Vogelportraits
Der Raufußbussard Buteo lagopus ist ein vereinzelter Wintergast und Durchzügler in Südniedersachsen und wird nicht alljährlich nachgewiesen. Im vergangenen Kältewinter 2010 kam es jedoch nach 1977 und 1987 erneut zu einem regelrechten Einflug dieses im Gegensatz zum Mäusebussard fast anmutigen Greifvogels, dessen Brutgebiete in den Tundrazonen rund um den Polarkreis liegen. Die hohen Schneelagen in den regulären Überwinterungsgebieten der norddeutschen Tiefebene und den Niederungen des östlichen Mitteleuropas dürften die Tiere veranlasst haben, diese zu verlassen und nach Süden auszuweichen. Die erste Beobachtung eines Raufußbussards in Südniedersachsen gelang bereits im November 2009. Im Februar 2010 stieg die Zahl der Beobachtungen dann drastisch an und kulminierte in der zweiten Monatshälfte. Die vergleichsweise geringen Beobachtungen vom 15.02. bis 19.02. sind auf eine verminderte Beobachtungsintensität zurückzuführen. Nach dem 1. März wurde kein Raufußbussard mehr gesichtet. Offenkundig hatten die Vögel während einer Tauwetterperiode schnell wieder das Feld geräumt.

Abb. 1: Sichtungen von Raufußbussarden in Südniedersachsen im Winter 2010
Insgesamt konnten 56 verschiedene Sichtungen für diesen Winter dokumentiert und bei 41 Individuen eine Unterscheidung nach Alt- oder Jungvogel vorgenommen werden. Der Jungvogelanteil von knapp 5 % fiel dabei sehr gering aus. Dies deutet auf schlechten Bruterfolg der Art im Jahr 2009 hin. Dafür spricht auch die geringe Durchzugszahl von Raufußbussarden zwischen August und November 2009 in Falsterbo (Südschweden), die deutlich unter dem Durchschnitt der Wegzugperiode lag (Abb. 2). Wegzugzahlen gelten allgemein als guter Indikator des Bruterfolges.
| 2009 |
185 |
| langjähriger Durchschnitt 1973 – 2008 |
904 |
Abb. 2: Durchziehende Raufußbussarde in Falsterbo, Südschweden
(Quelle: http://www.skof.se/fbo)
Ob unterschiedliche Präferenzen von Überwinterungsgebieten von Alt- und Jungvögeln oder anderes Zugverhalten bei dem Einflug eine Rolle gespielt haben, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Die sich täglich verändernde Geschlechterzusammensetzung in den südniedersächsischen Beobachtungsgebieten deutet auf eine hohe Fluktuation der Tiere und wenig stationäres Verhalten hin.

Abb. 3: Wetterstationen in möglichen Überwinterungsgebieten
(Quelle: Google Earth)

Abb. 4: Schneehöhen in Marlow, Winter 2010

Abb. 5: Schneehöhen in Gorzów Wielkopolski, Winter 2010

Abb. 6: Schneehöhen in Göttingen, Winter 2010 (Quelle: wetteronline.de)
Um einen Zusammenhang der Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zu prüfen, wurden Schneehöhenkurven des Winters 2009/10 von verschiedenen potenziellen Überwinterungsgebieten des Raufußbussards untersucht (Abb. 3). Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die Flussniederungen Polens und die Norddeutsche Tiefebene. Obwohl Unterschiede im Verlauf der Schneehöhen in Norddeutschland und Polens festgestellt werden konnten, zeigt sich eine deutliche Zunahme der Schneehöhen aller in Norddeutschland und Westpolen untersuchten Gebiete ab Anfang Februar. Die Schneedeckenhöhe verdoppelte sich vielerorts sogar. Bedenkt man eine Reaktionszeit der Bussarde auf die veränderten Umweltbedingungen, dann liegt es nahe, dass die Bussarde auf die Schneehöhen, die eine Nahrungssuche unmöglich machten, mit Abwanderung reagierten. Aus Südschweden, das ebenfalls zu den regulären Überwinterungsgebieten der Raufußbussarde zählt, lagen keine Daten über die Schneehöhen während des Einfluges vor. Die geringe Zahl der Februarbeobachtungen in Schweden deutet jedoch ebenfalls auf eine Abwanderung der dort überwinternden Individuen hin (Abb. 7). Es könnten also auch Vögel aus diesen Gebieten an dem Einflug beteiligt gewesen sein.
| Januar 2010 |
1542 |
| Februar 2010 |
596 |
| März 2010 |
1394 |
Abb. 7: Zufallsbeobachtungen des Raufußbussards in Schweden im Winter 2010
(Quelle: http://svalan.artdata.slu.se/)
Alle bis auf zwei der dokumentierten Sichtungen aus den Landkreisen Göttingen und dem Altkreis Northeim stammen aus nur drei verschiedenen Beobachtungsgebieten: Der Leineniederung nördlich von Northeim, der Umgebung des Steinbergs in Seeburg und dem Diemardener Berg südlich von Göttingen. In der Leineniederung waren mindestens sechs Individuen anwesend, auf dem Steinberg drei und auf dem Diemardener Berg konnten zwei Vögel gleichzeitig beobachtet werden. Der Leineniederung mit ihrem hohen Grünlandanteil kam schon in den Einflugjahren der Vergangenheit eine besondere Bedeutung zu. Aus den beiden anderen Gebieten liegen keine oder nur sehr wenige ältere Nachweise vor. Die Beobachtungen aus der Leineniederung stammen zum größten Teil aus dem Leinepolder 2. Dort war von einem guten Nahrungsangebot an Mäusen auszugehen, da es bis zu dem Einflug im Gegensatz zum Leinepolder 1 nicht zu einer Einstauung kam, was ein Überleben der Kleinsäugerpopulationen erst möglich machte. Bei den anderen Gebieten handelt es sich um exponierte Standorte, bei denen Schneeverwehungen zu geringeren Schneehöhen führten und den Zugang zu Kleinsäugern begünstigten.

Abb. 8: Raufußbussard (Foto: M. Siebner)
Im Januar 1977 sowie im Januar und Februar 1987 kam es schon einmal zu einem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen (Riedel 1978, Dierschke 1997). Leider liegen aus den beiden Einflugjahren nur sehr wenige Informationen über die Schneehöhen in den traditionellen Überwinterungsgebieten vor. Das Untersuchungsgebiet der Schneehöhen beschränkte sich aufgrund der geringen Datengrundlage auf drei ausgewählte Punkte in Norddeutschland: Schwerin, Rostock und Hamburg.

Abb. 9: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1977 (Quelle: wetteronline.de)
Für das Einflugjahr 1977 scheint es zweifelhaft, dass die Schneehöhenzunahme in Norddeutschland Mitte Januar auf maximal 10 cm die Ursache für den massiven Einflug in Südniedersachsen darstellte, obwohl der Beginn des Einfluges kurz darauf begann (Abb. 9). Im Dezember des Vorjahres lagen die Schneehöhen schon über den besagten 10 cm und waren in anderen Jahren Mitte Januar um ein vielfaches höher, ohne dass ein Einflug in Südniedersachsen dokumentiert werden konnte.

