Vogelportraits

Der Waldkauz - Vogel des Jahres 2017 -
in Süd-Niedersachsen

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 1: Waldkauz im Göttinger Stadtwald. Foto: V. Hesse

Die Wahl unserer häufigsten Eule durch den NABU soll die Familie der gefiederten Nachtgeister und den bevorzugten Lebensraum ihres Protagonisten Waldkauz (Strix aluco), altholzreiche Laub- und Laubmischwälder, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Über den Erfolg der Aktion wird man Ende kommenden Jahres vielleicht mehr erfahren. So viel lässt sich aber jetzt schon sagen: Zur weltweit gerühmten Lebensqualität unserer Geistesmetropole („extra Gottingam non est vita - si est vita, non est ita“) zählt sicher auch, dass Waldkäuze in der Peripherie ohne größeren Aufwand angetroffen werden können - in Revieren, die seit Jahrzehnten besetzt sind. Dazu später mehr.

Verbreitung und Bestand

Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand mit 4.000 bis 7.500 Paaren angegeben. Diese breite Spanne verdeutlicht die für viele Eulenarten typischen Erfassungsprobleme. Waldkäuze sind in der Regel nachtaktiv und können deshalb nur mit speziellen Begehungen registriert werden. Deshalb sind sie in den gängigen Monitoring-Programmen unserer Brutvögel nur ausnahmsweise vertreten. Zudem brüten sie in Wäldern, die zur Balz- und Brutzeit im Winter und zeitigen Frühjahr oftmals nur mit Mühe oder gar nicht zu passieren sind.
Die höchsten Siedlungsdichten erreicht unser Vogel in den buchenreichen Wäldern des süd-niedersächsischen Berglands. Die von Fichten dominierten Hochlagen sind erheblich dünner bis überhaupt nicht besiedelt. Der Bestand gilt in unserer Region seit Jahrzehnten als stabil - mit der Einschränkung, dass die Datenlage alles andere als zufriedenstellend ist. Gleichwohl rangiert die Art in der so genannten Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel (Krüger & Nipkow 2015), weil mit der Ausräumung und Chemisierung der Agrarlandschaft (Nahrungshabitat) und der verstärkten Nutzung von Altholz (Brutplätze) durch die moderne Forstindustrie zwei Faktoren an Gewicht gewinnen, die zum Bestandsrückgang führen könnten. Zudem geht das seit 1988 laufende „Monitoring von Greifvögeln und Eulen“ von einem Bestandsrückgang aus, der in den 1990er Jahren einsetzte (Mammen & Stubbe 2009).

Der Brutbestand in Stadt und Landkreis Göttingen sowie im Altkreis Northeim kann sehr, sehr grob auf mindestens 500 Paare geschätzt werden. Zufallsbeobachtungen aus den letzten Jahrzehnten belegen, dass der Kauz in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Die einzige Bestandserfassung nach zeitgemäßer Methodik liegt für den Göttinger Stadtwald vor: Hier wurden von Februar bis Anfang Juli 2003 auf 758 Hektar (ca. 50 Prozent der Stadtwaldfläche) 14 Reviere ermittelt (Dörrie 2004), die einen überdurchschnittlich hohen Wert von 1,8 Rev./km² dokumentierten. Wie wenig die Art selbst von vogelkundlich Interessierten beachtet wird, lässt sich mit unserer Datenbank Ornitho belegen: Aus dem waldreichen Landkreis Northeim liegen seit 2011 ganze 72 Wahrnehmungen (zumeist akustische) vor, darunter viele aus der ersten Maidekade, wenn das alljährliche Birdrace stattfindet, zu dem sich Göttinger Beobachter in den Solling aufmachen… Maidaten (spät) rufender Männchen sind für die Quantifizierung des Brutbestands aber von geringer Relevanz, weil sie auch Junggesellen betreffen können.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 2: Gut getarnt: Waldkauz an der Bruthöhle im Landkreis Göttingen.
Foto: N. Wasmund

Gefährdung und Schutz

Bei der Brutplatzwahl ist der Waldkauz sehr flexibel. Er brütet in Höhlen aller Art (auch an Gebäuden), in Schornsteinen, selbst Bodenbruten sind bekannt. In offenen Baumnestern schreitet er nur ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Ähnlich vielfältig ist sein Nahrungsspektrum, das von Insekten über Regenwürmer, Amphibien, Reptilien, Fische (!) bis zu Vögeln mittlerer Größe (kleinere Eulenarten eingeschlossen) reicht. Die Hauptnahrung stellen, wie bei anderen Eulen, Mäuse, Wühlmäuse und Ratten. Wegen der breiten Nahrungspalette leidet er weniger unter mäusearmen Kältewintern als z.B. Schleier- und Waldohreule (Mebs & Scherzinger 2000).
Seiner freundlich-gemütlichen Erscheinung zum Trotz ist der Waldkauz ein wehrhafter Geselle, der auch Konflikten mit dem Menschen nicht aus dem Wege geht. Die Autobiografie des berühmten, 1991 verstorbenen Vogelfotografen Eric Hosking trägt den hintersinnigen Titel „An Eye for a Bird“ – damit spielt der Autor auf einen höchst unliebsamen Vorfall mit einem aggressiven Waldkauz an, nach dem er einäugig durchs Leben gehen musste. Solche Attacken, die fast immer dem Schutz der Jungvögel dienen und zumeist mit ein paar Kratzern am Kopf des Eindringlings glimpflich enden, finden vor allem im Siedlungsbereich statt; im Wald verhalten sich die Vögel weitaus scheuer.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 3: Waldkauzbrut am Nikolausberger Weg. Foto: M. Siebner

Feinde hat der Waldkauz vergleichsweise wenige: Ab und an (und deutlich seltener als Waldohreulen) fällt er einem Habicht oder Uhu zum Opfer (Uttendörfer 1939). Vermutlich ist seit einigen Jahren der Waschbär als Prädator von Eiern und Jungvögeln hinzugekommen. Diese Verluste fallen jedoch gegenüber den zahlreichen Verkehrsopfern kaum ins Gewicht. Viele Vogelfreunde dürften weitaus mehr tote als lebendige Waldkäuze gesehen haben. Auch Kollisionen mit Freileitungen oder letale Verletzungen an Weidezäunen mit Stacheldraht fordern ihren Tribut.
Dagegen zeigen ganze drei Totfunde in der bundesweit ausgerichteten Windkraftopfer-Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg bis dato eine vermutlich geringe Gefährdung an. Mit der gleichermaßen großflächigen wie rücksichtslos betriebenen Verspargelung der Wälder hat sich jedoch, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz, in jüngster Zeit ein neues Konfliktpotential entwickelt. Waldkäuze jagen gern über oder an Offenflächen im Wald, deren Zahl mit den Anlagen drastisch steigt. Kollisionen und Anstieg der Totfunde scheinen geradezu programmiert. Auch in Niedersachsen wachsen die Begehrlichkeiten, Windräder in Wäldern zu errichten. Bis jetzt ist das aber (noch) nicht möglich.
Wegen der weiten Verbreitung, Häufigkeit und Plastizität unseres Porträtvogels sind spezielle Schutzmaßnahmen derzeit nicht erforderlich. Ein nahezu unverzichtbares Habitatrequisit sind alte Höhlenbäume, zu deren Erhalt sich die Landesforstämter verpflichtet haben. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn gerade an Wegen wird manch alter „Gefahrenbaum“ gefällt. Im Göttinger Stadtwald, der „naturgemäß“ und nach den Vorgaben des Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet wird, scheinen für unseren Freund ideale Bedingungen zu herrschen. Die „naturgemäße“ Bewirtschaftung mit ihrem Verzicht auf größere Auflichtungen hat jedoch zur Folge, dass der Baumbestand dichter und dunkler wird. Zudem verfilzt die Bodenvegetation als Folge von Nährstoffeinträgen immer mehr, hinzu tritt rasant empor schießender Jungwuchs. Die Käuze konzentrieren sich daher - das hat die Erfassung 2003 ergeben - entlang der Wege und auf die (wenigen) vegetationsarmen Offenflächen, wo sich die Mäusejagd weniger mühsam gestaltet. Besonders im Osten sind große Waldbereiche für die Eule nur noch bedingt nutzbar. Ein alter Höhlenbaum im dichten Bestand könnte daher für sie wenig bis nichts bringen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 4: Kaminkauz im Tageseinstand im Göttinger Wald. Foto: M. Siebner

Nistkästen für den Waldkauz sind aus den oben genannten Gründen nicht nur überflüssig, sondern können sogar äußerst negative Folgen für andere Vogelarten nach sich ziehen. Eine Nisthilfe, die vor ein paar Jahren auf der Streuobstwiese auf dem Kerstlingeröder Feld angebracht wurde, konnte zum Glück schnell wieder abgehängt werden. Mit der komfortablen Behausung hätte man den Terminator möglicherweise in ein traditionelles Revier der Waldohreule gelockt, was für diese vermutlich böse ausgegangen wäre…

Waldkäuze beobachten – wann und wo?

In Göttingen ist der Waldkauz nicht verstädtert. Vom Stadtfriedhof z.B. gibt es keinen Nachweis. In schneereichen Kältewintern suchen einzelne Vögel den dicht bebauten Siedlungsbereich auf. Einsam balzende Männchen sind aus dem Cheltenham-Park und dem stadteinwärts gelegenen Ostviertel bekannt, gaben aber dort wohl nur kurze Gastspiele. Am Stadtrand sieht es anders aus: Hier bestehen seit Jahrzehnten feste Reviere dieses ausgeprägten Standvogels. Wenn man im Spätwinter und Frühling die Schillerweisen im Ostviertel aufsucht, kann man die Männchen schon von weitem heulen hören (der Ruf ist Interessenten bestimmt aus dem Fernsehen bekannt, auch von Filmen, die in Irland spielen, wo die Art nicht vorkommt…). Die angrenzenden Stadtwaldbereiche (Molkengrund, Lange Nacht, Ebertal) sind ebenfalls sicheres Waldkauzterrain, das wegen der vielen Wege besonders dicht besiedelt ist. Im Umkreis des Kerstlingeröder Felds sind mehrere Reviere besetzt. Mit Glück lässt sich auf dem Dach der Schutzhütte nahe dem Tuchmacherborn ein im Tageseinstand dösender Waldkauz ausmachen (vgl. Abb. 4). Gut bekannt ist auch ein Revier am Klausberg. Hier bezogen die Käuze samt niedlichem Nachwuchs in mehreren Jahren einen am Nikolausberger Weg stehenden riesigen Nadelbaum, der leider beseitigt wurde. Die Vögel sind aber noch da - und sorgen bei den auf ihre Nachtruhe bedachen Anwohnern nicht nur für Freude. Die Jungvögel sind ähnlich ruffreudig wie junge Waldohreulen, allerdings klingen ihre Lautäußerungen nicht so quietschend, sondern mehr rostig kratzend. Ob ein 2008 an der Grone unterhalb des Hagenbergs entdecktes Revier (Dörrie 2011) noch besetzt ist, muss offen bleiben.
Das Wetter spielt bei der Eulenbeobachtung eine große Rolle. Es sollte nicht windig sein und auch nicht regnen. Die Temperaturen sind Nebensache, weil die Vögel auch in bitterkalten Frostnächten ihre Balzrituale zelebrieren. Die Balz setzt bereits im Juli wieder ein, so dass auch die Wintermuffel unter uns auf ihre Kosten kommen.
Wenn man den Nachtvogel nicht nur gehört hat, sondern (endlich) mal zu Gesicht bekommt, sind folgende Merkmale diagnostisch: Waldkäuze haben vergleichsweise kleine runde Köpfe und dunkle Augen. Ihr Gefieder fällt sehr variabel aus, es gibt tiefbraune bis sehr helle Individuen. Die fehlenden Federohren unterscheiden sie von der (kleineren und schlankeren) Waldohreule. Die Sumpfohreule mit ihren eher rudimentären Öhrchen kann mit einem Waldkauz verwechselt werden. Sie bezieht aber offene Lebensräume, ist tagaktiv und bei uns ein bestenfalls spärlich in Erscheinung tretender Gastvogel. Das scharfe „kuwitt“ der Weibchen wurde und wird nicht selten dem viel kleineren Steinkauz zugeschrieben, der in unserer Region seit mehr als 30 Jahren ausgestorben ist.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 5: Waldkauz-Ästling. Foto: N. Wasmund

Bevor man nur noch Glück und Faszination bei der Beobachtung unseres Porträtvogels wünschen kann, eine ganz große Bitte: Junge, noch nicht flugfähige Waldkäuze stiefeln in ihrem ganz natürlichen Ästlingsstadium gerne auf dem Waldboden umher oder sitzen bräsig auf einem Baumstumpf. Diese Puschel sind weder „krank“, „aus dem Nest gefallen“ oder „von ihren Eltern verlassen“. Leider werden Ästlinge immer wieder von wohlmeinenden Spaziergängern „gerettet“ und in Pflegestationen verbracht, wo sie ein ungewisses Schicksal erwartet. Das muss nicht sein!

Nachtrag vom 13. März 2017: Im Göttinger Alten Botanischen Garten füttert ein Brutpaar derzeit drei schon recht große Jungvögel. Das ist die erste Brut am Rand der Göttinger Innenstadt und vielleicht ein kleines Dankeschön unseres Porträtvogels für die Ehrung!

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Mammen, U. & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvogel- und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten 6: 9-25.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Uttendörfer, O. (1939): Die Ernährung der deutschen Greifvögel und Eulen. Neumann- Neudamm Verlag, Melsungen. Nachdruck 1997, AULA-Verlag, Wiesbaden.

