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Seeanger: Naturschutzgebiet unter Druck?

Seeanger - VHesse
Abb. 1: Seeanger. Foto: V. Hesse

Bis ins 18. Jahrhundert existierte in der Senke zwischen Seeburg und Ebergötzen ein ca. 15 Hektar großes Gewässer: der Westersee. Zusammen mit dem Seeburger See und dem Luttersee (heute Lutteranger, 1989 wiedervernässt) bildete er ein Ensemble aus drei Feuchtgebieten. In der Folgezeit verlandete er. Übrig blieb ein Niedermoor, das bis weit ins 20. Jahrhundert entwässert und, bis auf kleine Reste, in Weide- und Ackerland verwandelt wurde.
Nach jahrelangen Vorarbeiten begann 2002/2003 die Renaturierung des Gebiets. Der Landkreis Göttingen hatte mit 105 Hektar einen Großteil der Flächen angekauft. Der Bachlauf der Aue, die seit jeher die Senke durchfließt, wurde streckenweise in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, Entwässerungsgräben verschlossen. An der tiefsten Stelle entstand schnell ein Gewässer, das zusammen mit dem benachbarten „Pfuhl“, der von einem weiteren Bach, der Retlake, gespeist wird, eine Einheit bildet.
Nach dieser Naturschutz-Großtat entwickelte sich der Seeanger schnell zum mit Abstand artenreichsten und wertvollsten Feuchtgebiet im Landkreis Göttingen. Besonders auf Vögel übt er - in einer Landschaft, die extrem arm an Feuchtgebieten mit Flachwasserzonen ist - eine magische Anziehungskraft aus. In manchen Frühjahren wimmelt es von Watvögeln (Limikolen), die auf dem Heimzug in ihre skandinavischen und nordasiatischen Brutgebiete rasten. Darunter befanden sich Ausnahmegäste wie Terekwasserläufer, Graubrust-Strandläufer, balzende Doppelschnepfen und andere Vögel, die auch versierte Vogelkundler zuvor nur dem Namen nach kannten. Als Rastgebiet für Limikolen im tiefen Binnenland kommt dem Seeanger mittlerweile eine niedersachsenweite Bedeutung zu. Vereinzelte Bruten und Brutversuche landes- und bundesweit hochbedrohter Arten wie Tüpfelsumpfhuhn, Knäkente und Bekassine unterstreichen die Bedeutung des Gebiets. Der Seeanger ist derzeit der einzige Brutplatz des Kiebitz’ und der Schnatterente im Landkreis Göttingen. Als neue Brutvogelarten haben sich Blaukehlchen und Schwarzkehlchen etabliert. Sumpfrohrsänger, Feldschwirl und Fitis (mit dem selten gewordenen Kuckuck als Brutparasit) sind Vogelarten mit überregional negativem Bestandtrend, die hier noch eine Heimstatt finden. Das Loblied ließe sich – gestützt auf knapp 50.000 Datensätze, die der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen in 15 Jahren zusammentragen konnte - noch über Seiten fortsetzen. Kurzum: Der Seeanger ist ein wahres Juwel in einer Landschaft, die weithin von der industriellen Landwirtschaft geprägt ist.

Heute ist der Seeanger ein Naturschutzgebiet (bis jetzt leider ohne entsprechende Hinweisschilder). Doch nicht nur das: Er war von Anfang an auch als Rückhaltebecken für Sedimente geplant, um die Aue und den Seeburger See, in den der Bach mündet, von nährstoffreichen Ablagerungen aus den umliegenden Ackerflächen zu entlasten. Mittlerweile erfüllen die wachsenden Röhrichtbestände an den Gewässerufern, die in diesem Sommer leider durch intensiven Viehverbiss gelitten haben, eine wichtige Filterfunktion. Auch im Hochwasserschutz spielt der Seeanger eine positive Rolle und hat in manchen Jahren die Einwohner von Seeburg, besonders die Anlieger der Aue, vor größeren Kalamitäten bewahrt.

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Abb. 2: Weißstorch: Hat sich nach der Wiedervernässung schnell angesiedelt.
Foto: V. Hesse

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte - sollte man meinen. Seit dem Frühjahr 2018 ist das Gebiet jedoch (wieder einmal) in den Fokus geraten. Vordergründig geht es um den Seeburger See, der schon seit langem von hohen Phosphat- und Nitrateinträgen gebeutelt wird. Die Kreistagsgruppe Linke/Piraten/Partei und ein fraktionsloser Abgeordneter haben das „Auge des Eichsfelds“ für sich entdeckt und Vorschläge entwickelt, wie ihm zu helfen sei. Neben sinnvollen, wenngleich leider ziemlich wirklichkeitsfremden Maßnahmen wie die Ausweitung des Naturschutzgebiets Seeburger See auf die angrenzenden Ackerflächen und deren Rückverwandlung in Grünland wird auch das Ausbaggern der dicken Sedimentschicht ins Gespräch gebracht. Darüber hinaus - und jetzt wird es interessant - soll in Zukunft weniger Wasser durch den Seeanger fließen, um die Aue und damit den Seeburger See zu entlasten. Dieses Ansinnen wird seit einiger Zeit von einem Seeburger Landwirt propagiert, der als Stichwortgeber für die auf diesem Themenfeld unerfahrenen Kommunalpolitiker gelten kann. Die Argumentation lautet etwa wie folgt: Weil sich das Wasser im Seeanger in den Sommermonaten erwärmt, führt dessen Zufluss über die Aue zur Erwärmung des Seeburger Sees, Algenblüte und Fischsterben sind die Folgen. Stimmt das? Aktuelle Messungen einer Arbeitsgruppe der Uni Göttingen um Dr. C. Heim haben ergeben, dass die Wassertemperatur der Aue vor ihrer Einmündung in den Messmonaten April bis Oktober immer um etliche Grade niedriger lag als die des Sees. Im März waren die Temperaturen mit jeweils ca. 10°C ungefähr gleich. Damit ist eine direkte Erwärmung, die zudem wegen der Größe des Sees nur sehr lokal wäre, nicht gegeben.
Das letzte nennenswerte Fischsterben im See fand 2006 statt, als mehr als 1000 Aale an einem spezifischen Herpesvirus verendeten. Mit der oben geschilderten (Schein-)Problematik hatte das nichts zu tun. Massensterben von Weißfischen in den Frühjahren bis 2013 kamen dadurch zustande, dass sich die Tiere in den flachen, zur Dekoration künstlich angelegten Gräben um das Restaurant „Graf Isang“ verirrten, nicht mehr hinausfanden und letztlich zu Tausenden an Sauerstoffmangel starben. Später konnte das Sackgassen-Problem behoben werden. Auch hier passt das Drehbuch nicht.

Auch die kurzzeitige Massenvermehrung von Cyanobakterien („Blaualgenblüte“), die 2018 zum Badeverbot führte, kann man dem Seeanger schwerlich anlasten. Sie erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem in diesem extremen Dürresommer kaum Wasser aus dem (weithin ausgetrockneten) Seeanger in den See gelangte. Blaualgen waren in Deutschland auch an etlichen anderen Gewässern ein Problem.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 3: Kiebitz. Brütet im Landkreis Göttingen nur noch im Seeanger.
Foto: M. Siebner

Das Gleiche betrifft den Sauerstoffgehalt: Er ist bereits am Badesteg des Sees erheblich höher als in der ca. 40 Meter entfernten Auemündung. Beispiel: Der Sauerstoffgehalt betrug im August 2017 nahe der Auemündung (gemessen in einiger Entfernung an der Brücke am Rundweg) magere 0,22 mg/l, während am Badesteg immerhin 10,45 mg/l ermittelt wurden. Der vermeintlich negative Einfluss des Seeangers auf Seetemperatur und Sauerstoffgehalt ist daher ein Trugbild, nichts weiter.
Ähnliches gilt auch für den Eintrag von Nitraten und Phosphaten aus dem Seeanger, der als einer der Hauptgründe für die ökologische Misere des Sees dargestellt wird. Zwar wird manchmal, vor allem nach Starkregenereignissen, vermehrt phosphatreiches Wasser aus Aue und Retlake in den See geleitet, doch ist diese Menge viel zu gering, um die Gesamtbelastung des Sees signifikant zu erhöhen. Zum einen ist die Aue nur einer von mehreren Zuflüssen von intensiv gedüngten Äckern, zum anderen ist der Wasserkörper des Sees für eine gravierende Belastung durch einen einzelnen Zufluss viel zu groß. Das konnte bereits 2006 auf einer Veranstaltung in Bernshausen von einem Experten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eindrucksvoll mit Messdaten belegt werden. Auf dem Seegrund lagert mittlerweile eine jahrzehntealte, meterdicke Sedimentschicht, die, besonders an der Bernshäuser Seite, faktisch biologisch tot ist. Wäre, könnte man ebenso hypothetisch zurückfragen, die Situation ohne den Seeanger, der weitaus mehr phosphathaltige Sedimente zurückhält als er in dem einen oder anderen feuchten Jahr zeitweise freigibt, möglicherweise noch schlechter?

Es liegt auf der Hand, dass (wieder einmal) der Seeanger die bewährte Funktion des Sündenbocks erfüllen soll. Doch damit nicht genug: Im Frühsommer 2018 schritten drei Personen aus dem oben genannten Spektrum zur Tat und nahmen in krasser Selbstermächtigung Manipulationen am zentralen Zulauf von der Aue in den Seeanger vor, um die Durchlaufmenge zu reduzieren. Mindestens ebenso skandalös wie diese kriminelle Aktion in einem Naturschutzgebiet ist das Verhalten des Landkreises, der bis dato weder Anzeige erstattet (die Namen der Leute sind bekannt!) noch die Manipulation rückgängig gemacht hat.

Es ist bezeichnend, dass in den Verlautbarungen der Seeretter im Zusammenhang mit dem Seeanger das Wort „Naturschutzgebiet“ niemals auftaucht. Zu einem Runden Tisch Ende September in Bernshausen wurden Naturschutzorganisationen und Fachgruppen wie unser Arbeitskreis gar nicht erst eingeladen. Ist das wirklich nur pure Ignoranz oder hat das Methode?

Blaukehlchen - MSiebner
Abb. 4: Blaukehlchen: Regelmäßiger Brutvogel im Seeanger.
Foto: M.Siebner

Wie auch immer: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger würde das Naturschutzgebiet und seine Schutzziele schwer beeinträchtigen. Die Gesetzeslage spricht da eine deutliche Sprache. In diesem Zusammenhang muss leider auch ein Bauprojekt Erwähnung finden, das der Landkreis demnächst in Auftrag geben will: Ein Weg im zentralen Bereich des Seeangers soll um einen halben Meter aufgeschüttet werden, damit Rinderhalter bequemer zu ihren Tieren gelangen können. Damit würde aus dem Weg, der in manchen Jahren stellenweise überflutet wird (aber für Trecker immer noch passierbar bleibt) ein Damm, der die Feuchtwiesen zerschneidet. Resultat wäre ein Trockenfallen weiterer Flächen. Trockene Flächen beherbergen mehr Mäuse als feuchte. Die Folge: Prädatoren werden angelockt, die zwischen einer Maus und einem jungen Kiebitz keinen Unterschied machen. Prädation ist ohnehin schon ein großes Problem für die ansässige Vogelwelt. So wichtig und unabdingbar die Beweidung zum Erhalt von Offenflächen ist: Hier soll den Partikularinteressen von Landwirten Vorrang gegenüber den Naturschutzzielen eingeräumt werden, wohlgemerkt auf Flächen, die dem Landkreis gehören und die im Rahmen des Vertragsnaturschutzes bewirtschaftet werden. Zudem ist von einer gesetzlich vorgeschriebenen Verbandsbeteiligung von Trägern öffentlicher Belange (zu denen auch Naturschützer zählen) an dem Bauvorhaben bis dato nichts zu hören.

Aus alldem ergibt sich: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger darf es nicht geben, erst recht nicht aus einer Motivation, die fragwürdig ist und sich letztlich einer rationalen Bewertung entzieht.
Unsere Forderung gewinnt auch vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass der Seeanger Teil eines FFH-Gebiets ist, für das ein Verschlechterungsverbot gilt. Auch hier dürfte die Rechtslage klar sein.

Für den Arbeitskreis Göttinger Ornithologen:
H. Dörrie
Prof. Dr. M. Göpfert
F. Helms
Dr. V. Hesse
K. Jünemann
S. Paul
Dr. M. Siebner

Seeanger - VHesse
Abb. 5: In fast allen Jahren immer gut mit Wasser gefüllter Seeanger.
Foto: V. Hesse

September 13th, 2018

Heimzug und Brutzeit 2018:
„Brüh’ im Lichte dieses Glückes!”

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 1: Meister Proper im Göttinger Süden. Silberreiher im Hochzeitskleid.
Foto: M. Siebner

Die eigenwillige Umdichtung der deutschen Nationalhymne, die eine leichte Muse aus Delmenhorst 2005 vor einem Fußballspiel versehentlich zu Gehör brachte („ich war so aufgeregt“), hat endlich Wirkung gezeigt: Im April, Mai und Juni 2018 gestaltete sich das Wetter so sonnig und warm wie noch nie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor ca. 150 Jahren. Können wir bald ein Klimaoptimum (heutzutage ein verpönter Begriff!) wie im Mittelalter genießen, mit Weinbau an den Hängen des Leinetals oder Ackerbau und Viehzucht auf Grönland wie zur Wikingerzeit? Fällt die nächste Eiszeit, die eigentlich nicht mehr fern sein sollte, etwa aus? Oder herrschen im kommenden Jahr wieder ganz andere Verhältnisse? Egal: Bis Ende Juni konnten in der Region schon knapp 30 Sommertage (mit Höchsttemperaturen von 25°C und mehr) verbucht werden. Von lokalen Starkregenereignissen war nur der Nordteil des Landkreises Northeim betroffen, die Altstadt von Bad Gandersheim soff gleich zweimal ab.
Davor jedoch gab es eine Neuauflage des berüchtigten „Märzwinters 2013“. Anders als in der Südhälfte der Republik fiel sie in unserer Region nicht so heftig aus wie vor fünf Jahren und machte besonders den heimziehenden Kiebitzen schwer zu schaffen: Am 11. März indizierten 5400 Ind. im Leinepolder Salzderhelden ein sehr gutes Rastvorkommen, alles schien sich im grünen Bereich zu bewegen. Drei Tage später drehte der Wind auf Nordost und die Temperaturen fielen dramatisch ins Minus. Eine knappe Woche lang malträtierten Frost und eisige Sturmböen die bedauernswerten Vögel. Weil die güllesatten Äcker weder Schutz noch Nahrung boten, kämpften sie an Straßenrändern, in Gräben, auf Verkehrsinseln und in Vorgärten ums Überleben, einmal sogar zwischen Wohnblocks an der Göttinger Geismar Landstraße. Zumeist waren es kleinere Trupps von weniger als 20 Vögeln. Wie viele umgekommen sind bleibt offen. Die Handvoll Totfunde dürfte nur einen Bruchteil der realen Verluste angezeigt haben. In der letzten Märzdekade normalisierten sich die Verhältnisse und der Heimzug nach Osten kam wieder in Gang.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 2: Kiebitz auf einer Verkehrsinsel am Ortseingang Rosdorf. Foto: M. Siebner

Neben den Kiebitzen waren es vor allem Heidelerchen, deren Heimzug jäh ins Stocken geriet. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten sich vom 17. bis 21. März bis zu 85 von ihnen.
Der Heimzug verlief insgesamt eher schleppend und individuenarm. Besonders auffällig war dies beim Gartenrotschwanz: Viele Reviere wurden erst Ende April besetzt, einige gar nicht. Ähnlich verhalten trat die Wiesenschafstelze in Erscheinung: Die maximalen Tagessummen von 20 Ind. in der Leineniederung bei Northeim und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben wurden nirgendwo übertroffen. Im Seeanger, wo optimale Rastbedingungen herrschten, gaben sich ganze 15 Ind. ein maximales Stelldichein. Ob es sich dabei nur um regionale Phänomene gehandelt hat muss offen bleiben. Einen Erklärungsansatz für den (bei einigen Arten vielleicht nur scheinbar) stotternden Heimzug lieferte die Großwetterlage im Südwesten Europas: Sie wurde von zählebigen Tiefdruckgebieten dominiert und hinderte die Vögel vermutlich am schnellen Weiterkommen. Hatten sie die ungastlichen Gefilde erst einmal hinter sich gelassen, sind sie vielleicht, bei durchweg „schönem Wetter“ hierzulande, schnell, zielstrebig und weithin unsichtbar in ihre Brutgebiete geflogen.
Vom Kuckuck (14. April) und vom Braunkehlchen (9. April) lagen wiederum recht frühe Erstbeobachtungen vor, wobei anzumerken ist, dass sich jeweils weitere Artgenossen in den Folgetagen bemerkbar machten. Dies betrifft auch die Nachtigall (9. April), bei der sich die frühere Ankunft immer mehr verstetigt.

Nachtigall - MGöpfert
Abb. 3: Nachtigall. Foto: M. Göpfert

Gleich zwei Erstbeobachtungen der Gartengrasmücke erfolgten, aus regionaler Sicht singulär früh, bereits am 15. April. Die erste Dorngrasmücke geriet, ganz regulär, zwei Tage später in den Blick. Garten- vor Dorngrasmücke: Das hat es bei uns noch nie gegeben.

Im Landkreis Northeim schritten drei Paare des Höckerschwans zur Brut, am Böllestau bei Hollenstedt, an den Northeimer Kiesteichen und an den „Wunderteichen“ südlich der A7. Die Paare an den „Wunderteichen“ und am Böllestau blieben erfolglos, während das Paar an den Kiesteichen sich mit vier Jungen (später nur noch zwei) reproduzieren konnte. In Göttingen waren die traditionellen Paare im Levin-Park (acht Junge, davon vier immutabilis), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (neun Junge) und am Kiessee (fünf Junge, später nur noch drei, die mit den Eltern auf die Leine auswichen) erfolgreich. An der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden gab es drei Junge. Am Wendebachstau bei Reinhausen schlüpften aus einer Spätbrut fünf Junge, davon vier immutabilis.
Ein Singschwan legte am 2. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre Hollenstedt eine kurze Rast ein.

Am 3. und 24. März lieferten zwei Kanadagänse an der Kiesgrube Ballertasche die ersten Lokalnachweise seit 1987. Am Seeanger und in der Leineniederung nördlich von Northeim trieben sich beständig ein bis drei Vögel umher. Maximal sieben Ind. gerieten am 26. April im Leinepolder und am 29. Mai an der Geschiebesperre ins Visier. Zu Bruten oder Brutversuchen ist es, anders als im Vorjahr (erfolgreiches Paar am Lutteranger), zum allgemeinen Bedauern wohl nicht gekommen.
Am 14. und 15. März hielt sich eine kleinere Kanadagans am Göttinger Kiessee und der Kiesgrube Reinshof auf, die vermutlich der Unterart parvipes angehörte. Diese Unterart wird gern in Gefangenschaft gehalten. Ein phänotypisch ähnlicher Vogel wurde im Frühjahr 2000 am Seeburger See gesehen.

