Glossen, Kommentare, Rezensionen

Naturschützer fordern: Auwald statt Steppe!

Geschiebesperre Hollenstedt - M.Siebner
Abb. 1: Lebensfeindliche Wüstenei an der Geschiebesperre

Auwälder sind in Europa und anderswo Lebensräume mit der höchsten biologischen Diversität. Ihr Wert als Speicher von klimaschädlichen Kohlenwasserstoff-verbindungen ist unschätzbar. Durch Eindeichungen und Flussbegradigungen, Staustufen und ihre Umwandlung in Agrarland und Gewerbegebiete sind sie leider dramatisch geschrumpft.
Im Leinetal zwischen Göttingen und Einbeck prägten Auwälder über Jahrtausende das Landschaftsbild. Dann kam der Mensch und hackte sie ab. Nur an wenigen unzugänglichen Stellen konnte sich die ursprüngliche Vegetation behaupten. Eine davon ist die Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim. Doch wenn man diesen Geheimtipp heute aufsucht, macht sich Entsetzen breit: Statt der einstmals üppig wuchernden Wildnis ist nur noch eine spärlich bewachsene Offenfläche zu sehen, auf der ein paar Gänse grasen!

Was war geschehen? Eine Anfrage empörter Naturschützer beim Landkreis Northeim ergab: Das Gelände befindet sich seit 2007 im Besitz eines Geflügelmästers aus dem nicht weit entfernten Langenholtensen. Um Platz für eine „Gänse-Erlebnisweide“ als Attraktion für motorisierte Naturfotografen zu schaffen, hatte er den Wald kurzerhand roden lassen. Der Umweltfrevel diente dem Zweck, das werbewirksame Öko-Label des ADAC zu erlangen und so dem ins Hintertreffen geratenen Unternehmen vielleicht wieder auf die Beine zu helfen.
Von dieser Auskunft waren die Naturschützer verständlicherweise mehr aufgebracht als ruhig gestellt. Jetzt ging es nur noch um Eines: Wie kann, notfalls auch mit einer Guerilla-Taktik, der ursprüngliche Lebensraum möglichst schnell wieder hergestellt werden?
Um konkrete Schritte zu beratschlagen, wurde eine Kapazität mit internationaler Reputation eingeladen: Prof. Dr. Alois Schwarzenegger vom Auwald-Forschungsinstitut im österreichischen Braunau am Inn. Heute nun erschien er endlich, in Begleitung seines Langzeitdoktoranden Benedikt Fritzl, vor Ort - und war außer sich: „ Dös is a Sauerei, do muaß wos g’schehn“, platzte er heraus. Auf die bange Frage „Was denn?“ kam die knappe Antwort: „Ginkgo!“

Der Professor und sein kleiner Famulus
Abb. 2: Der Professor und sein kleiner Famulus

Ginkgo? Fremdartiger kann ein Wort kaum klingen, zumal von einem erdverbundenen Oberösterreicher. Daher musste ein besonders triftiger Grund vorliegen, es in den Mund zu nehmen. Und in der Tat: Hinter diesem rätselhaften Begriff verbirgt sich nichts weniger als - die Rettung unserer Biosphäre! Zu dieser Erkenntnis gelangte Prof. Dr. Schwarzenegger allerdings, wie er freimütig einräumte, erst nach einer schmerzlichen Umwertung liebgewordener Vorstellungen und Traditionen.
Beim Ginkgo, erklärte er den Umstehenden, handelt es sich um eine ostasiatische Baumart, die ein wahres ökologisches Kleinod ist. Einzelne Exemplare können bis zu 4000 Jahre alt werden und sind deshalb für längerfristig angelegte Renaturierungsprojekte besonders gut geeignet. Die Bäume sind äußerst robust und widerstandsfähig. Legendär ist der „Ginkgo von Hiroshima“, der am 6. August 1945 nur 800 Meter vom Explosionsort einer Atombombe stand und, obwohl blitzschnell verdorrt, schon im nächsten Frühling wieder grüne Triebe schob. Zudem konnte unser Referent mit einem Aufsehen erregenden Experiment belegen, dass ein zarter Schössling mehr als neun Jahre in einem unterirdischen Verließ ohne natürliches Licht zu überdauern vermag - bewundernswert!
Den Einwand eines Skeptikers, ob man mit einer „nicht standorttypischen Baumart“ einen Auwald restaurieren könne, widerlegte der Experte souverän: Angesichts der rasant verlaufenden globalen Erwärmung werden - durch regelmäßige Flutkatastrophen, lang anhaltende Dürreperioden und monatlich auftretende Orkane - demnächst alle heimischen Wälder verschwunden sein. Daher ist das flächendeckende Ausbringen einer Baumart, die wie keine Zweite gegen solche Kalamitäten gewappnet ist, nicht nur alternativlos, sondern auch eine moralische Verpflichtung. Dies gilt übrigens auch für das ganzjährige Füttern wildlebender Vögel, fügte er etwas unvermittelt hinzu.
Um seinen Ausführungen Taten folgen zu lassen, zauberte er aus den Tiefen seiner Manteltasche eine Portion Ginkgo-Samen hervor. „Die gibt’s in a jedem Gartencenter“, erläuterte er mit einer aufmunternden Geste.

Ginkgo-Samen
Abb. 3: Ginkgo-Samen in handlicher Vorratspackung

Gesagt, getan: Schnell war ein kleines Loch gegraben und das Samenkorn behutsam versenkt.

Der Anfang ist gemacht
Abb. 4: Der Anfang ist gemacht! Bald wächst der Auwald.

Höhepunkt der Zeremonie war eine bewegende Ansprache des knorrigen Innviertlers. Sie endete in dem (bemüht hochdeutschen) Ausruf „… und hiermit verkünde ich den Eintritt Eurer Heimat in das Tausendjährige Ginkgo-Reich“. Spätestens jetzt waren alle von tiefer Rührung überwältigt - kein Auge weit und breit, das trocken blieb.
Der Abschied von Prof. Dr. Schwarzenegger und seinem putzigen Gefährten fiel heiter und optimistisch aus. Denn nach dieser denkwürdigen Begegnung dürfte klar sein: Es geht voran, unsere schöne Gemeinschaft wächst und die Natur kommt endlich wieder in Ordnung!

April 1st, 2014

Amtliche Entwarnung: Nur eine deutsche Brutvogelart akut vom Klimawandel bedroht!

BFN-Grafik1.jpg

In der Schriftenreihe „Naturschutz und biologische Vielfalt“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) ist als Bd. 98 eine Literaturstudie von Rabitsch et al. zum Thema „Auswirkungen des rezenten Klimawandels auf die Fauna in Deutschland“ erschienen. In einer Pressemitteilung des BfN vom 18.3.2011 wird die Publikation wie folgt vorgestellt: „Vom Klimawandel sind auch Tiere betroffen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Bienenfresser, der sich infolge des Klimawandels nordwärts in Mitteleuropa ausbreitet. Als „Verlierer“ des Klimawandels gelten die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln, die oft zu spät wieder in Deutschland eintreffen. Der Gartenrotschwanz oder der Trauerschnäpper finden so kaum noch genügend Brutplätze und Nahrung“.
Wie sich die Bilder gleichen: Der Vorläufer der aktuellen Studie von Leuschner & Schipka (2004) wurde vom BfN damit beworben, dass der Kuckuck ein besonderer Verlierer der Klimaerwärmung ist und deshalb in kühlere Höhenlagen ausweichen muss, um seine Wirtsvögel in einem artgerechten Zeitfenster parasitieren zu können (vgl. dazu den Beitrag auf dieser Homepage unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=137). Nun wurde aber der Kuckuck von Leuschner & Schipka überhaupt nicht namentlich erwähnt, geschweige denn als besonderer Klimaverlierer hervorgehoben. Die medienwirksame Berufung auf das Gutachten und eine populäre Vogelart durch die PR-Abteilung des BfN verlieh der steilen These gleichwohl einen wissenschaftlichen Anstrich.
Wie damals der Kuckuck kommen Gartenrotschwanz und Trauerschnäpper in der neuen Studie nicht vor. Es dürfte auch schwerfallen, den Habitatverlust beider Arten in einen monokausalen Zusammenhang zum moderaten Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur hierzulande zu stellen (vgl. dazu den Beitrag auf dieser Homepage unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=264). Dies alles spielt jedoch keine Rolle, solange man sich, wie in der Überschrift des vorliegenden Beitrags genüsslich karikiert, einer plakativen Vermarktungsstrategie mit griffigen Pauschalaussagen bedienen kann. Im populär gestrickten Birdnet ist man denn auch gleich mit vollem Elan auf die Veröffentlichung angesprungen.

