Arten das Gebiet zur Reproduktion. Die Amsel ist der mit Abstand häufigste Brutvogel, aber auch die Singdrossel besiedelt das Gebiet mit fast zwanzig Paaren. Für den Sperber liegen seit Jahren Brutzeitbeobachtungen und auch Brutnachweise vor. Auf dem Stadtfriedhof brüten alle sechs heimischen Meisenarten (Sumpf- und Weidenmeise aber nur mit wenigen Paaren) sowie die Schwanzmeise. Winter- und Sommergoldhähnchen fühlen sich in den zahlreich vorhandenen Koniferen wohl und brüten alljährlich mit jeweils mehr als zehn Paaren. Beide Baumläuferarten besiedeln dass Gebiet, Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig und Zilpzalp sind keine seltenen Brutvögel. Für eine ganze Reihe von Finkenvögeln bietet der Stadtfriedhof ein geeignetes Bruthabitat. Für Girlitz und Gimpel stellt der Stadtfriedhof einen lokalen Verbreitungsschwerpunkt dar. Kernbeißer besetzen hingegen nicht alljährlich Reviere, gleiches gilt für den Birkenzeisig und den Stieglitz. Für den Fichtenkreuzschnabel liegt ein Brutnachweis (1999) vor. Auch Gartenrotschwanz (zuletzt vor mehr als zehn Jahren) und Trauerschnäpper (zuletzt 1999) haben dort gebrütet - aus den letzten Jahren fehlen jedoch Brutzeitnachweise. Der Grauschnäpper besetzt hingegen alljährlich Reviere. Ein kleines Parkgewässer dient alljährlich als Lebensraum zur Reproduktion von Teichralle, Graugans und Stockente.

Zur Zugzeit lassen sich auf dem Stadtfriedhof spärlich durchziehende Langstreckenzieher wie Trauerschnäpper, Gartenrotschwanz, Waldlaubsänger und seltener auch Wendehals beobachten. Im zeitigeren Frühjahr und späteren Herbst nutzen Rot-, Mistel-, Sing-, Wacholderdrossel und Amsel das Gebiet zur Rast, recht selten werden auch Ringdrosseln beobachtet. Auch Waldschnepfen wurden zur Zugzeit festgestellt.

Im Winter versammeln sich – besonders in Fruktifikationsjahren der Koniferen – am Stadtfriedhof größere Trupps von Finkenvögeln: Stieglitz, Birken- und Erlenzeisig, Grün- und Buch- und Bergfink können dann aus nächster Nähe und in recht großen Zahlen beobachtet werden. Der Fichtenkreuzschnabel ist ein regelmäßiger Wintergast in unterschiedlichen Zahlen. Auf dem Stadtfriedhof hat man recht gute Möglichkeiten, die krummschnäbeligen, hübschen Finken aus geringer Distanz zu beobachten. Mit den arttypischen Rufen sollte man sich trotzdem vertraut machen, weil die Kreuzschnäbel trotz auffälliger Färbung gar nicht so einfach zu entdecken sind. Regelmäßig überwintern Misteldrosseln in dem Gebiet. Seidenschwänze werden zwar in fast jedem Winter am Stadtfriedhof beobachtet, im Stadtgebiet der „Seidenschwanz-Hochburg“ Göttingen gibt es aber einige bessere Stellen für die Art - beispielsweise das pappel- und mistelreiche Leineufer am südlichen Stadtrand sowie die umliegenden Kleingärten und den Kiessee.

Der Stadtfriedhof ist von der Innenstadt bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Die Buslinien 3, 4 und 5 halten direkt vor dem Haupteingang an der Kasseler Landstraße. Wer mit dem Auto anreist, kann dieses auf dem Friedhofsparkplatz an der Ostseite (Jheringstraße) abstellen.

Vogelbeobachter sind auf dem Stadtfriedhof ein gewohnter Anblick, Konflikte mit Verwaltung und Gästen sind hier die absolute Ausnahme. Es versteht sich trotzdem von selbst, dass dieses gute Verhältnis nicht durch pietätloses oder der sensiblen Umgebung unangemessenes Verhalten aufs Spiel gesetzt werden sollte. In diesem Zusammenhang sei vor allem darauf hingewiesen, dass eine öffentliche Toilette im Hauptgebäude im Eingangsbereich an der Kasseler Landstraße zur ordnungsgemäßen Benutzung einlädt. sp

Zum Weiterlesen:

August 17th, 2006

Vogelbeobachten im Wald

Der Landkreis Göttingen zählt zum waldreichen Leine- und Weserbergland, dessen Hochlagen von Vogelarten besiedelt werden, die nördlich der Mittelgebirgsschwelle nur spärlich vertreten sind oder fehlen. Leider werden die Wälder von vielen Vogelbeobachtern eher gemieden. Dies liegt zum wenigsten an der (hypothetischen) atavistischen Scheu des ursprünglichen Savannenbewohners Homo sapiens vor dunklen Baumbeständen, sondern ist der reinen Bequemlichkeit geschuldet. Die meisten Waldvögel tauchen nämlich regelmäßig außerhalb ihrer Primärhabitate auf, sei es auf dem Zug, sei es als einfliegender Wintergast oder auch als verstädterter Nachbar im Garten nebenan. Eine Stunde gemächlichen Dahinschlenderns an einem Feuchtgebiet kann doppelt bis dreimal so viele Arten vor die Optik befördern wie ein Wandertag im Wald. Damit erklärt sich auch, warum Top-Birdern, die in der Bundesrepublik Deutschland schon mehr als 300 Arten gesehen haben, der Gesang von Waldbaumläufer und Sumpfmeise genauso unbekannt ist wie anderen das Liedgut der Kastelruther Spatzen. Vielleicht gelingt es ja, mit dem Vorstellen dreier attraktiver Gebiete einigen Waldvermeidern den Mund zu wässern. Das - zugestandenermaßen oftmals mühselige und manchmal frustrierende - Vogelbeobachten im grünen Dickicht hat nämlich seinen ganz eigenen Reiz. Wohl nirgendwo sonst wird einem die ökologische Grundregel, dass das Vorkommen von Vogelarten an bestimmte Lebensräume gebunden ist, derart facettenreich vor Augen geführt wie hier. Die stimmungsvolle Atmosphäre einer Waldexkursion tut oft ein übriges.