Kanadagans - M.Siebner
Abb. 4: Kanadagans (vermutlich Unterart parvipes). Foto: M. Siebner

Einzelvögel der Weißwangengans traten im gesamten Berichtszeitraum auf, Anfang März an der Kiesgrube Reinshof, später in der Leineniederung nördlich Northeim.
Anfang März rasteten noch bis zu 2500 Tundrasaatgänse an der Geschiebesperre. Nach dem 25. des Monats waren die letzten verschwunden.
Blässgänse waren im März mit bis zu 1600 Ind. in der Leineniederung wie üblich etwas schwächer vertreten als Saatgänse. Der aus dem Vorbericht bekannte, 2011 in Noord-Brabant/Niederlande markierte Vogel (schwarzer Halsring 5VA) konnte am 4. und 11. März am Seeburger See bzw. Seeanger erneut abgelesen werden. Die letzte Blässgans des Frühjahrs stammt vom 23. April.
Die Brutpopulation der Graugans erlebte in der Leineniederung nördlich von Northeim ein ziemliches Desaster, dessen Ursachen (Beeinträchtigung durch den „Märzwinter“, Prädation, gezielte Verfolgung?) offen bleiben. Im Leinepolder Salzderhelden hatte ein Paar Schlupferfolg (vier Junge), am Böllestau bei Hollenstedt eines von zwei Paaren (ein Jungvogel), an der Geschiebesperre Hollenstedt zwei bis drei Paare (insgesamt sieben bis neun Junge) und am Freizeitsee eines (fünf Junge). Der Erfolg von ein bis zwei Paaren an den Northeimer Kiesteichen blieb ungewiss. Wie viele der geschlüpften Küken die Selbständigkeit erreichten ist ebenfalls unklar. Sieben Paare mit Schlupferfolg zeigten nur ein Fünftel bis Sechstel des Bestands der letzten Jahre an.
In Göttingen lief es besser: Am Kiessee hatten 17 Paare Schlupferfolg. Später führten 13 Paare um die 37 Jungvögel, mit guten Chancen zur Selbständigkeit.
Der Levin-Park erwies sich heuer als „Land des Friedens“, an dem nicht nur religiöse Sektierer ihre helle Freude gehabt hätten: Weil sich die Attacken des Höckerschwan-Erpels (wollte man ihm einen Namen verpassen, wäre „Clemens“ eine Option) weithin in Grenzen hielten, brachten zwei Paare zwei bzw. vier Kleine zum Ausfliegen. Das gab es noch nie.
Eine Brut auf dem Stadtfriedhof wurde, wie so oft, aufgegeben.
An der Kiesgrube Ballertasche brüteten fünf Paare. Offenbar hatte nur eines von ihnen Schlupferfolg. Von den fünf Gösseln waren vier später verschwunden. An der Sandgrube Meensen gab es ein Paar mit drei Jungen, die bald darauf nicht mehr aufzufinden waren. Am Wendebachstau bei Reinhausen waren mindestens vier Paare mit Erfolg (insgesamt 14 Kleine) gesegnet.
Am Seeburger See führten vier bis fünf Paare Junge (insgesamt zwölf bis 15, darunter drei aus einer späten Brut im Juni), am Seeanger (wieder) nur eines (drei Kleine). Am winzigen Teich in Bodensee brüteten wie üblich zwei Paare hintereinander, d.h. das zweite Paar legte los, wenn das erste mit seinem Nachwuchs abgewandert war.

Bis dato gibt es acht erfolgreiche Bruten der Nilgans zu vermelden: Am Göttinger Levin-Park mit sechs flügge gewordenen Jungen, an der Rhume bei Bilshausen (zwei Junge Ende April, die offenbar später nicht mehr auszumachen waren), an der Sandgrube Meensen (neun Kleine), am Böllestau bei Hollenstedt (acht), an der Geschiebesperre (sieben), nahe der Staumauer in Salzderhelden (neun), im Seeanger (zwei) und auf der Werra bei Hedemünden an der Außengrenze unserer Zivilisation (neun). In Fredelsloh stritt sich eine Nilgans mit Turmfalken und Dohlen um das Turmloch der Klosterkirche. Fortsetzung folgt…

Höckerschwan - MSiebner
Abb. 5: Höckerschwan im Levin-Park, mit kleinen Nilgänsen im Visier.
Foto: M. Siebner

Brandgänse erreichten am 25. Juni mit vier Ind. an der Geschiebesperre ihr Maximum.
Im April schmückten zwei Rostgänse den Leinepolder. Ebenfalls zu zweit waren Artgenossen, die am 27. Juni über die Einbecker Altstadt flogen.

Am Seeanger führte ein Weibchen der Schnatterente zum Sommerbeginn sieben Junge. Damit liegt für dieses Gebiet (und den Landkreis Göttingen) der zweite Brutnachweis in Folge vor.
Überwinternde Pfeifenten waren bis Ende März an der Rhume bei Northeim und im Leinepolder mit bis zu 600 Ind. noch gut vertreten. Der positive Trend seit ca. 20 Jahren ist bemerkenswert, zumal für einen Rastplatz im tiefen Binnenland.
Heimziehende Schwimmenten zeigten ein durchweg schwaches Vorkommen an, mit einer Ausnahme: Am 16. April bedeckten 129 Löffelenten die kleine Kiesgrube Reinshof - ein Lokalrekord der Extraklasse. Ansonsten bewegten sich auch bei dieser Art die Maximalzahlen im zweistelligen Bereich.
Am 17. und 18. März glänzte am Northeimer Freizeitsee ein schmuckes Männchen der Kolbenente samt schlichtem Gespons.

Die weibliche Bergente vom Freizeitsee hielt es bis zum 25. März dort aus. Ein Weibchen vom 23. April an der Geschiebesperre dürfte ein anderer Vogel gewesen sein.

Ein bis zwei ausgesetzte Fasane vegetieren in der Feldmark Gieboldehausen und in der Rhumeaue als Flintenfutter vor sich hin.
Das Ergebnis der diesjährigen Kartierung von Rebhühnern an 90 Transekten im Göttinger Ostkreis fiel mit 170 Vögeln gegenüber dem Vorjahr (218 Ind.) mäßig aus. Die Brutsaison 2017 war durch eine hohe Kükenmortalität im Juli gekennzeichnet (drei Tage Dauerregen). Gleichwohl bewegte sich der Rückgang (noch) im Rahmen normaler Schwankungen. Zudem können die verschiedenen Teilpopulationen unterschiedliche Trends aufweisen. So legte die Diemardener Population, die im letzten Jahr stark zurückgegangen war, trotz der Schlechtwetterphase im Juli wieder etwas zu.

Die bis zu drei am Northeimer Freizeitsee überwinternden Rothalstaucher waren (wohl) bis Ende März präsent. Die nahezu komplette Vereisung des Gewässers Anfang März ignorierten sie souverän. Am Seeburger See hielten sich vom 23. März bis zum 30. April beständig ein bis zwei Ind. auf (immer dieselben?). Von Mitte bis Ende April traten am Freizeitsee und an den Northeimer Kiesteichen Einzelvögel in Erscheinung. Den Reigen beschlossen ein bis zwei Ind. im Brutkleid vom 11. bis 13. Mai an den Northeimer Kiesteichen.

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Abb. 6: Rothalstaucher auf dem Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Am 23. März schmückten zwei Ohrentaucher den Seeburger See. Ihnen folgte am 26. und 27. April ein Einzelvogel ebenda, der sich am Rand eines kleinen Trupps von fünf Schwarzhalstauchern aufhielt. Die letztgenannte Art erreichte dort am 7. April mit 15 Ind. ihr Maximum. Über das Brutgeschäft der anderen Lappentaucher wird im Folgebericht Auskunft gegeben.

Ein Silberreiher mit Schmuckfedern posierte im März über Wochen im Landwehrgraben am südlichen Göttinger Stadtrand (vgl. Abb. 1). Ähnlich gewandet waren im März/Anfang April auch bis zu vier Vögel am Seeanger und Seeburger See. Dem Modesta-Typ (rote Beine, schwarzer Schnabel) zugeordnet wurde jedoch nur ein Ind. am 10. Mai in der Leineniederung nördlich von Northeim. Maximal 82 Ind. hielten sich am 14. April im Leinepolder auf, ansonsten lagen die Zahlen weit darunter und bestätigten das insgesamt schwache Auftreten in den vergangenen Monaten.
Die Kolonie der Graureiher in zwei Hybridpappeln am Göttinger Kiessee umfasste in diesem Frühjahr zehn Paare (im Vorjahr zwölf). Knapp 30 Jungvögel dürften flügge geworden sein.
Ein Seidenreiher stattete der Geschiebesperre Hollenstedt am 23. Mai einen kurzen Besuch ab.

Die Expansion brütender Weißstörche im und um den Leinepolder ist in diesem Frühjahr ins Stocken geraten: Brutversuche auf Nisthilfen in Hohnstedt und am Ortsrand von Salzderhelden scheiterten. Das traditionelle Paar am Seeanger schritt nicht zur Brut. Sein Nest war in den vergangenen Jahren mächtig gewachsen, sogar mit einem Bäumchen als Untermieter. Weil der Landkreis Göttingen den Absturz befürchtete, wurde eine Fachkraft mit der Verkleinerung beauftragt. Diese fiel jedoch - man kennt das ja von anderen „Pflegemaßnahmen“ durch Grobmotoriker - so radikal aus, dass bis auf die Plattform von dem Nest kaum noch etwas zu sehen war. Zudem fand die Aktion zum Beginn der Brutzeit statt. Das war den Vögeln denn doch zuviel…

Storchennest - MSiebner
Abb. 7: Rasiert statt saniert: Weißstorchnest am Seeanger. Foto: M. Siebner

Für die Brutstörche ist 2018 wohl ein schlechtes Jahr. Trockenheit und Mäusemangel forderten ihren Tribut. Es liegen Berichte von aus dem Nest geworfenen Jungvögeln vor. In Hevensen/Wolbrechtshausen überlebte ein Jungvogel (von vier) den Rauswurf schwer verletzt und wird in einer Pflegestation im Eichsfeld aufgepäppelt. In Gieboldehausen wurde ein schwaches Küken kurzerhand von einem Altvogel verspeist.

Drei Winterbeobachtungen der Kornweihe stehen neun Heimzugbeobachtungen gegenüber. Sie waren weit über die Region verteilt und betrafen, mit Ausnahme von zwei Ind. in der Rhumeaue bei Bilshausen am 19. März, Einzelvögel. Bis auf zwei Männchen handelte es sich um Weibchen oder immature Vögel.
Eine weibliche Wiesenweihe krönte während des Birdrace am 5. Mai eine kleine Exkursion an den Lutteranger. Weibchenfarben und entsprechend knifflig zu bestimmen war eine Steppen- oder Wiesenweihe am 10. Mai über der Feldmark Reinshof.
Am 31. März und 2. April mischte ein junger Seeadler den Leinepolder auf.

Schlichte Merline wurden am 14. April im Leinepolder und am 28. April im Seeanger notiert.
Weibliche Rotfußfalken ließen sich am 10. Mai in der Feldmark Reinshof und am 12. Mai an der Geschiebesperre bestaunen (und fotografieren).
Am beliebten Junikäfer-Buffet auf der Drachenwiese in Gö.-Treuenhagen fanden sich ab Mitte des namensgebenden Monats der Tierchen in der Dämmerung bis zu sechs Baumfalken ein. Wie immer ein tolles Spektakel, obwohl es weniger Käfer gab als in den Vorjahren.

Junikäfer - MSiebner
Abb. 8: Mmmmhh, lecker: Junikäfer als Baumfalken-Snack. Foto: M. Siebner

Mit einer Neuansiedlung im Norden der Stadt ist die Göttinger Wanderfalken-Population auf drei Paare angewachsen. Mindestens fünf Jungfalken erreichten die Flugfähigkeit. Näheres kann an dieser Stelle leider nicht (mehr) mitgeteilt werden, weil die Verfolgung durch ebenso vernagelte wie skrupellose Reisetaubenzüchter stark zugenommen hat. Diese kriminellen Vogelfreunde der ganz speziellen Art arbeiten mit vergifteten/imprägnierten Tauben, die noch eine Weile fliegen können („Kamikaze-Tauben“). Beliebt sind auch kleine Metallhaken im Fleisch der Köder, die, wenn sie von den Falken verschluckt werden, für deren elenden Tod sorgen. In Westdeutschland, aber auch im benachbarten Thüringer Eichsfeld wurden so schon etliche Familien ausgelöscht. Dass unsere Falken scheinbar sicher im Siedlungsbereich brüten, schützt sie nicht unbedingt, weil sie in der Regel im Offenland auf die Jagd gehen.
Aus dem Landkreis Northeim wurde eine Brut in einem Strommast bekannt. Weil sie recht spät und von möglicherweise unerfahrenen Vögeln in Angriff genommen wurde, scheiterte sie. Eine kleine Sensation ist, dass die Brut nicht einem Nistkasten, sondern in einem Corvidennest stattfand. So etwas gab es seit der Wiederbesiedlung Niedersachsens vor ca. 30 Jahren (mit in Hessen ausgewilderten Vögeln) wohl noch nie. Das Brüten in Nestern von anderen Vornutzern ist typisch für Baumbrüter. Baumbrüter sind aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für den Norden und Nordosten des heutigen Bundeslands belegt. In Brandenburg zeigt ein Projekt zum Wiederaufbau einer Baumbrüterpopulation erste Erfolge. Dagegen sind Baumfalken, die Krähennester in Strommasten zum Brüten nutzen, in unserer Region so ungewöhnlich nicht. Es gab sogar Nistplätze, die über Jahre genutzt wurden. Wie es heute damit aussieht, weiß leider keiner…

Der Heimzug des Kranichs plätscherte, mit höchsten (sichtbaren) Tagessummen von um die 1000 Ind., in der ersten Märzdekade vor sich hin. Die größte Zahl wurde am 7. März im Leinepolder mit ca. 1350 Rastvögeln registriert. Ein Jungvogel im 2. Kalenderjahr mit Beinverletzung konnte sich im Seeanger bis (mindestens) zum 3. Juni regenerieren.
Wachtelkönige waren nur sehr spärlich vertreten: Im Leinepolder riefen bis zu drei Männchen, Einzelvögel in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen (im Mai) und am 17. Juni an der Retlake nahe dem Seeanger. Nachweise aus dem Seeanger und Umgebung sind eine Rarität.
Am 22. April drückte sich ein Tüpfelsumpfhuhn am Schilfrand des Seeangers herum. Am 28. des Monats sangen im Leinepolder mindestens zwei Männchen. Am 12. Mai taten es ihnen ebenfalls zwei Männchen in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau nach.

Am 9. April beehrte ein Austernfischer die Geschiebesperre mit einer Stippvisite.

Austernfischer - WVogeley
Abb. 9: Austernfischer. Wichtigstes Bestimmungsmerkmal: Kleiner als Schwarzstorch. Foto: W. Vogeley

Goldregenpfeifer traten im kleinen „Märzwinter“ nicht in überdurchschnittlich hoher Zahl auf. Die Maximalzahlen lagen bei 67 Ind. am 7. März im Leinepolder und 56 Ind. am 15. März in der Feldmark Gö.-Geismar. Ein Vogel am 19. März an der Weser bei Hann. Münden war erst der zweite Nachweis für den Altkreis. Der erste stammt aus dem Jahr 1969!
Erfolgreiche Bruten (Schlupferfolg) des Kiebitz’ fanden wie in den Vorjahren nur an der Geschiebesperre (mindestens drei Paare) und am Seeanger (ebenfalls mindestens drei Paare) statt. An der Geschiebesperre erreichten drei Jungvögel aus zwei Bruten die Selbständigkeit, am Seeanger wohl nur einer. Wegen der oftmals ungünstigen Beobachtungsbedingungen und der Tarnung der Jungvögel in der aufwachsenden Vegetation könnten es (vielleicht und hoffentlich) auch mehr gewesen sein. Ob die Brut an einer Vernässungsstelle gegenüber der Geschiebesperre (nahe der Schäferei) erfolgreich verlief muss offen bleiben. Immerhin scheint der „Märzwinter“ den regionalen Brutbestand nicht beeinträchtigt zu haben.
Von ca. zwölf brutwilligen Paaren des Flussregenpfeifers an den Abbaugewässern der Region sind offenkundig nur drei mit Schlupferfolg dokumentiert: An der Geschiebesperre (vier Jungvögel aus zwei Bruten) und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (zwei Kleine). Über den Ausgang einer Brut (Gelegefund) an der Sandgrube Meensen lagen keine weiteren Informationen vor. Ob überhaupt ein Jungvogel die Selbständigkeit erreichte ist fraglich. Prädatoren und Freizeitrummel sind die schlimmsten Feinde des Flussregenpfeifers. Seine Zukunft verdüstert sich immer mehr.
Vom Sandregenpfeifer, der in typisch niedrigen Tagessummen von maximal vier Ind. auftrat, ist ein aus dem Rahmen fallender Nachweis vom 25. Juni an der Geschiebesperre eine besondere Erwähnung wert. Zuvor waren dort am 2. und 3. Juni ein bis zwei Ind. präsent, die wohl noch dem späten Heimzug zugerechnet werden konnten.

Einzelne Regenbrachvögel standen am 15. April an der Geschiebesperre und im Polder (vermutlich derselbe Vogel) und am 7. Mai im Seeanger.
Ihr Großer Vetter war in der Leineniederung und am Seeanger mit vier Beobachtungen von Einzelvögeln vertreten, zu zweit am 1. April über der Geschiebesperre und am 15. April im Leinepolder.
Uferschnepfen traten ebenfalls als Einzelvögel in Erscheinung: Vom 25. bis 27. März im Seeanger, am 19. und 22. April ebenda (mit kurzer Luftbalzeinlage) und am 29. April im Luftraum über der Geschiebesperre.
Sieben Pfuhlschnepfen (teils noch im Winterkleid, teils ins Brutkleid mausernd) am 25. April im Seeanger sind nicht annähernd so viele wie der legendäre Trupp von 80 Vögeln (kein Tippfehler!), der am 9. September 2010 bei gruseligem Wetter über dem Seeburger See auf der Suche nach einem Rastplatz umherflog. Gleichwohl signalisierten sie die zweitgrößte Anzahl in unserer Region.

