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Grauspechtkartierung im Göttinger Land -
ein erster Zwischenbericht

Grauspecht - JWeiss
Abb. 1: Grauspecht-Mann an der zukünftigen Bruthöhle. Foto: J. Weiss

2018 überlegten sich Hans H. Dörrie und Unterzeichner, unter den Vogelbeobachtern im Arbeitskreis Göttinger Ornithologen für artbezogene Beobachtungsprojekte zu werben, um systematische Daten zum Bestand und zur Ökologie besonders interessanter Vogelarten zu gewinnen, die im heimischen Raum charakteristisch sind. Es sollten auch mal Waldarten dabei sein, da in der Regel die Wälder gegenüber den Offenland-Lebensräumen von den Ornithologen gerne vernachlässigt werden. Wir wollten auch dem durch ornitho.de geförderten Trend zum Rückgang systematischer, artenbezogener Beobachtung entgegenwirken. Der Vorstoß fiel auf Resonanz. Neben Waldlaubsänger und Gelbspötter wurde der Grauspecht ausgewählt.

Der Grauspecht (Picus canus) wurde im Kreis Göttingen und in Niedersachsen in den 2000er Jahren mehr oder weniger flächendeckend erfasst (vgl. Brunken et al. 2006, Dörrie div. Jahre; Kartierung und Umfrage Laske im Auftr. der VSW Niedersachsen 2005/06, Südbeck et al. 2008). Diese Daten stellen eine Vergleichsgrundlage für neuere Erfassungen dar. Das südniedersächische Bergland galt in den 2000er Jahren als ein Verbreitungsschwerpunkt des Grauspechtes in Niedersachsen. Dieser Raum kann mit seinen ausgedehnten Laubwäldern und dem Mosaik aus Wald- und Offenlandschaften aus niedersächsischer Perspektive als „Kerngebiet“ der Grauspechtverbreitung angesehen werden (Südbeck et al. 2008).

Der Grauspecht ist ein spannendes und sinnvolles Beobachtungsobjekt. Seine aktuelle Bestandsentwicklung ergibt kein klares Bild und ist regional unterschiedlich. Diese Spechtart unterliegt einem deutlichen Gefährdungspotenzial, einmal durch seine Abhängigkeit von aktuellen Waldbewirtschaftungsformen (vor allem der flächenweit praktizierte „modifizierte“ Großschirmschlag scheint ein ernstes Problem darzustellen) und andererseits von mageren Waldblößen und waldnahen Grünlandflächen (Eutrophierung). Zum anderen spielen eventuell Kräfteverschiebungen in der zwischenartlichen Konkurrenz bezüglich Grünspecht und vielleicht auch Schwarzspecht (Kämpfer-Lauenstein 2017) eine Rolle. Wir wollen versuchen, zu diesen Themen Daten, weitere Fragen und Hinweise zu liefern.

Im Vordergrund des Vorhabens steht zur Zeit nicht die flächendeckende Bestandserfassung des Grauspechtes - dazu fehlt es momentan an personeller Kapazität. Wir streben erst einmal an, eine Reihe von Revier-Fallstudien zu erhalten und gehen zu Beginn unseres Grauspecht-Projektes gezielt und exemplarisch vor. D.h., wir suchen uns Gebiete als Untersuchungsflächen aus, von denen wir Vorinformationen über Grauspecht-Vorkommen aus den 2000er Jahren haben (Quellen s.o.) bzw. die diesen benachbart liegen. Das ist ein geeigneter Weg, zu aktuellen Daten über Vorkommen von Grauspechten einerseits und Bestandsveränderungen andererseits zu gelangen.

Methode

Die Erfassung der Grauspechtreviere erfolgt über die Revierkartierungsmethode lt. Methoden-Handbuch (Südbeck et al. 2005) in leicht modifizierter Form. Möglichst drei, mindestens aber zwei Begehungen sollen stattfinden. Der Zeitaufwand hält sich also in Grenzen. Die Lockpunkte und die Beobachtungsdaten werden in eine Feldkarte eingetragen, für jede der drei Begehungen in einer anderen Farbe. Somit ist das Ergebnis kartografisch anschaulich und schnell zu erfassen. Es macht Spaß, selbst zu sehen, wie sich das Gesamtergebnis Schritt für Schritt entwickelt. Die Feldkarten werden anschließend einheitlich digitalisiert, so dass die gesamte Erfassung für den AGO archiviert werden kann und für spätere Nachforschungen als Basis zur Verfügung steht. Die Kartierungsergebnisse sollen auch durch die Beobachtungsmeldungen in ornitho.de ergänzt werden.
Für die Grauspechtreviere und ebenso für die verlassenen Reviere werden anschließend Habitatparameter erhoben, um Aussagen für Lebensraumbedingungen machen zu können.

Habitat - JWeiss
Abb. 2: Typisches Grauspecht-Habitat. Foto: J. Weiss

Die drei Begehungen sollen im Zeitfenster zwischen letzter Februardekade bis Ende April/Anfang Mai erfolgen. Bei der Begehung wird im Abstand von ca. 100-150 m mit der Klangattrappe oder durch eigenes Pfeifen gelockt. Meldet sich ein Grauspecht, wird das Locken eingestellt und erst wieder im Abstand von mind. 500m erneut präsentiert. Die Prüfgebiete sollten in größeren Wäldern mindestens ca. 200 ha groß sein, da sich z.B. durch waldbauliche Maßnahmen Verschiebungen der Revierzentren ergeben können. Oder es werden separat liegende Wälder, die von Offenland umgeben sind, ausgewählt. Die Erfassungsmethode ist in einem Methodenpapier zusammengestellt, es kann von Interessierten gerne beim Unterzeichner angefordert werden.
Im ersten Durchgang 2019 sagten erfreulicherweise 12 Kolleginnen/en des AGO ihre Mitarbeit im Grauspechtprojekt zu. Die bisher vorliegenden Ergebnisse signalisieren leider einen deutlichen Rückgang der Grauspechtvorkommen seit den 2000er Jahren.

Zwischenergebnis

Folgendes können wir festhalten:
1.) 20 „Altreviere“ des Grauspechtes aus den 2000er Jahren konnten zur Kartierung vergeben werden plus 4 weitere Bereiche, aus denen in den letzten beiden Jahren Hinweise auf Grauspecht-Vorkommen vorlagen.
2.) Von den 20 Altreviergebieten liegen mir 17 als bearbeitet vor.
3.) Von diesen 17 Alt-Vorkommen konnten nur (7-) 8 Vorkommen in 2019 bestätigt werden, das entspricht 41-47%.
4.) In den 4 weiteren Gebieten wurden 3 Reviere bestätigt.
Diese ersten Hinweise zeigen, wie wichtig und dringend es ist, sich mit dem Grauspecht zu befassen. 2020 gehen die Untersuchungen weiter. Einige Gebiete aus 2019 werden noch einmal geprüft, andere Gebiete kommen hinzu. Wir würden uns über weitere Mitstreiter/innen sehr freuen. Wer gerne mit einer spannenden Aufgabe dreimal durch den Frühlingswald marschieren möchte, melde sich bitte beim Autor.

Jo Weiss, Hann. Münden (jo.weiss.lh(at)web.de)


Literatur:

Brunken, G., M. Corsmann & U. Heitkamp (2006): Brutvogelmonitoring im EU-Vogelschutzgebiet V 19 (Unteres Eichsfeld). Ergebnisse des Monitorings 2003 und 2005. Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bd. 11, 81-114)

Dörrie, H. H. (& Heitkamp) (2001-2010): Diverse Avifaunistische Jahresberichte für den Raum Göttingen und Northeim, in: Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Bände 6-14

Kämpfer-Lauenstein, A. (2017): Bestandsentwicklung des Grauspechts Picus canus im Arnsberger Wald 1985-2015. Charadrius 53: 28-32

Schneider, M. (2018): Untersuchungen der Lebensraumansprüche des Grauspechts Picus canus und seiner Verbreitungsgrenze in Niedersachsen. Diss. Göttingen

Südbeck, P. et al. (2005/2012): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands

Südbeck, P., C. Peerenboom & V. Laske (2008): Zur aktuellen Bestandsgröße des Grauspechts Picus canus in Niedersachsen – Versuch einer Abschätzung. Vogelkdl. Ber. Niedersachs. 40: 223-232

February 20th, 2020

Der Waldlaubsänger - ein Vogel schwirrt (ab)

Waldlaubsänger - MSiebner
Abb. 1: Waldlaubsänger. Foto: M. Siebner

Waldvögel werden in der regionalen Avifaunistik eher stiefmütterlich behandelt. Dies betrifft auch den Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix, Abk. WLS), der ein Vogel des Waldesinneren ist und am besten durch seinen schwirrenden Gesang, der an eine fallende Münze erinnert, entdeckt werden kann. Über Verbreitung, Häufigkeit und Lebensraumansprüche ist immer noch wenig bekannt. Da traf es sich gut, dass schweizer Ornithologen diesem Vogel ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben und interessante Ergebnisse erarbeiten konnten. Dies wiederum nahmen Vogelkundler des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) zum Anlass, ähnlichen Fragestellungen nachzugehen.
Wenn die Waldlaubsänger aus ihren Überwinterungsgebieten im äquatorialen Regenwaldgürtel und den anschließenden Feuchtsavannen im April bis Mai bei uns eintreffen, kann man den Gesang nicht nur in den Brutgebieten vernehmen. Singende Männchen sind dann z.B. am Göttinger Kiessee oder ausnahmsweise sogar aus dem Schilf im Polder Salzderhelden (2005) zu hören. Aber auch in den Wäldern werden Gesangsreviere häufig nur für kurze Zeit bezogen.
Der überregionale Bestandstrend der Art ist seit Jahren negativ. Für Niedersachsen wurde für die Jahre 1989 bis 2010 eine jährliche prozentuale Abnahme von 3,7% ermittelt (Krüger et al., 2014). 2017 hat sich der Bestand auf niedrigem Niveau nur stabilisiert und das trotz einer Zunahme anderer im östlichen bzw. tropischen Afrika überwinternder Langstreckenzieher wie Klappergrasmücke, Gartengrasmücke und Mehlschwalbe im Vergleich zum Vorjahr (Mitschke, 2019).

Methode

Die Erfassung dieser Vogelart erfolgte relativ spät, um heim- und weiterziehende Vögel nicht mit zu erfassen, mindestens bei zwei Begehungen, Mitte Mai und Anfang Juni, im Abstand von mindestens sieben Tagen. Kartiert wurden singende Männchen, daneben mit klagenden Flötentönen warnende sowie Nistmaterial und Futter tragende Altvögel.

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Abb. 2: Übersicht über die Kartierstrecken rund um Göttingen
(zum Vergrößern anklicken). Quelle: Google maps

Von entscheidender Bedeutung bei den Begehungen war die Erhebung von Habitatparametern in besetzten Revieren wie die Zusammensetzung der Baumarten, das Alter der Bäume, Anteil an Jungwuchs sowie der mittlere Abstand der Bäume. Weiterhin sollten der Kronenschluss sowie die Bodenbedeckung in den Revieren und auch den Nicht-Revieren notiert werden, ebenso wie das Auftreten von Mäusen und anderen Prädatoren.

Ergebnisse

In der Lieth bei Lenglern konnte in diesem Jahr kein Revier ausgemacht werden. In diesem nur ca. 200 m über dem Meeresspiegel gelegenen Waldstück war der Waldlaubsänger in früheren Jahren regelmäßiger Brutvogel. Viele Waldgebiete der Region sind höher gelegen. Zudem scheint sich in der Lieth die allgemeine Euthrophierung in Gestalt der Verdichtung der bodennahen Vegetation besonders bemerkbar zu machen. Auch die schweizer Ergebnisse konnten eine vergleichsweise niedrigere Besiedelung in tiefergelegenen Gebieten dokumentieren.
Mit Abstand die meisten Waldlaubsänger, nämlich 13 Vögel, konnten im Friedwald und im Wald südlich der Plesse-Burg bei Bovenden angetroffen werden. Von dort liegt auch ein Nestfund mit Jungvögeln vor. An der langgezogenen und mit bis zu 400 m ü. NN ähnlich hoch gelegenen Strecke entlang der Billinghäuser Schlucht und Plessestraße im Plessforst fanden sich immerhin vier und im stadtnahen Untersuchungsgebiet Plessforst West drei revieranzeigende Vögel.
Am Hainberg nahe Herberhausen machten vier Männchen zur Brutzeit auf sich aufmerksam. Rund um das Kerstlingeröder Feld konnten sechs Waldlaubsängerreviere ausgemacht werden, wobei eines im Untersuchungsgebiet an der ehemaligen Panzerstraße gelegen war. In den Jahren seit 2000 konnten an dem ehemaligen Truppenübungsplatz jeweils nur einzelne Vögel nachgewiesen werden. Auf der Strecke Panzerstraße-Hainholzhof-Schillerwiesen gab es bis auf das oben erwähnte Männchen keinen Nachweis. Aus diesem Bereich liegen aus der Vergangenheit viele dokumentierte Revierbesetzungen vor, darunter maximal 12 singende Männchen allein zwischen Hainholzhof und Schillerwiese am 25.5.1997. In anderen Jahren ließen sich nur 4-5 Vögel verhören, was auf die typischen Bestandsschwankungen zurückgeführt werden kann. Das weiträumige Fehlen kann hier nicht nur mit Euthrophierungsprozessen sondern auch mit dem naturnahen Waldbau erklärt werden, der zu starkem Jungwuchs und einer allgemeinen Verdichtung der Vegetation führt.
Im Wald um Bettenrode kam es in diesem Jahr zu keinem Nachweis. Ebenso still war es auf der Hesse-Straße im Reinhäuser Wald. Von diesem Gebiet sind in der Vergangenheit alljährliche Revierbesetzungen gemeldet worden, bis zu 16 Ende Mai 1998. Im Jahr 2007 wurden dort noch immerhin bis zu sechs Reviere kartiert. Bei einer geplanten Wiederauflage der Kartierung sollte deshalb dieses Gebiet auch auf evt. Veränderungen hin angeschaut werden.
Am Käseberg-Brackenberg zwischen Meensen und Wiershausen sowie in der Lieth bei Meensen schließlich waren immerhin acht Waldlaubsänger aktiv.

Waldlaubsänger - MSiebner
Abb. 3: Singendes Waldlaubsänger-Männchen. Foto: M. Siebner

Geeignete Habitatstrukturen

Die meisten Waldlaubsänger konnten, wie gesagt, südlich der Plesse und im sogenannten Friedwald gefunden werden: Dieses Gebiet ist charakterisiert als ein Wald mit unterschiedlich alten Baumbeständen (entstanden offensichtlich durch Femelschlag). Durch diese Wirtschaftsweise ist der Kronenschluss praktisch in allen Revieren mit über 70% dicht, was den Habitatansprüchen dieser Dunkelwaldart entgegenkommt.

Anmerkung: Die nachfolgenden Habitatfotos können durch Anklicken vergrößert werden.

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Abb. 4: Kronenschluss im Göttinger Stadtwald. Foto: J. Kirchner

Das Alter der Bäume schien keine maßgebliche Rolle zu spielen. Auf der Strecke im Plessforst gibt es keine ausgeprägten Altbuchenbestände mit mehr als 100-jährigen Bäumen. In den Bereichen, wo Eiben gehegt werden, wurden keine singenden Waldlaubsänger festgestellt. Die Reviere verteilten sich wie auch bei den anderen Kartierstrecken auf Plateau- und Hanglagen, wobei Hanglagen (acht Reviere von insgesamt dreizehn) bevorzugt wurden. In Hanglagen spielt wahrscheinlich auch die Euthrophierung eine geringere Rolle, weil düngende Niederschläge schneller ablaufen können als anderswo. Das Areal um den Friedwald wird nicht forstwirtschaftlich genutzt. Der Kronenschluss war hier fast vollständig.

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Abb. 5: Friedwald mit der höchsten Waldlaubsängerdichte. Foto: M. Siebner

Der Plessforst weiter südlich ist ebenfalls charakterisiert durch kalkigen Boden mit Hängen und Höhenlagen bis zu 400 m über dem Meeresspiegel. Der Baumbestand ist von Rotbuchen dominiert und bildet ein Mosaik aus verschiedenen Altersklassen und Beschattungsgraden. Die Bodenvegetation in den eher beschatteten Bereichen war unter anderem durch Bärlauch, Waldmeister und Waldgerste bestimmt. In anderen Revieren fand sich auch Efeu als Bodenbewuchs. Die Bodenbedeckung war in den meisten Fällen 20-40%, konnte aber bis auf ca. 70% hochgehen.

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Abb. 6: Bodenbedeckung unter einer Singwarte. Foto: S. Paul

Akzeptiert werden auch Bereiche mit wenig Totholz aber ohne weitere Vegetation. Im Bereich von Totholz und Efeu als Bodenbedeckung konnte an der Plesse ein Bodennest gefunden werden.

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Abb. 7: Totholz im Waldlaubsängerrevier (Lieth bei Meensen). Foto: J. Weiss


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Abb. 8: Verstecktes Bodennest. Foto: M. Georg

Alter und Abstand der Bäume, in unserer Region meistens Rotbuchen, variierten sehr stark. Waldlaubsänger waren in Bereichen mit Stangenholz bis zu ca. 100 Jahren alten Bäumen zu finden. All dies deutet, in Übereinstimmung mit den schweizer Ergebnissen darauf hin, dass dem Ausmaß der Bodenbedeckung eine entscheidende Rolle bei der Habitatwahl zukommt.

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Abb. 9: WLS-Revier südlich der Plesse-Burg. Foto: M. Siebner


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Abb. 10: Revier am Göttinger Hainberg. Foto: S. Paul


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Abb. 11: Revier in der Billingshäuser Schlucht. Foto: M. Georg


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Abb. 12: Revier in der Nähe der Plesse. Foto: M. Siebner

Nicht geeignete Habitatstrukturen

Um die Habitatansprüche der Art zu verstehen, wurden auch die Gebiete ohne Waldlaubsänger unter die Lupe genommen. Als nicht geeignet erwiesen sich Habitate mit starker Naturverjüngung. Diese entstehen u.a. bei einer Waldbewirtschaftung nach der Schirmschlag-Methode. Durch gleichmäßige Auflichtung kommt es zu einer großflächigen Verjüngung des Waldes. Waldlaubsänger meiden offensichtlich solche Flächen (siehe hierzu auch unter Waldlaubsänger). Die folgenden Fotos von nicht geeigneten Habitaten zeigen insgesamt sehr viel grün:

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Abb. 13: Naturverjüngung südlich der Plesse. Foto: M. Siebner


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Abb. 14: Kein Waldlaubsänger in der Lieth bei Lenglern. Foto: K. Stey


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Abb. 15: Und auch kein Waldlaubsänger. Foto: K. Stey


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Abb. 16: Ungeeignetes Habitat an der Billingshäuser Schlucht. Foto: M. Georg

Andere Faktoren für Revierbesetzungen

Nicht auf allen Zählstrecken konnten Waldlaubsänger nachgewiesen werden und das obwohl augenscheinlich geeignete Habitate dabei waren mit nur leichter Bodenbedeckung und fast vollständigem Kronenschluss. Hier könnten andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, darunter das Fehlen geeigneter Singwarten in Gestalt waagerecht verlaufender Äste, die ein obligatorisches Habitatrequisit darstellen.

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Abb. 17: Buchenast als Singwarte. Foto: M. Siebner

Darüber hinaus kann man sich fragen wie groß der Einfluss durch menschliche Störungen ist: Immerhin war der Friedwald im Plessforst das Gebiet mit den höchsten Dichten, obwohl man davon ausgehen kann, dass das Gebiet wesentlich häufiger frequentiert wird als ein Wirtschaftswald. Hier sind häufiger Besucher und manchmal auch ganze Beisetzungsgesellschaften anzutreffen, ein großer Parkplatz liegt direkt in der Nähe. Eine der Singwarten lag unmittelbar über einem Weg. Der singende Vogel ließ sich aber überhaupt nicht von unter ihm durchgehenden Passanten stören. Andererseits konnten rund um Bettenrode keine WLS nachgewiesen werden. Dieses einsame Waldstück zeigt an vielen Stellen ungeeignete Habitate mit extrem dichter Buchenverjüngung oder düsterem Fichtenforst. Allerdings sehen die Waldflächen, insbesondere am Großen Knüll und im Bereich der Gleichen, durchaus vielversprechend aus. Vielleicht wurden diese 2019 jedoch nicht besetzt, weil überall viel Holz eingeschlagen wurde und das teilweise bis in den April hinein.

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Abb. 18: Abholzungen bei Bettenrode. Foto: S. Racky

Weiterhin ist bekannt, dass Prädation eine große Rolle bei der Habitatwahl der Vögel spielt. Deshalb kommt es über die Jahre mit schwankender Prädationsdichte und einer sehr geringen Standortstreue zu starken Schwankungen in der Brutpopulation. Dabei spielt das Vorkommen von Mäusen für diesen bodenbrütenden Singvogel eine wichtige Rolle. Versuche wiederum in der Schweiz, bei denen Waldlaubsängern die Lautäußerungen von Mäusen mit Hilfe einer Klangattrappe vorgespielt wurden, führten zu fluchtartigem Verhalten der Vögel. Das heißt, dass sie in Jahren mit hoher Mäusedichte garnicht erst zur Brut schreiten. Mäuse treten nur ausnahmsweise als Nestplünderer auf, ziehen aber andere Beutegreifer an, die auch Gelege und Jungvögel besonders von Bodenbrütern nicht verschmähen. 2019 war wohl kein ausgesprochenes Gradationsjahr für Waldmäuse. Offenlandmäuse gab es aber recht häufig, was sich auch am guten Bruterfolg von Turmfalk, Waldkauz und Waldohreule in der Region ablesen lässt. Bei vielen Begehungen wurden Mäuse angetroffen, jedoch weniger in den Höhenlagen auf 400 m ü NN. Ob ein Zusammenhang zwischen der niedrigen Lage von nur rund 200 m über dem Meeresspiegel und der Abwesenheit von WLS in der Lieth bei Lenglern besteht, bleibt immerhin eine mögliche Erklärung. Im Plessforst wurde außerdem beobachtet, dass mit fortschreitender Jahreszeit die Anzahl der Mäuse zunahm, deren Verbreitung aber dennoch nicht flächendeckend war.

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Abb. 19: Rötelmaus. Foto: S. Paul

Neben den kleinen Nagern zeigte sich in der Lieth bei Lenglern ein Rotfuchs. Dort sind Wildschweine besonders häufig, deren negativer Einfluss auf den Bruterfolg von Bodenbrütern nicht gering sein dürfte. Eichelhäher, ebenfalls Nesträuber, waren insgesamt weit verbreitet. Andere Prädatoren wie Marder, Dachs oder Waldkauz sind bei Begehungen am Tage praktisch nicht zu erfassen.

Zusammenfassung

Fast vollständiger Kronenschluss und eine lückige oder spärliche Bodenbedeckung sind Voraussetzungen für eine Revierbesetzung von Waldlaubsängern. Hier spielt die Waldwirtschaftsmethode eine wichtige Rolle. Wenn die Vögel im Frühjahr von ihrer weiten Reise in unsere Gefilde zurückkehren, ein unbesetztes Revier suchen und anfangen zu singen, müssen sie innerhalb kurzer Zeit herausfinden, ob das Revier für eine Brut geeignet ist. Kommt es in dieser Zeit zu Störungen z.B. durch Waldarbeiten oder scheint die Eignung des Brutplatzes aufgrund von Prädation nicht gegeben, zeigen Waldlaubsänger eine sehr geringe Brutplatztreue und schwirren einfach wieder ab. Sie suchen dann woanders ihr Glück.
Um jährliche Schwankungen zu berücksichtigen, sollte die Untersuchung für mindestens zwei Jahre weitergeführt werden. Dann könnten z.B. auch Fragestellungen bezüglich der Fragmentierung oder Veränderung der Flächen angeschaut werden.

Fortsetzung folgt - hoffentlich!

Mathias Siebner

Dank geht an folgende Kartierer Béla Bartsch, Hans Heinrich Dörrie, Malte Georg, Ole Henning, Jan Kirchner, Silvio Paul, Severin Racky, Mareike Schneider, Mathias Siebner, Kim Stey und Jo Weiss und besonderer Dank nochmal an Béla Bartsch für die Eingabe der Daten ins GIS (Geographic Information System).

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeres - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim

Dörrie, H. (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen

Dörrie, H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster

Glutz von Blotzheim, U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/II. Aula-Verlag. Wiesbaden

Grendelmeier, A. (2011): The enigmatic decline of the Wood Warbler Phylloscopus sibilatrix: nest predation and habitat characteristics. Master Thesis - Universität Bern

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover

Mitschke, A. (2019): Bestandsentwicklung häufiger Brutvögel in Niedersachsen und Bremen, Jahresbericht für 2017

Payer, M.: Materialien zur Forstwissenschaft. Kapitel 4: Waldbau und Forst., Fassung vom 28. Januar 1998, URLs: Schirmschlag und Femelschlag

Pasinelli, G., A. Grendelmeier, M. Gerber & R. Arlettaz (2016): Rodent-avoidance, topography and forest structure shape territory selection of a forest bird.

Südbeck, P., Andretzke, H., Fischer, S., Gedeon, K., Schröder, K., Schikore, T. & C. Sudfeldt (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Eigenverlag, Radolfzell

Arbeitskreis Göttinger Ornithologen (2001 bis 2010): Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen, Herausg. Dörrie, H.-H. und Heitkamp, U.