Auch zu dieser neuen Studie sind einige Anmerkungen angebracht, die sich - der vogelkundlichen Beschränktheit des Verfassers und dieser Homepage gemäß - nur auf die Klasse der Vögel beziehen. Der Einfachheit halber stützen sie sich zumeist auf die fundierten Angaben in Bauer et al. (2005a, 2005b) und Südbeck et al. (2007).
Rabitsch et al. haben mehrere internationale Internet-Datenbanken genutzt und 136 Brut- und Gastvogelarten der bundesdeutschen Artenschutzverordnung (BArtSchV) einem kompliziert anmutenden Bewertungssystem unterzogen, das u.a. Biotopbindung, ökologische Amplitude, aktuelle Bestandssituation, Arealgröße und Vermehrungsrate berücksichtigt. Aus diesen Parametern wurden Kriterien einer Klimasensibilitätsanalyse (KSA) mit drei Risikoklassen (HR = hoch, MR = mittel, LR = niedrig) definiert und, nach Punkten quantifiziert, einzelnen Arten zugeordnet.

Das Ergebnis fällt - nicht nur für interessierte Avifaunisten - höchst verblüffend aus: Die höchste Risikoklasse klimasensitiver Vogelarten in Deutschland wird von (nur) fünf Spezies bevölkert: Papageitaucher, Doppelschnepfe, Eistaucher, Bartgeier und Goldregenpfeifer. Vom letzteren, dem einzigen rezenten Brutvogel unter ihnen, wird berichtet, dass er mit seinen südlichsten Vorkommen Deutschland erreicht, wo er „in weitgehend unberührten Moorgebieten lebt“. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem deutschen Bruthabitat um triste, frisch abgefräste Torfflächen industriell ausgebeuteter Moorkomplexe, auf denen die letzten acht Paare, aus Naturschutzmitteln üppig alimentiert und von Vogelschützern streng bewacht, einem ungewissen Schicksal entgegenvegetieren.
Welche Bedeutung der, bis auf Island, im wesentlichen nearktische Eistaucher, der in Deutschland niemals gebrütet hat und nur als seltener Gastvogel in Erscheinung tritt, für die Themenstellung besitzt, wäre eine Nachfrage wert. Die anderen drei Arten sind als ephemere Faunenelemente einzustufen - und dies bereits seit Jahrzehnten bzw. seit mehr als 150 Jahren.
Hat nun eine ausgeprägt hohe Klimasensibilität ihr Aussterben in Deutschland verursacht? Würde ihre Wiederansiedlung aus demselben Grund auf besondere Probleme stoßen?
Die bayrische Brutpopulation des Bartgeiers - eine Vogelart mit einem transkontinentalen afrotropisch-paläarktischen Verbreitungsgebiet, die schon ganz andere Warmzeiten gemeistert hat als die angeblich kommende! - wurde durch Abschuss und Vergiften dezimiert, 1855 ereilte den letzten Vogel sein trauriges Schicksal. Eine Wiederansiedlung im ehemaligen Brutgebiet ist, als Nebenprodukt von erfolgreich verlaufenen Aussetzungen in einigen Alpenländern, aber durchaus möglich und vielleicht nicht mehr fern. „Problemgeier“, die Bergwanderer mit gezielt herabgeworfenen Gemsenknochen malträtieren oder gar zu Tode bringen und die deshalb letal vergrämt werden müssen, dürften eine äußerst seltene Ausnahme sein…
Die winzige (damals britische) Helgoländer Brutpopulation des Papageitauchers von ein bis zwei Paaren wurde um 1830 von einem ortsansässigen Schuster und Vogelfänger namens Koopmann ausgerottet (Gätke 1900). Seitdem tritt diese Alkenart nur noch als sehr spärlicher Gast auf. Ihrer Wiederansiedlung steht nicht der Klimawandel entgegen, sondern der Mangel an geeigneten Bruthabitaten. Diese sind - anders als bei den prosperierenden Felsbandbrütern Basstölpel, Trottellumme und Dreizehenmöwe - auf der Insel nicht oder nur noch in kläglichen Relikten vorhanden (z.B. um die Aussichtsplattform gegenüber der „Langen Anna“) und unterliegen zudem starken Störungen durch Touristen.
Auch für die Doppelschnepfe (letzte Bruten in den 1930er Jahren) kann als gesichert gelten, dass ihr Verschwinden von deutschem Boden nicht auf klimatischen Veränderungen basierte, sondern zeitlich mit den großflächigen „Kultivierungen“ norddeutscher Moore zusammenfiel. In ihrem ostpolnischen Verbreitungszentrum wird der Brutbestand weniger vom Klimawandel beeinträchtigt, sondern vielmehr von Eutrophierungs- und Sukzessionsprozessen, die unter anderem mit der Aufgabe der traditionellen Beweidung zusammenhängen.
Woraus genau die Autoren die besonders hohe Klimasensibilität dieser fünf Arten ableiten (vermutlich aus Daten, die nicht in Deutschland erhoben und publiziert wurden) und, vor allem anderen, welche nutzbringende Relevanz diese Erkenntnis für die Analyse eines rezenten Phänomens haben soll, bleibt reichlich unklar. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie irgendetwas liefern mussten, um wenigstens ein paar in Deutschland vorkommende Vogelarten als hochgradig klimasensibel einstufen zu können.

Die mittlere KSA-Risikoklasse (MR), in der 26 Vogelarten, darunter 12 mit einem kritischen Wert von weniger als 2,00 Punkten aufgeführt werden, wird kurioserweise vom Kubaflamingo (!) angeführt. In der Arbeit wird er nur als „Flamingo“ bezeichnet; gemeint ist aber wohl die paläarktisch-afrotropische Unterart roseus, auch „Rosaflamingo“ genannt. Diese Art ist in Deutschland ein noch nicht fest eingebürgertes Neozoon (Bauer & Woog 2008), das mit wenigen, wohl mehrheitlich aus Gefangenschaft entwichenen Individuen in einer einzigen, mit anderen Flamingoarten gemischten Kolonie im Zwillbrocker Venn unregelmäßig brütet. In die mittlere Risikoklasse ist diese Handvoll ausgebüxter Exoten wohl nur deshalb gelangt, weil Kriterien wie z.B. enge Brutplatzbindung, geringe Ausbreitungskapazität und Vermehrungsrate erfüllt werden und Moore als besonders klimasensitiv gelten. Aber ist der Rosaflamingo deshalb eine Vogelart, für die in Deutschland spezielle klimabezogene Schutzkonzepte entwickelt und finanziert werden müssen?
Dem Flamingo folgt der Raufußbussard, von dem nur ein einziger (valider?) mitteleuropäischer Brutnachweis 1988 auf Borkum existiert und dessen deutsche Rast- und Überwinterungsbestände bei starken jährlichen Schwankungen stabil zu sein scheinen.
Potentiell kaum geringer vom Klimawandel betroffen ist der Mornellregenpfeifer. Er wurde seit den 1820er Jahren nie mehr als deutscher Brutvogel nachgewiesen. Seine auf dem Zug bevorzugten Rasthabitate in Gestalt monotoner abgeernteter Ackerflächen sind alles andere als vom Klimawandel bedroht.
Die Rosenseeschwalbe, ein weiterer Kandidat der MR, hat im Jahr 2000 auf der Minsener Oog eine Mischbrut mit einer Flussseeschwalbe in den Sand gesetzt, das war’s auch schon.
Hinzu tritt der Steinadler, eine euryöke Brutvogelart mit einem holarktischen Verbreitungsgebiet, das sich über mehrere Klimazonen erstreckt. Seine deutsche Beschränkung auf den alpinen Raum ist ein der gnadenlosen Verfolgung und Lebensraumvernichtung geschuldetes Artefakt, das nichts mit klimatischen Faktoren zu tun hat.
Der profunde Nachweis einer besonderen Klimasensitivität des Schreiadlers, dessen Populationstrend sich nach der Wende in Ostdeutschland wegen intensivierter forstlicher und touristischer Nutzung der Wälder schier unaufhaltsam nach unten zu bewegen scheint, könnte sich womöglich bald erübrigen.
Ebenfalls besonders klimasensitiv soll auch der Alpenstrandläufer sein, dessen winzige Restpopulation von 8-14 Paaren durch Eutrophierung, anthropogene Habitatdegradation und einen damit einhergehenden verstärkten Prädationsdruck demnächst wohl auf Null gebracht werden wird.
Alle diese Brutvogelarten sind, man muss es ausdrücklich festhalten, nicht vom Klimawandel in ihren trostlosen Status versetzt worden, sondern ausschließlich von Faktoren, die mit der Landnutzung bzw. Nachstellung durch den Menschen zusammenhängen.
Eher paradox anmutende Risikokandidaten sind drei wärmeliebende Arten: der Schlangenadler, der seit spätestens 100 Jahren durch Lebensraumvernichtung und brutalstmögliche Verfolgung als deutscher Brutvogel verschwunden ist, der Rotkopfwürger (trotz Klimaerwärmung in der jüngsten Vergangenheit faktisch ausgestorben) und die Blauracke (seit ca. 20 Jahren als Brutvogel erloschen). Immerhin: dem Klimaatlas europäischer Brutvögel von Huntley et al. (2007), in dem diesen und anderen (mediterranen) Arten bis zum Jahr 2100 ein fulminantes Come-Back bis in den Norden Europas prophezeit wird, begegnen die Autoren mit berechtigter Skepsis, weil „die Ergebnisse nur auf Temperaturänderungen und nicht auf den ebenso wichtigen Landnutzungs- und Lebensraumkriterien basieren“. Wohl wahr, nur wäre man für die eigene Studie mit diesem kritischen Ansatz auch ganz gut gefahren…
Den Schlusspunkt der 12 Arten setzen Großtrappe und Dreizehenspecht. Die Großtrappe weist in Deutschland keine sich selbst erhaltende Population mehr auf. Der Rückgang auf ca. 120 mehrheitlich künstlich erbrütete Ind. in drei ostdeutschen Hochsicherheits-Reservaten beruht auf anthropogener Habitatvernichtung und erhöhter Prädation und ist alles andere als klimainduziert. Von der bisweilen prognostizierten „Versteppung“ großer Teile Ostdeutschlands könnte dieser Steppenvogel eigentlich nur profitieren… Ob der Bestand des Dreizehenspechts, eines borealen Totholzspezialisten, von steigenden Temperaturen stärker beeinträchtigt wird als von der Intensivierung und Chemisierung der Forstwirtschaft (z.B. großflächige Bekämpfung von Borkenkäfer-Kalamitäten selbst in Nationalparks) darf wohl bezweifelt werden.