Abb. 10: Schneehöhen in Schwerin, Winter 1987 (Quelle: wetteronline.de)
Für 1987 liegen keine ausreichenden Daten über den Beginn und Verlauf des Einfluges vor. Maximalzahlen lagen bei jeweils fünf Individuen am 25.01 sowie am 03.02 im Leinepolder Salzderhelden. In diesem Jahr scheint es schon wahrscheinlicher, dass in Norddeutschland überwinternde Vögel an dem Einflug beteiligt waren, da die Schneehöhen von bis zu 30 cm in Norddeutschland Mitte Januar den Auslöser für die Abwanderung dargestellt haben könnten (Abb. 10).
Neben dem gehäuften Auftreten von Raufußbussarden kam es im vergangenen Winter 2010 zu einem nie dagewesenen Einflug von Sumpfohreulen Asio flammeus in Südniedersachsen. Bis zu fünf Individuen konnten am Steinberg bei Seeburg gleichzeitig beobachtet werden und auch in anderen Gebieten gelangen Nachweise. Interessanterweise trat die Sumpfohreule in den Einflugjahren der Raufußbussarde in der Vergangenheit überhaupt nicht in Erscheinung. Anders scheinen sich die Schneehöhen auf das Auftreten der Kornweihe Circus cyaneus in Südniedersachsen auszuwirken. Während Riedel 1977 neben dem Einflug der Raufußbussarde parallel dazu einen Einflug der Kornweihe dokumentieren konnte, wurden im Februar 2010 nur zwei Individuen am Steinberg beobachtet. Im Leinepolder Salzderhelden gelang in diesem Zeitraum kein einziger Nachweis.
Auch wenn ein Zusammenhang zwischen den extremen Schneehöhen in den regulären Überwinterungsgebieten und dem Einflug von Raufußbussarden in Südniedersachsen zumindest für 2010 wahrscheinlich scheint, sollte man sich vor ökologischen Kurzschlüssen hüten. Die Raufußbussardeinflüge der Vergangenheit und das abweichende Einflugverhalten der drei genannten Arten zeigen, dass einfache, kausale Zusammenhänge die Einflüge allein nicht erklären können. Warum kommt es in manchen Jahren beim Auftreten hoher Schneehöhen in den Überwinterungsgebieten nicht zu Einflügen? Inwieweit können geringe Kleinsäugerpopulationen zu Einflügen führen und welche weiteren Gründe können das Abwanderungsverhalten der Tiere beeinflussen? An Hinweisen, die zur Beantwortung dieser Fragen beitragen können und kritischen Anmerkungen zu diesem Artikel ist der Verfasser sehr interessiert. Diese können an martinschuck[at]gmx.de geschickt werden. M. Schuck
Literatur
- Dierschke, V. (1997): Das Wintervorkommen von Greifvögeln im südniedersächsischen Leinetal. Gött. Naturk. Schr. 4: 95-106.
- Riedel, B. (1978): Der Kornweihen- und Rauhfußbussardeinflug im Winterhalbjahr 1976/1977 in den Landkreisen Northeim – Göttingen – Osterode. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 359-367.
Mein Dank geht einerseits an die fleißigen Beobachter, die sich bei eiskalten Wintertemperaturen trotzten, sowie allen anderen, die bei der Erstellung dieses Artikels geholfen haben: B. Bierwisch, S. Böhner, J. Bryant, G. Brunken, H.-H. Dörrie, M. Drüner, V. Hesse, U. Hinz, L. Hülsmann, H.-A. Kerl, M. Kotowska, W. Kühn, V. Lipka, T. Meineke, K. Menge, S. Paul, M. Siebner und H.-J. Thorns.
Juli 19th, 2010
Alle Achtung! Der kollektive Wutausbruch der Sportangler-Lobby im Internet und anderswo belegt, dass der NABU mit seiner Wahl richtig gelegen hat. Endlich mal kein konsensfähiger Sympathieträger, an dem sich umtriebige Vogelschützer mit Biotopverbesserungen, Nisthilfen u.ä. abarbeiten können, sondern ein umstrittener „Problemvogel“ im bleihaltigen Spannungsfeld von Naturschutz- und Naturnutzerinteressen. Die Göttinger Vogelkundler haben sich schon immer für den knorrigen Ruderfüßler stark gemacht, zuletzt in der Glosse „Neues von unerwünschten Fischfressern und pelzigen Neubürgern“ vom 27.11.2007 auf dieser Homepage. Der Wahl können sie wärmstens und zudem mit einer gewissen Genugtuung applaudieren.
Abb. 1 Foto: NABU / F. Möllers
Einst und jetzt
Die Naturgeschichte des Kormorans in unserer Region ist schnell erzählt. Bis zum Beginn der 1980er Jahre war er eine mittlere Rarität, die in Truppgrößen von weniger als zehn Individuen auftrat. Die meisten Kormorane wurden in den Jahren 1998 bis 2002 beobachtet; damals waren Ansammlungen von mehr als 200 Individuen, die sich auf dem Heim- und Wegzug am Seeburger See und an den Northeimer Kiesteichen einfanden, keine Seltenheit. Heutzutage sind Tagessummen von 80 bis 100 Individuen die Ausnahme.1998 etablierte sich an den Northeimer Kiesteichen eine Brutkolonie mit maximal 50 Nestern in den Folgejahren, die 2004 durch einen Ableger an der ehemaligen Kiesgrube im Leinepolder Salzderhelden mit 16 Nestern erweitert wurde. Obwohl sich dort zum Beginn der Brutzeit immer noch ein paar balzende Vögel aufhalten, sind beide Kolonien mittlerweile verwaist; eine erfolgreiche Brut hat in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden. Grund dafür ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Plünderung der Gelege durch Waschbären (vgl. den oben genannten Beitrag auf dieser Homepage). Der Kormoran ist daher bis auf weiteres als regional (wieder) verschwundener Brutvogel einzustufen.
Soweit die dürren Fakten, die sich recht gut in das allgemeine Bild einer rasanten Bestandszunahme bis zum Erreichen der Plateauphase mit aktuell stabilen bis leicht sinkenden Zahlen einfügen. Neben dem Waschbären hat andernorts auch der Seeadler für das Erlöschen von Kolonien gesorgt, z.B. am Steinhuder Meer. Dies zeigt, dass eine schleichende, aber durchaus nachhaltige Regulierung der Kormoran-Brutbestände ohne Pulver und Blei eingesetzt hat; diese wird in dem Maße, wie Waschbär und Seeadler sich weiter ausbreiten, noch zunehmen.
Abb. 2 Foto: M. Siebner
Der Kormoran – ein Kulturfolger der besonderen Art
Ein wesentlicher Katalysator der Bestandszunahme dieser in der alten Bundesrepublik faktisch ausgerotteten und in der damaligen DDR von Staats wegen auf 1500 Paare limitierten Brutvogelart war die nachlassende Verfolgung in den Nachbarländern und die europaweite Unterschutzstellung nach der EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979. Das vermehrte Auftreten in Süd-Niedersachsen wurde jedoch auch durch andere anthropogene Faktoren begünstigt. In unserer an natürlichen Stillgewässern armen Region entstanden in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Sekundärgewässer, im wesentlichen Kiesgruben, die - und jetzt wird’s interessant - bis auf wenige Ausnahmen sogleich von Sportanglern in Beschlag genommen und mit schmackhaften Speisefischen aller Art bestückt wurden. Hinzu kommt, dass viele unserer Gewässer durch die Klärung von Abwässern weniger mit Schadstoffen belastet und sauberer geworden sind. Permanenter Nährstoff- und Sedimenteintrag aus der industriellen Landwirtschaft und abgeregnete Stickstoffverbindungen aus dem Automobilverkehr haben jedoch vielerorts zum starken Wachstum von Wasserpflanzen geführt. Davon profitieren einige anpassungsfähige Fischarten, für andere hingegen wie z.B. die Äsche, die bei ihrer Reproduktion auf vegetationsfreie Flachzonen schnellfließender Gewässer angewiesen ist, hat sich die Lebensraumqualität verschlechtert.
Somit stehen den Kormoranen seit einiger Zeit ergiebige Nahrungsquellen zur Verfügung, die sie, wer will es ihnen verdenken, effektiv ausbeuten. Dies tun sie überwiegend an stehenden Gewässern. Nur in ausgeprägten Kältewintern fliegen sie, notgedrungen, Fließgewässer wie Leine und Rhume vermehrt an. Unsere Binnenland-Kormorane sind klassische „Kulturfolger“, die, ähnlich wie Kraniche auf abgeernteten Maisfeldern oder Gänse auf Ackerflächen mit Zwischenfruchteinsaat, von anthropogenen Veränderungen in der Nutzung von Natur und Landschaft profitieren. Dass sie dabei ihre Beute an den Rand des Aussterbens bringen, gehört ebenso ins Reich der Legende wie das Gruselmärchen von den Rabenvögeln, die angeblich Singvögel ausrotten. Wäre dem so, gäbe es in unserer Region schon seit einiger Zeit keine Kormorane mehr. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass Fischbestände von den geschickt in Gruppen operierenden Tauchjägern gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden können. Dass Fische von ihren Feinden gefressen werden, manchmal auch in Massen, ist jedoch ein ebenso natürlicher Vorgang wie z.B. die Plünderung von Seeschwalbengelegen durch räuberische Silbermöwen, die von jeher den Zorn von Vogelschützern erregt. An Rhume und Leine geschieht dies jedoch immer nur lokal und keineswegs alljährlich. Ein klarer Beleg für einen ausschließlich durch Kormorane herbeigeführten großflächigen Rückgang sogenannter „Edelfischarten“ steht für unsere Region immer noch aus. Dabei wird es wohl auch bleiben. Neben anderen ökologischen Parametern wird der Einfluss von Raubfischen und Laichräubern wie dem (ausgesetzten) Aal, der, das ergab eine Elektrobefischung 2006, mittlerweile knapp zwei Drittel des Fischbestands der Göttinger Leine stellt, mangels Interesse nicht genauer untersucht. Warum auch: Man hat ja einen idealen Sündenbock…
Kormoran-Bekämpfung zur Wiederherstellung einer intakten Natur?
Wer diese Zusammenhänge nicht kennt oder beiseite schiebt und stattdessen von „Überpopulationen“, Begrenzung der Kormoranzahlen auf ein (für wen?) „erträgliches Maß“, den gezielten „Schutz gefährdeter Fischarten“ durch Kormoran-Massenabschüsse und die Wiederherstellung eines imaginären „biologischen Gleichgewichts“ schwadroniert, für den ist auch die Dynamik ökologischer Prozesse ein Buch mit sieben Siegeln. Wer in der Tagespresse oder in Youtube-Filmchen mit dramatisch-düsterer Musikuntermalung den Einflug von 50 Kormoranen als nackten Horror präsentiert, nur weil jeder dieser Vögel, wie es nun mal seine Art ist, pro Tag ca. 350 Gramm Fisch verspeist, bewegt sich in einer unseligen Tradition der Dämonisierung vermeintlicher „Schädlinge“.
Für die Handvoll hauptberuflicher Teichwirte im Binnenland, deren materielle Existenz vom Verkauf der Fische abhängt, hat es bekanntlich schon vor der Genehmigung flächendeckender Abschüsse in fast allen Bundesländern Möglichkeiten der lokalen Vergrämung gegeben, damit sie ihr Kapital vor den gefiederten Konkurrenten schützen können - kein Naturschützer hatte etwas dagegen einzuwenden. Dabei hat sich die Überspannung von Fischzuchtanlagen mit Netzen im Vergleich zu Vergrämungsabschüssen als erheblich effektiver erwiesen.
Mittlerweile werden in Deutschland alljährlich ca. 15.000 Kormorane „zum Schutz der heimischen Tierwelt“ geschossen. Für die Sportangler-Lobby ist aber selbst dieses Blutbad an einer nach EU-Recht immer noch geschützten Vogelart nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um die Natur „wieder in Ordnung zu bringen“ fordern sie jetzt, den Bestand europaweit um 50 Prozent zu reduzieren. Die Durchsetzung dieses Vorhabens würde beispiellose Massaker in den Brutkolonien nach sich ziehen - eine Barbarei, die allenfalls mit der gnadenlosen Greifvogelverfolgung oder dem massenhaften Abschlachten von Reihern und Seevögeln zur Gewinnung von Modeschmuckfedern im ausgehenden 19. Jahrhundert verglichen werden kann.
Durch das verbreitete Aussetzen gebietsfremder Fischarten - vom Aal im Chiemsee bis zum Zander in der Kiesgrube Reinshof bei Göttingen, ganz zu schweigen von nordamerikanischen Bachsaiblingen und Regenbogenforellen - haben sich die Freizeitangler vielerorts ihre eigene, hochgradig naturferne und entsprechend aufwendig „gemanagte“ Fischfauna zusammengestellt. Diese soll jetzt mit aller Gewalt vor einem natürlichen Fressfeind geschützt werden. Es ist an der Zeit, diesem Widersinn ein Ende zu bereiten und Vernunft einkehren zu lassen.
Angler und Naturschützer haben durchaus gemeinsame Interessen, wenn es um den Schutz von Fließ- und Stillgewässern samt ihrer Flora und Fauna (zu der nun auch der Kormoran zählt) geht. In Göttingen haben beide Seiten 2007 einträchtig die Ausbaggerung der Leine für den Hochwasserschutz verhindert, und auch gegen die Planung neuer Wasserkraftwerke wird man sicher an einem Strang ziehen. Insofern sollte die Wahl des Jahresvogels 2010 von den Anglern nicht als bloße Provokation, sondern vielmehr als Angebot verstanden werden, sich gemeinsam der wahrhaft gravierenden Probleme im Natur- und Artenschutz anzunehmen, zu denen die erfreuliche Bestandszunahme eines zuvor fast ausgerotteten Wasservogels gewiss nicht zählt.
Abb. 3 Foto: M. Siebner
Kormorane beobachten – wann und wo
Am Seeburger See, an den Northeimer Kiesteichen und an der Geschiebesperre Hollenstedt halten sich, wenn die Gewässer nicht vereist sind, ständig Kormorane auf, zumeist in Ansammlungen von weniger als 50 Tieren.
Als GöttingerIn hat man es besonders leicht und bequem, den Vogel des Jahres zu sehen. Am stadtnahen Kiessee, wo nicht auf die Vögel geschossen werden darf, können sich ab Oktober 50 bis 80 Kormorane mit geringer Fluchtdistanz einfinden, die beim Zufrieren des Gewässers wieder abziehen oder auf die Leine ausweichen. Ab April sind sie wieder verschwunden, nur zwei bis drei bleiben über den Sommer. Schwärme von mehr als 200 Vögeln oder gar „Kolonien“ haben dort bislang nur ein paar Angler zu Gesicht bekommen. Das Flunkern und Übertreiben (sooo groß war der Fisch!) ist aber von jeher ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Freizeitbeschäftigung. Man sollte nachsichtig sein, aber sich zu Wort melden, wenn solche Rekordleistungen Eingang in die Berichterstattung der Tagespresse finden…
Ein kleine, subjektiv gefärbte Anregung zum Schluss: Die vorurteilsfreie Betrachtung unseres Jahresvogels bringt ans Licht, wie schön er ist. Sein Gefieder erscheint nur einfarbig schwarz. In Wirklichkeit schillert es dezent in vielen Blau- und Grüntönen. Die silbrig schimmernden Köpfe der brutwilligen Altvögel in Kombination mit dem dunklen Federkleid erinnern wahlweise an einen in Würde gealterten katholischen Prälaten oder evangelischen Propst. Die quarrenden Balzrufe klingen hingegen ziemlich unchristlich. Ein Kormoran, der regungslos auf einem Ast steht und seine ausgebreiteten Flügel von der Sonne trocknen lässt, verleiht auch dem ödesten Tümpel seinen besonderen Reiz: So soll es sein – so soll es bleiben! hd
Ausführliche Informationen über den Kormoran können der Sonderseite des NABU zum Vogel des Jahres 2010 entnommen werden. Der Verband hat eine Seite eingerichtet, auf der man sich als Kormoranfreund outen und, wenn man möchte, Diskussionen mit netten und weniger netten Zeitgenossen führen kann (www.kormoranfreunde.de).
Oktober 25th, 2009
Interview. Der Rotmilan ist eine Charaktervogelart der offenen Kulturlandschaft und eine Art mit ganz besonderer Bedeutung für den Natur- und Artenschutz. Der AGO-Mitarbeiter Gerd Brunken hat in den zurückliegenden Jahren die Brutbestände dieses eleganten Greifvogels im südlichen Niedersachsen, einem Verbreitungsschwerpunkt der Art, unter die Lupe genommen. Wir sprachen mit ihm über die Ergebnisse seiner Untersuchung.

Foto: Volker Hesse.
AGO: Herr Brunken, Sie haben sich in den letzten Jahren genauer mit dem Rotmilan in Süd-Niedersachsen beschäftigt. Warum gerade mit dieser Art?
G. Brunken: Der Rotmilan ist eine Brutvogelart mit einem kleinen Verbreitungsareal. In Deutschland brütet über die Hälfte der Weltpopulation von insgesamt nur 20.000 bis 25.000 Brutpaaren. Unsere Region gehört zu den Dichtezentren der Art. Der Rotmilan ist außerdem eine Brutvogelart des Anhangs I der EU-Vogelschutzrichtlinie. Zudem wurden in neuerer Zeit gerade in den Hauptverbreitungszentren der Art zum Teil alarmierende Bestandsrückgänge gemeldet.
AGO: Ihre Ergebnisse waren alarmierend. Was genau haben Sie herausgefunden?
G. Brunken: Im EU-Vogelschutzgebiet Unteres Eichsfeld, zu dessen drei wertbestimmenden Brutvogelarten der Rotmilan gehört, wurden 2003 bei einer ersten flächendeckenden Bestandsaufnahme noch 17,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² ermittelt. 2008 hatte sich die Zahl auf 12,5 Brutpaare bzw. Reviere pro 100 km² reduziert. Nicht brütende Revierpaare gibt es fast nicht mehr, so dass davon auszugehen ist, dass die Nichtbrüterreserve aufgebraucht ist und uns in den nächsten Jahren eine weitere Reduzierung der Brutpaarzahl droht.
AGO: Im Landkreis Göttingen wurden in der letzten Brutsaison auch Hybridbruten von Rot- und Schwarzmilanen festgestellt. Passt auch das zu der von Ihnen geschilderten Entwicklung?
G. Brunken: Ich würde noch nicht von einer Tendenz zur Hybridisierung sprechen. Allerdings waren von den ganzen sechs erfolgreichen Rotmilanbruten des Jahres 2008 zwei, die ein Mischpaar Rot-/Schwarzmilan betrafen. Es bleibt abzuwarten, ob sich in den nächsten Jahren tatsächlich eine Tendenz zu Mischpaaren herausbildet und ob diese Paare möglicherweise sogar einen Selektionsvorteil besitzen.
AGO: Kann man genaueres über die Gründe des negativen Trends sagen?
G. Brunken: Die nahrungsökologischen Untersuchungen des Jahres 2008 haben gezeigt, dass die Vögel in der offenen Agrarlandschaft nicht mehr in ausreichendem Maße Nahrung finden, um die zur Aufrechterhaltung der Lokalpopulation notwendigen mindestens zwei Jungvögel pro Paar zur Flugfähigkeit zu bringen. Die Misere kann in kurzen Worten wie folgt beschrieben werden: Bei uns hat der Rotmilan zweifellos von Flächenstilllegungen in der Landwirtschaft profitiert, die die zunehmende Intensivierung der Nutzung zumindest teilweise kompensieren konnten. Mit der Doppelförderung des Rapsanbaus auf Stilllegungsflächen ging den Kleinsäugern, die im Beutespektrum der Milane die überragende Rolle spielen, ein großer Teil an Reproduktionsraum verloren. Die endgültige Abschaffung der Flächenstilllegung durch die Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe hat die Situation für Kleinsäuger weiter verschärft. Der zweite entscheidende Aspekt ist, dass zu Beginn der Brutzeit zwar ausreichend potentielle Jagdflächen zur Verfügung stehen. Im Zeitabschnitt des höchsten Nahrungsbedarfs (Fütterung der Nestlinge) allerdings ist den Vögeln aufgrund der Vegetationsbedeckung der Hauptanbaufrüchte Wintergetreide, Winterraps, Zuckerrüben und Mais eine erfolgreiche Jagd auf den Intensivagrarflächen praktisch nicht mehr möglich. Offene Saumhabitate werden darüber hinaus zunehmend zurückgedrängt. Schnellwüchsiges Intensivgrünland ist aufgrund der hohen Düngergaben nur kurzzeitig nach den Mahdterminen als Jagdhabitat potentiell nutzbar.

Mit fortschreitender Brutzeit verschlechtert sich die Nahrungsverfügbarkeit: Zuckerrübenfeld bei Sattenhausen Ende Mai (links), rechts dieselbe Fläche Mitte Juli
AGO: Das überrascht aber schon, denn weite Teile unserer Region sind als Schutzgebiete gerade auch für den Rotmilan ausgewiesen.
G. Brunken: Das Schutzgebiet V19 (Unteres Eichsfeld) ist – wie bereits gesagt – als Reservat für den Rotmilan ausgewiesen. Bis zum heutigen Tage ist – nach gut acht Jahren – ein Schutzkonzept für die Art allerdings noch nicht einmal in Ansätzen sichtbar. Nichts unterscheidet das EU-SPA V19 von der umgebenden Landschaft. Im Gegenteil: Aufgrund der überwiegend guten Böden ist die Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung hier im regionalen Vergleich sogar besonders weit fortgeschritten. Das Verschlechterungsverbot der EU, nach dem ein guter Erhaltungszustand für die wertbestimmenden Vogelarten aufrechterhalten oder sogar wiederhergestellt werden muss, wird nicht beachtet.

Nichts zu holen für den Rotmilan und seinen Nachwuchs: Große Schläge mit Winterweizen Ende Juli (bei Wöllmarshausen).
AGO: Angenommen die von Ihnen beschriebene Entwicklung hält an: Wie könnte es dann in zehn oder zwanzig Jahren um die Art bestellt sein?
G. Brunken: Ich denke, der Rotmilan wird sich bei uns als Brutvogel auf einem niedrigen Niveau einpendeln, wenn sich die Nahrungsbedingungen nicht entscheidend verbessern. Einige Paare werden sich um die grünland- und gewässerreichen Subrosionssenken (Seeburger See, Seeanger, Lutteranger) halten. Dort, wo die Brutplätze unmittelbar an die intensive Ackerlandschaft angrenzen, hat der Rotmilan bei uns keine Zukunft.