Pfulschnepfen - VHesse
Abb. 10: Belegfoto der Pfuhlschnepfen im Seeanger. Foto: V. Hesse

Von der Waldschnepfe gab es 28 Beobachtungen. Im Kaufunger Wald (Hann. Münden/Lutterberg) konnte die Anzahl besetzter „Reviere“ wieder auf ca. fünf beziffert werden. Am 30. März zeigte ein schon länger toter Vogel in der Göttinger Südstadt Kalamitäten an, von denen Waldschnepfen auf dem Zug besonders betroffen sind (Scheibenanflüge, Kollision mit Fassaden, Verkehrsopfer usw.). In der Fotogalerie von ornitho gibt es wieder eine Vielzahl von Ablichtungen toter Vögel, auch und gerade aus dem Siedlungsbereich.
Am 5. März feierten elf (!) Zwergschnepfen in einem winzigen Feuchtgebiet am westlichen Stadtrand einen Göttinger Allzeitrekord.
Im Leinepolder balzte am 17. Mai mindestens eine Bekassine. Der kurze Meckerflug eines Männchens am 29. April im Seeanger blieb ohne weitere Konsequenzen. Ansonsten war die Art auf dem Heimzug nur schwach vertreten, in der Regel in einstelliger bis niedriger zweistelliger Zahl. 72 Ind. am 22. März im Leinepolder waren die große Ausnahme.

Limikolen der Gattung Tringa waren eher durchschnittlich präsent: Dunkle Wasserläufer erreichten am 26. April im Seeanger mit 15 Ind. ihr Maximum, Rotschenkel am 26. April mit vier Ind. ebenda, Grünschenkel mit, immerhin, 26 Ind. am 23. April, Waldwasserläufer am 3. April mit mindestens 40 Vertretern im Leinepolder und Bruchwasserläufer am 6. Mai an der oben genannten Vernässungsstelle bei der Schäferei in der Leineniederung mit 105 Ind. Am Seeanger bewegten sich die Maximalzahlen durchweg im mittleren zweistelligen Bereich (68 Ind. am 6. Mai).
Beim Kampfläufer lag wieder der Seeanger mit 40 Ind. (darunter auch Schönlinge mit barocker Federpracht á la Louis Quatorze) am 25. April vorn.

Ein Sumpfläufer erregte am 15. und 16. Mai im Seeanger einiges Aufsehen. Mausert sich das Gebiet zum Binnenland-Hotspot für diese hochgeschätzte Limikolenart? Seit 2014 liegt schon die zweite Beobachtung vor, zwei weitere aus den Jahren 2015 und 2016 sind bei der Avifaunistischen Kommission Niedersachsen/Bremen anhängig.
Von den Calidris-Limikolen sind ein Zwergstrandläufer am 5. Juni und, recht bemerkenswert, zwölf Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre und neun an der Vernässungsstelle gegenüber am 13. Mai erwähnenswert (vielleicht identisch).

Temminckstrandläufer - MSiebner
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Der einzige Sichelstrandläufer (auf dem Heimzug ohnehin eher selten) stammte vom 28. April aus dem Seeanger.
Mehr als zwei Alpenstrandläufer wurden an einem Tag in keinem Gebiet gesehen.

Maximal 16 Zwergmöwen zeigten am 23. April am Seeburger See ein insgesamt eher schwaches Auftreten an.
Einzelpaare der Lachmöwe schritten im Seeanger und Lutteranger zur Brut, vermutlich erfolglos. Ein Vogel, der am 21. März mit 110 Artgenossen auf dem vereisten Göttinger Kiessee stand, stammte aus Polen. Er trug einen weißen Farbring mit dem Code „T2TW“, der ihm am 10. Juni 2011 als Nestling im Zentrum des Landes verpasst worden war.
Von der Schwarzkopfmöwe gab es zehn Beobachtungen von mind. elf Ind. in allen für das Frühjahr typischen Altersklassen, eingeschlossen einen irritierenden Vogel nahe der Schäferei vom 10. Mai, der vom ersten Winterkleid ins erste Sommerkleid ummauserte.
Eine alte Großmöwe wurde am 20. April an den Northeimer Kiesteichen als Silbermöwe bestimmt.
Sicher ansprechbar war eine vorjährige Mittelmeermöwe am 6. und 7. Mai am Seeburger See und Seeanger. Sie trug einen roten Farbring mit der Kombination „62T“, der ihr am 13. Mai 2017 als Nestling an der Donau im Kreis Straubing (Bayern) angelegt worden war. Darüber hinaus lagen Beobachtungen vom 30. April am Northeimer Freizeitsee (vorjähriger Vogel), am 8. Mai am Göttinger Flüthewehr sowie vom 12. und 15. Mai an der Geschiebesperre (zu zweit, im 3. bzw. 4. Kalenderjahr) vor.
Von der Steppenmöwe, die sich aus regionaler Sicht zur „häufigsten“ Großmöwenart gemausert hat, gab es vom 2. März bis 15. Juni beachtliche 22 Beobachtungen von (wohl) 22 verschiedenen Ind. Ob sie durchweg kussecht waren, sei angesichts der notorischen Hybridproblematik dahingestellt…
Eine alte Heringsmöwe ließ sich am 3. Mai an der Geschiebesperre gut bestimmen, wenngleich, in weiser Beschränkung, nicht auf Unterartniveau.

Am 8. Mai schmückte eine Weißflügel-Seeschwalbe die Geschiebesperre, als einziger Vertreter der seltenen Seeschwalben in dieser Saison.
Am 1. Mai zeigten 30 Trauerseeschwalben am Seeburger See ihr saisonales Maximum.

Trauerseeschwalbe - MSiebner
Abb. 12: Trauerseeschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Flussseeschwalben machten sich im Zeitraum vom 23. Mai bis 21. Juni mit insgesamt vier Ind. am Seeburger See und am Northeimer Freizeitsee eher rar.
Gleichhäufig waren Küstenseeschwalben am Seeburger See zu Gast: Am 24. April (zwei Ind.), am 27. April und am 15. Mai.

Von der Turteltaube lagen, immerhin, elf Beobachtungen vor, zumeist von heimziehenden Vögeln. Interessant waren Hinweise auf eine Revierbesetzung in Sievershausen (Sollingvorland), wo dreimal ein singendes Männchen vernommen wurde. Dies betraf auch ein singendes Männchen am 16. Juni auf einer Windwurffläche im Gillersheimer Forst. Nahe Eberhausen, wo sich im Mai letzten Jahres ein balzender Vogel in einem Feldgehölz aufgehalten hatte, machte sich wiederum ein Männchen bemerkbar, allerdings erst Ende Juni am Dorfrand zur Zeit der Kirschernte. Der Brutplatz auf der Windwurffläche bei Ellershausen scheint wohl endgültig verwaist zu sein. Gehölzsukzession und Verdichtung der Bodenvegetation haben das Gebiet für die Art vollends entwertet. Im zweiten Frühjahr in Folge ließ sich kein Vogel mehr blicken.

Unsere heimischen Eulenarten zeichneten in dieser Brutsaison ein düsteres Bild: Von der Schleiereule gab es keine Beobachtung. Das ist jedoch nicht weiter verwunderlich, weil dieser Art schon seit langem keine Beachtung mehr geschenkt wird.
Raufußkauz: Fehlanzeige.
Sperlingskauz: Im Hochsolling konnte nur ein singendes Männchen in einem altbekannten Revier bestätigt werden. Eine Suche nach weiteren Männchen wäre vielleicht sinnvoller gewesen als das Anfahren und Abhaken dieses Vogels auf der Jahresliste.
Waldohreule: Kein Brutnachweis, obwohl der Göttinger Süden mehrfach darauf kontrolliert wurde.
Dagegen geriet die Sumpfohreule gleich dreimal vor die Optik: am 7. April am Northeimer Freizeitsee, am 5. Mai am Seeburger See und am 21. Juni (!) ebenda.
Die einzigen Jungeulen wurden aus dem Göttinger Ostviertel nahe dem Nikolausberger Weg bekannt: Dort konnte sich das unverwüstliche Waldkauz-Paar mit ein bis zwei Jungen reproduzieren. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof ist immer noch ein Männchen präsent. Ob ihm die drei Nistkästen, die der NABU dort (überflüssigerweise) angebracht hat, bei der Verpaarung helfen, darf bezweifelt werden.
Für das kommende Jahr gilt (hoffentlich) die alte Eulenweisheit „Kommt Zeit, kommt Maus“…

Bienenfresser machten sich ungewohnt zahlreich bemerkbar, allerdings nicht auf Augenhöhe: Am 19. Mai flogen 14 Ind. über Gö.-Geismar (Einstellung des Regionalrekords vom Mai 2014 bei Einbeck), einen Tag später mindestens drei Vögel im Luftraum über einem belegten Liegestuhl in Diemarden und am 21. Mai drei Vögel über dem Göttinger Ostviertel. Macht zusammen mindestens 20 Bienenfresser an drei Folgetagen. Das kann man fast schon Massenzug nennen…

Der Wiedehopf konnte seinen Status als jährlicher Heimzuggast zementieren. Einzelvögel rasteten am 9. April in Gö.-Weende (Hausgarten am Kellnerweg), am 11. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre (vielleicht derselbe) und am 17. April südlich Waake und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben.

Wiedehopf - MGeorg
Abb. 13: Wiedehopf in Weende. Foto: M. Georg

Anfang Juli zeigte sich im Leinepolder ein Wendehals an einer (Brut-)Höhle. Unverhofft kommt bei dieser Art nicht gerade oft…
Vögel mit längerer Verweildauer konnten im Göttinger Raum nur in Weende/Nikolausberg (Bärenberg, Fassberg und Forstbotanischer Garten) dokumentiert werden. Duettgesang und heimliche Vögel im Juni legten starken Brutverdacht von ein bis zwei Paaren nahe. Auf dem Kerstlingeröder Feld trat die Art nur unregelmäßig in Erscheinung, leider schon das zweite Jahr in Folge.

Der einzige Pirol der Saison ließ sich am 21. Mai in einem Hausgarten in Ebergötzen ausmachen.

Neuntöter trafen in diesem Jahr in Deutschland ungewöhnlich früh und in guter Zahl ein. Die zeitige Ankunft dieses Ostziehers wird auch durch ein Paar belegt, das sich am 29. April an der Kiesgrube Ballertasche bemerkbar machte. In der Region war er gut vertreten und eine gezielte Erfassung hätte vermutlich noch weitaus höhere Zahlen erbracht. Die alljährlich vorgenommene Zählung auf dem Kerstlingeröder Feld war jedoch dazu angetan, die Hoffnung auf ein Rekordjahr etwas zu dämpfen: 20 revieranzeigende Männchen sind zwar ein gutes Ergebnis, die Zahlen der Vorjahre (2016 und 2017: 20, 2015: 21) wurden aber nicht übertroffen, es bleibt beim Rekordbestand von 25 Männchen im Frühjahr 2014. Mitten im Bramwald war wieder ein Brutplatz auf einer kleinen Windwurffläche besetzt.

Brutplatz Neuntöter - JWeiss
Abb. 14: Brutplatz des Neuntöters im Bramwald. Foto: J. Weiss

Der überwinternde Raubwürger auf dem Kerstlingeröder Feld wurde am 12. April das letzte Mal gesehen. Die anderen Wintergäste (ehemaliger Grenzstreifen bei Duderstadt, Feldmark Tiftlingerode, Atzenhausen) waren schon zwei Wochen vorher verschwunden.

Bemerkenswert ist die Beobachtung eines Tannenhähers, der am 30. Mai in Sievershausen drei flügge Jungvögel fütterte. Ob die Brut im Siedlungsbereich stattgefunden hat muss offen bleiben. Der Solling, wo Tannenhäher regelmäßig brüten, liegt praktisch nebenan.
Positives gibt es von der Dohle zu berichten: In Gillersheim zog ein Paar in einer Scheune (Schleiereulenkasten) vier Junge groß. An den Kirchen in Fredelsloh und Barterode bestand Brutverdacht von Einzelpaaren. Im Hedemündener Gemeindewald brüteten drei Paare in Schwarzspechthöhlen. Zu verdächtigen Vögeln in Lindau und Bodensee lagen keine weiteren Angaben vor, die ein Brüten wahrscheinlich machten.
Die Höchstzahl von Saatkrähen stammte mit 25 Ind. am 4. März aus dem Göttinger Süden. Dabei dürfte es sich um länger präsente Wintergäste gehandelt haben. Kleinere Trupps von 11 Ind. am 6. März über Gö.-Weende und von 16 Ind. am 7. März ebenda konnten vielleicht ebenfalls dem (abziehenden) Winterbestand zugeordnet werden. Mit anderen Worten: Der Heimzug von Vögeln, die weiter südlich überwintert hatten, war in diesem Frühjahr nicht wahrnehmbar.
Am Diemardener Berg hatte ein Agraringenieur auf einem großen Maisacker tote Rabenkrähen und ein Gas-Schnellschreckgerät der Marke „Purivox Karussel“ platziert. Für den Göttinger Süden stellte dieser befremdliche Anblick (von den regelmäßigen Detonationen ganz zu schweigen) einen krassen Gegensatz zu den Umwelt- und Artenschutzmaßnahmen gleich nebenan dar, eine echte Novität.

Rabenkrähe - VLipka
Abb. 15: So macht man einen Maisacker noch vogelärmer. Foto: V. Lipka

Von der Beutelmeise lagen sieben Heimzugbeobachtungen von insgesamt mindestens elf Ind. vor. Bruthinweise: Fehlanzeige. Ihr Status als ehemaliger Brutvogel ist nicht mehr fern…

Neben den bis zu 85 in der Einleitung erwähnten unglückseligen Heidelerchen, die sich im „Märzwinter“ an den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten, sind mindestens 20 Vögel erwähnenswert, denen es am 19. März an der Weser in Hann. Münden ähnlich erging. Darüber hinaus gerieten vom 6. bis 27. März ca. 95 weitere Vögel in den Blick. Nach einem gigantischen Zugstau sah das eher nicht aus. Allerdings sind die kleinen Lerchen nicht so auffällig wie Kiebitze.

Ende Mai wurden an der Brutkolonie der Uferschwalbe am Freizeitsee um die 50 angeflogene Röhren gezählt.

2017 war für den Waldlaubsänger kein gutes Jahr. Im Landkreis Göttingen wurden vom 15. April bis Ende Juni ganze 29 Vögel ausgemacht. Ganz anders ein Jahr später: Mit 121 Beobachtungen lag im gleichen Zeitraum ein passables Ergebnis vor. Vermutlich ist der Einbruch der Mäusepopulationen diesem Bodenbrüter zugute gekommen. Mäuse plündern Nester und locken Prädatoren an, die sich dann auch bei den Vögeln bedienen. Gleichwohl ist die Zukunft dieser faszinierenden Art, der aktuell, vor allem in der Schweiz, einige Forschungsprojekte zu Populationsdynamik und Habitatnutzung gewidmet sind, recht düster. Im Bramwald zum Beispiel werden die meisten Buchenbestände nach der Großschirmschlag-Methode bewirtschaftet. Das bedeutet: Ein paar ältere Bäume bleiben stehen, während sich zwischen ihnen dichter Jungwuchs ausbreitet. Solche wenig strukturierten Flächen sind dem Waldlaubsänger abträglich: Es fehlen mäßig bewachsene Offenstellen mit Bülten und ähnlichen Requisiten zum Brüten sowie jüngere Einzelbäume, deren horizontal verlaufende Äste er gern als Singwarte nutzt. Zwei Fotos sollen das verdeutlichen:

Waldlaubsänger 1 - JWeiss
Abb. 16: Brutplatz des Waldlaubsängers im Bramwald.
Foto: J. Weiss

Waldlaubsänger 2 - JWeiss
Abb. 17: Dichter Jungwuchs auf einer Schirmschlagfläche im Bramwald.
Foto: M. Weiss

Nicht nur für den Waldlaubsänger, auch für andere Waldvögel (z.B. Spechte und andere Höhlenbrüter) sind jungwuchsreiche Schirmschlagflächen nicht nutzbar. Allenfalls ein paar Ubiquisten (Zilpzalp, Rotkehlchen) können dort brüten. In den nächsten Jahrzehnten wird sich daran leider nichts ändern.
Über den Grünlaubsänger, der vom 4. bis 9. Juni Gö.-Weende beschallte, wurde bereits im Vorbericht auf dieser Homepage Auskunft gegeben, hoffentlich erschöpfend.

Am zunehmend desolaten Status des Feldschwirls hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert: In der Rhumeaue bei Bilshausen ließen sich, als saisonales Maximum, vier Sänger vernehmen. Jeweils bis zu drei sangen im Leinepolder, in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau, an den Schweckhäuser Wiesen, im Stockhauser Bruch und an der Kiesgrube Ballertasche. Aus der Normallandschaft ist er faktisch verschwunden.
Schlagschwirle waren mit 16 Beobachtungen (zum Teil identischer Vögel) an Fluss- und Bachläufen in passabler Zahl vertreten. Die meisten gab es mit drei Sängern in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau. Im weiteren Umfeld ließen sich noch vier andere vernehmen. Damit bestätigte sich die Rhumeaue als traditioneller Hotspot für diese Art. An der Retlake nahe dem Seeanger gelangte am 17. Juni ein Sänger zu Gehör, bis zu drei waren es an der Kiesgrube Ballertasche und Umgebung. Ein Sänger am 24. Juni bei Scheden komplettierte die Nachweise aus dem Westkreis.
Ein Rohrschwirl hielt am Seeburger See ein Gesangsrevier besetzt. Im Leinepolder war er anscheinend ungewöhnlich schwach vertreten, mit nur einer akustischen Wahrnehmung am 28. April.

Vom Schilfrohrsänger gab es in unseren Feuchtgebieten (Ausnahme: zwei Sänger in Gebüschen an Göttinger Bahndämmen) 13 Heimzugbeobachtungen. Am Seeanger war ein Sänger wiederum über Wochen präsent (zwei Vögel am 9. Mai). Ob es zu einer Neuauflage der Brut aus dem Vorjahr gekommen ist, bleibt bis dato unklar.
16 Beobachtungen (Mehrfachmeldungen eingeschlossen) belegen: Für den Drosselrohrsänger war es ein gutes Jahr. An der Kiesgrube Ballertasche sangen, sehr bemerkenswert, bis zu drei Männchen, die sich aber offenkundig nicht verpaaren konnten. Irgendwann klappt das schon…
Neben den üblichen Rastplätzen (Göttinger Kiessee, Seeburger See, Kiesgrube Reinshof) wurden auch kleine Gebüsche oder Hecken weitab jedes Röhrichts aufgesucht. Aus dem Göttinger Siedlungsbereich lagen Nachweise vom Leinepark und Levin-Park vor. Am 30. Mai ließ ein Krachmacher in einem Hausgarten im Kiessee-Karree in Gö.-Geismar die Anwohner aufschrecken. Ein Nachweis vom 16. Juni an den Husumer Teichen ist bemerkenswert, dürfte aber einen umherstreifenden Vogel betroffen haben. Wie auch immer: Es ist ein tolles Erlebnis, wenn man, arglos dahinschlendernd, von den beeindruckenden Lautäußerungen dieser gefiederten Knarr- und Krächzmembrane aus dem Trott gerissen wird.

