Vogelportraits

Süd-Niedersachsens zweiter Eistaucher (Gavia immer): ein kleines Lehrstück für Anfänger (und Fortgeschrittene)

Nach einem total verregneten und deshalb fast „vogelfreien“ Samstag zog es Hans-Jürgen Thorns (Göttingen-Groß Ellershausen) am darauf folgenden Sonntag, dem 14.11.2010 gegen 7.30 Uhr an die Kiesgrube Reinshof südlich von Göttingen. Das Wetter war mit 14°C und einer föhnigen Brise aus Südwest angenehm frühlingshaft. Ein paar Tage zuvor gab es an dem ca. neun Hektar großen Abbaugewässer einen bunten Gänsemix zu sehen, u.a. mit diesjährigen Blässgänsen wie aus dem Bilderbuch.
Dieses Mal verlief der Rundgang zunächst eher unspektakulär: Eine Höckerschwan-Familie, ein paar Stockenten, eine Reiherente und zwei Dutzend Blässhühner dominierten das schmale Artenspektrum. Knapp 50 Graugänse, die in kleinen Trupps einflogen, machten viel Lärm um was auch immer.
Dann aber geriet gegen 8.30 Uhr im Nordostbereich der Kiesgrube für wenige Sekunden ein großer Taucher ins Blickfeld, der sofort wieder abtauchte. War es ein Sterntaucher (Gavia stellata)? Minuten später - und mindestens 100 m weiter südlich - war er wieder ganz kurz zu sehen. Nach drei weiteren Tauchgängen hielt er sich bereits am Südende auf, wo er sich zum ersten Mal richtig betrachten und fotografieren ließ, bevor er wieder Richtung Norden abtauchte. Hier kam er langsam zur Ruhe, zeigte ein paar Mal das typische „Wasserlugen“ und schwamm dann weiter in den nördlichen, neu ausgebaggerten Bereich. Dort stand inzwischen mit W. Kassebeer (Northeim) ein zweiter aufgeregter Beobachter. Er hatte zum Glück den Kosmos-Vogelführer (Svensson et al.) im Gepäck. Nach einem gemeinsamen Blick ins Buch schied der Sterntaucher wegen des geraden, klobigen Schnabels aus und die Vermutung ging in Richtung diesjähriger Prachttaucher (Gavia arctica), obwohl der dunkle Halskragen und der „Höcker“ auf dem Kopf HJT etwas skeptisch machten.
Erst zu Hause - nach einem erneuten Blick ins Buch und auf die Fotos - keimte bei HJT die Hoffnung auf eine dritte Seetaucherart: Eistaucher!? Ein Anruf bei Martin Schuck (Göttingen), und die Hoffnung erlitt einen Dämpfer: „ Ein Eistaucher? Weißt du, dass dies die zweite oder dritte regionale Sichtung überhaupt wäre? Na gut, Prachttaucher wäre auch mein erster für dieses Jahr. Ich fahre mal raus“. Eine Stunde später kam dann der Rückruf und die Bekräftigung: Es war tatsächlich ein diesjähriger Eistaucher, bestätigt nicht nur von Martin mit Hans H. Dörrie im Schlepptau, sondern auch von den etwas später eingetroffenen Herren Silvio Paul, Mathias Siebner (beide Göttingen) und Stefan Hohnwald (Rosdorf), die über das Handy bzw. die regionale Newsgroup avigoe.de alarmiert worden waren.

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Abb. 1 u. 2: Eistaucher im ersten Kalenderjahr an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner.

Auf den Fotos sind alle Merkmale eines Eistauchers im ersten Kalenderjahr gut zu erkennen: Der kräftige Dolchschnabel, der „eingedellte“ Kopf, der dunkle Halbring im Brustbereich, die Aufhellung ums Auge und, last but not least, die markante Wellenzeichnung des Rückens. An der Größe allein hätte man den Vogel nicht auf Artniveau bestimmen können, denn er war nicht viel größer als ein stämmiger Prachttaucher, zumindest wirkte er so.

Ob das binnenländische Auftreten des seltenen Gasts mit dem Sturmtief „Carmen“ zusammen hing, das in den Vortagen über Mittel- und Nordeuropa hinweg gezogen war, darf vermutet werden. Eistaucher brüten auf Inseln und Inselchen von Binnengewässern jeder Größe in Nordamerika, Grönland und (mit ca. 300 Paaren) Island. Sie überwintern in küstennahen Bereichen des Atlantiks und treten zu dieser Zeit in Europa vor Großbritannien, Irland und Nordwest-Frankreich in größerer Zahl auf. An Nord- und Ostsee bekommt man sie erheblich spärlicher zu Gesicht. Im deutschen Binnenland sind sie Ausnahmegäste mit, im Schnitt, einer buchstäblichen Handvoll Nachweisen pro Jahr. Ihre Seltenheit wird nur noch vom imposanten Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii) übertroffen (Bauer et al. 2005). Dieser besonders urtümlich anmutende Geselle - nach Größe, Gewicht und Heimatregion gleichsam der Nikolai Valujev unter den Seetauchern - fehlt bislang auf der Artenliste unseres Bearbeitungsgebiets.
Weniger bekannt ist, dass Normalbürger jeder geografischen Herkunft und Couleur, selbst wenn sie sich nicht die Bohne für Vögel interessieren, mit dem Eistaucher vertraut sind, allerdings unwissentlich. Wie das? Ganz einfach: Viele Kriminal- und Gruselfilme werden mit dem schaurig-schönen Balzwiehern des Eistauchers akustisch untermalt, ganz gleich wo ihre Handlung spielt bzw. wo sie gedreht wurden…

Wo auch immer „unser“ Eistaucher seinen Lebensweg angetreten bzw. -geschwommen haben mag: Er hatte offenkundig großen Hunger und tauchte ununterbrochen nach Fischen, erfreulicherweise mehrmals mit Erfolg. Dabei ließ er sich auch nicht von zwei Kanuten beirren, die an der Kiesgrube bis dato ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung darstellten. Gegen 12.00 Uhr war er augenscheinlich satt. M. Siebner konnte noch beobachten, wie er sich ausgiebig putzte, ab und an mit den Flügeln schlug, einen großen Anlauf nahm und nach einer Ehrenrunde nach Norden davonflog. Weg war er. Eine derart kurze Verweildauer von nur knapp einem Vormittag hatte kaum jemand erwartet; der Frust der später herbeigeeilten Beobachter war entsprechend groß…

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Abb. 3: … und tschüss! Foto: M. Siebner.

Fazit: Die kleine Kiesgrube Reinshof ist immer wieder einen Rundgang wert, vor allem während der Zugzeiten. Anerkannte Nachweise von Brandseeschwalbe (August 2000), Küstenseeschwalbe (April und Mai 2003), Schmarotzerraubmöwe (August 2000) und Dreizehenmöwe (drei Nachweise, der letzte im November 1997) belegen, dass dieses unspektakuläre Gewässer (auch) auf Vertreter von Vogelarten, die man normalerweise an den Gestaden der Nordsee vermuten würde, eine gewisse Anziehungskraft ausüben kann - man muss als Beobachter nur zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle sein!

Mit dem Vogel vom 14.11.2010 liegt für Süd-Niedersachsen die zweite dokumentierte Beobachtung eines Eistauchers vor. Zur Beurteilung einer älteren, mangels Beschreibung nicht nachvollziehbaren Wahrnehmung vom 3. bis 5.12.1977 am Seeburger See (Brunken 1978) vgl. die Anmerkungen bei Dörrie (2000).
Der von der Deutschen Seltenheitenkommission anerkannte Erstnachweis betrifft einen Vogel im zweiten Kalenderjahr vom 12. bis 20.1.1991 auf dem Seeburger See (D. Wucherpfennig, K. Dornieden u.a. in DSK 1994). Er harrte bis zum nahezu kompletten Zufrieren des Gewässers aus und hielt sich durch beständiges Herumrudern eine Fläche von zuletzt nur noch knapp 15 Quadratmetern (!) eisfrei. Dabei wurde er von Beobachtern aus ganz Deutschland bestaunt und von einem Haubentaucher tatkräftig unterstützt.
Seetaucher (wie auch Schwäne) benötigen eine lange Startbahn, um ihren massigen Leib aus dem Wasser zu hieven. An Land sind sie wegen ihres Körperbaus, der an ein aquatisches Leben angepasst ist und sich u.a. durch kurze und sehr weit hinten am Rumpf liegende Beine auszeichnet, äußerst unbeholfen. Die düstere Prognose, dass der Taucher dem Festfrieren geweiht war, wurde zum Glück gegenstandslos: Am 20.1. konnten Fabian Bindrich (damals Hildesheim, heute Hamburg) und Dieter Oelkers (Hildesheim) verfolgen, wie er in einem finalen Kraftakt flügelschlagend über die kleine Wasserfläche lief, danach mit Schwung über das Eis, schließlich mühsam abhob und nach Nordwesten entschwand.

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Abb. 4: Kiesgrube Reinshof: ein Allerweltsgewässer, das manchmal Überraschungen bereithält. Foto: M. Siebner.

Sein Artgenosse von der Kiesgrube Reinshof hat sich ein derart knappes Entkommen - und vielleicht auch das qualvolle Verenden an einer der zahlreichen, von gedankenlosen Sportanglern „vergessenen“ Schnüre samt Haken - durch frühzeitiges Verschwinden in die richtige Himmelsrichtung erspart. Für ihn war es sicher das Beste, obschon einige Beobachter, die leer ausgehen mussten, das sicher anders sehen… Hans-Jürgen Thorns, Mathias Siebner & Hans-Heinrich Dörrie.

Literatur

  • Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2. Aufl., Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Brunken, G. (1978): Avifaunistischer Jahresbericht 1977 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 235-258.
  • Deutsche Seltenheitenkommission (DSK) (1994): Seltene Vogelarten in Deutschland 1991 und 1992. Limicola 8: 153-209.
  • Dörrie, H.-H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.

November 22nd, 2010

Der Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) - Vogel des Jahres 2011 - in Süd-Niedersachsen: eine urbane Randexistenz mit hohen Ansprüchen

Hätte der NABU nach dem gefiederten Angler-Hassobjekt Kormoran (vgl. den Beitrag vom 25.10.2009 auf dieser Homepage) die ähnlich unpopuläre Elster zum „Vogel des Jahres 2011“ küren sollen? Das wäre wohl etwas zuviel verlangt von einem Verband, dem in der Mehrheit gutherzige BeitragszahlerInnen angehören, die ihre Symbiose mit den gefiederten Freunden ohne Ausschüttung von Stresshormonen genießen möchten. Deshalb ist die Wahl eines hübschen Singvogels, an dem sich niemand stört, durchaus nachvollziehbar. Zudem ist der Gartenrotschwanz aus fachlicher Sicht eine interessante Vogelart, deren Populationsdynamik (auch) in unserer Region viele Fragen aufwirft.

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Abb. 1: Männlicher Gartenrotschwanz Foto: NABU / Birdpictures / R. Rößner

Bestand und Bestandsentwicklung
Der aktuelle Brutzeitbestand unseres Porträtvogels kann in Süd-Niedersachsen (Landkreise Göttingen und Northeim) auf der Datengrundlage für den bundesdeutschen Brutvogelatlas ADEBAR optimistisch auf ca. 65 revierhaltende Männchen beziffert werden. Die Zahl erfolgreicher Brutpaare dürfte jedoch um einiges kleiner sein, weil - dies belegen zumindest unsere Göttinger Daten - gerade bei Vogelarten mit negativem Bestandstrend unverpaarte Männchen im Frühling über Wochen eine Singwarte beziehen, ohne auf weibliches Interesse zu stoßen. Nach den ADEBAR-Kriterien (Südbeck et al. 2005) werden auch solche zwangszölibatären Sangeskünstler als „Brutpaare“ gewertet. Damit ist eine virtuelle Erhöhung (Verdoppelung?) des Brutbestands programmiert. In Süd-Niedersachsen dürfte dies vor allem in einigen Gebieten des Landkreises Northeim der Fall sein, die zuvor im Hinblick auf den Gartenrotschwanz wenig erforscht waren und nur im Rahmen der ADEBAR-Kartierungen bearbeitet wurden.

Mit ca. 20 Revierbesetzern beherbergen die Kleingartenkolonien am Göttinger Stadtrand die mit Abstand größte und aufgrund jährlicher Bestandsaufnahmen am besten bekannte Lokalpopulation unseres Bearbeitungsgebiets. Daneben gibt es in unserer Stadt noch ein paar kleine, zumeist unregelmäßige Vorkommen von ein bis zwei singenden Männchen im Ostviertel (s.u.), am Ortsrand von Grone-Süd und (zunehmend seltener) in den Randbereichen der Innenstadt, alle in Hausgärten mit lichter Vegetation und Einzelbäumen.
Während der Bestand in den Kleingärten augenscheinlich stabil ist (Dörrie 2000-2008), wurden in den vergangenen Jahren einige Brutplätze wie das Kerstlingeröder Feld (bis zu drei Reviere zum Beginn des Millenniums, Goedelt & Schmaljohann 2001, 2002, s.u.) oder die Umgebung des Hainholzhofs (ein Revier) fürs erste wieder geräumt. Vorkommen von Einzelpaaren in ländlich geprägten Ortsrandlagen (z.B. bei Duderstadt, Seulingen, Waake, Seeburg, Friedland, Diemarden und Reinhausen) waren entweder von kurzer Dauer oder wurden in den letzten Jahren nicht von Vogelkundlern kontrolliert (Dörrie 2000, 2000-2008).

1948 wurden bei der ersten Brutvogelkartierung im 3,6 km² großen Göttinger Kerngebiet 29 Reviere gezählt und ca. 100 geschätzt (Bruns 1949). Eine 1965 auf gleicher Fläche vorgenommene Wiederholung der Kartierung ergab mit einem Bestand von 87 gezählten und 130 geschätzten Revieren ein, was die Schätzungen betrifft, ähnliches Ergebnis (Hampel & Heitkamp 1968). Bei der jüngsten Kartierung 2005/2006 waren dort nur noch zwei Reviere vorhanden, die eine nahezu komplette Entstädterung anzeigen (Dörrie 2006, 2009). Ein vergleichbar kleiner Bestand von drei Revieren musste bereits 2001 im zum Kerngebiet zählenden Göttinger Ostviertel verzeichnet werden (Dörrie 2002).
Während Schelper (1966) den Gartenrotschwanz für den Altkreis Hann. Münden noch als verbreiteten Brutvogel einstufte, der „in den Tallagen häufiger als der Hausrotschwanz ist“, wurde während der Vorarbeiten für ADEBAR nur ein einziges Revier, in einer Kleingartenanlage im Mündener Siedlungsbereich, notiert (H. Haag, mdl.). Für den Landkreis Northeim fehlen vergleichbare Angaben zur langfristigen Bestandsentwicklung.
Aus den Wäldern der Region ist der Gartenrotschwanz, wie andere Lichtwald-Brutvogelarten (Dörrie 2004, 2009), verschwunden. Wegen seiner Konzentration auf den Siedlungsbereich bzw. siedlungsnahe Habitate könnte er aus regionaler Sicht in „Kleingartenrotschwanz“ umbenannt werden.