Als „Gewinner des Klimawandels“ werden wieder einmal zwei sattsam bekannte Kronzeugen präsentiert: Der Bienenfresser und der (in Deutschland nicht brütende) Silberreiher.
Bei der medialen Inanspruchnahme des Bienenfressers wird jedoch meistens außer acht gelassen, dass er bis vor wenigen Jahrzehnten intensiver Verfolgung durch Imker und Balgfetischisten ausgesetzt war, die jede dauerhafte Ansiedlung verhinderten. Erst nach der Herausbildung großer Quellpopulationen in Südosteuropa und der konsequenten Unterschutzstellung der Kolonien konnte eine Verstetigung der Ansiedlung einsetzen, die zweifellos auch durch einige warme Sommer in klimatisch von jeher begünstigten Gebieten unterstützt wurde.
Ähnliches gilt für den durch Schmuckfederhändler und ihre schießwütigen Lieferanten stark dezimierten Silberreiher, dessen Brutbestand sich nach Schutzmaßnahmen und der Ausweitung von Teichwirtschaften zunächst in Südosteuropa spektakulär erholen konnte. Die Gründe für die faszinierende Änderung des Migrations- und Überwinterungsverhaltens dieser Reiherart sind jedoch nach wie vor unklar und sollten, mangels anderer Erklärungen, nicht vorschnell monokausal dem Klimawandel zugerechnet werden (vgl. dazu den Beitrag unter http://www.ornithologie-goettingen.de/?p=84 auf dieser Homepage).

Und was ist nun mit den Paradebeispielen Gartenrotschwanz und Trauerschnäpper als zwei „besonders durch den Klimawandel gefährdeten“ Transsaharaziehern? Sie tauchen, wie oben bereits angedeutet, in der Klimasensibilitätsanalyse nicht auf (übrigens auch der vielzitierte Kuckuck nicht!). Immerhin erfährt man etwas von einem Forschungsprojekt „Auswirkungen klimabedingter Populationsdynamik auf die genetische Variabilität europäischer Trauerschnäpper“ am Senckenberg-Institut der Naturhistorischen Sammlungen in Dresden. Bei der Datenerhebung musste man sich jedoch nicht ins Freiland begeben, sondern konnte sich rezenter und historischer Gewebeproben aus der Schublade bedienen - Fördervolumen 50.000 bis 100.000 Euro.

Fazit: Der hochsubventionierte - die Rede ist von 1,5 Mio Euro Steuergeldern - Forschungsbericht, der sicher seinen Weg durch Behörden, Institutionen und Vogelschutzverbände machen wird, liest sich, was die Vögel anbelangt, stellenweise wie eine bittere Realsatire. Verfasst wurde er offenkundig von Rechercheuren mit überschaubaren avifaunistischen und naturhistorischen Kenntnissen. Der aktuelle Nutzen der arbeitsintensiven Studie mit ihren bis auf zwei Stellen hinterm Komma feinziselierten Schreibtischkategorien dürfte sich für die Vogelwelt leider im Nanobereich bewegen. Ob sie in einem überschaubaren Zeitraum von den zahlreichen Handlungsempfehlungen, z.B. regionale Besonderheiten stärker als bisher zu berücksichtigen, profitieren wird, bleibt abzuwarten.
Positiv ist zu vermerken, dass die Ergebnisse der Studie wenig dazu angetan sind, die katastrophischen Phantasien vom klimaverursachten galoppierenden Artenschwund weiter zu befeuern. Die Autoren resümieren sehr richtig, dass „die beobachteten Zugveränderungen ein Maß für die phänotypische Plastizität der Vogelarten als Reaktion auf diese Klimaänderungen darstellen“. Die alarmistische BfN-Pressemitteilung zeigt jedoch, dass sich diese nüchterne Erkenntnis nur schlecht in der Öffentlichkeit vermarkten lässt; deshalb bringt man lieber, untermalt mit dem Schreckensbild verhungernder Trauerschnäpper und Gartenrotschwänze, die bewährten Posaunen der Apokalypse in Stellung.

Der Zustand unserer Normallandschaft ist beklagenswert. Das faktische Scheitern fast aller Arten- und Naturschutzprogramme für Brutvogelarten des Agrarlands, deren Lebensbedingungen sich gerade durch angeblich „klimafreundliche“ Formen der Energieerzeugung dramatisch verschlechtert haben, macht deutlich, wo die wirklichen und aktuellen Probleme unserer Vogelwelt liegen. Eine sinnvolle Empfehlung wäre, dem Irrsinn aus Biogas, E 10-Sprit und monströsen Windparks zu Land und Wasser ein Ende zu bereiten und endlich die enormen Energie-Einsparpotentiale von bis zu 50 Prozent auszuschöpfen. Allein der überflüssige stand by-Modus elektronischer Geräte verschlingt die Kapazität zweier AKWs! Daran ist aber seltsamerweise kaum jemand interessiert, am wenigsten die Atomkonzerne Vattenfall & Co., die zunehmend auf „erneuerbare Energien“ setzen und sich auch auf diesem Feld kräftig vom Staat, d.h. vom Steuerzahler bezuschussen lassen. Das Schwadronieren über die bedrohlichen Folgen des Klimawandels für Mensch und Vogel liefert dazu, oftmals sicher unbeabsichtigt, die willkommene Begleitmusik. Hans-Heinrich Dörrie (hd)

Rabitsch, W., Winter, M., Kühn, E., Kühn, I., Götzl, M., Essl, F., Gruttke, H. (2010): Auswirkungen des rezenten Klimawandels auf die Fauna in Deutschland. Naturschutz u. Biol. Vielfalt, Bd. 98. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg. Preis: 20 €. Bezug über: Landwirtschaftsverlag 48084 Münster, www.lv-h.de/bfn.

Literatur

  • Bauer, H.-G., Woog, F. (2008): Nichtheimische Vogelarten in Deutschland, Teil I: Auftreten, Bestände und Status. Vogelwarte 46: 157-194.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2005a): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2005b): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeriformes - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.
  • Gätke, H. (1900): Die Vogelwarte Helgoland. 2. Auflage. Verlag Johann Heinrich Meyer, Braunschweig.
  • Huntley, B., Green, R.E., Collingham, Y.C., Willis, S.G. (2007): A Climatic Atlas of European Breeding Birds. Lynx Editions, Barcelona.
  • Leuschner, C., Schipka, F. (2004): Klimawandel und Naturschutz in Deutschland. BfN-Skripten 115. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.
  • Südbeck, P., Bauer, H.-G., Boschert, M., Boye, P., Knief, W. (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

March 31st, 2011

Neues von unerwünschten Fischfressern und pelzigen Neubürgern

Was im milden Winter 2006 begonnen hatte, setzte sich im Folgejahr 2007 fort: Kormorane richten sich außerhalb der Brutzeit vermehrt am Göttinger Kiessee ein und weißeln mit ihrem Kot die Bäume auf der kleinen Insel. In den Vorjahren traten sie in Göttingen zumeist erst nach dem Zufrieren der Stillgewässer und eher spärlich in Erscheinung, vor allem an der Leine zwischen Sandweg und Rosdorfer Weg sowie nahe der Stegemühle.
Im November 2007 stiegen die Zahlen wiederum auf bis zu 55 Individuen. Die Herausbildung einer Rast- und Überwinterungstradition an der Peripherie des städtischen Siedlungsbereichs könnte mit den steigenden Abschüssen an Werra und Rhume zusammenhängen, die allein im Jahr 2005 57 Kormoranen das Leben gekostet haben. Jetzt suchen die keineswegs dummen Vögel fischreiche Gewässer in der Nachbarschaft des Menschen auf, die vom „Jagddruck“ verschont bleiben. Sie folgen damit dem Beispiel anderer verstädternder Tierarten wie Fuchs, Wildschwein, Rabenkrähe und Elster, die abseits der Siedlungen in Massen getötet werden. Wer will es ihnen verübeln?
Futterreich ist der Göttinger Kiessee allemal: Dies wurde im Herbst 2004 während einer Blaualgenblüte belegt, als allein 12 Tonnen verendeter Brassen (ca. 90.000 Tiere) aus dem nur 12 Hektar großen Parkgewässer geborgen wurden. Andere Fischarten waren von dem Massensterben nicht oder nur sehr marginal betroffen. Wie viele Tonnen anderer Arten mag der sterbenskranke Kiessee noch beherbergen…?

