Vogelportraits

Die Dohle (Coloeus monedula) - Vogel des Jahres 2012 - in Süd-Niedersachsen: Fakten und Fragen zu einem sympathischen Heimlichtuer und Krakeeler

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Mit unserem kleinsten Rabenvogel hat der NABU erneut eine gute Wahl getroffen, die auch aus regionaler Sicht zu begrüßen ist. Zum einen repräsentiert die Dohle eine Vogelfamilie, die bei der Normalbevölkerung wegen ihrer vermeintlichen „Schädlichkeit“ einen schlechten Ruf genießt. Von den Massakern, die unter ihren Verwandten Rabenkrähe und Elster von schießwütigen Troglodyten alljährlich ganz legal verübt werden, ist sie bislang gesetzlich ausgenommen. Damit das so bleibt, sollte die Wahl zum Anlass genommen werden, die Sympathiewerbung für diesen hochintelligenten Vogel mit einem komplexen und faszinierenden Sozialverhalten zu verstärken. Zum anderen wirft die Entwicklung des regionalen Brutbestands Fragen auf, die bislang nur im Ansatz beantwortet werden können.

Dohlen treten in unserer Region als Gebäude- und waldbewohnende Baumhöhlenbrüter auf. Ihr Brutbestand liegt im Landkreis Göttingen - aus dem Landkreis Northeim liegen keine aktuellen Angaben vor - vermutlich unter 100 Paaren. Im Folgenden werden zunächst die Gebäude- und dann die Baumhöhlenbrüter einer genaueren Betrachtung unterzogen.

Gebäudebrüter

In Göttingen war die Dohle wahrscheinlich über Jahrhunderte ein nicht seltener Brutvogel an den Türmen von St. Johannis und St. Jacobi. Dies legen die Angaben bei Blumenbach (1779), Merrem (1789) und Spangenberg (1822) nahe. 1897 war sie noch häufig (Eichler 1949-1950). Im 20. Jahrhundert ging es langsam, aber stetig bergab. 1920 brüteten 20 Paare an St. Jacobi, was damals schon als ungewöhnlich hohe Anzahl galt (Quantz 1922). Die Eiersammlung Domeier enthält Gelege von St. Johannis aus den Jahren bis 1936 (Zang, Heckenroth & Südbeck 2009). Für das Jahrzehnt 1940-1950 gibt es offenbar keine Beobachtungsdaten. In den 1950er Jahren brüteten ca. vier bis sechs Paare (Köpke o.J.). Ab den 1960er Jahren traten Dohlen nur noch unregelmäßig und vereinzelt als Brutvögel in Erscheinung, z.B. mit einem Paar am damaligen Post-Fernmeldeamt unterhalb des Hagenbergs 1964-66 (Hampel 1965, Heitkamp 1981). Ob ca. sechs bis acht verpaarte Vögel, die Anfang der 1970er Jahre mit Nistmaterial die Jacobi-Kirche inspizierten (A. Festetics, mdl.), dort auch gebrütet haben, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Der vorerst letzte Hinweis auf eine erfolgreiche (Einzel-)Brut liegt aus dem Jahr 1987 aus Nikolausberg vor (Dörrie 2000).
In den mehr als 20 Jahren, die seitdem vergangen sind, haben sich in unserer Stadt in großen Zeitabständen, ungefähr alle drei bis vier Jahre, verpaarte Dohlen blicken lassen, die sich für ihre ehemaligen Brutplätze an den beiden Hauptkirchen zu interessieren schienen bzw. sich (manchmal auch mit Nistmaterial) an einem der zahlreichen Turmfalken-Nistkästen, z.B. an der St. Paulus-Kirche oder an der Bonifatius-Schule, zu schaffen machten. Das inständige Hoffen auf eine Brutansiedlung nach Jahrzehnten der Abwesenheit währte jedoch leider niemals lange…

Die größte Kolonie gebäudebrütender Vögel in Süd-Niedersachsen ist seit spätestens 1985 von der Burg Adelebsen bekannt (Dörrie 2000). 2004 wurden 30 bis 35 Paare geschätzt (Dörrie 2005). Der aktuelle Bestand liegt bei ca. 12 Paaren und ist stabil (A. Festetics, mdl.). Ob eine Abnahme gegenüber 2004 vorliegt, ist sehr fraglich, weil die Brutpaarzahl einer Dohlenkolonie wegen des manchmal hohen Nichtbrüteranteils nicht mit einer Schätzung allein ermittelt werden kann. Zum Ende der Brutzeit halten sich in Adelebsen alljährlich um die 80 Vögel (Brutpaare, Nichtbrüter und flügge Jungvögel) auf. Möglicherweise war die Kolonie bereits lange vor 1985 besetzt (oder zwischenzeitlich verwaist?), denn aus dem Juni 1947 liegt eine Brutzeitbeobachtung von ca. 40 Individuen vor (Gött. Orn. Mitt. 7/1947).

Auch an der Ruine Bramburg bei Glashütte im Wesertal existiert(e) seit ~ 1953 eine Felsbrüter-Kolonie. 1955 bestand sie aus ca. 15 Paaren (Schelper 1966). 1969 wurde ein Bestand von 20 Paaren angenommen (Fokken o.J.). 2003 lag er bei weniger als zehn Paaren (Dörrie 2004) und 2005 wurden nur noch zwei Paare gezählt (Dörrie 2006). Ob das Vorkommen aktuell noch besteht ist ungewiss.

Aus Duderstadt verschwand die Dohle 1921 nach der Renovierung der Kirchtürme (Bruns 1949). In den Jahren 2004 und 2005 sowie 2007 hielten sich an den beiden Kirchen ein bis zwei brutwillige Paare an Nistkästen auf, zumindest 2007 bestand starker Brutverdacht an der Unterkirche (Dörrie 2005, 2006, 2008).

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Abb. 1: Gruß aus Seeburg: Dohle am Kirchturm. Dieses und das vorangegangene Foto: M. Siebner.

2007 wurde an der Rüdershäuser Kirche ein Paar mit Nistmaterial wahrgenommen. In den Jahren danach erfolgte eine bis dato dauerhafte Ansiedlung von aktuell drei bis vier Paaren. Darüber hinaus mehren sich seit zwei Jahren Nachrichten über Ansiedlungen von jeweils ein bis zwei Paaren an den Kirchtürmen von Seeburg, Seulingen und Obernfeld. In Germershausen ist eine kleine Kolonie entstanden. Ob die Vögel an der dortigen Kirche oder in den alten Bäumen des Klosterparks brüten, ist noch unklar. Auch der genaue Brutplatz von Dohlen, die sich möglicherweise in Gieboldehausen angesiedelt haben, harrt noch der Entdeckung (Dörrie & Paul 2010a, 2010b, 2011). Die unauffällig verlaufende Besiedlung einiger Eichsfeldgemeinden durch einen neuen Brutvogel ist sicher eines der interessantesten vogelkundlichen Phänomene der letzten Jahre.

Baumhöhlenbrüter

So (vergleichsweise) einfach eine Bestandsangabe für die Gebäudebrüter ist, so schwierig gestaltet sie sich für die Baumhöhlenbrüter. An Gebäudebrutplätzen geben sich Dohlen recht auffällig, zelebrieren rasante Flugspiele und kommunizieren lauthals miteinander. Im Wald verhalten sie sich völlig anders, nämlich äußerst heimlich. Dies macht sie in diesem Lebensraum zu einer der am schwersten erfassbaren Vogelarten überhaupt. Nur mit großem Glück kann man eines Vogels gewahr werden, der stumm von seiner Höhle durchs dichte Geäst abstreicht. Hauptgrund für die ungewöhnliche Diskretion könnte die Angst vor gefiederten Prädatoren wie dem Habicht sein. Auch den Todfeind Baummarder oder den Neuräuber Waschbär akustisch auf sich aufmerksam zu machen, könnte fatale Folgen haben. Die regionalen Angaben zu Baumhöhlenbrütern sind deshalb ausgesprochen lückenhaft, beruhen zumeist auf Zufallsbeobachtungen oder sind Nebenprodukte der Erfassung anderer Vogelarten (z.B. Rotmilan und Mittelspecht). Zudem scheinen viele Vorkommen nur von kurzer Dauer zu sein. All dies macht eine Aussage zum Gesamtbrutbestand der Baumhöhlen- und Gebäudebrüter nicht einfach. Die in der Einleitung genannten „weniger als 100 Paare“ sind eher als provisorische Schätzung zu verstehen.

Brutverdächtige „Walddohlen“ wurden in den letzten Jahren im Mündener Stadtwald, im Brackenberger Holz, nahe der Grefenburg bei Barterode, im Plessforst bei Eddigehausen und im Osten des Göttinger Stadtwalds wahrgenommen. 2011 gelangen aktuelle Beobachtungen stark brutverdächtiger Dohlen an den Weißwasserköpfen bei Ebergötzen, am Bettenroder Berg, am Klafterberg bei Beienrode sowie im Nesselrödener Wald (Avifaun. Jahresberichte 1999-2007, Dörrie & Paul 2011, G. Brunken).

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Abb.2: Buchen-Altholzinsel im Kaufunger Wald: Brutplatz von Schwarzspecht, Rauhfußkauz, Hohltaube und Dohle. Foto: S. Böhner.

Am besten sind wir über die Brutpopulation in den Buchenaltholzbeständen der Hochlagen des Kaufunger Walds (niedersächsischer Teil, 30 km²) informiert. Im Rahmen eines Höhlenbrüter-Monitoringprogramms beringen die Gebrüder Hochrath (Uschlag) seit 1980 auch junge Dohlen. Jahrzehntelang war der Bestand mit bis zu zehn Paaren weithin stabil (vgl. die Graphik bei Zang, Heckenroth & Südbeck 2009). Wie anderswo auch zogen die Eltern ihre Jungen als „Nachmieter“ von Schwarzspechthöhlen auf. Neuerdings ist der Brutbestand jedoch stark rückläufig: Im letzten Jahr konnte nur eine Brut beringt werden, 2011 keine. Die Gründe sind mit Sicherheit nicht im Mangel an Nistmöglichkeiten zu suchen, denn Schwarzspechthöhlen sind immer noch reichlich vorhanden. Auch ein (möglicherweise) verstärkter Druck von Beutegreifern scheint nicht für das Verschwinden verantwortlich zu sein. Der lokale Brutbestand der Hohltaube, die ebenfalls in Schwarzspechthöhlen und nicht selten in enger Nachbarschaft zu Dohlen brütet, ist nämlich stabil (F. Hochrath, mdl.). Von einem gestiegenen Prädationsdruck wären die Tauben bestimmt gleichermaßen betroffen. Im EU-Vogelschutzgebiet V 19 „Unteres Eichsfeld“ hat der Hohltauben-Brutbestand sogar signifikant zugenommen und liegt mittlerweile deutlich im dreistelligen Bereich, was ebenfalls gegen eine höhere Prädationsrate spricht (Dörrie & Paul 2011). Woran aber könnte es sonst liegen, dass Walddohlen ihre Brutplätze aufgeben? Ist der Rückgang im Kaufunger Wald nur ein lokales Phänomen, während anderswo, wie z.B. im „V 19“, der Bestand - parallel zu dem der Hohltaube - zunimmt? Welche Rolle spielen dabei die von den Forstämtern viel gepriesenen „Altholzinseln“ und „Habitatbäume“ mit Schwarzspechthöhlen?

Ökologische Faktoren, die für eine Brutansiedlung bzw. deren Aufgabe von Bedeutung sind

Obwohl es romantisch veranlagten Naturfreunden anders erscheinen mag: Weder das feudale Ambiente der Burg Adelebsen noch die weihevolle Aura der Sakralbauten im Mezzogiorno Niedersachsens allein haben für die Nistplatzwahl unseres Porträtvogels den Ausschlag gegeben. Ihre Bedeutung konnten sie nur erlangen, wenn etwas Zweites hinzukommt. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Gebäudebrüter sich mit Vorliebe in der Nachbarschaft von Grünland und/oder Flussauen niedergelassen haben (Weser- und Schwülmeaue im Westen, Rhume- und Suhleaue sowie der Seeanger im Osten). Das Vorhandensein von extensiv genutztem Grünland mit niedriger Vegetationshöhe und Offenstellen, wo Würmer, Insekten und größere Arthropoden zur Jungenaufzucht erbeutet werden können, ist für den ursprünglichen Steppen- und heutigen Agrarvogel ein unverzichtbares Habitatrequisit.
Der Flächenanteil von Dauergrünland im Landkreis Göttingen liegt derzeit nur noch bei knapp fünf Prozent, mit weiter abnehmender Tendenz. Viehweiden mit mehr oder minder glücklichen Kühen sind ein seltener Anblick geworden. Hinzu kommt, dass Brachen kaum noch vorhanden sind, weil sie mittlerweile für den Anbau nachwachsender Rohstoffe unter den Pflug genommen wurden.
Der Niedergang der Dohle in Göttingen fiel zeitlich mit der schrittweisen Entwässerung der Leineaue und der „Regulierung“ des Flusses zusammen, die 1876 begonnen wurde und Mitte der 1930er Jahre weitgehend abgeschlossen war (Saathoff 1940). Umwandlung von Grünland in Ackerland, Aufgabe der Weidewirtschaft und Ausdehnung des Siedlungsbereichs traten als negative Faktoren hinzu. Selbst wenn die Kirchen noch geeignete Brutplätze bereithielten - die Flüge zum Erreichen der Nahrungshabitate wurden für die Vögel immer länger. Das Überschreiten einer Distanz von zwei bis drei Kilometern zwischen Brut- und Nahrungsplatz macht jede Brut zum kräftezehrenden Wagnis. Energetischer Aufwand und (schlechter) Bruterfolg stehen schnell in keinem Verhältnis mehr (Glutz v. Blotzheim 1993).
Heute dominieren in der Leineaue große und intensiv bewirtschaftete Getreide-, Raps- und, dank der „Energiewende“, zunehmend auch Maisschläge. Grünland existiert nur noch in Gestalt des Wassergewinnungsgeländes Stegemühle und auf ein paar winzigen Parzellen in der Feldmark Geismar. Eine Wiederansiedlung von Dohlen in der Stadt ist vor diesem tristen Hintergrund - leider - unwahrscheinlicher denn je.

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Abb. 3: Dieser Vogel zeigt alles, was eine Dohle ausmacht: Aufmerksamkeit, Schläue und ein wacher Blick aus hellen Augen mit einem sympathischen Stich ins Dreiste. Foto: M. Siebner.