Die oben genannten Daten verdeutlichen den dramatischen Rückgang einer Art, die bis vor 40 Jahren (auch) in Süd-Niedersachsen ein häufiger und verbreiteter Brutvogel war. In der niedersächsischen Roten Liste der gefährdeten Brutvögel (Krüger & Oltmanns 2007) besiedelt der Gartenrotschwanz die Kategorie 3, „im Bestand gefährdet“. Der langfristige Bestandstrend ist negativ, obwohl es in einigen nördlichen Landesteilen, die sich durch nährstoffarme Böden und lichte Waldstrukturen auszeichnen, zu einer leichten Erholung gekommen ist.

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Abb. 2: Bruthabitat des Gartenrotschwanzes in der Kleingartenkolonie „Am Kiessee“. Foto: H. Dörrie.

Gründe für den Bestandsrückgang
Als eine Hauptursache für den nachhaltigen Zusammenbruch vieler mittel- und nordeuropäischer Teilpopulationen des Gartenrotschwanzes wird oft die extreme Dürre angeführt, die ab 1968 große Teile der Sahelzone südlich der Sahara in eine lebensfeindliche Wüstenei verwandelte (vgl. z.B. die Darstellung bei Dörrie 2000 und im Jahresbericht 1999). Die Sahelzone ist das traditionelle Überwinterungsgebiet unseres Jahresvogels; sie wird seit längerem immer wieder von Dürreperioden heimgesucht. Die damaligen Verluste wurden vor allem (indirekt) am starken Rückgang (bis zu 70 Prozent) der Fänglinge an verschiedenen europäischen Beringungsstationen zwischen 1968 und dem Folgejahr festgemacht (Glutz von Blotzheim & Bauer 1988). Was genau in der Sahelzone oder auf dem Flug dorthin mit den Vögeln passiert ist, wird man nie erfahren.
Mangels aussagekräftiger Daten bleibt ebenfalls unklar, ab wann sich der Rückgang in Göttingen bemerkbar gemacht hat und in welchem Umfang „unsere“ Vögel von der Sahel-Dürre betroffen waren. Dagegen enthält die Angabe von Brunken (1978) für das Jahr 1977, dass sich „die Art in Göttingen erholt zu haben scheint“, zwei interessante Hinweise: zum einen auf einen signifikanten Bestandseinbruch in der Zeit davor und zum anderen, dass die Verluste, zumindest in Göttingen, wieder ausgeglichen werden konnten. Mit den (hypothetischen) Nachwirkungen der Sahelkatastrophe 1968-72 lässt sich das faktische Erlöschen der ehemals kopfstarken Brutpopulation im Kerngebiet also nicht erklären. Dies legt den Schluss nahe, dass es andere Faktoren gibt, die weitaus schwerer wiegen und zudem dauerhaft wirken.

Im Unterschied zu den ins Dunkel gehüllten Geschehnissen im Schwarzen Erdteil sind wir über die tiefgreifenden Veränderungen im Göttinger Stadtlebensraum unseres Porträtvogels besser informiert. Dass Reitstallviertel und Neustadt dem Erdboden gleichgemacht wurden und die Stadtplan(ier)er sich und ihrem Zementierungswahn mit einem Rathaus von beeindruckender Scheußlichkeit ein unübersehbares Denkmal setzten, konnte der Gartenrotschwanz noch souverän ignorieren. Die Umwandlung der letzten Nutzgärten in Ziergärten, das verbreitete Anpflanzen dichter und dunkler Koniferenbestände sowie der galoppierende Schwund insektenreicher Offenstellen haben seine Lebensqualität weitaus stärker beeinträchtigt. Anders als in den Jahren vor ~ 1980 wird das Göttinger Kerngebiet heute auf weiten Strecken von dunklen und schattigen Baumbeständen geprägt, die der Ansiedlung anpassungsfähiger Waldvögel förderlich sind, den sogenannten Lichtwald-Vogelarten, zu denen auch der Gartenrotschwanz zählt, jedoch im höchsten Maße abträglich (Dörrie 2006, 2009).
Der nahezu komplette Wegfall landwirtschaftlich geprägter Vegetationsstrukturen und Nutzungsformen kann daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Hauptursache für den dramatischen Rückgang im Göttinger Siedlungsbereich gelten.

Zur gleichen Zeit setzte auch in den Wäldern der Verlust von Offenflächen und anderen lichten Strukturen ein. Kahlschläge, mäßig aufgeforstete Windwurfflächen und totholzreiche Waldränder im Übergang zum extensiv genutzten Grünland wurden zunehmend seltener. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr den wenigen verbliebenen Streuobstwiesen, die entweder der Ausdehnung des Siedlungsbereichs zum Opfer fielen oder nicht mehr genutzt wurden. Von diesem Szenario waren und sind, neben dem Gartenrotschwanz, auch andere Lichtwaldarten wie z.B. Baumpieper, Gelbspötter und Turteltaube betroffen (Dörrie 2004, 2006, 2009). Seit ca. 20 Jahren trägt, neben Kalkungsmaßnahmen in den Wäldern, auch das gestiegene Verfrachten und Abregnen nährstoffreicher Stickstoffverbindungen aus industrieller Landwirtschaft und Automobilverkehr dazu bei, dass vegetationsarme Flächen durch die permanente Düngung aus der Luft schneller zuwachsen als jemals zuvor (Gatter 2000, Dörrie 2009, Paul 2010).
Dagegen wirft die Räumung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Kerstlingeröder Feld, der auf weiten Strecken immer noch den Eindruck eines optimalen Lebensraums vermittelt (s.u.), einige Fragen auf. Neben möglichen mikrostrukturellen Habitatverschlechterungen könnte auch Prädation durch Mäuse und Bilche (vgl. Gatter 2000) oder Buntspecht (vgl. Dörrie 2009) bzw. Nistplatzkonkurrenz mit anderen Höhlenbrütern das lokale Verschwinden verursacht haben.

Offenstellen als Lebenselixier
Insektenreiche wärmeexponierte Offenstellen sind ein unverzichtbares Habitatrequisit, auf das der fast ausschließlich am Boden jagende Gartenrotschwanz offenkundig geprägt ist (Glutz von Blotzheim & Bauer 1988). Dies bekräftigt eindrucksvoll die Untersuchung von Martinez et al. (2010), die Habitatexperimente mit Volierenvögeln durchgeführt haben. Selbst bei vierfach höherer Futtermenge in einer dichten Wiese flogen sie eine benachbarte Fläche mit lückiger Bodenvegetation, wo es weniger zu fangen gab (!), signifikant häufiger an. Neben Offenstellen sind auch höhlenreiche alte (Obst-)Bäume ein wichtiger Bestandteil des Brutlebensraums.
Eine derartige Kombination, die den spezifischen Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes entgegenkommt, existiert in unserer Region offenkundig nur noch in mehr oder minder intensiv bewirtschafteten Kleingärten. Hier finden die Vögel ein vielfältig strukturiertes Mosaik aus Gemüsebeeten mit einem hohen Anteil vegetationsarmer oder -freier Stellen (Kartoffeln, Tomaten etc.), alten Obstbäumen, gemähten Flächen und nicht asphaltierten Wegen vor. Überdies hängen dort zahlreiche Nistkästen, die sie gerne annehmen und die das Fehlen von Baumhöhlen in einigen Kolonien sogar kompensieren können. Hinzu kommt, dass der Biozideinsatz in den Kleingärten in letzter Zeit gegen Null tendiert (H. Weitemeier, mdl.), was den Beutetier-Populationen von Insekten und anderen Arthropoden zuträglich ist. Koniferen werden bis zu einem gewissen Beschattungsgrad toleriert, die Bäume sogar bevorzugt als Singwarten genutzt (eig. Beob.).

Schutzmaßnahmen
Die vom NABU und anderen Naturschutzorganisationen ins Zentrum von Schutzmaßnahmen gestellten Hochstamm-Streuobstwiesen sind als museale Relikte einer ehemals extensiv genutzten Kulturlandschaft für den Gartenrotschwanz kaum noch besiedelbar - zumindest in unserer Region, in Süddeutschland mag es sich (noch) anders verhalten. Viele ähneln inzwischen mangels Nutzung und Pflege Feldgehölzen mit einer dichten Krautschicht aus Nährstoffanzeigern. Dieses Schicksal erwartet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die meisten der gutgemeinten kleinflächigen Neuanpflanzungen, die als Ausgleichsmaßnahmen für Bauvorhaben (z.B. neben einer Biogasanlage) oder als medienwirksame PR-Aktionen von Firmen wie Fielmann oder dem (ehemaligen) Göttinger Brauhaus in die Normallandschaft gesetzt wurden. Vom Artenreichtum dieses Lebensraums künden allenfalls die hoffnungsfrohen Schautafeln, die sich zumeist in einem erheblich besseren Zustand befinden als ihr Demonstrationsobjekt. Deshalb ist - sicher zum Missvergnügen von Sponsoren und Landschaftsarchitekten - aus fachlicher Sicht davon abzuraten, „zum Schutz des Gartenrotschwanzes“ weitere Anpflanzungen dieser Art in Szene zu setzen. Dies betrifft auch das zusätzliche Anbringen von Nistkästen: diese hängen bereits buchstäblich überall und werden in einem geeigneten Lebensraum (s.o.) auch jetzt schon gut angenommen.
Um die (wenigen) verbliebenen alten Hochstamm-Streuobstwiesen wieder in einen rotschwanzfreundlichen Zustand zu versetzen, müssten sie nicht nur, wie bisher, sporadisch gemäht, sondern radikal entbuscht, ausgelichtet und danach mit großen Schafherden beweidet werden. Das dunkelwaldartige Erscheinungsbild einer alten Obstwiese oberhalb des Gartetals am Diemardener Berg südlich von Göttingen demonstriert, dass eine partielle Nutzung als Rinder- und Pferdeweide nicht ausreicht, um, wenn überhaupt (!), der galoppierenden Sukzession Einhalt gebieten zu können. Sisyphos lässt grüßen!
Die Handvoll Schafhalter der Region ist momentan mit der kostenträchtigen Pflege verbuschender Mager- und Trockenrasen ausgelastet. Im Landkreis Göttingen fließt, von einer Art Simbabwe-Koalition aus Schwarz über Rot bis Gelb und Grün im Lobbyinteresse einiger hochsubventionierter Agraringenieure politisch vorangetrieben, der Löwenanteil von EU-Fördermitteln für den ländlichen Raum (z.B. Leader +) in die überall aus dem Boden schießenden „Bioenergiedörfer“. Damit ist der weitere Niedergang des Lebensraums Streuobstwiese mit einem derzeitigen Flächenanteil von ganzen 0,4 Prozent programmiert.

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Abb. 3: Für den Gartenrotschwanz unbrauchbar: Ungenutztes Streuobstwiesen-Relikt mit dichter Krautschicht in Gö.-Geismar. Foto: M. Siebner.

Das aktuell beste Schutzkonzept für unsere Gartenrotschwanz-Population ist die weitere Nutzung der Kleingärten für die Lebensmittelproduktion. Ihre Umwandlung in dekorative Ziergärten zu Erholungszwecken wäre für die Vögel ein ähnliches Desaster wie zuvor im Göttinger Kerngebiet. Obwohl es, vor allem auf frei verpachtetem städtischen Grabeland, vermehrt Anzeichen dafür gibt, ist das Interesse an Vereins-Parzellen für die Erzeugung von Obst, Gemüse und Feldfrüchten nach wie vor groß - auch und gerade bei MitbürgerInnen, die mit dem Gartenrotschwanz den Migrationshintergrund gemeinsam haben.

Der Gartenrotschwanz und andere Langstreckenzieher - besondere Opfer des Klimawandels?
Selbst der Katastrophenszenarien nicht gerade abgeneigte Weltklimarat IPCC übt sich in Sachen Sahelzone in ungewohnter Bescheidenheit und konstatiert, dass bislang weithin unklar ist, wie sich das Klima in diesem dynamischen Übergangsbereich zwischen Wald und Wüste in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnte (IPCC 2007). Zudem steht den oft zitierten Negativerscheinungen wie Überweidung, Degradation und Zerstörung von Feuchtgebieten, Bevölkerungsexplosion, verfehlte Agrarpolitik (z.B. hochsubventionierter Anbau von Reis anstelle der traditionellen Hirse) seit jüngstem auch Positives gegenüber. Satellitenbilder belegen, dass die Zahl der Akazien enorm zugelegt hat, Hunderte Millionen neuer Bäume sind herangewachsen - Optimisten sprechen bereits vom „ergrünten Sahel“. Für die neuerliche Ausbreitung vitaler Akaziensavannen, in denen viele in der Westpaläarktis brütende Langstreckenzieher überwintern, sind nicht nur erhöhte Niederschläge verantwortlich, sondern in erster Linie der behutsamere Umgang der Dorfgemeinschaften mit ihren Bäumen und deren Schutz vor Abholzung durch Auswärtige (SPIEGEL 17/2009).
Das Schreckensbild von den Weitstreckenziehern, die in besonderem Maße vom Klimawandel und ökologischen Kalamitäten in ihren Überwinterungsgebieten betroffen sind und die deshalb im Bestand zurückgehen, verliert damit weiter an Überzeugungskraft. Stimmig war es ohnehin nicht. Die wie der Gartenrotschwanz von der Sahel-Dürre der 1960er/1970er Jahre besonders gebeutelte Dorngrasmücke ist in unserer Region wieder zahlreich vertreten und macht ihrem Artnamen „communis“ alle Ehre. Die Klappergrasmücke konnte die Auswirkungen ihres katastrophalen Bestandseinbruchs von 1996 auf 1997 nach kurzer Zeit wieder wettmachen. Die Nachtigall hat seit Mitte der 1990er Jahre signifikant im Bestand zugelegt, selbst der von Eutrophierung und Ausräumung der Agrarlandschaft besonders betroffene Neuntöter konnte sich - für viele Vogelkundler überraschend - in den letzten 20 Jahren recht gut behaupten.
Die Gartengrasmücke ist in Göttingen zwar entstädtert, aber außerhalb des Siedlungsbereichs nicht nur immer noch häufig, sondern hat in Teilen der Agrarlandschaft wie z.B. im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ von Sukzessionsprozessen profitiert und auffallend im Bestand zugenommen (G. Brunken, mdl.). Schafstelze und (mit Einschränkung, vgl. den Spezialbeitrag zu dieser Art vom 1.8.2008 auf dieser Homepage) Wachtel zeigen ebenfalls einen positiven Bestandstrend.
Von einem allgemeinen Bestandsrückgang der Transsaharazieher in ihren Brutgebieten kann also, zumindest aus regionaler Sicht, ernsthaft keine Rede sein (alle Angaben nach Dörrie 2000, 2000-2008, 2009).

Blickt man auf die Weitstreckenzieher mit negativem Bestandstrend, dann lassen sich für jede dieser Arten anthropogene Ursachen ausmachen, die nicht im fernen Sahel zu suchen sind. Für den Gartenrotschwanz und andere Lichtwaldarten wurden einige schon benannt. Bezieht man beispielsweise den Kuckuck (vgl. sein Porträt vom 3.11.2007 auf dieser Homepage), den Wendehals (Verlust nährstoffarmer Offenflächen, beweideter Hochstamm-Streuobstwiesen und extensiv genutzter Obstgärten mit Nestern der Wiesenameise), Rauchschwalbe (Aufgabe der traditionellen Großviehhaltung in schwalbenfreundlichen Ställen), Steinschmätzer (Ödlandverlust), Sumpfrohrsänger (Monotonisierung des Agrarlands und übermäßige „Pflege“ von Entwässerungsgräben), Waldlaubsänger (Verdunkelung des Baumbestands in Kombination mit einer für Bodenbrüter zu dichten Krautschicht) und Fitis (Verlust birkenreicher Sukzessionsflächen und anderer Lichtwaldhabitate) ein, ergibt sich eine breite Palette von Rückgangsursachen, die allesamt hausgemacht sind.
Zusammengenommen dürfte der Einfluss anthropogener Umgestaltungen unserer Kulturlandschaft die, bislang weitgehend hypothetischen, Auswirkungen klimatischer Veränderungen in der Sahelzone (und möglicherweise auch im Mittelmeerraum) um einiges übertreffen. Es spricht vieles dafür, dass periodische Dürrekatastrophen einen nachhaltig verheerenden Einfluss auf die (ohnehin schrumpfenden) Brutbestände einiger Transsaharazieher nur dann ausüben, wenn solche Verluste im Brutgebiet wegen verschlechterter Habitatqualität und, damit einhergehend, verminderter Reproduktion nicht ausgeglichen werden können.