kormoran 1.jpg
Göttinger Kiessee ohne…

Die Geister, die ich rief…
Wie der Göttinger Kiessee wird fast jedes andere Gewässer von Sportanglern genutzt, selbst der winzige Teich im Levin-Park. Damit verbunden sind regelmäßige Auffüllungsaktionen, die dazu geführt haben, dass keine Biozönose in Zusammensetzung und Dynamik so naturfern ist wie die heimische Fischfauna. Kiesgruben und andere Sekundärgewässer wimmeln nur so von eingesetzten Aalen, Hechten, Zandern, Karpfen und Welsen. Das Management der Bestände ist sogar gesetzlich vorgeschrieben: eine willkommene Verpflichtung, der die Petrijünger mit Begeisterung nachkommen. Über das Ausmaß der Einsetzungen und die betroffenen Arten müssen die Angelvereine keine Rechenschaft ablegen - sie firmieren als gesetzlich anerkannte Naturschützer.
Der massenhafte Besatz fast aller Gewässer mit Fischarten, die sich dort unter unbeeinflussten Bedingungen kaum ansiedeln und reproduzieren würden, hat mit Sicherheit zur Ausbreitung des Kormorans ins tiefe Binnenland beigetragen. Der Tisch ist reich gedeckt, die Vögel bedienen sich. Wer will es ihnen verübeln?

Sinnlose Verfolgung ohne Ende
2003 wurde in Niedersachsen auf Drängen der Sportangler-Lobby eine Kormoranverordnung erlassen, die von Mitte August bis Ende März „zum Schutz der einheimischen Tierwelt“ den Abschuss der Vögel an allen fischereilich genutzten Gewässern erlaubt. Lediglich in einigen Schutzgebieten ist die Nachstellung untersagt. Im Herbst 2007 erfolgte die Verlängerung bis 2012. Die aus diesem Anlass verfertigte Pressemitteilung des Umweltministeriums vom 31.10. besteht faktisch nur aus einem einzigen, fast schon hintersinnigen Satz: „Die Fortführung der Kormoranverordnung schlägt eine Brücke zu den Belangen der Fischereiwirtschaft, ohne dass dies einen messbaren Einfluss auf den Gesamtbestand der Kormorane in Niedersachsen hat.” Für kommerzielle Fischzuchtbetriebe gab es jedoch schon vorher Genehmigungen zur „letalen Vergrämung“ der unerwünschten Kostgänger, einer zusätzlichen „Brücke“ hätte es also nicht bedurft. Die Verlängerung bedient, im Vorfeld der Landtagswahlen, ausschließlich die Interessen der Sportangler, die ihren Lebensunterhalt nicht mit dem Verkauf von Fischen bestreiten müssen. Es ist schon beeindruckend, wie ungeniert in der Pressemitteilung der komplette Misserfolg der ursprünglichen Intention, die Kormoranbestände zu „regulieren“, konstatiert wird, ohne daraus die einzig logische Konsequenz zu ziehen und die Verordnung nicht zu verlängern. Viel Lärm um nichts könnte man sagen, wären da nicht die vereitelte Chance, das Comeback und die langfristige Populationsdynamik einer in Niedersachsen fast ausgerotteten Brutvogelart ohne den Einfluss systematischer menschlicher Verfolgung zu dokumentieren, die sinnlos getöteten Vögel und die trübe Aussicht, dass alles so weitergeht wie bisher. Mit dem Vorschlag, nachdenklich innezuhalten, braucht man den indolenten Nutznießern der Verordnung aber gar nicht erst zu kommen: Für sie ist jeder getötete Kormoran ein handgreifliches Erfolgserlebnis – basta!

kormoran 4.jpeg

…und mit Kormoranen (Fotos: Nikola Vagt).

Ein neuer Akteur tritt auf den Plan
Nun aber zeichnen sich interessante Entwicklungen ab, die, wenn sie anhaltend wirken, zur nachhaltigen Reduzierung der Kormoran-Brutbestände führen könnten. Während die Angler immer noch über das „Fehlen natürlicher Feinde des Kormorans“ schwadronieren, haben - heimlich, still und leise - unerwartete Verbündete in die flinken Pfoten gespuckt und für Ordnung gesorgt. Es handelt sich um Nachkommen nordamerikanischer Internierter, die nach ihrem Freikommen 1934 am hessischen Edersee einen beeindruckenden Siegeszug durch Deutschland zurückgelegt haben.

Drei Jahre rätselten die regionalen Vogelkundler über den miserablen Bruterfolg der Kormoran-Kolonien an den Northeimer Kiesteichen und im Leinepolder Salzderhelden - übrigens die einzigen weit und breit mit insgesamt nur noch ca. 35 Paaren. Dem Stochern im Nebel von Verdächtigungen und Spekulationen wurde im Frühling 2007 ein Ende bereitet: In einzelnen Nestern saßen Waschbären, die dort ihren Verdauungsschlaf hielten! Im Juli wurde bekannt, dass eine Kormoran-Kolonie am Gülper See in Brandenburg mit mehr als 200 Paaren ebenfalls den maskierten Räubern zum Opfer gefallen ist; auch ein Umsiedlungsversuch der genervten Vögel scheiterte.

Artenschutz durch Prädatorenbekämpfung?
Wenn man bedenkt, dass im Jagdjahr 2005 laut Landesjagdbericht allein in den Landkreisen Göttingen und Northeim 1414 Waschbären „erlegt“ worden sind, lässt sich ausmalen, wie verbreitet und häufig die Art heutzutage ist. Ihre massive Verfolgung ist jedoch von horrender Sinnlosigkeit: Die zumeist in Fallen gefangenen nachtaktiven Tiere werden keiner vernünftigen Verwertung, z.B. in Form von Pelzmänteln, zugeführt, geschweige denn von den Trappern verspeist. Für jedes getötete Waschbärenweibchen werden gleich zwei junge Nachfolgerinnen schwanger. Die Verstädterung mit unangenehmen Folgen für viele Garten- und Hausbesitzer wird gefördert. Und ausrotten kann man die von vielen als sympathisch wahrgenommenen Neusiedler ohnehin nicht mehr. Mittlerweile gelten sie auch per Gesetz als fest eingebürgert. Das alles ficht die meisten Jäger nicht an: Als Schützer und Heger der heimischen Tierwelt (ausgesetzte Fasane, Mufflons und Damhirsche eingeschlossen) haben sie ein neues Betätigungsfeld entdeckt, auf dem sie ihre Neigungen ungehemmt ausleben können. Eine Schonzeit gibt es für die jungen Waschbären nicht.
Ein weiterer Feind des Kormorans, der Seeadler, ist in Deutschland, insbesondere westlich der Elbe, nicht annähernd so häufig wie der Waschbär. Sein Einfluss auf die Kormoran-Brutbestände dürfte deshalb, trotz allgemeiner Populationszunahme, bis auf weiteres eher gering ausfallen, ist aber z.B. am Steinhuder Meer bereits heute wirkmächtig genug, um die dort brütenden Kormorane in Schach zu halten.
Ein „natürlicher Bestandsregulator“ des Kormorans im strengen Sinne ist der ursprünglich faunenfremde Waschbär sicherlich nicht. Kein seriöser Vogelkundler und -schützer käme jedoch auf die abstruse und, siehe oben, gänzlich unrealistische Idee, den invasiven Räuber „zum Schutz des Kormorans“, eines seit Urzeiten angestammten mitteleuropäischen Brutvogels, zu dezimieren. Bekanntlich wurde der Nahrungskonkurrent von der Sportangler-Lobby nach seiner Bestandserholung zunächst als eingeschleppter „chinesischer Fischerkormoran“ denunziert. Werden die Angler und ihre Interessenvertreter in Parlament und Regierung nun, in ähnlich verquerer Weltsicht, auf eine Waschbärenverordnung hinarbeiten, welche die Verfolgung des neuen Verbündeten zumindest im Umfeld von Kormoran-Kolonien verbietet? Man darf gespannt sein….

