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Der Waldkauz - Vogel des Jahres 2017 -
in Süd-Niedersachsen

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 1: Waldkauz im Göttinger Stadtwald. Foto: V. Hesse

Die Wahl unserer häufigsten Eule durch den NABU soll die Familie der gefiederten Nachtgeister und den bevorzugten Lebensraum ihres Protagonisten Waldkauz (Strix aluco), altholzreiche Laub- und Laubmischwälder, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Über den Erfolg der Aktion wird man Ende kommenden Jahres vielleicht mehr erfahren. So viel lässt sich aber jetzt schon sagen: Zur weltweit gerühmten Lebensqualität unserer Geistesmetropole („extra Gottingam non est vita - si est vita, non est ita“) zählt sicher auch, dass Waldkäuze in der Peripherie ohne größeren Aufwand angetroffen werden können - in Revieren, die seit Jahrzehnten besetzt sind. Dazu später mehr.

Verbreitung und Bestand

Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand mit 4.000 bis 7.500 Paaren angegeben. Diese breite Spanne verdeutlicht die für viele Eulenarten typischen Erfassungsprobleme. Waldkäuze sind in der Regel nachtaktiv und können deshalb nur mit speziellen Begehungen registriert werden. Deshalb sind sie in den gängigen Monitoring-Programmen unserer Brutvögel nur ausnahmsweise vertreten. Zudem brüten sie in Wäldern, die zur Balz- und Brutzeit im Winter und zeitigen Frühjahr oftmals nur mit Mühe oder gar nicht zu passieren sind.
Die höchsten Siedlungsdichten erreicht unser Vogel in den buchenreichen Wäldern des süd-niedersächsischen Berglands. Die von Fichten dominierten Hochlagen sind erheblich dünner bis überhaupt nicht besiedelt. Der Bestand gilt in unserer Region seit Jahrzehnten als stabil - mit der Einschränkung, dass die Datenlage alles andere als zufriedenstellend ist. Gleichwohl rangiert die Art in der so genannten Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel (Krüger & Nipkow 2015), weil mit der Ausräumung und Chemisierung der Agrarlandschaft (Nahrungshabitat) und der verstärkten Nutzung von Altholz (Brutplätze) durch die moderne Forstindustrie zwei Faktoren an Gewicht gewinnen, die zum Bestandsrückgang führen könnten. Zudem geht das seit 1988 laufende „Monitoring von Greifvögeln und Eulen“ von einem Bestandsrückgang aus, der in den 1990er Jahren einsetzte (Mammen & Stubbe 2009).

Der Brutbestand in Stadt und Landkreis Göttingen sowie im Altkreis Northeim kann sehr, sehr grob auf mindestens 500 Paare geschätzt werden. Zufallsbeobachtungen aus den letzten Jahrzehnten belegen, dass der Kauz in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Die einzige Bestandserfassung nach zeitgemäßer Methodik liegt für den Göttinger Stadtwald vor: Hier wurden von Februar bis Anfang Juli 2003 auf 758 Hektar (ca. 50 Prozent der Stadtwaldfläche) 14 Reviere ermittelt (Dörrie 2004), die einen überdurchschnittlich hohen Wert von 1,8 Rev./km² dokumentierten. Wie wenig die Art selbst von vogelkundlich Interessierten beachtet wird, lässt sich mit unserer Datenbank Ornitho belegen: Aus dem waldreichen Landkreis Northeim liegen seit 2011 ganze 72 Wahrnehmungen (zumeist akustische) vor, darunter viele aus der ersten Maidekade, wenn das alljährliche Birdrace stattfindet, zu dem sich Göttinger Beobachter in den Solling aufmachen… Maidaten (spät) rufender Männchen sind für die Quantifizierung des Brutbestands aber von geringer Relevanz, weil sie auch Junggesellen betreffen können.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 2: Gut getarnt: Waldkauz an der Bruthöhle im Landkreis Göttingen.
Foto: N. Wasmund

Gefährdung und Schutz

Bei der Brutplatzwahl ist der Waldkauz sehr flexibel. Er brütet in Höhlen aller Art (auch an Gebäuden), in Schornsteinen, selbst Bodenbruten sind bekannt. In offenen Baumnestern schreitet er nur ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Ähnlich vielfältig ist sein Nahrungsspektrum, das von Insekten über Regenwürmer, Amphibien, Reptilien, Fische (!) bis zu Vögeln mittlerer Größe (kleinere Eulenarten eingeschlossen) reicht. Die Hauptnahrung stellen, wie bei anderen Eulen, Mäuse, Wühlmäuse und Ratten. Wegen der breiten Nahrungspalette leidet er weniger unter mäusearmen Kältewintern als z.B. Schleier- und Waldohreule (Mebs & Scherzinger 2000).
Seiner freundlich-gemütlichen Erscheinung zum Trotz ist der Waldkauz ein wehrhafter Geselle, der auch Konflikten mit dem Menschen nicht aus dem Wege geht. Die Autobiografie des berühmten, 1991 verstorbenen Vogelfotografen Eric Hosking trägt den hintersinnigen Titel „An Eye for a Bird“ – damit spielt der Autor auf einen höchst unliebsamen Vorfall mit einem aggressiven Waldkauz an, nach dem er einäugig durchs Leben gehen musste. Solche Attacken, die fast immer dem Schutz der Jungvögel dienen und zumeist mit ein paar Kratzern am Kopf des Eindringlings glimpflich enden, finden vor allem im Siedlungsbereich statt; im Wald verhalten sich die Vögel weitaus scheuer.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 3: Waldkauzbrut am Nikolausberger Weg. Foto: M. Siebner

Feinde hat der Waldkauz vergleichsweise wenige: Ab und an (und deutlich seltener als Waldohreulen) fällt er einem Habicht oder Uhu zum Opfer (Uttendörfer 1939). Vermutlich ist seit einigen Jahren der Waschbär als Prädator von Eiern und Jungvögeln hinzugekommen. Diese Verluste fallen jedoch gegenüber den zahlreichen Verkehrsopfern kaum ins Gewicht. Viele Vogelfreunde dürften weitaus mehr tote als lebendige Waldkäuze gesehen haben. Auch Kollisionen mit Freileitungen oder letale Verletzungen an Weidezäunen mit Stacheldraht fordern ihren Tribut.
Dagegen zeigen ganze drei Totfunde in der bundesweit ausgerichteten Windkraftopfer-Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg bis dato eine vermutlich geringe Gefährdung an. Mit der gleichermaßen großflächigen wie rücksichtslos betriebenen Verspargelung der Wälder hat sich jedoch, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz, in jüngster Zeit ein neues Konfliktpotential entwickelt. Waldkäuze jagen gern über oder an Offenflächen im Wald, deren Zahl mit den Anlagen drastisch steigt. Kollisionen und Anstieg der Totfunde scheinen geradezu programmiert. Auch in Niedersachsen wachsen die Begehrlichkeiten, Windräder in Wäldern zu errichten. Bis jetzt ist das aber (noch) nicht möglich.
Wegen der weiten Verbreitung, Häufigkeit und Plastizität unseres Porträtvogels sind spezielle Schutzmaßnahmen derzeit nicht erforderlich. Ein nahezu unverzichtbares Habitatrequisit sind alte Höhlenbäume, zu deren Erhalt sich die Landesforstämter verpflichtet haben. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn gerade an Wegen wird manch alter „Gefahrenbaum“ gefällt. Im Göttinger Stadtwald, der „naturgemäß“ und nach den Vorgaben des Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet wird, scheinen für unseren Freund ideale Bedingungen zu herrschen. Die „naturgemäße“ Bewirtschaftung mit ihrem Verzicht auf größere Auflichtungen hat jedoch zur Folge, dass der Baumbestand dichter und dunkler wird. Zudem verfilzt die Bodenvegetation als Folge von Nährstoffeinträgen immer mehr, hinzu tritt rasant empor schießender Jungwuchs. Die Käuze konzentrieren sich daher - das hat die Erfassung 2003 ergeben - entlang der Wege und auf die (wenigen) vegetationsarmen Offenflächen, wo sich die Mäusejagd weniger mühsam gestaltet. Besonders im Osten sind große Waldbereiche für die Eule nur noch bedingt nutzbar. Ein alter Höhlenbaum im dichten Bestand könnte daher für sie wenig bis nichts bringen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 4: Kaminkauz im Tageseinstand im Göttinger Wald. Foto: M. Siebner

Nistkästen für den Waldkauz sind aus den oben genannten Gründen nicht nur überflüssig, sondern können sogar äußerst negative Folgen für andere Vogelarten nach sich ziehen. Eine Nisthilfe, die vor ein paar Jahren auf der Streuobstwiese auf dem Kerstlingeröder Feld angebracht wurde, konnte zum Glück schnell wieder abgehängt werden. Mit der komfortablen Behausung hätte man den Terminator möglicherweise in ein traditionelles Revier der Waldohreule gelockt, was für diese vermutlich böse ausgegangen wäre…

Waldkäuze beobachten – wann und wo?

In Göttingen ist der Waldkauz nicht verstädtert. Vom Stadtfriedhof z.B. gibt es keinen Nachweis. In schneereichen Kältewintern suchen einzelne Vögel den dicht bebauten Siedlungsbereich auf. Einsam balzende Männchen sind aus dem Cheltenham-Park und dem stadteinwärts gelegenen Ostviertel bekannt, gaben aber dort wohl nur kurze Gastspiele. Am Stadtrand sieht es anders aus: Hier bestehen seit Jahrzehnten feste Reviere dieses ausgeprägten Standvogels. Wenn man im Spätwinter und Frühling die Schillerweisen im Ostviertel aufsucht, kann man die Männchen schon von weitem heulen hören (der Ruf ist Interessenten bestimmt aus dem Fernsehen bekannt, auch von Filmen, die in Irland spielen, wo die Art nicht vorkommt…). Die angrenzenden Stadtwaldbereiche (Molkengrund, Lange Nacht, Ebertal) sind ebenfalls sicheres Waldkauzterrain, das wegen der vielen Wege besonders dicht besiedelt ist. Im Umkreis des Kerstlingeröder Felds sind mehrere Reviere besetzt. Mit Glück lässt sich auf dem Dach der Schutzhütte nahe dem Tuchmacherborn ein im Tageseinstand dösender Waldkauz ausmachen (vgl. Abb. 4). Gut bekannt ist auch ein Revier am Klausberg. Hier bezogen die Käuze samt niedlichem Nachwuchs in mehreren Jahren einen am Nikolausberger Weg stehenden riesigen Nadelbaum, der leider beseitigt wurde. Die Vögel sind aber noch da - und sorgen bei den auf ihre Nachtruhe bedachen Anwohnern nicht nur für Freude. Die Jungvögel sind ähnlich ruffreudig wie junge Waldohreulen, allerdings klingen ihre Lautäußerungen nicht so quietschend, sondern mehr rostig kratzend. Ob ein 2008 an der Grone unterhalb des Hagenbergs entdecktes Revier (Dörrie 2011) noch besetzt ist, muss offen bleiben.
Das Wetter spielt bei der Eulenbeobachtung eine große Rolle. Es sollte nicht windig sein und auch nicht regnen. Die Temperaturen sind Nebensache, weil die Vögel auch in bitterkalten Frostnächten ihre Balzrituale zelebrieren. Die Balz setzt bereits im Juli wieder ein, so dass auch die Wintermuffel unter uns auf ihre Kosten kommen.
Wenn man den Nachtvogel nicht nur gehört hat, sondern (endlich) mal zu Gesicht bekommt, sind folgende Merkmale diagnostisch: Waldkäuze haben vergleichsweise kleine runde Köpfe und dunkle Augen. Ihr Gefieder fällt sehr variabel aus, es gibt tiefbraune bis sehr helle Individuen. Die fehlenden Federohren unterscheiden sie von der (kleineren und schlankeren) Waldohreule. Die Sumpfohreule mit ihren eher rudimentären Öhrchen kann mit einem Waldkauz verwechselt werden. Sie bezieht aber offene Lebensräume, ist tagaktiv und bei uns ein bestenfalls spärlich in Erscheinung tretender Gastvogel. Das scharfe „kuwitt“ der Weibchen wurde und wird nicht selten dem viel kleineren Steinkauz zugeschrieben, der in unserer Region seit mehr als 30 Jahren ausgestorben ist.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 5: Waldkauz-Ästling. Foto: N. Wasmund

Bevor man nur noch Glück und Faszination bei der Beobachtung unseres Porträtvogels wünschen kann, eine ganz große Bitte: Junge, noch nicht flugfähige Waldkäuze stiefeln in ihrem ganz natürlichen Ästlingsstadium gerne auf dem Waldboden umher oder sitzen bräsig auf einem Baumstumpf. Diese Puschel sind weder „krank“, „aus dem Nest gefallen“ oder „von ihren Eltern verlassen“. Leider werden Ästlinge immer wieder von wohlmeinenden Spaziergängern „gerettet“ und in Pflegestationen verbracht, wo sie ein ungewisses Schicksal erwartet. Das muss nicht sein!

Nachtrag vom 13. März 2017: Im Göttinger Alten Botanischen Garten füttert ein Brutpaar derzeit drei schon recht große Jungvögel. Das ist die erste Brut am Rand der Göttinger Innenstadt und vielleicht ein kleines Dankeschön unseres Porträtvogels für die Ehrung!

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Mammen, U. & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvogel- und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten 6: 9-25.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Uttendörfer, O. (1939): Die Ernährung der deutschen Greifvögel und Eulen. Neumann- Neudamm Verlag, Melsungen. Nachdruck 1997, AULA-Verlag, Wiesbaden.

Waldkauz - M.Siebner

October 19th, 2016

Heimzug und Brutzeit 2016 in Süd-Niedersachsen

Schwarzspecht - S.Paul
Abb. 1: Junges Schwarzspecht-Männchen auf dem Kerstlingeröder Feld.
Foto: S. Paul

Das Wetter im Berichtszeitraum von März bis Juni hielt wenige Überraschungen bereit. Nur der März fiel, relativ gesehen, aus dem Rahmen: Er war nicht nur sehr trocken, sondern auf weiten Strecken kälter als der Vormonat und der (allerdings sehr milde) Dezember 2015. Der April verlief durchschnittlich. In der letzten Dekade gab es einen Kälteeinbruch. Der Mai war insgesamt passabel. Über Pfingsten sorgten die Eisheiligen in der Monatsmitte für ein kühl-windiges Intermezzo. Der Juni gestaltete sich durchwachsen, mit starken Niederschlägen von bis zu 34 l/m² zum Monatsbeginn, immer wieder Regen und Gewittern sowie einer kleinen, unwetterträchtigen Hitzewelle (bis zu 34°C) in der letzen Dekade. Am 24. ließ ein schweres Gewitter mit Orkanböen im Eichsfeld zahlreiche Bäume umstürzen.

Als zugphänologische Besonderheit ist ein männliches Braunkehlchen hervorzuheben, das, fotografisch belegt, bereits am 3. April im Leinepolder Salzderhelden rastete. Der nächste Artgenosse zeigte sich zehn Tage später am 14. April (typisches Erstbeobachtungsdatum) im Seeanger. Die erste Nachtigall sang am 10. April am Nachtclub „Chateau“ an der Reinhäuser Landstraße. Bei dieser Art mit positivem Bestandstrend scheint sich aus regionaler Sicht in den letzten Jahren eine Verfrühung der Ankunft singender Männchen (was machen die Weibchen?) um ca. acht bis zehn Tage abzuzeichnen.
Waldlaubsänger wurden in diesem Frühjahr deutlich mehr beobachtet als üblich. Auch der Sumpfrohrsänger trat in Zahlen auf, die erheblich über denen der Vorjahre lagen. Andere Südostzieher (u.a. Klappergrasmücke, Neuntöter, Schlagschwirl) haben, obwohl im östlichen Sahel gebietsweise eine enorme Dürre herrschte, ebenfalls ein normales bis gutes Jahr. Näheres dazu weiter unten.
Vor dem Hintergrund des sehr milden Winters erfolgte die Heimzug-Erstbeobachtung des Zilpzalps am 12. März in der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal vergleichsweise spät. Prägender Charaktervogel der Saison ist wohl - der Zaunkönig, der an allen Ecken und Enden sein Liedchen schmettert. Die vergangenen milden Winter haben dem agilen Gnom einen regelrechten Boom beschert.

Zaunkönig - M.Siebner
Abb. 2: Gewinner des Jahres: Zaunkönig. Foto: M. Siebner

Höckerschwäne schritten an der Kiesgrube Ballertasche mit zwei Paaren zur Brut. Während ein Paar mit seinen fünf Jungen vermutlich zur Weser abwanderte, verblieb das andere mit zwei Kleinen im Gebiet. In Göttingen konnten sich drei Paare am Kiessee (zunächst acht, später nur noch sieben Pulli), am Levin-Park (sechs Kleine, darunter ein immutabilis) sowie am Rückhaltebecken Grone (fünf Kleine, zwei immutabilis) reproduzieren. An den Northeimer Kiesteichen gab es fünf Junge. Am Böllestau bei Hollenstedt, der sich zum regelmäßigen Brutplatz mausert, war ein Paar ebenfalls mit fünf Sprösslingen erfolgreich. Am Seeanger schlüpften zwei Jungvögel, von denen einer übrig blieb. Am Seeburger See brütete ein dickfelliges Paar direkt neben dem großen Steg an der Badeanstalt. Die Brut verlief zunächst erfolgreich, drei Junge (Dreiergelege) schlüpften. Hätten sie die Selbständigkeit erreicht, wäre das sehr ungewöhnlich gewesen: Eine Brut mit Ausfliegeerfolg hat es an diesem Gewässer seit Jahrzehnten nicht gegeben. Leider wurden die Kleinen nach dem 22. Juni nicht mehr gesehen. Dem Sturm am 24. Juni können sie also, anders als in der Tagespresse kolportiert, nicht zum Opfer gefallen sein.

Höckerschwan - M.Siebner
Abb. 3: Später vom Sturm zerstörtes Höckerschwannest. Foto: M. Siebner

Nach dem 2. März waren die letzten (acht) überwinternden Singschwäne aus dem Leinepolder Salzderhelden abgezogen.
Kanadagänse waren im Leinepolder und am Seeanger bis weit in den Mai mit bis zu sieben Ind. am Start. Vom 19. bis 24. März demonstrierten Weißwangengänse mit bis zu 33 Vögeln in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck einen kleinen Einflug. Welchen Populationen diese Vögel zuzuordnen sind muss offen bleiben. Seit einigen Jahren mehren sich Nachweise größerer Trupps; die bisherige Höchstzahl datiert vom 22. März 2009, als 93 Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt rasteten (B. Riedel in naturgucker.de). Einzelvögel hielten sich bis ins späte Frühjahr auf, darunter ein handzahmer Solitär am 31. Mai am Kiessee. Der drohenden Proklamation zum Maskottchen lokaler Vogelkundler entzog sich die Gans durch rasches Verschwinden.

Nonnengans - M.Siebner
Abb. 4: Zutrauliche Weißwangengans am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Brutbestand der Graugans wird in diesem Jahr niedersachsenweit erfasst. Ganz so einfach, wie man glaubt, ist die Dokumentation von Bruten dieser eigentlich auffälligen Vogelart nicht: Grauganspaare können durchaus versteckt brüten (manchmal auch in Bäumen) und bleiben unentdeckt. Gelege werden nicht selten von Prädatoren geplündert oder aus anderen Gründen aufgegeben. Brutaufgaben sind für diese Saison vom Göttinger Levin-Park, dem Stadtfriedhof und dem Seeburger See (mind. zwei) belegt. In der folgenden Zusammenstellung für das AGO-Untersuchungsgebiet (Landkreis Göttingen und Altkreis Northeim) sind nur Paare mit Schlupferfolg enthalten. Sie verteilen sich auf die Kiesgrube Ballertasche (3), den Göttinger Kiessee (15, Rekordbestand), die Kiesgrube Reinshof (2), den (sanierten und wieder mit Wasser gefüllten) Wendebachstau bei Reinhausen (5), den Seeanger (3), den Seeburger See (2), den Dorfteich in Bodensee (2, wie immer hintereinander brütend), die Renshäuser Bachaue (1), die Rhumeaue bei Katlenburg (3), den Northeimer Freizeitsee (19), die Northeimer Kiesteiche (10), die Geschiebesperre Hollenstedt (10) und den Leinepolder Salzderhelden (6). Angesichts der mittlerweile fast überall und zahlreich in Erscheinung tretenden Vögel sind (mindestens) 81 erfolgreiche Paare (bei einem erheblich höheren Nichtbrüterbestand) vielleicht weniger als allgemein angenommen.
Die männliche Graugans mit roter Halsmanschette I29 (2012 in Tschechien beringt) macht sich offenbar daran, ihren dritten Sommer in der Region zu verbringen: Sie konnte am 19. Juni an der Geschiebesperre abgelesen werden.