Für die Baumhöhlenbrüter bietet sich ein ähnliches Szenario. Die Brutvögel im Kaufunger Wald nutz(t)en mit Vorliebe zwei Nahrungshabitate: die Offenflächen an der ehemaligen Deponie Rinderstall und das Grünland am Ortsrand von Hedemünden. Eine ökologische Bestandsaufnahme am Rinderstall könnte ergeben, dass, wie anderswo auch im Wald, der allgemeine Nährstoffeintrag - sei es wegen Kalkungen durch die Forstwirtschaft oder durch das Abregnen verfrachteter Stickstoffverbindungen aus dem Automobilverkehr bzw. der industriellen Landwirtschaft - zu einer allgemeinen Verdichtung der bodennahen Vegetation geführt und das Erbeuten von Arthropoden entscheidend erschwert hat (vgl. Paul 2010). Für den Ortsrand von Hedemünden ist die Diagnose klar: Hier fallen die Nahrungsflächen in rasantem Tempo der Ausweitung von Gewerbegebieten zum Opfer. Das Beispiel der Dohlen im Kaufunger Wald zeigt, dass die schönsten „Altholzinseln“ wenig nutzen, wenn die Nahrungshabitate außerhalb des Waldes, auf die dieser Agrarvogel nun mal angewiesen ist, zerstört oder durch Eutrophierung und Sukzession entwertet werden.

Fazit

So erfreulich die Neuansiedlungen in einigen Eichsfelddörfern sind: Sie könnten keine reale Bestandszunahme indizieren, sondern (hypothetisch) auf der Umsiedlung erfolgloser „Walddohlen“ beruhen. Konkrete Anhaltspunkte dafür gibt es aber nicht. Viele Dohlen aus dem Kaufunger Wald sind beringt, doch liegt bis heute nur ein Wiederfund abseits der Brutplätze aus Kassel vor (F. Hochrath, mdl.). Oder kommen die Neubürger aus dem Thüringer Eichsfeld, wo die Populationsentwicklung ähnlich uneinheitlich verläuft wie bei uns (Dörrie & Paul 2010b)? So lange keine aussagekräftigen Daten zur Herkunft der Vögel vorliegen, bringen Spekulationen wenig bis nichts.
Wie auch immer: Ob die Eichsfelddohlen eine Zukunft haben und eine stabile Population aufbauen können, bleibt abzuwarten. Haupthindernis für eine weitere Ausbreitung ist weniger eine vermeintliche „Wohnungsnot“, sondern Grünlandschwund und, noch einmal, die galoppierende Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft. In der Feldmark Gieboldehausen und um den Seeburger See werden demnächst in großem Stil Flurbereinigungen durchgeführt, mit desaströsen Folgen für die meisten Agrarbrutvögel.
Gleichwohl müssen dort, wo Dohlen brüten, Vorkehrungen getroffen werden, die einen dauerhaft freien Zugang zu Kirchtürmen oder Lücken im Mauerwerk gewährleisten. Dies erspart zudem - dem NABU wird es nicht schmecken - das Anbringen weiterer künstlicher Nisthilfen, von denen es zumindest in Göttingen (und auch an etlichen Eichsfeldkirchen) bereits genug gibt.
In diesem Zusammenhang ist ein aufwendiges Wiederansiedlungsprojekt an der Burg Plesse bei Eddigehausen erwähnenswert, das Anfang der 1930er Jahre mit ausgesetzten Vögeln und zahlreichen Nisthilfen in Gestalt zweistöckiger Kästen, die in die Luken und Scharten eingebaut wurden, in Angriff genommen wurde (Waldschmidt 1992). Zwar kam es in den Folgejahren zu mindestens zwei Bruten, doch war das Vorkommen bald wieder erloschen. Erstaunlich ist allemal, dass in einer Zeit, als alle Rabenvögel - und nicht nur diese! - noch stärker dämonisiert und verfolgt wurden als heute, ein derartiges Projekt stattfinden konnte. Vielleicht waren die Initiatoren, die von der Vogelwarte Helgoland unterstützt wurden, gar keine ambitionierten Artenschützer im heutigen Sinne, sondern einfach nur der Meinung, dass zu einer alten Burg auch Dohlen gehören…

Dohlen beobachten: wann und wo?

Am ergiebigsten für die Dohlenbeobachtung ist mit Abstand die Burg Adelebsen. Hier kann man ab dem Frühjahr das vielfältige Treiben einer vergleichsweise kopfstarken Kolonie studieren. Flugspiele und Balzaktivitäten der lebenslangen oder im vorangegangenen Herbst frisch verlobten Brutpaare, Festigung der Rangordnung, wilder Streit um die besten Brutplätze - all dies wird mit den unterschiedlichsten Lautäußerungen spektakulär in Szene gesetzt. Weit weniger pittoresk ist die Deponie für organische Abfälle westlich von Dransfeld, wo sich Dohlen (aus Adelebsen?) in erklecklicher Zahl besonders ab dem Frühsommer einfinden. Man kann sie aber auch regelmäßig im Seeanger sowie an den oben erwähnten Eichsfeldkirchen sehen. Dort sind es aber nicht so viele…

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Abb. 4: Grüne Oase im landwirtschaftlichen Industriegebiet: der Seeanger.
Foto: J. Herting.

In Göttingen ist die beste Zeit der Spätherbst und Winter, wenn sich Zuzügler aus dem Norden und Osten unter die ca. 2000 Rabenkrähen und wenigen Saatkrähen mischen und gemeinsame Schlafplätze in der Nordstadt (z.B. in der Nähe des Klinikums) oder in den Bäumen an der Berliner Straße gegenüber dem Bahnhof beziehen. Tagsüber gehen sie mit ihren Verwandten auf abgeernteten Feldern oder an den Deponien Königsbühl oder Deiderode auf Nahrungssuche. Zumindest die letztgenannte Deponie ist jedoch für die Vögel wegen Abdichtungen und der Vorbehandlung des Hausmülls kaum noch nutzbar. Der Winterbestand in Göttingen lag in den vergangenen Jahren bei ca. 300 Individuen.

Abschließend ein kleiner Tipp für die Zocker unter uns: Man kann sich mit Gleichgesinnten in der Umgebung der Schlafplätze oder auch am Kiessee postieren, wo sich Rabenvögel zur Nachtruhe versammeln. Die Luft ist dann voller Dohlenrufe, in der Regel ein helles „Kjäck, kjäck“, das man sofort unter den anderen Corvidenrufen heraushört. Wer nun wettet, es seien 50 oder mehr Dohlen präsent, wird schnell eines Besseren belehrt bzw. verliert seinen Einsatz, denn bei einer Beunruhigung oder beim Abflug können nicht selten nur ganze zehn (oder noch weniger) Dohlen als Urheber des Heidenlärms ausgemacht werden. Wie man sieht, ist die Neigung, geringe Körpergröße durch geräuschvolles Posieren auszugleichen mitnichten ein Alleinstellungsmerkmal von Peter Maffay… Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

  • Blumenbach, J.F. (1779): Handbuch der Naturgeschichte. Göttingen.
  • Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.
  • Dörrie, H.-H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Dörrie, H.-H. (2004): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 4-75.
  • Dörrie, H.-H. (2005): Avifaunistischer Jahresbericht 2004 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 4-76.
  • Dörrie, H.-H. (2006): Avifaunistischer Jahresbericht 2005 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 4-67.
  • Dörrie, H.-H. (2008): Avifaunistischer Jahresbericht 2007 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 13: 4-55.
  • Dörrie, H.-H. & S. Paul (2010a): Heimzug und Brutzeit 2010 – Wer besteht den Härtetest? http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=250
  • Dörrie, H.-H. & S. Paul (2010b): Brutzeit II und Wegzug 2010 – vogelkundliche Neuigkeiten aus Niedersachsens Boomregion mit Herz! http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=286
  • Dörrie, H.-H. & S. Paul (2011): Heimzug und Brutzeit 2011 – vogelkundliche Neuigkeiten aus einem denkwürdigen Frühjahr. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=351
  • Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.
  • Fokken, A. (o.J.): Die Vogelwelt des Bramwaldes, der Oberweser und des Stadtgebiets Münden. Selbstverlag.
  • Glutz von Blotzheim, U.N. (1993): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 13, Passeriformes. Teil 3, Corvidae – Sturnidae. Wiesbaden.
  • Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.
  • Heitkamp, U. (1981): Die Vogelpopulationen einer Saumbiozönose am Stadtrand von Göttingen in den Jahren 1963 bis 1968. Göttingen, Selbstverlag.
  • Köpke, G. (o.J.): Die Göttinger Vogelwelt 1949-1956 nach eigenen Beobachtungen. Unveröff. Manuskript.
  • Merrem, B. (1789): Verzeichniß der rothbluetigen Thiere in den Gegenden um Goettingen und Duisburg, wahrgenommen. Schr. Ges. naturforsch. Freunde Berlin 9: 189-196.
  • Paul, S. (2010): Welchen Nutzen hat der Sturm? http://www.ornithologie-goettingen.de/material/paul_welchennutzen.pdf
  • Quantz, B. (1922): Über die Ab- und Zunahme einiger Vogelarten bei Göttingen. Orn. Mschr. 47: 12-14.
  • Saathoff, A. (1940): Geschichte der Stadt Göttingen seit der Gründung der Universität (Geschichte der Stadt Göttingen, Bd. 2). Göttingen.
  • Schelper, W. (1966): Die Vogelwelt des Kreises Münden. Selbstverlag.
  • Spangenberg, E. (1822): Versuch einer Fauna Goettingensis, als Materialien zu einer Fauna hannoverana. N. Vaterl. Archiv 1: 276-302.
  • Waldschmidt, M. (1992): Vor 50 Jahren: Dohlen im Südekum. NABU Info 1/92.
  • Zang, H., Heckenroth, H. & P. Südbeck (2009): Die Vögel Niedersachsens, Rabenvögel bis Ammern. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H. 2.11. Hannover

November 9th, 2011

Süd-Niedersachens erster Sichler (Plegadis falcinellus)

Eigentlich sollte der Gang in den Seeanger (20 km östlich von Göttingen) am 10. April 2011 lediglich als Antidepressivum gegen ein paar Tage Vogelkartierung in öden brandenburgischen Kiefernforsten und zwischen planenbedeckten Spargelfeldern dienen. Allein schon das Wetter lockte hinaus in eine offene Landschaft, wo die Sonne nicht von unzähligen Kiefernstämmen in Reih und Glied verdunkelt wird. Als wir, Klaus Dornieden und Benedikt Bierwisch, uns am Nachmittag auf den Weg machten, wussten wir noch nichts von Grünschenkel, Kampfläufer und Regenbrachvogel, die Hannes Dörrie am Mittag über unsere regionale Newsgroup avigoe gemeldet hatte.

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Abb. 1: Der Sicher mit der Farbmarkierung V02 - hier noch im Bingenheimer Ried in Hessen, das er zielstrebig Richtung Süd-Niedersachsen verließ. Foto: Ralf Busch.

Bei herrlicher Beleuchtung freuten wir uns an Rot- und Schwarzmilan, an einer Rostgans sowie Schnatter-, Knäk-, Löffel-, Krick- und Reiherenten. Benedikt brachte die Sprache auf einen Sichler mit spanischem Ring in Süddeutschland, der im Club 300 seit Tagen gemeldet wurde und sinnierte, ob sich der weite Weg dorthin lohnen würde. Der Weg erschien besonders weit, weil im Hinterkopf nicht das Bingenheimer Ried in der hessischen Wetterau präsent war, wo der Vogel seit dem 31. März täglich gesichtet wurde, sondern Bingen am Rhein. Während dieser Grübeleien waren wir schon auf dem Rückweg zum Auto. Ein letzter Blick zurück offenbarte eine gerade landende „Krähe“ mit einem Stock im Schnabel. Aber was machte die auf einem Haufen vertrockneter Zweige im Wasser? Der Blick durchs Fernglas offenbarte, dass der Stock im Schnabel der Schnabel war! Mein erstaunter und gleichzeitig begeisterter Ausruf: „Da steht ein Braunsichler!“ dokumentierte zum einen meinen nicht ganz aktuellen Kenntnisstand der Nomenklatur und führte zum anderen bei Benedikt zu einem sehr ungläubigen Gesichtsausdruck. In diesem Moment war mir gar nicht bewusst, dass wir uns gerade über diesen Vogel unterhalten hatten, denn ich neige nicht dazu, lange Autofahrten zu unternehmen, um einen Vogel zu ticken und hatte deshalb wohl nur halb zugehört.
Im Bestreben, möglichst andere Beobachter zu informieren, wurde das Telefonbuch des Handys gesichtet und erbrachte nur eine spärliche Ausbeute. Das war schon ärgerlich, aber noch dummer war, dass der Blick auf das Display den Blick auf den Sichler vergessen ließ. Um 18:20 Uhr wurde er erstmals gesehen, und nachdem klar war, dass gerade mal zwei Ornithologen im Telefonbuch verzeichnet waren, war er auch schon verschwunden. Nach einem bangen Augenblick schwebte der Vogel aber wieder an den vorherigen Platz auf dem Reisighaufen ein. Was für eine Erleichterung! Aber auch dieser Aufenthalt dauerte nicht lange. Um 18:32 Uhr flog der Sichler in Richtung Seeburger See davon. Dort erschienen uns die Rastmöglichkeiten doch sehr begrenzt. Die Frage war also: „Würde er einfach weiterfliegen?“

Zwischenzeitlich hatten wir lediglich Thomas Meineke aus dem benachbarten Ebergötzen sowie die Mobilbox von Hannes Dörrie erreicht und die Nachricht hinterlassen. Thomas Meineke hatte gleich zugesagt, an den Ort des Geschehens zu kommen. Umso gespannter waren wir, ob der Sichler ein zweites Mal zurückkehren würde. Mit Erleichterung nahmen wir sein erneutes Auftauchen eine Viertelstunde später zur Kenntnis. Als Landeplatz wählte er diesmal aber die dichte, flach überstaute Vegetation, in der er erst einmal verschwand. Geraume Zeit später kam er wieder zum Vorschein, um im Flachwasser nach Nahrung zu suchen. Diesmal tat er es unter den Augen einer kleinen Schar Vogelbeobachter, die nach und nach wuchs. Denn Hannes hatte die Meldung der Beobachtung über avigoe veranlasst, und offensichtlich verfolgen viele Interessierte das vogelkundliche Geschehen online. So waren es am Ende wohl um die 15 Beobachter, die den ersten süd-niedersächsischen Sichler im stimmungsvollen Abendlicht bewundern konnten. Bald stellte sich heraus, dass auch dieser Vogel farbberingt war. Als erstem gelang es Thomas Meineke, die Markierung abzulesen: V02. Damit war klar, dass es sich um denselben Vogel handelte, der vom 31. März bis zum 10. April im Bingenheimer Ried täglich beobachtet worden war.
Über avigoe kamen am nächsten Tag noch zwei Meldungen. Gegen 9:30 Uhr war der Vogel Richtung Wollbrandshausen abgeflogen, wurde aber zwischen 13:45 und 15:40 Uhr wieder im Seeanger gesehen. In den nächsten Tagen blieb der Vogel verschwunden. Am 17. April gab es schließlich die Meldung eines Sichlers im Club 300 für die Pareyer Wiesen südlich des Gülper Sees in Brandenburg. Unter der Ortsbezeichnung Große Grabenniederung wurde der gleiche Vogel am prinzipiell gleichen Ort am 20. April erneut gemeldet, jetzt mit dem Hinweis, dass es sich um V02 handele.

