Vogelportraits

Die Feldlerche – Vogel des Jahres 2019 –
in Süd-Niedersachsen:
Vom Himmel in den Abgrund der Roten Liste

Feldlerche - MSiebner
Abb. 1: Singende Feldlerche. Foto: M. Siebner

Auf einem Lesesteinhaufen steht ein kleiner, erdbraun gefärbter Vogel. Er putzt sich, mustert aufmerksam die Umgebung, sträubt ein Häubchen, und dann geschieht etwas Unglaubliches: In Spiralen steigt er, mit schnellen Flügelschlägen und unablässig tirilierend empor, immer höher, bis er nur noch als winziger Punkt am Himmel zu sehen ist. Dort oben bleibt er, immer noch singend, scheinbar unbeweglich stehen, bis es nach einigen Minuten (im Extremfall erst nach einer Stunde!) wieder abwärts geht. Die letzten Meter bis zum Boden legt er als rasantes Geschoss zurück. Nach der Landung ist er wegen seines Tarnkleids nur mit Mühe auszumachen. Weil man dieses Spektakel bereits im Februar beobachten kann, ist die Feldlerche, weit vor der Rauchschwalbe, der wahre Frühlingsbote, über den sich alle freuen, die in der freien Natur noch ohne Kopfhörer unterwegs sind.

Bestand und Bestandsentwicklung

Bereits 1998 hatte der NABU die Feldlerche (Alauda arvensis) zum „Vogel des Jahres“ ausgerufen. Weil das offenkundig nichts gebracht hat, versucht man es im kommenden Jahr ein weiteres Mal. Gründe dafür gibt es genug: Allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich der bundesweite Brutbestand um ca. 30 Prozent reduziert. Krüger et al. (2014) geben, gestützt auf die Vorarbeiten für den bundesdeutschen Brutvogelatlas ADEBAR in den Jahren 2005 bis 2009, für Niedersachsen einen Brutbestand von 100.000 bis 200.000 Paaren/Revieren an, verbunden mit der kritischen Anmerkung, dass die „modellierten“ Ergebnisse für diese immer noch recht häufige Art die triste Realität nur unzureichend wiedergeben.
Wie dramatisch der langfristige Rückgang ausgefallen ist, lässt sich daran bemessen, dass für die Jahre 1960 bis 1970 noch 1,2 Millionen Paare/Reviere geschätzt wurden, wohlgemerkt allein für Niedersachsen. Das kommt einem Bestandsschwund von 90 Prozent gleich. Die Aufnahme der Feldlerche in die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten (Kategorie 3, „im Bestand gefährdet“) ist die traurige Konsequenz.

Regionale Angaben

G. Brunken (in Dörrie 2010) ermittelte in den Jahren 1978 bis 1980 mit Probeflächenkartierungen und Hochrechnungen auf 6.000 Hektar Agrarfläche um Ebergötzen und den Seeburger See (Landkreis Göttingen) eine großflächige Abundanz von 1,25-1,52 Rev./10 ha. Dreesmann (1995) errechnete 1994 für 70 Probeflächen auf 17.200 Hektar Kulturland in Süd-Niedersachsen einen Mittelwert von knapp 1,8 Rev./10 ha. Der höchste Wert wurde in der Gemeinde Gleichen mit 2,8 Rev./10 ha erreicht.
Aussagekräftige Daten, obgleich auch sie nicht mehr aktuell, gibt es von einer 863 Hektar großen Untersuchungsfläche in der Feldmark Behrensen (Landkreis Northeim), die in den Jahren 1983, 1988 und 2001 auf das Vorkommen von Agrarlandbrütern untersucht wurde (Brunken 2003). 1983 betrug der Abundanzwert der Feldlerche 2 Rev./10 ha, 1989 1,9 Rev.10 ha und 2001 2,4 Rev./10 ha, der Bestand konnte daher für den Zeitraum von 18 Jahren als stabil eingestuft werden. Dies deutet auch darauf hin, dass die größten Einbrüche bereits in den 1960er/70er Jahren erfolgt sein müssen. Zum Vergleich: B. Bartsch (Bartsch 2016) notierte in der Brutzeit 2016 auf 620 Hektar intensiv genutzten Agrarlands im Landkreis Diepholz eine Siedlungsdichte von 0,7 Rev./10 ha. 2017 und 2018 lag sie mit 0,6 bzw. knapp 0,7 Rev./10 ha ähnlich niedrig (B. Bartsch, per E-Mail.). Dieses Ergebnis kann für den Nordwesten unseres Bundeslands als durchaus typisch gelten. Die großen Unterschiede in der Besiedlung zwischen Nordwest- und Süd-Niedersachsen können, neben spezifischen Formen der Landnutzung (Stichwort Mais!), auch mit der Höhenlage erklärt werden. Höher gelegene Flächen trocknen nach Regenfällen schneller ab. Dadurch könnten sich die Brutverluste dieser wärmeliebenden Art in Grenzen halten.
Die avifaunistischen Jahresberichte des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen aus den Jahren 1999 bis 2008 enthalten eine Fülle von (in der Regel kleinflächigen) Siedlungsdichteangaben aus den Landkreisen Göttingen und Northeim (nicht selten mit Abundanzen von mehr als 5 Rev./10 ha), die im Rahmen dieses kleinen Porträts nicht referiert geschweige denn ausgewertet werden können. Das Fehlen von Folgekontrollen ist hier besonders schmerzlich.
Für die Landkreise Göttingen und Northeim liegt nur ein aktuelles Ergebnis aus Kartierarbeiten vor. T. Langer (Langer 2017) untersuchte vor zwei Jahren im Rahmen einer Magisterarbeit an der Uni Göttingen die Feldlerchen-Brutbestände auf zwei Kontrollflächen in den Feldmarken von Göttingen-Geismar (18,6 km²) und im Eichsfeld (17 km²). In Geismar wurden 1,4 Rev./10 ha ermittelt, im Eichsfeld 1,6 Rev./10 ha. Für einen, mit 49 Hektar allerdings recht kleinen, Teil des Göttinger Untersuchungsgebiets gibt es aus dem Jahr 2001 die Angabe von 3,6 Rev./10 ha (Dörrie 2002). Für eine Analyse der Bestandsentwicklung in der vergleichsweise reich strukturierten Feldmark Geismar reichen die Daten wegen der unterschiedlichen Bezugsgrößen nicht aus. Die von Langer (2017) errechneten Werte liegen vermutlich (die meisten vergleichbaren Untersuchungen sind älter als zehn Jahre) in einem Bereich, der heute für mitteleuropäische Ackerflächen als leicht überdurchschnittlich eingestuft werden kann.
Die Feldlerchen-Brutzeitbeobachtungen in unserer Datenbank ornitho.de sind in der Regel nicht geeignet, Abundanzen anzuzeigen, weil ein auf zehn Hektar bezogener Referenzwert nicht berechnet werden kann. Gleichwohl liefern die Angaben zum Diemardener Berg und Umgebung (U. Hinz, bis zu 42 singende Männchen) und zur Feldmark Geismar (mehrere Beobachter, bis zu 46 singende Männchen) Hinweise auf eine vergleichsweise dichte Besiedlung.
Trotz des insgesamt unzureichenden Datenmaterials und scheinbar geringer Schwankungen bei den großflächigen Abundanzen gibt es Anzeichen für einen weiteren Bestandsrückgang in den letzten Jahren. Ein Blick auf Habitatangebot, Populationsdynamik und Änderungen bei der anthropogenen Nutzung soll das verdeutlichen.

Feldlerche - VHesse
Abb. 2: Feldlerche, immer wachsam. Foto: V. Hesse

Lebensraum

Die Feldlerche ist ein ursprünglicher Steppenvogel, der ausschließlich am Boden brütet. Durch die großflächigen Rodungen der Wälder ab dem hohen Mittelalter und der damit einhergehenden Ausweitung von Ackerflächen und Wiesen vergrößerte sich ihr Lebensraum erheblich. So konnte sie zum klassischen, ungemein häufigen Kulturfolger werden, der zusammen mit dem Haussperling die Vogelwelt des ländlichen Raums dominierte (Zang & Heckenroth 2001). Dreifelderwirtschaft und kleinteilige Nutzungsformen sind ferne Vergangenheit. Heute dominiert die industrielle, auf Chemie und Hightech gestützte Landwirtschaft mit ihren hinlänglich bekannten negativen bis katastrophalen Begleiterscheinungen.
Für die Feldlerche, die auch heute noch eine Präferenz für Getreidefelder zeigt (Langer 2017), ist eine Änderung in der Bewirtschaftung, die ab den 1960er Jahren einsetzte, von besonderer Bedeutung: Während früher der Anbau von Sommergetreide („im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“) gängige Praxis war, werden heute praktisch alle Getreidefelder bereits im Herbst eingesät (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 47 Prozent, Langer 2017). Daraus ergibt sich, dass Wintergetreideschläge im zeitigen Frühjahr von den Vögeln für die Erstbrut genutzt werden können. Ab Ende Mai stehen die Halme aber so dicht und mehr als 60 Zentimeter hoch, dass diese Flächen als Brutlebensraum kaum noch in Frage kommen; allenfalls die breiten Fahrspuren der Traktoren bieten sich noch zum Brüten an - für die Vögel ein Vabanquespiel. Als weitere Winterfrucht ist der Raps zu nennen (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 10 Prozent, Langer 2017). Bruten der Feldlerche in Rapsfeldern finden sich vor allem an Randlinienstrukturen, in Fahrspuren und, z.B. nach starken Niederschlägen, auf vegetationsarmen Fehlstellen (eig. Beob.).
Die dominierende Sommerfrucht ist heute der Mais (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 15 Prozent, Langer 2017), der für Feldlerchen (und alle anderen Agrarbrüter) wegen seiner intensiven Bearbeitung (regelmäßige Biozidduschen eingeschlossen) ein suboptimales bis pessimales Bruthabitat darstellt. Gleichwohl befanden sich 2017 18,7 Prozent der Reviere in Maisfeldern (Langer 2017). Dies kann damit erklärt werden, dass die Maisfelder in einer Zeit, in der Getreidefelder nicht mehr nutzbar sind, immer noch eine lückenhafte Vegetation aufweisen, die für balzende Lerchen attraktiv ist. Später im Jahr, wenn die Pflanzen höher als 60 Zentimeter stehen, werden auch sie von den Vögeln komplett geräumt (eig. Beob.). Über Bruten in Maisfeldern liegen aus der Region nur sehr wenige Einzeldaten vor (A. Görlich, mdl. Mitt.).
Besonders gravierend fällt der Rückgang im Grünland aus. Die Nutzung als Silage (Viehfutter) erfolgt auf diesen Flächen mit bis zu vier Schnitten im Jahr (der erste findet oft schon im April statt!), so dass brutwillige Feldlerchen dort nicht mehr existent sind. Extensiv genutzte Weiden, die früher ein bedeutsamer Lebensraum waren, gibt es im Landkreis Göttingen praktisch nur noch in ein paar Naturschutzgebieten (z.B. auf dem Kerstlingeröder Feld im Osten des Stadtgebiets).
Stillgelegte Flächen oder Rotationsbrachen, die nicht selten optimale Habitate boten, sind nach der Abschaffung von Stilllegungsquoten zur Vermeidung von Überproduktion in der Agrar-Normallandschaft seit Mitte der 1990er Jahre kaum noch zu finden. Der Verlust konnte auch nicht durch die seit 2015 verbindlichen „ökologischen Vorrangflächen“ auf mindestens fünf Prozent der jeweiligen Betriebsfläche kompensiert werden. Der Beitrag des so genannten „greenings“ für den Natur- und Artenschutz in der Agrarlandschaft geht gegen Null (BfN 2017).

Maisfeld - klein
Abb. 3: Mais mit Meise macht mobil. Propagandatafel in der Feldmark Reinshof, aufgenommen am 30. Juni 2018. Im Feld dahinter herrschte Totenstille…

Welche Auswirkungen all diese anthropogenen Veränderungen auf Bruterfolg und Populationsgröße hatten und haben, analysiert Kuiper (2015) in ihrer beeindruckenden Dissertation über Feldlerchen in der niederländischen Provinz Groningen. Sie konnte belegen, dass deren jährliche Reproduktionsrate nicht ausreicht, um den Brutbestand zu erhalten. Die regionale Population ging allein im (vergleichsweise kurzen) Untersuchungszeitraum von 2007 bis 2012 um 40 Prozent (!) zurück. Es handelt sich um eine klassische „sink population“, deren Verluste nicht durch Einwanderung anderer Vögel kompensiert werden können, weil es im weiten Umfeld nicht besser aussieht. Ob die Ergebnisse auf Süd-Niedersachsen übertragbar sind, ist fraglich. Die Schwankungsbreite der Kartierergebnisse aus den letzten 30 Jahren spricht gegen einen massiven Bestandseinbruch. In der Provinz Groningen ist der Grünlandanteil weitaus größer als im Landkreis Göttingen (ca. sieben Prozent). Auch scheint bei uns die Diversität in der Fruchtfolge auf weiten Flächen immer noch einen ausreichenden Bruterfolg zu garantieren. Für Teile Nordwest-Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens könnten sich aber durchaus Parallelen zum Nachbarland ergeben. Manche Teams des alljährlich stattfindenden “Birdrace” haben dort mittlerweile Mühe, eine Feldlerche auf ihre Liste zu bekommen…

Zug und Überwinterung

Der Wegzug der Feldlerche in ihre west- und südeuropäischen Überwinterungsgebiete beginnt eher unauffällig. Die Vögel machen sich bereits im August rar und können dann selbst in Gebieten, in denen sie gebrütet haben, kaum noch ausgemacht werden. Der eigentliche Wegzug kulminiert im September/Oktober. Tagessummen im höheren dreistelligen Bereich sind heutzutage die Ausnahme. Auch dies könnte am allgemeinen Bestandsrückgang liegen.
Im Winter ist die Feldlerche eine bestenfalls sehr spärliche Erscheinung. Von einem Status als regelmäßiger Wintergast ist sie - trotz der als Mantra vorgebrachten Pauschalbehauptung, dass „unsere Zugvögel wegen des Klimawandels immer mehr zu Standvögeln werden“ - in unserer Region weit entfernt. Im (harten) Winter 2009/2010 harrten fünf Vögel nahe dem Gut Wickershausen (Landkreis Northeim) über Wochen aus. Im Winter 2010/2011 fehlte die Lerche komplett. Im Winter 2011/2012 konnte nur ein Dezembervogel ausgemacht werden, im milden Winter 2014/2015 im Dezember in der Leineniederung zwei kleine Trupps von 20 bzw. 24 Ind., die im Januar nicht mehr gesehen wurden Im Januar 2016 gelang keine Beobachtung. Ca. 250 Lerchen, die ab Mitte Januar 2017 in der Feldmark Reinshof ein offenkundig reiches Nahrungsangebot vorfanden, sind die große Ausnahme. Diese Vögel konnten aber auch schon frühen Heimzug indiziert haben. Das Beispiel zeigt aber auch: Neben Frost und Schnee ist es vor allem die Futtermenge, die das Wintervorkommen einiger Agrarlandbrüter limitiert. Wenn man heute wachen Auges ab dem Spätherbst durch die Felder spaziert, wirken diese nachgerade vogelleer. Auf den tot gespritzten und abgeräumten Äckern ist nichts zu holen. Und Futterhäuser in den Dörfern und am Stadtrand werden von Feldlerchen nun mal nicht aufgesucht…
Vom Heimzug, der bereits Anfang Februar einsetzen und in manchen Jahren wegen ungünstiger Witterungsbedingungen irruptiv verlaufen kann, sind zwei spektakuläre Vorkommnisse bekannt: Am 24. Februar 2010 bevölkerte ein riesiger Schwarm von 12.000 bis 13.000 Feldlerchen die Feldmark Gieboldehausen. Nach einem harten Winter hatte Tauwetter eingesetzt und die Vögel zur Heimkehr in ihre Brutgebiete animiert. Die sehr hohe Zahl deutete auf die Auflösung einer Zugstausituation im Südwesten, was aber zumindest anhand der Daten in ornitho.de nicht verifiziert werden konnte. Noch zahlreicher waren Feldlerchen im berüchtigten „Märzwinter 2013“ vertreten. In einer klassischen Zugstausituation (Kälteeinbruch und starker Nordostwind) ballten sich im Leinepolder Salzderhelden mindestens 10.000 Ind. In der südlichen Göttinger Feldmark trotzten 3000 Ind. den Unbilden. Weil unter den Vögeln ein reges Kommen und Gehen herrschte - ein Teil versuchte weiter zu ziehen, ein anderer kehrte um - könnte die Gesamtzahl in der Region durchaus im hohen fünfstelligen Bereich gelegen haben. In den meisten Jahren verläuft der Heimzug aber ohne Besonderheiten. Am Beispiel des Leinepolders Salzderhelden (Landkreis Northeim), der mit ca. 800 Hektar den größten Grünlandkomplex in der Region darstellt, lässt sich der Rückgang bei den Rastzahlen belegen: In den 1980er Jahren waren Ansammlungen von bis zu 3000 auf dem Heimzug rastenden Feldlerchen keineswegs die Ausnahme (alle Daten Dörrie (2010),AGO-Jahresberichte, Sammelberichte auf der AGO-Homepage und ornitho.de).

Verfolgung

In der Vergangenheit wurden Lerchen auch in Deutschland zu Millionen erbeutet, meistens auf dem Wegzug. Einen Eindruck vom ungeheuren Verfolgungsdruck liefert die kleinste Maßeinheit, mit der die Vögel gehandelt wurden: der „Schock“, der aus 60 Vögeln bestand. Jedem Fänger gingen jedes Jahr durchschnittlich 100 Schock (= 6000 Vögel) ins Netz. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Fang in Deutschland verboten (Zang & Heckenroth 2001).
In der EU ist die Feldlerche immer noch in sechs Ländern „jagdbar“. Aus vier Ländern liegen für das letzte Referenzjahr 2014 Angaben zu 898.958 getöteten Vögeln vor. Hinzu treten, nach früheren Angaben, 451.671 in Italien und 180.000 bis 400.000 in Griechenland erbeutete Lerchen. Auf Malta und in Frankreich ist die Zahl um 71 Prozent auf 194.229 gesunken. Ob der Rückgang mit einem verminderten Verfolgungsdruck oder dem allgemeinen Bestandsschwund erklärt werden kann, bleibt offen. Im südwest-französischen Département Landes dürfen Feldlerchen nicht nur geschossen, sondern auch mit Klappnetzen und Drahtfallen erbeutet werden (Hirschfeld & Attard 2017). Das nennt sich dort „Tradition“. Ein beliebtes Kinderlied („Alouette“) besingt nicht etwa eine leckere Käsesorte, sondern eine Lerche, der nach und nach alle Federn ausgerissen werden… Der ambitionierte französische Umweltminister, der sich für den Schutz des Ortolans mit der Jäger- und Gourmetlobby angelegt hatte, ist neulich entnervt zurückgetreten.