Quelle der Karten: Google maps

Waldlaubsänger - MSiebner
Abb. 20: Waldlaubsänger am Friedwald. Foto: M. Siebner

Nachruf: Jan Kirchner (1967 – 2020)

Am 1. Februar 2020 ist unser Mitarbeiter Jan Kirchner gestorben. Er erlag nach einer grippebedingten Herzmuskelentzündung einem Herzstillstand. Jan wurde nur 53 Jahre alt. Sein plötzlicher Tod hat uns alle geschockt. Jan war zehn Jahre als Vogelbeobachter in Göttingen aktiv. Er war Stammgast bei naturkundlichen Exkursionen und hat bei der Erfassung von Beobachtungen in unserer Datenbank ornitho.de mitgearbeitet. Auch an der Kartierung des Waldlaubsängers im Frühjahr 2019 hat er sich beteiligt und eine Zählstrecke im Göttinger Stadtwald übernommen. Im Rahmen der erfolgreichen Kampagne gegen einen Golfplatz an der ehemaligen Bauschuttdeponie Göttingen-Geismar im Jahr 2015 koordinierte er die Aktivitäten auf der Homepage der Golfplatzgegner.
Jan war kein Vogelfreund mit Scheuklappen. Sein Interesse galt vielen naturwissenschaftlichen Fragestellungen, zu denen er sich, gestützt auf eine umfassende Lektüre, ein ergiebiges Wissen erarbeiten konnte. Einigen Aspekten der „Energiewende“ stand er kritisch gegenüber. Wie viele fundierte Gespräche hätte man mit ihm noch führen können…
Tröstlich ist allenfalls, dass sein Sohn David in seine Fußstapfen getreten ist. Auch er interessiert sich für alles, was kreucht und fleucht. Ihm und seiner Mutter Silke gilt unser ganzes Mitgefühl. Jan wird im kleinsten Kreis auf dem Waldfriedhof an der Plesse beigesetzt. Er wird dort von Waldlaubsängern umgeben sein, nach denen er auf seiner Zählstrecke vergeblich gesucht hat. Wir werden ihn nicht vergessen.

Für den Arbeitskreis Göttinger Ornithologen: Hans H. Dörrie und Mathias Siebner

Jan Kirchner
Jan Kirchner

January 4th, 2020

Späte Brutzeit und Wegzug 2019:
Bunte Gänse und invasive Eichelhäher

Zwergkanadagans - ABischoff
Abb. 1: Zwergkanadagans “Candy” - Dauergast am Göttinger Kiessee.
Foto: A. Bischoff

Das Wetter im Berichtszeitraum Juli-November kann für Göttingen als weitgehend ausgeglichen bezeichnet werden. Der Sommer war sonnenstundenreich, Juli und August etwas wärmer als gewöhnlich (mit neuem Temperaturhöchstwert von 37,4°C am 25.7.). Niederschläge waren nicht ganz so rar wie im extrem trockenen Vorjahr. Sie reichten aber nicht aus, das Defizit von 2018 auszugleichen. Als Folge litten auch zahlreiche Buchen und andere Laubbäume unter Trockenstress - ein Phänomen, das in diesem Ausmaß seit 50 Jahren nicht beobachtet wurde. Im September und Oktober fiel dann ordentlich Niederschlag, bei weitgehend “normalen” Temperaturen. Zehn Frostnächte, überwiegend im November, lagen wiederum im langjährigen Mittel. Bedeutende Phasen von Starkregen- oder Sturmereignissen blieben aus, sodass sich der Vogelwelt passable nachbrutzeitliche sowie Wegzugsbedingungen geboten haben dürften. In unseren Breiten überwinternde Arten sind dank milder Bedingungen ohne längere Frostperioden bislang eher unterrepräsentiert - der Winter lässt mal wieder auf sich warten.

Erste Singschwäne konnten am 31. Oktober beobachtet werden. Ein Familienverband aus zwei Elterntieren und fünf Jungvögeln steuerte abends die Geschiebesperre Hollenstedt (GSH) an, den regional bedeutendsten Schlafplatz für durchziehende und überwinternde Gänse und Schwäne. Eine wiederholt im November hier beobachtete Familie wies nur (noch?) vier Junge auf.
Für kurzweilige Begeisterung sorgte die Entdeckung einer adulten (bzw. mindestens vorjährigen) Rothalsgans, welche vom 23. bis 29. Oktober die Vogelgemeinschaft der Geschiebesperre um eine bunte Attraktion ergänzte. Ob der Vogel aus der russischen Tundra stammt oder doch einer Voliere entflogen ist kann allein durch das Fehlen eines Ringes nicht gesagt werden.

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Abb. 2: Rothalsgans an der Geschiebesperre Hollenstedt. Foto: W. Vogeley

Kanadagänse wurden im Betrachtungszeitraum viermal dokumentiert: zwei bzw. sieben Vögel an der GSH sowie ein Einzelvogel bzw. sechs Individuen (Ind.) am Seeanger und Seeburger See.
Eine nah verwandte Art mit aber gerademal der halben Körpergröße ist die Zwergkanadagans. Seit dem 19. September hält sich ein weiblicher Vogel der Unterart minima, inzwischen “Candy” getauft, am Göttinger Kiessee auf. Der Versuch, die Herzen von Stockentenerpeln für sich zu erobern, missglückte - weitaus erfolgversprechender schien da das Anbandeln mit jungen Vogelkundlern, zärtliches Anknabbern eingeschlossen. Doch wessen Herz würde bei Candys kokett-niedlichem Anblick nicht höher schlagen?
Erste Tundrasaatgänse gerieten ab dem 21. September ins Blickfeld und erreichten maximale Durchzugszahlen von 650 Ind. im Leinepolder Mitte Oktober. Darunter befand sich auch ein Vogel, der an der GSH anhand von Fotos als Waldsaatgans Bestimmung fand. Zwischen dem 23. Oktober und dem 16. November liegen nun drei Beobachtungen dieser Gans vor, die aufgrund der Seltenheit von der niedersächsischen Seltenheitenkommission beurteilt werden müssen.

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Abb. 3: Vermutliche Waldsaatgans neben einer Blässgans. Foto: M. Siebner

Der rückläufige Bestand der in Moorgebieten der nordskandinavischen bis westsibirischen Taiga brütenden Waldsaatgans wird auf 50.000 Tiere geschätzt (Stand 2015), wovon aktuell rund 10.000 Vögel den Winter in Deutschland verbringen - fast ausschließlich in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Jagd auf Saatgänse regulär praktiziert wird. Schätzungen zufolge geraten allein dort jährlich bis zu 1.000 Waldsaatgänse vor die Flinte; europaweit dürften es 5.000 - 10.000 Vögel pro Jagdsaison sein (Heinicke 2004). “Nachhaltiges Wildtiermanagement” sieht angesichts solcher, ganz offensichtlich bestandsgefährdender Jagdstrecken anders aus. Ausgerechnet in Russland scheint man uns da in Sachen Schutzbemühungen weit voraus zu sein (Heinicke pers.).

Eine einzelne vorjährige, offenbar übersommernde Blässgans konnte ab August an der GSH festgestellt werden, ab Oktober kulminierte hier ein erster Überwinterungsbestand von bis zu 400 Ind. (Leinepolder).
Die altbekannte Graugans mit rotem Halsring I29 (2012 in Tschechien beringt) verbringt nunmehr ihr sechstes Jahr in Südniedersachsen. Hinzu kommt eine am 24. Oktober sowie 8. und 9. November an Kiessee und Flüthewehr abgelesene Gans mit gelbem Halsband P703, die am 25. Juni 2017 in Polen markiert wurde. Eine weitere Graugans mit gelbem Halsring D276 (ad. Weibchen), am 1. September im Seeanger abgelesen, wurde am 7. Juni 2019 in Sarstedt-Giften markiert.
Eine neue, im vorangegangenen Bericht noch nicht enthaltene Brut der Nilgans erfolgte an der GSH mit sieben Pulli, die alle die Flugfähigkeit erreichten. Weiterhin gab es neue Bruten an den Schweckhäuser Wiesen mit zwei bereits recht großen Jungen sowie am Rasespring in Tiefenbrunn mit drei Jungen. Damit stieg die Zahl erfolgreicher Bruten auf 13. Die bereits bekannte Brut am Seeanger wies im späteren Brutverlauf nur noch sechs Junge auf. Eine am Levinpark gelb beringte Nilgans (JU0) ist nach vier Monaten der Abwesenheit gegen Ende des Betrachtungszeitraums wieder am Beringungsort aufgetaucht.
Brandgansbeobachtungen erfolgten ausschließlich im Sommer: aus Northeim liegen drei Beobachtungen von Einzelvögeln sowie eine Beobachtung von sechs Ind. (1. Juli) von der GSH vor. Im Seeanger konnten bis zu drei Ind. nachgewiesen werden, ein Einzelvogel war bis Mitte September anwesend.
Von “Claudia” fehlt nach wie vor jede Spur, jedoch fand sich ab Mitte September eine andere Warzenente an der GSH an, die sich sogar dickfellig gegen einen attackierenden Habicht behauptete.
Mandarinenten konnten zum wiederholten Male zur Monatswende Oktober-November in Duderstadt auf dem Obertorteich beobachtet werden (drei Ind.), es handelte sich dabei um ein anderes Trio als das am Seeburger See Mitte August kurzzeitig anwesende.
Erneut gab es, inzwischen im dritten Jahr in Folge, einen Brutnachweis der Schnatterente im Seeanger. Von anfangs zehn Pulli wurden mindestens sieben Jungvögel flügge.
Eine recht frühe Beobachtung vom 20. August (Seeanger) sticht zwar heraus, nennenswerte Ansammlungen der Pfeifente liegen mit 96 Ind. jedoch nur von den Northeimer Kiesteichen vor (Mitte November). Größere Bestände am traditionellen Überwinterungsplatz an der Rhume blieben dagegen bislang aus - können ja noch kommen.
Auf dem Durchzug rastende Krickenten lieferten Anfang September ihr Maximum im Seeanger (85 Ind.); die Löffelente erreichte ebendort Mitte Oktober ihre Höchstzahl (54 Ind.) Spieß- und Knäkenten wurden vereinzelt in geringer Anzahl beobachtet, besondere Erwähnung findet ein später Nachweis der letztgenannten, in Afrika überwinternden Art vom 25. Oktober - für die Region recht spät.

Eine singuläre Beobachtung der Kolbenente erfolgte am 3. August an den Kiesteichen in Northeim.
150 Tafelenten an der Northeimer Seenplatte (20. Oktober) zeigen das Durchzugsmaximum dieser ansonsten niedrig ein- bis zweistellig anwesenden Tauchente an. Aus dem Landkreis Göttingen liegt die Höchstzahl nicht vom Seeburger See, sondern vom Kiessee vor (sechs Ind.).

Reiherente - MSiebner
Abb. 4: Reiherentenfamilie auf Wanderschaft. Foto: M. Siebner

Erfreuliche Brutnachweise der Reiherente ergaben sich an der Ilme bei Einbeck (acht Junge), der Rhume bei Northeim (fünf Junge), der Kiesgrube Ballertasche (sechs Junge), der Werra bei Laubach (drei Paare mit 20 Jungen) und dem Levinpark (zehn Junge). Die Vögel des Levinparks schienen eine regelrechte Odyssee durchlebt zu haben. Nach dem Schwund dreier Küken wanderte die Familie per pedes zur Leine, wo nach kurzer Zeit erneut zwei Jungvögel verschwanden. Schließlich konnten nach einiger Zeit bloß noch drei Junge gesehen werden, die auf dem Kiessee hoffentlich die Flugfähigkeit erreichten. Das Schicksal der Levinparkschen Brutvögel scheint zunehmend tragischer Natur zu werden (siehe Höckerschwan im Vorbericht)…
Der einzige Nachweis der Bergente erfolgte am 10. November mit zwei Ind. am Seeburger See.
Wie im Vorjahr hielt sich ein Hybrid aus Kolben- und Moorente oder Kolben- und Reiherente Mitte November an den Northeimer Kiesteichen auf.
Eine spätsommerliche Schellente war am 4. September am Seeburger See anwesend, weitere Beobachtungen erfolgten wie üblich erst ab Ende Oktober und in geringer Zahl.
Erste Zwergsäger waren ab November ausschließlich am Seeburger See anzutreffen mit bis zu sieben Ind. Ein Duo des Mittelsägers (Männchen und weibchenfarbenes Ind.) rastete dagegen schon am 31. Oktober ebenda, jedoch nur für einen Tag.
Nachbrutzeitliche Sichtungen weibchenfarbener Gänsesäger (vermutlich Jungvögel) liegen zum wiederholten Male aus der Region vor (fünf Ind. an der GSH am 16. Juli). Über Brutvorkommen in der weiteren Umgebung darf weiter spekuliert werden. Nennenswerte Ansammlungen gab es seither erst mit 48 Ind. vom Seeburger See (November) - auffallend niedrig, aber wenig verwunderlich angesichts der überregional milden Temperaturen.
Vergleichsweise viele akustische Wahrnehmungen der Wachtel konnten dieses Jahr festgehalten werden. Es liegen 15 Einträge aus den Gebieten Leinepolder, Steinberg (Seeburg), Diemardener Berg, Feldmark bei Duderstadt, Ostviertel und Nordstadt Göttingen (durchziehend) sowie Feldmark Reinshof vor. Zusätzlich konnte in der Feldmark Seulingen eine seltene Sichtbeobachtung dieser heimlichen Art gemacht werden - der Vogel spazierte seelenruhig über einen Weg.
Weitaus niedriger ist der regionale Bestand ausgesetzter Fasane: Es konnten lediglich im Bereich des Seeangers (Juli ein Ind.), bei Duderstadt (Ende Oktober ein Ind.) und bei Landolfshausen (Ende November drei Ind.) Vögel nachgewiesen werden.
Am traditionellen Brutgebiet des Zwergtauchers im Solling (Lakenteich) gerieten 2019 gleich zwei Paare ins Sichtfeld, mit vier Jungvögeln konnte ein erfolgreicher Schlupf festgehalten werden. Ob es die Nachkommen eines oder beider Paare waren geht aus den Daten nicht hervor. Weitere Bruten konnten am Böllestau (ein Jungvogel), von der Ballertasche (zwei Paare mit anfangs sechs, später vier Pulli) und der Sandgrube Meensen (zwei Pulli) verbucht werden.
Am Seeburger See schritten mindestens 24 Paare des Haubentauchers zur Brut, aus denen mindestens 23 Jungvögel resultierten. Weitere Bruten fanden an den „Wunderteichen“ bei Höckelheim, den Northeimer Kiesteichen, der Kiesgrube Reinshof (ein Pullus wurde flügge), Klein Schneen (drei Pulli) und dem Kiessee (drei Pulli, nach Massenevent nur noch zwei) statt.
Beobachtungen des Rothalstauchers liegen vom Seeburger See (2. August; 1 ad. im Prachtkleid), jene des Ohrentauchers vom Northeimer Freizeitsee (16. November; 2 Ind.) vor. Schwarzhalstaucher traten mehrfach während der Sommermonate in Erscheinung, hierbei handelte es sich zumeist um Einzelvögel. Das Maximum liegt mit fünf Exemplaren aus dem September vor (Seeburger See).
Am 31. Oktober wurde kurz nach Mitternacht über der Göttinger Innenstadt eine überfliegende Rohrdommel vernommen. Der Seeburger See beherbergte am 3.November einen weiteren Vertreter dieser Art. Größere Ansammlungen von Silberreihern gab es bisher nicht. Maximal wurden am 30. September etwa 40 Tiere bei Edesheim bemerkt. Am 26. Oktober hielt sich ein Silberreiher des rotbeinigen modesta-Typs südlich Hollenstedt auf. Passend zu dem sehr heißen Sommer wurde mediterraner Flair gleich drei Mal auf langen Beinen ins Bearbeitungsgebiet getragen. Zunächst wurde am 5. Juli an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Seidenreiher bemerkt. Diesem folgte exakt einen Monat später ein junger Purpurreiher, welcher am Seeanger, meist versteckt an der Schilfkante, beobachtet werden konnte. Und zum dritten beehrte ein junger Nachtreiher für gleich zwei Wochen den Seeburger See. Am 17. August entdeckt, wurde er von vielen motivierten Ornithologen bestaunt. Am 3. September geriet er das letzte Mal in den Blick.

Nachtreiher - MSiebner
Abb. 5: Nachtreiher am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Für die Schwarzstorch-Population östlich der B27 war auch das Brutjahr 2019, wie schon das Vorjahr, ein sehr erfolgreiches. Ähnlich dem letzten Jahr schritten wieder acht Paare zur Brut und brachten 22 Junge zum Ausfliegen. Im westlichen Teil der Region konnte wiederum nur eine erfolgreiche Brut notiert werden. Das seit 2016 im Bramwald ansässige Paar brachte drei Junge zum Ausfliegen. An einem verwaisten Nest in diesem Waldgebiet hielt sich ein Vogel nur kurz auf. Am 18. Juli zogen fünf Schwarzstörche über Nikolausberg nach West. Eine Rekordzahl stellt die Beobachtung von 101 Weißstörchen am 4. August im Leinepolder V und gleichzeitig sieben weiteren an der Geschiebesperre Hollenstedt dar.
An zehn Orten wurden im Berichtszeitraum 19 Kornweihen entdeckt. Die erste des Herbstes wurde am 7. Oktober über das Bratental bei Nikolausberg ziehend gesehen. Erwartungsgemäß waren die meisten Vögel weibchenfarben, bei Tiflingerrode und der Feldmark bei Reinshof jedoch erfreuten jeweils adulte Männchen die Beobachter. Erfreulich sind auch vier weibchenfarbene Kornweihen, welche am 22. Oktober zeitgleich in der Feldmark Ischenrode nahe der Landesgrenze zu Thüringen jagten. Zwei Wegzugbeobachtungen der Wiesenweihe können wohl als ein durchschnittliches Auftreten gewertet werden. Ein altes Männchen wurde am 14. August bei Rosdorf entdeckt, eine weitere am 25. August in der Feldmark östlich Sattenhausen. Eine weibchenfarbene Steppen- oder Wiesenweihe am Diemardener Berg am 21. September ist jahreszeitlich wohl eher ersterer zuzuordnen, konnte jedoch leider nicht sicher bestimmt werden. Der 8. September zeichnete sich bei der Rohrweihe mit etwas konzentrierterem Zug aus. Insgesamt wurden an diesem Tag 16 Vögel gezählt, wobei die Hälfte über Nörten-Hardenberg zog. Die letzte im Berichtszeitraum überflog die Schweckhäuser Wiesen am 20. Oktober. Der bisher einzige Raufußbussard wurde am 31. Oktober über dem Diemardener Berg nach Westen fliegend beobachtet.

Raufussbussard - VLipka
Abb. 6: Früher Raufußbussard am Diemardener Berg. Foto: V. Lipka

Westlich Elliehausen zogen am 31. August 38 Wespenbussarde durch. Der letzte wurde am 21. September über der Leineaue nördlich Northeim gesehen. Die letzten Schwarzmilane waren über dem Diemardener Berg am 13. Oktober im Trio unterwegs. Mindestens 74 Rotmilane, die am 5. Oktober gemächlich nacheinander über die Göttinger Nordstadt zogen, stellten mit Sicherheit ein spektakuläres Schauspiel für den Beobachter dar. Am selben Tag konnten über dem Leinepolder 38 weitere, ebenfalls ziehende Individuen gezählt werden. Ebenso eine nicht alljährliche Tagessumme stellen 24 Sperber am 13. Oktober über dem Kerstlingeröder Feld dar. Der deutsche Wappenvogel konnte zwischen dem 30. Oktober und 9. November mehrmals an der Geschiebesperre Hollenstedt bestaunt werden. Beginnend mit gleich zwei Seeadlern, einem Altvogel und einem vorjährigen Artgenossen, folgte jeweils am 2. und 9. November die Beobachtung von noch einem Individuum. Bis zum 23. Oktober hielt sich an den Gewässern um Seeburg noch ein Fischadler auf. Am 20. Oktober wurde an den Schweckhäuser Wiesen der letzte Baumfalke des Jahres gesehen. Trotz des starken Auftretens in Deutschland in diesem Jahr wurden im Bearbeitungsgebiet nur zwei Rotfußfalken bemerkt. Ein adultes Weibchen an der Kiesgrube Reinshof am 19. Juli stellt jahreszeitlich eine untypische Beobachtung dar. Diesem folgte am 31. August ein nach Westen ziehender Jungvogel in der Feldmark westlich Elliehausen. Zehn Merline konnten entdeckt werden. Der erste wurde an der Geschiebesperre am 14. September wahrgenommen. Zwei Vögel überflogen das Kerstlingeröder Feld am 13. Oktober.
Am Großen Freizeitsee bei Northeim stieg die Zahl überwinternder Blässhühner bis zum 17. November auf etwa 350 Individuen. Vom Tüpfelsumpfhuhn wurden am 2. August im Leinepolder vier diesjährige Vögel gesehen, sodass hier ein erfolgreiches Brüten vermutet werden kann. Ein weiterer flügger Jungvogel rastete am 4. August am Seeanger. Bis zum 14. August wurde an dieser Stelle wahrscheinlich immer noch derselbe Vogel, gemeldet. Schlussendlich hielt sich vom 25. bis zum 27. August an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Individuum auf. Zwei rufende Männchen am 2. Juli im Leinepolder blieben die einzige Beobachtung des Wachtelkönigs. Sicheres Brüten bei der Wasserralle konnte an der Kiesgrube Ballertasche und dem Seeanger bestätigt werden. Von ersterer wurden fünf Pulli gesehen, am Seeanger mindestens zwei.

Wasserralle - W. Vogeley
Abb. 7: Junge Wasserralle in der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Kraniche wurden den gesamten Sommer hindurch im Leinepolder mit bis zu zwölf Individuen gemeldet. Auffälliger Zug fand am 23. Oktober mit mindestens 8.867 durchziehenden Individuen und am 29. Oktober mit noch einmal 5.755 Vögeln statt.
Ein Austernfischer zog am 21. November über Gö-Nikolausberg hinweg nach SW. Nur von einem Ort im Bearbeitungsgebiet wurde für den Flussregenpfeifer sicheres Brüten gemeldet. In der Kiesgrube Ballertasche sind mindestens zwei Jungvögel flügge geworden. Die letzte Beobachtung der Art gelang am 21. August, als einer über den Diemardener Berg hinwegzog. Nur einen Nachweis gibt es in diesen Herbst vom Sandregenpfeifer. An der Geschiebesperre rastete vom 21. bis zum 23. September ein Einzelvogel. 300 Kiebitze am 17. Oktober bei Lemshausen beziffern die enttäuschende, aber mittlerweile nicht untypische Maximalzahl beobachteter Individuen für diese Art. Noch schlechter sah es bei dem Goldregenpfeifer aus, welcher mit kompletter Abwesenheit glänzte. Dessen großer Bruder war da zuvorkommender. Am 2. August konnte zunächst am Seeanger, später auch am Seeburger See, ein adulter Kiebitzregenpfeifer entdeckt werden. Erst im Oktober folgten diesem weitere Beobachtungen mit fünf durchziehenden Vögeln am 4. Oktober bei Seeburg, mindestens einem weiteren am 5. Oktober ebenda, sowie mindestens einem rufenden Individuum am 7. Oktober über dem Großen Freizeitsee bei Northeim. Ebenso erfreulich sind drei Beobachtungen des Mornellregenpfeifers. Am 25. August wurde mindestens ein durchziehender Vogel über der Göttinger Nordstadt registriert, ebenso am 27. August über Nikolausberg. Zur Freude vieler Beobachter rasteten vom 21. bis zum 23. August bis zu drei junge Mornells im Bereich des Diemardener Bergs und ließen sich dort gut studieren.

Mornellregenpfeifer - MSiebner
Abb. 8: Mornell auf dem Diemardener Berg. Foto: M. Siebner

Die Zahlen des Alpenstrandläufers bewegten sich durchgängig im einstelligen Bereich. Maximal waren es sechs an der Geschiebesperre am 29. September. Am 4. August verweilte ein adulter Sichelstrandläufer für eine kurze Zeit an der Geschiebesperre. Diesem folgte ein weiterer Vogel am 28. August am selben Gewässer. Auch am Seeanger gelangen zwei Beobachtungen dieser Limikole. Am 18. August sowie am 15. September wurde hier ein Tier gesehen. Temminckstrandläufer traten am 21. August überfliegend bei Rosdorf und am 28. August an der Geschiebesperre Hollenstedt in Erscheinung. Auf dem Herbstzug blieb die Beobachtung eines diesjährigen Zwergstrandläufers am 7. September an der Geschiebesperre die einzige dieser Art. Bruchwasserläufer erreichten ihre höchste Anzahl am 4. August, als 60 Vögel am Leinepolder eine Zwischenrast einlegten. Am 1. September wurde der letzte des Jahres am Seeanger notiert. Waldwasserläufer traten recht zahlreich in Erscheinung, wobei sich die Maximalzahl am 4. August im Leinepolder-Salzderhelden auf 25 rastende Individuen belief. 21 Flussuferläufer am 17. Juli am Seeburger See stellen für diese Art eine stattliche, aber für das Gebiet nicht untypische Anzahl dar. Dunkle Wasserläufer blieben einstellig mit maximal fünf Vögeln am Seeanger am 17. August. Ebenfalls in nur geringer Zahl wurden Grünschenkel vermerkt, wobei das Auftreten am 1. August am Leinepolder in neun Individuen gipfelte. Zwei Individuen des Rotschenkels konnten im Berichtszeitraum ausgemacht werden. Ein Tier wurde rufend am 6. Juli über Gö-Weende festgestellt, ein weiterer am 15. September an der Geschiebesperre. Ähnlich niedrige Zahlen gab es für den Kampfläufer. Er erreichte seine Maximalzahl am 4. August im Leinepolder, als zehn Tiere gleichzeitig anwesend waren. Am 3. August rasteten im Leinepolder Salzderhelden zwei Regenbrachvögel. Jeweils einer wurde am 5. August am Seeanger und am 14. August am Seeburger See entdeckt. Dessen großer Bruder trat vergleichsweise häufig auf. Am 21.Juli rastete ein Großer Brachvogel am Seeanger. Zwischen dem 1. und dem 19. August wurden im Leinepolder maximal vier gleichzeitig anwesende Individuen gezählt. Am 4. August überflog einer Seeburg, gefolgt einen Tag später von einem weiteren am Seeanger. Nächtlicher Zug wurde über der Göttinger Nordstadt am 14. August von einem und am 22. August von mindestens zwei Tieren festgestellt. Vom 27. August bis zum 4. September rastete wohl immer derselbe Brachvogel am Seeanger. Die Geschiebesperre wurde am 22. September von zwei Tieren besucht, während am selben Tag ein weiterer am Seeanger gehört wurde. Am 21. Juli flog eine Waldschnepfe balzrufend über das Kerstlingeröder Feld. Auf dem Herbstzug wurden bis zum Ende des Berichtszeitraums acht Individuen entdeckt. Bekassinen traten in eher geringen Zahlen auf. Jeweils 26 Individuen wurden am 8. und 14. August am Seeanger gezählt. Erwähnenswert ist die Beobachtung einer Bekassine zur Brutzeit am 6. Juli in der Kiesgrube Ballertasche. Am 9. November wurde die bisher einzige Zwergschnepfe des Wegzugs an der Geschiebesperre entdeckt.
Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr konnte eine Dreizehenmöwe im Landkreis Göttingen ausgemacht werden. Vom 9. bis zum 16. November wurde der Vogel im ersten Kalenderjahr auf dem Seeburger See gesehen. Dies stellt (hoffentlich) eine deutlich schönere Beobachtung dar, als jene der im Sterben liegenden auf dem Nordcampus der Uni Göttingen im Januar diesen Jahres.