Wo und wann bekommt man den „Vogel des Jahres 2011“ zu Gesicht?
In Göttingen sollte es kein Problem sein, einen (singenden) Gartenrotschwanz auszumachen. Die Vögel treffen Anfang bis Mitte April im Brutgebiet ein. Nahezu jede Kleingartenkolonie hat ihre (bis zu drei) Gartenrotschwanz-Reviere, im Süden der Stadt beispielsweise die Kolonien „Lange Bünde“, „An der Stegemühle“, „Wiesengrund“ und „Am Kiessee“, im Westen „Leineberg West“ und im Norden „Edelweiß“, „Auf der Masch“ und „Am Rothenberg“ in Weende. Die Kolonien lassen sich auf halböffentlichen Wegen gut begehen und die Parzellenpächter verhalten sich zumeist freundlich. 2010 war ein gutes Jahr für ihre gefiederten Vereinskollegen. Den weittragenden, etwas wehmütigen Gesang der Männchen, die prominente Singwarten auf Baumspitzen beziehen und sich dort gut beobachten lassen, kann man eigentlich nicht überhören.
Zur Zugzeit von Ende März bis in die dritte Maidekade kann man rastende Individuen auf dem Kerstlingeröder Feld, am Kiessee, an der Kiesgrube Reinshof und in der Feldmark Geismar-Süd beobachten, auf dem Wegzug ebenda von Anfang August bis Mitte Oktober.

Besonderheiten und offene Fragen
Im Göttinger Ostviertel (mehrfach), am Hohen Hagen bei Dransfeld und bei Diemarden wurden in der Vergangenheit abweichend singende Gartenrotschwänze wahrgenommen, die entweder einen Mischgesang hervorbrachten, der auch die schmatzenden Elemente des Hausrotschwanz-Gesangs enthielt, oder einen aus Nachahmungen anderer Singvogelstimmen bestehenden Imitativgesang. Vermutlich hatten es diese Männchen in Ermangelung eines arteigenen Partners darauf abgesehen, sich mit einem Hausrotschwanz zu verpaaren - nach der besonders unter Enten und Gänsen populären Devise „besser Sex mit einem fremdartigen Partner als überhaupt keinen“. Ob solche Mischsänger Anzeiger des Bestandsrückgangs und einer möglichen „Verinselung“ kleiner Lokalpopulationen mit negativem Trend sind, kann vermutet werden.
Mischlinge aus den beiden heimischen Rotschwanz-Arten, die aus anderen Regionen bekannt sind (zu ihrer manchmal kniffligen Bestimmung vgl. Nicolai et al. 1996), wurden bei uns noch nicht festgestellt. Die Beschreibung eines vermeintlichen Hybriden aus der Wendebachaue im Frühling 2008 (Heitkamp et al. 2010) deutet eher auf ein leicht aberrant gefärbtes Hausrotschwanz-Männchen.
Wissenslücken bestehen hinsichtlich des Bruterfolgs der Rotschwänze. Reicht er aus, um den Bestand langfristig zu sichern oder ist die lokale Population auf Zuzug angewiesen – von wo auch immer? Bis zur Beantwortung dieser Frage und darüber hinaus kann sich aber (hoffentlich) jede(r) Interessierte auch in den kommenden Jahren an diesem attraktiven Singvogel vor der Haustür erfreuen! Hans-Heinrich Dörrie (hd)

Literatur

  • Brunken, G. (1978): Avifaunistische Jahresberichte 1977. 8. Übriges Beobachtungsgebiet. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 305-315.
  • Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.
  • Dörrie, H.-H. (2000-2008): Avifaunistische Jahresberichte 1999 bis 2007 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs., Bde. 5-13.
  • Dörrie, H.-H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Dörrie, H.H. (2002): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.
  • Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.
  • Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 68-80.
  • Dörrie, H.-H. (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.
  • Gatter, W. (2000): Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2001): Die Brutvögel des Kerstlingeröder Feldes, Stadt Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2000. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 141-159.
  • Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2002): Neues vom Kerstlingeröder Feld - Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachsens 7: 178-187.
  • Glutz von Blotzheim, U.N. & K.M. Bauer (Hrsg.) (1988): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band II/1, Passeriformes (2. Teil), Turdidae. Aula-Verlag, Wiesbaden.
  • Hampel, F. & U. Heitkamp (1968): Quantitative Bestandsaufnahme der Brutvögel Göttingens 1965 und ein Vergleich mit früheren Jahren. Vogelwelt, Beih. 2: 27-38.
  • Heitkamp, U., Brunken, G., Corsmann, M., Grüneberg, C. & S. Paul (2010): Avifaunistischer Jahresbericht 2008 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 14: 4-77.
  • IPCC (2007): Working Group II, Climatic Change Impacts, Adaption and Vulnaribility, Chapter 4.
  • Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.
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  • Nicolai, B., Schmidt, C. & F.-U. Schmidt (1996): Gefiedermerkmale, Maße und Alterskennzeichen des Hausrotschwanzes Phoenicurus ochruros. Limicola 10: 1-41.
  • Paul, S. (2010): Welchen Nutzen hat der Sturm? Ergebnisse einer Brutvogelerfassung auf ausgesuchten Waldschadensflächen im Reinhäuser Wald bei Göttingen. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/paul_welchennutzen.pdf [PDF-Datei].
  • Schelper, W. (1966): Die Vogelwelt des Kreises Münden. Eigenverlag.
  • Südbeck, P., Andretzke, H., Fischer, S., Gedeon, K., Schröder, K., Schikore, T. & C. Sudfeldt (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Eigenverlag, Radolfzell.

Oktober 19th, 2010

Raues Klima macht rauen Füßen Beine

Der Raufußbussard Buteo lagopus ist ein vereinzelter Wintergast und Durchzügler in Südniedersachsen und wird nicht alljährlich nachgewiesen. Im vergangenen Kältewinter 2010 kam es jedoch nach 1977 und 1987 erneut zu einem regelrechten Einflug dieses im Gegensatz zum Mäusebussard fast anmutigen Greifvogels, dessen Brutgebiete in den Tundrazonen rund um den Polarkreis liegen. Die hohen Schneelagen in den regulären Überwinterungsgebieten der norddeutschen Tiefebene und den Niederungen des östlichen Mitteleuropas dürften die Tiere veranlasst haben, diese zu verlassen und nach Süden auszuweichen. Die erste Beobachtung eines Raufußbussards in Südniedersachsen gelang bereits im November 2009. Im Februar 2010 stieg die Zahl der Beobachtungen dann drastisch an und kulminierte in der zweiten Monatshälfte. Die vergleichsweise geringen Beobachtungen vom 15.02. bis 19.02. sind auf eine verminderte Beobachtungsintensität zurückzuführen. Nach dem 1. März wurde kein Raufußbussard mehr gesichtet. Offenkundig hatten die Vögel während einer Tauwetterperiode schnell wieder das Feld geräumt.

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Abb. 1: Sichtungen von Raufußbussarden in Südniedersachsen im Winter 2010

Insgesamt konnten 56 verschiedene Sichtungen für diesen Winter dokumentiert und bei 41 Individuen eine Unterscheidung nach Alt- oder Jungvogel vorgenommen werden. Der Jungvogelanteil von knapp 5 % fiel dabei sehr gering aus. Dies deutet auf schlechten Bruterfolg der Art im Jahr 2009 hin. Dafür spricht auch die geringe Durchzugszahl von Raufußbussarden zwischen August und November 2009 in Falsterbo (Südschweden), die deutlich unter dem Durchschnitt der Wegzugperiode lag (Abb. 2). Wegzugzahlen gelten allgemein als guter Indikator des Bruterfolges.

2009 185
langjähriger Durchschnitt 1973 – 2008 904

Abb. 2: Durchziehende Raufußbussarde in Falsterbo, Südschweden
(Quelle: http://www.skof.se/fbo)

Ob unterschiedliche Präferenzen von Überwinterungsgebieten von Alt- und Jungvögeln oder anderes Zugverhalten bei dem Einflug eine Rolle gespielt haben, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Die sich täglich verändernde Geschlechterzusammensetzung in den südniedersächsischen Beobachtungsgebieten deutet auf eine hohe Fluktuation der Tiere und wenig stationäres Verhalten hin.

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Abb. 3: Wetterstationen in möglichen Überwinterungsgebieten
(Quelle: Google Earth)

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Abb. 4: Schneehöhen in Marlow, Winter 2010

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Abb. 5: Schneehöhen in Gorzów Wielkopolski, Winter 2010

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Abb. 6: Schneehöhen in Göttingen, Winter 2010 (Quelle: wetteronline.de)

Um einen Zusammenhang der Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zu prüfen, wurden Schneehöhenkurven des Winters 2009/10 von verschiedenen potenziellen Überwinterungsgebieten des Raufußbussards untersucht (Abb. 3). Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die Flussniederungen Polens und die Norddeutsche Tiefebene. Obwohl Unterschiede im Verlauf der Schneehöhen in Norddeutschland und Polens festgestellt werden konnten, zeigt sich eine deutliche Zunahme der Schneehöhen aller in Norddeutschland und Westpolen untersuchten Gebiete ab Anfang Februar. Die Schneedeckenhöhe verdoppelte sich vielerorts sogar. Bedenkt man eine Reaktionszeit der Bussarde auf die veränderten Umweltbedingungen, dann liegt es nahe, dass die Bussarde auf die Schneehöhen, die eine Nahrungssuche unmöglich machten, mit Abwanderung reagierten. Aus Südschweden, das ebenfalls zu den regulären Überwinterungsgebieten der Raufußbussarde zählt, lagen keine Daten über die Schneehöhen während des Einfluges vor. Die geringe Zahl der Februarbeobachtungen in Schweden deutet jedoch ebenfalls auf eine Abwanderung der dort überwinternden Individuen hin (Abb. 7). Es könnten also auch Vögel aus diesen Gebieten an dem Einflug beteiligt gewesen sein.

Januar 2010 1542
Februar 2010 596
März 2010 1394

Abb. 7: Zufallsbeobachtungen des Raufußbussards in Schweden im Winter 2010
(Quelle: http://svalan.artdata.slu.se/)

Alle bis auf zwei der dokumentierten Sichtungen aus den Landkreisen Göttingen und dem Altkreis Northeim stammen aus nur drei verschiedenen Beobachtungsgebieten: Der Leineniederung nördlich von Northeim, der Umgebung des Steinbergs in Seeburg und dem Diemardener Berg südlich von Göttingen. In der Leineniederung waren mindestens sechs Individuen anwesend, auf dem Steinberg drei und auf dem Diemardener Berg konnten zwei Vögel gleichzeitig beobachtet werden. Der Leineniederung mit ihrem hohen Grünlandanteil kam schon in den Einflugjahren der Vergangenheit eine besondere Bedeutung zu. Aus den beiden anderen Gebieten liegen keine oder nur sehr wenige ältere Nachweise vor. Die Beobachtungen aus der Leineniederung stammen zum größten Teil aus dem Leinepolder 2. Dort war von einem guten Nahrungsangebot an Mäusen auszugehen, da es bis zu dem Einflug im Gegensatz zum Leinepolder 1 nicht zu einer Einstauung kam, was ein Überleben der Kleinsäugerpopulationen erst möglich machte. Bei den anderen Gebieten handelt es sich um exponierte Standorte, bei denen Schneeverwehungen zu geringeren Schneehöhen führten und den Zugang zu Kleinsäugern begünstigten.

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Abb. 8: Raufußbussard (Foto: M. Siebner)

Im Januar 1977 sowie im Januar und Februar 1987 kam es schon einmal zu einem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen (Riedel 1978, Dierschke 1997). Leider liegen aus den beiden Einflugjahren nur sehr wenige Informationen über die Schneehöhen in den traditionellen Überwinterungsgebieten vor. Das Untersuchungsgebiet der Schneehöhen beschränkte sich aufgrund der geringen Datengrundlage auf drei ausgewählte Punkte in Norddeutschland: Schwerin, Rostock und Hamburg.

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Abb. 9: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1977 (Quelle: wetteronline.de)

Für das Einflugjahr 1977 scheint es zweifelhaft, dass die Schneehöhenzunahme in Norddeutschland Mitte Januar auf maximal 10 cm die Ursache für den massiven Einflug in Südniedersachsen darstellte, obwohl der Beginn des Einfluges kurz darauf begann (Abb. 9). Im Dezember des Vorjahres lagen die Schneehöhen schon über den besagten 10 cm und waren in anderen Jahren Mitte Januar um ein vielfaches höher, ohne dass ein Einflug in Südniedersachsen dokumentiert werden konnte.

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Abb. 10: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1987 (Quelle: wetteronline.de)

Für 1987 liegen keine ausreichenden Daten über den Beginn und Verlauf des Einfluges vor. Maximalzahlen lagen bei jeweils fünf Individuen am 25.01 sowie am 03.02 im Leinepolder Salzderhelden. In diesem Jahr scheint es schon wahrscheinlicher, dass in Norddeutschland überwinternde Vögel an dem Einflug beteiligt waren, da die Schneehöhen von bis zu 30 cm in Norddeutschland Mitte Januar den Auslöser für die Abwanderung dargestellt haben könnten (Abb. 10).
Neben dem gehäuften Auftreten von Raufußbussarden kam es im vergangenen Winter 2010 zu einem nie dagewesenen Einflug von Sumpfohreulen Asio flammeus in Südniedersachsen. Bis zu fünf Individuen konnten am Steinberg bei Seeburg gleichzeitig beobachtet werden und auch in anderen Gebieten gelangen Nachweise. Interessanterweise trat die Sumpfohreule in den Einflugjahren der Raufußbussarde in der Vergangenheit überhaupt nicht in Erscheinung. Anders scheinen sich die Schneehöhen auf das Auftreten der Kornweihe Circus cyaneus in Südniedersachsen auszuwirken. Während Riedel 1977 neben dem Einflug der Raufußbussarde parallel dazu einen Einflug der Kornweihe dokumentieren konnte, wurden im Februar 2010 nur zwei Individuen am Steinberg beobachtet. Im Leinepolder Salzderhelden gelang in diesem Zeitraum kein einziger Nachweis.
Auch wenn ein Zusammenhang zwischen den extremen Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zumindest für 2010 wahrscheinlich scheint, sollte man sich vor ökologischen Kurzschlüssen hüten. Die Raufußbussardeinflüge der Vergangenheit und das abweichende Einflugverhalten der drei genannten Arten zeigen, dass einfache, kausale Zusammenhänge die Einflüge allein nicht erklären können. Warum kommt es in manchen Jahren beim Auftreten hoher Schneehöhen in den Überwinterungsgebieten nicht zu Einflügen? Inwieweit können geringe Kleinsäugerpopulationen zu Einflügen führen und welche weiteren Gründe können das Abwanderungsverhalten der Tiere beeinflussen? An Hinweisen, die zur Beantwortung dieser Fragen beitragen können und kritischen Anmerkungen zu diesem Artikel ist der Verfasser sehr interessiert. Diese können an martinschuck[at]gmx.de geschickt werden. M. Schuck

Literatur

  • Dierschke, V. (1997): Das Wintervorkommen von Greifvögeln im südniedersächsischen Leinetal. Gött. Naturk. Schr. 4: 95-106.
  • Riedel, B. (1978): Der Kornweihen- und Rauhfußbussardeinflug im Winterhalbjahr 1976/1977 in den Landkreisen Northeim – Göttingen – Osterode. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 359-367.