Feldlerchenküken - TLanger
Abb. 4: Hungrige Feldlerchenküken, noch im Nest. Foto: T. Langer

Schutz

Gestützt auf die alarmierenden Daten vogelkundlicher Verbände wie z.B. des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) mit seinen Monitoring-Programmen ist die Krise der Agrarvögel (und neuerdings der Insekten) im letzten Jahrzehnt zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Heute steht im Mittelpunkt der Diskussion die eine Frage: Wie kann den Vögeln geholfen und ihr Niedergang gestoppt werden? Betrachtet man den Hype um das ausgelagerte Konzert eines Popsängers auf dem von Feldlerchen bevölkerten Flughafen Essen-Mülheim im Sommer 2018 scheint alles erfreulich klar zu sein: Das gesetzlich verankerte Schutzbedürfnis brütender Feldlerchen steht höher als irgendwelche Massenevents. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn außerhalb der Brutzeit ist praktisch alles möglich. Davon zeugen nicht zuletzt die zahllosen Windräder im Offenland, mit denen der Lebensraum der Vögel immer weiter zugepflastert wird.
Durch die industrielle Landwirtschaft werden Lebensräume von Agrarlandbrütern in rasantem Tempo entwertet. Neben dem galoppierenden Wegfall von Graswegen, Randstreifen und Brachen (jüngstes Beispiel ist die Flurbereinigung in Gieboldehausen) muss das so genannte Zweikulturen-Nutzungssystem als besonders verheerend eingestuft werden: Im Umfeld von Agrogasanlagen (euphemistisch „Biogasanlagen“ genannt) werden Getreidefelder (vorwiegend Roggenfelder) bereits im Mai geschreddert. Nach ein paar Tagen Pause kommt Mais auf die Fläche. Diese brutalstmögliche Nutzungsform lässt keine einzige Vogelbrut hochkommen - ein Massaker sondergleichen. In Südeuropa werden die getöteten Vögel immerhin verspeist… Zum Ausgleich wurden/werden um die Gärbehälter ein paar „ökologisch wertvolle“ Obstbäume gepflanzt. Leider liegen zu den Auswirkungen des Zweikulturen-Nutzungssstems kaum Daten vor, zumindest nicht aus dem Landkreis Göttingen.
Ähnlich trostlos sieht es beim rasanten Vorrücken des Siedlungsbereichs aus: Hier verschwinden die Brutplätze unwiederbringlich durch Überbauung. Eine Abschwächung dieses katastrophalen Trends ist, trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse, nicht in Sicht – im Gegenteil: Der Bauboom bei Neubau- und Gewerbegebieten scheint derzeit auf einen neuen Höhepunkt zuzusteuern. Ein aktuelles Beispiel liefert das Güterverkehrszentrum III im Göttinger Westen (wegen der ehedem existierenden großen Brachflächen auch „Kalahari“ genannt). Auf den Brutplätzen von fünf Paaren stehen jetzt riesige Logistikhallen. Damit ist der Westen des engeren Stadtgebiets endgültig feldlerchenfrei. Jenseits der Landesgrenze zu Hessen soll bei Neu-Eichenberg ein ca. 100 Hektar großer Logistik“park“ entstehen, vermutlich der größte seiner Art in Deutschland, und natürlich auf bestem Ackerland…
Welche Schutzkonzepte gibt es? Neben der Anlage von biozidfreien Ackerrandstreifen und einem doppelten Saatreihenabstand werden seit einiger Zeit so genannte „Lerchenfenster“ in Getreideschlägen als besonders viel versprechend beworben. Diese können ohne größeren Aufwand installiert werden, wenn der Landwirt das Drillen auf ein paar Metern aussetzt, bis eine ca. 20 m² große Lücke entstanden ist, die von den Vögeln auch bei hohem und dichten Aufwuchs zum Brüten und zur Nahrungsaufnahme genutzt werden kann. 2009 startete der NABU das Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche“. Bis 2011 beteiligten sich ca. 500 Landwirte und schufen auf 1244 Äckern mehr als 5000 Lerchenfenster. Im Abschlussbericht (Cimiotti et al. 2011) wird festgehalten, dass sich auf Äckern mit Lerchenfenstern mehr Feldlerchen aufhielten als auf fensterfreien. Dies war jedoch nur in den Monaten Mai und Juni (also nach dem Abschluss der Erstbruten anderswo?) statistisch signifikant. Ob die Maßnahme den Bruterfolg steigern konnte, musste bei der Auswertung, die nur während einer Brutzeitperiode vorgenommen werden konnte, unklar bleiben. Bis jetzt sind die Erfahrungen mit Lerchenfenstern europaweit unterschiedlich ausgefallen: in Schweden (Birdlife 2018) und England (RSPB undatiert) positiv, in der Schweiz ohne signifikanten, in den Niederlanden mit negativem Befund (Birdlife 2018). Im nordrhein-westfälischen Brutvogelatlas (Grüneberg et al. 2013) heißt es lapidar: „Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass einzelne Maßnahmen, wie die Anlage von Lerchenfenstern den Bestandsrückgang der gefährdeten Feldlerche nicht aufhalten können“. Dieses ernüchternde Resumée wird durch eine aktuelle Untersuchung von Joest (2018) bestätigt, der für die Hellwegbörde in Nordrhein-Westfalen „keine signifikante Wirkung auf die Aktivitätsdichte der Feldlerche oder anderer Vogelgruppen“ durch Lerchenfenster feststellen konnte.
Lerchenfenster werden mittlerweile gern als Kompensationsmaßnahmen bei Eingriffen in Natur und Landschaft empfohlen. In der südlichen Göttinger Feldmark wurden einige installiert, die auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Bis jetzt noch anekdotisch ist eine Beobachtung aus dem Frühjahr 2018: Kurz nachdem eine (besenderte) Feldlerche in einem Fenster zur Brut geschritten war, fielen sie (?) und ihr Gelege einem unbekannten Prädator zum Opfer (A. Görlich, mdl. Mitt., M. Püttmanns, per E-Mail). Birgt die Konzentration von Lerchen auf ein paar deckungsarmen und daher für Fressfeinde attraktiven Freiflächen ein erhöhtes Prädationsrisiko, vor allem zum Beginn der Brutzeit? Augenfällig war, dass die Fenster bei der Nahrungssuche gut frequentiert wurden. In welchem Umfang die Vögel dort auch zur Brut schritten, ist offen (M. Püttmanns, per E-Mail). Dies stimmt mit Beobachtungen aus Schweden (Birdlife 2018) überein. Hat, wie von dort ebenfalls berichtet wird, die Anlage von Lerchenfenstern vor allem in großen Getreideschlägen einen Sinn? Auf diese Fragen wird es vielleicht in der kommenden Brutzeit Antworten geben.

Eichsfeld - TLanger
Abb. 5: Sonnenaufgang über dem Eichsfeld. Foto: T. Langer

In der Stadt und im Ostteil des Landkreises Göttingen läuft seit mehr als zehn Jahren ein Projekt zum Schutz des Rebhuhns. Staatlich als Agrar-Umweltmaßnahme geförderte Blühstreifen aus einer speziellen Saatgutmischung, die je zur Hälfte alle zwei Jahre gegrubbert werden, sollen das Aussterberisiko verringern. Bis jetzt konnte der Bestand von ca. 250 Paaren immerhin stabilisiert werden. Das ist angesichts der prekären Situation dieser Vogelart mit einem mittelfristigen Rückgang von 97 Prozent schon als Erfolg zu werten (Gottschalk & Beeke 2016). Im Frühjahr 2015 wurden zehn dieser Blühstreifen auf das Vorkommen von Vögeln untersucht. Dabei ergab sich, dass die Feldlerche die am häufigsten gesichtete Vogelart war. Die, unter Einschluss eines 50 Meter breiten Randstreifens (im Wesentlichen Getreidefelder), ermittelte Revierdichte lag mit 6,7 Rev./10 ha recht hoch. Dies könnte einen Hinweis auf die bevorzugte Nutzung von Blühstreifen durch die Lerchen liefern. Wegen der geringen Größe - die Gesamtfläche der zehn Blühstreifen betrug inklusive der 50 Meter-Randstreifen ganze 47,44 Hektar - ist dieser Wert aber bestenfalls von lokaler Aussagekraft (A. Görlich, Verf.).
Ein interessantes Ergebnis der Analyse von Kuiper (2015) ist der weithin fehlende positive Effekt von blütenreichen Randstreifen in der Provinz Groningen. Auch sie wurden im Rahmen von Agrar-Umweltmaßnahmen angelegt. Obwohl weitaus nahrungsreicher als die angrenzenden Getreideschläge, konnten sie weder die Siedlungsdichte noch den Bruterfolg signifikant erhöhen. Dies betraf vor allem Blühstreifen, die weiter als 100 Meter von einem Feldlerchennest entfernt lagen. Die (vergleichsweise) besten Erfahrungen gab es mit Luzernefeldern, die von den Vögeln überdurchschnittlich genutzt wurden. Auch im Landkreis Göttingen werden Luzernestreifen als Artenschutzmaßnahme angelegt, allerdings als Nahrungsflächen für den Rotmilan. Damit die Milane sich über einen längeren Zeitraum an Mäusen gütlich tun können, werden sie entsprechend oft und früh gemäht. Untersuchungen im Frühjahr 2015 (A. Görlich, Verf.) ergaben, dass die Feldlerchen diese ökologische Falle zum Glück weitgehend mieden.
Kuiper (2015) zieht aus ihrer Untersuchung den Schluss, dass es den Lerchen vor allem an sicheren Brutplätzen mangelt, wo sie menschlichen Aktivitäten wie Mahd u.ä. sowie dem gestiegenen Verfolgungsdruck durch gefiederte und vierbeinige Fressfeinde entgehen können. Bedingung für den Bestandserhalt ist eine hohe Diversität der Fruchtfolge (Sommergetreide eingeschlossen). Sie ermöglicht den Vögeln das Wechseln von einer Kultur zur anderen, was besonders für die Zweitbruten, von denen die Populationsgröße letztlich abhängt, von Bedeutung ist (vgl. auch Grüneberg & Sudmann 2013). Erst in diesem Rahmen könnte eine Ausweitung der (kostspieligen) Randstreifen einen Sinn ergeben.
Allemal erstrebenswert ist eine verstärkte Förderung des ökologischen Landbaus. Flade et al. (1993) belegen am Beispiel des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin in Brandenburg materialreich, dass die Auswirkungen auf Siedlungsdichte und Bruterfolg der Feldlerche durchweg positiv ausfallen können. Im Intensiv-Agrarland Niedersachsen sieht es in dieser Hinsicht düster aus. Der Flächenanteil des Ökolandbaus lag 2016 bei 3,4 Prozent (im Landkreis Göttingen bei 4,6 Prozent). Verglichen mit anderen Bundesländern wie dem Saarland, Hessen oder Brandenburg (jeweils deutlich über zehn Prozent) ist das ein sehr niedriger Wert. Bundesweit betrug der auf alle Getreideflächen bezogene Anteil von Biogetreide ganze 3,8 Prozent. Die stärksten Zuwächse gab es in Niedersachsen beim Obstbau und der Haltung von Legehennen, also in Bereichen, die für das Ansiedlungsverhalten von Feldlerchen irrelevant sind.

Fazit

Die Zukunft unseres Porträtvogels gestaltet sich leider, leider alles andere als licht. Die jüngsten Hiobsbotschaften kommen aus Frankreich, wo der Rückgang vieler Agrarbrutvögel wegen des gestiegenen Einsatzes von Pestiziden mitteleuropäische Ausmaße erreicht hat (Gueffroy 2018). Obwohl die Akzeptanz der industriellen Landwirtschaft, besonders der Massentierhaltung, langsam sinkt (was sich bis jetzt aber nur geringfügig im Konsumverhalten niederschlägt), lässt die vielbeschworene Agrarwende auf sich warten. Ob sie im Rahmen eines ausschließlich an “Wachstum” und Profitmaximierung orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems (von Kennern der Materie Kapitalismus genannt) konsequent durchgesetzt werden kann? Zweifel daran sind vielleicht berechtigt.

Blühstreifen - WBeeke
Abb. 6: Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts. Foto: W. Beeke

Feldlerchen beobachten – wann und wo

Ein echter Hotspot zur Beobachtung von Felderchen ist die südliche Göttinger Feldmark. Hier sind sie erfreulicherweise noch recht häufig. Das liegt in erster Linie am Wechsel der Anbauflächen. Der Maisanteil ist vergleichsweise gering, dafür gibt es die für Zweit- oder gar Drittbruten wichtigen Rübenfelder. Daneben werden auch Kartoffeln, Bohnen und andere Feldfrüchte angebaut. Feldlerchen suchen mit Vorliebe die Grenzlinien zwischen verschiedenen Kulturen auf, weil dort die Bewirtschaft nicht so intensiv und oft genügend Deckung vorhanden ist (eig. Beob.). Im April und Mai ist die Aktivität der singenden Männchen am höchsten, und man kann sie bequem von den Wegen aus („Heckenweg“ westlich der Bauschuttdeponie oder von der Verlängerung der Straße „Im Bruche“ in Geismar) sehen und hören. Dabei fällt auf: Jedes Männchen singt anders. Imitationen von Lautäußerungen anderer Vogelarten werden regelmäßig in den ohnehin sehr variablen Gesang von hoher Brillanz eingeflochten. Jetzt versteht man, warum er von jeher Dichter und Komponisten inspiriert hat. Auch am Diemardener Berg mit seinen ausgedehnten Schlägen sind Feldlerchen noch gut vertreten.
Leider droht den Vögeln von unerwarteter Seite Ungemach: Von vielen Menschen wird die Feldmark Geismar als „eintönig“ wahrgenommen. Deshalb stoßen aktuelle Pläne, sie „ökologisch aufzuwerten“ und weiter für die Naherholung (u.a. als asphaltiertes Skaterparadies) zu ertüchtigen, in der Regel auf Zustimmung. Als Steppenvogel zeigt die Feldlerche jedoch ein ausgeprägtes Meideverhalten gegenüber vertikalen Strukturen jeder Art. Bäume sind eine beliebte Ansitzwarte für gefiederte Prädatoren. Daher halten die Vögel zu ihnen immer einen Sicherheitsabstand ein, auch und gerade beim Brüten. Eine Verminderung der nutzbaren Brutfläche ist die Konsequenz. Auch von einer Streuobstwiese, nach Angaben der Planer das zukünftige „Highlight“, haben sie nichts. Will man diese Rote-Liste-Vogelart wirklich schützen, sollten in ihrem Lebensraum keine weiteren Anpflanzungen vorgenommen werden, so sehr es einen ursprünglichen Baumsavannenbewohner wie Homo sapiens auch schmerzen mag. Dagegen könnten die vorgeschlagenen Blüh- und Randstreifen durchaus eine Bereicherung darstellen.
Auch ein Ausflug nach Göttingen-Deppoldshausen könnte sich lohnen. Dort ist der Boden flachgründig und voller Steine. Er ist nur mäßig zu bewirtschaften, erwärmt sich schnell, ist voller Arthropoden und bietet den Lerchen ein optimales Ambiente. Hinzu tritt die Vielfältigkeit der Anbauflächen, zu denen auch Versuchsflächen des Klosterguts Reinshof zählen. 2001 konnte auf 152 Hektar mit 3,1, Rev./10 ha eine hohe Siedlungsdichte notiert werden (Dörrie 2002). Ob das immer noch zutrifft?
Ansonsten können Feldlerchen praktisch überall beobachtet werden, wo großflächig Ackerbau betrieben wird. Auf eine Wiederholung des „Märzwinters 2013“, als sie sich in Massen am Göttinger Stadtrand aufhielten und sich, weil geschwächt, zum Teil sehr „zutraulich“ zeigten, sollte man im Interesse der Vögel besser nicht hoffen…


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Abb. 7: Lerchenreiche Feldmark. Gö.-Geismar. Foto: Thomas Meder, Lufbildfotographie Südniedersachsen. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Zum Schluss eine kleine Anekdote mit makabrer Schlusspointe: Feldlerchen verhalten sich bei der Revierverteidigung gegen Rivalen alles andere als friedlich. Beobachtungen von erbitterten Zweikämpfen und wilden Verfolgungsjagden sind nicht selten. Ein Männchen an der Kiesgrube Reinshof stellte im Frühjahr 2000 alles Dagewesene in den Schatten: Diese veritable Aggrolerche flog auf den Beobachter (der nun wirklich nicht als Rivale zu erkennen war) zu und rüttelte vor ihm, schimpfend und auf Augenhöhe. Eine ahnungslos vorbei fliegende Rohrammer wurde bis über die Wasserfläche der Kiesgrube verfolgt, mehrfach ins Wasser gedrückt und letztlich ersäuft (Dörrie 2001).
Und zu aller letzt ein kleiner Tipp: Wird man einer Feldlerche gewahr, die am Boden eher leise und verhalten singt, kann es sich auch um ein Weibchen handeln. Optisch unterscheidbar sind die Geschlechter nicht, denn beide tragen das typische Camouflage-Outfit.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bartsch, B. (2016): Die Bedeutung von Landschaftsstrukturelementen für die Avifauna in einer konventionell intensiv genutzten Agrarlandschaft Nordwestdeutschlands. Bachelorarbeit an der Uni Göttingen, unveröff.

Birdlife (2018): Farmers for Skylarks - Unique cooperation to reverse the trend for a threatened species

Brunken, G. (2003): Aspekte zur Entwicklung einer Feldbrüter-Avizönose im Landkreis Northeim (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 107-118.

Bundesamt für Naturschutz (2017): Agrar-Report 2017.

Cimiotti, D., Hötker, H., Schöne, F. & S. Pingen (2011): Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche“ des Naturschutzbundes Deutschland in Kooperation mit dem Deutschen Bauernverband. Abschlussbericht.

Dörrie, H.-H. (2001): Avifaunistischer Jahresbericht 2000 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 5-121.

Dörrie, H.H. (2002): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Dreesmann, C. (1995): Zur Siedlungsdichte der Feldlerche Alauda arvensis im Kulturland von Südniedersachen. Beitr. Naturk. Niedersachs. 48: 76-84.

Flade, M., Plachter, H., Henne, E. & K. Anders (Hrsg.) (2003): Naturschutz in der Agrarlandschaft. Verlag Quelle und Meyer, Wiebelsheim.

Gottschalk, E. & W. Beeke (2015): Stärkste Bestandseinbrüche unter den Feldvögeln: das Rebhuhn. Der Falke 62: 12-27.

Gueffroy, L. (2018): Where Have all the Farmland Birds Gone?

Grüneberg, C. & S.R. Sudmann (2013): Die Brutvögel Nordrhein-Westfalens. LWL-Museum für Naturkunde, Münster.

Hirschfeld, A. & G. Attard (2017): Vogeljagd in Europa - Analyse von Abschusszahlen und Auswirkungen der Jagd auf den Erhalt bedrohter Vogelarten. Ber. Vogelschutz 53/54: 15-42.

Joest, R. (2018): Wie wirksam sind Vertragsnaturschutzmaßnahmen für Feldvögel? Untersuchungen an Feldlerchenfenstern, extensivierten Getreideäckern und Ackerbrachen in der Hellwegbörde (NRW). Vogelwelt 138: 109-121.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Kuiper, M.W. (2015): The value of field margins for farmland birds. Dissertation an der Universität Wageningen (Niederlande).

Langer, T. (2017): Territory selection of the skylark (Alauda arvensis) in the agricultural landscape of the administrative district of Göttingen. Unveröff. Masterarbeit.

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Zang, H. & H. Heckenroth (2001): Die Vögel Niedersachsens, Lerchen bis Braunellen. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H. 2.8. Hannover.

Feldlerche - MSiebner
Abb. 8: Ankunft der Lerchen auf einem noch kahlen Acker im Frühjahr.
Foto: M. Siebner

October 29th, 2018

Grünlaubsänger:
Ein kleiner Vogel belebt Göttingen-Weende

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Abb. 1: Weender Grünlaubsänger. Foto: V. Hesse

Am 4. Juni 2018 gegen 6:55 Uhr, kurz vor Aufbruch zu einer Mitfahrgelegenheit am anderen Ende von Göttingen, wurde Alexander Sührig in seiner Wohnung durch die auf Kipp stehende Balkontür auf einen sich nicht sofort erschließenden Gesang aufmerksam, der nach längerem Anhören und Sichtung des Vogels - der Beobachter befand sich jetzt auf dem Balkon - als Gesang eines Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) identifiziert werden konnte. Der Vogel hielt sich in Koniferen im unmittelbaren Nahbereich des Hauses Uferweg 4 auf und entzog sich zunächst weiteren Wahrnehmungen.
Weil AS unter Termindruck stand, wurde die Beobachtung gegen 7:02 Uhr abgebrochen, nachdem der zuletzt exponiert in einer Fichte singende Vogel (singenderweise) von der Nord- auf die Südseite des Hauses Uferweg 4 geflogen war. Immerhin konnte - mehr schlecht als recht - auf die Schnelle ein Tondokument angefertigt werden.
Am Arbeitsplatz angekommen, stellte AS die Beobachtung nach kurzem Abgleich des Gehörten mit Gesängen von Grünlaubsängern auf xeno-canto.org umgehend in die Datenbank ornitho.de, um weiteren Interessierten die Möglichkeit einer zeitnahen Nachsuche und damit auch eine qualitätvollere Dokumentation zu ermöglichen. Die Rechnung ging dann auch auf und so ist es nicht zuletzt der engagierten Nachsuche und täglichen „Betreuung“ des Vogels durch Malte Georg zu verdanken, dass er bis zum 9. Juni von vielen weiteren aus nah und fern angereisten Vogelbeobachterinnen und -beobachtern - es waren wohl an die 40 oder mehr - gehört und gesehen werden konnte.