Absolute Ausnahme in der Normallandschaft: von Mauslöchern durchsetzte Brache während der letzten großen Massenvermehrung der Feldmaus (Januar 2005 bei Bilshausen). Alle Habitataufnahmen: Gerd Brunken.
AGO: Wie könnten denn sinnvolle und vor allem wirksame Schutzmaßnahmen aussehen?
G. Brunken: In dem ehemaligen absoluten Dichtezentrum des Rotmilans im nördlichen Harzvorland hat man durch ein aufwendiges Programm versucht, den katastrophalen Rückgang des Brutbestandes (fast 90 % in ca. 15 Jahren) aufzuhalten. Mit hohem finanziellen Aufwand wurde relativ großflächig vor allem Luzerne eingesät, um die Reproduktionsbedingungen für Kleinsäuger des Offenlandes zu verbessern. Immerhin konnte der vordem miserable Bruterfolg signifikant verbessert werden. Eine Vergrößerung der Brutpopulation würde sich daraus allerdings erst in einigen Jahren herleiten lassen. Das Projekt war jedoch zeitlich befristet und so steht zu befürchten, dass zwar neue Erkenntnisse zur Nahrungsökologie des Rotmilans gewonnen wurden, für die Art selber aufgrund fehlender Nachhaltigkeit aber wenig getan werden konnte. Im Rahmen des Vetragsnaturschutzes bieten sich auch bei uns – theoretisch - Möglichkeiten, die Nahrungssituation für den Rotmilan zu verbessern. Die dafür in Frage kommenden Programme sind jedoch zeitlich befristet und für wirklich effektive Maßnahmen ist vermutlich viel zu wenig Geld vorhanden. Man sollte sich klar darüber sein, dass Habitatverbesserungsmaßnahmen, die einer zeitlichen Befristung unterliegen, grundsätzlich fehlinvestiertes Geld sind. Man verbessert für einen gewissen Zeitraum die Lebensbedingungen der Zielarten. Nach Ablauf des Förderzeitraumes ist dann im Prinzip alles wieder beim Alten. Die Nachhaltigkeit ist in keiner Weise gewahrt.
AGO: Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit – trotz dieser deprimierenden Aussichten!
Eine ausführliche Darstellung der Untersuchungsergebnisse zum Rotmilan und anderen Agrarvogelarten im EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ erscheint demnächst in den „Göttinger Naturkundlichen Schriften“, die von der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen herausgegeben wird.
Februar 27th, 2009
Soll man darüber räsonieren, dass es sich der NABU mit dem Vogel des Jahres 2009 wieder einmal recht einfach gemacht hat? Wären, nur als Beispiel, Habicht und Kolkrabe nicht bessere Kandidaten gewesen? Beide geraten zunehmend ins Visier hasserfüllter Interessengruppen und sind massiven illegalen Verfolgungen ausgesetzt. Dem anachronistischen, aber äußerst vitalen Gedankengut, das Vogelarten in nützlich und schädlich selektiert, kommt man nicht bei, wenn Jahr für Jahr konsensfähige Sympathieträger präsentiert werden.
Wie auch immer: Die Wahl des Eisvogels zum gefiederten Jahresemblem - er durfte sich bereits 1973 dieser Ehrung erfreuen - kann zum Anlass genommen werden, seine Naturgeschichte in unserer Region nachzuzeichnen.

Abb. 1: Eisvogelweibchen am Flüthewehr. Foto: M. Siebner
Historische Bestandsentwicklung
Das waldreiche niedersächsische Bergland ist kein bevorzugter Lebensraum des Eisvogels. Gleichwohl dürfte er bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch hier nicht selten gewesen sein. Das alljährliche Töten von 15 bis 60 Individuen mit Hilfe kleiner Schlagfallen allein an einer Fischzuchtanlage bei Walkenried (Arens 1909) belegt dies auf makabre Weise. In den folgenden Jahrzehnten ging es mit dem Brutbestand rapide bergab. Die Übersichten von Bruns (1949), Eichler (1949-50) und Hampel (1965) vermitteln für Süd-Niedersachsen übereinstimmend das Bild eines sehr spärlichen bis seltenen Brut- und Gastvogels mit einem regionalen Brutbestand von vermutlich weniger als fünf Paaren. Regelmäßig und über einen längeren Zeitraum besetzt war letztlich nur ein Revier an der Leine südlich von Göttingen.
Die Populationsdynamik des obligatorischen Fischfressers Eisvogel wird von jeher durch Kältewinter geprägt. Sind die Nahrungsquellen wegen Vereisung großflächig nicht erreichbar, muss unser Held verhungern. Insbesondere der Horrorwinter 1962/63, mit einer geschlossenen Schnee- und Eisdecke vom Nordkap bis Saloniki und Sevilla, brachte die bislang schwersten, über Jahre nachwirkenden Verluste. Eine 1978 auf 200 km Gewässerlänge in Süd-Niedersachsen vorgenommene Suche förderte nur eine einzige Brutzeitbeobachtung am Weendespring in Göttingen zu Tage (Schmidt et al. 1979). Die damaligen Auswirkungen von Kältewintern müssen jedoch im Zusammenhang mit anderen ökologischen Faktoren betrachtet werden: Der Winter 1962/63 konnte nur deshalb seine nachhaltig katastrophale Wirkmächtigkeit entfalten, weil Gewässerverschmutzung und rabiater Uferverbau eine Bestandserholung des Eisvogels verhinderten.
An der desolaten Situation änderte sich auch nach 1978 kaum etwas: In der weiteren Umgebung war nur der altbekannte Brutplatz an der Leine südlich von Göttingen besetzt. Die Kältewinter 1984/85 und 1986/87 bekräftigten den prekären Status: Mit Nachweisen von weniger als fünf Individuen zwischen Göttingen und Hannover geriet der Eisvogel nachgerade zur Seltenheit, deren Wahrnehmung in den Tagebüchern der Vogelkundler mit einem Ausrufezeichen versehen wurde (Dörrie 2000).
Mit den 1990er Jahren kam endlich die Wende zum Besseren. Die Gewässerbelastung mit Chemie- und anderen Industrierückständen verringerte sich; die Unterhaltungsmaßnahmen zum Zweck des Hochwasserschutzes wurden nicht mehr ganz so akribisch und klotzig in Szene gesetzt wie früher. Zwar verliefen auch die Kältewinter 1995/96 und 1996/97 für den Eisvogel alles andere als ersprießlich, doch konnten diesmal die Verluste weitaus schneller wettgemacht werden. Die gravierenden Auswirkungen des jüngsten Kältewinters 2005/06, der die Göttinger Population auf ein einsames Männchen reduziert hatte, vermochte unser Porträtvogel binnen zweier Brutperioden souverän auszugleichen.
Aktueller Status und Lebensraum
Die Größe der Brutpopulation im Landkreis Göttingen und im Altkreis Northeim kann heutzutage verlässlich mit ca. 35 bis 38 Paaren, davon acht in Göttingen und seiner südlichen Umgebung, beziffert werden. Eisvögel brüten mittlerweile regelmäßig an den strukturreichen Abschnitten von Leine, Schwülme, Harste, Garte, Rase, Rhume, Hahle, Nieste und Nieme. Auch Stillgewässer wie Kies- und Tongruben oder angestaute Bäche werden besiedelt. Optimal ist eine kleinräumige Kombination beider Gewässertypen: Sie ermöglicht den Vögeln bei Hochwasser oder nach wassertrübenden Starkregenereignissen von den Fließgewässern in klarere Fischgründe auszuweichen, in denen Futter für den hungrigen Nachwuchs erbeutet werden kann.
Die Qualität von Brut- und Nahrungsrevier bemisst sich, neben dem Vorhandensein geeigneter Brutplätzen, vor allem am Fischreichtum bzw. an dessen Erreichbarkeit, weniger an der Gewässergüte allein. Der Eisvogel ist mit einiger Wahrscheinlichkeit sekundärer Nutznießer von Eutrophierungsprozessen, die, zumindest kurz- bis mittelfristig, den Fischbestand eines Gewässers anwachsen lassen.
Der Göttinger Kiessee ist stark mit Nährstoffen befrachtet, aber voller Fische und wird deshalb von den Vögeln regelmäßig aufgesucht. 1999 und 2008 haben sie dort, vom regen Besucherverkehr und Bootsbetrieb unbeeindruckt, erfolgreich in der Böschung unter Wurzelüberhängen gebrütet. Am Wendebachstau bei Reinhausen, dessen Wasser sich auch nicht gerade durch Nährstoffarmut auszeichnet, brütet die Art mitunter ebenfalls unter einem Wurzelteller. Eisvögel, die sich seit Jahren an einem naturnahen Prallufer der schnellfließenden und flachen Garte reproduzieren, fliegen zum Beutemachen an den Leineanstau beim Flüthewehr - wenn es zur Brutzeit schnell gehen muss, mit einer Abkürzung auch ca. 800 Meter über das freie Feld. Wie man sieht, sind die Vögel recht anpassungsfähig. Das popularisierte Bild eines an Prallufer und Abbruchkanten gebundenen Charaktervogels von Fließgewässern mit Trinkwasserqualität entspricht nur bedingt der Realität.

Abb. 2: Ungenutzte Bruthöhle an der Rosdorfer Tongrube, Mai 2008. Die Brut fand letztlich woanders statt. Foto: M. Siebner.
Gefährdung und Schutz
In der bundesdeutschen Roten Liste der Brutvögel (Südbeck et al. 2007) wird der Eisvogel nicht (mehr) geführt. In der niedersächsischen Roten Liste (Krüger & Oltmanns 2007) rangiert er in Kategorie 3 („gefährdet“). Trotz des allgemein positiven Bestandstrends wird ein Eisvogelleben, das ohnehin im Schnitt nur etwas mehr als drei Jahre währt, immer noch durch allerlei Widrigkeiten beeinträchtigt. Obschon die Auswirkungen von Kältewintern den Löwenanteil der Verluste verursachen und viele Eisvögel natürlichen Fressfeinden wie z.B. dem Sperber zum Opfer fallen, sind zusätzliche anthropogene Kalamitäten in der Summe nicht zu vernachlässigen. Die direkten Nachstellungen durch Fischzüchter und Sportangler sind stark zurückgegangen, doch darf daran erinnert werden, dass nach einem Bericht im „Falken“ noch 1998 in einer bayrischen Forellenzucht Eisvögel mit Mausefallen, auf Ansitzpfählen montiert, getötet wurden. Der negative Einfluss des Menschen vollzieht sich heute eher indirekt und zumeist unbeabsichtigt: So manche Brut dürfte scheitern oder beeinträchtigt werden, wenn sich ein Sportfischer stundenlang nahe der Bruthöhle breitmacht und die Altvögel vom Füttern abhält. Auch Vogelfotografen und -beobachter mit eindimensionaler Begeisterung für alles, was farbenprächtig daherfliegt, fordern ihren Tribut, wenn sie unbedingt die Vögel bei ihrem Brutgeschäft ablichten oder „in aller Ruhe“ betrachten möchten.
Eisvögel ertrinken manchmal unter Abdeckungen von Fischzuchtanlagen (z.B. 2004 bei Oldenrode im Landkreis Northeim). Angesichts der geringen Populationsgröße sterben unverhältnismäßig viele von ihnen nach Kollisionen mit Glasscheiben, denen sie bei ihrem rasanten geradlinigen Streckenflug kaum ausweichen können. Das jüngste bekannt gewordene Opfer datiert vom 12.1.2008 am Neuen Göttinger Rathaus.
Was besondere „Artenschutzprogramme“ für den Eisvogel anbelangt, bei denen sich wohlmeinende Vogelschützer mit medienwirksamer Unterstützung von kommunalen Kreditinstituten oder Energie-Oligopolisten ihre eigene Eisvogelwand zurechtzimmern, sei vor blindem Aktionismus gewarnt. Es ist erheblicher sinnvoller und auch mit weniger materiellem Aufwand verbunden, die Unterhaltungsverbände mit Blick auf die EU-Wasserrahmenrichtline zu motivieren, an den Fließgewässern zumindest abschnittsweise der natürlichen Dynamik Raum zu geben. An den ausgeräumten Leineufern zwischen dem nördlichen Göttinger Stadtrand und Nörten-Hardenberg, wo kein einziges Eisvogelpaar brütet, ist dies mehr als überfällig. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass das Befolgen der Devise „Weniger bringt mehr“ schnelle Früchte trägt und dem Eisvogel eine gedeihliche Zukunft bescheren kann.
Offene Fragen
In der kalten Jahreszeit scheinen nur wenige Eisvögel, zumeist Männchen, im niedersächsischen Bergland auszuharren - auch in milden Wintern. Warum ist das so? Die Reviertreue der Weibchen ist augenscheinlich wenig ausgeprägt, zudem werden sie im Winter von den einzelgängerischen Männchen nicht in ihrer Nähe geduldet. Für die Jungvögel kann als gesichert gelten, dass sie bereits kurz nach dem Selbständigwerden von ihren Eltern vertrieben werden und einen Dispersionszug antreten (Bauer et al. 2005).
In unserer Region werden die meisten Reviere erst wieder im April besetzt. Wo die Revierinhaber den Winter verbringen, ist unklar und könnte allenfalls durch systematische Beringungen mit entsprechenden Kontrollfängen oder Ringablesungen erhellt werden.
Eisvögel sehen - wann und wo
Die allgemeine Bestandszunahme drückt sich auch darin aus, dass Eisvögel praktisch an jedem Gewässer, das Fische beherbergt, beobachtet werden können. Sie tauchen außerhalb der Brutzeit an den kleinen Teichen mitten im Reinhäuser Wald (im Reintal oder nahe dem Hurkutstein) auf, machen im Herbst Beute an Gartenteichen in Göttingen-Geismar oder finden sich, wie im Jahr 2000, sogar an den Wasserbecken auf dem Universitätscampus ein. Im Winter halten sie sich am Leinekanal in der Göttinger Innenstadt auf, vor allem nach dem Zufrieren der meisten Stillgewässer.
Göttinger sind in Sachen Eisvogel auf der sicheren und bequemen Seite: Sie müssen sich nicht extra an die Geschiebesperre Hollenstedt bemühen und dort von Autofahrern mit Northeimer Kennzeichen anhupen lassen, während sich die Zielart nur von ferne betrachten lässt. Auch eine Spezialexkursion zum Seeburger See, wo der Eisvogel nur unregelmäßig brütet, aber die Auemündung beständig zur Nahrungssuche anfliegt, ist nicht erforderlich. Es reicht, sich aufs Rad zu schwingen und zum Kiessee zu fahren, wo aktuell (Oktober 2008) bis zu drei gefiederte Turmaline anzutreffen sind. Klappt es dort nicht, begibt man sich einfach zum nahen Flüthewehr. Der kleine Teich auf dem Stadtfriedhof ist, obschon bereits bei wenigen Minusgraden schnell zugefroren, bis in den November eine Eisvogel-Bank mit nahezu hundertprozentiger Garantie.