Dreizehenmöwe - VHesse
Abb. 9: Dreizehenmöwe am Seeburger See. Foto: V. Hesse

Eine adulte Heringsmöwe hielt sich am 23. Oktober im Leinepolder Salzderhelden auf. Von vier beringten diesjährigen Lachmöwen im Juli am Seeburger See stammten jeweils zwei aus Polen und aus Sachsen. Am selben Ort verweilte vom 17. bis 18. Juli eine junge Mittelmeermöwe. Eine weitere geriet hier am 19. September. in den Blick. Schwarzkopfmöwen traten im Berichtszeitraum recht häufig auf. Vom 1. bis 5. Juli rasteten bis zu drei adulte an der Geschiebesperre Hollenstedt. Diesen folgten am 8. Juli ein Vogel im dritten Kalenderjahr und am 19. Juli ein Jungvogel am Seeburger See. Ein weiterer diesjähriger Vogel wurde am 26. Juli im Leinepolder bei Salzderhelden entdeckt, sowie am 11. August einer am Seeanger. Am 7. Oktober wurde von der Geschiebesperre eine vorjährige Steppenmöwe gemeldet. Am selben Ort verweilten am 3. November drei adulte und ein immaturer Vogel. Am 10. November nutzte eine adulte Möwe den Seeburger See zur Rast. Bei Hann. Münden überflog am 24. November ein immaturer Vogel das Gebiet. Vom Seeburger See wurden zwischen dem 19. und dem 22. September maximal fünf Zwergmöwen gemeldet. Zwei Flussseeschwalben jagten am 1. Juli über dem Großen Freizeitsee, gefolgt von zweien an der Geschiebesperre Hollenstedt am 5. Juli Trauerseeschwalben wurden am 13. Juli mit einem Individuum am Seeburger See und im Leinepolder Salzderhelden mit zwei Individuen gesehen. Am 17. Juli flog eine über der Leineniederung nördlich Northeim. Außerdem hielt sich vom 4. bis zum 8. September eine Trauerseeschwalbe am Seeburger See auf.
Erste größere nachbrutzeitliche Ansammlungen der Türkentaube gab es im Oktober mit 20 Individuen bei Gerblingerode und mit maximal elf Vögeln östlich von Rosdorf. Neben der Beobachtung eines singenden Einzelvogels bei Wellersen im Sollingvorland und der Beobachtung zweier Vögel bei Kreiensen im Juli, gab es nur eine Wegzugbeobachtung der jüngst als Vogel des Jahres 2020 gekürten Turteltaube am 7. August im Leinepolder Salzderhelden.
Selten sind Nachweise von Wirtsvögeln des Kuckucks in der Region: Am 16. August machte ein bettelnder Jungvogel an der Kiesgrube Reinshof auf sich aufmerksam. Ein hektisch hin- und herfliegender Teichrohrsänger versuchte dann den großen Schnabel zu stopfen.

Kuckuck - MSiebner
Abb. 10: Bettelnder Jung-Kuckuck. Foto: M. Siebner

Das im vorigen Bericht erwähnte Vorkommen der Schleiereule am Leinepolder konnte erneut am 3. August bestätigt werden. Ein Artgenosse konnte am 24. August bei Bodenfelde beobachtet werden. Ebenfalls an der Weser, etwas flussaufwärts, konnte eine Brut in einem für sie angebrachten Kasten bei Hemeln registriert werden. Am 26. Juli waren dort drei nichtflügge Eulen, einen Tag zuvor sollen es noch sieben gewesen sein. Die Scheune mit Eulenkasten war in den letzten Jahren noch von Turmfalken besetzt und wurde im Frühjahr von den Schleiereulen okkupiert. Nach langer Abwesenheit gelang auch wieder eine Beobachtung eines Einzelvogels am südlichen Göttinger Stadtrand südlich Geismar. Eine besonders intensive Herbstbalz des Sperlingskauzes wurde vor allem aus Nordhessen kommuniziert. Aber auch das Verhören mindestens fünf verschiedener Individuen am 24. September von einer Stelle aus im Reinhäuser Wald deutet an, dass es in Süd-Niedersachsen ähnlich gut gewesen sein dürfte. Dazu passen auch ein regionaler Erstnachweis der Art am 23. September für den Gillersheimer Forst und am 1. Oktober im Nörtener Wald jeweils durch ein singendes Männchen, hierzu muss jedoch angefügt werden dass diese Wälder von Vogelkundlern seit jeher eher gemieden werden. Im Solling wurden vier verschiedene Vögel bekannt. Bei der Waldohreule muss dem Vorbericht noch eine erfolgreiche Brut bei Gieboldehausen nachgetragen werden, sowie eine Brut mit vier flüggen Jungvögeln in Mollenfelde. Ein Uhu am 18. November mit geringer Fluchtdistanz am Göttinger Flüthewehr soll ebenfalls seine Erwähnung finden.
Die Rufe mindestens zweier nach Süd ziehender Bienenfresser am 21. September über Gö.-Weende entgingen einem aufmerksamen Beobachter nicht.
Vom Wendehals gab es auf dem Wegzug gleich fünf Nachweise. Ein Vogel am 16. August auf dem kleinen Kerstlingeröder Feld machte den Anfang, gefolgt von einem Individuum am Göttinger Kiessee am 21. August und am Diemardener Berg am 24. des Monats. Je ein Vogel am 4. September im forstbotanischen Garten in Gö.-Weende und am 8. September in Avendshausen (Einbeck) komplettieren den Herbstbestand.
Selten ist der Pirol auf dem Wegzug in der Region zu sehen. Am 11. August wurde ein Individuum nahe der A7 östlich von Lenglern, glücklicherweise nicht aus einem Auto heraus, beobachtet. Ihm folgte ein Vogel am 7. September am Böllestau bei Hollenstedt.
Auf einer zirka 90 ha großen Windwurffläche nördlich von Billingshausen im Nörtener Wald konnten im ersten Jahr nach dem Orkantief „Friederike“ immerhin schon mindestens drei Neuntöter-Reviere gezählt werden. Den nächsten Jahren kann man zumindest hier optimistisch entgegen sehen. Ein Raubwürger besetzte relativ früh am 9. Oktober sein traditionelles Winterrevier am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt. Besorgniserregend ist hingegen das Ausbleiben eines Nachweises im Berichtszeitraum auf dem Kerstlingeröder Feld, nachdem das Revier dort letzten Winter schon sehr frühzeitig Anfang Januar verwaist war. Wie viele der sieben bis neun weiteren Raubwürger des Herbstes auch den Winter in der Region verbringen werden, wird sich hoffentlich im Folgebericht zeigen.
Hoch durchziehende Eichelhäher sorgten in diesem Herbst vielerorts für ungläubige Blicke. Eine nach Nordwest gerichtete Invasion war von Anfang September bis Mitte Oktober auch in Süd-Niedersachsen deutlich spürbar. Zwischen dem 1. September und 15. Oktober gingen ganze 179 Meldungen von 2.742 Individuen (inklusive Doppelmeldungen) auf dem Meldeportal ornitho.de ein. Bei Zugplanbeobachtungen waren es maximal mindestens 369 Ind. über Gö.-Deppoldshausen (am 20. September während 3:15 h), 196 Ind. über dem Kerstlingeröder Feld (am 26. September während 3:30 h), 194 Ind. am Waldrand bei Gö.-Herberhausen (21. September während 3 h), sowie 166 Ind. ebenfalls über dem Kerstlingeröder Feld (15. September während 3 h). Wie zu erwarten war das Auftreten in Süd-Niedersachsen nur ein Abglanz geographisch begünstigter Regionen. So wurde zum Beispiel an einem Zählpunkt in Belgien ein nationaler Allzeitrekord von fast 4.000 Eichelhähern an einem Tag geknackt, im Alpenraum gab es mancherorts gar Tagessummen im fünfstelligen Bereich. Über die Ursachen des Massenauftretens und das Herkunftsgebiet der Evasoren kann nur spekuliert werden, allerdings spricht die Zugrichtung für eine Herkunft aus östlich gelegenen Ländern. Zumindest aus regionaler Sicht folgte auf ein Eichenmastjahr ein Jahr mit offensichtlich geringer Fruktifikation. Ein guter Bruterfolg in den Herkunftsgebieten in Verbindung mit dem späteren Nahrungsmangel könnte als ungesicherter Auslöser gelten. Die letzte Evasion in vergleichbarer Größenordnung erfolgte 2004 in der Region. Womöglich waren damals regional allerdings noch ein paar mehr Vögel involviert.

Eichelhäher - AStumpner
Abb. 11: Evasor bei der Gefiederpflege. Foto: A. Stumpner

Maximal etwa 25 Saatkrähen südlich von Göttingen stellen schon den Höhepunkt des herbstlichen Auftretens der Art dar. Hybriden aus Raben- x Nebelkrähe wurden am 10. August westlich von Einbeck und am 11. September bei Rosdorf gesehen. Einen Tag später gerieten gleich drei Vögel in der Feldmark Angerstein in den Blick. Diesen folgte erneut ein Einzelvogel am 9. November bei Diemarden. Ebenfalls ein Hybrid in Nebelkrähenoptik oder gar eine Nebelkrähe konnte am 16. November bei Groß Schneen beobachtet werden, für eine genauere Bestimmung reichten die Beobachtungsbedingungen nicht aus.
Beutelmeisen wurden auf dem Wegzug an vier Tagen mit bis zu sechs Individuen am Seeanger festgestellt. Am Seeburger See und dem Göttinger Kiessee geriet jeweils ein Vogel für einen Tag zu Gesicht. Ebenfalls nur von kurzer Dauer waren zwei Beutelmeisen an der Geschiebesperre.
Im September/Oktober gerieten an 17 Tagen insgesamt mindestens 270 ziehende Heidelerchen in den Blick/zu Gehör. Das größte Zuggeschehen wurde am 13. Oktober mit insgesamt 113 Vögeln an verschiedenen Orten registriert, wovon 50 Individuen über das Kerstlingeröder Feld zogen.
Ein neuer Brutplatz der Uferschwalbe wurde bei Uslar bekannt. Der kleine Bestand wurde erst am 25. Juli entdeckt, wobei mindestens zwei Brutröhren beflogen wurden.

Uferschwalbe - WVogeley

Abb. 12: Uferschwalben bei der Fütterung. Foto: W. Vogeley

Eine andere Größendimension hat die größte Mehlschwalben-Kolonie für Süd-Niedersachsen an einer Scheune in Bursfelde an der Weser. Dort konnten am 25. August 144 fertiggestellte Nester gezählt werden, wovon zu diesem relativ späten Zeitpunkt noch in mindestens 25 Nestern Jungvögel beobachtet werden konnten. 2017 wurden hier noch unglaubliche 252 intakte Nester gezählt, 2011 waren es immerhin 180. Regelmäßigere Bestandsangaben von dieser Kolonie sind in der Zukunft sehr wünschenswert.
Bartmeisen machten sich mit maximal drei Vögeln zwischen dem 19. und 21. Oktober am Seeanger relativ rar.
Gut belegt sind zwei Schwanzmeisen der nordöstlichen Nominatform am 16. November an den Northeimer Kiesteichen. Die Vögel waren eher atypisch mit einem Artgenossen der hiesigen Unterart vergesellschaftet.

Schwanzmeise Caudatus - WVogeley
Abb. 13: Schwanzmeise ssp. caudatus bei Northeim. Foto: W. Vogeley

Gelbbrauen-Laubsänger wurden diesen Herbst in der Region das vierte Jahr in Folge beobachtet. Ein erster Vogel konnte am 2. Oktober bei seinem munteren Treiben in einer Traubenkirsche zusammen mit Laubsängern und Goldhähnchen am Friedhof Junkerberg in Gö.-Weende beobachtet werden. Ihm folgte ein Vogel, von welchem am 12. Oktober am Ortseingang von Gö.-Herberhausen lediglich die Rufe gehört wurden. Für das Referenzgebiet des AGO sind dies der achte und neunte Nachweis der Art.
Das rekordverdächtige Jahr des Drosselrohrsängers wurde schon im Vorbericht abgehandelt. Der Glanzpunkt gelang schließlich am 10. Juli an der Kiesgrube Angerstein mit einem heftig warnenden Altvogel und mindestens einem bettelnden Jungvogel. An der kleinen Kiesgrube konnten zuvor schon bis zu drei singende Männchen festgestellt werden. Die Beobachtung dürfte den ersten gesicherten Brutnachweis für Süd-Niedersachsen darstellen. In den 1940er und 1960er Jahren wurde vom Seeburger See noch ein Brutbestand angegeben, welcher auf bis zu zehn Paare quantifiziert wurde. Nach einem Bestandeinbruch können dort bis heute gelegentlich einzelne Männchen mit zum Teil langer Verweildauer festgestellt werden. Auch für den Göttinger Kiessee ist der Drosselrohrsänger für die 1950er Jahre als Brutvogel gelistet. Die Leine südlich von Göttingen sollen vermutlich in den 1930er Jahre zwei Paare besiedelt haben. Konkrete Hinweise auf erfolgreiche Bruten mit Jungvögeln gab es in all diesen Jahren nicht. Den Jahresabschluss machte ein junger Migrant am 2. August am Seeburger See.

Drosselrohrsänger - MGöpfert

Abb. 14: Abschluss eines sehr guten Jahres für den Drosselrohrsänger in der Region. Foto: M. Göpfert

Eine einzelne Ringdrossel am 31. Oktober am Seeanger. Das war’s schon für diese Art.
Vom Schwarzkehlchen ist eine erfolgreiche Brut im Jägerparadies am Diemardener Berg mit einem Jungvogel nachzutragen. In dem Gebiet waren insgesamt zwei Paare anwesend. Am Seeanger gelang eine Zweitbrut mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln. Schwieriger einzuordnen ist die Beobachtung eines Weibchens mit drei schon länger flüggen Jungvögeln am 5. August östlich von Stockhausen, ein Brutplatz ist in der Umgebung nicht bekannt.
Das Liebesleben des männlichen Hybriden aus Haus- x Gartenrotschwanz gestaltete sich zunehmend unübersichtlich. Zeitgleich zu der im Vorbericht beschriebenen Brut mit vier flüggen Jungvögeln, versorgte das Männchen eine weitere Brut eines anderen Weibchens von mindestens drei flüggen Jungvögeln. Kopulationen konnten ebenfalls mit zwei sich durch Gefiedermerkmale unterscheidbaren Weibchen beobachtet werden. Am Brutplatz des Weibchens mit zuvor vier flüggen Jungvögeln konnte eine Zweitbrut mit fünf Jungvögeln festgestellt werden. Zeitgleich hatte das Hybrid-Männchen erneut eine zweite Familie mit ebenfalls fünf flüggen Jungvögeln. Der Vogel dürfte in der Saison seine Gene demzufolge vermutlich an insgesamt 17 Jungvögel weitergeben haben. Von einem nicht fertilen Hybriden kann da kaum die Rede sein.

Haus-X-Gartenrotschwanz - MGöpfert
Abb. 15: Hybrid Haus- x Gartenrotschwanz im Herbstlook. Foto: M. Göpfert

Letztmalig wurde der Rotschwanz am 28. Oktober beobachtet. Den traditionell größten Rastplatz auf dem Wegzug des Gartenrotschwanzes stellt das Kerstlingeröder Feld dar. Am 26. September konnten hier mindestens 28 Vögel gezählt werden.
Die Rastzahlen des Steinschmätzers halten sich mit 40 Individuen aus 28 Beobachtungen nach wie vor auf bescheidenem Niveau.
Zwischen dem 16. August und 5. September wurden an sechs Tagen insgesamt mindestens elf Brachpieper beobachtet. Maximal waren es mindestens sechs Individuen (2 stationär, 4 überziehend) am 20. August am Diemardener Berg. Vom Baumpieper gibt es wenig Erwähnenswertes zu berichten. Die Maximalzahl durchziehender Vögel wurde an den wenigen Tagen, an welchen das morgendliche Zuggeschehen erfasst wurde, auf gerade mal 60 Individuen beziffert, die am 15. September über das Kerstlingeröder Feld zogen. Bergpieper traten im November siebenmal mit insgesamt 18 Individuen auf. Über den Winterbestand wird wie immer im Folgebericht Auskunft gegeben.
Schon früh machte der erste „Trompetergimpel“ am 2. Oktober auf dem Friedhof Junkerberg durch seine Rufe auf sich aufmerksam, der zweite folgte ebenfalls recht früh am 6. Oktober im Neuen Botanischen Garten. Stand jetzt liegen 23 Beobachtungen von 28 Vögeln vor.
Ortolane waren auf dem Wegzug für den nächtlichen Himmel von Göttingen-Weende exklusiv. Zwischen dem 15. und 24. August konnte ein die Nacht über angeschaltetes Aufnahmegerät (jeweils ca. 5:30 h) insgesamt sechs Vögel erfassen. Maximal waren es am 24. August drei nächtliche Migranten. Die auf diese Weise gute Erfassbarkeit dieses überwiegenden Nachtziehers ist wenig verwunderlich, so wird gemutmaßt, dass Ortolane eine niedrigere Flughöhe als andere Nachtzieher haben könnten. Dieser Effekt wird vor allem durch bewölkten Himmel verstärkt.
Damit schließt dieser Bericht, der nahezu ausschließlich auf Einträgen in der Internetplattform ornitho.de basiert. Der Dank der Verfasser gilt allen Melderinnen und Meldern.

Béla Bartsch, Malte Georg und Ole Henning

Literatur:
Heinicke, T. (2004): Neue Erkenntnisse zum Auftreten der Waldsaatgans in Mecklenburg-Vorpommern. Orn. Rundbrief Meckl.-Vorp. Bd. 45, H. 1, S. 3 – 18

Gelbbrauenlaubsänger - MGeorg
Abb. 16: Gelbbrauen-Laubsänger auf dem Friedhof Junkerberg. Foto: M. Georg

December 14th, 2019

Die Turteltaube in Süd-Niedersachsen:
wer kennt noch den Vogel des Jahres 2020?

Turteltaube - M.Siebner
Abb.1: Turteltaube an einem mittlerweile verwaisten Brutplatz bei Ellershausen.
Foto: M. Siebner

Auf einer Stromleitung in der Feldmark zwischen Jühnde und Bördel oberhalb des Leinetals versammeln sich im Spätsommer 18 Turteltauben. Bald werden sie sich in ihre Winterquartiere südlich der Sahara aufmachen. Ja und? Die Beobachtung gewinnt durch das Jahr an Bedeutung, in dem sie stattgefunden hat: 1998. Seit damals ist ein vergleichbar großer Trupp in unserer Region nie mehr gesehen worden. Die Feldmark Jühnde – Bördel ist inzwischen gründlich ruiniert, das Grünland geschrumpft, die Brachen weg, die Feldwege asphaltiert. Turteltauben wurden dort seit Jahren nicht mehr gesehen, ein Brutvorkommen des Raubwürgers ist ebenfalls lange erloschen. Auf der Fläche stehen jetzt vier riesige unfertige Windräder, deren Weiterbau nach einem Gerichtsbeschluss im Frühjahr 2018 wegen einer fehlenden Umweltverträglichkeitsprüfung vorerst gestoppt wurde. Die in der Umgebung brütenden Rot- und Schwarzmilane und ein traditionelles Baumfalkenpaar werden es danken – fragt sich nur, wie lange noch

Die Turteltaube (Streptopelia turtur) besiedelt ein riesiges paläarktisches Gebiet, das von Großbritannien bis nach Westchina reicht. Der europäische Bestand wird auf 3,5 bis 7,2 Millionen Paare geschätzt. Auf die Bundesrepublik Deutschland entfielen nach dem Brutvogelatlas für die Jahre 2005 bis 2008 (Gedeon et al. 2015) (nur noch) 25.000 bis 45.000 Paare. Aktuell dürften es noch weniger sein.
Bei der Atlaskartierung wurden in Niedersachsen ca. 4.600 Paare (Krüger et al. 2014) gezählt. Die höchsten Dichten finden sich in der Mitte des Bundeslandes, während im Süden große Verbreitungslücken zu erkennen sind. Wegen des starken Bestandsrückgangs von mehr als 50 Prozent in den vergangenen 20 Jahren rangiert die Turteltaube in der Kategorie 3 („im Bestand gefährdet“) der niedersächsischen Roten Liste. Dass der NABU eine global gefährdete Art (Status „Vulnerable“) zum „Vogel des Jahres“ gekürt hat, ist ehrenwert. Nur: Die meisten Menschen kennen diesen Vogel gar nicht (mehr) und werden im nächsten und vermutlich auch in den Jahren danach kaum die Gelegenheit haben, seiner ansichtig zu werden. In unserer Datenbank ornitho.de, die von vielen zum Teil hoch qualifizierten Beobachter/innen eifrig genutzt wird, ist für das AGO-Beobachtungsgebiet pro Heim- und Wegzugperiode nur die buchstäbliche Handvoll Beobachtungen enthalten, elf Sichtungen in der Heimzug- und Brutzeitperiode 2018 und zehn 2016 sind eher klägliche Rekordzahlen der letzten Jahre. Vom Wegzug ist in diesem Jahr nur ein singendes Männchen vom 8. August im Leinepolder Salzderhelden bekannt geworden.

Verbreitung und Bestand

In der Kommentierten Artenliste der Vögel des Leinetals und angrenzender Gebiete (Dörrie 2010), die den Zeitraum 1980 bis 1998 behandelt, wird die Turteltaube als „möglicherweise nur spärlicher, aber verbreiteter Brutvogel“ eingestuft. Die avifaunistischen Jahresberichte des AGO enthalten bis in die frühen 2000er Jahre eine Fülle von Angaben zu besetzten Revieren, die diese Einschätzung bestätigten. Viele Fundorte wurden danach nie wieder von Beobachter/innen aufgesucht. Daher lassen sich über den aktuellen Brutbestand keine verlässlichen Aussagen machen. Er könnte, optimistisch geschätzt, ganz knapp im zweistelligen Bereich liegen. Die wenigen rezenten Hinweise auf Revierbesetzungen stammen von einem Feldgehölz bei Eberhausen, von einer Windwurffläche im Gillershäuser Wald, von einem Fichtenbestand bei Vogelsang nahe der Grenze zu Thüringen (altes Revier) und aus Sievershausen im Sollingvorland. Ein langjährig besetztes Revier auf einer Windwurffläche im Bramwald bei Ellershausen ist seit 2017 verwaist, noch länger das letzte bekannte Vorkommen im Göttinger Stadtgebiet im Gartetal nahe einem alten Steinbruch. Bei einer aufwendigen Erfassung des Waldlaubsängers in einigen Laubwäldern um Göttingen geriet in diesem Frühling keine Turteltaube zu Gehör.

Lebensraum und Lebensweise

Die regionalen Angaben zu früheren Brutvorkommen beziehen sich auf eine ganze Palette von Habitaten: Feldgehölze, Fichten-Stangenhölzer, auwaldähnliche Gehölzstrukturen an Fließgewässern und Windwurfflächen. Als entscheidendes Habitat-Strukturelement sind vegetationsarme Offenflächen hervorzuheben. Diese sind für unseren Porträtvogel unabdingbar, denn nur hier kann er als obligatorischer Samenfresser am Boden seine Nahrung aufnehmen. Wachsen diese Flächen zu, verschwindet die Art. Dies ließ sich anschaulich an der bereits erwähnten Windwurffläche bei Ellershausen dokumentieren, die mittlerweile weithin zugewachsen ist. Es erklärt auch, warum in Niedersachsen und in den angrenzenden ostdeutschen Bundesländern die höchsten Dichten auf Truppenübungsplätzen, in Tagebau-Folgelandschaften oder am Rand von degenerierten Mooren zu finden sind. Auf diesen Inseln im Meer der „Normallandschaft“ werden bzw. wurden die Folgen des permanenten Eintrags von düngenden Nährstoffen (darunter auch das berüchtigte Kohlendioxid) aus Industrie, Landwirtschaft und Verkehr durch spezifische Formen der Bodenbearbeitung mit Baggern, Panzern usw. gering gehalten. Ansonsten heißt es: „Deutschland wächst zu“, worüber nicht nur viele Offenland-Vogelarten klagen, sondern auch die Deutsche Bahn, wenn sturmgeschädigte Bäume auf die Gleise krachen.
Das Innere der Wälder ist, nicht zuletzt durch den „naturnahen Waldbau“, für die licht- und wärmeliebende Turteltaube zu dunkel geworden. Die überall dominierende dichte Kraut- und Strauchschicht tut ein Übriges, um diesen Lebensraum für sie unwirtlich zu machen. So gesehen, kann die Turteltaube von vermeintlichen Katastrophen, die für lichte Strukturen sorgen, nur profitieren. Jeder Waldbrand, jeder Orkan und nicht zuletzt das Zerstörungswerk des winzigen Borkenkäfers in vorgeschädigten Fichtenbeständen sind ein Segen für diese gefährdete Vogelart. In unserer Region haben „Friederike“ und einige Folgestürme große Freiflächen geschaffen, die vielleicht/hoffentlich in den kommenden Jahren von der Turteltaube in Beschlag genommen werden. Andere mögen, aus durchaus nachvollziehbaren ökonomischen Gründen, solche Kalamitäten als „Waldsterben 2.0“ oder „katastrophale Folgen des Klimawandels“ brandmarken: Für die Turteltaube (und andere Lichtwald- und Offenlandarten) sind sie der beste Biotopschutz, den man sich denken kann – wenngleich immer nur für wenige Jahre.

