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Späte Brutzeit und Wegzug 2015 in
Süd-Niedersachsen

Gro�er Brachvogel - M.Siebner
Abb. 1: Limikolen wie dieser Große Brachvogel machten
sich heuer überaus rar. Foto: M. Siebner

„Unser Blut sei nicht mehr der Raben, nicht der mächt’gen Geier Fraß! Erst wenn wir sie vertrieben haben, dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!“ So schmissig klingt es in der letzten Strophe der Internationale. Natürlich ist die Säuberung von Vögeln, die in Wirklichkeit alles andere als unersättliche Vampire sind, in dem ehrwürdigen Kampflied metaphorisch gemeint. Gleichwohl dürften Kommunisten - unter deutschen Vogelkundlern gibt es wenige, unter den Göttinger Fachgenossen wohl nur einen - in diesem Sommer ins Grübeln gekommen sein: Die Sonne brannte verheißungsvoll vom Himmel wie selten zuvor - doch die Schurken und Schergen jeder Couleur waren alle noch da und erfreuten sich bester Gesundheit. Wie kann das sein? Auch für Klimatologen in Erwartung der Apokalypse bot das schöne Wetter Anlass zum Verdruss. Alle anderen aber konnten den warmen Sommer und Herbst 2015 unbeschwert genießen. Bis auf den Oktober, der zur Hälfte bemerkenswert kalt ausfiel, war es immer warm und zumeist trocken. Im Norden der Republik sah es dagegen anders aus. Sogar im November herrschten über Wochen vorfrühlingshafte Temperaturen. Unterbrochen wurde das allgemeine Wohlbehagen allenfalls vom ungewöhnlichen Sommersturm „Zeljko“, der am 25. Juli über Deutschland hinwegfegte. Am 17. August sorgte ein schweres Gewitter für lokale Überschwemmungen im Leinetal südlich von Göttingen. Das langweilige Wetter mit wenig Dynamik in der Vogelwelt ging erst in der letzten November-Dekade mit tageweise winterlichen Temperaturen und gleich drei Sturmtiefs in Folge zu Ende. Kein Wunder also, dass es aus dem Zeitraum von Juli bis November vergleichsweise wenig zu berichten gibt.

Im Seeanger konnte sich auch das zweite Brutpaar des Höckerschwans mit einer Spätbrut (ein Jungvogel) reproduzieren. Das Brutpaar am Göttinger Kiessee sorgte bei Spaziergängern für (teils empört artikulierte) Irritationen. Einer der vier (von ursprünglich fünf) Nachkommen wurde von den Eltern regelmäßig brutal verjagt und verbissen. Dem armen Kerl blieb nur die Flucht ans Ufer, wo er bei Anglern und Passanten Schutz suchte. Trotz der Attacken bemühte er sich immer wieder vergebens um Familienanschluss. Dass Höckerschwäne Jungvögel verstoßen kommt öfter vor. Dabei handelt es sich jedoch zumeist um kranke oder geschwächte Tiere, denen von den Eltern keine Überlebenschancen eingeräumt werden (Birkhead & Perrins 1986). Der betroffene Vogel war aber augenscheinlich keines von beiden und erlangte planmäßig die Flugfähigkeit. Die Gründe für das rabiate Verhalten der Eltern müssen offen bleiben.
Die ersten (drei) Singschwäne, unter ihnen wieder ein in Lettland markierter, trafen am 23. November im Leinepolder Salzderhelden ein. Am 6. November flogen fünf Zwergschwäne über das Gebiet.
Am 23. September rasteten zwei Kanadagänse auf dem Göttinger Kiessee, ein Vogel hielt sich von Ende September bis Mitte Oktober an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Ein aus regionaler Sicht außergewöhnlich kopfstarker Trupp von 38 Weißwangengänsen zog (fotografisch belegt) am 26. Oktober über Fredelsloh nach Südwesten.
Bereits aus dem Vorjahr bekannt ist eine tschechische Graugans mit rotweißem Halsring I29, die sich ab dem 18. Juli an der Geschiebesperre Hollenstedt bemerkbar machte. Ein ebenfalls aus Tschechien stammender Vogel (T48, am 9.6.2012 als diesjähriges Weibchen markiert) traf am 3. September ebenda ein und siedelte ab Mitte Oktober in den Göttinger Süden (Kiessee, Reinshof) um. Eine am 17.6.2014 als Jungvogel in der Nähe des Neusiedler Sees/Fertö markierte ungarische Graugans (gelber Ring H588) zeigte am 3. und 4. September am Kiessee weiteren Zu- bzw. Durchzug aus Osteuropa an.

Graugans - A.Stumpner
Abb. 2: Ein Hauch von Pusztaromantik am Kiessee? Foto: A. Stumpner

Wie üblich legten Nilgänse im Sommer und Herbst ordentlich nach: An der Geschiebesperre Hollenstedt und am nahen Böllestau schlüpften fünf bzw. zwei Kleine, während am Seeanger zwei Paare mit anfangs je drei Kleinen die Zahl erfolgreicher Bruten auf drei erhöhten. Am 23. August tauchte an der Leine nördlich des Flüthewehrs eine Familie mit fünf frisch geschlüpften Jungen auf, die vermutlich in einer der hohen Pappeln nahe der Stegemühle erbrütet worden waren. Wegen der vielfältigen Störungen durch freilaufende Hunde und regen Besucherverkehr waren die Altvögel beständig alarmiert und drückten sich mit dem Nachwuchs scheu am Ufer. Nach fünf Tagen waren die Jungen verschwunden. Besser erging es dem im Frühjahr gescheiterten Paar im Levin-Park, das ab Anfang September drei Junge zum Ausfliegen brachte. Damit liegt, wenn es zu keinen Winterbruten kommt, die Gesamtzahl der regionalen Bruten bei 18. Ein Happy End mit Ausfliegeerfolg konnten jedoch nur zwölf von ihnen vorweisen. Die Zunahme ist offenkundig, verläuft aber alles andere als explosiv. Am traditionellen Rast- und Wegzugplatz an der Geschiebesperre Hollenstedt versammelten sich bereits Anfang September, also ungewöhnlich früh, um die 200 Vögel. Später gingen die Zahlen zurück und erreichten erst ab Anfang Oktober die für diese Jahreszeit typischen ca. 150 bis knapp 200 Ind.
Brandgänse traten nur spärlich als Einzelvögel in Erscheinung, darunter, als lokale Besonderheit, am 26. Juli am Kiessee. Ende November zeigten fünf Ind. am Seeburger See ein unterdurchschnittliches Maximum.

Die Brutsaison der Reiherenten verlief mittelprächtig. Am 14. Juli tauchte auf dem 2800 m² großen Dorfteich in Bodensee ein Weibchen mit acht sehr kleinen Jungen auf. Die Familie war wenig später verschwunden. Wohin, bleibt ein großes Rätsel, denn andere Gewässer nennenswerter Größe sind mehrere Kilometer entfernt. Am Seeanger gab es zwei erfolgreiche Bruten mit insgesamt wohl sieben Küken. Am 21. Juli schlüpften am Göttinger Kiessee sechs Kleine, von denen bereits am Folgetag zwei verschwunden waren. Am 24. Juli schwamm ein Weibchen mit zwei Kleinen auf der Leine am Flüthewehr. Weil die Familie am Kiessee nicht mehr aufzufinden war, kann von einem (nächtlichen?) Umzug über Land ausgegangen werden. Solche wagemutigen Aktionen sind bei Reiherenten durchaus nicht selten. Die beiden verbliebenen Jungvögel erreichten die Selbständigkeit. Ab dem 15. August führte ein weiteres Weibchen auf dem Kiessee fünf Küken, von denen zwei flügge wurden. Am 20. August erschien am Flüthewehr ein Weibchen mit sechs, später nur noch vier bereits recht großen Jungvögeln. Auch diese erreichten, bald mutterlos, die Selbständigkeit - obwohl die Leine ab dem 31. August wegen Reparaturarbeiten am Flüthewehr zum reißenden Strom und das geöffnete Stegemühlen-Wehr zum Sturzbach mutierten. Irgendwie schafften es die gleichermaßen robusten und findigen Kerlchen aber, auf den Flussabschnitt unterhalb der Stegemühle auszuweichen, wo das Wasser ruhiger war. Da stellte sich wieder einmal Bewunderung ein.

Reiherenten - M.Siebner
Abb. 3: Reiherente mit Jungen auf dem Kiessee. Foto: M.Siebner

Zwei weibchenfarbene Schellenten, die bereits am 11. Juli an der Geschiebesperre Hollenstedt auftauchten, stammten, wie vergleichbar frühe Vögel in den Jahren zuvor am Seeburger See, eventuell aus Bruten in Nord-Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt, wo der Bestand zunimmt .
Auch vier junge Gänsesäger ab Anfang Juli könnten, wie in den letzten Sommern ebenda und am Seeburger See, eine Brut in der weiteren Umgebung angezeigt haben. Im September, und damit Wochen vor der regulären Ankunft der Wintergäste, ließen sich bis zu drei adulte Vögel beiderlei Geschlechts beobachten. Gänsesäger weiten ihr Brutareal in Niedersachsen langsam nach Süden aus. Im Heidekreis brüten mittlerweile mindestens drei Paare (Schmidt et al. 2014) und im Landkreis Hildesheim gab es 2014 Hinweise auf eine Brut an der Leine (HVV-Info 2015/1). Der Nachweis eines Junge führenden Weibchens an der Geschiebesperre scheint immer näher zu rücken…
Am 27. November schwamm ein Mittelsäger (wohl K1) in einem Trupp Gänsesäger auf dem Seeburger See.

Von der Wachtel liegen vom 26. April bis 21. August 33 Beobachtungen von 45 bis 48 Vögeln vor (mögliche Doppelzählungen inbegriffen). Die gebietsbezogenen Tagesmaxima kommen vom Diemardener Berg (vier, möglicherweise sogar sieben Ind.) und aus der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen (drei Ind.). Das sind zwar deutlich mehr als im Vorjahr (16 Wahrnehmungen von 17 Ind.), aber ein Einflugjahr sieht anders aus.
In der Feldmark Bernshausen ließen bis zu vier Fasane im August zwei Herzen höher schlagen. Ihre Herkunft ist profaner Natur: Entweder sind sie aus einer Voliere entfleucht oder wurden von einem unbelehrbaren Waidwerker zwecks späterem Abschuss in die Landschaft geschmissen. Auch in der Feldmark zwischen Duderstadt und Ecklingerode tauchten im Spätherbst Fasane auf, von denen die meisten das Weihnachtsfest wohl nicht erleben dürften.

Fasan - L.Söffker
Abb. 4: Fasan nahe dem Lutteranger bei Seeburg. Foto: L. Söffker

Bruten des Zwergtauchers gab es nur am traditionell besetzten Lakenteich im Hochsolling (ein Paar mit mindestens zwei Jungen) und an der Kiesgrube Ballertasche (zwei Paare mit insgesamt mindestens drei Jungen).
Die Brutsaison der Haubentaucher verlief gemischt. An der Geschiebesperre Hollenstedt brütete erstmals seit 2005 ein Paar und brachte einen Jungvogel zum Ausfliegen. An den Northeimer Kiesteichen und den südlich davon gelegenen „Wunderteichen“ gab es Hinweise auf mindestens sechs Bruten. Am Göttinger Kiessee verliefen zwei von (nur) drei Bruten erfolgreich, drei Jungvögel wurden selbständig. Ob mehrere Starkwindphasen zum Beginn der Brutzeit das Ansiedlungsverhalten negativ beeinflusst haben, kann nur vermutet werden. An der Kiesgrube Reinshof konnte zum ersten Mal seit 1998 eine erfolgreiche Brut dokumentiert werden, ein Jungvogel wurde flügge. Am Seeburger See verliefen ca. neun Bruten (davon ca. acht Spätbruten auf Teich- und Seerosenblättern) mit Schlupferfolg (in der Regel mit ein bis zwei Kleinen). An den Thiershäuser Teichen brachte das traditionelle Paar drei Jungvögel hoch.
Wie lange der Aufenthalt eines Rothalstauchers ab dem 28. November auf der Kiesgrube Reinshof währt, wird man sehen.
Vom herbstlichen Einflug des Ohrentauchers mit bemerkenswert vielen Binnenlandnachweisen blieb auch unsere Region nicht unberührt. Am 3. und 4. November hielt sich ein Altvogel an den Northeimer Kiesteichen („Tonnenteich“) auf und vom 6. bis 17. November ein vermutlicher Jungvogel ebenda (diesmal auf dem „Kormoranteich“). Dieser Vogel schien die Gesellschaft von Reiherenten zu suchen. Am 30. November schwamm einer auf dem Großen Freizeitsee. Zwischen der Letztbeobachtung am 17. und der neuerlichen Sichtung liegen immerhin knapp zwei Wochen mit recht hoher Beobachterfrequenz; daher dürfte es sich um einen dritten Vogel handeln, der vielleicht bis in den Winter bleibt.

Ohrentaucher - M.SiebnerOhrentaucher - V.Hesse
Abb. 5: Zwei verschiedene Ohrentaucher an den Northeimer Kiesteichen.
Altvogel unten. Foto: V. Hesse. Diesjähriger Vogel oben. Foto: M. Siebner,

Schwarzhalstaucher ließen sich wie üblich spärlicher beobachten als im Frühling und erreichten am 12. und 26. Juli mit vier Ind. am Seeburger See ein frühes Maximum.

Am 21. November geriet am Seeburger See ein Prachttaucher nur kurz in den Blick dreier Beobachter. Der dritte Eistaucher der Region (nach Vertretern 1990 am Seeburger See und 2010 an der Kiesgrube Reinshof) verhielt sich am selben Tag in einer anderen Ecke des Gewässers wie eine publikumsscheue Diva und wurde nur von zwei (anderen) Beobachtern gesehen (und von einem fotografiert). Der kurze Aufenthalt beider Vögel könnte mit anhaltenden Störungen durch Angler zusammenhängen, die sich seit einiger Zeit bis weit in den Winter erstrecken und nicht selten erst mit dem Zufrieren des Sees zum Erliegen kommen. Gerade Seetaucher versuchen in der Regel, zu den Angelbooten einen möglichst großen Abstand zu halten.

Eistaucher - M.Göpfert
Abb. 6: Eistaucher auf dem Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Ein Sichler zeigte am 10. Oktober im Seeanger den dritten Lokalnachweis dieser Art an - offenbar nur kurz, denn er konnte in den Folgetagen nicht mehr ausgemacht werden.
Am 7. und 22. November machten Rohrdommeln am Schilfgürtel des Seeburger Sees auf sich aufmerksam. Silberreiher waren auch im Juni und Juli im Leinepolder Salzderhelden mit bis zu elf Vögeln anwesend. Damit hat die Art gute Chancen, als ganzjähriger Gastvogel eingestuft zu werden.
Für den Schwarzstorch gestaltete sich die Brutsaison eher gemischt. Im Northeimer Teil des Sollings waren die beiden traditionellen Nester verwaist, dafür gab es anderer Stelle zwei Bruten. Im Norden des Landkreises scheiterte eine Brut (Verlust der Jungen im Mai/Juni), aus einer Spätbrut wurden drei Junge erst Ende August flügge. Im Landkreis Göttingen verliefen die Bruten von zwei alteingesessenen Paaren mit drei bzw. zwei ausgeflogenen Jungstörchen erfolgreich. Dagegen stand das langjährig besetzte Nest im Kaufunger Wald das zweite Jahr in Folge leer. Ein seit kurzem bekanntes Nest an der (bald obsoleten) Grenze zwischen den Landkreisen Göttingen und Osterode ist leider zum beliebten Ziel fotografierender Naturtouristen geworden.

Schwarzstorch - B. Riedel
Abb. 7: Schwarzstorch auf Rast in der Feldmark Hollenstedt. Foto: B. Riedel

Beim Weißstorch lief es besser. Nur das Brutpaar in Wollbrandshausen war nicht mit Nachwuchs gesegnet. Das Nest auf dem Kirchturm in Markoldendorf wurde wegen Instabilität von Naturschützern beseitigt, der Nistplatz mit Draht überspannt. Darüber entbrannte unter Storchenfreunden ein heftiger Streit. Gleichwohl begann das Brutpaar an alter Stelle unverdrossen mit dem Bau einer neuen Bleibe, wich aber letztlich auf eine Nistunterlage im nahen Ellensen aus und brachte dort einen Jungvogel zum Ausfliegen. Das Paar in Wolbrechtshausen, das nach der Neuansiedlung im Vorjahr seine Jungen verloren hatte, konnte in diesem Jahr drei Nachkommen in die Selbständigkeit entlassen. Bei Wollershausen kam es zur Ansiedlung des neunten Göttinger Landkreispaars, die auf Anhieb mit zwei Jungen erfolgreich verlief. Die Brutpaare in Lütgenhausen, in Westerode und bei Seulingen konnte den Totalverlust des Vorjahrs mit jeweils drei, zwei und einem Jungen kompensieren. Mäuse gab es offenkundig genug… Im Leinepolder Salzderhelden scheint das lokale Brutpaar überwintern zu wollen.

Vom 19. August bis 4. Oktober wurden 28 rastende bzw. ziehende Fischadler gesehen, maximal drei Vögel am 7. September an der Geschiebesperre Hollenstedt. Am Seeburger See geriet er an sechs Beobachtungstagen mit insgesamt sieben Vögeln vergleichsweise spärlich ins Blickfeld.
Der Wegzug des Wespenbussards machte sich in, aus regionaler Sicht, recht ordentlichen Zahlen bemerkbar. Vom 25. August bis 3. Oktober zogen insgesamt 251 Vögel über die Region, davon allein 166 am 6. September. Der größte Trupp umfasste an diesem Tag 43 Ind. über der Göttinger Südstadt.

Wespenbussard - V.Lipka
Abb. 8: Ziehender Wespenbussard. Foto: V. Lipka

Am 21. und 22. August hielten sich am Wüsten Berg und Diemardener Berg bis zu zwei Wiesenweihen (ad. W. und diesj. Ind.) auf. Am 3. September zog ein Weibchen ebenda nach Süden.
Die mit einem Sender ausstaffierte finnische Steppenweihe „Potku“ - das heißt auf Deutsch „Fußtritt“, bezeichnet aber auch, aus allochthoner Sicht kaum weniger verstörend, ein abgelegenes Dorf in der Nähe ihres Nistplatzes - verbrachte, aus dem Harzvorland kommend, die Nacht vom 8. auf den 9. September am Rand des Breiten Holzes westlich von Gö.-Elliehausen. Tags darauf flog sie in 12 Stunden ins 400 Kilometer entfernte deutsch-französische Grenzgebiet. Signale des Senders konnten bis zum 4. Oktober aus dem Westen Mauretaniens empfangen werden. Wo sich der Vogel, ein Weibchen, aktuell aufhält ist unklar, möglicherweise bzw. hoffentlich in einem Gebiet mit schlechter GPS-Anbindung. Mehr unter koivu.luomus.fi.
Eine weibliche Rohrweihe , die am 28. und 29. November über dem Seeburger See und Seeanger ihre Kreise zog, ist aus regionaler Sicht als außergewöhnlich spät einzuordnen.
Über den Rast- und Winterbestand der Kornweihe wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
Der Bestand des Rotmilans lag im EU-Vogelschutzgebiet V19 „Unteres Eichsfeld“ wie im Vorjahr bei ca. 28 Revieren. Auch das Scheitern von 30 Prozent der Bruten durch Prädation und ähnliche Vorkommnisse bewegte sich im herkömmlichen Rahmen. Interessanterweise konnten in diesem Jahr bei den Nestern mit Kameras keine plündernden Marder und Waschbären abgelichtet werden, so dass hier als Hauptübeltäter der Habicht infrage kommt.
Am 11. Oktober gab ein immaturer Seeadler der Geschiebesperre Hollenstedt und dem Leinepolder die Ehre.

Seeadler - P. Reus
Abb. 9: Seeadler an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: P. Reus

Für den Berichtszeitraum liegen acht Nachweise wegziehender Merline vor, darunter nur ein als Männchen vermerkter Vogel. Vom bundesweiten Einflug von Rotfußfalken war unsere Region nur marginal betroffen: Am 21. August jagte ein Jungvogel über der Feldmark Behrensen und am 2. September flog ein Männchen über das Flüthewehr bei Göttingen nach Süden. Über der Drachenwiese im Göttinger Süden gingen in der ersten Juli-Dekade wieder bis zu fünf Baumfalken auf die Jagd nach Junikäfern.

Bis dato vollzog sich der Wegzug des Kranichs vor allem im Oktober. Die höchsten Zahlen wurden am 27. mit allein 2238 über die Feldmark Behrensen ziehenden Vögeln erreicht, die regionale Gesamtsumme könnte an diesem Tag bei mehr als 4000 Ind. gelegen haben. Massenzugtage mit mehr als 5000 Vögeln gab es anscheinend (wieder einmal) nicht.
In Göttingen und Umgebung machten sich von September bis November Wasserrallen singulär oft bemerkbar, und zwar an der Leine beim Flüthewehr (9.9.) an der Leine in Höhe des Klärwerks (24.10.), am Rückhaltebecken Grone (28. und 29.10.) und über Wochen bis zu zwei an der Kiesgrube Reinshof und bis zu drei am Kiessee. Passanten werden sich manchmal gefragt haben, wer da im Schilf gerade abgestochen wird…

Wasserralle Quieken - M. Siebner
Was quiekt denn da? Wasserralle am Göttinger Kiessee.

Wasserralle w - M. Siebner
Viel leiserer Ruf eines Weibchens. Aufnahmen: M. Siebner

Im Juli riefen (noch) bis zu fünf Wachtelkönige im Leinepolder Salzderhelden. Von dort stammt auch die einzige Beobachtung eines Tüpfelsumpfhuhns am 8. Oktober.

Mindestens zwei Goldregenpfeifer standen am 13. November in der Feldmark Wollbrandshausen. Ein Einzelvogel flog am 27. November mit 18 Kiebitzen über dem Seeanger umher. Kiebitze traten auf dem Mauser- und Wegzug zumeist in erbärmlich zweistelliger Zahl auf. Am traditionellen Rastplatz in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist, ließen sich am 19. September maximal 175 Ind. zählen.
An der Geschiebesperre Hollenstedt rasteten in der ersten September-Dekade bis zu zwei Sandregenpfeifer. Am 25. August flogen 13 Mornellregenpfeifer über den Diemardener Berg. Rund 20 Ind. taten es ihnen am 30. über der Feldmark südlich Edesheim nach. Insgesamt 33 Vögel sind einsamer Regionalrekord, allerdings mit dem Schönheitsfehler, dass keiner der Vögel es für nötig befunden hat, einen Fuß auf süd-niedersächsischen Boden zu setzen. Frechheit!