Drosselrohrsänger - WVogeley
Abb. 18: Drosselrohrsänger in der Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Mit 22 Beobachtungen von ca. 34 Ind. zwischen dem 1. und 23. April war die Ringdrossel in diesem Frühjahr vergleichsweise gut vertreten. Zumeist handelte es sich um Einzelvögel. An der Geschiebesperre, in der Feldmark südlich Eberhausen und auf dem Kerstlingeröder Feld traten kleine Trupps von maximal vier Ind. in Erscheinung.

Auf dem Heimzug rasteten zehn Trauerschnäpper in der Region. Ein Ind. war am 19. Mai am Duderstädter Stadtwall auf Nistplatzsuche.

Anfang Juli gelang im Leinepolder, einem traditionellen Brutplatz, die Beobachtung eines fütternden Paars des Braunkehlchens, ansonsten überwogen die Heimzugbeobachtungen. Im Umfeld eines Blühstreifens in der Feldmark Desingerode im Göttinger Ostkreis kam es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Brut, der ersten im Landkreis seit 2004 (Seeanger). Jungvögel wurden nicht gesehen, doch zeigte ein futtertragendes Weibchen zumindest Schlupferfolg an. Leider scheiterte die Brut, vermutlich durch Prädation. Kontrollen im Seeanger, die im Rahmen einer landesweiten Erfassung durchgeführt wurden, erbrachten keinen Bruthinweis.
Einige der aus den Vorberichten bekannten Brutplätze des Schwarzkehlchens waren in diesem Frühjahr verwaist. Folge des „Märzwinters“, der dieser Art große Probleme bereitet haben könnte? Allein in Hessen sollen sich im März ca. 2000 Schwarzkehlchen gestaut haben. Andererseits gab es auch neue Brutplätze. Erfolgreiche Paare mit ausgeflogenen Jungvögeln gerieten in der Feldmark Ellensen (Sollingvorland), nahe Lödingsen und am Göttinger GVZ III („Kalahari“) in den Blick. Dieser Brutplatz wird im nächsten Jahr unter weiteren Logistikhallen monströsen Ausmaßes begraben sein…Bruterfolg hatten mindestens zwei Paare in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen. Der traditionelle Brutplatz am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt war zumindest wieder besetzt. In der Feldmark Obernfeld und nahe den Schweckhäuser Wiesen (Brut im Vorjahr) zeigten verpaarte Vögel Interesse. Im Seeanger, ansonsten eine Bank für diese Art, scheint es in diesem Jahr keine Brut gegeben zu haben. Möglicherweise ergibt sich nach Beendigung der Zweitbruten ein etwas positiveres Bild. Dazu mehr im nächsten Bericht.
Erfolgreiche (Einzel-?)Bruten des Blaukehlchens konnten im Seeanger und am Seeburger See dokumentiert werden. Aus dem Leinepolder und der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau gab es Brutzeitbeobachtungen. Das klingt nicht gerade üppig. Möglicherweise hat auch dieser Art, mit ähnlicher Zugphänologie wie das Schwarzkehlchen, der „Märzwinter“ zu schaffen gemacht. Aus dem Süden Deutschlands liegen bei ornitho etliche Fotos ungewohnt „zutraulicher“ Blaukehlchen vor, die bar jeder Deckung und teilweise sogar im Siedlungsbereich auf die Nahrungssuche gehen mussten. Man kann sich vorstellen wie ihnen zumute war…

Blaukehlchen - SHörandl
Abb. 19: Junges Blaukehlchen im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Anfang Juni wurden einige Bewunderer des Weender Grünlaubsängers eines Gartenrotschwanz-Männchens gewahr, das in seinen Gesang Lautäußerungen des verwandten Hausrotschwanzes eingebaut hatte. Solche Mischsänger sind/waren auch aus dem Göttinger Ostviertel bekannt. Gartenrotschwänze sind begabte Spötter. Wenn sie einsam auf weiter Flur balzen, liegt es nahe, den Gesang der in der Nachbarschaft wesentlich häufigeren Schwesternart nachzuahmen. Einen Hinweis auf Mischbruten liefern diese Sänger in der Regel nicht. In Göttingen ist ein Hybrid Garten- x Hausrotschwanz noch nie gesehen worden.

Der einzige Brachpieper dieses Frühjahrs stammte vom 21. April aus der Umgebung von Appenrode.
Die alljährliche Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 15. Juni (nur) 15 revieranzeigende Männchen. Neben dem (zu) späten Datum hat vermutlich auch das Bombenwetter dazu beigetragen, dass sich die Vögel nach Abschluss der ersten Brut noch weniger bemerkbar machten als sonst.
Der Brutbestand des Wiesenpiepers konnte am Polder II des Leinepolders (wiederum) auf mindestens drei Paare beziffert werden. Anfang Juli zeigte ein balzendes Männchen nahe Bovenden, dass die Art in der Leineniederung zwischen Göttingen und Nörten-Hardenberg noch brüten könnte. Wie groß bzw. klein die Population ist weiß niemand. Die letzten umfassenden Kontrollen liegen 15 Jahre zurück…Auch die Rastzahlen hielten sich in Grenzen: Maximal 90 Vögel konnten am 6. April in der Leineniederung nördlich Northeim gezählt werden, 68 am 14. April ebenda. Das ist nur ein kläglicher Abglanz früherer Zeiten, als dreistellige Rastzahlen keine Ausnahme waren.
Einzelne Rotkehlpieper ließen sich am 3., 6. und 9. Mai im Seeanger bewundern.
Bis zum 18. April konnten, u.a. an der Kiesgrube Ballertasche und im Seeanger, insgesamt 90 Bergpieper gezählt werden (Mehrfachmeldungen eingeschlossen). Die meisten gab es, mit bis zu 22 Ind., am 6. April im Leinepolder. Nach Jahren der Flaute ein vergleichsweise gutes Ergebnis. Schlafplatzzählungen lagen leider nicht vor.

Am 22. April leuchtete eine männliche Zitronenstelze im Seeanger. Damit liegt für dieses Gebiet seit 2009 schon der fünfte Nachweis vor.
Kann es sein, dass Getreidebruten der Wiesenschafstelze seltener werden? Die buchstäbliche Handvoll, die gemeldet wurde, ist sicher nicht repräsentativ. Gleichwohl wäre es interessant zu erfahren, ob sich dieser Acker-Neubürger, nach 20 Jahren erfolgreicher Anpassung, wieder im Sinkflug befindet. Verwunderlich wäre es nicht…

Wiesenschafstelze - SHörandl
Abb. 20: Wiesenschafstelze im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Am 11. Mai wuselten an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (für die Saison bemerkenswerte) 23 Thunbergschafstelzen umher, ansonsten gab es nur Einzelvögel.
Eine Bachstelze, die sich von Ende März bis in die erste Maidekade im Seeanger aufhielt, wies mit einem sehr dunklen Mantel und hellen Flügelbinden Merkmale der nordwesteuropäischen Unterart yarrellii (Trauerbachstelze) auf. Nach Diskussionen und Fotostudium konnte jedoch ein Hybrid mit der Nominatform alba nicht ausgeschlossen werden. So erschien der Mantel auf manchen Fotos grau geschuppt, was an einer astreinen Trauerbachstelze zweifeln ließ. Hybriden scheinen im tiefen Binnenland nicht selten zu sein. Zwei weitere dunkle Vögel wurden in der Leineniederung nördlich von Northeim und am Seeburger See ausgemacht. Sie waren jedoch nicht so krass gefärbt wie die Seeanger-Stelze.

Vom 8. November 2017 bis zum 11. März 2018 gelangen 68 akustische Feststellungen des nordischen Trompetergimpels, zumeist von Einzelvögeln. Das waren ein paar mehr als 2016/17 (40 Beobachtungen), aber weniger als 2015/16 (85 Beobachtungen, über 100 Ind.). Insgesamt liegen die Zahlen nach 2014/15 (nur sieben Vögel) auf einem durchweg höheren Niveau, was auch mit der vermehrten Aufmerksamkeit, die diesem Taxon zuteil wird, erklärt werden kann.

Eine Grauammer sang am 14. April nahe dem ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt leider nur kurz.

Hans H. Dörrie

Damit schließt der Bericht, der nahezu vollständig auf 34.690 Datensätzen in ornitho.de beruht. Maßgeblich dazu beigetragen haben:

R. Barth, P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, A. Delius, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, R. Fleck, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, F. Grau, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, H. Helmerichs, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, P. und W. Pahl, S. Paul, G. Peters, F. Petrick, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, C. Schmidt, H. Schmidt, M. Schneider, D. Schopnie, M. Schulz, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, R. Spellauge, I. Spittler, A. Stumpner, A. Sührig, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, A. Wiedenmann, D. Wucherpfennig und andere.

Blaumeise - MSiebner
Abb 21: Kleine Blaumeise im Moment des Ausfliegens aus dem Nistkasten.
Foto: M. Siebner

July 11th, 2018

Grünlaubsänger:
Ein kleiner Vogel belebt Göttingen-Weende

Grünlaubsänger_VHesse
Abb. 1: Weender Grünlaubsänger. Foto: V. Hesse

Am 4. Juni 2018 gegen 6:55 Uhr, kurz vor Aufbruch zu einer Mitfahrgelegenheit am anderen Ende von Göttingen, wurde Alexander Sührig in seiner Wohnung durch die auf Kipp stehende Balkontür auf einen sich nicht sofort erschließenden Gesang aufmerksam, der nach längerem Anhören und Sichtung des Vogels - der Beobachter befand sich jetzt auf dem Balkon - als Gesang eines Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) identifiziert werden konnte. Der Vogel hielt sich in Koniferen im unmittelbaren Nahbereich des Hauses Uferweg 4 auf und entzog sich zunächst weiteren Wahrnehmungen.
Weil AS unter Termindruck stand, wurde die Beobachtung gegen 7:02 Uhr abgebrochen, nachdem der zuletzt exponiert in einer Fichte singende Vogel (singenderweise) von der Nord- auf die Südseite des Hauses Uferweg 4 geflogen war. Immerhin konnte - mehr schlecht als recht - auf die Schnelle ein Tondokument angefertigt werden.
Am Arbeitsplatz angekommen, stellte AS die Beobachtung nach kurzem Abgleich des Gehörten mit Gesängen von Grünlaubsängern auf xeno-canto.org umgehend in die Datenbank ornitho.de, um weiteren Interessierten die Möglichkeit einer zeitnahen Nachsuche und damit auch eine qualitätvollere Dokumentation zu ermöglichen. Die Rechnung ging dann auch auf und so ist es nicht zuletzt der engagierten Nachsuche und täglichen „Betreuung“ des Vogels durch Malte Georg zu verdanken, dass er bis zum 9. Juni von vielen weiteren aus nah und fern angereisten Vogelbeobachterinnen und -beobachtern - es waren wohl an die 40 oder mehr - gehört und gesehen werden konnte.

Die ersten Tage seiner Anwesenheit sang der Vogel nahezu unermüdlich während des überwiegenden Teils der Hellphase und konnte dabei trotz vieler Standortswechsel recht gut von seinen Bewunderern ausfindig gemacht werden. Die regelmäßigsten Gesangszeiten waren die frühen Morgen- bis Vormittagsstunden, wobei hier sogar der Nahrungserwerb und fliegende Standortswechsel von Gesang begleitet waren. Der überwiegend von exponiertem Standort vorgetragene, arttypische Gesang, der an einen laut vorgetragenen Mix der Gesänge von Bachstelze, Heckenbraunelle und Zaunkönig erinnert, variierte teilweise sehr im Strophenbau und Rhythmus. Ausschließliche Imitationen des Zaunkönigs anstelle des üblichen Gesangs, die von manchen Grünlaubsängern bekannt sind, brachte der Vogel nicht hervor. Das war auch gut so, denn diese Imitationen können so perfekt ausfallen, dass man meint, nur den Zwerg zu hören und achtlos weitergeht… Nachmittags verstummte er nicht selten und konnte auch im Laufe des Abends zumeist nicht mehr ausfindig gemacht werden. An seiner Territorialität ließ der Grünlaubsänger keine Zweifel aufkommen, was auch die örtlichen Brutvögel zu spüren bekamen. Bei Girlitzen fühlte sich der Laubsänger womöglich durch deren ähnlichen Gesang provoziert und konnte gleich zweimal bei Verfolgungsflügen beobachtet werden. Nachdem am 9. Juni die Gesangsaktivität des Vogels schon sehr stark nachgelassen hatte, verließ der einsam gebliebene Sänger letztendlich nach einer Aufenthaltsdauer von sechs Tagen Weende. Besondere Erwähnung soll auch das rege Interesse der Anwohner vor Ort finden, welche nicht nur tolerant die aufkommenden Menschenmengen, teils mit beeindruckend bis bedrohlich wirkendem optischen Equipment ausgestattet, vor ihren Grundstücken duldeten, sondern sich auch immer wieder angeregt über den kleinen Sänger informierten. So viel Leben war selten in den schmalen Gassen…

GLS_Gesang_MGoepfert
Abb. 2: Tonaufnahme des Gesangs. Aufnahme: M. Göpfert
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Der Grünlaubsänger ist ein typischer Vertreter der artenreichen Gattung Phylloscopus. Auffällig ist der helle Überaugenstreif, der bis an die Schnabelwurzel reicht. Die schmale helle Flügelbinde ist bei vielen Vögeln nur gering ausgeprägt und kann manchmal sogar fehlen. Bei unserem Vogel war sie aber manchmal zu sehen, am besten auf Fotos. Auffallend „grün“ ist die Art eigentlich nicht. Die niederländische Bezeichnung „Grauer Fitis“ trifft es viel besser. Grünlaubsänger brüten in mehreren Unterarten von Osteuropa bis China. In Deutschland ist die Art ein seltener Brut- und Gastvogel. Die große Mehrzahl der Vögel stellen Männchen, die vor allem Ende Mai bis Mitte Juni manchmal über Tage ortsfest singen und, weil sie kein Weibchen anlocken konnten, dann wieder abziehen. Das vermehrte Auftreten an der westlichen Verbreitungsgrenze wird allgemein durch Zugprolongation in Folge von erhöhten Temperaturen zur Zugzeit Mitte Mai bis Mitte Juni begründet. Zudem begünstigen Phasen mit östlichen Winden das Vorkommen. Obgleich diese Bedingungen im Mai 2018 durchaus passten, kam es, zumindest nach den Daten in ornitho.de, bundesweit zu keinem Einflug der Art. Lediglich auf Helgoland und der Greifswalder Oie, einer kleinen Ostseeinsel, zeigten mehrere zeitgleich anwesende Vögel ein vermehrtes, aber nicht untypisches Auftreten an.
Bei der Bruthabitatwahl scheint der Grünlaubsänger eine besondere Affinität zu frisch bis feuchten Hangwäldern zu besitzen. Häufig werden dort die Bereiche mit einer hohen Bonität und dem ältesten Baumbestand aufgesucht, wobei die vorkommenden Baumarten eine untergeordnete Rolle spielen. In Deutschland werden so zum Beispiel im besonderen Umfang strukturreiche Laub- und Mischwälder im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns besiedelt, aber auch alte Fichtenwälder in den Hochlagen des Harzes. Des Weiteren konzentriert sich das sehr kleine deutsche Vorkommen mit mehreren Revierbesetzungen und einzelnen Brutnachweisen unter anderem auf Helgoland, die Greifswalder Oie und die Sächsische Schweiz. Oft vorhandene Strukturelemente sind kleine Lichtungen, Waldränder, Bäche, Wasserfälle und, anscheinend mit besonderer Anziehungskraft, Felsen und Schluchten oder ersatzweise Erdanschnitte, Geländestufen oder auch Gartenmauern. Der Neststandort befindet sich ebenfalls in kleinen Nischen an den letztgenannten Geländestrukturen. Die erste Brut in Deutschland fand 1962 im rheinland-pfälzischen Westerwald denn auch, wie Jahrzehnte später mehrfach auf Helgoland, in einer Felsspalte oder -nische statt. Die geforderten Habitateigenschaften werden nicht selten auch von Parks, Alleen und Gärten erfüllt. In diesem Zusammenhang besonders interessant sind ein Nestfund in Schweden an einer efeubewachsenen Hauswand in 1,5 m Höhe oder auch das Einnisten in einem offenen Hausbriefkasten auf der Kurischen Nehrung.

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Abb. 3: Felsiger Neststandort auf Helgoland. Foto: M. Georg

Das Streifgebiet des Vogels im Göttinger Stadtteil Weende kann grob nach Süden durch die Hennebergstraße/Im Hassel eingegrenzt werden, sowie nach Norden hin durch die Breite Straße. Die westliche bzw. östliche Grenze bildete die Hannoversche Straße sowie der Friedhof Weende. Da der Vogel überhaupt nur singend wahrgenommen wurde, wäre es auch denkbar, dass er stumm sein Streifgebiet über den hier begrenzten Bereich ausgedehnt hat. In diesem Areal präferierte der Grünlaubsänger im Wesentlichen drei Stellen:
Der zuverlässigste Ort zum Auffinden des Vogels waren eindeutig die zirka 0,5 ha großen, unzugänglichen Hausgärten an der Ecke Petrikirchstraße/Breite Straße. Die Gärten sind charakterisiert durch einen sehr gestuften, lückigen Baumbestand aus sowohl Koniferen als auch Laubbaumarten. Die parkähnlichen Gärten mit zum Teil recht hohen Bäumen sind nach außen hin durch Häuser begrenzt. In der Mitte der Grundstücke fließt ein kleiner Bach, die Weende, in einer recht dichten Einfassung aus Sträuchern. Eine kleine Natursteinmauer rundet das Habitat ab. Bevorzugte Gesangsplätze waren die exponierte Spitze eines Urweltmammutbaums, verdeckt im Kronenbereich einer Esche sowie zahlreiche andere Bäume und seltener auch Hausdächer.

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Abb. 4: Petrikirchstraße in Weende. Foto: M. Georg

Auch der Entdeckungsort am Uferweg entspricht im Allgemeinen der Beschreibung des ersten Gebiets. Auffällig ist hierbei die Eingrenzung der Weende vor allem durch Mauern und Häuser, welche entfernt den Eindruck einer Schlucht entstehen lassen. Der recht hochgewachsene Baumbestand kann hier schon eher als parkähnlicher „Mischwald“ beschrieben werden. Im Vergleich zum ersten Gebiet stehen die Bäume etwas dichter beisammen. Der Grünlaubsänger konnte mitunter beim direkten Wechsel zwischen den beiden Stellen beobachtet werden.