Waldkauz - M.Siebner

October 19th, 2016

Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016 –
in Süd-Niedersachsen

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 1: Stieglitz mit Nistmaterial. Foto: M. Siebner

Wegen seines bunten Federkleids und der Angewohnheit, in Schwärmen aufzutreten, zählt der quirlige Stieglitz (Carduelis carduelis) zu den bekanntesten heimischen Vögeln. Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand für den Zeitraum 2005-2008 mit einem Mittelwert von ca. 14.000 Paaren angegeben. Für ein 47.000 km² großes Flächenland ist das nicht gerade viel. Der Stieglitz kommt zwar überall vor, die Siedlungsdichte ist jedoch in der Regel gering. In Ballungsgebieten und im ländlichen Siedlungsraum tritt er häufiger auf als in waldreichen Regionen. Auf Bundesebene zeichnet sich nach den Angaben im deutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) ein dauerhaft negativer Trend ab.
Trifft dies auch auf unsere Region zu? Man weiß es nicht… Systematische Erfassungen von Brutbestand und Populationsdynamik liegen Jahre zurück. Das aktuelle Beobachtungsmaterial in unserer Datenbank Ornitho.de mit knapp 1600 Stieglitz-Datensätzen aus den Landkreisen Göttingen und Northeim seit dem Herbst 2011 (Stand Oktober 2015) enthält ganze drei (!) Hinweise auf Bruten mit flüggen Jungvögeln. Steht er damit als Brutvogel vor dem Verschwinden? Wohl kaum. Vielmehr wird deutlich, dass die Eingabe bei Ornitho solide Revierkartierungen nicht ersetzen kann – dies gilt erst recht für die Quantifizierung der Brutbestände häufiger Singvogelarten.
In unserer Region konzentriert sich das Brutvorkommen im Wesentlichen auf die Niederungsgebiete. Bevorzugt werden Baumgruppen und -reihen mit angrenzenden Offenflächen, oft in Gewässernähe. Hier brütet die ursprüngliche Lichtwaldart nicht selten in kleinen Kolonien von bis zu fünf Paaren. Dem „geklumpten“ Vorkommen entspricht, dass geeignet erscheinende Habitate oft unbesiedelt bleiben. Gehölzaufwuchs im Offenland ist der Ansiedlung förderlich, solange der Baumbestand nicht zu dicht und dunkel wird.
Für die ausgehenden 1990er und frühen 2000er Jahre liegen Angaben zu lokalen Bestandszunahmen vor. Im Umfeld des Seeburger Sees z.B. trat der Stieglitz erheblich häufiger auf als in den 1980er Jahren. Gebietsweise kam es zu einer Verdoppelung des Brutbestands (Dörrie 2004). Der Wegfall von Brachen, die Zunahme des Maisanbaus für Agroenergieanlagen und die weitere Chemisierung agrarindustrieller Produktionsflächen könnten in der Folgezeit auch in unserer Region zu einer Trendumkehr beigetragen haben. Bedenklich stimmt, dass bei einer Erfassung der Avizönose von Blüh- und Mahdstreifen (zehn bzw. elf Flächen mit jeweils sechs Begehungen) im Göttinger Ostkreis von April bis Juni 2015 die Art nur viermal mit insgesamt 14 Vertretern gesehen wurde.

Distelfink - M.Siebner
Abb. 2: “Distelfinken” am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

In Göttingen ist der Stieglitz ein alteingesessener Stadtvogel, dessen Populationsgröße typischen Schwankungen unterworfen ist. Nahrungsmangel und verregnete Frühjahre sorgten immer wieder für Bestandsrückgänge, die jedoch in den Folgejahren ausgeglichen wurden. Über die Jahrzehnte konnte der Brutbestand als stabil gelten. Dies legt zumindest die letzte Erfassung im Kerngebiet der Stadt von 2005/2006 nahe (Dörrie 2006). Dabei ist anzumerken, dass Stieglitze im urbanen Siedlungsbereich eher spärlich brüten (z.B. nur ca. 17 Paare im 3,6 km² großen Kerngebiet). Etwas häufiger kommt er in den Grüngürteln und ländlich geprägten Ortsrandlagen vor.
In der Stadt, aber auch in einigen Gewässerauen und im Umfeld des Seeburger Sees brütet der Stieglitz gern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wacholderdrosseln, die ebenfalls kleine Kolonien bilden können. Dies beruht zum einen sicher darauf, dass beide Arten ähnliche Bruthabitate beziehen, zeigt aber auch an, dass der kleine Singvogel gezielt den Schutz der großen Drosseln sucht, die mit Sturzflügen und Kotbomben-Attacken Beutegreifer wie Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher in die Flucht schlagen. Besonders auffällig war dies im Frühjahr 1999, als sich ein Paar Wacholderdrosseln in der Groner Straße (Göttinger Innenstadt) angesiedelt hatte. Dem für diesen vegetationsarmen Bereich ungewöhnlichen Brutpaar folgte prompt ein Stieglitzpaar, das sich in trauter Eintracht neben den Drosseln niederließ. Zur Nahrungssuche flogen beide Arten zum Stadtwall (Dörrie 2000). Das gemeinschaftliche Brüten von Wacholderdrosseln und Stieglitzen (samt Birkenzeisigen und einem Gelbspötterpaar) kann man jährlich ab Mitte Mai mit einiger Verlässlichkeit in der Südwestecke des Kiessees, im Levin-Park und am Parkplatz des Seeburger Sees studieren.

Biogas -M.Siebner
Abb. 3: Versuchsfeld nahe dem Klostergut Reinshof (9. August 2015).
Foto: M. Siebner

Im Herbst verlassen die meisten Stieglitze die Region. Im August/September konzentrieren sie sich vor dem Abflug nach Süden auf Brachen, Stilllegungsflächen und Blühstreifen, wo Disteln, Karden und andere „Unkräuter“ für ein auskömmliches Samenangebot sorgen. Dort können sich in guten Jahren Schwärme von (ausnahmsweise) bis zu 500 Individuen einfinden (Dörrie 2010). Auf der distelreichen Erweiterungsfläche des Naherholungsgebiets Göttinger Kiessee („Meyerwarft“) hielten sich im August 2012 bis zu 200 Vögel auf. Bereits am 15. des Monats war es mit dem Schlaraffenland vorbei, weil die Fläche gemäht wurde.
Es sollte aber noch besser kommen: Anfang September 2015 konnten an einem fünf Hektar großen Versuchsfeld der Uni Göttingen nahe dem Klostergut Reinshof südlich von Göttingen singuläre Rekordzahlen von bis zu 700 Stieglitzen notiert werden. Hier hatte man, als Alternative zum Mais für die Agrogas-Produktion, mit einer bunten Mischung u.a. aus Amarant, Weidelgras, Malven und Durchwachsener Silphie eine Oase mit großer Anziehungskraft für Samenfresser geschaffen. Eindrucksvoll konnte belegt werden, dass eine Alternative zur lebensfeindlichen Monotonie von Maisäckern möglich ist. Die Biomasse lag jedoch, bedingt auch durch die vogelfreundlich späte Ernte, nur bei ca. 20 Prozent dessen, was mit Mais erzielt werden kann (D. Augustin, mdl. Mitt.). Hinzu tritt, dass solche Anpflanzungen wegen der ökonomischen Verwertung der Biomasse nicht auf die für die Landwirtschaft verbindlichen ökologischen Vorrangflächen angerechnet werden können. Damit ist ihr Ausnahmestatus festgeschrieben. Eine Nachbesserung seitens des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums scheint dringend geboten. Desgleichen könnte man über eine spezielle Förderung nachdenken, mit der ökologisch bedingte Mindereinnahmen bei der Agrogasproduktion kompensiert werden. Man muss es nur politisch wollen…
Neben der Vielfalt der Vegetation hat für die geselligen Vögel sicher auch die Größe der Versuchsfläche eine entscheidende Rolle gespielt: Zahlen wie im September 2015 wurden bis dato auf keiner der maximal nur ein bis anderthalb Hektar großen Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts im Landkreis Göttingen erreicht. Deren Zahl ist zudem in den letzten Jahren stark zurückgegangen, steigt aber hoffentlich im Gefolge einer erhöhten Förderung wieder an.

Stieglitzschwarm - M.Siebner
Abb.4: Stieglitzschwarm. Foto: M. Siebner

Im Winter macht sich unser Porträtvogel eher rar. Die Truppgrößen reduzieren sich deutlich auf, in der Regel, zweistellige Zahlen. In der ausgeräumten Agrarlandschaft ist das Nahrungsangebot noch spärlicher als in der warmen Jahreszeit. Als Alternative bieten sich Koniferensamen an. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof können in manchen Wintern Stieglitztrupps beobachtet werden, die zusammen mit Erlenzeisigen und (manchmal) Fichtenkreuzschnäbeln kleine Zapfen vertilgen, bevorzugt an den dort wachsenden Hemlocktannen. Am Göttinger Kiessee und in der südlichen Feldmark Geismar kann man in den meisten Jahren bei einem Winterspaziergang kleine Schwärme beobachten, die sich bevorzugt an Erlen aufhalten. Am bequemsten bekommt der Vogelfreund die munteren Gesellen aber (mit etwas Glück) zu sehen, wenn er in Ortsrandlage lebt und aus der warmen Stube sein Vogelhäuschen inspiziert…

Hans H. Dörrie

Stieglitz im Winter - M.Siebner
Abb. 5: Stieglitz im Winter. Foto: M. Siebner

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2000): Ornithologischer Jahresbericht 1999 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 5: 1-147.
Dörrie, H.-H. (2004): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 9: 4-75.
Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 – 1965 – 2005/2006. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 11: 68-80.
Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de
Gedeon, K. et al (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.
Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Junger Stieglitz - M.Siebner
Abb.6: Junger Stieglitz. Foto: M. Siebner

October 24th, 2015

Die Nilgans: Neubürger mit sprödem Charme

Nilgans - M.Siebner
Abb. 1: Nilgansstudie. Foto: M.Siebner

„Tröröööh, trött, trött, trött!“. Wer oder was bringt um Himmelswillen solche Töne hervor? Benjamin Blümchen auf Speed? Eine Zweitakterkolonne, die im November 1989 die Göttinger Innenstadt mit Abgasen vernebelt? Weit gefehlt, so klingen Nilgänse bei ihrer ganz normalen Kommunikation. Bei der Balz geht es dagegen fast menschlich zu: Während das Weibchen lustvoll „Äääh“ stöhnt, schnarcht der Gatte. Den weitreichenden Kontaktruf „Onk, Onk“ äußern beide Geschlechter. Ob sich die südafrikanischen Fußballfans bei der Kreation ihrer legendär berüchtigten Vuvuzelas von den Fanfarenstößen ihrer geflügelten Landsleute haben inspirieren lassen, darf stark vermutet werden.
Nicht nur das stimmliche Inventar dieser so genannten Halbgans ist absonderlich, sondern auch ihr Aussehen. Auf langen roten Beinen kommt sie wie ein Harlekin daherstolziert. Das Gefieder schimmert in einem ansprechenden Mix aus grünen, rötlichen und unterschiedlich braunen Farbtönen. Wenn sie fliegt, fallen sofort die großen weißen Flügelfelder auf. Die Kopfzeichnung erinnert an eine Clownsmaske. Nilgänse sind aber alles andere als harmlose Possenreißer. Auge in Auge mit einem in Rage versetzten Vogel stellen sich, mit etwas Phantasie, Ähnlichkeiten zu Cholerikern wie Matthias Sammer aus der Chefetage des FC Bayern ein. Aber davon lassen wir uns nicht abschrecken und präsentieren einen kleinen Einblick in die Naturgeschichte eines gefiederten Nachbarn, der wohl nie zum „Vogel des Jahres” gewählt werden wird…

Herkunft und Verbreitung

Die Nilgans (Alopochen aegyptiaca) ist eine ursprünglich afrikanische Vogelart. Die Nordgrenze ihrer natürlichen Verbreitung liegt heute im südlichen Oberägypten. Historische Vorkommen im Nahen Osten sind schon lange erloschen. Nilgänse sollen bis ins 17. Jahrhundert auch auf dem Balkan gebrütet haben (Hagemeijer & Blair 1997, Bauer et al. 2005). Ob es sich dabei um autochthon eingewanderte Wildvögel gehandelt hat oder die osmanischen Eroberer sie als Janitscharen im Federkleid einbürgerten, ist unklar. In jedem Fall ist ein Wiederansiedlungsprojekt wie beim Waldrapp, der im gleichen Zeitraum aus Europa verschwand, wohl nicht erforderlich…
In England werden Nilgänse schon lange als Ziervögel gehalten. Die erste freifliegende Population gab es dort bereits Ende des 17. Jahrhunderts, in den nahen Niederlanden erst ab 1967. In Deutschland (Niedersachsen) fanden die ersten Freibruten ab Mitte der 1980er Jahre statt. Heute liegt der Brutbestand in unserem Bundesland bei ca. 2000 Paaren, mit weiterhin starker Zunahme in den westlichen Landesteilen (Krüger et al. 2014). Bundesweit ist die Nilgans die Brutvogelart mit der höchsten Zuwachsrate. Ihr Bestand lag 2009 bei 5000 bis 7500 Paaren und dürfte heute noch größer sein. Vor allem im Osten und Süden der Republik ist die Verbreitung (noch) lückenhaft (Gedeon et al. i. Dr.). Auf ornitho.de stellt sie sich für die Brutsaison 2014 folgendermaßen dar.