Die ersten Tage seiner Anwesenheit sang der Vogel nahezu unermüdlich während des überwiegenden Teils der Hellphase und konnte dabei trotz vieler Standortswechsel recht gut von seinen Bewunderern ausfindig gemacht werden. Die regelmäßigsten Gesangszeiten waren die frühen Morgen- bis Vormittagsstunden, wobei hier sogar der Nahrungserwerb und fliegende Standortswechsel von Gesang begleitet waren. Der überwiegend von exponiertem Standort vorgetragene, arttypische Gesang, der an einen laut vorgetragenen Mix der Gesänge von Bachstelze, Heckenbraunelle und Zaunkönig erinnert, variierte teilweise sehr im Strophenbau und Rhythmus. Ausschließliche Imitationen des Zaunkönigs anstelle des üblichen Gesangs, die von manchen Grünlaubsängern bekannt sind, brachte der Vogel nicht hervor. Das war auch gut so, denn diese Imitationen können so perfekt ausfallen, dass man meint, nur den Zwerg zu hören und achtlos weitergeht… Nachmittags verstummte er nicht selten und konnte auch im Laufe des Abends zumeist nicht mehr ausfindig gemacht werden. An seiner Territorialität ließ der Grünlaubsänger keine Zweifel aufkommen, was auch die örtlichen Brutvögel zu spüren bekamen. Bei Girlitzen fühlte sich der Laubsänger womöglich durch deren ähnlichen Gesang provoziert und konnte gleich zweimal bei Verfolgungsflügen beobachtet werden. Nachdem am 9. Juni die Gesangsaktivität des Vogels schon sehr stark nachgelassen hatte, verließ der einsam gebliebene Sänger letztendlich nach einer Aufenthaltsdauer von sechs Tagen Weende. Besondere Erwähnung soll auch das rege Interesse der Anwohner vor Ort finden, welche nicht nur tolerant die aufkommenden Menschenmengen, teils mit beeindruckend bis bedrohlich wirkendem optischen Equipment ausgestattet, vor ihren Grundstücken duldeten, sondern sich auch immer wieder angeregt über den kleinen Sänger informierten. So viel Leben war selten in den schmalen Gassen…

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Abb. 2: Tonaufnahme des Gesangs. Aufnahme: M. Göpfert
Bitte das Sonagramm anklicken

Der Grünlaubsänger ist ein typischer Vertreter der artenreichen Gattung Phylloscopus. Auffällig ist der helle Überaugenstreif, der bis an die Schnabelwurzel reicht. Die schmale helle Flügelbinde ist bei vielen Vögeln nur gering ausgeprägt und kann manchmal sogar fehlen. Bei unserem Vogel war sie aber manchmal zu sehen, am besten auf Fotos. Auffallend „grün“ ist die Art eigentlich nicht. Die niederländische Bezeichnung „Grauer Fitis“ trifft es viel besser. Grünlaubsänger brüten in mehreren Unterarten von Osteuropa bis China. In Deutschland ist die Art ein seltener Brut- und Gastvogel. Die große Mehrzahl der Vögel stellen Männchen, die vor allem Ende Mai bis Mitte Juni manchmal über Tage ortsfest singen und, weil sie kein Weibchen anlocken konnten, dann wieder abziehen. Das vermehrte Auftreten an der westlichen Verbreitungsgrenze wird allgemein durch Zugprolongation in Folge von erhöhten Temperaturen zur Zugzeit Mitte Mai bis Mitte Juni begründet. Zudem begünstigen Phasen mit östlichen Winden das Vorkommen. Obgleich diese Bedingungen im Mai 2018 durchaus passten, kam es, zumindest nach den Daten in ornitho.de, bundesweit zu keinem Einflug der Art. Lediglich auf Helgoland und der Greifswalder Oie, einer kleinen Ostseeinsel, zeigten mehrere zeitgleich anwesende Vögel ein vermehrtes, aber nicht untypisches Auftreten an.
Bei der Bruthabitatwahl scheint der Grünlaubsänger eine besondere Affinität zu frisch bis feuchten Hangwäldern zu besitzen. Häufig werden dort die Bereiche mit einer hohen Bonität und dem ältesten Baumbestand aufgesucht, wobei die vorkommenden Baumarten eine untergeordnete Rolle spielen. In Deutschland werden so zum Beispiel im besonderen Umfang strukturreiche Laub- und Mischwälder im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns besiedelt, aber auch alte Fichtenwälder in den Hochlagen des Harzes. Des Weiteren konzentriert sich das sehr kleine deutsche Vorkommen mit mehreren Revierbesetzungen und einzelnen Brutnachweisen unter anderem auf Helgoland, die Greifswalder Oie und die Sächsische Schweiz. Oft vorhandene Strukturelemente sind kleine Lichtungen, Waldränder, Bäche, Wasserfälle und, anscheinend mit besonderer Anziehungskraft, Felsen und Schluchten oder ersatzweise Erdanschnitte, Geländestufen oder auch Gartenmauern. Der Neststandort befindet sich ebenfalls in kleinen Nischen an den letztgenannten Geländestrukturen. Die erste Brut in Deutschland fand 1962 im rheinland-pfälzischen Westerwald denn auch, wie Jahrzehnte später mehrfach auf Helgoland, in einer Felsspalte oder -nische statt. Die geforderten Habitateigenschaften werden nicht selten auch von Parks, Alleen und Gärten erfüllt. In diesem Zusammenhang besonders interessant sind ein Nestfund in Schweden an einer efeubewachsenen Hauswand in 1,5 m Höhe oder auch das Einnisten in einem offenen Hausbriefkasten auf der Kurischen Nehrung.

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Abb. 3: Felsiger Neststandort auf Helgoland. Foto: M. Georg

Das Streifgebiet des Vogels im Göttinger Stadtteil Weende kann grob nach Süden durch die Hennebergstraße/Im Hassel eingegrenzt werden, sowie nach Norden hin durch die Breite Straße. Die westliche bzw. östliche Grenze bildete die Hannoversche Straße sowie der Friedhof Weende. Da der Vogel überhaupt nur singend wahrgenommen wurde, wäre es auch denkbar, dass er stumm sein Streifgebiet über den hier begrenzten Bereich ausgedehnt hat. In diesem Areal präferierte der Grünlaubsänger im Wesentlichen drei Stellen:
Der zuverlässigste Ort zum Auffinden des Vogels waren eindeutig die zirka 0,5 ha großen, unzugänglichen Hausgärten an der Ecke Petrikirchstraße/Breite Straße. Die Gärten sind charakterisiert durch einen sehr gestuften, lückigen Baumbestand aus sowohl Koniferen als auch Laubbaumarten. Die parkähnlichen Gärten mit zum Teil recht hohen Bäumen sind nach außen hin durch Häuser begrenzt. In der Mitte der Grundstücke fließt ein kleiner Bach, die Weende, in einer recht dichten Einfassung aus Sträuchern. Eine kleine Natursteinmauer rundet das Habitat ab. Bevorzugte Gesangsplätze waren die exponierte Spitze eines Urweltmammutbaums, verdeckt im Kronenbereich einer Esche sowie zahlreiche andere Bäume und seltener auch Hausdächer.

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Abb. 4: Petrikirchstraße in Weende. Foto: M. Georg

Auch der Entdeckungsort am Uferweg entspricht im Allgemeinen der Beschreibung des ersten Gebiets. Auffällig ist hierbei die Eingrenzung der Weende vor allem durch Mauern und Häuser, welche entfernt den Eindruck einer Schlucht entstehen lassen. Der recht hochgewachsene Baumbestand kann hier schon eher als parkähnlicher „Mischwald“ beschrieben werden. Im Vergleich zum ersten Gebiet stehen die Bäume etwas dichter beisammen. Der Grünlaubsänger konnte mitunter beim direkten Wechsel zwischen den beiden Stellen beobachtet werden.

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Abb. 5: Uferweg in Weende. Foto: M. Georg

Der Friedhof Weende, als drittes Gebiet, besitzt im Vergleich zu den beiden zuvor beschriebenen Stellen keinen Bach, der den parkähnlichen Baumbestand durchfließt. Auch der Koniferenanteil ist im Vergleich zu diesen deutlich erhöht. Als Besonderheit sind hier noch die Friedhofsgebäude aus Naturstein zu nennen. Trotz dieses „montanen“ Eindrucks konnte der Grünlaubsänger hier nur zu Anfang einige Male festgestellt werden.

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Abb. 6: Friedhof Weende. Foto: M. Georg

Zusammengefasst sind einige Parallelen zwischen den Habitateigenschaften des aufgesuchten Gebiets im Göttinger Siedlungsbereich und den Primärhabitaten in osteuropäischen Wäldern zu erkennen. Häuser und Mauern suggerieren exponierte Felskuppen im urbanen Lebensraum (die Betriebsstätte einer Bäckerei sieht fast wie eine große, horizontale Klippe aus), die Weende sorgt für ein feucht-kaltes Klima und ein lückiger, parkähnlicher Baumbestand aus teilweise recht stattlichen Einzelbäumen vollendet das Bild.


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Abb. 7: Karte mit bevorzugten Gesangsplätzen. Grafik: A. Sührig, S. Alvite Rúa
Zum Vergrößern bitte anklicken.

Erratische Revierbesetzungen einzelner Männchen in Parklandschaften, Gärten und auf Friedhöfen sind auch im übrigen Deutschland nichts Außergewöhnliches. Figurativ seien an dieser Stelle der Alte Botanische Garten in Hamburg, das Kieler Stadtzentrum, das Hilchenbacher Seniorenwohnheim im Siegerland und mit einer gewissen Regelmäßigkeit diverse Parks und Friedhöfe in Berlin genannt. Ein erster Brutnachweis im Siedlungsbereich mit einem von einem Altvogel gefüttertem flüggen Jungvogel gelang allerdings erst am 27. Juni 2017 auf dem Friedhof „In den Kisseln“ in Berlin-Spandau, vorbehaltlich der Beurteilung der Avifaunistischen Kommission Berlin Brandenburg (AKBB).
All dies zeigt, dass es in Deutschland eine Unmenge von Plätzen und Orten gibt, die für durchziehende oder revierbesetzende Männchen prinzipiell geeignet sind. Hier kann man nur auf den Zufall und seine Stimmenkenntnis vertrauen…

Aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen lagen zuvor drei Beobachtungen des Grünlaubsängers vor. Am 9. Juni 1963 bemühte sich am Bismarckstein im Göttinger Stadtwald (im Volksmund auch „Elefantenklo“ genannt) ein singendes Männchen um ein brütendes Weibchen des Waldlaubsängers. Am 8. August desselben Jahres (!) sang ein Männchen im Kirchweg (heute Humboldtallee). Das Datum ist für einen singenden Vogel recht spät. Im Stadtwald könnte das „Elefantenklo“ als herausragende „Felsformation“ eine besondere Anziehungskraft auf den seltenen Gast ausgeübt haben. Die Humboldtallee ist auch heute noch von hohen Häusern inmitten eines alten Baumbestands geprägt.
Am 29. Mai 1987 ließ sich an der Domäne Eddigehausen (Gemeinde Bovenden) in einem hohen Einzelbaum ein kurzzeitig singendes Männchen vernehmen. Diese Beobachtung wurde vom damaligen Bundesseltenheitenausschuss (BSA) anerkannt.

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Abb. 8: Grünlaubsänger, fast unentwegt singend. Foto: M. Georg

Und zu guter letzt: Die Vorliebe des Grünlaubsängers für Parkanlagen aller Art konnte neulich sogar im deutschen Fernsehen dokumentiert werden. Für die Fußball-WM-Sendung „Kwartira“ im Ersten besuchte ein Reporter in Begleitung russischer Hooligans den Friedhof der westsibirischen Stadt Jekaterinburg. Dort stehen prachtvolle Grabsteine mit aufwendig gestalteten Porträts von Mafiagrößen, die in den 1990er Jahren bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind. Während die Besucher die beeindruckenden Zeugnisse einer hochentwickelten Sepulkralkultur bestaunten, sang über ihnen - ein Grünlaubsänger, laut schmetternd und daher auch vor dem Fernseher unüberhörbar. Die Zahl der Zuschauer, die das zu würdigen wussten, dürfte aber nicht sehr groß gewesen sein…

Malte Georg, Alexander Sührig und Hans H. Dörrie

Literatur:
Deutsche Seltenheitenkommission (2000): Seltene Vogelarten in Deutschland 1997. Limicola 14: 273-340.
Deutsche Seltenheitenkommission (2008): Seltene Vogelarten in Deutschland von 2001 bis 2005. Limicola 22: 249-339.
Frede, M. & H. Krafft (2012): Vogel des Monats: November 2012. Der Grünlaubsänger vom Hilchenbacher Seniorenwohnheim. Charadrius 48, Heft 3-4.
Glutz von Blotzheim U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/II. Aula-Verlag. Wiesbaden.
Hampel, F. (1964): Grüner Laubsänger, Phylloscopus trochiloides, in Göttingen. J. Orn. 105: 199.
Koschkar, S. & J. Dierschke (2014): „Go West…“: Der Grünlaubsänger Phylloscopus trochiloides in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2013: 50-59.
Schäffer, A. (2018): Ostzieher mit Westausdehnung: Grünlaubsänger. Der Falke 7/2018: 22.

Links:
www.oag-helgoland.de
www.ornitho.de

July 1st, 2018

Der Star – Vogel des Jahres 2018 –
in Süd-Niedersachsen:
ein Allerweltsvogel auf der Roten Liste

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Abb. 1: Balzender Star. Foto: M. Siebner

Mit dem Star (Sturnus vulgaris) hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Der Jahresvogel ist vielen Menschen bekannt, auch aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Im Siedlungsbereich brütet er an Gebäuden und in Nistkästen. Schon im Vorfrühling liefert er vor dem Brutplatz eine beeindruckende Vorstellung. Der strukturreich perlende Gesang enthält viele Imitationen. Wachtel oder Pirol bereits Ende Februar? Nicht der Klimawandel, der Star macht’s möglich. Dabei schlägt der Vogel voller Hingabe rhythmisch mit den Flügeln. Das aus der Ferne einfarbig dunkel wirkende Gefieder irisiert in allen Farben. Lebensfreude pur!

Verbreitung und Bestand

Leider gestaltet sich das Dasein unseres Porträtvogels seit einiger Zeit alles andere als gedeihlich. Und das ist eher wenigen bekannt. In den letzen 20 Jahren hat das Agrarland der Europäischen Union unfassbare 300 Millionen Vögel verloren. Davon entfallen allein auf den Star ca. 40 Millionen Brutpaare (PECMS 2012). In Deutschland sind in diesem Zeitraum knapp zwei Millionen Starenpaare verschwunden. Der dramatische Rückgang beruht wahrscheinlich auf einem ganzen Bündel von Faktoren, die in ihrem konkreten Zusammenwirken immer noch wenig bekannt sind. Der niedersächsische Bestand wird im aktuellen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) auf im Mittel 420.000 Brutpaare beziffert. Das sind nur halb so viele wie in den 1960er bis 1970er Jahren. Deshalb wird der Star, obwohl immer noch häufig und verbreitet, folgerichtig in der Roten Liste (Krüger & Nipkow 2015) in der Kategorie 3 („im Bestand gefährdet“) geführt.

Wie so oft bei scheinbaren Allerweltsarten ist eine Quantifizierung des regionalen Brutbestands nicht möglich. Daten, die über flüchtige Zufallsbeobachtungen hinausgehen, sind Mangelware und stammen zumeist aus der ersten Dekade des neuen Jahrtausends. Die Angaben im niedersächsischen Brutvogelatlas beruhen auf modellierten Hochrechnungen und sind mit 400 bis 1000 Paaren pro Quadrant (ca. 30 km²) für das waldreiche Bergland Süd-Niedersachsens mit Sicherheit zu hoch ausgefallen. Brüten in der Region 10.000 oder 20.000 Paare? Man weiß es nicht. Dies betrifft auch den Schwund der letzten Jahrzehnte. Verlässliche Zahlen zur langfristigen Bestandsentwicklung liefert letztlich nur die Kartierung des 3,6 km² großen Göttinger Kerngebiets in den Jahren 2005/2006 (Dörrie 2006). Damals wurden 106 Paare gezählt. 1965 waren es noch 240, 1948 nur 65 (wobei anzumerken ist, dass in den Kälte- und Hungerwintern der Nachkriegszeit auch die meisten Nistkästen verfeuert wurden). Bei der Kartierung der beiden größten Göttinger Friedhöfe im Jahr 2004 (Dörrie & Paul 2005) ergab sich auf dem altholz-, höhlen- und nistkastenreichen Stadtfriedhof mit ganzen fünf Paaren auf 36 Hektar eine unerwartet niedrige Besiedlung. Dabei sollen alte Parkanlagen zu den bevorzugten Bruthabitaten unseres Porträtvogels zählen…
Bei der Stadtwald-Kartierung 2003 (Dörrie 2004b) zeigte sich, dass der Star in einem „naturgemäß“ bewirtschafteten, durch dichte Vegetationsstrukturen geprägten Buchenwald eine seltene Erscheinung ist: Mit nur vier Paaren auf 185 Hektar fiel die Besiedlung sehr dünn aus. Nur am Hainholzhof und auf dem Kerstlingeröder Feld sah es mit insgesamt 15 Paaren etwas besser aus. Im Kaufunger Wald scheint die Art ebenfalls selten zu sein, mit Ausnahme der wenigen Altbuchen- und Alteichenbestände (G. Brunken in Dörrie 2002). Im Nordteil des EU-Vogelschutzgebiets „Unteres Eichsfeld“ wurden 2003 auf 33 km² 80 bis 100 Paare festgestellt, die meisten an Waldrändern mit alten Eichen (G. Brunken, M. Corsmann und U. Heitkamp in Dörrie 2004). Die Vorliebe für Eichen als Brutbäume wird auch durch ein kleines Schlaglicht auf zwei benachbarte Waldgebiete belegt: Der eichenreiche Große Leinebusch beherbergte 2002 vier Paare, im eichenlosen Kleinen Leinebusch fehlte die Art (G. Brunken in Dörrie 2003).
Weich- und Hartholzbestände entlang der Fluss- und Bachläufe sind/waren besser besiedelt, z.B. die Gehölze entlang von Leine und Garte südlich von Göttingen (zehn Paare auf 2,1 km, Dörrie 2002b).
Der ländliche Siedlungsbereich gilt als einer der Hauptlebensräume unseres Porträtvogels (Krüger et al. 2014). In unserer Region ist er, was Starendaten anbelangt, weithin eine terra incognita. Aktuelle Angaben zum Brutbestand, die jeweils weniger als zehn Paare betreffen, liegen in unserer Datenbank ornitho nur aus Teilen der Orte Gerblingerode (D. Wucherpfennig), Immingerode (D. Wucherpfennig), Eberhausen (M. Jenssen) und Ahlshausen (H. Rumpeltin) vor. Dabei treffen gerade hier wichtige Habitatparameter zusammen, die für eine Brutansiedlung unabdingbar sind. Darauf wird im Folgenden etwas näher eingegangen.

Ansprüche an den Lebensraum

Für den Star sind die besten Brutplätze, ob nun Nistkästen, Natur- und Spechthöhlen oder schadhaftes Mauerwerk, uninteressant, wenn in der näheren Umgebung insekten- und arthropodenreiche Offenflächen fehlen. Junge Stare werden ausschließlich mit tierischer Nahrung großgezogen, die von den Eltern auf Weiden, Wiesen oder Scherrasenflächen erbeutet wird (Bauer et al. 2005). Und hier taucht schon das erste Problem für unseren Porträtvogel auf. Eine Untersuchung in Dänemark (Heldbjerg et al. 2016) hat ergeben, dass sein Bestandsrückgang mit der Aufgabe der Offenlandhaltung von Nutztieren einhergeht. Das klingt einleuchtend, denn Weidetiere halten die Vegetation kurz, scheuchen beim Fressen potentielle Beutetiere auf und sorgen mit ihrem für Insekten sehr attraktiven Dung für stetigen Nachschub verfügbaren Starenfutters. Das enge Zusammenleben von Futter suchenden Staren und Großherbivoren kann man an den wenigen Stellen in unserer Region studieren, wo noch Nutztiere im Freiland grasen, z.B. im Seeanger (Rinder) oder an den Deichen am Leinepolder Salzderhelden (Schafe). Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Weidetiere in der gesamten EU um -zig Millionen zurückgegangen ist, kann man sich ausmalen, wie sehr allein diese Entwicklung die Starenpopulation getroffen hat. Hinzu tritt, dass, selbst wenn man wollte, die hochgezüchteten Turbo-Milchkühe nicht mehr außerhalb der Ställe gehalten werden können. Mit ihrem degenerierten Verdauungsapparat würden die bedauernswerten Tiere nach kurzer Zeit sterben.

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Abb. 2: Freunde fürs Leben: Schaf und Star. Foto: M. Siebner

George (2017) bringt das nahezu komplette Verschwinden von einer Kontrollfläche bei Müncheberge (Harzrand/Sachsen-Anhalt) mit der Extensivierung der Grünlandnutzung (als Naturschutzmaßnahme!) in Verbindung. Günther & Hellmann (2012) nennen als Erklärung für den dramatischen Rückgang von 14 auf zwei Paare auf einer Kontrollfläche im Selketal (Harz/Sachsen-Anhalt) einen späteren Mahdtermin in Kombination mit der Aufgabe der Beweidung. Dieses Szenario könnte auch die geringe Besiedlung des Kerstlingeröder Felds in Göttingen erklären, das mit seinen höhlenreichen Uraltbuchen und weiten Wiesen eigentlich ein Starenparadies erster Güte sein sollte. Wenn die Wiesen jedoch erst im Sommer gemäht werden (wovon Feldlerche und, selten, Wachtelkönig profitieren) gibt es für die Stare während der Brutzeit im hohen Gras nichts zu beißen. In diesem FFH-/Naturschutzgebiet werden zwar verbuschende Magerrasenflächen beweidet, allerdings ebenfalls erst recht spät und zudem nur für vergleichsweise kurze Zeit.
Der (eher lokalen) Extensivierung der Grünlandnutzung steht deren Intensivierung auf weiter Fläche entgegen. Die Bewirtschaftung als reines Mähgrünland manifestiert sich in bis zu fünf Schnitten pro Jahr, beginnend schon Ende April. Profitiert der Star vom regelmäßigen Kurzhalten der Vegetation? Eher nicht, denn auch das Mähgrünland wird oft übermäßig gedüngt und teils sogar mit Bioziden von „Schädlingen“ gesäubert. Das Insektenangebot hält sich auf solchen degradierten Flächen in engen Grenzen. Zudem sinkt der Grünlandanteil beständig und dürfte im Landkreis Göttingen aktuell bei weniger als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche liegen.
Nährstoffarme, aber insektenreiche Offenflächen in Abbaugebieten oder als Resultat von Erschließungsmaßnahmen wachsen wegen des düngenden Eintrags von Stickstoffverbindungen aus der Luft heutzutage viel schneller zu als früher. Wie in den Wäldern wird auch hier der Star zum Leidtragenden der allgemeinen Eutrophierung.
Darüber hinaus wird sein Bestand, wie der vieler anderer Agrarvögel, von den Folgen des industriellen Ackerbaus in Mitleidenschaft gezogen. Die Mixtur aus Gülle, Glyphosat und Monokulturen (Wintergetreide, Mais, Raps etc.) hat das früher artenreiche Kulturland in eine insektenarme Einöde verwandelt. Bei der Kartierung einer 863 Hektar großen Agrarlandfläche bei Behrensen konnten 2001 nur zwei Reviere festgestellt werden, obwohl Gehölze mit potentiellen Brutbäumen dort seit der ersten Kartierung 1983 deutlich zugenommen hatten (Brunken 2003). Im Siedlungsbereich wird der Star, neben Haussperling und Mauersegler, von der verbreiteten Wärmedämmung gebeutelt, die auch die letzten Fugen und Nischen unzugänglich macht. Auch Dachantennen, die er gern als Singwarten nutzt, sind deutlich seltener geworden.