Mornellregenpfeifer - L.Söffker
Abb. 10: Mornellregenpfeifer über dem Diemardener Berg. Foto: L. Söffker

Regenbrachvögel gab es im August am 6. (Seeanger), am 21. (Feldmark Thüdinghausen) und am 28. (mindestens ein kichernder Vogel nachts über Gö.-Nikolausberg ziehend). Im Zeitraum vom 28. Juli bis 28. September wurden neun Große Brachvögel gesehen, zumeist als überfliegende Einzelvögel (zwei Ind. am 9. September im Leinepolder).
Von der Waldschnepfe liegen zehn Beobachtungen vor, darunter eine aus dem Juli (Brutzeit) nahe Lutterberg und ein etwas aus dem Rahmen fallender Vogel am 31. Oktober im Göttinger Levin-Park. Zwergschnepfen erreichten im Oktober an einem traditionellen Rastplatz am Göttinger Stadtrand ihr Maximum mit bis zu fünf Ind. Bemerkenswert ist ein Vogel, der Anfang November über Tage an der Geschiebesperre Hollenstedt wie in einer Muckibude unermüdlich vor sich hin pumpte. Nicht viel häufiger als der kleine Vetter war die Bekassine mit maximal 13 Ind. am 6. August im Seeanger.
Vom 20. bis 22. November rastete ein Thorshühnchen (vierter Lokalnachweis) auf dem Seeburger See. Es hielt sich bevorzugt an der vegetationsreichen Auemündung auf und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit am Mittag des 22. von einem Sperber erbeutet. In der Seemitte ohne Ansitzwarten für Beutegreifer wäre es besser aufgehoben gewesen…

Thorshühnchen - M.Siebner
Abb. 11: Thorshühnchen am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Mager waren auch die Maximalzahlen des Flussuferläufers mit jeweils fünf Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt, an der Kiesgrube Reinshof und am Seeburger See. Dunkle Wasserläufer traten nur am Seeanger auf (maximal fünf Ind. am 6.8.). Rotschenkel wurden am 12. Juli und am 7. September an der Geschiebesperre mit einem bzw. zwei Ind. gesehen sowie, als lokale Besonderheit, am 19. August am Göttinger Kiessee. Drei Grünschenkel zeigten am 16. August an der Geschiebesperre ihr Maximum, fünf Waldwasserläufer am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen. Damit verglichen signalisierte die Höchstzahl von 14 Bruchwasserläufern am 14. und 17. August am Seeanger fast einen Masseneinflug. Ungewöhnlich waren aus lokaler Sicht bis zu vier Vögel, die vom 10. bis 22. August auf dem Pflanzenteppich des Kiessees sehr grazil in Blatthühnchenmanier tänzelten.

Bruchwasserläufen - S.Hillmer
Abb. 12: Bruchwasserläufer auf dem Kiessee. Foto: S. Hillmer

Können Kampfläufer so etwas auch? Die maximal acht Vögel am 28. August an der Geschiebesperre gingen wohl eher behäbig zu Werke. Zwei Sichelstrandläufer am 27. August waren unter den Limikolen an der Geschiebesperre die Starvögel. Alpenstrandläufer traten zumeist als Einzelvögel am Seeanger und an der Geschiebesperre auf (dort zwei Ind. am 27. und 28. September).
Das bemerkenswert geringe Auftreten von Watvögeln in diesem Sommer und Herbst erklärt sich unter anderem aus den fehlenden Schlammflächen am Seeanger, wo der Wasserstand trotz allgemeiner Trockenheit hoch war und Eutrophierung mehr denn je alles zuwachsen ließ. Die Bedeutung der Geschiebesperre Hollenstedt als Rastplatz nimmt schon seit Jahren kontinuierlich ab, weil mausernde und rastende Gänsescharen die Ufer und Inselchen bedecken. Zudem könnte der zunehmend waldartige Charakter der Ufervegetation (mit Prädatoren wie dem Habicht auf der Lauer) ihnen den Aufenthalt vergällen. Der Erfolg vieler Arten in den arktischen Brutgebieten fiel offenbar mäßig aus, was ebenfalls zu den niedrigen Zahlen beigetragen hat (Änderung vom 25.12.2015).

Vom 19. bis 27. August demonstrierten bis zu vier junge Zwergmöwen am Seeburger See ihre Flugkünste. Junge Einzelvögel schmückten am 17. August den Seeanger und am 30. August den Göttinger Kiessee.

Zweigmöwe - S.Hillmer
Abb. 13: Junge Zwergmöwe am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

Eine junge Schwarzkopfmöwe zeigte sich bereits am 19. Juli am Seeburger See, ebenfalls jung waren zwei Vögel am 10. August ebenda. Unzeitgemäß war eine am 27. Juli über die Geschiebesperre fliegende adulte Silbermöwe, der kurz darauf sieben unbestimmbare Großmöwen folgten. Steppenmöwen konnten an der Geschiebesperre am 10. September (K1-Vogel) und am 24. September (je ein K1 und K2-Vogel) bestimmt werden. Ein diesjähriger Vogel am 21. November am Seeburger See war nicht ganz astrein und wies Merkmale einer berüchtigten „Larus polonicus“ aus einer der vielen gemischten Großmöwen-Kolonien im östlichen Mitteleuropa auf. Am 18. September zog eine Heringsmöwe (K1) über den Seeanger.

Trauerseeschwalben traten nur am Seeburger See auf und erreichten dort am 13. September mit elf Vögeln ihr Maximum. Flussseeschwalben ließen sich einzeln am Göttinger Kiessee (10. und 15.7.) sowie zu dritt am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen blicken.

Wegen des dramatischen Bestandsrückgangs ist ein singendes Männchen der Turteltaube am 11. Juli bei Nienhagen am Rand des Kaufunger Walds von Belang. Ein Vogel am 16. Juli an der Deponie Blankenhagen bei Moringen fiel auch noch in die Brutzeit. Ein diesjähriges Ind. rastete am 26. Juli in der Feldmark Barterode. In der Nähe des Denkershäuser Teichs hielten sich am 29. August zwei Vögel auf.

Mit der Schleiereule scheint es nach den milden Wintern langsam aufwärts zu gehen. Kreischende Exemplare ließen sich, einzeln oder zu zweit, an den Kirchen in Fredelsloh, Bodensee, Seeburg und Bernshausen vernehmen, desgleichen im südöstlichen Siedlungsbereich von Diemarden. Auch das traditionelle Vorkommen am Rand des Leinepolders konnte bestätigt werden. Von einem zuvor kolportierten Brutvorkommen in Desingerode zeugt (leider nur) ein Verkehrsopfer an der B 446. An der B 27 bei Stockhausen war ebenfalls ein Totfund zu beklagen.
Interessant ist der Fund von Federn und Gewöllen eines Raufußkauzes am 4. Oktober im Bodenhausener Forst südlich von Göttingen. Der Vogel ist mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Prädator zum Opfer gefallen. Ob er auf dem Zug eine (längere?) Rast eingelegt oder gar im Gebiet gebrütet hat, muss offen bleiben. Höhenlage und das Fehlen von Altbuchen mit Schwarzspechthöhlen in dieser öden Fichtenplantage sprechen eher gegen eine Ansiedlung.

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Abb. 14: Federn des Raufußkauzes. Foto: L. Söffker

Von der Ahlsburg (Sollingvorland) gibt es die akustische Wahrnehmung eines Sperlingskauzes am 15. August. Von dort liegt bereits die Beobachtung eines Vogels vom 25. Februar 2014 vor.
In Groß Schneen zeigten drei fiepende Jungvögel der Waldohreule am 6. September eine späte Brut in diesem für die Art sehr erfolgreichen Jahr an. Alles andere als alltäglich ist ein rufender Waldkauz am Friedländer Weg unweit der Göttinger Innenstadt.

Im Göttinger Süden gab es Hinweise auf ein Eisvogelmännchen, das in seinem Revier gleich zwei Weibchen in seinen Bann ziehen konnte. Polygynie kommt bei dieser Art ab und an vor (Bauer et al. 2005). Beide Bruten hatten Schlupferfolg, scheiterten jedoch vermutlich an Prädation oder permanenten Störungen durch allerlei Volk.
Wie dramatisch der Klimawandel bei uns verläuft, belegt die erneute Brut von Bienenfressern im Landkreis Göttingen - nur zwölf Jahre nach dem Jahrhundertsommer 2003. Ein Paar mit einem Helfer brachte mindestens zwei Jungvögel zum Ausfliegen. Am 5. Juli wurde über Ebergötzen mindestens ein rufender Vogel gehört.

Bienenfresser - M.Siebner
Abb. 15: Bienenfresser. Foto: M. Siebner

Vom Wendehals gibt es nur eine Wegzugbeobachtung vom 21. August in Duderstadt.

Die Beobachtung eines Pirols am 31. Juli an den Northeimer Kiesteichen stellt eine der seltenen regionalen Wegzugbeobachtungen dieser Vogelart dar.
Raubwürger sind in diesem Herbst deutlich besser vertreten als im Vorjahr. Eine Übersicht gibt es im Winterbericht. Das klägliche Maximum von ca. 70 Saatkrähen liegt vom 3. November bei Rosdorf vor und betrifft einen nach Südwesten ziehenden Trupp.

Beutelmeisen gerieten vor allem an der Geschiebesperre Hollenstedt (maximal fünf Vögel im Familienverband am 11. Juli), an den Northeimer Kiesteichen und einmal am Seeanger (vier Ind. am 3. Oktober) ins Blickfeld.

Heidelerchen waren auf dem Wegzug mit 17 Vögeln am 25. Oktober am Waldrand bei Gö.-Herberhausen am besten vertreten, ihre Gesamtzahl liegt bei mageren 46 Ind.

Die diesjährige Zählung brütender Uferschwalben erbrachte einen Regionalbestand von 60 Paaren, darunter nur zwei im Landkreis Göttingen. An den Northeimer Kiesteichen hatte sich in einer instabilen Aufschüttung eine neue Kolonie von ca. 18 Paaren etabliert. Dank einer raschen Intervention von Naturschützern blieben die Vögel von der Kiesgewinnung unbehelligt.

Uferschwalbenkolonie - J. Bryant
Abb. 16: Fragiler Brutplatz. Foto: J. Bryant

Bartmeisen machten sich zu zweit am 27. September im Seeanger und (mindestens) zu fünft am 8. Oktober im Leinepolder Salzderhelden bemerkbar.
Von der nordosteuropäischen Nominatform der Schwanzmeise, die sich u.a. durch einen strahlend weißen Kopf, winzige Knopfaugen und einen, wie gemalt, scharf zum Kopf kontrastierenden pechschwarzen Nacken auszeichnet - und die nicht selten mit weißköpfigen Vertretern unserer heimischen Unterart europaeus verwechselt wird! - gibt es nur die buchstäbliche Handvoll glaubhafter bzw. dokumentierter Regionalnachweise. Deshalb ist die Beobachtung von drei Vögeln am 3. November nahe dem Seeburger See bemerkenswert. Am 5. November hielten sich mindestens zwei sehr weißköpfige Schwanzmeisen mit schwarzem Nackenband und kleinen Augen an der Leine bei Bovenden auf. Die beigefügten Fotos könnten sehr wohl die Nominatform betreffen, lassen aber die diagnostischen Merkmale mehr erahnen als erkennen.

Caudatus
Abb. 17: Schwanzmeise mit Merkmalen der Unterart caudatus. Foto: O. Henning

Wegen des starken Bestandsrückgangs ist ein am 15. Juli im Stockhäuser Bruch singender Feldschwirl von Bedeutung. Die einzige Wegzugbeobachtung des Schilfrohrsängers stammt vom 7. September aus der Feldmark südlich Hollenstedt. 23 singende Sumpfrohrsänger auf zwei Kilometer Strecke am 2. Juli in der Feldmark Gladebeck - Parensen sind sehr erfreulich. Wenn es nur überall so wäre…Der aus dem Vorbericht bekannte Drosselrohrsänger war - sollte es immer derselbe Vogel gewesen sein - noch am 18. Juli in der Kiesgrube Ballertasche präsent.

Am 6. Oktober hielt sich an der Geschiebesperre Hollenstedt eine Wasseramsel mit dunklem Bauch auf. Am Leinekanal in der Göttinger Innenstadt präsentiert sich seit Wochen ein zutraulich wirkender Vogel, ebenfalls mit dunklem Bauch. Über die Herkunft dieser Wasseramseln, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht der nordischen Unterart cinclus angehören, ist im Sammelbericht zum Wegzug 2012 schon Einiges gesagt.

Wasseramsel - B. Bartsch
Abb. 18: Wasseramsel im Göttinger Stadtzentrum. Foto: B. Bartsch

Von der Ringdrossel liegt nur eine Beobachtung vom 17. Oktober im Seeanger vor. Braunkehlchen zeigten mit 15 Vertretern am 17. September in der Feldmark Reinshof ein mittlerweile typisches Maximum an, die Zahlen in der Feldmark Gieboldehausen und im Leinepolder lagen mit jeweils zwölf Ind. am 7. bzw. 17. September nur geringfügig darunter. Einzelne Schwarzkehlchen posierten von Ende August bis Anfang Oktober abseits ihrer Brutplätze u.a. am Diemardener Berg, an den Tongruben Siekgraben, in der Feldmark Rittmarshausen und bei Eberhausen (zwei Ind.).
Mit mindestens 19 Ind. erreichten rastende Steinschmätzer am 7. September am Diemardener Berg ein passables Maximum, anderswo waren sie durchweg mit weniger als 10 Ind. vertreten.
Vom 26. August bis 2. September ließen sich am Diemardener Berg und in der Feldmark Sattenhausen insgesamt fünf Brachpieper aufspüren.
Von T. Sacher (Wetteraukreis) vorbildlich dokumentiert - mit Fotos, Tonaufnahmen und Expertisen namhafter Kenner der Art - ist der vierte Regionalnachweis des Strandpiepers. Das Kronjuwel dieses Berichts rastete an einem typischen Datum (22. September) in der Feldmark bei Naensen (Einbeck). Der Aufenthalt an einem Misthaufen, um den sich Pfützen aus einen Gemisch aus Wasser und Jauche gebildet hatten zeigte die arttypisch enge Bindung an Feuchtflächen an, die auch von zwei gleichzeitig anwesenden Gebirgsstelzen geteilt wurde… Vom Strandpieper existiert bis dato nur ein anerkannter Nachweis vom 21. November 1998 aus dem Leinepolder Salzderhhelden (V. Konrad, R. Liebelt in DSK 2002 - am 12.2.2016 nachträglich korrigiert!)). Die beiden Nachweise davor (vgl. Dörrie 2010) datieren fast schon aus grauer Vorzeit und stammen von der Kiesgrube Reinshof (September 1986) und von der Leine zwischen Nörten und Elvese (November 1988). Im niedersächsischen Binnenland nördlich des Harzes tritt der vom Helgoländer Vogelwärter H. Gätke treffend als „ernst und einsam“ charakterisierte Strandpieper etwas häufiger in Erscheinung.

Strandpieper - T.Sacher
Abb. 19: Strandpieper bei Einbeck. Foto: T. Sacher

Am 24. Oktober zogen beeindruckende 184 Kernbeißer über das Kerstlingeröder Feld. Vergleichsweise gute Buchfinken-Wezugtage waren der 4. (knapp 1400 Ind.) und 18. Oktober (knapp 2000 Ind.) ebenda. Das Maximum von knapp 1250 Bergfinken wurde am 21. Oktober erreicht.
Bis dato liegen schon ca. 25 Wahrnehmungen so genannter Trompetergimpel mit mindestens 45 Vögeln (darunter auch einige Mischrufer) vor. Damit gibt es Anzeichen für den stärksten Einflug seit 2004, als sie zum ersten Mal europaweit auf sich aufmerksam machten. Über die Kurische Nehrung (Litauen) zogen Ende Oktober täglich bis zu 800 Trompeter (vgl. www.trektellen.org). Und der Winter hat noch gar nicht begonnen. Woher genau die Vögel stammen ist weiterhin unklar. Einem lesenswerten Bericht westeuropäischer Beobachter, die in den Sommern 2013 bis 2015 an der Außengrenze der Westpaläarktis im Ural patrouillierten (Jones et al. 2015) ist zu entnehmen, dass dort alle Gimpel tröten. Aber kommen unsere Gäste wirklich von so weit her? Und wo verläuft in Russland die Grenze zwischen sanften Flötern und kernigen Trötern?

Trompetergimpel - M.Mooij
So klingt er: Trompetergimpel auf dem Kerstlingeröder Feld.
Aufnahme: M. Mooij. Bitte das Sonagramm anklicken.

Von September bis November traten Girlitze auf dem Wegzug mit weniger als 50 Vögeln (darunter im September sicher auch noch der ein oder andere Brutvogel) in Erscheinung. Im Vorjahr wurden 53 Ind. registriert. Die maximalen Truppgrößen lagen bei erbärmlichen fünf Ind. An den früher gern frequentierten Rastplätzen Tongruben Siekgraben und Kiesgrube Reinshof wurde, trotz guten Nahrungsangebots, keiner gesehen. Und das nach einem sehr warmen, an die mediterrane Ursprungsregion der Vögel erinnernden Sommer, der die Bestände eigentlich hätte wachsen lassen müssen….

Vom 23. bis 25. November rastete eine männliche Schneeammer in der Feldmark südlich Diemarden und gab sich ungewohnt fotogen.

Schneeammer - V.Lipka
Abb. 20: Schneeammer bei Diemarden. Foto: V. Lipka

Damit schließt der Bericht. Der Verfasser dankt allen Beobachterinnen und Beobachtern für ihr eifriges Engagement.

Hans H. Dörrie

Daten lieferten (fast alle für unsere Datenbank Ornitho):

Anonymus (2), R. Bayoh, P.H. Barthel, B. Bartsch, J. Behling, S. Beisler, S. Böhner, M. Borchardt, H. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, J. Collins, K. Conrad, M. Corsmann, A. Dahlmann, L. Demand, V. Dierschke, H. Dörrie, K. Dornieden, W. Dreyer, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Feldhoff, I. Fahne, M. Fichtler, A. Geß, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, E. Höhle, S. Hörandl, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, C. Junge, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, P. Kneser, H. Kobialka, G. Köpke, M. Korn, L. Korossy, M. Kuschereitz, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, G. Mackay, P. Meinecke, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, S. Minta, M. Mooij, F. Mühlberger, M. Olivé, T. Orthmann, M. Otten, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, K. Reiner, P. Reus, B. Riedel, V. Rösch, C. Roos, G. Rotzoll, T. Sacher, M. Schleuning, F.-U. Schmidt, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, M. Schuck, L. Sebesse, M. Seifert, H. Seyer, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, I. Spittler, M. Sprötge, M. Stange, T. Steiger, T. Stemmler, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, J. Thiery, A. Torkler, D. Towers, J. Tupay, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, M. Wagner, S. Wagner, C. Weider, M. Weinhold, C. Weinrich, E. Werling, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann, S. Zinke und etliche andere.

Literatur:

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim

Birkhead, M. & C. Perrins (1986): The Mute Swan. Croom Helm, London.

Schmidt, F.-U., Hellberg, T., Grimm, R. & N. Molzahn (2014): Die Vogelwelt im Heidekreis - eine aktuelle Bestandsaufnahme. Naturkdl. Beitr. Soltau-Fallingbostel 19/20: 1-541.

Deutsche Seltenheitenkommission (DSK) (2002): Seltene Vogelarten in Deutschland 1998. Limicola 16: 113-184.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Jones, J., Monticelli, D. & P.-A. Crochet (2015) : Birding in European Russia : Ural mountains, Yekaterinburg and Orenburg Region. Dutch Birding 37: 302-320.

Erstellung der Sonagramme mit Hilfe “Raven Lite 1.0″, update 22, Cornell Lab of Ornithology, www.birds.cornell.edu

Weidenmeise - M.Siebner
Abb. 21: Weidenmeise am Seeburger See. Foto: M. Siebner

December 1st, 2015

Der Stieglitz – Vogel des Jahres 2016 –
in Süd-Niedersachsen

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 1: Stieglitz mit Nistmaterial. Foto: M. Siebner

Wegen seines bunten Federkleids und der Angewohnheit, in Schwärmen aufzutreten, zählt der quirlige Stieglitz (Carduelis carduelis) zu den bekanntesten heimischen Vögeln. Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand für den Zeitraum 2005-2008 mit einem Mittelwert von ca. 14.000 Paaren angegeben. Für ein 47.000 km² großes Flächenland ist das nicht gerade viel. Der Stieglitz kommt zwar überall vor, die Siedlungsdichte ist jedoch in der Regel gering. In Ballungsgebieten und im ländlichen Siedlungsraum tritt er häufiger auf als in waldreichen Regionen. Auf Bundesebene zeichnet sich nach den Angaben im deutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) ein dauerhaft negativer Trend ab.
Trifft dies auch auf unsere Region zu? Man weiß es nicht… Systematische Erfassungen von Brutbestand und Populationsdynamik liegen Jahre zurück. Das aktuelle Beobachtungsmaterial in unserer Datenbank Ornitho.de mit knapp 1600 Stieglitz-Datensätzen aus den Landkreisen Göttingen und Northeim seit dem Herbst 2011 (Stand Oktober 2015) enthält ganze drei (!) Hinweise auf Bruten mit flüggen Jungvögeln. Steht er damit als Brutvogel vor dem Verschwinden? Wohl kaum. Vielmehr wird deutlich, dass die Eingabe bei Ornitho solide Revierkartierungen nicht ersetzen kann – dies gilt erst recht für die Quantifizierung der Brutbestände häufiger Singvogelarten.
In unserer Region konzentriert sich das Brutvorkommen im Wesentlichen auf die Niederungsgebiete. Bevorzugt werden Baumgruppen und -reihen mit angrenzenden Offenflächen, oft in Gewässernähe. Hier brütet die ursprüngliche Lichtwaldart nicht selten in kleinen Kolonien von bis zu fünf Paaren. Dem „geklumpten“ Vorkommen entspricht, dass geeignet erscheinende Habitate oft unbesiedelt bleiben. Gehölzaufwuchs im Offenland ist der Ansiedlung förderlich, solange der Baumbestand nicht zu dicht und dunkel wird.
Für die ausgehenden 1990er und frühen 2000er Jahre liegen Angaben zu lokalen Bestandszunahmen vor. Im Umfeld des Seeburger Sees z.B. trat der Stieglitz erheblich häufiger auf als in den 1980er Jahren. Gebietsweise kam es zu einer Verdoppelung des Brutbestands (Dörrie 2004). Der Wegfall von Brachen, die Zunahme des Maisanbaus für Agroenergieanlagen und die weitere Chemisierung agrarindustrieller Produktionsflächen könnten in der Folgezeit auch in unserer Region zu einer Trendumkehr beigetragen haben. Bedenklich stimmt, dass bei einer Erfassung der Avizönose von Blüh- und Mahdstreifen (zehn bzw. elf Flächen mit jeweils sechs Begehungen) im Göttinger Ostkreis von April bis Juni 2015 die Art nur viermal mit insgesamt 14 Vertretern gesehen wurde.

Distelfink - M.Siebner
Abb. 2: “Distelfinken” am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

In Göttingen ist der Stieglitz ein alteingesessener Stadtvogel, dessen Populationsgröße typischen Schwankungen unterworfen ist. Nahrungsmangel und verregnete Frühjahre sorgten immer wieder für Bestandsrückgänge, die jedoch in den Folgejahren ausgeglichen wurden. Über die Jahrzehnte konnte der Brutbestand als stabil gelten. Dies legt zumindest die letzte Erfassung im Kerngebiet der Stadt von 2005/2006 nahe (Dörrie 2006). Dabei ist anzumerken, dass Stieglitze im urbanen Siedlungsbereich eher spärlich brüten (z.B. nur ca. 17 Paare im 3,6 km² großen Kerngebiet). Etwas häufiger kommt er in den Grüngürteln und ländlich geprägten Ortsrandlagen vor.
In der Stadt, aber auch in einigen Gewässerauen und im Umfeld des Seeburger Sees brütet der Stieglitz gern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wacholderdrosseln, die ebenfalls kleine Kolonien bilden können. Dies beruht zum einen sicher darauf, dass beide Arten ähnliche Bruthabitate beziehen, zeigt aber auch an, dass der kleine Singvogel gezielt den Schutz der großen Drosseln sucht, die mit Sturzflügen und Kotbomben-Attacken Beutegreifer wie Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher in die Flucht schlagen. Besonders auffällig war dies im Frühjahr 1999, als sich ein Paar Wacholderdrosseln in der Groner Straße (Göttinger Innenstadt) angesiedelt hatte. Dem für diesen vegetationsarmen Bereich ungewöhnlichen Brutpaar folgte prompt ein Stieglitzpaar, das sich in trauter Eintracht neben den Drosseln niederließ. Zur Nahrungssuche flogen beide Arten zum Stadtwall (Dörrie 2000). Das gemeinschaftliche Brüten von Wacholderdrosseln und Stieglitzen (samt Birkenzeisigen und einem Gelbspötterpaar) kann man jährlich ab Mitte Mai mit einiger Verlässlichkeit in der Südwestecke des Kiessees, im Levin-Park und am Parkplatz des Seeburger Sees studieren.