Hesse-Straße im Reinhäuser Wald

Ungefähr 15 km südöstlich von Göttingen befindet sich im Ostteil des Reinhäuser Waldes die Ischenröder Schweiz. Sie bezieht ihren malerischen Namen von den mächtigen Buntsandsteinformationen, die dem Waldbild ein eigentümliches Gepräge verleihen. Man erreicht die Ischenröder Schweiz, wenn man vor dem Ortsausgang von Bremke der Straße nach Ischenrode (Richtung Eschwege) folgt. Nach ungefähr 1,5 kurvenreichen Kilometern erblickt man an der rechten Straßenseite in Höhe einer Pferdeweide an einem Bachlauf eine unscheinbare, mit Kalk geschotterte Abfahrt, die vor einer Schranke endet. Von dort aus folgt man dem Hauptweg unterhalb des Mönche-Bergs, der in mäßiger Steigung auf das Plateau des Reinhäuser Waldes führt. Die Umgebung wird zunächst von Nadelbäumen dominiert, aus denen die leisen Gesänge des Quartetts von Tannenmeise, Haubenmeise und Winter- und Sommergoldhähnchen erklingen. Oben angekommen, passiert man zur Linken eine größere Laubholzparzelle mit Eichen, deren Altholzanteil jedoch in den vergangenen Jahren durch Abholzung deutlich geschrumpft ist. Hier kommt noch der Mittelspecht vor, der im Reinhäuser Wald ansonsten recht selten ist. Auf der rechten Seite des Weges ragen alte Kiefern in die Höhe, die in ungewöhnlicher Stetigkeit vom Fichtenkreuzschnabel bevölkert werden. Im weiteren Umfeld des Plateaus brüten Habicht, Wespenbussard, Kolkrabe und der Schwarzspecht. Die letztgenannte Art ist ein auffälliger Brutvogel, der sich nicht nur durch weittragende Rufreihen bemerkbar macht. Auch kräftige Hackspuren an morschen Fichtenstümpfen bezeugen seine Präsenz. Ein milder Tag im März mit Spechten in voller Aktion - trommelnd, quäkend und nach rasantem Verfolgungsflug zwischen den Bäumen verschwindend - ist ein Erlebnis, das sich keiner entgehen lassen sollte.

Vorwiegend akustisch können auch Hohltaube und, mehr in Richtung Waldrand des Mönche-Bergs, die Turteltaube registriert werden. Diese hat stark im Bestand abgenommen, weil unsere Wälder aufgrund veränderter Bewirtschaftung insgesamt dichter und dunkler geworden sind.

Wenn man sich vom Plateau in Richtung Reinhausen ungefähr 250 m weit bergab bewegt, erblickt man linkerhand in Höhe der Jägersteine einen unaufgeräumten Mischwaldbestand mit künstlich angelegten Tümpeln, von denen es in diesem Teil des Reinhäuser Waldes recht viele gibt. Hier und in der näheren Umgebung wurde in den Jahren 2003 und 2005 ein balzendes Männchen des Sperlingskauzes öfter gehört als gesehen. Ob es sich um eine dauerhafte Ansiedlung handelt, bleibt abzuwarten.

Waldkäuze können bei abendlichen Begehungen regelmäßig vernommen werden, ab und an, wiederum in Richtung Mönche-Berg, auch die Waldohreule. Für einen Besuch der Hesse-Straße empfehlen sich die Monate März bis Mai sowie September und Oktober.

Lange Bahn im Bramwald

Ungefähr 20 Kilometer westlich von Göttingen führt eine Landstraße zwischen Ellershausen und Hemeln durch den Bramwald. Auf halber Strecke liegt ein Parkplatz, der sich als Ausgangspunkt einer Erkundung der Langen Bahn, einem Höhenweg, anbietet.

Eiche Bramwald

Auch hier wird der Wald von Koniferen geprägt, den “Brotbäumen” der Forstwirtschaft, die zum Nachteil der ursprünglichen Laubhölzer gehegt wurden. Neben Parzellen, auf denen Roteichen angepflanzt wurden, finden sich hier auch noch größere Birkenbestände und als Besonderheit ein ehemaliger Hutewald mit alten Eichen (Mittelspecht), der seit dem Herbst 2006 von knuffigen schottischen Hochlandrindern beweidet wird. Das Artenspektrum an der Langen Bahn ist demjenigen an der Hesse-Straße vergleichbar. Jedoch kann man hier auch den Tannenhäher und, mit Glück, neben dem Sperlingskauz auch den Rauhfußkauz hören und sehen. Wer noch nie in seinem Leben die hektischen Balzflüge revierbesetzender Erlenzeisige gesehen hat - und das dürfte die große Mehrzahl der Vogelfreunde sein - ist hier im Mai und Juni am richtigen Platz.

Rinder Bramwald

Nordöstlich der Langen Bahn erhebt sich der Totenberg, ein ca. 80 Hektar großes Buchenwald-Totalreservat mit striktem Betretungsverbot. Von einem kräftezehrenden Rundweg, der hinab ins Niemetal und von dort wieder auf das Plateau führt, kann man das Reservat einsehen und einen Eindruck davon gewinnen, wie sich ein nicht mehr genutzter Wald entwickelt und verändert.

Hühnerfeld im Kaufunger Wald

Der Kaufunger Wald ist das größte Waldgebiet der Region. Leider müssen wir es mit unseren hessischen Nachbarn teilen. Auch dieser Wald weist mehrheitlich Nadelhölzer auf, daneben aber auch Buchen-Altholz-Inseln mit Schwarzspechthöhlen, in denen Hohltauben, Rauhfußkäuze und, als regionale Spezialität, Dohlen brüten. Als Einstieg bietet sich eine Exkursion zum ca. 30 Kilometer von Göttingen entfernten Hühnerfeld und dessen Umgebung an. Das Hühnerfeld ist ein unter Naturschutz stehendes Hochmoor, das seinen Namen den Rauhfußhühnern verdankt. Diese sind lange verschwunden, dafür gibt es heute dort Pferde und Ponys, die der Verbuschung und Bewaldung durch unablässiges Fressen Einhalt gebieten. Das Hühnerfeld erreicht man auf der A 7, Abfahrt Hann. Münden-Lutterberg. An der Abzweigung geht es links auf der Landstraße in Richtung Sichelnstein durch den Wald. Nach ungefähr 2,5 km biegt man links in die schmale Straße Richtung Hühnerfeld ein. Dort, wo die Straße auf die Kohlenstraße trifft, gibt es Parkmöglichkeiten. Parken kann man auch am nahe gelegenen Jugendwaldheim am Steinberg. Von hier aus lässt sich das Gebiet nach Lust und Laune stundenlang erkunden. Besonders attraktive Routen gibt es nicht; die Attraktion ist der schier endlos wirkende Wald selbst, in dem man sich fast jeden Vogel erarbeiten muss. Neben Fichtenkreuzschnabel und Erlenzeisig ist der Tannenhäher nicht selten, macht sich aber auch hier gern unsichtbar. Die beste Zeit für den heimlichen Nussknacker ist März und April. Ab Juli wandern die Vögel auf der Suche nach Haselnüssen auch in den Siedlungsbereich der umliegenden Gemeinden (z.B. Hann. Münden).