In unserer Region konnte die erste Brut im Juni 2000 am Böllestau bei Hollenstedt (Landkreis Northeim) notiert werden (Dörrie 2001). Seit 2008 schmückt sie den Levin-Park mit einem traditionellen Brutplatz (Dörrie 2011a). 2014 kam ein erfolgreiches Paar am Kiessee hinzu und verdoppelte damit den Göttinger Bestand. Die aktuelle Brutpopulation im Landkreis Göttingen und Altkreis Northeim kann auf weniger als 20 Paare veranschlagt werden. 2014 gab es, bei einer gewissen Dunkelziffer, 13 dokumentierte Bruten, im Vorjahr nur elf (Dörrie 2014). Viele Nistplätze befinden sich in den Niederungen von Leine, Rhume, Werra und Weser, die auch Leitlinien der Ausbreitung sind.

Nilgans - V.Hesse
Abb. 2: Nilganspaar mit Jungen im Levin-Park Foto: M. Drüner

Ein Vogel auf der Gewinnerspur

Das starke Anwachsen der Nilgans-Brutbestände in West- und Mitteleuropa ist ein vergleichsweise junges Phänomen, das erst zum Ende des 20. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung gelangte. Dabei dürfte die allgemeine Nährstoffanreicherung in Feuchtgebieten und auf Agrarflächen eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Eiweißreiche pflanzliche Nahrung ist in Hülle und Fülle vorhanden, was für einen überwiegenden Vegetarier wie unseren Porträtvogel von einiger Bedeutung ist. Mieten an Agroenergie-Anlagen und abgeerntete Maisfelder sind zu wichtigen Nahrungsquellen geworden. Die naturnahe Entwicklung der Vegetation an Kiesgruben und anderen Stillgewässern sorgt für mehr Brutplätze. Gebietsweise profitiert die Nilgans als erster Ansiedler von kleinen Tümpeln („Biotopen“), die im Offenland als Kompensation für Eingriffe in Natur und Landschaft oder von Jägern als aufwertendes Strukturelement angelegt werden. Nicht selten werden, sehr zum Verdruss ihrer Initiatoren, künstliche Nisthilfen für den Weißstorch in Beschlag genommen - aber so gut wie immer wieder geräumt, wenn Adebar im Anflug ist. Viele Städter/innen sind Parkvögeln wohlgesinnt und füttern sie fleißig. Das Abschussverbot im Siedlungsbereich tut ein Übriges. Hinzu tritt, dass die Vögel, obschon zur Brutzeit sehr reviertreu und wenig kälteempfindlich, ein der nördlichen Hemisphäre angepasstes Ausweichverhalten entwickelt haben. So können sie bei Bedarf die kalte Jahreszeit in wärmeren Gefilden überdauern. Der traditionelle Spätherbst-Rastbestand an der Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim kann bis zu 300 Vögel umfassen und liegt damit um einiges höher als der regionale Brutbestand. Woher die vielen Vögel stammen ist unklar. Aus dem Jahr 2002 liegt die Beobachtung einer (vermutlich) in Nordrhein-Westfalen beringten Nilgans vor (Dörrie 2003), darüber hinaus gibt es keine Erkenntnisse. In harten und vor allem schneereichen Wintern sind die meisten Nilgänse aus der Region verschwunden.

Brutökologie

Ein weiterer gewichtiger Faktor bei der Bestandszunahme ist die Brutökologie der Vögel. Nilgänse sind ungemein anpassungsfähig. In klimatisch begünstigten Regionen West- und Süddeutschlands kommt es regelmäßig zu Spätherbst- und Winterbruten. Möglicherweise werden die Vögel durch starke Niederschläge zum Brüten angeregt - wie ihre afrikanischen Artgenossen zum Beginn der Regenzeit. Einige Paare schreiten sogar zweimal im Jahr zur Fortpflanzung, was für eine Gänseart sehr ungewöhnlich ist (Bauer et al. 2005).
Legendär ist auch ihre flexible Nistplatzwahl. Nilgänse brüten versteckt am Boden, nicht selten aber auch an Gebäuden und in verlassenen Rabenkrähen- und Greifvogelnestern. In Göttingen fliegen sie bisweilen paarweise um das Neue Rathaus und überlegen sich anscheinend, wie dieser monströse Betonklotz sinnvoll zu nutzen wäre. Aus Frankfurt/Main gibt es das nette Foto einer Nilgans, die Mitarbeiter/innen der Bundesbank mit Büro im 7. Stock einen offenbar hochwillkommenen Besuch abstattet.

Nilgans - H.Auth
Abb. 3: Occupy Frankfurt?! Nilgans inspiziert die Bundesbank. Foto: H. Auth

Als ein Vogelkundler 2011 einen Anwohner in Göttingen-Treuenhagen darüber aufklärte, dass in einem Nadelbaum auf seinem Grundstück eine Gans brütet (in einem im Vorjahr von Waldohreulen okkupierten Krähennest), dachte dieser zunächst an einen Scherz. Die Brut scheiterte jedoch aus ungeklärter Ursache. Bei diesem Brutplatz ist auch die, im Kontrast zu anderen Wasservögeln, recht große Entfernung zu den nächsten Gewässern erwähnenswert: ca. 200 Meter zur Leine und ca. 600 Meter zum Kiessee. So etwas ist aber bei Nilgänsen nicht selten und unterstreicht nur ihr plastisches Ansiedlungsverhalten.
Die Gelege bestehen im Schnitt aus sechs bis zehn Eiern, der Bruterfolg ist in der Regel hoch. Sind die Gössel geschlüpft, gibt es kaum noch Verluste, so dass die meisten ein flugfähiges Alter erreichen.

Feind der heimischen Vogelwelt?

Immer wieder wird in der Tagespresse über den vermeintlich schädlichen Einfluss der Nilgans auf andere Vogelarten geklagt. Urheberin solcher Meldungen ist zumeist die organisierte Jägerschaft. Sie sieht in der verstärkten Bekämpfung fremdländischer Arten ein neues Betätigungsfeld, auf dem sie bei der Normalbevölkerung, die ihrer Passion zunehmend kritisch gegenübersteht, zu punkten hofft. Im Jagdjahr 2013/14 wurden dem niedersächsischen Landesjagdbericht zufolge landesweit 3895 Nilgänse geschossen, 90 davon in den Landkreisen Göttingen und Northeim.
Mittlerweile gilt die Nilgans jedoch als dauerhaft eingebürgerte Vogelart (Bauer & Woog 2008). In der naturschutzfachlichen Diskussion über den (potentiell) negativen Einfluss von Neozoen auf andere Arten spielt sie keine besondere Rolle. Zwar wird ihr eine, „lokale und vereinzelte“ Verdrängung anderer Wasservögel attestiert, eine flächendeckende Bekämpfung aber nicht empfohlen (Steiof 2011). Bauer & Woog (2011) bemängeln völlig zu Recht, wie dünn die Datenlage zu diesem Problemfeld ist. Dass die Nilgans andere Vogelarten auf Populationsebene beeinträchtigt, ist durch nichts belegt. Grund genug, die aktuelle Situation etwas näher zu beleuchten, bevorzugt aus regionaler Sicht.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 4: Auf Konfrontationskurs. Foto: M. Siebner

Zweifellos sind Nilgänse sehr zänkische und aggressive Vögel, zumindest in der Brutzeit. Weil sie möglichst große Reviere gegen Artgenossen verteidigen ist ihre Siedlungsdichte aber gering und nicht mit der von anderen, wesentlich häufigeren Wasservögeln vergleichbar. Der Einfluss auf andere Arten hängt zudem von der Größe der Brutgewässer ab. Dies lässt sich in Göttingen besonders gut am Levin-Park nachvollziehen. An diesem wenig mehr als einen Hektar großen Parkteich kommt es regelmäßig zu Attacken von Nilgänsen auf Stockenten, die manchmal mit dem Tod von Küken enden. Junge führende Reiherenten und Teichhühner werden dagegen in Ruhe gelassen: Sie passen nicht ins angeborene Feindbild. Die Levin’schen Stockenten weisen jedoch mit bis zu 35 Prozent aller Individuen und bis zu 50 Prozent der brütenden Weibchen einen hohen Anteil von Hybriden mit Zuchtformen auf (Dörrie 2005). Sie können deshalb schwerlich als genuine Wildvögel betrachtet werden. Trotz gelegentlicher Verluste nach Nilgansattacken ist der lokale Stockentenbestand über die Jahre mit drei bis vier Brutpaaren stabil.
Lokaler Platzhirsch ist unbestritten der bei uns als Parkvogel eingebürgerte Höckerschwan. Wenn er Nachwuchs hat, errichtet er ein regelrechtes Terrorregime. Auch er ignoriert den Nachwuchs von Tauchenten und Rallen. Wenn Graugänse - deren Bestand letztlich ebenfalls auf Aussetzungen (unter eifriger Beteiligung der Jägerschaft) zurückgeht (Dörrie 2010, Krüger et al. 2014) - Junge führen, werden diese in der Regel ertränkt. Im Levin-Park hat es in der jüngeren Vergangenheit nur 2013 (keine Höckerschwanbrut) eine erfolgreiche Reproduktion der Graugans gegeben, bei der immerhin zwei von vier Gösseln überlebten (Dörrie 2013).
Dagegen enden Versuche, die kleinen Nilgänse zu ersäufen, praktisch immer erfolglos. Warum? Anders als Graugänse, die ihren Nachwuchs niemals im Stich lassen würden, haben, wie mehrfach beobachtet, die Nilgänse eine verblüffend einfache und wirksame Gegenstrategie entwickelt: Tritt der Killerschwan in Aktion, nehmen die Eltern die Auseinandersetzung selbstbewusst an. Derweil verstecken sich die Küken schnell auf einer Insel. Danach - fliegen die Altvögel einfach weg. Der Aggressor blickt verdutzt hinter ihnen her, genießt seinen Triumph und macht sich wieder selbstzufrieden am Ufer breit. Erst nach ca. 20 Minuten kehren die Altvögel (lautlos!) zurück und nehmen ihre Sprösslinge in Empfang - bis zur nächsten Attacke.
Wird am Levin-Park die „heimische Vogelwelt“ von der „invasiven“ Nilgans bedroht? Wohl kaum…

Nilgans - S.Hillmer
Abb. 5: Erste Nilgansbrut am Kiessee, Herbst 2014. Foto: S. Hillmer

Am Kiessee, der mit seinen ca. 13 Hektar deutlich größer ist als der Levin-Park, konnten bislang keine Angriffe von Höckerschwänen und Nilgänsen, auf welche andere Wasservogelart auch immer, festgestellt werden. Augenscheinlich reicht die Ausdehnung der Wasserfläche aus, um die Aggressivität dominanter Arten ins Leere laufen zu lassen und potentiellen Opfern das Ausweichen zu ermöglichen. Dies gilt erst recht für alle Gewässer, die größer als der Kiessee sind.

Wenn man ab dem Frühsommer die Geschiebesperre Hollenstedt besucht, ist diese förmlich von Gänsen bedeckt. Für rastende Wat- und andere Wasservögel ist das sicher von Nachteil. Sie finden zwischen den großen Vögeln schlichtweg keinen Platz mehr. In diesem Gebiet übertreffen jedoch die Rastbestände der Graugans diejenigen der Nilgans in der Regel um den Faktor 10. Das Verdrängungspotential der Nilgans ist deshalb allenfalls eine zusätzliche Belastung. Gäbe es dort keine Graugänse - die großteils ebenfalls Nachfahren eingebürgerter Vögel sind - wäre die Situation für alle kleineren Rastvögel wesentlich entspannter.

Im Landkreis Göttingen nehmen Nilgänse ab und an Nester des Rotmilans in Beschlag. Der Rotmilan ist eine Vogelart mit weithin negativem Bestandstrend und von höchster Schutzpriorität. Wird sein Brutbestand von der Nilgans beeinträchtigt? Dagegen spricht eine ganze Menge. Wie die meisten Greifvogelarten verfügt auch der Rotmilan über Ersatznester, die bei Bedarf genutzt werden können. Zudem standen die von der Nilgans okkupierten Nester leer oder waren nach einer gescheiterten Brut verlassen. Aus dem Frühjahr 2011 liegt die Beobachtung einer Nilgansbrut in einem Nest an der Retlake nahe dem Seeanger vor, an dem kurz zuvor noch ein Rotmilanpaar präsent war (Dörrie 2011b). Ob Nilgänse die Milane nach einem Kampf zum Aufgeben gezwungen hatten oder deren Brut aus anderen Gründen ohne Erfolg geblieben war, ist unklar. Gegen die erste Annahme spricht, dass feindliche Nestübernahmen unter Gegenwehr der rechtmäßigen Besitzer sehr selten zu sein scheinen: In der bundesweiten Datenbank Ornitho.de mit knapp 118.000 Einträgen zur Nilgans und 166.000 Einträgen zum Rotmilan (Stand Mitte Dezember 2014) ist nur ein einziger Fall (2014 aus dem Thüringer Wartburgkreis) vermerkt. Ob sich weitere solcher Vorkommnisse unter den aus Schutzgründen gesperrten Rotmilandaten verbergen, muss offen bleiben.


Video 1: Nilgans polstert nachgenutztes Rotmilannest aus


Video 2: Nilgansküken wagen den Absprung

Die beiden Videos stammen von einer Überwachungskamera aus dem Rotmilan-Schutzprojekt der Uni Göttingen. Die Aufnahmen entstanden im Juli und August 2014 an einem Rotmilannest im Umfeld des Seeburger Sees. Die Nilgänse ließen sich dort erst zur Brut nieder, nachdem zwei junge Milane flügge geworden waren. Von den drei geschlüpften Gösseln (die restlichen Eier waren wohl unbefruchtet) fehlte später jede Spur. Zuvor hatte das Brutpaar (oder ein anderes) im gleichen Gebiet ein Rotmilannest in einer Pappelgruppe bezogen, nachdem die Jungvögel einem Marder zum Opfer gefallen waren. Der schlimme Finger holte sich später auch das Nilgansgelege.