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Abb. 5: Uferweg in Weende. Foto: M. Georg

Der Friedhof Weende, als drittes Gebiet, besitzt im Vergleich zu den beiden zuvor beschriebenen Stellen keinen Bach, der den parkähnlichen Baumbestand durchfließt. Auch der Koniferenanteil ist im Vergleich zu diesen deutlich erhöht. Als Besonderheit sind hier noch die Friedhofsgebäude aus Naturstein zu nennen. Trotz dieses „montanen“ Eindrucks konnte der Grünlaubsänger hier nur zu Anfang einige Male festgestellt werden.

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Abb. 6: Friedhof Weende. Foto: M. Georg

Zusammengefasst sind einige Parallelen zwischen den Habitateigenschaften des aufgesuchten Gebiets im Göttinger Siedlungsbereich und den Primärhabitaten in osteuropäischen Wäldern zu erkennen. Häuser und Mauern suggerieren exponierte Felskuppen im urbanen Lebensraum (die Betriebsstätte einer Bäckerei sieht fast wie eine große, horizontale Klippe aus), die Weende sorgt für ein feucht-kaltes Klima und ein lückiger, parkähnlicher Baumbestand aus teilweise recht stattlichen Einzelbäumen vollendet das Bild.


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Abb. 7: Karte mit bevorzugten Gesangsplätzen. Grafik: A. Sührig, S. Alvite Rúa
Zum Vergrößern bitte anklicken.

Erratische Revierbesetzungen einzelner Männchen in Parklandschaften, Gärten und auf Friedhöfen sind auch im übrigen Deutschland nichts Außergewöhnliches. Figurativ seien an dieser Stelle der Alte Botanische Garten in Hamburg, das Kieler Stadtzentrum, das Hilchenbacher Seniorenwohnheim im Siegerland und mit einer gewissen Regelmäßigkeit diverse Parks und Friedhöfe in Berlin genannt. Ein erster Brutnachweis im Siedlungsbereich mit einem von einem Altvogel gefüttertem flüggen Jungvogel gelang allerdings erst am 27. Juni 2017 auf dem Friedhof „In den Kisseln“ in Berlin-Spandau, vorbehaltlich der Beurteilung der Avifaunistischen Kommission Berlin Brandenburg (AKBB).
All dies zeigt, dass es in Deutschland eine Unmenge von Plätzen und Orten gibt, die für durchziehende oder revierbesetzende Männchen prinzipiell geeignet sind. Hier kann man nur auf den Zufall und seine Stimmenkenntnis vertrauen…

Aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen lagen zuvor drei Beobachtungen des Grünlaubsängers vor. Am 9. Juni 1963 bemühte sich am Bismarckstein im Göttinger Stadtwald (im Volksmund auch „Elefantenklo“ genannt) ein singendes Männchen um ein brütendes Weibchen des Waldlaubsängers. Am 8. August desselben Jahres (!) sang ein Männchen im Kirchweg (heute Humboldtallee). Das Datum ist für einen singenden Vogel recht spät. Im Stadtwald könnte das „Elefantenklo“ als herausragende „Felsformation“ eine besondere Anziehungskraft auf den seltenen Gast ausgeübt haben. Die Humboldtallee ist auch heute noch von hohen Häusern inmitten eines alten Baumbestands geprägt.
Am 29. Mai 1987 ließ sich an der Domäne Eddigehausen (Gemeinde Bovenden) in einem hohen Einzelbaum ein kurzzeitig singendes Männchen vernehmen. Diese Beobachtung wurde vom damaligen Bundesseltenheitenausschuss (BSA) anerkannt.

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Abb. 8: Grünlaubsänger, fast unentwegt singend. Foto: M. Georg

Und zu guter letzt: Die Vorliebe des Grünlaubsängers für Parkanlagen aller Art konnte neulich sogar im deutschen Fernsehen dokumentiert werden. Für die Fußball-WM-Sendung „Kwartira“ im Ersten besuchte ein Reporter in Begleitung russischer Hooligans den Friedhof der westsibirischen Stadt Jekaterinburg. Dort stehen prachtvolle Grabsteine mit aufwendig gestalteten Porträts von Mafiagrößen, die in den 1990er Jahren bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind. Während die Besucher die beeindruckenden Zeugnisse einer hochentwickelten Sepulkralkultur bestaunten, sang über ihnen - ein Grünlaubsänger, laut schmetternd und daher auch vor dem Fernseher unüberhörbar. Die Zahl der Zuschauer, die das zu würdigen wussten, dürfte aber nicht sehr groß gewesen sein…

Malte Georg, Alexander Sührig und Hans H. Dörrie

Literatur:
Deutsche Seltenheitenkommission (2000): Seltene Vogelarten in Deutschland 1997. Limicola 14: 273-340.
Deutsche Seltenheitenkommission (2008): Seltene Vogelarten in Deutschland von 2001 bis 2005. Limicola 22: 249-339.
Frede, M. & H. Krafft (2012): Vogel des Monats: November 2012. Der Grünlaubsänger vom Hilchenbacher Seniorenwohnheim. Charadrius 48, Heft 3-4.
Glutz von Blotzheim U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/II. Aula-Verlag. Wiesbaden.
Hampel, F. (1964): Grüner Laubsänger, Phylloscopus trochiloides, in Göttingen. J. Orn. 105: 199.
Koschkar, S. & J. Dierschke (2014): „Go West…“: Der Grünlaubsänger Phylloscopus trochiloides in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2013: 50-59.
Schäffer, A. (2018): Ostzieher mit Westausdehnung: Grünlaubsänger. Der Falke 7/2018: 22.

Links:
www.oag-helgoland.de
www.ornitho.de

July 1st, 2018

Birdrace 2018 in NOM und GÖ:
Rekordverdächtiges und Ernüchterndes

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Abb. 1: Nach dem Rennen hatten ‘Schwarzkelchen’ immerhin
fünf Teams aus der Region auf ihrer Liste. Foto: M.Siebner

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Artenzahlen waren es nicht, die den diesjährigen regionalen Durchlauf des bundesweiten Birdrace zu einem außergewöhnlichen Ereignis gemacht haben. Ein seit mehreren Tagen stabiles Hochdruckgebiet sorgte am 5. Mai nicht nur zwischen Solling, Harz und Kaufunger Wald dafür, dass Durchzügler Richtung Nordost abgezogen waren oder erst gar keinen Stopp machten und die Artenlisten der Teams in akribischer Fleißarbeit überwiegend mit den regionalen Brutvögeln gefüllt werden mussten.

Viel bemerkenswerter war aus regionaler Sicht die Beteiligung von insgesamt neun Teams in den Landkreisen Göttingen und Northeim – so viele waren es noch nie. Sowohl die Zusammensetzung der Teams als auch die Herangehensweise beim Rennen selbst unterschieden sich dabei erfreulich.

Dass im folgenden darauf – aufgrund der hohen Anzahl der Teams – nicht in aller Ausführlichkeit eingegangen werden, sei bereits vorab entschuldigt.

Sozialbrachvögel
Abb. 2: Die “Göttinger Sozialbrachvögel” im Bramwald,
durch den im Januar der Orkan Friederike gefegt ist.

Der bewährten Mischung aus Routine und guter Vorbereitung blieben die Vorjahressieger von den „Göttinger Sozialbrachvögeln“ (Béla Bartsch, Phil Keuschen, Mathias Siebner und Karl Jünemann aber in diesem Jahr ohne Shauna Grassmann) treu und waren damit auch erneut erfolgreich. Der Start im Bramwald lief wie geschmiert, am fortgeschrittenen Vormittag in Göttingen wurde es dann allerdings
zäher. An der alten Rosdorfer Tongrube berichtete ein aus dem Wasser steigender Student, dass der Eisvogel erst weggeflogen ist, als er baden ging - besten Dank dafür… Nur ein Team konnte übrigens 2018 den Flugsaphir beobachten – die Sozialbrachvögel waren es nicht. Letzte Haken auf die Liste kamen dann – wie bei etlichen anderen Göttinger Teams - auf dem Steg vom Seeburger See hinzu.

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Abb. 3: Das autofreie Team der “Lüneburger Grünschnäbel”.

Nicht nur mit logistischen Problemen hatte das erstmals im Landkreis Göttingen angetretene Team der „Lüneburger Grünschnäbel“ (Svenja Roosch, Christiane Weber) zu kämpfen. Der Teamname entstammt dem gemeinsamen Studienort der Mitglieder. Dem ursprünglichen Dreiergespann kam kurzfristig eine Mitstreiterin abhanden (Zahnchirurgie…). Der eigentliche Plan, nach einem möglichst
erfolgreichen Start auf Fahrrädern in der Göttinger Umgebung mit dem Bus in Richtung Seeburg aufzubrechen, ging wegen Überfüllung nicht auf, so dass per Muskelkraft in Richtung Osten aufgebrochen werden musste. Und auch auf dem Rückweg entpuppte sich der öffentliche Nahverkehr als unzuverlässig, die Räder mussten in Seeburg zurückgelassen werden. Dass die Grünschnäbel den
Rennverlauf als Debakel verbuchen werden, ist trotzdem unwahrscheinlich. „Wir treten an, um gemeinsam was zu unternehmen und dabei zu sein, nicht um ein Top-Artenergebnis zu erzielen“, sagt Svenja Roosch. Eine sehr sympathische und eigentlich auch gesunde Haltung.

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Abb. 4: Radelpause bei den “Schweißstörchen”.

Mit den „Schweißstörchen“ (Leo Bolte, Malou Czibeck, Melanie Klock, Sandra Neißkenwirth, David Singer) trat 2018 ein Team an, das bereits zweimal auf Fahrrädern am Wettbewerb teilnahm und damit über einen beträchtlichen logistischen Erfahrungsschatz verfügt. Ausgestattet mit fünf Rädern und einem Anhänger (für Verpflegung und Spektiv) starteten die Schweißstörche um 3.11Uhr in Göttingen, um nach diversen Zwischenstopps über den Göttinger Stadtforst und das Kerstlingeröder Feld in Richtung Osten bzw. Seeburger See aufzubrechen. Als das Rennen gegen halb elf dort für beendet erklärt wurde, steckten 81 Fahrkilometer in den Knochen der Schweißstörche, und das Team verbuchte mit 107 sein bestes Birdrace-Ergebnis (und den dritten Platz in der Regionalwertung). Ganz praktisch, dass man am Seeburger See seine Zelte aufgeschlagen hatte und direkt vor Ort den verdienten Erholungsschlaf antreten konnte.

Leineuferlaeufer
Abb. 5: Die “Leineuferläufer” abseits der Leine
am Sachsenstein bei Bad Sachsa.

Die Idee mit der Übernachtung direkt an den Hotpots des Artenreichtums hatten auch andere, nur irgendwie andersherum: Den „Leineuferläufern“ (Severin Racky, Ole Henning, Malte Georg und Silvio Paul) steckte bereits eine Nacht in der Schutzhütte auf 800m Höhe und bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt in den Knochen, als der Wecker das Birdrace einläutete. Geplant war, das Rennen 2018 dazu zu nutzen, den zwei Jahre zuvor im Rahmen der Gebietsreform durch den Landkreis Göttingen erbeuteten Altkreis Osterode genauer unter die vogelkundliche Lupe zu nehmen. Vorwissen dazu gab es kaum, und auch ornitho.de gibt nicht viel her, denn für den Altkreis sind kaum, für manche Gebiete gar keine Beobachtungsmeldungen vermerkt. Dass die Leineuferläufer trotzdem nur knapp am Gesamtsieg vorbeischrammten, spricht nicht zuletzt für die attraktive und abwechslungsreiche Landschaft auf den einverleibten Flächen - mit spektakulären Hochlagen auf Nationalparkterrain, einer Vielzahl kleinerer Naturschutzgebiete und einer vergleichsweise abwechslungsreichen Feldmark.

Uriah Piep
Abb. 6: Reifenpanne bei “Uriah Piep” am Rand des des Leinepolders.

Auch im benachbarten Landkreis Northeim ging wieder ein Team an den Start. Wohnhaft im mit Birdrace-Teams gut ausgestatteten Oldenburg entschloss sich „Uriah Piep“ (Joanne Sander, Felix Oßwald) zu einem Start in der alten Heimat. Das Duo wurde zwar nicht von einer „Lady in black“ in aller Frühe um viertel vor fünf aus sanftem Schlummer gerissen, aber immerhin war der „Blackbird“ die
erste Art auf der Liste. Das Leinetal wurde mittels Fahrrad von Norden in Richtung Süden aufgerollt, mit mehr oder weniger ergiebigen Zwischenstopps an den Northeimer Topgebieten Leinepolder, Geschiebesperre Hollenstedt und Northeimer Kiesteiche. Den unbestreitbaren Vorteilen des Sattelritts stellte das Schicksal eines der Risiken ganz praktisch gegenüber: Reifenpanne und kurze Zwangspause. Als es am Abend wieder Richtung Norden ging, hatte Uriah Piep immerhin fünf Arten auf der Liste, die den Göttinger Teams vollständig fehlten.

Zwergpieper
Abb. 7: Das Nachwuchsteam “Zwergpieper” am Abend beim “Isang”.

Es ließe sich noch viel berichten. Zum Beispiel vom Team der „Zwergpieper“, einer echten Youngster-Truppe mit väterlicher Unterstützung, das bis zum Einbruch der Dunkelheit tapfer der Erschöpfung trotzte.

Dynamo Avigoe
Abb. 9: “Dynamo Avigoe” am Ende eines langen Birdrace-Tages
auf dem Steg in Seeburg.

Oder von den Routiniers von „Dynamo avigoe“, die zwar satte vier exklusive Arten verbuchen konnte, darunter mit der Wiesenweihe auch ein echtes Highlight, aber an die eigenen Vorjahresergebnisse nicht heranreichten.

Am Ende des Tages hatten die Titelverteidiger aus dem Vorjahr, die Sozialbrachvögel, die Nase erneut knapp vorn. Die Gesamtartenzahl fiel vor dem Hintergrund der grandiosen Beteiligung und der Ausweitung des „Spielfeldes“ mit 140 Arten (2017: 143) eher schmal aus.

Die genauen Ergebnisse können beim DDA nachgelesen werden. Aus regionaler Sicht spiegelt sich in der großen Zahl an Teilnehmern ein in den vergangenen zwei Jahren erfreulich steigendes Interesse an der Feldornithologie – in erster Linie von jungen Beobachterinnen und Beobachtern – wider. Möge diese Entwicklung anhalten, und sich – nicht nur, aber auch – niederschlagen, wenn das Birdrace im Jahr 2019 angepfiffen wird.

S. Paul

Leineuferlaeufer-Harz
Abb. 8: Impression früh morgens im Harz mit den “Leineuferläufern”.

P.S.: Danke an M. Siebner, S. Roosch, D. Singer und F. Oßwald für die mitgerteilten Eindrücke von diesjährigen Rennen!

May 26th, 2018

Der Vogelwinter 2017/18 in Süd-Niedersachsen:
So weit die Flügel tragen - Besuch aus der Taiga

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Abb. 1: Birkenzeisig. Foto: V. Hesse

Im Dezember 2017 und Januar 2018 war es dunkel, sehr dunkel. Und sehr, sehr nass. Nur ganz selten riss, zwischen zwei Regengüssen, das dichte Gewölk auf. Dann klammerten sich blasse Kleinkinder in Panik an ihre Eltern, weil sie plötzlich von einem Feuerball geblendet wurden. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um ein Gestirn namens ” Sonne” gehandelt haben. Im Dezember schien sie nur 16 Stunden, im Januar war es ähnlich. Damit wurde der extrem trübe Winter 2012/13 noch unterboten. Was tun? Eine bewährte Antwort auf monatelange Dunkelheit kommt aus Finnland. Sie wird dort “Kalsarikännit” genannt, auf Deutsch ungefähr “sich allein zu Hause in Unterhosen betrinken”. Vermutlich hat sie im vergangenen Quartal auch in unseren Breiten einigen Anklang gefunden. Für Abwechslung im trostlosen Einerlei sorgten der Sturm “Burglind” am 2. und 3. Januar und der Orkan “Friederike” am 18. des Monats, der - exakt elf Jahre nach dem legendären “Kyrill” - im Solling und im Raum Einbeck etliche Fichtenplantagen rasierte. Im Nörtener Wald und im Bramwald mussten auch Laubbäume dran glauben, weil das völlig aufgeweichte Erdreich selbst tiefen Wurzeln keinen Halt mehr bot. Im Februar wurde es heller und kälter, viele Stillgewässer und Überschwemmungsflächen froren zum großen Teil zu - und es gab, zumindest für ein paar Tage, Vitamin D satt … In der letzten Dekade schlug die russische Frostknute richtig zu, mit tagelangem Dauerfrost, Nachttemperaturen bis -16°C, schneidendem Ostwind, viel Sonne und wenig Schnee. Zum Schluss wies unter den Stillgewässern nur noch der Northeimer Freizeitsee eisfreie Stellen von nennenswerter Ausdehnung auf, an denen sich Hunderte Wasservögel sammelten.
Die süd-niedersächsischen Vogelbeobachter/innen ließen sich, bis auf einen notorischen Wintermuffel, von diesen Widrigkeiten nicht verdrießen. Sie folgten tagaus, tagein den Spuren ihrer Lieblinge, auch wenn es oft immer dieselben waren. So kamen etwas mehr als 15.000 Beobachtungen für unsere Datenbank ornitho.de zusammen.

Unser treuer lettischer Singschwan mit der Halsbandmarkierung 2E94 ließ sich in seinem sechsten Winter Zeit: Den Dezember verbummelte er offenbar in Mecklenburg-Vorpommern. Im Leinepolder traf er erst am 4. Januar ein. Wenig später leistete ihm ein Paar dort Gesellschaft. Nach dem 27. Januar war das Trio wieder verschwunden. Ab Anfang Februar konnte er im Märkischen Oderland festgestellt werden, allerdings war der Halsring gebrochen. Wenn dieser abfällt bzw. nicht rechtzeitig ersetzt werden kann, wird man über das weitere Schicksal des Vogels vielleicht kaum noch etwas erfahren. Er trägt zwar auch einen Metallring (LVR-EP335), der aber schwerer abzulesen ist als das auffällige Halsband.

Ein kleiner Trupp von drei Kanadagänsen, möglicherweise das Brutpaar vom Lutteranger mit seinem Jungvogel, wurde Ende Dezember im Leinepolder und Mitte Februar im Seeanger notiert, ein Einzelvogel hielt sich im Februar über Tage an der Kiesgrube Reinshof auf.