Graugans - B.Riedel
Abb. 5: Wieder da: Sommergast I29 an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Erfolgreiche Bruten der Nilgans sind bis dato von der Geschiebesperre Hollenstedt (2), dem Seeanger (2), dem Wendebachstau und von der hessisch-niedersächsischen Landesgrenze an der Weser gegenüber Gimte (14 Gössel!) bekannt. Am Göttinger Kiessee schlüpften Mitte Juni zwei Kleine. Die Familie war über Tage nicht mehr auszumachen, tauchte aber nach dem Landesturnfest wieder auf.
Brandgänse erreichten am 17. April am Northeimer Freizeitsee mit 13 Ind. ein lokales Maximum. Ende Juni verteilten sich 19 Ind. auf die Geschiebesperre Hollenstedt, den Seeanger und den Seeburger See.

Sehr bemerkenswert ist eine Rostgans-Familie mit sieben flüggen Jungvögeln am 11. Juni im Leinepolder. Wegen des sehr frühen Datums steht zu vermuten, dass die Brut in der näheren Umgebung stattgefunden hat. Als neuer regionaler Brutvogel kann dieser etablierte Neubürger aber (noch) nicht geführt werden.

Mit bis zu 240 Ind. waren in der letzten Märzdekade Pfeifenten im Leinepolder gut vertreten. Das Heimzug-Maximum der Spießente am 25. März stammt interessanterweise mit 50 Ind. vom Seeburger See. Löffelenten gaben dem Leinepolder den Vorzug und erreichten dort mit 220 Ind. am 1. April ihre saisonale Höchstzahl. Das aus dem Winterbericht bekannte Männchen der Kolbenente hielt es bis zum 20. März an der Northeimer Seenplatte aus.
Am Northeimer Freizeitsee, der auch im Winter von dieser Art mit bis zu 280 Ind. gut besucht war, zeigten am 14. März 125 Tafelenten ihr Heimzug-Maximum.

Am 1., 9. und 19. März geriet am Freizeitsee ein weiblicher Mittelsäger in den Blick, vermutlich immer derselbe Vogel. Gänsesäger beiderlei Geschlechts hielten sich, einzeln oder zu zweit, bis weit in den Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Am 6. Juni zeigte sich ein Männchen am Seeburger See.

Über das Auftreten der Wachtel wird im nächsten Bericht zusammenfassend Auskunft gegeben. Im weiteren Umfeld des Seeburger Sees, in der Rhumeaue bei Bilshausen und bei Hilkerode bereicherten jeweils ein bis zwei von Jägern in die Landschaft geschmissene Fasane die Beobachtungsstrecken.

Fasan - V.Hesse
Abb. 6: Männlicher Jagdpapagei bei Seeburg. Foto: V. Hesse

Wie es den Hauben- und Zwergtauchern erging, wird im nächsten Bericht mitgeteilt. Am 2. April schwammen gleich drei Rothalstaucher auf dem Seeburger See. Einzelvögel gab es am 5., 17. und 24. des Monats auf dem Northeimer Freizeitsee. Schwarzhalstaucher zeigten keine Besonderheiten und traten durchweg in einstelliger Zahl auf.

Ein vom 10. bis 12. Juni im Leinepolder rastender Löffler war farbberingt, aber immer zu weit entfernt, um die Markierung ablesen zu können.
Am 9. April flog eine Rohrdommel über das Schilf in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden. Über das Wohl und Wehe der Göttinger Graureiher wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
Ein Silberreiher mit schwarzem Schnabel und rötlichen Beinen (so genannter „modesta-Typ“) stand am 23. März mit 14 normalen Artgenossen im Leinepolder. Gleich vier „modesta“-Ind. rasteten, zudem mit Schmuckfedern garniert, am 2. und 3. April an der Geschiebesperre Hollenstedt bzw. im Leinepolder.

Seidenreiher - M.Siebner
Abb. 7: Eleganz im tristen Ambiente: Seidenreiher bei Angerstein Foto: M. Siebner

Ein Seidenreiher fand sich bereits am 10. März an der Geschiebesperre Hollenstedt ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit derselbe Vogel ließ sich vom 17. bis 19. März an Wassergräben in der ausgeräumten Leineniederung bei Angerstein bewundern. Am 22. des Monats wurde er im Leinepolder wieder entdeckt, wo er für drei Tage blieb. Am 17. und 18. April folgte ihm am Großen Freizeitsee ein Artgenosse. Der Seidenreiher, einst eine große Rarität, kann in unserer Region mittlerweile als nahezu jährlich in Erscheinung tretender Gastvogel verbucht werden. Die Nachweise haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Wie beim Silberreiher sind die Populationen des kleinen Vetters in der jüngeren Vergangenheit nachgerade explodiert. Seidenreiher haben sich seit den 1970er Jahren wieder an der französischen und englischen Atlantikküste ausgebreitet. Irland, Belgien und die Niederlande wurden ebenfalls kolonisiert. In Deutschland haben Bruten bis jetzt nur ausnahmsweise stattgefunden, zuletzt 2007 auf der Nordseeinsel Memmert, wohl als holländischer Import. Hauptgrund für die rasante Bestandszunahme ist die nachlassende Verfolgung, der bis weit ins 20. Jahrhundert Millionen Reiher zum Opfer fielen – weil sie Fische fressen und modebewusste Damen sich mit ihren Federn zu schmücken glaubten. Milde Winter zum Beginn der Ausbreitungsphase waren ein weiterer positiver Faktor. Wer sich für die Areal- und Bestandsdynamik von Vogelarten interessiert, sollte die aufschlussreiche Arbeit von Engler & Stiels in der „Vogelwarte“ (Bd. 54 (2016): 27-44) lesen, in der monokausale Erklärungsansätze, die mit dem Allzweckargument „Klimawandel“ hantieren, kritisch beurteilt werden.

Vom Weißstorch ist zu vermelden, dass eine Neuansiedlung bei Katlenburg-Lindau abgebrochen wurde.

Von heimziehenden Kornweihen liegen bis zum 2. Mai vier Beobachtungen von fünf Ind. (zwei M., ein W., zwei ohne Angabe) vor. Am 9. Mai ging in der Feldmark Gieboldehausen eine männliche Wiesenweihe auf die Jagd.
Am 10. April machte ein vorjähriger Seeadler den Leinepolder unsicher. Ihm folgte am 4. Mai an den Northeimer Kiesteichen ein vermutlich ebenfalls vorjähriger Artgenosse, während der (immerhin) dritte in diesem Frühjahr, am 6. Mai über Einbeck, deutlich älter war.

Merline gerieten am 9. März in der Feldmark Sattenhausen, am 11. März in der Feldmark Ballenhausen, am 3. April am Heidelbeerbruch im Hochsolling (beiläufige Attacke auf Meisen, dann zügig weiterziehend) sowie am 27. April an der Geschiebesperre Hollenstedt in den Blick. Am 12. Mai besuchte ein weiblicher Rotfußfalke die letztgenannte Lokalität. Ende Juni läuteten bis zu acht Baumfalken über der Drachenwiese im Göttinger Süden die große Luftjagd auf Gerippte Brachkäfer („Junikäfer“) ein.

Baumfalke - M.Siebner
Abb. 8: Baumfalke über der Drachenwiese. Foto: M. Siebner

Für die Wanderfalken in Stadt und Landkreis Göttingen ist 2016 ein gutes Jahr. Die Paare am Neuen Rathaus, am Fernsehturm bei Deppoldshausen sowie im Raum Hann. Münden (3) brachten in der Regel drei Junge zum Ausfliegen. Der Brutplatz im Reinhäuser Wald war erneut besetzt.

Die Hauptmasse der Kraniche war bereits im Februar durchgezogen. In der ersten Märzdekade setzte sich der Zug fort, erreichte aber nur am 1. des Monats eine regionale Tagessumme von wenig mehr als 1000 Ind. Im Leinepolder hielten sich die üblichen, zumeist unreifen Aspiranten in einstelliger Zahl bis weit in den Mai auf (ein Einzelvogel noch am 14. Juni). Am Seeanger verhielten sich zwei vorjährige Ind., die am 18. Mai zum letzten Mal gesehen wurden, recht unauffällig.

Aus dem Leinepolder wurden ab Anfang Mai bis zu fünf rufende Männchen des Wachtelkönigs gemeldet. Ihre wirkliche Zahl dürfte in diesem großen Gebiet mit Betretungsverbot höher liegen. In der Rhumeaue bei Bilshausen knarrten ab Mitte Mai bis zu drei Männchen. Bemerkenswert ist ein kleiner Einflug in Göttingen: Ab dem 20. Juni hatten sich auf dem Kerstlingeröder Feld und dem Sengersfeld im Göttinger Stadtwald insgesamt bis zu vier Rufer niedergelassen. Eine Parallele zu den Einflügen 2002 und 2007 drängt sich auf. Damals jedoch standen die Wiesen im Leinetal nach starken Regenfällen unter Wasser. Die Vögel mussten in höhere Lagen ausweichen. Dieses Szenario existierte 2016 nicht. Deshalb erhebt sich die Frage: Wo kommen sie her? Sind es Hochwasserflüchtlinge aus dem Süden oder wurden sie, wo auch immer, abgemäht und mussten das Weite suchen? Solche Vermutungen könnte man auch bei drei Rufern anstellen, die sich, vorab mitgeteilt, erst Anfang Juli in der Rhumeaue bei Lindau bemerkbar machten.

Vom 12. Mai bis 1. Juni ließ ein Austernfischer in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck sein durchdringendes „Kliiiep“ ertönen.

Austernfischer - B.Riedel
Abb. 9: Austernfischer am Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Rastende Goldregenpfeifer erreichten am 16. März im Leinepolder mit 91 Ind. ihre höchste Tagessumme. Am 24. März zogen beachtliche 173 Ind. in mehreren Trupps über das Kerstlingeröder Feld.
Kiebitze auf der Durchreise waren am 15. März im Leinepolder mit einem Maximum von 2300 Ind. präsent. Am Seeanger hatten drei Paare Schlupferfolg. Drei Jungvögel erreichten die Flugfähigkeit. Aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck liegen keine Hinweise auf erfolgreiche Bruten vor.
Für den Flussregenpfeifer scheint sich die Lage immer mehr zu verdüstern. Eine erfolgreiche Brut (ein flügger Jungvogel) ist nur von der Kiesgrube Ballertasche dokumentiert. In der Sandgrube Meensen brütet aktuell ein Paar. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben zeigte ein warnender Altvogel eine mögliche Brut an, die aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit scheiterte. Ansonsten: Fehlanzeige. An den bekannten Orten (Geschiebesperre, Northeimer Kiesteiche, Freizeitsee, Seeanger, Kiesgrube Reinshof) balzten jeweils bis zu zwei Paare, ab und an konnten Kopulationen und das Anlegen einer Nistmulde beobachtet werden, aber das war’s auch schon. Der seit 2008 existierende Brutplatz an der Glunz-Brache in Gö.-Grone ist durch zunehmende Bebauung und Umwidmung in einen LKW-Parkplatz unbrauchbar geworden. Vielleicht kommt es noch zu Spätbruten, aber die bisherige Bilanz ist deprimierend. Hauptfaktor beim Bestandsrückgang ist der immer stärker grassierende Freizeitrummel, der wiederum wegen der allgemeinen Vermüllung Kostgänger aller Art anlockt, die auch ein Regenpfeifergelege nicht verschmähen.

Flussregenpfeifer - M.Siebner
Abb. 10: Flussregenpfeifer am Siekgraben. Foto M.Siebner

Ein am 23. Mai nachts über Seeburg rufender Vogel wurde als Mornellregenpfeifer bestimmt.

Am Seeanger gerieten am 7. April bemerkenswerte 16 Regenbrachvögel vor die Linse. An der Geschiebesperre Hollenstedt waren vier Ind. am 15. Mai recht spät dran.
Am 26. März rasteten zwei Uferschnepfen im Leinepolder. Ihnen folgte ebenda am 7. April ein Trupp von sieben Ind. Vom 13. bis 17. April hielt sich im Seeanger ein Einzelvogel auf. Bei einem weiteren Vertreter am 17. April im Leinepolder, der leider nicht fotografiert werden konnte, herrschte Uneinigkeit, ob er der im tiefen Binnenland sehr seltenen Unterart islandica („Isländische Uferschnepfe“) angehört haben könnte.
Von der Waldschnepfe liegen Beobachtungen von knapp 50 Ind. vor (Mehrfachzählungen reviertreuer Männchen inbegriffen). Den Auftakt im Berichtszeitraum machte ein heimziehender Vogel, der am 4. März in einem Hausgarten im Göttinger Ostviertel nach Nahrung stocherte. Hinweise auf revierhaltende Männchen gab es (ab Mai) im Kaufunger Wald (5-6), im Bramwald (1), im Hochsolling (3-4) sowie im Elvershäuser Wald (1).
Von der Zwergschnepfe existieren offiziell nur zwei Beobachtungen. Das liegt daran, dass einige Rastplätze nicht mehr öffentlich gemacht werden, um die Vögel vor Stress durch Beobachter und Fotografen zu bewahren. Bekassinen demonstrierten am 2. April im Leinepolder mit 220 Ind. ein zeit- und gebietstypisches Maximum. Dort balzten auch bis zu zwei Männchen.
Die Rastvorkommen von Waldwasserläufer und Flussuferläufer wiesen keine Besonderheiten auf. Am 17. und 18. April rastete ein Teichwasserläufer im Leinepolder. Die Maxima von Rotschenkel (13 Ind. am 7. April), Grünschenkel (ca. 50 Ind. am 4. Mai) und Bruchwasserläufer (ca. 150 Ind. am 7. Mai) fielen im Leinepolder eher durchschnittlich aus.
Die Höchstzahl von 92 Kampfläufern ebenda wurde am 22. März schon recht früh erreicht.
Am Seeanger hielt sich vom 14. bis 16. Mai ein Steinwälzer auf. Ob ein Artgenosse am letzten Datum an der Geschiebesperre identisch mit diesem Vogel war muss offen bleiben.
Bis zu zwei Zwergstrandläufern am 14. Mai am Seeanger folgte vier Tage später ein Einzelvogel im Leinepolder.
Am Seeanger, dem traditionellen Hotspot für diese kleine Limikole, rasteten (am 9. Mai) bis zu zwölf Temminckstrandläufer.

Temminckstrandläufer - B.Riedel
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Recht bemerkenswert für diese auf dem Heimzug nur sehr spärlich auftretende Art sind fünf Sichelstrandläufer am 9. Mai an der Geschiebesperre. Am Seeanger rastete ein Einzelvogel vom 11. bis 15. des Monats. Das Polder-Maximum von elf Alpenstrandläufern am 22. März kann sich für den Heimzug durchaus sehen lassen.

Durchziehende Zwergmöwen traten wie immer erratisch auf. Am 17. April fielen am Northeimer Freizeitsee bis zu 100 vom Himmel, für den Seeburger See liegt das Maximum bei 70 Ind. am 30. des Monats. Die Lachmöwen-Kolonie am Lutteranger verdient diesen Namen leider nicht mehr, denn es wurde nur ein brütender Einzelvogel gesehen. Ob er erfolgreich war ist ungewiss.
Schwarzkopfmöwen ließen sich vergleichsweise zahlreich blicken. Am Seeburger See und Seeanger hielten sich am 2. und 3. April bis zu zwei Altvögel auf, alt waren auch zwei Ind. am 16. April an der Kiesgrube Reinshof, desgleichen drei Vögel einen Tag später am Northeimer Freizeitsee. Vier Ind. (drei ad., ein vorj. Ind.) flogen am 25. April zusammen mit Lachmöwen über das letztgenannte Gebiet. Ein Altvogel trug einen grünen Farbring, mehr war leider nicht zu erkennen. Den (vorläufigen) Schlusspunkt setzte ein Altvogel am 29. Juni an der Geschiebesperre.
Am 1. April überflog eine adulte Mittelmeermöwe die Geschiebesperre. Ein Vogel, der am 13. Juni auf der Göttinger Drachenwiese stand, befand sich im 3. Kalenderjahr. Steppenmöwen rasteten am 9. April am Seeburger See und am 22. Mai am Göttinger Kiessee. Fünf weitere Großmöwen wurden, sehr löblich, besser unbestimmt gelassen…

Den Reigen der Seeschwalben eröffnen mittlerweile übliche Raubseeschwalben, die jeweils zu zweit am 1. Mai am Northeimer Freizeitsee und am 11. Mai am Seeburger See auf sich aufmerksam machten.
Am 2. Mai flog eine Weißbart-Seeschwalbe über dem letztgenannten Gewässer. Einzelne Weißflügel-Seeschwalben leuchteten am 2. Mai im Polder und am 18. Mai am Seeburger See. Trauerseeschwalben erreichten am 6. Mai ebenda mit 150 Ind. (möglicherweise. noch mehr, weil an diesem Tag die Zugdynamik besonders stark ausgeprägt war) ein beeindruckendes Maximum.
Von der Flussseeschwalbe liegen vom 14. April bis 25. Juni bemerkenswerte 13 Beobachtungen von 17 Vögeln vor (jeweils drei Ind. am 13. Mai am Seeburger See und am 8. Juni am Freizeitsee). Ein am 28. Mai über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden ziehender Vogel ist eine besondere Erwähnung wert. Damit verglichen trat die Küstenseeschwalbe deutlich spärlicher auf. Was die Truppgröße anbelangt, war sie mit sieben Vögeln am 26. April am Seeburger See der Schwesterart allerdings überlegen. Am 30. April folgte an ebendiesem Gewässer ein Einzelvogel.

Küstenseeschwalbe - M.Siebner
Abb. 12: Küstenseeschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

In diesem Frühjahr wurden, immerhin, mindestens zehn Turteltauben gesehen. Das langjährige Vorkommen im Bramwald konnte beim Birdrace am 7. Mai mit zwei singenden Männchen bestätigt werden. Auch das altbekannte Revier an der Landesgrenze zu Thüringen bei Vogelsang war wieder belegt.

Schleiereulen konnten als Einzelvögel im Leinepolder und in bzw. bei Bodensee gesehen/gehört werden.
Im Vergleich zum Vorjahr hielten sich Nachweise erfolgreicher Bruten der Waldohreule in denkbar engen Grenzen: Nur am Kiessee ließen sich (zwei) fiepende Jungvögel vernehmen.

Waldohreule - K.Jünemann
Abb. 13: Waldohreule in der Rhumeaue bei Bilshausen. Foto: K. Jünemann

Als veritable Megararität sauste ein männlicher Ziegenmelker in der Nacht des 25. Mai am Steinacker in Gö.-Nikolausberg um die Häuser. Der letzte Regionalnachweis stammt aus dem Frühjahr 2006 vom Seeburger See, der letzte davor vom Herbst 1986 aus dem Leinepolder…

Einen kleinen Lichtblick gibt es bei den Göttinger Mauerseglern. Nachdem im vergangenen Jahr die Brutkästen an der Arnoldi-Schule nach deren Umsetzung verwaist waren, sind sie jetzt wieder von ca. 15 Paaren belegt. Dagegen haben die sensiblen Vögel die Nisthilfen an einer Schule in der Göttinger Weststadt in diesem Jahr gemieden; angeblich, weil man diese farbig angestrichen hat…

Rastende Wiedehopfe hielten sich am 6. April am Göttinger Neuen Botanischen Garten und am 17. April nahe dem Altendorfer Berg bei Einbeck auf.

Der Wendehals war mit ca. 20 Heimzugbeobachtungen recht gut vertreten. Im Randbereich des Polder IV westlich Edesheim war bis in den Mai ein Revier über Wochen besetzt. Am traditionellen Brutplatz auf dem Kerstlingeröder Feld hatte sich mindestens ein Sänger eingefunden. Gleichermaßen erfreulich wie bemerkenswert ist der Nachweis eines Brutpaars mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln am 26. Juni am Fassberg im Norden Göttingens. Dort hatten Wendehälse bis vor 30 Jahren ab und an gebrütet. Die aktuellen Brutvögel gaben sich als echte Leisetreter, denn zuvor war in diesem Bereich nur zweimal (am 21. April und am 2. Mai) ein singender Vogel gehört worden.