Zitiervorschlag

Schuck, M. (2010): Raues Klima macht rauen Füßen Beine. Online im Internet, URL: http://www.ornithologie-goettingen.de/material/schuck_rauesklima.pdf [PDF-Datei].

Mein Dank geht einerseits an die fleißigen Beobachter, die sich bei eiskalten Wintertemperaturen trotzten, sowie allen anderen, die bei der Erstellung dieses Artikels geholfen haben: B. Bierwisch, S. Böhner, J. Bryant, G. Brunken, H.-H. Dörrie, M. Drüner, V. Hesse, U. Hinz, L. Hülsmann, H.-A. Kerl, M. Kotowska, W. Kühn, V. Lipka, T. Meineke, K. Menge, S. Paul, M. Siebner und H.-J. Thorns.

Juli 19th, 2010

Der Kormoran (Phalacrocorax carbo) - Vogel des Jahres 2010 - in Süd-Niedersachsen

Alle Achtung! Der kollektive Wutausbruch der Sportangler-Lobby im Internet und anderswo belegt, dass der NABU mit seiner Wahl richtig gelegen hat. Endlich mal kein konsensfähiger Sympathieträger, an dem sich umtriebige Vogelschützer mit Biotopverbesserungen, Nisthilfen u.ä. abarbeiten können, sondern ein umstrittener „Problemvogel“ im bleihaltigen Spannungsfeld von Naturschutz- und Naturnutzerinteressen. Die Göttinger Vogelkundler haben sich schon immer für den knorrigen Ruderfüßler stark gemacht, zuletzt in der Glosse „Neues von unerwünschten Fischfressern und pelzigen Neubürgern“ vom 27.11.2007 auf dieser Homepage. Der Wahl können sie wärmstens und zudem mit einer gewissen Genugtuung applaudieren.

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Abb. 1 Foto: NABU / F. Möllers


Einst und jetzt
Die Naturgeschichte des Kormorans in unserer Region ist schnell erzählt. Bis zum Beginn der 1980er Jahre war er eine mittlere Rarität, die in Truppgrößen von weniger als zehn Individuen auftrat. Die meisten Kormorane wurden in den Jahren 1998 bis 2002 beobachtet; damals waren Ansammlungen von mehr als 200 Individuen, die sich auf dem Heim- und Wegzug am Seeburger See und an den Northeimer Kiesteichen einfanden, keine Seltenheit. Heutzutage sind Tagessummen von 80 bis 100 Individuen die Ausnahme.1998 etablierte sich an den Northeimer Kiesteichen eine Brutkolonie mit maximal 50 Nestern in den Folgejahren, die 2004 durch einen Ableger an der ehemaligen Kiesgrube im Leinepolder Salzderhelden mit 16 Nestern erweitert wurde. Obwohl sich dort zum Beginn der Brutzeit immer noch ein paar balzende Vögel aufhalten, sind beide Kolonien mittlerweile verwaist; eine erfolgreiche Brut hat in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden. Grund dafür ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Plünderung der Gelege durch Waschbären (vgl. den oben genannten Beitrag auf dieser Homepage). Der Kormoran ist daher bis auf weiteres als regional (wieder) verschwundener Brutvogel einzustufen.

Soweit die dürren Fakten, die sich recht gut in das allgemeine Bild einer rasanten Bestandszunahme bis zum Erreichen der Plateauphase mit aktuell stabilen bis leicht sinkenden Zahlen einfügen. Neben dem Waschbären hat andernorts auch der Seeadler für das Erlöschen von Kolonien gesorgt, z.B. am Steinhuder Meer. Dies zeigt, dass eine schleichende, aber durchaus nachhaltige Regulierung der Kormoran-Brutbestände ohne Pulver und Blei eingesetzt hat; diese wird in dem Maße, wie Waschbär und Seeadler sich weiter ausbreiten, noch zunehmen.

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Abb. 2 Foto: M. Siebner

Der Kormoran – ein Kulturfolger der besonderen Art
Ein wesentlicher Katalysator der Bestandszunahme dieser in der alten Bundesrepublik faktisch ausgerotteten und in der damaligen DDR von Staats wegen auf 1500 Paare limitierten Brutvogelart war die nachlassende Verfolgung in den Nachbarländern und die europaweite Unterschutzstellung nach der EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979. Das vermehrte Auftreten in Süd-Niedersachsen wurde jedoch auch durch andere anthropogene Faktoren begünstigt. In unserer an natürlichen Stillgewässern armen Region entstanden in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Sekundärgewässer, im wesentlichen Kiesgruben, die - und jetzt wird’s interessant - bis auf wenige Ausnahmen sogleich von Sportanglern in Beschlag genommen und mit schmackhaften Speisefischen aller Art bestückt wurden. Hinzu kommt, dass viele unserer Gewässer durch die Klärung von Abwässern weniger mit Schadstoffen belastet und sauberer geworden sind. Permanenter Nährstoff- und Sedimenteintrag aus der industriellen Landwirtschaft und abgeregnete Stickstoffverbindungen aus dem Automobilverkehr haben jedoch vielerorts zum starken Wachstum von Wasserpflanzen geführt. Davon profitieren einige anpassungsfähige Fischarten, für andere hingegen wie z.B. die Äsche, die bei ihrer Reproduktion auf vegetationsfreie Flachzonen schnellfließender Gewässer angewiesen ist, hat sich die Lebensraumqualität verschlechtert.

Somit stehen den Kormoranen seit einiger Zeit ergiebige Nahrungsquellen zur Verfügung, die sie, wer will es ihnen verdenken, effektiv ausbeuten. Dies tun sie überwiegend an stehenden Gewässern. Nur in ausgeprägten Kältewintern fliegen sie, notgedrungen, Fließgewässer wie Leine und Rhume vermehrt an. Unsere Binnenland-Kormorane sind klassische „Kulturfolger“, die, ähnlich wie Kraniche auf abgeernteten Maisfeldern oder Gänse auf Ackerflächen mit Zwischenfruchteinsaat, von anthropogenen Veränderungen in der Nutzung von Natur und Landschaft profitieren. Dass sie dabei ihre Beute an den Rand des Aussterbens bringen, gehört ebenso ins Reich der Legende wie das Gruselmärchen von den Rabenvögeln, die angeblich Singvögel ausrotten. Wäre dem so, gäbe es in unserer Region schon seit einiger Zeit keine Kormorane mehr. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass Fischbestände von den geschickt in Gruppen operierenden Tauchjägern gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden können. Dass Fische von ihren Feinden gefressen werden, manchmal auch in Massen, ist jedoch ein ebenso natürlicher Vorgang wie z.B. die Plünderung von Seeschwalbengelegen durch räuberische Silbermöwen, die von jeher den Zorn von Vogelschützern erregt. An Rhume und Leine geschieht dies jedoch immer nur lokal und keineswegs alljährlich. Ein klarer Beleg für einen ausschließlich durch Kormorane herbeigeführten großflächigen Rückgang sogenannter „Edelfischarten“ steht für unsere Region immer noch aus. Dabei wird es wohl auch bleiben. Neben anderen ökologischen Parametern wird der Einfluss von Raubfischen und Laichräubern wie dem (ausgesetzten) Aal, der, das ergab eine Elektrobefischung 2006, mittlerweile knapp zwei Drittel des Fischbestands der Göttinger Leine stellt, mangels Interesse nicht genauer untersucht. Warum auch: Man hat ja einen idealen Sündenbock…

Kormoran-Bekämpfung zur Wiederherstellung einer intakten Natur?
Wer diese Zusammenhänge nicht kennt oder beiseite schiebt und stattdessen von „Überpopulationen“, Begrenzung der Kormoranzahlen auf ein (für wen?) „erträgliches Maß“, den gezielten „Schutz gefährdeter Fischarten“ durch Kormoran-Massenabschüsse und die Wiederherstellung eines imaginären „biologischen Gleichgewichts“ schwadroniert, für den ist auch die Dynamik ökologischer Prozesse ein Buch mit sieben Siegeln. Wer in der Tagespresse oder in Youtube-Filmchen mit dramatisch-düsterer Musikuntermalung den Einflug von 50 Kormoranen als nackten Horror präsentiert, nur weil jeder dieser Vögel, wie es nun mal seine Art ist, pro Tag ca. 350 Gramm Fisch verspeist, bewegt sich in einer unseligen Tradition der Dämonisierung vermeintlicher „Schädlinge“.

Für die Handvoll hauptberuflicher Teichwirte im Binnenland, deren materielle Existenz vom Verkauf der Fische abhängt, hat es bekanntlich schon vor der Genehmigung flächendeckender Abschüsse in fast allen Bundesländern Möglichkeiten der lokalen Vergrämung gegeben, damit sie ihr Kapital vor den gefiederten Konkurrenten schützen können - kein Naturschützer hatte etwas dagegen einzuwenden. Dabei hat sich die Überspannung von Fischzuchtanlagen mit Netzen im Vergleich zu Vergrämungsabschüssen als erheblich effektiver erwiesen.

Mittlerweile werden in Deutschland alljährlich ca. 15.000 Kormorane „zum Schutz der heimischen Tierwelt“ geschossen. Für die Sportangler-Lobby ist aber selbst dieses Blutbad an einer nach EU-Recht immer noch geschützten Vogelart nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um die Natur „wieder in Ordnung zu bringen“ fordern sie jetzt, den Bestand europaweit um 50 Prozent zu reduzieren. Die Durchsetzung dieses Vorhabens würde beispiellose Massaker in den Brutkolonien nach sich ziehen - eine Barbarei, die allenfalls mit der gnadenlosen Greifvogelverfolgung oder dem massenhaften Abschlachten von Reihern und Seevögeln zur Gewinnung von Modeschmuckfedern im ausgehenden 19. Jahrhundert verglichen werden kann.

Durch das verbreitete Aussetzen gebietsfremder Fischarten - vom Aal im Chiemsee bis zum Zander in der Kiesgrube Reinshof bei Göttingen, ganz zu schweigen von nordamerikanischen Bachsaiblingen und Regenbogenforellen - haben sich die Freizeitangler vielerorts ihre eigene, hochgradig naturferne und entsprechend aufwendig „gemanagte“ Fischfauna zusammengestellt. Diese soll jetzt mit aller Gewalt vor einem natürlichen Fressfeind geschützt werden. Es ist an der Zeit, diesem Widersinn ein Ende zu bereiten und Vernunft einkehren zu lassen.

Angler und Naturschützer haben durchaus gemeinsame Interessen, wenn es um den Schutz von Fließ- und Stillgewässern samt ihrer Flora und Fauna (zu der nun auch der Kormoran zählt) geht. In Göttingen haben beide Seiten 2007 einträchtig die Ausbaggerung der Leine für den Hochwasserschutz verhindert, und auch gegen die Planung neuer Wasserkraftwerke wird man sicher an einem Strang ziehen. Insofern sollte die Wahl des Jahresvogels 2010 von den Anglern nicht als bloße Provokation, sondern vielmehr als Angebot verstanden werden, sich gemeinsam der wahrhaft gravierenden Probleme im Natur- und Artenschutz anzunehmen, zu denen die erfreuliche Bestandszunahme eines zuvor fast ausgerotteten Wasservogels gewiss nicht zählt.

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Abb. 3 Foto: M. Siebner

Kormorane beobachten – wann und wo
Am Seeburger See, an den Northeimer Kiesteichen und an der Geschiebesperre Hollenstedt halten sich, wenn die Gewässer nicht vereist sind, ständig Kormorane auf, zumeist in Ansammlungen von weniger als 50 Tieren.

Als GöttingerIn hat man es besonders leicht und bequem, den Vogel des Jahres zu sehen. Am stadtnahen Kiessee, wo nicht auf die Vögel geschossen werden darf, können sich ab Oktober 50 bis 80 Kormorane mit geringer Fluchtdistanz einfinden, die beim Zufrieren des Gewässers wieder abziehen oder auf die Leine ausweichen. Ab April sind sie wieder verschwunden, nur zwei bis drei bleiben über den Sommer. Schwärme von mehr als 200 Vögeln oder gar „Kolonien“ haben dort bislang nur ein paar Angler zu Gesicht bekommen. Das Flunkern und Übertreiben (sooo groß war der Fisch!) ist aber von jeher ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Freizeitbeschäftigung. Man sollte nachsichtig sein, aber sich zu Wort melden, wenn solche Rekordleistungen Eingang in die Berichterstattung der Tagespresse finden…

Ein kleine, subjektiv gefärbte Anregung zum Schluss: Die vorurteilsfreie Betrachtung unseres Jahresvogels bringt ans Licht, wie schön er ist. Sein Gefieder erscheint nur einfarbig schwarz. In Wirklichkeit schillert es dezent in vielen Blau- und Grüntönen. Die silbrig schimmernden Köpfe der brutwilligen Altvögel in Kombination mit dem dunklen Federkleid erinnern wahlweise an einen in Würde gealterten katholischen Prälaten oder evangelischen Propst. Die quarrenden Balzrufe klingen hingegen ziemlich unchristlich. Ein Kormoran, der regungslos auf einem Ast steht und seine ausgebreiteten Flügel von der Sonne trocknen lässt, verleiht auch dem ödesten Tümpel seinen besonderen Reiz: So soll es sein – so soll es bleiben! hd

Ausführliche Informationen über den Kormoran können der Sonderseite des NABU zum Vogel des Jahres 2010 entnommen werden. Der Verband hat eine Seite eingerichtet, auf der man sich als Kormoranfreund outen und, wenn man möchte, Diskussionen mit netten und weniger netten Zeitgenossen führen kann (www.kormoranfreunde.de).

Oktober 25th, 2009

Rotmilan: Flaggschiff mit Schlagseite

Interview. Der Rotmilan ist eine Charaktervogelart der offenen Kulturlandschaft und eine Art mit ganz besonderer Bedeutung für den Natur- und Artenschutz. Der AGO-Mitarbeiter Gerd Brunken hat in den zurückliegenden Jahren die Brutbestände dieses eleganten Greifvogels im südlichen Niedersachsen, einem Verbreitungsschwerpunkt der Art, unter die Lupe genommen. Wir sprachen mit ihm über die Ergebnisse seiner Untersuchung.

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Foto: Volker Hesse.

AGO: Herr Brunken, Sie haben sich in den letzten Jahren genauer mit dem Rotmilan in Süd-Niedersachsen beschäftigt. Warum gerade mit dieser Art?