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Abb.2: … im Flug Richtung Wollbrandshausen. Die Farbmarkierung sticht deutlich hervor. Foto: W. Kühn.

Dieser Vogel war am 19. Juni 2010 als noch nicht flugfähiger Jungvogel im Ebro-Delta im Nordosten Spaniens beringt worden, wie Julia Piccardo Valdemarin vom Naturpark Ebro-Delta in einer mail vom 24. Mai an Benedikt mitteilte. Wenige Tage zuvor, am 19. und 21. Mai, war V02 an den Fischteichen von Kintai in Litauen nahe der Ostseeküste gesehen worden. Seitdem wissen wir nichts mehr darüber, wo der erstaunliche, anscheinend zielgerichtet nach Nordosten vollführte Zug dieses Vogels über ganz Europa geendet haben mag.

Wie ist die Beobachtung im Seeanger einzuordnen?

Die Herkunft des Vogels liefert eine schlüssige Erklärung. Er stammt unzweifelhaft aus Spanien, wo seine Brutpopulation, wie auch die in Frankreich, Italien und Ungarn stark angewachsen ist (Bauer et al. 2005). Burfield & van Bommel (2004) geben den spanischen Brutbestand mit 393 - 423 Paaren an, eine Zahl, die in der jüngsten Vergangenheit wohl noch übertroffen wurde (H. Dörrie, mdl.). Wie manche Reiherarten neigt auch der Sichler zu ausgeprägten Dispersions- und Dismigrationsbewegungen in alle Himmelsrichtungen. Hinzu kommt, dass Brutansiedlungen dieser Ibisart stark vom wechselnden Wasserstand in Feuchtgebieten abhängen, so dass viele Vorkommen nicht von Dauer sind. Im Handbuch der Vögel Mitteleuropas heißt es denn auch treffend: „Der Sichler ist ein Zigeunervogel, der nicht nur außerhalb der Brutzeit unregelmäßige Wanderungen ausführt, sondern auch als Brutvogel sehr unbeständig ist, …“ (Bauer & Glutz von Blotzheim 1966: 445). Das Handbook of the Birds of the World“ bringt es noch deutlicher auf den Punkt: „notoriously nomadic“ (del Hoyo et al. 1992: 502). Wir hatten es also am Seeanger mit einem echten „Nomaden der Lüfte“ zu tun. Welche Tagesleistungen er vollbringen konnte, lässt sich schon daran ablesen, dass er am 10.4. die 160 km Luftlinie zwischen dem Bingenheimer Ried und dem Seeanger vermutlich in wenigen Stunden (nonstop?) bewältigt hatte, denn er wurde in Hessen noch am Vormittag gesehen.
Vor diesem Hintergrund scheint es erstaunlich, dass Süd-Niedersachsen zuvor noch nie von einem Sichler besucht worden ist. Zwar listet Fokken (o.J.) einen Mitte Juni 1986 nördlich der Weserfähre Hemeln-Veckerhagen überfliegend gesichteten Vogel auf. Diese Beobachtung wurde jedoch nirgendwo dokumentiert und erscheint daher wenig glaubwürdig. Zudem fällt das Datum mit dem Zwischenzug des Großen Brachvogels zusammen, der ebenfalls einen Sichelschnabel hat und etwa genau so groß ist.
An eine Verwechslung mit dem Brachvogel denkt man auch sofort bei der Meldung von 22 Sichlern vom 10. Oktober 1990 aus dem ostfriesischen Nordwerdum (Knake 1991). Aber hier weist die Schriftleitung in einer Anmerkung darauf hin, dass beweiskräftige Fotos vorliegen sollen. Am nächsten Tag waren immerhin noch 17 Ind. im Gebiet. Auch diese erstaunliche Ansammlung wurde nicht beim damaligen Bundesdeutschen Seltenheitenausschuss dokumentiert. Dagegen sind anfänglich sieben und später noch drei Ind., die sich vom 4. bis 21.10.1991 an den nicht weit vom Eichsfeld liegenden Aulebener Fischteichen bei Nordhausen (Thüringen) aufhielten, von der Deutschen Seltenheitenkommission anerkannt (DSK 1994). Sie bestätigen auch, dass Sichler manchmal in kleinen Gruppen einfliegen können. Vier Jahre zuvor war ein Ind. an den Mansfelder Seen in Sachsen-Anhalt gesehen worden (Balschun 1988). All diese Beobachtungen belegen das erratische Auftreten dieser aus dem Süden oder Südosten stammenden Migranten. Ein zwingendes „Muster“ lässt sich aus ihnen kaum ableiten. Das kann jedoch bei dieser unsteten Art gar nicht anders sein. Allenfalls nach Dürreperioden oder vielleicht auch Überschwemmungen in Gebieten mit großen Brutpopulationen ließen sich Einflüge vorab prognostizieren.

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Abb. 3: Sieben glorreiche Bewunderer des Vogels. Foto: M. Siebner.

Bei der Beobachtung vor Ort wurde auch über das vermehrte Auftreten von Sichlern in den uns benachbarten Niederlanden diskutiert. Bezzel (1994) erwähnt, dass in Holland mehr und regelmäßiger Sichler gesehen werden als in Bayern. Aber brütet er dort auch? In der Neuauflage des Kosmos Vogelführers (Svensson et al. 2011) ist an der deutschen Nordseeküste ein kleines Brutgebiet eingezeichnet. Na ja, da ist der Farbklecks wohl beim Druck etwas verrutscht. Also ziehen wir die Daten von BirdLife International zu Rate (Burfield & van Bommel 2004). Doch da finden wir den Sichler nicht als Brutvogel der Niederlande. Vielleicht bringt ein Blick in jüngere Bücher Aufklärung. Laut Moning et al. (2010) ist der Sichler die einzige in Europa (Südosteuropa) noch heimische Sichlerart. Aber Spanien dem Südosten zuzuschlagen, geht zu weit. Fünfstück et al. (2010) beschreiben das Vorkommen in der Paläarktis als lückig in Südeuropa bis Vorder- und Zentralasien. Wieder kein Hinweis auf ein holländisches Brutvorkommen.
Die Niederländer sollten es eigentlich am besten wissen. Daher ein Blick ins Internet. Auf http://waarneming.nl sind bis zum 17. Juni 2011 1529 Beobachtungen von 1657 Individuen verzeichnet. Wahrscheinlich sind die meisten Vögel mehr als dutzendfach in die Statistik eingegangen, weil sie von verschiedenen Beobachtern gemeldet wurden. Allerdings hat bisher niemand ein Paar Sichler gemeldet. So bleiben wir vorerst ratlos mit einem kleinen orangefarbenen Klecks im Kosmos Vogelführer zurück, der den Sichler als angeblichen Brutvogel an der Nordseeküste ausweist. Und sind gleichzeitig dankbar, dass der Vogel vom Seeanger beringt war, so dass sich alle Spekulationen über seine Herkunft (eventuell auch aus menschlicher Gefangenschaft) erübrigten.

Klaus Dornieden und Benedikt Bierwisch

Literatur

  • Balschun, D. (1988): Beobachtung eines Sichlers im Gebiet der Mansfelder Seen. – Apus 7: 35-36.
  • Bauer, K.M. & U.N. Glutz von Blotzheim (1966): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 1: Gaviiformes – Phoenicopteriformes. Frankfurt/M.
  • Bauer, H.-G., E. Bezzel & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. Wiebelsheim.
  • Bezzel, E. (1994): Werden “südliche” Gastvögel und Brutgäste nördlich der Alpen häufiger? Versuch eines säkularen Überblicks am Beispiel Bayerns. - Vogelwelt 115: 209-226.
  • Burfield, I. & F. van Bommel (2004): Birds in Europe: Population estimates, trends and conservation status. BirdLife International.
  • del Hoyo, J., A. Elliott & J. Sargatal (eds.) (1992): Handbook of the Birds of the World. Vol. 1: Ostrich to Ducks. Barcelona.
  • Deutsche Seltenheitenkommission (DSK) (1994): Seltene Vogelarten in Deutschland 1991 und 1992. Limicola 8: 153-209.
  • Fokken, A. (o.J.): Die Vogelwelt des Bramwaldes, der Oberweser und des Stadtgebietes von Münden. Münden.
  • Fünfstück, H.-J., A. Ebert & I. Weiß (2010): Taschenlexikon der Vögel Deutschlands. Wiebelsheim.
  • Knake, M. (1991): Braunsichler in Ostfriesland. – Vogelkdl. Ber. Niedersachs. 23: 104.
  • Moning. C., T. Griesohn-Pflieger & M. Horn (2010): Grundkurs Vogelbestimmung. Wiebelsheim.
  • Svensson, L., K. Mullarney & D. Zetterström (2011): Der Kosmos Vogelführer: Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Stuttgart.

June 20th, 2011

Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) in Süd-Niedersachsen 2010/2011: mehr sanfte Brise als Invasorensturm

Das gleichermaßen frühe und zahlreiche Eintreffen von Seidenschwänzen bereits im Oktober 2010 auf Helgoland und an der deutschen Nord- und Ostseeküste nährte bei einigen Vogelkundlern die Erwartung, dass nach einem extrem schwachen Auftreten im kalten Winter 2009/2010 wieder einmal ein Masseneinflug bevorstehen könnte. Im spektakulären Invasionsjahr 2004/2005 waren die ersten der gefräßigen Nordlichter nämlich ähnlich früh erschienen. Flugs erfolgte auf unserer Homepage am 28.10. ein Aufruf, die Vögel zu melden. Auch das „Göttinger Tageblatt“ war, wie 2004, am 3.11. mit einer entsprechenden Aufforderung an seine Leserinnen und Leser erneut am Start. Damit waren gute Voraussetzungen gegeben, einen Einflug auf großer Fläche und unter breiter Beteiligung der Öffentlichkeit zu dokumentieren. Allein: Einem gut abgehangenen Bonmot zufolge sind Vorhersagen immer dann mit großen Unsicherheiten behaftet, wenn sie die Zukunft betreffen. Umfang und Verlauf des aktuellen Einflugs haben dies, zumindest für unsere Region, eindrücklich bestätigt.

Während der folgenden Wochen und Monate gingen 118 Meldungen von 49 Beobachter/innen ein, die 3501 Vögel betrafen. Nach Ausschluss von Mehrfachmeldungen (vermutlich) identischer Trupps reduzierte sich diese Zahl erheblich. Die Addition der auf korrigierter Datengrundlage errechneten Wochensummen ergab nur noch 2121 Ind. Bereinigte Wochensummen sind am ehesten geeignet, den Gesamtrastbestand der hochmobilen Vögel über einen längeren Zeitraum halbwegs verlässlich quantifizieren zu können. Zudem kann, basierend auf den Empfehlungen des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA), eine durchschnittliche lokale Verweildauer der Vögel von sieben Tagen als realistisch gelten (Dörrie 2005).
Zum Vergleich: 2004/2005 erreichten den selbsternannten Erfassungsbeauftragten 421 Meldungen von 176 Mitbürger/innen nicht nur aus Göttingen, sondern auch aus zahlreichen Ortschaften der Landkreise Göttingen und Northeim, die sich auf 17.625 Vögel bezogen. In dieser enormen Zahl waren ebenfalls Mehrfachmeldungen enthalten, nach deren Abzug 12.671 nach Wochensummen addierte Ind. übrig blieben. Wie viele Seidenschwänze sich 2004/2005 wirklich durch Süd-Niedersachsen gefressen haben, muss letztlich offen bleiben - es waren schlichtweg zu viele zum genauen Zählen. Minutiös orchestrierte Synchronzählungen von höherer Aussagekraft - für die man jedoch allein in Göttingen ca. 100 Beobachter/innen benötigt hätte! - waren damals (wie auch sechs Jahre später) leider nicht möglich. Wer mag, kann den Bericht aus dem Invasionsjahr (Dörrie 2005) als pdf lesen bzw. herunterladen (unter „Literatur“ am Ende dieses Beitrags).

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Abb. 1: Phänologie des Einflugs 2010/2011 nach Wochensummen. Grafik: S. Paul.

Die ersten Vögel (5 Ind.) gerieten bereits am 23.10.2010 in der Annastraße (Göttinger Nordstadt) ins Blickfeld, so früh wie nie zuvor. Bis dahin waren der 30.10.1965 (15 Ind. in Göttingen-Treuenhagen - H. Weitemeier, mdl.) und der 6.11.2004 (5 Ind. in Holzerode, Dörrie 2005) die frühesten Ankunftsdaten. Danach tat sich wenig, erst ab Mitte Januar 2011 konnte man von nennenswerten Zahlen sprechen. Dies entspricht jedoch der traditionellen Phänologie von Seidenschwänzen in der Region.
Während 2004 Trupps von bis zu 600 Ind. in Erscheinung traten, bestand diesmal die größte Ansammlung aus 170 Ind., und auch das nur an einem Tag (18.2.), an dem sich vermutlich alle Göttinger Seidenschwänze zu einem Trupp zusammengeschlossen hatten.

Für einen eher normalen Einflug, der gleichwohl über dem Niveau der Jahre 2000 bis 2003 (mit allerdings geringerer Erfassungsintensität) lag, spricht auch, dass nach dem 24.3. für ca. drei Wochen keine Seidenschwänze mehr gemeldet wurden. Erst am 14.4. und 20.4. tauchten sie wieder in Göttingen auf - mit 12 bzw. 25 Ind., die sich vermutlich auf dem Heimzug in ihre Brutgebiete befanden. Den Schlusspunkt setzten 54 Ind. am 22.4. in Duderstadt, die nach Nordosten abzogen. 2005 erfolgte die letzte Beobachtung heimziehender Vögel am 16.5., also der Invasion entsprechend singulär spät.

Auffällig war, dass diesmal aus dem Eichsfeld bzw. dem Ostteil des Landkreises Göttingen nur wenige Seidenschwänze bekannt wurden. Außerhalb der traditionellen Hochburg Göttingen gerieten 424 Ind. - und damit nur ca. 20 Prozent der gewerteten Vögel - ins Visier und zwar in: Bovenden (61 Ind.), Duderstadt (54), Ebergötzen (12), Eddigehausen (35), an der Geschiebesperre Hollenstedt (6), in Hammenstedt (20), an der Kiesgrube Reinshof (44), an der Leine bei Elvese (20), in Lichtenhagen (25), Moringen (60), Nörten-Hardenberg (20), am Northeimer Bahnhof (40), an den Northeimer Kiesteichen (13), an der Rhume bei Northeim (8), in Sattenhausen (3), am Seeburger See (1) und in Wibbecke (2).