Marder
Abb. 6: Von der Überwachungskamera ertappt: Steinmarder mit stibitztem Nilgansei

Aus Holland gibt es ein erstaunliches Video, das die Eroberung eines Habichtnests durch ein Nilganspaar dokumentiert (Link auch im Porträt des „Vogels des Jahres 2015“). Vorher hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass Nilgänse diesem großen und äußerst wehrhaften Greifvogel dermaßen Paroli bieten können. Waren den Habichten die lautstarken und sonderbar gefärbten Okkupanten völlig unbekannt und haben sie deshalb ihr Nest geräumt? Klingt plausibel, wäre aber im nilgansreichen Holland eher unwahrscheinlich. Die Flugattacken auf die Eindringlinge sehen fast spielerisch aus. Dabei wäre es zumindest dem Habichtweibchen wohl ein Leichtes gewesen, die Gänse zu vertreiben, wenn nicht gar zu töten. Lag eine Art Beißhemmung gegenüber potentiellen Beutetieren in der Nähe des eigenen Nests vor, die auch von anderen Greifvögeln bekannt ist (und z.B. von brütenden Rothalsgänsen in der Tundra genutzt wird)? Wie auch immer: Das offenkundig früh im Jahr verfertigte Video lässt offen, ob das Nest schon Eier oder Jungvögel enthielt. Dies hätte möglicherweise eine erheblich aggressivere Reaktion der Habichte nach sich gezogen. Ob dem dreisten Nestraub dauerhafter Erfolg beschieden war und eine Habichtbrut verhindert wurde, bleibt ebenso ungewiss. Auch Habichte verfügen über Ausweichnester, die sie nach Störungen nutzen können.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 7: Bunter Vogel, gut getarnt: Baumbrütende Nilgans in Treuenhagen.
Foto: M. Siebner

Fazit und Ausblick

Für die meisten Avifaunisten ist die Nilgans uninteressant: ein nervender Exot, den man nicht mehr loswird. Einige begegnen ihr, wie der Verf. vor 15 Jahren (Dörrie 2010), immer noch mit strikter Ablehnung. Warum eigentlich? Die Mutmaßungen über einen schädlichen Einfluss auf andere Vogelarten entbehren, wie oben gezeigt, zumeist der Substanz. Gibt es ihn, so scheint er, zumindest in Süd-Niedersachsen, nur sehr lokal zu sein. Regelmäßig betroffen sind lediglich ein paar futterzahme Stockenten zweifelhafter Provenienz an einem winzigen Parkgewässer. Als Begründung für den massenhaften Abschuss von Nilgänsen „zum Schutz heimischer Vogelarten“ ist das mehr als dünn. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass (wieder einmal) eine Vogelart als Sündenbock oder Alibi herhalten muss, weil man im Natur- und Artenschutz nicht weiterkommt.
Vielleicht kann dieses kleine Porträt zur vorurteilsfreien Betrachtung einer in vielerlei Hinsicht faszinierenden Vogelart beitragen. Man muss die Nilgans ja nicht gleich lieben und ihre Ansiedlung bejubeln. Teilnehmendes Beobachten reicht völlig aus.

Ein herzlicher Dank geht an Dr. E. Gottschalk (Abt. Naturschutzbiologie der Uni Göttingen) für die Bereitstellung der Videos von brütenden Nilgänsen und an alle Fotografen.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., E. Bezzel & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Bauer, H.-G. & F. Woog (2008): Nichtheimische Vogelarten in Deutschland, Teil I: Auftreten, Bestände und Status. Vogelwarte 46: 157-194.

Bauer, H.-G. & F. Woog (2011): Bemerkungen zur „Invasivität“ nichtheimischer Vogelarten. Ber. Vogelschutz 47/48: 135-141.

Dörrie, H.-H. (2001): Avifaunistischer Jahresbericht 2000 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 5-121.

Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.

Dörrie, H.-H. (2005): Avifaunistischer Jahresbericht 2004 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 4-76.

Dörrie, H.-H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser oder bei der Newsgroup avigoe.de.

Dörrie, H.-H. (2011a): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Dörrie, H.-H. (2011b): Heimzug und Brutzeit 2011 – vogelkundliche Neuigkeiten aus einem denkwürdigen Frühjahr. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=351.

Dörrie, H.-H. (2013): Heimzug und Brutzeit – März bis Juni 2013 – in Süd-Niedersachsen: Kalamitäten am laufenden Band. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=569.

Dörrie, H.-H. (2014): Späte Brutzeit und Wegzug 2014 in Süd-Niedersachsen: gemächlich dem Winter entgegen. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=723.

Gedeon, K., C. Grüneberg, A. Mitschke, C. Sudfeldt, W. Eikhorst, S. Fischer, M. Flade, S. Frick, I. Geiersberger, B. Koop, M. Kramer, T. Krüger, N. Roth, T. Ryslavy, F. Schlotmann, S. Stübing, R. Sudmann, R. Steffens, F. Vökler & K. Witt (i. Dr.): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

Hagemeijer, W. J. M. & M. J. Blair (1997): The EBCC atlas of European breeding birds. London.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Steiof, K. (2011): Handlungserfordernisse im Umgang mit nichtheimischen und mit invasiven Vogelarten. Ber. Vogelschutz 47/48: 93-118.

Nilgans - M.Siebner

December 16th, 2014

Der Habicht - Vogel des Jahres 2015 –
in Süd-Niedersachsen: alles andere als
ein Kuscheltier

Habicht - V.Dierschke
Abb. 1: Adulter Habicht. Foto: J. Dierschke

Mit dem Habicht (Accipiter gentilis) hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Nach dem Kormoran, Vogel des Jahres 2010, steht erneut eine Vogelart im Blickfeld der Öffentlichkeit, der Naturnutzer immer noch mit blankem Hass begegnen. Im Unterschied zu Kormoran, Rabenkrähe und Elster, für die vom Gesetzgeber unter enormem Lobbydruck großzügige Abschussregelungen festgeschrieben wurden, findet das Töten von Habichten und anderen Greifvogelarten zumeist im Verborgenen statt und wird von den Protagonisten nicht an die große Glocke gehängt. Gleichwohl geraten, nicht zuletzt durch die Aufklärungsarbeit von Organisationen wie dem „Komitee gegen den Vogelmord“ erschreckend viele Fälle illegaler Nachstellungen ans Licht. Man kann nur hoffen, dass – mit dem Habicht als Flaggschiffart und dem „Komitee gegen den Vogelmord“ als Kooperationspartner des NABU – in Zukunft eine erhöhte Sensibilisierung für die illegale Greifvogelverfolgung erreicht werden kann.

Verbreitung und Bestand

Zur Brutzeit ist der Habicht ein zurückgezogen lebender Waldvogel, zumindest bei uns. Hinweise zur Populationsgröße, die über Einzelfeststellungen hinausgehen, sind deshalb Mangelware. Im Göttinger Stadtwald und Geismar Forst brüten auf ca. 20 km² mindestens drei Paare (Dörrie 2011). Für das 130 km² große EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ wurden 2009 sieben Reviere ermittelt (G. Brunken in Heitkamp et al. 2010), die aber wohl nur einen Teil der Brutpopulation dort ausmachen. Zufallsbeobachtungen haben über die Jahre belegt, dass unser Porträtvogel in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Daher ist eine grobe Schätzung von ca. 150 Brutpaaren im Landkreis Göttingen und im Altkreis Northeim realistisch. In den letzten Jahrzehnten – seit den 1970er Jahren stehen alle Greifvögel unter Schutz - konnte sich der Brutbestand von der flächendeckenden, auch mit Prämien angefeuerten Verfolgung bis weit ins 20. Jahrhundert erholen. Von der DDT-Problematik war der Habicht wegen seines weiten Nahrungsspektrums nicht so sehr betroffen wie Greifvögel, die überwiegend bis ausschließlich von Vögeln leben.

Habicht - M.Siebner
Abb. 2: Junger Habicht über der Feldmark Geismar-Süd. Foto: M. Siebner

Der Habicht und seine Beute

Habichte sind elegante und ungemein kraftvolle Flugjäger, die auch in dichten Baumbeständen auf die Nahrungssuche gehen. Sie erbeuten kleinere Säugetiere wie Hasen und Kaninchen und können Vögel bis zur Größe eines Graureihers überwältigen. Andere Greifvogelarten wie z.B. Turmfalke, Mäuse- und Wespenbussard, der nahe verwandte Sperber sowie Rot- und Schwarzmilan stehen ebenfalls auf ihrem Speiseplan. Einen Eindruck davon, wie rasant das „Phantom des Waldes“ zuschlagen kann, vermittelt ein Video, das die Tötung von zwei fast flüggen Rotmilanen dokumentiert. Die Aufnahmen entstanden im Landkreis Göttingen, wo im Rahmen des Rotmilan-Schutzprojekts des Zentrums für Naturschutz der Uni Göttingen mehrere Nester mit Kameras versehen wurden, um die Nahrungsgewohnheiten des Rotmilans zu dokumentieren. Gerade in schlechten Mäusejahren scheinen besonders viele junge Rotmilane Opfer solcher Attacken zu werden, weil beide Elternteile mit der Nahrungssuche beschäftigt sind und ihren Nachwuchs nicht verteidigen können. Sind die Brutvögel noch unerfahren, haben sie auch in guten Mäusejahren kaum eine Chance, den Angriffen etwas entgegenzusetzen. Die Untersuchungen haben ergeben, dass ca. 30 Prozent aller nestjungen Rotmilane vom Habicht erbeutet werden (E. Gottschalk, mdl. Mitt.). Das ist eine hohe Verlustrate, die aber von langlebigen und erfahrenen Brutpaaren wieder ausgeglichen werden kann. Beim Bestandsrückgang des Rotmilans spielen die Segnungen der industriellen Landwirtschaft eine erheblich größere Rolle als Nachstellungen durch den Habicht. Wer nun meint, unser Jahresvogel sei der unangefochtene Herrscher der Lüfte, sollte sich dieses Video anschauen. Manchmal geht es andersrum…

Habicht - I.Lilienthal
Abb. 3: Wer hat Angst vor wem? Junger Habicht und Nilgänse an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: I. Lilienthal

Verfolgung

Ob bzw. in welchem Ausmaß Habichte auch in unserer Region illegal verfolgt werden, ist eine offene Frage. Auffällig ist zweierlei: Zum einen sind Beobachtungen umherstreifender Vögel im städtischen Siedlungsbereich in den letzten zehn Jahren merklich zurückgegangen. Zum anderen geraten überwiegend Jungvögel (so genannte „Rothabichte“) ins Visier. Dies kann aber auch mit der ökologischen Bindung vieler Vogelbeobachter/innen an Offenlandstrukturen erklärt werden, wo immature Habichte öfter zu sehen sind als waldbewohnende Revierbesetzer. Ein untrügliches Zeichen illegaler Verfolgung liegt vor, wenn traditionelle Reviere zunehmend von „Rothabichten“ besetzt werden. Dies kann den Schluss zulassen, dass die Altvögel getötet wurden. Während es dafür in anderen Regionen Deutschlands etliche Belege gibt (Bauer et al. 2005), fehlen diese bei uns, im Wesentlichen wegen unzureichender Erfassung.
Für die illegalen Verfolgungen sind vor allem drei Nutzergruppen verantwortlich: Taubenzüchter, Jäger und Hühner- bzw. Ziervogelhalter.
Taubenzüchter fürchten um ihre Rassetauben, die sie bei Wettkämpfen in die Luft entlassen. Durch aufziehende Gewitterfronten und andere Wetterkalamitäten kommen bei manchen dieser, aus Tierschutzsicht sehr fragwürdigen, Sportveranstaltungen bis zu 40 Prozent der Vögel um bzw. finden nicht mehr nach Hause. Damit verglichen sind die Verluste durch Greifvögel, die in der Mehrzahl geschwächte oder desorientierte Vögel betreffen, gering. Kommt es auf lokaler Ebene zu signifikant höheren Einbußen, ist dafür in der Regel nicht der Habicht, sondern der Wanderfalke verantwortlich.
Jäger verdammen den Habicht seit jeher als „Feind des Niederwilds“, weil er sich an „ihren“ Fasanen und Rebhühnern vergreift. Der Fasan spielt bei uns als exotisches Schießobjekt keine Rolle mehr. Aus klimatischen Gründen kann er in Süd-Niedersachsen keine sich selbst erhaltende Population aufbauen. Aussetzungen von „Jagdpapageien“ durch Jäger hat es daher seit Jahren nicht mehr gegeben. Rebhühner werden wegen ihres starken Bestandsrückgangs im Rahmen einer freiwilligen Übereinkunft nicht mehr geschossen (und wenn doch, im Landesjagdbericht als so genanntes Fallwild deklariert). Ihre Verluste, besonders unter den Weibchen zur Brutzeit, gehen zu knapp 70 Prozent auf das Konto terrestrisch lebender Beutegreifer, unter denen der Fuchs an erster Stelle steht. Dies ergab eine Auswertung der Todesursachen von Rebhühnern, die im Landkreis Göttingen besendert wurden (E. Gottschalk, mdl. Mitt.).
Die Zahl freilaufender Hühner, bei denen Habichte sich bedienen könnten, ist überall stark zurückgegangen, auch im ländlichen Siedlungsbereich. „Habichte“, die gleich zu mehreren am Waldrand nahe der Öko-Hühnerfarm im Hacketal zwischen Waake und Ebergötzen sitzen sollen, entpuppten sich regelmäßig als Mäusebussarde.
All diese Fakten entlasten den Habicht und machen seine klandestine Verfolgung noch skandalöser als ohnehin schon. Mittlerweile haben dies auch die Jagdverbände einiger Bundesländer eingesehen und sich, mit der Nachhilfe von Naturschutzverbänden und staatlichen Vogelschutzwarten, öffentlich gegen die kriminellen Greifvogeltötungen ausgesprochen, so auch in Niedersachsen. Gleichwohl: Das unter Nutzergruppen verbreitete Hirngespinst von „Überpopulationen schädlicher Vögel“ könnte auch in unserer Region den einen oder anderen dazu verleiten, sich des verhassten Konkurrenten in aller Stille zu entledigen. Wer findet schon einen Fangkorb mit einer Taube als Lebendköder, der tief im Wald oder versteckt auf einem weitläufigen Privatgrundstück steht - oder sitzt als Mäuschen am Jägerstammtisch? Und der Erwerb von Fangkörben ist immer noch ganz legal…

Habichte beobachten – wann und wo?