Abb. 3: Teich auf dem Stadtfriedhof. Foto: N. Vagt
Unsere Stadt- und Stadtrandvögel sind in der Regel wenig scheu und lassen sich aus geringer Entfernung bewundern. Von großem Vorteil ist dabei die Kenntnis des durchdringenden Rufs, mit dem die Vögel sich ankündigen: Er erinnert an eine Hundepfeife und ist, hat man ihn einmal gelernt, allenfalls mit dem der Heckenbraunelle zu verwechseln. Stille Eisvögel, die regungslos in der Ufervegetation sitzen, sind, obwohl auffällig gefärbt, zumeist erstaunlich schwer auszumachen.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Suchen und Finden des Eisvogels vor der Haustür! hd
Literatur
- Arens, P. (1909): Zur Eisvogelfrage. Fischerei-Ztg. 12: 404-405.
- Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Aula-Verlag. Wiebelsheim.
- Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens. Orn. Abh. 3. Göttingen.
- Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
- Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.
- Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.
- Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.
- Schmidt, F.-U., M. Corsmann, N. Kolley & R. Lottmann (1979): Beiträge zur Kenntnis der Verbreitung von Eisvogel (Alcedo atthis), Wasseramsel (Cinclus cinclus) und Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) und der Qualität ihres Lebensraumes im südlichen Niedersachsen. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 2: 59-78.
- Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye & W. Knief ( 2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.
Links zum Weiterlesen
Die Jahresberichte 1999 bis 2006 (der für 2007 ist in Arbeit) des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) enthalten eine Fülle von Informationen über den Eisvogel, die in dieser kurzen Abhandlung nicht annähernd berücksichtigt werden konnten. Über Inhalt und Bezugsbedingungen informiert unsere Homepage unter „Publikationen“.
November 9th, 2008
Kommen enigmatische Vogelarten, deren Lebensweise geheimnisumwittert ist, nur in tropischen Regenwäldern oder unzugänglichen Hochtälern der Anden und des Himalaja vor? Keineswegs! Unsere extrem erschlossene Nutzlandschaft beherbergt einen gefiederten Leisetreter, der zwar bekannt ist, aber zumeist unsichtbar und kaum erforscht seinen Geschäften nachgeht: die Wachtel. Ansiedlungs- und Fortpflanzungsstrategie sowie das komplexe Migrationsverhalten dieses faszinierenden Feldbrüters werfen eine Vielzahl von Fragen auf.
Verbreitung und langfristige Bestandsentwicklung
Im europäischen Maßstab ist die Wachtel mit 2,8 bis 4,7 Millionen „Paaren” (BirdLife International 2004) ein häufiger Brutvogel. Das Gros der kontinentalen Population brütet jedoch in Ost- und Südeuropa. Der niedersächsische Bestand wird für das Jahr 2005 mit 800 rufenden Männchen angegeben (Krüger & Oltmanns 2007).
Im ackerbaulich genutzten Offenland Süd-Niedersachsens ist die Wachtel ein verbreiteter, aber spärlicher Sommergast, dessen von Jahr zu Jahr stark schwankende Populationsgröße im Landkreis Göttingen derzeit zwischen geschätzten 50 und 150 revieranzeigenden Männchen liegen dürfte. Insbesondere für die Feldfluren zwischen Bördel und Jühnde, den südlichen Göttinger Stadtrand und die Umgebung des Seeburger Sees existieren ältere Angaben, die über Jahrzehnte ein regelmäßiges und mehr oder minder kopfstarkes Auftreten belegen (Dörrie 2000). Im Grünland ist sie dagegen selten bzw. tritt nur als Durchzügler auf.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts kam die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft den brutökologischen Ansprüchen dieses ursprünglichen Steppenvogels sehr entgegen, der offene Flächen mit halbhoher, lichtdurchlässiger Vegetation und einer Deckung bietenden Krautschicht bevorzugt. Im 20. Jahrhundert setzte in ganz West- und Mitteleuropa ein großflächiger und besonders ab den 1970er Jahren galoppierend beschleunigter Bestandsrückgang ein, den Bauer et al. (2005) mit der „Beeinträchtigung durch moderne Landwirtschaft (bes. Düngemittel und Pestizideinsatz)” erklären – ein trister Befund, dessen Gültigkeit in zunehmendem Maße auf die (noch) wachtelreichen östlichen EU-Beitrittsländer übertragen werden muss.
Gleichwohl sind in den vergangenen 10 Jahren (auch) in unserer Region die Chancen beträchtlich gestiegen, dem dreisilbigen Reviergesang eines Wachtelhahns lauschen zu können. Den rauh kratzenden Auftakt zu jeder Strophe, auf dessen lautmalerische Umschreibung der deutsche Artname zurückgeht (Wember 2005), hört man aber nur, wenn der zumeist verborgene Vogel weniger als 10 bis 15 Meter entfernt ist.
Warum die Wachtel, den devastierenden Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft augenscheinlich trotzend, wieder häufiger geworden ist oder, besser gesagt, auf welchen ökologischen Faktoren dieses Paradox beruhen könnte, soll im folgenden näher beleuchtet werden. Dabei kommt man, so wie die Dinge liegen, ohne Konjunktive, Hypothesen und Mutmaßungen leider nicht aus.

Abb. 1: Männliche Wachtel. Foto: O. Krome.
Brutökologie und Migration
Wenn, was selten genug passiert, eine Wachtel vor dem Beobachter auffliegt, ist dieser erstmal baff: ein starengroßes, schwanzlos wirkendes Flugobjekt von gedrungen-ovaler Gestalt, das ansonsten nur aus einem langen Flügelpaar zu bestehen scheint! Die für einen Hühnervogel absonderliche Gestalt hat Sinn: Unter den heimischen Vertretern der Galliformes ist die Wachtel der einzige Langstreckenzieher. Auf ihren weiten Reisen ins afrikanische Winterquartier und zurück vermag sie nonstop das Mittelmeer zu überfliegen und anschließend, ebenfalls ohne weiteren Verzug, das endlose Sandmeer der Sahara. Einen solchen, von vielen anderen weitziehenden Vogelarten bekannten, Migrationshintergrund weisen jedoch nur die Angehörigen der kontinentaleuropäischen Populationen auf, die sich primär nördlich der Alpen und Pyrenäen reproduzieren. Brutvögel des Mittelmeerraums und Nordafrikas lassen es gemächlicher angehen. Sie legen kürzere Distanzen zurück und können sogar im Brutgebiet überwintern (Bauer et al. 2005).
Die Wachtel organisiert ihre Fortpflanzung in vollendeter Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen. Sie reagiert gleichermaßen plastisch wie kurzfristig auf Faktoren, die ihrem Gedeihen günstig sind und verhält sich, nach einem biologischen Fachbegriff, als vagabundierender r-Stratege. Sie ist - im Unterschied zu den im gleichnamigen französischen Zugvogelfilm mitwirkenden Gänsen und Kranichen - ein wirklicher „Nomade der Lüfte“.
Die Reproduktionsbereitschaft der Brutvögel arider Regionen wird von der Niederschlagsmenge im Spätwinter und Frühjahr bestimmt (Puigcerver et al. 1999). Deshalb kann es dort in regenreichen Jahren bereits ab Ende Januar/Anfang Februar zu regelrechten Massenvermehrungen kommen. Mit bis zu 18 Eiern fallen die Gelege, von denen ein Weibchen bis zu drei im Jahr zeitigen kann, sehr groß aus. Jungwachteln werden im Alter von ca. 80 Tagen geschlechtsreif und können bereits in ihrem ersten Lebensjahr zur Fortpflanzung schreiten.
Nach Abschluss der ersten Reproduktionsrunde begeben sich viele mediterrane Brutaspiranten (darunter auch geschlechtsreife Jungvögel) auf einen Zwischenzug nach Norden, um sich weiter zu vermehren. Dies ist durch entsprechende Ringfunde aus mehreren europäischen Staaten belegt (Bauer et al. 2005). Ein komplexes wie großflächig ausgerichtetes Dispersions- und Dismigrationsverhalten während der Brutzeit zeigen auch andere Vogelarten (darunter einige tropische Verwandte unseres Porträtvogels) - unter den eher sesshaften westpalärktischen Hühnervögeln bildet es eine spektakuläre Ausnahme.
Vom erratischen Invasionsvogel zum etablierten Nutznießer der industriellen Landwirtschaft?
Aus den oben genannten Gründen wird die Wachtel bei uns zumeist als unstete Einflugart wahrgenommen, die in manchen Jahren selten ist, dann aber wieder in deutlich höheren Zahlen in Erscheinung tritt. Warme und trockene Frühjahre im Norden scheinen den Einflügen besonders förderlich zu sein. Das überlieferte Bild weist jedoch seit einigen Jahren neue Facetten auf, die unter anderem auf den anthropogen veränderten biotischen Bedingungen in Nordafrika beruhen.
In den Maghreb-Staaten und in Ägypten hat sich die reproduktive Abhängigkeit der Wachtel von periodischen Niederschlägen zum Beginn der Brutzeit deutlich abgemildert. Gigantische Wasserbauwerke wie zum Beispiel der ägyptische Assuan-Staudamm oder der Great Man-Made River in Libyen haben, obwohl in ihren langfristigen ökologischen Auswirkungen als fragwürdig bis verheerend zu beurteilen, zu einer beträchtlichen Ausweitung permanent bewässerter Agrarflächen geführt. Davon hat neben der Produktion von Baumwolle und Zitrusfrüchten vor allem der Weizenanbau profitiert. Obwohl die einschlägigen Landesavifaunen (Goodman & Meininger 1989, Isenmann & Moali 2000, Thévenot et al. 2003, Isenmann et al. 2006) zu dieser Thematik nur wenig beisteuern, ist davon auszugehen, dass sich in einigen Regionen Nordafrikas, wie bereits von Bauer & Berthold (1996) summarisch konstatiert, die Reproduktionsbedingungen getreidebrütender Wachteln verbessert haben. Das vermehrte Auftreten in der west- und mitteleuropäischen Agrarlandschaft (nicht nur in Invasionsjahren!) könnte damit erklärt werden.
Basierend auf den regionalen avifaunistischen Jahresberichten (Schumacher 1999a, 1999b, Dörrie 2000-2007), zusätzlichen Daten und Kartierergebnissen sowie einer aktuellen Umfrage für das laufende Jahr illustriert Tabelle 1 das Auftreten der Art in Süd-Niedersachsen in den vergangenen 12 Jahren. Die (Zufalls-)Beobachtungen und Kartierergebnisse beziehen sich zu über 90 Prozent auf den Landkreis Göttingen, der Rest auf die südliche Hälfte des Landkreises Northeim. Daten nach dem Juli 2008 sind nicht enthalten.
Tabelle 1: Wachteln im Raum Göttingen und Northeim 1997-2008 (n = 434).

Der (vorläufige) „Jahrhundertsommer“ 2003 und die ebenfalls sehr warme und sonnige Brutzeit 2008 fielen wachtelreich aus. Ein gutes Jahr war auch 2001, dessen Mai überdurchschnittlich warm war; der Juni hingegen begann mit einer regenreichen Kälteperiode und lag ca. 2°C unter dem langjährigen Durchschnitt.
Tabelle 2: Monatliches Auftreten