Eine Abend- und Nachtexkursion im März und April sowie im September und Oktober birgt gute Chancen, Rauhfuß- und Sperlingskauz zu hören. Im Herbst sollte man jedoch die Rotwildjäger im Auge behalten, die - als Platzhirsche der besonderen Art - den Erfolg der Exkursion durch störende Zwischenrufe (“Ihr vergrämt uns das Wild!”) erheblich beeinträchtigen können. Das elitäre Ansinnen, in der hormon- und doppelkornschwangeren Brunftzeit den Wald von allen anderen Zweibeinern frei zu halten, entbehrt jedoch der rechtlichen Grundlage.

In bzw. über allen drei Waldgebieten kann mit Glück auch der Schwarzstorch gesehen werden. Er hat sich seit den frühen 1990er Jahren zum regelmäßigen Brutvogel gemausert und besiedelt unsere Region mit ungefähr fünf bis sechs Paaren, die ca. 10 Prozent der niedersächsischen Gesamtpopulation ausmachen.

Gern hätten wir noch Tipps zur Beobachtung balzender Waldschnepfen gegeben. Viele Limikolen-Bewunderer kennen die meisten ihrer Lieblinge nicht aus ihren Brutgebieten, wo sie sich als stimmfreudige Flugkünstler völlig anders präsentieren als auf der Rast. Der Anblick eines sonst extrem kryptischen Vogels, der im rasanten Zickzackflug, verbunden mit absonderlichen Lautäußerungen, über einer Schneise oder Lichtung umhertorkelt, ist unvergesslich. Leider gehört die Waldschnepfe zu den großen Verlierern des “naturgemäßen Waldbaus”, der das weitgehende Verschwinden von Offenstellen zur Folge hat. Die Waldschnepfe ist deshalb als Brutvogel sehr selten geworden und kann heutzutage fast nur noch auf dem Heim- und Wegzug beobachtet werden. hd

August 17th, 2006

Sie möchten alle sieben in Niedersachsen heimischen Spechtarten beobachten, außerdem eine Vielzahl von Waldvögeln und Charakterarten des offenen und halboffenen Kulturlandes - und das womöglich noch an einem einzigen Vormittag? In der unmittelbaren Umgebung Göttingens ist dies möglich. Östlich des Siedlungsbereichs befindet sich mit dem Göttinger Stadtwald ein Naherholungsgebiet, das nicht nur unterschiedliche Lebensräume vereint, sondern auch bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar ist.
Wir möchten im folgenden den Stadtwald anhand einer Wanderung vorstellen. Für die Tour sollten - großzügige Beobachtungszeiten eingeschlossen - etwa fünf Stunden veranschlagt werden, selbstverständlich lassen sich die einzelnen Teilgebiete aber auch gesondert anfahren.

Molkengrund
Ausgangspunkt unserer Wanderung ist der angestaute Reinsgraben auf den Schillerwiesen zwischen der Merkelstraße und der Bismarckstraße am Ostrand der Stadt. Folgt man ihm und überquert die Bismarckstraße, hat man den Molkengrund erreicht, der sich ungefähr 200 m lang unterhalb des Hainbergs hinaufzieht, der vor 130 Jahren mit aufwendigen Anpflanzungsaktionen wiederbewaldet wurde. Der Molkengrund ist ein alter, vor ca. 150 Jahren angelegter Landschaftspark, der jedoch wegen mangelnder Pflege viel von seinem kultivierten Charme verloren hat. Der Reinsgraben wird von Kleinvögeln zum Trinken und Baden genutzt, in Einflugjahren auch von Seidenschwänzen, die dann unweit der Tränke einen Schlafplatz beziehen. Regelmäßig lassen sich hier auch Gebirgsstelzen beobachten. Die alten Laubbaumbestände werden unter anderem von Kleiber, Buntspecht und Sumpfmeise besiedelt. Auch der Mittelspecht besetzt hier, trotz eines äußerst geringen Eichenanteils, regelmäßig 1-2 Reviere. Daneben findet sich die ganze Palette der häufigen Waldvögel, die, wie z.B. Zaunkönig und Rotkehlchen, hohe Dichten erreichen können - dem überall am Boden aufgeschichteten Schwachholz aus früheren Durchforstungen sei Dank. Gegen Abend und in der Nacht lassen sich Waldkäuze vernehmen und sehen. Sie jagen auch auf den stadtnahen Schillerwiesen.

Waldohreulen

Waldohreulen brüten im Göttinger Stadtwald überall dort, wo Gehölzinseln an struktur- und kleinnagerreiches Grünland grenzen. Bruten in Nistkästen (wie hier auf dem Kerstlingeröder Feld) sind allerdings die absolute Ausnahme. Am besten beobachten lassen sich die Dämmerungsjäger im Juni, wenn die Jungvögel ihre charakteristischen und durchdringenden Bettelrufe ertönen lassen. Foto: Mathias Siebner.