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Abb. 2: Kanadagans und Weißwangengans an der Kiesgrube Reinshof.
Foto: M. Siebner

Am 27. Januar standen sechs Weißwangengänse an der Geschiebesperre Hollenstedt, ansonsten gab es an den Feuchtgebieten die üblichen ein bis zwei herumstreifenden Vögel.
Das Maximum rastender Tundrasaatgänse konnte am 20. Januar mit ca. 3800 Ind. im Leinepolder dokumentiert werden. Bei der Blässgans waren es 1600 Ind. am 31. Dezember ebenda. Mit dem Kälteeinbruch Mitte Februar stiegen die Zahlen an der Geschiebsperre mit bis zu 2500 bzw. 1000 Ind. wieder an. Eine am 25. November 2011 in Noord-Brabant (Niederlande) halsbandmarkierte (schwarz 5VA) Blässgans konnte am 21. Januar im Seeanger abgelesen werden. Die meisten deutschen Winter-Wiederfunde stammen aus dem Osten. Über das Brutgebiet des Vogels ist (noch) nichts bekannt.
Winterliche Brandgänse sind mittlerweile Normalität, aber gleich 15 Ind. am 3. Januar im Seeanger einer besonderen Erwähnung wert.
Das Winter-Maximum von 220 Schnatterenten am 20. Januar im Polder ist durchaus beachtlich.
Bis zu ihrem Zufrieren waren die angestauten Polderflächen auch für Pfeifenten sehr attraktiv. Sie erreichten am 31. Dezember mit mindestens 900 Ind. ein Maximum, das bis dato nur auf dem Heimzug 1999 mit insgesamt ca. 1300 Vögeln am Seeburger See und an der Geschiebesperre übertroffen wurde.
Auch Krickenten waren im Polder mit bis zu 700 Ind. am 7. Januar gut vertreten. Dies betrifft auch den Seeanger und Seeburger See, wo sich im Januar mit bis zu 180 Ind. ungewöhnlich viele aufhielten.

Krickente - SHillmer
Abb. 3: Krickente an der Leine in Göttingen. Foto: S. Hillmer

Eine männliche Moorente geriet am 10. Dezember an den Northeimer Kiesteichen und ab dem 19. Februar an der Geschiebesperre in den Blick. Ein gelbes Steinhuder Stigma war bei den schwimmenden Vögeln nicht zu erkennen.
Der seit dem 30. Oktober am Seeburger See präsente männliche Hybrid Tafel- x Reiherente konnte dort nach dem 28. Januar nicht mehr festgestellt werden. Möglicherweise wechselte er auf den Northeimer Freizeitsee, wo ab dem 24. Februar ein Vogel der gleichen Kombination bestimmt wurde.
Am 2. Dezember rastete eine junge Bergente auf dem Seeburger See. Ihr folgte am 19. des Monats im Leinepolder ein gleichaltriger Artgenosse. Von Ende Dezember bis zum 9. Februar (weitgehende Vereisung des Gewässers) hielten sich am Seeburger See ein bis (meistens) zwei Ind. auf, darunter ein junges Männchen. Am 3. und 4. Februar wurden drei Vögel gemeldet. Der Besuch eines weibchenfarbenen Vogels am 1. Januar auf dem Northeimer Freizeitsee war offenbar nur kurz. Am 20. Januar ließ sich an der Geschiebesperre ein weibchenfarbener Vogel bestimmen, am 27. des Monats im Leinepolder ein junges Weibchen. Ein weiterer Vogel ebenda am 7. Februar war nicht identisch mit einem Artgenossen, der ab dem 13. Februar, also nach der Vereisung der angestauten Wasserflächen im Polder, zwischen der Geschiebesperre und dem Freizeitsee pendelte. Dieser sah jedoch dem Poldervogel vom 19. Dezember recht ähnlich.

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Abb. 4: Bergentenerpel im 2. Kalenderjahr auf dem Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Am 19. Dezember bereicherten sechs Trauerenten die Vogelwelt des Polders ungemein.
Vom 26. Dezember bis zum 7. Februar zeigten sechs Samtenten, darunter ein junges Männchen mit temporärem Balzgehabe, am Seeburger See eine recht lange, aber für diese Art nicht untypische Verweildauer. Nach der weitgehenden Vereisung reduzierte sich ihre Zahl am 9. Februar auf zwei Ind., danach gab es keine Nachweise mehr.

Auf dem Northeimer Freizeitsee überwintern bis zu drei Rothalstaucher. Zwei Ind., die sich ab dem 10. Januar auf dem Seeburger See eingefunden hatten, mussten nach dem 7. Februar dem Eis weichen.
Anders als bei der vorgenannten Art sind Überwinterungen des Schwarzhalstauchers in unserer Region die große Ausnahme. Insofern sind zwei robuste Vögel vom 23. Dezember bis Ende Februar auf dem Northeimer Freizeitsee eine besondere Erwähnung wert.

In der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck lagen die Maximalzahlen überwinternder Silberreiher bei 35 bis 40 Ind., besonders nach dem Polderstau im Frühwinter. Im Landkreis Göttingen waren es weitaus weniger. Elf Vögel, die am 2. Dezember am Göttinger Kiessee für kurze Zeit auf den Naturschutzbalken balancierten, sind sowohl ein neuer Rastvogel-Lokalrekord als auch eine Höchstzahl für diese Strukturelemente von hoher ökologischer Wertigkeit. Der regionale Winterbestand dürfte sich auf einem mittleren zweistelligen Niveau bewegt haben. Im letzten Winter sah es ähnlich aus. Daraus eine negative Trendwende abzulesen wäre jedoch verfrüht. Wenn es mehr Mäuse gibt, könnten die Zahlen wieder steigen.

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 5: Balken-Silberreiher am Kiessee. Foto: M. Siebner

Am 4. Februar gelangte, laut “Göttinger Tageblatt”, ein angeschossener Graureiher in eine Auffangstation in Hilkerode, wo er verstarb. Die Straftat geschah bei Westerode. Ob man den Kriminellen, der “aus dem Jagdbereich” stammen soll, dingfest machen wird? Darauf wetten sollte man besser nicht…

Milde Temperaturen bis Ende Januar, wenig Schnee und das opulente Angebot von Überschwemmungsflächen ermöglichten der Rekordzahl von mindestens zehn Weißstörchen die erfolgreiche Überwinterung, vor allem im Leinepolder Salzderhelden und Umgebung sowie im Umfeld des Seeburger Sees. Es dürfte sich mehrheitlich um ansässige Revierpaare gehandelt haben. Im Februar waren auch andere Brutplätze recht früh besetzt. Über Abwanderungen in der klirrenden Frostwoche zum Ende des Monats ist nichts bekannt.

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Abb. 6: Erwartungsvoll verfroren: Weißstorchpaar bei Hollenstedt. Foto: M. Siebner

Nur drei Kornweihen wurden gemeldet: Ein Weibchen am 26. Dezember im Polder und je ein Männchen am 9. Februar in der Feldmark Relliehausen und am 25. Februar in der Feldmark Moringen. Damit bestätigte sich der Status als (in der Regel) eher seltener Wintergast.
Fast schon Normalität: In der letzten Februardekade mischte ein junger Seeadler die Wasservögel am Freizeitsee und an der Geschiebesperre auf.
Noch seltener als Kornweihen traten winterliche Merline in Erscheinung: Am 26. Dezember hielt sich im Polder ein junges Weibchen auf.

Bedingt durch die milde Witterung stotterte der Wegzug der Kraniche vor sich hin. Am 21. Dezember rasteten noch 500 Ind. im Leinepolder. In der ersten Januardekade belebte sich das Zuggeschehen mit knapp 2000 Kälte-/Schneeflüchtern aus dem Nordosten. Bereits ab dem 1. Februar konnten erste Heimzugaktivitäten notiert werden. Bis zum 20. des Monats zogen mindestens ca. 2700 Ind. nach Nordosten - kühn der Kälte entgegen. In dieser Summe sind akustische Wahrnehmungen in der Dunkelheit nicht enthalten, daher könnten es auch einige mehr gewesen sein.
Wasserrallen sind auch im Winter an einigen Gewässern (vor allem am Seeburger See, wo heuer bis zu sechs vernommen wurden) nicht selten anzutreffen. Dagegen fiel je ein rufender Vogel am 2. Januar in der Schwülmeaue bei Adelebsen und am 30. Januar in der Göttinger Weststadt, in einem Brombeergebüsch neben einer überschwemmten Wiese, aus dem Rahmen.

Im Dezember ließen sich verbreitet noch Trupps des Kiebitz’ ausmachen. Die größte Anzahl wurde am 18. mit mindestens 220 Ind. am Seeanger registriert. Auch im Januar waren sie noch präsent, im Polder und an der Geschiebesperre Hollenstedt hielten sich Gruppen von knapp 40 Vögeln auf. Im kalten Februar war es ähnlich. Größere Heimzugbewegungen waren bis zum Ende des Berichtszeitraums nicht zu vermelden.
Am 10. Januar erschien an der Geschiebesperre ein Flussregenpfeifer, der dort bis (mindestens) zum 26. Februar ausharrte. Eine Überwinterung hat es in unserer Region noch nie gegeben, auch deutschlandweit war dieser optimistische Vogel einzigartig! Gleichwohl steht zu befürchten, dass er es nicht geschafft hat. Bei den extremen Wetterbedingungen dürfte sich das Nahrungsangebot weiter verschlechtert haben.

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Abb. 7: Überwinternder Flussregenpfeifer an der Geschiebesperre. Foto: V. Hesse

Am 29. Dezember zogen sechs Große Brachvögel aus dem Polder nach Nordwesten ab, am 20. Januar geriet ebenda noch ein Einzelvogel in den Blick.
Eine Waldschnepfe wurde am 19. Dezember am Westberg bei Harste hochgemacht. Ein weiterer Vogel flog am 31. Januar an der Rase bei Tiefenbrunn auf. Am 22. Februar gerieten in der Dämmerung nahe Eberhausen zwei umher fliegende Ind. in den Blick, am 25. Februar ein Einzelvogel ebenda.
Im Februar konnten in einem Sumpf im westlichen Landkreis Göttingen bemerkenswerte sieben Zwergschnepfen gezählt werden. Am 24. des Monats wurde ein Ind. an einem Graben südlich der Gartemühle bei Göttingen aufgescheucht.
Die Höchstzahlen überwinternder Bekassinen liegen von der Geschiebesperre mit bis zu 16 Ind. vor. Das Ausharren in der kalten Jahreszeit ist in unseren Gefilden, trotz “globaler Erwärmung”, gerade für Feuchtgebietsarten immer mit Risiken behaftet und kann jederzeit ein fatales Ende nehmen. Sind die Überlebenschancen unter wärmeren Bedingungen besser? Nicht unbedingt: Allein in Frankreich wurden in der Jagdsaison 2013/14 neben 43.183 Zwergschnepfen unfassbare 177.888 Bekassinen abgeknallt - als beliebter Volkssport und ganz legal…(Dutch Birding 40: 48).
An der Geschiebesperre überwinterte ab dem 14. Januar ein Waldwasserläufer.

Von der Steppenmöwe gab es zwölf Beobachtungen, die meisten vom Seeburger See, wo am 26. Dezember gleich drei Vögel notiert wurden. Die anderen stammten vom Göttinger Kiessee und der Geschiebesperre. Fast alle waren Altvögel.

Steppenmöwe - VHesse
Abb. 8: Steppenmöwe am Seeburger See. Foto: V. Hesse

Ringeltauben waren häufiger unterwegs als in anderen Wintern, teils in größeren Schwärmen. Mit 800 Ind. wurden die meisten am 23. Januar bei Obernjesa gezählt.
Aus lokaler Sicht sind 15 Türkentauben am 18. Dezember in Harste erwähnenswert.

Vom Eisvogel liegen 84 Beobachtungen vor. Das sind nur etwa halb so viele wie im letzten Winter (156 Beobachtungen). Möglicherweise haben wiederholte Starkregenereignisse und Hochwasserlagen Bruterfolg und Überleben beeinträchtigt.

Am 26. und 30. Januar quäkte an der Leine am Rand der Göttinger Weststadt ein Mittelspecht, nicht weit entfernt von dem urwüchsigen Wäldchen zwischen Leine und Gronemündung, das durchaus zum Brüten geeignet wäre. Der einzige bekannt gewordene Nachweis aus diesem Bereich liegt jedoch lange zurück und stammt aus dem Frühjahr 1996. Ob es sich bei einem Artgenossen, der im Februar mehrfach am Göttinger Kiessee gesehen und gehört wurde (vgl. auch eine Beobachtung vom 22. Oktober ebenda im vorigen Bericht) um denselben Vogel gehandelt hat, muss offen bleiben. Auf jeden Fall liegen, als regionale Novität, erste Hinweise auf Winterreviere in einiger Entfernung zu geschlossenen Waldgebieten vor.

Mittelspecht - VHesse
Abb. 9: Mittelspecht am Göttinger Waldkindergarten. Foto: V. Hesse

Vom Raubwürger kaum Neues: Er konnte als standortstreuer Winter-Reviervogel (mindestens drei Beobachtungen) auf dem Kerstlingeröder Feld, in der Feldmark östlich von Tiftlingerode sowie am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt ausgemacht werden. Am Diemardener Berg und in der Feldmark Atzenhausen ließ er sich zweimal blicken. Einzelbeobachtungen kommen aus dem Bratental, aus der Feldmark Gö.-Deppoldshausen und aus dem Hochsolling (Neuer Teich).

Saatkrähen waren, sehr erfreulich, deutlich besser vertreten als in anderen Wintern. In der südlichen Göttinger Feldmark bis kurz vor Niedernjesa überwinterten ca. 35 Vögel, im Februar konnten dort sogar bis zu 70 Ind. gezählt werden.

Das Januar-Maximum von 43 Feldlerchen am 26. des Monats in der Feldmark Gö.-Geismar fiel angesichts der milden Temperaturen eher mager aus.

Am Seeanger flogen am 23. Dezember mindestens zehn Bartmeisen umher.
Von der nordöstlichen, bei uns sehr selten in Erscheinung tretenden Nominatform der Schwanzmeise (nicht zu verwechseln mit weißköpfigen Vertretern der hier vorkommenden Unterart) liegen drei Beobachtungen von zwei Vögeln vor, beide fotografisch dokumentiert: Vom 1. und 5. Januar in Hann. Münden sowie vom 13. Februar im Forstbotanischen Garten im Göttinger Norden. Sie waren ohne Artgenossen unterwegs (in Münden zusammen mit Blaumeisen), was für das regionale Auftreten typisch ist.

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Abb. 10: Strahlend weiß mit Knopfauge: Nordöstliche Schwanzmeise.
Foto: W. Vogeley

Rekordverdächtige 25 Zilpzalpe sorgten für Aufmerksamkeit. Hinweise auf durchgehende Überwinterungen (bei uns sehr selten) gab es von der Kläranlage in der Göttinger Weststadt. An diesem neu erschlossenen Hotspot konnten am 17. Dezember bis zu fünf Ind. ausgemacht werden, auch im Januar/Anfang Februar hielten sich dort noch bis zu drei Vögel auf. Vom Seeburger See gibt es Anzeichen für das Durchhalten von ein bis zwei Ind. Wie es den zarten Insektenfressern ab Mitte Februar ergangen ist bleibt ungewiss.
Gab es, wie mancher vermuten würde, ähnlich viele ausharrende Mönchsgrasmücken? Von wegen! Ganze zwei Männchen wurden notiert, am 2. Januar in Duderstadt und am 14. Januar an einem Rosdorfer Meisenknödel.
Vom Sommergoldhähnchen existieren fünf Beobachtungen von insgesamt sieben Ind. Diese Zahl bewegt sich ungefähr in der Größenordnung des vergangenen Winters. Ob sich ein anhaltend positiver Trend abzeichnet bleibt abzuwarten.

Am 11. Januar suchten vier Seidenschwänze die Nähe des Polizeireviers in Gö.-Weende. Das war’s auch schon mit dem von einigen erhofften Masseneinflug…
Am 20. Januar wurden, als große Ausnahme, im Leinepolder 400 Stare gezählt. Ansonsten war der “Vogel des Jahres 2018″ im Hochwinter nur im niedrigen zweistelligen Bereich vertreten. Damit bestätigte sich erneut, dass das Ausharren von Vogelarten nicht allein von den Temperaturen bestimmt wird, sondern genauso von einer Vielzahl anderer Faktoren (vgl. das Starenporträt auf dieser Homepage).

Misteldrossel - MSiebner
Abb. 11: Größe und ausgedehnte, eher ovale Flecken verraten es:
Das ist keine Sing-, sondern eine Misteldrossel. Foto: M. Siebner

Anders als in klimatisch milderen Regionen Westdeutschlands weist die Chronik unserer Vogelwelt über Jahrzehnte nur die buchstäbliche Handvoll Hochwinterbeobachtungen der Singdrossel auf. Auch in diesem Winter gab es keinen Nachweis, nicht einmal von einem verbummelten Dezember-Vogel. Im starken Kontrast dazu wurden bei der NABU-”Stunde der Wintervögel” Anfang Januar aus 599 Gärten in den Landkreisen Göttingen und Northeim 33 Singdrosseln gemeldet. Obwohl nicht auszuschließen ist, dass sich darunter der ein oder andere korrekt bestimmte Futterhausbesucher befunden haben könnte, sind Verwechslungen mit anderen Drosselarten, speziell mit dem verbreiteten Wintergast Misteldrossel, um einiges wahrscheinlicher. Solche Mondzahlen sind der Aussagekraft dieses als “wissenschaftliches Erfassungsprogramm” beworbenen Events kaum förderlich. Auch dienen sie leider häufig als pauschaler Beleg, dass “Zugvögel immer mehr zu Standvögeln werden”…

Wie im letzten Winter überwinterte in der Feldmark südlich von Göttingen ein Schwarzkehlchen, diesmal vor allem auf einem großen Rübenacker, der wegen der Nässe nicht abgeerntet werden konnte und später nur die Biogasanlage befeuterte.