In Göttingen konzentrierten sich die Vögel wie gewohnt auf das Kiessee-Leinegebiet, den Leinegrünzug zwischen Sandweg und Hagenweg (einschließlich Levin-Park) sowie auf den innerstädtischen Grüngürtel (Stadtwall und Umgebung) und den Bereich Kreuzbergring - Goßlerstraße. Etwas aus dem Rahmen fielen allenfalls 95 Ind., die am 20.1. in der Feldmark Geismar-Süd nahe der Diemardener Warte gesichtet wurden.

Während anfänglich, wie auch 2004/2005, Äpfel und rote Beeren die Hauptnahrung stellten, dominierten ab Ende Januar die Beeren der Laubholz-Mistel, die die Vögel überwiegend in mistelreichen Hybridpappeln zu sich nahmen.
Seit 2004/2005 ist Göttingen weithin „entpappelt“ worden. Auch in diesem Winter wurden, obwohl völlig gesund, noch etliche alte Nahrungsbäume vom Fachdienst Stadtgrün umgesägt, so z.B. am Sandweg.

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Abb. 2: Bald gänzlich „entpappelt“? Leinegrünzug zwischen Rosdorfer Kreisel und Sandweg. Foto: M. Siebner.

Gleichwohl muss offen bleiben, in welchem Umfang sich der Verlust ehemals gutbesuchter Nahrungsbäume auf das zahlenmäßige Auftreten der Vögel ausgewirkt hat bzw. ausgewirkt haben könnte. Dem Katastrophenszenario verhungernder Seidenschwänze steht entgegen, dass mittlerweile auch auf vielen jüngeren Exemplaren diverser Laubbaumarten Misteln wachsen (was das Fällen gesunder alter Pappeln natürlich nicht rechtfertigt!). Warum? Ganz einfach: Sie wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt während der Invasion 2004/2005, von den Seidenschwänzen (oder ihrer zänkischen Konkurrentin, der Misteldrossel) durch rege Fress- und entsprechende Verdauungstätigkeit angesät - als Nahrung der Zukunft. Das von Forstwirten, Agraringenieuren, Wirtschaftsmagnaten und Politikern jeder Couleur zur Worthülse ausgelutschte Prinzip der „Nachhaltigkeit“ wurde hier ausnahmsweise in die Tat umgesetzt - und zwar von exotisch anmutenden Vögeln, deren Ankunft im kommenden Winter so mancher schon wieder entgegenfiebert…

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Abb. 3: Paradox: Seidenschwanz bei der Nahrungsmittelproduktion Foto: V. Hesse.

Ein herzlicher Dank des Verfassers geht an Britta Bielefeld vom der Lokalredaktion des „Göttinger Tageblatts“ für die (wiederum) gedeihliche Kooperation und an die Melderinnen und Melder: Frau Bäumer, Herr Bentz, B. Bierwisch, S. Böhner, G. Brunken, J. Bryant, Y. Clough, M. Corsmann, H. Dörrie, K. Dornfeldt, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, J. Fleischfresser, Herr Garzorz, K. Gimpel, M. Göpfert, D. Grobe, J. Herting, V. Hesse, S. Hohnwald, Frau Jentzsch, A. Kannengießer, H.-A. Kerl, U. Kormann, Herr Krüger, W. Kühn, T. Knust, T. Matthies, C. Oppermann, S. Paul, D. Pfuhl, D. Radde, R. Rotzoll, P. Reus (naturgucker.de), B. Riedel (naturgucker.de), U. Scheibler, Herr Schön, A. Schröter, M. Schuck, M. Siebner, A. Stumpner, A. Sührig, H.-J. Thorns, D. Trzeciok, M. Venus, H. Weitemeier, Frau Wilk, D. Wucherpfennig.

Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

Zitiervorschlag

Dörrie H.H. (2011): Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) in Süd-Niedersachsen 2010/2011: mehr sanfte Brise als Invasorensturm. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/doerrie_seidenschwaenze2010.pdf [PDF-Datei].

May 9th, 2011

Süd-Niedersachsens zweiter Eistaucher (Gavia immer): ein kleines Lehrstück für Anfänger (und Fortgeschrittene)

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Abb. 1: Eistaucher im ersten Kalenderjahr an der Kiesgrube Reinshof.
Foto: M. Siebner.

Nach einem total verregneten und deshalb fast „vogelfreien“ Samstag zog es Hans-Jürgen Thorns (Göttingen-Groß Ellershausen) am darauf folgenden Sonntag, dem 14.11.2010 gegen 7.30 Uhr an die Kiesgrube Reinshof südlich von Göttingen. Das Wetter war mit 14°C und einer föhnigen Brise aus Südwest angenehm frühlingshaft. Ein paar Tage zuvor gab es an dem ca. neun Hektar großen Abbaugewässer einen bunten Gänsemix zu sehen, u.a. mit diesjährigen Blässgänsen wie aus dem Bilderbuch.
Dieses Mal verlief der Rundgang zunächst eher unspektakulär: Eine Höckerschwan-Familie, ein paar Stockenten, eine Reiherente und zwei Dutzend Blässhühner dominierten das schmale Artenspektrum. Knapp 50 Graugänse, die in kleinen Trupps einflogen, machten viel Lärm um was auch immer.
Dann aber geriet gegen 8.30 Uhr im Nordostbereich der Kiesgrube für wenige Sekunden ein großer Taucher ins Blickfeld, der sofort wieder abtauchte. War es ein Sterntaucher (Gavia stellata)? Minuten später - und mindestens 100 m weiter südlich - war er wieder ganz kurz zu sehen. Nach drei weiteren Tauchgängen hielt er sich bereits am Südende auf, wo er sich zum ersten Mal richtig betrachten und fotografieren ließ, bevor er wieder Richtung Norden abtauchte. Hier kam er langsam zur Ruhe, zeigte ein paar Mal das typische „Wasserlugen“ und schwamm dann weiter in den nördlichen, neu ausgebaggerten Bereich. Dort stand inzwischen mit W. Kassebeer (Northeim) ein zweiter aufgeregter Beobachter. Er hatte zum Glück den Kosmos-Vogelführer (Svensson et al.) im Gepäck. Nach einem gemeinsamen Blick ins Buch schied der Sterntaucher wegen des geraden, klobigen Schnabels aus und die Vermutung ging in Richtung diesjähriger Prachttaucher (Gavia arctica), obwohl der dunkle Halskragen und der „Höcker“ auf dem Kopf HJT etwas skeptisch machten.
Erst zu Hause - nach einem erneuten Blick ins Buch und auf die Fotos - keimte bei HJT die Hoffnung auf eine dritte Seetaucherart: Eistaucher!? Ein Anruf bei Martin Schuck (Göttingen), und die Hoffnung erlitt einen Dämpfer: „ Ein Eistaucher? Weißt du, dass dies die zweite oder dritte regionale Sichtung überhaupt wäre? Na gut, Prachttaucher wäre auch mein erster für dieses Jahr. Ich fahre mal raus“. Eine Stunde später kam dann der Rückruf und die Bekräftigung: Es war tatsächlich ein diesjähriger Eistaucher, bestätigt nicht nur von Martin mit Hans H. Dörrie im Schlepptau, sondern auch von den etwas später eingetroffenen Herren Silvio Paul, Mathias Siebner (beide Göttingen) und Stefan Hohnwald (Rosdorf), die über das Handy bzw. die regionale Newsgroup avigoe.de alarmiert worden waren.

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Abb. 2: Eistaucher im ersten Kalenderjahr an der Kiesgrube Reinshof.
Foto: M. Siebner.

Auf den Fotos sind alle Merkmale eines Eistauchers im ersten Kalenderjahr gut zu erkennen: Der kräftige Dolchschnabel, der „eingedellte“ Kopf, der dunkle Halbring im Brustbereich, die Aufhellung ums Auge und, last but not least, die markante Wellenzeichnung des Rückens. An der Größe allein hätte man den Vogel nicht auf Artniveau bestimmen können, denn er war nicht viel größer als ein stämmiger Prachttaucher, zumindest wirkte er so.

Ob das binnenländische Auftreten des seltenen Gasts mit dem Sturmtief „Carmen“ zusammen hing, das in den Vortagen über Mittel- und Nordeuropa hinweg gezogen war, darf vermutet werden. Eistaucher brüten auf Inseln und Inselchen von Binnengewässern jeder Größe in Nordamerika, Grönland und (mit ca. 300 Paaren) Island. Sie überwintern in küstennahen Bereichen des Atlantiks und treten zu dieser Zeit in Europa vor Großbritannien, Irland und Nordwest-Frankreich in größerer Zahl auf. An Nord- und Ostsee bekommt man sie erheblich spärlicher zu Gesicht. Im deutschen Binnenland sind sie Ausnahmegäste mit, im Schnitt, einer buchstäblichen Handvoll Nachweisen pro Jahr. Ihre Seltenheit wird nur noch vom imposanten Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii) übertroffen (Bauer et al. 2005). Dieser besonders urtümlich anmutende Geselle - nach Größe, Gewicht und Heimatregion gleichsam der Nikolai Valujev unter den Seetauchern - fehlt bislang auf der Artenliste unseres Bearbeitungsgebiets.
Weniger bekannt ist, dass Normalbürger jeder geografischen Herkunft und Couleur, selbst wenn sie sich nicht die Bohne für Vögel interessieren, mit dem Eistaucher vertraut sind, allerdings unwissentlich. Wie das? Ganz einfach: Viele Kriminal- und Gruselfilme werden mit dem schaurig-schönen Balzwiehern des Eistauchers akustisch untermalt, ganz gleich wo ihre Handlung spielt bzw. wo sie gedreht wurden…

Wo auch immer „unser“ Eistaucher seinen Lebensweg angetreten bzw. -geschwommen haben mag: Er hatte offenkundig großen Hunger und tauchte ununterbrochen nach Fischen, erfreulicherweise mehrmals mit Erfolg. Dabei ließ er sich auch nicht von zwei Kanuten beirren, die an der Kiesgrube bis dato ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung darstellten. Gegen 12.00 Uhr war er augenscheinlich satt. M. Siebner konnte noch beobachten, wie er sich ausgiebig putzte, ab und an mit den Flügeln schlug, einen großen Anlauf nahm und nach einer Ehrenrunde nach Norden davonflog. Weg war er. Eine derart kurze Verweildauer von nur knapp einem Vormittag hatte kaum jemand erwartet; der Frust der später herbeigeeilten Beobachter war entsprechend groß…

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Abb. 3: … und tschüss! Foto: M. Siebner.

Fazit: Die kleine Kiesgrube Reinshof ist immer wieder einen Rundgang wert, vor allem während der Zugzeiten. Anerkannte Nachweise von Brandseeschwalbe (August 2000), Küstenseeschwalbe (April und Mai 2003), Schmarotzerraubmöwe (August 2000) und Dreizehenmöwe (drei Nachweise, der letzte im November 1997) belegen, dass dieses unspektakuläre Gewässer (auch) auf Vertreter von Vogelarten, die man normalerweise an den Gestaden der Nordsee vermuten würde, eine gewisse Anziehungskraft ausüben kann - man muss als Beobachter nur zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle sein!

Mit dem Vogel vom 14.11.2010 liegt für Süd-Niedersachsen die zweite dokumentierte Beobachtung eines Eistauchers vor. Zur Beurteilung einer älteren, mangels Beschreibung nicht nachvollziehbaren Wahrnehmung vom 3. bis 5.12.1977 am Seeburger See (Brunken 1978) vgl. die Anmerkungen bei Dörrie (2000).
Der von der Deutschen Seltenheitenkommission anerkannte Erstnachweis betrifft einen Vogel im zweiten Kalenderjahr vom 12. bis 20.1.1991 auf dem Seeburger See (D. Wucherpfennig, K. Dornieden u.a. in DSK 1994). Er harrte bis zum nahezu kompletten Zufrieren des Gewässers aus und hielt sich durch beständiges Herumrudern eine Fläche von zuletzt nur noch knapp 15 Quadratmetern (!) eisfrei. Dabei wurde er von Beobachtern aus ganz Deutschland bestaunt und von einem Haubentaucher tatkräftig unterstützt.
Seetaucher (wie auch Schwäne) benötigen eine lange Startbahn, um ihren massigen Leib aus dem Wasser zu hieven. An Land sind sie wegen ihres Körperbaus, der an ein aquatisches Leben angepasst ist und sich u.a. durch kurze und sehr weit hinten am Rumpf liegende Beine auszeichnet, äußerst unbeholfen. Die düstere Prognose, dass der Taucher dem Festfrieren geweiht war, wurde zum Glück gegenstandslos: Am 20.1. konnten Fabian Bindrich (damals Hildesheim, heute Hamburg) und Dieter Oelkers (Hildesheim) verfolgen, wie er in einem finalen Kraftakt flügelschlagend über die kleine Wasserfläche lief, danach mit Schwung über das Eis, schließlich mühsam abhob und nach Nordwesten entschwand.

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Abb. 4: Kiesgrube Reinshof: ein Allerweltsgewässer, das manchmal Überraschungen bereithält. Foto: M. Siebner.

Sein Artgenosse von der Kiesgrube Reinshof hat sich ein derart knappes Entkommen - und vielleicht auch das qualvolle Verenden an einer der zahlreichen, von gedankenlosen Sportanglern „vergessenen“ Schnüre samt Haken - durch frühzeitiges Verschwinden in die richtige Himmelsrichtung erspart. Für ihn war es sicher das Beste, obschon einige Beobachter, die leer ausgehen mussten, das sicher anders sehen… Hans-Jürgen Thorns, Mathias Siebner & Hans-Heinrich Dörrie.

Literatur

  • Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2. Aufl., Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Brunken, G. (1978): Avifaunistischer Jahresbericht 1977 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 235-258.
  • Deutsche Seltenheitenkommission (DSK) (1994): Seltene Vogelarten in Deutschland 1991 und 1992. Limicola 8: 153-209.
  • Dörrie, H.-H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.

November 22nd, 2010

Der Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) - Vogel des Jahres 2011 - in Süd-Niedersachsen: eine urbane Randexistenz mit hohen Ansprüchen

Hätte der NABU nach dem gefiederten Angler-Hassobjekt Kormoran (vgl. den Beitrag vom 25.10.2009 auf dieser Homepage) die ähnlich unpopuläre Elster zum „Vogel des Jahres 2011“ küren sollen? Das wäre wohl etwas zuviel verlangt von einem Verband, dem in der Mehrheit gutherzige BeitragszahlerInnen angehören, die ihre Symbiose mit den gefiederten Freunden ohne Ausschüttung von Stresshormonen genießen möchten. Deshalb ist die Wahl eines hübschen Singvogels, an dem sich niemand stört, durchaus nachvollziehbar. Zudem ist der Gartenrotschwanz aus fachlicher Sicht eine interessante Vogelart, deren Populationsdynamik (auch) in unserer Region viele Fragen aufwirft.