Wenn man dem asphaltierten Weg weiter bergauf folgt und die imposanten Überreste der uralten Ahlborn-Buche rechts liegen gelassen hat, erblickt man nach einem Kilometer das

Sengersfeld,
eine strukturreiche Freifläche mit Hecken und Gebüschen, in deren Nordteil vor 30 Jahren eine Streuobstwiese gepflanzt wurde. Hier siedeln in geringer Dichte Charakterarten des halboffenen Kulturlands, unter denen Waldohreule, Baumpieper und Neuntöter hervorzuheben sind. Das Sengersfeld wird von einem befestigten Nord-Süd-Weg geteilt. Wir wenden uns gen Mittag und biegen an der Kreuzung „Stern“ nach Südosten ab. Nach ungefähr 10 Minuten sind wir am

Hainholzhof und Wildtiergehege am Kehr
angelangt. Hier prägen eine Reitanlage und ein Restaurant, das aber seit längerem nicht mehr betrieben wird, das Bild. Im späten Frühling und in den Sommermonaten hat, immerhin, ein Kiosk geöffnet, der zusätzliche Marschverpflegung bereithält. Der Hainholzhof kann auch gut von der Stadt aus mit dem PKW über die Bismarckstraße erreicht werden, Parkmöglichkeiten gibt es zuhauf. In den alten Linden existiert seit einigen Jahren eine hochgelegene Kolonie der Wacholderdrossel. Die Ställe werden von fünf bis sechs Brutpaaren der Rauchschwalbe bevölkert, deren Bestand im Göttinger Siedlungsbereich stark abgenommen hat. Unweit der Stallungen bezieht der Gartenrotschwanz in fast jedem Jahr eines seiner im Göttinger Raum selten gewordenen Reviere. Östlich an die Wiesen der Reitanlage grenzend erstreckt sich ein weitläufiges Gehege mit Wildschweinen und Damhirschen. Der Baumbestand wird von alten Eschen, Eichen und diversen Ahornarten dominiert; er beherbergt Grau-, Mittel- und Kleinspecht, nicht zu vergessen die Zwillinge Garten- und Waldbaumläufer, die hier im gemeinsamen Lebensraum zur Reproduktion schreiten. Eine regionale Besonderheit ist die kleine, seit Jahrzehnten präsente Nistkasten-Population des Trauerschnäppers. Diese Vogelart ist im Weser- und Leinebergland nur spärlich und lückenhaft vertreten.
Wenn wir das Wildgehege passiert haben, steht uns ein etwas längerer Fußmarsch auf der breiten asphaltierten Straße durch den Wald bevor, der jedoch durch den Anblick bzw. die akustische Wahrnehmung von typischen Waldvogelarten wie Kernbeißer, Misteldrossel und (nicht in jedem Jahr) Waldlaubsänger versüßt wird. Nach ungefähr 1,5 km stößt die Straße auf eine Betontrasse. Ihr folgen wir nach links und erreichen nach ca. 500 m das

Kerstlingeröder Feld
Dieses Gebiet ist ein wahres Kleinod, das in Süd-Niedersachsen seinesgleichen sucht! Seine wechselvolle Geschichte kulminierte in der jahrzehntelangen Nutzung als Standortübungsplatz, die 1992 ihr Ende fand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten breite Panzerketten in schöner Regelmäßigkeit öde Offenstellen freigewalzt. Die Ruine des historischen Gutsgebäudes aus dem 17. Jahrhundert wurde zum Biwakplatz bierseliger Rekruten zweckentfremdet. Brände durch unkontrollierte Lagerfeuer und verirrte Geschosse führten immer wieder zu kleineren Katastrophen. Das Grünland und die Rasenflächen sicherten einem Schäfer und seiner gefräßigen Herde von mehr als 500 Tieren das Auskommen. Was aber im verengten Blick der Verfechter eines harmonischen und statischen Naturverständnisses als blanke Zerstörung und brutalstmögliche Übernutzung erscheint, erwies sich letztlich als Glücksfall: Militärbetrieb und Beweidung haben dazu beigetragen, dass sich auf ca. 120 Hektar historische Kulturland-Habitate erhalten konnten, die anderswo schon seit langem der industriellen Land- und Forstwirtschaft zum Opfer gefallen sind.
Auf dem Kerstlingeröder Feld findet der Vogelkundler - aber auch der Botaniker und der Entomologe - heute noch alles, was das Herz begehrt: Orchideen- und insektenreiche Trocken- und Kalkmagerrasen, trockene Gebüsche, strukturierte Waldränder, alte Obstbäume und uralte Buchenbestände. Schade nur, dass im Südteil in den 1970er Jahren Aufforstungen mit Lärchen und Buchen vorgenommen wurden. Derartige Veränderungen - von der ursprünglich geplanten Anlage eines Golfplatzes ganz zu schweigen - würden heutzutage mit dem Verschlechterungsverbot der FFH-Richtlinie kollidieren, unter deren Schutz das Kerstlingeröder Feld und die angrenzenden Waldgebiete stehen. Die Stadt Göttingen, die das Gebiet 2001 erworben hat, bemüht sich, von Naturschutzorganisationen unterstützt, ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen und die extensiven Offenflächen durch Beweidung mit Kühen und Ziegen sowie mit aufwendigen Entbuschungsmaßnahmen zu erhalten. Vordringlich und am effektivsten wäre aus fachlicher Sicht aber die Wiederaufnahme der Schafbeweidung.

Schachbrettfalter

Auch für Tag- und Nachtfalter bietet das Kerstlingeröder Feld geeignete Lebensräume. Das Foto zeigt einen Schachbrettfalter. Foto: Nikola Vagt.

Auf dem Kerstlingeröder Feld brüten aktuell knapp 50 Vogelarten, weitere 15 nutzen das Gebiet während der Brutzeit regelmäßig zur Nahrungssuche. Besonders hervorzuheben sind die Brutvorkommen von Neuntöter (15-18 Rev.), Baumpieper (30 Rev.) und Fitis (45 Rev.), die einen regionalen Verbreitungsschwerpunkt dieser Lichtwald- und Offenlandarten anzeigen. Fitis und Baumpieper sind in Süd-Niedersachsen dramatisch im Bestand geschrumpft. Dazu haben in erster Linie die insgesamt dunkler gewordenen Wälder und der Verlust von strukturreichen Waldrändern im Übergang zum extensiven Offenland beigetragen. Starvogel des Gebiets ist zweifellos der Wendehals, der mit 1-2 Paaren sein einziges alljährlich bestätigtes Brutvorkommen weit und breit aufweist. Dieser Erdspecht profitiert vor allem von den ameisenreichen Rändern der ehemaligen Panzertrassen und Wege, von denen einige im Jahr 2006 skandalöserweise mit fettem Mutterboden bzw. einer Mischung aus Bauschutt und Plastikschrott aufgefüllt wurden. Ein klarer Fall von Missmanagement seitens der Stadt, die es eigentlich besser wissen müsste!
Aus der Familie der ruffreudigen Stammkletterer kommen, neben dem allgegenwärtigen Buntspecht, auch Grün-, Grau-, Schwarz- und (nicht alljährlich) Kleinspecht vor. Als typischer Bewohner von Gehölzinseln tritt die Waldohreule mit zwei Paaren auf. Der Waldkauz ist auf dem Kerstlingeröder Feld und im angrenzenden Wald recht häufig. Als Neuansiedler hat sich der Kolkrabe etabliert. Dagegen erlebten Bruten der Heidelerche im Jahr 1995 leider keine Fortsetzung. Und dass der Wachtelkönig im Jahr 2002 hier erfolgreich gebrütet hat, lag wohl vor allem daran, dass seine traditionellen Brutplätze im Leinepolder Salzderhelden in diesem nassen Ausnahmejahr restlos überschwemmt waren…
Auch zur Zugzeit ist das Kerstlingeröder Feld immer einen Ausflug wert: Kornweihe, Heidelerche, Ringdrossel, Brachpieper, Steinschmätzer, Braunkehlchen und Raubwürger (ehemaliger Brutvogel) können mit Glück und am besten frühmorgens vor dem Einsetzen des regen Besucherverkehrs gesehen werden.