TT Windwurffläche - BBartsch
Abb. 2: Strukturreiche Windwurffläche am Lüningsberg bei Aerzen (Landkreis Hameln-Pyrmont): Hier balzten Ende Mai 2019 bis zu acht Männchen.
Foto: B. Bartsch

Verfolgung und Schutz

In Deutschland gilt die Turteltaube als „jagdbar“. Gleichwohl genießt sie seit längerem eine ganzjährige Schonzeit. In der Europäischen Union sieht es leider ganz anders aus. In zehn EU-Staaten werden alljährlich ca. zwei bis drei Millionen von ihnen geschossen – als sportliche Herausforderung und ganz legal. Das heißt: Ein signifikanter Teil der europäischen Population endet vor den Flinten der Jäger. Unfassbar. Für die negative Bestandsentwicklung in vielen Ländern ist sicher auch dieser enorme Blutzoll verantwortlich. Auch verwaiste Reviere in immer noch geeigneten Lebensräumen und, wie in Niedersachsen zu beobachten, die Konzentration der Vögel auf wenige Optimalhabitate könnten darauf hindeuten. Das Mantra von der „nachhaltigen Jagd“ entpuppt sich, wie bei vielen anderen Arten (z.B. der Waldschnepfe) auch, als zynischer Euphemismus.
Welche Massaker auch anderswo angerichtet werden, belegt eine aktuelle Meldung in Dutch Birding (41:345): Jäger aus den Golfstaaten haben jüngst bei Marrakesch (Marokko) an einem einzigen Tag ca. 1500 Turteltauben abgeknallt.
Birdlife Europe, ein Zusammenschluss europäischer Vogelschutzverbände, hat in Kooperation mit der Federation of Associations for Hunting and Conservation (FACE) und anderen Akteuren im Mai 2018 für ein EU-Life-Projekt einen umfangreichen Aktionsplan zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Turteltaube vorgelegt. Dieser enthält auch ein zeitlich begrenztes Jagdverbot (Moratorium). Dagegen haben, nicht ganz überraschend, FACE sowie Malta, Spanien, Italien und Rumänien – also genau die Staaten, in denen die meisten Turteltauben geschossen werden - ihr Veto eingelegt. Auch Österreich verhält sich in diesem Punkt ablehnend. Bulgarien, Zypern und Griechenland lehnen das Vorhaben komplett ab. Frankreich verweist auf einen speziell auf das Land zugeschnitten Managementplan zur weiteren „Ernte“ der Vögel. Entsprechend wurden in der laufenden Jagdsaison 18.000 Turteltauben zum Abschuss freigegeben. Portugal will das Moratorium nur unterstützen, wenn alle anderen Staaten auch dafür sind. Vor einer Aufkündigung der Partnerschaft mit der einflussreichen Jägerlobby FACE schreckt Birdlife zurück – mit der Begründung, dass dann alles nur noch schlimmer werden würde…
Vor diesem deprimierenden Hintergrund hat der NABU eine an die deutsche Umweltministerin gerichtete Petition gestartet, um einen EU-weiten Jagdstopp zu erreichen. Man darf gespannt sein.

Tote Turteltaube. Filip Wiechowisk
Abb. 3: Ohne Worte. Foto: F. Wieckowiski / Birdlife Malta

Eine spezielle Bedrohung, der bislang kaum Beachtung geschenkt worden ist, kommt nicht von den Jägern, sondern von anderen grün gewandeten Akteuren: Turteltauben brüten gern in Fichten-Stangenhölzern, in denen sie vor der Prädation durch gefiederte Beutegreifer geschützt sind. Dies wird ihnen immer mehr zum Verhängnis. Junge Fichtenbestände werden seit einigen Jahren mit so genannten Harvestern brutalstmöglich durchforstet – auch und gerade zur Brutzeit der Vögel. Wie viele Turteltaubengelege oder Jungvögel, neben denen von Sperber, Tannenhäher und anderen Arten, alljährlich geschreddert werden ist unbekannt. Diese extrem vogelfeindliche Praxis ist mit den Prinzipien einer „ordnungsgemäßen Forstwirtschaft“ durchaus vereinbar. Begründet wird sie - wie soll es anders sein - vor allem ökonomisch: Die teuren Geräte müssen auch im Sommerhalbjahr im Einsatz sein, damit sie sich amortisieren. Auch die oftmals auswärts angeheuerten Akkordarbeiter müssen aus Kostengründen möglichst effizient beschäftigt werden. Fazit: Auch im friedlichen deutschen Wald gibt es Massaker…
Der oben genannte Aktionsplan der EU enthält eine Fülle von Maßnahmen, deren Realisierung der Turteltaube sicher zugute kommen könnte. In der Praxis wird man vermutlich den Schwerpunkt auf Blühstreifen und verwandte konventionelle Agrar-Umweltmaßnahmen legen, von denen auch andere Offenlandarten profitieren. Solange die allgemeine Eutrophierung sowie die Chemisierung der Landwirtschaft, die auch die letzten samentragenden Wildkräuter mit Glyphosat traktiert, voranschreitet, kommt ihnen sicher nur eine lokale Wirksamkeit zu. Den allgemeinen Rückgang werden sie kaum stoppen können.
Sehr gute Resultate hat eine, ursprünglich nicht dem speziellen Schutz der Turteltaube gewidmete Aktion in England erbracht. Dort ist der Brutbestand um 97 Prozent geschrumpft. Zweitbruten finden, vermutlich aus Nahrungsmangel, kaum noch statt. Auf der Knepp Farm in West Sussex gab es früher keine Turteltauben. Bis zum Jahr 2017 haben sich dort 17 singende Männchen eingefunden. Warum? Auf der Farm wird seit ein paar Jahren eine Herde halbwilder Tamworth-Schweine gehalten, die mit ihrer regen Wühltätigkeit nicht nur für zahlreiche Offenstellen sorgen, sondern auch die Verbreitung von Wildgräsern fördern, von deren Samen die Turteltauben leben. Zur Nachahmung empfohlen!

Turteltauben beobachten – wann und wo?

Regionale Beobachtungstipps sind leider nicht möglich, dafür ist die Turteltaube zu selten geworden. Ihre Beobachtung ist noch mehr vom Zufall abhängig als bei anderen Vogelarten. Unter unseren heimischen Tauben ist sie der einzige Weitstreckenzieher, der ab Mitte April in seine Brutgebiete zurückkehrt. Angehörige nordöstlicher Populationen können bis weit in den Mai durchziehen. Am wahrscheinlichsten wird man eines singenden Männchens gewahr, das durch sein gedämpftes, namensgebendes „turr, turr“ auf sich aufmerksam macht. Stumme Vögel finden sich manchmal an Wasserstellen wie z.B. der Geschiebesperre Hollenstedt bei Northeim ein. Wegen ihrer staubtrockenen Nahrung müssen Turteltauben immer viel trinken. Im Sommer und Herbst gelingen in der Regel noch weniger Sichtungen.

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Abb. 4: Brutplätze der Zukunft? Windwurffläche bei Billingshausen. Foto: M. Georg

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de.

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Turteltaube - VHesse
Turteltaube 2010 bei Blankenhagen. Foto: V.Hesse

October 20th, 2019

Gelbspötter in Göttingen: der lange Abschied

Singender Gelbspötter - MSiebner
Abb. 1: Singender Gelbspötter. Foto: M. Siebner

In der Rangfolge der Gesangsvirtuosen unter unseren heimischen Brutvögeln liegt der Gelbspötter (Hippolais icterina) in einer Spitzengruppe mit Nachtigall, Sumpfrohrsänger, Blaukehlchen und Feldlerche weit vorn. Macht sich der unscheinbare Vogel in einer Baumkrone akustisch bemerkbar, ist der Zuhörer schwer beeindruckt. Es quietscht und leiert in einem fort, unterbrochen von Imitationen anderer Arten. J. Matusiak hat das in einer Tonaufnahme im polnischen Biebrza-Nationalpark festgehalten.
Für unsere Göttinger Altvorderen (sofern sie ein Ohr für Vogelstimmen hatten) war der Gelbspötter eine vertraute Erscheinung. Eichler (1949-50) beschreibt ihn für die 1930er Jahre als verbreiteten Brutvogel, der sich vor allem in Gärten bemerkbar machte. Daher wurde er zu dieser Zeit auch „Gartenlaubvogel“ genannt. Die erste Kartierung des 3,6 km² großen Kerngebiets der Stadt 1948 (Bruns 1949) erbrachte 17 singende Männchen (geschätzt 20 bis 30). Bei der Folgekartierung 1965 (Hampel & Heitkamp 1968) waren es nur noch sieben. Eine Bestandsaufnahme außerhalb des Kerngebiets 1966 (Heitkamp & Hinsch 1969) führt 19 Revierbesetzer auf, die sich auf Parkanlagen (6), Wohngebiete im Norden und Westen der Stadt (5), Kleingärten (4), den Stadtfriedhof (2), das Kiessee-Leinegebiet (1) und Industriegelände (1) verteilten. Die (vorerst) letzte Untersuchung des Kerngebiets in den Jahren 2005/2006 (Dörrie 2006) ergab das komplette Fehlen des Gelbspötters als Brutvogel, die wenigen Nachweise betrafen auf dem Heimzug singende Männchen.
Mit den Jahren konzentrierte sich das Vorkommen auf den äußeren Grüngürtel in der Leineaue und einige Bereiche in der Weststadt. 2002 fand eine Kartierung singender Männchen statt, bei der 15 bis 16 Reviere notiert werden konnten, darunter allein insgesamt zehn am Kiessee und an der Leine zwischen der Otto-Frey-Brücke und dem Tierheim „Auf der Hufe“. Abseits von Leineaue und Weststadt gelangen keine Nachweise (Dörrie 2003).

Gelbspötter2002
Abb. 2: Lage der Gelbspötter-Reviere 2002. Grafik: D. Singer
(zum Vergrößern bitte anklicken)

Ende Mai und Anfang Juni 2019 wurden die damaligen Reviere von den Verfassern zweimal mit dem Fahrrad abgefahren. Das Resultat fiel sehr ernüchternd, aber nicht gänzlich unerwartet aus: Sie erwiesen sich allesamt als verwaist. Südlich vom Kiessee sang in einer gebüschreichen Kleingartenanlage mit alten Pappeln vom 20. bis 24. Mai ein Männchen. Hier konnte 2018 noch eine Revierbesetzung dokumentiert werden. Den einzigen Brutverdacht nach den Vorgaben des Methodenhandbuchs (Südbeck et al. 2005) gab es 2019 in einer Pappelreihe an der Rase bei Rosdorf, also knapp außerhalb des Göttinger Stadtgebiets. Die zunehmende Seltenheit in urban geprägten Habitaten lässt sich auch (mit Einschränkung) mit den Daten in ornitho.de belegen: In den letzten fünf Jahren konnten Revierbesetzungen nur noch in der Südwestecke des Kiessees (2015, zuvor langjährig besetzt), am Rand der Weststadt (2015 und 2016), an der Leine östlich des Kiessees (2015 und 2016), am Freibad Brauweg (2015, zuvor langjährig besetzt) und am Leine-Grünzug nördlich der Otto-Frey-Brücke (2014) ermittelt werden.

Gelbspötter-Kleingarten-Kiessee
Abb. 3: Temporärer Gesangsplatz in Kleingärten südlich vom Kiessee. Foto: D. Singer

Gründe für den Rückgang – Fragen und Hypothesen

2002 stach die enge Bindung der Sänger an (Hybrid-)Pappeln förmlich ins Auge. Kurz darauf setzte die systematische „Entpappelung“ des Grüngürtels und anderer Bereiche ein. Die prächtigen Bäume wurden vom Fachdienst Stadtgrün regelrecht stigmatisiert und als „standortsfremde Gefahrenbäume“ prophylaktisch der flächendeckenden Beseitigung anheim gegeben. Nach Interventionen von Baum- und Naturschützern konnten einige Bäume von den Fällaktionen ausgenommen werden, davon die meisten im Kiessee-Leinegebiet. In der entpappelten Leineaue ging der Bestand schnell auf ganze ein bis zwei Sänger zurück (Dörrie 2009).
Bei der Kartierung 2002 fiel in 80 Prozent der Reviere eine Vergesellschaftung des Gelbspötters mit brütenden Wacholderdrosseln auf. Unter dem Schutzschirm der wehrhaften Vögel, die gefiederte Prädatoren mit Sturzflügen und Kotattacken in die Flucht schlagen, hatten sich auch Stieglitz und Birkenzeisig angesiedelt.
Die Bevorzugung von Pappeln erklärt sich aus einer Habitatpräferenz des Gelbspötters, der eine typische Lichtwaldart ist: Nach Krüger et al. (2014) besiedelt er am liebsten mehrschichtige Laubholzbestände, die sich aus Bäumen mit lichtem Kronenschluss (Singwarte) und einer dichten Strauchschicht (Brutplatz) zusammensetzen. Dichte und dunkle Baumbestände werden gemieden. Warum der Gelbspötter heute am Leine-Grünzug fehlt, lässt sich mit diesem aktuellen Foto dokumentieren:

Gelbspötter-Leine
Abb. 4: Leine-Grünzug zwischen Otto-Frey-Brücke und Godehardstraße. Foto: D. Singer

Neben den Pappeln wurden nahezu alle Gebüsche entfernt. Dies geschah auch, um Räubern und Sittlichkeitsverbrechern die Deckung zu nehmen. Städtische Grünanlagen gelten mittlerweile als so genannte „Angsträume“, die dem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner folgend entschärft werden. Hinzu tritt die zunehmende Erschließung des Grünzugs durch Hotelneubauten, Parkplätze u.ä.
Offenkundig belegt(e) die Konzentration auf Pappeln, dass in Göttingen Lebensraumverluste anderswo durch die vor ca. 65 Jahren gepflanzten, schnellwüchsigen Bäume mit ihren ausladenden, aber lichtdurchlässigen Kronen gleichsam kompensiert werden konnten: Viele Hausgärten und ehemalige Nutzgärten, die früher besiedelt wurden, sind, wie auch der Stadtfriedhof, inzwischen von Koniferen geprägt, die Gelbspötter grundsätzlich meiden. Der langjährige, heute verwaiste Brutplatz am Freibad Brauweg zeichnet sich mittlerweile durch einen dunklen Baumbestand mit dichtem Kronenschluss aus. Auf dem Bartholomäus-Friedhof an der Weender Landstraße, der in früheren Jahren ab und an von singenden Männchen bevölkert war, wurden viele Bäume und Gebüsche beseitigt. Am Stadtwall, bis in die 1990er Jahre ein Verbreitungsschwerpunkt, hat man gleichfalls gründlich aufgeräumt. Gleichwohl: Am Kiessee beispielsweise existieren an der Ost- und Westseite - obwohl stellenweise durch Gehölzaufwuchs und -verdichtung schon ziemlich verdunkelt - durchaus noch geeignete Habitate, die mehreren Brutpaaren Platz bieten könnten. Am Levin-Park und am Pfingstanger (beide schon länger als fünf Jahre verwaist) scheinen sich die Habitatstrukturen nicht gravierend verschlechtert zu haben. Auch der Leine-Grünzug weist nördlich der Hagenweg-Brücke noch besiedelbare Strukturen auf. Das heißt: Obwohl der Schwund geeigneter Habitate nicht zu übersehen ist, kann Lebensraumverlust kaum die alleinige Ursache für das Verschwinden sein.

Gelbspötter - Kiessee
Abb. 5: Geeignete Habitatstrukturen (verwaistes Revier) am Kiessee. Foto: D. Singer

Könnte, sehr hypothetisch, ein Bestandsrückgang der Wacholderdrossel den Niedergang des Gelbspötters zumindest beeinflusst haben? Das ist eher unwahrscheinlich, weil brütende Wacholderdrosseln allenfalls einen positiven Verstärker für das Ansiedlungsverhalten des Gelbspötters darstellen (Dörrie 2003). Zudem waren Wacholderdrosseln in den letzten Jahren, auch 2019, in Göttingen gut vertreten, mit bemerkenswert vielen Stieglitzen (aber immer weniger Birkenzeisigen) im Gefolge. Hinzu kommt, dass die Wacholderdrossel ein Göttinger Neusiedler ist, dessen erste Vorstöße 75 Jahre zurückliegen (Dörrie 2010). Zu dieser Zeit war der Gelbspötter noch wesentlich häufiger als heute - ohne die Unterstützung der Drosseln. Ob es sich bei der in Göttingen dokumentierten „Anti-Prädations-WG“ mehrerer Singvogelarten um ein lokales oder anderswo übersehenes Phänomen handelt, ist offen (vgl. Zang et al. 2005). Auch die (lokale?) Bindung an Pappeln ist ein Phänomen, das nicht verallgemeinert werden sollte
Vielleicht lässt sich der Rückgang besser erklären, wenn man einen Blick auf die Verbreitung unseres Porträtvogels wirft: In Niedersachsen ist ein deutliches Nord-Süd- bzw. Nordwest-Südostgefälle zu erkennen (Krüger et al. 2014). Der Verbreitungsschwerpunkt liegt im Nordosten bzw. in der küstennahen Geest unseres Bundeslands. Hier nutzt der Gelbspötter ein weites Habitatspektrum, das von Auwäldern, Feldgehölzen, Bauerngärten bis zu Neuanpflanzungen an Verkehrswegen reicht (Glutz v. Blotzheim & Bauer 1991). Auf den ostfriesischen Inseln brütet er sogar in Holunderbüschen. Der Gelbspötter ist also - anders als man aus Göttinger Sicht mutmaßen könnte - kein ausgeprägter Habitatspezialist. In waldreichen Gegenden, vor allem wenn sie höher als 200 m ü.NN liegen, fällt die Besiedlung erheblich dünner und lückenhafter aus. Dies trifft auch auf das Weser- und Leinebergland zu, wo im Wesentlichen nur die gewässernahen Niederungen besiedelt werden. Im Harz gibt es keine Gelbspötter (Krüger et al. 2014). Kleine und randständige Vogelpopulationen, die, wie in Göttingen, in schwindenden bzw. stark fragmentierten Habitaten ihr Leben fristen, sind von Rückgängen oder natürlichen Bestandsschwankungen stärker betroffen als kopfstarke Quellpopulationen. Hinzu tritt: Als Transsaharazieher mit einer durchschnittlichen Generationslänge von 3,3 Jahren, der sehr spät in die Brutgebiete zurückkehrt und sich daher (in der Regel) nur mit einer Jahresbrut fortpflanzt (Bauer et al. 2005), kann der Gelbspötter von Brutverlusten besonders betroffen sein. Ein paar kühle Regentage oder ein Starkregenereignis reichen, um den Gesamtbruterfolg von Teilpopulationen gegen Null tendieren zu lassen (Glutz v. Blotzheim & Bauer 1991). Wenn dies öfter geschieht und die Verluste nicht durch Zuzug ausgeglichen werden können, ist das Schicksal der Population besiegelt. Erkenntnisse dazu gibt es für Göttingen aber nicht. Auch über einen möglicherweise gestiegenen Prädationsdruck kann man nur mutmaßen. Dies macht eine schlüssige Erklärung des Verschwindens nicht einfacher.
Nach den Ergebnissen des Monitorings häufiger Brutvogelarten (MhB) ist der bundesweite Brutbestand des Gelbspötters von 1989 bis 2010 jährlich um 1,9 Prozent zurückgegangen (Gedeon et al. 2014). Ob das, wie oft vermutet wird, mit ökologischen Verschlechterungen in den afrikanischen Rast- und Ruhegebieten zusammenhängt, bleibt eine Hypothese. Ebenso könnten Eutrophierungsprozesse (Nährstoffeinträge), die zur Verdichtung und Verdunkelung der Vegetation und damit auch zum Insektenschwund beitragen, einen wichtigen Faktor beim Bestandrückgang dieser insektenfressenden Lichtwaldart darstellen. Dafür gibt es in Göttingen durchaus Belege (s.o.). Auch die Populationen anderer Lichtwaldarten wie z.B. Baumpieper, Fitis, Gartenrotschwanz oder Wendehals sind in den vergangenen Jahrzehnten aus den gleichen Gründen stark geschrumpft und gleichsam „verinselt“.
Außerhalb von Göttingen ist über den Gelbspötter relativ wenig bekannt. Am Seeburger See und an der Northeimer Seenplatte sind Reviere seit Jahrzehnten besetzt, desgleichen in der Leineaue zwischen Göttingen und Northeim. Die höchste Siedlungsdichte ist aus den Jahren 2000 und 2001 von einer 400 Meter langen Erlenanpflanzung an der Leine nordwestlich von Bovenden bekannt, wo bis zu sechs Männchen in den nur acht bis zehn Meter hohen Bäumchen sangen - im starken Kontrast zu den Göttinger „Pappelspöttern“. Von der Leine in der Feldmark Bovenden - Nörten-Hardenberg liegen aktuell Hinweise auf bis zu sieben Reviere vor (keines davon in Pappeln), die immer noch eine vergleichsweise dichte Besiedlung anzeigen. Aus dem ländlichen Siedlungsbereich gibt es verstreute Einzelmeldungen. Allerdings ist über die Vogelwelt in diesem Lebensraum kaum etwas bekannt. Die wenigen Zufallsbeobachtungen sind für Verbreitung und Bestand von geringer Aussagekraft.

Fazit

Der Abschied von einem faszinierenden Sangeskünstler nach Jahrzehnten des Niedergangs beruht vermutlich auf mehreren Faktoren, unter denen Habitatverlust bzw. –verschlechterungen, erhöhte Nährstoffeinträge und die Auswirkungen populationsökologischer Prozesse hervorzuheben sind. Obwohl in Zukunft die eine oder andere Revierbesetzung im Bereich des Möglichen liegt, scheint eine Trendwende nicht in Sicht zu sein. Der in Göttingen auf Hochtouren laufende Bau- und Erschließungswahn lässt für das Stadtgrün eher Schlimmeres befürchten…

Hans H. Dörrie und David Singer


Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeres - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.

Dörrie, H. (2002): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103. S. 79.

Dörrie, H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106. S. 80-82.

Dörrie, H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006.

Dörrie, H. (2009): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Dörrie, H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

Glutz von Blotzheim, U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/I. Aula-Verlag. Wiesbaden.

Hampel, F. & U. Heitkamp (1968): Quantitative Bestandsaufnahme der Brutvögel Göttingens 1965 und ein Vergleich mit früheren Jahren. Vogelwelt, Beih. 2: 27-38

Heitkamp, U. & K. Hinsch (1969): Die Siedlungsdichte der Brutvögel in den Außenbezirken der Stadt Göttingen 1966. Vogelwelt 90: 161-177.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover

Südbeck, P., Andretzke, H., Fischer, S., Gedeon, K., Schröder, K., Schikore, T. & C. Sudfeldt (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Eigenverlag, Radolfzell.

Zang, H., H. Heckenroth & P. Südbeck (2005): Die Vögel Niedersachsens, Drosseln, Grasmücken, Fliegenschnäpper. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H. 2.9. Hannover.

Gelbspötter - MSiebner
Abb. 6: Gelbspötter. Foto: M. Siebner

August 4th, 2019

Heimzug und Brutzeit 2019 –
Vögel auf der Wetter-Achterbahn

Nachtreiher - MSiebner
Abb. 1: Nachtreiher am Göttinger Kiessee Foto: M. Siebner

Der März 2019 war geprägt von einer rasanten Abfolge stürmischer Tiefdruckgebiete. Mit „Eberhard“, „Franz“, „Gebhard“ und „Heinz“ trugen sie altbackene Vornamen, nach denen Enkeltrickser und falsche Polizisten die Telefonlisten für ihre Schockanrufe filtern. „Igor“ setzte am 15. einen neuen Akzent. Sollte eine Familie dieses Sturmtief beim Berliner Institut für Meteorologie gesponsert und nach dem russischen Opa benannt haben, war dies nicht ganz so folgenreich wie beim legendären Orkan „Kyrill“ im Januar 2007. „Eberhard“ hinterließ in den Wäldern die tiefsten Spuren, war aber in seinem Wirken nicht annähernd vergleichbar mit dem Orkan „Friederike“ im Januar des Vorjahrs. Der Monat endete mit einer warmen Südwestströmung. Ab Anfang April wurde es bis in die zweite Dekade deutlich kälter, mit Tageshöchsttemperaturen im niedrigen einstelligen Bereich und tageweise leichtem Schneefall. Dies führte zu einem bemerkenswerten Zugstau von Insektenfressern (vor allem Schwalben), der sich nur zögernd auflöste. Über Ostern herrschte sommerliches Wetter mit Temperaturen über 25°C. Weil der Monat zudem niederschlagsarm war, wurden in der Tagespresse recht bald plakative Mutmaßungen über einen zweiten Dürresommer in die Welt posaunt. Die erste Maihälfte war mit 5°C unter dem langjährigen Durchschnitt so kalt wie nie, mit verbreiteten Nachtfrösten und Schneeflocken bis in die Niederungen. Nur an einem Tag wurde die 15°C-Marke erreicht. Für Insektenfresser, die von einem Zugstau in den anderen gerieten, war diese Zeit eine schwere Prüfung. In der zweiten Maihälfte wurde es wieder wärmer und, vor allem, feuchter. Am 20. fielen in Göttingen mehr als 50 l/m². Der Juni war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und verabschiedete sich mit einer beeindruckenden Hitzewelle aus der Sahara (maximal 34°C am 26. und 30.). Allerdings sorgten auch in diesem Monat wiederholte Schauer und kräftige Gewitter für den nötigen Niederschlag. In Uslar fielen am 19. mehr als 60 l/m². Gleichwohl sank der Wasserstand im Seeanger bei Seeburg, einem unserer artenreichsten Naturschutzgebiete, Ende Juni dramatisch. Wesentlicher Grund dafür ist wohl das neue Gebietsmanagement des Landkreises Göttingen, das den Interessen der Weideviehhalter einseitig Vorrang gegenüber den Naturschutzzielen einräumt
Durch das wetterbedingte Auf und Ab gestaltete sich der Heimzug eher stotternd. Viele Weitstreckenzieher, darunter Mauersegler und Mehlschwalbe, besetzten ihre Reviere verspätet. Zwar ließ sich bereits am 7. April am Northeimer Freizeitsee die erste Nachtigall vernehmen, ihre Artgenossen trafen jedoch erst ab der Monatsmitte verstärkt ein. Der erste Kuckuck machte sich am 20. April - einem in der Vergangenheit typischen Erstbeobachtungsdatum - in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden bemerkbar. Beim Fitis hingegen (Erstbeobachtung am 31. März ebenda) waren keine auffälligen Besonderheiten auszumachen. Komplett aus dem Rahmen fiel eine Dorngrasmücke, die am 5. April in der Feldmark Gö.-Geismar in einer Hecke turnte - die früheste seit Beginn der vogelkundlichen Aufzeichnungen. Ein Vogel vom 12. April 2015 ebenda nimmt jetzt deklassiert den zweiten Platz ein.