Wendehals - B.Riedel
Abb. 14: Wendehals im Leinepolder. Foto: B. Riedel

Singende Pirole ließen sich am 25. Mai aus einem Gehölz bei Amelsen und am 29. Mai aus einem alten Buchen-Eichenbestand bei Ahlshausen vernehmen. Beide Fundorte liegen im Landkreis Northeim.

Die jährliche Zählung von Neuntötern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 22. Juni Hinweise auf mindestens 20 Reviere. Diese Zahl liegt im Durchschnitt der letzten, durchweg guten Jahre. Drei Paare hatten Nachwuchs, eines fütterte, recht früh, schon fast flügge Jungvögel. Bei zwei Männchen bestand der Verdacht, dass sie gleich zwei Weibchen in Beschlag genommen hatten (Polygynie). Eine Erfassung an Offenflächen im Kaufunger Wald (Rinderstall, Stromtrasse Sichelnstein etc.) ergab am 28. Juni sieben Reviere, ein flügger Jungvogel eingeschlossen. Etliche langjährig bekannte Reviere waren wieder besetzt (z.B. vier bis fünf in der Rhumeaue bei Lindau). Einen negativen Einfluss der Dürre im östlichen Sahel scheint es bei diesem Südostzieher nicht oder nur marginal gegeben zu haben, sehr erfreulich.
Vom Raubwürger liegen bis zum 3. April 24 Beobachtungen vor, die sich im Wesentlichen auf die bereits im Vorbericht erwähnten reviertreuen Wintergäste auf dem Kerstlingeröder Feld, in der Feldmark Geismar, an der Lengderburg und im Leinepolder (2) beziehen. Darüber hinaus gab es Sichtungen bei Weißenborn, in der Feldmark Barterode, in den Feldmarken westlich Relliehausen und Sattenhausen sowie zwischen Potzwenden und Falkenhagen.

Brutverdächtige Tannenhäher konnten am 6. März und am 7. Mai im Heidelbeerbruch (Hochsolling) ausgemacht werden. Aus regionaler Sicht bemerkenswert ist ein Trupp von ca. 120 heimziehenden Saatkrähen, der am 10. März an der Agrogasanlage bei Krebeck auf die Nahrungssuche ging. Ansonsten traten sie nur in einstelliger Zahl auf, darunter ein verbummelter Altvogel am 21. April im Göttinger Neuen Botanischen Garten.

Der einzige Brutnachweis der Beutelmeise stammt vom Northeimer Freizeitsee.

Beuteameise - F.Hollander
Abb. 15: Beutelmeise am Freizeitsee. Foto: F. Hollander

Vom 15. bis 21. März wurden an drei Tagen insgesamt nur fünf ziehende Heidelerchen wahrgenommen. Offenkundig geraten die Zugrufe einiger Arten immer mehr in Vergessenheit: Die einen hören sie nicht mehr, die anderen kennen sie (noch) nicht…

Der Kälteeinbruch Ende April machte Insektenfressern zu schaffen, unter ihnen besonders den Schwalben, die sich an den Gewässern zusammenballten. Zum Glück wurde es bald wärmer und die Verluste dürften sich in engen Grenzen gehalten haben.
Am Ostufer des Northeimer Freizeitsees besteht eine kleine Uferschwalben-Kolonie von ca. 25 Paaren, die einem hohen Druck durch Freizeitaktivitäten ausgesetzt ist. Sie gelangte deshalb nach Himmelfahrt in das NDR-Fernsehjournal „Hallo Niedersachsen“, wo die Vögel als „Uferseeschwalben“ angekündigt wurden. Im Umfeld der Geschiebesperre existiert möglicherweise eine weitere (recht kleine) Kolonie. In einer Grube bei Wellersen (Landkreis Northeim) wurden am 8. Mai sechs angeflogene Höhlen gezählt, an der Sandgrube Meensen Ende Juni zwölf, von denen fünf beflogen wurden.

Schwalben - M.Göpfert
Abb. 16: Erschöpfte Rauch- und Uferschwalben am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Nennenswerte Anzahlen des Feldschwirls von bis zu fünf singenden Männchen liegen nur von der Rhumeaue bei Bilshausen, vom Northeimer Freizeitsee und aus dem Leinepolder vor.
Recht gut vertreten ist in diesem Jahr der Schlagschwirl: Hinweise auf Revierbesetzungen in Gestalt singender Männchen konnten an der Kiesgrube Ballertasche und in ihrem Umfeld (bis zu drei), in der Rhumeaue bei Bilshausen (bis zu zwei), in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau (zwei), in der Gillersheimer Bachaue, am Seeburger See und in der Suhleaue dokumentiert werden.
Dagegen beschränkte sich das Vorkommen des Rohrschwirls habitatbedingt auf zwei Gebiete: Am Seeburger See sang ein Männchen vom 26. April bis zum 7. Mai und ein weiterer (?) Vogel am 25. Mai. Im Leinepolder konnten im Mai und Juni durchgehend zwei bis drei Sänger die Schwirldamen (hoffentlich) betören.
Vom Schilfrohrsänger liegen zwischen dem 10. April und 30. Mai Nachweise von sieben singenden Männchen (Kiesgrube Ballertasche, Seeburger See, Seeanger, Freizeitsee) vor. In der Regel waren sie eintägig präsent. Nur einer machte vom 11. bis 13. April an der Geschiebesperre eine Ausnahme.
Für den Zeitraum vom 5. Mai bis 4. Juni existieren Nachweise von sechs singenden Drosselrohrsängern. Ein Vogel, der vom 28. Mai bis 4. Juni die Kiesgrube Ballertasche beschallte, tat dies in genau der gleichen Ecke wie im Vorjahr. Im Eschweger Werrabecken (Nordhessen) hat sich (wieder) ein Bestand von bis zu zehn reviertreuen Männchen etabliert. Vielleicht arbeitet sich der positive Trend ja flussabwärts vor… Am Northeimer Freizeitsee sangen am 7. Mai gleich zwei Männchen. An der Geschiebesperre blieb einer immerhin vier Tage. Etwas ungewöhnlich ist ein Vogel am 5. Mai an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, wo er sich mangels Vegetation kaum verstecken konnte.

Drosselrohrsänger - W.Vogeley
Abb. 17: Drosselrohrsänger an der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Im März und April bestand noch Hoffnung, aber jetzt ist es offiziell: Weder im vergangenen Winter noch im anschließenden Frühjahr ließ sich in der Region ein Seidenschwanz blicken – das ist bereits die zweite schwanzlose Saison seit 2013/14. Vermutlich sind die gefräßigen Vögel durch den Klimawandel so groß und schwer geworden, dass sie es nicht mehr über die Ostsee schaffen…

Vom 25. März bis zum 23. April konnten acht Ringdrosseln ausgemacht werden, mit Ausnahme von drei Ind. am 8. April in der südlichen Göttinger Feldmark alles Einzelvögel.

Vom 20. Mai bis 18. Juni sang sich ein adulter Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg in die Herzen vieler Beobachter - ein Weibchen der eigenen Art wäre ihm sicher lieber gewesen. Das agile, bisweilen neugierig wirkende Schmuckstück zeigte den achten Regionalnachweis seit 1955 an und war das erste als rotkehlig gemeldete Männchen überhaupt.

Zwergschnäpper - V.Hesse
Abb. 18: Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht. Foto: V.Hesse

Vom Trauerschnäpper liegen aus dem Zeitraum vom 25. April bis zum 19. Mai Nachweise von 27 Ind. vor (max. drei Ind. am 27. April am Kiessee). Aus regionaler Sicht ist das eine Höchstzahl der letzten Jahre. Eine Revierbesetzung oder gar Brut konnte gleichwohl nicht dokumentiert werden.

Brutverdächtige Braunkehlchen? Fehlanzeige. Im Leinepolder konnte ein Paar nach dem 20. Mai nicht mehr bestätigt werden.
Dagegen scheint es mit dem Schwarzkehlchen weiter aufwärts zu gehen: Auf dem Kahlschlag im äußersten Süden des Göttinger Stadtgebiets (ehemaliges Pappelwäldchen) brütete ein Paar, das vermutlich von der Feldmark Geismar dorthin umgezogen war, erfolgreich. In der Feldmark südlich vom Gut Wickershausen (Landkreis Northeim) signalisierte ein warnendes Paar am 8. Mai starken Brutverdacht. Möglicherweise kommt die Suhleaue als neuer Brutplatz hinzu. Hier wurden mehrfach Schwarzkehlchen beobachtet. Für ein Paar vom 25. April in der Feldmark östlich Nesselröden liegen leider keine Folgebeobachtungen vor. Die meisten bekannten Brutplätze waren, soweit sie kontrolliert wurden, wieder besetzt. Sogar in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, wo alle Blühstreifen verschwunden sind, gelang einem Paar die Fortpflanzung.
Vorbildlich belegt ist der erste Sprosser der Region. Er wurde am 27. Mai am Westufer des Northeimer Freizeitsees von N. Krott und C. Junge entdeckt und konnte am 30. Mai von B. Riedel mit Fotos und Tonaufnahmen bestätigt werden. Nach dem 3. Juni war sein eindrucksvoller Gesang nicht mehr zu hören. Der Anerkennung des seltenen Gasts durch die Avifaunistische Kommission Niedersachsen/Bremen kann man mit einiger Zuversicht entgegen sehen.

Sprosser - B.Riedel
Abb. 19: Sprosser am Northeimer Freizeitsee. Foto: B.Riedel

Auch in diesem Jahr wurden in der Suhleaue brutverdächtige Blaukehlchen gesehen. Von einer Neuansiedlung in diesem wenig begangenen Winkel des Eichsfelds kann wohl ausgegangen werden. Ebenfalls abseits der ausgetretenen Pfade ließ sich am 9. Juni in der Gillersheimer Bachaue ein Vogel ausmachen. Aus diesem Gebiet gab es schon früher Hinweise auf ein Brutvorkommen.

Ein jahreszeitlich interessanter Steinschmätzer am 25. Juni in der Feldmark Ebergötzen war augenscheinlich ohne Partner (geschweige denn mit Nachwuchs gesegnet).

Der Brachpieper machte sich dreimal bemerkbar: am 30. April über dem Gelände des Güterverkehrszentrums III („Göttingens Kalahari“), am 7. Mai während des Birdrace gleich zu dritt in der Feldmark Jühnde sowie am selben Tag über Gö.-Nikolausberg ziehend.
Die traditionelle Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld ergab am 22. Juni 18 revieranzeigende Vögel. Das ist ein durchschnittlicher Wert, wobei anzumerken ist, dass der (auf den Neuntöter zugeschnittene) Zähltermin für diese Art eigentlich zu spät liegt. An Offenflächen im Kaufunger Wald (u.a. an der Stromtrasse Sichelnstein) sangen am 28. Juni sechs Männchen, in der Rhumeaue bei Bilshausen, an der Sandgrube Meensen und im NSG Hühnerfeld im Kaufunger Wald jeweils drei. Das sind die Maximalzahlen für einen früheren Charaktervogel der Waldränder und Offenflächen, dessen Lebensraum auf kleine Inseln geschrumpft ist.
Einen Brutnachweis des Wiesenpiepers gibt es in dieser Saison nur aus der Feldmark Volkerode bei Rosdorf, wo am 27. Mai ein warnender und futtertragender Vogel gesehen wurde (Nachtrag vom 25. Juli - HD). In der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen konnte im Mai nur noch ein singendes Männchen notiert werden. Und die nächste Flurbereinigung rückt näher… Am 19. Juni sang in der Leineniederung bei Bovenden ein Männchen, doppelt so viele waren es am 4. Juni in den Randbereichen des Leinepolders. Der Aufenthalt eines, vorweg mitgeteilten, singenden Männchens Anfang Juli an den ehemaligen Tongruben Siekgraben dürfte von kurzer Dauer sein, weil die Bagger schon bereitstehen.

Wiesenpieper - M.Siebner
Abb. 20: Wiesenpieper an den ehemaligen Tongruben Siebgraben. Foto: M. Siebner

Prächtige Rotkehlpieper gaben sich am 6. Mai an der Geschiebesperre und am 14. und 15. Mai im Seeanger die Ehre.
Heimziehende Bergpieper traten in diesem Frühjahr in guter Zahl auf. Aus dem Zeitraum vom 25. März bis zum 18. April liegen 20 Beobachtungen von ca. 40 Ind. vor. Am Seeanger waren bis zu sechs Ind. im Brutkleid über mehrere Tage anwesend. Das Maximum von neun Ind. stammt vom 28. März aus dem Leinepolder.

Am 24. März zogen mindestens 1179 Buchfinken über das Kerstlingeröder Feld. Am 28. März zeigten 400 über das Göttinger Ostviertel ziehende, eher beiläufig gezählte Vögel, dass man an diesem Tag auf dem Plateau des Göttinger Walds vielleicht besser aufgehoben gewesen wäre… Am 2. April suchten mindestens 400 Ind. am Ortsrand von Diemarden unterhalb des Diemardener Bergs nach Nahrung.
An der Leine im Süden Göttingens trötete am 2. und 18. März, als Letzter aus einem bemerkenswerten Einflug, noch ein ortstreuer „Trompetergimpel“ vor sich hin.

In der Feldmark Hollenstedt nordwestlich vom Gut Wickershausen konnte am 8. Mai eine (vermutlich heimziehende) Grauammer ausgemacht worden. Die letzte Beobachtung zuvor stammt aus dem Oktober 2012 und betraf einen über Ebergötzen ziehenden Vogel.

Ein männlicher Tahaweber bringt seit dem 29. Mai Farbe in den Seeanger, ist aber trotz seiner auffälligen Erscheinung manchmal nicht aufzufinden. Tahaweber sind eigentlich in Afrika südlich der Sahara beheimatet. Entflogene Käfigvögel haben jedoch in Feuchtgebieten auf der iberischen Halbinsel eine stabile Brutpopulation etabliert. Ob der (unberingte) Vogel von dort stammt, ist aber sehr unwahrscheinlich. Um seinen beeindruckenden Balzflug - mit aufgeplustertem Rückengefieder wie eine Hummel über dem Brutrevier brummend umherfliegend - zu genießen, müsste man ihm ganz schnell ein Weibchen besorgen, oder besser gleich drei…

Tahaweber - M.Siebner
Abb. 21: Männlicher Tahaweber am Seeanger. Foto: M. Siebner

Mit diesem skurrilen Unikum schließt der Bericht. Er basiert auf ca. 27.000 Datensätzen, die nahezu ausschließlich unserer Datenbank ornitho.de entstammen. Der Verfasser bedankt sich bei den (hauptsächlichen) BeobachterInnen:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, S. Beisler, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, A. Dahlmann, L. Demand, V. Dierschke, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Feldhoff, M. Fichtler, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, S. Goihl, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, D. Gruber, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, E. Heiseke, O. Henning,D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, G. Köpke, M. Kuschereitz, T. Langer, T. Lepp, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, R. Maares, G. Mackay, T. Matthies, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, T. Orthmann, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, I. Rapp, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, C. Roos, G. Rotzoll, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, R. Schumann, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, M. Sprötge, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, A. Torkler, N. Trottmann, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Wegst, M. Weinhold, C. Weinrich, J. Wermes, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann und viele andere.

Hans H. Dörrie

July 9th, 2016

Das Landesturnfest 2016 - ein Erlebnis der besonderen Art am Göttinger Kiessee

Absperrungen - Erlebnisturnfest
Abb. 1: Absperrungen am Kiessee

Massenevents sind heutzutage durchaus populär und auch legitim, um viele Menschen zu unterhalten und dies mit einem Hobby wie dem Ausüben einer Sportart zu verbinden. Leider wird hierbei nicht immer Rücksicht auf die Natur und ihre Bewohner genommen. Dies war auch beim so genannten „Erlebnis Turnfest“ der Fall, das vom 23. bis 26. Juni mit ca. 20.000 Aktiven und (angeblich) 250.000 Besuchern in Göttingen stattgefunden hat. Der Schwerpunkt der Aktivitäten lag dabei am Kiessee und seiner Umgebung in einem Landschaftsschutzgebiet.

Ursprünglich war die Veranstaltung für den Mai 2016 geplant. An der West- und Ostseite des Kiessees sollten zwei Bühnen errichtet werden, von denen man über einen Ponton übers Wasser hätte wechseln können. In der Dunkelheit sollten illuminierte “Wellness-Inseln” aus Plastik auf dem Wasser zum Verweilen einladen. Diese Planungen konnten von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt in Kooperation mit Natur- und Vogelschützern modifiziert werden. Übrig blieb eine große Bühne auf der Rasenfläche im Osten des Kiessees, wo den Tag über Auftritte von Musikern und anderen Künstlern stattfanden. Der Besucherverkehr war in diesem Bereich am lebhaftesten, während z.B. ein Drachenboot-Rennen erheblich weniger Zuspruch fand.

Die Verlegung auf Ende Juni sollte dem Schutz brütender Vögel dienen, die im Mai besonders aktiv sind. Gleichwohl brüten auch Ende Juni viele Arten noch und füttern ihre Jungen. Der Vorschlag, das Event auf die Zeit ab Ende Juli zu verlegen, stieß bei den Betreibern auf taube Ohren.

Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeiter des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) während des “Erlebnis Turnfests” Untersuchungen zu möglichen Störungen angestellt.

Während der Veranstaltung wurden einige Bäume am Sandweg für einen “Kletterpark” umgewidmet. Um Störungen brütender Vögel zu vermeiden, bekam ein Vogelkundler den Auftrag, die Bäume von einem Hubsteiger aus nach Nestern abzusuchen. In einem Baum befand sich ein Nest, worauf dieser für Kletterer gesperrt blieb. Darüber hinaus wurden keine Nester gefunden, dafür aber jede Menge singende Vögel. Diese Vorgehensweise ist kritisch zu sehen und hat eher Alibi-Charakter. Nester der Wacholderdrossel oder der Rabenkrähe sind in der Regel nicht schwer zu entdecken. Kleine Finkenvögel wie etwa der Birkenzeisig (der am Sandweg brütet) bauen winzige Nester von der Größe eines Überraschungseis. Wenn diese in einer Astgabel im dicht belaubten Kronenbereich platziert werden, sind sie praktisch, Hubsteiger hin oder her, unauffindbar. Dies gilt auch für einen Gartenbaumläufer, der versteckt hinter einer abgeplatzten Rinde sein Nest hat. Die vielen Sänger, die der Gutachter feststellen konnte, haben sich bestimmt nicht nur zum puren Vergnügen in den Bäumen aufgehalten.

Ein weiterer Punkt war der Schutz des Röhrichts im Bereich der Bühne an der Ostseite. Dieses ist ein äußerst wichtiger Lebensraum für viele Vogelarten, unter denen der Teichrohrsänger, der in Göttingen eher selten ist und hier seine größte Population hat, besonders hervorsticht. Teichrohrsänger brüten bis weit in den Sommer. Für Brutvogelarten wie Haubentaucher, Blässhuhn, Teichhuhn und Stockente ist dieser Lebensraum ebenfalls von hoher Bedeutung und erfüllt gerade bei starkem Besucherverkehr oder Wassersportveranstaltungen eine wichtige Schutzfunktion. Deshalb sollte der Röhrichtgürtel mit einem abgedeckten Zaun vor Besuchern geschützt werden. Bei einer Begehung vor und nach dem Fest mussten wir feststellen, dass das Röhricht nicht geschützt war, sondern der Zaun sich auf den baumbestandenen Uferbereich nördlich davon beschränkte. Durch diesen mangelnden Schutz wurde begünstigt, dass eine Schneise ins Schilf getreten wurde.

Röhricht - Erlebnisturnfest
Abb. 2: Schneise im ungeschützten Röhricht

Schäden an der Vegetation wurden auch bei einer Begehung in einem Gehölzbestand im Osten zwischen Kiessee und Flüthegraben festgestellt. Hier wurden Bäume gefällt und Jungwuchs beseitigt. Der Grund für diese Maßnahme bleibt im Dunkeln. Den Boden bedeckte man größtenteils mit Schotter. Am ersten Tag fand das Areal eine Verwendung als Fahrradparkplatz, später wurden dort zwei Generatoren hingestellt. Ob vor dieser Maßnahme eine Untersuchung des ansässigen Brutvogelbestands erfolgte, ist unbekannt.