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Abb. 1: Männlicher Gartenrotschwanz Foto: NABU / Birdpictures / R. Rößner

Bestand und Bestandsentwicklung
Der aktuelle Brutzeitbestand unseres Porträtvogels kann in Süd-Niedersachsen (Landkreise Göttingen und Northeim) auf der Datengrundlage für den bundesdeutschen Brutvogelatlas ADEBAR optimistisch auf ca. 65 revierhaltende Männchen beziffert werden. Die Zahl erfolgreicher Brutpaare dürfte jedoch um einiges kleiner sein, weil - dies belegen zumindest unsere Göttinger Daten - gerade bei Vogelarten mit negativem Bestandstrend unverpaarte Männchen im Frühling über Wochen eine Singwarte beziehen, ohne auf weibliches Interesse zu stoßen. Nach den ADEBAR-Kriterien (Südbeck et al. 2005) werden auch solche zwangszölibatären Sangeskünstler als „Brutpaare“ gewertet. Damit ist eine virtuelle Erhöhung (Verdoppelung?) des Brutbestands programmiert. In Süd-Niedersachsen dürfte dies vor allem in einigen Gebieten des Landkreises Northeim der Fall sein, die zuvor im Hinblick auf den Gartenrotschwanz wenig erforscht waren und nur im Rahmen der ADEBAR-Kartierungen bearbeitet wurden.

Mit ca. 20 Revierbesetzern beherbergen die Kleingartenkolonien am Göttinger Stadtrand die mit Abstand größte und aufgrund jährlicher Bestandsaufnahmen am besten bekannte Lokalpopulation unseres Bearbeitungsgebiets. Daneben gibt es in unserer Stadt noch ein paar kleine, zumeist unregelmäßige Vorkommen von ein bis zwei singenden Männchen im Ostviertel (s.u.), am Ortsrand von Grone-Süd und (zunehmend seltener) in den Randbereichen der Innenstadt, alle in Hausgärten mit lichter Vegetation und Einzelbäumen.
Während der Bestand in den Kleingärten augenscheinlich stabil ist (Dörrie 2000-2008), wurden in den vergangenen Jahren einige Brutplätze wie das Kerstlingeröder Feld (bis zu drei Reviere zum Beginn des Millenniums, Goedelt & Schmaljohann 2001, 2002, s.u.) oder die Umgebung des Hainholzhofs (ein Revier) fürs erste wieder geräumt. Vorkommen von Einzelpaaren in ländlich geprägten Ortsrandlagen (z.B. bei Duderstadt, Seulingen, Waake, Seeburg, Friedland, Diemarden und Reinhausen) waren entweder von kurzer Dauer oder wurden in den letzten Jahren nicht von Vogelkundlern kontrolliert (Dörrie 2000, 2000-2008).

1948 wurden bei der ersten Brutvogelkartierung im 3,6 km² großen Göttinger Kerngebiet 29 Reviere gezählt und ca. 100 geschätzt (Bruns 1949). Eine 1965 auf gleicher Fläche vorgenommene Wiederholung der Kartierung ergab mit einem Bestand von 87 gezählten und 130 geschätzten Revieren ein, was die Schätzungen betrifft, ähnliches Ergebnis (Hampel & Heitkamp 1968). Bei der jüngsten Kartierung 2005/2006 waren dort nur noch zwei Reviere vorhanden, die eine nahezu komplette Entstädterung anzeigen (Dörrie 2006, 2009). Ein vergleichbar kleiner Bestand von drei Revieren musste bereits 2001 im zum Kerngebiet zählenden Göttinger Ostviertel verzeichnet werden (Dörrie 2002).
Während Schelper (1966) den Gartenrotschwanz für den Altkreis Hann. Münden noch als verbreiteten Brutvogel einstufte, der „in den Tallagen häufiger als der Hausrotschwanz ist“, wurde während der Vorarbeiten für ADEBAR nur ein einziges Revier, in einer Kleingartenanlage im Mündener Siedlungsbereich, notiert (H. Haag, mdl.). Für den Landkreis Northeim fehlen vergleichbare Angaben zur langfristigen Bestandsentwicklung.
Aus den Wäldern der Region ist der Gartenrotschwanz, wie andere Lichtwald-Brutvogelarten (Dörrie 2004, 2009), verschwunden. Wegen seiner Konzentration auf den Siedlungsbereich bzw. siedlungsnahe Habitate könnte er aus regionaler Sicht in „Kleingartenrotschwanz“ umbenannt werden.

Die oben genannten Daten verdeutlichen den dramatischen Rückgang einer Art, die bis vor 40 Jahren (auch) in Süd-Niedersachsen ein häufiger und verbreiteter Brutvogel war. In der niedersächsischen Roten Liste der gefährdeten Brutvögel (Krüger & Oltmanns 2007) besiedelt der Gartenrotschwanz die Kategorie 3, „im Bestand gefährdet“. Der langfristige Bestandstrend ist negativ, obwohl es in einigen nördlichen Landesteilen, die sich durch nährstoffarme Böden und lichte Waldstrukturen auszeichnen, zu einer leichten Erholung gekommen ist.

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Abb. 2: Bruthabitat des Gartenrotschwanzes in der Kleingartenkolonie „Am Kiessee“. Foto: H. Dörrie.

Gründe für den Bestandsrückgang
Als eine Hauptursache für den nachhaltigen Zusammenbruch vieler mittel- und nordeuropäischer Teilpopulationen des Gartenrotschwanzes wird oft die extreme Dürre angeführt, die ab 1968 große Teile der Sahelzone südlich der Sahara in eine lebensfeindliche Wüstenei verwandelte (vgl. z.B. die Darstellung bei Dörrie 2000 und im Jahresbericht 1999). Die Sahelzone ist das traditionelle Überwinterungsgebiet unseres Jahresvogels; sie wird seit längerem immer wieder von Dürreperioden heimgesucht. Die damaligen Verluste wurden vor allem (indirekt) am starken Rückgang (bis zu 70 Prozent) der Fänglinge an verschiedenen europäischen Beringungsstationen zwischen 1968 und dem Folgejahr festgemacht (Glutz von Blotzheim & Bauer 1988). Was genau in der Sahelzone oder auf dem Flug dorthin mit den Vögeln passiert ist, wird man nie erfahren.
Mangels aussagekräftiger Daten bleibt ebenfalls unklar, ab wann sich der Rückgang in Göttingen bemerkbar gemacht hat und in welchem Umfang „unsere“ Vögel von der Sahel-Dürre betroffen waren. Dagegen enthält die Angabe von Brunken (1978) für das Jahr 1977, dass sich „die Art in Göttingen erholt zu haben scheint“, zwei interessante Hinweise: zum einen auf einen signifikanten Bestandseinbruch in der Zeit davor und zum anderen, dass die Verluste, zumindest in Göttingen, wieder ausgeglichen werden konnten. Mit den (hypothetischen) Nachwirkungen der Sahelkatastrophe 1968-72 lässt sich das faktische Erlöschen der ehemals kopfstarken Brutpopulation im Kerngebiet also nicht erklären. Dies legt den Schluss nahe, dass es andere Faktoren gibt, die weitaus schwerer wiegen und zudem dauerhaft wirken.

Im Unterschied zu den ins Dunkel gehüllten Geschehnissen im Schwarzen Erdteil sind wir über die tiefgreifenden Veränderungen im Göttinger Stadtlebensraum unseres Porträtvogels besser informiert. Dass Reitstallviertel und Neustadt dem Erdboden gleichgemacht wurden und die Stadtplan(ier)er sich und ihrem Zementierungswahn mit einem Rathaus von beeindruckender Scheußlichkeit ein unübersehbares Denkmal setzten, konnte der Gartenrotschwanz noch souverän ignorieren. Die Umwandlung der letzten Nutzgärten in Ziergärten, das verbreitete Anpflanzen dichter und dunkler Koniferenbestände sowie der galoppierende Schwund insektenreicher Offenstellen haben seine Lebensqualität weitaus stärker beeinträchtigt. Anders als in den Jahren vor ~ 1980 wird das Göttinger Kerngebiet heute auf weiten Strecken von dunklen und schattigen Baumbeständen geprägt, die der Ansiedlung anpassungsfähiger Waldvögel förderlich sind, den sogenannten Lichtwald-Vogelarten, zu denen auch der Gartenrotschwanz zählt, jedoch im höchsten Maße abträglich (Dörrie 2006, 2009).
Der nahezu komplette Wegfall landwirtschaftlich geprägter Vegetationsstrukturen und Nutzungsformen kann daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Hauptursache für den dramatischen Rückgang im Göttinger Siedlungsbereich gelten.

Zur gleichen Zeit setzte auch in den Wäldern der Verlust von Offenflächen und anderen lichten Strukturen ein. Kahlschläge, mäßig aufgeforstete Windwurfflächen und totholzreiche Waldränder im Übergang zum extensiv genutzten Grünland wurden zunehmend seltener. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr den wenigen verbliebenen Streuobstwiesen, die entweder der Ausdehnung des Siedlungsbereichs zum Opfer fielen oder nicht mehr genutzt wurden. Von diesem Szenario waren und sind, neben dem Gartenrotschwanz, auch andere Lichtwaldarten wie z.B. Baumpieper, Gelbspötter und Turteltaube betroffen (Dörrie 2004, 2006, 2009). Seit ca. 20 Jahren trägt, neben Kalkungsmaßnahmen in den Wäldern, auch das gestiegene Verfrachten und Abregnen nährstoffreicher Stickstoffverbindungen aus industrieller Landwirtschaft und Automobilverkehr dazu bei, dass vegetationsarme Flächen durch die permanente Düngung aus der Luft schneller zuwachsen als jemals zuvor (Gatter 2000, Dörrie 2009, Paul 2010).
Dagegen wirft die Räumung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Kerstlingeröder Feld, der auf weiten Strecken immer noch den Eindruck eines optimalen Lebensraums vermittelt (s.u.), einige Fragen auf. Neben möglichen mikrostrukturellen Habitatverschlechterungen könnte auch Prädation durch Mäuse und Bilche (vgl. Gatter 2000) oder Buntspecht (vgl. Dörrie 2009) bzw. Nistplatzkonkurrenz mit anderen Höhlenbrütern das lokale Verschwinden verursacht haben.

Offenstellen als Lebenselixier
Insektenreiche wärmeexponierte Offenstellen sind ein unverzichtbares Habitatrequisit, auf das der fast ausschließlich am Boden jagende Gartenrotschwanz offenkundig geprägt ist (Glutz von Blotzheim & Bauer 1988). Dies bekräftigt eindrucksvoll die Untersuchung von Martinez et al. (2010), die Habitatexperimente mit Volierenvögeln durchgeführt haben. Selbst bei vierfach höherer Futtermenge in einer dichten Wiese flogen sie eine benachbarte Fläche mit lückiger Bodenvegetation, wo es weniger zu fangen gab (!), signifikant häufiger an. Neben Offenstellen sind auch höhlenreiche alte (Obst-)Bäume ein wichtiger Bestandteil des Brutlebensraums.
Eine derartige Kombination, die den spezifischen Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes entgegenkommt, existiert in unserer Region offenkundig nur noch in mehr oder minder intensiv bewirtschafteten Kleingärten. Hier finden die Vögel ein vielfältig strukturiertes Mosaik aus Gemüsebeeten mit einem hohen Anteil vegetationsarmer oder -freier Stellen (Kartoffeln, Tomaten etc.), alten Obstbäumen, gemähten Flächen und nicht asphaltierten Wegen vor. Überdies hängen dort zahlreiche Nistkästen, die sie gerne annehmen und die das Fehlen von Baumhöhlen in einigen Kolonien sogar kompensieren können. Hinzu kommt, dass der Biozideinsatz in den Kleingärten in letzter Zeit gegen Null tendiert (H. Weitemeier, mdl.), was den Beutetier-Populationen von Insekten und anderen Arthropoden zuträglich ist. Koniferen werden bis zu einem gewissen Beschattungsgrad toleriert, die Bäume sogar bevorzugt als Singwarten genutzt (eig. Beob.).

Schutzmaßnahmen
Die vom NABU und anderen Naturschutzorganisationen ins Zentrum von Schutzmaßnahmen gestellten Hochstamm-Streuobstwiesen sind als museale Relikte einer ehemals extensiv genutzten Kulturlandschaft für den Gartenrotschwanz kaum noch besiedelbar - zumindest in unserer Region, in Süddeutschland mag es sich (noch) anders verhalten. Viele ähneln inzwischen mangels Nutzung und Pflege Feldgehölzen mit einer dichten Krautschicht aus Nährstoffanzeigern. Dieses Schicksal erwartet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die meisten der gutgemeinten kleinflächigen Neuanpflanzungen, die als Ausgleichsmaßnahmen für Bauvorhaben (z.B. neben einer Biogasanlage) oder als medienwirksame PR-Aktionen von Firmen wie Fielmann oder dem (ehemaligen) Göttinger Brauhaus in die Normallandschaft gesetzt wurden. Vom Artenreichtum dieses Lebensraums künden allenfalls die hoffnungsfrohen Schautafeln, die sich zumeist in einem erheblich besseren Zustand befinden als ihr Demonstrationsobjekt. Deshalb ist - sicher zum Missvergnügen von Sponsoren und Landschaftsarchitekten - aus fachlicher Sicht davon abzuraten, „zum Schutz des Gartenrotschwanzes“ weitere Anpflanzungen dieser Art in Szene zu setzen. Dies betrifft auch das zusätzliche Anbringen von Nistkästen: diese hängen bereits buchstäblich überall und werden in einem geeigneten Lebensraum (s.o.) auch jetzt schon gut angenommen.
Um die (wenigen) verbliebenen alten Hochstamm-Streuobstwiesen wieder in einen rotschwanzfreundlichen Zustand zu versetzen, müssten sie nicht nur, wie bisher, sporadisch gemäht, sondern radikal entbuscht, ausgelichtet und danach mit großen Schafherden beweidet werden. Das dunkelwaldartige Erscheinungsbild einer alten Obstwiese oberhalb des Gartetals am Diemardener Berg südlich von Göttingen demonstriert, dass eine partielle Nutzung als Rinder- und Pferdeweide nicht ausreicht, um, wenn überhaupt (!), der galoppierenden Sukzession Einhalt gebieten zu können. Sisyphos lässt grüßen!
Die Handvoll Schafhalter der Region ist momentan mit der kostenträchtigen Pflege verbuschender Mager- und Trockenrasen ausgelastet. Im Landkreis Göttingen fließt, von einer Art Simbabwe-Koalition aus Schwarz über Rot bis Gelb und Grün im Lobbyinteresse einiger hochsubventionierter Agraringenieure politisch vorangetrieben, der Löwenanteil von EU-Fördermitteln für den ländlichen Raum (z.B. Leader +) in die überall aus dem Boden schießenden „Bioenergiedörfer“. Damit ist der weitere Niedergang des Lebensraums Streuobstwiese mit einem derzeitigen Flächenanteil von ganzen 0,4 Prozent programmiert.