Dorngrasmücke - MGeorg
Abb. 2: Sehr frühe Dorngrasmücke in der Feldmark Geismar. Foto: M. Georg

Äußerst früh war ein Paar des Neuntöters erfolgreich, das bereits am 11. Juni in der Feldmark Güntersen vier ausgeflogene Jungvögel fütterte. Die Artgenossen trafen eher zögerlich an den Brutplätzen ein.

Für brütende Höckerschwäne gestaltete sich die Saison gemischt. Im Landkreis Northeim sah es düster aus: Bruten im Leinepolder, am Böllestau bei Hollenstedt und an den Northeimer Kiesteichen scheiterten. An den Kiesteichen wurde am 3. Mai ein toter Altvogel entdeckt, die Eier waren auf der Brutinsel verstreut.
In Stadt und Landkreis Göttingen gab es erfolgreiche Bruten im Levin-Park (acht pulli, davon drei weiße immutabilis), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (vier, ein immutabilis), an der Werra beim Letzten Heller (zwei) sowie in der Kiesgrube Ballertasche (vier). Bruten bzw. Brutversuche am Wendebachstau bei Reinhausen, im Seeanger und am Tanzwerder in Münden scheiterten.
Das wanderlustige Brutpaar vom Levin-Park sorgte wieder einmal für Aufregung. Bereits im vergangenen Jahr musste es samt Nachwuchs vom Musa-Gelände am Hagenweg wieder zurückexpediert werden. In diesem Jahr siedelte es um den 10. Mai an die Leine zwischen der Otto-Frey-Brücke und dem Hagenweg um. Am 30. Mai watschelte die Familie - die Jungen waren jetzt knapp fünf Wochen alt - über die Europaallee auf dem Holtenser Berg, also weitab jedes Gewässers. Eine Polizeistreife samt medialer Begleitung durch das „Göttinger Tageblatt“ eskortierte die Vögel in Richtung Grone/Leine. Am 4. Juni tauchten sie - unter Verlust eines Jungvogels, der einsam auf der Leine paddelte und von der Tierrettung nicht eingefangen werden konnte - wieder am Levin-Park auf. Nach dem 14. Juni waren sie dort nicht mehr auszumachen. Am 24. hielten sich die Altvögel (mittlerweile beide metallberingt, Zahlenfolgen 141 464 und 141 466) wieder am Brutplatz auf. Die Jungen blieben bis zum Ende des Berichtszeitraums verschollen.

Höckerschwan - MSiebner
Abb. 3: Versprengter Jungschwan auf der Leine. Foto: M. Siebner

Der seit 2004 besetzte Brutplatz auf der Insel im Göttinger Kiessee (Wiederansiedlung nach einer langen Pause seit 1991) war, obwohl das Brutpaar präsent war, in diesem Jahr verwaist. Grund dafür könnte das geringe Aufkommen von Wasserpflanzen sein, das eventuell mit Besatzmaßnahmen der Sportangler zusammenhängt (Stichwort Graskarpfen). Bereits in den Vorjahren hielt sich das Paar mit Nachwuchs regelmäßig an der nahen Leine auf, wo es offenkundig mehr zu beißen gibt.
Die letzten (drei) Singschwäne der Saison gerieten am 3. März im Leinepolder Salzderhelden in den Blick.

Kanadagänse waren im gesamten Berichtszeitraum auszumachen. Mit elf Ind. erreichten sie am 31. März im Leinepolder ihr Maximum. An der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal, wo die Art immer noch eine seltene Erscheinung ist, weilten im April vier Ind. mehr als eine Woche, fünf Ind. am 5. Mai.. Unter den Vögeln im Leinetal waren auch wieder ein bis zwei Ind. der kleinen Unterart parvipes, die verbreitet in Gefangenschaft gehalten wird.
Die Weißwangengans fehlte in diesem Frühjahr, zum ersten Mal seit Jahren…
Am 5. März hielten sich noch 1800 Tundrasaatgänse im Leinepolder auf, ein Nachzügler besuchte am 14. und 15. April die Geschiebesperre Hollenstedt.
Auch das Maximum heimziehender Blässgänse wurde mit bis zu 2500 Ind. in der ersten Märzdekade im Leinepolder erreicht. Ein vorjähriger Vogel war im Mai über Wochen bis zum 19. des Monats im Polder und an der Geschiebesperre präsent.
Für brütende Graugänse verlief die Saison uneinheitlich. Im Leinepolder brachten zehn Paare 38 Junge zum Schlüpfen, an der Geschiebesperre Hollenstedt mindestens sieben Paare ca. 35 Kleine. An den Northeimer Kiesteichen führte ein Paar drei Jungvögel, der Erfolg eines weiteren muss offen bleiben. Am Northeimer Freizeitsee gab es keine Erholung vom Bestandseinbruch, hier war nur ein Paar mit zwei Jungen erfolgreich.
Am Gronespring im Göttinger Westen nahe der A 7 saß ein Vogel auf dem Nest, Resultat ungewiss. Im Levin-Park konnten sich, vom Höckerschwan-Männchen weithin unbehelligt, gleich drei Paare mit insgesamt elf Kleinen reproduzieren, die alle das flugfähige Alter erreichten. Eine Brut im Leinepark scheiterte. Der Brutbestand am Kiessee lag deutlich niedriger als in den vergangenen Jahren: Acht Paare brachten 20 Jungvögel zum Ausfliegen. Einige Küken wurden, trotz heftiger Gegenwehr der Eltern, von Rabenkrähen erbeutet.

Graugans - MSiebner
Abb. 4: Nach Kämpfen mit Rabenkrähen lädiert: Graugans am Kiessee. Foto: M. Siebner

Am kleinen Dorfteich in Bodensee führte ein Paar einen Jungvogel, am Seeburger See drei Paare deren zehn. Am Wendebachstau bei Reinhausen hatten sieben Paare mit 27 Jungen einen passablen Bruterfolg. Auf dem Klinikgelände Tiefenbrunn waren drei Paare mit sechs Gösseln erfolgreich, allerdings gab es hier Verluste, möglicherweise während der diversen Kälteperioden zur Aufzuchtzeit. An der Sandgrube Meensen brachte ein Paar fünf von sechs Jungen hoch.
Die Kiesgrube Ballertasche beherbergte einen Rekordbestand von neun Paaren, die an die 35 Jungvögel führten.
Fazit: 54 Paare brachten 199 Junggänse hoch, durchschnittlich 3,6 pro Paar. Das sind mehr Paare als 2018 (ca. 45), aber weit weniger als 2016 (81 Paare). Schwankungen im Brutbestand sind bei Wasservögeln die Regel. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass die Graugans alles andere als ein sehr häufiger Brutvogel ist, der sich explosionsartig ausbreitet und vermehrt.

Von der Nilgans liegen bis dato Hinweise auf zehn erfolgreiche Bruten vor, und zwar aus dem Leinepolder (vier Kleine), im weiteren Umfeld des Stauwerks bei Salzderhelden (zwei Bruten mit sieben bzw. zehn Kleinen), aus der Schwülmeniederung bei Lödingsen (Paar mit vier recht großen Jungvögeln, genauer Brutort unbekannt), von der Kiesgrube Angerstein (ein Jungvogel), aus Groß Schneen (acht), vom Dorfteich in Bodensee (sieben), aus dem Seeanger (sieben oder acht), von den kleinen Teichen an der Trudelshäuser Mühle westlich von Landolfshausen (drei) sowie vom Göttinger Levin-Park (zehn).
Das Paar in Bodensee führte kurioserweise ein Graugansküken mit sich. Vermutlich hatte es das Graugansgelege in einem frühen Stadium übernommen und das Ei mit dem eigenen Gelege ausgebrütet. Die Graugänse mussten woanders brüten, waren aber ebenfalls erfolgreich, allerdings mit nur einem Jungvogel (s.o.). Eigentlich sind sich beide Arten in herzlicher Abneigung verbunden. Gleichwohl kommt es manchmal zu solchen Konstellationen, die durch die frühe Prägung der Küken auf die vermeintlichen Eltern erklärt werden kann, selbst wenn diese einer anderen Art angehören (oder gar Konrad Lorenz heißen). Im Mai 2012 hatten sich an der Geschiebesperre zwei Graugansküken einer Nilgansfamilie angeschlossen. Ob sie von den Adoptiveltern auch erbrütet wurden, muss offen bleiben.

Nilgans - VMüller
Abb. 5: Nilgansfamilie mit exotischem Adoptivkind. Foto: V. Müller

2018 wurde bei einer Kontrolle des Falken-Nistkastens am Südturm von St. Johannis in Göttingen ein Gelege mit neun Eiern gefunden. Es war schon lange erkaltet. Auch in diesem Frühjahr klabasterten wiederholt Nilgänse um den Turm und sorgten dafür, dass sich ein Turmfalkenpaar einen neuen Nistplatz suchen musste. Für die Gänse hätte eine Brut möglicherweise fatal geendet: Den Sprung aus 65 Meter Höhe hätten die Küken womöglich überlebt, das Aufsuchen eines Gewässers (das nächste ist der Leinekanal, wo Nilgänse aber noch nie beobachtet wurden) jedoch in der von Menschen und Fahrzeugen überquellenden Innenstadt große Probleme bereitet.
Von Ende Februar bis in die erste Märzdekade hielt sich im Leinepolder eine im Juli 2017 in Groningen/Niederlande beringte Nilgans auf. Zeitweise war sie am „Rattenberg“ mit einem Artgenossen verpaart. Die Ablesung war die erste überhaupt. Damit liegt - nach einem in Nordrhein-Westfalen beringten Vogel aus dem Jahr 2002 an der Geschiebesperre - ein weiterer Hinweis vor, dass die recht hohen Winterzahlen (bis zu 300 Ind.) zumindest teilweise auf Zuzug aus dem Westen beruhen dürften. Für eine Gänseart ist das Überwintern östlich der Brutgebiete recht ungewöhnlich. Im Mai und Juni wurden im Levin-Park drei Vögel von M. Wimbauer beringt, ein Altvogel mit gelbem Beinring und der Signatur JU0 sowie zwei Jungvögel mit gelbem Beinring und den Signaturen JU9 und E6B. Man darf gespannt sein…
Das Maximum der Brandgans wurde kurioserweise am 17. Mai am Diemardener Berg mit acht überhin fliegenden Ind. erreicht.
Am 19. Juni machten sich im Leinepolder 19 Rostgänse bemerkbar, der größte hier jemals beobachtete Trupp. Über die Alterszusammensetzung liegen keine Angaben vor. Interessanterweise geriet am 11. Juni 2016 eine Familie mit sieben flüggen Jungvögeln ebenda in den Blick. Im April hielten sich, wie in den letzten Jahren auch, im Leinepolder beständig ein bis zwei Ind. auf, Balzhandlungen wurden aber nicht beobachtet. Woher stammen diese Vögel? Die kurze Verweildauer der größeren Trupps im späten Frühjahr lässt auf Zug oder nomadisches Verhalten schließen. Letzteres wäre durchaus artgemäß. Das deutsche Brutvorkommen frei fliegender Vögel (nach dem Brutvogelatlas ADEBAR (Gedeon et al. 2014) 160 bis 200 Paare) konzentriert sich auf Süd- und Westdeutschland. In Niedersachsen (10-15 Paare) ist die Stader Geest ein Verbreitungsschwerpunkt. Interessanterweise weist der niedersächsische Brutvogelatlas für den Zeitraum 2005 bis 2008 (Krüger et al. 2014) ein Brutvorkommen an der Ilme westlich von Einbeck auf. Könnte es sein, dass Rostgänse irgendwo in der Umgebung des Leinepolders immer noch brüten?

Die charmante Warzenente „Claudia“ hielt an ihrem Lieblingsplatz am Paddlerheim im Göttinger Süden für lange Zeit Hof. Nach dem 30. Mai wurde sie, sehr zum Missvergnügen ihrer kleinen Verehrerschar, nicht mehr gesehen. Gleichwohl besteht die Hoffnung, dass sie wieder auftaucht. Am 7. April verschönerten zwei Artgenossen die Northeimer Kiesteiche.

Warzenente - MSiebner
Abb. 6: Wo bist du, Claudia? Foto: M. Siebner

400 Pfeifenten lieferten am 11. März im Leinepolder ihr Maximum, das sich aus Überwinterern und Heimzüglern zusammengesetzt haben dürfte.
Mindestens 500 Krickenten bedeckten am 8. März den Polder. Das Maximum von 89 Spießenten am 17. März ebenda fiel eher mager aus.
Auf dem Heimzug war die Knäkente gut vertreten: Das bemerkenswerte Maximum von 130 Vögeln stammt vom 29. März aus dem Leinepolder. 45 Ind. am 17. April waren für den Seeburger See ebenfalls eine ganze Menge. Im Mai konnte im Polder an mehreren Tagen nächtliche Flugbalz von bis zu sieben Männchen und zwei Weibchen dokumentiert werden
Mindestens 193 Löffelenten erreichten am 31. März im Polder ihr Maximum, 160 Ind. am 4. April auf dem Seeburger See lagen nur wenig darunter.
Am 4. und 5. April posierte am Seeburger See ein Erpel der Kolbenente, am 15. des Monats trat erneut einer (derselbe?) in Erscheinung.
Mindestens 200 Tafelenten besserten am 2. März im Polder die ungewöhnlich geringen Zahlen aus dem Winter etwas auf.
Ca. 250 Reiherenten bestätigten am 2. März im Polder und am 9. März am Northeimer Freizeitsee ein eher unterdurchschnittliches Auftreten, das bereits im Winterbericht auf dieser Homepage vermerkt wurde.
Eine weibliche Bergente am 13. März an der Geschiebesperre ist eine besondere Erwähnung wert.
Maximal drei (!) Schellenten am 12. März auf dem Seeburger See und am 22. März an der Geschiebesperre sind kein Scherz, typisch dagegen bis zu 18 Zwergsäger im März auf dem Seeburger See. Maximal 40 Gänsesäger zeigten am 2. März an diesem Gewässer ihr mageres Maximum, das sich wohl mit dem insgesamt milden Winter erklären lässt. Zwei weibliche Mittelsäger legten am 22. April am Seeburger See eine kurze Rast ein.

Jeweils bis zu drei ausgesetzte Fasane haben in der Rhumeaue bei Wollershausen bzw. Bilshausen und Rhumspringe überlebt, östlich von Duderstadt ein Einzelvogel. Am 30. Juni rief ein Vogel im Seeanger.
Bei der jährlichen Zählung von Rebhühnern im Ostkreis Göttingen durch die Abteilung Naturschutzbiologie der Uni Göttingen ergab sich mit 179 Ind. ein im Vergleich zum Vorjahr (170 Ind.) nahezu gleich bleibender Bestand. Befürchtungen, dass die Population wegen des Verlusts von Blühstreifen geschrumpft sein könnte, bewahrheiteten sich nicht, allerdings auch nicht die Hoffnung auf eine signifikante Zunahme nach dem trockenen und warmen Sommer 2018. Vermutlich war dieser wegen des fehlenden Angebots frischer Pflanzen auch für viele Insekten als Hauptnahrung der Rebhuhnküken einfach zu trocken. Wiederum konnte die höchst unterschiedliche Entwicklung von Teilpopulationen konstatiert werden: Während sich die (traditionell kopfstärksten) Populationen um Diemarden und Gieboldehausen auf einem Tiefpunkt befinden, gibt es um Ebergötzen, Krebeck und Seulingen Zuwächse.
Zum Auftreten der Wachtel erfolgen, wie immer, Angaben im nächsten Sammelbericht.

Einen spektakulären Erstnachweis für dieses Kleingewässer im urbanen Bereich lieferte vom 4. bis 19. Juni ein Haubentaucher am Levin-Park. Über den Erfolg der regionalen Brutpopulation kann man im nächsten Bericht mehr erfahren, auch über den des Zwergtauchers.
Am 24. März schmückte ein Rothalstaucher den Göttinger Kiessee. Prächtig gefärbt war ein Artgenosse am 6. Mai an den „Wunderteichen“ südlich des Northeimer Freizeitsees.

Rothalstaucher - BRiedel
Abb. 7: Rothalstaucher an den „Wunderteichen“. Foto: B. Riedel

Maximal zwölf Schwarzhalstaucher rasteten am 17. April auf dem Seeburger See. Ein Sterntaucher glänzte am 24. April im Prachtkleid auf dem Northeimer Freizeitsee.

Ein Sichler (vierter oder fünfter Regionalnachweis seit 2011, eine Beobachtung vom Oktober 2015 ist noch nicht bei der Avifaunistischen Kommission Niedersachsen/Bremen (AKNB) gemeldet) traf am 5. April im Leinepolder ein und machte es sich über Wochen gemütlich. Allerdings wies sein Aufenthalt zwei größere Lücken auf. Die erste vom 10. bis 18.April war eher virtueller Natur, weil der Vogel in diesem Zeitraum zwar gesehen, aber nicht bei ornitho.de gemeldet wurde. Vom 29. April bis zum 6. Mai schien er wirklich verschwunden zu sein. Interessanterweise wurden Beobachter in den Landkreisen Leer und Osterholz-Scharmbeck am 4. Mai eines Sichlers gewahr. Ob es der Poldervogel auf Erkundungstour war, muss offen bleiben, ebenso, ob zwei Vögel involviert waren. Auch kann man darüber spekulieren, ob es sich bei dem Sichler, der vom 7. bis 12. Mai (wieder) im Polder präsent war, um ein zweites Ind. gehandelt haben könnte. Darüber wird die AKNB befinden.

Am Abend des 21. April flog eine Rohrdommel mit artdiagnostischem Ruf über Bovenden.
Am 30. Mai rasteten gleich zwei Nachtreiher (ein ad., ein K2-Ind.) auf der Insel im Göttinger Kiessee (zweiter Lokalnachweis). Durch Tretbootfahrer wurden sie mehrfach zum Auffliegen gezwungen. Vermutlich wirkten sich diese Störungen gravierender aus als das laute Potpourri aus orientalischen Volksweisen und deutsch-mallorquinischem Liedgut („Saufi Saufi“), das von der Liegewiese herüberdröhnte. Das Himmelfahrtskommando fand ein schnelles Ende, denn die beiden suchten vermutlich, sobald es dunkel wurde, das Weite und wurden am nächsten Tag nicht mehr gesehen..

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Abb. 8: Nachtreiher im 2. Kalenderjahr am Kiessee. Foto: S. Hillmer

Silberreiher waren im gesamten Berichtszeitraum präsent, ihr Maximum lag am 8. April bei 44 Ind. im Leinepolder. Am 20. April geriet, neben drei normal gefärbten, ein rotbeiniger Vogel vom Modesta-Typ vor die Optik.
Die Kolonie der Graureiher in zwei Hybridpappeln am Göttinger Kiessee umfasste in dieser Saison elf beflogene Nester. Acht Bruten verliefen erfolgreich. Ca. 18 Jungvögel dürften die Selbständigkeit erreicht haben bzw. in Kürze erreichen.
Am 29. Mai stattete ein Seidenreiher dem Leinepolder eine Stippvisite ab.

Um den Leinepolder gab es zwei Neuansiedlungen des Weißstorchs: An der alten Feuerwache in Salzderhelden bezog, nach gründlicher Inspektion im Vorjahr, ein Paar erfolgreich eine Nisthilfe. Etwas aus dem Rahmen fällt ein Paar, das direkt an der viel befahrenen Bahnstrecke Müllershausen - Salzderhelden ein Nest auf einem Elektromast gebaut hatte. Ende Juni enthielt es mindestens einen Jungvogel.
Auf einer Europalette samt Unterlage schritt in Seeburg ein Paar nahe der Freizeitanlage „Wellenreiter“ zur Brut. Ein Vogel trug einen Ring mit dem Code DEW 7T152, wurde also in der Umgebung markiert. Drei Jungvögel stehen vor dem Ausfliegen. Der monströse Komplex aus Gastronomie, Veranstaltungsräumen, Streichelzoo und Pferdestall hat mittlerweile beträchtliche Teile des Grünlands am Nordwestrand des Naturschutzgebiets unter sich begraben. Und es wird eifrig weiter gebaut. Mit dem Weißen Storch als Ikone für eine scheinbar intakte Natur wird sich kaum einer darüber aufregen. Offen bleibt nur, wie der galoppierende Flächenfraß überhaupt genehmigt werden konnte…

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Abb. 9: Weißstorchbrut am Freizeitpark. Foto: M. Siebner

Vom Fischadler liegen drei Junibeobachtungen vor, vom 4. am Seeburger See, vom 26. an der Geschiebesperre Hollenstedt und vom 29. nahe den Northeimer Kiesteichen. Insgesamt geriet er vierunddreißig Mal in den Blick (Doppelmeldungen eingeschlossen).
Ein ziehendes altes Männchen der Steppenweihe näherte sich am 9. April bei Nienhagen dem Luftraum über dem Kaufunger Wald. Nach Anerkennung durch die AKNB wäre dies der dritte Regionalnachweis (eingeschlossen das besenderte finnische Weibchen „Potku“ mit Rast bei Göttingen im September 2015). Eine Beobachtung vom September 2015 im Leinepolder ist offenkundig noch nicht gemeldet worden.
18 Kornweihen machten sich bemerkbar, darunter neun Männchen.
Wiesenweihen bestachen durch ihre Eleganz am 20. April am Seeanger (ziehendes ad. M.), am 24. April im Polder (ad. M.) und am 4. Mai, vermutlich leicht verfroren, am Diemardener Berg (K2-W.). Auf Artniveau unidentifizierbar blieb je eine Steppen- oder Wiesenweihe am 16. April über der Feldmark Geismar sowie am 27. April über Gö.-Nikolausberg (wohl eher Wiesenweihe).

Am 5. März zog ein immaturer Seeadler über den Leinepolder nach Osten, am 17. März rastete einer ebenda, ebenfalls noch nicht ausgefärbt.

Zwischen dem 5. März und dem 11. Mai (recht spät) wurden in der Leineniederung zwischen Göttingen und Northeim vier Merline notiert, darunter ein Männchen.
Vom bundesweiten Einflug des Rotfußfalken bekam unsere Region den ihr gebührenden Anteil, und zwar mit sechs Vögeln in Rekordhöhe: Am 23. April zog ein altes Männchen über den Diemardener Berg und ein Weibchen über die ehemaligen Tongruben Siekgraben. Alt war ein Männchen am 24. April am Seeburger See; am 28. April drehte ein Männchen über dem Seeanger eine Runde und zog dann nach Osten weiter, ein Männchen verbrachte den Kampftag der Arbeiterklasse am Seeburger See, ein Vogel am 18. Mai im Luftraum über der Feldmark Angerstein war gleichen Geschlechts.

Rotfussfalke - MGeorg
Abb. 10: Männlicher Rotfußfalke bei Angerstein. Foto: M. Georg

Das Maximum der Baumfalken, die sich alljährlich zum Junikäfer-Schmaus an der Drachenwiese im Göttinger Süden einfinden liegt bis dato bei (nur) zwei Ind. Offenkundig gibt es weniger Junikäfer als in den Vorjahren.
Die drei Brutpaare des Wanderfalken im Göttinger Stadtgebiet brachten insgesamt sieben Junge zum Ausfliegen. Ein neues Paar im Göttinger Ostkreis war mit zwei Jungen erfolgreich. Erneut wurden Wanderfalken mit präparierten Tauben vergiftet, diesmal im Westharz.

Der Heimzug des Kranichs klang im März schnell aus. Eine vierstellige Tagessumme wurde nur am 2. März (knapp) erreicht. Im Mai und Juni weilten noch bis zu 20 Ind. im Polder. Am 15. Juni trafen neun Ind. Anstalten für eine Übersommerung, die für das Gebiet nicht ungewöhnlich wäre.