Aus Schutzgründen werden von verantwortungsbewussten Vogelkundlern keine Angaben zu Habicht-Brutplätzen mehr veröffentlicht, auch hier nicht. In unserer Datenbank www.ornitho.de sind alle Neststandorte verschlüsselt eingegeben und nur für Experten im Greifvogelschutz sichtbar. Für das Kennenlernen dieser beeindruckenden Vogelart durch interessierte Normalbürger/innen ist das sicher von Nachteil. Dagegen haben es die Einwohner/innen von Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln gut. Sie müssen nur eine der großen Parkanlagen oder Friedhöfe aufsuchen und können dort ganzjährig Habichte beobachten, bei der Jagd, beim Brutgeschäft und anderen Lebensäußerungen. Wer die „zutraulichen“ Vögel einmal aus nächster Nähe in Aktion erlebt hat, wird diesen Anblick nie vergessen. Stadtluft macht frei…

Habicht - C.Grüneberg
Abb. 4: Junger Berliner Stadthabicht. Foto: C. Grüneberg

In der großen Kleinstadt Göttingen ist der Habicht nicht verstädtert, zumindest nicht als Brutvogel. Zwar ist das Nahrungsangebot in Gestalt von Ringel- und Haustauben sowie Rabenkrähen enorm gewachsen. Einer Ansiedlung scheinen vielmehr die geringe Größe und fehlende Vernetzung unserer Parks und Friedhöfe entgegenzustehen. Möglicherweise fehlt auch ein die Verstädterung fördernder Populationsdruck im Umland, was wiederum ein Indiz für illegale Verfolgung wäre.
Immerhin: An den großen Rabenkrähen-Schlafplätzen in der Nordstadt tauchen im Herbst und Winter regelmäßig Habichte auf, um ihren Tribut einzufordern. Auf dem Stadtfriedhof werden in manchen Jahren Winterreviere besetzt. Wenn man auf dem Boden herumliegende Taubenfedern findet, lässt sich mit einem Blick nach oben mit etwas Glück ein satter Habicht im Baum erspähen. Über den Kiessee fliegen ab dem Spätsommer hin und wieder Habichte. Ihrer wird man am ehesten ansichtig, wenn man die Alarmrufe eines Rabenkrähentrupps hört und nachschaut, welchem Feind die Vögel hinterher jagen. Ein regelrechter Hotspot mit hoher Habichtgarantie ist die Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim. Hier ist unser Jahresvogel beständig zugegen und goutiert das reiche Angebot von Wasservögeln.
Ansonsten sind Habichtbeobachtungen zumeist vom Zufall abhängig und betreffen fast immer überfliegende Vögel. Dabei sollte man sich vergewissern, ob es sich wirklich um einen Habicht und keinen Sperber handelt. Beide Arten ähneln sich und zeigen einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus. Während „Rothabichte“ mit ihrer gestrichelten Unterseite unverkennbar sind und am ehesten mit einem Mäuse- oder Wespenbussard verwechselt werden können, ist es bei den Altvögeln komplizierter. Habicht- und Sperbermännchen sind erheblich kleiner als ihre Weibchen. Sie versorgen die heranwachsenden Jungvögel mit Beute. Da ist Wendigkeit im Geäst gefragt. Kleine Habichtmännchen sind manchmal nicht viel größer als kräftige Sperberweibchen. Im Alterskleid sind sie für Unkundige kaum unterscheidbar. Die charakteristische rötliche Iris adulter Habichte ist nur aus der Nähe zu sehen.

Sperber - M.Siebner
Abb. 5: Kräftiges Sperberweibchen über dem Seeburger See. Foto: M. Siebner

Gute Unterscheidungsmerkmale sind beim Habicht die längeren und spitzer zulaufenden Flügel, der hervortretende Kopf und der insgesamt runder wirkende lange Schwanz. Geübte Beobachter/innen können Habichte auch an ihrer Flugweise erkennen, die viel kraftvoller anmutet als die des kleinen Verwandten. Und nun kann man dem Jahresvogel 2015 nur noch alles Gute wünschen!

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Heitkamp, U., Brunken, G., Corsmann, M., Grüneberg, C. & S. Paul (2010): Avifaunistischer Jahresbericht 2008 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 14: 4-77.

October 24th, 2014

Der Grünspecht - Vogel des Jahres 2014:
Lachsack im Aufwind

Grünspecht Titel
Abb. 1: Grünspechtweibchen bei der Nahrungssuche. Foto: M. Siebner


Die Wahl des Grünspechts (Picus viridis) zum Vogel des Jahres 2014 durch den NABU bietet die willkommene Gelegenheit zu einem kleinen Regionalporträt unserer zweitgrößten Spechtart. Vorgestellt wird ein faszinierender Vogel, der eine Menge Fragen aufwirft.

Verbreitung und Bestandsentwicklung

Im süd-niedersächsischen Bergland ist der Grünspecht ein spärlicher Brutvogel, dessen Vorkommen bereits bei Merrem (1789) dokumentiert ist. Sein bevorzugter Lebensraum ist ein Mosaik aus Grünland und anderen Offenflächen, strukturreichen Waldrändern, Obstwiesen, lichten Gehölzen und Gärten. Hier besetzt er Reviere, die bis zu 250 Hektar umfassen können (Blume 1981). Das Innere dichter (Laub-) Wälder meidet er, ebenso die von Koniferen geprägten Hochlagen der großen Waldgebiete im Westen unserer Region (Bramwald, Kaufunger Wald, Solling). Die Niederungen von Leine, Rhume, Garte und Schwülme, aber auch von kleineren Fließgewässern sind traditionelle Verbreitungsgebiete, vor allem dort, wo Grünland an die Ufer grenzt. In Göttingen ist er ein altbekannter Stadtvogel. Auch in ländlich geprägten Ortsrandlagen fehlt er nicht. Verglichen mit klimatisch begünstigten Regionen im Westen und Südwesten Deutschlands stellt Süd-Niedersachsen aber einen eher suboptimalen Lebensraum dar (Schelper 1986).

Weil der Grünspecht von Ameisen lebt und ein ausgeprägter Standvogel ist, wurde seine Populationsdynamik in der Vergangenheit vor allem von Eis und Schnee geprägt. Die schneereichen Kältewinter der späten 1940er Jahre und der Jahre 1962/63, 1978/79, 1985/86 und 1986/87 brachten den Bestand jeweils beinahe zum Erlöschen. In der Regel dauerte es mehrere Brutperioden, bis sich die (kleine) Population wieder einigermaßen erholt hatte. Im Unterschied dazu verliefen die eher schneearmen Extremwinter der Jahre 1995/96 und 1996/97 vergleichsweise glimpflich (Bruns 1949, Schelper 1986, Dörrie 2010).
Danach machte sich bekanntlich die globale Erwärmung bemerkbar und unser Porträtvogel war aus dem Gröbsten raus. Bei Kartierungen in allen Gemeinden des Landkreises Göttingen (1.117 km²) ermittelte G. Brunken (mdl. Mitt.) bis 2008 beachtliche 65 bis 85 Reviere. Diese Angabe zeigte damals eine Untergrenze an, weil die Erfassungen nicht flächendeckend durchgeführt werden konnten. Im Göttinger Stadtgebiet stieg die Brutpopulation bis 2009 von zwei auf ca. acht Paare (Dörrie 2011, heute wahrscheinlich noch mehr). Auch im historischen Kerngebiet ist (wieder) ein Revier besetzt. Im EU-Vogelschutzgebiet V 19 „Unteres Eichsfeld“ vervierfachte sich der Bestand zwischen 2005 und 2008 von vier auf 16 Paare/Reviere (Brunken et al. 2006, Heitkamp et al. 2010). Bis heute haben die Nachweise weiter zugenommen. Wie groß die Regionalpopulation mittlerweile ist, kann nur grob geschätzt werden. Sie dürfte aber allein im Landkreis Göttingen deutlich mehr als 100 Paare betragen. Aus dem Landkreis Northeim liegen leider nur wenige Angaben vor. In der bundesweiten „Grünspecht-Rangliste“ der Datenbank ornitho.de befindet sich der Landkreis Göttingen mit knapp 850 Beobachtungen seit dem Herbst 2011 aktuell auf Platz 14, vor vielen Kreisen im Westen und Südwesten der Republik. Wegen hoher Melderdichte und Beobachtungsfrequenz in vielbegangenen Hausgebieten sowie den damit verbundenen Mehrfacheintragungen identischer Vögel ist die Plazierung unter den Top 20 aber für eine konkrete Bestandsschätzung von sehr geringer Aussagekraft. Gleichwohl liefert sie Hinweise darauf, wie häufig und regelmäßig Grünspechte mittlerweile ins Blickfeld bzw. ihre Lautäußerungen in die Gehörgänge der Beobachter/innen geraten.
All dies scheint glanzvoll zu belegen, dass der Grünspecht zu den klaren Gewinnern des Klimawandels zählt. Wie recht hatte doch der prominente Klimaforscher M. Latif aus Kiel, als er am 1. April 2000 im „Spiegel“ prognostizierte, „dass es Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren in unseren Breiten nicht mehr geben wird“. Nach diesem beruhigenden Fazit könnte man eigentlich auf weitere Ausführungen verzichten und sich entspannt dem Beobachten von Vögeln widmen, oder etwa nicht?

Die vollmundige Prophezeiung war leider mit einem kleinen Makel behaftet: Sie hat sich, wie so viele ähnlicher Machart, als krachend falsch entpuppt. Der letzte wirklich milde Winter, 2006/2007, liegt in unserer Region schon einige Jahre zurück. Mittlerweile räumen auch die umtriebigsten Apokalyptiker unter den Klimatologen ein, dass die globale Erwärmung seit 1998 stagniert. Doch nicht nur das: Nach 2007 folgte ein kalter und langer Winter dem nächsten. 2010/2011 ging es in unserer Region so kalt und schneereich zu wie seit über 40 Jahren nicht mehr. Der “Märzwinter” 2013 mit Frösten bis zu -17°C setzte dann allem die Krone auf. Die Brutpopulationen winterempfindlicher Arten wie Eisvogel und Schleiereule sind in den vergangenen Jahren auf klägliche Restbestände geschrumpft.
Weil vor diesem Hintergrund auch ein deutlicher Bestandseinbruch des Grünspechts zu befürchten war, achteten Göttinger Vogelkundler gezielt darauf, ob traditionelle Reviere in der Stadt und ihrem Umfeld im Frühjahr wieder besetzt waren. Das Ergebnis fiel verblüffend aus: Trotz mutmaßlicher Verluste waren sie, selbst nach dem Extremwinter 2011/12, alle wieder bezogen!
Wie ist dieses Paradox zu erklären? Vielleicht hilft ein Blick auf die Umweltbedingungen, unter denen Grünspechte in unserer Kulturlandschaft ihr Leben meistern.

Ameisen als Lebensgrundlage

Grünspechte leben ganzjährig zu ungefähr 90 Prozent von bodenbewohnenden Ameisen (Bauer et al. 2005). An Wald- und Wegrändern, auf Wiesen und Weiden, Rasenflächen und Brachen suchen sie im Hüpfmodus nach Ameisennestern und lecken die Beutetiere mit ihrer langen Zunge auf. Dabei werden Weg- und Waldameisen der Gattungen Lasius, Formica und Serviformica bevorzugt. Giftspritzende Ameisen erbeuten sie nur im Winter, wenn jene weniger aktiv sind (Seifert 2009b).
Mit ihrem kräftigen Schnabel können Grünspechte den Erdboden effektiv erschließen. Maulwurfs- und Wühlmaushügel werden fast schon im Akkord aufgehackt und auf Ameisen untersucht. Im Aufspüren ihrer Nahrung sind sie auch im Winter sehr findig. Seifert (2009b) berichtet von einem Grünspecht, der in einem Garten bei einer Schneehöhe von ca. 25 cm ein Ameisennest, das ihm offenbar aus dem Sommer bekannt war, durch das Einnehmen verschiedener Perspektiven von mehreren Obstbäumen aus zunächst förmlich einkreiste und dann zielgenau ansteuerte. Es drängte sich der Eindruck auf, dass der Vogel den Schnittpunkt mehrerer Diagonalen berechnete, um an das Nest zu gelangen - eine staunenswerte kognitive Leistung, die wohl nur noch von einem Tannenhäher übertroffen wird, der bei ganz anderen Schneehöhen im Herbst vergrabene Nüsse wiederfindet und sich dabei an auffälligen, aus dem Schnee ragenden Landmarken orientiert.

Grünspecht im Schnee
Abb. 2: Grünspecht auf Ameisensuche in einem Garten in Diemarden. Foto: V. Lipka

Spuren im Schnee
Abb. 3: So sieht es nach getaner Arbeit aus. Foto: V. Lipka

Als spezialisierter Ameisenfresser sucht der Grünspecht - anders als sein naher Verwandter, der Grauspecht - keine Futterhäuser auf. Das plakative Motto „Vögel füttern - aber richtig“ greift in seinem Fall also nicht. Zwar gibt es Hinweise, dass ab und an auch andere Insekten sowie Würmer, Schnecken und manchmal Früchte konsumiert werden (Winkler et al. 1995). Dies ändert aber kaum etwas an der ausgeprägten Abhängigkeit von der Hauptnahrung.