Gehölz - Erlebnisturnfest
Abb. 3: Ruiniertes Gehölz an der Kiessee-Ostseite

Eine Spezialität unter den Vögeln am Kiessee sind brütende Waldohreulen. Am 18. Juni machten erstmals zwei Jungvögel am Ascherberg durch ihr andauerndes Fiepen auf sich aufmerksam. Sie saßen sehr verlässlich immer am Nordrand des Wäldchens. In der Nacht vom 26. Juni wurde allerdings nur noch ein rufender Jungvogel wahrgenommen. Während des Festes hatte man die Hauptnahrungsfläche der fütternden Altvögel, eine Wiese am Rosdorfer Weg nördlich des Ascherbergs, in einen Parkplatz verwandelt. Die teilweise auch über Nacht dort geparkten Autos und der entsprechende Besucherverkehr übten sicher einen Scheucheffekt auf die Vögel aus. Hinzu trat eine deutliche Abnutzung der Wiese mit breiten, auch durch Regenfälle verursachten Schlammspuren, die auch den Mäusen abträglich war. Die Lebensqualität der brütenden Waldohreulen (und die ihrer Beute) war durch den Parkplatz mit Sicherheit eingeschränkt.

Sehr befremdlich war die Installation eines startbereiten Heißluftballons mit der Aufschrift „Kölln-Flocken“ zu Werbezwecken am 23. Juni. Dies war im Vorfeld nicht abgesprochen, sondern erfolgte offenbar auf Grund einer sehr kurzfristigen Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Göttingen, in dessen Zuständigkeitsbereich sich die Westseite des Kiessees befindet. Konnte man nach der ursprünglichen Planung noch die Hoffnung hegen, dass auf der Westseite eine Art Schutzzone für Gänse auf der Suche nach Nahrung existierte (die Ostseite war für die Vögel nicht mehr nutzbar), wurde man nach der Installation des Ballons eines Schlechteren belehrt: Beim Aufstellen des Riesengeräts flogen sämtliche Enten und Gänse auf und waren sichtlich in Aufruhr. Diejenigen Vögel, die noch keinen flüggen Nachwuchs hatten, versteckten sich so schnell wie es eben ging im Röhricht an der Südseite. Welche Störung und Stresssituation für die Tiere dies darstellte kann man sich ausmalen. Nach einigen Minuten landeten die ersten Tiere wieder auf dem See, mieden aber die Westseite, wo der Ballon aufgeblasen präsentiert wurde (aber seltsamerweise nicht abhob).

Kein Platz für Gänse
Abb. 4: Auch hier kein Platz für Gänse: Heißluftballon an der Westseite

Ebenfalls entgegen der ursprünglichen Planung wurde in der Nacht des 26. Juni ein Feuerwerk gezündet. Auch dieses hatte der Landkreis, dessen Engagement in Sachen Natur- und Artenschutz am Kiessee sich anscheinend in engen Grenzen hält, offenbar kurzfristig genehmigt. Es dauerte nur einige Minuten, sorgte aber in der Tierwelt für viel Aufruhr. Nach der ersten Rakete flogen alle Wasservögel auf. Die Höckerschwäne suchten mit ihren Jungen im südlichen Röhricht Schutz, auch die auf der Insel brütenden Graureiher wurden aufgescheucht. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Vögel, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, auf dem Wasser niederließen. Auf jeden Fall fiel ihre Reaktion auf das Feuerwerk dramatischer aus als bei den vielen Besuchern, die auch von einem N-Joy- Anheizer nicht dazu animiert werden konnten, in laute „Ahh-“, „Uuh-“ oder „Hui“- Rufe auszubrechen…

Knallerei - Erlebnisturnfesta
Abb. 5: Bunte Knallerei im Landschaftsschutzgebiet

Wie ernst man es mit dem Vogelschutz meint, könnten drei Schilder belegen, die der städtische Bauhof am Ascherberg aufgestellt hat. So löblich es ist, Vogelbruten zu schützen: Die Motivation lag eher darin, eine Haftung bei möglichen Personenschäden durch herabfallende Äste oder umstürzende Bäume zu vermeiden. Dabei wird der Ascherberg von den allermeisten Spaziergängern ohnehin gemieden. Ob die Schilder im Zusammenhang mit dem „Erlebnis Turnfest“ angebracht wurden ist unklar.

Warnschild - Erlebnisturnfest
Abb. 6: Warnschild am Ascherberg

So gravierend die Störungen vor allem während des Feuerwerks und durch den Heißluftballon ausgefallen sind: Bei den auffälligen Bruten z.B. von Höckerschwan, Blässhuhn und Graureiher konnten keine durch den Rummel verursachten Verluste dokumentiert werden. Für kleine, versteckt brütende Singvögel ist dies ohnhin kaum nachzuweisen. Das Beispiel einer Grauschnäpper-Brut in einem maroden Nistkasten, die Tag und Nacht einer Disko-Befeuerung in Gestalt einer Warnleuchte ausgesetzt war und dennnoch erfolgreich verlief, zeigt die Anhänglichkeit von Vögeln an ihren Nachwuchs, die auch durch sehr starke menschliche Einwirkungen mit hohem Stresspotential kaum gelockert werden kann.

Diskobeleuchtung - Erlebnisturnfest
Abb. 7: Grauschnäpperbrut im Diskofieber

Fazit:

Bei der Planung und Durchführung des „Erlebnis Turnfests“ wurde auf die Belange des Landschafts-, Natur- und Artenschutzes nur ungenügend Rücksicht genommen. Mit einer Verlegung in den Spätsommer/Herbst hätte viele negative Begleiterscheinungen abgemildert werden können. Derartige Massenveranstaltungen sollten in der Brutzeit der Vögel nicht mehr genehmigt werden, erst recht nicht in einem Landschaftsschutzgebiet. Sollte, wie von der Göttinger Verwaltung vorgeschlagen, der Kiessee aus dem Landschaftsschutz entlassen werden, wären solche Veranstaltungen künftig ohne Auflagen und zu jeder Jahreszeit möglich. Deshalb bleibt als zentrale Forderung zur Bewahrung der Artenvielfalt in Göttingens beliebtestem Naherholungsgebiet: Kein Wegfall des Landschaftsschutzes am Göttinger Kiessee!

Phil Keuschen, unter Mitarbeit von Hans H. Dörrie

Verkehrschaos - Erlebnisturnfest
Abb. 8: Verkehrschaos statt Naherholung

Wiese - Erlebnisturnfest
Abb. 9: Liegewiese nach dem Event

July 4th, 2016

Das Birdrace 2016 in Süd-Niedersachsen

Himmel
Abb. 1: Blauer Himmel ohne Vögel… Foto: M. Siebner

In diesem Jahr gingen am 7. Mai in unserer Region vier Teams an den Start, um in einem Landkreis während 24 Stunden so viele Vogelarten wie möglich zu notieren. Das Wetter war suboptimal: Sonne satt und bis zu 26°C warm, ein gnadenlos blauer Himmel und zu allem Überfluss ein böig auffrischender Ostwind bis Stärke 4. Gleichwohl können sich die Ergebnisse, die auf der Homepage des Dachverbands Deutscher Avifaunisten unter www.dda-web.de im Einzelnen studiert werden können, sehen lassen.

Mit dem Titel des Süd-Niedersachsenmeisters dürfen sich die „Leineuferläufer“ (Silvio Paul, Ole Henning und Severin Racky) schmücken. Sie beackerten den Landkreis Northeim und waren mit 126 Arten sehr erfolgreich (zweitbestes Ergebnis für eine im Northeimer Raum angetretene Formation). Für unsere Datenbank ornitho.de konnten sie 138,60 € einwerben.
Wie vor drei Jahren die „Leinehänflinge“ mietete sich das Team am Vorabend in der Jugendherberge Silberborn ein. Als man um 3:30 Uhr starten wollte, erwies sich die Unterkunft als verschlossen. Zum Glück war sie aber weit weniger gegen einen Ausbruch gesichert als, sagen wir mal, die JVA Rosdorf - an die sie, was Einrichtung und Personal betrifft, durchaus erinnert. Nach einem beherzten Sprung aus dem Fenster konnte sich das Team auf den Weg machen.

Leineuferläufer
Abb. 2: Die „Leineuferläufer“

In den angrenzenden Hochlagen des Sollings balzten Waldschnepfen und Raufußkäuze ungewohnt intensiv. Vom Nachweis eines Sperlingskauzes wurde wohlweislich Abstand genommen, weil nahezu jede Singdrossel die kleine Eule perfekt zu imitieren wusste. Interessanterweise ließ sich kein Erlenzeisig blicken und auch der Fichtenkreuzschnabel trat nur als Einzelvogel in Erscheinung – für diese Nadelwald-Charakterarten scheint 2016 ein schlechtes Jahr zu sein. Die Eichenhudewälder bei Lauenberg wirkten nachgerade spechtleer, doch kam hier immerhin der Waldlaubsänger auf die Liste. Mit Schwarzstorch und, zum ersten Mal bei einem regionalen Birdrace, Tannenhäher konnten zwei charismatische Bonusarten verbucht werden.
Die Leineniederung zwischen Einbeck und Northeim erwies sich als gewohnt artenreich. Zwar glänzte der Einbecker Wanderfalke durch Abwesenheit, doch sorgten Grauschnäpper und Wasseramsel in der Maibockmetropole für eine gewisse Kompensation. Im Leinepolder dümpelte, mit Ausnahme der Spießente, eine artenreiche Entenpalette. Auch bei den Limikolen war die Ausbeute zufrieden stellend. Mit drei Temminckstrandläufern an der Geschiebesperre Hollenstedt kam sogar eine der begehrten Calidris-Arten hinzu. Bei den Rallen herrschte jedoch bedenkliche Ebbe. Sie waren mit Bläss- und Teichhuhn nur mager vertreten. Am Böllestau bei Hollenstedt geriet ein nestbauendes Paar des Zwergtauchers, der in der Region ein seltener Brutvogel ist, ins Visier Als kleine Besonderheiten komplettierten am Freizeitsee Schilfrohrsänger und Fischadler sowie an der Geschiebesperre eine junge Mittelmeermöwe die Liste.

Unter den drei Mannschaften, die im Landkreis Göttingen auf Tour gingen, hatten „Dynamo avigoe“ (Mischa Drüner, Maarten Mooij und Felix Kleemann) mit 116 Arten knapp die Nase vorn. Dies trifft auch auf das Spendenaufkommen von 184,40 € zu.

Schwarzhalstaucher-S.Hillmer
Abb. 3: Schwarzhalstaucher auf dem Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

Das Team startete um 3:20 Uhr an den Schillerwiesen im Göttinger Ostviertel. Dort ließ sich jedoch kein Vogel vernehmen. Ein über das Kerstlingeröder Feld fliegender Erlenzeisig war der einzige seiner Art und ein echter Bonus gegenüber den Mitbewerbern. An Spechten waren dort nur Grauspecht und Wendehals auszumachen, beide Male sehr kurz. Der Wanderfalke konnte erst beim dritten Anlauf (im Reinhäuser Wald) verbucht werden. Glanzlicht des Tages waren gleich drei Brachpieper in der Feldmark nahe dem Großen Leinebusch. In der Göttinger Nordstadt konnte, nach zehn Minuten Wartezeit am Nest, endlich eine Schwanzmeise gesehen werden. Am Seeanger und Seeburger See gerieten im Wesentlichen die Arten ins Blickfeld (Ausnahme: Rotschenkel), derer auch die anderen Mitstreiter ansichtig wurden. Am Lutteranger kamen mit Rohrweihe und Kormoran zwei Arten hinzu, die gegenüber dem folgenden Team, das zum Aufsuchen dieses Supergebiets zu faul war, den Ausschlag gaben.

Das seit 2005 existierende Traditionsteam der „Göttinger Sozialbrachvögel“ (Mathias Siebner, Hans H. Dörrie, Karl Jünemann, Shauna Grasmann und Phil Keuschen) ging durch den Ausfall von zwei exzellenten Beobachtern (wegen einer Familienfeier bzw. ruchloser Fahnenflucht in den Landkreis Rotenburg/Wümme) geschwächt an den Start. Spektakulärer Höhepunkt der Tour, die 114 Arten erbrachte, war kein Vogel, sondern - eine Privataudienz beim Dalai Lama, dem wohl bedeutendsten Denker unserer Zeit. Er weilte für einen Tag inkognito im Eichsfeld, um sich an dessen einzigartiger Atmosphäre zu erfreuen, die von religiöser Inbrunst und einem tiefen Respekt vor der Natur geprägt ist. Die schwer beeindruckten „Sozialbrachvögel“ wurden mit dem Sinnspruch „Jeder Tag in der Natur ist ein guter Tag“ verabschiedet.

Sozialbrachvögel
Abb. 4: Die „Göttinger Sozialbrachvögel“ nach der Erleuchtung

Auch vor dieser denkwürdigen Begegnung lief es (zunächst) prima. Im Bramwald, der gegen 4:30 Uhr erreicht wurde, fehlten von den erwartbaren Arten (u.a. Sperlingskauz, Waldschnepfe und Turteltaube) nur Baumpieper und Erlenzeisig. Doch je wärmer es wurde desto zäher gestaltete sich die Artensuche. Ab 11:00 Uhr stellten die meisten Vögel den Gesang ein; die Rummelkulisse an der Kiesgrube Reinshof und am Kiessee tat ein Übriges. Auch in der Stadt lief es alles andere als rund (kein Wanderfalke, keine Schwanzmeise, die Wasseramsel konnte immerhin auf den letzen Drücker in Bilshausen nachgearbeitet werden). In der Rhumeaue sang für ein paar Sekunden ein Feldschwirl gegen den strammen Wind. An den artenreichen Gebieten Seeanger und Seeburger See traf das Team leicht verspätet ein, konnte aber mit Kleinspecht, Rohrschwirl und einer durchziehenden Weißwangengans als Bonusarten Boden wettmachen. Den versöhnlichen Abschluss setzte eine Schleiereule, die hinter Bodensee auf einem Pfahl an der Straße saß.

Das ambitionierte Nachwuchsteam der „Schweißstörche“ (Mike Kuschereitz, Judith Walz, Sonja Henke, Frauke Helms, David Singer und ein paar mitfahrende Gäste vom Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung) war im zweiten Jahr mit dem Fahrrad unterwegs.

Schwei�störche
Abb. 5: Die „Schweißstörche“

Das Ergebnis von 102 Arten ist sehr beachtlich, zumal das „schöne Wetter“ die Teambezeichnung zusätzlich befeuerte. Für den Landkreis Göttingen konnten Zwergtaucher, Silberreiher, Gelbspötter (im Gartetal) und Trauerschnäpper (neben dem Göttinger Spaßbad) als Bonusarten verbucht werden, die den beiden anderen Teams fehlten. Besonders ärgerlich war das Fehlen der Wasseramsel. Dies (und die Schwierigkeiten der anderen Teams bei der Suche nach ihr) lässt sich aber damit erklären, dass die meisten Jungvögel wohl schon flügge waren und sich mit ihren Eltern weiträumig verteilt hatten. Auf die Suche nach Erlenzeisigen am Rand der Schweckhäuser Wiesen, wo sie bei der Vorerkundung noch gesehen wurden, musste aus Zeitgründen verzichtet werden- schade, aber dieser Nachweis ist aus avifaunistischer Sicht auch ohne Birdrace sehr interessant. In Rosdorf geriet ein Rätselvogel mit rosafarbenen Unterflügeln ins Blickfeld. Nach Literaturrecherche entpuppte er sich als angemalte Zuchttaube, deren absonderliche Färbung angeblich fliegende Beutegreifer abschrecken soll. Der Tourverlauf (70 Kilometer auf und ab) ist wiederum gut dokumentiert und verdeutlicht die Strapazen, die ein unmotorisiertes Rennen im niedersächsischen Bergland mit sich bringt.

Tourverlauf Schweißstörche
Abb. 6: Tourverlauf der „Schweißstörche”. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Sehr positiv war in diesem Jahr der hohe Anteil junger Nachwuchsbeobachter/innen, die sich auf alle Teams verteilten. Und im nächsten Jahr? Gibt es womöglich noch mehr Teams und alles geht wieder von vorne los…

Hans H. Dörrie, unter Mitarbeit von Silvio Paul, Maarten Mooij und David Singer

May 9th, 2016

Der Vogelwinter 2015/16 in Süd-Niedersachsen – mild, kaum Schnee und ein kaltes Intermezzo

Schwarzhalstaucher-V.Hesse
Abb. 1: Winterlicher Schwarzhalstaucher an den Northeimer Kiesteichen.
Foto: V. Hesse

Mit 5,6°C über dem langjährigen Mittel war der Dezember 2015 der wärmste und zweitsonnigste seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen 1881. Auch der Januar 2016 gestaltete sich mild, zumindest in seiner ersten Hälfte. Später ließen Nachtfröste mit bis zu -17°C viele kleinere Stillgewässer vereisen. Der Northeimer Freizeitsee war jedoch niemals komplett zugefroren und wurde zum Magnet für Wasservögel. Im Februar dominierten wieder, in Kombination mit hohen Niederschlägen, milde Temperaturen. Zum Ende des Monats waren weite Flächen im Leinepolder Salzderhelden flach überstaut.

Wer nun, animiert von den Schlagzeilen der Tagespresse, gedacht hatte, dass in unserer Region „die Vogelwelt in diesem Winter verrückt spielt“, „die Zugvögel hier bleiben“ und ähnliches mehr, dürfte von den realen Gegebenheiten enttäuscht gewesen sein. Wie in den meisten anderen Wintern gab es nur vergleichsweise wenige Nachweise ausharrender bzw. spät durchziehender Kurz- und Mittelstreckenzieher: Feldlerchen gerieten lediglich am 3. Dezember (sechs Ind. im Leinepolder) und am 27. Dezember (Einzelvogel in der Feldmark Gerblingerode) in den Blick, im Januar fehlten sie komplett. Das Januaraufkommen ausharrender Kiebitze bestand aus maximal fünf Vögeln an der Geschiebesperre Hollenstedt. Von der Singdrossel liegen nur zwei Beobachtungen vom 9. Dezember am Northeimer Freizeitsee und vom 9. Januar im Leinepolder vor. Ein Vogel am 18. Februar am Rückhaltebecken Gö.-Grone kann bereits dem beginnenden Heimzug zugerechnet werden. Auf dem Campus der Göttinger Nord-Uni verbrachte eine Heckenbraunelle den Winter. Auf den Ruderalflächen am Freizeitsee war sie wie in den Vorjahren mit bis zu fünf Vögeln gut vertreten. Darüber hinaus gibt es aus dem Dezember und Januar (im Februar setzt bereits der Heimzug ein) acht weitere Winterbeobachtungen, darunter die eines Vogels vom 30. Dezember bis 5. Januar in Gö.-Geismar. In den ebenfalls milden Wintern 2013/14 und 2014/15 wurden jeweils zehn Vögel notiert, darunter je zwei bis drei längerfristig ausharrende.