Brutökologie

Stare brüten früh im Jahr. Schon ab Mitte Mai kann man die ersten Familienverbände mit zumeist drei bis vier flüggen Jungvögeln bei der Nahrungssuche beobachten. Gebrütet wird, wie schon erwähnt, in Höhlen oder ähnlichen Strukturen. Eine besondere Rolle spielen Buntspechthöhlen, die er als Nachmieter nutzt. Seit einiger Zeit mehren sich Beobachtungen von Staren, die in Höhlen brüten, die Buntspechte in die Wärmedämmung von Fassaden gemeißelt haben. Der Hausbesitzer ist erbost, der Star entzückt, weil er der „Energiewende“ mit ihren desaströsen Folgen für die Vogelwelt ausnahmsweise ein Schnippchen schlagen konnte…

Mauerstar - MSiebner
Abb. 3: Star an wärmegedämmter Buntspechthöhle. Foto: M. Siebner

Häufig genutzt werden Nistkästen (die Kotflecken am Einflugloch verraten es), die eigentlich dem Mauersegler gewidmet sind. Zu Konflikten mit der Zielart, die bei der Besetzung ihrer Brutplätze rabiat vorgeht und Eier und Jungvögel der „unrechtmäßigen“ Bewohner mit ihren gleichermaßen kräftigen und scharfen Krallen abräumt, kommt es jedoch eher selten: Wenn die Mauersegler mit ihren Brutvorbereitungen ernst machen, sind viele Starenbruten schon ausgeflogen.
In der regionalen Literatur und in der Datenbank ornitho sind vereinzelt Hinweise auf Zweitbruten (nicht zu verwechseln mit Spät- oder Ersatzbruten!) zu finden. Darauf können Jungvögel hindeuten, die noch Ende Juni/Anfang Juli an einer schon vorher genutzten Höhle gefüttert werden. Ob ihre Zahl zugenommen hat, muss offen bleiben.

Nach der Brutzeit

Ab Mitte Juni lösen sich die Familienverbände auf und es kommt zur Bildung von großen Schwärmen. Jetzt tritt tierische Nahrung in den Hintergrund, zugunsten von Beeren und Früchten. Im bundesdeutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) wird die Vermutung geäußert, dass das Angebot von Steinobst im Vorjahr ein gravierender Faktor bei Bestandsschwankungen ist. Sind z.B. (wie im Frühsommer 2017) Kirschen knapp steigt die nachbrutzeitliche Mortalität, mit negativen Auswirkungen auf die Brutpopulation im Folgejahr.
Die Vorliebe für Früchte und Beeren wird unserem Porträtvogel mancherorts zum Verhängnis. Vor allem im Südwesten Europas und in Nordafrika setzen Winzer und Obstbauern alles daran, die verhassten Konkurrenten in Schach zu halten – auch mit Mitteln der ansonsten weltweit geächteten chemischen Kriegsführung. Bis in die jüngere Vergangenheit wurden Schlafplätze mit Dynamit und Benzinbomben in die Luft gejagt und Schwärme mit Kontaktgiften oder Gefiederbenetzungsmitteln zum letalen Auskühlen besprüht (Feare 1984, Glutz v. Blotzheim 1993). In unseren Breiten kommt zumeist ein ausgefeiltes Arsenal von optischen (Stanniolbehänge, Glitzerkugeln), akustischen (Böllerschüsse im Halbminutentakt, Abspielen von Warnrufen) und anderen Gegenmitteln (Überspannung der Kulturen mit Netzen, in denen viele Stare umkommen) zur Anwendung. Auf Flugplätzen werden Greifvögel eingesetzt, um die Schwärme zwecks Minderung des Vogelschlag-Risikos zu vertreiben. In den Zeiten, als es dem Star erheblich besser ging als heute, sollen all diese, z.T. barbarischen Maßnahmen keinen bestandsmindernden Einfluss gehabt haben (Feare 1984). Trifft das auch heute noch zu?

Schlafplätze

Starenschwärme liefern ein faszinierendes Schauspiel, das jede(r) Vogelbegeisterte wenigstens einmal gesehen haben sollte. In Röhrichtgürteln von Stillgewässern oder in ufernahen Gehölzen beziehen sie Abend für Abend ihre Schlafplätze. Bevor sie sich zur Ruhe begeben, fliegen die Vögel in riesigen Formationen umher, ändern jählings die Richtung und schreiben dabei bizarre Figuren in den Himmel. Diese Manöver (bei denen sie, in Kleingruppen bestens organisiert, niemals zusammenstoßen) dienen zum einen der Abwehr von Flugfeinden, zum anderen dem sozialen Zusammenhalt. Sind sie endlich gelandet, geht es bis zur Dunkelheit mit unablässigem Geschnatter weiter. Vermutlich sind die Schlafplätze, wie bei Rabenvögeln, auch Informationsbörsen.

Schwarm Seeburg - MSiebner
Abb. 4: Starenschwarm über dem Seeburger See. Foto: M. Siebner

In Süd-Niedersachsen wird seit vielen Jahrzehnten ein Schlafplatz im Schilf des Seeburger Sees bezogen. Hier versammeln sich ab Juni die Brutvögel samt Nachwuchs und Nichtbrüter der weiteren Umgebung. Ringfunde von anderen Schlafplätzen in unserem Bundesland belegen, dass sich ihnen bereits ab Juli Artgenossen aus Ostdeutschland und Polen, aber auch aus der Schweiz (Dispersionszug) hinzugesellen können (Zang in Zang et al. 2009). Anhand der Rastzahlen am Seeburger See lässt sich der Niedergang unseres Porträtvogels leider nur allzu gut dokumentieren. Die älteste Beobachtung datiert vom Juli 1932 mit 25.000 Ind. (Eichler 1949-50, Bruns 1949). Bis 1960 lagen die Zahlen mit maximal 20.000 Ind. augenscheinlich leicht darunter (Witt 1963). Hampel (1965) berichtet für den Zeitraum 1955-1964 eher pauschal von „riesigen Schwärmen“. In den 1970er Jahren explodierten die Zahlen förmlich: Während im Oktober 1975 eher unterdurchschnittliche 8000 Ind. gezählt wurden, waren es im Herbst 1976 bereits 500.000, denen 1977 enorme 700.000 folgten. Im September 1979 gelangten gar 800.000 Vögel zur Beobachtung. Die alles überragende Maximalzahl wurde jedoch im April dieses Jahres, also interessanterweise auf dem Heimzug, mit 1.500.000 Staren. erreicht (Angaben nach Brunken & Meineke 1976, Brunken 1978a, 1978b, Dörrie 2010). Dieses grandiose Spektakel ist allen Beobachtern, die seiner teilhaftig werden durften, unvergesslich. Über die Ursachen der auf wenige Jahre beschränkten Rastzahlen-Explosion kann man im Nachhinein nur spekulieren.
Danach ging es beständig bergab. Ob die 100.000er-Marke nach 1979 jemals wieder erreicht wurde, lässt sich aus dem zugänglichen Datenmaterial nicht ermitteln. Die Maximalzahl im neuen Jahrtausend lag bei 60.000 Ind. im Herbst 2004 (Dörrie 2005). In den letzten drei Jahren wurden nicht einmal 15.000 Ind. erreicht (2015 12.000, 2016 5000 und 2017 6000 Ind.). Die Aussagekraft der aktuellen Zahlen ist allerdings gering, weil trotz hoher Beobachterfrequenz am Seeburger See den Starenschwärmen immer weniger Beachtung geschenkt wird. Die Zahl der abendlichen Exkursionen, bei denen man sie zählen könnte, ist stark zurückgegangen.
Parallel zum Schwund am Seeburger See entwickelte sich in den 1990er Jahren in den Weiden an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Schlafplatz, der auf dem Wegzug von bis zu 100.000 Vögeln genutzt wurde (P.H. Barthel in Schumacher 1996, Dörrie 2010). Seit wann genau er verwaist ist bleibt offen. Auf dem Heimzug wird seit ein paar Jahren ein Schlafplatz im Röhricht des Leinepolders Salzderhelden angeflogen. Hier liegen die Maximalzahlen bei ca. 8000 Ind. (P.H. Barthel in ornitho). Ein Schlafplatz an der Kiesgrube Reinshof wurde nur sehr unregelmäßig von bis zu 1500 Ind. besucht, aus den letzten zehn Jahren gibt es keine Beobachtungen mehr. Der Denkershäuser Teich, wo im Oktober 1986 bis zu 20.000 Vögel einfielen und die Rastzahlen 1999-2004 bei maximal 4000 Vögeln (2001) lagen (Heitkamp 2013), wird vielleicht noch auf dem Heim- und Wegzug besucht; in welcher Größenordnung ist unbekannt. Auch das Röhricht in der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal bei Hann. Münden dient Staren als Schlafplatz. Fokken (o.J.) nennt 500 Vögel aus dem Frühjahr 1979 und ca. 1000 Ende Juni 1982. Ob 2500 Ind. vom März 2016 (W. Vogeley in ornitho) ein langjähriges Maximum sind muss offen bleiben.

Star Schwarm Nah - MSiebner
Abb. 5: Starenschwarm, etwas näher. Foto: M. Siebner

Wintervorkommen

Wie viele Stare gibt es bei uns im Winter? Eine bündige Antwort auf diese Frage ist nicht möglich. Zudem kann sich der Heimzug der Kurzstreckenzieher unter ihnen schon im Spätwinter bemerkbar machen. Die meisten unserer Brutvögel dürften ihre Heimat verlassen und in Südwesteuropa bis Nordafrika überwintern. Sie werden durch Artgenossen ersetzt, die vermutlich aus dem (Nord-)Osten stammen. Den Anteil sesshafter Vögel bei der Starenpopulation des süd-niedersächsischen Berglands beziffert Zang in Zang et al. (2009) auf ca. fünf Prozent. Unsere Stare werden also keineswegs, wie manchmal in die Welt posaunt wird, „immer mehr zu Standvögeln“. Auch die einfache Rechnung „je milder der Winter, desto mehr Stare harren aus“, haut nicht hin. Das belegen die langjährig gesammelten Daten ganz klar. Vermutlich spielen Nahrungsangebot und Zug- bzw. Populationsdynamik auswärtiger Wintergäste eine erheblich größere Rolle als die Höhe der Temperaturen. Im milden Winter 1994/95 war ein Schlafplatz in der Göttinger Theodor-Heuss-Straße von immerhin 5000-6000 Vögeln besetzt (Schumacher 1996). Im Januar des sehr kalten Winters 1996/97 schliefen 3000 Vögel in einer von Efeu umwachsenen Esche vor einem Chinarestaurant in der Friedrichstraße (Dörrie 2010). Im kalten Winter 2002/2003 kam es wiederum zu einem starken innerstädtischen Auftreten: Zwischen Weender Straße und Gotmarstraße schliefen im Dezember 2002 bis zu 1000 Vögel im Efeu eines Hinterhofs. Als der genervte Hausbesitzer den Bewuchs kurzerhand beseitigte wichen die Vögel an die alten Kliniken in der Goßlerstrasse aus, wo sich ihre Zahl im Januar 2003 auf ca. 2500 Ind. vergrößerte (Dörrie 2004a). Seitdem ist über Winterschlafplätze im urbanen Göttinger Bereich nichts mehr bekannt geworden, zumindest nicht in diesen Dimensionen. Einen eher verstörenden Höhepunkt des Auftretens in der kalten Jahreszeit lieferte der berüchtigte „Märzwinter 2013“. Während eines gigantischen, über Wochen anhaltenden Zugstaus mit Dauerfrost und Schneefall fielen ab der letzten Märzdekade bis weit in den April Tausende Stare an Göttinger Futterhäuschen ein, offenbar völlig ausgehungert. Die Verwunderung der vogelfreundlichen Mitbürger/innen war groß, denn viele hatten das Füttern schon eingestellt - es war ja, dem Kalender nach, Frühling (Grüneberg & Dörrie 2013).
Wie auch immer: Stare sind, in stark schwankender Zahl, im Winter seit jeher eine normale Erscheinung (z.B. Hampel 1965). Am ehesten bekommt man sie im Leinepolder Salzderhelden zu sehen, aber auch, bei entsprechendem Nahrungsangebot, in den Feldmarken um Göttingen oder im Seeanger.

Rätselvogel - HJThorns
Abb. 6: Ein Rätselvogel. Foto: H.-J. Thorns

Was zeigt dieses Foto? Eine sibirische Erddrossel? Einen Tannenhäher? Oder etwas ganz Exotisches? Solche Mutmaßungen werden bisweilen von interessierten Bürger/innen in Telefongesprächen oder E-Mails geäußert, manchmal mit der ergänzenden Information, dass der Vogel im Bestimmungsbuch zu Hause nicht abgebildet ist. Auf die Nachfrage, wie das Buch denn heißt und wann es erschienen ist, werden bekannte Titel aus den 1960er bis 1970er Jahren genannt. Kein Wunder. Die Antwort ist aber einfach: Es handelt sich um einen Star, der vom Jugend- ins Winterkleid ummausert.

Schutz

Die „Energiewende“ ist für viele Agrarland-Brutvögel ein einziges Desaster (Flade 2012). Ein grundlegender Wandel in der EU-Agrarpolitik, der dem Einhalt gebieten könnte, ist nicht in Sicht. Deshalb wird es auch in den kommenden Jahren bei (in der Regel) kleinflächigen Schutzprojekten für Vogelarten mit hoher Schutzpriorität oder EU-Verantwortung bleiben. Zu diesen zählt der Star wegen seiner immer noch weiten Verbreitung und Häufigkeit nicht. Sehr positiv sind Beweidungsprojekte mit robusten Rinderrassen in der Normallandschaft zu bewerten, von denen er sicher profitieren kann. Vom konventionellen Wiesenbrüterschutz mit späten Mahdterminen hat er dagegen rein gar nichts… Im Siedlungsbereich verschwindet nach Sanierungen ein Brutplatz nach dem anderen. Kann man dem Star helfen? Klar doch, wird jeder sagen: mit Nistkästen. Ihr Umsatz dürfte 2018 deutlich steigen. Warum auch nicht. In Schrebergärten, die mit ihren Offenflächen ein optimaler Lebensraum sind, aber oft nur wenige Höhlenbäume aufweisen, kann die Starendichte mit Nistkästen deutlich gesteigert werden. Und wenn die Zielart das Angebot verschmäht, können sich auch andere Tierarten in ihnen niederlassen. Weil Nistplatzmangel für den Star aber, wie dargelegt, nur ein Problem unter vielen ist, wird sich ein ins Positive gewendeter Bestandstrend allein mit künstlichen Bruthilfen nicht erreichen lassen. Dies betrifft auch die in Presse und Talkshows propagierte Ganzjahresfütterung von Singvögeln. Ein positiver Einfluss auf Brutpopulationen ist bis jetzt nicht belegt. Für den Star ist er besonders unwahrscheinlich, weil die Jungen mit Insekten ernährt werden, die an den Futterhäusern nicht zur Verfügung stehen.
Ein Quantum Trost liefert ein globaler Blick auf unserer Porträtvogel. Er ist mittlerweile einer der häufigsten Vögel der Welt und nach Einbürgerungen mit mehreren Hundert Millionen Paaren (ganz genau weiß man es nicht) auf fünf Kontinenten verbreitet.

Junger Star - MSiebner
Abb. 7: Junger Star. Foto: M. Siebner

Stare beobachten

Stare in Aktion kann man sehr schön am Göttinger Kiessee beobachten. Dort brüten am Rundweg ca. drei bis vier Paare in Spechthöhlen. Bereits ab Ende Februar balzen die Männchen vor der Bruthöhle, und ab Mitte April sind die durchdringenden Bettelrufe der Jungvögel zu hören. Später laufen (hüpfen tun die Amseln!) die dunklen Altvögel mit ihrem braunen Nachwuchs über die (von Bioziden verschont gebliebenen!) Liegewiesen, sind dann aber schnell verschwunden. Neben dem altholzreichen Stadtwall sind auch die Schillerwiesen oder die Pferdeweiden am Hainholzhof eine gute Option, vor allem im Mai. Ansonsten sind zufällige Beobachtungen vielerorts möglich, so lange man sich nicht in einem dunklen Nadelwald aufhält. Im Herbst ist ein abendlicher Besuch des Seeburger Sees ein Muss. Wer richtig viele Stare sehen möchte, sollte sich an den Gotteskoogsee im deutsch-dänischen Grenzgebiet oder in die Altstadt von Rom begeben.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeres - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Brunken, G. (1978a): Avifaunistischer Jahresbericht 1976 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 101-109.

Brunken, G. (1978b): Avifaunistischer Jahresbericht 1977 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 235-258.

Brunken, G. (2003): Aspekte zur Entwicklung einer Feldbrüter-Avizönose im Landkreis Northeim (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 107-118.

Brunken, G. & T. Meineke (1976): 1. Jahresbericht der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Göttingen für das Jahr 1975. Göttingen.

Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.

Dörrie, H.-H. (2002a): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.

Dörrie, H.H. (2002b): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.

Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.

Dörrie, H.-H. (2004a): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 4-75.

Dörrie, H.-H. (2004b): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2005): Avifaunistischer Jahresbericht 2004 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 4-76.

Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 68-80.

Dörrie, H.-H. & S. Paul (2005): Lebendiges Treiben am unpassenden Ort? – Friedhofsvögel in Göttingen 2004. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 85-96.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.

Feare, C. (1984): The Starling. Oxford University Press. Oxford, New York.

Flade, M. (2012): Von der Energiewende zum Biodiversitäts-Desaster – zur Lage des Vogelschutzes in Deutschland. Vogelwelt: 133: 149-158.

Fokken, A. (o.J.): Die Vogelwelt des Bramwaldes, der Oberweser und des Stadtgebiets Münden. Selbstverlag.

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

George, K. (2017): Langjährige Bestandsentwicklung häufiger Brutvogelarten im Naturpark Harz/Sachsen-Anhalt. Vogelwarte 55: 217-234.

Glutz von Blotzheim, U.N. (1993): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 13/III. Aula-Verlag. Wiebelsheim.

Grüneberg, C. & H.-H. Dörrie (2013): Vögel im Stau – nur auf Kaffeepause in der südniedersächsischen Schneewehe? www.ornithologie-goettingen.de.

Günther, E. & M. Hellmann (2012): Die Vögel auf dem Ausberg im Naturschutzgebiet „Selketal“ im Harz 1991, 2005, 2012. Ornithol. Jber. Mus. Heineanum 30: 81-90.

Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.

Heitkamp, U. (2013): Die Vögel des Denkershäuser Teiches. Eigenverlag.

Heldbjerg, H., Fox, A.D., Levin, G. & T. Nyegaard (2016): The decline of the Starling Sturnus vulgaris in Denmark is related to changes in the extent and intensity of cattle grazing. Agriculture, Ecosystems & Environment 230: 24-31.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Pan-European Common Bird Monitoring Scheme (PECMS) (2012): Trends of common Birds in Europe. (www.ebcc.info).

Schumacher, H. (1996): Ornithologischer Sammelbericht 1995 für die Region Göttingen. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. (1): 4-56.

Witt, K. (1963): Ornithologische Beobachtungen vom Seebuger See.aus den Jahren 1958-61. Jb. Dt. Jugendb. für Naturbeob. 1962/63: 110-134.

Zang, H., Heckenroth, P. & P. Südbeck (2009): Die Vögel Niedersachsens. Rabenvögel bis Ammern. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H.2.11. Hannover.