Biogas -M.Siebner
Abb. 3: Versuchsfeld nahe dem Klostergut Reinshof (9. August 2015).
Foto: M. Siebner

Im Herbst verlassen die meisten Stieglitze die Region. Im August/September konzentrieren sie sich vor dem Abflug nach Süden auf Brachen, Stilllegungsflächen und Blühstreifen, wo Disteln, Karden und andere „Unkräuter“ für ein auskömmliches Samenangebot sorgen. Dort können sich in guten Jahren Schwärme von (ausnahmsweise) bis zu 500 Individuen einfinden (Dörrie 2010). Auf der distelreichen Erweiterungsfläche des Naherholungsgebiets Göttinger Kiessee („Meyerwarft“) hielten sich im August 2012 bis zu 200 Vögel auf. Bereits am 15. des Monats war es mit dem Schlaraffenland vorbei, weil die Fläche gemäht wurde.
Es sollte aber noch besser kommen: Anfang September 2015 konnten an einem fünf Hektar großen Versuchsfeld der Uni Göttingen nahe dem Klostergut Reinshof südlich von Göttingen singuläre Rekordzahlen von bis zu 700 Stieglitzen notiert werden. Hier hatte man, als Alternative zum Mais für die Agrogas-Produktion, mit einer bunten Mischung u.a. aus Amarant, Weidelgras, Malven und Durchwachsener Silphie eine Oase mit großer Anziehungskraft für Samenfresser geschaffen. Eindrucksvoll konnte belegt werden, dass eine Alternative zur lebensfeindlichen Monotonie von Maisäckern möglich ist. Die Biomasse lag jedoch, bedingt auch durch die vogelfreundlich späte Ernte, nur bei ca. 20 Prozent dessen, was mit Mais erzielt werden kann (D. Augustin, mdl. Mitt.). Hinzu tritt, dass solche Anpflanzungen wegen der ökonomischen Verwertung der Biomasse nicht auf die für die Landwirtschaft verbindlichen ökologischen Vorrangflächen angerechnet werden können. Damit ist ihr Ausnahmestatus festgeschrieben. Eine Nachbesserung seitens des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums scheint dringend geboten. Desgleichen könnte man über eine spezielle Förderung nachdenken, mit der ökologisch bedingte Mindereinnahmen bei der Agrogasproduktion kompensiert werden. Man muss es nur politisch wollen…
Neben der Vielfalt der Vegetation hat für die geselligen Vögel sicher auch die Größe der Versuchsfläche eine entscheidende Rolle gespielt: Zahlen wie im September 2015 wurden bis dato auf keiner der maximal nur ein bis anderthalb Hektar großen Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts im Landkreis Göttingen erreicht. Deren Zahl ist zudem in den letzten Jahren stark zurückgegangen, steigt aber hoffentlich im Gefolge einer erhöhten Förderung wieder an.

Stieglitzschwarm - M.Siebner
Abb.4: Stieglitzschwarm. Foto: M. Siebner

Im Winter macht sich unser Porträtvogel eher rar. Die Truppgrößen reduzieren sich deutlich auf, in der Regel, zweistellige Zahlen. In der ausgeräumten Agrarlandschaft ist das Nahrungsangebot noch spärlicher als in der warmen Jahreszeit. Als Alternative bieten sich Koniferensamen an. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof können in manchen Wintern Stieglitztrupps beobachtet werden, die zusammen mit Erlenzeisigen und (manchmal) Fichtenkreuzschnäbeln kleine Zapfen vertilgen, bevorzugt an den dort wachsenden Hemlocktannen. Am Göttinger Kiessee und in der südlichen Feldmark Geismar kann man in den meisten Jahren bei einem Winterspaziergang kleine Schwärme beobachten, die sich bevorzugt an Erlen aufhalten. Am bequemsten bekommt der Vogelfreund die munteren Gesellen aber (mit etwas Glück) zu sehen, wenn er in Ortsrandlage lebt und aus der warmen Stube sein Vogelhäuschen inspiziert…

Hans H. Dörrie

Stieglitz im Winter - M.Siebner
Abb. 5: Stieglitz im Winter. Foto: M. Siebner

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2000): Ornithologischer Jahresbericht 1999 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 5: 1-147.
Dörrie, H.-H. (2004): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 9: 4-75.
Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 – 1965 – 2005/2006. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Nieders. 11: 68-80.
Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de
Gedeon, K. et al (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.
Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Junger Stieglitz - M.Siebner
Abb.6: Junger Stieglitz. Foto: M. Siebner

October 24th, 2015

Naturschutz und Freizeitnutzung am Göttinger Kiessee: ein Schritt vorwärts, zwei zurück?

Reiherenten
Abb. 1: Reiherenten-Weibchen mit Jungen am Kiessee. Foto: M. Siebner

Nach mitunter zähen Verhandlungen konnte unter Vermittlung des früheren Oberbürgermeisters W. Meyer eine Vereinbarung zur zukünftigen Nutzung des Kiessees geschlossen werden (zum Vorverständnis siehe hier). Unterzeichner sind: Stadt Göttingen, Dezernat Bauen und Umwelt (Herr Dienberg), Göttinger Sport und Freizeit GmbH (Herr Frey), Wassersportverein TWG (Herr Hammel), Universitätssport (Herr Bauer), Naturschutzbeauftragte der Stadt (Frau Walbrun), Biologische Schutzgemeinschaft (Herr Joger) und Arbeitskreis Göttinger Ornithologen (Herren Dörrie und Otten). Die Vereinbarung vom 17. Juli 2015 lautet wie folgt:

1) “Der Trainingsbetrieb im Winter wird in der Zeit vom 01.11. bis 15.03. eines jeden Jahres auf dem nördlichen Teil des Sees auf einer Streckenlänge von ca. 500 m ermöglicht.”

Damit entsteht in der südlichen Hälfte eine Ruhezone, die von überwinternden Wasservögeln genutzt werden kann. Obwohl sich Wintergäste gegenüber Störungen in der Regel scheuer verhalten als ansässige Brutvögel, könnten sie schnell spitzkriegen, dass man ihnen in diesem Bereich nicht zu nahe kommt.

2) „Das Umfahren der Vogelschutzinsel soll zukünftig nicht mehr ermöglicht werden. Die Abtrennung soll durch Bojen erfolgen. Im südlichen und im östlichen Bereich des Sees sollen Schilfbereiche gesichert werden. Diese Bereiche sollen möglichst durch Schwimmbalken/-stämme abgetrennt werden.”

Die „verkehrsberuhigte Zone“ um die Insel, auf der zahlreiche Vögel brüten, kann diesen zugute kommen und eventuell auch Neuansiedlungen fördern. Die Schwimmbalken sollen bei Starkwinden und während Regatten als „Wellenbrecher“ der Kräftigung und Ausbreitung des Röhrichtbestands sowie dem Schutz von Schwimmnestern dienen.

3) „Maximal zwei Drachenboote mit einer Länge von bis zu 12,50 m dürfen gleichzeitig auf dem Kiessee fahren. Sie sollen im Rahmen des Schulsports und auch für Sportvereine genutzt werden. Die Boote sollen nach dem Ablegen möglichst in der Mitte des Sees eingesetzt werden. Ein Mindestabstand zum Ufer von 10 m ist während der Fahrt einzuhalten. Trommeln zum Zwecke des Taktgebens dürfen auf dem See nicht eingesetzt werden“.

Die Drachenboote waren den Sportfreunden leider nicht auszureden. Sie versprechen sich von ihrem Einsatz eine Belebung des (nachlassenden) Interesses für Wassersport bei Kindern und Jugendlichen. Ein Testlauf ergab, dass die Fahrt über den kleinen See bereits nach gut einer Minute zu Ende war. Man wird sehen, wie attraktiv diese Eventsportart für den erhofften Nachwuchs wirklich ist.

4) „Die Bootsregatta wird in 2015 am 5./6.06. und in 2016 am 4./5.06. stattfinden. Für die Folgejahre wird versucht, den Termin auf Ende Juni zu verschieben“.

Als Argument gegen ein späteres Datum wurde von den Wassersportlern eine mögliche Algenblüte ins Feld geführt. Dies erklärt auch die etwas schwammige Formulierung „wird versucht“. Ob und wann eine Algenblüte stattfindet, kann jedoch bei der Terminplanung ein Jahr vorher niemand voraussagen. Eine obligatorische Verlegung der Regatta in die letzte Junidekade wäre durchaus möglich, wenn die Paddler bei Bedarf kurz vor Beginn dafür sorgen, dass ihnen keine Algen den Weg versperren. Hier besteht möglicherweise Evaluierungsbedarf (s. Punkt 6).

5) „Die Anliegervereine weisen ihre Mitglieder auf die Belange des Vogelschutzes und die Regelung dieser Vereinbarung in geeigneter Form hin“.
6) „Nach der Sommersaison 2017 bewerten die Vertragspartner die umgesetzten Maßnahmen gemeinsam.“

Bereits im Vorfeld konnte vereinbart werden, dass bei der Bespannung mit Bojen im Vorfeld der Regatta der Schilfbestand nicht betreten wird. Und was ist mit der Kiesseeordnung? Sie wird zur Vermeidung bürokratischer Prozeduren nicht angetastet, bleibt also faktisch in Kraft. Wie heißt es so schön: wo kein Kläger, da kein Richter.
Bei dem Kompromiss sind beide Seiten aufeinander zugegangen und haben die Belange des Anderen als gleichwertig anerkannt. Auch wenn es manchmal knirschte, kann sich das Ergebnis sehen lassen.

Gänsesäger - M.Siebner
Abb. 2: Gänsesäger als Wintergäste am Kiessee. Foto: M. Siebner

Ist die Diskussion damit beendet? Leider nicht. Nächstes Jahr soll am Kiessee und Umgebung das niedersächsische Landesturnfest stattfinden, zu dem Ende Juni 30.000 Besucher/innen erwartet werden. Auf der Wiese an der Ostseite wird eine Bühne errichtet, auf der NDR-Animateure über drei Tage bis in die Nacht für Stimmung sorgen. Als Höhepunkte sind Auftritte der für einen Tag reanimierten „Guano Apes“ und der Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann geplant. Für solche Massenveranstaltungen ist jedes Göttinger Stadion, von denen es einige (auch in der Nähe des Kiessees) gibt, sicher geeigneter. Der Termin fällt zudem in die Brutzeit vieler Vogelarten mit regelmäßigen Zweitbruten. Wenn, wie geplant, Bäume am Sandweg zwischen Kiessee und SVG-Stadion zum Beklettern freigegeben werden, dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit Bruten von Ringeltaube, Wacholderdrossel, Grauschnäpper und anderer Vögel in Mitleidenschaft gezogen werden. Mit den gesetzlichen Vorgaben des Artenschutzes ist so etwas nicht vereinbar. Da wird es von Naturschutzseite noch das ein oder andere Gespräch mit der Genehmigungsbehörde und den Veranstaltern geben. Der besonders geschützte Röhrichtbestand soll zwar speziell gesichert werden, aber ob das bei Tausenden nur wenige Meter entfernten Besuchern, von denen sich erfahrungsgemäß immer einige danebenbenehmen, etwas für Teichrohrsänger und Co. bringt, darf bezweifelt werden.
Doch damit nicht genug: Um den Kiessee in Zukunft problemloser als Eventarena nutzen zu können, betreibt die Verwaltung seine Entlassung aus dem Landschaftsschutzgebiet (LSG). Zudem haben Pläne, an der Ostseite einen Biergarten zu installieren, offenbar wieder an Aktualität gewonnen. Wie beim Golfplatz in Geismar, der faktisch gestorben ist, weil es für ihn dank vielfältiger Gegenaktionen keine politische Mehrheit gibt (vgl. www.golfplatz-goettingen.de) sollen kommunale Erholungsflächen, die allen Bürgerinnen und Bürgern gehören, einer privaten kommerziellen Verwertung übereignet werden.
Bei der Bürgerbeteiligung am zukünftigen Flächennutzungsplan der Stadt stieß die drohende Entlassung aus dem LSG auf einhellige Ablehnung. Ist die Abschaffung des Landschaftsschutzes ausgerechnet für Göttingens vogelartenreichsten Lebensraum nur eine der typischen Göttinger Schnapsideen? Wohl kaum. Wenn mühsam erreichte Verbesserungen zum Schutz der ansässigen Tierwelt gleich wieder zur Disposition gestellt werden, kann dies nur als klarer Affront betrachtet werden. Wir hoffen auf das tatkräftige Engagement aller, denen naturverträgliche Naherholung und Artenschutz am Herzen liegen. Auch die im nächsten Jahr anstehenden Kommunalwahlen bieten dafür einen passenden Resonanzboden. Immerhin haben sich alle antretenden Parteien den „Schutz der Biodiversität“ oder die „Bewahrung der Schöpfung“ auf die Fahne geschrieben…

Hans H. Dörrie & Moritz Otten

Mittelmeermöwe - M.Siebner
Abb. 3: Mittelmeermöwe am Kiessee Foto: M. Siebner

August 31st, 2015

Heimzug und Brutzeit 2015 in Süd-Niedersachsen: geht mit Ausnahmen in Ordnung

Waldlaubsänger - M.Siebner
Abb. 1: Waldlaubsänger am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Wetterverlauf im Berichtszeitraum März bis Juni gestaltete sich eintönig angenehm, mit einer Ausnahme: Um die Monatswende März-April rüttelten die Orkantiefs „Mike“ und „Niklas“ in schneller Folge auch unsere Region gehörig durch. Die damit verbundenen Niederschläge (teils als Schnee) sorgten im Leinepolder Salzderhelden und im Seeanger für hohe Wasserstände, ebenso eine regenreiche Phase in der letzten Aprildekade. In der Regel war es mäßig warm (aus langjähriger Sicht wieder einmal „zu warm“) und bis auf ein paar schafskühle Tage im Juni ungewöhnlich niederschlagsarm, was dem Bruterfolg vieler Arten förderlich war. Die Nächte waren oft bemerkenswert kalt, selbst im Mai und in der ersten Junihälfte. Die großen Temperaturunterschiede hatten jedoch zur Folge, dass Offenflächen mit Pflanzenbewuchs am Morgen mit Tau bedeckt waren und das ein oder andere Gewürm als proteinreiche Vogelnahrung zum Vorschein brachten.
Im Folgenden wird vogelkundliche Hausmannskost gereicht. Ausgemachte Seltenheiten sind in diesem Frühjahr weitgehend ausgeblieben. Man konnte sich gelassen dem Kerngeschäft widmen und in altbekannten Gebieten altvertraute Vogelarten bei ihrem alltäglichen Treiben studieren und bewundern
Aus zugphänologischer Sicht ist das vergleichsweise späte Eintreffen brutwilliger Mehlschwalben und Mauersegler hervorzuheben. Zwar gerieten von der erstgenannten Art ab dem 1. April Einzelvögel (an den Northeimer Kiesteichen) und ab der letzten Aprildekade nennenswerte Ansammlungen im niedrigen dreistelligen Bereich ins Blickfeld. An den Göttinger Brutplätzen, von denen es augenscheinlich immer weniger gibt, trafen die Vögel in der Regel jedoch erst Mitte bis Ende Mai ein. Die ersten Mauersegler machten sich recht früh am 18. April in kleinen Trupps an Gewässern bemerkbar. Ihre Brutplätze in der Stadt wurden im Mai aber nur sehr zögerlich besetzt. Ob dies etwas mit dem gravierenden Bestandsrückgang zu tun hat (s.u.) muss offen bleiben. Auch die Klappergrasmücke (Erstbeobachtung am 14. April in der Göttinger Weststadt) ließ sich etwas Zeit, traf aber später in gewohnt guter Zahl ein. Ansonsten war bei den Weitstreckenziehern im Großen und Ganzen alles im grünen Bereich.

Vom Höckerschwan gibt es in Göttingen drei Bruten zu vermelden, am Kiessee (fünf Kleine, später noch vier), im Levin-Park (acht Kleine, später noch sechs, darunter ein immutabilis) und am Rückhaltebecken Grone (neun Kleine, davon fünf immutabilis). Am Böllestau bei Hollenstedt ist ein Paar mit drei Jungen erfolgreich, an den Northeimer Kiesteichen schlüpfte ein Jungvogel. Am Seeanger schritten zwei Paare zunächst erfolglos zur Brut. Ende Juni brachte dann eins von ihnen im zweiten Anlauf immerhin zwei Kleine zustande. Über den Erfolg von bis zu drei nistenden Paaren in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden liegen keine Angaben vor.
Die letzten (drei) Singschwäne hatten nach dem 9. März den Leinepolder Salzderhelden verlassen.

An der Geschiebesperre Hollenstedt und im Leinepolder Salzderhelden rasteten vom 28. März bis 2. April zwei Rothalsgänse (1 ad., 1 vorj. Ind.). Damit liegt der zweite Regionalnachweis dieser schmucken Art vor. Ein Vogel im Kältewinter 1996/1997 unter zahlreichen nordischen Gänsen (darunter auch eine Handvoll Waldsaatgänse) ebenda ist von der damaligen Seltenheitenkommission als vermutlicher Wildvogel anerkannt. Über die Herkunft der beiden aktuellen Gäste, die nicht mit den üblichen Begleitarten vergesellschaftet waren, kann man nur spekulieren, auch wenn sie keine Ringe trugen.

Rothalsgänse - S.Hörandl
Abb. 2: Rothalsgänse an der Geschiebesperre. Foto: S. Hörandl

Am 2. April zeigten im Leinepolder 17 Kanadagänse ein Maximum der letzten Jahrzehnte an. Nur im schneereichen Kältewinter 1978/79 waren es (mit 24 Ind. im Wesertal) noch mehr. Neun Ind. am 6. April am Göttinger Kiessee sind ein neuer Lokalrekord. Bis zum 13. Mai ließen sich in der Leineniederung und am Seeanger immer wieder Einzelvögel und kleinere Trupps blicken. Die erste Brut scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Am 26. Mai hielt sich eine Weißwangengans am Lutteranger auf, einen Tag später vermutlich derselbe Vogel an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Tundrasaatgänse, die am 2. März noch mit 450 Ind. im Leinepolder präsent waren, wurden nach dem 4. März nicht mehr gesehen. Die Hauptmasse der Blässgänse (noch bis zu 1100 Ind. am 1. und 2. März im Polder) war ebenfalls kurz darauf heimwärts gezogen. Kleinere Trupps im niedrigen zweistelligen Bereich rasteten dort und im Seeanger bis in die letzte Märzdekade. Bis Ende Mai ließen sich noch zwei Vögel (1 ad., 1 vorj. Ind.) ausmachen, die getrennt voneinander zusammen mit Graugänsen zwischen der Leineniederung und dem Seeanger pendelten.
Zwei sonderbare Gänsehybriden, deren genetischer Mix bis jetzt selbst von ausgewiesenen Experten nicht entschlüsselt werden konnte, ließen sich am 1. Juni an der Geschiebesperre ablichten. Die Schnabelform deutet auf Saatgans, die Blässe auf Blässgans, die scheckige Kopffärbung des einen Vogels eventuell auf Hausganseinfluss.

Hybridgänse - V.Hesse
Abb. 3: Rätsel-Hybridgänse an der Geschiebesperre. Foto: V. Hesse

Graugänse waren an der Geschiebesperre Hollenstedt mit mindestens 140 Jungen wieder gut im (Brut-)Geschäft. Über die genaue Zahl der Bruten (vermutlich um die 20) liegen keine Angaben vor, weil es wieder zur Bildung von Kindergärten kam. So führte am 7. Mai ein einziges Paar 56 halbwüchsige Nachkommen… Am Göttinger Kiessee konnten sich neun Paare (im letzten Jahr elf) mit 24 Jungen reproduzieren, Bruten auf dem Stadtfriedhof, am Leinepark und am Levin-Park scheiterten. An der Kiesgrube Reinshof kam es zu drei Bruten, an denen vermutlich Umsiedler vom trockengelegten Wendebachstau bei Reinhausen beteiligt waren. An der Kiesgrube Ballertasche kann der Brutbestand auf fünf Paare (davon zwei mit Schlupferfolg von insgesamt sieben Jungen) beziffert werden, der Ausfliegeerfolg fiel wohl gering aus. Am Seeanger gelang es drei Paaren sich fortzupflanzen. Anders am nahen Seeburger See: Von den mindestens fünf Paaren war vermutlich keins erfolgreich. Dagegen war der traditionelle Brutplatz am Dorfteich in Bodensee von zwei Paaren bevölkert, von denen das erste acht Jungvögel vorweisen konnte. Diese Familie verschwand wie üblich schnell und machte dem zweiten Paar Platz, das aktuell fünf Halbstarke führt. Als neue Brutplätze sind die Lieth bei Lenglern (Brutpaar am 19.4.) und die Klärteiche bei Lauenberg (Brutpaar am 7.4.) zu vermelden.
Vom 16. bis 29. Mai gab Göttingens erste Streifengans dem Kiessee die Ehre. Wegen ihrer kurzen Verweildauer konnte sie leider nicht getauft werden. Als Name hätte sich „Reinhold“ angeboten, in Anspielung auf den Himalajabezwinger Reinhold Messner. Allerdings: Was dieser unter größten Anstrengungen am Mount Everest, Nanga Parbat und anderen Achttausendern geschafft hat, absolvieren autochthone Vertreter dieser in Indien überwinternden Gänseart gleich zweimal pro Saison. Zum Überfliegen der Todeszone auf dem Dach der Welt brauchen sie weder logistische Vorplanung noch alpines Equipment, sondern nur zwei kräftige Flügel, eine entsprechende Brustmuskulatur und ein bisschen mehr Sauerstoff im Blut…

Streifengans - M.Siebner
Abb. 4: Streifengans am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Bruten der Nilgans liegen bis dato von der Geschiebesperre Hollenstedt (6 Kleine, später nur noch 2), aus dem Leinepolder Salzderhelden (zwei Bruten, eine im Bussardnest mit ungewissem Erfolg, die andere vom Kolkraben geplündert), von der Rhumeaue bei Wollershausen (2 Kleine) und vom Seeanger (6) vor. Am Seeburger See schritten zwei Paare zur Brut, eins in einem Rotmilannest (6, die später nicht mehr zu sehen waren) und eins nahe der Auemündung (6, später nur noch 4). Der Dorfteich in Falkenhagen ist wieder belegt (mind. 3). An den ehemaligen Tongruben Siekgraben führt seit Ende Juni ein Altvogel sein Küken. Das andere Elternteil ist vermutlich nicht mehr am Leben, zumindest deutet ein Totfund in der Nähe darauf hin. Am Göttinger Kiessee scheiterte eine Brut, weil das okkupierte Graureihernest abstürzte, eine andere am Levin-Park vermutlich durch Prädation (vgl. bei Graureiher). Als neuer Brutplatz kann Wolbrechtshausen (4 Kleine) aufgenommen werden.
Bis zu vier Rostgänse bevölkerten die Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck, im Juni waren noch zwei Ind. anwesend.
Zwölf Brandgänse hielten sich am 3. Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Zum Ende des Monats stiegen die Zahlen im Seeanger auf beachtliche 22 Ind.