Heckenbraunelle - S.Paul
Abb. 2: Heckenbraunelle am Freizeitsee. Foto: S. Paul

Der Zilpzalp machte sich mit neun bis zehn robusten Vertretern häufiger bemerkbar als in den beiden vorangegangenen Wintern (2014/15 sieben Ind., 2013/14 fünf Ind., darunter ein Überwinterungsaspirant am Northeimer Freizeitsee); gleichwohl hätte ein ungewohnt zahlreiches, den hohen Dezembertemperaturen vermeintlich entsprechendes Ausharren wohl anders ausgesehen. Hinweise auf durchgehende Überwinterungen liegen nicht vor. Die einzige Mönchsgrasmücke wurde am 10. Januar aus Göttingen bekannt. Vom Hausrotschwanz ist eine Überwinterung im Uni-Nordgelände fast lückenlos dokumentiert. Auch im Industriegebiet der Weststadt und auf dem Rosdorfer JVA-Gelände konnte je ein Vogel (1 M., 1 wf. Ind.) die (schneearme) Kälteperiode im Januar überdauern. Drei erfolgreiche Überwinterungen sind aus Göttinger Sicht ohne Präzedenz. Zuvor war es war es Einzelvögeln in wenigen Wintern gelungen, die kalte Jahreszeit schadlos zu verbringen. In der Regel setzen nicht niedrige Temperaturen, sondern Schneefälle den Überwinterungsversuchen ein Ende.
Ungefähr acht überwinternde Gebirgsstelzen (darunter vier bis fünf im Göttinger Stadtgebiet und bis zu zwei an der Geschiebesperre Hollenstedt) lagen im guten Durchschnitt. Bachstelzen harrten im Dezember und Januar nur in geringer einstelliger Zahl aus, das Maximum lieferten sechs Vögel am 21. Januar am Wendebachstau bei Reinhausen. Überwinternde Rohrammern traten im Dezember und Januar praktisch nur an den ehemaligen Tongruben Siekgraben mit bis zu fünf Vögeln in Erscheinung. Gewohnt rar machte sich mit dem Sommergoldhähnchen ein weiterer Kandidat: Am 5. Februar geriet bei Eberhausen ein Einzelvogel in den Blick.
Der Vollständigkeit halber sei vermerkt, dass (nur) ein Paar des Weißstorchs den Winter in der Nähe seines Brutplatzes (Leinepolder) verbrachte. Ab Mitte Februar waren bereits etliche Paare von spanischen Müllkippen oder mit Eintagsküken bestückten Futterstellen in der Rheinebene zurückgekehrt.
Fazit: Der (warme) „Jahrhundertwinter 2015/16“.verlief im süd-niedersächsischen Bergland eher ereignisarm. Von spektakulären Überraschungen keine Spur. Vielmehr bestätigten sich aufs Neue die regionalen Unterschiede bei der Winterverbreitung von Vogelarten, die bereits innerhalb eines Bundeslands (in Niedersachsen z.B. nördlich und südlich der Mittelgebirgsschwelle) gravierend ausfallen, auch in milden Wintern. In den plakativen Verlautbarungen der Tagespresse (und leider auch in Fachpublikationen zum Thema „Vögel und Klimawandel“) fallen sie in schöner Regelmäßigkeit unter den Tisch…

Der Winterbestand des Höckerschwans konzentrierte sich wie üblich auf die Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck, wo er auf ca. 60 Ind. (mit einem geringem Jungvogelanteil von maximal 20 Prozent) taxiert werden konnte. Im Umfeld des Seeburger Sees überwinterten bis zu 19 Ind. (darunter nur ein Jungvogel). Auf der Werra im Göttinger Südkreis hielten sich bis zu 33 Vögel auf.
In der Leineniederung überwinterten maximal 27 Singschwäne (darunter nur zwei Junge und die beiden treuen lettischen Gäste mit den Halsmanschetten 2E22 und 2E94). In der Feldmark Krebeck rastete vom 9. bis 15. Januar eine Familie mit zwei Jungen.

Singschwan - B.Riedel
Abb. 3: Singschwäne an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Eine Ringelgans der dunkelbäuchigen Nominatform war vom 6. bis 9. Februar Glanzlicht der Polder-Avifauna. Von diesem an der Küste überwinternden arktischen Gast liegen weniger als zehn Regionalnachweise vor. Kanadagänse ließen sich - mit maximal sechs Ind. am 16. Februar im Seeanger - den ganzen Winter über bestaunen. Einzelne Weißwangengänse traten am 9. und 10. Januar am Seeanger und am 13. Februar auf dem Northeimer Freizeitsee in Erscheinung.
Am 6. Dezember rasteten am Seeanger zwei Waldsaatgänse offenbar nur kurz. Maximal 3600 Tundrasaatgänse konnten nach dem Kälteeinbruch am 19. Januar am Schlafplatz Geschiebesperre Hollenstedt gezählt werden, später gingen die Zahlen wieder zurück. An diesem Tag hielten sich auch 1300 Blässgänse ebenda auf. Eine ähnlich hohe Zahl wurde am 6. Februar mit 1200 Ind. im Leinepolder notiert.
Nilgänse genossen den milden Winter bis weit in den Januar in hoher Zahl. Maximal 231 Vögel wurden am 9. Dezember in der Feldmark Einbeck gezählt, 130 Ind. am 19. Dezember am Seeanger. Nach dem Kälteeinbruch Mitte Januar sanken die Zahlen merklich.
Winterliche Brandgänse sind nicht mehr annähernd so selten wie früher: Am Seeburger See und Seeanger hielten sich im Januar und Februar über Tage Einzelvögel auf. An der Geschiebesperre Hollenstedt geriet am 13. Februar ebenfalls ein Einzelvogel in den Blick. Gleich vier Ind. hatten sich am 25. Februar im Leinepolder niedergelassen.
Die unvermeidliche Rostgans der Saison hielt sich vom 19. bis 25. Januar an der Geschiebesperre Hollenstedt auf.

Auf dem Obertorteich in Duderstadt schwamm am 30. Dezember ein Mandarinenten-Paar.

Mandarinente - M.Siebner
Abb. 4: Mandarinenten in Duderstadt. Foto: M. Siebner

Der traditionelle Überwinterungsbestand der Pfeifente in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck belief sich auf ca. 120 Ind.
Ein schmuckes Männchen der Kolbenente fand sich am 1. Januar auf dem Seeburger See ein. Vermutlich derselbe Vogel verfügte sich später an die Northeimer Seenplatte, wo er bis zum Ende des Berichtszeitraums anwesend war.
Der Northeimer Freizeitsee war in diesem Winter ungemein vogelreich, besonders nach dem Zufrieren anderer Stillgewässer. Bis zu 280 Tafelenten und bis zu 750 Reiherenten bedeckten das Gewässer mit Höchstzahlen der letzten Jahre.
Am 14. Januar legten zwei Trauerenten auf dem Northeimer Freizeitsee eine offenbar nur kurze Rast ein. Deutlich länger, nämlich vom 8. bis 18. Januar, sagte das Gewässer drei Samtenten zu.
Zwergsäger erreichten am 22. Januar am Northeimer Freizeitsee mit 16 Ind. (1 M., 15 wf. Ind.) und am 20. Februar am Seeburger See mit 17 Ind. (3 M., 14 wf. Ind.) ihre Maxima, wobei zumindest ein Teil der Vögel identisch gewesen sein könnte. Gänsesäger waren am Seeburger See im Januar mit bis zu 120 Vögeln präsent. Am Göttinger Kiessee hielten sich im Dezember bis zu 54 Vögel auf. Um die Weihnachtsfeiertage wurden sie von zwei Kanuten und einem Stehpaddler vertrieben. Anfang Januar wurde (endlich) der Südteil des Gewässers im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Nutzerverbänden und Naturschützern durch eine mit Bojen markierte Leine abgesperrt. Die Zahlen aus dem Dezember wurden aber nicht annähernd wieder erreicht.
Verehrer prächtiger Männchen des Mittelsägers mussten sich am 26. Dezember am Seeburger See und am 6. und 7. Februar am Northeimer Freizeitsee mit einem schlicht gefärbten Vogel begnügen.

Mittelsäger - B.Riedel
Abb. 5: Mittelsäger (mit Gänsesägern) auf dem Northeimer Freizeitsee.
Foto: B. Riedel

Bei der alljährlichen Zählung rufender Rebhühner im Landkreis Göttingen wurden auf 90 Transekten 213 Vögel notiert, etwas weniger als im Vorjahr (238 Ind.). In der Feldmark Diemarden gab es, allerdings nach einem lokalen Rekordjahr, einen Rückgang von 76 auf 39 Rufer, während im Raum Gieboldehausen - Wollbrandshausen und südlich von Ebergötzen Zuwächse (von 29 auf 45 bzw. von 20 auf 41 Ind.) verzeichnet werden konnten.

An der Geschiebesperre Hollenstedt tummelten sich bis zu 23 Zwergtaucher. Am Göttinger Kiessee hielten maximal 14 Ind. bis zum weitgehenden Zufrieren des Gewässers durch. Der Winterbestand im Göttinger Stadtgebiet dürfte mehr als 20 Vögel betragen haben und lag damit im guten Trend der letzten Jahre.
Haubentaucher erreichten am Seeburger See am 25. Dezember mit 54 Ind. ein eher mageres Maximum. Der Northeimer Freizeitsee lag mit maximal 125 Vögeln am 22. Januar in ihrer Gunst deutlich vorn. Am Göttinger Kiessee hielten sich bis zu 16 Ind. auf, die erst mit dem Zufrieren des Gewässers ab Mitte Januar verschwanden. Das ist der höchste Winterbestand der letzten Jahre.
Der ab dem 28. November an der Kiesgrube Reinshof präsente Rothalstaucher war nach dem 6. Dezember weitergezogen.
Am 30. Dezember gerieten an der Geschiebesperre Hollenstedt drei Schwarzhalstaucher in den Blick eines Beobachters. Wesentlich kooperativer und fotogener demonstrierte ein Artgenosse am 17. Februar an den Northeimer Kiesteichen, dass Winterbeobachtungen nicht mehr die große Ausnahme sind wie früher.
Das nennt man wohl einen Doppelschlag: Nachdem am 21. November ein Eistaucher mit kurzer Verweildauer am Seeburger See den dritten Regionalnachweis geliefert hatte, folgte ihm nur sieben Wochen später ein weiterer (Jung-)Vogel. Er hielt sich vom 14. bis 21. Januar am Northeimer Freizeitsee auf (Erstnachweis für den Landkreis Northeim) und zog etliche Beobachter und Fotografen in seinen Bann.

Eistaucher - M.Siebner
Abb. 6: Eistaucher auf dem Northeimer Freizeitsee. Foto: M.Siebner

Im Dezember stieg das Rastvorkommen des Kormorans am Göttinger Kiessee tageweise bis auf 110 Ind. Der eigentliche Winterbestand kann auf ca. 30 bis 50 Vögeln veranschlagt werden. Offenkundig gibt es vermehrte Bestrebungen der Sportangler, an ihrem gut bestückten Freilandaquarium mit dem verhassten Konkurrenten aufzuräumen. Das Ansinnen einer Abschussgenehmigung wurde von der zuständigen Behörde mit Verweis auf den Siedlungsbereich als befriedeter Bezirk abgelehnt. Daraufhin versammelten sich am 27. Februar an der Leine südlich des Flüthewehrs ein paar Bewaffnete - anscheinend mit dem Ziel (überfliegende?) Kormorane zu schießen. Unter den zahlreichen Spaziergängern sorgte der martialische Auftrieb für erhebliche Unruhe. Bald war die Polizei zur Stelle. Um die Mittagszeit löste sich die Partie auf, ohne zum Schuss gekommen zu sein. In Zukunft wird darauf zu achten sein, ob es erneut zu solchen Aktionen kommt.

Einzelne Rohrdommeln konnten sich am 31. Dezember im Leinepolder sowie am 9. Januar jeweils am Seeanger und Seeburger See nicht verstecken.

Rohrdommel - L. Sebesse
Abb. 7: Suchbild mit Rohrdommel vom Seeanger. Foto: L. Sebessse

Vom Schlafplatz des Silberreihers im Leinepolder liegen Maximalzahlen von 124 Ind. (31.12..) bzw. 130 Ind. (6.2.) vor, an den anderen Tagen waren es deutlich weniger. Am Seeburger See und Umgebung waren maximal 25 (26.12.) bzw. 29 Vögel (9.1.) präsent, der reguläre Winterbestand dürfte knapp 20 Vögel betragen haben.

Wie in den meisten Wintern machte sich die Kornweihe eher rar: Es gibt nur zwei Beobachtungen, und zwar aus dem Sollingvorland bei Hilwartshausen am 25. Dezember (K2-M.) sowie am 17. Januar vom Diemardener Berg (K2-Ind.).
Auch das Auftreten des Raufußbussards mit nur einem Nachweis vom 28. Januar im Seeanger (ad. M.) ist, von wenigen Einflugjahren abgesehen, typisch für die Region.
Dies trifft auch auf Winterbeobachtungen des Merlins zu, von denen nur eine am 13. Februar im Leinepolder Salzderhelden (ad. M.) gelang.
Kraniche waren praktisch immer unterwegs. Im Dezember und Januar handelte es sich zumeist um späte Durchzügler (maximal 574 Ind. in mehreren Trupps am 3.1. über Hann. Münden). In der Silvesternacht gerieten nachts ziehende Trupps bei Waake und über der Göttinger Innenstadt unter Raketenbeschuss und verhielten sich entsprechend desorientiert.
Ab Anfang Februar tauchten die ersten Heimzieher auf. Am 6. Februar rasteten immerhin 1900 Ind. im flach überstauten Leinepolder. An vier Tagen Mitte Februar zog wohl die Hauptmasse durch, allerdings wie meist im Frühjahr in der Dunkelheit und daher kaum zu quantifizieren.
Bis zu 800 Blässhühner, die in der Kälteperiode den Northeimer Freizeitsee bedeckten, sind aus regionaler Sicht eine Höchstzahl der letzten Jahre, mehr als doppelt so viele wie sonst.

Kiessee - P.Keuschen
Abb. 8: Am Göttinger Kiessee trotzten über 90 Blässhühner der Kälte.
Foto: P. Keuschen

Der Heimzug der Kiebitze verlief bis zum Ende des Berichtszeitraums eher unauffällig - bis auf den 23. Februar, als beachtliche 1500 Vögel im Leinepolder rasteten. In der Feldmark Reinshof hielten sich Ende Februar bis zu 500 Ind. auf.
Im Leinepolder verbrachten ein bis zwei Große Brachvögel die erste Februarhälfte.
Angesichts der vielen Gefahren, denen Waldschnepfen auf dem Zug ausgesetzt sind, ist es erfreulich ist, dass nur drei Beobachtungen (Ahlsburg, Reinhäuser und Weender Wald) vorliegen. Alle Vögel waren augenscheinlich gesund und munter.
Hauptüberwinterungsgebiet der Bekassine waren die ehemaligen Tongruben Siekgraben, wo bis zu elf Vögel ausharrten. An der Geschiebesperre Hollenstedt gelang, wie in anderen Jahren auch, zwei Waldwasserläufern die Überwinterung.
Am Northeimer Freizeitsee trieben sich im Januar bis zu 48 Sturmmöwen umher. 44 Vögel am 13. Januar an der Kiesgrube Reinshof riechen verdächtig nach einem Lokalrekord.
Am Northeimer Freizeitsee überwinterten zwei Steppenmöwen (1 ad., 1 K2-Ind.). Am Seeburger See bildeten am 14. Dezember vier K1-Vögel das Maximum. Zwei Vögel auf dem Göttinger Kiessee am 5. Januar waren offenkundig verpaart.

Steppenmöwe - S.Hillmer
Abb. 9: Steppenmöwenpaar am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

An der Großen Blöße im Solling ließ sich am 27. Februar ein Sperlingskauz vernehmen.

Den Komfort eines weithin milden Winters konnte der Eisvogel in vollen Zügen genießen. Im Göttinger Siedlungsbereich tauchte er regelmäßig am Leinekanal in der Innenstadt (bis zu zwei Ind.), im Alten Botanischen Garten, am Schwänchenteich im Cheltenham-Park und an den Schillerwiesen auf und sorgte bei interessierten Normalbürger/innen für ungläubiges Staunen und irritierte Anrufe („gibt’s die hier?“).

Vom Raubwürger liegen seit dem 11. Oktober um die 70 Beobachtungen aus vielen Gebieten vor, die ein gutes Jahr indizieren. Die genaue Zahl besetzter Winterreviere muss offen bleiben, kann aber auf mindestens sechs (Leinepolder (2), Kerstlingeröder Feld, Feldmark Geismar, Lengderburg (beringter Vogel, der zu scheu zum Ablesen war!) und Feldmark Seulingen) beziffert werden.

Raubwürger - S.Hörandl
Abb. 10: Beringter Raubwürger an der Lengderburg. Foto: S. Hörandl

Am 28. Februar zogen 160 Saatkrähen über das Göttinger Ostviertel. Ansonsten lagen die Zahlen im einstelligen Bereich.

Am Seeburger See konnten am 26. Dezember zwei Bartmeisen ausgemacht werden, im Leinepolder an zwei Terminen im Januar und Februar bis zu sieben Ind.

Die aus dem Vorbericht bekannte dunkelbäuchige Wasseramsel - Kleinod der Göttinger Innenstadt - hielt es bis zum 27. Januar dort aus. Anfang März tauchte sie (oder ein anderer Vogel?) wieder auf.

Trotz milder Witterung und Schneearmut harrten Wiesenpieper nur in geringer Zahl aus. Mehr als drei Vögel wurden nirgendwo gezählt. Vom Bergpieper gibt es seit dem 8. Oktober 22 Beobachtungen, die bis auf eine (24. November Einzelvogel am Seeanger) alle aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck stammen. Das Maximum wurde am 6. November mit 13 Ind. (Polder I und II) erreicht.

Unter den Finkenvögeln sind bis zu 100 Kernbeißer bemerkenswert, die auf dem Göttinger Stadtfriedhof überwinterten. Seit dem 18. Oktober gerieten nordische „Tompetergimpel“ mit knapp 80 akustischen Wahrnehmungen zu Gehör. Die Gesamtzahl der Vögel, die manchmal in kleinen Trupps oder zusammen mit „normalen“ Gimpeln unterwegs waren, könnte sich auf mehr als 100 Ind. belaufen haben - einsamer Regionalrekord.

Trompetergimpel - M.Göpfert
Abb. 11: Trompetender Gimpel. Foto: M. Göpfert

Vom Girlitz liegt nur die Beobachtung eines am 28. Februar über Gö.-Nikolausberg heimziehenden Vogels vor. Vom zahlreichen Ausharren in einem milden Winter kann (auch) bei dieser thermophilen Art nicht die Rede sein - allerdings wurden in der Vergangenheit die meisten Girlitze in Kältewintern registriert, was ebenfalls nicht ins Bild passt…
Auf dem Göttinger Stadtfriedhof überwinterten bis zu 30 Fichtenkreuzschnäbel, waren aber wie ihre stiernackigen Verwandten mit dem Monsterschnabel oft schwer auszumachen.
Vom Einflug der Erlenzeisige, der sich vor allem in Süddeutschland bemerkbar machte, war in unserer Region nichts zu spüren. Mit der Ausnahme von 150 Ind. am 24. Januar am Göttinger Flüthewehr lagen die Zahlen durchweg im ein- bis zweistelligen Bereich.
Der Stieglitz, „Vogel des Jahres 2016“, ließ sich vom milden Winter nicht übermäßig zum Ausharren verleiten. Der größte der (wenigen) Trupps umfasste am 19. Februar auf dem Göttinger Uni-Campus 50 Vögel.

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 12: Stieglitz. Foto: M. Siebner

Auch der wärmeliebende Bluthänfling zeigte sich wenig geneigt zum Standvogel zu mutieren: Von ihm liegen nur elf Beobachtungen mit maximalen Truppgrößen von 30 bis 35 Vögeln im Northeimer Raum vor. Warum das so ist dürfte klar sein: Was helfen den Finken die schönsten Temperaturen im Plusbereich in Kombination mit wenig Schnee, wenn sie in der glyphosatgetränkten Öde nichts zum Beißen finden? Für das Vertilgen liegen gebliebener Maiskörner sind ihre Schnäbelchen in der Regel zu schwach. Zudem geht die Zahl samenreicher Blühstreifen immer weiter zurück. Auch dies wird beim Bohei um die „immer milderen Winter“ vergessen…

Am Northeimer Freizeitsee überwinterten bis zu 120 Goldammern. Ebenfalls 120 Ind. konnten am 4. Februar in der Feldmark westlich des Leinepolders gezählt werden.

Hans H. Dörrie

Dieser Bericht basiert nahezu ausschließlich auf Daten aus unserer Datenbank ornitho.de. Der Dank des Verfassers geht an:

R. Bayoh, P.H. Barthel, B. Bartsch, K. Beelte, S. Beisler, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, H. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, M. Corsmann, L. Demand, E. Dense, J. Dierschke, V. Dierschke, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Feldhoff, M. Fichtler, M. Göpfert, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, C. Grüneberg, W. Haase, H. Hartung, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, A. Hill, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, E. Höhle, S. Hörandl, S. Holler, R. Hruska, G. Jacobs, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, A. Klamm, F. Kleemann, H. Kobialka, M. Kuschereitz, I. Lilienthal, V. Lipka, G. MacKay, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, S. Minta, M. Mooij, F. Mühlberger, T. Orthmann, M. Otten, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, F. Preusse, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, M. Risch, V. Rösch, C. Roos, G. Rotzoll, W. Scharlau, M. Schleuning, F.-U. Schmidt, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, I. Spittler, M. Sprötge, M. Stange, T. Steiger, T. Stemmler, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Weinrich, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann, S. Zinke und etliche andere.