Neuntöter

Neuntöter (hier ein Jungvogel) sind die Charaktervögel des Kerstlingeröder Feldes und lassen sich ab Mai beobachten. Im Winter übernimmt der größere Verwandte des Neuntöters, der Raubwürger, das Kommando über den ehemaligen Truppenübungsplatz. Das traditionelle Winterrevier wird dann von ein bis zwei Vögeln besetzt. Foto: Jan Goedelt.

Beobachtungstips
Für den Stadtwald und das Kerstlingeröder Feld ist der Mai der (Wonne-)Monat schlechthin. Dann singen und balzen viele Vogelarten nach Kräften und der Heimzug ist bei etlichen Migranten noch in vollem Gange. Bis Mitte Juni lassen sich die meisten Brutvogelarten gut beobachten. Die Einhaltung des Wegegebots und das Anleinen befreundeter Vierbeiner sollten dabei selbstverständlich sein. Im September und Oktober gibt es, wie anderswo auch, immer gute Zugtage, die sich vor allem im Offenland bemerkbar machen. Im Winter bestehen auf dem Kerstlingeröder Feld gute Chancen, Kornweihe und Raubwürger zu sehen, in Einflugjahren auch größere Trupps von Bergfinken und Fichtenkreuzschnäbeln.
Auf dem Kerstlingeröder Feld hat man den besten Überblick vom alles überragenden Sauberg im Norden, wo sich seit kurzem auch eine Bank befindet. Dort lasse man sich ruhig nieder und harre entspannt der kommenden Ereignisse – vom kreisenden Wespenbussard oder Schwarzstorch bis zum laut trompetenden Kranichkeil ist, je nach Jahreszeit, eine Menge zu holen. hd, sp.

Zum Weiterlesen:

August 17th, 2006

Leinepolder Salzderhelden, Geschiebesperre Hollenstedt und Northeimer Kiesteiche

Zwischen Einbeck und Northeim entlang der Leine reihen sich drei Beobachtungsgebiete aneinander, die ihre günstigen Habitatstrukturen mehr oder minder heftiger menschlicher Einwirkung und Betreuung verdanken. Überregional bekannt sind sie nicht nur wegen ihrer artenreichen Brutvogelwelt, sondern auch, weil immer wieder Seltenheiten beobachtet wurden, die Vogelbeobachter aus ganz Norddeutschland ins südliche Niedersachsen lockten. Alle drei hier besprochenen Gebiete sind zu allen Jahreszeiten interessant.

Leinepolder

Den großen Beobachtungsdistanzen und der unwirtlichen Nachbarschaft von Bundesstraße, Autobahn und Bahntrassen zum Trotz: Die Leineniederung nördlich von Northeim gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Beobachtungsgebieten der Region. Im Leinepolder beobachtet man am besten vom Deich - und hat ein Spektiv dabei. Foto: Silvio Paul

Leinepolder Salzderhelden

Als Teil der Hochwasserschutzmaßnahmen nach den verheerenden Hochwassern der Leine bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erfolgte ab dem Jahr 1972 die großflächige Eindeichung von insgesamt fünf Poldern zwischen Einbeck und Northeim, von denen vor allem die beiden nördlichsten (Polder I und II) vogelkundlich interessant sind.
Der Polder I grenzt dabei südlich an den Einbecker Ortsteil Salzderhelden und genießt als Wasservogelreservat, EU-Vogelschutz- und Naturschutzgebiet einen besonders hohen Schutzstatus. Zu den Schutzmaßnahmen zählt neben extensiver Grünlandnutzung auch ein Betretungsverbot für den gesamten Polder – das Beobachten ist nur von der Verdeichung erlaubt. Trotz allem gibt der Hochwasserschutz den Ton an, wenn es um Einstaumaßnahmen geht – oftmals mit Totalausfällen für bodenbrütende Vögel.
Im Leinepolder treffen mosaikartig verschiedene Lebensräume aufeinander, und genau das macht wohl den ornithologischen Reiz des Gebietes aus: Großseggenriede und größere Schilfflächen grenzen an extensiv bewirtschaftetes Feuchtgrünland, Hecken und Gräben lockern das Landschaftsbild zusätzlich auf. Das Gebiet wird zerschnitten von der Leine, die hier – einzigartig in der Region – in ihrem natürlichen Bett fließt und von natürlicher Ufervegetation begrenzt wird. Eine ehemalige Kiesgrube im Zentrum sowie ein kleiner Tümpel auf der Westseite des Polder I sind die einzigen permanenten Stillgewässer.
Brutvögel: Entsprechend abwechslungs- und artenreich gestaltet sich die Brutvogelwelt: Gebirgsstelzen besiedeln das Leinewehr in Salzderhelden, am Norddeich unmittelbar am Ortsrand brüten seit einigen Jahren Weißstörche und lassen sich bestens bei der Brut und Jungenaufzucht beobachten. Wachtel und Rebhuhn sind Brutvögel im Polder und den angrenzenden Gebieten. Die Grünlandparzellen beherbergen die vermutlich größte niedersächsische Population des Wachtelkönigs – die charakteristischen Rufe der Männchen können ab Mitte Mai am besten vom Norddeich verhört werden. Auch andere Rallen fühlen sich im Polder zu Hause, Bläss-, Teichhuhn und Wasserralle sind regelmäßige Brutvögel, auch das Tüpfelsumpfhuhn tritt als regelmäßiger Revierbesetzer in Erscheinung. Im Jahr 1995 gelang durch Fang der seltene Nachweis eines weiblichen Zwergsumpfhuhns. Aus den Jahren davor und danach lagen auch akustische Wahrnehmungen rufender Männchen dieser in Deutschland nur ausnahmsweise brütenden Rallenart vor. Kraniche werden mittlerweile alljährlich zur Brutzeit festgestellt, ein Brutnachweis steht jedoch noch aus. Auf den Feuchtgrünländern balzen auch Kiebitz und Bekassine, ihre Bestände folgen allerdings dem mitteleuropäischen Abwärtstrend. Neben den häufigeren Entenarten brüten im Polder Schnatter-, Krick, Knäk- und Löffelente. Für das Braunkehlchen stellt das Gebiet den einzigen regelmäßig besetzten regionalen Brutplatz dar. Steinschmätzer brüteten bisweilen entlang der Verwallung, nach der Entfernung der großen Steine auf dem Deich zugunsten eines monotonen Rasens ist dieses Vorkommen nun aber endgültig erloschen, und Steinschmätzer tauchen nur noch zur Zugzeit auf. Schafstelze, Neuntöter, Wiesenpieper, Schilf-, Teich- und Sumpfrohrsänger sowie Blaukehlchen und Feldschwirl hingegen sind regelmäßige Brutvögel und lassen sich - wie alle anderen Kleinvögel auch – am besten vom Norddeich vernehmen und manchmal auch beobachten. In den letzten Jahren konnten während der Brutzeit vermehrt singende Rohrschwirle vernommen werden, und auch für den Schlagschwirl existieren Nachweise. Die Nachtigall besetzt alljährlich mehrere Reviere am Bahnhof Salzderhelden, sie kann aber auch in anderen Gehölzen entlang des Deiches angetroffen werden.