Die ab dem 14. Februar an der Leine im Göttinger Süden präsente weibliche Mandarinente („Mandy II“) war nach dem 14. März wieder verschwunden. Ob sie sich mit einem prächtigen Erpel verpaaren konnte, der vom 6. bis 12. April im Leinepolder gesehen wurde, ist höchst unwahrscheinlich.
Mit 180 Ind. waren heimziehende Pfeifenten am 1. April im Leinepolder Salzderhelden noch gut vertreten.
Aus regionaler Sicht singulär früh ist ein Stockenten-Weibchen mit elf Kleinen am 12. März auf dem ummauerten Freistundenhof der JVA Rosdorf. Das geschulte Fachpersonal geleitete die Familie unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen nach draußen zu einem kleinen Rückhaltebecken. Vermutlich erreichten aus dieser Brut nur zwei bis drei Jungvögel die Flugfähigkeit. Auf dem JVA-Gelände brüten alljährlich fünf bis sechs Paare mit durchweg mäßigem Erfolg. Das Prädationsrisiko wird unabsichtlich gefördert, weil Häftlinge die Enten aus den Zellenfenstern mit hingeworfenen Brotstückchen versorgen. Um diese zu ergattern, müssen die Vögel samt Nachwuchs sterile Rasenflächen überqueren, an denen Rabenkrähen lauern…
Kolbenenten hatten sich in der jüngsten Vergangenheit ungewohnt rar gemacht. Jetzt liegen immerhin Beobachtungen eines Weibchens (5.4. Leinepolder) und eines Erpels (18.4. Northeimer Freizeitsee) vor. Von den anderen Schwimmentenarten ist nichts Besonderes zu vermelden, ihre Zahlen und zugphänologischen Daten lagen durchweg im gewohnten Bereich.
Eine männliche Bergente legte am 3. April auf dem Seeburger See eine kurze Rast ein und hatte sich mit einer weiblichen Trauerente angefreundet.

Trauer-Bergente - M.Siebner
Abb. 5: Bergente und Trauerente am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Von der letztgenannten Art gab es zudem zwei Ind. (M. und W.) am 29. März am Northeimer Freizeitsee sowie ein Weibchen (immer dasselbe?) vom 1. und 9. April ebenda.

Das flugunfähige Gänsesäger-Weibchen „Wilma“ verbrachte den Winter und Frühling an der Geschiebesperre Hollenstedt. Am 4. Juni wurde an der Leine ein Weibchen gesehen, das „Wilma“ gewesen sein könnte, zurück in der Göttinger Sommerfrische. Am 15. Juni rastete ein Weibchen auf dem Bootssteg am Kiessee, das beim Ansturm studentischer Horden mühsam fliegend (!) die Flucht ergriff und sich in Richtung Entenfütterung an der Ostseite verfügte. Ob es „Wilma“ mit zumindest teilweise wiedererlangter Flugfähigkeit war - die schwere Behinderung macht dies sehr unwahrscheinlich -. oder ein mausernder Vogel, muss vorerst offen bleiben. Am 2. April rastete ein männlicher Mittelsäger im Leinepolder Salzderhelden.

Wachteln sind in diesem Jahr häufiger anzutreffen als im Vorjahr. Eine Übersicht erfolgt im nächsten Bericht.
Im zeitigen Frühjahr wurden im Göttinger Ostkreis im Rahmen des Rebhuhn-Schutzprojekts an über 90 Transekten 238 rufende Vögel gezählt, die zweithöchste Zahl seit Beginn des Projekts.

Rebhuhnzahlen - E.Gottschalk
Abb. 6: Rebhuhnzahlen der letzten Jahre. Grafik: E. Gottschalk

Allein 76 Ind. riefen in den Feldmarken Geismar-Süd und Diemarden, wo seit jeher eine kopfstarke Quellpopulation existiert - obwohl die Zahl der Blühstreifen auch hier zurückgegangen ist. Andererseits haben die Vögel sicher von den beiden letzten milden Wintern profitiert. Demnächst steht fest, wie viele Landwirte sich an der Agrarumweltmaßnahme „Blühstreifen“ mit rebhuhnfreundlicher Bewirtschaftung beteiligen werden. Die höhere Dotierung durch EU und Landwirtschaftsministerium könnte dazu beitragen, dass wieder vermehrt Blühstreifen angelegt werden.
Die Zahlen des Fasans explodieren förmlich. In der Feldmark Bernshausen war ein frei fliegendes Männchen Star des Birdrace am 2. Mai und in der Rhumeaue bei Bilshausen geriet am 18. und 30. Mai ein Vogel gleich zweimal ins Blickfeld.
Einen regionalen Erstnachweis der Sonderklasse lieferte ein ausgebüxtes Chukarhuhn am 19. Mai mitten in Northeim. Seine Rufe konnten noch ein paar Tage aus einem angrenzenden Park vernommen werden, dann war nichts mehr zu hören.

Chukarhuhn - L.Herkt
Abb. 7: Northeimer Chukarhuhn. Foto: L. Herkt

Über Gedeih und Verderb der regionalen Brutpopulationen von Haubentaucher und Zwergtaucher wird im nächsten Bericht informiert.
Rothalstaucher traten am 4. März auf dem Northeimer Freizeitsee (wohl letztmalig der dort überwinternde Vogel), am 8. April und 12. Mai ebenda sowie zu zweit am 15. Mai auf dem Seeburger See in Erscheinung.

Rothalstaucher - V.Hesse
Abb. 8: Rothalstaucher auf dem Northeimer Freizeitsee Foto: V. Hesse

Schwarzhalstaucher waren vor allem am Seeburger See gut vertreten, die Maximalzahlen lagen hier bei bemerkenswerten 27 Ind. am 28. März und 13 Ind. am 7. Juni.

Am 24. und 25. April besuchten zwei Sterntaucher den Seeburger See.

Aus dem Leinepolder Salzderhelden liegen drei Märzbeobachtungen der Rohrdommel vor. Ein fliegender Vogel geriet am 6. April am Seeburger See ins Blickfeld.
Schlafplatzzählungen des Silberreihers im Leinepolder erbrachten bis weit in den April Zahlen im hohen bis mittleren zweistelligen Bereich. Auch im Mai (maximal 20 Ind.) und Juni (maximal vier Ind.) war die Art dort präsent, darunter ein bis zwei Vögel im Brutkleid.
Für die Göttinger Graureiher verlief die aktuelle Brutsaison einigermaßen desaströs. Auf ihrer angestammten Weide im Levin-Park hatten sie zehn Bruten in Angriff genommen, von denen wohl nur eine (auf dem höchsten Ast) erfolgreich verlief. Im Mai und Juni wichen sie vermehrt auf die Bäume (meist Schwarzerlen) am Rand des Gewässers aus. Mitte Juni waren noch neun Nester beflogen. In ihnen befanden sich ca. 16 Jungvögel, acht von ihnen fast flügge. Ende Juni wurde nur noch ein flügger Jungvogel gesehen. Vermutlich haben in diesem Jahr weniger als 20 Jungreiher die Flugfähigkeit erreicht. Das Urheberrecht an diesem Trauerspiel kann mit hoher Wahrscheinlichkeit ein pelziger Neubürger mit Banditenmaske beanspruchen: Um Ostern wurde ein Waschbär gesehen, der es sich auf der Insel gemütlich gemacht hatte…
Am Kiessee sah es für die Vögel anfangs viel versprechend aus: Auf den Bäumen der Insel bauten sieben Paare Nester, in fünf wurde gebrütet. Dann kamen „Mike“ und „Niklas“… Am 4. April waren alle Bruten aufgegeben. Zwei Ersatzbruten am nahen Ascherberg scheiterten ebenfalls.
Am 6. Juni glänzte ein Seidenreiher im Leinepolder.

Am 10. und 12. Juni besuchte ein später Fischadler den Seeburger See und Seeanger.
Für März und April liegen elf Beobachtungen der Kornweihe mit insgesamt 16 Ind. (4 M., 5 W., 7 wf. Ind.) vor, davon allein sechs Ind. vom 1. April am Schlafplatz im Leinepolder. Am 27. Juni zog eine männliche Wiesenweihe von der Feldmark Wiershausen nach Westen ab.
Im Göttinger Ostkreis ist der einzige traditionelle Brutplatz der Rohrweihe weit und breit wieder besetzt.
Am 11. März flog ein Seeadler im 2. Kalenderjahr über die Kiesgrube Reinshof. Am 5. und 6. April mischte ein Altvogel das Wassergeflügel im Leinepolder auf.

Seeadler - B.Bartsch
AAbb. 9: Seeadler über der Kiesgrube Reinshof Foto: B. Bartsch

Aus der Bewerniederung nordwestlich von Markoldendorf liegt vom 10. April die aus regionaler Sicht vergleichsweise späte Beobachtung eines Raufußbussards im zweiten Kalenderjahr vor.
Vom Merlin gibt es fünf Märzbeobachtungen (1 M., 4 W. bzw. wf. Ind.), bis auf eine (Feldmark Wöllmarshausen) alle aus dem Leinepolder. Den Schlusspunkt des Heimzugs setzte ein am 4. Mai über den Diemardener Berg ziehender Vogel.
Im Spätwinter wurde der einzige Brutplatz des Baumfalken im Göttinger Stadtgebiet, ein vogelreiches Pappelgehölz südlich der Gartemühle, vernichtet. Eigentümer der Fläche ist die evangelische Kirchengemeinde Diemarden, welche die Bezirksförsterei Wellersen-Ost der Landwirtschaftskammer (nicht das Forstamt Reinhausen, wie ursprünglich angenommen) mit dem Kahlschlag beauftragt hatte. Die Untat ist noch unverständlicher, weil der Bestand erst vor drei Jahren durchforstet worden war und man eigentlich davon ausgehen konnte, dass erstmal Ruhe herrschte. Aber es ging ja, wie so oft, „nur“ um Pappeln, die vermutlich zu Pellets geschreddert wurden – für ökologisch sensible Hausbesitzer, denen „umweltfreundliches Heizen“ eine Herzensangelegenheit ist.

Kahlschlag - S.Böhner
Abb. 10: Gnädiges Grün bedeckt den Kahlschlag, der für andere Vogelarten durchaus interessant werden könnte… Foto: S. Böhner

Die Göttinger Wanderfalken stehen nicht viel besser da. Das Paar an der Turmmensa (in einem Nistkasten, der für diese Art eigentlich zu klein ist) brachte (nur) einen Jungvogel zum Ausfliegen. Im letzten Jahr hatte ein weiteres Paar am Neuen Rathaus gebrütet. Dieser Brutplatz ist jetzt von Turmfalken besetzt, die allerorts wieder sehr erfolgreich sind. Der Turm von St. Jacobi, wo Wanderfalken 17 Jahre gebrütet hatten, wurde nach der Sanierung für die Vögel praktisch unbrauchbar gemacht. Die feinen Verspannungen an den Sitzwarten (natürlich nur zur Taubenabwehr) sind von der Fußgängerzone aus nicht zu sehen. Depot- und Ruheplätze sind ebenfalls verdrahtet. Was Brutvögel in ihrer Obhut betrifft, hat die Empathie von Kirchenfunktionären offenbar ihre engen Grenzen. Der Brutplatz im Reinhäuser Wald ist nach dem Verschwinden des über mehrere Jahre ansässigen Uhupaars wieder von Wanderfalken besetzt. Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Göttinger Vögel dorthin umgezogen sind.

Der Heimzug des Kranichs verlief gewohnt (Ausnahme war der „Märzwinter 2013“) unspektakulär, die Tagessummen bewegten sich zumeist im mittleren dreistelligen Bereich. Immerhin: Am 6. März rasteten mindestens 2200 Ind. im Leinepolder, die in der Nacht von weiteren ca. 1000 Vögeln überflogen wurden. Der traditionelle Rastbestand im späten Frühjahr belief sich auf ca. 25 Ind. (darunter mindestens zwei Altvögel, die einmal bei der Kopula beäugt werden konnten) und schrumpfte bis zum Juni auf ca. zehn Ind. Im Seeanger wurde ein Einzelvogel im 2. Kalenderjahr zuletzt am 26. April gesehen, am 12. Mai flog ein Ind. (dasselbe?) über den Lutteranger nach Südosten ab.

Zwei akustische Wahrnehmungen der Wasserralle Ende Juni in einem sumpfigen Abschnitt der Schwülmeaue bei Lödingsen sind aus regionaler Sicht von Belang, weil sie ein bisher unbekanntes Brutvorkommen anzeigen könnten.
Während der ersten Juniwoche rief ein Wachtelkönig in einem Getreidefeld am Ortsrand von Einbeck. Im Leinepolder knarrten bis zu sechs Männchen, die vermutlich nur einen Teil der Lokalpopulation in diesem weiträumigen Gebiet mit Betretungsverbot ausmachten. Am besten ließen sich die Rallen und andere Poldervögel übrigens während des Lokführerstreiks im Mai vernehmen, der die störenden Geräuschemissionen des nächtlichen Güterbahnverkehrs zum Erliegen brachte… In der Rhumeaue bei Bilshausen riefen ab dem 13. Mai zwei, eventuell drei Männchen. Später war nur noch ein Einzelvogel zu hören.
Am 18. April wurde im Leinepolder ein Tüpfelsumpfhuhn vernommen, auch bei dieser Art ist von einer höheren Zahl auszugehen. Sehr bemerkenswert ist die Sichtbeobachtung von zwei Ind. in der Kiesgrube Ballertasche am 28. Juni (am Abend auch ein singendes Männchen). Einen lokalen Erstnachweis indizieren die Vögel gleichwohl nicht, denn Schelper (1966) listet allein drei historische Nachweise „bei Gimte“ auf.
Für Göttingen bedeutsam ist die Ansiedlung des Teichhuhns als Brutvogel am Weendespring in einem für diese Art recht guten Jahr.

Einzelne Austernfischer gerieten am 9. Mai im Leinepolder und am 13. Mai in der Rhumeaue nahe dem Northeimer Freizeitsee in den Blick. Am 12. April rasteten zwei Säbelschnäbler an der Geschiebesperre Hollenstedt, gleich sieben (zweithöchste Regionalzahl nach zehn Ind. im August 2007 im Leinepolder) waren es am 5. Mai am Seeanger.
Sowohl vom Datum (aus regionaler Sicht sehr früh), vom Rasthabitat als auch von der Zahl bemerkenswert sind neun Kiebitzregenpfeifer am 17. April auf einem kahlen Maisacker in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen. Zwei Vögel rasteten länger, während ihre sieben Artgenossen nur einen kurzen Zwischenstopp einlegten. Alle waren noch im Schlichtkleid. Ebenfalls schlicht gewandet war ein Vogel vom 30. und 31. Mai im Seeanger.
Goldregenpfeifer erreichten im Leinepolder am 5. und 7. März mit jeweils 43 Ind. ein eher mageres Maximum. Der letzte Heimzügler konnte am 21. April ebenda ausgemacht werden.
Heimziehende Kiebitze bevölkerten am 5. März mit der Maximalzahl von 4200 Ind. den Leinepolder. Von dort liegt die Beobachtung eines nichtflüggen Jungvogels vom 19. Juni vor. Aus der Leineniederung westlich Edesheim gibt es Hinweise auf drei Brutpaare, deren Erfolg jedoch ungewiss ist. Am Seeanger schritten drei Paare zur Brut. Zwei von ihnen waren mit vier bzw. drei Kleinen erfolgreich - immerhin.

Kiebitz - M.Siebner
Abb. 11: Kiebitz. Foto: M. Siebner

Für den Flussregenpfeifer scheint es in dieser Brutsaison besser zu laufen als im Vorjahr. Insgesamt ca. zehn Paare im Seeanger (1 flügger Jungvogel), an der Sandgrube Meensen (1 flügger Jungvogel), in der Kiesgrube Ballertasche (5 flügge Jungvögel von 2 Paaren), am Steinbruch bei Emmenhausen, an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, an der Göttinger Glunz-Brache (2 Paare, mind. 1 flügger Jungvogel) und am Northeimer Freizeitsee (2 Paare) hatten Schlupferfolg. An der Kiesgrube Reinshof und der Geschiebesperre Hollenstedt waren bis Ende Juni ein bis zwei brutwillige Paare präsent.

Ein bemerkenswerter Trupp von 14 oder 15 Regenbrachvögeln rastete am späten Nachmittag des 9. April im Leinepolder. Möglicherweise war es derselbe, der acht Stunden vorher im Rhäden von Dankmarshausen/Obersuhl im hessisch-thüringischen Grenzgebiet gesehen wurde - ein Datenabgleich bei ornitho macht’s möglich. Ansonsten traten bis zum 15. Mai weitere elf Ind. in Erscheinung, zumeist einzeln oder zu zweit, darunter auch zweimal auf kahlen Maisäckern in den Feldmarken Gieboldehausen und Sattenhausen. Damit verglichen war sein Vetter, der Große Brachvogel, vom 20. März bis zum 7. Mai mit insgesamt fünf Vögeln im Leinepolder und an der Geschiebesperre nur spärlich vertreten.

Regenbrachvogel - P.Reus
Abb. 12: Regenbrachvögel im Leinepolder. Foto: P. Reus

Uferschnepfen traten aus regionaler Sicht bemerkenswert zahlreich auf. Vom 19. März bis 5. Mai wurden 19 Ind. gezählt, eingeschlossen ein bis zwei Vögel, die über mehrere Tage im Polder und Seeanger rasteten. Maximal fünf Ind. hielten sich am 23. April im letztgenannten Gebiet auf. Hängt das vermehrte Aufkommen damit zusammen, dass „kälteliebende Uferschnepfen wegen des Klimawandels“ ihre Brut- und Rastplätze vom Bodensee in den Norden verlagert haben, wie seit 2007 kolportiert wird (vgl. Conservation Biology Vol. 21: 495-503)? Wohl eher nicht… Vom 6. bis 8. Mai ließen sich im Polder ein bis zwei Vögel als Isländische Uferschnepfen (Unterart islandica) bestimmen (P.H. Barthel, regionaler Erstnachweis dieses Taxons). Am 4. Mai zierte eine Pfuhlschnepfe den Seeanger.
Waldschnepfen waren wie üblich in den Hochlagen von Solling, Bramwald und Kaufunger Wald über einen längeren Zeitraum präsent. Am 11. März wurden im Kaufunger Wald maximal fünf Ind. gezählt, davon zwei balzende Männchen. Am 18. März balzten zwei Männchen über dem Plateau des Reinhäuser Walds, vermutlich auf dem Heimzug. Ein havarierter Vogel konnte am 21. März in der Göttinger Südstadt dokumentiert werden (Foto bei ornitho.de), offenbar gelang ihm die unbehinderte Weiterreise.
Zwergschnepfen erreichten am 2. April mit mindestens acht Vertretern im Göttinger Schnepfenparadies Siekgraben ihr Maximum. Die Beobachtung eines Einzelvogels in einem nassen Blühstreifen in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen am 17. April ist eine besondere Erwähnung wert. An der Geschiebesperre Hollenstedt ließen sich bis zu drei Ind. zeitweise optimal beobachten. Für den Leinepolder liegt die Maximalzahl von mindestens sieben Ind. am 20. März vor.

Zwergschnepfe - B.Bartsch
Abb. 13: Zwergschnepfe am Siekgraben Foto: B. Bartsch

Ende April/Anfang Mai balzten im Leinepolder bis zu zehn Bekassinen. Konkrete Bruthinweise liegen jedoch nicht vor. Mit mindestens 90 Ind. zeigten sie im Leinepolder am 25. April ein (spätes) Maximum an. Zählungen dieser Art waren noch schwieriger als ohnehin schon, weil sich die Vögel offenbar weiträumig auf den flach überschwemmten Flächen verteilten und wenig umher flogen. Im Seeanger lagen die Zahlen mit maximal 32 Ind. am 26. März weit darunter, obwohl auch hier sehr gute Rastbedingungen herrschten.
Maximal 23 Dunkle Wasserläufer am 15. April sind für das letztgenannte Gebiet von Zahl und Datum nicht untypisch. Rotschenkel sind traditionell eher spärliche Gäste. Ihr Maximum von acht Ind. am 22. April bewegte sich im bekannten Rahmen. Am 21. April rasteten im Polder bemerkenswerte 136 Grünschenkel. Waldwasserläufer erreichten ebenda am 11. April mit 40 Ind. ein ebenfalls beachtliches Maximum. Bemerkenswert sind auch 255 Bruchwasserläufer, die am 25. April den Leinepolder bevölkerten, am Seeanger waren es einen Tag zuvor „nur“ 86 Ind. Zur arttypischen „Peaktime“ in der ersten Maidekade legten die Vögel im Polder noch mal zu und präsentierten sich am 8. des Monats mit mindestens 350 (!) Vertretern.
Der Heimzug von Kampfläufern kulminierte im Leinepolder in der Zeit vom 12. bis 25. April in sehr guten Zahlen. An mehreren Tagen in dieser Periode konnten mehr als 100 Vögel gezählt werden, maximal 200 am 23. April.

Kampfläufer - M.Siebner
Abb. 14: Kampfläufer an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Am 12. und 13. Juni hielt sich im Seeanger ein Steinwälzer auf. Das war’s dann auch schon mit den selteneren Limikolen - wenn man von einem Zwergstrandläufer am 9. Mai im Polder absieht. Temminckstrandläufer ließen es an der Geschiebesperre Hollenstedt mit maximal vier Ind. am 12. Mai und fünf Ind. am 14. Mai gemächlich angehen. Vom Seeanger liegen, trotz exzellenter Rasthabitate, nur zwei Beobachtungen eines Einzelvogels am 4. und 8. Mai vor. 15 Alpenstrandläufer am 12. April im Leinepolder sind ein gutes Frühjahrsmaximum.

An einem Ort, an dem man diese Vogelart wohl am wenigsten vermutet hätte, nämlich auf einem Maisacker im lieblich anmutenden Hügelland südlich von Nesselröden, ging am 30. und 31. Mai eine Schmarotzerraubmöwe im 3. Kalenderjahr auf Würmer- und Käferjagd.

Schmarotzerraubmöwe - M.Siebner
Abb. 15: Schmarotzerraubmöwe bei Nesselröden. Foto: M. Siebner

In der Lachmöwen-Kolonie am Lutteranger konnten am 26. Mai nur vier besetzte Nester (später nur noch eines) gezählt werden, am Seeburger See kam es zu keiner Brut. Im Leinepolder Salzderhelden befand sich im Mai eine Kolonie von ca. 17 Paaren in Gründung. Die Aktivitäten wurden aber schnell wieder abgebrochen.
Schwarzkopfmöwen waren in diesem Frühjahr gut vertreten. Den Auftakt machte ein Altvogel am 17. März am Northeimer Freizeitsee. Ihm folgten Vögel am 21. März am Seeburger See (ad. Ind.) und wiederum am Freizeitsee (überfliegend), am 11. und 16. April im Leinepolder (ad. Ind.), am 18. April am Seeburger See (K3), am 4. Mai im Leinepolder (K3), am 8. Mai gleich drei Ind. (1 K3, 2 K2) sowie am 11. Mai und 4. Juni jeweils ein K2- Vogel ebenda.