Ich bin auch ein Star - MSiebner
Abb. 8: Ich bin auch ein Star. Foto: M. Siebner

October 22nd, 2017

Der Waldkauz - Vogel des Jahres 2017 -
in Süd-Niedersachsen

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 1: Waldkauz im Göttinger Stadtwald. Foto: V. Hesse

Die Wahl unserer häufigsten Eule durch den NABU soll die Familie der gefiederten Nachtgeister und den bevorzugten Lebensraum ihres Protagonisten Waldkauz (Strix aluco), altholzreiche Laub- und Laubmischwälder, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Über den Erfolg der Aktion wird man Ende kommenden Jahres vielleicht mehr erfahren. So viel lässt sich aber jetzt schon sagen: Zur weltweit gerühmten Lebensqualität unserer Geistesmetropole („extra Gottingam non est vita - si est vita, non est ita“) zählt sicher auch, dass Waldkäuze in der Peripherie ohne größeren Aufwand angetroffen werden können - in Revieren, die seit Jahrzehnten besetzt sind. Dazu später mehr.

Verbreitung und Bestand

Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand mit 4.000 bis 7.500 Paaren angegeben. Diese breite Spanne verdeutlicht die für viele Eulenarten typischen Erfassungsprobleme. Waldkäuze sind in der Regel nachtaktiv und können deshalb nur mit speziellen Begehungen registriert werden. Deshalb sind sie in den gängigen Monitoring-Programmen unserer Brutvögel nur ausnahmsweise vertreten. Zudem brüten sie in Wäldern, die zur Balz- und Brutzeit im Winter und zeitigen Frühjahr oftmals nur mit Mühe oder gar nicht zu passieren sind.
Die höchsten Siedlungsdichten erreicht unser Vogel in den buchenreichen Wäldern des süd-niedersächsischen Berglands. Die von Fichten dominierten Hochlagen sind erheblich dünner bis überhaupt nicht besiedelt. Der Bestand gilt in unserer Region seit Jahrzehnten als stabil - mit der Einschränkung, dass die Datenlage alles andere als zufriedenstellend ist. Gleichwohl rangiert die Art in der so genannten Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel (Krüger & Nipkow 2015), weil mit der Ausräumung und Chemisierung der Agrarlandschaft (Nahrungshabitat) und der verstärkten Nutzung von Altholz (Brutplätze) durch die moderne Forstindustrie zwei Faktoren an Gewicht gewinnen, die zum Bestandsrückgang führen könnten. Zudem geht das seit 1988 laufende „Monitoring von Greifvögeln und Eulen“ von einem Bestandsrückgang aus, der in den 1990er Jahren einsetzte (Mammen & Stubbe 2009).

Der Brutbestand in Stadt und Landkreis Göttingen sowie im Altkreis Northeim kann sehr, sehr grob auf mindestens 500 Paare geschätzt werden. Zufallsbeobachtungen aus den letzten Jahrzehnten belegen, dass der Kauz in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Die einzige Bestandserfassung nach zeitgemäßer Methodik liegt für den Göttinger Stadtwald vor: Hier wurden von Februar bis Anfang Juli 2003 auf 758 Hektar (ca. 50 Prozent der Stadtwaldfläche) 14 Reviere ermittelt (Dörrie 2004), die einen überdurchschnittlich hohen Wert von 1,8 Rev./km² dokumentierten. Wie wenig die Art selbst von vogelkundlich Interessierten beachtet wird, lässt sich mit unserer Datenbank Ornitho belegen: Aus dem waldreichen Landkreis Northeim liegen seit 2011 ganze 72 Wahrnehmungen (zumeist akustische) vor, darunter viele aus der ersten Maidekade, wenn das alljährliche Birdrace stattfindet, zu dem sich Göttinger Beobachter in den Solling aufmachen… Maidaten (spät) rufender Männchen sind für die Quantifizierung des Brutbestands aber von geringer Relevanz, weil sie auch Junggesellen betreffen können.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 2: Gut getarnt: Waldkauz an der Bruthöhle im Landkreis Göttingen.
Foto: N. Wasmund

Gefährdung und Schutz

Bei der Brutplatzwahl ist der Waldkauz sehr flexibel. Er brütet in Höhlen aller Art (auch an Gebäuden), in Schornsteinen, selbst Bodenbruten sind bekannt. In offenen Baumnestern schreitet er nur ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Ähnlich vielfältig ist sein Nahrungsspektrum, das von Insekten über Regenwürmer, Amphibien, Reptilien, Fische (!) bis zu Vögeln mittlerer Größe (kleinere Eulenarten eingeschlossen) reicht. Die Hauptnahrung stellen, wie bei anderen Eulen, Mäuse, Wühlmäuse und Ratten. Wegen der breiten Nahrungspalette leidet er weniger unter mäusearmen Kältewintern als z.B. Schleier- und Waldohreule (Mebs & Scherzinger 2000).
Seiner freundlich-gemütlichen Erscheinung zum Trotz ist der Waldkauz ein wehrhafter Geselle, der auch Konflikten mit dem Menschen nicht aus dem Wege geht. Die Autobiografie des berühmten, 1991 verstorbenen Vogelfotografen Eric Hosking trägt den hintersinnigen Titel „An Eye for a Bird“ – damit spielt der Autor auf einen höchst unliebsamen Vorfall mit einem aggressiven Waldkauz an, nach dem er einäugig durchs Leben gehen musste. Solche Attacken, die fast immer dem Schutz der Jungvögel dienen und zumeist mit ein paar Kratzern am Kopf des Eindringlings glimpflich enden, finden vor allem im Siedlungsbereich statt; im Wald verhalten sich die Vögel weitaus scheuer.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 3: Waldkauzbrut am Nikolausberger Weg. Foto: M. Siebner

Feinde hat der Waldkauz vergleichsweise wenige: Ab und an (und deutlich seltener als Waldohreulen) fällt er einem Habicht oder Uhu zum Opfer (Uttendörfer 1939). Vermutlich ist seit einigen Jahren der Waschbär als Prädator von Eiern und Jungvögeln hinzugekommen. Diese Verluste fallen jedoch gegenüber den zahlreichen Verkehrsopfern kaum ins Gewicht. Viele Vogelfreunde dürften weitaus mehr tote als lebendige Waldkäuze gesehen haben. Auch Kollisionen mit Freileitungen oder letale Verletzungen an Weidezäunen mit Stacheldraht fordern ihren Tribut.
Dagegen zeigen ganze drei Totfunde in der bundesweit ausgerichteten Windkraftopfer-Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg bis dato eine vermutlich geringe Gefährdung an. Mit der gleichermaßen großflächigen wie rücksichtslos betriebenen Verspargelung der Wälder hat sich jedoch, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz, in jüngster Zeit ein neues Konfliktpotential entwickelt. Waldkäuze jagen gern über oder an Offenflächen im Wald, deren Zahl mit den Anlagen drastisch steigt. Kollisionen und Anstieg der Totfunde scheinen geradezu programmiert. Auch in Niedersachsen wachsen die Begehrlichkeiten, Windräder in Wäldern zu errichten. Bis jetzt ist das aber (noch) nicht möglich.
Wegen der weiten Verbreitung, Häufigkeit und Plastizität unseres Porträtvogels sind spezielle Schutzmaßnahmen derzeit nicht erforderlich. Ein nahezu unverzichtbares Habitatrequisit sind alte Höhlenbäume, zu deren Erhalt sich die Landesforstämter verpflichtet haben. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn gerade an Wegen wird manch alter „Gefahrenbaum“ gefällt. Im Göttinger Stadtwald, der „naturgemäß“ und nach den Vorgaben des Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet wird, scheinen für unseren Freund ideale Bedingungen zu herrschen. Die „naturgemäße“ Bewirtschaftung mit ihrem Verzicht auf größere Auflichtungen hat jedoch zur Folge, dass der Baumbestand dichter und dunkler wird. Zudem verfilzt die Bodenvegetation als Folge von Nährstoffeinträgen immer mehr, hinzu tritt rasant empor schießender Jungwuchs. Die Käuze konzentrieren sich daher - das hat die Erfassung 2003 ergeben - entlang der Wege und auf die (wenigen) vegetationsarmen Offenflächen, wo sich die Mäusejagd weniger mühsam gestaltet. Besonders im Osten sind große Waldbereiche für die Eule nur noch bedingt nutzbar. Ein alter Höhlenbaum im dichten Bestand könnte daher für sie wenig bis nichts bringen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 4: Kaminkauz im Tageseinstand im Göttinger Wald. Foto: M. Siebner

Nistkästen für den Waldkauz sind aus den oben genannten Gründen nicht nur überflüssig, sondern können sogar äußerst negative Folgen für andere Vogelarten nach sich ziehen. Eine Nisthilfe, die vor ein paar Jahren auf der Streuobstwiese auf dem Kerstlingeröder Feld angebracht wurde, konnte zum Glück schnell wieder abgehängt werden. Mit der komfortablen Behausung hätte man den Terminator möglicherweise in ein traditionelles Revier der Waldohreule gelockt, was für diese vermutlich böse ausgegangen wäre…

Waldkäuze beobachten – wann und wo?

In Göttingen ist der Waldkauz nicht verstädtert. Vom Stadtfriedhof z.B. gibt es keinen Nachweis. In schneereichen Kältewintern suchen einzelne Vögel den dicht bebauten Siedlungsbereich auf. Einsam balzende Männchen sind aus dem Cheltenham-Park und dem stadteinwärts gelegenen Ostviertel bekannt, gaben aber dort wohl nur kurze Gastspiele. Am Stadtrand sieht es anders aus: Hier bestehen seit Jahrzehnten feste Reviere dieses ausgeprägten Standvogels. Wenn man im Spätwinter und Frühling die Schillerweisen im Ostviertel aufsucht, kann man die Männchen schon von weitem heulen hören (der Ruf ist Interessenten bestimmt aus dem Fernsehen bekannt, auch von Filmen, die in Irland spielen, wo die Art nicht vorkommt…). Die angrenzenden Stadtwaldbereiche (Molkengrund, Lange Nacht, Ebertal) sind ebenfalls sicheres Waldkauzterrain, das wegen der vielen Wege besonders dicht besiedelt ist. Im Umkreis des Kerstlingeröder Felds sind mehrere Reviere besetzt. Mit Glück lässt sich auf dem Dach der Schutzhütte nahe dem Tuchmacherborn ein im Tageseinstand dösender Waldkauz ausmachen (vgl. Abb. 4). Gut bekannt ist auch ein Revier am Klausberg. Hier bezogen die Käuze samt niedlichem Nachwuchs in mehreren Jahren einen am Nikolausberger Weg stehenden riesigen Nadelbaum, der leider beseitigt wurde. Die Vögel sind aber noch da - und sorgen bei den auf ihre Nachtruhe bedachen Anwohnern nicht nur für Freude. Die Jungvögel sind ähnlich ruffreudig wie junge Waldohreulen, allerdings klingen ihre Lautäußerungen nicht so quietschend, sondern mehr rostig kratzend. Ob ein 2008 an der Grone unterhalb des Hagenbergs entdecktes Revier (Dörrie 2011) noch besetzt ist, muss offen bleiben.
Das Wetter spielt bei der Eulenbeobachtung eine große Rolle. Es sollte nicht windig sein und auch nicht regnen. Die Temperaturen sind Nebensache, weil die Vögel auch in bitterkalten Frostnächten ihre Balzrituale zelebrieren. Die Balz setzt bereits im Juli wieder ein, so dass auch die Wintermuffel unter uns auf ihre Kosten kommen.
Wenn man den Nachtvogel nicht nur gehört hat, sondern (endlich) mal zu Gesicht bekommt, sind folgende Merkmale diagnostisch: Waldkäuze haben vergleichsweise kleine runde Köpfe und dunkle Augen. Ihr Gefieder fällt sehr variabel aus, es gibt tiefbraune bis sehr helle Individuen. Die fehlenden Federohren unterscheiden sie von der (kleineren und schlankeren) Waldohreule. Die Sumpfohreule mit ihren eher rudimentären Öhrchen kann mit einem Waldkauz verwechselt werden. Sie bezieht aber offene Lebensräume, ist tagaktiv und bei uns ein bestenfalls spärlich in Erscheinung tretender Gastvogel. Das scharfe „kuwitt“ der Weibchen wurde und wird nicht selten dem viel kleineren Steinkauz zugeschrieben, der in unserer Region seit mehr als 30 Jahren ausgestorben ist.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 5: Waldkauz-Ästling. Foto: N. Wasmund

Bevor man nur noch Glück und Faszination bei der Beobachtung unseres Porträtvogels wünschen kann, eine ganz große Bitte: Junge, noch nicht flugfähige Waldkäuze stiefeln in ihrem ganz natürlichen Ästlingsstadium gerne auf dem Waldboden umher oder sitzen bräsig auf einem Baumstumpf. Diese Puschel sind weder „krank“, „aus dem Nest gefallen“ oder „von ihren Eltern verlassen“. Leider werden Ästlinge immer wieder von wohlmeinenden Spaziergängern „gerettet“ und in Pflegestationen verbracht, wo sie ein ungewisses Schicksal erwartet. Das muss nicht sein!

Nachtrag vom 13. März 2017: Im Göttinger Alten Botanischen Garten füttert ein Brutpaar derzeit drei schon recht große Jungvögel. Das ist die erste Brut am Rand der Göttinger Innenstadt und vielleicht ein kleines Dankeschön unseres Porträtvogels für die Ehrung!

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Mammen, U. & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvogel- und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten 6: 9-25.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Uttendörfer, O. (1939): Die Ernährung der deutschen Greifvögel und Eulen. Neumann- Neudamm Verlag, Melsungen. Nachdruck 1997, AULA-Verlag, Wiesbaden.

Waldkauz - M.Siebner

October 19th, 2016

Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016 –
in Süd-Niedersachsen

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 1: Stieglitz mit Nistmaterial. Foto: M. Siebner

Wegen seines bunten Federkleids und der Angewohnheit, in Schwärmen aufzutreten, zählt der quirlige Stieglitz (Carduelis carduelis) zu den bekanntesten heimischen Vögeln. Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand für den Zeitraum 2005-2008 mit einem Mittelwert von ca. 14.000 Paaren angegeben. Für ein 47.000 km² großes Flächenland ist das nicht gerade viel. Der Stieglitz kommt zwar überall vor, die Siedlungsdichte ist jedoch in der Regel gering. In Ballungsgebieten und im ländlichen Siedlungsraum tritt er häufiger auf als in waldreichen Regionen. Auf Bundesebene zeichnet sich nach den Angaben im deutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) ein dauerhaft negativer Trend ab.
Trifft dies auch auf unsere Region zu? Man weiß es nicht… Systematische Erfassungen von Brutbestand und Populationsdynamik liegen Jahre zurück. Das aktuelle Beobachtungsmaterial in unserer Datenbank Ornitho.de mit knapp 1600 Stieglitz-Datensätzen aus den Landkreisen Göttingen und Northeim seit dem Herbst 2011 (Stand Oktober 2015) enthält ganze drei (!) Hinweise auf Bruten mit flüggen Jungvögeln. Steht er damit als Brutvogel vor dem Verschwinden? Wohl kaum. Vielmehr wird deutlich, dass die Eingabe bei Ornitho solide Revierkartierungen nicht ersetzen kann – dies gilt erst recht für die Quantifizierung der Brutbestände häufiger Singvogelarten.
In unserer Region konzentriert sich das Brutvorkommen im Wesentlichen auf die Niederungsgebiete. Bevorzugt werden Baumgruppen und -reihen mit angrenzenden Offenflächen, oft in Gewässernähe. Hier brütet die ursprüngliche Lichtwaldart nicht selten in kleinen Kolonien von bis zu fünf Paaren. Dem „geklumpten“ Vorkommen entspricht, dass geeignet erscheinende Habitate oft unbesiedelt bleiben. Gehölzaufwuchs im Offenland ist der Ansiedlung förderlich, solange der Baumbestand nicht zu dicht und dunkel wird.
Für die ausgehenden 1990er und frühen 2000er Jahre liegen Angaben zu lokalen Bestandszunahmen vor. Im Umfeld des Seeburger Sees z.B. trat der Stieglitz erheblich häufiger auf als in den 1980er Jahren. Gebietsweise kam es zu einer Verdoppelung des Brutbestands (Dörrie 2004). Der Wegfall von Brachen, die Zunahme des Maisanbaus für Agroenergieanlagen und die weitere Chemisierung agrarindustrieller Produktionsflächen könnten in der Folgezeit auch in unserer Region zu einer Trendumkehr beigetragen haben. Bedenklich stimmt, dass bei einer Erfassung der Avizönose von Blüh- und Mahdstreifen (zehn bzw. elf Flächen mit jeweils sechs Begehungen) im Göttinger Ostkreis von April bis Juni 2015 die Art nur viermal mit insgesamt 14 Vertretern gesehen wurde.

Distelfink - M.Siebner
Abb. 2: “Distelfinken” am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

In Göttingen ist der Stieglitz ein alteingesessener Stadtvogel, dessen Populationsgröße typischen Schwankungen unterworfen ist. Nahrungsmangel und verregnete Frühjahre sorgten immer wieder für Bestandsrückgänge, die jedoch in den Folgejahren ausgeglichen wurden. Über die Jahrzehnte konnte der Brutbestand als stabil gelten. Dies legt zumindest die letzte Erfassung im Kerngebiet der Stadt von 2005/2006 nahe (Dörrie 2006). Dabei ist anzumerken, dass Stieglitze im urbanen Siedlungsbereich eher spärlich brüten (z.B. nur ca. 17 Paare im 3,6 km² großen Kerngebiet). Etwas häufiger kommt er in den Grüngürteln und ländlich geprägten Ortsrandlagen vor.
In der Stadt, aber auch in einigen Gewässerauen und im Umfeld des Seeburger Sees brütet der Stieglitz gern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wacholderdrosseln, die ebenfalls kleine Kolonien bilden können. Dies beruht zum einen sicher darauf, dass beide Arten ähnliche Bruthabitate beziehen, zeigt aber auch an, dass der kleine Singvogel gezielt den Schutz der großen Drosseln sucht, die mit Sturzflügen und Kotbomben-Attacken Beutegreifer wie Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher in die Flucht schlagen. Besonders auffällig war dies im Frühjahr 1999, als sich ein Paar Wacholderdrosseln in der Groner Straße (Göttinger Innenstadt) angesiedelt hatte. Dem für diesen vegetationsarmen Bereich ungewöhnlichen Brutpaar folgte prompt ein Stieglitzpaar, das sich in trauter Eintracht neben den Drosseln niederließ. Zur Nahrungssuche flogen beide Arten zum Stadtwall (Dörrie 2000). Das gemeinschaftliche Brüten von Wacholderdrosseln und Stieglitzen (samt Birkenzeisigen und einem Gelbspötterpaar) kann man jährlich ab Mitte Mai mit einiger Verlässlichkeit in der Südwestecke des Kiessees, im Levin-Park und am Parkplatz des Seeburger Sees studieren.

Biogas -M.Siebner
Abb. 3: Versuchsfeld nahe dem Klostergut Reinshof (9. August 2015).
Foto: M. Siebner

Im Herbst verlassen die meisten Stieglitze die Region. Im August/September konzentrieren sie sich vor dem Abflug nach Süden auf Brachen, Stilllegungsflächen und Blühstreifen, wo Disteln, Karden und andere „Unkräuter“ für ein auskömmliches Samenangebot sorgen. Dort können sich in guten Jahren Schwärme von (ausnahmsweise) bis zu 500 Individuen einfinden (Dörrie 2010). Auf der distelreichen Erweiterungsfläche des Naherholungsgebiets Göttinger Kiessee („Meyerwarft“) hielten sich im August 2012 bis zu 200 Vögel auf. Bereits am 15. des Monats war es mit dem Schlaraffenland vorbei, weil die Fläche gemäht wurde.
Es sollte aber noch besser kommen: Anfang September 2015 konnten an einem fünf Hektar großen Versuchsfeld der Uni Göttingen nahe dem Klostergut Reinshof südlich von Göttingen singuläre Rekordzahlen von bis zu 700 Stieglitzen notiert werden. Hier hatte man, als Alternative zum Mais für die Agrogas-Produktion, mit einer bunten Mischung u.a. aus Amarant, Weidelgras, Malven und Durchwachsener Silphie eine Oase mit großer Anziehungskraft für Samenfresser geschaffen. Eindrucksvoll konnte belegt werden, dass eine Alternative zur lebensfeindlichen Monotonie von Maisäckern möglich ist. Die Biomasse lag jedoch, bedingt auch durch die vogelfreundlich späte Ernte, nur bei ca. 20 Prozent dessen, was mit Mais erzielt werden kann (D. Augustin, mdl. Mitt.). Hinzu tritt, dass solche Anpflanzungen wegen der ökonomischen Verwertung der Biomasse nicht auf die für die Landwirtschaft verbindlichen ökologischen Vorrangflächen angerechnet werden können. Damit ist ihr Ausnahmestatus festgeschrieben. Eine Nachbesserung seitens des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums scheint dringend geboten. Desgleichen könnte man über eine spezielle Förderung nachdenken, mit der ökologisch bedingte Mindereinnahmen bei der Agrogasproduktion kompensiert werden. Man muss es nur politisch wollen…
Neben der Vielfalt der Vegetation hat für die geselligen Vögel sicher auch die Größe der Versuchsfläche eine entscheidende Rolle gespielt: Zahlen wie im September 2015 wurden bis dato auf keiner der maximal nur ein bis anderthalb Hektar großen Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts im Landkreis Göttingen erreicht. Deren Zahl ist zudem in den letzten Jahren stark zurückgegangen, steigt aber hoffentlich im Gefolge einer erhöhten Förderung wieder an.