Wasserrallen erreichten am 17. Mai im Leinepolder mit mindestens zwölf Ind. ihr Maximum. Aus lokaler Sicht bemerkenswert (weil vermutlich ein Erstnachweis) ist ein Vogel vom 8. Juni an den Thiershäuser Teichen.
Für den Wachtelkönig verläuft die Saison nicht gut. Aus dem Leinepolder, seiner Hochburg, liegen keine verwertbaren Informationen vor. Am 4. Mai knarrte einer im Seeanger und am 31. Mai einer in einem Getreidefeld in der Feldmark Eilensen (Sollingvorland).
Deutlich besser läuft es für das Tüpfelsumpfhuhn, von dem aus dem Polder für die Normalnutzer von ornitho.de aber nur bis zu vier Ind. gemeldet wurden. Am 30. März rannte ein Vogel ganz offen auf den Schlammflächen an der Geschiebesperre umher. Am 20. April rief ein Männchen am Seeburger See. Die Art ist hier mit ca. fünf Nachweisen eine große Rarität. Am 24. April suchte ein Artgenosse am Rand des Schilfgürtels am Seeanger nach Nahrung.
Ein Glanzlicht dieses an Höhepunkten fürwahr nicht armen Berichts stellt der von W. Vogeley fotografisch belegte Nachweis eines männlichen Kleinen Sumpfhuhns am 14. und 15. April in einem für die Öffentlichkeit gesperrten und durch Verfüllung gefährdeten Bereich der Kiesgrube Ballertasche dar: Es handelt sich wohl erst um die dritte Sichtbeobachtung im Landkreis Göttingen (für den Landkreis Northeim existiert aus dem Jahr 2007 ein Brutnachweis). Die erste, auch sie betraf ein Männchen, gelang nach Hampel (1965) den Herren v. Graefe, Haring und Jentsch am 7. April 1964 am Seeburger See. Das Datum ist typisch, alle artdiagnostischen Merkmale wurden erkannt, auch die Beschreibung des Gesangs passte. Am 29. September 1976 geriet ein Männchen aus drei Metern Entfernung ebenda in den Blick (G. Brunken in Brunken 1978).

Kleines Sumpfhuhn - VVogeley
Abb. 11: Kleines Sumpfhuhn in der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Darüber hinaus liegen von 1976 bis 1989 fünf weitere Wahrnehmungen vor, über die bei den Vorarbeiten für die Kommentierte Artenliste (Dörrie 2010) nichts Genaueres in Erfahrung zu bringen war. Sie waren vermutlich überwiegend akustischer Natur (wobei Verwechslungen mit dem damals wenig bekannten Paarfindungsruf von Wasserrallen nicht auszuschließen waren) und wurden auch nicht bei den entsprechenden Kommissionen gemeldet. Später gab es keine Meldungen mehr, was vielleicht auch mit der Veröffentlichung der wegweisenden Arbeit über die kleinen Rallen von P. Becker im Jahr 1990 (Limicola 4: 93-144) zusammen hängen könnte…
Wie unterschiedlich Vogelbestände sich entwickeln können, zeigt das Blässhuhn: Während in der Kiesgrube Ballertasche sieben Bruten ein Rekordjahr anzeigten, sah es am Göttinger Kiessee anders aus: Bis dato gibt es nur zwei Paare mit Schlupferfolg, ein weiteres brütet noch. Grund für den Bestandseinbruch könnte Nahrungsmangel sein (vgl. Höckerschwan).

Ein über 45 Minuten umher fliegender Austernfischer verlieh am 2. März dem Seeburger See maritimes Flair, ein weiterer Vogel überquerte am 6. April die Feldmark an der Ahlsburg (Sollingvorland) nach Westen.

In der ersten Märzdekade rasteten insgesamt sieben Goldregenpfeifer, fünf im Leinepolder und zwei in der Feldmark Gö.-Geismar.
Bis zu 3000 heimziehende Kiebitze bevölkerten Anfang März den Leinepolder. Im scharfen Kontrast dazu dümpelt der regionale Brutbestand unter desaströsen Bedingungen auf niedrigstem Niveau. Im Leinepolder hatten mindestens drei Paare Schlupferfolg. Am 3. Mai wurden Weißstörche bei der erfolgreichen Jagd auf die Küken beobachtet. Am 19. Mai zeigten Eierschalen auf dem Deich, dass (vermutlich) auch Rabenkrähen den Nachwuchs dezimierten. Soll man die Storchenfreunde, die die (streng geschützten) Vögel mit einer Unmenge Nisthilfen angelockt haben, jetzt ersuchen, für ihre Lieblinge eine publikumswirksame Ablenkungsfütterung mit vergasten Eintagsküken einzurichten - zum Schutz der Wiesenbrüter?
An der Geschiebesperre schritten drei brutwillige Paare letztlich nicht zur Tat. Im Seeanger wurde eine Brut rasch wieder aufgegeben.
Ähnlich trostlos ist es um den Brutbestand des Flussregenpfeifers bestellt: Zwei Brutpaare (von drei anwesenden) hatten in der vom Freizeitrummel verschonten Kiesgrube Ballertasche Schlupferfolg, drei Jungvögel waren Anfang Juni flügge, während ein weiterer Ende des Monats noch darauf warten musste. Das war’s auch schon. An der Geschiebesperre waren zur Brutzeit beständig ein bis zwei Paare vertreten. Flügge Jungvögel vom 18. und 29. Juni sind dort aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erbrütet worden. Am Northeimer Freizeitsee waren geeignete Habitate schnell zerstört bzw. durch die Freizeitnutzung komplett entwertet. An der verrummelten Kiesgrube Reinshof ist es wohl wiederholt zu Bruten bzw. Brutversuchen gekommen, Jungvögel gerieten, kaum verwunderlich, nicht in den Blick. Ein Paar trippelte und balzte ab Ende April bis weit in den Juni auf den Schlammflächen an der Alten Rosdorfer Tongrube, kam aber offenbar auch hier nicht zur Sache. Flügge Jungvögel, die Anfang Juli gesehen wurden, dürften anderswo erbrütet worden sein.
Zwischen dem 9. März und dem 30. Mai traten an den Feuchtgebieten der Region insgesamt zwölf Sandregenpfeifer in Erscheinung, nirgendwo mehr als zwei zusammen. Diese Art wird neuerdings bei ornitho.de als regional selten eingestuft und entsprechend rot markiert. Tja, wenn der Algorithmus das fordert…

Sandregenpfeifer - VVogeley
Abb. 12: Sandregenpfeifer an der Geschiebesperre. Foto: V. Vogeley

Dies betrifft auch, mit etwas mehr Berechtigung, den Regenbrachvogel, von dem insgesamt neun Ind. gemeldet wurden. Den Löwenanteil stellten fünf Ind., die am 4. April stumm über den Göttinger Kiessee zogen.
Ein Großer Brachvogel hielt sich bis in den Juni über Wochen im Leinepolder auf, am 5. Mai auch mit einem Artgenossen. Ob ein Ind., das vom 13. bis 19. April mehrfach am Seeburger See und Seeanger notiert wurde, immer dasselbe war, muss offen bleiben. Am 1. Mai erklärte ein Ind. am Seeanger die Heimzugperiode im Landkreis Göttingen für beendet und eröffnete am 30. Juni am Seeburger See den Wegzug.

In der Gesamtzahl von 27 (!) Uferschnepfen, die vom 17. März bis zum 12. Mai gemeldet wurden, verbergen sich bis zu drei Dauergäste, die vom 20. April bis zum 4. Mai den Seeanger zierten und entsprechend oft auf die Tageslisten gerieten. Die wirkliche Zahl dürfte bei ca. 15 Ind. (darunter zwei am nächtlichen Flugruf bestimmte) gelegen haben, was immer noch sehr bemerkenswert ist.
Von der Waldschnepfe lagen aus dem Solling Hinweise auf drei Reviere vor. Eins bestand an einer Windwurffläche am Kirchberg. (Nicht nur) für die Waldschnepfe sind vermeintliche Katastrophen wie „Friederike“ ein wahrer Segen, denn sie schaffen Offenflächen und Schneisen, auf welche die Art bei Balz und Brut angewiesen ist. Die „naturnahe“ Waldwirtschaft, die zur Verdunkelung des Baumbestands beiträgt, hat in Süd-Niedersachsen sicher zum Rückgang der Art beigetragen. Auch das emsige Treiben des Borkenkäfers ist unter diesem Aspekt als durchaus positiv einzustufen. Zusammen mit Stürmen und Orkanen tragen die kleinen Krabbler entscheidend zur Habitatverbesserung für Lichtwaldarten bei. Im Kaufunger Wald waren erneut drei Reviere besetzt. Darüber hinaus wurden neun Heimzügler gemeldet, darunter am 8. März leider ein Totfund in der Göttinger Weststadt (Anflugopfer).
An der Geschiebesperre ließen sich im April mehrfach bis zu zwei Zwergschnepfen bestaunen, die, ohne jede Tarnung, heftig pumpend ihren Geschäften nachgingen. Darüber hinaus existieren zwei Beobachtungen von Einzelvögeln am Seeanger und eine von den ehemaligen Tongruben Siekgraben.
Das magere Heimzugmaximum der Bekassine wurde an der Geschiebesperre mit 26 Ind. am 30. März erreicht. Am Seeanger konnte am 27. und 28. April ein Vogel bei der Bodenbalz ausgemacht werden. Am 19. Mai lieferten im Leinepolder mindestens drei balzende Vögel (einmal Luftbalz, zweimal Bodenbalz) Hinweise auf das Fortbestehen der kleinen Brutpopulation.

Am 12. Mai überraschte ein singender Flussuferläufer an der Leine bei Bovenden den Beobachter. Wenig später war der Vogel, nicht überraschend, wieder weg. Das Maximum lieferten je zehn Ind. am 3. und 5. Mai am Northeimer Freizeitsee.
Die Maxima der Wasserläufer gestalteten sich divers. Acht Dunkle Wasserläufer bevölkerten am 20. April den Seeanger. 15 Rotschenkel am 19. April ebenda sind aus regionaler Sicht eine ganze Menge. Mit 17 Grünschenkeln am 28. April lag die Geschiebesperre gegenüber dem Seeanger (nur zehn Ind.) vorn, während der Seeanger mit 18 Waldwasserläufern am 6. April unangefochten in Führung ging. Beim Bruchwasserläufer nahm der Leinepolder am 17. Mai mit 120 Ind. die einsame Spitzenposition ein.

Bruchwasserläufer - VHesse
Abb. 13: Bruchwasserläufer auf dem Badesteg am Seeburger See. Foto: V. Hesse

Der Kampfläufer erreichte am 20. April im Seeanger mit 97 Ind. eine aus lokaler Sicht bemerkenswerte Höchstzahl.
Ein Sumpfläufer bekräftigte am 11. Mai seinen Status als neuerdings (beinahe) jährlicher Heimzuggast in diesem Gebiet.
Einzelne Zwergstrandläufer machten sich am 7. und 11. Mai sowie am 14. Mai an der Geschiebesperre bemerkbar.
Temminckstrandläufer ließen sich im Zeitraum vom 27. April bis 18. Mai blicken (28 Beobachtungen, Mehrfachmeldungen eingeschlossen). Maximal vier Ind. gab es am 11. und 17. Mai im Seeanger, immerhin drei Ind. am 17. Mai an der Kiesgrube Reinshof. An der Geschiebesperre Hollenstedt war er nur mit maximal zwei Ind. vertreten. Aus lokaler Sicht bemerkenswert ist ein Vogel am 8. Mai auf den Schlammflächen an der Alten Rosdorfer Tongrube (Kleingewässer mit vielen Störungen).
Alpenstrandläufer machten sich mit jeweils ein bis zwei Ind. an den diversen Feuchtgebieten eher rar, mit einer Ausnahme: Am 11. Mai rannten zehn Ind. im Seeanger umher.

50 Zwergmöwen (darunter zwei bis drei im 3. Kalenderjahr sowie drei vorjährige Vögel) am 20. April hatten am Abend den Seeburger See wieder verlassen. Zwei Tage später traten neun Ind. ebenda in Erscheinung. Ansonsten dominierten Einzelvögel, die am Freizeitsee, an den Northeimer Kiesteichen und an der Geschiebesperre gesehen wurden.
Brutnachweise der Lachmöwe: Fehlanzeige. Bleibt nur noch, sich an drei osteuropäischen Gästen zu erfreuen: Am 15 März geriet am Seeburger See ein Altvogel ins Visier (weißer Farbring TTRU), der am 12. Juni 2015 in Polen beringt worden war. Ein Artgenosse vom 27. April (gelber Farbring U 769) ebenda stammte aus der Ukraine, wo er am 9. Juni 2018 seine Markierung erhalten hatte. Er befand sich in Gesellschaft eines tschechischen Vogels, dessen Ringkombination nicht komplett entziffert werden konnte.

Lachmöwe - MSiebner
Abb. 14: Gast aus der Ukraine am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Schwarzkopfmöwen erhöhten die Biodiversität am 29. März am Seeburger See, am 31. März im Leinepolder (drei ad. Ind.), am 4. und 13. April wiederum am Seeburger See (ein bzw. zwei ad. Ind.), am 28. April an den Northeimer Kiesteichen (ad. Ind.) sowie am 11. und 12. Mai am Freizeitsee (K2).
Die alte Silbermöwe vom Seeburger See, als Dauergast aus dem Vorbericht bekannt, hielt es bis zum 3. März dort aus.
Mittelmeermöwen waren etwas häufiger zu sehen als sonst: Am 9. März am Seeburger See (K3) und im Leinepolder (K2), am 6. Mai an der Geschiebesperre (immat.), am 22. Mai am Seeburger See (ein ad., ein K3), am 31. Mai an der Geschiebesperre (zwei ad., ein K3.) sowie am 3. Juni ebenda (K2). Den Schlusspunkt setzte ein dreister Jungvogel, der am 22. Juni im Leinepolder den Weißstörchen die Beute abjagte.

Mittelmeermöwe - MSiebner
Abb. 14: Mittelmeermöwe im 3. Kalenderjahr am Seeburger See. Kommentare erwünscht! Foto: M. Siebner

Steppenmöwen sind so häufig geworden, dass ihr Auftreten hier nur summarisch mitgeteilt werden kann. Insgesamt liegen beachtliche 64 Beobachtungen vor. Das Maximum stammt mit sieben Vögeln (fünf ad., ein K4, ein K2) vom 18. Mai an der Geschiebesperre. Zwei Altvögel weilten im Mai für Wochen an der Geschiebesperre und am Freizeitsee. In Nordhessen und in Niedersachsen nördlich der Mittelgebirgsschwelle gibt es erste Bruten. Wer weiß…
Dagegen sah die Heringsmöwe - obwohl in diesem Frühjahr recht gut vertreten – vergleichsweise blass aus: Ein Altvogel zog am 5. April über den Freizeitsee, zwei (ein ad., ein K3) legten am Seeburger See eine kurze Rast ein, je ein K3-Vogel hielt sich am 28. April und am 2. Mai an der Geschiebesperre auf, ein Altvogel am 10. Mai am Freizeitsee.

26 Trauerseeschwalben bildeten am 24. April an den Northeimer Kiesteichen die maximale Tagessumme.
Zwei Brandseeschwalben retteten am 11. Mai am Freizeitsee die Ehre der seltenen Seeschwalben, die in diesem Frühjahr durch Abwesenheit glänzten.
Flussseeschwalben entzückten durch ihre Flugkünste am 30. April am Seeburger See, am 15. Mai am Freizeitsee sowie am 23. Mai, am 15. Juni zu dritt und am 18. Juni (als „immatur“ bestimmt) im erstgenannten Gebiet.
Drei Küstenseeschwalben vom 27. April am Seeburger See beschließen den Reigen.

Am Göttinger Kiessee machte sich im April (wieder) eine Hohltaube bemerkbar. Sie balzte permanent die ortsansässigen Ringeltauben an. Die Annahme einer Mischbrut wäre gleichermaßen spekulativ wie unwahrscheinlich, zumal die Nervensäge später nicht mehr in Erscheinung trat. Vielleicht klappt es ja im kommenden Frühjahr mit einem Artgenossen.

Hohltaube - MSiebner
Abb. 15: Aufdringliche Hohltaube am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Zwischen dem 3. Mai und dem 12. Juni konnten acht Turteltauben ausgemacht werden. Der dörfliche Balzplatz in Sievershausen (Sollingvorland) war wieder besetzt, allerdings wohl nur für kurze Zeit, denn der Vogel geriet nur am 25. Mai in den Blick. Spannend ist die Frage, ob sich die neu entstandenen Windwurfflächen positiv auf das Ansiedlungsverhalten auswirken.
Das Vorkommen der Schleiereule am Leinepolder konnte am 17. März bestätigt werden. Am 29. Juni fauchte ein Vogel nahe einer Scheune am Ortsrand von Reinhausen. Erfreulich und traurig zugleich ist die Meldung von drei Jungeulen, die, teils noch im Dunenkleid, am 22. Juni auf der Straße vor der Kirche in Esplingerode lagen. Eine war bereits tot, die beiden anderen völlig entkräftet. Sie kamen in die neue Pflegestation in Hilkerode. Offen bleibt, wie sie dort hingekommen sind. Ein kollektiver Absturz aus einem Nistkasten in der Kirche ist wohl kaum anzunehmen: Wie auch immer: Das ist seit langem der erste Nachweis einer erfolgreichen Brut. In seiner Bedeutung sollte er nicht überschätzt werden, weil die Schleiereule zu den Vogelarten zählt, über deren Brutverbreitung nur wenig bis nichts bekannt ist. Die insgesamt eher milden und schneearmen Winter der letzten Jahre sollten sich eigentlich positiv auf die Population ausgewirkt haben. Sätze mit „eigentlich“ sind aber immer so eine Sache…
Deutlich besser kamen die Waldohreulen zurecht. Am südlichen Göttinger Stadtrand konnten zwei bis drei Paare Schlupferfolg vorweisen, und zwar auf dem Friedhof Geismar (vier Junge, davon leider zwei durch Prädatoren getötet), nahe der Kleingartenkolonie „Lange Bünde“ (vier Junge) und an der Drachenwiese (zwei, möglicherweise identisch mit den Vögeln in Treuenhagen). Auch das traditionelle Paar am Kiessee war mit mindestens zwei Jungen erfolgreich. Am 9. Juni zeigte ein bettelnder Jungvogel bei Herberhausen eine weitere Göttinger Brut an. Am Ortsrand von Rosdorf geriet eine fiepende Jungeule zu Gehör. Weitere Brutnachweise lagen im Juni aus Waake (drei Kleine), Diemarden (vier), von einem Feldgehölz bei Tiftlingerode (mind. zwei), vom Ortsrand Bodensee (mindestens ein Jungvogel) und vom Ortsrand Rüdershausen (zwei) vor.
In einer Feldholzinsel bei Hoppensen (Sollingvorland) wurde am 14. April ein besetztes Nest ausgemacht. An einer Windwurffläche im Reinhäuser Wald bereitete am 19. März ein Paar mit Duettgesang und ausgiebigem Schnabelknappen offenbar eine Brut vor. Auch am Leinepolder hielten sich Anfang März zwei verpaarte Vögel auf. Darüber hinaus wurden Rufer aus Gö.-Nikolausberg, vom Kerstlingeröder Feld und südlich davon sowie aus Eberhausen und Mollenfelde gemeldet.

Waldohreule - MSiebner
Abb. 16: Junge Waldohreule auf dem Friedhof Geismar. Foto: M. Siebner

Das bekannte Göttinger Brutpaar des Waldkauz’, das im vergangenen Jahr ohne Nachwuchs geblieben war, brachte heuer drei Jungvögel hoch. Leider wurde die Vegetation um den Aufenthaltsort der Vögel von Beobachtern und Fotografen stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Empörung der Gartenpfleger war nur zu verständlich. Für das Meldeverhalten bei ornitho.de muss das Konsequenzen haben.

Bienenfresser traten als überfliegende Heimzieher in Erscheinung, und zwar am kalten 4. Mai über dem Seeanger (in unbekannter Zahl vom Birdrace-Team der „Schweißstörche“ gehört), am 12. Mai gleich 13 Ind. bei Rosdorf, am 18. Mai über der Feldmark Gö.-Geismar (mindestens einer) sowie am 29. Mai über Ebergötzen (Einzelvogel).und am 3. Juni wiederum über dem Seeanger (Einzelvogel).

Wiedehopfe legten auf ihrem Rückweg in die ostdeutschen Katastrophengebiete (wo sie im Bestand erfreulich zugenommen haben) eine Rast ein: Am 13. April in der Feldmark Gö.-Geismar, am 17. April nahe der B 27 bei Ebergötzen und am 21. April am Ortsrand von Gö.-Nikolausberg.

Auf dem Kerstlingeröder Feld bei Göttingen fanden sich, sehr erfreulich, zwei Paare des Wendehals’ ein, von denen eins erfolgreich gebrütet hat. Mehr dazu demnächst in einem Bericht über die erste Komplettkartierung dieses Gebiets durch B. Bartsch und M. Georg seit 2001 auf dieser Homepage. Im Gartetal westlich von Diemarden konnte, wie in manchen Vorjahren, im April mehrfach Duettgesang gehört werden. Längere Präsenz zeigten auch Vögel an den Northeimer Kiesteichen und am Freizeitsee, ohne dass sich ein konkreter Brutverdacht ableiten ließ. Singende Vögel am 16. April in der Göttinger Weststadt, am 20. April an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, am 25. April bei Reiffenhausen, am 27. April an der Kiesgrube Angerstein, am 28. April an der Kiesgrube Reinshof (stumm), am 7. Mai in Waake und Hann. Münden sowie am 19. Mai im Leinepolder waren mit großer Wahrscheinlichkeit Heimzieher.
Auf einer von Buchen dominierten Kontrollfläche des Monitorings häufiger Brutvogelarten (MhB) östlich von Groß Schneen konnte zum ersten Mal eine Revierbesetzung des Mittelspechts notiert werden. Auch im Eichenwäldchen am Wendebachstau bei Reinhausen und in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg scheint er sich angesiedelt zu haben. Allerdings liegt der Wüste Berg, ein traditioneller Brutplatz, nur ein paar Hundert Meter vom Wendebachstau entfernt. Auf dem Kerstlingeröder Feld, wo er vordem eine Seltenheit war, wurde er mehrfach gesichtet. In der Kiesgrube Ballertasche führte am 23. Juni ein Alt- einen Jungvogel. Die Brut fand vermutlich in einem angrenzenden Waldgebiet statt.

Mittelspecht - VHesse
Abb. 17: Mittelspecht im Göttinger Ostviertel (Januar 2019) Foto: V. Hesse

Vergleichweise viele Pirole gerieten in den Blick bzw. zu Gehör. Am 4. Mai wärmte ein Sänger am Wendebachstau bei Reinhausen (ehemaliger Brutplatz, seit ca. 30 Jahren verwaist) das Birdrace-Team der „Sozialbrachvögel“. Am 5. Mai rief einer kurz in einem Hausgarten in Ebergötzen. Am 14. und 28. Mai machte sich ein Artgenosse auf dem Kerstlingeröder Feld bemerkbar. Wenn es derselbe war, wäre die lange Verweildauer sehr bemerkenswert. Am 17. Mai flötete ein Männchen am Leinepolder und am 28. Mai am Pferdeberg bei Tiftlingerode.

Zum Brutbestand des Neuntöters auf dem Kerstlingeröder Feld kann man demnächst etwas auf dieser Homepage lesen. Im NSG „Hellental“ (Solling) wurden am 24. Mai mindestens sechs Männchen und fünf Weibchen gezählt, im Rahmkebachtal bei Breitenberg am 9. Juni acht Männchen und fünf Weibchen.
Das Winterrevier des Raubwürgers südöstlich von Duderstadt war am 25. März geräumt. Auf dem Kerstlingeröder Feld tauchte ein Vogel am 7. April auf, vermutlich auf dem Heimzug. Die starke Zunahme von Störungen durch Erholungssuchende macht dieses schöne Gebiet für den Raubwürger zunehmend unwirtlich. Märzvögel, die, aus dem Winterbericht bekannt, zweimal nahe der Wüstung Thudinghausen (Bramwaldrand) und im Kaufunger Wald gesehen wurden, waren später verschwunden. Dies betrifft auch ein Ind. vom 1. und 10. April an einer Windwurffläche im Solling. Sehr verdienstvolle Kontrollen von zwei Windwurfflächen im Nörtener Wald nordöstlich von Reyershausen (bemerkenswerte 95 Hektar groß!) sowie im Northeimer Wald östlich von Langenholtensen durch M. Georg erbrachten im März leider keine Sichtung. Interessant und aus diesem Rahmen fallend ist eine späte Beobachtung vom 13. Mai im Schedetal bei Bühren.

Am 8. April rastete, als große Rarität, eine Nebelkrähe in der Feldmark Gö.-Geismar. Ein Hybrid Raben- x Nebelkrähe konnte anhand der Gefiedermerkmale ausgeschlossen werden. Solche Vögel treten häufiger in der Region auf. Bisweilen werden auch fehlgefärbte Rabenkrähen mit so genannten „Hungerstreifen“ als Hybriden gemeldet, was die Sache nicht einfacher macht.

Nebelkrähe - MSiebner
Abb. 18: Nebelkrähe in der Feldmark Geismar Foto: M. Siebner

Das Göttinger Kolkraben-Paar brachte heuer drei Junge zum Ausfliegen.

Die Heidelerche ist die einzige Vogelart auf der deutschen Liste, deren Gattungsnamen man auch in volltrunkenem Zustand korrekt aussprechen kann. Hat das irgendetwas mit der Analyse von Heimzugdaten zu tun? Natürlich nicht, deshalb schnell zurück zur seriösen Avifaunistik. Insgesamt rasteten oder zogen in der Region in der ersten Märzdekade nur fünf Individuen, wohl so wenige wie noch nie. Die Gründe dafür dürften in den Witterungsbedingungen zur Hauptdurchzugszeit zu suchen sein, welche die Erfassung erschwerten.

An den Steilwänden der Rhume im Bereich der Northeimer Kiesteiche gruben am 25. April ca. 40 Uferschwalben ihre Bruthöhlen. Eine Kontrolle am 15. Juni ergab einen Bestand, der vermutlich nur im einstelligen Bereich lag. Am 18. Mai flogen ca. 50 Ind. am Freizeitsee die Brutwand von 2017 an. Später wurden 13 beflogene Röhren gezählt. An der Sandgrube Meensen existierten im Mai und Juni bis zu 15 beflogene Nester. 800 Ind. ballten sich am kalten 4. Mai am Seeburger See, aus regionaler Sicht eine sehr hohe Zahl. Im Leinepolder und an den Northeimer Kiesteichen wurden an diesem Tag je 400 Ind. gezählt. Ihnen dürfte es ähnlich ergangen sein wie den 7500 Rauchschwalben am Seeburger See, von denen Hunderte teils völlig apathisch auf Bäumen, im Schilf und auf dem Badesteg saßen und sich ungewohnt „zutraulich“ verhielten. Angaben zu geschwächten Vögeln liegen auch vom 12. Mai aus der Leineniederung zwischen Bovenden und Angerstein vor, als etliche der 500 Vögel schlapp auf den Äckern saßen. Am 5. Mai konnte bei Ebergötzen Umkehrzug von ca. 40 Ind. nach Nordwest beobachtet werden. Über Verluste kann man nur spekulieren, sie könnten aber beträchtlich gewesen sein. Leider (oder bezeichnenderweise?) finden sich unter den ornitho.de-Daten auch bundesweit nur wenige Anmerkungen zu solchen Kalamitäten.