Schwarzkopfmöwe - M.Siebner
Abb. 16: Schwarzkopfmöwe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Silbermöwen wurden am 17. März in der Leineaue westlich von Edesheim (K2), am 1. April im Leinepolder sowie am 26. April an der Geschiebesperre (K3) bestimmt.
Mittelmeermöwen gab es am 11. April an den mediterranen Gestaden des Seeburger Sees (K2), am 22. April am Göttinger Kiessee (K3), am 25. April an der Geschiebesperre (überfliegend), am 5. Mai am Northeimer Freizeitsee (ad.), am 10. Mai wiederum an der Geschiebesperre (K2) sowie am 15. Mai im Seeanger (K3). Steppenmöwen gerieten am 4. März am Northeimer Freizeitsee (ad. Ind.) sowie am 11. Mai im Leinepolder (K2) vor die Optik. Darüber hinaus liegen drei Beobachtungen von Mittelmeer- oder Steppenmöwen, diejenige eines Vogels aus dem Silbermöwen-Artenkomplex sowie sieben Sichtungen von elf unbestimmten Großmöwen vor.
Eine Heringsmöwe im 2. Kalenderjahr flog am 10. Mai über der Kiesgrube Reinshof umher.

Am 9. Mai zeigte sich am Fischzuchtteich bei Edesheim für 20 Minuten eine Lachseeschwalbe (B. Riedel). Von dieser im deutschen Binnenland nur sehr selten auftretenden Seeschwalbenart existierten zuvor in der Regionalliteratur (vgl. Dörrie 2010) zwei Beobachtungen: Ein Vogel vom 4. bis 7. September 1974 an der Fulda bei Spiekershausen sowie ein am 29. April 1993 über Northeim rufender Durchzügler, der offenbar nicht bei der damaligen Seltenheitenkommission gemeldet wurde. Obwohl die Kurzbeschreibung des aktuellen Vogels in ornitho passt, hat bei meldepflichtigen Binnenlandbeobachtungen der Lachseeschwalbe die Avifaunistische Kommission Niedersachsen und Bremen (AKNB) das letzte Wort.
Eine Raubseeschwalbe zog am 14. Mai an ebenjenem Fischzuchtteich ein paar Runden. Ihr folgte am 11. Juni ein Vogel im Leinepolder.
Am 8. und 11. Mai hielten sich im Leinepolder jeweils zwei Weißbart-Seeschwalben auf. Am 12. Mai legten drei Ind. nach einem Gewitter an der Kiesgrube Reinshof eine Rast ein.

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Abb. 17: Weißbart-Seeschwalbe an der Kiesgrube Reinshof. Foto: B. Bartsch

Recht früh dran war eine Trauerseeschwalbe am 11. April am Northeimer Freizeitsee. Das Maximum fiel mit 17 Ind. am 30. Mai am Seeburger See nicht gerade berauschend aus.
Zwischen dem 18. April und 19. Juni ließen sich an einigen Gewässern insgesamt elf Flussseeschwalben blicken, darunter bemerkenswerte vier Ind. am letzten Datum am Göttinger Kiessee.
Am 3. April war eine Küstenseeschwalbe am Northeimer Freizeitsee ebenfalls früh zugegen (Belegfoto bei ornitho.de). Ihr folgten am 2. Mai am Seeburger See zwei Ind. Ein Vogel am 19. Juni am Seeburger See wurde kontrovers jeweils einer der Zwillingsarten zugeordnet.

Erfreuliche 15 Turteltauben wurden für den Berichtszeitraum gemeldet, darunter natürlich auch Vögel auf dem Heimzug. Das traditionelle Vorkommen im Bramwald bei Ellershausen bestätigten während des Birdrace gleich zwei singende Männchen, zwei offenkundig verpaarte Ind. boten am 21. Mai am Repkebach bei Sievershausen Anlass zum Optimismus. Ein altbekannter Brutplatz südlich von Bremke nahe der Landesgrenze scheint wieder besetzt zu sein. Dies betrifft auch das Vorkommen am Grenzstreifen bei Ecklingerode.

Aus regionaler Sicht singulär früh ließ sich bereits am 9. April im Leinepolder ein Kuckuck vernehmen. Einen Trend zur verfrühten Ankunft zeigte der Pionier aber nicht an - der nächste rief erst zwölf Tage später am 21. April bei Diemarden, einem typischen Erstbeobachtungsdatum.

Die einzige Beobachtung einer Schleiereule stammt vom 8. März bei Hilwartshausen (Sollingvorland).
Für den Raufußkauz liegen aus dem Solling Hinweise auf mindestens fünf Reviere vor, aus dem Kaufunger Wald wurde eine Brut in einer Schwarzspechthöhle bekannt. Der Sperlingskauz war (im März) nur nahe der Großen Blöße und am Hasselbruch im Solling hören.
Dagegen machten sich in Göttingen quietschende Jungvögel der Waldohreule in nie dagewesener Häufigkeit bemerkbar. Für den Süden der Stadt liegen allein sechs Brutnachweise aus der Kleingartenkolonie „Am Kiessee“, den Kleingärten zwischen Kiessee und Rosdorf, aus Treuenhagen, aus der Umgebung des Friedhofs Geismar, der Feldmark Geismar und von der Peripherie der ehemaligen Bauschuttdeponie vor. Am Ortsrand von Weende konnte an einem aus den Vorjahren bekannten Brutplatz ebenfalls eine erfolgreiche Brut festgestellt werden. Im Bereich Roringen (Drakenberg) – Herberhausen wurden bei nächtlichen Erfassungen vier Familien mit Jungvögeln notiert, ebenso eine bei Riekenrode. Der Ausfliegeerfolg war hoch, denn die Familien bestanden in der Regel aus mindestens drei bis vier (einmal fünf) Jungvögeln. Bei Klein Lengden verhielt sich ein balzendes Paar brutverdächtig. Weil auch die intensiveren Erfassungen letztlich nur lokal erfolgten, dürfte die wirkliche Zahl erfolgreicher Bruten um Einiges größer gewesen sein und könnte durchaus im höheren zweistelligen Bereich gelegen haben. Dieser Eulenart scheint es aktuell wirklich blendend zu gehen!

Waldohreule - V.Hesse
Abb. 18: Waldohreule in Treuenhagen. Foto: V. Hesse

Am 13. März machte sich eine Sumpfohreule vom Kerstlingeröder Feld auf die Weiterreise. Im Rahmen einer systematischen Erfassung konnten im Landkreis Göttingen ungefähr acht Brutpaare des Uhus ermittelt werden, was einer Verdoppelung des bisher bekannten Bestands gleichkommt.

Wie in den Vorjahren verdichten sich in Göttingen die Hinweise auf einen starken Bestandsrückgang des Mauerseglers. Grund dafür ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die verbreitete Wärmedämmung und Sanierung von Dächern und Fassaden. Auf die Lebensinteressen von Gebäudebrütern (und Fledermäusen) wird dabei in der Regel keine Rücksicht genommen, teils sicher auch aus Unwissenheit. Während noch vor zehn Jahren bei der Kartierung des Göttinger Kerngebiets von etwas mehr als 400 Brutpaaren (mit Nichtbrütern um die 1500 Ind.) ausgegangen werden konnte, dürfte der Bestand heute augenscheinlich weniger als die Hälfte betragen. Bezeichnend ist, dass größere Konzentrationen von mehr als 20 Ind. zunehmend nur noch im Umfeld langjährig besetzter Nistkästen angetroffen werden. Eine Garantie für das Wohlergehen der Vögel bieten die künstlichen Nisthilfen (die vor zehn Jahren nur zu zehn Prozent von der Zielart bezogen wurden) allerdings nicht: Werden sie bei Sanierungsarbeiten umgesetzt, besteht die Gefahr, dass sie von den extrem brutortstreuen Adressaten nicht mehr angenommen werden. An der Arnoldischule im Friedländer Weg ist genau dies eingetreten: Nach Gebäudesanierung und Umsetzen der Kästen waren alle 20 Brutpaare verschwunden. So wird auch der Mauersegler zum Opfer der „Energiewende“. Immerhin scheint der Rückgang in einigen Dörfern des Göttinger Ostkreises mit ausreichend maroder Bausubstanz nicht ganz so dramatisch zu verlaufen.

Mauersegler - M.Siebner
Abb. 19: Mauersegler. Foto: M. Siebner

Für einen Moment war das Eichsfeld bunt: Am 23. Juni saß ein Bienenfresser auf der Stromleitung am Radweg zwischen Hilkerode und Brochthausen.
Am 23. April rasteten zwei Wiedehopfe an den Tongruben Siekgraben, am Folgetag war noch ein Vogel präsent.

Auf dem Kerstlingeröder Feld sind zwei Wendehalspaare mit der Fortpflanzung beschäftigt. In der Heimzugphase wurden um die 15 Ind. gehört und manchmal gesehen, darunter auch, wie in Göttinger Kleingärten oder in Ebergötzen, länger anwesende Leiermänner. Brutverdacht bestand jedoch nirgendwo. Vom Diemardener Berg und den Northeimer Kiesteichen liegt je eine Junibeobachtung umherstreifender (?) Vögel vor.
Am Nordrand des Göttinger Ostviertels konnte mit einem Alt- und einem flüggen Jungvogel ein Brutnachweis des Kleinspechts dokumentiert werden. Weil Kleinspechte sich, u.a. wegen des Verfolgungsdrucks durch den rabiaten Buntspecht, bei der Brut recht heimlich verhalten, sind solche Beobachtungen immer eine besondere Erwähnung wert. Am 20. Juni zimmerte ein Männchen am Sandersbeek in Geismar eine Bruthöhle. Das ist bemerkenswert spät, fällt aber noch knapp in die Brutzeit der Art. Möglicherweise ging die Brut verloren und es kam zu einem neuen Anlauf. Eine Zweitbrut ist auszuschließen, weil diese bei unseren Spechtarten (Ausnahme Wendehals) nicht bekannt sind.

Der einzige Pirol der Saison konnte am 8. Mai im Leinepolder ausgemacht werden.

Die traditionelle Erfassung von Neuntötern am 15. Juni erbrachte auf dem Kerstlingeröder Feld 21 revieranzeigende Männchen (plus mindestens acht Weibchen). Diese Zahl liegt im guten Durchschnitt der letzten Jahre. Auch anderswo waren sie wieder recht gut vertreten. Von Rekordzahlen, wie sie teilweise aus Hessen oder Ostdeutschland gemeldet wurden, war unsere Region aber um Einiges entfernt.

Neuntöter - KFeld - Grafik
Abb. 20: Neuntöter auf dem Kerstlingeröder Feld

Die auf dem Kerstlingeröder Feld und im Leinepolder überwinternden Raubwürger hatten ihre Residenzen nach dem 11. bzw. 29. März geräumt. Interessant ist eine Brutzeitbeobachtung vom 31. Mai in der Rhumeaue zwischen Gieboldehausen und Rüdershausen. Dort wurden Raubwürger ab und an auch in der Vergangenheit gesehen.

Beobachtungen von Tannenhähern mit Nachwuchs sind sehr selten, zumindest von Göttingen aus betrachtet. Am 20. Juni konnten im Kaufunger Wald zwischen Rinderstall und Hühnerfeld zwei Alt- und drei flügge Jungvögel erspäht werden.

Die Göttinger Stadtrand-Kolkraben konnten in diesem Jahr vier Junge zum Ausfliegen bringen. Die dreisten Gesellen hielten sich wie üblich zunächst am Siekgraben auf (wo sie vermutlich vier kleine Flussregenpfeifer gefressen haben) und siedelten dann an die Kiesgrube Reinshof mit opulentem Nahrungsangebot um.

Kolkraben - M.Siebner
Abb. 21: Kolkraben an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Der ursprüngliche Flurname des Gebiets („Himmelreich“) erwies sich Mitte Juni auf tragische Weise als doppelsinnig. Für die nimmersatten Raben war der vermüllte Baggersee das Paradies; für einen asylsuchenden Nichtschwimmer aus dem Sudan geriet er wegen seiner tückischen Unterwasser-Abbruchkanten zur tödlichen Falle. Die auch nachts vorgenommene Suchaktion nach dem Ertrunkenen mit Hubschraubern, Booten, Tauchern, Scheinwerfern und Spürhunden versetzte die ansässige Vogelwelt in Aufruhr, hat sie aber wohl nicht nachhaltig beeinträchtigt.

Von der Beutelmeise liegen mehr als 30 Beobachtungen vor (darunter auch regelmäßig vom Seeanger). Im letztgenannten Gebiet wurden im Juni flügge Jungvögel notiert, die aber auch umherstreifende, anderswo erbrütete Ind. gewesen sein könnten. Sicher gebrütet hat sie offenbar wieder nur an den Northeimer Kiesteichen, wo ein Nest gefunden wurde.

Beutelmeise - M.Siebner
Abb. 22: Beutelmeise an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Am 11. März zogen 362 Kohlmeisen über das Kerstlingeröder Feld, für den Heimzug eine beachtliche Zahl.

Der Heimzug der Heidelerche machte sich mit insgesamt 27 Vögeln, darunter 18 Ind. vom Kerstlingeröder Feld und seiner weiteren Umgebung, kaum bemerkbar. Eine Beobachtung vom 25. April am Leinepolder Salzderhelden ist für einen Durchzügler verdächtig spät.

Bartmeisen wurden zu zweit am 25. März im Leinepolder und am 7. April am Seeburger See wahrgenommen.

Das schöne Foto des Waldlaubsängers am Anfang porträtiert einen Vogel, der (nicht nur) in unserer Region immer noch Rätsel aufgibt. Über Habitatpräferenz bzw. -parameter, Bestandsschwankungen, Bruterfolg etc. ist nur wenig bekannt. Derzeit laufen in der Schweiz umfangreiche Untersuchungen, die den Einfluss von Prädatoren und menschlichen Störungen auf Ansiedlungsverhalten und Bruterfolg dieses Bodenbrüters einbeziehen. Für unsere Region ist von Belang, dass aus Buchenwäldern, die in diesem Jahr von Mäusen wimmelten, kaum Nachweise vorliegen.

Der Bestand des Feldschwirls bewegt sich auch in diesem Jahr auf denkbar niedrigem Niveau. Im Göttinger Süden ist nur ein Revier nahe der Rase bei Rosdorf besetzt. Vom Leinepolder Salzderhelden liegen Hinweise auf vier bis fünf Reviere vor. Spitzenreiter ist die Rhumeaue bei Bilshausen, wo am 30. Mai sieben singende Männchen das von früher bekannte typisch geklumpte Auftreten demonstrierten. Im Heidelbeerbruch im Solling sang am 15. Mai ein Männchen auf 471 m ü.NN in einem vernässten Kahlschlag.

Feldschwirl - M.Siebner
Abb. 23: Feldschwirl nahe Rosdorf. Foto: M. Siebner

In der Rhumeaue bei Bilshausen bestanden mindestens zwei Gesangsreviere des Schlagschwirls. Am 30. Mai sangen dort sogar vier Männchen. Über mehrere Tage singende Vögel machten am Seeburger See (8.5.-17.5) und an der Garte im südlichen Göttinger Stadtgebiet (11.6.-20.6.) auf sich aufmerksam. Der Rohrschwirl hat (auch) in diesem Jahr im Leinepolder Salzderhelden ein bis zwei Reviere besetzt. Am Seeburger See ließen sich einzelne Männchen am 2. und 12. Mai vernehmen.

Vom Schilfrohrsänger liegen sieben Beobachtungen heimziehender Vögel vor. Länger als einen Tag scheinen sie nirgendwo gerastet zu haben.
Sumpfrohrsänger gelangten deutlich häufiger zur Beobachtung als im vergangenen Jahr. Gleichwohl ist das Maximum von 15 Sängern am 7. Juni am Diemardener Berg nur ein Abglanz früherer Zeiten und in der agrarindustriell geprägten Normallandschaft scheint keine Besserung in Sicht zu sein. Hier muss man sich über jeden Vogel freuen, der auf einem Blühstreifen oder an einem der wenigen strukturreichen Entwässerungsgräben singt. Früher hieß die Art übrigens “Getreiderohrsänger”…
Sehr interessant ist die mehrwöchige (2. 5.-4.6.) Präsenz von bis zu zwei singenden Drosselrohrsängern im Leinepolder. Ausgedehnte Röhrichtbestände zum Brüten gibt es dort ja mittlerweile genug… An der Kiesgrube Ballertasche ließ sich am 15. und 23. Mai sowie danach bis Ende Juni ein krächzendes Männchen vernehmen. Wenn es immer derselbe Vogel war, wäre auch dies erfreulich verdächtig. Ansonsten erregten durchziehende Einzelvögel am 21. April an der Kiesgrube Reinshof und am 3. Mai an der Geschiebesperre Aufmerksamkeit.

An dieser Stelle muss der Chronist wieder einmal seiner Begeisterung über die allgegenwärtigen Dorngrasmücken Ausdruck verleihen. Neben den Feldlerchen (und ein paar Wiesenschafstelzen, Rohrammern und Heckenbraunellen) sind sie auf weiten Strecken der agrarisch geprägten Normallandschaft die Einzigen, die noch etwas Leben in die Einöde bringen. Wenn sie unablässig singend, mit Balzflügen und wilden Verfolgungsjagden äußerst agil auch den kleinsten Busch oder ein paar Quadratmeter Raps verteidigen, kommt helle Freude auf.
Interessanterweise scheinen sich die quirligen Kerlchen mit ihren traditionellen Vorposten in Göttinger Kleingärten („Am Wehr“, „Leinetal“ etc.) nicht zufrieden zu geben. In diesem für sie sehr guten Jahr sind sie mit einzelnen Sängern in die Leineaue zwischen der Otto-Frey-Brücke und der Godehardstraße im Kerngebiet der Stadt vorgedrungen.

Am 19. März erklärten drei Seidenschwänze bei Lütgenrode die (schwache) Saison für beendet.

Im April machten sich insgesamt 24 heimziehende Ringdrosseln bemerkbar, darunter allein 14 Ind. am 23. am Drakenberg bei Roringen.

Ringdrossel - M.Siebner
Abb. 24: Ringdrossel an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Aus Göttingen liegen ganze zwei Nachweise heimziehender Trauerschnäpper vor (17. und 30. April in Weende bzw. am Kiessee). Außerhalb der Stadt geriet ein Einzelvogel am 29. April westlich von Diemarden ins Blickfeld. Am 2. und 9. Mai ließ an der Rhumequelle bei Rhumspringe bzw. am Elfas bei Stadtoldendorf je ein Männchen seinen Gesang erschallen - das war’s schon. Wie beim Waldlaubsänger scheint auch beim Trauerschnäpper, der immer wieder als „Opfer des Klimawandels“ ins Feld geführt wird, eine intensive Untersuchung seiner Habitatansprüche, der Veränderung seines Brutlebensraums durch die moderne Forstwirtschaft (den „naturnahen Waldbau“ eingeschlossen) sowie der Prädation von Bruthöhlen und Nistkästen vor Ort dringend geboten.

Vom Braunkehlchen gibt es in diesem Jahr aus dem Leinepolder nur April-Heimzugnachweise. Zur Brutzeit wurden keines mehr gesehen. Späte Beobachtungen je eines singenden Männchens am 2. Juni im Seeanger und in der Suhleaue (möglicherweise derselbe Vogel) sowie eines Artgenossen am 17. Juni in der Schwülmeaue bei Lödingsen konnten in der Folgezeit nicht bestätigt werden.
Göttingens jüngster Brutvogel ist, nicht ganz überraschend, das Schwarzkehlchen. In der Feldmark Geismar war es an einem Entwässerungsgraben erfolgreich. Am Gillersheimer Bach bei Katlenburg-Lindau erfolgte die Neuansiedlung eines brutverdächtigen Paars. Kontrollen bekannter Brutplätze ergaben, dass die meisten wieder besetzt waren. Ausnahmen bildeten die Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, wo nur ein Männchen gesehen wurde - und der Leinepolder. Dort konnte lediglich am 9. April ein Männchen nachgewiesen werden. Das Fehlen der beiden Kleinschmätzer zur Brutzeit (zumindest auf den Flächen, die vom Rand des Gebiets einzusehen sind) wirft Fragen auf. Für Schwarzkehlchen war es möglicherweise wegen des Anstaus Anfang April (Brutzeitbeginn) zu feucht. Dies trifft aber auch auf den Seeanger zu, wo ein flexibles Paar den nicht überschwemmten Ostteil bevorzugte. Der Rückgang des Braunkehlchen-Brutbestands im Leinepolder (nur ein Männchen 2014) scheint sich zu verstetigen. Möglicherweise spielen Prädation, Eutrophierungsprozesse und die weitere Ausbreitung des Röhrichtbestands eine negative Rolle.

Schwarzkehlchen - D.Radde
Abb. 25: Männliches Schwarzkehlchen im Seeanger. Foto: D. Radde

Hat die, anders als beim Schwarzkehlchen, ins Stottern geratene Ausbreitungsdynamik des Blaukehlchens dennoch die Suhleaue bei Seulingen erreicht? Dort sang am 3. Mai ein Männchen, das sich aber noch auf dem Heimzug befunden haben könnte. Ansonsten war die Art am Seeburger See, am Seeanger und im Leinepolder Salzderhelden wie gewohnt mit jeweils zwei bis drei Paaren vertreten.
Der Gartenrotschwanz hatte, leicht verspätet, bis Ende April/Anfang Mai seine traditionellen Brutplätze in Göttinger Kleingärten wieder besetzt. Auf dem Kerstlingeröder Feld sind bis zu drei Sänger präsent.
Maxima von 16 bzw. 15 rastenden Steinschmätzern wurden am 29. April an den ehemaligen Tongruben Siekgraben und am 11. Mai im umgebrochenen „Jägerparadies“ in der Feldmark Geismar erreicht, zwei kleinen braunen Flecken in der giftgrünen Normallandschaft.

Einzelne Brachpieper rasteten am 16. April in der Feldmark Diemarden und am 20. April an den Tongruben Siekgraben.

Brachpieper - V.Lipka
Abb. 26: Brachpieper bei Diemarden. Foto: V. Lipka

Bei der jährlichen Zählung revieranzeigender Baumpieper auf dem Kerstlingeröder Feld konnten am 15. Juni bemerkenswerte 21 Männchen notiert werden (2014 12 M., 2013 16 M.). Ob dies eine Bestandszunahme signalisiert, muss offen bleiben, weil der Zähltermin, anders als für den Spätankömmling Neuntöter, für diese Art nicht optimal ist.
Im Göttinger Ostkreis trotzen fünf Brutpaare des Wiesenpiepers (drei in der Feldmark Wollbrandshausen – Gieboldehausen und je eins bei Wöllmarshausen und Sattenhausen) den Segnungen des Agrobusiness. Die beliebtesten Rastplätze nord- und nordosteuropäischer Heimzügler waren das Kerstlingeröder Feld, die ehemaligen Tongruben Siekgraben und die angrenzende Rosdorfer Feldmark, wo sich in der letzten Aprildekade jeweils bis zu 50-60 Vögel versammelten. Aus dem Leinepolder Salzderhelden liegen bemerkenswerterweise keine Beobachtungen balzender Männchen geschweige denn Brutnachweise vor.
Maximal 25 Bergpieper bezogen am 20. März einen Schlafplatz im Leinepolder. Darüber hinaus liegen nur zwei Nachweise aus der Kiesgrube Ballertasche vom 23. und 28. März vor. Am 29. März fanden sich beachtliche 400 Bachstelzen an der Geschiebesperre Hollenstedt zum Schlafen ein.

Bachstelze - M.Siebner
Abb. 27: Bachstelze am Flüthewehr. Foto: M.Siebner

Merkmale der Trauerbachstelze zeigte ein Vogel am 5. April ebenda.

Über dem Kerstlingeröder Feld wurden an sieben Terminen zwischen dem 8. und 26. März insgesamt 5469 heimziehende Buchfinken gezählt, beim Bergfink waren es 2783 Ind., darunter allein 1300 Ind. am 9. März.
Am 11. Juni sang im Leinepolder ein Karmingimpel. Der zuvor letzte Nachweis dieses in der Region sehr seltenen Gasts stammt von Ende Mai 2012 vom Göttinger Kiessee.