Fazit
Was lehrt uns dies alles? Vor allem Gelassenheit in Verbindung mit dem Verständnis ökologischer Prozesse, auch wenn deren Ergebnisse einem nicht in den Kram passen. Leider steht zu erwarten, dass in den kommenden Wochen wieder hysterische Leserbriefe zur „Kormoran-Invasion am Göttinger Kiessee“ abgedruckt werden, deren Aufgeregtheit sich im umgekehrten Größenverhältnis zur ökologischen Sachkenntnis der Schreiber bewegt. Auch damit wird man wohl leben müssen. Es gibt halt, um mit Nestroy zu sprechen, „allerhand Leut’ auf der Welt“… hd

kormoran 3.jpg


November 27th, 2007

Das Futterhäuschen - eine Kathedrale des Vogelschutzes?

berth_cover.jpg

Mit dem Buch „Vögel füttern - aber richtig“ (Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart 2006) haben Peter Berthold und Gabriele Mohr einen Ratgeber vorgelegt, der für ein zumindest in Deutschland völlig neues Verständnis der Vogelfütterung wirbt.*
In den einleitenden Kapiteln des Buches beschreiben die beiden Autoren das Ausgangsszenario ihrer Überlegungen präzise und korrekt. Die Rote Liste gefährdeter Brutvögel wird immer länger. Mehr und mehr vermeintliche Allerweltsarten bevölkern wegen starker Bestandsrückgänge die Vorwarnliste zukünftiger RL-Kandidaten. Besonders betroffen sind Charakterarten des offenen und halboffenen Kulturlandes (darunter zahlreiche Weitstreckenzieher) sowie einige synanthrope Vertreter der Vogelwelt des Siedlungsbereichs. Hauptursache und Motor dieser bedrückenden Entwicklung ist die industrialisierte und chemisierte Landwirtschaft, die unter anderem den Verlust von Brachen, vegetationsreichen Randstreifen und Sonderstandorten zur Folge hat. Die Bilanz des Natur- und Artenschutzes fällt in diesem Bereich besonders deprimierend aus.
Um der allgemeinen Abwärtsentwicklung entgegenzuwirken, fordern die Autoren kategorisch die flächendeckende Ganzjahresfütterung von (Sing-)Vögeln. Diese wird bereits in Großbritannien praktiziert und wäre im bundesdeutschen Vogelschutz eine Novität - worüber sich trefflich und sachlich streiten ließe. Berthold & Mohr erklären jedoch potentielle Kritiker von vornherein zu Propagandisten einer unwissenschaftlichen und überlebten Sichtweise. Das vorliegende deutschsprachige Schrifttum zu den heterogenen Auswirkungen von Fütterungen auf Winter- und Brutbestände heimischer Arten ist in ihren Augen im wesentlichen ein Wust von „unwahren, unsinnigen und unausgegorenen“ Behauptungen, verfasst von inkompetenten „Schreiberlingen“, die das Gebot der Stunde nicht erkennen (wollen). Von diesen tumben Toren wollen sich Berthold & Mohr nicht nur fachlich abheben - den Kollegen wird indirekt auch eine sittliche Inferiorität bescheinigt, weil die ganzjährige Fütterung eine „moralische Verpflichtung“ darstellt. Was hat einen weltweit renommierten Ornithologen bewogen, sich derart provokant als Zuchtmeister in Szene zu setzen? Ist es wirklich inneres Bedürfnis oder nur eine knallige Marketing-Strategie des Verlages? Viele Seiten des Buches sind mit Beschimpfungen gespickt und moralinsauer grundiert. Dies macht eine objektive Bewertung nicht gerade einfach.
Da zu erwarten steht, dass „Vögel füttern - aber richtig“ in der Fachwelt einige Kontroversen auslösen und, nicht zuletzt, für die unterschiedlichsten Vogelschutzaktionen bis hin zur Ausgestaltung von Kompensationsmaßnahmen bei Eingriffen in Natur und Landschaft als Legitimation herhalten wird, ist eine Auseinandersetzung mit den Hauptinhalten trotz einigen Widerwillens geboten.

1. Der praktische Teil des Buches (Wie und was füttern?) ist lesenswert. Dies trifft auch auf die historische Skizzierung des Vogelfütterns zu. Darüber hinaus kritisieren Berthold & Mohr völlig zu Recht den wirklichkeitsfremden Schmalspur-Darwinismus prinzipieller Gegner der Vogelfütterung und deren hartnäckige Vorurteile. Die sturen Verächter jedweder Fütterung können sich aber heute nur noch eines minimalen Zuspruchs erfreuen. Im nicht gerade kleinen Bekannten- und Freundeskreis der Verfasser dieser Zeilen gibt es niemanden, der gegenüber der Fütterung eine grundsätzlich ablehnende Haltung einnimmt. Die beiden Autoren bauen schlichtweg einen Popanz auf. Und auf Popanze kann man bekanntlich besonders lustvoll einschlagen.

2. In maßgeblichen Publikationen wie dem „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“ (z.B. im glänzend recherchierten Artkapitel zur Kohlmeise) und im „Taschenbuch für Vogelschutz“ wird die Winterfütterung differenziert bewertet. Diese Darstellungen heben sich wohltuend vom ätzenden Duktus der vorliegenden Streitschrift ab. Es liegen eben nicht nur „Hunderte einschlägiger … Publikationen“ vor, die den positiven Einfluss von Winterfütterungen belegen, sondern auch etliche, bei denen dies nicht der Fall ist. Sind letztere nun unterschiedslos ein hanebüchenes „Geschreibsel“ vom „Grünen Tisch“?

3. Hauptaussage der beiden Autoren ist, dass die Fütterung „einen wesentlichen Beitrag zum Vogelschutz, insbesondere zum Erhalt und z.T. sogar zum Wiederaufbau der Artenvielfalt (! - Verf.) der Vogelwelt“ darstellt. Die Diversität wird lediglich an der Zahl von Vogelarten festgemacht, die regelmäßig bis äußerst selten Futterstellen frequentieren. Wie steht es aber um die wenigen aktuellen Belege, mit denen die beiden Autoren ihre These untermauern? Als Paradebeispiel dient ihnen die Etablierung einer Feldsperling-Population von 20 Paaren auf einer Schafweide bei Billafingen, die als Erfolg der Ganzjahresfütterung gefeiert wird. Nun stellen beweidete Streuobstwiesen von jeher einen optimalen Lebensraum des Feldsperlings dar. Wenn dieser noch, wie in Billafingen geschehen, durch das Anbringen zahlreicher Nistkästen aufgewertet wird, ist der Erfolg fast programmiert - das zeigen zumindest unsere süd-niedersächsischen Erfahrungen, nach denen Passer montanus in Streuobstwiesen die mit Abstand dominierende Art mit einer Siedlungsdichte von bis zu 12 Rev./0,75 ha ist. Künstliche Nisthilfen in geeigneten Habitaten am südlichen Göttinger Stadtrand werden in Windeseile angenommen. Aus lichten Wäldern und kleineren Gehölzen ist die Art dagegen nahezu komplett verschwunden.
Ein weiteres von den Autoren herausgehobenes Beispiel ist die starke Zunahme von Stieglitzen an englischen Futterstellen. Die Graphik sagt zunächst nur aus, dass sich Stieglitze verstärkt dort einfinden - mehr nicht. Nach wie vor ziehen 75 % der Population im Winter nach Südwesteuropa ab. Die höchsten Zahlen werden an Futterstellen für kurze Zeit Ende April erreicht, also auf dem Heimzug der hübschen Finken (Brown & Grice 2005). In welchem Umfang die bereitgestellten Nahrungsressourcen auf die Bestandsentwicklung einwirken, bleibt, trotz gegenteiliger Darstellung, in beiden Fällen reine Spekulation.
Das Buch bezieht sich zu einem Gutteil auf langjährige Untersuchungen in Großbritannien. Dabei werden die erheblichen Unterschiede zwischen dem (generell milden) Winterklima dort und im kontinentalen Mitteleuropa nicht weiter thematisiert. Jenseits des Ärmelkanals haben sich ganz andere Überwinterungstraditionen herausgebildet als bei uns. Trotz der europaweit einmaligen Dichte von Futterstellen fällt jedoch der Rückgang von Kulturlandarten im Vereinigten Königreich ähnlich dramatisch aus wie in vielen mitteleuropäischen Staaten, bei Feldlerche, Singdrossel, Feldsperling und Goldammer sogar noch deutlich höher als in der BRD (BirdLife International 2004).

4. Zweifellos kann Nahrungsknappheit die Überlebenschancen vieler Agrarvögel erheblich mindern. Die in unseren avifaunistischen Jahresberichten dokumentierten großen Winterkonzentrationen süd-niedersächsischer Goldammern auf vergleichsweise winzigen Flächen - z.B. bis zu 1500 Ind. auf einem nur 0,5 ha großen, nicht abgeernteten Getreidefeld in Bösinghausen oder mehr als 300 Ind. auf ca. zwei ha Ruderalfläche an der im Bau befindlichen Ortsumfahrung Rosdorf - legen ein beredtes Zeugnis vom beklagenswerten Allgemeinzustand der Agrarlandschaft ab. Dieser macht sich nach starken Schneefällen für die Vögel besonders bemerkbar. Winterfütterungen von Agrarland-Arten im Offenland und im ländlichen Siedlungsbereich können deshalb als sinnvoll und notwendig betrachtet werden. Für den Arterhalt sind sie aber nur dann von Bedeutung, wenn in der weiteren Umgebung (noch) Habitate existieren, die sich zur Reproduktion eignen. Winterfütterungen können ihre Wirksamkeit letztlich nur dann entfalten, wenn sie von überlebensfähigen freilebenden Populationen angenommen werden. Alles andere wäre Augenwischerei. Berthold & Mohr zäumen jedoch das Pferd vom Schwanz auf, wenn sie behaupten, primär durch Winter- und Ganzjahresfütterung diese Populationen erhalten oder sogar neu etablieren zu können. Aber: Was nützt einer Goldammer die erfolgreiche Überwinterung an einer Futterstelle, wenn sie danach keinen geeigneten Brutplatz findet?