Schwarzkehlchen - MSiebner
Abb. 12: Überwinterndes Schwarzkehlchen im Süden von Göttingen. Foto: M. Siebner

So viele Hausrotschwänze gab es noch nie in einem Winter: Es liegen Meldungen zu mindestens 30 verschiedenen Ind. vor. Die meisten Dezember-Vögel im Offenland (z.B. bis zu neun Ind. in der Feldmark Rosdorf) betrafen wohl den späten Wegzug. In Göttingen gab es einmalige Konzentrationen an einigen günstigen Ecken. Auf dem aus dem letzten Winterbericht bekannten begrünten Flachdach (mit “Fußbodenheizung”) in der Göttinger Weststadt verweilten über Wochen bis zu fünf Ind. Ähnlich sah es an der Kläranlage im Göttinger Westen aus, wo sich ebenfalls bis zu fünf Vögel einfanden. An der JVA Rosdorf, einem weiteren beliebten Winter-Luftkurort, ließen sich bis zu drei ausmachen. Hinweise auf einen ausharrenden Vogel stammten wie im letzten Jahr von der Norduni. Im weiteren Verlauf gingen die Zahlen aber zurück. Am Klärwerk wurde nach dem 17. Januar kein Hausrotschwanz mehr gesehen. Die Flachdach- und Knastpopulationen schrumpften im Februar auf jeweils ein bis zwei Vögel, so dass sich am vertrauten Regionalbild von Überwinterungen, die selten erfolgreich verlaufen, letztlich kaum etwas änderte. Gleichwohl ist ein positiver Trend bei den Zahlen, in schneearmen Wintern wohlgemerkt, unverkennbar.

Aus dem Januar gibt es bemerkenswerte 23 Beobachtungen von insgesamt 29 Heckenbraunellen. Wie viele länger verweilten ist wegen ihres heimlichen bzw. unauffälligen Verhaltens schwer zu sagen. Immerhin: In den beiden Göttinger Botanischen Gärten überwinterte je ein Vogel. Auch das traditionelle Überwinterungsareal am Northeimer Freizeitsee war wieder besetzt. Hinweise auf ein langes Ausharren lagen auch von der Göttinger Norduni vor.

Der am 2. Oktober 2016 von M. Mooij mit einer Tonaufnahme belegte Waldpieper über dem Kerstlingeröder Feld ist von der Deutschen Avifaunistischen Kommission (DAK) anerkannt. Damit steht die regionale Artenliste jetzt bei 331 Arten/Taxa.
Nennenswerte hochwinterliche Ansammlungen des Wiesenpiepers gab es nur am 13. Januar in der “Kalahari” (GVZ III) im Göttinger Westen sowie am 21. Januar am Seeanger, mit jeweils 15 Ind.
Mehr vom Winter- und Heimzugvorkommen des Bergpiepers im nächsten Bericht.
Am Göttinger Klärwerk überwinterten ca. zwei bis drei Gebirgsstelzen. Das ortsfeste Ausharren ist durchaus ungewöhnlich. Meist fliegen die Vögel weit umher, was eine Quantifizierung des Winterbestands schwierig macht. Dieser dürfte in Göttingen (Kiessee, Flüthewehr, Leinekanal, Levin-Park) grob geschätzt bei ca. fünf Ind. gelegen haben, mit den Klärwerkern also um die acht, was einen Bestand im guten Durchschnitt anzeigt.

Gebirgsstelze - MSiebner
Abb. 13: Gebirgsstelze am Levin-Park. Foto: M. Siebner

Sehr ungewöhnlich sind bis zu 100 wagemutige Bachstelzen, die sich im Januar peu à peu an Überschwemmungsflächen in der Feldmark Reinshof versammelten. Zunächst machten sie einen munteren Eindruck. Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Anfang Februar trat die berüchtigte Gülle-Bewegung auf den Plan und verwandelte die Felder in Kloaken, über denen ein beißender Gestank von Ammoniak hing. Die Vögel waren zum Ausweichen gezwungen. Ende Februar konnten in der Feldmark Geismar noch ca. 30 Ind. ausgemacht werden, denen es bei zunehmender Vereisung, strengem Frost und einem grimmigen Ostwind alles andere als gut ging… Immerhin wärmte, bei mäßigen Minusgraden tagsüber, die Sonne schon etwas.

Vom gigantischen Herbsteinflug von Kernbeißern nach Mittel- und Westeuropa ist unsere Region allenfalls gestreift worden. Nur der Göttinger Stadtfriedhof, wo bis zu 60 Ind. herumzickten, lieferte einen matten Abglanz.
Über das Auftreten nordischer “Trompetergimpel“, deren Aufenthalt sich bis Ende März hinziehen kann, wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
An der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende überwinterten, wie in den Jahren zuvor, bis zu elf Girlitze.
Wie diffizil sich die Einordnung mancher Beobachtungen gestalten kann, zeigt das folgende Beispiel: Am 30. Januar geriet in der Feldmark Wiershausen ein hektischer Schwarm von ca. 40 Finkenvögeln ins Blickfeld eines Beobachters. Die perfekt verfasste Beschreibung mit Auflistung buchstäblich aller Bestimmungsmerkmale (einschließlich des Gesangs!) kann eigentlich nur den Schluss zulassen, dass es sich um Berghänflinge gehandelt hat. Fotos und/oder Tonaufnahmen, die letzte Zweifel hätten ausräumen können, liegen leider nicht vor. Einen Schwarm in dieser Größenordnung hat es in unserer Region zuletzt vor mehr als 30 Jahren gegeben. Mittlerweile ist die Art hier eine echte Rarität. Der jüngste Nachweis (von zwei Ind.) stammt aus dem November 2013 aus der Feldmark Behrensen. Auch der Aufenthaltsort der Vögel im waldreichen Bergland fällt aus dem Rahmen: Bis dato wurden Berghänflinge fast nur auf ausgedehnten Offen-/Ruderalflächen im Leinetal oder im Eichsfeld beobachtet.

Birkenzeisig - MSiebner
Abb. 14: Birkenzeisig. Foto: M. Siebner

Der imposante, bereits im Vorbericht erwähnte Einflug von östlichen Birkenzeisigen hielt auch im Winter unvermindert an. Er kulminierte am 7. Januar am Seeburger See mit einem kolossalen Schwarm von ca. 1200 Vögeln, unter denen sich auch ein paar andere Finken verborgen haben könnten. Die größte beim Einflug 1995 notierte Ansammlung war weniger als halb so groß.
Der Fang eines in Nordostchina (Provinz Heilongjiang) beringten “Taigabirkenzeisigs” am 24. Dezember in Dänemark beleuchtet eindrucksvoll, aus welchen Großräumen zumindest einige dieser Vögel nach Europa geflogen sind. Singulär sind solche Nomaden nicht: Mittlerweile liegen seit 1985 mindestens sieben Wiederfunde vor (vgl. V. van der Spek in www.turnstones.org), sowohl von in Nordostchina beringten Vögeln in Westeuropa als auch umgekehrt. Zwischen Beringungs- und Wiederfundort lagen jeweils 6000 bis mehr als 7000 km. Die Zeitspanne schwankte zwischen ungefähr einem Jahr und mehr als vier Jahren. Man kann staunend nachvollziehen, wie die agilen Kerlchen munter durch den endlosen eurasischen Waldgürtel stromern und vermutlich, je nach Nahrungsangebot, irgendwo auch Zeit zum Brüten finden.
Interessant ist auch der vergleichsweise hohe Anteil von “Alpenbirkenzeisigen”. Sie traten zwar deutlich spärlicher als ihre hellen Artgenossen in Erscheinung, bildeten aber ebenfalls ansehnliche Schwärme wie z. B. mit mindestens 180 Ind. am 18. Dezember am Seeburger See. Das Verbreitungsgebiet des “Alpenbirkenzeisigs” ist, verglichen mit den Taigabewohnern, recht klein und im Wesentlichen auf Teile Mittel- und Westeuropas beschränkt. Woher stammten diese Vögel? Wurden sie erst in Mitteleuropa mitgerissen? Oder gibt es auch im Osten Birkenzeisige, die so dunkel sind?
Bei der schieren Masse der Invasoren war es fast schon unvermeidlich, dass einige sehr helle Individuen vor die Optik gerieten. Einer dieser als “Polarbirkenzeisig” gemeldeten Kandidaten vom 22. und 23. Dezember nahe dem Seeanger wies Merkmale auf, die in dieser Kombination nicht zu einer der bislang bekannten Formen passten. Ein weiterer vom 1. und 10. Februar am Seeburger See wirkte auf den (”miesen”) Fotos sehr hell (”Schneeball”). Hier gingen namhafte, vom Beobachter angefragte Experten von einem sicheren “Polarbirkenzeisig” aus. In den Augen anderer, bei weitem nicht so prominenter Vogelkenner lassen Fotoqualität und Beobachtungsumstände eine sichere Diagnose nicht zu. Die DAK, die als letzte Instanz über die Validität der Nachweise zu befinden hat, ist wahrlich nicht zu beneiden…

Eine Grauammer hielt sich am 14. Februar in der Feldmark Atzenhausen in einem Schwarm Goldammern auf. Im vergangenen Winter gab es Nachweise aus der Feldmark Reinshof und vom Northeimer Freizeitsee. Bahnt sich hier eine interessante Entwicklung an?
An den ehemaligen Tongruben Siekgraben überwinterten, aus regionaler Sicht bemerkenswert, zwei Rohrammern.

Damit schließt dieser Bericht, der nahezu komplett auf Angaben in unserer Datenbank ornitho.de beruht.

Hans H. Dörrie

Schwarzhalstaucher - BRiedel
Abb. 15: Wacker: Schwarzhalstaucher auf dem Northeimer Freizeitsee.
Foto: B. Riedel

Ein herzlicher Dank geht an die Beobachterinnen und Beobachter:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, A. Delius, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, F. Grau, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, D. Jákli, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, A. Krätzel, M. Kuschereitz, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, S. Paul, F. Petrick, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, U. Rees, B. Riedel, H. Rumpeltin, C. Schmidt, H. Schmidt, D. Schopnie, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, A. Wiedenmann, D. Wucherpfennig und andere.

Grünfink - MSiebner
Abb. 16: Grünfink in der Feldmark Reinshof. Foto: M. Siebner

March 4th, 2018

Späte Brutzeit und Wegzug 2017 in Süd-Niedersachsen: Wind und Regen ohne Ende

Mittelsäger - M.Siebner
Abb. 1: Mittelsäger am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Wetter im Berichtszeitraum Juli - November gestaltete sich, nun ja, recht wechselhaft. Stabile Hochdrucklagen im Sommer: Fehlanzeige. Die Folge war ein extrem nasser Juli. So etwas ist in unseren Breiten nicht ungewöhnlich. In der letzten Dekade des Monats kam es jedoch besonders heftig: Das Tiefdruckgebiet „Alfred“, ein veritables Ekel, sorgte für tagelangen, unwetterartigen Dauerregen. Die Pegel der Leine und ihrer Nebenflüsse stiegen dramatisch. Nördlich des Harzes war auf großer Fläche Land unter. In Süd-Niedersachsen kam es nicht ganz so schlimm, doch mussten der Leinepolder Salzderhelden und der Seeanger zeitweise aufgestaut werden, um der Wassermassen Herr zu werden. Über Brutverluste in diesen Gebieten kann man nur spekulieren. Weil der Stau im Hochsommer erfolgte, könnten sie sich, ein paar Spätbrüter ausgenommen, in Grenzen gehalten haben. Das Wasser stand über Wochen in den Niederungen und wurde im August mit Nachschub versorgt. Davon profitierten rastende Wat-, Wasser- und Schreitvögel.

Braunkehlchen - M.Siebner
Abb. 2: Junges Braunkehlchen am Rand des aufgestauten Leinepolders.
Foto: M. Siebner

Die Folgemonate waren unter anderem von den Sturmtiefs „Sebastian“ am 13. September, „Xavier“ vom 6. bis 8. Oktober und „Herwart“ am 29. Oktober geprägt. Sie sorgten für Schäden am Baumbestand, besonders sinnfällig „Herwart“, der im Levin-Park eine alte Weide zum Einsturz brachte, auf der in den Vorjahren Graureiher gebrütet hatten. Oktober und November waren grau, langweilig und von Hochnebel gekennzeichnet. Und natürlich immer schön feucht…
War das Vogelleben ähnlich eintönig? Das mag die geneigte Leserschaft entscheiden, wenn sie die folgenden Zeilen hinter sich gebracht hat.

Beobachtungen eines Höckerschwan-Paars mit sechs nichtflüggen Kleinen Ende Juli und Anfang August zeigten im Leinepolder eine zweite erfolgreiche Brut an, die achte in der Region. Das erste Paar (mit vier Kleinen) wurde nach dem 10. Juni nicht mehr gemeldet.
Am 7. Oktober rasteten sieben Kanadagänse an den Northeimer Kiesteichen. Das erfolgreiche Brutpaar vom Lutteranger (erste Brut in der Region) ließ sich bis Mitte September im Seeanger blicken.
Im Herbst fanden sich am Seeburger See bis zu zwei stationäre Weißwangengänse ein, an der Geschiebesperre Hollenstedt am 30. Oktober ein Einzelvogel.
Die treue Graugans aus Tschechien mit der Markierung I29 verbringt jetzt schon ihr viertes Jahr bei uns. Auch der aus dem Herbst 2015 bekannte, ebenfalls 2012 in Tschechien markierte Vogel mit der Signatur T48 meldete sich (am Seeanger) zurück. Am 9. November traf an der Geschiebesperre Hollenstedt ein polnischer Artgenosse (YP020) ein.

Graugans - M.Göpfert
Abb. 3: Zurück: Graugans T48 im Seeanger. Foto: M. Göpfert

Von der nahezu ganzjährig produktiven Nilgans sind von Ende Juli bis Anfang September weitere Bruten zu vermelden: Im Leinepolder Salzderhelden (II) mit vier sowie an der ehemaligen Kiesgrube im Polder I mit mindestens vier Kleinen, an der Kiesgrube Angerstein (zwei Jungvögel, erster lokaler Brutnachweis), in Bodensee (sieben Kleine), am Seeanger (vier oder fünf Kleine) und im Göttinger Levin-Park (Brut eines zweiten Paars im Graureihernest, anfangs fünf, später nur noch drei Kleine). Möglicherweise hat es am Golfplatz Levershausen, wo Anfang August eine Familie mit sieben flüggen Jungen gesehen wurde, eine Brut gegeben. Auch bei einer Familie mit flüggem Nachwuchs in gleicher Zahl, die sich Mitte bis Ende August an den ehemaligen Tongruben Siekgraben und der Alten Rosdorfer Tongrube aufhielt ist nicht klar, wo die Brut stattgefunden hat. Insgesamt 14 bis 16 erfolgreiche Bruten liegen im guten Schnitt der letzten Jahre, von einem rasanten Anstieg der Brutpopulation ist unsere Region immer noch weit entfernt. Die Maximalzahl für den Berichtszeitraum liegt vom 20. August mit 220 Ind. aus dem Leinepolder vor.
Brandgänse waren ständig präsent, jedoch in geringer Anzahl. Die Maximalzahlen wurden im August mit jeweils fünf Ind. im Leinepolder und am Göttinger Kiessee (!) erreicht.
Eine Rostgans rastete am 13. August im Seeanger, zwei Ind. waren am 15. September im Leinepolder.

Von Ende Oktober bis Ende November trafen (erneut) bis zu drei Mandarinenten (2 M., 1 W.) am Duderstädter Obertorteich ein. Am nahen Stadtwall stehen viele alte Bäume mit potentiellen Bruthöhlen. Eine Ansiedlung wäre für die Eichsfeldmetropole sicher eine Attraktion, die in ihrer Strahlkraft den diversen Weihestätten eines global agierenden Prothesenfabrikanten nicht nachstehen würde.
Ziemlich katastrophal fiel der Schlupferfolg der Reiherente aus: Im Landkreis Göttingen gab es keine erfolgreiche Brut. Im Landkreis Northeim führte ein Weibchen am 31. Juli an der Kiesgrube Angerstein sechs Kleine, an der Geschiebesperre Hollenstedt war im August ein Weibchen mit fünf und im Leinepolder mit vier Jungen präsent. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat „Alfred“ mit seinen Wassermassen die Fortpflanzung dieser spät brütenden Art schwer beeinträchtigt.
Ab dem 31. Oktober ließ sich am Seeburger See bis zum Ende des Berichtszeitraums ein männlicher Hybrid Tafel- x Reiherente (vom Typ „Kleine Bergente“, aber mit mehr Schwarz in der Schnabelspitze und dunklerer Oberseite als diese nordamerikanische Art) bestimmen.

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Abb. 4: Hybrid Tafel- x Reiherente am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Aus einer anderen Mischpaarung stammte ein männlicher Hybrid Moor- x Tafelente, der am 4. Juli den Göttinger Kiessee zierte.

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Abb. 5: Hybrid Moor- x Tafelente am Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Trio von Fehltritt-Resultaten nach dem Motto „lieber Sex mit einer anderen Art als gar keinen“ komplettierte am 28. September ein Hybrid Moor- x Reiherente an der Kiesgrube Angerstein.
An der Geschiebesperre Hollenstedt hielten sich im Juli über Wochen ein bis zwei weibliche Gänsesäger auf. Am Göttinger Kiessee zeigte sich am 16. Juli ein flügger Jungvogel, dem am 12. August an der Kiesgrube Reinshof bemerkenswerte vier Artgenossen folgten, ebenfalls noch jung.
Schlicht gefärbt war ein Mittelsäger vom 17. November an den Northeimer Kiesteichen. Ein Männchen hielt sich vom 22. bis 29. des Monats am Göttinger Kiessee unter Gänsesägern auf.

Von der Wachtel liegen vom 1. Mai bis 21. September 20 mehrheitlich akustische Wahrnehmungen vor, die mindestens 16 Vögel betreffen. Am Diemardener Berg und bei Mollenfelde hielten sich balzende Hähne mehr als eine Woche auf, so dass zumindest hier von Anzeichen für Revierbesetzungen auszugehen ist.
Mindestens ein rufender Fasan ließ im Oktober in der Rhumeaue die Beobachter aufschrecken. Bei Wollbrandshausen wurde ein Weibchen tot in einer Streuobstwiese gefunden.

Die einzigen Bruten des Zwergtauchers scheint es in diesem Jahr nur in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden gegeben haben. Hier waren drei Paare mit sieben erfolgreichen Bruten sehr produktiv. Von den Klärteichen bei Lauenberg liegt vom 22. August die Beobachtung eines Paars mit einem Jungvogel ohne genauere Statusangabe vor. An der Südseite des Göttinger Kiessee trillerte ein Männchen über Monate heimlich vor sich hin. Später ließ sich auch ein (flügger) Jungvogel blicken, der aber mit Sicherheit dort nicht erbrütet wurde.

Zwergtaucher - S.Hillmer
Abb. 6: Zwergtaucher am Flüthewehr. Foto: S. Hillmer

Am Seeburger See brüteten mindestens 17 Paare des Haubentauchers auf Teichrosenblättern. Mindestens 14 von ihnen hatten Schlupferfolg. Das seit 2015 präsente Paar an der Kiesgrube Reinshof brachte einen Jungvogel hoch. An der Kiesgrube Klein Schneen verlief eine Neuansiedlung mit zwei flügge gewordenen Jungvögeln erfolgreich. Am Göttinger Kiessee wurden vier Junge aus zwei (von ursprünglich drei) Bruten selbständig. An den Thiershäuser Teichen waren zwei Paare erfolgreich. An den Northeimer „Wunderteichen“ und Kiesteichen gab es insgesamt vier Bruten mit Schlupferfolg.
Am Seeburger See hielten sich am 21. Oktober zwei Rothalstaucher auf, danach war bis zum 16. November ein Einzelvogel (immer derselbe?) präsent. Im November ließ sich einer am Northeimer Freizeitsee an mehreren Tagen ausmachen.
Sieben Schwarzhalstaucher mit längerer Verweildauer am Seeburger See sind für Ende November eine ganze Menge.