Beim Blick auf die monatliche Verteilung der regionalen Meldungen fällt ins Auge, dass die Mehrzahl der Wachteln im Juni eintrifft. Dies passt sehr gut zum Reproduktionszyklus der südeuropäischen und nordafrikanischen Teilpopulationen. Nachweise „deutscher” Wachtelmänner, die ab Ende April bis Mitte Mai auf sich aufmerksam machen, sind damit verglichen nur sehr spärlich. Ende Mai eintreffende Individuen könnten ebenfalls schon aus dem Mittelmeerraum stammen.
Wo lassen sich die Vögel nieder? Die Zeiten der extensiv betriebenen Dreifelderwirtschaft mit ihren durchweg hohen Wachtelzahlen sind ferne Geschichte. Heute dominieren agrarindustrielle Nutzungsformen, deren euphemistisch-sedierende Umschreibung als „ordnungsgemäße Landwirtschaft” die ganze Ödnis für Kundige eher enthüllt als bemäntelt.
George (2004) gelangt bei seiner gründlichen Analyse der Habitatpräferenzen von Wachteln in der Agrarlandschaft Sachsen-Anhalts zu dem Ergebnis, dass zu DDR-Zeiten die höchsten Siedlungsdichten auf selbstbegrünenden Ackerbrachen, in Luzerne-Graspflanzungen und im Sommergetreide erreicht wurden. Wie die DDR - die entgegen westlichen Verlautbarungen alles andere als ein einziges ökologisches Katastrophengebiet war! - sind auch diese wachtelfreundlichen Strukturen mittlerweile Vergangenheit. Schon 1994 war das Wintergetreide in Sachsen-Anhalt auf den ersten Platz der angebauten Fruchtarten vorgerückt, gefolgt vom Winterraps: Westniveau erreicht! Gleichwohl hat der Wachtelbestand in unserem östlichen Nachbar-Bundesland durch die Ausweitung des Wintergetreideanbaus zugenommen, was George zu dem Fazit veranlasst, „dass die Wachtel wohl die einzige Brutvogelart ist, der der drastische Verlust an Vielfalt in der Agrarlandschaft Ostdeutschlands seit der Wiedervereinigung offensichtlich nicht geschadet hat”.
In Süd-Niedersachsen liegen die Dinge ähnlich. Auf den meisten Ackerbrachen und obligatorischen Stillegungsflächen wurde schon jahrelang vor deren Stornierung 2007 der für bodenbrütende Agrarvögel pessimale Energieraps angepflanzt. Mittlerweile wachsen auf ungefähr 80 Prozent der ackerbaulich genutzten Fläche Wintergetreide und –raps. Mais und Triticale rücken mächtig auf. Von allen aktuellen Anbaupflanzen weist nur das Wintergetreide ökologisch-strukturelle Komponenten geeigneter Wachtelhabitate auf. Dennoch haben auch in unserer Region die Beobachtungen insgesamt zugenommen.
Mehr als 90 Prozent (!) der regionalen Nachweise stammen von Winterweizen-, Wintergerste- oder Triticaleschlägen. Mit bis zu 11 rufenden Männchen/100 ha - wie 2008 in der Feldmark Sattenhausen oder 2001 in der Feldmark Geismar-Süd - sind solche Schläge in manchen Jahren für deutsche Verhältnisse dicht besiedelt. Wahrnehmungen in Erbsen- und Kartoffelfeldern oder Sonderkulturen, deren Flächenanteil jeweils unter einem Prozent liegt, fallen dagegen kaum ins Gewicht. Die artenreichen Blühstreifen des Rebhuhnschutzprojekts im Landkreis Göttingen werden (ausnahmsweise) nur dann genutzt, wenn sie an Getreideschläge grenzen. Sie sind in der Regel im Juni dicht bewachsen; besonders in den zweijährig gemähten Bereichen ist die Vegetation geradezu verfilzt.
Bereits im avifaunistischen Jahresbericht 2000 für die Region Göttingen und Northeim (Dörrie 2001) wurde das paradoxe Phänomen zunehmender Wachtelbeobachtungen bei gleichzeitiger Monotonisierung der Agrarlandschaft mit einem ähnlichen Fazit bedacht wie bei George (2004): „… es hat den Anschein, dass die Wachtelbestände nicht so stark von der agrarindustriellen Umgestaltung der Landschaft betroffen sind wie die des Rebhuhns“. Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Sichtweise jedoch als ziemlich eindimensional: sie bedarf einer (selbst-)kritischen Korrektur.
Die folgenden Fotos zeigen einen ca. 15 Hektar großen Winterweizenschlag am Diemardener Berg südlich von Göttingen, in dem ab Ende Mai vier Männchen ihren Reviergesang hören ließen. Der Anblick ist durchaus nicht untypisch.
Abb. 2: Endlos und strukturarm. Die Vegetation besteht aus einer einzigen Pflanzenart.
Abb. 3: Traktoren-Spritzschneisen sind die einzigen Offenstellen. Sie sind jedoch ab Mitte Juni ebenfalls zugewachsen.
Abb. 4: Die Halme stehen im dichten Gewirr.
Abb. 5: Die Randstreifen sind schmal, artenarm und nährstoffreich. Immerhin: die Wege sind (noch) nicht asphaltiert. Alle Fotos: N. Vagt.
Angesichts dieser elegisch stimmenden Bilder ist die Frage angebracht, ob Wachteln in einem derart monotonen, nahezu steril anmutenden Lebensraum überhaupt in der Lage sind, sich erfolgreich zu reproduzieren. Können sie und ihr Nachwuchs sich zwischen den dicht stehenden Pflanzen bewegen? Und wenn ja, wie viele Insekten welcher Arten finden sie dort als Nahrung vor?
Ein weiteres Indiz für die faktische Unbewohnbarkeit solcher Flächen für bodenbrütende Feldvögel ab Ende Mai (wenn die meisten Wachteln eintreffen!) liefert die im Vergleich zur Wachtel kleinere und erheblich anpassungsfähigere Feldlerche Alauda arvensis. Sie nutzt die im zeitigen Frühjahr noch niedrig und lückenhaft stehende Vegetation bevorzugt für ihre Erstbruten. Nach deren Abschluss muss sie für die Zweitbruten auf Randstreifen oder Rübenfelder (soweit vorhanden) ausweichen. Zweitbruten im hoch und dicht stehenden Wintergetreide sind bei der Feldlerche die Ausnahme und allenfalls auf witterungs- oder bearbeitungsbedingten Störstellen möglich (Dörrie 2002b, Brunken 2007). Dies dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit auch auf die ab dem Spätwinter in mediterranen Getreideschlägen brütenden Wachteln zutreffen. Im Unterschied zur Feldlerche versuchen diese jedoch, Folge- bzw. im Fall der geschlechtsreifen Jungvögel auch Erstbruten in Feldern vorzunehmen, die Tausende Kilometer vom Platz der Erstbrut oder dem Geburtsort entfernt liegen. Die potentiellen Bruthabitate sind aber wegen der jahreszeitlich fortgeschrittenen Vegetationsentwicklung kaum noch nutzbar und werden zudem bereits sechs bis acht Wochen nach dem Eintreffen der Vögel abgeerntet: das Zeitfenster für eine erfolgreiche Reproduktion ist zu klein. Verschärfend tritt hinzu, dass die Wachtel in der industriellen Agrarlandschaft (notgedrungen) auf Getreidefelder angewiesen ist und daher, anders als die Feldlerche, alternative Kulturpflanzen wie Zuckerrüben nicht nutzen kann. Zeugt all dies nicht vom Tappen in eine ökologische Falle?!
Reproduktion
Womit wir bei den Bruten wären. Um es kurz zu machen: Darüber ist aus unserer Region so gut wie nichts bekannt. Aus dem Jahr 1966 liegt ein historischer Gelegefund aus der Umgebung von Varlosen vor (Schelper 1966). Zwei weitere Hinweise könnten auf erfolgreiche Bruten gedeutet haben: 1994 apportierte eine Katze in Diemarden einen (von ihr erbeuteten?) Jungvogel (Dörrie 2002b). Im August 2001 lief ein (Familien?-)Verband von 10 Vögeln auf einem ökologisch bewirtschafteten Kartoffelfeld bei Ebergötzen vor dem Traktor her (Dörrie 2002a).
Ein ähnlich ernüchterndes Bild vermittelt die Maßstäbe setzende, für Deutschland bislang einzigartige Untersuchung von Flade et al. (2003) im Rahmen des Schorfheide-Chorin-Projekts in Brandenburg. Trotz aufwendiger Kartierung, Fang und der Besenderung von 30 Vögeln (28 Männchen, zwei Weibchen) konnten nur fünf Gelege von drei Weibchen (drei auf Stillegungsflächen und je eine auf einem abgefrorenen Getreide- und einem Erbsenfeld) dokumentiert werden. Zwei Bruten mit Schlupferfolg gingen durch Prädation verloren. Die anderen drei Gelege wären durch Ernte bzw. Mahd vernichtet worden, wenn die Biologen nicht eingeschritten wären. Ob auch nur eine einzige Brut positiv (mit flugfähigen Jungvögeln) verlief, musste letztlich offenbleiben.
Dieser düsteren Szenerie könnte indirekt entsprechen, dass in unserer Region mit vergleichsweise wenig Aufwand erfolgreiche Bruten des Rebhuhns Perdix perdix zu finden sind - obwohl unser zweiter autochthoner Agrarland-Hühnervogel in der Brutzeit deutlich schwerer auszumachen ist als balzende Wachtelhähne. Das Rebhuhn ist jedoch ein ausgeprägter Standvogel, dessen Bruterfolg wegen seiner Reviertreue bis in den Winter anhand der sogenannten „Ketten“ dokumentiert werden kann. Zudem ist es kein ausgewiesener Getreidebrüter, sondern bevorzugt reicher strukturierte Agrarflächen mit einem gewissen Grünlandanteil. Der Vergleich hinkt also.
Dennoch: Vieles deutet darauf hin, dass die einfliegenden Wachteln (vermutlich zumeist Männchen) zwar nach Kräften versuchen, sich zu verpaaren und im Einzelfall vielleicht auch brüten. Ihr Erfolg dürfte jedoch letztlich gegen Null tendieren.
Abb. 6: Leider keine Wachteln, sondern „nur“ junge Rebhühner, ca. zwei Monate alt. Foto: E. Gottschalk.
Gefährdung und Schutzstatus
Auf eine Bestandserfassung der besonderen Art, die alljährlich im Mittelmeerraum und in Nordafrika Hunderttausende Wachteln in den Kochtöpfen enden lässt, kann hier aus Platzgründen nur kurz verwiesen werden. Immerhin gewähren gebietsweise die oben erwähnten bewässerten Agrarflächen den Vögeln mittlerweile mehr Schutz als die ursprünglich spärliche Vegetation in Küstennähe, wo in der Zugzeit kilometerweit praktisch jeder Busch mit Netzen zum Fang der Vögel überspannt ist. Wer sich für Einzelheiten des seit Olims Zeiten betriebenen Wachtelfangs am Mittelmeer interessiert, sei auf Goodman & Meininger (1989) verwiesen.
In der Europäischen Union fallen jedes Jahr ca. 2,5 Millionen Individuen einer anachronistischen Freizeitbeschäftigung zum Opfer, die von ihren Protagonisten als „nachhaltige Nutzung wildlebender Tierbestände” camoufliert wird (Hirschfeld & Heyd 2005). In Deutschland genießt die Wachtel, immerhin, seit längerem eine ganzjährige „Schonung”, gilt aber nach Bundesrecht prinzipiell als „jagdbar” (für alle Fälle).
Zu den oben beschriebenen Widrigkeiten, denen die Wachtel durch die „ordnungsgemäße” Landwirtschaft ausgesetzt ist, hat sich seit kurzem eine Novität gesellt, die in ihren verheerenden Auswirkungen auf Agrarbrüter alles bisher dagewesene in den Schatten stellen dürfte: das sogenannte „Zweikulturen-Nutzungssystem” als brutalstmögliche Produktionsform nachwachsender Rohstoffe (Biogas, Bioethanol etc.). Es funktioniert folgendermaßen: Zunächst wird auf einer Fläche Getreide (in der Regel Roggen) eingesät, der bereits ab Ende Mai als „Grünroggen” abgeerntet und siliert wird. Nach einer zwei- bis dreitägigen Pause erfolgt eine zweite Ansaat, in der Regel Mais. Er wandert im Herbst in die Anlage. Das „Zweikulturen-Nutzungssystem“ verursacht das komplette Scheitern aller Bruten von Agrarvögeln. Allenfalls die Feldlerche könnte theoretisch, wenn sie sich sehr beeilt, die Erstbrut hochbringen, alle anderen Gelege und Jungvögel von später brütenden Arten (zu denen auch die Wachtel zählt), werden buchstäblich geschreddert. Der Landkreis Göttingen hat jüngst den Bau einer Biogasanlage mit „Zweikulturen-Nutzungssystem” auf knapp 200 Hektar Fläche bei Duderstadt genehmigt. Einwendungen von Naturschützern im Rahmen der Verbandsbeteiligung wurden mit dem Verweis auf die „ordnungsgemäße” Landwirtschaft und die allenfalls sehr lokale Gefährdung von Feldbrütern abgeschmettert. Das nächste Bauvorhaben dieser Art mit wiederum nur lokalen Auswirkungen (weil nach der sattsam bekannten Salami-Methode jede Anlage separat bewertet wird) dürfte nicht lange auf sich warten lassen…
Das in Tabelle 2 dargestellte Auftreten von Wachteln, mit auffallend wenigen Nachweisen aus dem April und (aus der Tabelle nicht unmittelbar ersichtlich, aber mit den Daten belegbar) der ersten Maihälfte, könnte ein Beleg dafür sein, dass sich der Bestand „heimischer” weitziehender Brutvögel immer noch auf einem historisch niedrigen Niveau bewegt. Die signifikante Zunahme von Nachweisen südlicher Gäste kaschiert diesen Umstand lediglich. Insofern ist die Entlassung der Wachtel aus der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten Deutschlands (Bauer et al. 2002) durchaus kritisch zu sehen. In der niedersächsischen Roten Liste wird sie dagegen mit größerer Berechtigung in Kategorie 3 („im Bestand gefährdet”) geführt (Krüger & Oltmanns 2007).
Abb. 7: Quo vadis? Foto: O. Krome.
Resümee und zukünftige Aufgaben
Aus dem bisher gesagten wird ersichtlich, dass die (vermeintliche) Erfolgsgeschichte der Wachtel vielleicht gar keine ist. Ob und wie die Vögel mit den Rahmenbedingungen der industriellen Landwirtschaft klarkommen, ist bestenfalls ungewiss. Die zweifellos gegebene Zunahme balzender Männchen (über die Weibchen ist so gut wie nichts bekannt!) beruht in hohem Maße, wenn nicht ausschließlich, auf zuwandernden Vögeln aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika. Teilen diese Wachteln das Schicksal anderer südlicher Invasionsarten, die hier landen und wieder verschwinden, ohne sich fortpflanzen zu können? Obwohl einiges dafür spricht, steht eine schlüssige, auf belastbare Daten gestützte Antwort aus.
Um so notwendiger ist es, die Dynamik des Auftretens weiterhin zu dokumentieren und, wenn möglich, den einen oder anderen Brutnachweis zu erbringen. Nach wie vor bestehen in unserer Region räumliche Erfassungslücken, vor allem auf den Agrarflächen westlich der Leine. Bei so manchen „Rebhühnern”, deren Jäger und Landwirte auf ihren Patrouillen und Arbeitsfahrten in Feldmarken ansichtig werden, in denen jahrzehntelang kein Rebhuhn mehr gesehen wurde, dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Wachteln gehandelt haben.
Bedauerlicherweise meiden viele Feldornithologen die Agrarlandschaft und ziehen die artenreicheren Feuchtgebiete vor. Letztere sind aber durch den gleichnamigen Hämorrhoiden-Porno von Charlotte Roche ein wenig in Verruf geraten - vielleicht ist dies ja eine zusätzliche Motivation, sich auf den Acker zu machen und der rätselhaften Wachtel nachzuspüren…
Dank
Der Verf. dankt Mischa Drüner, Silvio Paul, Martin Schuck, Mathias Siebner und Andreas Stumpner, die Beobachtungsmaterial aus dem Jahr 2008 zur Verfügung stellten sowie Ole Krome für seine Wachtelfotos. Die Wachtelhabitat-Fotos von Nikola Vagt können den leicht depressiven Grundton dieses Vogelporträts naturgemäß nicht aufhellen – dies ändert aber nichts an meiner Verbundenheit ihr gegenüber. G. Brunken führte in diesem Jahr im 130 km² großen EU-Vogelschutzgebiet V 19 (Unteres Eichsfeld) eine Bestandserfassung des Rotmilans und anderer Kulturlandarten durch. Ohne seine aussagekräftigen, zudem großflächig gewonnenen Daten wären die Auswertung des Einflugs 2008 und auch diese kleine Abhandlung nicht zu realisieren gewesen…hd
Literatur
Bauer, H.-G. & P. Berthold (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas. Aula-Verlag. Wiesbaden.
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Wember, V. (2005): Die Namen der Vögel Europas. Aula-Verlag. Wiebelsheim.
August 1st, 2008

Mit dem Kuckuck als „Vogel des Jahres 2008“ hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Der Frühlingsbote ist nicht nur populär, sondern unter den einheimischen Vögeln in vielerlei Hinsicht ein Unikum.
Die meisten Menschen kennen diesen faszinierenden Brutparasiten vor allem wegen des weittragenden Rufs der Männchen, dem er seinen in vielen Sprachen gleichlautenden oder ähnlichen Namen verdankt. Die heimlichen, aber für die Populationsgröße ausschlaggebenden Weibchen geraten viel seltener ins Blickfeld. Kuckucksbruten werden von Normalbürgern und Feldornithologen meist nur durch Zufall entdeckt. Der Anblick eines bräsigen Fressacks, der das Nest seiner Adoptiveltern bis an den höchsten Bord ausfüllt, ist unvergesslich, ebenso die Fütterung, bei der die kleinen Wirtsvögel bis zur Hälfte im gefräßigen Schlund ihres Zöglings verschwinden. Die menschliche Reaktion auf diese bizarre Szenerie ist in der Regel eine Mischung aus Faszination, Mitleid mit den genarrten Wirtsvögeln und uneingestandener Bewunderung für die Durchsetzungskraft des rabiaten Wechselbalgs.