Rotmilan

Greifvögel lassen sich besonders im Polder II des Rückhaltebeckens beobachten. Die Rastzahlen von Rotmilan (siehe Foto), Mäusebussard, Turmfalke und Co. sind dabei abhängig vom Angebot an Kleinnagern. Nach Einstaumaßnahmen verschwinden deshalb auch häufig die gefiederten Prädatoren. Foto: Christoph Grüneberg

Zugzeit: Die Rastbestände durchziehender Vögel sind in hohem Maße abhängig von Einstaumaßnahmen während der Leinehochwasser im zeitigen Frühjahr (März): Steigt der Wasserstand, ergeben sich vor allem für Wasservögel interessante Rasthabitate. Enten, Gänse und Limikolen lassen sich dann auch in größeren Zahlen beobachten. Nach späten Einstaumaßnahmen zur Heimzugzeit (Mitte / Ende Mai) gelangen auch immer wieder seltenere Durchzügler wie Pfuhlschnepfe, Zwergstrandläufer, Kiebitzregenpfeifer, und Sanderling zur Beobachtung – aus solchen meist recht kurzen Perioden stammen auch Nachweise von Raritäten wie Sumpfläufer, Odinshühnchen, Teichwasserläufer, Doppelschnepfe, Steppenkiebitz und Stelzenläufer. Auch Trauer-, Weißbart- und Weißflügel-Seeschwalben sowie der Schwarzhalstaucher können sich einfinden. Kiebitze benötigen zur Rast hingegen nicht unbedingt überstautes Grünland, sie nutzen auch trockenere Flächen. Der Leinepolder stellt für sie den bedeutendsten regionalen Rastplatz dar, alljährlich werden auf dem Weg- (Oktober, November) und vor allem auf dem Heimzug (Februar, März) Trupps mit 1000 und mehr Vögeln beobachtet. Sie sollten genauer nach Goldregenpfeifern durchgemustert werden, die auf dem Zug gerne mit Kiebitzen vergesellschaftet sind. In zeitlicher Nähe zu den Kiebitzen ziehen auch Kraniche durch und nutzen das Gebiet regelmäßig mit kopfstarken Trupps zur Rast. Silberreiher sind mittlerweile in unserer wie auch in anderen Regionen keine Seltenheit mehr und werden nahezu ganzjährig beobachtet. Im Leinepolder wurden aber auch schon Seiden- und Purpurreiher gesehen. Besonders in guten Mäusejahren und wenn Kleinvögel in größeren Zahlen durchziehen, ist der Polder für Greifvögel interessant: Neben den gängigen heimischen Greifen wird er dann auch von selteneren Gästen aufgesucht. Merlin und Wiesenweihe können auftauchen, für die letztgenannte Art existiert auch ein Brutnachweis aus diesem oder einem angrenzenden Gebiet (1991). Zahlreiche Beobachter aus der ganzen Republik bestaunten im Jahr 2001 einen Schelladler – der erste und bisher einzige für die Region Südniedersachsen.
Winter: Auch im Winter ist der Leinepolder einen Ausflug wert: Er wird dann (genau wie die anderen hier noch besprochenen Gebiete der Leineaue) von zahlreichen Gänsen besucht: Zu den zahlenmäßig dominierenden Graugänsen gesellen sich dann regelmäßig Saat- und Blässgänse, seltener auch Weißwangen- und Kanada- sowie in den letzten Jahren auch Kurzschnabelgänse. Singschwäne gehören zu den regelmäßigen Überwinterern, wohingegen die Aufenthalte ihres kleineren Verwandten deutlich seltener und meist von kurzer Dauer sind. Raufußbussarde überwintern gelegentlich, aber – anders als in anderen Regionen – bei weitem nicht alljährlich. Fast alle Beobachtungen stammen aus der Leineniederung. Ein regelmäßiger Wintergast über den Grünlandflächen ist dagegen die Kornweihe. Überwinternde und rastende Greifvögel halten sich auch gerne auf den intensiver bewirtschafteten Grünlandparzellen des Polder II auf. Für den Raubwürger ist der Polder I ein regelmäßiger Überwinterungsplatz, er wurde dort mehrfach bei der Jagd auf überwinternde Bergpieper beobachtet. Im Spätherbst und Winter wurden auch Sumpfohreulen gesehen. Winterbeobachtungen des Silberreihers haben in den letzten Jahren spektakulär zugenommen – über 20 Individuen wurden in der Leineaue festgestellt.
Beobachtungstips: Wie bereits erwähnt gilt für den Polder I ein Betretungsverbot, und zwar nicht nur für uneinsichtige Hundebesitzer, sondern auch für interessierte Naturbeobachter. Das Beobachten wird dadurch – gelinde gesagt – nicht gerade erleichtert. Das Gebiet kann ausschließlich vom umschließenden Deich aus eingesehen werden, der Einsatz von Fernglas und vor allem Spektiv ist hier also unbedingte Voraussetzung. Bewährt haben sich hierbei der nördliche sowie der westliche Deich. Zwischen Immensen und Sülbeck wurde ein Beobachtungsturm errichtet, der allerdings nur Einblick in einen kleinen Teil des Gebietes gewährt, in dem sich zudem auch nicht unbedingt die interessantesten Flächen befinden. Wer mit dem Auto anreist, hat mehrere Parkmöglichkeiten – etwa am Bahnhof Salzderhelden, an der Parkbucht am nordwestlichen Ende des Deichs an der L 572 oder in Sülbeck. Der Leinepolder ist auch via Bahn vom Bahnhof Salzderhelden aus erreichbar. Wer sein Fahrrad mit der Bahn mitnimmt, kann den westlichen Deich bequem abradeln und dabei Beobachtungsstopps einlegen. Es besteht dann auch die Möglichkeit, die Geschiebesperre Hollenstedt und die Northeimer Kiesteiche anzufahren und in Northeim wieder in die Bahn zu steigen.