Eisvogel - P.Keuschen
Abb. 13: Eisvogelweibchen in der Göttinger Innenstadt. Foto: P. Keuschen

March 12th, 2016

Späte Brutzeit und Wegzug 2015 in
Süd-Niedersachsen

Gro�er Brachvogel - M.Siebner
Abb. 1: Limikolen wie dieser Große Brachvogel machten
sich heuer überaus rar. Foto: M. Siebner

„Unser Blut sei nicht mehr der Raben, nicht der mächt’gen Geier Fraß! Erst wenn wir sie vertrieben haben, dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!“ So schmissig klingt es in der letzten Strophe der Internationale. Natürlich ist die Säuberung von Vögeln, die in Wirklichkeit alles andere als unersättliche Vampire sind, in dem ehrwürdigen Kampflied metaphorisch gemeint. Gleichwohl dürften Kommunisten - unter deutschen Vogelkundlern gibt es wenige, unter den Göttinger Fachgenossen wohl nur einen - in diesem Sommer ins Grübeln gekommen sein: Die Sonne brannte verheißungsvoll vom Himmel wie selten zuvor - doch die Schurken und Schergen jeder Couleur waren alle noch da und erfreuten sich bester Gesundheit. Wie kann das sein? Auch für Klimatologen in Erwartung der Apokalypse bot das schöne Wetter Anlass zum Verdruss. Alle anderen aber konnten den warmen Sommer und Herbst 2015 unbeschwert genießen. Bis auf den Oktober, der zur Hälfte bemerkenswert kalt ausfiel, war es immer warm und zumeist trocken. Im Norden der Republik sah es dagegen anders aus. Sogar im November herrschten über Wochen vorfrühlingshafte Temperaturen. Unterbrochen wurde das allgemeine Wohlbehagen allenfalls vom ungewöhnlichen Sommersturm „Zeljko“, der am 25. Juli über Deutschland hinwegfegte. Am 17. August sorgte ein schweres Gewitter für lokale Überschwemmungen im Leinetal südlich von Göttingen. Das langweilige Wetter mit wenig Dynamik in der Vogelwelt ging erst in der letzten November-Dekade mit tageweise winterlichen Temperaturen und gleich drei Sturmtiefs in Folge zu Ende. Kein Wunder also, dass es aus dem Zeitraum von Juli bis November vergleichsweise wenig zu berichten gibt.

Im Seeanger konnte sich auch das zweite Brutpaar des Höckerschwans mit einer Spätbrut (ein Jungvogel) reproduzieren. Das Brutpaar am Göttinger Kiessee sorgte bei Spaziergängern für (teils empört artikulierte) Irritationen. Einer der vier (von ursprünglich fünf) Nachkommen wurde von den Eltern regelmäßig brutal verjagt und verbissen. Dem armen Kerl blieb nur die Flucht ans Ufer, wo er bei Anglern und Passanten Schutz suchte. Trotz der Attacken bemühte er sich immer wieder vergebens um Familienanschluss. Dass Höckerschwäne Jungvögel verstoßen kommt öfter vor. Dabei handelt es sich jedoch zumeist um kranke oder geschwächte Tiere, denen von den Eltern keine Überlebenschancen eingeräumt werden (Birkhead & Perrins 1986). Der betroffene Vogel war aber augenscheinlich keines von beiden und erlangte planmäßig die Flugfähigkeit. Die Gründe für das rabiate Verhalten der Eltern müssen offen bleiben.
Die ersten (drei) Singschwäne, unter ihnen wieder ein in Lettland markierter, trafen am 23. November im Leinepolder Salzderhelden ein. Am 6. November flogen fünf Zwergschwäne über das Gebiet.
Am 23. September rasteten zwei Kanadagänse auf dem Göttinger Kiessee, ein Vogel hielt sich von Ende September bis Mitte Oktober an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Ein aus regionaler Sicht außergewöhnlich kopfstarker Trupp von 38 Weißwangengänsen zog (fotografisch belegt) am 26. Oktober über Fredelsloh nach Südwesten.
Bereits aus dem Vorjahr bekannt ist eine tschechische Graugans mit rotweißem Halsring I29, die sich ab dem 18. Juli an der Geschiebesperre Hollenstedt bemerkbar machte. Ein ebenfalls aus Tschechien stammender Vogel (T48, am 9.6.2012 als diesjähriges Weibchen markiert) traf am 3. September ebenda ein und siedelte ab Mitte Oktober in den Göttinger Süden (Kiessee, Reinshof) um. Eine am 17.6.2014 als Jungvogel in der Nähe des Neusiedler Sees/Fertö markierte ungarische Graugans (gelber Ring H588) zeigte am 3. und 4. September am Kiessee weiteren Zu- bzw. Durchzug aus Osteuropa an.

Graugans - A.Stumpner
Abb. 2: Ein Hauch von Pusztaromantik am Kiessee? Foto: A. Stumpner

Wie üblich legten Nilgänse im Sommer und Herbst ordentlich nach: An der Geschiebesperre Hollenstedt und am nahen Böllestau schlüpften fünf bzw. zwei Kleine, während am Seeanger zwei Paare mit anfangs je drei Kleinen die Zahl erfolgreicher Bruten auf drei erhöhten. Am 23. August tauchte an der Leine nördlich des Flüthewehrs eine Familie mit fünf frisch geschlüpften Jungen auf, die vermutlich in einer der hohen Pappeln nahe der Stegemühle erbrütet worden waren. Wegen der vielfältigen Störungen durch freilaufende Hunde und regen Besucherverkehr waren die Altvögel beständig alarmiert und drückten sich mit dem Nachwuchs scheu am Ufer. Nach fünf Tagen waren die Jungen verschwunden. Besser erging es dem im Frühjahr gescheiterten Paar im Levin-Park, das ab Anfang September drei Junge zum Ausfliegen brachte. Damit liegt, wenn es zu keinen Winterbruten kommt, die Gesamtzahl der regionalen Bruten bei 18. Ein Happy End mit Ausfliegeerfolg konnten jedoch nur zwölf von ihnen vorweisen. Die Zunahme ist offenkundig, verläuft aber alles andere als explosiv. Am traditionellen Rast- und Wegzugplatz an der Geschiebesperre Hollenstedt versammelten sich bereits Anfang September, also ungewöhnlich früh, um die 200 Vögel. Später gingen die Zahlen zurück und erreichten erst ab Anfang Oktober die für diese Jahreszeit typischen ca. 150 bis knapp 200 Ind.
Brandgänse traten nur spärlich als Einzelvögel in Erscheinung, darunter, als lokale Besonderheit, am 26. Juli am Kiessee. Ende November zeigten fünf Ind. am Seeburger See ein unterdurchschnittliches Maximum.

Die Brutsaison der Reiherenten verlief mittelprächtig. Am 14. Juli tauchte auf dem 2800 m² großen Dorfteich in Bodensee ein Weibchen mit acht sehr kleinen Jungen auf. Die Familie war wenig später verschwunden. Wohin, bleibt ein großes Rätsel, denn andere Gewässer nennenswerter Größe sind mehrere Kilometer entfernt. Am Seeanger gab es zwei erfolgreiche Bruten mit insgesamt wohl sieben Küken. Am 21. Juli schlüpften am Göttinger Kiessee sechs Kleine, von denen bereits am Folgetag zwei verschwunden waren. Am 24. Juli schwamm ein Weibchen mit zwei Kleinen auf der Leine am Flüthewehr. Weil die Familie am Kiessee nicht mehr aufzufinden war, kann von einem (nächtlichen?) Umzug über Land ausgegangen werden. Solche wagemutigen Aktionen sind bei Reiherenten durchaus nicht selten. Die beiden verbliebenen Jungvögel erreichten die Selbständigkeit. Ab dem 15. August führte ein weiteres Weibchen auf dem Kiessee fünf Küken, von denen zwei flügge wurden. Am 20. August erschien am Flüthewehr ein Weibchen mit sechs, später nur noch vier bereits recht großen Jungvögeln. Auch diese erreichten, bald mutterlos, die Selbständigkeit - obwohl die Leine ab dem 31. August wegen Reparaturarbeiten am Flüthewehr zum reißenden Strom und das geöffnete Stegemühlen-Wehr zum Sturzbach mutierten. Irgendwie schafften es die gleichermaßen robusten und findigen Kerlchen aber, auf den Flussabschnitt unterhalb der Stegemühle auszuweichen, wo das Wasser ruhiger war. Da stellte sich wieder einmal Bewunderung ein.

Reiherenten - M.Siebner
Abb. 3: Reiherente mit Jungen auf dem Kiessee. Foto: M.Siebner

Zwei weibchenfarbene Schellenten, die bereits am 11. Juli an der Geschiebesperre Hollenstedt auftauchten, stammten, wie vergleichbar frühe Vögel in den Jahren zuvor am Seeburger See, eventuell aus Bruten in Nord-Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt, wo der Bestand zunimmt .
Auch vier junge Gänsesäger ab Anfang Juli könnten, wie in den letzten Sommern ebenda und am Seeburger See, eine Brut in der weiteren Umgebung angezeigt haben. Im September, und damit Wochen vor der regulären Ankunft der Wintergäste, ließen sich bis zu drei adulte Vögel beiderlei Geschlechts beobachten. Gänsesäger weiten ihr Brutareal in Niedersachsen langsam nach Süden aus. Im Heidekreis brüten mittlerweile mindestens drei Paare (Schmidt et al. 2014) und im Landkreis Hildesheim gab es 2014 Hinweise auf eine Brut an der Leine (HVV-Info 2015/1). Der Nachweis eines Junge führenden Weibchens an der Geschiebesperre scheint immer näher zu rücken…
Am 27. November schwamm ein Mittelsäger (wohl K1) in einem Trupp Gänsesäger auf dem Seeburger See.

Von der Wachtel liegen vom 26. April bis 21. August 33 Beobachtungen von 45 bis 48 Vögeln vor (mögliche Doppelzählungen inbegriffen). Die gebietsbezogenen Tagesmaxima kommen vom Diemardener Berg (vier, möglicherweise sogar sieben Ind.) und aus der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen (drei Ind.). Das sind zwar deutlich mehr als im Vorjahr (16 Wahrnehmungen von 17 Ind.), aber ein Einflugjahr sieht anders aus.
In der Feldmark Bernshausen ließen bis zu vier Fasane im August zwei Herzen höher schlagen. Ihre Herkunft ist profaner Natur: Entweder sind sie aus einer Voliere entfleucht oder wurden von einem unbelehrbaren Waidwerker zwecks späterem Abschuss in die Landschaft geschmissen. Auch in der Feldmark zwischen Duderstadt und Ecklingerode tauchten im Spätherbst Fasane auf, von denen die meisten das Weihnachtsfest wohl nicht erleben dürften.

Fasan - L.Söffker
Abb. 4: Fasan nahe dem Lutteranger bei Seeburg. Foto: L. Söffker

Bruten des Zwergtauchers gab es nur am traditionell besetzten Lakenteich im Hochsolling (ein Paar mit mindestens zwei Jungen) und an der Kiesgrube Ballertasche (zwei Paare mit insgesamt mindestens drei Jungen).
Die Brutsaison der Haubentaucher verlief gemischt. An der Geschiebesperre Hollenstedt brütete erstmals seit 2005 ein Paar und brachte einen Jungvogel zum Ausfliegen. An den Northeimer Kiesteichen und den südlich davon gelegenen „Wunderteichen“ gab es Hinweise auf mindestens sechs Bruten. Am Göttinger Kiessee verliefen zwei von (nur) drei Bruten erfolgreich, drei Jungvögel wurden selbständig. Ob mehrere Starkwindphasen zum Beginn der Brutzeit das Ansiedlungsverhalten negativ beeinflusst haben, kann nur vermutet werden. An der Kiesgrube Reinshof konnte zum ersten Mal seit 1998 eine erfolgreiche Brut dokumentiert werden, ein Jungvogel wurde flügge. Am Seeburger See verliefen ca. neun Bruten (davon ca. acht Spätbruten auf Teich- und Seerosenblättern) mit Schlupferfolg (in der Regel mit ein bis zwei Kleinen). An den Thiershäuser Teichen brachte das traditionelle Paar drei Jungvögel hoch.
Wie lange der Aufenthalt eines Rothalstauchers ab dem 28. November auf der Kiesgrube Reinshof währt, wird man sehen.
Vom herbstlichen Einflug des Ohrentauchers mit bemerkenswert vielen Binnenlandnachweisen blieb auch unsere Region nicht unberührt. Am 3. und 4. November hielt sich ein Altvogel an den Northeimer Kiesteichen („Tonnenteich“) auf und vom 6. bis 17. November ein vermutlicher Jungvogel ebenda (diesmal auf dem „Kormoranteich“). Dieser Vogel schien die Gesellschaft von Reiherenten zu suchen. Am 30. November schwamm einer auf dem Großen Freizeitsee. Zwischen der Letztbeobachtung am 17. und der neuerlichen Sichtung liegen immerhin knapp zwei Wochen mit recht hoher Beobachterfrequenz; daher dürfte es sich um einen dritten Vogel handeln, der vielleicht bis in den Winter bleibt.

Ohrentaucher - M.SiebnerOhrentaucher - V.Hesse
Abb. 5: Zwei verschiedene Ohrentaucher an den Northeimer Kiesteichen.
Altvogel unten. Foto: V. Hesse. Diesjähriger Vogel oben. Foto: M. Siebner,

Schwarzhalstaucher ließen sich wie üblich spärlicher beobachten als im Frühling und erreichten am 12. und 26. Juli mit vier Ind. am Seeburger See ein frühes Maximum.

Am 21. November geriet am Seeburger See ein Prachttaucher nur kurz in den Blick dreier Beobachter. Der dritte Eistaucher der Region (nach Vertretern 1990 am Seeburger See und 2010 an der Kiesgrube Reinshof) verhielt sich am selben Tag in einer anderen Ecke des Gewässers wie eine publikumsscheue Diva und wurde nur von zwei (anderen) Beobachtern gesehen (und von einem fotografiert). Der kurze Aufenthalt beider Vögel könnte mit anhaltenden Störungen durch Angler zusammenhängen, die sich seit einiger Zeit bis weit in den Winter erstrecken und nicht selten erst mit dem Zufrieren des Sees zum Erliegen kommen. Gerade Seetaucher versuchen in der Regel, zu den Angelbooten einen möglichst großen Abstand zu halten.

Eistaucher - M.Göpfert
Abb. 6: Eistaucher auf dem Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Ein Sichler zeigte am 10. Oktober im Seeanger den dritten Lokalnachweis dieser Art an - offenbar nur kurz, denn er konnte in den Folgetagen nicht mehr ausgemacht werden.
Am 7. und 22. November machten Rohrdommeln am Schilfgürtel des Seeburger Sees auf sich aufmerksam. Silberreiher waren auch im Juni und Juli im Leinepolder Salzderhelden mit bis zu elf Vögeln anwesend. Damit hat die Art gute Chancen, als ganzjähriger Gastvogel eingestuft zu werden.
Für den Schwarzstorch gestaltete sich die Brutsaison eher gemischt. Im Northeimer Teil des Sollings waren die beiden traditionellen Nester verwaist, dafür gab es anderer Stelle zwei Bruten. Im Norden des Landkreises scheiterte eine Brut (Verlust der Jungen im Mai/Juni), aus einer Spätbrut wurden drei Junge erst Ende August flügge. Im Landkreis Göttingen verliefen die Bruten von zwei alteingesessenen Paaren mit drei bzw. zwei ausgeflogenen Jungstörchen erfolgreich. Dagegen stand das langjährig besetzte Nest im Kaufunger Wald das zweite Jahr in Folge leer. Ein seit kurzem bekanntes Nest an der (bald obsoleten) Grenze zwischen den Landkreisen Göttingen und Osterode ist leider zum beliebten Ziel fotografierender Naturtouristen geworden.

Schwarzstorch - B. Riedel
Abb. 7: Schwarzstorch auf Rast in der Feldmark Hollenstedt. Foto: B. Riedel

Beim Weißstorch lief es besser. Nur das Brutpaar in Wollbrandshausen war nicht mit Nachwuchs gesegnet. Das Nest auf dem Kirchturm in Markoldendorf wurde wegen Instabilität von Naturschützern beseitigt, der Nistplatz mit Draht überspannt. Darüber entbrannte unter Storchenfreunden ein heftiger Streit. Gleichwohl begann das Brutpaar an alter Stelle unverdrossen mit dem Bau einer neuen Bleibe, wich aber letztlich auf eine Nistunterlage im nahen Ellensen aus und brachte dort einen Jungvogel zum Ausfliegen. Das Paar in Wolbrechtshausen, das nach der Neuansiedlung im Vorjahr seine Jungen verloren hatte, konnte in diesem Jahr drei Nachkommen in die Selbständigkeit entlassen. Bei Wollershausen kam es zur Ansiedlung des neunten Göttinger Landkreispaars, die auf Anhieb mit zwei Jungen erfolgreich verlief. Die Brutpaare in Lütgenhausen, in Westerode und bei Seulingen konnte den Totalverlust des Vorjahrs mit jeweils drei, zwei und einem Jungen kompensieren. Mäuse gab es offenkundig genug… Im Leinepolder Salzderhelden scheint das lokale Brutpaar überwintern zu wollen.

Vom 19. August bis 4. Oktober wurden 28 rastende bzw. ziehende Fischadler gesehen, maximal drei Vögel am 7. September an der Geschiebesperre Hollenstedt. Am Seeburger See geriet er an sechs Beobachtungstagen mit insgesamt sieben Vögeln vergleichsweise spärlich ins Blickfeld.
Der Wegzug des Wespenbussards machte sich in, aus regionaler Sicht, recht ordentlichen Zahlen bemerkbar. Vom 25. August bis 3. Oktober zogen insgesamt 251 Vögel über die Region, davon allein 166 am 6. September. Der größte Trupp umfasste an diesem Tag 43 Ind. über der Göttinger Südstadt.

Wespenbussard - V.Lipka
Abb. 8: Ziehender Wespenbussard. Foto: V. Lipka

Am 21. und 22. August hielten sich am Wüsten Berg und Diemardener Berg bis zu zwei Wiesenweihen (ad. W. und diesj. Ind.) auf. Am 3. September zog ein Weibchen ebenda nach Süden.
Die mit einem Sender ausstaffierte finnische Steppenweihe „Potku“ - das heißt auf Deutsch „Fußtritt“, bezeichnet aber auch, aus allochthoner Sicht kaum weniger verstörend, ein abgelegenes Dorf in der Nähe ihres Nistplatzes - verbrachte, aus dem Harzvorland kommend, die Nacht vom 8. auf den 9. September am Rand des Breiten Holzes westlich von Gö.-Elliehausen. Tags darauf flog sie in 12 Stunden ins 400 Kilometer entfernte deutsch-französische Grenzgebiet. Signale des Senders konnten bis zum 4. Oktober aus dem Westen Mauretaniens empfangen werden. Wo sich der Vogel, ein Weibchen, aktuell aufhält ist unklar, möglicherweise bzw. hoffentlich in einem Gebiet mit schlechter GPS-Anbindung. Mehr unter koivu.luomus.fi.
Eine weibliche Rohrweihe , die am 28. und 29. November über dem Seeburger See und Seeanger ihre Kreise zog, ist aus regionaler Sicht als außergewöhnlich spät einzuordnen.
Über den Rast- und Winterbestand der Kornweihe wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
Der Bestand des Rotmilans lag im EU-Vogelschutzgebiet V19 „Unteres Eichsfeld“ wie im Vorjahr bei ca. 28 Revieren. Auch das Scheitern von 30 Prozent der Bruten durch Prädation und ähnliche Vorkommnisse bewegte sich im herkömmlichen Rahmen. Interessanterweise konnten in diesem Jahr bei den Nestern mit Kameras keine plündernden Marder und Waschbären abgelichtet werden, so dass hier als Hauptübeltäter der Habicht infrage kommt.
Am 11. Oktober gab ein immaturer Seeadler der Geschiebesperre Hollenstedt und dem Leinepolder die Ehre.