IMG_0308.jpg
Foto: Jan Goedelt

5. Die entscheidende Schwachstelle in der Argumentation von Berthold & Mohr besteht darin, die Habitatqualität weitestgehend auf die Verfügbarkeit von Nahrung zu reduzieren. Dabei wird außen vor gelassen, dass jede Vogelart nicht nur auf Nahrungsflächen, sondern auch auf andere Habitatrequisiten angewiesen ist, wie z.B. geschützte Brutplätze in Hecken und Gebüschen, Sing- und Ansitzwarten, Baumhöhlen, Offenstellen zum Sandbaden etc. Die rasant dahinschwindende Strukturvielfalt unserer Kulturlandschaft auf Millionen Hektar kann durch Fütterung auch nicht annähernd kompensiert werden - eigentlich eine ökologische Binsenweisheit.

6. Zu welchen Fehlleistungen der Tunnelblick auf die Nahrungsressourcen und deren Abkopplung von den natürlichen Lebensgrundlagen insgesamt führt, lässt sich an zwei Beispielen aufzeigen. Das Schweizer Weißstorch-Wiederansiedlungsprojekt mit Vögeln, denen der natürliche Zugtrieb buchstäblich kupiert und ausgezüchtet wurde, wird von den Autoren ohne Einschränkung als großer Erfolg gefeiert. Heute existiert in der Schweiz eine im wesentlichen sesshafte Population halbzahmer Störche, die wegen des Fehlens geeigneter Habitate ganzjährig von der Fütterung u.a. mit Eintagsküken aus der ethisch verwerflichen Massenhaltung abhängig ist. Wenn Weißstörche als dekoratives Strukturelement von Aldi-Parkplätzen ein Vorbild für den Artenschutz der Zukunft sind, dann gute Nacht!
Das Anlegen naturnaher Gärten mit einem reichen Nahrungsangebot wird ausdrücklich befürwortet, allerdings nur als „die Fütterung ergänzende Maßnahme“. Bei solchen Aussagen fasst man sich dorthin, wo das Haupthaar zu Berge steht.

7. Synanthrope Arten wie Türkentaube und Haussperling sind in hohem Maße von menschlicher Nahrungszufuhr abhängig. Im Bestand sind sie in Göttingen, wie anderswo auch, stark zurückgegangen. In unserer Stadt reiht sich eine Winterfütterung an die andere. Haussperlinge sind dort häufige Gäste, von einem Nahrungsmangel im Winter kann keine Rede sein. Bei der Türkentaube liegt der Fall anders: Die wenigen verbliebenen Vögel konzentrieren sich im Winter an nur ein oder zwei landwirtschaftlichen Betrieben am Stadtrand. Dort gehen sie an Mais- und Getreidesilos auf Nahrungssuche. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation für sie erheblich verschlechtert, die Zahlen gehen beständig zurück. Dennoch muss auch für die Türkentaube vorerst offen bleiben, ob Wintermortalität die Hauptursache des Bestandsrückgangs ist. Die Brutplatz-Konkurrenz mit der kräftigeren und enorm expandierenden Ringeltaube könnte nämlich eine ebenso gravierende Rolle spielen. Für den Haussperling ist - neben der Aufgabe der Viehhaltung - mit einiger Wahrscheinlichkeit besonders der Verlust insektenreicher Offenstellen bedrohlich, die für die Jungenaufzucht von entscheidender Bedeutung sind. Insektenmangel zur Brutzeit kann jedoch selbst mit der aufwendigsten Ganzjahresfütterung nicht kompensiert werden, so fit die Altvögel nach der täglich verabreichten Körnerration auch sein mögen. Für die Rauchschwalbe als dritte synanthrope Art, die im Bestand dramatisch zurückgeht, verbietet sich jeder Gedanke an eine praktikable Zufütterung wohl von selbst.

8. Die Göttinger Stadtvogelfauna hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Eindeutige Gewinner sind winterharte Waldvögel und Kurzstreckenzieher. Alle häufigen Besucher von Futterstellen (z.B. Amsel, Kohl- und Blaumeise, Grünling) haben im Bestand deutlich zugelegt. Oberflächlich betrachtet sicher ein Beleg für die segensreiche Wirkung der allgegenwärtigen Winterfütterungen. Bei genauerem Hinschauen ergibt sich jedoch, dass Brut- und Nahrungshabitate für Waldarten selbst im Stadtkern noch an Fläche gewonnen haben, was sich auch im positiven Trend der eher spärlichen Futterhausbesucher Rotkehlchen, Zaunkönig und Schwanzmeise niederschlägt. Diese Arten sind zudem Nutznießer der globalen Erwärmung. Vor monokausalen Erklärungsansätzen wird gewarnt!

9. Wegen Habitatverlusts und Problemen in den Überwinterungsgebieten sind einige Lichtwald- und Offenlandarten bereits aus dem Göttinger Kerngebiet verschwunden. Von diesen sind die meisten Weitstreckenzieher (Wendehals, Gartenrotschwanz, Gelbspötter, Gartengrasmücke, Fitis und Trauerschnäpper). Auch der Bluthänfling, der im Winter unsere Region verlässt, hat das Kerngebiet als Brutvogel geräumt. Weitziehende Insektenfresser halten sich an den Fütterungen nur ganz ausnahmsweise auf. Deshalb liegt deren Effekt für den „Wiederaufbau der Artenvielfalt“ und den Erhalt selbst kleiner Populationen bei dieser besonders gefährdeten Artengruppe bei Null.

10. Vogelarten mit in manchen Jahren besonders hohen Winterverlusten wie Zwergtaucher, Graureiher und Eisvogel werden ebenfalls nicht in einem Maße von Fütterungen profitieren, das die signifikante Reduzierung der Mortalitätsrate erwarten lässt. Damit schränkt sich das Spektrum empfänglicher Arten weiter ein.

11. Merkwürdigerweise gerät der moralische Impetus der Autoren nicht nur bei Rabenvögeln, sondern auch bei der Fütterung von Wasservögeln mächtig ins Schlingern. Die Folgen des Brötchenwerfens werden in den düstersten Farben gemalt: Eutrophierung der Gewässer, Algenblüte, ökologischer Kollaps, Schließung von Freibädern aufgrund der Verschmutzung durch Enten und Gänse. Über die Nährstoff-Einleitungen der Landwirtschaft und das hartnäckig verteidigte Privileg von Sportanglern, auch den kleinsten Tümpel alljährlich mit mehr oder minder fetter Beute aufzufüllen und diese kräftig anzufüttern, wird kein Wort verloren. Dabei ist es vor allem diese Lobby, die das beliebte Alimentieren von Wasservögeln gänzlich verbieten möchte. Bläss- und Teichhühner, die sich in harten Wintern an den letzten eisfreien Stellen drängeln, sollte man nach Ansicht der Autoren nicht mit Nahrung behelligen. Zentnermengen von Vogelfutter sind in einem naturnahen Garten von Nutzen, an vogelreichen Gewässern aber nicht. Warum? Weil die Wasservögel „als schnelle Flieger rasch andere Gewässer erreichen, wo sie ihr Auskommen finden“. Die hochmobilen Trupps von Finkenvögeln, Ammern und Meisen sollen dagegen bereits im September an feste Futterstellen gewöhnt werden. Der tiefere Sinn dieser Dialektik erschließt sich wohl nur wenigen Eingeweihten.
Ein Traum der Verfasser ist es, „wenn wir den Vögeln in der offenen Landschaft … Ersatzfutter flächendeckend anbieten könnten - etwa durch regelmäßige Verteilung von Hubschraubern aus, wie dies z.B. beim Kalken unserer …Wälder geschieht“. In den 1990er Jahren wurde nach Auskunft der Vogelwarte Hiddensee von örtlichen Vogelschützern vehement gefordert (und in Einzelfällen auch praktiziert), an den zugefrorenen Bodden vor der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns vom Hubschrauber aus Nahrung zwecks Verminderung der Wintermortalität von Höcker- und Singschwänen aufs Eis zu werfen. War dies nun ein Beispiel verfehlter Vogelfreundlichkeit oder einfach nur exotisch, weil es weitab vom warmen Bodensee geschah?

12. Einen besonderen Groll hegen Berthold & Mohr gegen Naturschutzorganisationen, die der Fütterung differenziert gegenüberstehen und zumindest teilweise eine andere Verwendung der immerhin ca. 80 Mio. Euro vorschlagen, die jährlich für Vogelfutter aller Art ausgegeben werden. Im Landkreis Göttingen betreibt die Biologische Schutzgemeinschaft (BSG) ein ehrgeiziges Projekt zum Schutz des Rebhuhns (derzeit nur noch ca. 200 Paare). Aktuell werden auf ca. 200 ha artenreiche Blühstreifen zur Habitatverbesserung angelegt und den teilnehmenden Bauern aus Landesmitteln und Sponsorengeldern vergütet. Im kommenden Jahr werden es mehr als 600 ha sein! Wenn der eine oder andere Jäger oder Landwirt zusätzlich Fütterungen anlegt, hat niemand etwas dagegen. Im Winter wimmeln die Blühstreifen nur so von samenknackenden Goldammern, Grünlingen, Feldsperlingen und anderen Finkenvögeln. Ist der Wunsch wirklich verwerflich, einen kleinen Prozentsatz des Geldes für Singvögel-Fütterungen im Siedlungsbereich für die Fortführung dieses äußerst sinnvollen und erfolgversprechenden Projekts und vielleicht auch den gezielten Flächenankauf einzuheimsen?

bluehstreifen_winter.jpg
Winterliche Finkenvögel in einem Blühstreifen im Landkreis Göttingen. Foto: Rebhuhnschutzprojekt Göttingen.