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Abb. 3: Für den Gartenrotschwanz unbrauchbar: Ungenutztes Streuobstwiesen-Relikt mit dichter Krautschicht in Gö.-Geismar. Foto: M. Siebner.

Das aktuell beste Schutzkonzept für unsere Gartenrotschwanz-Population ist die weitere Nutzung der Kleingärten für die Lebensmittelproduktion. Ihre Umwandlung in dekorative Ziergärten zu Erholungszwecken wäre für die Vögel ein ähnliches Desaster wie zuvor im Göttinger Kerngebiet. Obwohl es, vor allem auf frei verpachtetem städtischen Grabeland, vermehrt Anzeichen dafür gibt, ist das Interesse an Vereins-Parzellen für die Erzeugung von Obst, Gemüse und Feldfrüchten nach wie vor groß - auch und gerade bei MitbürgerInnen, die mit dem Gartenrotschwanz den Migrationshintergrund gemeinsam haben.

Der Gartenrotschwanz und andere Langstreckenzieher - besondere Opfer des Klimawandels?
Selbst der Katastrophenszenarien nicht gerade abgeneigte Weltklimarat IPCC übt sich in Sachen Sahelzone in ungewohnter Bescheidenheit und konstatiert, dass bislang weithin unklar ist, wie sich das Klima in diesem dynamischen Übergangsbereich zwischen Wald und Wüste in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnte (IPCC 2007). Zudem steht den oft zitierten Negativerscheinungen wie Überweidung, Degradation und Zerstörung von Feuchtgebieten, Bevölkerungsexplosion, verfehlte Agrarpolitik (z.B. hochsubventionierter Anbau von Reis anstelle der traditionellen Hirse) seit jüngstem auch Positives gegenüber. Satellitenbilder belegen, dass die Zahl der Akazien enorm zugelegt hat, Hunderte Millionen neuer Bäume sind herangewachsen - Optimisten sprechen bereits vom „ergrünten Sahel“. Für die neuerliche Ausbreitung vitaler Akaziensavannen, in denen viele in der Westpaläarktis brütende Langstreckenzieher überwintern, sind nicht nur erhöhte Niederschläge verantwortlich, sondern in erster Linie der behutsamere Umgang der Dorfgemeinschaften mit ihren Bäumen und deren Schutz vor Abholzung durch Auswärtige (SPIEGEL 17/2009).
Das Schreckensbild von den Weitstreckenziehern, die in besonderem Maße vom Klimawandel und ökologischen Kalamitäten in ihren Überwinterungsgebieten betroffen sind und die deshalb im Bestand zurückgehen, verliert damit weiter an Überzeugungskraft. Stimmig war es ohnehin nicht. Die wie der Gartenrotschwanz von der Sahel-Dürre der 1960er/1970er Jahre besonders gebeutelte Dorngrasmücke ist in unserer Region wieder zahlreich vertreten und macht ihrem Artnamen „communis“ alle Ehre. Die Klappergrasmücke konnte die Auswirkungen ihres katastrophalen Bestandseinbruchs von 1996 auf 1997 nach kurzer Zeit wieder wettmachen. Die Nachtigall hat seit Mitte der 1990er Jahre signifikant im Bestand zugelegt, selbst der von Eutrophierung und Ausräumung der Agrarlandschaft besonders betroffene Neuntöter konnte sich - für viele Vogelkundler überraschend - in den letzten 20 Jahren recht gut behaupten.
Die Gartengrasmücke ist in Göttingen zwar entstädtert, aber außerhalb des Siedlungsbereichs nicht nur immer noch häufig, sondern hat in Teilen der Agrarlandschaft wie z.B. im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ von Sukzessionsprozessen profitiert und auffallend im Bestand zugenommen (G. Brunken, mdl.). Schafstelze und (mit Einschränkung, vgl. den Spezialbeitrag zu dieser Art vom 1.8.2008 auf dieser Homepage) Wachtel zeigen ebenfalls einen positiven Bestandstrend.
Von einem allgemeinen Bestandsrückgang der Transsaharazieher in ihren Brutgebieten kann also, zumindest aus regionaler Sicht, ernsthaft keine Rede sein (alle Angaben nach Dörrie 2000, 2000-2008, 2009).

Blickt man auf die Weitstreckenzieher mit negativem Bestandstrend, dann lassen sich für jede dieser Arten anthropogene Ursachen ausmachen, die nicht im fernen Sahel zu suchen sind. Für den Gartenrotschwanz und andere Lichtwaldarten wurden einige schon benannt. Bezieht man beispielsweise den Kuckuck (vgl. sein Porträt vom 3.11.2007 auf dieser Homepage), den Wendehals (Verlust nährstoffarmer Offenflächen, beweideter Hochstamm-Streuobstwiesen und extensiv genutzter Obstgärten mit Nestern der Wiesenameise), Rauchschwalbe (Aufgabe der traditionellen Großviehhaltung in schwalbenfreundlichen Ställen), Steinschmätzer (Ödlandverlust), Sumpfrohrsänger (Monotonisierung des Agrarlands und übermäßige „Pflege“ von Entwässerungsgräben), Waldlaubsänger (Verdunkelung des Baumbestands in Kombination mit einer für Bodenbrüter zu dichten Krautschicht) und Fitis (Verlust birkenreicher Sukzessionsflächen und anderer Lichtwaldhabitate) ein, ergibt sich eine breite Palette von Rückgangsursachen, die allesamt hausgemacht sind.
Zusammengenommen dürfte der Einfluss anthropogener Umgestaltungen unserer Kulturlandschaft die, bislang weitgehend hypothetischen, Auswirkungen klimatischer Veränderungen in der Sahelzone (und möglicherweise auch im Mittelmeerraum) um einiges übertreffen. Es spricht vieles dafür, dass periodische Dürrekatastrophen einen nachhaltig verheerenden Einfluss auf die (ohnehin schrumpfenden) Brutbestände einiger Transsaharazieher nur dann ausüben, wenn solche Verluste im Brutgebiet wegen verschlechterter Habitatqualität und, damit einhergehend, verminderter Reproduktion nicht ausgeglichen werden können.

Wo und wann bekommt man den „Vogel des Jahres 2011“ zu Gesicht?
In Göttingen sollte es kein Problem sein, einen (singenden) Gartenrotschwanz auszumachen. Die Vögel treffen Anfang bis Mitte April im Brutgebiet ein. Nahezu jede Kleingartenkolonie hat ihre (bis zu drei) Gartenrotschwanz-Reviere, im Süden der Stadt beispielsweise die Kolonien „Lange Bünde“, „An der Stegemühle“, „Wiesengrund“ und „Am Kiessee“, im Westen „Leineberg West“ und im Norden „Edelweiß“, „Auf der Masch“ und „Am Rothenberg“ in Weende. Die Kolonien lassen sich auf halböffentlichen Wegen gut begehen und die Parzellenpächter verhalten sich zumeist freundlich. 2010 war ein gutes Jahr für ihre gefiederten Vereinskollegen. Den weittragenden, etwas wehmütigen Gesang der Männchen, die prominente Singwarten auf Baumspitzen beziehen und sich dort gut beobachten lassen, kann man eigentlich nicht überhören.
Zur Zugzeit von Ende März bis in die dritte Maidekade kann man rastende Individuen auf dem Kerstlingeröder Feld, am Kiessee, an der Kiesgrube Reinshof und in der Feldmark Geismar-Süd beobachten, auf dem Wegzug ebenda von Anfang August bis Mitte Oktober.

Besonderheiten und offene Fragen
Im Göttinger Ostviertel (mehrfach), am Hohen Hagen bei Dransfeld und bei Diemarden wurden in der Vergangenheit abweichend singende Gartenrotschwänze wahrgenommen, die entweder einen Mischgesang hervorbrachten, der auch die schmatzenden Elemente des Hausrotschwanz-Gesangs enthielt, oder einen aus Nachahmungen anderer Singvogelstimmen bestehenden Imitativgesang. Vermutlich hatten es diese Männchen in Ermangelung eines arteigenen Partners darauf abgesehen, sich mit einem Hausrotschwanz zu verpaaren - nach der besonders unter Enten und Gänsen populären Devise „besser Sex mit einem fremdartigen Partner als überhaupt keinen“. Ob solche Mischsänger Anzeiger des Bestandsrückgangs und einer möglichen „Verinselung“ kleiner Lokalpopulationen mit negativem Trend sind, kann vermutet werden.
Mischlinge aus den beiden heimischen Rotschwanz-Arten, die aus anderen Regionen bekannt sind (zu ihrer manchmal kniffligen Bestimmung vgl. Nicolai et al. 1996), wurden bei uns noch nicht festgestellt. Die Beschreibung eines vermeintlichen Hybriden aus der Wendebachaue im Frühling 2008 (Heitkamp et al. 2010) deutet eher auf ein leicht aberrant gefärbtes Hausrotschwanz-Männchen.
Wissenslücken bestehen hinsichtlich des Bruterfolgs der Rotschwänze. Reicht er aus, um den Bestand langfristig zu sichern oder ist die lokale Population auf Zuzug angewiesen – von wo auch immer? Bis zur Beantwortung dieser Frage und darüber hinaus kann sich aber (hoffentlich) jede(r) Interessierte auch in den kommenden Jahren an diesem attraktiven Singvogel vor der Haustür erfreuen! Hans-Heinrich Dörrie (hd)

Literatur

  • Brunken, G. (1978): Avifaunistische Jahresberichte 1977. 8. Übriges Beobachtungsgebiet. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 305-315.
  • Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.
  • Dörrie, H.-H. (2000-2008): Avifaunistische Jahresberichte 1999 bis 2007 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs., Bde. 5-13.
  • Dörrie, H.-H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Dörrie, H.H. (2002): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.
  • Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.
  • Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 68-80.
  • Dörrie, H.-H. (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.
  • Gatter, W. (2000): Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2001): Die Brutvögel des Kerstlingeröder Feldes, Stadt Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2000. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 141-159.
  • Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2002): Neues vom Kerstlingeröder Feld - Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachsens 7: 178-187.
  • Glutz von Blotzheim, U.N. & K.M. Bauer (Hrsg.) (1988): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band II/1, Passeriformes (2. Teil), Turdidae. Aula-Verlag, Wiesbaden.
  • Hampel, F. & U. Heitkamp (1968): Quantitative Bestandsaufnahme der Brutvögel Göttingens 1965 und ein Vergleich mit früheren Jahren. Vogelwelt, Beih. 2: 27-38.
  • Heitkamp, U., Brunken, G., Corsmann, M., Grüneberg, C. & S. Paul (2010): Avifaunistischer Jahresbericht 2008 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 14: 4-77.
  • IPCC (2007): Working Group II, Climatic Change Impacts, Adaption and Vulnaribility, Chapter 4.
  • Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.
  • Martinez, N., Jenni, L., Wyss, E. & N. Zbinden (2010): Habitat structure versus food abundance: the importance of sparse vegetation for the common redstart Phoenicurus phoenicurus. J. Ornithol. 151: 297-307.
  • Nicolai, B., Schmidt, C. & F.-U. Schmidt (1996): Gefiedermerkmale, Maße und Alterskennzeichen des Hausrotschwanzes Phoenicurus ochruros. Limicola 10: 1-41.
  • Paul, S. (2010): Welchen Nutzen hat der Sturm? Ergebnisse einer Brutvogelerfassung auf ausgesuchten Waldschadensflächen im Reinhäuser Wald bei Göttingen. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/paul_welchennutzen.pdf [PDF-Datei].
  • Schelper, W. (1966): Die Vogelwelt des Kreises Münden. Eigenverlag.
  • Südbeck, P., Andretzke, H., Fischer, S., Gedeon, K., Schröder, K., Schikore, T. & C. Sudfeldt (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Eigenverlag, Radolfzell.

October 19th, 2010

Raues Klima macht rauen Füßen Beine

Der Raufußbussard Buteo lagopus ist ein vereinzelter Wintergast und Durchzügler in Südniedersachsen und wird nicht alljährlich nachgewiesen. Im vergangenen Kältewinter 2010 kam es jedoch nach 1977 und 1987 erneut zu einem regelrechten Einflug dieses im Gegensatz zum Mäusebussard fast anmutigen Greifvogels, dessen Brutgebiete in den Tundrazonen rund um den Polarkreis liegen. Die hohen Schneelagen in den regulären Überwinterungsgebieten der norddeutschen Tiefebene und den Niederungen des östlichen Mitteleuropas dürften die Tiere veranlasst haben, diese zu verlassen und nach Süden auszuweichen. Die erste Beobachtung eines Raufußbussards in Südniedersachsen gelang bereits im November 2009. Im Februar 2010 stieg die Zahl der Beobachtungen dann drastisch an und kulminierte in der zweiten Monatshälfte. Die vergleichsweise geringen Beobachtungen vom 15.02. bis 19.02. sind auf eine verminderte Beobachtungsintensität zurückzuführen. Nach dem 1. März wurde kein Raufußbussard mehr gesichtet. Offenkundig hatten die Vögel während einer Tauwetterperiode schnell wieder das Feld geräumt.

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Abb. 1: Sichtungen von Raufußbussarden in Südniedersachsen im Winter 2010

Insgesamt konnten 56 verschiedene Sichtungen für diesen Winter dokumentiert und bei 41 Individuen eine Unterscheidung nach Alt- oder Jungvogel vorgenommen werden. Der Jungvogelanteil von knapp 5 % fiel dabei sehr gering aus. Dies deutet auf schlechten Bruterfolg der Art im Jahr 2009 hin. Dafür spricht auch die geringe Durchzugszahl von Raufußbussarden zwischen August und November 2009 in Falsterbo (Südschweden), die deutlich unter dem Durchschnitt der Wegzugperiode lag (Abb. 2). Wegzugzahlen gelten allgemein als guter Indikator des Bruterfolges.

2009 185
langjähriger Durchschnitt 1973 – 2008 904

Abb. 2: Durchziehende Raufußbussarde in Falsterbo, Südschweden
(Quelle: http://www.skof.se/fbo)

Ob unterschiedliche Präferenzen von Überwinterungsgebieten von Alt- und Jungvögeln oder anderes Zugverhalten bei dem Einflug eine Rolle gespielt haben, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Die sich täglich verändernde Geschlechterzusammensetzung in den südniedersächsischen Beobachtungsgebieten deutet auf eine hohe Fluktuation der Tiere und wenig stationäres Verhalten hin.