Beide Fotos: NABU Deutschland
In Süd-Niedersachsen ist der Kuckuck, wie anderswo auch, deutlich seltener geworden. Der Bestand - soweit er nach den weit umherfliegenden Männchen erfasst werden kann - liegt heute bei ungefähr 100-120 Rufern und konzentriert sich im wesentlichen auf Feuchtgebiete und naturnahe Fließgewässerauen. Auch dort, wo (noch) strukturreiches Agrarland vorhanden ist, kommt er vor, allerdings in eher geringer Dichte.
Wer in Zeiten steigender Benzinpreise auf kurze Wege angewiesen ist oder gerne Rad fährt, wird den „Vogel des Jahres 2008“ mit hoher Wahrscheinlichkeit an der ehemaligen Bauschuttdeponie Geismar, der Kiesgrube Reinshof oder am Rückhaltebecken Grone antreffen. Ein Besuch von Seeburger See und Seeanger im Eichsfeld ist gleichsam eine Bank für Kuckucksbewunderer. Um sicher zu gehen, sollte man die Exkursion aber erst ab Anfang Mai vornehmen. Die Erstbeobachtung (früher vermessen „Erstankunft“ genannt) von Kuckucken, die aus ihrem afrikanischen Winterquartier zurückkehren, erfolgte in den vergangenen 10 Jahren im Durchschnitt am 23. April. Bereits Anfang bis Mitte Juli räumen die meisten Altvögel ihr Revier, flügge Jungvögel lassen sich noch regelmäßig im August und vereinzelt im September blicken. Die späteste Beobachtung stammt vom 26.9.1993 aus der Umgebung von Bettenrode (Dörrie 2000).
Gründe für den Bestandsrückgang
„… ruft’s aus dem Wald“. Das war einmal. In den geschlossenen Waldgebieten der Region fehlt der Kuckuck mittlerweile vollständig. Ein ähnlich düsteres Bild bietet die ausgeräumte Agrarlandschaft. Pieper- und Stelzenarten sind seit jeher beliebte Wirtsvögel. Parallel zum Kuckuck ist auch der Baumpieper aus den Wäldern verschwunden - unter anderem als Folge von Eutrophierungsprozessen und der „naturnahen“ Bewirtschaftung, die den Baumbestand in einem dunklen Stadium bewahrt und weitgehend auf Kahlschläge verzichtet. Der Wiesenpieper hat sich aus weiten Teilen der Agrarlandschaft verabschiedet. Dort sind kaum noch mäßig gepflegte Randstrukturen vorhanden, die ein Brüten ermöglichen. Der allgemeine Grünlandschwund und die intensivierte Bewirtschaftung der verbliebenen Parzellen mit bis zu fünf Schnitten im Jahr haben ein übriges getan. Ob der aktuell wieder ansteigende Schafstelzenbestand den einen oder anderen Kuckuck auf die Äcker lockt, bleibt abzuwarten.
Wirtsvögel und Lebensraum
Kuckucke, besonders die Weibchen, sind auf das Habitat geprägt, in dem sie geboren wurden, die Geburtsortstreue ist recht hoch. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass die Weibchen zeitlebens auf eine einzige Wirtsvogelart geprägt sind (Davies 2000).
Als unfreiwillige Eltern eines jungen Kuckucks sind bei uns Hausrotschwanz, Bachstelze, Gartengrasmücke sowie, vor allen anderen, Sumpf- und Teichrohrsänger bekannt. Damit erklärt sich auch, warum die Art heute in Gebieten mit Röhrichtbeständen (Teichrohrsänger) und an Fließgewässern mit strukturreichen Galeriegehölzen bzw. Brennessel- und Rohrglanzgrasbeständen (Gartengrasmücke, Sumpfrohrsänger) ihren regionalen Verbreitungsschwerpunkt hat.
Die Bachstelze wurde interessanterweise 1999 auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kerstlingeröder Feld als Wirtsvogel nachgewiesen, wo noch eine gute Population von Baumpiepern existiert. Seitdem liegt aus diesem optimal erscheinenden Habitat kein weiterer „Brut“nachweis vor - vielleicht ein Indiz dafür, dass die regionale Population von „Baumpieper-Kuckucksweibchen“ nach dem Bestandsrückgang der Wirtsvogelart und der zunehmenden Verinselung ihrer Verbreitung ab den 1980er Jahren erloschen ist. Allerdings gibt es auch gegenläufige Phänomene, die im folgenden behandelt werden.
Der Kuckuck – ein herausragendes Opfer des Klimawandels?
In der Tagespresse und in populärwissenschaftlichen Verlautbarungen kursieren, bislang weithin unwidersprochen, plakative Mutmaßungen, nach denen unser Jahresvogel in besonderem Maße unter der Klimaerwärmung leide, weil einige Wirtsvogelarten ihr Zug- und Brutverhalten geändert und die Eiablage vorverlegt hätten. Nach seiner Rückkehr fände der Kuckuck deshalb immer öfter Nester seiner Wirtsvögel mit bereits geschlüpften Jungvögeln vor und könne sich nicht mehr reproduzieren. So schlüssig dies klingt: Stichhaltige Belege in Form valider Ergebnisse von Langzeituntersuchungen gibt es dafür nicht, zumindest nicht in der seriösen Fachliteratur. Früherer Brutbeginn ist vor allem bei einigen Vogelarten des Siedlungsbereichs belegt. In diesem Habitat ist der Kuckuck aber noch nie als Revierbesetzer vorgekommen. Zudem profitieren von den klimatischen Vorzügen des Stadtlebens in erster Linie Amseln, höhlenbrütende Meisen und Finkenvögel, die auch abseits der Siedlungen nur selten vom Kuckuck parasitiert werden.
Es kommt aber noch abstruser: Weil die Bruten der Wirtsvögel sich in den Ebenen verfrühen, ist unser armer Jahresvogel gezwungen, in die Mittelgebirge (z.B. die Hochlagen des Harzes) auszuwandern! Mit der realen Ausbreitungs- und Ansiedlungsdynamik von Vögeln hat dieses Szenario genau so viel zu tun wie das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, die ihrer Heimat den Rücken kehren mussten, um „etwas besseres als den Tod“ zu finden. Durch das Albrecht von Haller-Institut der Universität Göttingen in einer Literaturstudie „wissenschaftlich“ abgesichert, wurde die Mär vom klimabedingten Exodus ab September 2004 vom Bundesamt für Naturschutz in die Welt posaunt. Gewiss: In den Hochlagen des Harzes hat der Kuckuck zweifellos im Bestand zugenommen (H. Zang, mdl. Mitteilung) - aber nicht wegen Abwanderung aus den Ebenen, sondern als Ergebnis des von verfrachteten Schwefeldioxid-Emissionen verursachten „Waldsterbens“. Wo bis in die 1980er Jahre dunkle, vom Kuckuck unbesiedelbare Fichtenwälder vorherrschten, erstrecken sich heute weite Offen- und Aufwuchsflächen, die an Kahlschläge erinnern und vielen Wirtsvögeln, insbesondere Baumpiepern, einen Lebensraum bieten. Es spricht für die ökologische Plastizität des Kuckucks, dass er dieses neu entstandene Habitat schnell besiedelt hat. In den Alpen ist er seit Jahrtausenden ein erfolgreicher Nutznießer der großen Bergpieper-Populationen. Mit den seit etwa 15 Jahren insgesamt wärmeren Sommern hat die Besiedlung montaner und alpiner Lebensräume durch den Kuckuck rein gar nichts zu tun. Für den anhaltenden Bestandsrückgang in West- und Mitteleuropa ist der durch „naturnahe“ Waldbewirtschaftung und industrielle Landwirtschaft (der mit Abstand größte Artenkiller!) bedingte anthropogene Schwund von Wirtsvögeln die Hauptursache - und nicht der Klimawandel!
Besonderheiten
In Süd-Niedersachsen ist die anderswo seltene braune Weibchen-Morphe recht häufig anzutreffen. Gebietsweise (z.B. um Göttingen) gehören bis zu 30 Prozent der Weibchen dieser Farbvariante an. Warum dies so ist, weiß man nicht.
Überhaupt ist aus dem Leben dieser vergleichsweise gut bearbeiteten Vogelart noch vieles unbekannt. Wer sich über Forschungsergebnisse und -lücken sachkundig machen möchte, sei auf das ausgezeichnete und gut lesbare Brutparasiten-Buch von Davies (2000) verwiesen. hd
Literatur
- Davies, N.B. (2000): Cuckoos, cowbirds and other cheats. Poyser, London.
- Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
November 3rd, 2007
Ab Mitte Juni 2007 kam es im Göttinger Stadtgebiet zu einem bemerkenswerten Einflug von Wachtelkönigen.
Wachtelkönig in typischem Lebensraum. Foto: SVS/BirdLife Schweiz, Zürich.
Rufende Männchen erschienen in mindestens sechs verschiedenen Gebieten und konnten hier teilweise bis in die zweite Julidekade gehört werden. Die Rufplätze befanden sich in der Regel in hochwüchsigem Mähgrünland oder in Brachen.
Über die Ursachen des Einflugs, der sich auch in anderen Regionen (z.B. Westfalen) manifestierte, sind letztlich nur Spekulationen möglich. Die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Göttingen hat sich erfolgreich um den Schutz der Vögel bemüht und eine Verschiebung der Mähtermine soweit wie möglich nach hinten erreicht.
Der Wachtelkönig ist ein Brutvogel offener, hochgrasiger und möglichst extensiv bewirtschafteter Grünlandflächen. Als Optimalhabitate gelten in Mitteleuropa Überschwemmungsauen in Flussniederungen, Niedermoore sowie ungedüngte, feuchte Mähwiesen. Zu nasse Flächen werden gemieden, eher trockene, intensiv genutzte landwirtschaftliche Schläge besiedelt der Wachtelkönig unregelmäßig. Die Besiedlung typischer Kulturlandhabitate hat unter – erheblichen regionalen Unterschieden – in neuerer Zeit deutlich zugenommen.
Mehr als 50 % der Weltpopulation des paläarktisch verbreiteten Wachtelkönigs lebt in Europa mit Schwerpunkt im Osten des Kontinents. Wachtelkönige sind Langstreckenzieher, die im tropischen Afrika südlich der Sahara überwintern. Der größte Teil der Vögel bevorzugt südliche bis südöstliche Wegzugrichtungen und meidet somit Mitteleuropa. Die Besetzung der Brutplätze erfolgt hier in der Regel im Laufe des Mai und kann sich bis deutlich in den Juni hineinziehen.
Als Konsequenz eines sehr dynamischen Siedlungsverhaltens tritt der Wachtelkönig als Brutvogel in jahrweise stark schwankenden Beständen auf. Ortswechsel auch über längere Distanzen sind als Folge agrarischer Bewirtschaftungsweisen oder von Wettereinflüssen normal und erschweren oft die Einschätzung von Populationsgrößen.
Nach katastrophalen Bestandsrückgängen vor allem zwischen 1970 und 1990 in den meisten Regionen Europas galt der Wachtelkönig zeitweise als eine der am stärksten gefährdeten Vogelarten. Ab den 1990er Jahren setzte in den meisten europäischen Populationen eine Bestandskonsolidierung ein, ehedem verlassene Areale wurden wiederbesiedelt.
Bis zum Jahr 2000 galt der Leinepolder bei Salzderhelden als einziges Gebiet Süd-Niedersachsens mit regelmäßigem Wachtelkönigvorkommen. Der Bestand in den 1970er und 1980er Jahren wurde auf ca. 15 – 20 rufende Männchen geschätzt. Der Bruterfolg war vermutlich minimal, weil die besiedelten Flächen viel zu früh gemäht wurden. Naturschutzmaßnahmen im Polder ließen den Bestand ab Mitte der 1990er Jahre auf bis zu 50 rufende Männchen ansteigen, auch Bruterfolge konnten vermeldet werden.
Über frühere südniedersächsische Vorkommen abseits der Leineniederung zwischen Northeim und Salzderhelden liegen nur wenige Mitteilungen vor. Wiederholte Hinweise auf Brutvorkommen gab es seit den 1930er Jahren vor allem von der Leineniederung südlich Göttingens, aus der Umgebung Nikolausbergs, der Region um den Seeburger See und in letzter Zeit aus der Feldmark um Reckershausen und Reiffenhausen.
Innerhalb des jetzigen Stadtgebiets von Göttingen trat der Wachtelkönig außerhalb von Leineniederung und Nikolausberg erstmals 1999 auf dem Kerstlingeröder Feld auf. Während eines Einflugs 2002 riefen hier maximal vier Männchen und es gelang ein Brutnachweis. Um Herberhausen riefen im selben Jahr gleich neun Vögel. Ebenfalls 2002 wurde jeweils ein rufender Wachtelkönig von der ehemaligen Bauschuttdeponie in Geismar und dem Diemardener Berg gemeldet.
Während des Einflugs 2002 wurden auffallend oft suboptimal erscheinende Habitate in höheren Lagen besiedelt. Zumindest für einen Teil der Vögel dürfte die Herkunft klar sein. Starke Niederschläge im Mai führten zu einem Hochwasser in der Leineniederung zwischen Salzderhelden und Northeim und veranlassten offensichtlich mindestens einen Teil der Vögel zum Ausweichen in höher gelegene Gebiete.
Im Juni/Juli 2007 dürften insgesamt acht bis neun Männchen im Bereich der Stadt Göttingen gerufen haben (s. Karte). Nicht auszuschließen sind räumliche Verlagerungen, wie sie bei der kleinen Gruppe von Rufern im Wassergewinnungsgelände nachgewiesen wurden, auch zwischen den Rufplätzen.
Maximal vier gleichzeitig rufende Wachtelkönige wurden im Wassergewinnungsgelände südlich der Stegemühle verhört (s. Karte). Bei der Fläche südlich des Wasserwerks handelt es sich um ungemähtes, hochgrasiges Grünland. Hinsichtlich der Vegetationshöhe und der damit verbundenen Deckungsmöglichkeiten erscheint die Fläche als Bruthabitat optimal. Ähnlich strukturiert ist die angrenzende “Drachenwiese” mit einem erhöhten Anteil krautiger Pflanzen. Strukturell abweichend ist der nördliche Rufplatz, weil dieser sich in der Nähe zweier Gebüschgruppen befindet. Die Ansiedlung der Vögel im Wassergewinnungsgelände wurde durch die feuchte Witterung ermöglicht, die das in anderen Jahren übliche Mähen ab Juni nicht zuließ.

Östliches Wassergewinnungsgelände (von der Kiesseestraße aus). Alle Habitataufnahmen: G. Brunken.
Im nordwestexponierten Hangbereich der ehemaligen Bauschuttdeponie Geismar (Entfernung zum Wassergewinnungsgelände ca. 2,7 km) wurde ein weiteres rufendes Männchen festgestellt. Strukturell ähnelt die Brache dem Grünland südlich der Stegemühle.
Ein weiterer Rufplatz existierte im südwestexponierten Hangbereich des Diemardener Berges (Landkreis Göttingen, Samtgemeinde Gleichen). Die Entfernung zum Wassergewinnungsgelände beträgt ca. 3,5 km. Das Habitat ist eine von Luzerne dominierte Brache, die zur Lebensraumverbesserung der ansässigen Rebhuhnpopulation eingesät wurde. Beide Rufplätze südlich von Geismar waren auch beim Einflug 2002 von rufenden Wachtelkönigen besetzt.
Ehemalige Bauschuttdeponie Geismar
Blühstreifen am Diemardener Berg
Östlich des Stadtkerns rief ein Wachtelkönig auf dem Kerstlingeröder Feld in hochwüchsigem Extensivgrünland.
Auf dem Uni-Nordgelände westlich des Neuen Botanischen Gartens unterhalb des Fassbergs hielt sich ein rufender Wachtelkönig in einer hochwüchsigen Brache auf. Ein Individuum rief im mittleren Bratental zwischen Roringen und Nikolausberg auf einer südostexponierten, stark hängigen Brache.
Brache im Neuen Botanischen Garten
Brache im Bratental
Dass der Einflug 2007 auch regional nicht auf das Stadtgebiet von Göttingen beschränkt war, belegen Meldungen aus der Feldmark um Parensen, Gladebeck und Wolbrechtshausen (Landkreis Northeim). In diesem Gebiet, aus dem keine früheren Wachtelkönignachweise vorliegen, wurden bis zu sechs Männchen verhört.
Trotz des unregelmäßigen Auftretens revierbesetzender Wachtelkönige wird deutlich, dass traditionelle Bindungen an bestimmte Bereiche offensichtlich bestehen bzw. sich zu entwickeln beginnen. Die Vorkommen in der Leineniederung am südlichen Stadtrand von Göttingen lassen sich auf ca. 70 Jahre zurückverfolgen. Auch für die Flächen um Nikolausberg existieren Nachweise seit den 1940er Jahren. Weiterhin sind Nachweise vom Kerstlingeröder Feld, der Bauschuttdeponie Geismar und dem Diemardener Berg – allerdings nur aus neuerer Zeit – bekannt.
Kleine Punkte: ein Rufer, große Punkte: mehrere Rufer.