Vom Ortolan existieren immerhin fünf Heimzugnachweise von sechs Ind., und zwar vom 23. April an der Geschiebesperre Hollenstedt, vom 24. April an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (2), vom 25. April im Leinepolder, vom 5. Mai am Drakenberg bei Roringen und vom 6. Mai am Wahrberg bei Hillerse.

Hans H. Dörrie

Dorngrasmücke - M.Siebner
Abb. 28: Dorngrasmücke. Foto: M. Siebner

Literatur

Dörrie, H.-H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Schelper, W. (1966): Die Vogelwelt des Kreises Münden. Selbstverlag.

Dieser Bericht basiert nahezu ausschließlich auf Daten, die zahlreiche Melderinnen und Melder bei ornitho.de zusammengetragen haben:
N. Agster, Anonymus (4), P. Aufderheide, P.H. Barthel, B. Bartsch, K. Beelte, S. Beisler, B. Biel, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, C. Brummer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, R. Busch, G. Busche, M. Corsmann, A. Dahlmann, P. D’Amelio, G. Delaloye, L. Demand, V. Dierschke, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, H. Eggers, W. Eikhorst, M. Fichtler, P. Fricke, T. Frischgesell, T. Garczorz, E. Garve, M. Geb, S. Gellermann, R. Gerhard, K. Gehring, R. Gerken, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, S. Goihl, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, D. W. Grobe, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, E. Heiseke, W. Hellwig, Y. Henkel, D. Herbst, L. Herkt, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, A. Höfler, S. Hohnwald, M. Hölker, S. Hörandl, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, J. Kilian, R. Kirch, J. Kirchner, P. Kneser, H. Kobialka, G. Köpke, A. Kreusel, M. Kuschereitz, W. Lange, B. Leitner, R. Liebelt, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, G. Lühning, R. Maares, G. Mackay, T. Matthies, P. Meinecke, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, F. Mühlberger, T. Orthmann, M. Otten, K. Pahl, F. Paltinat, H. Pasewald, S. Paul, H. Petersen, H. Pfitzner, G. Pfützenreuter, R. Pötzinger, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, I. Rapp, U. Rees, J. Reinhardt, R. Requardt, P. Reus, H. Riechers, B. Riedel, U. Rinas, V. Rösch, C. Roos, G. Rotzoll, H. Ruch, G. Sacher, D. Sandvoss, B. Sarstedt, K.-H. Schepka, D. Schinkel, F.-U. Schmidt, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, M. Schuck, R. Schumann, L. Sebesse, M. Seifert, H. Seyer, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, H. Sonnenburg, R. Spellauge, M. Sprötge, M. Stange, T. Steiger, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, D. Towers, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, M. Wagner, S. Wagner, C. Weider, M. Weinhold, C. Weinrich, H. Weitemeier, J. Wermes, S. Wormanns, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann und S. Zinke.

July 6th, 2015

Klimawandel: Wenn der Dompfaff ins Schwitzen kommt

Gimpel - S.Paul
Abb. 1: Rotgelaufener Gimpel. Foto: S. Paul

In Deutschland sind Papageitaucher, Doppelschnepfe, Eistaucher, Bartgeier und Goldregenpfeifer in besonderem Maße vom Klimawandel bedroht. Wie bitte? Wer’s nicht glaubt, lese bitte hier. Weil das Ergebnis einer Schreibtisch-Datenbankrecherche im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz von 2011 allzu bizarr ausfiel, gibt es jetzt einen neuen Anlauf, den Dauerbrenner „Vögel und globale Erwärmung“ in Betrieb zu halten. Das Umweltbundesamt (UBA) hat jüngst einen Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland samt Gegenmaßnahmen herausgebracht, der hier zum Download bereitsteht. Über die umfangreiche Publikation, die weithin auf den üblichen Prognosen und Szenarien beruht, ließe sich eine Menge sagen, auch Positives. Weil sich diese Homepage aber mit nichts als Vögeln befasst, müssen andere Themenfelder außen vor bleiben.

Auf S. 91 taucht, natürlich, als Erster der unvermeidliche Trauerschnäpper auf, der als vermeintliches Opfer des Klimawandels „zu spät“ ankommt bzw. „zu spät“ mit der Brut beginnt, um den Massenschlupf von Beutetieren zur Jungenaufzucht nutzen zu können. Ob dieses immer wieder zitierte „Mismatch-Szenario“ aus zwei niederländischen Waldgebieten wirklich repräsentativ ist oder nur ein lokales Phänomen, das auf dem hohen Anteil gebietsfremder bis exotischer Baumarten beruht, wird nicht weiter thematisiert. Immerhin wird eingeräumt, dass es „für Deutschland keine breit angelegten Untersuchungen oder systematischen Beobachtungen der Folgen … solcher Verschiebungen gibt“. Wohl aber, bleibt anzumerken, erste Gegenbeispiele, die dem “Mismatch-Szenario” widersprechen (vgl. Vogelwarte 52:287 für die Kohlmeise). Dann kommen die Autoren in Fahrt. Auf S. 92 heißt es noch durchaus zutreffend: „Eine alleinige Ursache für den Wandel von Artengemeinschaften und den Rückgang oder Ausfall einzelner Arten gibt es i.d.R. nicht“. Allerdings: „Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch (! - HD), dass Klimaveränderungen hierbei eine entscheidende (! - HD) Rolle spielen können“. Das ist zweifellos korrekt - die letzte Eiszeit ist nicht so lange her -, klingt aber im vorliegenden Kontext mehr wie eine forsche Behauptung. In diesem Duktus geht es weiter. In den Jahren 1990 bis 2010 sollen „sich die relativen Häufigkeiten zu Gunsten wärmeliebender Arten bzw. zu Ungunsten kälteliebender Arten in statistisch signifikanter Weise verschoben“ haben. Eine Definition, welche Vogelart als kälte- oder wärmeliebend gilt, wird leider nicht gegeben. Dies wäre aber wichtig, um beurteilen zu können, um welche Arten es im Einzelnen geht. Wird z.B. die ubiquitäre, im Bestand stark zunehmende Mönchsgrasmücke, die auch das Innere dunkler Wälder besiedelt, als wärmeliebend eingestuft? Zudem bleibt unklar, welche statistischen Verfahren hier zur Anwendung gelangten. “Relative Häufigkeit” kann ja auch bedeuten, dass eine Art absolut seltener, aber auf ein verändertes Artenspektrum bezogen “relativ häufiger” wird. Was dies letztlich aussagt, wäre eine Diskussion wert.
Als Beleg für die Verschiebung innerhalb des Brutvogel-Artenspektrums präsentieren die Autoren eine Graphik, die auf Ergebnissen aus dem Monitoring häufiger Brutvogelarten (MhB) des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) basiert.

Temperaturindex
Abb. 2: Temperaturanstieg und Klimaindex

Demnach ist die gemittelte Jahrestemperatur zwischen 1990 und 2010 von 12,2°C auf wenig mehr als 12,3°C gestiegen. Gleichzeitig stieg der durchschnittliche Temperaturindex von 88 häufigen Brutvogelarten ebenfalls um 0,1°C. Da kommen ein paar Fragen auf. Liegt hier wirklich, wohlgemerkt auf der Basis eines - mit dem statistischen Kniff des „gleitenden Fünfjahresmittels“ errechneten - Temperaturanstiegs im gerade noch messbaren Bereich, eine Kausalität vor oder, wie so oft, nur eine schnöde Korrelation? Was heißt in dieser minimalen Größenordnung „statistisch signifikant”? Wie macht sich die „Verschiebung zu Gunsten wärmeliebender Arten“ prozentual bzw. in den Dominanzwerten bemerkbar? Ebenfalls nur um 0,1 Prozent? Ist es überhaupt sinnvoll, für 88 Vogelarten mit höchst unterschiedlichen Habitatansprüchen und Verbreitungsmustern einen durchschnittlichen Klimaindex festzulegen, ohne die reale Bestandsentwicklung der betreffenden Arten einzubeziehen? Wer sich für die quadrierten Indizes interessiert, die den Berechnungen zu Grunde liegen, kann sie im neuen Brutvogelatlas ADEBAR studieren. Dort stehen sie ab S. 756, unvermittelt und ohne jeden Kommentar, als Ansammlung von Kurven, die den Leser zunächst ratlos machen. In den Erläuterungen zu den modellierten Dichtekarten von MhB-Arten wird jedoch Bezug auf sie genommen, was das Verständnis etwas erleichtert.
Im UBA-Bericht werden die Erkenntnisse popularisiert: Die “artspezifischen Temperaturansprüche sind beispielsweise bei der Wacholderdrossel, dem Fitis und dem Gimpel niedriger (die Ansprüche oder die Temperaturen? – HD) als beim Schwarzkehlchen, dem Gartenbaumläufer, der Grauammer und der Nachtigall“ - wobei anzumerken ist, dass für die genannten Beispiele im Atlas nur der Klimaindex für den Gartenbaumläufer enthalten ist. In seinem Artkapitel wird ein negativer Einfluss verregneter Frühjahre auf den Bruterfolg erwähnt. Dieser kann aber auch bei vermeintlich kälteliebenden Arten ähnlich gravierend ausfallen. Man erinnere sich nur an den verregneten Mai 2010, der zahllose Bruten selbst von robusten Höhlenbrütern wie Kohlmeise und Co. zum Scheitern brachte. Egal: „Nehmen bedingt durch den Klimawandel die Temperaturen zur Brutzeit im langfristigen Mittel (0,1°C seit 1990 oder 1,2°C seit 1881? – HD) zu, dann finden wärmeliebende Arten bessere Bedingungen vor und werden im Vergleich zu anderen Vogelarten häufiger. Umgekehrt werden kälteliebende Arten im Vergleich zu anderen Arten seltener“. Ach wenn es nur so einfach wäre! Diese Perle protoökologischer Klotzarithmetik wird man in nächster Zeit in der Tagespresse und offiziösen Verlautbarungen sicher rauf und runter zitiert sehen… Aber ist das Szenario überhaupt stimmig?
Betrachten wir die genannten Arten etwas genauer und beginnen mit dem angeblich kälteliebenden Fitis, der jedoch die warmen bis heißen Sommer von Skandinavien bis Jakutien durchaus zu schätzen weiß. Beruht sein rezent dramatischer Bestandsrückgang in einigen Bundesländern auf dem Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur um 0,1°C? Natürlich nicht. Im Brutvogelatlas werden als treffende Erklärung „Änderungen in der Waldbewirtschaftung“ angeführt, u.a. der Verzicht auf Kahlschläge.

Fitis - M.Siebner
Abb. 3: Fitis – wird es ihm in Deutschland bald zu warm? Foto: M. Siebner

Ist der im Atlas dokumentierte (kurzfristige) Bestandsrückgang der Wacholderdrossel ein Indiz, dass es kälteliebenden Arten in Deutschland schlechter geht? So etwas zu behaupten wäre vermessen, weil diese Vogelart hinsichtlich ihrer Ausbreitungs- und Bestandsdynamik immer noch viele Rätsel aufgibt.
Dies gilt mit Abstrichen auch für den Gimpel, eine schwer erfassbare Art mit Verbreitungsmustern, die sich einer schlüssigen Interpretation entziehen.
Hängt der, mit jährlichen Schwankungen, positive Trend der Nachtigall mit der minimalen Erwärmung hierzulande zusammen? Wohl kaum. Die Nachtigall ist ein klarer Gewinner eutrophierungsbedingter Sukzessionsprozesse; zudem kommen ihr wohl auch die insgesamt höheren Niederschläge in den Überwinterungsgebieten am Südrand der westlichen Sahelzone zu Gute.
Ist die rasante Bestandszunahme des Schwarzkehlchens in irgendeiner Weise klimainduziert? Im Atlas steht dazu nichts. Vielmehr wird darauf verwiesen, dass die Ausbreitungsfaktoren noch nicht verstanden werden. Gleichwohl könnte die anhaltende Expansion zumindest in Niedersachsen zum Teil darauf beruhen, dass sich in niederländischen Poldern und nach großflächigen Renaturierungsmaßnahmen in nordwestdeutschen Moorkomplexen kopfstarke Quellpopulationen herausgebildet haben, die in andere Landesteile ausstrahlen.
Spricht nicht der im Atlas dokumentierte Bestandszusammenbruch der Grauammer in weiten Teilen Westdeutschlands (und neuerdings auch in Ostdeutschland, wo sie zuvor von ausgedehnten Flächenstilllegungen profitieren konnte) gegen das Trugbild der vergleichsweisen Zunahme wärmeliebender Arten? Stehen die Brutpopulationen der Ödlandarten Haubenlerche und Brachpieper, denen es den Klimaprognosen zufolge eigentlich besser gehen sollte, in den meisten Regionen nicht kurz vor dem Erlöschen, weil Sukzessionsprozesse und Nutzungsaufgabe (u.a. von Truppenübungsplätzen) die letzten nährstoffarmen Offenflächen zuwachsen lassen?
In Göttingen wird der einstmals häufige Girlitz, eine thermophile Lichtwaldart mediterranen Ursprungs, immer seltener. Dies stimmt mit dem negativen Bestandstrend in vielen Bundesländern überein. Der Rückgang ist kein Paradox, sondern der Tatsache geschuldet, dass sein Lebensraum durch Gehölzverdichtung immer dunkler, kühler (!) und damit unwirtlicher wird. Wie der Girlitz gehen in Süd-Niedersachsen und anderswo auch andere Lichtwaldarten wie Baumpieper, Bluthänfling und Gelbspötter durch Lebensraumverlust im Bestand zurück bzw. sind, wie der Gartenrotschwanz, im Wesentlichen auf kleine Verbreitungsinseln (Kleingärten mit vegetationsarmen Offenstellen) reduziert. Mit klimatischen Veränderungen hat all dies nichts zu tun, sondern weitaus mehr mit dem großflächigen Verfrachten und Abregnen düngender Stickstoffverbindungen aus Automobilverkehr und Landwirtschaft. Ein wie immer gearteter „Temperaturanstieg zur Brutzeit“ bleibt für wärmeliebende Arten ohne Effekt, wenn der Brutplatz zugewachsen oder wegen Beschattung zu kühl (und insektenarm) geworden ist. Die wenigen Beispiele zeigen, dass in der Realität von einer allgemeinen Verschiebung des Spektrums zu Gunsten wärmeliebender Arten ernsthaft nicht die Rede sein kann. Auch der dramatische Bestandsrückgang vieler, zumeist wärmeliebender Agrarvogelarten spricht dagegen. Es wäre interessant zu erfahren, welche Arten überhaupt, ob nun wärme- oder kälteliebend, bei der Verschiebung den Ausschlag gegeben haben sollen. Turteltaube und Rebhuhn dürften mit Sicherheit nicht zu ihnen zählen…

Girlitz - M.Siebner
Abb. 4 Girlitz: Wärmeliebender Finkenvogel mit Problemen. Foto: M. Siebner

Beim Blick über den Tellerrand kann man sich verlässlich auf die Artkapitel im Brutvogelatlas stützen, deren Aussagen in der Regel um Einiges erhellender ausfallen als die steilen Thesen im UBA-Bericht. Man lese nur das Kapitel zum Bienenfresser („Kronzeuge des Klimawandels“), dessen Bestandszunahme „möglicherweise (! – HD) mit klimatischen Veränderungen zusammenhängt“, aber eben auch “mit dem Anstieg der südeuropäischen Populationen” und, wie man hinzufügen könnte, dem verbesserten Schutz der Kolonien vor menschlichen Störungen, der gedeihliche Reproduktionsraten ermöglicht.
Peinlich wird es, wenn vom UBA ausgerechnet der Orpheusspötter als „Gewinner des Klimawandels“ ins Feld geführt wird. Darauf ist zuvor wohl niemand gekommen. Im sehr gelungenen Atlaskapitel wird verdeutlicht, dass die Expansion dieses “Sozialbrachvogels” bereits in den 1930er Jahren einsetzte und seit den 1990er Jahren stagniert. Übrigens: Der im Atlas enthaltene bemerkenswerte Vorposten im nordhessischen Bergland beruht auf einer Verwechslung mit singenden Sumpfrohrsängern (vgl. den Seltenheitenbericht 2010 der Deutschen Avifaunistischen Kommission).
Fazit: Wieder einmal wird - unter souveräner Vernachlässigung essentieller ökologischer Parameter wie Eutrophierung, Landnutzung und Populations- bzw. Ausbreitungsdynamik - zum Thema „Klimawandel und Vögel“ ein ziemlicher Mumpitz unter die Leute gebracht. Die aufwendigen Berechnungen mit dürftigem Resultat hätte man sich eigentlich sparen können. Ein entspannter Blick auf die Wirklichkeit belegt: Derzeit machen sich klimatische Veränderungen, wenn überhaupt, bei vielen Brutvogelarten eher positiv bemerkbar. Frühere Ankunft im Brutgebiet und zeitiger Legebeginn sind für Kurzstreckenzieher durchaus von Vorteil, vereinzelt und regional sehr unterschiedlich auch für Weitstreckenzieher wie den Teichrohrsänger. Dies zeigt, wie plastisch Vögel auf klimatische Veränderungen reagieren können. Als, neben den holländischen Trauerschnäppern, eines der wenigen „Opfer des Klimawandels“ wird immer wieder die Eiderente ins Feld geführt. Sie hat in warmen Wintern Probleme bei der Verwertung von Miesmuscheln, die stressbedingt Fett abbauen und deshalb für das Überleben der Vögel zu mager sind. Die verheerenden Auswirkungen der rabiat betriebenen Muschelfischerei tun ein Übriges. Gleichwohl ist der langjährige Bestandstrend in Deutschland positiv und der Brutbestand nach den Atlasdaten stabil. Für das populäre “Mismatch-Szenario” des Kuckucks, der “zu spät” ankommt, um seine Wirtsvögel im passenden Zeitraum zu parasitieren fehlt immer noch jeder stichhaltige Beleg.

Teichrohrsänger - M.Siebner
Abb. 5: Kommt im niedersächsischen Bergland nicht früher zurück, anderswo schon: Teichrohrsänger. Foto: M. Siebner

Erfreulicherweise hat in der unsubventionierten Fachwelt ein Umdenken eingesetzt. Immer mehr wird akzeptiert, dass klimatische Einflüsse - nicht zu verwechseln mit witterungsbedingten Kalamitäten, die wie der „Märzwinter 2013“ kurzfristig eine enorme Wirksamkeit entfalten können! - sich derzeit auf die Bestandsdynamik von Vogelarten um ein Vielfaches geringer auswirken als die teils desaströsen Folgen von geänderten Praktiken der Landnutzung, insbesondere der industriell betriebenen Landwirtschaft. Vor diesem Hintergrund ist es sehr bedauerlich, dass die vom DDA größtenteils ehrenamtlich erhobenen Daten für Publikationen verwurstet werden können, deren einziger Zweck in Sachen Vögel darin besteht, den politischen Entscheidungsträgern (Stichwort „Energiewende“) irgendetwas zu liefern, auf das sie sich plakativ stützen können – und sei es noch so dünn. Wie das geht? Ganz einfach: Folge der Spur des Geldes…

Hans H. Dörrie

Nachtrag vom 9. Juni 2015:

Zu den “wärmeliebenden Vogelarten” zählen im Rahmen des Klimafolgenmonitorings in Nordrhein-Westfalen: Blässhuhn, Buntspecht, Eisvogel, Gartenbaumläufer, Grünspecht, Haubentaucher, Hausrotschwanz, Jagdfasan, Kernbeißer, Kleiber, Mehlschwalbe, Mönchsgrasmücke, Schleiereule, Steinkauz, Teichhuhn, Wachtel, Waldkauz, Waldohreule, Zaunkönig und Zilpzalp. Offensichtlich werden in der Mehrzahl Arten gelistet, die von milden Wintern profitieren. Aber ist das gleichzusetzen mit dem ökologischen Terminus “wärmeliebend”? In der Aufzählung ist, bis auf den Sonderfall Wachtel, keine boden- oder bodennah brütende Agrarvogelart enthalten. Weitstreckenzieher sind deutlich unterrepräsentiert und Lichtwald- bzw. Ödlandarten gehen völlig leer aus. Bei einer solchen, aus fachlicher Sicht höchst fragwürdigen Auswahl ist das Ergebnis programmiert - was will man mehr… HD

June 7th, 2015

Das Birdrace 2015 in Süd-Niedersachsen

Turteltaube - M.Siebner
Abb. 1: Turteltaube. Foto: M. Siebner

Am 2. Mai gingen drei Teams an den Start, um in ihrem Beritt während 24 Stunden so viele Vogelarten wie möglich zu registrieren (Informationen und Ergebnisse unter www.dda-web.de).
Die Wetterbedingungen waren passabel bis optimal (sonnig, kaum Wind, um 15° C). Aber wie so oft: Bei eintönig „schönem“ Wetter muss man sich noch mehr abmühen, um Arten auf die Liste zu bekommen. Zudem war die Südhälfte Deutschlands von heftigen Regenfällen geplagt, so dass von dort nur wenige gefiederte Migranten nach Norden starten konnten, um etwas Dynamik ins örtliche Zuggeschehen zu bringen.

Mit dem Titel des Süd-Niedersachsen-Meisters kann sich diesmal das Team „Dynamo avigoe“ schmücken. Mit Maarten Mooij, Silvio Paul und Martin Schuck (extra aus der Schweiz angereist, wacker!) gehörten ihm Mitglieder früherer Formationen („Leinehänflinge“, „Göttinger Siebenschläfer“) an. Sie beackerten den Landkreis Northeim und brachten es auf 122 Arten.

Teamlogo Avigoe
Abb. 2: Teamlogo „Dynamo avigoe“

Um 02:45 Uhr ging es im Hochsolling los. Die typischen Arten in diesem montanen Lebensraum zeigten sich sehr entgegenkommend. Mit drei Repräsentanten (Waldkauz, Waldohreule und Raufußkauz) war die Eulenfamilie gut vertreten. Der Uhu kam an anderer Stelle hinzu. Am Lakenteich ließ sich bei völliger Dunkelheit verfolgen, wie lange ein verschlafener Zwergtaucher braucht, um einen ordentlichen Balztriller zustande zu bringen. Von den gewöhnlichen Waldarten „fehlte“ erstaunlicherweise die Sumpfmeise. Aber wenn die kleinen Kerle im Geäst nicht akustisch auf sich aufmerksam machen, hat man eben keine Chance… In der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck warteten die Mühen der Ebene auf das Team, die durch einen Imbiss im traditionellen Stil (Bratwurst bei Leinemann) nur unwesentlich gelindert werden konnten. Die Geschiebesperre Hollenstedt erwies sich wie so oft als öde. Als Besonderheit tat sich hier nur eine Weißwangengans zweifelhafter Provenienz hervor. Die Vogelwelt im Leinepolder, der noch vor wenigen Tagen von Limikolen nur so gewimmelt hatte, war überschaubar. Zwar gerieten die üblichen Watvögel ins Blickfeld (darunter immerhin 100 Bruchwasserläufer), aber wie vor zwei Jahren z.B. keine kleinere Art der Gattung Calidris. Immerhin ließ sich ein recht früher Wachtelkönig vernehmen. Als weitere Spezialitäten des Gebiets sind Rohrschwirl und Kranich erwähnenswert, wie auch ein Drosselrohrsänger auf der Rast. Der Teichrohrsänger machte sich (noch) ungewöhnlich rar. Dies betrifft auch die Mehlschwalbe, von der erst kurz vor Toresschluss ein Einzelvogel gesehen wurde. Am Abend hatten sich alle einen veritablen Sonnenbrand zugezogen, was aber an der guten Stimmung nichts änderte. Fazit: Bei den Brutvögeln lief es sehr gut, bei den Gastvögeln eher mau.