Die offenkundige Bestandszunahme erscheint noch erstaunlicher, wenn man den galoppierenden Grünlandschwund und den Verlust nährstoffarmer Freiflächen einbezieht, die in der Regel von Myriaden wärmeliebender Ameisen bevölkert werden. Neben der Umwandlung von Wiesen und Brachen in sterile Mais- und Rapsäcker schmälern Eutrophierungsprozesse als Resultat der großräumigen Verfrachtung von Stickstoffverbindungen aus Landwirtschaft und fossiler Energieverbrennung die Nahrung unseres Porträtvogels. Seifert (2009a) zeigt anschaulich, dass eine durch Nährstoffanreicherung bedingte hohe Pflanzendichte unweigerlich zum dramatischen Bestandsrückgang von Ameisen führt. Die Bodentemperatur sinkt, die Pflanzenvielfalt geht zurück und Raumwiderstand erschwert die Nahrungssuche der kleinen Tiere. Dieses Szenario ist die Hauptursache für den Bestandsrückgang des Wendehalses, eine Spechtart, die ebenfalls von Ameisen lebt und existentiell auf nährstoff- und vegetationsarme Offenflächen mit großen, leicht erreichbaren Populationen von Beutetieren angewiesen ist. Der Wendehals kommt in Süd-Niedersachsen regelmäßig nur noch mit ein bis zwei Paaren auf dem ehemaligen Göttinger Truppenübungsplatz Kerstlingeröder Feld vor. Warum konnte sich sein großer Vetter deutlich besser behaupten?

Gärtnern ohne Gift

Die Antwort ist, wie so oft, in veränderten anthropogenen Nutzungsformen zu suchen. Mittlerweile wird bei der Pflege öffentlicher Grünanlagen auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet. In den Regelwerken der meisten Kleingartenvereine ist die chemische Keule seit einiger Zeit verpönt. Viele Besitzer von Hausgärten im städtischen und zunehmend auch im ländlichen Siedlungsbereich enthalten sich heutzutage, ökologisch korrekt, der systematischen Vernichtung „schädlicher“ Kleinlebewesen (die verhassten Nacktschnecken natürlich ausgenommen). Zwar unterliegen auch diese Lebensräume der allgegenwärtigen Eutrophierung, doch wird durch regelmäßiges Kurzhalten der Vegetation oder die Ansaat von Feldfrüchten immer wieder für offene Strukturen gesorgt. Obwohl konkrete Untersuchungen zu diesem Themenfeld zu fehlen scheinen, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Bestände ökologisch plastischer Ameisenarten von der extensivierten Freiflächennutzung und -pflege profitiert haben und sich von den chemischen Exzessen, die bis weit in die 1980er Jahre in Szene gesetzt wurden, erholen konnten. Dieser Befund passt gut zu der Korrektur des Zerrbilds von menschlichen Siedlungen als besonders artenarmen Lebensräumen durch Reichholf (2007). Die unmittelbare Belastung durch Biozide ist im Wohnumfeld der Menschen mittlerweile um ein Vielfaches geringer als im agrarindustriell geprägten Offenland. Für den Grünspecht, der bei der Nahrungssuche kraftvoller und flexibler zu Werke gehen kann als der kleine Wendehals mit seinem schwachen Schnabel, haben sich Nahrungsangebot und -verfügbarkeit augenscheinlich deutlich verbessert. In seinen großen Revieren, die fast immer Teile des Siedlungsgebiets oder Ortsrandhabitate umfassen, kann er Bereiche, in denen sich Ameisenbestände erholen oder neu ansiedeln konnten, gedeihlich nutzen. Es spricht also eine Menge dafür (vgl. Gatter 2000), dass der Siedlungsbereich und sein engeres Umfeld für den Grünspecht deutlich an Qualität gewonnen haben - mit positiven Auswirkungen auf Wintermortalität und Bruterfolg.

Baumzuwachs

Ein weiterer, für Spechte nicht ganz unwichtiger Faktor ist das Vorhandensein von Bäumen, in deren Stämmen sie ihre Bruthöhlen zimmern können. Anders als bei seiner Nahrung ist der Grünspecht nicht auf bestimmte Laubbaumarten oder Waldtypen spezialisiert. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Nistplatzangebot für ihn deutlich erweitert, sowohl in Teilen des Offenlands als auch im Umfeld des Siedlungsbereichs. Verglichen mit ihrem Erscheinungsbild noch vor dreißig Jahren sind z.B. die Leineufer zwischen Friedland und Einbeck, die Garteaue oder die Umgebung des Seeburger Sees baumreicher denn je. Die vielerorts emporgewachsenen Pappeln, Eschen, Weiden und Schwarzerlen werden zwar von Unterhaltungsverbänden und anderen Nutzergruppen umso argwöhnischer beäugt, je älter sie werden. Gleichwohl geht man mit ihnen, nicht zuletzt als Folge erhöhter Naturschutzauflagen, etwas pfleglicher und differenzierter um als im vergangenen Jahrhundert.
Darüber hinaus bieten die in einem offenen Umfeld neuentstandenen Gehölze einen schnell erreichbaren Schutz vor Beutegreifern aller Art, was für einen exponiert auf die Nahrungssuche gehenden „Erdspecht“ von Vorteil ist.
Wie sehr gerade der Grünspecht von fortgeschrittenen Stadien der Gehölzsukzession, die durch Eutrophierung noch beschleunigt werden, profitiert hat, ist besonders eindrucksvoll in den ergrünten Ballungsgebieten Nordrhein-Westfalens zu beobachten, die heute auf weiten Flächen einer Parklandschaft ähneln (s.u.).
Damit tut sich ein weiteres (scheinbares) Paradox auf: Der Grünspecht ist Nutznießer von Prozessen, die seiner Hauptnahrung eigentlich abträglich sind. Solange jedoch weiterhin Freiflächen durch Pflege und Nutzung offengehalten werden, bleibt das Mosaik seines Lebensraums nicht nur erhalten, sondern gewinnt durch Gehölzalterung noch an Qualität. Wird der Baumbestand allerdings zu dicht und dunkel und zudem, wie etwa auf dem Göttinger Stadtfriedhof, von Nadelbäumen geprägt, ist er schnell wieder verschwunden bzw. tritt dort nur noch vereinzelt als Nahrungsgast auf. Dagegen ist der 1975 in Betrieb genommene Friedhof Junkerberg in Weende mit seinen Lichtwaldstrukturen und ausgedehnten Offenflächen bis heute Bestandteil eines traditionellen Grünspechtreviers (Dörrie & Paul 2005).
Vom Göttinger Stadtrand liegen Indizien für eine gewisse Bevorzugung älterer Hybridpappeln durch brütende Grünspechte vor. Wegen ihrer vermeintlichen Astbruchgefahr für Passanten wurden und werden sie in der Stadt als sogenannte „Problembäume“ stark reduziert. Die weitere Entwicklung und ihre Auswirkungen auf den Grünspecht bleiben abzuwarten. Zumindest im Kiessee-Leinegebiet existieren aber noch etliche Exemplare, die nachweislich und mit Erfolg zum Brüten genutzt werden, so auch in diesem Jahr.

Baumzuwachs
Abb. 4: Gehölzaufwuchs an der Leine in Göttingen. Foto: N. Vagt

Streuobstwiesen

Wären, nach dem Mantra des NABU und anderer Naturschutzorganisationen, Streuobstwiesen für das Wohlergehen des Grünspechts unabdingbar, ginge es ihm in unserer Region wahrlich schlecht. Wie bereits in einer kleinen Abhandlung über den Gartenrotschwanz auf dieser Seite gezeigt wurde, spielen sie als „Lebensraum für bedrohte Arten“ kaum noch eine Rolle. Ihr Flächenanteil beträgt im Landkreis Göttingen nur noch ganze 0,4 Prozent. Zudem sind sie wegen mangelnder Pflege und Nutzung oft verbuscht und durch eine dichte Krautschicht gekennzeichnet. Für Vögel und andere Lebewesen, die ihre Nahrung am Boden erbeuten, sind sie daher weithin wertlos. Den faktischen Verlust dieses ehemals ausgedehnten, arten- und nahrungsreichen Lebensraums hat der Grünspecht offenbar souverän verkraften und kompensieren (s.o.) können.

Grünspecht auf Baum
Abb. 5: Grünspechtmännchen, mal nicht am Boden. Foto: M. Siebner

Prädation

Blume (1981) berichtet am Beispiel Berlins, dass Habichte einen negativen Einfluss auf lokale Grünspechtpopulationen ausüben können, bis zu deren Verschwinden. Im Landkreis Göttingen ist der Habicht deutlich seltener geworden. Im engeren Stadtgebiet, aber auch bei Zugplanbeobachtungen außerhalb der Stadt werden umherstreifende (Jung-)Habichte nur noch sehr vereinzelt beobachtet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit finden auch in Süd-Niedersachsen illegale Nachstellungen durch Jäger und Taubenzüchter statt, sei es durch Abschuss oder den Fang in mit Locktauben bestückten Fallen. Letztere können ganz bequem mitten im Wald aufgestellt werden, wo kein Unbefugter sie findet… Im Unterschied zu Nordrhein-Westfalen, wo dieses abstoßende Treiben mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hat (Komitee gegen Vogelmord et al. 2012), liegen aus unserer Region so gut wie keine vergleichbaren Hinweise vor. Was aber wenig zu bedeuten hat… Ob der Rückgang des Habichts eine Rolle bei der Bestandserholung des Grünspechts gespielt haben könnte, ist mangels konkreter Daten reine Spekulation.

Neben alteingesessenen Feinschmeckern wie Eichhörnchen, Bilchen sowie Stein- und Baummardern plündern auch die ursprünglich aus Freisetzungen stammenden Waschbären Gelege und Jungvögel höhlenbrütender Vogelarten, wobei die Meinungen über das Ausmaß weit auseinander gehen. Für das nördliche Harzvorland in Sachsen-Anhalt ist, zumindest lokal, eine starke Prädation von Nistkastenbrütern belegt (Tolkmitt et al. 2012). Interessanterweise wurde dieses Phänomen aber in nährstoffarmen und gewässerfernen Habitaten mit einer niedrigen Waschbären-Siedlungsdichte konstatiert. In Stadt und Landkreis Göttingen geht es dem pelzigen Neubürger ausgesprochen gut, seine Nahrungsquellen sprudeln unerschöpflich. Vielleicht ist er in unserer nährstoffreichen Region gar nicht darauf angewiesen, sich wegen fehlender Alternativen mit dem mühevollen Ausräumen von Bruthöhlen in hohen Bäumen abzuplagen. Zudem bezieht der Grünspecht überwiegend selbstgezimmerte Naturhöhlen (Blume 1981), die im Regelfall schwieriger zu erreichen sind als (ungesicherte) Nistkästen. Davon abgesehen spricht schon der offenkundige Populationszuwachs des Grünspechts klar gegen eine Bestandsminderung durch den Waschbären. Dass, im Umkehrschluss, die Massentötungen von Waschbären - im Landkreis Göttingen betrug die „Jagdstrecke“ laut dem aktuellen Landesjagdbericht enorme 1576 Individuen – sich für den Grünspecht positiv ausgewirkt haben könnten, ist bereits deshalb unwahrscheinlich, weil diese Aktionen offenkundig keinen nachweisbaren Einfluss auf die nach wie vor positive Entwicklung der regionalen Kleinbärenpopulation haben.

Tarnung
Abb. 6: Bunt wie ein Papagei, aber in seinem Lebensraum optimal getarnt.
Foto: M.Siebner

Blick über den regionalen Tellerrand

In der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Niedersachsens (Krüger & Oltmanns 2007) rangiert der Grünspecht in der Kategorie 3 („im Bestand gefährdet“). Der landesweite Bestand, dessen Erhaltungszustand nach dem Vollzugshinweis des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz immer noch als „ungünstig“ gilt (NLWKN 2010), wurde für das Referenzjahr 2005 auf ca. 2500 Brutpaare beziffert.
Dagegen dokumentiert der gerade erschienene Atlas der Brutvögel Nordrhein-Westfalens (NWO & LANUV o.J.) eine „neuerdings flächendeckende Verbreitung“ mit 6.500 bis 11.000 Revieren, eingeschlossen hohe Siedlungsdichten in den Ballungsräumen von Rhein und Ruhr.
Der aktuelle Atlas der Brutvögel von Brandenburg und Berlin (Ryslavy et al. 2012) geht von 3.600 bis 5.400 Revierpaaren aus, die eine starke Zunahme von ca. 50 Prozent seit 1995 anzeigen. Die positive Entwicklung wird mit „vielen milden Wintern“ erklärt. Diese hat es jedoch nach der Analyse regionaler Wetterdaten durch Flade (2012) seit 1990 in beiden Bundesländern nicht oder nur als statistische Ausreißer gegeben. Deshalb dürften auch im kontinentalklimatisch geprägten Ostdeutschland andere Faktoren ihre für den Grünspecht segensreiche Wirksamkeit entfaltet haben.
Für das Bundesgebiet ist für den Zeitraum 1991 bis 2010 eine moderate Zunahme von ein bis drei Prozent/Jahr belegt (Sudfeldt et al. 2012). Im Monitoring häufiger Brutvogelarten ist der Grünspecht eine von nur sieben (von 64 untersuchten) Arten, die im Bestand signifikant zugenommen haben. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die positive Bestandsentwicklung in Süd-Niedersachsen nicht aus dem Rahmen fällt.