Rauchschwalbe - MSiebner
Abb. 19: Geschwächte Rauchschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Am 3. April, also ungewöhnlich früh, wurde an der Kiesgrube Angerstein eine Rötelschwalbe entdeckt. Einen Tag später flog sie (oder ein zweiter Vogel?) am Göttinger Kiessee und Umgebung umher. Sie blieb dort wetterbedingt bis zum 6. April und wurde von vielen angereisten Vogeltouristen bestaunt und fotografiert. Mehr dazu in einem Spezialporträt von O. Henning auf dieser Homepage vom 3. Mai.

Die aus dem Vorbericht bekannten bis zu fünf Bartmeisen wurden im Seeanger letztmalig am 5. April notiert.

Eine Schwanzmeise der nordöstlichen Nominatform, die allein unterwegs war, konnte am 11. März in Gö.-Nikolausberg fotografisch dokumentiert werden.

Feldschwirle erreichten mit fünf Sängern im Leinepolder ihr Maximum. Der Nachweis eines Vogels am 5. Mai auf einer Windwurffläche im Solling könnte einen Heimzügler betroffen haben; gleichwohl verdanken wir „Friederike“ die Schaffung neuer Lebensräume auch für diese selten gewordene Art, die aus der Normallandschaft praktisch verschwunden ist.
Im Zeitraum 5. Mai bis 10. Juni betörten sechs Schlagschwirle die Beobachter, und zwar in der Kiesgrube Ballertasche (wohl nur Durchzügler), in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen, in der Gillersheimer Bachaue, südöstlich von Landolfshausen und im Gartetal westlich von Diemarden (am 1. Juni nicht mehr aufzufinden).
Wie in den Vorjahren hielt der Rohrschwirl im Leinepolder zwei Reviere besetzt. Am Seeburger See war ein Sänger bis in den Juni zugange, sodass auch hier von einer Revierbesetzung auszugehen war. Recht bemerkenswert waren Heimzug-Beobachtungen abseits der beiden Hotspots: Am 27. April (typisches Datum) sang einer in der Rhumeaue bei Bilshausen, am 8. Mai in der Rhumeaue bei Katlenburg Lindau sowie am 20. April und am 23. Mai im Seeanger. In der Rhumeaue sind ausgedehnte Röhrichtbestände aufgewachsen, die vielleicht ein zukünftiges Brüten ermöglichen. Das Schilf im Seeanger ist nach dem Viehverbiss im letzten Sommer immer noch etwas ramponiert.

Vom Schilfrohrsänger liegen keine Hinweise auf brutverdächtiges Verhalten vor. Im Leinepolder gelangten singende Männchen am 28. April am „Rattenberg“ zu Gehör sowie am 7. und am 19. Mai in verschiedenen Ecken des weitläufigen Gebiets. Deshalb war von kurzzeitig rastenden Heimzüglern auszugehen.
Im Seeanger hielt sich ein Männchen recht lange vom 26. April bis zum 22. Mai auf, war aber danach, weil offenbar unverpaart, verschwunden. Am 4. und 6. Juni war einer am Seeburger See zu hören, vermutlich ein später Heimzügler. Darüber hinaus liegen ca. sieben Heimzugbeobachtungen vor, darunter drei am 5. Mai am Northeimer Freizeitsee und bis zu zwei an mehreren Tagen am Göttinger Kiessee.

Schilfrohrsänger - MSiebner
Abb. 20: Schilfrohrsänger am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Sumpfrohrsänger erreichten am 31. Mai im Leinepolder mit elf Ind., darunter vermutlich noch Heimzügler, ihr Maximum. Ein kleiner Lichtblick sind fünf Sänger, die an der „renaturierten“ Leine in Göttingen zwischen der Otto-Frey-Brücke und der Godehardstraße ein Habitat nutzen können, das sich für sie optimal entwickelt. Das ist umso erfreulicher, weil sich auch diese Art zunehmend aus der agrarindustriell geprägten Normallandschaft verabschiedet.
Vom Drosselrohrsänger, dem Kraft- und Krächzprotz seiner Gattung, existieren bemerkenswerte 51 Beobachtungen. In dieser Zahl sind, neben den mittlerweile üblichen Heimzüglern am Freizeitsee, am Göttinger Kiessee und an der Kiesgrube Reinshof , bis zu drei (eventuell sogar vier) Sänger im Leinepolder Ende Mai (am 15. Juni noch einer aktiv) enthalten, desgleichen bis zu drei am Seeburger See (am 10. Juni immer noch zwei) und ebenfalls bis zu drei an der kleinen Kiesgrube Angerstein (am 18. Juni immer noch zwei, davon einer nur noch verhalten singend). An der Kiesgrube Ballertasche hielt sich vom 5. Mai bis 1. Juni wiederum ein Sänger lange auf. Bemerkenswert ist auch die lange Verweildauer am Seeanger („Pfuhl“ im Ostteil) vom 16. bis 26. Juni. Am letzten Datum waren sogar zwei Vögel anwesend. Aktivitäten wie Nestbau, Kopulationen u.ä., die einen sicheren Brutverdacht hätten befeuern können, wurden nicht registriert. Egal: Für den Drosselrohrsänger ist 2019 ein Rekordjahr.

Über das Verschwinden des Gelbspötters aus dem Göttinger Stadtgebiet wird auf dieser Homepage bald ein kleiner Bericht erscheinen.

Von der Ringdrossel lagen vom 4. April bis zum 8. Mai 24 Meldungen von 31 Ind. vor. Bemerkenswert sind allein sieben Mainachweise, die sich mit den ungünstigen Witterungsbedingungen erklären lassen. Zudem herrschte in Südwesteuropa und Süddeutschland ein gewaltiger Zugstau, der sich nur langsam auflöste und zum verspäteten Eintreffen von Zugvögeln führte.
Am 2. März ließen sich in Gö.-Weende noch 100 Rotdrosseln zählen. Die Wintergäste zogen schnell ab. Eine dreistellige Heimzugzahl konnte mit 150 Ind. nur am 31. März an der Geschiebesperre notiert werden.

Für den Trauerschnäpper ist 2019 mit 48 Beobachtungen (Doppelmeldungen inbegriffen) ein vergleichsweise gutes Jahr, wohlgemerkt aus regionaler Sicht. Neben der frühen Erstbeobachtung am 6. April am Göttinger Kiessee sind Beobachtungen singender Männchen mit langer Verweildauer von der Lengderburg bei Klein Lengden und nordöstlich von Duderstadt (bis zu zwei) hervorzuheben. Im Wildtiergehege im Göttinger Stadtwald sang am 4. April sowie am 8. und 12. Mai ein Männchen, desgleichen Anfang Juni im Plessforst nahe der Burgruine für mehrere Tage. Bruthinweise gab es aber nicht.

Das Maximum heimziehender Braunkehlchen stammt mit 27 Ind. vom 7. Mai aus dem Leinepolder. Hier signalisierte ein Paar am 15. Juni, dass die lokale Brutpopulation wohl noch fortbesteht.

Braunkehlchen - JBondick
Abb. 21: Braunkehlchen auf dem Durchzug bei Mollenfelde. Foto: J. Bondick

Vom Schwarzkehlchen gibt es wenig Neues zu berichten, die meisten der aus den Vorjahren bekannten Brutplätze waren wieder besetzt. Brutnachweise mit flüggen Jungvögeln waren eher rar. Sie stammten aus dem Leinepolder, aus der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau, vom Seeanger und aus der Hahleaue bei Mingerode. Interessant sind Beobachtungen nach dem Ende der Heimzugphase: An einer Pferdekoppel am 28. Mai nordöstlich von Diemarden (Männchen) sowie ein Paar am 21. Juni in der Leineaue nördlich von Friedland.

Der, nach Anerkennung durch die AKNB, zweite Sprosser der Region (Erstnachweis für den Landkreis Göttingen durch M. Göpfert) konnte am 1. Juni am Seeanger akustisch bestimmt und mit Tonaufnahmen belegt werden. Die Qualität seines Gesangs ließ zu wünschen übrig

Auch vom Blaukehlchen nichts Neues. Der Leinepolder wurde von bis zu acht revieranzeigenden Männchen bevölkert. Der einzige Brutnachweis mit flüggem Nachwuchs kommt vom Seeanger.

Der aus dem Herbst 2018 bekannte männliche Hybrid Haus- x Gartenrotschwanz machte sich ab dem 9. April wieder in seinem Domizil an der Göttinger Norduni bemerkbar. Danach blieb er ständig unter der Kontrolle der lokalen Vogelkundler (Beringung inklusive). Seine Verpaarung mit einem Hausrotschwanz-Weibchen verlief erfolgreich, vier Jungvögel wurden flügge. Eine Zweitbrut ist in Arbeit.

Hybridrotschwanz - MGöpfert
Abb. 22: Sieht man ihm den Vater an? Flügger Jungvogel aus der Hybrid-Mischbrut. Foto: M. Göpfert

Eine positive Ausnahme vom allgemeinen Niedergang der Rastzahlen des Steinschmätzers bildeten 23 Ind. am 24. April in der Feldmark Gö.-Geismar („Jägerparadies“). Später konnten am 13. Mai am Diemardener Berg 14 Ind. und am 17. Mai an einer anderen Stelle 12 Ind. gezählt werden. Solche Zahlen waren früher nicht selten, auch und gerade im Süden Göttingens, wo offenkundig immer noch gute Rasthabitate zu finden sind.

Vom 19. April bis zum 9. Mai gerieten insgesamt acht Brachpieper vor die Optik; wenn man drei rastende und zwei ziehende Ind. vom 19. April auf dem Kerstlingeröder Feld addiert, waren es sogar zehn. Drei Rastvögel konnten am 9. Mai auch an den ehemaligen Tongruben Siekgraben dokumentiert werden, die übrigen stammen vom 23. April aus der Feldmark Gö.-Geismar und vom 8. Mai am Northeimer Freizeitsee.
Über das Auftreten des Baumpiepers auf dem Kerstlingeröder Feld kann man demnächst auf dieser Homepage mehr erfahren. Abseits seiner verbliebenen Hochburg trat er zur Brutzeit nur in einstelliger Zahl auf. Mindestens acht singende Männchen auf dem Hühnerfeld im Kaufunger Wald am 21. Juni sind bereits bemerkenswert.
Der Brutbestand des Wiesenpiepers an den Deichen des Leinepolders konnte in diesem Jahr nur unzureichend erfasst werden. Oder zeichnet sich hier ein Rückgang ab? Wesentlich positiver verlief die sehr verdienstvolle Zählung von Brutpaaren/Revieren in der Feldmark zwischen Bovenden und Angerstein durch M. Georg und O. Henning. Sie erbrachte sechs Paare, von denen etliche Bruterfolg hatten. Eine Zunahme gegenüber den letzten Zählungen 2000 und 2001, die jeweils zwei Reviere ergaben (vgl. die Jahresberichte auf der AGO-Homepage) ist fraglich, weil die 16 Kilometer lange damalige Zählstrecke im Leinetal zwischen Göttingen und Elvese hauptsächlich westlich der Leine verlief. In der Feldmark Rittmarshausen konnte das kleine Brutvorkommen bestätigt werden. Ansonsten: Fehlanzeige.
Der Heimzug machte sich besonders über dem Kerstlingeröder Feld bemerkbar, wo am 7. April 301 Ind. und am 19. April 225 Ind. überhin zogen. Am 16. April markierten 150 am Diemardener Berg durchziehende Ind. ebenfalls ein (heutzutage) passables Ergebnis. Die Rastzahlen bewegten sich dagegen durchweg im niedrigen ein- bis zweistelligen Bereich.
Vom Rotkehlpieper existiert nur ein Heimzugnachweis, und zwar vom 17. Mai über dem Diemardener Berg.
Vom Bergpieper gibt es aus dem Zeitraum vom 2. März bis zum 23. April 48 Beobachtungen von 83 Ind., darunter etliche Vögel mit längerer Verweildauer im Seeanger und an der Kiesgrube Ballertasche. Aus diesen Gebieten stammen auch die maximalen Tagessummen von bis zu acht Ind.

Bergpieper - VVogeley
Abb. 23: Bergpieper in der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Am 23. April hielt sich eine weibliche Zitronenstelze an der Geschiebesperre in, laut Google Earth, genau 175 Metern Entfernung vom Beobachtungsturm („Fort Apache“) auf, konnte aber gleichwohl aussagekräftig mit Fotos dokumentiert werden.
Thunbergschafstelzen (maximal 16 Ind. am 17. Mai an den ehemaligen Tongruben Siekgraben) gerieten im Seeanger in Panik, als sie des Fahlen Pferds der Apokalypse ansichtig wurden. Es war aber nur ein friedlich grasendes Charolais-Rind. Wahre Endzeitstimmung kann dagegen bei sensiblen Gemütern aufkommen, wenn sie den Blick vom Seeanger nach Westen und (vor allem) Nordosten richten: Hier reiht sich mittlerweile ein monströses Windrad ans andere und aus dem Boden sprießt Mais für die Agroenergie. Und das ist erst der Anfang der profitablen „Rettung des Klimas“…
Dunkle Bachstelzen mit Merkmalen der westeuropäischen Unterart yarrellii (Trauerbachstelze) gerieten am 28. März und am 13. April am Seeburger See sowie, ungewöhnlich spät, am 2. Mai an der Geschiebesperre in den Blick. Weil Nachweise im tiefen Binnenland oft Hybriden der beiden Unterarten betreffen, ist die Bestimmung recht schwierig und kann nur anhand einer gründlichen Fotodokumentation erfolgen.

Vielleicht nicht ganz uninteressant ist, dass im Berichtszeitraum keine nordischen „Trompetergimpel“ mehr gemeldet wurden.
Mindestens acht Erlenzeisige, zum Teil mit Singflug, gerieten im Reinhäuser Wald am 11. April an zwei Stellen in den Blick. Spätere Beobachtungen existieren leider nicht.

Sehr bemerkenswert ist ein Minieinflug von Grauammern zum Sommerbeginn: Vom 23. bis 28. Juni sangen bis zu zwei Männchen auf dem Kerstlingeröder Feld. Ein Vogel zeigte mauserbedingte Gefiederschäden, war aber dadurch nicht beeinträchtigt. Es handelte sich nicht um Jungvögel. Ein stummer Artgenosse hielt sich am 26. Juni offenbar nur kurzzeitig am Seeanger auf. In den letzten Jahren haben Nachweise der Grauammer in unserer Region leicht zugenommen, vor allem auf dem Heimzug. Woher diese Vögel stammen, muss offen bleiben. Aus Westdeutschland sicher nicht, weil es dort kaum noch Grauammern gibt. Die Junidaten 2019 deuten darauf hin, dass die drei Gäste nach dem Abschluss der Erstbruten weiträumig umherstreiften. Als Brutvogel ist die Grauammer bei uns seit ca. 25 Jahren ausgestorben (Dörrie 2010, das in Krüger et al. (2014) aufgeführte Brutvorkommen im Leinepolder 2005 beruht auf einer unzutreffenden Bewertung länger präsenter, aber später wieder verschwundener Rastvögel). Der niedersächsische Rest-Brutbestand konzentriert sich laut Krüger et al. (2014) mit ca. 250 Paaren auf das Wendland und den Osten der Lüneburger Heide. Im Landkreis Helmstedt existiert um den stillgelegten Tagebau Schöningen nahe der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt eine kleine Population (im Niedersachsenatlas nicht enthalten). Aus dem benachbarten Thüringer Eichsfeldkreis gibt es laut ornitho.de in jüngerer Zeit nur wenige Brutzeitbeobachtungen (um die ein bis zwei pro Jahr). Allerdings siedeln anderswo in Thüringen und in Sachsen-Anhalt noch größere Populationen, die näher an Göttingen liegen als z.B. der kleine Helmstedter Brutbestand.

Grauammer - MSiebner
Abb. 24: Grauammer auf dem Kerstlingeröder Feld. Foto: M. Siebner

Fünf Ortolane machten sich bemerkbar, und zwar am 21. April am Northeimer Freizeitsee, am 29. und 30. April in der Feldmark Reinshof (am 30. April auch singend) sowie am 4. Mai bei Seeburg (zwei Ind.).

Damit schließt der Bericht, der im Wesentlichen auf 28.832 Einträgen in unserer Datenbank ornitho.de basiert. Der herzliche Dank des Verfassers geht an:

P.H. Barthel, B. Bartsch, J. Becker, K. Beelte, A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, M. Deutsch, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, R. Gerken, K. Gimpel, M. Göpfert, A. Görlich, E. Gottschalk, C. Grefen, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, K. Hagenow, A. Hartmann, H. Hartung, E. Heiseke, F. Helms, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, C. König, I. Lilienthal, V. Lipka, U. Maier, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, V. Müller, F. Oertel, S. Paul, B. Preuschhof, J. Priesnitz, M. Püttmanns, S. Racky, D. Radde, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, G. Schmitt, M. Schneider, M. Schulze, M. Schuldt, C. Siebner, M. Siebner, D. Singer, H. Stiebel, A. Stumpner, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Weider, J. Weiß, M. Wimbauer, D. Wucherpfennig und viele andere (darunter auch die nur kurzzeitig präsenten Bewunderer der Rötelschwalbe).

Hans H. Dörrie

Literatur:

Brunken, G. (1978): Avifaunistischer Jahresbericht 1976 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 15-41.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Windwurffläche - MGeorg
Abb. 25: Hoffnung für Lichtwald- und Offenlandbrüter?
Windwurffläche bei Billingshausen. Foto: M. Georg

July 7th, 2019

Birdrace 2019 in GÖ: Ein Schauspiel der vielfältigen Fortbewegungsmittel

Birdrace Titel
Abb. 1: Unterwegs bei nassem und kaltem Wetter. Foto: A. Bischoff

Nach dem plötzlichen, unerwarteten Höhepunkt der Vielfalt mit neun Teams im Jahr 2018, waren die mehr- bis langjährig angestammten Teams und Teilnehmenden 2019 wieder mehr unter sich. Unerwartet vielfältig waren aber diesmal die Fortbewegungsmittel: Neben dem bewährten motorisierten Vierrad und dem muskelkraft-betriebenen Zweirad trat diesmal auch die elektrisierte Variante des Letztgenannten in Erscheinung. Mit unterschiedlichen technischen Gegebenheiten traten letztlich vier Teams - darunter ein soweit nicht näher bekanntes Team namens MILANOVIC – zu diesem alljährlich freudig-verrückten Ereignis am ersten Samstag im Mai im Landkreis Göttingen an, während der Nachbar-Landkreis Northeim diesmal nicht besucht wurde.
Regen, Graupel, Schnee und die zugehörige Kälte mit nur einigen kurzen sonnigen Phasen sorgten den ganzen Tag über für gemischte Gefühle bei den Teilnehmenden. Lange Unterhosen, Regenhosen und Handschuhe – wahlweise auch ein zweites, trockenes Paar – gehörten diesmal zur Standardausrüstung des gut vorbereiteten Birdracers. Vor allem am Nachmittag bescherte dann die mehr oder weniger aufgerissene Wolkendecke jedoch beeindruckende Wolkenformationen, großartige Farbkontraste und einen tollen Fernblick in die frisch gewaschene Landschaft. So sorgte das Wettergeschehen für vergleichsweise gute Birdrace-Bedingungen, das typische Mittagsloch mit geringer Vogelaktivität bei sommerlichen Temperaturen unter blauem Himmel blieb aus. Am Ende des Tages hatten die drei Birdrace-Teams aus dem Arbeitskreis Göttinger Ornithologen insgesamt 133 Vogelarten aufgespürt – nur eine weniger als 2016, als sich die drei (zumindest namentlich) selben Teams im Landkreis Göttingen dem harten Wettbewerb stellten. Gemeinsam mit den anonym gebliebenen Birdern von MILANOVIC waren es sogar spitzenmäßige 135 Arten – Sumpfrohrsänger und Weidenmeise waren nur diesem Team vergönnt. Nur 2018 entdeckten die neun Teams ebenfalls 135 Arten - wie natürlich auch beim seit 2013 unangetasteten Rekordbirdrace, wo ein Team alleine eine Liste von 135 Arten zustande brachte…
Es folgen exklusive Einblicke in die individuellen Birdrace-Erlebnisse der Teams, die vielleicht so manchen ermuntern mögen, am 2. Mai 2020 wieder in langer Tradition oder auch zum ersten Mal anzutreten…

Hier die Berichte von drei Birdrace-Teams aus dem Landkreis Göttingen:

Früher Kaltstart - späte Warmdusche (von B. Bartsch)
Wenngleich inzwischen in komplett neuer Besetzung, auf zwei elektrisierten statt vier motorisierten Rädern und mit neuer Strategie, so war selbstverständlich auch dieses Jahr wieder das Traditionsteam der “Göttinger Sozialbrachvögel” mit von der Partie. Dankenswerterweise erklärten sich die Brachvogelveteranen bereit, den Namen übernehmen zu dürfen, denn die unkreativen Alternativen wären “Trockenstörche”, “E-Bike-Atzen” oder “Claudia´s Fanclub” gewesen…
Zu dritt begab sich das Dreiergespann, bestehend aus B. Bartsch, A. Bischoff und M. Georg, am Freitagabend in den Reinhäuserwald, um dort die Nacht im Zelt zu verbringen. Ein stimmungsvoller, klarer Abendhimmel ließ auf einen guten Start hoffen. Als nach drei Stunden Schlaf um 02:10 Uhr Mercurys “Don´t stop me now” für die drei den Tag einläutete war sofort klar, dass dem nicht so werden würde. Regen und Kälte, zeitweise Schneeregen - bis 5 Uhr waren nur Begegnungen mit Säugetieren zu verbuchen. Ein Waldkauz machte dann endlich den Anfang; es blieb aber leider die einzige Eulenart im Wald. Bei den Singvögeln verlief es ebenfalls frustrierend. Wenige Vögel sangen und der Regen übertönte die meisten Geräusche, aber mit Haubenmeise und Fichtenkreuzschnabel ließen sich immerhin gute Birdrace-Arten mitnehmen. Die Stimmung war ähnlich nasskalt wie die Kleidung, als die drei mit viel Verspätung am Morgen den Wald verließen und sich in Richtung Göttingen aufmachten. Ein am Wendebachstausee singender Pirol ließ die Hoffnungen auf ein einigermaßen vorzeigbares Endergebnis dann schnell wieder ansteigen. Und nun lief es tatsächlich ziemlich gut: Einem Feldschwirl an der Garte folgten Schwarzkehlchen, Wanderfalke und Wiesenweihe am Diemardener Berg, alles in der Region durchaus seltene oder schwierige Arten! Die Kiesgrube Reinshof überraschte das Team daraufhin mit vier Löffelenten und dem Dynamo-Avigoe-Duo. Gemeinsam erfreute man sich an einem durchziehenden Wespenbussard - Anfang Mai alles andere als selbstverständlich. Im Stadtgebiet erfuhr dann die Stimmung zumindest eines Teammitglieds einen Dämpfer durch die Abwesenheit von Claudia, einer seit Monaten in der Südstadt anwesenden und sehr sympathisch-trägen Warzenente. Wenngleich das offizielle Birdrace-Regelwerk das Abhaken “sämtlicher frei fliegender Vogelarten, die sich außerhalb von Haltungen oder ähnlichen Anlagen aufhalten” vorsieht und daher das Zählen dieser Art grundsätzlich ermöglicht [Hierbei ließe sich wiederum streiten, da Claudia bislang nie mehr als wenige Meter fliegend beobachtet wurde - und zwar um schneller an vorgeworfenes Brot zu gelangen!], so hätten zumindest die Sozialbrachvögel sie sicher nicht in die Liste aufgenommen und sich lediglich ihrer Schönheit erfreut!
Es folgte eine Stippvisite am Kiessee, der mit Drosselrohrsänger und Gelbspötter wie so oft unerwartete Überraschungen parat hielt. Neben diesen sollte auch die Ringdrossel, die wenig später an der ehemaligen Tongrube Siekgraben vorbeiflog, den anderen Teams verwehrt bleiben. Andersrum waren die Sozialbrachvögel das einzige Team, welches einen rastenden Trauerschnäpper am Levinpark nicht wahrzunehmen vermochte. Die Wasseramsel klappte hier dagegen recht schnell und einen Waldlaubsänger gab es noch als Beifang.
Um den Eulenflop im Reinhäuserwald etwas wiedergutzumachen entschied man sich, nun einen Umweg über Geismar zu machen, wo drei kleine Waldohreulen ein weiteres Kreuzchen ermöglichten. Das Kerstlingeröder Feld konnte anschließend zumindest mit Baumpieper, Schwanzmeise, Grau- und Kleinspecht aufwarten. Ein geplanter längerer Aufenthalt war hier aus Zeitgründen leider nicht mehr umsetzbar, weshalb dem Team letztlich drei Spechtarten fehlten.