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Abb. 3: Wetterstationen in möglichen Überwinterungsgebieten
(Quelle: Google Earth)

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Abb. 4: Schneehöhen in Marlow, Winter 2010

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Abb. 5: Schneehöhen in Gorzów Wielkopolski, Winter 2010

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Abb. 6: Schneehöhen in Göttingen, Winter 2010 (Quelle: wetteronline.de)

Um einen Zusammenhang der Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zu prüfen, wurden Schneehöhenkurven des Winters 2009/10 von verschiedenen potenziellen Überwinterungsgebieten des Raufußbussards untersucht (Abb. 3). Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die Flussniederungen Polens und die Norddeutsche Tiefebene. Obwohl Unterschiede im Verlauf der Schneehöhen in Norddeutschland und Polens festgestellt werden konnten, zeigt sich eine deutliche Zunahme der Schneehöhen aller in Norddeutschland und Westpolen untersuchten Gebiete ab Anfang Februar. Die Schneedeckenhöhe verdoppelte sich vielerorts sogar. Bedenkt man eine Reaktionszeit der Bussarde auf die veränderten Umweltbedingungen, dann liegt es nahe, dass die Bussarde auf die Schneehöhen, die eine Nahrungssuche unmöglich machten, mit Abwanderung reagierten. Aus Südschweden, das ebenfalls zu den regulären Überwinterungsgebieten der Raufußbussarde zählt, lagen keine Daten über die Schneehöhen während des Einfluges vor. Die geringe Zahl der Februarbeobachtungen in Schweden deutet jedoch ebenfalls auf eine Abwanderung der dort überwinternden Individuen hin (Abb. 7). Es könnten also auch Vögel aus diesen Gebieten an dem Einflug beteiligt gewesen sein.

Januar 2010 1542
Februar 2010 596
März 2010 1394

Abb. 7: Zufallsbeobachtungen des Raufußbussards in Schweden im Winter 2010
(Quelle: http://svalan.artdata.slu.se/)

Alle bis auf zwei der dokumentierten Sichtungen aus den Landkreisen Göttingen und dem Altkreis Northeim stammen aus nur drei verschiedenen Beobachtungsgebieten: Der Leineniederung nördlich von Northeim, der Umgebung des Steinbergs in Seeburg und dem Diemardener Berg südlich von Göttingen. In der Leineniederung waren mindestens sechs Individuen anwesend, auf dem Steinberg drei und auf dem Diemardener Berg konnten zwei Vögel gleichzeitig beobachtet werden. Der Leineniederung mit ihrem hohen Grünlandanteil kam schon in den Einflugjahren der Vergangenheit eine besondere Bedeutung zu. Aus den beiden anderen Gebieten liegen keine oder nur sehr wenige ältere Nachweise vor. Die Beobachtungen aus der Leineniederung stammen zum größten Teil aus dem Leinepolder 2. Dort war von einem guten Nahrungsangebot an Mäusen auszugehen, da es bis zu dem Einflug im Gegensatz zum Leinepolder 1 nicht zu einer Einstauung kam, was ein Überleben der Kleinsäugerpopulationen erst möglich machte. Bei den anderen Gebieten handelt es sich um exponierte Standorte, bei denen Schneeverwehungen zu geringeren Schneehöhen führten und den Zugang zu Kleinsäugern begünstigten.

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Abb. 8: Raufußbussard (Foto: M. Siebner)

Im Januar 1977 sowie im Januar und Februar 1987 kam es schon einmal zu einem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen (Riedel 1978, Dierschke 1997). Leider liegen aus den beiden Einflugjahren nur sehr wenige Informationen über die Schneehöhen in den traditionellen Überwinterungsgebieten vor. Das Untersuchungsgebiet der Schneehöhen beschränkte sich aufgrund der geringen Datengrundlage auf drei ausgewählte Punkte in Norddeutschland: Schwerin, Rostock und Hamburg.

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Abb. 9: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1977 (Quelle: wetteronline.de)

Für das Einflugjahr 1977 scheint es zweifelhaft, dass die Schneehöhenzunahme in Norddeutschland Mitte Januar auf maximal 10 cm die Ursache für den massiven Einflug in Südniedersachsen darstellte, obwohl der Beginn des Einfluges kurz darauf begann (Abb. 9). Im Dezember des Vorjahres lagen die Schneehöhen schon über den besagten 10 cm und waren in anderen Jahren Mitte Januar um ein vielfaches höher, ohne dass ein Einflug in Südniedersachsen dokumentiert werden konnte.

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Abb. 10: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1987 (Quelle: wetteronline.de)

Für 1987 liegen keine ausreichenden Daten über den Beginn und Verlauf des Einfluges vor. Maximalzahlen lagen bei jeweils fünf Individuen am 25.01 sowie am 03.02 im Leinepolder Salzderhelden. In diesem Jahr scheint es schon wahrscheinlicher, dass in Norddeutschland überwinternde Vögel an dem Einflug beteiligt waren, da die Schneehöhen von bis zu 30 cm in Norddeutschland Mitte Januar den Auslöser für die Abwanderung dargestellt haben könnten (Abb. 10).
Neben dem gehäuften Auftreten von Raufußbussarden kam es im vergangenen Winter 2010 zu einem nie dagewesenen Einflug von Sumpfohreulen Asio flammeus in Südniedersachsen. Bis zu fünf Individuen konnten am Steinberg bei Seeburg gleichzeitig beobachtet werden und auch in anderen Gebieten gelangen Nachweise. Interessanterweise trat die Sumpfohreule in den Einflugjahren der Raufußbussarde in der Vergangenheit überhaupt nicht in Erscheinung. Anders scheinen sich die Schneehöhen auf das Auftreten der Kornweihe Circus cyaneus in Südniedersachsen auszuwirken. Während Riedel 1977 neben dem Einflug der Raufußbussarde parallel dazu einen Einflug der Kornweihe dokumentieren konnte, wurden im Februar 2010 nur zwei Individuen am Steinberg beobachtet. Im Leinepolder Salzderhelden gelang in diesem Zeitraum kein einziger Nachweis.
Auch wenn ein Zusammenhang zwischen den extremen Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zumindest für 2010 wahrscheinlich scheint, sollte man sich vor ökologischen Kurzschlüssen hüten. Die Raufußbussardeinflüge der Vergangenheit und das abweichende Einflugverhalten der drei genannten Arten zeigen, dass einfache, kausale Zusammenhänge die Einflüge allein nicht erklären können. Warum kommt es in manchen Jahren beim Auftreten hoher Schneehöhen in den Überwinterungsgebieten nicht zu Einflügen? Inwieweit können geringe Kleinsäugerpopulationen zu Einflügen führen und welche weiteren Gründe können das Abwanderungsverhalten der Tiere beeinflussen? An Hinweisen, die zur Beantwortung dieser Fragen beitragen können und kritischen Anmerkungen zu diesem Artikel ist der Verfasser sehr interessiert. Diese können an martinschuck[at]gmx.de geschickt werden. M. Schuck

Literatur

  • Dierschke, V. (1997): Das Wintervorkommen von Greifvögeln im südniedersächsischen Leinetal. Gött. Naturk. Schr. 4: 95-106.
  • Riedel, B. (1978): Der Kornweihen- und Rauhfußbussardeinflug im Winterhalbjahr 1976/1977 in den Landkreisen Northeim – Göttingen – Osterode. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 359-367.

Zitiervorschlag

Schuck, M. (2010): Raues Klima macht rauen Füßen Beine. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/schuck_rauesklima.pdf [PDF-Datei].

Mein Dank geht einerseits an die fleißigen Beobachter, die sich bei eiskalten Wintertemperaturen trotzten, sowie allen anderen, die bei der Erstellung dieses Artikels geholfen haben: B. Bierwisch, S. Böhner, J. Bryant, G. Brunken, H.-H. Dörrie, M. Drüner, V. Hesse, U. Hinz, L. Hülsmann, H.-A. Kerl, M. Kotowska, W. Kühn, V. Lipka, T. Meineke, K. Menge, S. Paul, M. Siebner und H.-J. Thorns.

July 19th, 2010

Der Kormoran (Phalacrocorax carbo) - Vogel des Jahres 2010 - in Süd-Niedersachsen

Alle Achtung! Der kollektive Wutausbruch der Sportangler-Lobby im Internet und anderswo belegt, dass der NABU mit seiner Wahl richtig gelegen hat. Endlich mal kein konsensfähiger Sympathieträger, an dem sich umtriebige Vogelschützer mit Biotopverbesserungen, Nisthilfen u.ä. abarbeiten können, sondern ein umstrittener „Problemvogel“ im bleihaltigen Spannungsfeld von Naturschutz- und Naturnutzerinteressen. Die Göttinger Vogelkundler haben sich schon immer für den knorrigen Ruderfüßler stark gemacht, zuletzt in der Glosse „Neues von unerwünschten Fischfressern und pelzigen Neubürgern“ vom 27.11.2007 auf dieser Homepage. Der Wahl können sie wärmstens und zudem mit einer gewissen Genugtuung applaudieren.

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Abb. 1 Foto: NABU / F. Möllers


Einst und jetzt
Die Naturgeschichte des Kormorans in unserer Region ist schnell erzählt. Bis zum Beginn der 1980er Jahre war er eine mittlere Rarität, die in Truppgrößen von weniger als zehn Individuen auftrat. Die meisten Kormorane wurden in den Jahren 1998 bis 2002 beobachtet; damals waren Ansammlungen von mehr als 200 Individuen, die sich auf dem Heim- und Wegzug am Seeburger See und an den Northeimer Kiesteichen einfanden, keine Seltenheit. Heutzutage sind Tagessummen von 80 bis 100 Individuen die Ausnahme.1998 etablierte sich an den Northeimer Kiesteichen eine Brutkolonie mit maximal 50 Nestern in den Folgejahren, die 2004 durch einen Ableger an der ehemaligen Kiesgrube im Leinepolder Salzderhelden mit 16 Nestern erweitert wurde. Obwohl sich dort zum Beginn der Brutzeit immer noch ein paar balzende Vögel aufhalten, sind beide Kolonien mittlerweile verwaist; eine erfolgreiche Brut hat in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden. Grund dafür ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Plünderung der Gelege durch Waschbären (vgl. den oben genannten Beitrag auf dieser Homepage). Der Kormoran ist daher bis auf weiteres als regional (wieder) verschwundener Brutvogel einzustufen.

Soweit die dürren Fakten, die sich recht gut in das allgemeine Bild einer rasanten Bestandszunahme bis zum Erreichen der Plateauphase mit aktuell stabilen bis leicht sinkenden Zahlen einfügen. Neben dem Waschbären hat andernorts auch der Seeadler für das Erlöschen von Kolonien gesorgt, z.B. am Steinhuder Meer. Dies zeigt, dass eine schleichende, aber durchaus nachhaltige Regulierung der Kormoran-Brutbestände ohne Pulver und Blei eingesetzt hat; diese wird in dem Maße, wie Waschbär und Seeadler sich weiter ausbreiten, noch zunehmen.

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Abb. 2 Foto: M. Siebner

Der Kormoran – ein Kulturfolger der besonderen Art
Ein wesentlicher Katalysator der Bestandszunahme dieser in der alten Bundesrepublik faktisch ausgerotteten und in der damaligen DDR von Staats wegen auf 1500 Paare limitierten Brutvogelart war die nachlassende Verfolgung in den Nachbarländern und die europaweite Unterschutzstellung nach der EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979. Das vermehrte Auftreten in Süd-Niedersachsen wurde jedoch auch durch andere anthropogene Faktoren begünstigt. In unserer an natürlichen Stillgewässern armen Region entstanden in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Sekundärgewässer, im wesentlichen Kiesgruben, die - und jetzt wird’s interessant - bis auf wenige Ausnahmen sogleich von Sportanglern in Beschlag genommen und mit schmackhaften Speisefischen aller Art bestückt wurden. Hinzu kommt, dass viele unserer Gewässer durch die Klärung von Abwässern weniger mit Schadstoffen belastet und sauberer geworden sind. Permanenter Nährstoff- und Sedimenteintrag aus der industriellen Landwirtschaft und abgeregnete Stickstoffverbindungen aus dem Automobilverkehr haben jedoch vielerorts zum starken Wachstum von Wasserpflanzen geführt. Davon profitieren einige anpassungsfähige Fischarten, für andere hingegen wie z.B. die Äsche, die bei ihrer Reproduktion auf vegetationsfreie Flachzonen schnellfließender Gewässer angewiesen ist, hat sich die Lebensraumqualität verschlechtert.

Somit stehen den Kormoranen seit einiger Zeit ergiebige Nahrungsquellen zur Verfügung, die sie, wer will es ihnen verdenken, effektiv ausbeuten. Dies tun sie überwiegend an stehenden Gewässern. Nur in ausgeprägten Kältewintern fliegen sie, notgedrungen, Fließgewässer wie Leine und Rhume vermehrt an. Unsere Binnenland-Kormorane sind klassische „Kulturfolger“, die, ähnlich wie Kraniche auf abgeernteten Maisfeldern oder Gänse auf Ackerflächen mit Zwischenfruchteinsaat, von anthropogenen Veränderungen in der Nutzung von Natur und Landschaft profitieren. Dass sie dabei ihre Beute an den Rand des Aussterbens bringen, gehört ebenso ins Reich der Legende wie das Gruselmärchen von den Rabenvögeln, die angeblich Singvögel ausrotten. Wäre dem so, gäbe es in unserer Region schon seit einiger Zeit keine Kormorane mehr. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass Fischbestände von den geschickt in Gruppen operierenden Tauchjägern gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden können. Dass Fische von ihren Feinden gefressen werden, manchmal auch in Massen, ist jedoch ein ebenso natürlicher Vorgang wie z.B. die Plünderung von Seeschwalbengelegen durch räuberische Silbermöwen, die von jeher den Zorn von Vogelschützern erregt. An Rhume und Leine geschieht dies jedoch immer nur lokal und keineswegs alljährlich. Ein klarer Beleg für einen ausschließlich durch Kormorane herbeigeführten großflächigen Rückgang sogenannter „Edelfischarten“ steht für unsere Region immer noch aus. Dabei wird es wohl auch bleiben. Neben anderen ökologischen Parametern wird der Einfluss von Raubfischen und Laichräubern wie dem (ausgesetzten) Aal, der, das ergab eine Elektrobefischung 2006, mittlerweile knapp zwei Drittel des Fischbestands der Göttinger Leine stellt, mangels Interesse nicht genauer untersucht. Warum auch: Man hat ja einen idealen Sündenbock…

Kormoran-Bekämpfung zur Wiederherstellung einer intakten Natur?
Wer diese Zusammenhänge nicht kennt oder beiseite schiebt und stattdessen von „Überpopulationen“, Begrenzung der Kormoranzahlen auf ein (für wen?) „erträgliches Maß“, den gezielten „Schutz gefährdeter Fischarten“ durch Kormoran-Massenabschüsse und die Wiederherstellung eines imaginären „biologischen Gleichgewichts“ schwadroniert, für den ist auch die Dynamik ökologischer Prozesse ein Buch mit sieben Siegeln. Wer in der Tagespresse oder in Youtube-Filmchen mit dramatisch-düsterer Musikuntermalung den Einflug von 50 Kormoranen als nackten Horror präsentiert, nur weil jeder dieser Vögel, wie es nun mal seine Art ist, pro Tag ca. 350 Gramm Fisch verspeist, bewegt sich in einer unseligen Tradition der Dämonisierung vermeintlicher „Schädlinge“.

