Stadtwald Göttingen und Kerstlingeröder Feld

Sie möchten alle sieben in Niedersachsen heimischen Spechtarten beobachten, außerdem eine Vielzahl von Waldvögeln und Charakterarten des offenen und halboffenen Kulturlandes - und das womöglich noch an einem einzigen Vormittag? In der unmittelbaren Umgebung Göttingens ist dies möglich. Östlich des Siedlungsbereichs befindet sich mit dem Göttinger Stadtwald ein Naherholungsgebiet, das nicht nur unterschiedliche Lebensräume vereint, sondern auch bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar ist.
Wir möchten im folgenden den Stadtwald anhand einer Wanderung vorstellen. Für die Tour sollten - großzügige Beobachtungszeiten eingeschlossen - etwa fünf Stunden veranschlagt werden, selbstverständlich lassen sich die einzelnen Teilgebiete aber auch gesondert anfahren.

Molkengrund
Ausgangspunkt unserer Wanderung ist der angestaute Reinsgraben auf den Schillerwiesen zwischen der Merkelstraße und der Bismarckstraße am Ostrand der Stadt. Folgt man ihm und überquert die Bismarckstraße, hat man den Molkengrund erreicht, der sich ungefähr 200 m lang unterhalb des Hainbergs hinaufzieht, der vor 130 Jahren mit aufwendigen Anpflanzungsaktionen wiederbewaldet wurde. Der Molkengrund ist ein alter, vor ca. 150 Jahren angelegter Landschaftspark, der jedoch wegen mangelnder Pflege viel von seinem kultivierten Charme verloren hat. Der Reinsgraben wird von Kleinvögeln zum Trinken und Baden genutzt, in Einflugjahren auch von Seidenschwänzen, die dann unweit der Tränke einen Schlafplatz beziehen. Regelmäßig lassen sich hier auch Gebirgsstelzen beobachten. Die alten Laubbaumbestände werden unter anderem von Kleiber, Buntspecht und Sumpfmeise besiedelt. Auch der Mittelspecht besetzt hier, trotz eines äußerst geringen Eichenanteils, regelmäßig 1-2 Reviere. Daneben findet sich die ganze Palette der häufigen Waldvögel, die, wie z.B. Zaunkönig und Rotkehlchen, hohe Dichten erreichen können - dem überall am Boden aufgeschichteten Schwachholz aus früheren Durchforstungen sei Dank. Gegen Abend und in der Nacht lassen sich Waldkäuze vernehmen und sehen. Sie jagen auch auf den stadtnahen Schillerwiesen.

Waldohreulen

Waldohreulen brüten im Göttinger Stadtwald überall dort, wo Gehölzinseln an struktur- und kleinnagerreiches Grünland grenzen. Bruten in Nistkästen (wie hier auf dem Kerstlingeröder Feld) sind allerdings die absolute Ausnahme. Am besten beobachten lassen sich die Dämmerungsjäger im Juni, wenn die Jungvögel ihre charakteristischen und durchdringenden Bettelrufe ertönen lassen. Foto: Mathias Siebner.

Wenn man dem asphaltierten Weg weiter bergauf folgt und die imposanten Überreste der uralten Ahlborn-Buche rechts liegen gelassen hat, erblickt man nach einem Kilometer das

Sengersfeld,
eine strukturreiche Freifläche mit Hecken und Gebüschen, in deren Nordteil vor 30 Jahren eine Streuobstwiese gepflanzt wurde. Hier siedeln in geringer Dichte Charakterarten des halboffenen Kulturlands, unter denen Waldohreule, Baumpieper und Neuntöter hervorzuheben sind. Das Sengersfeld wird von einem befestigten Nord-Süd-Weg geteilt. Wir wenden uns gen Mittag und biegen an der Kreuzung „Stern“ nach Südosten ab. Nach ungefähr 10 Minuten sind wir am