Grünspechte beobachten – wo und wann

Im engeren Göttinger Stadtgebiet ist es heutzutage kein Problem mehr, einen Grünspecht aufzuspüren. Die Wahrnehmung ist jedoch in den allermeisten Fällen akustischer Natur. Grünspechte sind ausgemachte Krakeeler. Sie verraten sich durch eine laute Rufreihe, die wie ein gellendes Lachen klingt, manchmal mit empört bis hysterisch anmutenden Modulationen. Die Rufe des Grauspechts hören sich ähnlich an, sind aber weicher, mehr pfeifend und in der Tonlage klar abfallend. Im Winter sind die Vögel zumeist stumm, erst ab Ende Februar lassen sie sich wieder vernehmen. Sitzen sie regungs- und lautlos an einem Stamm oder Ast, sind sie praktisch unsichtbar. Als Gartenbesitzer kommt man am ehesten in den Genuss, sie beim Nahrungserwerb am Boden beobachten zu können.
Beide Geschlechter zeichnen sich neben dem namensgebenden grünen Rücken durch einen roten Scheitel und eine schwarze Banditenmaske aus. Das Männchen kann durch seinen rot eingefassten Bartstreif vom Weibchen unterschieden werden. Die flüggen Jungvögel sind stark geschuppt mit einem schwächer ausgeprägten roten Scheitel. Sie verbleiben über mehrere Wochen in Gesellschaft der Eltern oder eines Elternteils, die ihnen die Ameisenjagd beibringen und sie noch lange füttern. Die Beobachtung einer solchen, auf dem Rasen umherhüpfenden Familie ist für Vogelfreunde ein echtes Glanzlicht, das aber wegen der als Tarnung wirkenden Grünfärbung der Vögel in Kombination mit ihrer Wachsamkeit nur wenigen zuteil wird.

Junger Grünspecht
Abb. 7: Rückenansicht eines jungen Grünspechts. Foto: W. Kühn

Ein echter Grünspecht-Hotspot ist der Göttinger Kiessee samt Umgebung. Bei passender Jahreszeit und günstigen Wetterbedingungen tendiert hier die Antreffwahrscheinlichkeit gegen 50 Prozent. Weitere gute Beobachtungsplätze sind die Weststadt (Levin-Park), der Friedhof Junkerberg in Weende, der Alte Botanische Garten, die Südstadt (hier besonders die traditionell besiedelte Kleingartenanlage „Lange Bünde“), die Schillerwiesen und, natürlich, das Kerstlingeröder Feld, wo Grün- und Grauspecht im gleichen Lebensraum vorkommen. In der Göttinger Peripherie ist das Gartetal zwischen dem Werderhof und Diemarden sehr empfehlenswert. Auch in weiter von Göttingen entfernten Beobachtungsgebieten wie dem Seeburger See oder der Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim kann man Grünspechte hören und sehen. Und jetzt steht (hoffentlich) einem gemeinsamen Ablachen mit dem Vogel des Jahres 2014 nichts mehr im Wege!

Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Blume, D. (1981): Schwarzspecht, Grünspecht, Grauspecht. Neue Brehm-Bücherei, Bd. 300. Ziemsen Verlag, Lutherstadt Wittenberg.

Brunken, G., M. Corsmann & U. Heitkamp (2006): Das EU-Vogelschutzgebiet V 19 (Unteres Eichsfeld). Ergebnisse des Monitorings 2003 und 2005. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 81-114.

Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.

Dörrie, H.-H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser oder bei der Newsgroup avigoe.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Dörrie, H.-H. & S. Paul (2005): Lebendiges Treiben am unpassenden Ort? – Friedhofsvögel in Göttingen 2004. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 85-96.

Flade, M. (2012): Vögel und die übersehene Klimawende. Wenn Prognose auf Wirklichkeit trifft. Vogelwarte 50: 267-269.

Gatter, W. (2000): Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Heitkamp, U., Brunken, G., Corsmann, M., Grüneberg, C. & S. Paul (2010): Avifaunistischer Jahresbericht 2008 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 14: 4-77.

Komitee gegen Vogelmord e.V., NABU Landesverband NRW e.V. & Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft e.V. (Hrsg.) (2012): Illegale Greifvogelverfolgung. Ein Leitfaden mit Hinweisen für Zeugen, Vogelschützer und Ermittlungsbeamte. Download unter http://www.nw-ornithologen.de

Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.

Merrem, B. (1789): Verzeichniß der rothbluetigen Thiere in den Gegenden um Goettingen und Duisburg, wahrgenommen. Schr. Ges. naturforsch. Freunde Berlin 9: 189-196.

Niedersächsisches Landesministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung (o.J.): Wild und Jagd. Landesjagdbericht 2011/12.

NLWKN (2010): Vollzugshinweis Grünspecht. Als Download abrufbar unter http://www.nlwkn.niedersachsen.de

NWO & LANUV (o.J.): Die Brutvögel Nordrhein-Westfalens. Online-Version unter www.atlasnw-ornithologen.de, zuletzt abgerufen am 21.10.2013.

Reichholf, J. (2007): Stadtnatur. Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen. Oekom Verlag, München.

Ryslavy, T., Haupt, H. & R. Beschow (2012): Die Brutvögel in Brandenburg und Berlin. Ergebnisse der ADEBAR-Kartierung 2005-2009. Otis Bd. 19, 2011, Sonderheft.

Schelper, W. (1986): Grünspecht - Picus viridis - in: Zang, H. & H. Heckenroth (1986): Die Vögel Niedersachsens. Band 2.7: Tauben- bis Spechtvögel.

Seifert, B. (2009a): Ameisen und Vögel – ein keineswegs einseitiges Verhältnis. In: Nationalparkverwaltung Harz (Hrsg.): Aktuelle Beiträge zur Spechtforschung – Tagungsband 2008 der Projektgruppe Spechte der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz, Bd. 3: 12-19.

Seifert, B. (2009b): Lebensraumansprüche, Biomassen und Erreichbarkeit für Spechte relevanter Ameisen. In: Nationalparkverwaltung Harz (Hrsg.): Aktuelle Beiträge zur Spechtforschung – Tagungsband 2008 der Projektgruppe Spechte der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz, Bd. 3: 20-27.

Sudfeldt, C., Bairlein, F., Dröschmeister, R., König, C., T. Langgemach & J. Wahl (2012): Vögel in Deutschland – 2012. DDA, BfN, LAG VSW, Münster.

Tolkmitt, D., Becker, D., Hellmann, M., Günther, E., Weihe, F., Zang, H. & B. Nicolai (2012): Einfluss des Waschbären Procyon lotor auf Siedlungsdichte und Bruterfolg von Vogelarten – Fallbeispiele aus dem Harz und seinem nördlichen Vorland. Ornithol. Jber. Mus. Heineanum 30: 17-46.

Winkler, H., Christie, D.A. & D. Nurney (1995): Woodpeckers. A Guide to the Woodpeckers, Piculets and Wrynecks of the World. Pica Press, Mountfield, UK.

October 25th, 2013

Die Bekassine – Vogel des Jahres 2013 –
in Süd-Niedersachsen: ein Nachruf?

Bekassine2
Abb. 1: Aufmerksame Bekassine. Foto: M.Siebner

 

Mit der Bekassine (Gallinago gallinago) hat der NABU eine Vogelart gewählt, deren Anblick beim Betrachter immer wieder Erstaunen hervorruft, nicht selten mit einem Schmunzeln gepaart. Das Erscheinungsbild des gut drosselgroßen Vogels ist in der Tat einzigartig. Die Proportionen scheinen nicht zusammenzupassen: Der tarnfarbene Körper mutet plump und bauchbetont an, der Schnabel ist grotesk lang, die Beine irgendwie zu kurz. Wenn der kleine Watvogel mit nähmaschinenartiger Stochertechnik eine Schlammfläche nach Verwertbarem punktiert und, hoch aufgerichtet, im schnellen Trippelschritt Konkurrenten verjagt, drängt sich der Eindruck auf, dass die Evolution manchmal zu Scherzen aufgelegt ist. Das eigentümliche Design signalisiert jedoch nichts anderes als die perfekte Anpassung an einen feuchten Lebensraum. Mit 16 Arten, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen, kommt das Genus Gallinago in Europa, Afrika, Asien und Amerika vor, ist also global sehr erfolgreich.
Der großen Ähnlichkeit in Größe, Gestalt und Gefieder entsprechen (notwendigerweise) unterschiedliche Fortpflanzungsrituale. Während die in Deutschland als Brutvogel ausgestorbene Doppelschnepfe (Gallinago media) eine Arenabalz am Boden zelebriert, zeichnet sich ihre nahe Verwandte durch eine spektakuläre Flugbalz aus. Das Männchen fliegt hoch über seinem Revier und vollführt dabei Sturzflüge, bei denen die Luft durch die abgespreizten äußeren Steuerfedern gepresst wird. Dabei entsteht ein weithin hörbares Geräusch, das an das Meckern einer Ziege erinnert. Der noch heute gebräuchliche Volksname „Himmelsziege“ gibt das auffällige Balzverhalten trefflich wieder. Am Boden oder auf einem Zaunpfahl singt das Männchen zudem ein monotones, aber recht klangvolles „tüke, tüke, tüke…“ Scharfe „tick, tick“-Alarmrufe vom Spätfrühling an, die von einer erhöhten Warte vorgetragen werden, sind ein guter Hinweis auf eine Brut bzw. auf Jungvögel, die vor einem Beutegreifer gewarnt werden.

Verbreitung und Bestand

In großen Teilen Europas ist die Erfolgsgeschichte unseres Porträtvogels seit Jahrzehnten ins Stocken geraten bzw. weithin zum Erliegen gekommen. Der niedersächsische, im Wesentlichen auf die norddeutsche Tiefebene beschränkte Brutbestand wurde von Krüger & Oltmanns (2007) auf ca. 2200 Paare/Reviere beziffert (und ist seit dem Referenzjahr 2005 sicher weiter geschrumpft). Ungefähr ein Drittel der in Deutschland verbliebenen ca. 5700-6600 Paare (Südbeck et al. 2007) brüten in unserem Bundesland.
Hauptursachen für den dramatischen Rückgang sind Lebensraumverlust in den Brutgebieten und massenhafter Abschuss in den Rast- und Ruhegebieten dieses Zugvogels. In einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden alljährlich insgesamt mehr als 500.000 Bekassinen geschossen (Hirschfeld & Heyd 2005), die meisten in Frankreich und Großbritannien. Die Schnepfenjagd gilt von jeher als besonders „sportliche“ Herausforderung, spätere Gaumenfreuden eingeschlossen…

Seeanger
Abb. 2: Seeanger. Foto: J. Herting

Vor der Entwässerung der Leinewiesen und der Trockenlegung der Niedermoore um den Seeburger See war die Bekassine vermutlich ein, zumindest lokal, nicht seltener Brutvogel. Quantitative Angaben sind jedoch Mangelware. Aus der Umgebung Göttingens verschwand sie in den 1930er Jahren. In den 1950er Jahren war sie noch, mit ein bis zwei Paaren, aus den Niedermoorresten im Seeanger bei Seeburg bekannt (G. Köpke, briefl.). In den letzten Jahren (jedoch nicht 2012) gelangen in diesem seit 2001 wiedervernässten Gebiet Beobachtungen balzender Männchen und warnender Altvögel, die den starken Brutverdacht von ein bis zwei Paaren rechtfertigten. Ob sich die Art dort wieder dauerhaft ansiedelt ist ungewiss.
In etwa derselben Größenordnung bewegt sich der Brutbestand im Hochwasser-Rückhaltebecken Salzderhelden (Polder 1) zwischen Northeim und Einbeck. Hier ist die Bekassine seit vielen Jahren ein etablierter Brutvogel.

Leinepolder
Abb. 3: Leinepolder Salzderhelden. Foto: J. Herting

In den beiden verbliebenen (Brut-)Gebieten finden Veränderungen statt, die einem Charaktervogel von Mooren und Feuchtwiesen abträglich sind. Im Seeanger verdichtet sich wegen des ständigen Nährstoffeintrags die Vegetation, das Gebiet verbuscht zusehends, die Schwarzerle ist auf dem Vormarsch. Einige Bereiche sind durch den anhaltend hohen Wasserstand in letzter Zeit so feucht geworden, dass sie nicht mehr beweidet werden können. Dies nutzt der Art sicher am Anfang, könnte sich jedoch später als Nachteil erweisen, weil lückenhafte bis offene Strukturen, die für Nahrungssuche und Fortbewegung am Boden unabdingbar sind, verloren gehen. Hinzu kommt die ausgeprägte Insellage des im Kern nur knapp 30 Hektar großen Bekassinen-Lebensraums inmitten einer industrialisierten Agrarlandschaft, die das Überleben zur Zitterpartie macht. Gerade in solchen Oasen ist der Verfolgungsdruck durch patrouillierende Fressfeinde nämlich besonders hoch.
Im Leinepolder Salzderhelden breitet sich auf großer Fläche ein dichter Röhrichtbestand aus. Im Umfeld der Leine und der früheren Kiesgrube entwickeln sich auwaldähnliche Gehölzstrukturen. In solchen Lebensräumen können Bekassinen nicht brüten. Ob die jüngst in Angriff genommenen Anstaumaßnahmen mit dem Ziel, auch im Sommer dauerhaft überschwemmte Bereiche zu schaffen, der Bekassine zu Gute kommen oder eher den kleinen Rallen der Gattung Porzana, bleibt abzuwarten. Wenn es gut läuft, profitieren vielleicht alle davon.

 

Wildschweinjagd zum Schutz der Bekassine?