Stieglitzschwarm - M.Siebner
Abb.4: Stieglitzschwarm. Foto: M. Siebner

Im Winter macht sich unser Porträtvogel eher rar. Die Truppgrößen reduzieren sich deutlich auf, in der Regel, zweistellige Zahlen. In der ausgeräumten Agrarlandschaft ist das Nahrungsangebot noch spärlicher als in der warmen Jahreszeit. Als Alternative bieten sich Koniferensamen an. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof können in manchen Wintern Stieglitztrupps beobachtet werden, die zusammen mit Erlenzeisigen und (manchmal) Fichtenkreuzschnäbeln kleine Zapfen vertilgen, bevorzugt an den dort wachsenden Hemlocktannen. Am Göttinger Kiessee und in der südlichen Feldmark Geismar kann man in den meisten Jahren bei einem Winterspaziergang kleine Schwärme beobachten, die sich bevorzugt an Erlen aufhalten. Am bequemsten bekommt der Vogelfreund die munteren Gesellen aber (mit etwas Glück) zu sehen, wenn er in Ortsrandlage lebt und aus der warmen Stube sein Vogelhäuschen inspiziert…

Hans H. Dörrie

Stieglitz im Winter - M.Siebner
Abb. 5: Stieglitz im Winter. Foto: M. Siebner

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2000): Ornithologischer Jahresbericht 1999 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 5: 1-147.
Dörrie, H.-H. (2004): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 9: 4-75.
Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 – 1965 – 2005/2006. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 11: 68-80.
Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de
Gedeon, K. et al (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.
Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Junger Stieglitz - M.Siebner
Abb.6: Junger Stieglitz. Foto: M. Siebner

October 24th, 2015

Die Nilgans: Neubürger mit sprödem Charme

Nilgans - M.Siebner
Abb. 1: Nilgansstudie. Foto: M.Siebner

„Tröröööh, trött, trött, trött!“. Wer oder was bringt um Himmelswillen solche Töne hervor? Benjamin Blümchen auf Speed? Eine Zweitakterkolonne, die im November 1989 die Göttinger Innenstadt mit Abgasen vernebelt? Weit gefehlt, so klingen Nilgänse bei ihrer ganz normalen Kommunikation. Bei der Balz geht es dagegen fast menschlich zu: Während das Weibchen lustvoll „Äääh“ stöhnt, schnarcht der Gatte. Den weitreichenden Kontaktruf „Onk, Onk“ äußern beide Geschlechter. Ob sich die südafrikanischen Fußballfans bei der Kreation ihrer legendär berüchtigten Vuvuzelas von den Fanfarenstößen ihrer geflügelten Landsleute haben inspirieren lassen, darf stark vermutet werden.
Nicht nur das stimmliche Inventar dieser so genannten Halbgans ist absonderlich, sondern auch ihr Aussehen. Auf langen roten Beinen kommt sie wie ein Harlekin daherstolziert. Das Gefieder schimmert in einem ansprechenden Mix aus grünen, rötlichen und unterschiedlich braunen Farbtönen. Wenn sie fliegt, fallen sofort die großen weißen Flügelfelder auf. Die Kopfzeichnung erinnert an eine Clownsmaske. Nilgänse sind aber alles andere als harmlose Possenreißer. Auge in Auge mit einem in Rage versetzten Vogel stellen sich, mit etwas Phantasie, Ähnlichkeiten zu Cholerikern wie Matthias Sammer aus der Chefetage des FC Bayern ein. Aber davon lassen wir uns nicht abschrecken und präsentieren einen kleinen Einblick in die Naturgeschichte eines gefiederten Nachbarn, der wohl nie zum „Vogel des Jahres” gewählt werden wird…

Herkunft und Verbreitung

Die Nilgans (Alopochen aegyptiaca) ist eine ursprünglich afrikanische Vogelart. Die Nordgrenze ihrer natürlichen Verbreitung liegt heute im südlichen Oberägypten. Historische Vorkommen im Nahen Osten sind schon lange erloschen. Nilgänse sollen bis ins 17. Jahrhundert auch auf dem Balkan gebrütet haben (Hagemeijer & Blair 1997, Bauer et al. 2005). Ob es sich dabei um autochthon eingewanderte Wildvögel gehandelt hat oder die osmanischen Eroberer sie als Janitscharen im Federkleid einbürgerten, ist unklar. In jedem Fall ist ein Wiederansiedlungsprojekt wie beim Waldrapp, der im gleichen Zeitraum aus Europa verschwand, wohl nicht erforderlich…
In England werden Nilgänse schon lange als Ziervögel gehalten. Die erste freifliegende Population gab es dort bereits Ende des 17. Jahrhunderts, in den nahen Niederlanden erst ab 1967. In Deutschland (Niedersachsen) fanden die ersten Freibruten ab Mitte der 1980er Jahre statt. Heute liegt der Brutbestand in unserem Bundesland bei ca. 2000 Paaren, mit weiterhin starker Zunahme in den westlichen Landesteilen (Krüger et al. 2014). Bundesweit ist die Nilgans die Brutvogelart mit der höchsten Zuwachsrate. Ihr Bestand lag 2009 bei 5000 bis 7500 Paaren und dürfte heute noch größer sein. Vor allem im Osten und Süden der Republik ist die Verbreitung (noch) lückenhaft (Gedeon et al. i. Dr.). Auf ornitho.de stellt sie sich für die Brutsaison 2014 folgendermaßen dar.

In unserer Region konnte die erste Brut im Juni 2000 am Böllestau bei Hollenstedt (Landkreis Northeim) notiert werden (Dörrie 2001). Seit 2008 schmückt sie den Levin-Park mit einem traditionellen Brutplatz (Dörrie 2011a). 2014 kam ein erfolgreiches Paar am Kiessee hinzu und verdoppelte damit den Göttinger Bestand. Die aktuelle Brutpopulation im Landkreis Göttingen und Altkreis Northeim kann auf weniger als 20 Paare veranschlagt werden. 2014 gab es, bei einer gewissen Dunkelziffer, 13 dokumentierte Bruten, im Vorjahr nur elf (Dörrie 2014). Viele Nistplätze befinden sich in den Niederungen von Leine, Rhume, Werra und Weser, die auch Leitlinien der Ausbreitung sind.

Nilgans - V.Hesse
Abb. 2: Nilganspaar mit Jungen im Levin-Park Foto: M. Drüner

Ein Vogel auf der Gewinnerspur

Das starke Anwachsen der Nilgans-Brutbestände in West- und Mitteleuropa ist ein vergleichsweise junges Phänomen, das erst zum Ende des 20. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung gelangte. Dabei dürfte die allgemeine Nährstoffanreicherung in Feuchtgebieten und auf Agrarflächen eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Eiweißreiche pflanzliche Nahrung ist in Hülle und Fülle vorhanden, was für einen überwiegenden Vegetarier wie unseren Porträtvogel von einiger Bedeutung ist. Mieten an Agroenergie-Anlagen und abgeerntete Maisfelder sind zu wichtigen Nahrungsquellen geworden. Die naturnahe Entwicklung der Vegetation an Kiesgruben und anderen Stillgewässern sorgt für mehr Brutplätze. Gebietsweise profitiert die Nilgans als erster Ansiedler von kleinen Tümpeln („Biotopen“), die im Offenland als Kompensation für Eingriffe in Natur und Landschaft oder von Jägern als aufwertendes Strukturelement angelegt werden. Nicht selten werden, sehr zum Verdruss ihrer Initiatoren, künstliche Nisthilfen für den Weißstorch in Beschlag genommen - aber so gut wie immer wieder geräumt, wenn Adebar im Anflug ist. Viele Städter/innen sind Parkvögeln wohlgesinnt und füttern sie fleißig. Das Abschussverbot im Siedlungsbereich tut ein Übriges. Hinzu tritt, dass die Vögel, obschon zur Brutzeit sehr reviertreu und wenig kälteempfindlich, ein der nördlichen Hemisphäre angepasstes Ausweichverhalten entwickelt haben. So können sie bei Bedarf die kalte Jahreszeit in wärmeren Gefilden überdauern. Der traditionelle Spätherbst-Rastbestand an der Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim kann bis zu 300 Vögel umfassen und liegt damit um einiges höher als der regionale Brutbestand. Woher die vielen Vögel stammen ist unklar. Aus dem Jahr 2002 liegt die Beobachtung einer (vermutlich) in Nordrhein-Westfalen beringten Nilgans vor (Dörrie 2003), darüber hinaus gibt es keine Erkenntnisse. In harten und vor allem schneereichen Wintern sind die meisten Nilgänse aus der Region verschwunden.

Brutökologie

Ein weiterer gewichtiger Faktor bei der Bestandszunahme ist die Brutökologie der Vögel. Nilgänse sind ungemein anpassungsfähig. In klimatisch begünstigten Regionen West- und Süddeutschlands kommt es regelmäßig zu Spätherbst- und Winterbruten. Möglicherweise werden die Vögel durch starke Niederschläge zum Brüten angeregt - wie ihre afrikanischen Artgenossen zum Beginn der Regenzeit. Einige Paare schreiten sogar zweimal im Jahr zur Fortpflanzung, was für eine Gänseart sehr ungewöhnlich ist (Bauer et al. 2005).
Legendär ist auch ihre flexible Nistplatzwahl. Nilgänse brüten versteckt am Boden, nicht selten aber auch an Gebäuden und in verlassenen Rabenkrähen- und Greifvogelnestern. In Göttingen fliegen sie bisweilen paarweise um das Neue Rathaus und überlegen sich anscheinend, wie dieser monströse Betonklotz sinnvoll zu nutzen wäre. Aus Frankfurt/Main gibt es das nette Foto einer Nilgans, die Mitarbeiter/innen der Bundesbank mit Büro im 7. Stock einen offenbar hochwillkommenen Besuch abstattet.

Nilgans - H.Auth
Abb. 3: Occupy Frankfurt?! Nilgans inspiziert die Bundesbank. Foto: H. Auth

Als ein Vogelkundler 2011 einen Anwohner in Göttingen-Treuenhagen darüber aufklärte, dass in einem Nadelbaum auf seinem Grundstück eine Gans brütet (in einem im Vorjahr von Waldohreulen okkupierten Krähennest), dachte dieser zunächst an einen Scherz. Die Brut scheiterte jedoch aus ungeklärter Ursache. Bei diesem Brutplatz ist auch die, im Kontrast zu anderen Wasservögeln, recht große Entfernung zu den nächsten Gewässern erwähnenswert: ca. 200 Meter zur Leine und ca. 600 Meter zum Kiessee. So etwas ist aber bei Nilgänsen nicht selten und unterstreicht nur ihr plastisches Ansiedlungsverhalten.
Die Gelege bestehen im Schnitt aus sechs bis zehn Eiern, der Bruterfolg ist in der Regel hoch. Sind die Gössel geschlüpft, gibt es kaum noch Verluste, so dass die meisten ein flugfähiges Alter erreichen.

Feind der heimischen Vogelwelt?

Immer wieder wird in der Tagespresse über den vermeintlich schädlichen Einfluss der Nilgans auf andere Vogelarten geklagt. Urheberin solcher Meldungen ist zumeist die organisierte Jägerschaft. Sie sieht in der verstärkten Bekämpfung fremdländischer Arten ein neues Betätigungsfeld, auf dem sie bei der Normalbevölkerung, die ihrer Passion zunehmend kritisch gegenübersteht, zu punkten hofft. Im Jagdjahr 2013/14 wurden dem niedersächsischen Landesjagdbericht zufolge landesweit 3895 Nilgänse geschossen, 90 davon in den Landkreisen Göttingen und Northeim.
Mittlerweile gilt die Nilgans jedoch als dauerhaft eingebürgerte Vogelart (Bauer & Woog 2008). In der naturschutzfachlichen Diskussion über den (potentiell) negativen Einfluss von Neozoen auf andere Arten spielt sie keine besondere Rolle. Zwar wird ihr eine, „lokale und vereinzelte“ Verdrängung anderer Wasservögel attestiert, eine flächendeckende Bekämpfung aber nicht empfohlen (Steiof 2011). Bauer & Woog (2011) bemängeln völlig zu Recht, wie dünn die Datenlage zu diesem Problemfeld ist. Dass die Nilgans andere Vogelarten auf Populationsebene beeinträchtigt, ist durch nichts belegt. Grund genug, die aktuelle Situation etwas näher zu beleuchten, bevorzugt aus regionaler Sicht.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 4: Auf Konfrontationskurs. Foto: M. Siebner

Zweifellos sind Nilgänse sehr zänkische und aggressive Vögel, zumindest in der Brutzeit. Weil sie möglichst große Reviere gegen Artgenossen verteidigen ist ihre Siedlungsdichte aber gering und nicht mit der von anderen, wesentlich häufigeren Wasservögeln vergleichbar. Der Einfluss auf andere Arten hängt zudem von der Größe der Brutgewässer ab. Dies lässt sich in Göttingen besonders gut am Levin-Park nachvollziehen. An diesem wenig mehr als einen Hektar großen Parkteich kommt es regelmäßig zu Attacken von Nilgänsen auf Stockenten, die manchmal mit dem Tod von Küken enden. Junge führende Reiherenten und Teichhühner werden dagegen in Ruhe gelassen: Sie passen nicht ins angeborene Feindbild. Die Levin’schen Stockenten weisen jedoch mit bis zu 35 Prozent aller Individuen und bis zu 50 Prozent der brütenden Weibchen einen hohen Anteil von Hybriden mit Zuchtformen auf (Dörrie 2005). Sie können deshalb schwerlich als genuine Wildvögel betrachtet werden. Trotz gelegentlicher Verluste nach Nilgansattacken ist der lokale Stockentenbestand über die Jahre mit drei bis vier Brutpaaren stabil.
Lokaler Platzhirsch ist unbestritten der bei uns als Parkvogel eingebürgerte Höckerschwan. Wenn er Nachwuchs hat, errichtet er ein regelrechtes Terrorregime. Auch er ignoriert den Nachwuchs von Tauchenten und Rallen. Wenn Graugänse - deren Bestand letztlich ebenfalls auf Aussetzungen (unter eifriger Beteiligung der Jägerschaft) zurückgeht (Dörrie 2010, Krüger et al. 2014) - Junge führen, werden diese in der Regel ertränkt. Im Levin-Park hat es in der jüngeren Vergangenheit nur 2013 (keine Höckerschwanbrut) eine erfolgreiche Reproduktion der Graugans gegeben, bei der immerhin zwei von vier Gösseln überlebten (Dörrie 2013).
Dagegen enden Versuche, die kleinen Nilgänse zu ersäufen, praktisch immer erfolglos. Warum? Anders als Graugänse, die ihren Nachwuchs niemals im Stich lassen würden, haben, wie mehrfach beobachtet, die Nilgänse eine verblüffend einfache und wirksame Gegenstrategie entwickelt: Tritt der Killerschwan in Aktion, nehmen die Eltern die Auseinandersetzung selbstbewusst an. Derweil verstecken sich die Küken schnell auf einer Insel. Danach - fliegen die Altvögel einfach weg. Der Aggressor blickt verdutzt hinter ihnen her, genießt seinen Triumph und macht sich wieder selbstzufrieden am Ufer breit. Erst nach ca. 20 Minuten kehren die Altvögel (lautlos!) zurück und nehmen ihre Sprösslinge in Empfang - bis zur nächsten Attacke.
Wird am Levin-Park die „heimische Vogelwelt“ von der „invasiven“ Nilgans bedroht? Wohl kaum…

Nilgans - S.Hillmer
Abb. 5: Erste Nilgansbrut am Kiessee, Herbst 2014. Foto: S. Hillmer

Am Kiessee, der mit seinen ca. 13 Hektar deutlich größer ist als der Levin-Park, konnten bislang keine Angriffe von Höckerschwänen und Nilgänsen, auf welche andere Wasservogelart auch immer, festgestellt werden. Augenscheinlich reicht die Ausdehnung der Wasserfläche aus, um die Aggressivität dominanter Arten ins Leere laufen zu lassen und potentiellen Opfern das Ausweichen zu ermöglichen. Dies gilt erst recht für alle Gewässer, die größer als der Kiessee sind.

Wenn man ab dem Frühsommer die Geschiebesperre Hollenstedt besucht, ist diese förmlich von Gänsen bedeckt. Für rastende Wat- und andere Wasservögel ist das sicher von Nachteil. Sie finden zwischen den großen Vögeln schlichtweg keinen Platz mehr. In diesem Gebiet übertreffen jedoch die Rastbestände der Graugans diejenigen der Nilgans in der Regel um den Faktor 10. Das Verdrängungspotential der Nilgans ist deshalb allenfalls eine zusätzliche Belastung. Gäbe es dort keine Graugänse - die großteils ebenfalls Nachfahren eingebürgerter Vögel sind - wäre die Situation für alle kleineren Rastvögel wesentlich entspannter.

Im Landkreis Göttingen nehmen Nilgänse ab und an Nester des Rotmilans in Beschlag. Der Rotmilan ist eine Vogelart mit weithin negativem Bestandstrend und von höchster Schutzpriorität. Wird sein Brutbestand von der Nilgans beeinträchtigt? Dagegen spricht eine ganze Menge. Wie die meisten Greifvogelarten verfügt auch der Rotmilan über Ersatznester, die bei Bedarf genutzt werden können. Zudem standen die von der Nilgans okkupierten Nester leer oder waren nach einer gescheiterten Brut verlassen. Aus dem Frühjahr 2011 liegt die Beobachtung einer Nilgansbrut in einem Nest an der Retlake nahe dem Seeanger vor, an dem kurz zuvor noch ein Rotmilanpaar präsent war (Dörrie 2011b). Ob Nilgänse die Milane nach einem Kampf zum Aufgeben gezwungen hatten oder deren Brut aus anderen Gründen ohne Erfolg geblieben war, ist unklar. Gegen die erste Annahme spricht, dass feindliche Nestübernahmen unter Gegenwehr der rechtmäßigen Besitzer sehr selten zu sein scheinen: In der bundesweiten Datenbank Ornitho.de mit knapp 118.000 Einträgen zur Nilgans und 166.000 Einträgen zum Rotmilan (Stand Mitte Dezember 2014) ist nur ein einziger Fall (2014 aus dem Thüringer Wartburgkreis) vermerkt. Ob sich weitere solcher Vorkommnisse unter den aus Schutzgründen gesperrten Rotmilandaten verbergen, muss offen bleiben.


Video 1: Nilgans polstert nachgenutztes Rotmilannest aus


Video 2: Nilgansküken wagen den Absprung

Die beiden Videos stammen von einer Überwachungskamera aus dem Rotmilan-Schutzprojekt der Uni Göttingen. Die Aufnahmen entstanden im Juli und August 2014 an einem Rotmilannest im Umfeld des Seeburger Sees. Die Nilgänse ließen sich dort erst zur Brut nieder, nachdem zwei junge Milane flügge geworden waren. Von den drei geschlüpften Gösseln (die restlichen Eier waren wohl unbefruchtet) fehlte später jede Spur. Zuvor hatte das Brutpaar (oder ein anderes) im gleichen Gebiet ein Rotmilannest in einer Pappelgruppe bezogen, nachdem die Jungvögel einem Marder zum Opfer gefallen waren. Der schlimme Finger holte sich später auch das Nilgansgelege.

Marder
Abb. 6: Von der Überwachungskamera ertappt: Steinmarder mit stibitztem Nilgansei

Aus Holland gibt es ein erstaunliches Video, das die Eroberung eines Habichtnests durch ein Nilganspaar dokumentiert (Link auch im Porträt des „Vogels des Jahres 2015“). Vorher hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass Nilgänse diesem großen und äußerst wehrhaften Greifvogel dermaßen Paroli bieten können. Waren den Habichten die lautstarken und sonderbar gefärbten Okkupanten völlig unbekannt und haben sie deshalb ihr Nest geräumt? Klingt plausibel, wäre aber im nilgansreichen Holland eher unwahrscheinlich. Die Flugattacken auf die Eindringlinge sehen fast spielerisch aus. Dabei wäre es zumindest dem Habichtweibchen wohl ein Leichtes gewesen, die Gänse zu vertreiben, wenn nicht gar zu töten. Lag eine Art Beißhemmung gegenüber potentiellen Beutetieren in der Nähe des eigenen Nests vor, die auch von anderen Greifvögeln bekannt ist (und z.B. von brütenden Rothalsgänsen in der Tundra genutzt wird)? Wie auch immer: Das offenkundig früh im Jahr verfertigte Video lässt offen, ob das Nest schon Eier oder Jungvögel enthielt. Dies hätte möglicherweise eine erheblich aggressivere Reaktion der Habichte nach sich gezogen. Ob dem dreisten Nestraub dauerhafter Erfolg beschieden war und eine Habichtbrut verhindert wurde, bleibt ebenso ungewiss. Auch Habichte verfügen über Ausweichnester, die sie nach Störungen nutzen können.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 7: Bunter Vogel, gut getarnt: Baumbrütende Nilgans in Treuenhagen.
Foto: M. Siebner

Fazit und Ausblick

Für die meisten Avifaunisten ist die Nilgans uninteressant: ein nervender Exot, den man nicht mehr loswird. Einige begegnen ihr, wie der Verf. vor 15 Jahren (Dörrie 2010), immer noch mit strikter Ablehnung. Warum eigentlich? Die Mutmaßungen über einen schädlichen Einfluss auf andere Vogelarten entbehren, wie oben gezeigt, zumeist der Substanz. Gibt es ihn, so scheint er, zumindest in Süd-Niedersachsen, nur sehr lokal zu sein. Regelmäßig betroffen sind lediglich ein paar futterzahme Stockenten zweifelhafter Provenienz an einem winzigen Parkgewässer. Als Begründung für den massenhaften Abschuss von Nilgänsen „zum Schutz heimischer Vogelarten“ ist das mehr als dünn. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass (wieder einmal) eine Vogelart als Sündenbock oder Alibi herhalten muss, weil man im Natur- und Artenschutz nicht weiterkommt.
Vielleicht kann dieses kleine Porträt zur vorurteilsfreien Betrachtung einer in vielerlei Hinsicht faszinierenden Vogelart beitragen. Man muss die Nilgans ja nicht gleich lieben und ihre Ansiedlung bejubeln. Teilnehmendes Beobachten reicht völlig aus.