Der Wachtelkönig ist vor allem auf Grund seines Verbreitungsareals mit mehr als 50 % der Weltpopulation in Europa sowie seines aktuellen Gefährdungsstatus eine Brutvogelart, für die die einzelnen europäischen Staaten eine besondere Verantwortung tragen. In der EU-Vogelschutzrichtlinie wird diesen Tatsachen Rechnung getragen, indem er Aufnahme in die Liste der besonders zu schützenden Arten gemäß Art. 4, Abs. 1 (Anhang I) fand.
Lebensräume des Wachtelkönigs sollten demgemäß während der Brutzeit und der Phase der Jungenaufzucht von Beeinträchtigungen möglichst frei bleiben. Ein Biotopmanagement mit der entsprechenden Pflege- und Entwicklungsplanung ist vor allem für solche Bereiche anzustreben, zu denen die Art eine offensichtliche traditionelle Bindung besitzt bzw. eine solche sich zu entwickeln scheint, ebenso für Flächen, auf denen überdurchschnittliche Abundanzen nachgewiesen wurden.
Der Einflug im Bereich der Stadt Göttingen fand offensichtlich nach der normalen Heimzugphase statt. Es ist zu vermuten, dass diese Wachtelkönige zuvor anderenorts Reviere besetzt hatten bzw. die kaum nachweisbaren Weibchen dort auch bereits mit der Brut begonnen hatten. Ungeklärt ist, woher die Vögel stammen.
Die Rufphasen der Männchen in den Göttinger Revieren – sofern sie ausreichend dokumentiert wurden – deuten zumindest teilweise darauf hin, dass Verpaarungen erfolgten. Die Rufaktivität hält etwa zwei bis vier Wochen an, bei spät im Brutgebiet eintreffenden Vögeln ist sie kürzer. Unverpaarte Männchen rufen länger oder wandern ab. Beide Geschlechter sind polygam und können sich in einer Saison mehrfach verpaaren.
Die Hauptgefährdungsursachen für den Wachtelkönig sind Lebensraumverluste und die konventionelle agrarische Bewirtschaftung. Der regionsweise katastrophale Rückgang der Bestände in den Jahrzehnten vor 1990 war in erster Linie auf großflächige Habitatverluste zurückzuführen. Neue Reproduktionshabitate entstanden in der Folge durch Flächenstilllegungen, aber auch durch das Aufblühen der ökologischen Landwirtschaft. Es ist allerdings absehbar, dass die Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe eine Trendumkehr bewirken wird.
Zu frühe Mahdtermine sowie gleichzeitig großflächige Mahd können den Bruterfolg ganzer Populationen zunichte machen. Ausbleibender Reproduktionserfolg ist somit regional der Hauptgefährdungsfaktor. Umso wichtiger ist der Schutz der Wachtelkönige auf Flächen, in die sie sich nach Verlust der Erstgelege noch zurückziehen können. gb
Zum Weiterlesen:
Juli 26th, 2007
Der Morgen des 20. Februar 2007 war trüb, prominenter Gastbeobachterbesuch aus der Bundeshauptstadt versprach jedoch Licht am Ende der Göttinger Wintersackgasse. Ein Seeadler, der am Rand des wiedervernässten Seeangers auf einem Weidezaunpfahl saß, erhellte dann auch sogleich die Gemüter. Der Vogel ließ sich anhand der Gefiedermerkmale als vorjährig bestimmen und war nicht beringt (s. Foto). Er fraß mehrfach am Boden und flog kurze Strecken umher, um dann in einem abgestorbenen Baum zu rasten.
Junger Seeadler am 20. Februar am Seeanger. Das Auftreten von immaturen und Jungvögeln in dieser Jahreszeit ist typisch - Altvögel gehen in der Regel bereits dem Brutgeschäft nach. Foto: Fabian Bindrich
Dörrie (2000) stuft den Seeadler in Süd-Niedersachsen noch als seltenen Wintergast ein und nennt von 1984 bis Anfang der 90er Jahre lediglich fünf bis sechs Nachweise (verweist allerdings auf die Unvollständigkeit der Aufstellung). Aus der Zeit vor 1980 existieren fünf weitere Beobachtungen, davon vier vom Seeburger See.
Seit dem Jahr 2000 liegen dem Arbeitskreis Göttinger Ornithologen folgende acht Beobachtungen vor:
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20.02.07
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1 K2
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Seeanger
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(F. Bindrich, H. Dörrie, C. Grüneberg, S. Paul)
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10.12.06
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1 immat.
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Northeimer Kiesteiche
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(V. Hesse)
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23.01.06
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1 ad., üfl.
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Geschiebesperre Hollenstedt
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(F. Bindrich)
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12.10.04
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1 K3 z
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Kiesgrube Reinshof
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(H. Dörrie, C. Grüneberg)
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05.03.03
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1 immat.
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Seeburger See
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(S. Paul)
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28.11.02
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1 immat.
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Leinepolder Salzderhelden
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(G. Köpke)
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26.01.02
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1 immat.
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Deponie Deiderode
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(G. Brunken)
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11.12.00
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1 K1
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Lutteranger
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(G. Holighaus)
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Für die letzten Jahre kann der Seeadler somit als regelmäßiger Gastvogel in Einzelexemplaren in unserem Berichtsraum eingestuft werden. Damit macht sich der bundesweit positive Bestandstrend auch in unserer Region bemerkbar.
2006 brüteten in Niedersachsen 10 Seeadlerpaare erfolgreich und es wurden 17 Jungvögel flügge. Weitere 9 Paare blieben ohne Bruterfolg. Mit insgesamt 19 BP/RP lag die Zahl genauso hoch wie 2004/2005. Die nächsten Brutplätze vom Göttinger Berichtsgebiet entfernt befinden sich am Steinhuder Meer, im Ostenholzer Moor, nördlich von Gifhorn und nahe des Dümmers. An den Kiesteichen Ruthe bei Hannover ist seit etwa drei Jahren alljährlich ein (meist ad.) Seeadler Wintergast (D. Wendt per E-mail).
Ob sich dieser imposante Vogel auch bei uns dauerhaft ansiedeln kann, bleibt spekulativ, zumindest im Raum Northeim wären allerdings potentielle Brut- und Nahrungsmöglichkeiten vorhanden. fb
Februar 23rd, 2007
Die Wahl des Turmfalken zum „Vogel des Jahres 2007“ bietet einen willkommenen Anlass, die Naturgeschichte dieses Greifvogels in unserer Stadt zu skizzieren.
Foto: NABU/M. Heng
Einst…
Auf der Sympathieskala der gefiederten Beutegreifer nahm Falco tinnunculus immer schon eine gewisse Sonderstellung ein. Vom verbreiteten Hass auf Greifvögel war er weniger betroffen als seine Verwandten. Die ornithologischen Altmeister des 19. Jahrhunderts verteidigten diesen „liebenswürdigsten Falken“ (A.E. Brehm) als „nützlichen“ Mäusejäger, den es uneingeschränkt zu schützen gelte. Gleichwohl wurde er bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts vom Menschen verfolgt. Dabei kam den letalen Verwechslungen mit dem „schädlichen“ Sperber eine besondere Bedeutung zu. Auch das beliebte Ausschießen von Krähennestern hat so mancher Falkenbrut den Garaus bereitet. Dem abstoßenden Treiben nach der Devise „Krummer Schnabel - krummer Abzugfinger“ konnte in Deutschland erst in den 1970er Jahren durch gesetzliche Verordnungen Einhalt geboten werden.
Bis in die 1980er Jahre war der Turmfalke im engeren Göttinger Stadtgebiet nur mit maximal vier Brutpaaren vertreten. Damals machte er seinem Namen noch alle Ehre, denn die Bruten konzentrierten sich im wesentlichen auf die hohen Kirchtürme von St. Johannis und St. Jacobi (Eichler 1949-50, Köpke o.J., Hampel & Heitkamp 1968, Brunken 1978, Zang, Heckenroth & Knolle 1989).
… und jetzt
Köpke (o.J.) brachte Mitte der 1950er Jahre den geringen Brutbestand in Göttingen und Umgebung mit einem Mangel an Nistgelegenheiten in Zusammenhang. Diesem Manko wurde mittlerweile gründlich abgeholfen. Heute hängen an den meisten Schulen und an vielen anderen öffentlichen Gebäuden halboffene Kästen, die von den Vögeln gern angenommen werden. Die artifiziellen Brutnischen haben zum Anwachsen der Population beigetragen. Reduzierte Verfolgung, Entschärfung der DDT-Problematik und insgesamt mildere Winter sind weitere Faktoren, die den Zuwachs begünstigt haben.
1999 erbrachte eine erstmals durchgeführte systematische Erfassung in der südlichen Hälfte des engeren Stadtgebiets auf 13 km² einen Bestand von 15 Brutpaaren. Von diesen hatten allein 11 einen Nistkasten bezogen (Dörrie 2000). Kartierungen im historischen Göttinger Kerngebiet von 3,6 km² ergaben 2005 zehn Brutpaare und 2006 sieben Brutpaare (Dörrie 2006). Die Abundanz ist im altbau- und nistkastenreichen Kerngebiet am höchsten. Doch sind auch aus den Außenbezirken der Stadt (Weende, Uni-Nord, Grone), den eingemeindeten Dörfern (u.a. Groß Ellershausen, Nikolausberg, Roringen) und vom Stadtrand (Klostergut Reinshof, ehemalige Bauschuttdeponie Geismar) weitere Brutplätze bekannt, nicht zu vergessen die traditionellen Vorkommen auf den Offenflächen im Göttinger Wald (Kerstlingeröder Feld und Deppoldshausen). Die aktuelle Populationsgröße beträgt im gesamten Göttinger Stadtgebiet (116 km²) ungefähr 30 Paare. Daraus ergibt sich eine großflächige Siedlungsdichte von ca. 26 Rev./100 km², die einen der vorderen Plätze im niedersächsischen Turmfalken-Ranking anzeigt. Göttingen liegt hinter Osnabrück (40 Paare auf 120 km²), dessen Stadtgebiet jedoch einen geringeren Anteil geschlossener Waldgebiete aufweist, in denen Turmfalken nicht vorkommen, und das insgesamt erheblich offener strukturiert ist (Kooiker 2005).
Die Karte zeigt für den Süd- und Mittelteil des engeren Göttinger Stadtgebiets Brutplätze, die zwischen 1999 und 2006 mehrmals besetzt waren.

Ist der Turmfalke ein Stadtvogel?
Ja und nein. Die Vögel brüten zwar in der Stadt, gehen jedoch fast ausschließlich im offenen Kulturland auf Nahrungssuche. Göttingen ist eine kleine Großstadt; deshalb ist kein Brutplatz mehr als drei Kilometer vom Offenland entfernt. Ein vermehrtes Erbeuten von Kleinvögeln im Siedlungsbereich, wie es aus Ballungsgebieten oder weiträumigen Metropolen bekannt ist, wurde bei uns noch nicht dokumentiert.
Obwohl der Turmfalkenbestand im Göttinger Siedlungsbereich deutlich zugenommen hat, wird die Populationsdynamik nach wie vor vom Feldmaus-Angebot bestimmt. In extrem schlechten Mäusejahren finden nur wenige erfolgreiche Bruten statt, so waren es in den Jahren 2002 und 2006 im engeren Stadtgebiet nur deren zwei. Die Abhängigkeit der Bestandszahlen von der verfügbaren Beute wird auch durch die Ergebnisse planmäßig betriebener Zählungen am Diemardener Berg südlich von Göttingen verdeutlicht. Hier versammeln sich im August und September Turmfalken (im wesentlichen Jungvögel), die zu einem Gutteil der Göttinger Stadtpopulation entstammen dürften. Die Graphik basiert auf den höchsten Tagessummen von jeweils ca. 15-20 Zählterminen in den Jahren 1997 bis 2006 und zeigt die Korrelation des Feldmausvorkommens mit der Zahl jagender Turmfalken. Herausragend sind die Gradationsjahre 1998 und 2005, während die Jahre 2002 und 2006 ungewöhnlich mäusearm ausfielen.
Turmfalken am Diemardener Berg 1997 bis 2006