Das homogene Traditionsteam der „Göttinger Sozialbrachvögel“ (Hans H. Dörrie, Christoph Grüneberg, Karl Jünemann, Moritz Otten und Mathias Siebner) konnte heuer sein 10-jähriges Bestehen feiern und startete wie gewohnt um 04:00 Uhr Richtung Bramwald. Das Ergebnis von 119 Arten war dem spektakulären Anlass nicht ganz angemessen. Immerhin: An der großen Windwurffläche bei Ellershausen gratulierten gleich zwei Turteltauben, wohl die einzigen weit und breit. Weil dort aber weder Baumpieper (galoppierende Verbuschung) noch Grauspecht oder Erlenzeisig auszumachen waren, fehlten diese Arten beim Gesamtergebnis, zumal man auf einen Besuch des Kerstlingeröder Felds verzichten musste. Glanzlichter in Göttingen waren eine Zwergschnepfe an den ehemaligen Tongruben Siekgraben und ein trommelnder Kleinspecht an der Leine südlich vom Flüthewehr. Was „Dynamo avigoe“ mit der Sumpfmeise widerfuhr, geschah den „Sozialbrachvögeln“ mit der Haubenmeise, die sich hartnäckig den Blicken und Gehörgängen entzog. Eine weitere Lücke verursachte der Wanderfalke, obwohl sich das Team für längere Zeit beim Pizzaverzehr an der Turmmensa aufhielt, wo ein Paar ab und an den Nistkasten inspiziert. Bei der Fahrt in den Ostkreis gab es eine kleine Manifestation gegen die Schnapsidee, in einem beliebten Naherholungsgebiet mit bemerkenswerter Vogelfauna einen Golfplatz zu bauen. Akustische Unterstützung kam dabei vom einzigen Feldschwirl der Tour.

Göttinger Sozialbrachvögel
Abb.3: Die „Sozialbrachvögel“ an der ehemaligen Bauschuttdeponie Gö-Geismar. Zum Vergrößern bitte anklicken. Foto: M. Siebner

Am Seeanger gab es mit einem Regenbrachvogel eine schöne Bonusart. Den stärksten Adrenalinstoß während des Rennens verursachte ein Fasan in der Feldmark Bernshausen. Das abendliche Ausharren am Seeburger See, wo zwei Küstenseeschwalben kurz zuvor das Weite gesucht hatten, sorgte mit einer Sturmmöwe, einem singenden Rohrschwirl und zwei Beutelmeisen für einen gedeihlichen Abschluss.

Als drittes Team gingen die „Schweißstörche“ (Pauline Mergel, Jonas Hegeler, Mike Kuschereitz und David Singer) an den Start.

Schweißstörche
Abb.4: Die „Schweißstörche“ im Seeanger

Die jungen StudentInnen absolvierten, wohlgemerkt im Leinebergland, 80 km mit dem Fahrrad und kamen auf genau 100 Arten. Das sehr bemerkenswerte Ergebnis - eigentlich waren “nur” 80 Arten das Ziel - ließ die Strapazen schnell vergessen. Begonnen wurde um 03:45 Uhr bei Nikolausberg, dann ging es durch den Göttinger Wald über das Weißwassertal zum Seeanger und Seeburger See. Hier sorgten vor allem Braun-, Schwarz- und Blaukehlchen für Begeisterung. Der Rückweg führte über das Kerstlingeröder Feld nach Göttingen, wo am Kiessee und an der Kiesgrube Reinshof weiter beobachtet wurde, allerdings mit mäßigem Erfolg.

Tourverlauf Schweißstörche
Abb. 5: Tourverlauf der „Schweißstörche”. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Der zuvor abwesende Wanderfalke an der Turmmensa, der - wie um die Konkurrenz zu verhöhnen – sich beim Pizzaessen in Szene setzte, sorgte am späten Nachmittag für das Grande Finale. Mit Waldohreule, Grauspecht, Waldlaubsänger, Erlenzeisig, Baumpieper und Wendehals sah das Team Arten, die den „Sozialbrachvögeln“ schmerzlich fehlten. Dagegen wollte es mit Wasseramsel und Eisvogel einfach nicht klappen, und die Haubenmeise zeigte auch diesem Team die kalte Schulter. Für das nächste Jahr haben die „Schweißstörche“ ein Ergebnis angekündigt, dass bei gestiegenem Regionalwissen womöglich noch knapper ausfallen könnte. Was die körperliche Fitness anbelangt, sind die Newcomer ohnehin wohl unschlagbar. Man darf gespannt sein…

Allen TeilnehmerInnen hat das Rennen großen Spaß bereitet. 2016 kann kommen!

Hans H. Dörrie, Mike Kuschereitz, Silvio Paul und David Singer

Grauschnäpper - M.Schuck
Abb. 6: Er war auch schon da: Grauschnäpper. Foto: M. Schuck

May 4th, 2015

Geplanter Golfplatz in Geismar:
Wie “grün” ist das Green und wem gehört es?

Schwalbenschwanz - L.Söffker
Abb. 1: Seltener Schwalbenschwanz - durch den geplanten
Golfplatz akut bedroht. Foto: L.Söffker

Die ehemalige Bauschuttdeponie Geismar am südlichen Göttinger Stadtrand hat sich im Laufe der Renaturierung zu einem kleinen Naturparadies entwickelt. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses besonders stark an den Wochenenden von Erholungssuchenden und Naturfreunden genutzt wird. Besonders beliebt ist die Bank an der höchsten Stelle, die einen herrlichen Panoramablick auf die Stadt Göttingen bietet.
Nachdem vor etlichen Jahren ein Golfplatz auf dem Kerstlingeröder Feld verhindert werden konnte, versucht die Göttinger Sport und Freizeit GmbH (GöSF, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt) seit Jahren, ein ähnliches Vorhaben auf der ehemaligen Bauschuttdeponie durchzusetzen. Mitte Februar gerieten sehr konkrete Planungen für einen 9-Loch-Golfplatz ans Licht, die die GöSF an ein Rostocker Unternehmen vergeben hatte. Sie datieren vom Januar 2015 und würden das Erscheinungsbild der Bauschuttdeponie komplett verändern. Weder der Ortsrat Geismar noch die betreffenden Ausschüsse der Stadt, von den Naturschutzorganisationen ganz zu schweigen, wurden darüber informiert. Offenbar will man hinter dem Rücken der Öffentlichkeit vollendete Tatsachen schaffen und, wieder einmal, Flächen, die den Bürgerinnen und Bürgern gehören, einer privaten Nutzung zuführen. Und das obwohl sich bereits reichlich Golfplätze in der Umgebung befinden. Mitte März wurde es noch konkreter: Der Golfplatz soll nun 70 Hektar (100 Fußballfelder!) umfassen, etwa das Dreifache der Deponiefläche. Auch ein Restaurant ist geplant.
Ein Golfplatz sieht zwar grün aus, man darf aber nicht vergessen, dass es sich dabei um intensiv gedüngte und mit Pestiziden gespritzte Flächen handelt, die mehrmals wöchentlich gemäht werden müssen. Für die “Greens” kommt den Planungen zufolge allein für die Bauschuttdeponie ein Bedarf von mehreren Tonnen Stickstoffdünger pro Saison zusammen. Über die Masse der einzusetzenden Pestizide werden wohlweislich keine Angaben gemacht. Zusätzlich muss ein solcher Spielplatz permanent entwässert werden, hat jedoch auf der anderen Seite jährlich bis zu 10.000 Kubikmeter Beregnungsbedarf allein für die Kernfläche. Neben dem Restaurant, der Unterkunft für den Greenkeeper (Düngemittel und Gerätschaften), Umkleiden und einem Mannschaftsraum müssen in dem Gebiet vor allem Parkplätze geschaffen werden sowie etliche befestigte Wege. Dass es bei diesen Bauten nicht bleiben wird, ist stark zu vermuten: Ist der Anfang erst mal gemacht, kann fleißig weiter gebaut und erschlossen werden.

Golfplatz_Neu - Google Earth
Abb. 2: Ausmaß des geplanten Golfplatzes mit einer Große von 100 Fußballfeldern oder auch der kompletten Ortschaft Diemarden. Im Hintergrund die Stadt Göttingen. Erstellt mit Google Earth. Zum Zoomen das Bild anklicken.

Der Golfplatz soll an einen privaten Betreiber gehen, aber gleichwohl öffentlich zugänglich sein. Gegen eine Nutzung durch die Allgemeinheit sprechen jedoch schon der Versicherungsschutz und die geplanten Sicherheitsabstände zu den Golfbahnen. Das Betreten könnte ohnehin nur Lebensmüden empfohlen werden: Golfbälle können bis über 200 km/h Geschwindigkeit aufnehmen. Außerdem wird es der Betreiber nicht gerne sehen, wenn von Passanten ins Green oder den Sodengarten Löcher getrampelt werden. Das gilt insbesondere auch für Hundebesitzer, die bislang dort fleißig ihre Vierbeiner ausführen. Früher oder später wird das Gebiet abgesperrt werden und nicht mehr für die allgemeine Bevölkerung zugänglich sein, auch wenn jetzt Anderes behauptet wird.

Ausblick BSD
Abb. 3: Herrlicher Ausblick auf Göttingen. Müssen unsere Kinder
wegen fliegender Golfbälle hier bald mit Helm herumlaufen?

Von den intensiv genutzten Agrarschlägen der Umgebung hebt sich das Gebiet positiv durch seine kleinstrukturierten Flächen ab. Nachdem bis 1973 dort Hausmüll und bis 1988 Bauschutt abgelagert wurde, begann man mit der Rekultivierung. Zum Teil wurden Bäume und Büsche gepflanzt, zum Großteil wurde das Gebiet einfach der Sukzession überlassen.
In der so entstandenen Landschaft kann man heute vor allem die Vögel, aber auch Insekten der Agrarlandschaft beobachten, die unter der immer mehr industriell arbeitenden Landwirtschaft und dem Anbau von Energiepflanzen zu leiden haben. Man beachte diesbezüglich auch den verlinkten Artikel. So findet sich hier zum Beispiel ein Vorkommen des hübschen Schwalbenschwanzes (siehe Abb.1), das wohl bei der Anlage eines Golfplatzes erlöschen würde.

BSD - M.Siebner
Abb. 4: Kleinod in der Agrarsteppe: die ehemalige Bauschuttdeponie.

Bei den Vögeln finden sich in erster Linie Halboffenland-Arten. Goldammer, Dorngrasmücke und Sumpfrohrsänger kommen hier noch in hohen Dichten vor. Der Feldschwirl ist durch die Veränderungen in der Landwirtschaft in den letzten Jahren dramatisch in seinem Bestand zurückgegangen. Auf der ehemaligen Deponie kann sein insektenartiger Gesang jedoch noch gehört werden. Durch die fortschreitende Verbuschung sind zunehmend auch Arten wie Nachtigall und Gelbspötter zugegen.

Dorngrasmücke - M.Siebner
Abb. 5: Die Dorngrasmücke erreicht auf der ehemaligen Deponie die höchsten Verbreitungsdichten im ganzen Raum Göttingen. Foto: M.Siebner

Ein weiterer bedrohter Agrarvogel mit einem Bestandsrückgang von 93% ist das Rebhuhn, das im Bereich des geplanten Golfplatzes mit immerhin drei Paaren brütet. Eine Telemetriestudie im Rahmen des Göttinger Rebhuhnprojektes belegt dabei die Bedeutung als Quellpopulation zusammen mit dem Diemardener Vorkommen für die umliegenden Bereiche. Für das Rebhuhn ist vor allem auch die angrenzende, bisher extensiv bewirtschaftete Mähwiese, die unter den Abschlagbahnen buchstäblich verschwinden würde (s. Karte), von entscheidender Bedeutung. Der Versuch der GöSF sogar mit dem Rebhuhnprojekt zu werben ist absurd: Erst wird das Gebiet platt gemacht und dann will man sich der schönen Bilder wegen mit einem Rebhuhnblühstreifen wieder frei kaufen. Und von den Bäumen und Gebüschen, die zur Anpflanzung vorgesehen sind, um das Gebiet “ökologisch aufzuwerten” hat diese bodenbrütende Agrarvogelart rein gar nichts.

Rebhuhntelemetrie
Abb. 6: Aufenthaltsorte von Rebhühnern ermittelt durch Telemetrie auf dem Gebiet der ehemaligen Deponie (orange). Die gelben Punkte repräsentieren Neststandorte
(Quelle: Werner Beeke, Rebhuhnschutzprojekt, ArcGis 10.0 und Bing Maps).

Immer wieder konnten hier die “vier großen W” (Wiesenweihe, Wachtelkönig, Wiedehopf und Wendehals) beobachtet werden, zumeist Vögel auf dem Heimzug im Frühjahr. Der Wachtelkönig, eine hochgradig bedrohte Vogelart hielt sich in manchen Jahren über einen längeren Zeitraum auf der großen Mähwiese auf, so dass ein Brüten im Bereich des Möglichen lag.
Seine höchste Attraktivität zeigt das Gebiet in den Frühjahrsmonaten, wo man neben einer reichen Vogelwelt diverse blühende Büsche und Heckenrosen genießen kann.

Feldschwirl - M.Siebner
Abb. 7: Feldschwirl auf dem Plateau. Foto: M.Siebner

Eins sollte klar sein: Durch einen Golfplatz an dieser Stelle würde die hohe Biodiversität massiv beeinträchtigt. Andere, zur Zeit intensiv genutzte Flächen, zum Beispiel im Leinetal, könnten hingegen durch die Anlage eines Golfplatzes profitieren. An dieser Stelle kann man keinesfalls von einer Aufwertung der Landschaft sprechen. Niemand hat etwas gegen Golfplätze – bitte aber nicht ausgerechnet hier im Naherholungsgebiet der Bewohner von Göttingen!

Dieser Artikel wurde am 21. März 2015 aktualisiert.

Für den Arbeitskreis Göttinger Ornithologen
Mathias Siebner

Literatur:
Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Wildrose - M.Siebner

March 15th, 2015

Total normal – der Vogelwinter 2014/15
in Süd-Niedersachsen

Raubwürger - L.Söffker
Abb. 1: Raubwürger in der Feldmark Gö.-Geismar. Foto: L. Söffker

Dezember und Januar gestalteten sich weithin mild und schneearm. Kurz nach dem Jahreswechsel kam es im Leinepolder Salzderhelden zu einem Anstau, der zahllosen Kleinsäugern den Garaus machte und das Nahrungsangebot für einige Großvogelarten paradiesisch anschwellen ließ. Anfang und Ende Februar stellte sich für kurze Zeit Winterstimmung ein. Einige Stillgewässer, darunter der Seeburger See und der Göttinger Kiessee, waren zeitweise vereist, aber niemals komplett. Für ausharrende Wasservögel war dies von großem Vorteil, weil es ihnen die durchgehende Überwinterung ermöglichte.
Im Tunnelblick von Vogelbeobachtern gelten normale bis milde Winter gemeinhin als langweilig, weil an den meisten Tagen immer dieselben Vögel zu beobachten sind. Gleichwohl gibt es einiges zu vermelden, darunter auch die eine oder andere Besonderheit.

Der winterliche Zuzug von Höckerschwänen hielt sich in Grenzen. In der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck überwinterten um die 40 Vögel, im Umfeld des Seeburger Sees um die 25.
Der Winterbestand des Singschwans im Leinepolder Salzderhelden und Umgebung lag bis in die letzte Februardekade konstant bei 21 bis 24 Ind., darunter nur vier Jungvögel. Zu dem alten Bekannten aus Lettland mit der Halsmanschette 2E94 gesellte sich ein Gefährte gleicher Herkunft mit der Signatur 2E22, markiert am 27. Juli 2010. Dieser Vogel wurde zum ersten Mal überhaupt in Niedersachsen abgelesen. Einer der beiden war ein unruhiger Geist: Er verbrachte die Weihnachtsfeiertage an der Elbe in Sachsen-Anhalt, war aber Ende Dezember wieder zurück.
Am Seeburger See legten sieben Singschwäne (5 ad., 2 vorj. Ind.) am 13. Januar offenbar nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Ihnen folgten vom 6. bis 10. Februar drei Altvögel, von denen es einer bis Ende des Monats dort aushielt.
Für das Göttinger Stadtgebiet immer noch sehr bemerkenswert sind zwei Ind., die am 2. Januar über den Göttinger Kiessee flogen (dritter Nachweis).
Zwei adulte Zwergschwäne zeigten vom 29. bis 31. Dezember an der Geschiebesperre Hollenstedt eine für unsere Region arttypisch kurze Verweildauer.

Einzelne Kanadagänse ließen sich am 14. Dezember am Seeburger See und im Leinepolder blicken. Ab dem 19. Februar hielt sich ein Vogel überwiegend an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Mitte Januar rasteten bis zu zwei Weißwangengänse im Polder.
Die Rastzahlen von Tundrasaatgänsen erreichten im Polder Maxima von ca. 1000 bis 1200 Ind. und waren damit typisch für einen insgesamt recht milden Winter. Noch vor 30 Jahren hätte man sie als beispiellosen Masseneinflug gefeiert…

Saatgänse - J. Herting
Abb. 2: Tundrasaatgänse Foto: J. Herting

Blässgänse waren am 19. Februar mit einem Maximum von 820 Ind. wie immer etwas schwächer vertreten. Im Seeanger lag das Maximum bei 50 bis 60 Ind.
Als exklusives Weihnachtsgeschenk präsentierte sich am 24. Dezember im Leinepolder Süd-Niedersachsens erste Zwerggans (P.H. Barthel). Der Altvogel suchte Anschluss an (in dieser Zahl) ebenfalls sehr bemerkenswerte acht Rostgänse, die sich vom 24. bis 26. Dezember dort aufhielten. Ob dieses Sozialverhalten Hinweise auf die Herkunft des Vogels liefert, wird die Avifaunistische Kommission Niedersachsen und Bremen (AKNB) bewerten, bei der die Beobachtung zu melden ist.
Am 26. Dezember zeigte ein Paar der Nilgans mit einem noch sehr kleinen Jungvogel im Seeanger die erste Winterbrut in unserer Region an. Die Familie war später nicht mehr auszumachen, so dass ein Scheitern der Brut sehr wahrscheinlich ist. Winterliche Brandgänse scheinen sich zur Normalität zu mausern. Es liegen immerhin sechs Nachweise (maximal vier Ind. am 26. Dezember auf dem Northeimer Freizeitsee) vor.

Weibliche Mandarinenten konnten am 6. Dezember am Göttinger Kiessee und am 2. Januar am Seeburger See ausgemacht werden. Ebenfalls weiblich ist ein (unberingter) Gast an der Leine in Göttingen nahe dem Faltbootfahrer-Heim ab dem 14. Februar.
Ein gefiedertes Kleinod ganz spezieller Provenienz, ein männlicher Hybrid Braut- x Bahamaente, ließ sich am 7. Dezember am Aueabfluss bei Bernshausen aus nächster Nähe beobachten und fotografieren.

Braut x Bahamaente - M.Siebner
Abb. 3: Hybrid Braut- x Bahamaente. Foto: M. Siebner

Mit heller Kehle und spitzem Schwanz wies der Vogel zwei Merkmale auf, die auch bei einer als weibliche Sichelente bestimmten Schwimmente in den Blick geraten waren. Dieser, immer weit entfernte, Vogel (vgl. den Wegzugbericht auf dieser Homepage) wurde zuletzt am 26. November 2014 gesehen. Zwei halbwegs aussagekräftige Fotos datieren von Anfang November. War es nun derselbe Kandidat, der in vier Wochen kräftig umgemausert hat oder ein Weibchen aus dieser Kombination? Oder doch zwei verschiedene Vögel aus einer Voliere? Man weiß es nicht… Bei Züchtern gelten solche Hybriden als attraktiv; daher sind sie häufiger als angenommen (J. Lehmhus, per E-Mail).
Obwohl das traditionelle Überwinterungsgebiet der Pfeifente am Rhumeufer in Northeim im November komplett gemäht und damit entwertet wurde, war sie im Hochwinter mit bis zu 200 Ind. im Leinepolder und bis zu 160 Ind. am Northeimer Freizeitsee (vermutlich derselbe Trupp) wieder in einer für das tiefe Binnenland bemerkenswert hohen Zahl vertreten.
Aus regionaler Sicht ist die durchgehende Überwinterung einer männlichen Löffelente am Seeburger See eine besondere Erwähnung wert.

Weibchenfarbene Bergenten gerieten einzeln am 14. und 16. Dezember am Seeburger See sowie am 4. und 9. Januar an der Geschiebesperre ins Blickfeld.
Ab dem 4. Dezember bis (vermutlich) zum 6. Februar hielt sich eine viel bestaunte Eisente im 1. bzw. 2. Kalenderjahr auf dem Seeburger See auf. Der zuvor letzte Regionalnachweis stammt vom Dezember 2002 ebenda. Dieser ganz famose Vogel stellte seine Bewunderer oft auf eine Geduldsprobe oder ließ sie frustriert wieder nach Hause ziehen. Er bewegte sich - unterbrochen nur von extrem kurzen Auftauchphasen - gleichermaßen lange und beständig unter Wasser, war manchmal ganz nah, manchmal weit weg und an einigen Tagen komplett unsichtbar. Das schottische Seeungeheuer „Nessie“ oder ein Elite-Kampfschwimmer der israelischen Marine hätte es kaum besser machen können…

Eisente - S.Paul
Abb. 4: Eisente auf dem Seeburger See. Foto: S. Paul

Am 1. Dezember legten zwei Trauerenten auf dem Northeimer Freizeitsee offenbar nur eine kurze Rast ein. Zwei Samtenten hielten sich vom 22. bis 26. Dezember auf dem Northeimer Freizeitsee auf, ein Einzelvogel am 13. Januar an der Geschiebesperre. Eine erheblich längere Verweildauer gönnten sich vier Ind. vom 4. bis 27. Dezember am Seeburger See, ein Vogel (wohl) aus diesem Trupp blieb bis zum 4. Januar.

Zwergsäger traten in typisch geringer Zahl auf. Am 9. Februar schwammen zehn Ind., darunter fünf prächtige Männchen, auf den Northeimer Kiesteichen. Maximal elf Ind., darunter vier Männchen, gab es Mitte Februar am Seeburger See. Möglicherweise waren die Vögel zumindest teilweise identisch.
Im Berichtszeitraum bevölkerten bis zu 50 Gänsesäger den Göttinger Kiessee, maximal 102 Ind. wurden am 14. Dezember am Seeburger See gezählt. Dort lagen den ganzen Winter hindurch die Zahlen mit regelmäßig mehr als 70 bis 80 Ind. recht hoch, weil das Gewässer niemals komplett zugefroren war.
Aus regionaler Sicht sehr bemerkenswert ist die durchgehende Überwinterung eines weiblichen Mittelsägers ab dem 6. Dezember ebenda. Ein prächtiges Männchen hielt sich am 7. Dezember auf dem Göttinger Kiessee auf, leider nur kurz (Belegfoto bei ornitho.de).

Am 4. Januar wurde im Reinhäuser Wald nahe dem Forsthaus Hasenwinkel die Rupfung eines Fasans gefunden. Der Übeltäter war wohl ein Fuchs. Ob er einen frei lebenden Vogel erbeuten konnte, muss offen bleiben. Offenkundig gesund und munter war ein Paar am 21. Februar in der Rhumeaue bei Bilshausen, das den glücklichen Beobachter in helle Begeisterung versetzte.

Auf dem Northeimer Freizeitsee konnte ein Rothalstaucher bis (mindestens) Mitte Februar überwintern.
Ab dem 4. Dezember bis Ende des Monats gab ein Ohrentaucher (wohl im 1. Kalenderjahr) dem Northeimer Freizeitsee die Ehre.