Hainholzhof und Wildtiergehege am Kehr
angelangt. Hier prägen eine Reitanlage und ein Restaurant, das aber seit längerem nicht mehr betrieben wird, das Bild. Im späten Frühling und in den Sommermonaten hat, immerhin, ein Kiosk geöffnet, der zusätzliche Marschverpflegung bereithält. Der Hainholzhof kann auch gut von der Stadt aus mit dem PKW über die Bismarckstraße erreicht werden, Parkmöglichkeiten gibt es zuhauf. In den alten Linden existiert seit einigen Jahren eine hochgelegene Kolonie der Wacholderdrossel. Die Ställe werden von fünf bis sechs Brutpaaren der Rauchschwalbe bevölkert, deren Bestand im Göttinger Siedlungsbereich stark abgenommen hat. Unweit der Stallungen bezieht der Gartenrotschwanz in fast jedem Jahr eines seiner im Göttinger Raum selten gewordenen Reviere. Östlich an die Wiesen der Reitanlage grenzend erstreckt sich ein weitläufiges Gehege mit Wildschweinen und Damhirschen. Der Baumbestand wird von alten Eschen, Eichen und diversen Ahornarten dominiert; er beherbergt Grau-, Mittel- und Kleinspecht, nicht zu vergessen die Zwillinge Garten- und Waldbaumläufer, die hier im gemeinsamen Lebensraum zur Reproduktion schreiten. Eine regionale Besonderheit ist die kleine, seit Jahrzehnten präsente Nistkasten-Population des Trauerschnäppers. Diese Vogelart ist im Weser- und Leinebergland nur spärlich und lückenhaft vertreten.
Wenn wir das Wildgehege passiert haben, steht uns ein etwas längerer Fußmarsch auf der breiten asphaltierten Straße durch den Wald bevor, der jedoch durch den Anblick bzw. die akustische Wahrnehmung von typischen Waldvogelarten wie Kernbeißer, Misteldrossel und (nicht in jedem Jahr) Waldlaubsänger versüßt wird. Nach ungefähr 1,5 km stößt die Straße auf eine Betontrasse. Ihr folgen wir nach links und erreichen nach ca. 500 m das

Kerstlingeröder Feld
Dieses Gebiet ist ein wahres Kleinod, das in Süd-Niedersachsen seinesgleichen sucht! Seine wechselvolle Geschichte kulminierte in der jahrzehntelangen Nutzung als Standortübungsplatz, die 1992 ihr Ende fand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten breite Panzerketten in schöner Regelmäßigkeit öde Offenstellen freigewalzt. Die Ruine des historischen Gutsgebäudes aus dem 17. Jahrhundert wurde zum Biwakplatz bierseliger Rekruten zweckentfremdet. Brände durch unkontrollierte Lagerfeuer und verirrte Geschosse führten immer wieder zu kleineren Katastrophen. Das Grünland und die Rasenflächen sicherten einem Schäfer und seiner gefräßigen Herde von mehr als 500 Tieren das Auskommen. Was aber im verengten Blick der Verfechter eines harmonischen und statischen Naturverständnisses als blanke Zerstörung und brutalstmögliche Übernutzung erscheint, erwies sich letztlich als Glücksfall: Militärbetrieb und Beweidung haben dazu beigetragen, dass sich auf ca. 120 Hektar historische Kulturland-Habitate erhalten konnten, die anderswo schon seit langem der industriellen Land- und Forstwirtschaft zum Opfer gefallen sind.
Auf dem Kerstlingeröder Feld findet der Vogelkundler - aber auch der Botaniker und der Entomologe - heute noch alles, was das Herz begehrt: Orchideen- und insektenreiche Trocken- und Kalkmagerrasen, trockene Gebüsche, strukturierte Waldränder, alte Obstbäume und uralte Buchenbestände. Schade nur, dass im Südteil in den 1970er Jahren Aufforstungen mit Lärchen und Buchen vorgenommen wurden. Derartige Veränderungen - von der ursprünglich geplanten Anlage eines Golfplatzes ganz zu schweigen - würden heutzutage mit dem Verschlechterungsverbot der FFH-Richtlinie kollidieren, unter deren Schutz das Kerstlingeröder Feld und die angrenzenden Waldgebiete stehen. Die Stadt Göttingen, die das Gebiet 2001 erworben hat, bemüht sich, von Naturschutzorganisationen unterstützt, ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen und die extensiven Offenflächen durch Beweidung mit Kühen und Ziegen sowie mit aufwendigen Entbuschungsmaßnahmen zu erhalten. Vordringlich und am effektivsten wäre aus fachlicher Sicht aber die Wiederaufnahme der Schafbeweidung.

Schachbrettfalter

Auch für Tag- und Nachtfalter bietet das Kerstlingeröder Feld geeignete Lebensräume. Das Foto zeigt einen Schachbrettfalter. Foto: Nikola Vagt.