Ein herzlicher Dank geht an Dr. E. Gottschalk (Abt. Naturschutzbiologie der Uni Göttingen) für die Bereitstellung der Videos von brütenden Nilgänsen und an alle Fotografen.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., E. Bezzel & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Bauer, H.-G. & F. Woog (2008): Nichtheimische Vogelarten in Deutschland, Teil I: Auftreten, Bestände und Status. Vogelwarte 46: 157-194.

Bauer, H.-G. & F. Woog (2011): Bemerkungen zur „Invasivität“ nichtheimischer Vogelarten. Ber. Vogelschutz 47/48: 135-141.

Dörrie, H.-H. (2001): Avifaunistischer Jahresbericht 2000 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 5-121.

Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.

Dörrie, H.-H. (2005): Avifaunistischer Jahresbericht 2004 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 4-76.

Dörrie, H.-H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser oder bei der Newsgroup avigoe.de.

Dörrie, H.-H. (2011a): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Dörrie, H.-H. (2011b): Heimzug und Brutzeit 2011 – vogelkundliche Neuigkeiten aus einem denkwürdigen Frühjahr. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=351.

Dörrie, H.-H. (2013): Heimzug und Brutzeit – März bis Juni 2013 – in Süd-Niedersachsen: Kalamitäten am laufenden Band. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=569.

Dörrie, H.-H. (2014): Späte Brutzeit und Wegzug 2014 in Süd-Niedersachsen: gemächlich dem Winter entgegen. http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=723.

Gedeon, K., C. Grüneberg, A. Mitschke, C. Sudfeldt, W. Eikhorst, S. Fischer, M. Flade, S. Frick, I. Geiersberger, B. Koop, M. Kramer, T. Krüger, N. Roth, T. Ryslavy, F. Schlotmann, S. Stübing, R. Sudmann, R. Steffens, F. Vökler & K. Witt (i. Dr.): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

Hagemeijer, W. J. M. & M. J. Blair (1997): The EBCC atlas of European breeding birds. London.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Steiof, K. (2011): Handlungserfordernisse im Umgang mit nichtheimischen und mit invasiven Vogelarten. Ber. Vogelschutz 47/48: 93-118.

Nilgans - M.Siebner

December 16th, 2014

Der Habicht - Vogel des Jahres 2015 –
in Süd-Niedersachsen: alles andere als
ein Kuscheltier

Habicht - V.Dierschke
Abb. 1: Adulter Habicht. Foto: J. Dierschke

Mit dem Habicht (Accipiter gentilis) hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Nach dem Kormoran, Vogel des Jahres 2010, steht erneut eine Vogelart im Blickfeld der Öffentlichkeit, der Naturnutzer immer noch mit blankem Hass begegnen. Im Unterschied zu Kormoran, Rabenkrähe und Elster, für die vom Gesetzgeber unter enormem Lobbydruck großzügige Abschussregelungen festgeschrieben wurden, findet das Töten von Habichten und anderen Greifvogelarten zumeist im Verborgenen statt und wird von den Protagonisten nicht an die große Glocke gehängt. Gleichwohl geraten, nicht zuletzt durch die Aufklärungsarbeit von Organisationen wie dem „Komitee gegen den Vogelmord“ erschreckend viele Fälle illegaler Nachstellungen ans Licht. Man kann nur hoffen, dass – mit dem Habicht als Flaggschiffart und dem „Komitee gegen den Vogelmord“ als Kooperationspartner des NABU – in Zukunft eine erhöhte Sensibilisierung für die illegale Greifvogelverfolgung erreicht werden kann.

Verbreitung und Bestand

Zur Brutzeit ist der Habicht ein zurückgezogen lebender Waldvogel, zumindest bei uns. Hinweise zur Populationsgröße, die über Einzelfeststellungen hinausgehen, sind deshalb Mangelware. Im Göttinger Stadtwald und Geismar Forst brüten auf ca. 20 km² mindestens drei Paare (Dörrie 2011). Für das 130 km² große EU-Vogelschutzgebiet „Unteres Eichsfeld“ wurden 2009 sieben Reviere ermittelt (G. Brunken in Heitkamp et al. 2010), die aber wohl nur einen Teil der Brutpopulation dort ausmachen. Zufallsbeobachtungen haben über die Jahre belegt, dass unser Porträtvogel in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Daher ist eine grobe Schätzung von ca. 150 Brutpaaren im Landkreis Göttingen und im Altkreis Northeim realistisch. In den letzten Jahrzehnten – seit den 1970er Jahren stehen alle Greifvögel unter Schutz - konnte sich der Brutbestand von der flächendeckenden, auch mit Prämien angefeuerten Verfolgung bis weit ins 20. Jahrhundert erholen. Von der DDT-Problematik war der Habicht wegen seines weiten Nahrungsspektrums nicht so sehr betroffen wie Greifvögel, die überwiegend bis ausschließlich von Vögeln leben.

Habicht - M.Siebner
Abb. 2: Junger Habicht über der Feldmark Geismar-Süd. Foto: M. Siebner

Der Habicht und seine Beute

Habichte sind elegante und ungemein kraftvolle Flugjäger, die auch in dichten Baumbeständen auf die Nahrungssuche gehen. Sie erbeuten kleinere Säugetiere wie Hasen und Kaninchen und können Vögel bis zur Größe eines Graureihers überwältigen. Andere Greifvogelarten wie z.B. Turmfalke, Mäuse- und Wespenbussard, der nahe verwandte Sperber sowie Rot- und Schwarzmilan stehen ebenfalls auf ihrem Speiseplan. Einen Eindruck davon, wie rasant das „Phantom des Waldes“ zuschlagen kann, vermittelt ein Video, das die Tötung von zwei fast flüggen Rotmilanen dokumentiert. Die Aufnahmen entstanden im Landkreis Göttingen, wo im Rahmen des Rotmilan-Schutzprojekts des Zentrums für Naturschutz der Uni Göttingen mehrere Nester mit Kameras versehen wurden, um die Nahrungsgewohnheiten des Rotmilans zu dokumentieren. Gerade in schlechten Mäusejahren scheinen besonders viele junge Rotmilane Opfer solcher Attacken zu werden, weil beide Elternteile mit der Nahrungssuche beschäftigt sind und ihren Nachwuchs nicht verteidigen können. Sind die Brutvögel noch unerfahren, haben sie auch in guten Mäusejahren kaum eine Chance, den Angriffen etwas entgegenzusetzen. Die Untersuchungen haben ergeben, dass ca. 30 Prozent aller nestjungen Rotmilane vom Habicht erbeutet werden (E. Gottschalk, mdl. Mitt.). Das ist eine hohe Verlustrate, die aber von langlebigen und erfahrenen Brutpaaren wieder ausgeglichen werden kann. Beim Bestandsrückgang des Rotmilans spielen die Segnungen der industriellen Landwirtschaft eine erheblich größere Rolle als Nachstellungen durch den Habicht. Wer nun meint, unser Jahresvogel sei der unangefochtene Herrscher der Lüfte, sollte sich dieses Video anschauen. Manchmal geht es andersrum…

Habicht - I.Lilienthal
Abb. 3: Wer hat Angst vor wem? Junger Habicht und Nilgänse an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: I. Lilienthal

Verfolgung

Ob bzw. in welchem Ausmaß Habichte auch in unserer Region illegal verfolgt werden, ist eine offene Frage. Auffällig ist zweierlei: Zum einen sind Beobachtungen umherstreifender Vögel im städtischen Siedlungsbereich in den letzten zehn Jahren merklich zurückgegangen. Zum anderen geraten überwiegend Jungvögel (so genannte „Rothabichte“) ins Visier. Dies kann aber auch mit der ökologischen Bindung vieler Vogelbeobachter/innen an Offenlandstrukturen erklärt werden, wo immature Habichte öfter zu sehen sind als waldbewohnende Revierbesetzer. Ein untrügliches Zeichen illegaler Verfolgung liegt vor, wenn traditionelle Reviere zunehmend von „Rothabichten“ besetzt werden. Dies kann den Schluss zulassen, dass die Altvögel getötet wurden. Während es dafür in anderen Regionen Deutschlands etliche Belege gibt (Bauer et al. 2005), fehlen diese bei uns, im Wesentlichen wegen unzureichender Erfassung.
Für die illegalen Verfolgungen sind vor allem drei Nutzergruppen verantwortlich: Taubenzüchter, Jäger und Hühner- bzw. Ziervogelhalter.
Taubenzüchter fürchten um ihre Rassetauben, die sie bei Wettkämpfen in die Luft entlassen. Durch aufziehende Gewitterfronten und andere Wetterkalamitäten kommen bei manchen dieser, aus Tierschutzsicht sehr fragwürdigen, Sportveranstaltungen bis zu 40 Prozent der Vögel um bzw. finden nicht mehr nach Hause. Damit verglichen sind die Verluste durch Greifvögel, die in der Mehrzahl geschwächte oder desorientierte Vögel betreffen, gering. Kommt es auf lokaler Ebene zu signifikant höheren Einbußen, ist dafür in der Regel nicht der Habicht, sondern der Wanderfalke verantwortlich.
Jäger verdammen den Habicht seit jeher als „Feind des Niederwilds“, weil er sich an „ihren“ Fasanen und Rebhühnern vergreift. Der Fasan spielt bei uns als exotisches Schießobjekt keine Rolle mehr. Aus klimatischen Gründen kann er in Süd-Niedersachsen keine sich selbst erhaltende Population aufbauen. Aussetzungen von „Jagdpapageien“ durch Jäger hat es daher seit Jahren nicht mehr gegeben. Rebhühner werden wegen ihres starken Bestandsrückgangs im Rahmen einer freiwilligen Übereinkunft nicht mehr geschossen (und wenn doch, im Landesjagdbericht als so genanntes Fallwild deklariert). Ihre Verluste, besonders unter den Weibchen zur Brutzeit, gehen zu knapp 70 Prozent auf das Konto terrestrisch lebender Beutegreifer, unter denen der Fuchs an erster Stelle steht. Dies ergab eine Auswertung der Todesursachen von Rebhühnern, die im Landkreis Göttingen besendert wurden (E. Gottschalk, mdl. Mitt.).
Die Zahl freilaufender Hühner, bei denen Habichte sich bedienen könnten, ist überall stark zurückgegangen, auch im ländlichen Siedlungsbereich. „Habichte“, die gleich zu mehreren am Waldrand nahe der Öko-Hühnerfarm im Hacketal zwischen Waake und Ebergötzen sitzen sollen, entpuppten sich regelmäßig als Mäusebussarde.
All diese Fakten entlasten den Habicht und machen seine klandestine Verfolgung noch skandalöser als ohnehin schon. Mittlerweile haben dies auch die Jagdverbände einiger Bundesländer eingesehen und sich, mit der Nachhilfe von Naturschutzverbänden und staatlichen Vogelschutzwarten, öffentlich gegen die kriminellen Greifvogeltötungen ausgesprochen, so auch in Niedersachsen. Gleichwohl: Das unter Nutzergruppen verbreitete Hirngespinst von „Überpopulationen schädlicher Vögel“ könnte auch in unserer Region den einen oder anderen dazu verleiten, sich des verhassten Konkurrenten in aller Stille zu entledigen. Wer findet schon einen Fangkorb mit einer Taube als Lebendköder, der tief im Wald oder versteckt auf einem weitläufigen Privatgrundstück steht - oder sitzt als Mäuschen am Jägerstammtisch? Und der Erwerb von Fangkörben ist immer noch ganz legal…

Habichte beobachten – wann und wo?

Aus Schutzgründen werden von verantwortungsbewussten Vogelkundlern keine Angaben zu Habicht-Brutplätzen mehr veröffentlicht, auch hier nicht. In unserer Datenbank www.ornitho.de sind alle Neststandorte verschlüsselt eingegeben und nur für Experten im Greifvogelschutz sichtbar. Für das Kennenlernen dieser beeindruckenden Vogelart durch interessierte Normalbürger/innen ist das sicher von Nachteil. Dagegen haben es die Einwohner/innen von Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln gut. Sie müssen nur eine der großen Parkanlagen oder Friedhöfe aufsuchen und können dort ganzjährig Habichte beobachten, bei der Jagd, beim Brutgeschäft und anderen Lebensäußerungen. Wer die „zutraulichen“ Vögel einmal aus nächster Nähe in Aktion erlebt hat, wird diesen Anblick nie vergessen. Stadtluft macht frei…

Habicht - C.Grüneberg
Abb. 4: Junger Berliner Stadthabicht. Foto: C. Grüneberg

In der großen Kleinstadt Göttingen ist der Habicht nicht verstädtert, zumindest nicht als Brutvogel. Zwar ist das Nahrungsangebot in Gestalt von Ringel- und Haustauben sowie Rabenkrähen enorm gewachsen. Einer Ansiedlung scheinen vielmehr die geringe Größe und fehlende Vernetzung unserer Parks und Friedhöfe entgegenzustehen. Möglicherweise fehlt auch ein die Verstädterung fördernder Populationsdruck im Umland, was wiederum ein Indiz für illegale Verfolgung wäre.
Immerhin: An den großen Rabenkrähen-Schlafplätzen in der Nordstadt tauchen im Herbst und Winter regelmäßig Habichte auf, um ihren Tribut einzufordern. Auf dem Stadtfriedhof werden in manchen Jahren Winterreviere besetzt. Wenn man auf dem Boden herumliegende Taubenfedern findet, lässt sich mit einem Blick nach oben mit etwas Glück ein satter Habicht im Baum erspähen. Über den Kiessee fliegen ab dem Spätsommer hin und wieder Habichte. Ihrer wird man am ehesten ansichtig, wenn man die Alarmrufe eines Rabenkrähentrupps hört und nachschaut, welchem Feind die Vögel hinterher jagen. Ein regelrechter Hotspot mit hoher Habichtgarantie ist die Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim. Hier ist unser Jahresvogel beständig zugegen und goutiert das reiche Angebot von Wasservögeln.
Ansonsten sind Habichtbeobachtungen zumeist vom Zufall abhängig und betreffen fast immer überfliegende Vögel. Dabei sollte man sich vergewissern, ob es sich wirklich um einen Habicht und keinen Sperber handelt. Beide Arten ähneln sich und zeigen einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus. Während „Rothabichte“ mit ihrer gestrichelten Unterseite unverkennbar sind und am ehesten mit einem Mäuse- oder Wespenbussard verwechselt werden können, ist es bei den Altvögeln komplizierter. Habicht- und Sperbermännchen sind erheblich kleiner als ihre Weibchen. Sie versorgen die heranwachsenden Jungvögel mit Beute. Da ist Wendigkeit im Geäst gefragt. Kleine Habichtmännchen sind manchmal nicht viel größer als kräftige Sperberweibchen. Im Alterskleid sind sie für Unkundige kaum unterscheidbar. Die charakteristische rötliche Iris adulter Habichte ist nur aus der Nähe zu sehen.

Sperber - M.Siebner
Abb. 5: Kräftiges Sperberweibchen über dem Seeburger See. Foto: M. Siebner

Gute Unterscheidungsmerkmale sind beim Habicht die längeren und spitzer zulaufenden Flügel, der hervortretende Kopf und der insgesamt runder wirkende lange Schwanz. Geübte Beobachter/innen können Habichte auch an ihrer Flugweise erkennen, die viel kraftvoller anmutet als die des kleinen Verwandten. Und nun kann man dem Jahresvogel 2015 nur noch alles Gute wünschen!

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Heitkamp, U., Brunken, G., Corsmann, M., Grüneberg, C. & S. Paul (2010): Avifaunistischer Jahresbericht 2008 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 14: 4-77.

October 24th, 2014

Der Grünspecht - Vogel des Jahres 2014:
Lachsack im Aufwind

Grünspecht Titel
Abb. 1: Grünspechtweibchen bei der Nahrungssuche. Foto: M. Siebner


Die Wahl des Grünspechts (Picus viridis) zum Vogel des Jahres 2014 durch den NABU bietet die willkommene Gelegenheit zu einem kleinen Regionalporträt unserer zweitgrößten Spechtart. Vorgestellt wird ein faszinierender Vogel, der eine Menge Fragen aufwirft.

Verbreitung und Bestandsentwicklung

Im süd-niedersächsischen Bergland ist der Grünspecht ein spärlicher Brutvogel, dessen Vorkommen bereits bei Merrem (1789) dokumentiert ist. Sein bevorzugter Lebensraum ist ein Mosaik aus Grünland und anderen Offenflächen, strukturreichen Waldrändern, Obstwiesen, lichten Gehölzen und Gärten. Hier besetzt er Reviere, die bis zu 250 Hektar umfassen können (Blume 1981). Das Innere dichter (Laub-) Wälder meidet er, ebenso die von Koniferen geprägten Hochlagen der großen Waldgebiete im Westen unserer Region (Bramwald, Kaufunger Wald, Solling). Die Niederungen von Leine, Rhume, Garte und Schwülme, aber auch von kleineren Fließgewässern sind traditionelle Verbreitungsgebiete, vor allem dort, wo Grünland an die Ufer grenzt. In Göttingen ist er ein altbekannter Stadtvogel. Auch in ländlich geprägten Ortsrandlagen fehlt er nicht. Verglichen mit klimatisch begünstigten Regionen im Westen und Südwesten Deutschlands stellt Süd-Niedersachsen aber einen eher suboptimalen Lebensraum dar (Schelper 1986).

Weil der Grünspecht von Ameisen lebt und ein ausgeprägter Standvogel ist, wurde seine Populationsdynamik in der Vergangenheit vor allem von Eis und Schnee geprägt. Die schneereichen Kältewinter der späten 1940er Jahre und der Jahre 1962/63, 1978/79, 1985/86 und 1986/87 brachten den Bestand jeweils beinahe zum Erlöschen. In der Regel dauerte es mehrere Brutperioden, bis sich die (kleine) Population wieder einigermaßen erholt hatte. Im Unterschied dazu verliefen die eher schneearmen Extremwinter der Jahre 1995/96 und 1996/97 vergleichsweise glimpflich (Bruns 1949, Schelper 1986, Dörrie 2010).
Danach machte sich bekanntlich die globale Erwärmung bemerkbar und unser Porträtvogel war aus dem Gröbsten raus. Bei Kartierungen in allen Gemeinden des Landkreises Göttingen (1.117 km²) ermittelte G. Brunken (mdl. Mitt.) bis 2008 beachtliche 65 bis 85 Reviere. Diese Angabe zeigte damals eine Untergrenze an, weil die Erfassungen nicht flächendeckend durchgeführt werden konnten. Im Göttinger Stadtgebiet stieg die Brutpopulation bis 2009 von zwei auf ca. acht Paare (Dörrie 2011, heute wahrscheinlich noch mehr). Auch im historischen Kerngebiet ist (wieder) ein Revier besetzt. Im EU-Vogelschutzgebiet V 19 „Unteres Eichsfeld“ vervierfachte sich der Bestand zwischen 2005 und 2008 von vier auf 16 Paare/Reviere (Brunken et al. 2006, Heitkamp et al. 2010). Bis heute haben die Nachweise weiter zugenommen. Wie groß die Regionalpopulation mittlerweile ist, kann nur grob geschätzt werden. Sie dürfte aber allein im Landkreis Göttingen deutlich mehr als 100 Paare betragen. Aus dem Landkreis Northeim liegen leider nur wenige Angaben vor. In der bundesweiten „Grünspecht-Rangliste“ der Datenbank ornitho.de befindet sich der Landkreis Göttingen mit knapp 850 Beobachtungen seit dem Herbst 2011 aktuell auf Platz 14, vor vielen Kreisen im Westen und Südwesten der Republik. Wegen hoher Melderdichte und Beobachtungsfrequenz in vielbegangenen Hausgebieten sowie den damit verbundenen Mehrfacheintragungen identischer Vögel ist die Plazierung unter den Top 20 aber für eine konkrete Bestandsschätzung von sehr geringer Aussagekraft. Gleichwohl liefert sie Hinweise darauf, wie häufig und regelmäßig Grünspechte mittlerweile ins Blickfeld bzw. ihre Lautäußerungen in die Gehörgänge der Beobachter/innen geraten.
All dies scheint glanzvoll zu belegen, dass der Grünspecht zu den klaren Gewinnern des Klimawandels zählt. Wie recht hatte doch der prominente Klimaforscher M. Latif aus Kiel, als er am 1. April 2000 im „Spiegel“ prognostizierte, „dass es Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren in unseren Breiten nicht mehr geben wird“. Nach diesem beruhigenden Fazit könnte man eigentlich auf weitere Ausführungen verzichten und sich entspannt dem Beobachten von Vögeln widmen, oder etwa nicht?