Anders als im Seeanger war in der streng vor jeglichen Störungen geschützten Kernzone des ca. 900 Hektar großen Naturschutz- und EU-Vogelschutzgebiets Leinepolder Salzderhelden die Jagd über Jahre nur unter strengen Auflagen erlaubt. Gestattet war der Beschuss von Wildtieren allenfalls von Hochsitzen oder Verstecken am Rand des Gebiets. Mit dem robust verquasten Selbstverständnis und Sendungsbewusstsein der Jägerschaft („Bewahrer des ökologischen Gleichgewichts“) sind solche Restriktionen auf Dauer nicht vereinbar. Deshalb verfielen ihre Funktionäre auf die Propagandamasche, das Schießen von Wildschweinen, Füchsen und Waschbären in der bisherigen Tabuzone als uneigennützigen „Schutz von Wiesenbrütern“ auszugeben. Zusammen mit den Artenschützern vom Landvolkverband wurde man bei der zuständigen Naturschutzbehörde vorstellig. Über belastbare Daten zu einer existenzbedrohenden Gefährdung des Brutbestands „seltener Vögel“ durch die oben genannten Tierarten verfügten die Antragsteller (natürlich) nicht. Egal: Im Herbst 2011 wurde vom Landkreis Northeim für einen befristeten Zeitraum die Wildschweinjagd in der Kernzone gestattet und von den Waidwerkern sogleich mit zahlreichen Hochsitzen und Lockfütterungen in Szene gesetzt. Das Resultat fiel mit ganzen zwei (!) geschossenen Tieren äußerst mager aus – was jedoch kaum verwundert. Wiederholte Vollstaumaßnahmen im Winter hatten den Lebensraum für die Wildschweine nämlich sehr unwirtlich gestaltet; zudem gibt es im Polder keine Maisfelder, die für die Schwarzkittel wahre Paradiese sind und von ihnen entsprechend zahlreich frequentiert werden. Vor diesem Hintergrund entpuppte sich das Horrorbild marodierender Wildschweinrotten, die Bodenbrüter zum Aussterben bringen, als propagandistisches Hirngespinst.
Gegen einen neuerlichen Erlass in diesem Jahr, mit dem die Jagd in der Kernzone bereits ab dem 1. August gestattet wird, ging der BUND zusammen mit örtlichen Naturschützern juristisch vor, wurde jedoch vom Göttinger Verwaltungsgericht als „nicht klageberechtigt“ abgefertigt. Überdies sei Eile geboten: der Landkreis Northeim habe „schnell und effektiv auf den Schutzzweck“ reagiert (siehe Göttinger Tageblatt vom 9.9.2012).
Weil weitere Klagen eine Menge Geld kosten steht zu erwarten, dass die Artenschutzrezeptur aus Kimme, Korn und Doppelkorn auch in den kommenden Jahren zur Anwendung gelangt. Ob die Bekassine daraus einen Nutzen zieht, darf bezweifelt werden: Aus der mitteleuropäischen Normallandschaft mit ihrem komplexen Gefüge von Räubern und Beutetieren ist kein einziger Fall bekannt, dass sich eine gefährdete Vogelart nach der Bekämpfung ihrer (realen oder vermeintlichen) Feinde wieder im Bestand erholt hätte.

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Abb. 4: Bekassine beim Nahrungserwerb. Foto: V. Lipka

Bekassinen sehen – wann und wo?

Im Prinzip können Bekassinen in unserer Region nahezu ganzjährig beobachtet werden, am besten jedoch während der Zugzeit. Der Heimzug setzt verstärkt in der dritten Märzdekade ein und kulminiert in der ersten Aprilhälfte. In dieser Zeit ist der Leinepolder Salzderhelden eine Bank, besonders dann, wenn Teile des Gebiets noch flach unter Wasser stehen. In manchen Jahren rasten dort zahlreiche Bekassinen. Am 6.4.2012 wurden dort sogar beachtliche 200 Ind. gezählt (P.H. Barthel in ornitho.de). Leider sind die Vögel in der Regel recht weit entfernt; wie viele es sind, kann man am ehesten ermessen, wenn sie von einem Beutegreifer aufgescheucht werden. Balzfliegende Männchen lassen sich am besten im Mai bestaunen, bevorzugt in der Dämmerung.
Auch im Seeanger bestehen im Frühjahr gute Chancen, unseren Porträtvogel zu Gesicht zu bekommen. Dies betrifft, anders als im Leinepolder, auch den Wegzug, der bereits Mitte Juli einsetzt und im Oktober abklingt. Im Seeanger gibt es derzeit wegen des hohen Wasserstands keine ufernahen Schlammflächen, auf denen sich Bekassinen gerne tummeln und entsprechend leicht zu beobachten sind. In dichter Vegetation sind die Vögel wegen ihrer perfekten Tarnung nur mit Mühe auszumachen.

Tarnung
Abb. 5: In ihrem Lebensraum ist die Bekassine oft schwer zu entdecken.
Foto: M.Siebner

Ein lohnendes Ziel ist auch der Stockhäuser Bruch an der Leine zwischen Niedernjesa und Groß Schneen. In diesem kläglichen Grünlandrelikt der Leineaue wird man der Vögel aber zumeist nur ansichtig, wenn sie aufgescheucht mit rätschendem Flugruf gen Himmel entschwinden – in ihrem reißenden Zickzackflug wirken sie dann alles andere als plump! Zufallsbegegnungen mit auffliegenden Migranten sind bisweilen auch in der freien Feldmark oder an einem Entwässerungsgraben möglich, selbst im Winter. Ortsfeste Überwinterungen sind jedoch in unserer Region, trotz (angeblich) milderer Winter in den letzten Jahren, immer noch die große Ausnahme. Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

Hirschfeld, A. & A. Heyd (2005): Jagdbedingte Mortalität von Zugvögeln in Europa: Streckenzahlen und Forderungen aus Sicht des Vogel- und Tierschutzes. Ber. Vogelschutz 42: 47-74.

Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.

Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye & W. Knief ( 2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. Nov. 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

October 21st, 2012

Kleine Reiher im Göttinger Süden

Rallenreiher Nachtreiher Zwergdommel

In diesem Frühsommer ließen sich innerhalb der drei Wochen nach Pfingsten am Stadtrand und im Umfeld der Stadt drei Reiherarten beobachten, die in unserer Region nur seltene Gäste sind.

Erster in der Runde war ein Rallenreiher (Ardeola ralloides) am Göttinger Kiessee. Endeckt wurde der Vogel früh morgens am Samstag, dem 26.06.2012. Schnell wurden weitere heimische Ornithologen alarmiert, da zu befürchten war, dass der bevorstehende Besucheransturm in diesem stadtnahen Erholungsgebiet, den Reiher schnell wieder vertreiben würde.

Rallenreiher
Rallenreiher auf seinem Lieblingsbaum am Kiessee. Foto: M.Siebner

Aber der Vogel trotzte über 10 Tage regem Bootsverkehr im Wasser und ausschweifenden Grillparties am Seeufer. In den ersten Tagen erkundete er dabei den ca. 800 m messenden See und ließ sich an fast allen Ecken mal blicken. Näherten sich Ruder- oder Tretboote, begab er sich in eine Duckstellung und flüchtete erst im letzten Moment meistens zu Fuß. Später fand er jedoch die störungsarmen Plätze heraus und pendelte schließlich nur noch zwischen seinem in den See ragenden Lieblings-Weidenbaum und der Insel.

Direkt nach seiner Entdeckung wurde eine Meldung über Club300 und die bundesweite Datenbank ornitho.de abgegeben. Dies lockte innerhalb von ein paar Tagen weit mehr als 100 Vogelfreunde aus nah und fern in die Universitätsstadt, welche ihre Weiterreise häufig sofort wieder antraten, sobald die seltene Art auf ihrer Liste abgehakt war. Die mitgebrachte teils schwere Optik, mit der das Unterholz abgesucht wurde, irritierte dabei so manchen Pfingstausflügler. Trotzdem hielt sich der Ansturm, verglichen mit einem ‘Squacco heron’ in England, in Grenzen.

Der Göttinger Rallenreiher war allem Anschein nach ein Individuum im zweiten Kalenderjahr, also noch nicht vollständig ausgefärbt. Kennzeichnend sind die noch ockerfarbenen Partien auf den Flügeln, die noch recht kurzen Schmuckfedern am Kopf sowie der nur schwach blau gefärbte Schnabel.

Die Nacht verbrachte der junge Reiher hoch in Pappeln in der Nähe des Sees. Gegen Ende seines Aufenthaltes machte er größere Ausflüge, bis er am Abend des 6. Juni zuletzt am Kiessee beobachtet wurde.

Rallenreiher
Rallenreiher lauert auf Beute. Foto: M. Siebner

Der erste Nachweis eines Rallenreihers in unserer Region datiert vom 2. bis 4. Mai 1983 von der alten Rosdorfer Tongrube. Auch dieser Vogel, wohl ein Altvogel, ließ eine Annäherung auf bis zu fünf Meter zu und verharrte dabei manchmal in einer Art Pfahlstellung. Bei allzu heftigen Störungen wich er auf die Insel am Kiessee aus.

Der zweite Vogel, ein Individuum im Schlichtkleid, hielt sich vom 23. bis 28. August 2002 am Seeburger See auf. Möglicherweise war er noch länger präsent, denn ein Vogel mit entsprechender Beschreibung wurde vor dem 23. August von den Betreibern des Bootsverleihs gesehen, als er auf den Teichrosen balancierte. (…nach oben)

Am frühen Pfingstsonntagmorgen dann entdeckten eigentlich für den Rallenreiher angereiste Vogelfreunde einen adulten Nachtreiher (Nycticorax nycticorax) im dichten Geäst der Insel. Bis etwa 10 Uhr war dieser, ebenso wie sein beigefarbener Kollege, recht mobil am See unterwegs. Für den Tag zog er sich auf die Insel zurück und ließ sich erst am Abend wieder blicken. Seine Rufe wurden dann noch bis in die Dunkelheit von der Insel vernommen.
Der Vogel war wohl nur einen einzigen Tag am Göttinger Kiessee. Ob ein zuvor von Passanten auf der Insel beobachteter “Pinguin” unser weiß-grauer Reiher war, kann nicht endgültig geklärt werden.

Nachtreiher
Adulter Nachtreiher am Göttinger Kiessee. Foto: H. Petersen.

Der bislang einzige Nachtreiher im Göttinger Stadtgebiet hielt sich vom 30. Mai bis zum 5. Juni 2001 ebenfalls am Kiessee auf, bevorzugt an der Insel. Auch dieser war ein Altvogel im Hochzeitskleid.

Die fast schon dschungelartige Vegetation auf der Insel sowie die vielen übers Wasser ragenden alten Weiden stellen mittlerweile auch für Auwaldbewohner auf der Durchreise einen optimalen Rastlebensraum dar. Dies sollte bei Pflegemaßnahmen durch den Fachdienst Stadtgrün stärker berücksichtigt werden. Eine Gefahrenquelle für Spaziergänger bilden die Bäume am Ufer ohnehin nicht, und die Bootsfahrer können ihnen problemlos ausweichen. (…nach oben)

Die Kiesgrube Reinshof, in der warmen Jahreszeit nicht weniger verrummelt als der Kiessee, liegt südlich von Göttingen nahe der Gemeinde Rosdorf. Dort ließ sich am 17. Juni 2012 eine Zwergdommel (Ixobrychus minutus) entdecken, als sie von Norden kommend den spärlichen Schilfbewuchs des Südufers entlang flog und dabei immer wieder landete. Zuletzt wurde der Vogel im Schilf kletternd im südlichen Teil des Gewässers beobachtet, wo sich auch der größte Schilfbestand befindet. Die Dommel, bei der es sich höchstwahrscheinlich um ein Weibchen handelte, konnte an den Folgetagen nicht mehr an der Kiesgrube gesichtet werden.

Zwergdommel
Eine Zwergdommel klettert im Schilf an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner.

Der letzte Nachweis einer Zwergdommel in der Region Göttingen abseits des Seeburger Sees war ein Männchen am 8. Juni 1988 an den Tongruben Ascherberg.

Abschließend noch ein Wort zur Größe der drei kleinen Reiher, die im Spektiv allesamt größer erscheinen:
Der Nachtreiher ist der Größte, etwa so groß wie ein Mäusebussard. Der Rallenreiher ist, wie man am Kiessee sehen konnte, kleiner als eine Stockente, während es die Zwergdommel nur auf Eichelhähergröße bringt.

Und - kleiner sollte sie auch auf keinen Fall sein: bei dieser sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen muss man sich fragen, wie viele Zwergdommeln im Röhricht, zumal wenn es sich um stumme Weibchen gehandelt hat, hier in den letzten Jahren unbemerkt durchgezogen sind… (…nach oben)

Mathias Siebner

Literatur:
Dierschke, J. (1985): Rallenreiher (Ardeola ralloides) im Kreis Göttingen. Mitt. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 73-74.
Dörrie, H.-H. (2002): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.
Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.
Dörrie, H.-H. (2010) Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format, Göttingen.

July 4th, 2012

Warum der Göttinger Gartenrotschwanz ein Laubenpieper ist

Gartenrotschwand
Die ersten Jungvögel sind 2012 bereits ausgeflogen. Foto: M.Siebner

Unter diesem feinsinnigen Titel hat Silvio Paul die Ergebnisse einer Kartierung des Gartenrotschwanzes – Vogel des Jahres 2011 – im Göttinger Stadtgebiet aus dem Vorjahr zusammengefasst. Neun Mitarbeiter/innen des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen haben sich diesem schmucken Vogel für eine Brutsaison mit viel Freude und Engagement gewidmet.

Die Ergebnisse sind auch von überregionalem Interesse und lassen Rückschlüsse auf die Ansprüche und Lebensumstände nicht nur des Gartenrotschwanzes, sondern auch anderer Lichtwald- und Agrarlandarten zu.

Die interessante Lektüre kann als pdf hier heruntergeladen werden.

H.H. Dörrie

June 28th, 2012

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