Sozialbrachvögel
Abb. 2: Zwei “Göttinger Sozialbrachvögel” am Seeburger See. Foto: A. Bischoff

Ohne große Umwege ging es dann zügig Richtung Seeanger, dessen Limikolen- und Singvogelgemeinschaft an diesem Tage eher von qualitativer als von quantitativer Natur war. Allemal nennenswert sind hier eine Uferschnepfe, ein heimlicher Temminckstrandläufer, eine späte Spießente sowie acht in den Lutteranger fliegende Silberreiher. Baumfalke, Rohrschwirl, Schwarzhalstaucher und Kormoran machten schließlich die letzten Kreuze am Seeburger See aus, der kaum Wasservögel aber dafür etliche Schwalben vorzuweisen hatte.
Insgesamt hielten viele der Brutvögel bei dem kalten Wetter den Schnabel und Tagzug fand quasi nicht statt bzw. war durch den warmen April bereits weitgehend abgeschlossen gewesen. Die Singvogelpalette wies letztlich zwar nur wenige Lücken auf (Erlenzeisig, Weidenmeise, Wiesenpieper), dafür fehlten am Ende einige der selteneren Brutvögel wie Waldschnepfe und Uhu. Mit 121 Arten fiel das Ergebnis hinter den Erwartungen zurück, darf aber angesichts der Wetterverhältnisse als sehr zufriedenstellend eingestuft werden.
Nach einem letzten erfolglosen Versuch, die ein oder andere nachtaktive Vogelart nachzuweisen, erreichte das Team erst gegen 23 Uhr todmüde und mit erschöpften Akkus wieder Göttingen. Insgesamt wurde der miese Start aber durch einige exklusive Arten ausgeglichen, die in gewohnter Weise zum gewissen, verdienten Abstand zu den anderen Teams führten. Doch schlafen tut auch die muskelkraft-basierte Konkurrenz nicht…

Wenig Schweiß - viele Störche (von D. Singer)
Wohl nicht zuletzt dank des speziellen Wetters, erreichten die Schweißstörche mit vergleichsweise wenig Schweiß, dafür vielen Störchen das bisherige Rekordergebnis eines (rein muskelkraft-betriebenen) Fahrradteams im Landkreis Göttingen. Mit M. Röder, J. Joosten, S. Racky und D. Singer wagte eine Mischung aus Birdrace-Frischlingen und -Althasen den regenreichen Start um 4 Uhr am Alten botanischen Garten in Göttingen. Ruffreudig waren die Waldkäuze dort nicht, doch dank der städtischen Lichtverschmutzung war der Himmel hell genug, um ausreichenden Kontrast zur Silhouette eines sitzenden Kauzes zu bieten. Erfreulicherweise wagte ein Waldohreulen-Jungvogel wenig später in Geismar einen zaghaften Bettelruf, sodass der regenreiche Start durchaus als planmäßig gelungen bezeichnet werden konnte. Nach einem schnellen Fahrradaustausch aufgrund eines unliebsamen Geräuschs pfeifender Luft, ging es dann zunächst an den Kiessee und Umgebung, um dort die ersten Sing- und Wasservögel einzusammeln – leider ohne Drosselrohrsänger dafür mit dankenswerterweise deutlich gedrosselter Techno-Musik von der inzwischen wohl traditionellen Birdrace-Techno-Party in einem Kleingarten an der SW-Ecke des Sees.

Schweissstörche
Abb. 4: Pause bei den “Schweißstörchen”

Beim Birdrace eher außerplanmäßige Erscheinungen wie Eisvogel und Feldschwirl waren am Flüthewehr kooperativ. Erfreulich waren auch zwei Braunkehlchen bei Rosdorf, während der erste Eichelhäher des Tages leider nur von einem Teammitglied gesehen entschwand. Zum Glück blieb es nicht der einzige. Die Tongrube und ihre Reste am Siekgraben hielten nur einen Flussregenpfeifer parat, eingeplante Arten wie der Bluthänfling ließen noch zwei weitere Streckenkilometer auf sich warten. Fast schon zu erwarten war der Flop beim Besuch eines wohl nicht fertiggestellten oder vom Weibchen abgelehnten Sperbernestes in Grone-Süd. Nur mäßig erfolgreich war auch der Besuch des Stadtfriedhofs, der zunächst schmerzliche Lücken bei den Meisenarten zurückließ - jedoch unerwartet zwei rastende Baumpieper hervorbrachte. Im letzten Moment vor der Weiterfahrt gelangte in der Weststadt nahe des Levinparks die Wasseramsel in den Fokus des Fernglases, worauf Birkenzeisig und Wanderfalke kurze Zeit später an der Leine folgten. Planmäßig waren auch die Türkentauben zur Stelle. Einen großen Zeitbonus verschaffte dem Team ein Trauerschnäpper im Cheltenhampark, der einen Abstecher zum Westerberg überflüssig machte, wo zuvor seit einigen Tagen ein singender Reviervogel festgestellt worden war. Dankenswerterweise zeigte sich die Haubenmeise vor der Haustür eines Teammitglieds am Klausberg sehr zuverlässig, sodass sich der kleine Umweg lohnte. Im Stadtwald vervollständigte sich anschließend die Waldartenliste. Freundlicherweise rief ein Grauspecht aus Richtung Herberhausen und im Wildgehege stocherte zusätzlich ein zweites Individuum in einem liegenden Stamm herum.
Das Kerstlingeröder Feld hatte anschließend trotz längerer Verweildauer bei einem wohl verdienten Picknick und erstem größeren Stopp leider keinen Wendehals, dafür einen Schwarzspecht zu bieten. Zunächst unspektakulär erschien der folgende Versuch am nadelholzreichen Waldrand bei den „Schweckhäuser Wiesen“ Fichtenkreuzschnäbel oder Erlenzeisige aufzutreiben – doch ein ungleiches Paar aus kreisendem Habicht und Schwarzstorch verwandelte den Kurzabstecher zum wahren Highlight des Tages. Angekommen in Seeburg verblieb ausreichend Zeit um Seeanger und Seeburger See mit zunehmender Müdigkeit ausführlich und langsam zu erkunden. Die Ausbeute am Seeanger war gut - das Wuseln der tausenden Schwalben über dem Seeburger See machte das Auffinden der Schwarzhalstaucher jedoch bis zuletzt schwierig. Ein mehrfach gesichteter Baumfalke wurde fast schon langweilig, während eine männliche Rohrweihe über dem Schilf eine willkommene weitere Art war. Ein kräftiger Graupelschauer am Nachmittag zwang das Team zum erneuten Einsatz der Regenhosen und ein paar durchziehende Bienenfresser zur Reduktion der Flughöhe, sodass sie am Seeanger dem erfahrenen Gehör der Schweißstörche nicht entgingen – das zweite große Highlight des Tages, welches auch zu einer Exklusiv-Art des Teams führte.
Beendet wurde das Birdrace dann in gemütlicher Runde gegen 21:30 Uhr mit für die Teamhistorie spitzenmäßigen 116 Arten. Nächstes Jahr wird es weitergehen und Ziel bleibt es natürlich, die Artenzahl, wie in den vergangenen Jahren, beständig zu erhöhen – Strategie, Route und Erfahrungsschatz wurden dafür dieses Jahr weiter optimiert. Daher bleibt es wohl spannend, verehrte elektrisierte Sozialbrachvögel!

Nervige Meisenlücken - erfreuliche Exklusivarten (von M. Drüner)
Ebenfalls in mehrjähriger Tradition trat die Mannschaft von Dynamo AviGoe um 4 Uhr vom Kehr zum Rennen auf. Standardmäßig ging es für M. Mooji und M. Drüner früh am Kerstlingeröder Feld los, der Start war dieses Jahr jedoch ähnlich zäh wie bei den Sozialbrachvögeln…
Auf dem Kerstlingeröder Feld war erst gegen 5 Uhr der allererste Vogel zu vernehmen, eine Feldlerche. Fast musste man sie bewundern, dass sie dem Schietwetter singfliegend trotzte. Wenig Gesang, Waldkauz stumm über die Wiese fliegend. Keine Greife, kein Wintergoldhähnchen, aber wenigstens der Wendehals ließ vier fünf Mal eine einzelne Strophe durch den Regen vernehmen. Eine Stunde Schneeregen. Immerhin fünf Spechtarten und zwei Waldlaubsänger.

Teamfoto_Avigoe
Abb. 3: Vor Nässe triefendes Teamfoto von “Dynamo Avigoe”
(zum Vergrößern bitte anklicken)

Auf dem Weg zum Siekgraben ein Abstecher zum Sandweg, wo wir den erhofften Birkenzeisig nicht hörten, dafür aber die Moschusente / Warzenente stehen sahen. Am Siekgraben Braunkehlchen, Steinschmätzer und ein Baumfalke, aber keine Limikolen. An der alten Tonkuhle Rosdorf sah es trostlos aus, aber der Eisvogel saß dort auf einem Baumstamm im Wasser und bereitete einen Futterfisch zum Transport vor. Danke!
Kiesgrube Reinshof: erster Kuckuck (es sollten insgesamt sechs werden). Auch Löffelente, Brandgans, Birkenzeisig und Grauschnäpper. Erster Kontakt mit den Sozialbrachvögeln. Gemeinsam genießen wir den niedrig überfliegenden Wespenbussard. Man konnte regelrecht den Gesichtsausdruck sehen. So ein bisschen wie „Was macht ihr denn hier? Dürft ihr das?“ Dann noch schnell fünf kleine Gebirgsstelzen im Nistkasten beäugt (Süüüüß!-Faktor) während die Altvögel aufgeregt riefen und dann weiter zum Kiessee. Auch hier einige Arten nicht zuverlässig. Der von anderen geclaimte Drosselrohrsänger wurde von uns als Teichrohrsänger eingeschätzt und der Gelbspötter, der genau dort gehört wurde wo wir geparkt hatten, muss ausschließlich gesungen haben, wenn wir gerade außer Hörweite waren. So kann’s gehen. Die Türkentaube bekamen wir an traditionellen Plätzen im Heimatviertel zu hören und nahmen dort noch den Gimpel mit. Auch der Girlitz sang in seinem seit Jahren besetzten Revier am Gailgraben. Der Stadtfriedhof schließlich enttäuschte. Zumindest uns, denn die Sozialbrachvögel wiesen uns noch den Weg zum Haubenmeisenrevier, sie sang aber nicht für uns und zeigte sich auch sonst nicht. Pflicht war dann der Levinpark, wegen der Wasseramsel, neben der Gebirgsstelze die einzige Art, von der wir wussten wo wir sie abholen konnten. Das dauerte auch keine drei Sekunden. Fast wären wir gleich wieder abgefahren, aber glücklicherweise stippvisitierten wir doch noch und siehe da: ein Trauerschnäpper verjagte einen Grauschnäpper von der Warte und zeigte sich in seiner ganzen schwarzweißbraunen Pracht so frisch wie man nur nach einem Regen sein kann.
Danach ein Abstecher in den Westkreis. In Eberhausen fanden wir keine Weidenmeise, hatten aber einen schönen Spaziergang und eine endlich (schwach?) einsetzende Thermik bescherte eine Reihe von Milanen beider Couleurs und Mäusebussarden. Die Dohlen schauten wir uns in Adelebsen an der Burg an und der Steinbruch in Emmenhausen brachte uns zwar nicht den Uhu, aber immerhin den einzigen Bluthänfling des Tages.
Mit dem Auto jetzt noch mal durch die Stadt zu gurken, nur um eventuell auch vom Wanderfalken im Stich gelassen zu werden, erschien uns nicht attraktiv und wir fuhren gleich weiter die B 27 Richtung Seeburg. Ein erster Scan über den Seeburger See zeigte drei Großmöwen, von denen wir eine adulte als Steppenmöwe ansprechen konnten, die anderen (beide immature Vögel) blieben weit entfernt und auf dem Wasser (flimmernde Luft!), so dass wir uns die „schenken“ mussten. Schließlich fuhren wir in die Rhumeaue nach Wollershausen. Dort ein ausgiebig rufender Schwarzmilan, balzende Rotmilane, eine Rohrweihe und Schwanzmeisen. Wir waren es zufrieden. Überhaupt: Wenn wir nachmittags ins Auto stiegen, fing es an zu regnen, sobald wir wo ankamen und aussteigen wollten, hörte es wieder auf. Nett. Die Bilshauser Rhumeaue brachte uns einen Feldschwirl und ein Schwarzkehlchen. Die Feldmark Wollbrandshausen zeigte sich fast ereignislos. Immerhin ließen sich Trupps von Goldammern sehen, die man nach Ortolanen absuchen konnte, allerdings ohne Erfolg.
Der Seeanger brachte zwar erwartungsgemäß einen Schwung Entenvögel, aber leider nur wenig Limikolen. Wo zwei Wochen vorher noch zehn Watvogelarten zu sehen waren, fanden wir heute nur fünf. Allerdings ließen uns trotz dutzendfacher Scans der geeigneten Bereiche Bekassine und Temminck im Regen stehen, die sich den anderen Mannschaften rätselhafterweise gezeigt haben. Offensichtlich geht es immer noch einen Tuck besser oder Glück ist im Spiel. Auch der Schilfrohrsänger blieb für uns stumm und das Blaukehlchen zeigte sich nur einmal kurz und nur einem von uns. Auf dem Weg zum See eine schöne Überraschung: der Wanderfalke machte sich die Mühe uns noch einen Besuch abzustatten. Der einzige Kormoran flog niedrig über den Seeburger See. Aber auch dort außer zwei Schwarzhalstauchern nicht mehr viel zu holen. Den Abschluss machten wir in Geismar mit drei bettelnden jungen Waldohreulen.
Ergebnis: mit 111 Arten zwar nur dritte von drei Mannschaften, aber erstens nur zu zweit (weniger Augen und geht einer pinkeln, geht gar nix mehr, siehe Blaukehlchen), zweitens behindert durch das Verkehrsmittel Auto (etwas hermetisch und die Fahrstrecken teilweise uninteressant; die interessante sind für Autos größtenteils gesperrt oder ungeeignet) und drittens für das Wetter gar nicht sooo schlecht! Zapfenstreich 22:30. Völlig fertig. Man ist nicht mehr dreißig. Ein großartiger Tag draußen – wohl für alle Teams, die diesen erlebnisreichen Spaß-Wettkampf wieder einmal auf sich genommen haben!

Alle Ergebnisse vom Birdrace können wie immer auf der Internetseite des DDA nachgelesen werden.

D. Singer

Waldohreule - MSiebner
Abb. 5: Die Art Waldohreule bekamen die drei Teams in Geismar
auf den Zettel. Foto: M. Siebner

May 21st, 2019

Die schönste Schwalbe zu Besuch -
nicht zum ersten Mal

Rötelschwalbe - VHesse
Abb. 1: Rötelschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: V. Hesse

Anfang April. Genauer gesagt der 3. April 2019. Ich bin auf der Suche nach meinem ersten Fitis der Saison. Auf meiner Fahrt durch die Feldmark Bovenden im Leinetal nördlich von Göttingen konnte ich bereits ein Pärchen Eisvögel am Graben entdecken, aber eigentlich hatte ich mir ein paar mehr Arten erhofft. Schafstelze, Fitis, Klappergrasmücke, Mehlschwalbe. All das hatte sich die letzten Tage bereits den anderen Vogelbeobachtern Göttingens gezeigt, nur heute vor mir wollten sie sich alle nicht offenbaren. Etwas resigniert erreichte ich die Kiesgrube bei Angerstein. Schon aus der Ferne fielen mir einige Schwalben auf, nicht viele, aber möglicherweise war ja nun doch noch die erste Mehlschwalbe darunter. Sie schienen meine bisher eher erfolglose Fahrt wieder gut machen zu wollen. In geringer Höhe jagten die Vögel über der Wasserfläche und der angrenzenden Feldmark und ließen sich dabei schön beobachten. Schnell waren einige Uferschwalben und auch die ersehnte Mehlschwalbe unter den etwa 50 anwesenden Tieren gefunden und bei mir machte sich Freude und etwas Erleichterung breit, den Weg nicht umsonst gefahren zu sein. Plötzlich weckt eine der Schwalben erneut meine Aufmerksamkeit. Sie ist noch nicht gut zu sehen, recht weit weg und in einem sehr spitzen Winkel zu mir und fliegt nun hinter den Weiden am Ufer entlang, aber irgendwas ist nicht normal an diesem Vogel. Ich behalte die Silhouette im Fernglas, gleich würde sie wieder vor den Bäumen auftauchen. Wenige Augenblicke später und die Schwalbe tut genau dies und sofort steigt die pure Freude und gleichzeitig Ungläubigkeit über das Gesehene in mir auf. Ich ging die Merkmale in meinem Kopf durch: Helle, rostfarbene Unterseite - passt! Kehle ebenso, nicht dunkel- passt! Unterschwanzdecke schwarz, scharf begrenzt zur restlichen Unterseite - passt! Und der Bürzel rostfarben und weiß - passt auch! RÖTELSCHWALBE!!! Ein absoluter Traumvogel für mich und dann auch noch selbst entdeckt. Der Hammer. Schnell wurde die Beobachtung über WA den anderen Göttinger Beobachtern mitgeteilt. Eine Kamera hatte ich nicht mitgenommen- ich wollte ja nur Fitisse suchen. Also hoffte ich, dass jemand rechtzeitig erscheinen würde um Belegbilder anzufertigen. Kurze Zeit später hatten sich zwei Ornis angemeldet, aber würden sie pünktlich erscheinen? Ich behielt die Schwalbe so gut es ging im Auge, was sich als recht schwierig herausstellte, denn der Trupp war recht aktiv und flog zwischen der Kiesgrube und der umliegenden Feldmark hin und her und verschwand immer wieder für einige Minuten. Der helle Himmel trug auch nicht zur Verbesserung der Beobachtungsumstände bei, aber es gelang mir doch immer wieder sie zwischen den anderen Schwalben zu entdecken und schön beobachten zu können. Endlich erschien Malte Georg als Erster vor Ort. Mit dem Fahrrad war er die 12 km zur Kiesgrube gesprintet, angetrieben von dem Wunsch den Vogel zu erblicken. Wir grüßten uns aus der Entfernung und ich zeigte nach oben, denn die Schwalbe kreiste direkt über ihm. Unglücklicherweise hatte ihn die Geißel moderner Telekommunikation fest in ihrer Gewalt. In der einen Hand das Handy haltend, versuchte er mit der anderen Hand das Fernglas auf die Schwalben zu richten- vergebens. Solch hübsche Vögel sind eitel und bestrafen jeden, der ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit zukommen lässt, und das musste Malte nun lernen. Ein Teil der Schwalben war mittlerweile in unterschiedliche Richtungen abgezogen und mit ihnen auch das Objekt der Begierde. Einige Zeit standen wir noch am Gewässer, inzwischen zu dritt, denn auch Steffen Böhner war mittlerweile eingetroffen, aber wir konnten die Schwalbe nicht mehr entdecken. So bleibe ich am Ende des Tages der einzige, der diesen wunderschönen Vogel sehen durfte. Doch die Hoffnung war noch nicht gestorben. Wir wollten es am nächsten Tag an der Northeimer Seenplatte versuchen, schließlich war es bereits recht spät geworden und Vögel im Frühjahr ziehen immer nach Norden: Also sollte sie morgen dort vorbeischauen. Um es kurz zu fassen, wir fanden sie dort nicht. Da es noch früh war, entschlossen wir uns noch am Kiessee in Göttingen vorbeizuschauen. Nur Malte konnte nicht mit, da sein Rad einen Platten hatte. Er verabschiedete sich in etwa mit den Worten: „ Viel Glück. Ihr dürft gerne alles an Seltenheiten entdecken, aber bitte nicht die Rötelschwalbe“, und wir trennten uns. So fuhren nur Béla Bartsch und ich in Richtung Südstadt. Wirklich daran glauben, die Schwalbe hier zu sehen, taten wir nicht, aber man weiß ja nie. Am See angekommen sahen wir einige Rauch- und Mehlschwalben über dem See jagen, jedoch nichts Spektakuläres. Also gingen wir weiter. An der SO-Ecke schauten wir erneut die etwa 150 anwesenden Schwalben durch und plötzlich meinte mein Mitbeobachter: „Da ist sie! Geil!“. Und tatsächlich flog der Vogel etwa 20 m vor uns niedrig über die Wasserfläche und jagte Insekten. Schnell war die Nachricht verbreitet. Und keine 15 Minuten später stand Malte schon hinter uns. Und auch Steffen war schnell vor Ort, sodass wir zu viert die Schwalbe auf geringe Entfernung sehr gut beobachten konnten.

Rötelschwalbe - MSiebner
Abb. 2: Rötelschwalbe im Mai 1997 am Seeburger See. Foto: M.Siebner

Während die Rötelschwalbe bei Angerstein im Kreis Northeim nur für etwa 40 Minuten von einem Beobachter gesehen werden konnte, war der Vogel am Kiessee deutlich besser und vor allem länger zu sehen. Um 11:20 Uhr am 4.April wurde er unter den anwesenden Schwalben entdeckt und hielt sich hier für drei Tage bis zum 6. April auf. Zuletzt wurde er an diesem Tag um 11:15 Uhr gesehen und zog dann mit zunehmend besser werdendem Wetter in Gesellschaft der anderen Schwalben ab. Noch außergewöhnlicher als der seltene Gast an sich ist der Umstand, dass er für solch eine lange Zeit in dem selben Gebiet verweilte. Typischer Weise bleiben meist die Entdecker auch die einzigen Glücklichen die diese Vogelart zu Gesicht bekommen, so wie es auch bei dem Angersteiner Vogel der Fall war. Anders die Göttinger Beobachtung. Mit 48-stündiger Anwesenheit stellte sie eine große Ausnahme dar. Bis 2010 gab es aus 82 Beobachtungen nur vier, bei denen die Tiere drei Tage oder länger vor Ort waren. Grund für die lange Rast am Kiessee dürfte das Wetter gewesen sein. Die Tage um die Monatswende März/April waren geprägt durch langanhaltend gutes Wetter mit Temperaturen deutlich über 10°C und beständigen Süd- bis Südwestwinden, welche vermutlich dazu führten, dass die Rötelschwalbe während des Heimzuges über ihr eigentliches südeuropäisches Brutgebiet hinausgeschossen war und sich hier den nordwärts ziehenden Schwalben angeschlossen hatte. Dieses Phänomen nennt sich Zugprolongation und hat Rötelschwalben schon bis nach Skandinavien geführt. Dieses Verhalten ist auch bei vielen weiteren, bei uns seltenen Arten, bekannt, wie etwa dem Alpensegler, der Weißbart-Grasmücke oder dem Rallenreiher. In der Nacht zum 4. April drehte dann der Wind auf Nord und die Temperaturen fielen merklich. Während solcher Schlechtwetterphasen kommt es dann häufig zu Zugstausituationen, in Folge deren manchmal große Ansammlungen von Schwalben über Gewässern entdeckt werden können, wo sie Insekten jagen und in der Ufervegetation rasten. Seltenere Arten werden dabei ebenfalls zur Rast gezwungen und sind schließlich für die Beobachter deutlich einfacher zu entdecken. Da sich die Zugbedingungen auch noch den gesamten Folgetag nicht besserten, war die Rötelschwalbe auch dort den gesamten 5. April zu sehen und zog erst am dritten Tag bei sich deutlich verbesserten Bedingungen ab. Wohl ebenfalls auf die Witterung der vorangegangenen Wochen ist das sehr frühe Erscheinungsdatum zurückzuführen. Normalerweise erreicht die Rötelschwalbe Deutschland zwischen Mitte April und Mitte Mai. Zwischen 1977 und 2010 gab es nur fünf Nachweise der Art die in die erste Aprildekade oder davor fallen. Aufgrund der oben genannten Südwindlage dürfte die Schwalbe sehr schnell, gleichsam in einem Lift, bis zu uns gelangt sein.
Unter Vorbehalt der Einstufung als ein oder zwei verschieden Individuen durch die Deutsche Avifaunistische Kommission, stellen sie den 6. bzw. 7. Nachweis der Art in Süd- Niedersachen dar, den zweiten für den Kreis Northeim und den fünften für Göttingen. Mit Blick auf die Rangliste der Datenbank ornitho.de erkennt man, dass Süd-Niedersachsen für die Rötelschwalbe das wichtigste „Rastgebiet“ bundesweit darzustellen scheint. Mit Ausnahme des Sonderfalls Helgoland hat keine Region in Deutschland auch nur annähernd so viele Beobachtungen vorzuweisen. 2003 und 2006 wurden sogar jeweils zwei Vögel zusammen gesehen. Dabei scheint der Göttinger Kiessee besonders attraktiv zu sein. Vier der neun beobachteten Tiere wurden hier entdeckt. In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende war die Rötelschwalbe ein fast jährlicher Gast im Bearbeitungsgebiet des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen. Zwischen 2002 und 2006 wurde sie vier Mal wahrgenommen. Danach folgte eine elfjährige Pause und erst im Mai 2017 konnte wieder eine am Seeburger See beobachtet werden. Und nun 2019 wieder. Die scheinbare Attraktivität beruht aber nicht auf irgendwelchen ökologischen Besonderheiten, sondern ist in erster Linie auf die hohe Beobachterdichte und -frequenz an einigen Feuchtgebieten zurückzuführen. Zudem wissen die regionalen Beobachter mittlerweile sehr gut, dass es sich lohnt bei schlechtem Wetter die rastenden Schwalben durchzumustern.
Der seltenen Gelegenheit, eine stationäre Rötelschwalbe auf die Artenliste zu bekommen entsprechend, war das Interesse heimischer und auswärtiger Beobachter sehr groß. Mindestens 30 Vogelfreunde konnten am Ende diese Art als gesehen für sich verbuchen. Neben bis zu drei länger präsenten Vögeln im Mai 2010 bei Münster dürfte die Göttinger Rötelschwalbe im April 2019 zu den in Deutschland am meisten fotografierten ihrer Art zählen. Viele Kameraakkus liefen heiß und viele SD-Karten wurden gefüllt, um auch ein eigenes Bild vorzeigen zu können, auch wenn auf diesem die Schwalbe bis zur Unkenntlichkeit verpixelt war. Am Mittag des 6. April endete der Spuk letztendlich mit dem Abzug der Art und es kehrte wieder Ruhe und Frieden an dem sonst so beschaulichen Gewässer ein.

Ole Henning

Literatur:
Kriegs, J.O., Bindrich, F. & H.H. Dörrie (2012): Das Auftreten der Rötelschwalbe Cecropis daurica in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2010: 58-63

Rötelschwalbe - MSiebner
Abb. 3: Rötelschwalbe am Kiessee in Göttingen. Foto: M.Siebner

May 3rd, 2019

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