Ohrentaucher - B.Riedel
Abb. 5: Ohrentaucher auf dem Northeimer Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Ob er identisch mit einem am 2. Dezember als Schwarzhalstaucher bestimmten Lappentaucher war, muss offen bleiben.

Zu dem aus dem Vorbericht bekannten Prachttaucher an den Northeimer Kiesteichen (Fischzuchtteich an der B 3) gesellte sich ab dem 2. Dezember ein junger Artgenosse. Beide Vögel wurden nach dem 5. Dezember nicht mehr gesehen.
Am Göttinger Kiessee sorgte der erste seiner Art seit 2007 ab dem 5. Dezember für regen Besucherverkehr. Wie später zu erfahren war, erfolgte sein Aufenthalt bis zum 16. des Monats nicht ganz freiwillig: Ein Anwohner hatte den desorientierten Vogel am Vorabend auf einer Straße unweit des Rückhaltebeckens Grone gegriffen und in die Pflegestation des NABU verbracht. Dort diagnostizierte man seinen unversehrten Status und ließ ihn tags darauf am Kiessee frei. Der Seetaucher machte einen trägen Eindruck, tauchte selten und flügelte so gut wie nie. Ein oder zwei Wassersportlern gegenüber, die lautstark und rücksichtslos den Kiessee durchpflügten und fast alle anderen Rastvögel zum Abflug zwangen, verhielt er sich ungewohnt dickfellig und tauchte erst im letzten Moment ab. Ob er doch nicht ganz fit war oder vom reichen Nahrungsangebot nur allzu gut gesättigt, wird sich nicht mehr klären lassen. Immerhin deuteten negativ verlaufene Suchen nach seinen sterblichen Überresten darauf hin, dass er irgendwie den Abflug geschafft hat.

Prachttaucher - M.Siebner
Abb. 6: Prachttaucher auf dem Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Rastbestand des Kormorans bewegte sich am Göttinger Kiessee während des Berichtszeitraums ziemlich konstant zwischen 30 und 70 Ind. Am 24. Dezember feierten maximal 95 Ind. eine fischreiche Bescherung. Für den Zustand des Kiessees - vom „ökologischen Gleichgewicht“ kann man wohl kaum sprechen - sind die vielen gefiederten Fischfresser ein Segen. Sie machen erheblich mehr Beute als ihre angelbewehrten Mitbewerber im Safari-Look. Obgleich ihr Einfluss auf die Fischfauna dieses nährstoffreichen Gewässers kaum zu quantifizieren ist, könnten sie dennoch dazu beitragen, dass Flohkrebse und andere kleine Pflanzen- und Algenvertilger nicht übermäßig von Brasse und Co. dezimiert werden. Der Wasserqualität kann das nur gut tun.

Einzelne Rohrdommeln gerieten am 29. Dezember an der Geschiebesperre Hollenstedt sowie am 19. Februar im Leinepolder und am Seeburger See ins Blickfeld.
Silberreiher traten in der Region wieder in hoher Zahl auf. Der Winterbestand kann auf ungefähr 250 Ind. beziffert werden. Ein Schlafplatz im Leinepolder wurde von bis zu 172 Ind. (11.1.) frequentiert. Im Umfeld des Seeburger Sees lagen die Zahlen bei knapp 50 Ind. Am 18. Dezember standen allein 45 Vögel auf einem grüngedüngten Acker in der Feldmark Ebergötzen. Im Polder und an der Geschiebesperre Hollenstedt machten bis zu zwei Ind. mit rötlichen Beinen und schwarzen Schnäbeln auf sich aufmerksam (so genannter „modestus“-Typ). Besonders zum Ende des Winters sind solche Vögel aber kaum von normalen Silberreihern zu unterscheiden, die allmählich das Brutkleid anlegen. Und aus Südostasien, wo diese Färbungsvariante dominiert (aber auch Artgenossen mit gelben Schnäbeln und dunklen Beinen vorkommen!), stammten sie mit Sicherheit nicht…
Die Graureiher im Göttinger Levin-Park gaben sich bereits ab Ende Januar sehr geschäftig. Derzeit brüten schon ca. zehn Paare. Auf der Insel im Kiessee, wo in den letzten Jahren ein Einzelpaar erfolgreich gebrütet hatte, ist eine Kolonie in Gründung. Aktuell werkeln fünf oder sechs Paare an ihren Nestern. Mit der erfolgreich bezogenen Dependance, die Platz für eine große Kolonie bietet, kann man dem erwartbaren Zusammenbrechen der uralten Weide im Levin-Park, auf der allein bis zu 19 Paare brüteten, etwas gelassener entgegen sehen. Fragt sich nur, wie die Vögel reagieren, wenn der Freizeitbetrieb zu Wasser (den sie vom Levin-Park nicht kennen!) im Frühjahr Fahrt aufnimmt.

Im Leinepolder und seinem Umfeld überwinterten zwei ortansässige Brutpaare des Weißstorchs. Die Paare an der Geschiebesperre und im Seeanger waren Ende Februar wieder am Start.

Sehr bemerkenswert und in dieser Zahl ohne Präzedenz ist das Auftreten von Kornweihen im Leinepolder. An dem aus dem Vorbericht bekannten Schlafplatz gaben sich bis zu 19 von ihnen (4 M., 15 wf. Ind. am 24.12.) ein Stelldichein. Auch im Januar wurde der Schlafplatz noch von bis zu zehn Ind. beflogen. Im Februar gingen die Zahlen auf ein bis zwei Ind. zurück - typisch für unsere Region, in der durchgehende Überwinterungen eher die Ausnahme sind.
Rotmilane verbrachten den Winter in ungewöhnlich hoher Zahl. Insgesamt könnten es mehr als 100 gewesen sein. Auf vielen Exkursionen wurden Einzelvögel, aber auch Trupps von bis zu sieben Ind. ausgemacht. Mitte Dezember bestand im Sollingvorland bei Relliehausen ein Schlafplatz von 35 Vögeln. Wie bei der Kornweihe dürfte die Kombination aus milder Witterung und einem überaus reichen Angebot von Kleinsäugern das Ausharren stimuliert haben.

Rotmilan - M.Siebner
Abb. 7: Aber ganz so einfach war die Mäusejagd manchmal nicht… Foto: M. Siebner

Ungewöhnlich ist auch die vergleichsweise lange Verweildauer eines alten Seeadlers vom 9. bis 17. Januar im Leinepolder.
War es immer derselbe (nach Alter und Geschlecht unbestimmte) Raufußbussard, der zwischen dem 28. Dezember und dem 2. Februar im Leinepolder mehrfach ins Blickfeld geriet? Egal: Ungewöhnlicher als die vermeintlich lange Verweildauer sind gleich zwei Vögel (1 ad. M., der zweite wohl ein W.), die am frühen Morgen des 24. Februar über Gö.-Nikolausberg nach Süden zogen. Ihnen folgte am Nachmittag ein über den Wüsten Berg nach Südwesten fliegendes Weibchen. Der große zeitliche Abstand macht unwahrscheinlich, dass es das Nikolausberger Weibchen war. Drei an einem Tag über Göttingen ziehende Raufußbussarde sind singulär. Auch die Zugrichtung fällt aus dem Rahmen, weil die Voraussetzungen für eine Schneeflucht aus dem Osten nicht gegeben waren.
Winterliche Merline - in unserer Region die Ausnahme - konnten am 24. Januar am Seeburger See sowie am 18. Februar in der Feldmark Gö.-Geismar notiert werden. Im Leinepolder befasste sich ein Männchen im Februar mehrere Tage mit dem Erbeuten von Singvögeln.

Im Dezember waren noch einige Kraniche unterwegs, zumeist in kleinen Trupps. Um die Monatswende Dezember/Januar hielten sich im Leinepolder bis zu 320 Vögel auf. Der ortsfeste Winterbestand belief sich auf 20 bis 25 Ind. Ab dem 12. Februar setzte der Heimzug ein, zumeist wieder in kleineren Trupps von weniger als 200 Vögeln und, typisch für den Heimzug, nicht selten in der Dunkelheit, was die Erfassung erschwerte. Immerhin ließen sich am 20. Februar mindestens 3200 über das Kerstlingeröder Feld ziehende Ind. gut zählen.

Dass Wasserrallen gut über den Winter gekommen sind, belegen nicht nur regelmäßige Rufaktivitäten von bis zu fünf Ind. am Seeburger See, sondern auch bemerkenswerte sechs bis sieben Ind. am 28. Februar an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden.

Ein paar Kiebitzen gelang die Überwinterung, in der Regel im einstelligen Bereich (Ausnahme: 10 Ind. am 18.1. an der Geschiebesperre). Ab dem 19. Februar setzte der Heimzug ein und ließ die Zahlen steigen.
Als erfreuliches Resultat des bis dato normal verlaufenen Winters liegen keine Meldungen gestrandeter oder verunglückter Waldschnepfen vor. Offenbar konnte sie in aller Ruhe in den Wäldern überwintern und wurden nicht zur Schneeflucht gezwungen, die sie in unwirtliche Gefilde mit vielen Glasscheiben und anderen Zivilisationsbarrieren geführt hätte. Am 13. Januar wurde ein Vogel im Leinepolder gesehen, zwei Ind. flogen im Kaufunger Wald am 22. Februar aus einem Graben auf.
Aus dem Berichtszeitraum liegen (immerhin) sieben Beobachtungen der Zwergschnepfe vor, in der Regel Einzelvögel, die sich auf die Geschiebesperre Hollenstedt, die ehemaligen Tongruben Siekgraben und den Seeanger (2 Ind. am 25.1.) verteilten. Bekassinen waren wie gewohnt etwas zahlreicher vertreten: Maximal zehn bis elf harrten im Hochwinter an der Geschiebesperre und im Leinepolder aus.
An der Geschiebesperre konnten zwei Waldwasserläufer erfolgreich überwintern.

Der Zuzug winterlicher Sturmmöwen hielt sich in Grenzen. Das Maximum von 41 Ind. wurde am 6. Dezember am Seeburger See ermittelt. In der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck lagen die Zahlen allesamt darunter. Dass die größeren Cousins aus der Gattung Larus die Mäuseschwemme ebenfalls nicht zu schätzen wussten, belegen die folgenden Zahlen. Am 18. Januar ließ sich im Leinepolder eine Silbermöwe blicken.
Ein Fünfertrupp (1 ad., 4 K2-Ind.) aus dem Silber-/Weißkopfmöwenkomplex am 16. Februar an der Geschiebesperre konnte nicht auf Artniveau bestimmt werden. Am Seeburger See verbrachte eine junge Mittelmeermöwe den Dezember. An den idyllischen Gestaden dieses Gewässers waren, ganz im Trend, Steppenmöwen (darunter wohl ein Hybrid vom „polonicus“-Typ) deutlich besser vertreten und praktisch den ganzen Winter präsent. Maximal fünf Ind. wurden am 6. Dezember gezählt. Am Northeimer Freizeitsee hielten sich am 26. Dezember zwei 2 K1-Ind. und am 7. Februar ein Altvogel auf.

Steppenmöwe - M.Göpfert
Abb. 8: Knopfauge lässt grüßen. Steppenmöwe am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Ringeltauben waren in diesem Winter in überdurchschnittlich hohen Zahlen unterwegs. Es liegen zahlreiche Beobachtungen von großen Schwärmen vor, darunter als Maxima 1700 am 6. Dezember über Göttingen nach Südwesten ziehende Vögel und ca. 1000 Ind., die am 15. Februar über Seeburg nach Westen flogen. Grund für das vermehrte Ausharren dürfte eine gigantische Buchenvollmast in Kombination mit vergleichsweise geringem Schneefall gewesen sein, die auch für die Phänologie anderer Vogelarten von Bedeutung war.

Insgesamt bis zu zehn akustische Wahrnehmungen balzender Raufußkäuze im Solling (identische Vögel bei mehreren Begehungen eingeschlossen) und an der Ahlsburg deuten darauf hin, dass sich der Bestand nach den überaus schlechten Jahren 2014 und 2013 wieder zu erholen beginnt. Kein Wunder, denn der Waldboden wimmelt nur so von Mäusen, die sich an Tonnen von Bucheckern mästen. Der positive Trend betrifft auch den Sperlingskauz, der in ähnlicher Größenordnung festgestellt wurde.
Am 26. Dezember wurde unweit der Rieswarte am Bratental bei Gö.-Nikolausberg ein Schlafplatz der Waldohreule entdeckt, der von mindestens 30 Vögeln angeflogen wurde. Diese Größenordnung ist aus regionaler Sicht ohne Präzedenz. Leider war er schon am 18. Januar nicht mehr besetzt, weil man in unmittelbarer Nachbarschaft einen Holzlagerplatz angelegt hatte. Zahlreiche Reifenspuren belegten dessen rege Nutzung…
Am 13. Dezember und 11. Januar konnte im Leinepolder noch eine Sumpfohreule notiert werden (vgl. den Vorbericht).

Dem Eisvogel bescherte der zweite milde Winter in Folge wiederum ideale Überlebensbedingungen. Zahlreiche Beobachtungen, auch an winzigen Gewässern wie dem Teich im Göttinger Alten Botanischen Garten und von der Reinsrinne an den Schillerweisen belegen, wie gut es ihm geht. Auf ein Scheibenanflug-Opfer vom 29. Januar in Angerstein trifft dies leider nicht zu. Am Flüthegraben im Göttinger Süden nutzen Eisvögel in Ermangelung von Zweigen und Ästen ab und an das Geländer als Ansitz.

Eisvogel - S.Hillmer
Abb. 9: Eisvogel auf dem Geländer am Flüthegraben. Foto: S. Hillmer

Dagegen zeigen ganze zwei bis drei Winterreviere des Raubwürgers (Leinepolder, Kerstlingeröder Feld, wahrscheinlich Feldmark Gö.-Geismar), dass es um diese Art nicht gut bestellt ist. Ob zwei Vögel vom 20. Februar im Sollingvorland bei Abbecke und vom 25. Februar in der Feldmark nahe Gö.-Hetjershausen als Revierbesetzer einzustufen sind muss wegen ihrer einmaligen Sichtung offen bleiben. Kontrollen von früher besetzten Revieren verliefen negativ. Gerade in einem ungemein mäusereichen Winter ist das kein gutes Zeichen – zumindest wenn man davon ausgeht, dass heimische Brutvögel hier auch überwintern.

191 Saatkrähen, die am 21. Januar auf einer Wiese bei Thüdinghausen nach Nahrung suchten, zeigen aus regionaler Sicht fast schon einen Masseneinflug an. An der Deponie Blankenhagen bei Moringen wurden am 1. Februar maximal 80 Ind. gezählt. Das traditionelle Überwinterungsareal in Gö.-Weende-Nord frequentierten maximal neun Vögel. 120 Ind., die sich am 28. Februar am Seeanger hochschraubten und nach Osten flogen, waren offenkundig wieder auf dem Heimzug.
In den Hochlagen des Sollings konnten im Februar an drei Stellen Tannenhäher gesehen bzw. gehört werden. Später im Jahr dürfte das schwierig werden und am 2. Mai wohl nahezu aussichtslos…

Tannenhäher - S.Paul
Abb. 10: Tannenhäher im Solling. Foto: S. Paul

Trotz des insgesamt milden Winters sind nennenswerte Ansammlungen von Feldlerchen nur aus der Feldmark Buensen nahe dem Leinepolder am 14. Dezember (24 Ind.) und der Leineniederung bei Bovenden am 20. Dezember (ca. 20 Ind.) bekannt geworden.

Aus regionaler Sicht sehr bemerkenswert sind Bartmeisen, die im Seeanger (mindestens zwei Ind.) und im Leinepolder (mindestens fünf Ind.) heimlich den Winter verbracht haben.

Aus dem Berichtszeitraum liegen acht Nachweise des Zilpzalps vor. Das sind zwei mehr als im letzten, ebenfalls milden, Winter. Hinweise auf eine durchgehende Überwinterung gab es nicht.
Vom Sommergoldhähnchen existieren zwei Winterbeobachtungen, genau so viele wie im Vorjahr. Davon datiert eine vom 13. Februar in Gö.-Weende und könnte schon dem (frühen) Heimzug zugerechnet werden.
Mit nur einer Beobachtung am 28. Dezember in einem Ebergötzener Hausgarten war die Mönchsgrasmücke halb so häufig wie im vorjährigen Winter. Zugvogelarten, die nach presseaffinen Prognosen „wegen des Klimawandels immer mehr zu Standvögeln“ mutieren, verhalten sich wohl anders…

Der Seidenschwanz, der im Vorjahr durch komplette Abwesenheit glänzte, macht sich bis dato rar: Es liegen nur drei Beobachtungen (sieben Ind. am 26. Januar in der Göttinger Nordstadt, fünf Ind. am 6. Februar in Hann. Münden und 21 Ind. am 18. Februar in Gö.-Geismar) vor.

Seidenschwanz - V.Hesse
Abb. 11: In diesem Jahr eher eine Rarität: Seidenschwanz. Foto: V.Hesse

Einzelne Singdrosseln gerieten am 6. Dezember am Northeimer Freizeitsee und am 30. Dezember im Leinepolder ins Visier. Im Januar gelang keine Beobachtung. Damit liegt die Zahl der regionalen Winternachweise - Februarbeobachtungen können schon den Heimzug betreffen - seit Beginn unserer avifaunistischen Tätigkeit immer noch unter zehn…

Vom Hausrotschwanz liegen Beobachtungen von insgesamt elf Vögeln vor. Darunter befinden sich allein vier Ind. am 27. Dezember am Umspannwerk bei Rosdorf. Ein robuster Geselle verbrachte, ebenfalls bei Rosdorf, den Dezember, suchte aber später das Weite. Alle anderen zeigten eine deutlich kürzere Verweildauer. Eine durchgehende Überwinterung konnte, anders als im Vorjahr, nirgendwo nachgewiesen werden.

Als Hinweis auf Überwinterungen von Heckenbraunellen sind vor allem Beobachtungen im Januar von Bedeutung. Davon gibt es vier, darunter zwei Vögel betreffend, die am Northeimer Freizeitsee seit Anfang Dezember ausharrten.

Bergpieper hielten sich exklusiv in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck auf. Zumeist wurden nur Einzelvögel gesehen. Am 16. Februar jedoch konnten 32 Ind. am Schlafplatz im Leinepolder gezählt werden, so viele wie in den letzten Wintern nicht. Ob sich die Zahlen endlich wieder nach oben bewegen, werden die kommenden Jahre erweisen.
Der Göttinger Winterbestand der Gebirgsstelze kann mit einiger Wahrscheinlichkeit auf maximal vier Ind. beziffert werden, deutlich mehr als im Vorjahr, als die Auswirkungen des „Märzwinters“ 2013 noch zu spüren waren.
Bachstelzen sind so grazil wie Lisbeth Salander in der Romantrilogie von Stieg Larsson und können sich ebenso wagemutig verhalten. Im teilweise angestauten Leinepolder trafen ab Mitte Januar bis zu 40 von ihnen ein und nutzten die feuchten Flächen zur Nahrungssuche. Recht bemerkenswert sind auch 22 Vögel, die am 21. Januar in der Nähe der JVA Rosdorf einem Schlafplatz zustrebten. Solche Beobachtungen sind in milden Wintern nicht selten. Bis dato hat ihnen glücklicherweise kein massiver Kälteeinbruch mit Schnee und weitgehender Vereisung einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Bachstelze - M.Siebner
Abb. 12: Winterliche Bachstelze. Foto: M. Siebner

Für Süd-Niedersachsen sehr bemerkenswert ist die Zahl überwinternder Buchfinken. Am 4. Februar hielten sich ca. 500 Ind. im Göttinger Cheltenham-Park auf, vermutlich Schneeflüchter aus dem nahen Hainberg. Vielleicht derselbe Schwarm wurde, nachdem der Schnee weithin geschmolzen war, am 10. Februar im Wildtiergehege am Kehr gesehen. Diese Zahlen sind in der Region, wo der Buchfink nur ein spärlicher Wintergast ist, ohne Präzedenz.
Dagegen trat der Bergfink, der in Deutschland mehrere Schlafplätze mit jeweils bis zu vier Millionen (!) Vögeln bezogen hatte, in vergleichsweise moderaten Zahlen auf. Im Kaufunger Wald ließen sich am 14. Dezember mindestens 1000 Vögel zählen, vermutlich waren deutlich mehr präsent. Aus dem Solling liegen Beobachtungen von Schwärmen mit (mindestens) bis zu 5000 Ind. vor. Mitte Januar geriet bei Lichtenborn am Sollingrand ein Schwarm von „vielen Tausend Vögeln“ ins Blickfeld. Sicher ist, dass deutlich mehr Bergfinken als in den Vorjahren überwinterten. Auch das vermehrte Auftreten beider Finkenarten hängt zweifellos mit der enormen Buchenmast zusammen, von der auch andere Vogelarten profitierten.

Bergfink - M.Siebner
Abb. 13: In manchen Jahren massenhaft unterwegs: Bergfink. Foto: M. Siebner

Vom nordöstlichen „Trompetergimpel“ gibt es bis dato sechs akustische Wahrnehmungen, die jeweils ein bis zwei Ind. betreffen. Interessant sind zwei Vögel am 18. Februar westlich von Diemarden, die neben der „Kindertrompete“ auch den Kontaktruf normaler Gimpel zu Gehör brachten. Dies könnte, wie zuvor schon vermutet, darauf hindeuten, dass solche Mischrufer (und eventuell auch der ein oder andere Tröter) mitnichten aus fernen Regionen stammen, sondern sich die Rufvariante nur angeeignet haben.

Am 13. Februar rastete eine Schneeammer an der Geschiebesperre Hollenstedt. Am 14. Dezember wurden am Diemardener Berg 160 Goldammern gezählt, am 9. Februar nahe Thüdinghausen um die 100 Ind. Anderswo wurden solche Zahlen nicht annähernd erreicht. Von der Rohrammer gibt es eine Januarbeobachtung aus dem Leinepolder. Aus dem Februar liegen immerhin vier Nachweise aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck und vom Seeanger vor.

Hans H. Dörrie

Damit schließt dieser nicht gerade voluminöse Winterbericht. Er basiert fast ausschließlich auf Daten regionaler Melderinnen und Melder bei ornitho.de:

T. Alfert, A. Barkow, P.H. Barthel, B. Bartsch, K. Beelte, S. Böhner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, L. Demand, H. Dörrie, W. Dornberger, K. Dornieden, M. Drüner, T. Dziadek, H. Edelhoff, M. Fichtler, E. Garve, C. Gelpke, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, C. Grauf, D. Grobe, C. Grüneberg, W. Haase, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, S. Jaehne, C. Jenewein-Stille, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, H.-A. Kerl, J. Kirchner, A. Klamm, H. Kobialka, U. Kormann, M. Korn, M. Kuschereitz, T. Langer, I. Lilienthal, S. Lilje, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, P. Meister, K. Menge, S.M. Minta, M. Mooij, F. Normann, M. Olivé, M. Otten, S. Paul, L. Pelikan, G. Pfützenreuter, R. Pötzinger, M. Poltz, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, R. Rehm, U. Retzlaff, P. Reus, B. Riedel, J. Röder, V. Rösch, N. Roland, C. Roos, C. Rosbach, T. Sacher, B. Schäfer, M. Schleuning, H. Schmidt, P. Schmidt, V. Schmidt, G. Schmitt, M. Schmitz, D. Schomberg, D. Schopnie, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, R. Spellauge, T. Steiger, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, W. Vogeley, C. Weinrich, H. Weitemeier, J. Wille, D. Wucherpfennig und M. Zimmermann.

March 3rd, 2015

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