G. Brunken: Der Rotmilan ist eine Brutvogelart mit einem kleinen Verbreitungsareal. In Deutschland brütet über die Hälfte der Weltpopulation von insgesamt nur 20.000 bis 25.000 Brutpaaren. Unsere Region gehört zu den Dichtezentren der Art. Der Rotmilan ist außerdem eine Brutvogelart des Anhangs I der EU-Vogelschutzrichtlinie. Zudem wurden in neuerer Zeit gerade in den Hauptverbreitungszentren der Art zum Teil alarmierende Bestandsrückgänge gemeldet.

AGO: Ihre Ergebnisse waren alarmierend. Was genau haben Sie herausgefunden?

G. Brunken: Im EU-Vogelschutzgebiet Unteres Eichsfeld, zu dessen drei wertbestimmenden Brutvogelarten der Rotmilan gehört, wurden 2003 bei einer ersten flächendeckenden Bestandsaufnahme noch 17,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² ermittelt. 2008 hatte sich die Zahl auf 12,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² reduziert. Nicht brütende Revierpaare gibt es fast nicht mehr, so dass davon auszugehen ist, dass die Nichtbrüterreserve aufgebraucht ist und uns in den nächsten Jahren eine weitere Reduzierung der Brutpaarzahl droht.

AGO: Im Landkreis Göttingen wurden in der letzten Brutsaison auch Hybridbruten von Rot- und Schwarzmilanen festgestellt. Passt auch das zu der von Ihnen geschilderten Entwicklung?

G. Brunken: Ich würde noch nicht von einer Tendenz zur Hybridisierung sprechen. Allerdings waren von den ganzen sechs erfolgreichen Rotmilanbruten des Jahres 2008 zwei, die ein Mischpaar Rot-/Schwarzmilan betrafen. Es bleibt abzuwarten, ob sich in den nächsten Jahren tatsächlich eine Tendenz zu Mischpaaren herausbildet und ob diese Paare möglicherweise sogar einen Selektionsvorteil besitzen.

AGO: Kann man genaueres über die Gründe des negativen Trends sagen?

G. Brunken: Die nahrungsökologischen Untersuchungen des Jahres 2008 haben gezeigt, dass die Vögel in der offenen Agrarlandschaft nicht mehr in ausreichendem Maße Nahrung finden, um die zur Aufrechterhaltung der Lokalpopulation notwendigen mindestens zwei Jungvögel pro Paar zur Flugfähigkeit zu bringen. Die Misere kann in kurzen Worten wie folgt beschrieben werden: Bei uns hat der Rotmilan zweifellos von Flächenstilllegungen in der Landwirtschaft profitiert, die die zunehmende Intensivierung der Nutzung zumindest teilweise kompensieren konnten. Mit der Doppelförderung des Rapsanbaus auf Stilllegungsflächen ging den Kleinsäugern, die im Beutespektrum der Milane die überragende Rolle spielen, ein großer Teil an Reproduktionsraum verloren. Die endgültige Abschaffung der Flächenstilllegung durch die Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe hat die Situation für Kleinsäuger weiter verschärft. Der zweite entscheidende Aspekt ist, dass zu Beginn der Brutzeit zwar ausreichend potentielle Jagdflächen zur Verfügung stehen. Im Zeitabschnitt des höchsten Nahrungsbedarfs (Fütterung der Nestlinge) allerdings ist den Vögeln aufgrund der Vegetationsbedeckung der Hauptanbaufrüchte Wintergetreide, Winterraps, Zuckerrüben und Mais eine erfolgreiche Jagd auf den Intensivagrarflächen praktisch nicht mehr möglich. Offene Saumhabitate werden darüber hinaus zunehmend zurückgedrängt. Schnellwüchsiges Intensivgrünland ist aufgrund der hohen Düngergaben nur kurzzeitig nach den Mahdterminen als Jagdhabitat potentiell nutzbar.

Zuckerrübenacker bei Sattenhausen
Mit fortschreitender Brutzeit verschlechtert sich die Nahrungsverfügbarkeit: Zuckerrübenfeld bei Sattenhausen Ende Mai (links), rechts dieselbe Fläche Mitte Juli

AGO: Das überrascht aber schon, denn weite Teile unserer Region sind als Schutzgebiete gerade auch für den Rotmilan ausgewiesen.

G. Brunken: Das Schutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld) ist – wie bereits gesagt – als Reservat für den Rotmilan ausgewiesen. Bis zum heutigen Tage ist – nach gut acht Jahren – ein Schutzkonzept für die Art allerdings noch nicht einmal in Ansätzen sichtbar. Nichts unterscheidet das EU-SPA V19 von der umgebenden Landschaft. Im Gegenteil: Aufgrund der überwiegend guten Böden ist die Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung hier im regionalen Vergleich sogar besonders weit fortgeschritten. Das Verschlechterungsverbot der EU, nach dem ein guter Erhaltungszustand für die wertbestimmenden Vogelarten aufrechterhalten oder sogar wiederhergestellt werden muss, wird nicht beachtet.

Gro�e Schläge mit Winterweizen Ende Juli (bei Wöllmarshausen)
Nichts zu holen für den Rotmilan und seinen Nachwuchs: Große Schläge mit Winterweizen Ende Juli (bei Wöllmarshausen).

AGO: Angenommen die von Ihnen beschriebene Entwicklung hält an: Wie könnte es dann in zehn oder zwanzig Jahren um die Art bestellt sein?

G. Brunken: Ich denke, der Rotmilan wird sich bei uns als Brutvogel auf einem niedrigen Niveau einpendeln, wenn sich die Nahrungsbedingungen nicht entscheidend verbessern. Einige Paare werden sich um die grünland- und gewässerreichen Subrosionssenken (Seeburger See, Seeanger, Lutteranger) halten. Dort, wo die Brutplätze unmittelbar an die intensive Ackerlandschaft angrenzen, hat der Rotmilan bei uns keine Zukunft.

Von Mäuslöchern durchsetzte Brache
Absolute Ausnahme in der Normallandschaft: von Mauslöchern durchsetzte Brache während der letzten großen Massenvermehrung der Feldmaus (Januar 2005 bei Bilshausen). Alle Habitataufnahmen: Gerd Brunken.

AGO: Wie könnten denn sinnvolle und vor allem wirksame Schutzmaßnahmen aussehen?

G. Brunken: In dem ehemaligen absoluten Dichtezentrum des Rotmilans im nördlichen Harzvorland hat man durch ein aufwendiges Programm versucht, den katastrophalen Rückgang des Brutbestandes (fast 90 % in ca. 15 Jahren) aufzuhalten. Mit hohem finanziellen Aufwand wurde relativ großflächig vor allem Luzerne eingesät, um die Reproduktionsbedingungen für Kleinsäuger des Offenlandes zu verbessern. Immerhin konnte der vordem miserable Bruterfolg signifikant verbessert werden. Eine Vergrößerung der Brutpopulation würde sich daraus allerdings erst in einigen Jahren herleiten lassen. Das Projekt war jedoch zeitlich befristet und so steht zu befürchten, dass zwar neue Erkenntnisse zur Nahrungsökologie des Rotmilans gewonnen wurden, für die Art selber aufgrund fehlender Nachhaltigkeit aber wenig getan werden konnte. Im Rahmen des Vetragsnaturschutzes bieten sich auch bei uns – theoretisch - Möglichkeiten, die Nahrungssituation für den Rotmilan zu verbessern. Die dafür in Frage kommenden Programme sind jedoch zeitlich befristet und für wirklich effektive Maßnahmen ist vermutlich viel zu wenig Geld vorhanden. Man sollte sich klar darüber sein, dass Habitatverbesserungsmaßnahmen, die einer zeitlichen Befristung unterliegen, grundsätzlich fehlinvestiertes Geld sind. Man verbessert für einen gewissen Zeitraum die Lebensbedingungen der Zielarten. Nach Ablauf des Förderzeitraumes ist dann im Prinzip alles wieder beim Alten. Die Nachhaltigkeit ist in keiner Weise gewahrt.

AGO: Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit – trotz dieser deprimierenden Aussichten!

Eine ausführliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse zum Rotmilan und anderen Agrarvogelarten im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ erscheint demnächst in den „Göttinger Naturkundlichen Schriften“, die von der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen herausgegeben wird.

Februar 27th, 2009

Der Eisvogel (Alcedo atthis) in Süd-Niedersachsen - ein Torpedo auf Erfolgskurs

Soll man darüber räsonieren, dass es sich der NABU mit dem Vogel des Jahres 2009 wieder einmal recht einfach gemacht hat? Wären, nur als Beispiel, Habicht und Kolkrabe nicht bessere Kandidaten gewesen? Beide geraten zunehmend ins Visier hasserfüllter Interessengruppen und sind massiven illegalen Verfolgungen ausgesetzt. Dem anachronistischen, aber äußerst vitalen Gedankengut, das Vogelarten in nützlich und schädlich selektiert, kommt man nicht bei, wenn Jahr für Jahr konsensfähige Sympathieträger präsentiert werden.
Wie auch immer: Die Wahl des Eisvogels zum gefiederten Jahresemblem - er durfte sich bereits 1973 dieser Ehrung erfreuen - kann zum Anlass genommen werden, seine Naturgeschichte in unserer Region nachzuzeichnen.

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Abb. 1: Eisvogelweibchen am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Historische Bestandsentwicklung

Das waldreiche niedersächsische Bergland ist kein bevorzugter Lebensraum des Eisvogels. Gleichwohl dürfte er bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch hier nicht selten gewesen sein. Das alljährliche Töten von 15 bis 60 Individuen mit Hilfe kleiner Schlagfallen allein an einer Fischzuchtanlage bei Walkenried (Arens 1909) belegt dies auf makabre Weise. In den folgenden Jahrzehnten ging es mit dem Brutbestand rapide bergab. Die Übersichten von Bruns (1949), Eichler (1949-50) und Hampel (1965) vermitteln für Süd-Niedersachsen übereinstimmend das Bild eines sehr spärlichen bis seltenen Brut- und Gastvogels mit einem regionalen Brutbestand von vermutlich weniger als fünf Paaren. Regelmäßig und über einen längeren Zeitraum besetzt war letztlich nur ein Revier an der Leine südlich von Göttingen.
Die Populationsdynamik des obligatorischen Fischfressers Eisvogel wird von jeher durch Kältewinter geprägt. Sind die Nahrungsquellen wegen Vereisung großflächig nicht erreichbar, muss unser Held verhungern. Insbesondere der Horrorwinter 1962/63, mit einer geschlossenen Schnee- und Eisdecke vom Nordkap bis Saloniki und Sevilla, brachte die bislang schwersten, über Jahre nachwirkenden Verluste. Eine 1978 auf 200 km Gewässerlänge in Süd-Niedersachsen vorgenommene Suche förderte nur eine einzige Brutzeitbeobachtung am Weendespring in Göttingen zu Tage (Schmidt et al. 1979). Die damaligen Auswirkungen von Kältewintern müssen jedoch im Zusammenhang mit anderen ökologischen Faktoren betrachtet werden: Der Winter 1962/63 konnte nur deshalb seine nachhaltig katastrophale Wirkmächtigkeit entfalten, weil Gewässerverschmutzung und rabiater Uferverbau eine Bestandserholung des Eisvogels verhinderten.
An der desolaten Situation änderte sich auch nach 1978 kaum etwas: In der weiteren Umgebung war nur der altbekannte Brutplatz an der Leine südlich von Göttingen besetzt. Die Kältewinter 1984/85 und 1986/87 bekräftigten den prekären Status: Mit Nachweisen von weniger als fünf Individuen zwischen Göttingen und Hannover geriet der Eisvogel nachgerade zur Seltenheit, deren Wahrnehmung in den Tagebüchern der Vogelkundler mit einem Ausrufezeichen versehen wurde (Dörrie 2000).
Mit den 1990er Jahren kam endlich die Wende zum Besseren. Die Gewässerbelastung mit Chemie- und anderen Industrierückständen verringerte sich; die Unterhaltungsmaßnahmen zum Zweck des Hochwasserschutzes wurden nicht mehr ganz so akribisch und klotzig in Szene gesetzt wie früher. Zwar verliefen auch die Kältewinter 1995/96 und 1996/97 für den Eisvogel alles andere als ersprießlich, doch konnten diesmal die Verluste weitaus schneller wettgemacht werden. Die gravierenden Auswirkungen des jüngsten Kältewinters 2005/06, der die Göttinger Population auf ein einsames Männchen reduziert hatte, vermochte unser Porträtvogel binnen zweier Brutperioden souverän auszugleichen.

Aktueller Status und Lebensraum

Die Größe der Brutpopulation im Landkreis Göttingen und im Altkreis Northeim kann heutzutage verlässlich mit ca. 35 bis 38 Paaren, davon acht in Göttingen und seiner südlichen Umgebung, beziffert werden. Eisvögel brüten mittlerweile regelmäßig an den strukturreichen Abschnitten von Leine, Schwülme, Harste, Garte, Rase, Rhume, Hahle, Nieste und Nieme. Auch Stillgewässer wie Kies- und Tongruben oder angestaute Bäche werden besiedelt. Optimal ist eine kleinräumige Kombination beider Gewässertypen: Sie ermöglicht den Vögeln bei Hochwasser oder nach wassertrübenden Starkregenereignissen von den Fließgewässern in klarere Fischgründe auszuweichen, in denen Futter für den hungrigen Nachwuchs erbeutet werden kann.
Die Qualität von Brut- und Nahrungsrevier bemisst sich, neben dem Vorhandensein geeigneter Brutplätzen, vor allem am Fischreichtum bzw. an dessen Erreichbarkeit, weniger an der Gewässergüte allein. Der Eisvogel ist mit einiger Wahrscheinlichkeit sekundärer Nutznießer von Eutrophierungsprozessen, die, zumindest kurz- bis mittelfristig, den Fischbestand eines Gewässers anwachsen lassen.
Der Göttinger Kiessee ist stark mit Nährstoffen befrachtet, aber voller Fische und wird deshalb von den Vögeln regelmäßig aufgesucht. 1999 und 2008 haben sie dort, vom regen Besucherverkehr und Bootsbetrieb unbeeindruckt, erfolgreich in der Böschung unter Wurzelüberhängen gebrütet. Am Wendebachstau bei Reinhausen, dessen Wasser sich auch nicht gerade durch Nährstoffarmut auszeichnet, brütet die Art mitunter ebenfalls unter einem Wurzelteller. Eisvögel, die sich seit Jahren an einem naturnahen Prallufer der schnellfließenden und flachen Garte reproduzieren, fliegen zum Beutemachen an den Leineanstau beim Flüthewehr - wenn es zur Brutzeit schnell gehen muss, mit einer Abkürzung auch ca. 800 Meter über das freie Feld. Wie man sieht, sind die Vögel recht anpassungsfähig. Das popularisierte Bild eines an Prallufer und Abbruchkanten gebundenen Charaktervogels von Fließgewässern mit Trinkwasserqualität entspricht nur bedingt der Realität.

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Abb. 2: Ungenutzte Bruthöhle an der Rosdorfer Tongrube, Mai 2008. Die Brut fand letztlich woanders statt. Foto: M. Siebner.