Für die Handvoll hauptberuflicher Teichwirte im Binnenland, deren materielle Existenz vom Verkauf der Fische abhängt, hat es bekanntlich schon vor der Genehmigung flächendeckender Abschüsse in fast allen Bundesländern Möglichkeiten der lokalen Vergrämung gegeben, damit sie ihr Kapital vor den gefiederten Konkurrenten schützen können - kein Naturschützer hatte etwas dagegen einzuwenden. Dabei hat sich die Überspannung von Fischzuchtanlagen mit Netzen im Vergleich zu Vergrämungsabschüssen als erheblich effektiver erwiesen.

Mittlerweile werden in Deutschland alljährlich ca. 15.000 Kormorane „zum Schutz der heimischen Tierwelt“ geschossen. Für die Sportangler-Lobby ist aber selbst dieses Blutbad an einer nach EU-Recht immer noch geschützten Vogelart nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um die Natur „wieder in Ordnung zu bringen“ fordern sie jetzt, den Bestand europaweit um 50 Prozent zu reduzieren. Die Durchsetzung dieses Vorhabens würde beispiellose Massaker in den Brutkolonien nach sich ziehen - eine Barbarei, die allenfalls mit der gnadenlosen Greifvogelverfolgung oder dem massenhaften Abschlachten von Reihern und Seevögeln zur Gewinnung von Modeschmuckfedern im ausgehenden 19. Jahrhundert verglichen werden kann.

Durch das verbreitete Aussetzen gebietsfremder Fischarten - vom Aal im Chiemsee bis zum Zander in der Kiesgrube Reinshof bei Göttingen, ganz zu schweigen von nordamerikanischen Bachsaiblingen und Regenbogenforellen - haben sich die Freizeitangler vielerorts ihre eigene, hochgradig naturferne und entsprechend aufwendig „gemanagte“ Fischfauna zusammengestellt. Diese soll jetzt mit aller Gewalt vor einem natürlichen Fressfeind geschützt werden. Es ist an der Zeit, diesem Widersinn ein Ende zu bereiten und Vernunft einkehren zu lassen.

Angler und Naturschützer haben durchaus gemeinsame Interessen, wenn es um den Schutz von Fließ- und Stillgewässern samt ihrer Flora und Fauna (zu der nun auch der Kormoran zählt) geht. In Göttingen haben beide Seiten 2007 einträchtig die Ausbaggerung der Leine für den Hochwasserschutz verhindert, und auch gegen die Planung neuer Wasserkraftwerke wird man sicher an einem Strang ziehen. Insofern sollte die Wahl des Jahresvogels 2010 von den Anglern nicht als bloße Provokation, sondern vielmehr als Angebot verstanden werden, sich gemeinsam der wahrhaft gravierenden Probleme im Natur- und Artenschutz anzunehmen, zu denen die erfreuliche Bestandszunahme eines zuvor fast ausgerotteten Wasservogels gewiss nicht zählt.

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Abb. 3 Foto: M. Siebner

Kormorane beobachten – wann und wo
Am Seeburger See, an den Northeimer Kiesteichen und an der Geschiebesperre Hollenstedt halten sich, wenn die Gewässer nicht vereist sind, ständig Kormorane auf, zumeist in Ansammlungen von weniger als 50 Tieren.

Als GöttingerIn hat man es besonders leicht und bequem, den Vogel des Jahres zu sehen. Am stadtnahen Kiessee, wo nicht auf die Vögel geschossen werden darf, können sich ab Oktober 50 bis 80 Kormorane mit geringer Fluchtdistanz einfinden, die beim Zufrieren des Gewässers wieder abziehen oder auf die Leine ausweichen. Ab April sind sie wieder verschwunden, nur zwei bis drei bleiben über den Sommer. Schwärme von mehr als 200 Vögeln oder gar „Kolonien“ haben dort bislang nur ein paar Angler zu Gesicht bekommen. Das Flunkern und Übertreiben (sooo groß war der Fisch!) ist aber von jeher ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Freizeitbeschäftigung. Man sollte nachsichtig sein, aber sich zu Wort melden, wenn solche Rekordleistungen Eingang in die Berichterstattung der Tagespresse finden…

Ein kleine, subjektiv gefärbte Anregung zum Schluss: Die vorurteilsfreie Betrachtung unseres Jahresvogels bringt ans Licht, wie schön er ist. Sein Gefieder erscheint nur einfarbig schwarz. In Wirklichkeit schillert es dezent in vielen Blau- und Grüntönen. Die silbrig schimmernden Köpfe der brutwilligen Altvögel in Kombination mit dem dunklen Federkleid erinnern wahlweise an einen in Würde gealterten katholischen Prälaten oder evangelischen Propst. Die quarrenden Balzrufe klingen hingegen ziemlich unchristlich. Ein Kormoran, der regungslos auf einem Ast steht und seine ausgebreiteten Flügel von der Sonne trocknen lässt, verleiht auch dem ödesten Tümpel seinen besonderen Reiz: So soll es sein – so soll es bleiben! hd

Ausführliche Informationen über den Kormoran können der Sonderseite des NABU zum Vogel des Jahres 2010 entnommen werden. Der Verband hat eine Seite eingerichtet, auf der man sich als Kormoranfreund outen und, wenn man möchte, Diskussionen mit netten und weniger netten Zeitgenossen führen kann (www.kormoranfreunde.de).

October 25th, 2009

Rotmilan: Flaggschiff mit Schlagseite

Interview. Der Rotmilan ist eine Charaktervogelart der offenen Kulturlandschaft und eine Art mit ganz besonderer Bedeutung für den Natur- und Artenschutz. Der AGO-Mitarbeiter Gerd Brunken hat in den zurückliegenden Jahren die Brutbestände dieses eleganten Greifvogels im südlichen Niedersachsen, einem Verbreitungsschwerpunkt der Art, unter die Lupe genommen. Wir sprachen mit ihm über die Ergebnisse seiner Untersuchung.

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Foto: Volker Hesse.

AGO: Herr Brunken, Sie haben sich in den letzten Jahren genauer mit dem Rotmilan in Süd-Niedersachsen beschäftigt. Warum gerade mit dieser Art?

G. Brunken: Der Rotmilan ist eine Brutvogelart mit einem kleinen Verbreitungsareal. In Deutschland brütet über die Hälfte der Weltpopulation von insgesamt nur 20.000 bis 25.000 Brutpaaren. Unsere Region gehört zu den Dichtezentren der Art. Der Rotmilan ist außerdem eine Brutvogelart des Anhangs I der EU-Vogelschutzrichtlinie. Zudem wurden in neuerer Zeit gerade in den Hauptverbreitungszentren der Art zum Teil alarmierende Bestandsrückgänge gemeldet.

AGO: Ihre Ergebnisse waren alarmierend. Was genau haben Sie herausgefunden?

G. Brunken: Im EU-Vogelschutzgebiet Unteres Eichsfeld, zu dessen drei wertbestimmenden Brutvogelarten der Rotmilan gehört, wurden 2003 bei einer ersten flächendeckenden Bestandsaufnahme noch 17,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² ermittelt. 2008 hatte sich die Zahl auf 12,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² reduziert. Nicht brütende Revierpaare gibt es fast nicht mehr, so dass davon auszugehen ist, dass die Nichtbrüterreserve aufgebraucht ist und uns in den nächsten Jahren eine weitere Reduzierung der Brutpaarzahl droht.

AGO: Im Landkreis Göttingen wurden in der letzten Brutsaison auch Hybridbruten von Rot- und Schwarzmilanen festgestellt. Passt auch das zu der von Ihnen geschilderten Entwicklung?

G. Brunken: Ich würde noch nicht von einer Tendenz zur Hybridisierung sprechen. Allerdings waren von den ganzen sechs erfolgreichen Rotmilanbruten des Jahres 2008 zwei, die ein Mischpaar Rot-/Schwarzmilan betrafen. Es bleibt abzuwarten, ob sich in den nächsten Jahren tatsächlich eine Tendenz zu Mischpaaren herausbildet und ob diese Paare möglicherweise sogar einen Selektionsvorteil besitzen.

AGO: Kann man genaueres über die Gründe des negativen Trends sagen?

G. Brunken: Die nahrungsökologischen Untersuchungen des Jahres 2008 haben gezeigt, dass die Vögel in der offenen Agrarlandschaft nicht mehr in ausreichendem Maße Nahrung finden, um die zur Aufrechterhaltung der Lokalpopulation notwendigen mindestens zwei Jungvögel pro Paar zur Flugfähigkeit zu bringen. Die Misere kann in kurzen Worten wie folgt beschrieben werden: Bei uns hat der Rotmilan zweifellos von Flächenstilllegungen in der Landwirtschaft profitiert, die die zunehmende Intensivierung der Nutzung zumindest teilweise kompensieren konnten. Mit der Doppelförderung des Rapsanbaus auf Stilllegungsflächen ging den Kleinsäugern, die im Beutespektrum der Milane die überragende Rolle spielen, ein großer Teil an Reproduktionsraum verloren. Die endgültige Abschaffung der Flächenstilllegung durch die Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe hat die Situation für Kleinsäuger weiter verschärft. Der zweite entscheidende Aspekt ist, dass zu Beginn der Brutzeit zwar ausreichend potentielle Jagdflächen zur Verfügung stehen. Im Zeitabschnitt des höchsten Nahrungsbedarfs (Fütterung der Nestlinge) allerdings ist den Vögeln aufgrund der Vegetationsbedeckung der Hauptanbaufrüchte Wintergetreide, Winterraps, Zuckerrüben und Mais eine erfolgreiche Jagd auf den Intensivagrarflächen praktisch nicht mehr möglich. Offene Saumhabitate werden darüber hinaus zunehmend zurückgedrängt. Schnellwüchsiges Intensivgrünland ist aufgrund der hohen Düngergaben nur kurzzeitig nach den Mahdterminen als Jagdhabitat potentiell nutzbar.

Zuckerrübenacker bei Sattenhausen
Mit fortschreitender Brutzeit verschlechtert sich die Nahrungsverfügbarkeit: Zuckerrübenfeld bei Sattenhausen Ende Mai (links), rechts dieselbe Fläche Mitte Juli

AGO: Das überrascht aber schon, denn weite Teile unserer Region sind als Schutzgebiete gerade auch für den Rotmilan ausgewiesen.

G. Brunken: Das Schutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld) ist – wie bereits gesagt – als Reservat für den Rotmilan ausgewiesen. Bis zum heutigen Tage ist – nach gut acht Jahren – ein Schutzkonzept für die Art allerdings noch nicht einmal in Ansätzen sichtbar. Nichts unterscheidet das EU-SPA V19 von der umgebenden Landschaft. Im Gegenteil: Aufgrund der überwiegend guten Böden ist die Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung hier im regionalen Vergleich sogar besonders weit fortgeschritten. Das Verschlechterungsverbot der EU, nach dem ein guter Erhaltungszustand für die wertbestimmenden Vogelarten aufrechterhalten oder sogar wiederhergestellt werden muss, wird nicht beachtet.

Gro�e Schläge mit Winterweizen Ende Juli (bei Wöllmarshausen)
Nichts zu holen für den Rotmilan und seinen Nachwuchs: Große Schläge mit Winterweizen Ende Juli (bei Wöllmarshausen).

AGO: Angenommen die von Ihnen beschriebene Entwicklung hält an: Wie könnte es dann in zehn oder zwanzig Jahren um die Art bestellt sein?

G. Brunken: Ich denke, der Rotmilan wird sich bei uns als Brutvogel auf einem niedrigen Niveau einpendeln, wenn sich die Nahrungsbedingungen nicht entscheidend verbessern. Einige Paare werden sich um die grünland- und gewässerreichen Subrosionssenken (Seeburger See, Seeanger, Lutteranger) halten. Dort, wo die Brutplätze unmittelbar an die intensive Ackerlandschaft angrenzen, hat der Rotmilan bei uns keine Zukunft.

Von Mäuslöchern durchsetzte Brache
Absolute Ausnahme in der Normallandschaft: von Mauslöchern durchsetzte Brache während der letzten großen Massenvermehrung der Feldmaus (Januar 2005 bei Bilshausen). Alle Habitataufnahmen: Gerd Brunken.

AGO: Wie könnten denn sinnvolle und vor allem wirksame Schutzmaßnahmen aussehen?

G. Brunken: In dem ehemaligen absoluten Dichtezentrum des Rotmilans im nördlichen Harzvorland hat man durch ein aufwendiges Programm versucht, den katastrophalen Rückgang des Brutbestandes (fast 90 % in ca. 15 Jahren) aufzuhalten. Mit hohem finanziellen Aufwand wurde relativ großflächig vor allem Luzerne eingesät, um die Reproduktionsbedingungen für Kleinsäuger des Offenlandes zu verbessern. Immerhin konnte der vordem miserable Bruterfolg signifikant verbessert werden. Eine Vergrößerung der Brutpopulation würde sich daraus allerdings erst in einigen Jahren herleiten lassen. Das Projekt war jedoch zeitlich befristet und so steht zu befürchten, dass zwar neue Erkenntnisse zur Nahrungsökologie des Rotmilans gewonnen wurden, für die Art selber aufgrund fehlender Nachhaltigkeit aber wenig getan werden konnte. Im Rahmen des Vetragsnaturschutzes bieten sich auch bei uns – theoretisch - Möglichkeiten, die Nahrungssituation für den Rotmilan zu verbessern. Die dafür in Frage kommenden Programme sind jedoch zeitlich befristet und für wirklich effektive Maßnahmen ist vermutlich viel zu wenig Geld vorhanden. Man sollte sich klar darüber sein, dass Habitatverbesserungsmaßnahmen, die einer zeitlichen Befristung unterliegen, grundsätzlich fehlinvestiertes Geld sind. Man verbessert für einen gewissen Zeitraum die Lebensbedingungen der Zielarten. Nach Ablauf des Förderzeitraumes ist dann im Prinzip alles wieder beim Alten. Die Nachhaltigkeit ist in keiner Weise gewahrt.

AGO: Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit – trotz dieser deprimierenden Aussichten!

Eine ausführliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse zum Rotmilan und anderen Agrarvogelarten im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ erscheint demnächst in den „Göttinger Naturkundlichen Schriften“, die von der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen herausgegeben wird.

February 27th, 2009

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