Die vollmundige Prophezeiung war leider mit einem kleinen Makel behaftet: Sie hat sich, wie so viele ähnlicher Machart, als krachend falsch entpuppt. Der letzte wirklich milde Winter, 2006/2007, liegt in unserer Region schon einige Jahre zurück. Mittlerweile räumen auch die umtriebigsten Apokalyptiker unter den Klimatologen ein, dass die globale Erwärmung seit 1998 stagniert. Doch nicht nur das: Nach 2007 folgte ein kalter und langer Winter dem nächsten. 2010/2011 ging es in unserer Region so kalt und schneereich zu wie seit über 40 Jahren nicht mehr. Der “Märzwinter” 2013 mit Frösten bis zu -17°C setzte dann allem die Krone auf. Die Brutpopulationen winterempfindlicher Arten wie Eisvogel und Schleiereule sind in den vergangenen Jahren auf klägliche Restbestände geschrumpft.
Weil vor diesem Hintergrund auch ein deutlicher Bestandseinbruch des Grünspechts zu befürchten war, achteten Göttinger Vogelkundler gezielt darauf, ob traditionelle Reviere in der Stadt und ihrem Umfeld im Frühjahr wieder besetzt waren. Das Ergebnis fiel verblüffend aus: Trotz mutmaßlicher Verluste waren sie, selbst nach dem Extremwinter 2011/12, alle wieder bezogen!
Wie ist dieses Paradox zu erklären? Vielleicht hilft ein Blick auf die Umweltbedingungen, unter denen Grünspechte in unserer Kulturlandschaft ihr Leben meistern.

Ameisen als Lebensgrundlage

Grünspechte leben ganzjährig zu ungefähr 90 Prozent von bodenbewohnenden Ameisen (Bauer et al. 2005). An Wald- und Wegrändern, auf Wiesen und Weiden, Rasenflächen und Brachen suchen sie im Hüpfmodus nach Ameisennestern und lecken die Beutetiere mit ihrer langen Zunge auf. Dabei werden Weg- und Waldameisen der Gattungen Lasius, Formica und Serviformica bevorzugt. Giftspritzende Ameisen erbeuten sie nur im Winter, wenn jene weniger aktiv sind (Seifert 2009b).
Mit ihrem kräftigen Schnabel können Grünspechte den Erdboden effektiv erschließen. Maulwurfs- und Wühlmaushügel werden fast schon im Akkord aufgehackt und auf Ameisen untersucht. Im Aufspüren ihrer Nahrung sind sie auch im Winter sehr findig. Seifert (2009b) berichtet von einem Grünspecht, der in einem Garten bei einer Schneehöhe von ca. 25 cm ein Ameisennest, das ihm offenbar aus dem Sommer bekannt war, durch das Einnehmen verschiedener Perspektiven von mehreren Obstbäumen aus zunächst förmlich einkreiste und dann zielgenau ansteuerte. Es drängte sich der Eindruck auf, dass der Vogel den Schnittpunkt mehrerer Diagonalen berechnete, um an das Nest zu gelangen - eine staunenswerte kognitive Leistung, die wohl nur noch von einem Tannenhäher übertroffen wird, der bei ganz anderen Schneehöhen im Herbst vergrabene Nüsse wiederfindet und sich dabei an auffälligen, aus dem Schnee ragenden Landmarken orientiert.

Grünspecht im Schnee
Abb. 2: Grünspecht auf Ameisensuche in einem Garten in Diemarden. Foto: V. Lipka

Spuren im Schnee
Abb. 3: So sieht es nach getaner Arbeit aus. Foto: V. Lipka

Als spezialisierter Ameisenfresser sucht der Grünspecht - anders als sein naher Verwandter, der Grauspecht - keine Futterhäuser auf. Das plakative Motto „Vögel füttern - aber richtig“ greift in seinem Fall also nicht. Zwar gibt es Hinweise, dass ab und an auch andere Insekten sowie Würmer, Schnecken und manchmal Früchte konsumiert werden (Winkler et al. 1995). Dies ändert aber kaum etwas an der ausgeprägten Abhängigkeit von der Hauptnahrung.

Die offenkundige Bestandszunahme erscheint noch erstaunlicher, wenn man den galoppierenden Grünlandschwund und den Verlust nährstoffarmer Freiflächen einbezieht, die in der Regel von Myriaden wärmeliebender Ameisen bevölkert werden. Neben der Umwandlung von Wiesen und Brachen in sterile Mais- und Rapsäcker schmälern Eutrophierungsprozesse als Resultat der großräumigen Verfrachtung von Stickstoffverbindungen aus Landwirtschaft und fossiler Energieverbrennung die Nahrung unseres Porträtvogels. Seifert (2009a) zeigt anschaulich, dass eine durch Nährstoffanreicherung bedingte hohe Pflanzendichte unweigerlich zum dramatischen Bestandsrückgang von Ameisen führt. Die Bodentemperatur sinkt, die Pflanzenvielfalt geht zurück und Raumwiderstand erschwert die Nahrungssuche der kleinen Tiere. Dieses Szenario ist die Hauptursache für den Bestandsrückgang des Wendehalses, eine Spechtart, die ebenfalls von Ameisen lebt und existentiell auf nährstoff- und vegetationsarme Offenflächen mit großen, leicht erreichbaren Populationen von Beutetieren angewiesen ist. Der Wendehals kommt in Süd-Niedersachsen regelmäßig nur noch mit ein bis zwei Paaren auf dem ehemaligen Göttinger Truppenübungsplatz Kerstlingeröder Feld vor. Warum konnte sich sein großer Vetter deutlich besser behaupten?

Gärtnern ohne Gift

Die Antwort ist, wie so oft, in veränderten anthropogenen Nutzungsformen zu suchen. Mittlerweile wird bei der Pflege öffentlicher Grünanlagen auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet. In den Regelwerken der meisten Kleingartenvereine ist die chemische Keule seit einiger Zeit verpönt. Viele Besitzer von Hausgärten im städtischen und zunehmend auch im ländlichen Siedlungsbereich enthalten sich heutzutage, ökologisch korrekt, der systematischen Vernichtung „schädlicher“ Kleinlebewesen (die verhassten Nacktschnecken natürlich ausgenommen). Zwar unterliegen auch diese Lebensräume der allgegenwärtigen Eutrophierung, doch wird durch regelmäßiges Kurzhalten der Vegetation oder die Ansaat von Feldfrüchten immer wieder für offene Strukturen gesorgt. Obwohl konkrete Untersuchungen zu diesem Themenfeld zu fehlen scheinen, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Bestände ökologisch plastischer Ameisenarten von der extensivierten Freiflächennutzung und -pflege profitiert haben und sich von den chemischen Exzessen, die bis weit in die 1980er Jahre in Szene gesetzt wurden, erholen konnten. Dieser Befund passt gut zu der Korrektur des Zerrbilds von menschlichen Siedlungen als besonders artenarmen Lebensräumen durch Reichholf (2007). Die unmittelbare Belastung durch Biozide ist im Wohnumfeld der Menschen mittlerweile um ein Vielfaches geringer als im agrarindustriell geprägten Offenland. Für den Grünspecht, der bei der Nahrungssuche kraftvoller und flexibler zu Werke gehen kann als der kleine Wendehals mit seinem schwachen Schnabel, haben sich Nahrungsangebot und -verfügbarkeit augenscheinlich deutlich verbessert. In seinen großen Revieren, die fast immer Teile des Siedlungsgebiets oder Ortsrandhabitate umfassen, kann er Bereiche, in denen sich Ameisenbestände erholen oder neu ansiedeln konnten, gedeihlich nutzen. Es spricht also eine Menge dafür (vgl. Gatter 2000), dass der Siedlungsbereich und sein engeres Umfeld für den Grünspecht deutlich an Qualität gewonnen haben - mit positiven Auswirkungen auf Wintermortalität und Bruterfolg.

Baumzuwachs

Ein weiterer, für Spechte nicht ganz unwichtiger Faktor ist das Vorhandensein von Bäumen, in deren Stämmen sie ihre Bruthöhlen zimmern können. Anders als bei seiner Nahrung ist der Grünspecht nicht auf bestimmte Laubbaumarten oder Waldtypen spezialisiert. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Nistplatzangebot für ihn deutlich erweitert, sowohl in Teilen des Offenlands als auch im Umfeld des Siedlungsbereichs. Verglichen mit ihrem Erscheinungsbild noch vor dreißig Jahren sind z.B. die Leineufer zwischen Friedland und Einbeck, die Garteaue oder die Umgebung des Seeburger Sees baumreicher denn je. Die vielerorts emporgewachsenen Pappeln, Eschen, Weiden und Schwarzerlen werden zwar von Unterhaltungsverbänden und anderen Nutzergruppen umso argwöhnischer beäugt, je älter sie werden. Gleichwohl geht man mit ihnen, nicht zuletzt als Folge erhöhter Naturschutzauflagen, etwas pfleglicher und differenzierter um als im vergangenen Jahrhundert.
Darüber hinaus bieten die in einem offenen Umfeld neuentstandenen Gehölze einen schnell erreichbaren Schutz vor Beutegreifern aller Art, was für einen exponiert auf die Nahrungssuche gehenden „Erdspecht“ von Vorteil ist.
Wie sehr gerade der Grünspecht von fortgeschrittenen Stadien der Gehölzsukzession, die durch Eutrophierung noch beschleunigt werden, profitiert hat, ist besonders eindrucksvoll in den ergrünten Ballungsgebieten Nordrhein-Westfalens zu beobachten, die heute auf weiten Flächen einer Parklandschaft ähneln (s.u.).
Damit tut sich ein weiteres (scheinbares) Paradox auf: Der Grünspecht ist Nutznießer von Prozessen, die seiner Hauptnahrung eigentlich abträglich sind. Solange jedoch weiterhin Freiflächen durch Pflege und Nutzung offengehalten werden, bleibt das Mosaik seines Lebensraums nicht nur erhalten, sondern gewinnt durch Gehölzalterung noch an Qualität. Wird der Baumbestand allerdings zu dicht und dunkel und zudem, wie etwa auf dem Göttinger Stadtfriedhof, von Nadelbäumen geprägt, ist er schnell wieder verschwunden bzw. tritt dort nur noch vereinzelt als Nahrungsgast auf. Dagegen ist der 1975 in Betrieb genommene Friedhof Junkerberg in Weende mit seinen Lichtwaldstrukturen und ausgedehnten Offenflächen bis heute Bestandteil eines traditionellen Grünspechtreviers (Dörrie & Paul 2005).
Vom Göttinger Stadtrand liegen Indizien für eine gewisse Bevorzugung älterer Hybridpappeln durch brütende Grünspechte vor. Wegen ihrer vermeintlichen Astbruchgefahr für Passanten wurden und werden sie in der Stadt als sogenannte „Problembäume“ stark reduziert. Die weitere Entwicklung und ihre Auswirkungen auf den Grünspecht bleiben abzuwarten. Zumindest im Kiessee-Leinegebiet existieren aber noch etliche Exemplare, die nachweislich und mit Erfolg zum Brüten genutzt werden, so auch in diesem Jahr.

Baumzuwachs
Abb. 4: Gehölzaufwuchs an der Leine in Göttingen. Foto: N. Vagt

Streuobstwiesen

Wären, nach dem Mantra des NABU und anderer Naturschutzorganisationen, Streuobstwiesen für das Wohlergehen des Grünspechts unabdingbar, ginge es ihm in unserer Region wahrlich schlecht. Wie bereits in einer kleinen Abhandlung über den Gartenrotschwanz auf dieser Seite gezeigt wurde, spielen sie als „Lebensraum für bedrohte Arten“ kaum noch eine Rolle. Ihr Flächenanteil beträgt im Landkreis Göttingen nur noch ganze 0,4 Prozent. Zudem sind sie wegen mangelnder Pflege und Nutzung oft verbuscht und durch eine dichte Krautschicht gekennzeichnet. Für Vögel und andere Lebewesen, die ihre Nahrung am Boden erbeuten, sind sie daher weithin wertlos. Den faktischen Verlust dieses ehemals ausgedehnten, arten- und nahrungsreichen Lebensraums hat der Grünspecht offenbar souverän verkraften und kompensieren (s.o.) können.

Grünspecht auf Baum
Abb. 5: Grünspechtmännchen, mal nicht am Boden. Foto: M. Siebner

Prädation

Blume (1981) berichtet am Beispiel Berlins, dass Habichte einen negativen Einfluss auf lokale Grünspechtpopulationen ausüben können, bis zu deren Verschwinden. Im Landkreis Göttingen ist der Habicht deutlich seltener geworden. Im engeren Stadtgebiet, aber auch bei Zugplanbeobachtungen außerhalb der Stadt werden umherstreifende (Jung-)Habichte nur noch sehr vereinzelt beobachtet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit finden auch in Süd-Niedersachsen illegale Nachstellungen durch Jäger und Taubenzüchter statt, sei es durch Abschuss oder den Fang in mit Locktauben bestückten Fallen. Letztere können ganz bequem mitten im Wald aufgestellt werden, wo kein Unbefugter sie findet… Im Unterschied zu Nordrhein-Westfalen, wo dieses abstoßende Treiben mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hat (Komitee gegen Vogelmord et al. 2012), liegen aus unserer Region so gut wie keine vergleichbaren Hinweise vor. Was aber wenig zu bedeuten hat… Ob der Rückgang des Habichts eine Rolle bei der Bestandserholung des Grünspechts gespielt haben könnte, ist mangels konkreter Daten reine Spekulation.

Neben alteingesessenen Feinschmeckern wie Eichhörnchen, Bilchen sowie Stein- und Baummardern plündern auch die ursprünglich aus Freisetzungen stammenden Waschbären Gelege und Jungvögel höhlenbrütender Vogelarten, wobei die Meinungen über das Ausmaß weit auseinander gehen. Für das nördliche Harzvorland in Sachsen-Anhalt ist, zumindest lokal, eine starke Prädation von Nistkastenbrütern belegt (Tolkmitt et al. 2012). Interessanterweise wurde dieses Phänomen aber in nährstoffarmen und gewässerfernen Habitaten mit einer niedrigen Waschbären-Siedlungsdichte konstatiert. In Stadt und Landkreis Göttingen geht es dem pelzigen Neubürger ausgesprochen gut, seine Nahrungsquellen sprudeln unerschöpflich. Vielleicht ist er in unserer nährstoffreichen Region gar nicht darauf angewiesen, sich wegen fehlender Alternativen mit dem mühevollen Ausräumen von Bruthöhlen in hohen Bäumen abzuplagen. Zudem bezieht der Grünspecht überwiegend selbstgezimmerte Naturhöhlen (Blume 1981), die im Regelfall schwieriger zu erreichen sind als (ungesicherte) Nistkästen. Davon abgesehen spricht schon der offenkundige Populationszuwachs des Grünspechts klar gegen eine Bestandsminderung durch den Waschbären. Dass, im Umkehrschluss, die Massentötungen von Waschbären - im Landkreis Göttingen betrug die „Jagdstrecke“ laut dem aktuellen Landesjagdbericht enorme 1576 Individuen – sich für den Grünspecht positiv ausgewirkt haben könnten, ist bereits deshalb unwahrscheinlich, weil diese Aktionen offenkundig keinen nachweisbaren Einfluss auf die nach wie vor positive Entwicklung der regionalen Kleinbärenpopulation haben.

Tarnung
Abb. 6: Bunt wie ein Papagei, aber in seinem Lebensraum optimal getarnt.
Foto: M.Siebner

Blick über den regionalen Tellerrand

In der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Niedersachsens (Krüger & Oltmanns 2007) rangiert der Grünspecht in der Kategorie 3 („im Bestand gefährdet“). Der landesweite Bestand, dessen Erhaltungszustand nach dem Vollzugshinweis des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz immer noch als „ungünstig“ gilt (NLWKN 2010), wurde für das Referenzjahr 2005 auf ca. 2500 Brutpaare beziffert.
Dagegen dokumentiert der gerade erschienene Atlas der Brutvögel Nordrhein-Westfalens (NWO & LANUV o.J.) eine „neuerdings flächendeckende Verbreitung“ mit 6.500 bis 11.000 Revieren, eingeschlossen hohe Siedlungsdichten in den Ballungsräumen von Rhein und Ruhr.
Der aktuelle Atlas der Brutvögel von Brandenburg und Berlin (Ryslavy et al. 2012) geht von 3.600 bis 5.400 Revierpaaren aus, die eine starke Zunahme von ca. 50 Prozent seit 1995 anzeigen. Die positive Entwicklung wird mit „vielen milden Wintern“ erklärt. Diese hat es jedoch nach der Analyse regionaler Wetterdaten durch Flade (2012) seit 1990 in beiden Bundesländern nicht oder nur als statistische Ausreißer gegeben. Deshalb dürften auch im kontinentalklimatisch geprägten Ostdeutschland andere Faktoren ihre für den Grünspecht segensreiche Wirksamkeit entfaltet haben.
Für das Bundesgebiet ist für den Zeitraum 1991 bis 2010 eine moderate Zunahme von ein bis drei Prozent/Jahr belegt (Sudfeldt et al. 2012). Im Monitoring häufiger Brutvogelarten ist der Grünspecht eine von nur sieben (von 64 untersuchten) Arten, die im Bestand signifikant zugenommen haben. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die positive Bestandsentwicklung in Süd-Niedersachsen nicht aus dem Rahmen fällt.

Grünspechte beobachten – wo und wann

Im engeren Göttinger Stadtgebiet ist es heutzutage kein Problem mehr, einen Grünspecht aufzuspüren. Die Wahrnehmung ist jedoch in den allermeisten Fällen akustischer Natur. Grünspechte sind ausgemachte Krakeeler. Sie verraten sich durch eine laute Rufreihe, die wie ein gellendes Lachen klingt, manchmal mit empört bis hysterisch anmutenden Modulationen. Die Rufe des Grauspechts hören sich ähnlich an, sind aber weicher, mehr pfeifend und in der Tonlage klar abfallend. Im Winter sind die Vögel zumeist stumm, erst ab Ende Februar lassen sie sich wieder vernehmen. Sitzen sie regungs- und lautlos an einem Stamm oder Ast, sind sie praktisch unsichtbar. Als Gartenbesitzer kommt man am ehesten in den Genuss, sie beim Nahrungserwerb am Boden beobachten zu können.
Beide Geschlechter zeichnen sich neben dem namensgebenden grünen Rücken durch einen roten Scheitel und eine schwarze Banditenmaske aus. Das Männchen kann durch seinen rot eingefassten Bartstreif vom Weibchen unterschieden werden. Die flüggen Jungvögel sind stark geschuppt mit einem schwächer ausgeprägten roten Scheitel. Sie verbleiben über mehrere Wochen in Gesellschaft der Eltern oder eines Elternteils, die ihnen die Ameisenjagd beibringen und sie noch lange füttern. Die Beobachtung einer solchen, auf dem Rasen umherhüpfenden Familie ist für Vogelfreunde ein echtes Glanzlicht, das aber wegen der als Tarnung wirkenden Grünfärbung der Vögel in Kombination mit ihrer Wachsamkeit nur wenigen zuteil wird.

Junger Grünspecht
Abb. 7: Rückenansicht eines jungen Grünspechts. Foto: W. Kühn

Ein echter Grünspecht-Hotspot ist der Göttinger Kiessee samt Umgebung. Bei passender Jahreszeit und günstigen Wetterbedingungen tendiert hier die Antreffwahrscheinlichkeit gegen 50 Prozent. Weitere gute Beobachtungsplätze sind die Weststadt (Levin-Park), der Friedhof Junkerberg in Weende, der Alte Botanische Garten, die Südstadt (hier besonders die traditionell besiedelte Kleingartenanlage „Lange Bünde“), die Schillerwiesen und, natürlich, das Kerstlingeröder Feld, wo Grün- und Grauspecht im gleichen Lebensraum vorkommen. In der Göttinger Peripherie ist das Gartetal zwischen dem Werderhof und Diemarden sehr empfehlenswert. Auch in weiter von Göttingen entfernten Beobachtungsgebieten wie dem Seeburger See oder der Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim kann man Grünspechte hören und sehen. Und jetzt steht (hoffentlich) einem gemeinsamen Ablachen mit dem Vogel des Jahres 2014 nichts mehr im Wege!

Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

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October 25th, 2013

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