Gefährdung und Schutz

In der bundesdeutschen Roten Liste der Brutvögel (Südbeck et al. 2007) wird der Eisvogel nicht (mehr) geführt. In der niedersächsischen Roten Liste (Krüger & Oltmanns 2007) rangiert er in Kategorie 3 („gefährdet“). Trotz des allgemein positiven Bestandstrends wird ein Eisvogelleben, das ohnehin im Schnitt nur etwas mehr als drei Jahre währt, immer noch durch allerlei Widrigkeiten beeinträchtigt. Obschon die Auswirkungen von Kältewintern den Löwenanteil der Verluste verursachen und viele Eisvögel natürlichen Fressfeinden wie z.B. dem Sperber zum Opfer fallen, sind zusätzliche anthropogene Kalamitäten in der Summe nicht zu vernachlässigen. Die direkten Nachstellungen durch Fischzüchter und Sportangler sind stark zurückgegangen, doch darf daran erinnert werden, dass nach einem Bericht im „Falken“ noch 1998 in einer bayrischen Forellenzucht Eisvögel mit Mausefallen, auf Ansitzpfählen montiert, getötet wurden. Der negative Einfluss des Menschen vollzieht sich heute eher indirekt und zumeist unbeabsichtigt: So manche Brut dürfte scheitern oder beeinträchtigt werden, wenn sich ein Sportfischer stundenlang nahe der Bruthöhle breitmacht und die Altvögel vom Füttern abhält. Auch Vogelfotografen und -beobachter mit eindimensionaler Begeisterung für alles, was farbenprächtig daherfliegt, fordern ihren Tribut, wenn sie unbedingt die Vögel bei ihrem Brutgeschäft ablichten oder „in aller Ruhe“ betrachten möchten.
Eisvögel ertrinken manchmal unter Abdeckungen von Fischzuchtanlagen (z.B. 2004 bei Oldenrode im Landkreis Northeim). Angesichts der geringen Populationsgröße sterben unverhältnismäßig viele von ihnen nach Kollisionen mit Glasscheiben, denen sie bei ihrem rasanten geradlinigen Streckenflug kaum ausweichen können. Das jüngste bekannt gewordene Opfer datiert vom 12.1.2008 am Neuen Göttinger Rathaus.
Was besondere „Artenschutzprogramme“ für den Eisvogel anbelangt, bei denen sich wohlmeinende Vogelschützer mit medienwirksamer Unterstützung von kommunalen Kreditinstituten oder Energie-Oligopolisten ihre eigene Eisvogelwand zurechtzimmern, sei vor blindem Aktionismus gewarnt. Es ist erheblicher sinnvoller und auch mit weniger materiellem Aufwand verbunden, die Unterhaltungsverbände mit Blick auf die EU-Wasserrahmenrichtline zu motivieren, an den Fließgewässern zumindest abschnittsweise der natürlichen Dynamik Raum zu geben. An den ausgeräumten Leineufern zwischen dem nördlichen Göttinger Stadtrand und Nörten-Hardenberg, wo kein einziges Eisvogelpaar brütet, ist dies mehr als überfällig. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass das Befolgen der Devise „Weniger bringt mehr“ schnelle Früchte trägt und dem Eisvogel eine gedeihliche Zukunft bescheren kann.

Offene Fragen

In der kalten Jahreszeit scheinen nur wenige Eisvögel, zumeist Männchen, im niedersächsischen Bergland auszuharren - auch in milden Wintern. Warum ist das so? Die Reviertreue der Weibchen ist augenscheinlich wenig ausgeprägt, zudem werden sie im Winter von den einzelgängerischen Männchen nicht in ihrer Nähe geduldet. Für die Jungvögel kann als gesichert gelten, dass sie bereits kurz nach dem Selbständigwerden von ihren Eltern vertrieben werden und einen Dispersionszug antreten (Bauer et al. 2005).
In unserer Region werden die meisten Reviere erst wieder im April besetzt. Wo die Revierinhaber den Winter verbringen, ist unklar und könnte allenfalls durch systematische Beringungen mit entsprechenden Kontrollfängen oder Ringablesungen erhellt werden.

Eisvögel sehen - wann und wo

Die allgemeine Bestandszunahme drückt sich auch darin aus, dass Eisvögel praktisch an jedem Gewässer, das Fische beherbergt, beobachtet werden können. Sie tauchen außerhalb der Brutzeit an den kleinen Teichen mitten im Reinhäuser Wald (im Reintal oder nahe dem Hurkutstein) auf, machen im Herbst Beute an Gartenteichen in Göttingen-Geismar oder finden sich, wie im Jahr 2000, sogar an den Wasserbecken auf dem Universitätscampus ein. Im Winter halten sie sich am Leinekanal in der Göttinger Innenstadt auf, vor allem nach dem Zufrieren der meisten Stillgewässer.
Göttinger sind in Sachen Eisvogel auf der sicheren und bequemen Seite: Sie müssen sich nicht extra an die Geschiebesperre Hollenstedt bemühen und dort von Autofahrern mit Northeimer Kennzeichen anhupen lassen, während sich die Zielart nur von ferne betrachten lässt. Auch eine Spezialexkursion zum Seeburger See, wo der Eisvogel nur unregelmäßig brütet, aber die Auemündung beständig zur Nahrungssuche anfliegt, ist nicht erforderlich. Es reicht, sich aufs Rad zu schwingen und zum Kiessee zu fahren, wo aktuell (Oktober 2008) bis zu drei gefiederte Turmaline anzutreffen sind. Klappt es dort nicht, begibt man sich einfach zum nahen Flüthewehr. Der kleine Teich auf dem Stadtfriedhof ist, obschon bereits bei wenigen Minusgraden schnell zugefroren, bis in den November eine Eisvogel-Bank mit nahezu hundertprozentiger Garantie.

 

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Abb. 3: Teich auf dem Stadtfriedhof. Foto: N. Vagt

Unsere Stadt- und Stadtrandvögel sind in der Regel wenig scheu und lassen sich aus geringer Entfernung bewundern. Von großem Vorteil ist dabei die Kenntnis des durchdringenden Rufs, mit dem die Vögel sich ankündigen: Er erinnert an eine Hundepfeife und ist, hat man ihn einmal gelernt, allenfalls mit dem der Heckenbraunelle zu verwechseln. Stille Eisvögel, die regungslos in der Ufervegetation sitzen, sind, obwohl auffällig gefärbt, zumeist erstaunlich schwer auszumachen.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Suchen und Finden des Eisvogels vor der Haustür! hd

Literatur

  • Arens, P. (1909): Zur Eisvogelfrage. Fischerei-Ztg. 12: 404-405.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Aula-Verlag. Wiebelsheim.
  • Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens. Orn. Abh. 3. Göttingen.
  • Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
  • Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.
  • Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.
  • Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.
  • Schmidt, F.-U., M. Corsmann, N. Kolley & R. Lottmann (1979): Beiträge zur Kenntnis der Verbreitung von Eisvogel (Alcedo atthis), Wasseramsel (Cinclus cinclus) und Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) und der Qualität ihres Lebensraumes im südlichen Niedersachsen. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 2: 59-78.
  • Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye & W. Knief ( 2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Links zum Weiterlesen

Die Jahresberichte 1999 bis 2006 (der für 2007 ist in Arbeit) des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) enthalten eine Fülle von Informationen über den Eisvogel, die in dieser kurzen Abhandlung nicht annähernd berücksichtigt werden konnten. Über Inhalt und Bezugsbedingungen informiert unsere Homepage unter „Publikationen“.

November 9th, 2008

Die Wachtel Coturnix coturnix in Süd-Niedersachsen und anderswo – Erfolgsgeschichte oder Scheinblüte?

Kommen enigmatische Vogelarten, deren Lebensweise geheimnisumwittert ist, nur in tropischen Regenwäldern oder unzugänglichen Hochtälern der Anden und des Himalaja vor? Keineswegs! Unsere extrem erschlossene Nutzlandschaft beherbergt einen gefiederten Leisetreter, der zwar bekannt ist, aber zumeist unsichtbar und kaum erforscht seinen Geschäften nachgeht: die Wachtel. Ansiedlungs- und Fortpflanzungsstrategie sowie das komplexe Migrationsverhalten dieses faszinierenden Feldbrüters werfen eine Vielzahl von Fragen auf.


Verbreitung und langfristige Bestandsentwicklung
Im europäischen Maßstab ist die Wachtel mit 2,8 bis 4,7 Millionen „Paaren” (BirdLife International 2004) ein häufiger Brutvogel. Das Gros der kontinentalen Population brütet jedoch in Ost- und Südeuropa. Der niedersächsische Bestand wird für das Jahr 2005 mit 800 rufenden Männchen angegeben (Krüger & Oltmanns 2007).
Im ackerbaulich genutzten Offenland Süd-Niedersachsens ist die Wachtel ein verbreiteter, aber spärlicher Sommergast, dessen von Jahr zu Jahr stark schwankende Populationsgröße im Landkreis Göttingen derzeit zwischen geschätzten 50 und 150 revieranzeigenden Männchen liegen dürfte. Insbesondere für die Feldfluren zwischen Bördel und Jühnde, den südlichen Göttinger Stadtrand und die Umgebung des Seeburger Sees existieren ältere Angaben, die über Jahrzehnte ein regelmäßiges und mehr oder minder kopfstarkes Auftreten belegen (Dörrie 2000). Im Grünland ist sie dagegen selten bzw. tritt nur als Durchzügler auf.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts kam die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft den brutökologischen Ansprüchen dieses ursprünglichen Steppenvogels sehr entgegen, der offene Flächen mit halbhoher, lichtdurchlässiger Vegetation und einer Deckung bietenden Krautschicht bevorzugt. Im 20. Jahrhundert setzte in ganz West- und Mitteleuropa ein großflächiger und besonders ab den 1970er Jahren galoppierend beschleunigter Bestandsrückgang ein, den Bauer et al. (2005) mit der „Beeinträchtigung durch moderne Landwirtschaft (bes. Düngemittel und Pestizideinsatz)” erklären – ein trister Befund, dessen Gültigkeit in zunehmendem Maße auf die (noch) wachtelreichen östlichen EU-Beitrittsländer übertragen werden muss.
Gleichwohl sind in den vergangenen 10 Jahren (auch) in unserer Region die Chancen beträchtlich gestiegen, dem dreisilbigen Reviergesang eines Wachtelhahns lauschen zu können. Den rauh kratzenden Auftakt zu jeder Strophe, auf dessen lautmalerische Umschreibung der deutsche Artname zurückgeht (Wember 2005), hört man aber nur, wenn der zumeist verborgene Vogel weniger als 10 bis 15 Meter entfernt ist.
Warum die Wachtel, den devastierenden Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft augenscheinlich trotzend, wieder häufiger geworden ist oder, besser gesagt, auf welchen ökologischen Faktoren dieses Paradox beruhen könnte, soll im folgenden näher beleuchtet werden. Dabei kommt man, so wie die Dinge liegen, ohne Konjunktive, Hypothesen und Mutmaßungen leider nicht aus.

 

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Abb. 1: Männliche Wachtel. Foto: O. Krome.

 

Brutökologie und Migration
Wenn, was selten genug passiert, eine Wachtel vor dem Beobachter auffliegt, ist dieser erstmal baff: ein starengroßes, schwanzlos wirkendes Flugobjekt von gedrungen-ovaler Gestalt, das ansonsten nur aus einem langen Flügelpaar zu bestehen scheint! Die für einen Hühnervogel absonderliche Gestalt hat Sinn: Unter den heimischen Vertretern der Galliformes ist die Wachtel der einzige Langstreckenzieher. Auf ihren weiten Reisen ins afrikanische Winterquartier und zurück vermag sie nonstop das Mittelmeer zu überfliegen und anschließend, ebenfalls ohne weiteren Verzug, das endlose Sandmeer der Sahara. Einen solchen, von vielen anderen weitziehenden Vogelarten bekannten, Migrationshintergrund weisen jedoch nur die Angehörigen der kontinentaleuropäischen Populationen auf, die sich primär nördlich der Alpen und Pyrenäen reproduzieren. Brutvögel des Mittelmeerraums und Nordafrikas lassen es gemächlicher angehen. Sie legen kürzere Distanzen zurück und können sogar im Brutgebiet überwintern (Bauer et al. 2005).
Die Wachtel organisiert ihre Fortpflanzung in vollendeter Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen. Sie reagiert gleichermaßen plastisch wie kurzfristig auf Faktoren, die ihrem Gedeihen günstig sind und verhält sich, nach einem biologischen Fachbegriff, als vagabundierender r-Stratege. Sie ist - im Unterschied zu den im gleichnamigen französischen Zugvogelfilm mitwirkenden Gänsen und Kranichen - ein wirklicher „Nomade der Lüfte“.
Die Reproduktionsbereitschaft der Brutvögel arider Regionen wird von der Niederschlagsmenge im Spätwinter und Frühjahr bestimmt (Puigcerver et al. 1999). Deshalb kann es dort in regenreichen Jahren bereits ab Ende Januar/Anfang Februar zu regelrechten Massenvermehrungen kommen. Mit bis zu 18 Eiern fallen die Gelege, von denen ein Weibchen bis zu drei im Jahr zeitigen kann, sehr groß aus. Jungwachteln werden im Alter von ca. 80 Tagen geschlechtsreif und können bereits in ihrem ersten Lebensjahr zur Fortpflanzung schreiten.
Nach Abschluss der ersten Reproduktionsrunde begeben sich viele mediterrane Brutaspiranten (darunter auch geschlechtsreife Jungvögel) auf einen Zwischenzug nach Norden, um sich weiter zu vermehren. Dies ist durch entsprechende Ringfunde aus mehreren europäischen Staaten belegt (Bauer et al. 2005). Ein komplexes wie großflächig ausgerichtetes Dispersions- und Dismigrationsverhalten während der Brutzeit zeigen auch andere Vogelarten (darunter einige tropische Verwandte unseres Porträtvogels) - unter den eher sesshaften westpalärktischen Hühnervögeln bildet es eine spektakuläre Ausnahme.

Vom erratischen Invasionsvogel zum etablierten Nutznießer der industriellen Landwirtschaft?
Aus den oben genannten Gründen wird die Wachtel bei uns zumeist als unstete Einflugart wahrgenommen, die in manchen Jahren selten ist, dann aber wieder in deutlich höheren Zahlen in Erscheinung tritt. Warme und trockene Frühjahre im Norden scheinen den Einflügen besonders förderlich zu sein. Das überlieferte Bild weist jedoch seit einigen Jahren neue Facetten auf, die unter anderem auf den anthropogen veränderten biotischen Bedingungen in Nordafrika beruhen.
In den Maghreb-Staaten und in Ägypten hat sich die reproduktive Abhängigkeit der Wachtel von periodischen Niederschlägen zum Beginn der Brutzeit deutlich abgemildert. Gigantische Wasserbauwerke wie zum Beispiel der ägyptische Assuan-Staudamm oder der Great Man-Made River in Libyen haben, obwohl in ihren langfristigen ökologischen Auswirkungen als fragwürdig bis verheerend zu beurteilen, zu einer beträchtlichen Ausweitung permanent bewässerter Agrarflächen geführt. Davon hat neben der Produktion von Baumwolle und Zitrusfrüchten vor allem der Weizenanbau profitiert. Obwohl die einschlägigen Landesavifaunen (Goodman & Meininger 1989, Isenmann & Moali 2000, Thévenot et al. 2003, Isenmann et al. 2006) zu dieser Thematik nur wenig beisteuern, ist davon auszugehen, dass sich in einigen Regionen Nordafrikas, wie bereits von Bauer & Berthold (1996) summarisch konstatiert, die Reproduktionsbedingungen getreidebrütender Wachteln verbessert haben. Das vermehrte Auftreten in der west- und mitteleuropäischen Agrarlandschaft (nicht nur in Invasionsjahren!) könnte damit erklärt werden.
Basierend auf den regionalen avifaunistischen Jahresberichten (Schumacher 1999a, 1999b, Dörrie 2000-2007), zusätzlichen Daten und Kartierergebnissen sowie einer aktuellen Umfrage für das laufende Jahr illustriert Tabelle 1 das Auftreten der Art in Süd-Niedersachsen in den vergangenen 12 Jahren. Die (Zufalls-)Beobachtungen und Kartierergebnisse beziehen sich zu über 90 Prozent auf den Landkreis Göttingen, der Rest auf die südliche Hälfte des Landkreises Northeim. Daten nach dem Juli 2008 sind nicht enthalten.