Geschiebesperre Hollenstedt

Ebenfalls als Hochwasserschutzmaßnahme wurde im Leinelauf bei Hollenstedt eine Geschiebesperre ausgebaggert. Das Flussbett wurde hier gezielt verbreitert, um durch die so verminderte Fließgeschwindigkeit dafür zu sorgen, dass sich Geröll und Sedimente („Geschiebe“) ablagern. Die entstandenen Flachwasserhabitate wirkten auf Wasservögel wie ein Magnet. Gleichzeitig entstand am Leineufer ein Auwald, der das Artenspektrum mehr und mehr verändert.
Brutvögel: Zu den Brutvögeln an der Geschiebesperre gehören heute Schnatterente, Zwergtaucher, Flussregenpfeifer, Eisvogel und Beutelmeise. Für den Waldwasserläufer liegen auch Brutzeitbeobachtungen vor. Die Nilgans reproduziert sich seit einigen Jahren erfolgreich an der Geschiebesperre und den angrenzenden Kiesteichen. Den namensgebenden Fluss haben „unsere“ Nilgänse aber mit Sicherheit nie zu Gesicht bekommen, sie stammen aus westeuropäischen Freilandpopulationen ursprünglicher Gefangenschaftsflüchtlinge und wanderten über die Niederlande nach Deutschland ein.
Zugzeit: Die Geschiebesperre galt noch vor wenigen Jahren als absoluter Hot Spot für durchziehende Limikolen. Hier gelangen unter anderem Beobachtungen von Doppelschnepfe, Grasläufer, Sumpfläufer und Odinshühnchen. Für Watvögel (und damit auch für ihre menschlichen Anhänger) hat das Gebiet allerdings erheblich an Attraktivität verloren, und zwar vor allem wegen der aufkommenden Gehölze an den Leineufern, die Prädatoren wie Habicht und Sperber als deckungsreiche Ansitzwarten für erfolgreiche Jagdflüge dienen. Vor allem bei niedrigen Wasserständen und freiliegenden Schlammbänken lassen sich aber trotzdem regelmäßig Strand- und Wasserläufer, Schnepfen, Regenpfeifer und Brachvögel zur Rast und Nahrungssuche nieder. Zwergmöwen, aber auch andere (Groß-)Möwenarten nutzen die Geschiebesperre gerne zur Rast. Von der Raubseeschwalbe existieren mehrere Nachweise, ebenso von Weißbart- und Weißflügel-Seeschwalbe. 155 an der Geschiebesperre im Einflugjahr 1997 beobachtete Individuen der letztgenannten Art werden wohl eine seltene Ausnahme bleiben. Auch für Reiher und Enten bieten sich zur Zugzeit geeignete Habitate. Schwarzstörche nutzen die Flachwasserbereiche im Sommer zur Nahrungssuche. Relativ regelmäßig werden Fischadler beobachtet. Weil die Leine offenbar als Leitlinie für durchziehende Vögel dient, lässt sich an der Geschiebesperre das Zuggeschehen an manchen Tagen hervorragend verfolgen.
Winter: Als Fließgewässer friert die Leine auch in kalten Wintern praktisch nie zu. Deshalb kommt es an der Geschiebesperre regelmäßig zu Konzentrationen von Wasservögeln: Dann tummeln sich hier überwinternde Gänse und Schwäne. Tauch- und vor allem Gründelenten (Pfeif-, Krick- und Stockente) und Blässhühner lassen sich auch in größeren Zahlen beobachten. Zwerg- und Gänsesäger ertauchen sich ebenso Nahrung wie Zwergtaucher. Waldwasserläufer haben in den vergangenen Jahren überwintert. Sie teilen sich dann ihren Lebensraum mit den viel unauffälligeren Bergpiepern, die häufig erst durch ihre Rufe auf sich aufmerksam machen. Auch Rohrdommeln haben hier mit wechselndem Erfolg versucht, die harte Jahreszeit zu überdauern. Zur winterlichen Folklore gehört mittlerweile auch hier der Silberreiher.

Geschiebesperre Hollenstedt

Beobachten bequem möglich: Blick von der Beobachtungsplattform bei Hollenstedt. Foto: Nikola Vagt

Beobachtungstipps: Die Geschiebesperre Hollenstedt lässt sich komfortabel mit Fernglas und Spektiv von einer Beobachtungsplattform an der L572 einsehen. Für das Gebiet selbst gilt ein striktes Betretungsverbot. Wer mit dem Auto anreist, parkt entweder in Hollenstedt oder an der Haltebucht am Deich nördlich des Ortes – die Beobachtungsplattform ist dann mit einem kurzen Fußmarsch zu erreichen.