Seeadler - P. Reus
Abb. 9: Seeadler an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: P. Reus

Für den Berichtszeitraum liegen acht Nachweise wegziehender Merline vor, darunter nur ein als Männchen vermerkter Vogel. Vom bundesweiten Einflug von Rotfußfalken war unsere Region nur marginal betroffen: Am 21. August jagte ein Jungvogel über der Feldmark Behrensen und am 2. September flog ein Männchen über das Flüthewehr bei Göttingen nach Süden. Über der Drachenwiese im Göttinger Süden gingen in der ersten Juli-Dekade wieder bis zu fünf Baumfalken auf die Jagd nach Junikäfern.

Bis dato vollzog sich der Wegzug des Kranichs vor allem im Oktober. Die höchsten Zahlen wurden am 27. mit allein 2238 über die Feldmark Behrensen ziehenden Vögeln erreicht, die regionale Gesamtsumme könnte an diesem Tag bei mehr als 4000 Ind. gelegen haben. Massenzugtage mit mehr als 5000 Vögeln gab es anscheinend (wieder einmal) nicht.
In Göttingen und Umgebung machten sich von September bis November Wasserrallen singulär oft bemerkbar, und zwar an der Leine beim Flüthewehr (9.9.) an der Leine in Höhe des Klärwerks (24.10.), am Rückhaltebecken Grone (28. und 29.10.) und über Wochen bis zu zwei an der Kiesgrube Reinshof und bis zu drei am Kiessee. Passanten werden sich manchmal gefragt haben, wer da im Schilf gerade abgestochen wird…

Wasserralle Quieken - M. Siebner
Was quiekt denn da? Wasserralle am Göttinger Kiessee.

Wasserralle w - M. Siebner
Viel leiserer Ruf eines Weibchens. Aufnahmen: M. Siebner

Im Juli riefen (noch) bis zu fünf Wachtelkönige im Leinepolder Salzderhelden. Von dort stammt auch die einzige Beobachtung eines Tüpfelsumpfhuhns am 8. Oktober.

Mindestens zwei Goldregenpfeifer standen am 13. November in der Feldmark Wollbrandshausen. Ein Einzelvogel flog am 27. November mit 18 Kiebitzen über dem Seeanger umher. Kiebitze traten auf dem Mauser- und Wegzug zumeist in erbärmlich zweistelliger Zahl auf. Am traditionellen Rastplatz in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist, ließen sich am 19. September maximal 175 Ind. zählen.
An der Geschiebesperre Hollenstedt rasteten in der ersten September-Dekade bis zu zwei Sandregenpfeifer. Am 25. August flogen 13 Mornellregenpfeifer über den Diemardener Berg. Rund 20 Ind. taten es ihnen am 30. über der Feldmark südlich Edesheim nach. Insgesamt 33 Vögel sind einsamer Regionalrekord, allerdings mit dem Schönheitsfehler, dass keiner der Vögel es für nötig befunden hat, einen Fuß auf süd-niedersächsischen Boden zu setzen. Frechheit!

Mornellregenpfeifer - L.Söffker
Abb. 10: Mornellregenpfeifer über dem Diemardener Berg. Foto: L. Söffker

Regenbrachvögel gab es im August am 6. (Seeanger), am 21. (Feldmark Thüdinghausen) und am 28. (mindestens ein kichernder Vogel nachts über Gö.-Nikolausberg ziehend). Im Zeitraum vom 28. Juli bis 28. September wurden neun Große Brachvögel gesehen, zumeist als überfliegende Einzelvögel (zwei Ind. am 9. September im Leinepolder).
Von der Waldschnepfe liegen zehn Beobachtungen vor, darunter eine aus dem Juli (Brutzeit) nahe Lutterberg und ein etwas aus dem Rahmen fallender Vogel am 31. Oktober im Göttinger Levin-Park. Zwergschnepfen erreichten im Oktober an einem traditionellen Rastplatz am Göttinger Stadtrand ihr Maximum mit bis zu fünf Ind. Bemerkenswert ist ein Vogel, der Anfang November über Tage an der Geschiebesperre Hollenstedt wie in einer Muckibude unermüdlich vor sich hin pumpte. Nicht viel häufiger als der kleine Vetter war die Bekassine mit maximal 13 Ind. am 6. August im Seeanger.
Vom 20. bis 22. November rastete ein Thorshühnchen (vierter Lokalnachweis) auf dem Seeburger See. Es hielt sich bevorzugt an der vegetationsreichen Auemündung auf und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit am Mittag des 22. von einem Sperber erbeutet. In der Seemitte ohne Ansitzwarten für Beutegreifer wäre es besser aufgehoben gewesen…

Thorshühnchen - M.Siebner
Abb. 11: Thorshühnchen am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Mager waren auch die Maximalzahlen des Flussuferläufers mit jeweils fünf Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt, an der Kiesgrube Reinshof und am Seeburger See. Dunkle Wasserläufer traten nur am Seeanger auf (maximal fünf Ind. am 6.8.). Rotschenkel wurden am 12. Juli und am 7. September an der Geschiebesperre mit einem bzw. zwei Ind. gesehen sowie, als lokale Besonderheit, am 19. August am Göttinger Kiessee. Drei Grünschenkel zeigten am 16. August an der Geschiebesperre ihr Maximum, fünf Waldwasserläufer am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen. Damit verglichen signalisierte die Höchstzahl von 14 Bruchwasserläufern am 14. und 17. August am Seeanger fast einen Masseneinflug. Ungewöhnlich waren aus lokaler Sicht bis zu vier Vögel, die vom 10. bis 22. August auf dem Pflanzenteppich des Kiessees sehr grazil in Blatthühnchenmanier tänzelten.

Bruchwasserläufen - S.Hillmer
Abb. 12: Bruchwasserläufer auf dem Kiessee. Foto: S. Hillmer

Können Kampfläufer so etwas auch? Die maximal acht Vögel am 28. August an der Geschiebesperre gingen wohl eher behäbig zu Werke. Zwei Sichelstrandläufer am 27. August waren unter den Limikolen an der Geschiebesperre die Starvögel. Alpenstrandläufer traten zumeist als Einzelvögel am Seeanger und an der Geschiebesperre auf (dort zwei Ind. am 27. und 28. September).
Das bemerkenswert geringe Auftreten von Watvögeln in diesem Sommer und Herbst erklärt sich unter anderem aus den fehlenden Schlammflächen am Seeanger, wo der Wasserstand trotz allgemeiner Trockenheit hoch war und Eutrophierung mehr denn je alles zuwachsen ließ. Die Bedeutung der Geschiebesperre Hollenstedt als Rastplatz nimmt schon seit Jahren kontinuierlich ab, weil mausernde und rastende Gänsescharen die Ufer und Inselchen bedecken. Zudem könnte der zunehmend waldartige Charakter der Ufervegetation (mit Prädatoren wie dem Habicht auf der Lauer) ihnen den Aufenthalt vergällen. Der Erfolg vieler Arten in den arktischen Brutgebieten fiel offenbar mäßig aus, was ebenfalls zu den niedrigen Zahlen beigetragen hat (Änderung vom 25.12.2015).

Vom 19. bis 27. August demonstrierten bis zu vier junge Zwergmöwen am Seeburger See ihre Flugkünste. Junge Einzelvögel schmückten am 17. August den Seeanger und am 30. August den Göttinger Kiessee.

Zweigmöwe - S.Hillmer
Abb. 13: Junge Zwergmöwe am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

Eine junge Schwarzkopfmöwe zeigte sich bereits am 19. Juli am Seeburger See, ebenfalls jung waren zwei Vögel am 10. August ebenda. Unzeitgemäß war eine am 27. Juli über die Geschiebesperre fliegende adulte Silbermöwe, der kurz darauf sieben unbestimmbare Großmöwen folgten. Steppenmöwen konnten an der Geschiebesperre am 10. September (K1-Vogel) und am 24. September (je ein K1 und K2-Vogel) bestimmt werden. Ein diesjähriger Vogel am 21. November am Seeburger See war nicht ganz astrein und wies Merkmale einer berüchtigten „Larus polonicus“ aus einer der vielen gemischten Großmöwen-Kolonien im östlichen Mitteleuropa auf. Am 18. September zog eine Heringsmöwe (K1) über den Seeanger.

Trauerseeschwalben traten nur am Seeburger See auf und erreichten dort am 13. September mit elf Vögeln ihr Maximum. Flussseeschwalben ließen sich einzeln am Göttinger Kiessee (10. und 15.7.) sowie zu dritt am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen blicken.

Wegen des dramatischen Bestandsrückgangs ist ein singendes Männchen der Turteltaube am 11. Juli bei Nienhagen am Rand des Kaufunger Walds von Belang. Ein Vogel am 16. Juli an der Deponie Blankenhagen bei Moringen fiel auch noch in die Brutzeit. Ein diesjähriges Ind. rastete am 26. Juli in der Feldmark Barterode. In der Nähe des Denkershäuser Teichs hielten sich am 29. August zwei Vögel auf.

Mit der Schleiereule scheint es nach den milden Wintern langsam aufwärts zu gehen. Kreischende Exemplare ließen sich, einzeln oder zu zweit, an den Kirchen in Fredelsloh, Bodensee, Seeburg und Bernshausen vernehmen, desgleichen im südöstlichen Siedlungsbereich von Diemarden. Auch das traditionelle Vorkommen am Rand des Leinepolders konnte bestätigt werden. Von einem zuvor kolportierten Brutvorkommen in Desingerode zeugt (leider nur) ein Verkehrsopfer an der B 446. An der B 27 bei Stockhausen war ebenfalls ein Totfund zu beklagen.
Interessant ist der Fund von Federn und Gewöllen eines Raufußkauzes am 4. Oktober im Bodenhausener Forst südlich von Göttingen. Der Vogel ist mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Prädator zum Opfer gefallen. Ob er auf dem Zug eine (längere?) Rast eingelegt oder gar im Gebiet gebrütet hat, muss offen bleiben. Höhenlage und das Fehlen von Altbuchen mit Schwarzspechthöhlen in dieser öden Fichtenplantage sprechen eher gegen eine Ansiedlung.

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Abb. 14: Federn des Raufußkauzes. Foto: L. Söffker

Von der Ahlsburg (Sollingvorland) gibt es die akustische Wahrnehmung eines Sperlingskauzes am 15. August. Von dort liegt bereits die Beobachtung eines Vogels vom 25. Februar 2014 vor.
In Groß Schneen zeigten drei fiepende Jungvögel der Waldohreule am 6. September eine späte Brut in diesem für die Art sehr erfolgreichen Jahr an. Alles andere als alltäglich ist ein rufender Waldkauz am Friedländer Weg unweit der Göttinger Innenstadt.

Im Göttinger Süden gab es Hinweise auf ein Eisvogelmännchen, das in seinem Revier gleich zwei Weibchen in seinen Bann ziehen konnte. Polygynie kommt bei dieser Art ab und an vor (Bauer et al. 2005). Beide Bruten hatten Schlupferfolg, scheiterten jedoch vermutlich an Prädation oder permanenten Störungen durch allerlei Volk.
Wie dramatisch der Klimawandel bei uns verläuft, belegt die erneute Brut von Bienenfressern im Landkreis Göttingen - nur zwölf Jahre nach dem Jahrhundertsommer 2003. Ein Paar mit einem Helfer brachte mindestens zwei Jungvögel zum Ausfliegen. Am 5. Juli wurde über Ebergötzen mindestens ein rufender Vogel gehört.

Bienenfresser - M.Siebner
Abb. 15: Bienenfresser. Foto: M. Siebner

Vom Wendehals gibt es nur eine Wegzugbeobachtung vom 21. August in Duderstadt.

Die Beobachtung eines Pirols am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen stellt eine der seltenen regionalen Wegzugbeobachtungen dieser Vogelart dar.
Raubwürger sind in diesem Herbst deutlich besser vertreten als im Vorjahr. Eine Übersicht gibt es im Winterbericht. Das klägliche Maximum von ca. 70 Saatkrähen liegt vom 3. November bei Rosdorf vor und betrifft einen nach Südwesten ziehenden Trupp.

Beutelmeisen gerieten vor allem an der Geschiebesperre Hollenstedt (maximal fünf Vögel im Familienverband am 11. Juli), an den Northeimer Kiesteichen und einmal am Seeanger (vier Ind. am 3. Oktober) ins Blickfeld.

Heidelerchen waren auf dem Wegzug mit 17 Vögeln am 25. Oktober am Waldrand bei Gö.-Herberhausen am besten vertreten, ihre Gesamtzahl liegt bei mageren 46 Ind.

Die diesjährige Zählung brütender Uferschwalben erbrachte einen Regionalbestand von 60 Paaren, darunter nur zwei im Landkreis Göttingen. An den Northeimer Kiesteichen hatte sich in einer instabilen Aufschüttung eine neue Kolonie von ca. 18 Paaren etabliert. Dank einer raschen Intervention von Naturschützern blieben die Vögel von der Kiesgewinnung unbehelligt.

Uferschwalbenkolonie - J. Bryant
Abb. 16: Fragiler Brutplatz. Foto: J. Bryant

Bartmeisen machten sich zu zweit am 27. September im Seeanger und (mindestens) zu fünft am 8. Oktober im Leinepolder Salzderhelden bemerkbar.
Von der nordosteuropäischen Nominatform der Schwanzmeise, die sich u.a. durch einen strahlend weißen Kopf, winzige Knopfaugen und einen, wie gemalt, scharf zum Kopf kontrastierenden pechschwarzen Nacken auszeichnet - und die nicht selten mit weißköpfigen Vertretern unserer heimischen Unterart europaeus verwechselt wird! - gibt es nur die buchstäbliche Handvoll glaubhafter bzw. dokumentierter Regionalnachweise. Deshalb ist die Beobachtung von drei Vögeln am 3. November nahe dem Seeburger See bemerkenswert. Am 5. November hielten sich mindestens zwei sehr weißköpfige Schwanzmeisen mit schwarzem Nackenband und kleinen Augen an der Leine bei Bovenden auf. Die beigefügten Fotos könnten sehr wohl die Nominatform betreffen, lassen aber die diagnostischen Merkmale mehr erahnen als erkennen.

Caudatus
Abb. 17: Schwanzmeise mit Merkmalen der Unterart caudatus. Foto: O. Henning

Wegen des starken Bestandsrückgangs ist ein am 15. Juli im Stockhäuser Bruch singender Feldschwirl von Bedeutung. Die einzige Wegzugbeobachtung des Schilfrohrsängers stammt vom 7. September aus der Feldmark südlich Hollenstedt. 23 singende Sumpfrohrsänger auf zwei Kilometer Strecke am 2. Juli in der Feldmark Gladebeck - Parensen sind sehr erfreulich. Wenn es nur überall so wäre…Der aus dem Vorbericht bekannte Drosselrohrsänger war - sollte es immer derselbe Vogel gewesen sein - noch am 18. Juli in der Kiesgrube Ballertasche präsent.

Am 6. Oktober hielt sich an der Geschiebesperre Hollenstedt eine Wasseramsel mit dunklem Bauch auf. Am Leinekanal in der Göttinger Innenstadt präsentiert sich seit Wochen ein zutraulich wirkender Vogel, ebenfalls mit dunklem Bauch. Über die Herkunft dieser Wasseramseln, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht der nordischen Unterart cinclus angehören, ist im Sammelbericht zum Wegzug 2012 schon Einiges gesagt.

Wasseramsel - B. Bartsch
Abb. 18: Wasseramsel im Göttinger Stadtzentrum. Foto: B. Bartsch

Von der Ringdrossel liegt nur eine Beobachtung vom 17. Oktober im Seeanger vor. Braunkehlchen zeigten mit 15 Vertretern am 17. September in der Feldmark Reinshof ein mittlerweile typisches Maximum an, die Zahlen in der Feldmark Gieboldehausen und im Leinepolder lagen mit jeweils zwölf Ind. am 7. bzw. 17. September nur geringfügig darunter. Einzelne Schwarzkehlchen posierten von Ende August bis Anfang Oktober abseits ihrer Brutplätze u.a. am Diemardener Berg, an den Tongruben Siekgraben, in der Feldmark Rittmarshausen und bei Eberhausen (zwei Ind.).
Mit mindestens 19 Ind. erreichten rastende Steinschmätzer am 7. September am Diemardener Berg ein passables Maximum, anderswo waren sie durchweg mit weniger als 10 Ind. vertreten.
Vom 26. August bis 2. September ließen sich am Diemardener Berg und in der Feldmark Sattenhausen insgesamt fünf Brachpieper aufspüren.
Von T. Sacher (Wetteraukreis) vorbildlich dokumentiert - mit Fotos, Tonaufnahmen und Expertisen namhafter Kenner der Art - ist der vierte Regionalnachweis des Strandpiepers. Das Kronjuwel dieses Berichts rastete an einem typischen Datum (22. September) in der Feldmark bei Naensen (Einbeck). Der Aufenthalt an einem Misthaufen, um den sich Pfützen aus einen Gemisch aus Wasser und Jauche gebildet hatten zeigte die arttypisch enge Bindung an Feuchtflächen an, die auch von zwei gleichzeitig anwesenden Gebirgsstelzen geteilt wurde… Vom Strandpieper existiert bis dato nur ein anerkannter Nachweis vom 21. November 1998 aus dem Leinepolder Salzderhhelden (V. Konrad, R. Liebelt in DSK 2002 - am 12.2.2016 nachträglich korrigiert!)). Die beiden Nachweise davor (vgl. Dörrie 2010) datieren fast schon aus grauer Vorzeit und stammen von der Kiesgrube Reinshof (September 1986) und von der Leine zwischen Nörten und Elvese (November 1988). Im niedersächsischen Binnenland nördlich des Harzes tritt der vom Helgoländer Vogelwärter H. Gätke treffend als „ernst und einsam“ charakterisierte Strandpieper etwas häufiger in Erscheinung.

Strandpieper - T.Sacher
Abb. 19: Strandpieper bei Einbeck. Foto: T. Sacher

Am 24. Oktober zogen beeindruckende 184 Kernbeißer über das Kerstlingeröder Feld. Vergleichsweise gute Buchfinken-Wezugtage waren der 4. (knapp 1400 Ind.) und 18. Oktober (knapp 2000 Ind.) ebenda. Das Maximum von knapp 1250 Bergfinken wurde am 21. Oktober erreicht.
Bis dato liegen schon ca. 25 Wahrnehmungen so genannter Trompetergimpel mit mindestens 45 Vögeln (darunter auch einige Mischrufer) vor. Damit gibt es Anzeichen für den stärksten Einflug seit 2004, als sie zum ersten Mal europaweit auf sich aufmerksam machten. Über die Kurische Nehrung (Litauen) zogen Ende Oktober täglich bis zu 800 Trompeter (vgl. www.trektellen.org). Und der Winter hat noch gar nicht begonnen. Woher genau die Vögel stammen ist weiterhin unklar. Einem lesenswerten Bericht westeuropäischer Beobachter, die in den Sommern 2013 bis 2015 an der Außengrenze der Westpaläarktis im Ural patrouillierten (Jones et al. 2015) ist zu entnehmen, dass dort alle Gimpel tröten. Aber kommen unsere Gäste wirklich von so weit her? Und wo verläuft in Russland die Grenze zwischen sanften Flötern und kernigen Trötern?

Trompetergimpel - M.Mooij
So klingt er: Trompetergimpel auf dem Kerstlingeröder Feld.
Aufnahme: M. Mooij. Bitte das Sonagramm anklicken.

Von September bis November traten Girlitze auf dem Wegzug mit weniger als 50 Vögeln (darunter im September sicher auch noch der ein oder andere Brutvogel) in Erscheinung. Im Vorjahr wurden 53 Ind. registriert. Die maximalen Truppgrößen lagen bei erbärmlichen fünf Ind. An den früher gern frequentierten Rastplätzen Tongruben Siekgraben und Kiesgrube Reinshof wurde, trotz guten Nahrungsangebots, keiner gesehen. Und das nach einem sehr warmen, an die mediterrane Ursprungsregion der Vögel erinnernden Sommer, der die Bestände eigentlich hätte wachsen lassen müssen….

Vom 23. bis 25. November rastete eine männliche Schneeammer in der Feldmark südlich Diemarden und gab sich ungewohnt fotogen.

Schneeammer - V.Lipka
Abb. 20: Schneeammer bei Diemarden. Foto: V. Lipka

Damit schließt der Bericht. Der Verfasser dankt allen Beobachterinnen und Beobachtern für ihr eifriges Engagement.