Tabelle 1: Wachteln im Raum Göttingen und Northeim 1997-2008 (n = 434).

Der (vorläufige) „Jahrhundertsommer“ 2003 und die ebenfalls sehr warme und sonnige Brutzeit 2008 fielen wachtelreich aus. Ein gutes Jahr war auch 2001, dessen Mai überdurchschnittlich warm war; der Juni hingegen begann mit einer regenreichen Kälteperiode und lag ca. 2°C unter dem langjährigen Durchschnitt.
Tabelle 2: Monatliches Auftreten

Beim Blick auf die monatliche Verteilung der regionalen Meldungen fällt ins Auge, dass die Mehrzahl der Wachteln im Juni eintrifft. Dies passt sehr gut zum Reproduktionszyklus der südeuropäischen und nordafrikanischen Teilpopulationen. Nachweise „deutscher” Wachtelmänner, die ab Ende April bis Mitte Mai auf sich aufmerksam machen, sind damit verglichen nur sehr spärlich. Ende Mai eintreffende Individuen könnten ebenfalls schon aus dem Mittelmeerraum stammen.
Wo lassen sich die Vögel nieder? Die Zeiten der extensiv betriebenen Dreifelderwirtschaft mit ihren durchweg hohen Wachtelzahlen sind ferne Geschichte. Heute dominieren agrarindustrielle Nutzungsformen, deren euphemistisch-sedierende Umschreibung als „ordnungsgemäße Landwirtschaft” die ganze Ödnis für Kundige eher enthüllt als bemäntelt.
George (2004) gelangt bei seiner gründlichen Analyse der Habitatpräferenzen von Wachteln in der Agrarlandschaft Sachsen-Anhalts zu dem Ergebnis, dass zu DDR-Zeiten die höchsten Siedlungsdichten auf selbstbegrünenden Ackerbrachen, in Luzerne-Graspflanzungen und im Sommergetreide erreicht wurden. Wie die DDR - die entgegen westlichen Verlautbarungen alles andere als ein einziges ökologisches Katastrophengebiet war! - sind auch diese wachtelfreundlichen Strukturen mittlerweile Vergangenheit. Schon 1994 war das Wintergetreide in Sachsen-Anhalt auf den ersten Platz der angebauten Fruchtarten vorgerückt, gefolgt vom Winterraps: Westniveau erreicht! Gleichwohl hat der Wachtelbestand in unserem östlichen Nachbar-Bundesland durch die Ausweitung des Wintergetreideanbaus zugenommen, was George zu dem Fazit veranlasst, „dass die Wachtel wohl die einzige Brutvogelart ist, der der drastische Verlust an Vielfalt in der Agrarlandschaft Ostdeutschlands seit der Wiedervereinigung offensichtlich nicht geschadet hat”.
In Süd-Niedersachsen liegen die Dinge ähnlich. Auf den meisten Ackerbrachen und obligatorischen Stillegungsflächen wurde schon jahrelang vor deren Stornierung 2007 der für bodenbrütende Agrarvögel pessimale Energieraps angepflanzt. Mittlerweile wachsen auf ungefähr 80 Prozent der ackerbaulich genutzten Fläche Wintergetreide und –raps. Mais und Triticale rücken mächtig auf. Von allen aktuellen Anbaupflanzen weist nur das Wintergetreide ökologisch-strukturelle Komponenten geeigneter Wachtelhabitate auf. Dennoch haben auch in unserer Region die Beobachtungen insgesamt zugenommen.
Mehr als 90 Prozent (!) der regionalen Nachweise stammen von Winterweizen-, Wintergerste- oder Triticaleschlägen. Mit bis zu 11 rufenden Männchen/100 ha - wie 2008 in der Feldmark Sattenhausen oder 2001 in der Feldmark Geismar-Süd - sind solche Schläge in manchen Jahren für deutsche Verhältnisse dicht besiedelt. Wahrnehmungen in Erbsen- und Kartoffelfeldern oder Sonderkulturen, deren Flächenanteil jeweils unter einem Prozent liegt, fallen dagegen kaum ins Gewicht. Die artenreichen Blühstreifen des Rebhuhnschutzprojekts im Landkreis Göttingen werden (ausnahmsweise) nur dann genutzt, wenn sie an Getreideschläge grenzen. Sie sind in der Regel im Juni dicht bewachsen; besonders in den zweijährig gemähten Bereichen ist die Vegetation geradezu verfilzt.
Bereits im avifaunistischen Jahresbericht 2000 für die Region Göttingen und Northeim (Dörrie 2001) wurde das paradoxe Phänomen zunehmender Wachtelbeobachtungen bei gleichzeitiger Monotonisierung der Agrarlandschaft mit einem ähnlichen Fazit bedacht wie bei George (2004): „… es hat den Anschein, dass die Wachtelbestände nicht so stark von der agrarindustriellen Umgestaltung der Landschaft betroffen sind wie die des Rebhuhns“. Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Sichtweise jedoch als ziemlich eindimensional: sie bedarf einer (selbst-)kritischen Korrektur.

Die folgenden Fotos zeigen einen ca. 15 Hektar großen Winterweizenschlag am Diemardener Berg südlich von Göttingen, in dem ab Ende Mai vier Männchen ihren Reviergesang hören ließen. Der Anblick ist durchaus nicht untypisch. 

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Abb. 2: Endlos und strukturarm. Die Vegetation besteht aus einer einzigen Pflanzenart.
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Abb. 3: Traktoren-Spritzschneisen sind die einzigen Offenstellen. Sie sind jedoch ab Mitte Juni ebenfalls zugewachsen.
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Abb. 4: Die Halme stehen im dichten Gewirr.
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Abb. 5: Die Randstreifen sind schmal, artenarm und nährstoffreich. Immerhin: die Wege sind (noch) nicht asphaltiert. Alle Fotos: N. Vagt.

 

Angesichts dieser elegisch stimmenden Bilder ist die Frage angebracht, ob Wachteln in einem derart monotonen, nahezu steril anmutenden Lebensraum überhaupt in der Lage sind, sich erfolgreich zu reproduzieren. Können sie und ihr Nachwuchs sich zwischen den dicht stehenden Pflanzen bewegen? Und wenn ja, wie viele Insekten welcher Arten finden sie dort als Nahrung vor?
Ein weiteres Indiz für die faktische Unbewohnbarkeit solcher Flächen für bodenbrütende Feldvögel ab Ende Mai (wenn die meisten Wachteln eintreffen!) liefert die im Vergleich zur Wachtel kleinere und erheblich anpassungsfähigere Feldlerche Alauda arvensis. Sie nutzt die im zeitigen Frühjahr noch niedrig und lückenhaft stehende Vegetation bevorzugt für ihre Erstbruten. Nach deren Abschluss muss sie für die Zweitbruten auf Randstreifen oder Rübenfelder (soweit vorhanden) ausweichen. Zweitbruten im hoch und dicht stehenden Wintergetreide sind bei der Feldlerche die Ausnahme und allenfalls auf witterungs- oder bearbeitungsbedingten Störstellen möglich (Dörrie 2002b, Brunken 2007). Dies dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit auch auf die ab dem Spätwinter in mediterranen Getreideschlägen brütenden Wachteln zutreffen. Im Unterschied zur Feldlerche versuchen diese jedoch, Folge- bzw. im Fall der geschlechtsreifen Jungvögel auch Erstbruten in Feldern vorzunehmen, die Tausende Kilometer vom Platz der Erstbrut oder dem Geburtsort entfernt liegen. Die potentiellen Bruthabitate sind aber wegen der jahreszeitlich fortgeschrittenen Vegetationsentwicklung kaum noch nutzbar und werden zudem bereits sechs bis acht Wochen nach dem Eintreffen der Vögel abgeerntet: das Zeitfenster für eine erfolgreiche Reproduktion ist zu klein. Verschärfend tritt hinzu, dass die Wachtel in der industriellen Agrarlandschaft (notgedrungen) auf Getreidefelder angewiesen ist und daher, anders als die Feldlerche, alternative Kulturpflanzen wie Zuckerrüben nicht nutzen kann. Zeugt all dies nicht vom Tappen in eine ökologische Falle?!

Reproduktion
Womit wir bei den Bruten wären. Um es kurz zu machen: Darüber ist aus unserer Region so gut wie nichts bekannt. Aus dem Jahr 1966 liegt ein historischer Gelegefund aus der Umgebung von Varlosen vor (Schelper 1966). Zwei weitere Hinweise könnten auf erfolgreiche Bruten gedeutet haben: 1994 apportierte eine Katze in Diemarden einen (von ihr erbeuteten?) Jungvogel (Dörrie 2002b). Im August 2001 lief ein (Familien?-)Verband von 10 Vögeln auf einem ökologisch bewirtschafteten Kartoffelfeld bei Ebergötzen vor dem Traktor her (Dörrie 2002a).
Ein ähnlich ernüchterndes Bild vermittelt die Maßstäbe setzende, für Deutschland bislang einzigartige Untersuchung von Flade et al. (2003) im Rahmen des Schorfheide-Chorin-Projekts in Brandenburg. Trotz aufwendiger Kartierung, Fang und der Besenderung von 30 Vögeln (28 Männchen, zwei Weibchen) konnten nur fünf Gelege von drei Weibchen (drei auf Stillegungsflächen und je eine auf einem abgefrorenen Getreide- und einem Erbsenfeld) dokumentiert werden. Zwei Bruten mit Schlupferfolg gingen durch Prädation verloren. Die anderen drei Gelege wären durch Ernte bzw. Mahd vernichtet worden, wenn die Biologen nicht eingeschritten wären. Ob auch nur eine einzige Brut positiv (mit flugfähigen Jungvögeln) verlief, musste letztlich offenbleiben.
Dieser düsteren Szenerie könnte indirekt entsprechen, dass in unserer Region mit vergleichsweise wenig Aufwand erfolgreiche Bruten des Rebhuhns Perdix perdix zu finden sind - obwohl unser zweiter autochthoner Agrarland-Hühnervogel in der Brutzeit deutlich schwerer auszumachen ist als balzende Wachtelhähne. Das Rebhuhn ist jedoch ein ausgeprägter Standvogel, dessen Bruterfolg wegen seiner Reviertreue bis in den Winter anhand der sogenannten „Ketten“ dokumentiert werden kann. Zudem ist es kein ausgewiesener Getreidebrüter, sondern bevorzugt reicher strukturierte Agrarflächen mit einem gewissen Grünlandanteil. Der Vergleich hinkt also.
Dennoch: Vieles deutet darauf hin, dass die einfliegenden Wachteln (vermutlich zumeist Männchen) zwar nach Kräften versuchen, sich zu verpaaren und im Einzelfall vielleicht auch brüten. Ihr Erfolg dürfte jedoch letztlich gegen Null tendieren.

 

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Abb. 6: Leider keine Wachteln, sondern „nur“ junge Rebhühner, ca. zwei Monate alt. Foto: E. Gottschalk.

 

Gefährdung und Schutzstatus
Auf eine Bestandserfassung der besonderen Art, die alljährlich im Mittelmeerraum und in Nordafrika Hunderttausende Wachteln in den Kochtöpfen enden lässt, kann hier aus Platzgründen nur kurz verwiesen werden. Immerhin gewähren gebietsweise die oben erwähnten bewässerten Agrarflächen den Vögeln mittlerweile mehr Schutz als die ursprünglich spärliche Vegetation in Küstennähe, wo in der Zugzeit kilometerweit praktisch jeder Busch mit Netzen zum Fang der Vögel überspannt ist. Wer sich für Einzelheiten des seit Olims Zeiten betriebenen Wachtelfangs am Mittelmeer interessiert, sei auf Goodman & Meininger (1989) verwiesen.
In der Europäischen Union fallen jedes Jahr ca. 2,5 Millionen Individuen einer anachronistischen Freizeitbeschäftigung zum Opfer, die von ihren Protagonisten als „nachhaltige Nutzung wildlebender Tierbestände” camoufliert wird (Hirschfeld & Heyd 2005). In Deutschland genießt die Wachtel, immerhin, seit längerem eine ganzjährige „Schonung”, gilt aber nach Bundesrecht prinzipiell als „jagdbar” (für alle Fälle).
Zu den oben beschriebenen Widrigkeiten, denen die Wachtel durch die „ordnungsgemäße” Landwirtschaft ausgesetzt ist, hat sich seit kurzem eine Novität gesellt, die in ihren verheerenden Auswirkungen auf Agrarbrüter alles bisher dagewesene in den Schatten stellen dürfte: das sogenannte „Zweikulturen-Nutzungssystem” als brutalstmögliche Produktionsform nachwachsender Rohstoffe (Biogas, Bioethanol etc.). Es funktioniert folgendermaßen: Zunächst wird auf einer Fläche Getreide (in der Regel Roggen) eingesät, der bereits ab Ende Mai als „Grünroggen” abgeerntet und siliert wird. Nach einer zwei- bis dreitägigen Pause erfolgt eine zweite Ansaat, in der Regel Mais. Er wandert im Herbst in die Anlage. Das „Zweikulturen-Nutzungssystem“ verursacht das komplette Scheitern aller Bruten von Agrarvögeln. Allenfalls die Feldlerche könnte theoretisch, wenn sie sich sehr beeilt, die Erstbrut hochbringen, alle anderen Gelege und Jungvögel von später brütenden Arten (zu denen auch die Wachtel zählt), werden buchstäblich geschreddert. Der Landkreis Göttingen hat jüngst den Bau einer Biogasanlage mit „Zweikulturen-Nutzungssystem” auf knapp 200 Hektar Fläche bei Duderstadt genehmigt. Einwendungen von Naturschützern im Rahmen der Verbandsbeteiligung wurden mit dem Verweis auf die „ordnungsgemäße” Landwirtschaft und die allenfalls sehr lokale Gefährdung von Feldbrütern abgeschmettert. Das nächste Bauvorhaben dieser Art mit wiederum nur lokalen Auswirkungen (weil nach der sattsam bekannten Salami-Methode jede Anlage separat bewertet wird) dürfte nicht lange auf sich warten lassen…
Das in Tabelle 2 dargestellte Auftreten von Wachteln, mit auffallend wenigen Nachweisen aus dem April und (aus der Tabelle nicht unmittelbar ersichtlich, aber mit den Daten belegbar) der ersten Maihälfte, könnte ein Beleg dafür sein, dass sich der Bestand „heimischer” weitziehender Brutvögel immer noch auf einem historisch niedrigen Niveau bewegt. Die signifikante Zunahme von Nachweisen südlicher Gäste kaschiert diesen Umstand lediglich. Insofern ist die Entlassung der Wachtel aus der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten Deutschlands (Bauer et al. 2002) durchaus kritisch zu sehen. In der niedersächsischen Roten Liste wird sie dagegen mit größerer Berechtigung in Kategorie 3 („im Bestand gefährdet”) geführt (Krüger & Oltmanns 2007).