Auf dem Kerstlingeröder Feld brüten aktuell knapp 50 Vogelarten, weitere 15 nutzen das Gebiet während der Brutzeit regelmäßig zur Nahrungssuche. Besonders hervorzuheben sind die Brutvorkommen von Neuntöter (15-18 Rev.), Baumpieper (30 Rev.) und Fitis (45 Rev.), die einen regionalen Verbreitungsschwerpunkt dieser Lichtwald- und Offenlandarten anzeigen. Fitis und Baumpieper sind in Süd-Niedersachsen dramatisch im Bestand geschrumpft. Dazu haben in erster Linie die insgesamt dunkler gewordenen Wälder und der Verlust von strukturreichen Waldrändern im Übergang zum extensiven Offenland beigetragen. Starvogel des Gebiets ist zweifellos der Wendehals, der mit 1-2 Paaren sein einziges alljährlich bestätigtes Brutvorkommen weit und breit aufweist. Dieser Erdspecht profitiert vor allem von den ameisenreichen Rändern der ehemaligen Panzertrassen und Wege, von denen einige im Jahr 2006 skandalöserweise mit fettem Mutterboden bzw. einer Mischung aus Bauschutt und Plastikschrott aufgefüllt wurden. Ein klarer Fall von Missmanagement seitens der Stadt, die es eigentlich besser wissen müsste!
Aus der Familie der ruffreudigen Stammkletterer kommen, neben dem allgegenwärtigen Buntspecht, auch Grün-, Grau-, Schwarz- und (nicht alljährlich) Kleinspecht vor. Als typischer Bewohner von Gehölzinseln tritt die Waldohreule mit zwei Paaren auf. Der Waldkauz ist auf dem Kerstlingeröder Feld und im angrenzenden Wald recht häufig. Als Neuansiedler hat sich der Kolkrabe etabliert. Dagegen erlebten Bruten der Heidelerche im Jahr 1995 leider keine Fortsetzung. Und dass der Wachtelkönig im Jahr 2002 hier erfolgreich gebrütet hat, lag wohl vor allem daran, dass seine traditionellen Brutplätze im Leinepolder Salzderhelden in diesem nassen Ausnahmejahr restlos überschwemmt waren…
Auch zur Zugzeit ist das Kerstlingeröder Feld immer einen Ausflug wert: Kornweihe, Heidelerche, Ringdrossel, Brachpieper, Steinschmätzer, Braunkehlchen und Raubwürger (ehemaliger Brutvogel) können mit Glück und am besten frühmorgens vor dem Einsetzen des regen Besucherverkehrs gesehen werden.

Neuntöter

Neuntöter (hier ein Jungvogel) sind die Charaktervögel des Kerstlingeröder Feldes und lassen sich ab Mai beobachten. Im Winter übernimmt der größere Verwandte des Neuntöters, der Raubwürger, das Kommando über den ehemaligen Truppenübungsplatz. Das traditionelle Winterrevier wird dann von ein bis zwei Vögeln besetzt. Foto: Jan Goedelt.

Beobachtungstips
Für den Stadtwald und das Kerstlingeröder Feld ist der Mai der (Wonne-)Monat schlechthin. Dann singen und balzen viele Vogelarten nach Kräften und der Heimzug ist bei etlichen Migranten noch in vollem Gange. Bis Mitte Juni lassen sich die meisten Brutvogelarten gut beobachten. Die Einhaltung des Wegegebots und das Anleinen befreundeter Vierbeiner sollten dabei selbstverständlich sein. Im September und Oktober gibt es, wie anderswo auch, immer gute Zugtage, die sich vor allem im Offenland bemerkbar machen. Im Winter bestehen auf dem Kerstlingeröder Feld gute Chancen, Kornweihe und Raubwürger zu sehen, in Einflugjahren auch größere Trupps von Bergfinken und Fichtenkreuzschnäbeln.
Auf dem Kerstlingeröder Feld hat man den besten Überblick vom alles überragenden Sauberg im Norden, wo sich seit kurzem auch eine Bank befindet. Dort lasse man sich ruhig nieder und harre entspannt der kommenden Ereignisse – vom kreisenden Wespenbussard oder Schwarzstorch bis zum laut trompetenden Kranichkeil ist, je nach Jahreszeit, eine Menge zu holen. hd, sp.

Zum Weiterlesen:

August 17th, 2006


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