Fazit

Das Füttern von Vögeln ist nicht nur legitim, sondern stellt auch einen wichtigen Aspekt der Koexistenz des Menschen mit seinen gefiederten Nachbarn dar. Ob man Vögel mit zusätzlicher Nahrung versorgt, um sich an ihrem munteren Treiben zu erfreuen oder um ihnen über den Winter zu helfen, ist letztlich von untergeordneter Bedeutung. Das Motto „Vögel füttern - aber richtig“ ist für jeden Fachornithologen, vogelkundlich interessierten Laien bis zum gutherzigen Normalbürger (der sich mitnichten als stigmatisierter Außenseiter fühlen muss) ein Ansporn. Der praktische Teil des Buches liefert dazu wertvolle Anregungen und praktische Tips. Vieles andere, besonders aber die Propagierung der flächendeckenden Ganzjahresfütterung als Erfolgsrezept gegen Artenschwund und Habitatverlust, sollte mit größter Zurückhaltung aufgenommen werden. hd & sp.

*) Der häufig vorgenommene Bezug auf die Göttinger Regionalavifauna (und nicht auf Untersuchungen fernab unseres Bezirks) ist dem beschränkten Aktionsradius und Wissensstand der Verfasser geschuldet. Sie haben in erster Linie nur das ins Feld geführt, was sie aus eigener Anschauung kennen. Davon ist vieles in den Naturkundlichen Berichten zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen veröffentlicht, deren Lektüre wir empfehlen.

Literatur

  • BirdLife International (2004): Birds in Europe: population estimates, trends and conservation status. BirdLife International Conservation series Nr. 12. Cambridge.
  • Brown, A. & P. Grice (2005): Birds in England. Poyser Verlag (AC Black), London.

December 19th, 2006

… weißer geht’s nicht?!

Kommentar. In den vergangenen dreißig Jahren wurde immer wieder vorgeschlagen, Brutvogelarten, die im Bestand nicht gefährdet sind oder einen positiven Trend aufweisen, in gesonderten Verzeichnissen aufzuführen, den sogenannten Grünen oder Blauen Listen. Durchsetzen konnten sich die Positivlisten aber nicht, weil sie für den Natur- und Artenschutz als fragwürdig bis kontraproduktiv eingestuft wurden.

Wei�e Liste

Dagegen ist die öffentlichkeitswirksame Präsentation von Erfolgen im staatlichen Natur- und Artenschutz nicht nur legitim - sie kann auch, zur Freude des Steuerzahlers, sinnvoll gestaltet werden. So liegt als gelungenes Beispiel der Werbung für bedrohte, aber im Bestand wieder zunehmende Tierarten eine im Jahr 2002 vom Bundesumweltministerium herausgegebene Broschüre mit dem treffenden Titel “Sie kommen wieder. Arten im Aufwind” vor.
Das Referat für Öffentlichkeitsarbeit des niedersächsischen Umweltministeriums hat einen Sonderweg beschritten und im März 2006 eine “Weiße Liste der Brut- und Gastvögel Niedersachsens” vorgelegt. Diese vereint, auf solidem Datenmaterial fußend, in zwei Tabellen Brutvogelarten, die seit 1976 wachsende bzw. gleichbleibende Bestände aufweisen. Eine dritte Tabelle dokumentiert die Zunahme einiger Gastvogelarten. Quantitative Angaben enthält nur die Tabelle von Brutvogelarten, die vor dreißig Jahren die niedersächsische Rote Liste bevölkerten und seitdem im Bestand zugenommen haben. Mit bebilderten Kurzportraits u.a. von Graureiher, Schwarzstorch und Schleiereule werden dem Leser Erfolge im Natur- und Artenschutz anschaulich vor Augen geführt. Soweit zum ersten Eindruck, den die Publikation hinterlässt. Bei näherer Betrachtung tun sich aber einige kritische Fragen auf.
Im Vorwort dankt der Umweltminister “den Menschen, den Vogelschützern, den Naturschützern und den verantwortungsbewusst die Natur nutzenden Landwirten, Jägern sowie Fischern und ihren Aktivitäten”. Nun ja. Wenn verantwortungsbewusstes Handeln die Massentötungen von Rabenvögeln und Kormoranen einschließt, macht die holprige Aufzählung durchaus Sinn. Ob man sich als Vogelkundler in der engen Nachbarschaft zu gut organisierten und entsprechend einflussreichen Top-Prädatoren besonders wohl fühlt, steht auf einem anderen Blatt.
Der in der Weißen Liste dokumentierte Zuwachs einiger Großvögel und etlicher anderer Greif- und Wasservogelarten fällt ohne Zweifel eindrucksvoll aus. Dies trifft in besonderem Maße auf den Kranich mit aktuell 400 Brutpaaren zu, der von Renaturierungsmaßnahmen und dem wirksamen Abschirmen der Nistplätze profitiert hat. Bei anderen Spezies (Graugans, Wanderfalke, Uhu) entspringt der positive Trend (teilweise umstrittenen) Wiederansiedlungsprojekten, die vor allem deshalb erfolgreich verliefen, weil Habitatverlust nicht die hauptsächliche Rückgangsursache war. Von entscheidender Bedeutung für die Bestandserholung gefährdeter Arten war jedoch - und ist noch immer - die nachlassende Verfolgung durch den Menschen, die ab den 1970er Jahren in einigen europäischen Ländern mit Gesetzen und speziellen Schutzverordnungen eingeleitet wurde. Im Zusammenwirken mit der Entstehung und Erschließung neuer Lebensräume konnten einige vormals seltene Arten kopfstarke Quellenpopulationen aufbauen, aus denen im Laufe der Jahrzehnte eine Zuwanderung nach Niedersachsen erfolgte. Dies bedeutet aber auch, dass man bei landesweit 37 Schwarzstorch- und 19 Seeadlerpaaren auf dem Teppich bleiben sollte. Ein Blick über den niedersächsischen Tellerrand nach Osten zeigt, dass unsere kleinen Brutbestände beeindruckender Großvögel Dependancen größerer Geflechte sind.
Der besonders spektakuläre Anstieg der Blaukehlchen-Population von 20 auf 3000 Brutpaare basiert auf Zuwanderung aus den Niederlanden in Kombination mit vermehrtem Rapsanbau in Nordwestdeutschland, hat also mit Arten- und Biotopschutzmaßnahmen hierzulande kaum etwas zu tun. Dagegen ist der Populationszuwachs der geschützten Saatkrähe, einer bei “den Menschen” ziemlich unpopulären Vogelart, als bodenständiger Erfolg zu werten. Ausnahmegenehmigungen zur Vernichtung von Kolonien in der Nähe von Altersheimen und das illegale Fällen der Brutbäume, das von den Behörden vor Ort zumeist nur mit einem Augenzwinkern geahndet wird, trüben das Bild jedoch ein. Das bedrückende Schicksal des Kormorans, der nach seiner Bestandszunahme vorschnell und eilfertig aus der Roten Liste entlassen und erneut der flächendeckenden Verfolgung preisgegeben wurde, ist bekannt.
Eines ist sicher: Auf das Konto des derzeitigen Umweltministers, der sich seit Amtsantritt vor allem mit dem Zerschlagen naturschutzfachlicher Kompetenzen und der verschleppten Umsetzung von EU-Richtlinien hervorgetan hat, gehen die langjährigen positiven Trends mit Sicherheit nicht. Wohl selten trifft der Anwurf, dass sich jemand mit fremden Federn schmückt, so wort- und zielgenau wie hier.
Bleibt die schlichte, aber entscheidende Frage: Warum hat sich das Landesministerium nicht mit einer informativen Broschüre begnügt - wie das Bundesministerium vor vier Jahren? Warum musste es, als bundesweite Novität, unbedingt eine Weiße Liste sein und was wird mit ihr eigentlich bezweckt? Die Roten Listen haben sich in Jahrzehnten bewährt und stellen wirksame Instrumente im Natur- und Artenschutz dar. Für die fachliche Bewertung von Eingriffen in Natur und Landschaft sind sie unverzichtbar. Welchen Sinn macht es daher, wenn beispielsweise Schwarzstorch, Seeadler und Kranich, die immer noch in den Kategorien 1 bzw. 3 der aktuellen niedersächsischen Roten Liste geführt werden, jetzt in einer offiziösen Positivliste auftauchen, die auch optisch der Roten Liste ähnelt? Sind diese Arten über den Berg? Zumindest für den Schwarzstorch trifft dies ganz gewiss nicht zu; daran wird selbst eine Verdreifachung der vom Minister besonders propagierten Kunstnester nichts ändern.
Wie steht es um die konkrete Verwendung der Weißen Liste in der naturschutzfachlichen Praxis? Werden Genehmigungsbehörden und willfährige Gutachter sie aus der Schublade ziehen, wenn es um einen Kranichbrutplatz (“nur ein einziger von 400”) auf einem Flughafen-Erweiterungsgelände geht? Ist bei 1200 Kolkrabenpaaren nicht doch die eine oder andere Abschussgenehmigung zum Schutz todkranker Lämmer “objektiv hinnehmbar”? Wird man angesichts der Bestandszunahme des Mittelspechts - die im wesentlichen ein auf genauerer Erfassung beruhendes Kunstprodukt ist - die intensivierte Nutzung unserer Laubwälder noch schöner färben als ohnehin schon? Wer diese Fragen für abwegig hält, ist naiv. Die Weiße Liste spiegelt mit der immanenten Relativierung ihres roten Pendants einen Paradigmenwechsel in der Naturschutzpraxis wider, von dessen Intentionen das kurze Vorwort des Ministers ein beredtes Zeugnis ablegt. Als Sachwalter der heimischen Vogelwelt werden in zunehmendem Maße nicht mehr qualifizierte Fachleute herangezogen, sondern pseudowissenschaftlich drapierte Lobbyisten von Naturnutzerverbänden und handverlesene Vogelschützer mit einem arttypisch begrenzten Aktions- und Blickfeld.
Der Normalbürger, der in seinem Garten - dessen naturnahe Gestaltung immerhin angemahnt wird - Nistkästen für Meisen aufhängt, wird in der Weißen Liste als Beleg dafür gefeiert, wie “stark das ökologische Bewusstsein und die Notwendigkeit von Vogelartenschutz in der Bevölkerung verankert sind”. Bewusstsein und Einsicht in die Notwendigkeit stoßen aber schnell an ihre engen Grenzen, wenn sich im Garten ein Elsternpaar niederlässt. Dieses kann heutzutage von den flintenbewehrten Exekutoren der Rabenvogel-Verordnung letal vergrämt werden – zur hellen Freude fast aller Vogelliebhaber. Was hilft es da, wenn in der Weißen Liste eine Lanze für den (noch) geschützten Eichelhäher gebrochen wird?
Die Weiße Liste soll, so wird betont, keineswegs von der bedrohlichen Situation vieler Vogelarten ablenken. Das sagt sich leicht. Der eventgeilen Tagespresse sind 19 imposante Seeadlerpaare immer eine Meldung wert, die Bestandsabnahme der unscheinbaren Sperlingsvögel Bluthänfling und Wiesenpieper dagegen nicht. Der galoppierende Rückgang fast aller Charakterarten des offenen Kulturlands und das kontinuierliche Anwachsen der Vorwarnliste von Rote-Liste-Kandidaten werden, so steht zu befürchten, von dem Propagandainstrument Weiße Liste in den Hintergrund gedrängt. Dies den beiden Verfassern von der Staatlichen Vogelschutzwarte anzulasten, wäre jedoch ungerecht. Die Protagonisten einer vorgeblich “bürgernahen” Naturschutzpolitik, die – zunehmend auf den kostengünstigen Einsatz von Ehrenamtlichen gestützt - als beschauliches Anhängsel diverser Nutzerinteressen betrieben wird, sitzen weiter oben… Auf den weiteren Umgang mit der Weißen Liste darf man gespannt sein. hd