 

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Abb. 7: Quo vadis? Foto: O. Krome.

 

Resümee und zukünftige Aufgaben
Aus dem bisher gesagten wird ersichtlich, dass die (vermeintliche) Erfolgsgeschichte der Wachtel vielleicht gar keine ist. Ob und wie die Vögel mit den Rahmenbedingungen der industriellen Landwirtschaft klarkommen, ist bestenfalls ungewiss. Die zweifellos gegebene Zunahme balzender Männchen (über die Weibchen ist so gut wie nichts bekannt!) beruht in hohem Maße, wenn nicht ausschließlich, auf zuwandernden Vögeln aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika. Teilen diese Wachteln das Schicksal anderer südlicher Invasionsarten, die hier landen und wieder verschwinden, ohne sich fortpflanzen zu können? Obwohl einiges dafür spricht, steht eine schlüssige, auf belastbare Daten gestützte Antwort aus.
Um so notwendiger ist es, die Dynamik des Auftretens weiterhin zu dokumentieren und, wenn möglich, den einen oder anderen Brutnachweis zu erbringen. Nach wie vor bestehen in unserer Region räumliche Erfassungslücken, vor allem auf den Agrarflächen westlich der Leine. Bei so manchen „Rebhühnern”, deren Jäger und Landwirte auf ihren Patrouillen und Arbeitsfahrten in Feldmarken ansichtig werden, in denen jahrzehntelang kein Rebhuhn mehr gesehen wurde, dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Wachteln gehandelt haben.
Bedauerlicherweise meiden viele Feldornithologen die Agrarlandschaft und ziehen die artenreicheren Feuchtgebiete vor. Letztere sind aber durch den gleichnamigen Hämorrhoiden-Porno von Charlotte Roche ein wenig in Verruf geraten - vielleicht ist dies ja eine zusätzliche Motivation, sich auf den Acker zu machen und der rätselhaften Wachtel nachzuspüren…

Dank
Der Verf. dankt Mischa Drüner, Silvio Paul, Martin Schuck, Mathias Siebner und Andreas Stumpner, die Beobachtungsmaterial aus dem Jahr 2008 zur Verfügung stellten sowie Ole Krome für seine Wachtelfotos. Die Wachtelhabitat-Fotos von Nikola Vagt können den leicht depressiven Grundton dieses Vogelporträts naturgemäß nicht aufhellen – dies ändert aber nichts an meiner Verbundenheit ihr gegenüber. G. Brunken führte in diesem Jahr im 130 km² großen EU-Vogelschutzgebiet V 19 (Unteres Eichsfeld) eine Bestandserfassung des Rotmilans und anderer Kulturlandarten durch. Ohne seine aussagekräftigen, zudem großflächig gewonnenen Daten wären die Auswertung des Einflugs 2008 und auch diese kleine Abhandlung nicht zu realisieren gewesen…hd

Literatur
Bauer, H.-G. & P. Berthold (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas. Aula-Verlag. Wiesbaden.

Bauer, H.-G., P. Berthold, P. Boye, W. Knief, P. Südbeck & K. Witt (2002): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 3., überarbeitete Fassung, 8.5.2002. Ber. Vogelschutz 39: 13-60.

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Aula-Verlag. Wiebelsheim.

BirdLife International (2004): Birds in Europe: population estimates, trends and conservation status. BirdLife International Conservation series Nr. 12. Cambridge.

Brunken, G. (2007): Kritische Anmerkungen zu einer Flurbereinigung der besonderen Art. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 12: 118-123.

Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.

Dörrie, H.H. (2000-2007): Avifaunistische Jahresberichte 2000 bis 2006 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs., Bde. 5-12.

Dörrie, H.H. (2001): Avifaunistischer Jahresbericht 2000 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 4-112.

Dörrie, H.H. (2002a): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.

Dörrie, H.H. (2002b): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.

Flade, M., Plachter, H., Henne, E. & K. Anders (Hrsg.) (2003): Naturschutz in der Agrarlandschaft. Quelle und Meyer Verlag. Wiebelsheim.

George, K. (2004): Veränderungen der ostdeutschen Agrarlandschaft und ihrer Vogelwelt insbesondere nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Apus 12, H. 1/2.

Goodman, S. & P. Meininger (1989): The Birds of Egypt. Oxford University Press. Oxford, New York.

Isenmann, P. & A. Moali (2000): Oiseaux d’Algerie - Birds of Algeria. SEOF. Paris.

Hirschfeld, A. & A. Heyd (2005): Jagdbedingte Mortalität von Zugvögeln in Europa: Streckenzahlen und Forderungen aus Sicht des Vogel- und Tierschutzes. Ber. Vogelschutz 42: 47-74.

Isenmann, P., Gaultier, T., El Hili, A., Azafzaf, H., Dlensi, H. & M. Smart (2005): Oiseaux de Tunisie - Birds of Tunisia. SEOF. Paris.

Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175. Hannover.

Puigcerver, M., Rodriguez-Teijeiro, J.D. S. Gallego (1999): The effects of rainfall on wild populations of Common Quail (Coturnix coturnix). J. Ornithol. 140: 335-340.

Schelper, W. (1966): Die Vogelwelt des Kreises Münden. Hann. Münden. Selbstverlag.

Schumacher, H. (1999a): Ornithologischer Jahresbericht 1997 für die Region Göttingen. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 3/4: 4-56.

Schumacher, H. (1999b): Ornithologischer Jahresbericht 1998 für die Region Göttingen. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 3/4: 62-106.

Thévenot, M., Vernon, R. & P. Bergier (2003): The Birds of Morocco. BOU Checklist No. 20. Tring.

Wember, V. (2005): Die Namen der Vögel Europas. Aula-Verlag. Wiebelsheim.

August 1st, 2008

Der Kuckuck in Süd-Niedersachsen - ein Schlawiner mit Problemen

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Mit dem Kuckuck als „Vogel des Jahres 2008“ hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Der Frühlingsbote ist nicht nur populär, sondern unter den einheimischen Vögeln in vielerlei Hinsicht ein Unikum.
Die meisten Menschen kennen diesen faszinierenden Brutparasiten vor allem wegen des weittragenden Rufs der Männchen, dem er seinen in vielen Sprachen gleichlautenden oder ähnlichen Namen verdankt. Die heimlichen, aber für die Populationsgröße ausschlaggebenden Weibchen geraten viel seltener ins Blickfeld. Kuckucksbruten werden von Normalbürgern und Feldornithologen meist nur durch Zufall entdeckt. Der Anblick eines bräsigen Fressacks, der das Nest seiner Adoptiveltern bis an den höchsten Bord ausfüllt, ist unvergesslich, ebenso die Fütterung, bei der die kleinen Wirtsvögel bis zur Hälfte im gefräßigen Schlund ihres Zöglings verschwinden. Die menschliche Reaktion auf diese bizarre Szenerie ist in der Regel eine Mischung aus Faszination, Mitleid mit den genarrten Wirtsvögeln und uneingestandener Bewunderung für die Durchsetzungskraft des rabiaten Wechselbalgs.

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Beide Fotos: NABU Deutschland

In Süd-Niedersachsen ist der Kuckuck, wie anderswo auch, deutlich seltener geworden. Der Bestand - soweit er nach den weit umherfliegenden Männchen erfasst werden kann - liegt heute bei ungefähr 100-120 Rufern und konzentriert sich im wesentlichen auf Feuchtgebiete und naturnahe Fließgewässerauen. Auch dort, wo (noch) strukturreiches Agrarland vorhanden ist, kommt er vor, allerdings in eher geringer Dichte.
Wer in Zeiten steigender Benzinpreise auf kurze Wege angewiesen ist oder gerne Rad fährt, wird den „Vogel des Jahres 2008“ mit hoher Wahrscheinlichkeit an der ehemaligen Bauschuttdeponie Geismar, der Kiesgrube Reinshof oder am Rückhaltebecken Grone antreffen. Ein Besuch von Seeburger See und Seeanger im Eichsfeld ist gleichsam eine Bank für Kuckucksbewunderer. Um sicher zu gehen, sollte man die Exkursion aber erst ab Anfang Mai vornehmen. Die Erstbeobachtung (früher vermessen „Erstankunft“ genannt) von Kuckucken, die aus ihrem afrikanischen Winterquartier zurückkehren, erfolgte in den vergangenen 10 Jahren im Durchschnitt am 23. April. Bereits Anfang bis Mitte Juli räumen die meisten Altvögel ihr Revier, flügge Jungvögel lassen sich noch regelmäßig im August und vereinzelt im September blicken. Die späteste Beobachtung stammt vom 26.9.1993 aus der Umgebung von Bettenrode (Dörrie 2000).

Gründe für den Bestandsrückgang

„… ruft’s aus dem Wald“. Das war einmal. In den geschlossenen Waldgebieten der Region fehlt der Kuckuck mittlerweile vollständig. Ein ähnlich düsteres Bild bietet die ausgeräumte Agrarlandschaft. Pieper- und Stelzenarten sind seit jeher beliebte Wirtsvögel. Parallel zum Kuckuck ist auch der Baumpieper aus den Wäldern verschwunden - unter anderem als Folge von Eutrophierungsprozessen und der „naturnahen“ Bewirtschaftung, die den Baumbestand in einem dunklen Stadium bewahrt und weitgehend auf Kahlschläge verzichtet. Der Wiesenpieper hat sich aus weiten Teilen der Agrarlandschaft verabschiedet. Dort sind kaum noch mäßig gepflegte Randstrukturen vorhanden, die ein Brüten ermöglichen. Der allgemeine Grünlandschwund und die intensivierte Bewirtschaftung der verbliebenen Parzellen mit bis zu fünf Schnitten im Jahr haben ein übriges getan. Ob der aktuell wieder ansteigende Schafstelzenbestand den einen oder anderen Kuckuck auf die Äcker lockt, bleibt abzuwarten.

Wirtsvögel und Lebensraum

Kuckucke, besonders die Weibchen, sind auf das Habitat geprägt, in dem sie geboren wurden, die Geburtsortstreue ist recht hoch. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass die Weibchen zeitlebens auf eine einzige Wirtsvogelart geprägt sind (Davies 2000).
Als unfreiwillige Eltern eines jungen Kuckucks sind bei uns Hausrotschwanz, Bachstelze, Gartengrasmücke sowie, vor allen anderen, Sumpf- und Teichrohrsänger bekannt. Damit erklärt sich auch, warum die Art heute in Gebieten mit Röhrichtbeständen (Teichrohrsänger) und an Fließgewässern mit strukturreichen Galeriegehölzen bzw. Brennessel- und Rohrglanzgrasbeständen (Gartengrasmücke, Sumpfrohrsänger) ihren regionalen Verbreitungsschwerpunkt hat.
Die Bachstelze wurde interessanterweise 1999 auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kerstlingeröder Feld als Wirtsvogel nachgewiesen, wo noch eine gute Population von Baumpiepern existiert. Seitdem liegt aus diesem optimal erscheinenden Habitat kein weiterer „Brut“nachweis vor - vielleicht ein Indiz dafür, dass die regionale Population von „Baumpieper-Kuckucksweibchen“ nach dem Bestandsrückgang der Wirtsvogelart und der zunehmenden Verinselung ihrer Verbreitung ab den 1980er Jahren erloschen ist. Allerdings gibt es auch gegenläufige Phänomene, die im folgenden behandelt werden.

Der Kuckuck – ein herausragendes Opfer des Klimawandels?

In der Tagespresse und in populärwissenschaftlichen Verlautbarungen kursieren, bislang weithin unwidersprochen, plakative Mutmaßungen, nach denen unser Jahresvogel in besonderem Maße unter der Klimaerwärmung leide, weil einige Wirtsvogelarten ihr Zug- und Brutverhalten geändert und die Eiablage vorverlegt hätten. Nach seiner Rückkehr fände der Kuckuck deshalb immer öfter Nester seiner Wirtsvögel mit bereits geschlüpften Jungvögeln vor und könne sich nicht mehr reproduzieren. So schlüssig dies klingt: Stichhaltige Belege in Form valider Ergebnisse von Langzeituntersuchungen gibt es dafür nicht, zumindest nicht in der seriösen Fachliteratur. Früherer Brutbeginn ist vor allem bei einigen Vogelarten des Siedlungsbereichs belegt. In diesem Habitat ist der Kuckuck aber noch nie als Revierbesetzer vorgekommen. Zudem profitieren von den klimatischen Vorzügen des Stadtlebens in erster Linie Amseln, höhlenbrütende Meisen und Finkenvögel, die auch abseits der Siedlungen nur selten vom Kuckuck parasitiert werden.
Es kommt aber noch abstruser: Weil die Bruten der Wirtsvögel sich in den Ebenen verfrühen, ist unser armer Jahresvogel gezwungen, in die Mittelgebirge (z.B. die Hochlagen des Harzes) auszuwandern! Mit der realen Ausbreitungs- und Ansiedlungsdynamik von Vögeln hat dieses Szenario genau so viel zu tun wie das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, die ihrer Heimat den Rücken kehren mussten, um „etwas besseres als den Tod“ zu finden. Durch das Albrecht von Haller-Institut der Universität Göttingen in einer Literaturstudie „wissenschaftlich“ abgesichert, wurde die Mär vom klimabedingten Exodus ab September 2004 vom Bundesamt für Naturschutz in die Welt posaunt. Gewiss: In den Hochlagen des Harzes hat der Kuckuck zweifellos im Bestand zugenommen (H. Zang, mdl. Mitteilung) - aber nicht wegen Abwanderung aus den Ebenen, sondern als Ergebnis des von verfrachteten Schwefeldioxid-Emissionen verursachten „Waldsterbens“. Wo bis in die 1980er Jahre dunkle, vom Kuckuck unbesiedelbare Fichtenwälder vorherrschten, erstrecken sich heute weite Offen- und Aufwuchsflächen, die an Kahlschläge erinnern und vielen Wirtsvögeln, insbesondere Baumpiepern, einen Lebensraum bieten. Es spricht für die ökologische Plastizität des Kuckucks, dass er dieses neu entstandene Habitat schnell besiedelt hat. In den Alpen ist er seit Jahrtausenden ein erfolgreicher Nutznießer der großen Bergpieper-Populationen. Mit den seit etwa 15 Jahren insgesamt wärmeren Sommern hat die Besiedlung montaner und alpiner Lebensräume durch den Kuckuck rein gar nichts zu tun. Für den anhaltenden Bestandsrückgang in West- und Mitteleuropa ist der durch „naturnahe“ Waldbewirtschaftung und industrielle Landwirtschaft (der mit Abstand größte Artenkiller!) bedingte anthropogene Schwund von Wirtsvögeln die Hauptursache - und nicht der Klimawandel!

Besonderheiten

In Süd-Niedersachsen ist die anderswo seltene braune Weibchen-Morphe recht häufig anzutreffen. Gebietsweise (z.B. um Göttingen) gehören bis zu 30 Prozent der Weibchen dieser Farbvariante an. Warum dies so ist, weiß man nicht.
Überhaupt ist aus dem Leben dieser vergleichsweise gut bearbeiteten Vogelart noch vieles unbekannt. Wer sich über Forschungsergebnisse und -lücken sachkundig machen möchte, sei auf das ausgezeichnete und gut lesbare Brutparasiten-Buch von Davies (2000) verwiesen. hd

Literatur

  • Davies, N.B. (2000): Cuckoos, cowbirds and other cheats. Poyser, London.
  • Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.

November 3rd, 2007

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