Ausblick
Die Nistkästen bieten sichere Brutplätze. Deshalb lohnt es sich für die Falken, kräftezehrende Nahrungsflüge ins Offenland in Kauf zu nehmen. Unmittelbare Gefahr droht ihnen in der Stadt vor allem durch Sanierungsarbeiten in der Reproduktionszeit. So wurde im späten Frühjahr 2005 die Klosterkirche im Stadtteil Nikolausberg eingerüstet. Zwar hielt man den beiden ansässigen Paaren eine schmale Einflugmöglichkeit zu den Brutplätzen offen, doch waren sie von den Bauarbeiten derart gestresst, dass kein einziger Jungvogel flügge wurde (G. Brunken, mdl.).
Bedenklicher fällt das Szenario in den Nahrungshabitaten am Stadtrand aus. Neben dem allgemeinen Grünlandschwund sind es vor allem Veränderungen im Ackerbau, die es den Vögeln zunehmend erschweren, an ihre Beute zu gelangen. Der in Süd-Niedersachsen besonders vehement geförderte Anbau nachwachsender Rohstoffe wird zu einer enormen Erhöhung des Flächenanteils monotoner Raps- und besonders Maisfelder führen. In stark gedüngten und gleichermaßen hoch wie dicht stehenden Kulturen kommen kaum noch Mäuse vor. Selbst für den scharfäugigen Turmfalken mit seinen Sensoren für ultraviolette Strahlung dürfte es unmöglich sein, im dunklen Pflanzengewirr die reflektierenden Urinspuren der wenigen gülleresistenten Kleinnager zu orten.
Zu allem Überfluss schwebt über dem südlichen Göttinger Stadtrand, der im Unterschied zur weithin degradierten nördlichen Peripherie von vielen Turmfalken angeflogen wird, das Damoklesschwert der seit langem geplanten Südumgehung. Weitere Erschließungsmaßnahmen (z.B. Ortsumfahrung Holtensen, Ikea-Ansiedlung) sind am westlichen Stadtrand in Planung. Damit steht zu befürchten, dass etliche Nahrungshabitate gravierende Verschlechterungen erfahren. Die Folge wäre, dass die Göttinger Stadtbrüter immer längere Strecken zurücklegen müssen, um ihren Nachwuchs mit Futter versorgen zu können.
Im Leinetal zwischen Friedland und Nörten-Hardenberg sollen in den kommenden Jahren zusätzliche Gewerbeflächen mit einer Gesamtausdehnung von 600 ha (!) ausgewiesen werden, obwohl die Nachfrage aktuell äußerst gering ist. Ein bezugsfertiges Gewerbegebiet bei Bovenden liegt derzeit völlig brach und stellt mit seiner Ruderalvegetation einen wertvollen Lebensraum für einige Offenlandarten dar. Soll man deshalb die galoppierende Erschließung des Leinetals als angewandten Turmfalken-Schutz preisen? Wohl besser nicht.
Offene Fragen
Im Winter sieht man in der Stadt keine Turmfalken. Dagegen harren im Umland alljährlich einige Altvögel aus. Wohin die Jungvögel entschwinden, ist nicht bekannt. Aus Ringfunden weiß man, dass mitteleuropäische Turmfalken Standvögel, Kurz- und sogar Weitstreckenzieher sind. Mit diesem differenzierten Zugverhalten können Winterverluste ausgeglichen werden, über deren Umfang aber ebenso wenig bekannt ist. Deshalb wären systematische Beringungen wünschenswert. Diese könnten auch Aufschlüsse darüber liefern, ob es einen Austausch zwischen den Stadt- und Offenlandbrütern gibt. hd
Literatur
- Brunken, G. (1978): Avifaunistischer Jahresbericht 1976 für das übrige Beobachtungsgebiet der OAG Göttingen. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 101-109.
- Dörrie, H.H. (2000): Ornithologischer Jahresbericht 1999 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 5: 4-147.
- Dörrie, H.H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 68-80.
- Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.
- Hampel, F. & U. Heitkamp (1968): Quantitative Bestandsaufnahme der Brutvögel Göttingens 1965 und ein Vergleich mit früheren Jahren. Vogelwelt, Beih. 2: 27-38.
- Köpke, G. (o.J.): Die Göttinger Vogelwelt 1949-1956 nach eigenen Beobachtungen. Unveröff. Manuskr.
- Kooiker, G. (2005): Brutvogelatlas Stadt Osnabrück. Umweltberichte 11, Sonderband. Osnabrück.
- Zang, H., H. Heckenroth & F. Knolle (1989): Die Vögel Niedersachsens - Greifvögel. Naturschutz Landschaftspfl. Nieders. B, H. 2.3. Hannover.
Januar 17th, 2007
Foto: Christoph Grüneberg
Weiße Vögel haben seit jeher die menschliche Phantasie beflügelt. Für die einen symbolisieren sie jungfräuliche Reinheit, anderen sind sie wegen ihrer unwirklich anmutenden Erscheinung irgendwie suspekt. Den Höckerschwänen in städtischen Parkanlagen werden traditionell die unterschiedlichsten Gefühlsregungen entgegengebracht, und wenn diese Vögel nicht weitgehend stumm wären, könnten sie davon ein vielstimmiges Lied singen.
Heutzutage ist nicht jede weiße Erhebung in der Landschaft zwangsläufig ein Schwan (oder eine Plastiktüte). Während der letzten 15 Jahre haben sich Silberreiher zu einem regelmäßigen Anblick gemausert. Gerät einer von ihnen ins Visier des interessierten Normalbürgers, ist dieser in der Regel konsterniert und fragt nicht selten telefonisch beim Experten nach („So einen merkwürdigen Vogel habe ich noch nie gesehen! Ist das ein fehlfarbener Fischreiher? Wo mag der bloß herkommen?“). Damit verglichen fallen die Reaktionen von Feldornithologen heute eher nüchtern aus. Vielleicht schwingt bei dem einen oder anderen mit, dass diese elegante Vogelart bis zur anthropogenen Zerstörung eines einzigartigen Lebensraums in den ausgedehnten Sümpfen und Lagunen der friesischen Nordseeküste gebrütet hat. Dies geschah allerdings lange vor dem Beginn naturhistorischer Aufzeichnungen. Bekannter ist, dass der Silberreiher, wie auch der verwandte Seidenreiher, um die Wende zum 20. Jahrhundert in Europa nahezu ausgerottet war, weil sich betuchte Bürgersfrauen mit seinen Hochzeitsfedern schmückten. Immerhin keimten die ersten Bestrebungen des organisierten Vogelschutzes in empfindsamen Vertreterinnen ebendieser sozialen Klasse auf, die das Niedermetzeln der schönen Vögel öffentlichkeitswirksam anprangerten und letztlich dessen Verbot erreichten.
Von den Massakern des viktorianischen Zeitalters erholte sich die auf den Südosten des Kontinents beschränkte europäische Population des Silberreihers nur sehr langsam. Bezeichnend für den bis weit in die 1960er Jahre geringen Bestand einer Art mit ausgeprägtem Dismigrations- und Dispersionsverhalten war, dass aus Niedersachsen bis zum Jahr 1975 Nachweise von lediglich 26, vielleicht auch von insgesamt nur 16 Ind. existierten (E.R. Scherner in Goethe, Heckenroth & Schumann 1978).
In Süd-Niedersachsen erfolgte die erste Silberreiher-Beobachtung am 1.9.1974 an den Northeimer Kiesteichen. Nach einer Pause von sieben Jahren gelang am 4.9.1982 im Leinepolder Salzderhelden die zweite Wahrnehmung. Die beiden Vögel und ihre Entdecker wurden, wie bei großen Seltenheiten üblich, zum Sujet von Einzelpublikationen (Riedel 1975, Grobe 1983). Danach vergingen weitere sechs Jahre ohne Nachweis. Am 27.3.1989 hielt sich ein Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt auf (V. Dierschke in BSA 1991). In den 1990er Jahren trat die Art bereits fast alljährlich in Erscheinung, allerdings immer noch in geringen Zahlen von maximal sechs Ind. pro Jahr (Dörrie 2000). Mit dem neuen Millennium kam auch die große Wende. Im Jahr 2000 besuchten ca. 27 Ind. die Region, darunter ein Dezember-Vogel den Leinepolder Salzderhelden. Das fast schon exponentielle Anwachsen der Zahlen kulminierte in den Jahren 2004 und 2005 in einem Rastbestand von jeweils ca. 80 bis 85 Ind.
Heutzutage können Silberreiher praktisch ganzjährig (nur wenige Nachweise von Juni bis August) beobachtet werden, Trupps von mehr als zehn Ind. sind keine Seltenheit mehr. Ungefähr 80 Prozent aller Nachweise fallen in den Zeitraum von September bis April. Die bis dato höchste Tagessumme von 31 Ind. wurde am 27.11.2005 von F. Bindrich und G. Holighaus registriert.

Leinepolder südlich von Einbeck - typischer Winterlebensraum des Silberreihers in Südniedersachsen. Nach Einstauungen werden ertrunkene Kleinnager abgelesen, bleibt der Polder trocken, erbeutet der Silberreiher - ähnlich seinem grauen Verwandten - vor allem lebende Mäuse. Foto: Nikola Vagt.
Die regionale Wintertradition hat sich verfestigt. In den vergangenen zwei Jahren überwinterten jeweils ca. 25 Ind. Dabei fällt ins Auge, dass sie an ihren Lebensraum keine besonders hohen Ansprüche stellen. Ein beliebter Aufenthaltsort überwinternder Silberreiher ist, neben den Grünländern und Feuchtgebieten um den Seeburger See, in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck sowie am Denkershäuser Teich, die strukturarme Feldmark zwischen Bovenden und Nörten-Hardenberg. Diese wird von den naturfernen Bachläufen von Weende und Moore durchquert, ist aber ansonsten von intensiv bewirtschaftetem Ackerland geprägt. Hier gehen die Vögel mit Vorliebe auf Mäusejagd - ein Verhalten, dass sonst eher für den Graureiher typisch ist. Von der letzteren Art haben sie vereinzelt auch eine verminderte Fluchtdistanz übernommen, die ein untrügliches Zeichen nachlassender Verfolgung ist. Ein Ind., das sich im Herbst 2002 für drei Wochen im Wassergewinnungsgelände am südlichen Göttinger Stadtrand aufhielt, ließ sich, wie die gleichzeitig anwesenden Graureiher, kaum von Spaziergängern und freilaufenden Hunden bei der Mäusejagd stören. Für die Robustheit und ökologische Plastizität der Vögel spricht auch, dass sie Kälteperioden mit weitgehender Vereisung vieler Gewässer und Feuchtstellen anscheinend ohne Probleme überstehen - von Winterverlusten ist zumindest nichts bekannt.
Es liegt auf der Hand, dass die ursprünglich vor allem von Fischen lebenden Reiher eine Umstellung bei der Ernährung (wenigstens abseits der Brutplätze) vollzogen haben und neue Lebensräume nutzen. Dabei dürfte ihnen auch die allgemeine Klimaerwärmung mit insgesamt milderen Wintern zugute kommen. Die süd-niedersächsischen Überwinterer stellen jedoch nur einen winzigen Prozentsatz ihrer Artgenossen dar. Deren Zahl dürfte in Mittel- und Westeuropa mittlerweile in die Tausende gehen. Allein in den Niederlanden überwinterten im vergleichsweise harten Winter 2005/2006 ca. 800 Ind. Zahlen, die weit über dem süd-niedersächsischen Niveau liegen, sind auch aus einigen Regionen süd- und ostdeutscher Bundesländer bekannt.
Woher stammen „unsere“ Silberreiher? Der Bestand der südosteuropäischen Quellenpopulationen - von Österreich über Ungarn und die Slowakei bis zur Ukraine - ist in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als 10.000 Paare angewachsen. Heute brüten die Vögel auch im Baltikum und in Weißrussland, in Polen und Tschechien, in den Niederlanden und in Frankreich - aber immer noch nicht in der BRD (BirdLife International 2004). Neben der Einstellung der systematischen Verfolgung dürfte auch das Anlegen großer Teichgebiete zur Fischgewinnung den positiven Bestandstrend gefördert haben.
Angesichts der starken Zunahme in Südosteuropa und der räumlichen Verteilung der bundesdeutschen Nachweise mit einer unverkennbaren Konzentration auf den Süden und Südosten der Republik liegt die Vermutung nahe, dass auch die süd-niedersächsischen Vögel aus diesem geographischen Raum stammen.
Kann man das mittlerweile häufige und alljährliche Auftreten nordwestlich der Brutgebiete im Herbst und Winter noch als ungerichtete Dismigration interpretieren, die für viele Reiherarten typisch ist? Wohl kaum. Vielmehr drängt sich die Annahme auf, dass es sich bei den Einflügen um zielgerichtete und womöglich bereits genetisch codierte Zugbewegungen handelt. Damit läge für eine Vogelart, deren europäische Populationen früher die Wintermonate vor allem im klimatisch begünstigten Mittelmeerraum verbracht haben, eine außergewöhnliche Veränderung des Zugverhaltens innerhalb weniger Jahre vor. Ob diese faszinierende Entwicklung von Dauer ist, muss natürlich offen bleiben.
Interessanterweise entstammten aber die beiden einzigen Vögel, deren Herkunft Anfang Mai 2005 am Seeanger von D. Radde und T. Meineke durch Farbringablesung ermittelt werden konnte, einer nur ca. 15 bis 20 Paare umfassenden Brutpopulation am ca. 1300 Kilometer entfernten Lac de Grand Lieu nahe der französischen Atlantikküste. Einer der Reiher war fünf Jahre alt, der andere mindestens zwei Jahre (Dörrie 2006). Die französischen Brutvögel sollen im wesentlichen Standvögel sein (Dubois et al. 2000). 2005 tauchten jedoch gleich vier von ihnen in Deutschland auf, neben den beiden vom Seeanger je einer Ende Mai an den Ratzener Teichen in Ostsachsen und im September am Kachliner See in Ostvorpommern (Vogelwarte 43: 285, 44: 261). Wer ist so kühn und macht sich einen Reim darauf?
Obwohl die Artbestimmung der weißen Riesen keine Probleme aufwirft, ist in unserer Region so gut wie nichts über ihre Alterszugehörigkeit bekannt. Adulte Silberreiher mit Schmuckfedern sind immer noch ein seltener Anblick. Präsentieren die Vögel keine Schmuckfedern, wird es kompliziert, weil die variable Färbung der unbefiederten Körperteile nur bedingt bei der Altersbestimmung von Nutzen ist. Es gibt also noch einiges zu entdecken!
Das spektakuläre Beispiel des Silberreihers belegt nicht nur die Unvorhersehbarkeit von Ergebnissen natürlicher Prozesse, sondern auch den gravierenden Einfluss menschlicher Verfolgung auf Vogelpopulationen. Hätte jemand im Jahr 1980 in die Welt gesetzt, dass bei uns dieser Schreitvogel in zwanzig Jahren eine problemlos aufzufindende Normalität darstellen wird - er wäre von allen, die damals zum Neusiedler See fahren mussten, um ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Liste zu bekommen, bestenfalls belächelt worden. Heute tendiert so mancher dazu, die leicht bestimmbaren Vögel eher uninspiriert zur Kenntnis zu nehmen und abzuhaken. Dabei sollten es ambitionierte Feldbeobachter aber nicht belassen: auch das Auftreten vormals seltener Arten ist aussagekräftig und gründlich (wie alt sind die Vögel, sind sie beringt?) zu dokumentieren - auch und gerade dann, wenn dies zur Alltagserfahrung wird… hd
Literatur
- BirdLife International (2004): Birds in Europe: population estimates, trends and conservation status. BirdLife International Conservation series Nr. 12. Cambridge.
- Angaben zu Beständen und Verbreitung des Silberreihers bei BirdLife International
- Bundesdeutscher Seltenheitenausschuß (BSA) (1991): Seltene Vogelarten in der Bundesrepublik Deutschland 1989 (mit Nachträgen 1977 bis 1988). Limicola 5: 186-220.
- Dörrie, H.H. (2000): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. Erweiterte und überarbeitete Fassung. Göttingen.
- Dörrie, H.H. (2006): Avifaunistischer Jahresbericht 2005 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 4-67.
- Dubois, P., P. Le Maréchal, G. Olioso & P. Yésou (2000): Inventaire des Oiseaux de France. Nathan, Paris.
- Goethe, F., H. Heckenroth & H. Schumann (1978): Die Vögel Niedersachsens. 1. Lieferung. Natursch. Landschaftspfl. Niedersachs., Sonderreihe B, H. 2.1. Hannover.
- Grobe, D.W. (1983): Silberreiher Casmerodius albus-Beobachtung in Südniedersachsen. Beitr. Naturk. Niedersachs. 36: 108.
- Riedel, B. (1975): Silberreiher Casmerodius albus und Seidenreiher Egretta garzetta an der Northeimer Seenplatte. Beitr. Naturk. Niedersachs. 28: 63-64.
Dezember 5th, 2006
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