  • Die Weiße Liste der Brut- und Gastvögel Niedersachsens kann kostenlos beim Niedersächsischen Umweltministerium, Archivstr. 2, 30169 Hannover oder per E-Mail unter poststelle@mu.niedersachsen.de bezogen werden.

September 20th, 2006

Hilfe, mein See hat Fieber!

Kommentar. Seit der grausamen Niederwerfung aufständischer Bauern vor fast 500 Jahren lastet auf dem Eichsfeld ein dumpfes Brüten. Sicher: Veränderungen gibt es selbst hier. Die Omnipotenz des Mainzer Erzbischofs hat dem alles beherrschenden Einfluss eines global operierenden Unternehmers im Prothesengewerbe Platz gemacht. Die Menschen dürfen zur Wahl gehen, wissen aber in der Regel schon von Geburt an, welcher Partei sie ihre Stimme zu geben haben.

Untergangsstimmung am Seeburger See

Untergangsstimmung am Seeburger See?

Ab und an wird die Stille des abgeschiedenen Landstrichs durchbrochen – beispielsweise durch den spektakulären Fund eines Kiwiblatts in Duderstadt, das den Umriss einer betenden Mutter Gottes erahnen lässt oder während einer mediokren Opernaufführung an den Gestaden des Seeburger Sees, nicht zu vergessen der fulminante Auftritt einer reifen Ex-DDR-Eisprinzessin, bei dem die Duderstädter Fußgängerzone in ein schlüpfriges Parkett verwandelt wurde. Die Menschen arbeiten fleißig und nehmen in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits unverdrossen die Dienstleistungen eines segensmächtigen Weltkonzerns in Anspruch, der sie mit gutgeölten Homilien bei Laune hält.
Seit dem Sommer 2006 ist alles anders. Das Eichsfeld befindet sich in einer Art offenem Aufruhr. In selbstbewusster, fast schon vermessener Anlehnung an die machtvollen Leipziger Montagsdemonstrationen versammeln sich besorgte Bürger auf dem großen Badesteg des Seeburger Sees. Parolen wie „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“, die damals den Drang zur nationalen Einheit besonders pointiert zum Ausdruck brachten, hört man von den Manifestanten aber nicht. Eigentlich hört man von ihnen überhaupt nichts, denn es sind stille Mahnwachen, die sie drei Fußbreit über der Wasserfläche zelebrieren.
Das öffentliche Auftreten einer Menschengruppe wirft immer Fragen auf, darunter natürlich als erste diejenige nach dem Sinn und Zweck der Aktion. Da wird es allerdings ein wenig kompliziert. Aus Presseberichten lässt sich zwar entnehmen, dass es irgendwie um die Zukunft des Seeburger Sees geht, der von Erwärmung, Algenblüte und einem Muschel- und Aalsterben gebeutelt wird. Aber gegen wen oder was richtet sich der Protest eigentlich? Im späten Frühjahr war es noch der renaturierte Seeanger, dessen Erwärmung für den miserablen ökologischen Zustand des Sees verantwortlich gemacht wurde – eine substanzlose Mutmaßung, die nach einer Bürgerinformation mit Experten am 18.07. in Bernshausen als klar widerlegt gelten kann. Gegen die industrielle Landwirtschaft, die mit ihren Phosphat- und Nitrateinträgen das Gewässer seit Jahrzehnten übermäßig belastet, wie auf derselben Veranstaltung mit harten Messwerten belegt wurde? Nein, „die Landwirtschaft kann nicht der Grund sein“, wird am 09.08. im „Göttinger Tageblatt“ der Hauptmatador des Unmuts zitiert, ein Bio-Landwirt, der in der Hitze seiner Mission offenkundig jede Distanz zum konventionellen Wirtschaften seiner Kollegen über Bord geworfen hat. Gegen das Restaurant „Graf Isang“, über dessen Küche man vieles sagen kann, aber eines gewiss nicht: dass dort massenhaft Algen wuchern, die auf verborgenen Pfaden in den See gelangen? Die ungefähr 400 tot gefundenen Aale - die nur einen winzigen Bruchteil der von Sportanglern ausgesetzten Artgenossen ausmachen, weshalb diese Interessengruppe ziemlich gelassen bleibt – sind erwiesenermaßen an einem spezifischen Herpesvirus verendet. Richtet sich der Protest etwa gegen das Virus oder gar gegen einen unheimlichen Aalküsser? Oder gegen die allgemeine Klimaerwärmung mit Rekordtemperaturen im Sommer 2006? Man weiß es nicht. Ahnt aber, dass eine Stimmung am Köcheln gehalten werden soll, die allem, was der Naturschutz erreicht hat und für die Zukunft plant, abträglich ist - und das ist, wenn man den Seeanger mit seiner artenreichen Brut- und Rastvogelfauna betrachtet, eine ganze Menge.
Damit schließt sich der Kreis. Das heroische Jahrzehnt charismatischer Bauernführer ist ferne Geschichte. Das Aufbegehren heute ist ungerichtet und diffus. Womöglich wird es vermehrt von Quellen gespeist, die noch trüber sind als das veralgte Seewasser. Mit dem irrlichternden Schmerzensmann, der die schwere Verantwortung für den See auf sich geladen hat und den Protest - wohin auch immer - dirigiert, kann man es eigentlich nur gut meinen. Ihm ist anzuraten, sich vordringlich an dem Weißstorch-Paar zu erfreuen, das sich nach der Wiedervernässung des Seeangers auf seinem Hof zum Brüten eingefunden hat. Dem medienwirksamen Schwadronieren über ökologische Probleme sollte er in Zukunft entsagen. Andernfalls steht zu befürchten, dass der Badesteg irgendwann unter dem Gewicht seiner Spekulationen zusammenkracht. Und das wäre für alle, die Vogelkundler eingeschlossen, ein ziemliches Horrorszenario. hd

September 6th, 2006


Kalender

July 2017
M T W T F S S
« Jun    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Beiträge nach Monaten

Beiträge nach Kategorien