Kiesteiche Northeim

Bestehend aus insgesamt mehr als zehn Teichen schließen sich südöstlich an die Geschiebesperre die Northeimer Kiesteiche an. Alle Gewässer entstanden durch Kiesgewinnung, die aber an den meisten Teichen schon lange abgeschlossen ist. Eingerahmt und zerschnitten von gleich zwei heftig frequentierten Bahnlinien, einer Autobahn und einer Bundesstraße ist es fast schon ein Wunder, woher die Northeimer Kiesteiche ihre Attraktivität für Vögel beziehen – hier findet man vieles, aber sicherlich keine unberührte Natur oder himmlische Stille und Abgeschiedenheit! Während der nordwestlich der Autobahn gelegene Teil als Wasservogelreservat unter Naturschutz steht, wird südöstlich der Autobahn – vor allem am Großen Freizeitsee - noch gebaggert. Ornithologisch interessant sind beide Teilgebiete.
Brutvögel: An den Northeimer Kiesteichen brüten regelmäßig Haubentaucher, Grau- und Nilgans – zudem existiert hier eine kleinere Kolonie des Kormorans. Flussregenpfeifer nutzen kiesreiche Offenflächen als Brutplatz, während Uferschwalben seit einigen Jahren eine Brutkolonie an den Abbruchkanten des Großen Sees beziehen. Für die Beutelmeise stellt das Gebiet den regionalen Verbreitungsschwerpunkt dar: Sie brütet hier mit mehr als zehn Paaren. Auch mehrere Paare des Eisvogels schreiten jährlich zur Reproduktion.
Zugzeit: Zur Zugzeit lassen sich auf und über den Wasserflächen ab und an Zwergmöwen, Fluss-, Küsten-, Trauer- und seltener Zwergseeschwalben, aber auch Schwarzhals-, Rothals- und Zwergtaucher beobachten. Auch für die beiden selteneren Sumpfseeschwalben liegen Nachweise vor. Durchziehende Kleinvögel nutzen die umliegenden Ruderalflächen und Gehölze zur Rast und zur Nahrungssuche. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen: In der Vergangenheit gelangen Beobachtungen von Seltenheiten wie Goldhähnchen- (2000) und Gelbbrauen-Laubsänger (2005).
Die interessanteste Zeit an den Northeimer Kiesteichen bricht an, wenn der Segler- und Badeverkehr am Großen Freizeitsee abebbt. Im Spätherbst und Frühwinter entwickelt er sich zum wichtigsten Anziehungspunkt des Gebiets. So hat man im November und Dezember die für unsere Region besten Möglichkeiten, Pracht-, Stern-, und Ohrentaucher sowie Berg-, Trauer-, Eider- und Samtenten zu Gesicht zu bekommen. Aus diesem Zeitraum liegen auch vereinzelte Nachweise der Schneeammer vor.

Kurzschnabelgänse

Genaueres Hinsehen lohnt sich: In größeren Trupps rastender Gänse lassen sich ab und an auch seltenere Arten finden. Das Bild zeigt zwei Kurzschnabelgänse, die im Winter 2005/06 in der Umgebung der Geschiebesperre über mehrere Wochen gemeinsam mit Grau- und Saatgänsen beobachtet werden konnten. Foto: Christoph Grüneberg.

Winter: Seetaucher und Meeresenten verlassen das Gebiet zumeist nach einigen Tagen wieder, für viele andere Arten bleibt es aber den ganzen Winter über attraktiv. Vor allem Tauchenten (Tafel-, Reiher- und Schellenten) sind hier in höheren Zahlen anzutreffen, auch Gänse-, Zwerg- (regelmäßig) und Mittelsäger (selten) bevölkern dann die Wasserflächen gemeinsam mit Blässhühnern und Haubentauchern. In den vergangenen Jahren unternahmen auch Rothalstaucher Überwinterungsversuche. Bergpieper lassen sich den ganzen Winter über beobachten. Rohrdommeln überwinterten an den Teichen des NSG nördlich der Autobahn.
Beobachtungstipps: Wer an den Northeimer Kiesteichen beobachtet, sollte entweder mit dem Fahrrad oder dem PKW unterwegs sein, da zwischen den einzelnen Teichen teilweise erhebliche Distanzen liegen. Die interessantesten Teiche lassen sich dann direkt anfahren. Der fischereiwirtschaftlich genutzte Teich nördlich des Weißen Budenwegs direkt an der B3 lässt sich bequem von der Straße einsehen. Fährt man den Weißen Budenweg in Richtung Westen, erblickt man rechterhand eine kleine Parkbucht. Dort befindet sich eine Beobachtungsplattform, die Einblick auf den nördlich gelegenen Teich gewährt. Auf der Verbindungsstraße von Hollenstedt nach Northeim wurde linkerhand eine Beobachtungswand errichtet, die von den Konstrukteuren vermutlich niemals auf ihre Praxistauglichkeit getestet wurde. Einen Blick auf den angrenzenden Teich erlaubt sie mehr schlecht als recht. Man sollte hier auf jeden Fall die Grünländer und Äcker auf der anderen Straßenseite im Auge behalten – vor allem nach Hochwässern bieten sich dort interessante Habitate für Watvögel, Enten, Gänse, Schwäne und Reiher. Kurz vor der Autobahn kann man auf dem kleinen LKW-Parkplatz rechts der Straße halten, um einen weiteren, unmittelbar angrenzenden kleineren Teich einzusehen. Der Große Freizeitsee ist frei zugänglich, das Beobachten somit problemlos möglich. Geparkt werden kann hier am öffentlichen Parkplatz auf der Nordseite oder an der Versorgungsstraße westlich des Sees. Neben dem Fernglas sollte man hier auch ein Spektiv zum Einsatz bringen, damit der junge Seetaucher am anderen Ufer nicht unbestimmt bleiben muss. Zur Vermeidung peinlicher Missverständnissen ist hier während der Sommermonate auf den sensiblen Umgang mit Fernglas und -rohr zu achten; der Einsatz von moderner, stark vergrößernder und hochauflösender Fernoptik kann sonst von leicht- oder unbekleideten Badegästen schnell fehlinterpretiert werden. sp

�bersichtskarte Northeim

Übersichtskarte über die Leineniederung nördlich vom Northeim. 1 = Polder I des Hochwasserrückhaltebeckens; 2 = Polder II ; 3 = Geschiebesperre Hollenstedt; 4 = Northeimer Kiesteiche. P = Parkgelegenheiten; Rote Dreiecke kennzeichnen gute Beobachtungsmöglichkeiten und Beobachtungsplattformen. Die dick gestrichelte Linie markiert den Schutzdeich des Polders I - innerhalb des Deiches gilt ein Betretungsverbot! Der Bahnhof Salzderhelden befindet sich an der Parkplatzmarkierung in Salzderhelden.

Zum Weiterlesen:

August 17th, 2006


Kalender

July 2017
M T W T F S S
« Jun    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Beiträge nach Monaten

Beiträge nach Kategorien