Hans H. Dörrie

Daten lieferten (fast alle für unsere Datenbank Ornitho):

Anonymus (2), R. Bayoh, P.H. Barthel, B. Bartsch, J. Behling, S. Beisler, S. Böhner, M. Borchardt, H. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, J. Collins, K. Conrad, M. Corsmann, A. Dahlmann, L. Demand, V. Dierschke, H. Dörrie, K. Dornieden, W. Dreyer, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Feldhoff, I. Fahne, M. Fichtler, A. Geß, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, E. Höhle, S. Hörandl, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, C. Junge, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, P. Kneser, H. Kobialka, G. Köpke, M. Korn, L. Korossy, M. Kuschereitz, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, G. Mackay, P. Meinecke, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, S. Minta, M. Mooij, F. Mühlberger, M. Olivé, T. Orthmann, M. Otten, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, K. Reiner, P. Reus, B. Riedel, V. Rösch, C. Roos, G. Rotzoll, T. Sacher, M. Schleuning, F.-U. Schmidt, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, M. Schuck, L. Sebesse, M. Seifert, H. Seyer, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, I. Spittler, M. Sprötge, M. Stange, T. Steiger, T. Stemmler, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, J. Thiery, A. Torkler, D. Towers, J. Tupay, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, M. Wagner, S. Wagner, C. Weider, M. Weinhold, C. Weinrich, E. Werling, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann, S. Zinke und etliche andere.

Literatur:

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim

Birkhead, M. & C. Perrins (1986): The Mute Swan. Croom Helm, London.

Schmidt, F.-U., Hellberg, T., Grimm, R. & N. Molzahn (2014): Die Vogelwelt im Heidekreis - eine aktuelle Bestandsaufnahme. Naturkdl. Beitr. Soltau-Fallingbostel 19/20: 1-541.

Deutsche Seltenheitenkommission (DSK) (2002): Seltene Vogelarten in Deutschland 1998. Limicola 16: 113-184.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Jones, J., Monticelli, D. & P.-A. Crochet (2015) : Birding in European Russia : Ural mountains, Yekaterinburg and Orenburg Region. Dutch Birding 37: 302-320.

Erstellung der Sonagramme mit Hilfe “Raven Lite 1.0″, update 22, Cornell Lab of Ornithology, www.birds.cornell.edu

Weidenmeise - M.Siebner
Abb. 21: Weidenmeise am Seeburger See. Foto: M. Siebner

December 1st, 2015

Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016 –
in Süd-Niedersachsen

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 1: Stieglitz mit Nistmaterial. Foto: M. Siebner

Wegen seines bunten Federkleids und der Angewohnheit, in Schwärmen aufzutreten, zählt der quirlige Stieglitz (Carduelis carduelis) zu den bekanntesten heimischen Vögeln. Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand für den Zeitraum 2005-2008 mit einem Mittelwert von ca. 14.000 Paaren angegeben. Für ein 47.000 km² großes Flächenland ist das nicht gerade viel. Der Stieglitz kommt zwar überall vor, die Siedlungsdichte ist jedoch in der Regel gering. In Ballungsgebieten und im ländlichen Siedlungsraum tritt er häufiger auf als in waldreichen Regionen. Auf Bundesebene zeichnet sich nach den Angaben im deutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) ein dauerhaft negativer Trend ab.
Trifft dies auch auf unsere Region zu? Man weiß es nicht… Systematische Erfassungen von Brutbestand und Populationsdynamik liegen Jahre zurück. Das aktuelle Beobachtungsmaterial in unserer Datenbank Ornitho.de mit knapp 1600 Stieglitz-Datensätzen aus den Landkreisen Göttingen und Northeim seit dem Herbst 2011 (Stand Oktober 2015) enthält ganze drei (!) Hinweise auf Bruten mit flüggen Jungvögeln. Steht er damit als Brutvogel vor dem Verschwinden? Wohl kaum. Vielmehr wird deutlich, dass die Eingabe bei Ornitho solide Revierkartierungen nicht ersetzen kann – dies gilt erst recht für die Quantifizierung der Brutbestände häufiger Singvogelarten.
In unserer Region konzentriert sich das Brutvorkommen im Wesentlichen auf die Niederungsgebiete. Bevorzugt werden Baumgruppen und -reihen mit angrenzenden Offenflächen, oft in Gewässernähe. Hier brütet die ursprüngliche Lichtwaldart nicht selten in kleinen Kolonien von bis zu fünf Paaren. Dem „geklumpten“ Vorkommen entspricht, dass geeignet erscheinende Habitate oft unbesiedelt bleiben. Gehölzaufwuchs im Offenland ist der Ansiedlung förderlich, solange der Baumbestand nicht zu dicht und dunkel wird.
Für die ausgehenden 1990er und frühen 2000er Jahre liegen Angaben zu lokalen Bestandszunahmen vor. Im Umfeld des Seeburger Sees z.B. trat der Stieglitz erheblich häufiger auf als in den 1980er Jahren. Gebietsweise kam es zu einer Verdoppelung des Brutbestands (Dörrie 2004). Der Wegfall von Brachen, die Zunahme des Maisanbaus für Agroenergieanlagen und die weitere Chemisierung agrarindustrieller Produktionsflächen könnten in der Folgezeit auch in unserer Region zu einer Trendumkehr beigetragen haben. Bedenklich stimmt, dass bei einer Erfassung der Avizönose von Blüh- und Mahdstreifen (zehn bzw. elf Flächen mit jeweils sechs Begehungen) im Göttinger Ostkreis von April bis Juni 2015 die Art nur viermal mit insgesamt 14 Vertretern gesehen wurde.

Distelfink - M.Siebner
Abb. 2: “Distelfinken” am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

In Göttingen ist der Stieglitz ein alteingesessener Stadtvogel, dessen Populationsgröße typischen Schwankungen unterworfen ist. Nahrungsmangel und verregnete Frühjahre sorgten immer wieder für Bestandsrückgänge, die jedoch in den Folgejahren ausgeglichen wurden. Über die Jahrzehnte konnte der Brutbestand als stabil gelten. Dies legt zumindest die letzte Erfassung im Kerngebiet der Stadt von 2005/2006 nahe (Dörrie 2006). Dabei ist anzumerken, dass Stieglitze im urbanen Siedlungsbereich eher spärlich brüten (z.B. nur ca. 17 Paare im 3,6 km² großen Kerngebiet). Etwas häufiger kommt er in den Grüngürteln und ländlich geprägten Ortsrandlagen vor.
In der Stadt, aber auch in einigen Gewässerauen und im Umfeld des Seeburger Sees brütet der Stieglitz gern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wacholderdrosseln, die ebenfalls kleine Kolonien bilden können. Dies beruht zum einen sicher darauf, dass beide Arten ähnliche Bruthabitate beziehen, zeigt aber auch an, dass der kleine Singvogel gezielt den Schutz der großen Drosseln sucht, die mit Sturzflügen und Kotbomben-Attacken Beutegreifer wie Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher in die Flucht schlagen. Besonders auffällig war dies im Frühjahr 1999, als sich ein Paar Wacholderdrosseln in der Groner Straße (Göttinger Innenstadt) angesiedelt hatte. Dem für diesen vegetationsarmen Bereich ungewöhnlichen Brutpaar folgte prompt ein Stieglitzpaar, das sich in trauter Eintracht neben den Drosseln niederließ. Zur Nahrungssuche flogen beide Arten zum Stadtwall (Dörrie 2000). Das gemeinschaftliche Brüten von Wacholderdrosseln und Stieglitzen (samt Birkenzeisigen und einem Gelbspötterpaar) kann man jährlich ab Mitte Mai mit einiger Verlässlichkeit in der Südwestecke des Kiessees, im Levin-Park und am Parkplatz des Seeburger Sees studieren.

Biogas -M.Siebner
Abb. 3: Versuchsfeld nahe dem Klostergut Reinshof (9. August 2015).
Foto: M. Siebner

Im Herbst verlassen die meisten Stieglitze die Region. Im August/September konzentrieren sie sich vor dem Abflug nach Süden auf Brachen, Stilllegungsflächen und Blühstreifen, wo Disteln, Karden und andere „Unkräuter“ für ein auskömmliches Samenangebot sorgen. Dort können sich in guten Jahren Schwärme von (ausnahmsweise) bis zu 500 Individuen einfinden (Dörrie 2010). Auf der distelreichen Erweiterungsfläche des Naherholungsgebiets Göttinger Kiessee („Meyerwarft“) hielten sich im August 2012 bis zu 200 Vögel auf. Bereits am 15. des Monats war es mit dem Schlaraffenland vorbei, weil die Fläche gemäht wurde.
Es sollte aber noch besser kommen: Anfang September 2015 konnten an einem fünf Hektar großen Versuchsfeld der Uni Göttingen nahe dem Klostergut Reinshof südlich von Göttingen singuläre Rekordzahlen von bis zu 700 Stieglitzen notiert werden. Hier hatte man, als Alternative zum Mais für die Agrogas-Produktion, mit einer bunten Mischung u.a. aus Amarant, Weidelgras, Malven und Durchwachsener Silphie eine Oase mit großer Anziehungskraft für Samenfresser geschaffen. Eindrucksvoll konnte belegt werden, dass eine Alternative zur lebensfeindlichen Monotonie von Maisäckern möglich ist. Die Biomasse lag jedoch, bedingt auch durch die vogelfreundlich späte Ernte, nur bei ca. 20 Prozent dessen, was mit Mais erzielt werden kann (D. Augustin, mdl. Mitt.). Hinzu tritt, dass solche Anpflanzungen wegen der ökonomischen Verwertung der Biomasse nicht auf die für die Landwirtschaft verbindlichen ökologischen Vorrangflächen angerechnet werden können. Damit ist ihr Ausnahmestatus festgeschrieben. Eine Nachbesserung seitens des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums scheint dringend geboten. Desgleichen könnte man über eine spezielle Förderung nachdenken, mit der ökologisch bedingte Mindereinnahmen bei der Agrogasproduktion kompensiert werden. Man muss es nur politisch wollen…
Neben der Vielfalt der Vegetation hat für die geselligen Vögel sicher auch die Größe der Versuchsfläche eine entscheidende Rolle gespielt: Zahlen wie im September 2015 wurden bis dato auf keiner der maximal nur ein bis anderthalb Hektar großen Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts im Landkreis Göttingen erreicht. Deren Zahl ist zudem in den letzten Jahren stark zurückgegangen, steigt aber hoffentlich im Gefolge einer erhöhten Förderung wieder an.

Stieglitzschwarm - M.Siebner
Abb.4: Stieglitzschwarm. Foto: M. Siebner

Im Winter macht sich unser Porträtvogel eher rar. Die Truppgrößen reduzieren sich deutlich auf, in der Regel, zweistellige Zahlen. In der ausgeräumten Agrarlandschaft ist das Nahrungsangebot noch spärlicher als in der warmen Jahreszeit. Als Alternative bieten sich Koniferensamen an. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof können in manchen Wintern Stieglitztrupps beobachtet werden, die zusammen mit Erlenzeisigen und (manchmal) Fichtenkreuzschnäbeln kleine Zapfen vertilgen, bevorzugt an den dort wachsenden Hemlocktannen. Am Göttinger Kiessee und in der südlichen Feldmark Geismar kann man in den meisten Jahren bei einem Winterspaziergang kleine Schwärme beobachten, die sich bevorzugt an Erlen aufhalten. Am bequemsten bekommt der Vogelfreund die munteren Gesellen aber (mit etwas Glück) zu sehen, wenn er in Ortsrandlage lebt und aus der warmen Stube sein Vogelhäuschen inspiziert…

Hans H. Dörrie

Stieglitz im Winter - M.Siebner
Abb. 5: Stieglitz im Winter. Foto: M. Siebner

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2000): Ornithologischer Jahresbericht 1999 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 5: 1-147.
Dörrie, H.-H. (2004): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 9: 4-75.
Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 – 1965 – 2005/2006. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 11: 68-80.
Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de
Gedeon, K. et al (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.
Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Junger Stieglitz - M.Siebner
Abb.6: Junger Stieglitz. Foto: M. Siebner

October 24th, 2015

Naturschutz und Freizeitnutzung am Göttinger Kiessee: ein Schritt vorwärts, zwei zurück?

Reiherenten
Abb. 1: Reiherenten-Weibchen mit Jungen am Kiessee. Foto: M. Siebner

Nach mitunter zähen Verhandlungen konnte unter Vermittlung des früheren Oberbürgermeisters W. Meyer eine Vereinbarung zur zukünftigen Nutzung des Kiessees geschlossen werden (zum Vorverständnis siehe hier). Unterzeichner sind: Stadt Göttingen, Dezernat Bauen und Umwelt (Herr Dienberg), Göttinger Sport und Freizeit GmbH (Herr Frey), Wassersportverein TWG (Herr Hammel), Universitätssport (Herr Bauer), Naturschutzbeauftragte der Stadt (Frau Walbrun), Biologische Schutzgemeinschaft (Herr Joger) und Arbeitskreis Göttinger Ornithologen (Herren Dörrie und Otten). Die Vereinbarung vom 17. Juli 2015 lautet wie folgt:

1) “Der Trainingsbetrieb im Winter wird in der Zeit vom 01.11. bis 15.03. eines jeden Jahres auf dem nördlichen Teil des Sees auf einer Streckenlänge von ca. 500 m ermöglicht.”

Damit entsteht in der südlichen Hälfte eine Ruhezone, die von überwinternden Wasservögeln genutzt werden kann. Obwohl sich Wintergäste gegenüber Störungen in der Regel scheuer verhalten als ansässige Brutvögel, könnten sie schnell spitzkriegen, dass man ihnen in diesem Bereich nicht zu nahe kommt.

2) „Das Umfahren der Vogelschutzinsel soll zukünftig nicht mehr ermöglicht werden. Die Abtrennung soll durch Bojen erfolgen. Im südlichen und im östlichen Bereich des Sees sollen Schilfbereiche gesichert werden. Diese Bereiche sollen möglichst durch Schwimmbalken/-stämme abgetrennt werden.”

Die „verkehrsberuhigte Zone“ um die Insel, auf der zahlreiche Vögel brüten, kann diesen zugute kommen und eventuell auch Neuansiedlungen fördern. Die Schwimmbalken sollen bei Starkwinden und während Regatten als „Wellenbrecher“ der Kräftigung und Ausbreitung des Röhrichtbestands sowie dem Schutz von Schwimmnestern dienen.

3) „Maximal zwei Drachenboote mit einer Länge von bis zu 12,50 m dürfen gleichzeitig auf dem Kiessee fahren. Sie sollen im Rahmen des Schulsports und auch für Sportvereine genutzt werden. Die Boote sollen nach dem Ablegen möglichst in der Mitte des Sees eingesetzt werden. Ein Mindestabstand zum Ufer von 10 m ist während der Fahrt einzuhalten. Trommeln zum Zwecke des Taktgebens dürfen auf dem See nicht eingesetzt werden“.

Die Drachenboote waren den Sportfreunden leider nicht auszureden. Sie versprechen sich von ihrem Einsatz eine Belebung des (nachlassenden) Interesses für Wassersport bei Kindern und Jugendlichen. Ein Testlauf ergab, dass die Fahrt über den kleinen See bereits nach gut einer Minute zu Ende war. Man wird sehen, wie attraktiv diese Eventsportart für den erhofften Nachwuchs wirklich ist.

4) „Die Bootsregatta wird in 2015 am 5./6.06. und in 2016 am 4./5.06. stattfinden. Für die Folgejahre wird versucht, den Termin auf Ende Juni zu verschieben“.

Als Argument gegen ein späteres Datum wurde von den Wassersportlern eine mögliche Algenblüte ins Feld geführt. Dies erklärt auch die etwas schwammige Formulierung „wird versucht“. Ob und wann eine Algenblüte stattfindet, kann jedoch bei der Terminplanung ein Jahr vorher niemand voraussagen. Eine obligatorische Verlegung der Regatta in die letzte Junidekade wäre durchaus möglich, wenn die Paddler bei Bedarf kurz vor Beginn dafür sorgen, dass ihnen keine Algen den Weg versperren. Hier besteht möglicherweise Evaluierungsbedarf (s. Punkt 6).

5) „Die Anliegervereine weisen ihre Mitglieder auf die Belange des Vogelschutzes und die Regelung dieser Vereinbarung in geeigneter Form hin“.
6) „Nach der Sommersaison 2017 bewerten die Vertragspartner die umgesetzten Maßnahmen gemeinsam.“

Bereits im Vorfeld konnte vereinbart werden, dass bei der Bespannung mit Bojen im Vorfeld der Regatta der Schilfbestand nicht betreten wird. Und was ist mit der Kiesseeordnung? Sie wird zur Vermeidung bürokratischer Prozeduren nicht angetastet, bleibt also faktisch in Kraft. Wie heißt es so schön: wo kein Kläger, da kein Richter.
Bei dem Kompromiss sind beide Seiten aufeinander zugegangen und haben die Belange des Anderen als gleichwertig anerkannt. Auch wenn es manchmal knirschte, kann sich das Ergebnis sehen lassen.

Gänsesäger - M.Siebner
Abb. 2: Gänsesäger als Wintergäste am Kiessee. Foto: M. Siebner

Ist die Diskussion damit beendet? Leider nicht. Nächstes Jahr soll am Kiessee und Umgebung das niedersächsische Landesturnfest stattfinden, zu dem Ende Juni 30.000 Besucher/innen erwartet werden. Auf der Wiese an der Ostseite wird eine Bühne errichtet, auf der NDR-Animateure über drei Tage bis in die Nacht für Stimmung sorgen. Als Höhepunkte sind Auftritte der für einen Tag reanimierten „Guano Apes“ und der Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann geplant. Für solche Massenveranstaltungen ist jedes Göttinger Stadion, von denen es einige (auch in der Nähe des Kiessees) gibt, sicher geeigneter. Der Termin fällt zudem in die Brutzeit vieler Vogelarten mit regelmäßigen Zweitbruten. Wenn, wie geplant, Bäume am Sandweg zwischen Kiessee und SVG-Stadion zum Beklettern freigegeben werden, dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit Bruten von Ringeltaube, Wacholderdrossel, Grauschnäpper und anderer Vögel in Mitleidenschaft gezogen werden. Mit den gesetzlichen Vorgaben des Artenschutzes ist so etwas nicht vereinbar. Da wird es von Naturschutzseite noch das ein oder andere Gespräch mit der Genehmigungsbehörde und den Veranstaltern geben. Der besonders geschützte Röhrichtbestand soll zwar speziell gesichert werden, aber ob das bei Tausenden nur wenige Meter entfernten Besuchern, von denen sich erfahrungsgemäß immer einige danebenbenehmen, etwas für Teichrohrsänger und Co. bringt, darf bezweifelt werden.
Doch damit nicht genug: Um den Kiessee in Zukunft problemloser als Eventarena nutzen zu können, betreibt die Verwaltung seine Entlassung aus dem Landschaftsschutzgebiet (LSG). Zudem haben Pläne, an der Ostseite einen Biergarten zu installieren, offenbar wieder an Aktualität gewonnen. Wie beim Golfplatz in Geismar, der faktisch gestorben ist, weil es für ihn dank vielfältiger Gegenaktionen keine politische Mehrheit gibt (vgl. www.golfplatz-goettingen.de) sollen kommunale Erholungsflächen, die allen Bürgerinnen und Bürgern gehören, einer privaten kommerziellen Verwertung übereignet werden.
Bei der Bürgerbeteiligung am zukünftigen Flächennutzungsplan der Stadt stieß die drohende Entlassung aus dem LSG auf einhellige Ablehnung. Ist die Abschaffung des Landschaftsschutzes ausgerechnet für Göttingens vogelartenreichsten Lebensraum nur eine der typischen Göttinger Schnapsideen? Wohl kaum. Wenn mühsam erreichte Verbesserungen zum Schutz der ansässigen Tierwelt gleich wieder zur Disposition gestellt werden, kann dies nur als klarer Affront betrachtet werden. Wir hoffen auf das tatkräftige Engagement aller, denen naturverträgliche Naherholung und Artenschutz am Herzen liegen. Auch die im nächsten Jahr anstehenden Kommunalwahlen bieten dafür einen passenden Resonanzboden. Immerhin haben sich alle antretenden Parteien den „Schutz der Biodiversität“ oder die „Bewahrung der Schöpfung“ auf die Fahne geschrieben…

Hans H. Dörrie & Moritz Otten

Mittelmeermöwe - M.Siebner
Abb. 3: Mittelmeermöwe am Kiessee Foto: M. Siebner

August 31st, 2015

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