Eine Rohrdommel flog am 13. November gegen Abend über den Leinepolder (II) gen Süden.
Eine Zwergdommel ließ sich am 18. August am Seeanger für kurze Zeit ausmachen.
Am frühen Morgen des 17. Juli machte sich über Gö.-Nikolausberg ein nach Osten fliegender Nachreiher bemerkbar.
Die Rastzahlen des Silberreihers dümpeln bis dato auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Während nach dem Anstau Ende Juli/Anfang August immerhin bis zu 23 Vögel im Leinepolder Salzderhelden auf die Kleinsäugerjagd gingen, halbierten sich die Zahlen in den Wochen danach. Anscheinend gab es jetzt nur noch wenig zu beißen. Wie im letzten Jahr wurde das Maximum am Seeburger See erreicht, mit 46 Ind. am 16. November. Vermutlich hat Mäusemangel nach den starken Niederschlägen und Überschwemmungen die Rastzahlen erneut negativ beeinflusst.

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 7: Silberreiher am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Bei den Göttinger Graureihern am Kiessee flog der letzte Jungvogel erst Anfang September aus. Das ist für diese Art bemerkenswert spät.
Am 4. September rastete ein Seidenreiher an der Geschiebesperre Hollenstedt.

Für den Schwarzstorch verlief die Brutsaison durchwachsen. Im Solling brüteten drei Paare, zwei davon erfolglos (Abbruch der Brut). Das erfolgreiche Paar brachte nur einen Jungvogel hoch. Im Bramwald hat sich 2016 ein zweites Paar angesiedelt. Beide waren mit flügge gewordenen Jungvögeln erfolgreich. Im Landkreis Göttingen steht das Nest im Kaufunger Wald seit 2014 leer - bezeichnenderweise nach dem Beginn hessischer Windkraftplanungen nahebei… Auch der Brutplatz im Nörtener Wald ist seit drei Jahren verwaist. Dagegen gab es in diesem Jahr im Raum Ebergötzen eine Neuansiedlung, die mit zwei erst im August flügge gewordenen Jungvögeln erfolgreich verlief. Die beiden anderen Paare konnten insgesamt vier Jungvögel zum Ausfliegen bringen. Der Brutbestand im Bergland wird als stabil eingestuft, während er im Flachland zunehmend von Seeadlern beeinträchtigt wird, die sich über die Nestlinge hermachen.
Um den 15. August rasteten bis zu 33 Schwarzstörche im Leinepolder, eine Rekordzahl. Am Seeanger und in der Rhumeaue brachten sie es auf fünf bis sechs Ind., darunter drei Jungvögel. Am 4. August stand ein Jungvogel in einem Hausgarten in Moringen. Solche scheinbar „zutraulichen“ Vögel gibt es immer wieder.

Schwarzstorch - J.Meyer
Abb. 8: Nicht aus Plastik: Hausgarten-Schwarzstorch in Moringen. Foto: J. Meyer

Im Leinepolder zeigten bis zu 87 Weißstörche im August ihr Maximum, auch dies eine Rekordzahl. Im Seeanger waren es am 10. September maximal „nur“ 21 Rastvögel. Im Umfeld des Leinepolders scheinen vier Vögel überwintern zu wollen.

Am Seeanger jagten am 18. September drei Fischadler gleichzeitig. Darüber hinaus wurden, Doppelzählungen inbegriffen, vom 19. Juli bis zum 14. Oktober weitere 43 rastende und ziehende Vögel gemeldet, die einen Wegzug im üblichen Rahmen anzeigten.
Die maximale Tagessumme ziehender Wespenbussarde stammt mit 12 Ind. vom 27. August aus dem Luftraum über Gö.-Nikolausberg. Ansonsten liegen aus der Zeit vom 13. Juli bis 3. Oktober 16 Beobachtungen von insgesamt 23 Ind. vor.
Am 27. August zog ein Schlangenadler über Gö.-Nikolausberg (M. Göpfert). Es gibt zwei Belegfotos. Nach Anerkennung durch die Avifaunistische Kommission Niedersachsen/Bremen (AKNB) wäre dies, nach einem Vogel über dem Seeanger vom 10. August 2013, der zweite regionale Nachweis.
Wiesenweihen gerieten wie gewohnt sehr spärlich ins Blickfeld: Je ein adultes Männchen am 23. August und am 17. September in der Feldmark Relliehausen (Sollingvorland), am 27. August über dem Wüsten Berg (diesj. W.) und am 6. September über dem Seeanger (ad. W.).

Wiesenweihe - M.Siebner
Abb. 9: Ziehende Wiesenweihe über dem Wüsten Berg. Foto: M. Siebner

Am 23. Juni, also an einem aus regionaler Sicht recht ungewöhnlichen Datum, stand bei Groß Lengden ein adulter Seeadler vor einer mit einem Wildschweinkadaver bestückten Wildtierkamera. Ebenfalls alt sah ein Artgenosse aus, der am 5. August (auch dieses Datum ist ungewöhnlich) am Leinepolder ausgemacht wurde. Ein anderer vom 15. September ebenda war hingegen noch nicht ausgefärbt. Vermutlich dieser Vogel hatte bereits am 10. September an der Geschiebesperre die Wasservögel in Aufruhr versetzt. Den (vorläufigen) Schlusspunkt setzte ein älteres Semester am 27. Oktober in der Feldmark Reinshof.

Am 19. November flog, von Krähen gemobbt, ein Raufußbussard über den Seeanger.

Wegziehende Merline traten am 7. Oktober über dem Kerstlingeröder Feld (2 diesj. W.), am 13. Oktober ebenda (ad. M.), am 28. Oktober im Leinepolder (immat. Ind., das sich mit einem Sperber balgte) und am 29. Oktober am Seeanger (ad. M., auf einem Busch rastend) in Erscheinung.
Am 8. August flog ein vorjähriges Männchen des Rotfußfalken über den Seeanger.

Bis dato verlief der Wegzug des Kranichs auf (mittlerweile) gewohnt niedrigem Niveau. Eine vierstellige Summe aktiv ziehender Vögel wurde nur am 30. Oktober erreicht, an allen anderen Tagen tröpfelte der Wegzug mit in der Regel zwei- bis sehr niedrigen dreistelligen Zahlen vor sich hin. Für den 30. Oktober ergibt eine wohlwollende Auswertung, in der wahrscheinlich auch Doppel- und Dreifachmeldungen identischer Trupps enthalten sind, knapp 2000 Vögel. Weil viele Beobachter/innen immer noch auf die Angabe der Uhrzeit verzichten, war eine annähernd genaue Bezifferung der Tagessumme nicht möglich. Das ist aber nicht weiter tragisch. Bundesweite Zählungen an den Rastplätzen, nicht zu vergessen die täglichen Erhebungen am Lac du Der in Frankreich, sind von größerer Aussagekraft. In der ersten Novemberhälfte wurde, immerhin, ein Rast- und Sammelplatz im Leinepolder von bis zu 1300 Ind. angeflogen. Die moderaten Zahlen kommen dadurch zustande, dass die meisten Kraniche ihre nach der Jahrtausendwende entstandenen Rastplätze in West-Niedersachsen nördlich des Harzes anfliegen. Andere ziehen vom ca. 60 km südöstlich von Göttingen gelegenen Helme-Stausee bei Kelbra/ Nordhausen nach Südwesten. Damit liegen wir quasi im toten Winkel, und der Kranichzug mutiert für seine Bewunderer zum Kranich-Entzug.

Kranich - M.Siebner
Abb. 10: In diesem Herbst wurden derart große Kranichformationen über Göttingen leider nicht gesichtet. Foto: M. Siebner

Vom 31. August bis 29. September wuselten am Seeanger bis zu drei Tüpfelsumpfhühner an der Schilfkante.

Am 22. und 23. September rasteten zwei Kiebitzregenpfeifer im Seeanger. Goldregenpfeifer machten sich ausgesprochen rar: Am 7. November standen sieben in der Feldmark Ballenhausen, am 13. November zwei im Leinepolder.
Kiebitze erreichten auf dem sommerlichen Mauserzug am 30. Juli mit 150 Ind. im Seeanger ihr klägliches Maximum. Im Herbst bestand die größte Ansammlung am 30.10. aus 380 Vögeln ebenda. Für den Wegzug kann das, aus regionaler Sicht, mittlerweile wohl als „Riesenschwarm“ gelten. Der Kiebitz, dessen Brutplätze Maiswüsten bis zum Horizont weichen mussten oder durch monströse Wind“parks“ entwertet wurden, wird von der „Energiewende“ besonders gebeutelt. Von den gängigen, der industriellen Landwirtschaft gegen gutes Geld mühsam abgerungenen Habitataufwertungen wie Blühstreifen oder Hecken profitiert er als Wiesenbrüter nicht. Doch jetzt ist in der prekären Lebenswirklichkeit des Vogels eine dramatische, beinahe wundersame Wende eingetreten: Seit einer Wahlkampfrede der Co-Parteichefin kann sich der Kiebitz, neben dem Zitronenfalter, des besonderen Patronats der Grünen erfreuen. Jetzt wird bestimmt alles wieder gut, oder?

Kiebitz - C.Schmidt
Abb. 11: Kiebitzschwarm über dem Seeanger. Foto: C. Schmidt

Sandregenpfeifer präsentierten am 20. September im Seeanger mit fünf Ind. ihr Maximum. Ein Nachzügler trippelte am 19. November an der Geschiebesperre.
Mornellregenpfeifer waren recht gut vertreten: Am 21. August zog einer über den Diemardener Berg. Ihm folgte ein Einzelvogel vom 23. August am Wüsten Berg. Am 26. August rasteten und zogen insgesamt 24 Ind. (wohl mehrheitlich Altvögel) in mehreren Trupps auf bzw. über ebendiese Erhebung. Drei Ind. flogen am 3. September über den Seeanger. Den Schlusspunkt setzten zwei Vögel, die am 16. September auf einem Acker neben der B 3 bei Vogelbeck eine kurze Rast einlegten und Richtung Northeim abzogen.

Während am 9. August im Leinepolder zwei Regenbrachvögel rasteten, wurden vom 24. Juli bis zum 13. August am Seeanger und Seeburger See an sechs Tagen nur Einzelvögel gesehen/gehört.
Deutlich besser war der Große Brachvogel vertreten: Im Leinepolder hielten sich bis zu 23 Ind. (10. September) auf, am Seeanger belief sich die maximale Tagessumme auf zehn Ind. (16. August).
Von der Waldschnepfe liegen nur drei Meldungen vor: Am 26. Oktober flog eine über das Naturschutzgebiet Friedrichshäuser Bruch im Hochsolling, am 8. November lag eine tot im Göttinger Ostviertel und am 25. November wurde eine bei einer Treibjagd am Sommerberg bei Gö.-Hetjershausen aufgescheucht (und hat dies hoffentlich überlebt).
Von Ende September bis Anfang November geriet am Seeanger an vier Tagen je eine Zwergschnepfe vor die Optik.
Rastende Bekassinen erreichten Anfang September am Seeanger mit bis zu 70 Ind. ihr Maximum. An der Geschiebesperre Hollenstedt und im Leinepolder Salzderhelden lagen die Höchstzahlen im August bzw. Anfang November bei jeweils 32 Ind., wobei anzumerken ist, dass die ausgedehnten, aber weit entfernten Feuchtflächen im Polder von den Deichen aus nur ungenügend abgespechtet werden konnten.
Die Wegzugzahlen des Flussuferläufers lagen ziemlich im Keller und bewegten sich in der Regel im niedrigen einstelligen Bereich. Die Ausnahme waren zwölf Ind. am 15. September am Seeburger See und, etwas skurril, elf Ind., die am Abend des 1. September beim Start des Open Air-Kinos im Göttinger Freibad an der nahen Leine das Weite suchten.

Flussuferläufer - M.Siebner
Abb. 12: Flussuferläufer auf einem der Kiessee-Balken. Foto: M. Siebner

Acht Dunkle Wasserläufer erreichten am 20. Oktober am Seeanger ihr Maximum.
Rotschenkel waren, wie vom Wegzug gewohnt, spärlich vertreten, mit maximal zwei Ind. im Leinepolder.
Grünschenkel machten sich eher rar. Ihre Rastzahlen bewegten sich durch die Bank im einstelligen Bereich.
Dies betrifft auch den Waldwasserläufer, mit Ausnahme des 19. August, als elf Ind. von der Geschiebesperre abflogen.
Auch die höchsten Tagessummen des Bruchwasserläufers fielen im August im Leinepolder mit ca. 30 Ind. und am Seeanger mit 22. Ind. nicht gerade üppig aus.
Kampfläufer erreichten mit 20 bzw. 21 Ind. im Leinepolder und am Seeanger eher typische Wegzugmaxima.
Ein Steinwälzer lieferte am 2. September am Seeanger einen der eher seltenen Wegzugnachweise.
Ein junger Knutt vom 24. und 26. August im Polder sowie zwei junge Sanderlinge vom 29. September am Seeanger sind eine besondere Erwähnung wert.
Am Seeanger rasteten im September bis zu fünf Zwergstrandläufer, mehrheitlich Jungvögel.
Ein junger Temminckstrandläufer belegte am 6. und 9. September am Seeanger, dass diese Art auf dem Wegzug erheblich seltener auftritt als im Frühjahr.
Mit bis zu fünf Jungvögeln zeigte der Sichelstrandläufer im September am Seeanger ein ordentliches Auftreten an.
Am 12. August wurden am Seeanger 27 Alpenstrandläufer von einer Rohrweihe vertrieben. Damit liegt für dieses Gebiet eine der höchsten Wegzugzahlen überhaupt vor. Auch im September tummelten sich dort bis zu 20 Vögel, fast alle jung. Ihre Gesamtzahl könnte durchaus im höheren zweistelligen Bereich gelegen haben. Im Leinepolder kamen sie bereits am 27. Juli auf maximale zehn Ind. Im Unterschied zur Gattung Tringa waren die Calidris-Limikolen in recht guter Zahl vertreten, mit einem hohen Jungvogelanteil. Stammten diese Vögel aus Regionen, in denen das Frühjahr nicht so kalt war wie in Teilen Skandinaviens und Nordrusslands?

Eine junge Zwergmöwe am 22. September am Seeburger See und eine alte am 1. November im Leinepolder – das war’s schon.
Auf den Bülten und Teichrosen am Seeburger See nahmen drei bis vier Paare der Lachmöwe Bruten in Angriff. Davon verlief nur eine mit einem flüggen Jungvogel erfolgreich. Eine am 9. Juni 2014 in Polen als Altvogel markierte Lachmöwe (weiß TPRJ) konnte am 5. November ebenda abgelesen werden.
Eine Schwarzkopfmöwe hielt es vom 9. August bis zum 1. September am Seeburger See bemerkenswert lange aus. Mit bis zu sechs weiteren Artgenossen war das Aufkommen in diesem Zeitraum bemerkenswert hoch, wenn nicht gar rekordverdächtig. Der Dauergast war am 19. Juni 2017 in einer Kolonie bei Löbnitz (Leipzig, Sachsen) nestjung beringt worden und trug die gelbe Markierung AY.EE. Ende November konnte er bei Cardiff in Wales fotografiert werden.

Schwarzkopfmöwe - M.Göpfert
Abb. 13: Junge Schwarzkopfmöwe am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Darüber hinaus sind ein Altvogel vom 4. Juli an der Geschiebesperre sowie zwei Tage später ein Vogel im 3. Kalenderjahr ebenda erwähnenswert. Am 11. Juli trafen zwei Altvögel am Seeburger See ein, am 16. Juli (recht früh) der erste Jungvogel. Die Feuchtflächen im Leinepolder zogen am 5. August zwei Jungvögel und am 10. des Monats einen vorjährigen Artgenossen an.
Am 30. Juli, einem regional ungewöhnlichen Datum, schwamm im Polder eine adulte Silbermöwe.
Vom 16. Juli bis 9. September hielten sich am Seeburger See und Seeanger ein bis zwei junge Mittelmeermöwen auf.
Eine Steppenmöwe im 3. Kalenderjahr konnte am 5. Juli an der Geschiebesperre ausgemacht werden. Ein Altvogel aus einer polnischen Kolonie, der am 26. Mai 2011 bei Kozielno, Paszków beringt worden war, dominierte vom 8. bis 18. August den Seeburger See.
Ebenfalls alt war eine Heringsmöwe am 2. Juli am Northeimer Freizeitsee.

Sechs Raubseeschwalben am 5. Juli an der Geschiebesperre sind die größte Anzahl, die jemals in der Region notiert werden konnte. Ein Vogel trug einen roten Farbring aus dem schwedisch/finnischen Beringungsprojekt auf den Alandinseln.

Raubseeschwalbe - M.Siebner
Abb. 14: Zwei von sechs Raubseeschwalben an der Geschiebesperre.
Foto: M. Siebner

21 Trauerseeschwalben am 27. Juli am Seeburger See sind für den Wegzug durchaus erwähnenswert.
Zwei Brandseeschwalben verließen am 21. Juli den Seeburger See in Richtung Süden. Der letzte zuvor dokumentierte Regionalnachweis betrifft vier Vögel vom 2. Juli 2013 ebenda (T. Meineke lt. AKNB).
Am 26. Juli kurvte eine adulte Flussseeschwalbe über dem Leinepolder. Gleich fünf Altvögel legten am selben Tag am Seeburger See eine Rast ein.

Neben zwei Beobachtungen im Nordteil des Landkreises Northeim, der nicht zum AGO-Bearbeitungsgebiet zählt, liegen nur zwei Sichtungen der Turteltaube vor: Ein singendes Männchen bei Eberhausen (dort im Vorjahr Anzeichen für eine Revierbesetzung) am 27. Juli und am 4. August bei Uslar.

Sperlingskäuze bei der Herbstbalz konnten von September bis Mitte November im Kaufunger Wald, im Solling, im Reinhäuser Wald und im Bramwald ausgemacht werden.
Vom Lohberg bei Bovenden ist eine Brut der Waldohreule mit drei Jungen am 1. August nachzutragen.
Bei den Waldkäuzen im Göttinger Alten Botanischen Garten herrscht leider Funkstille, von Herbstbalz keine Spur. Die Zahl der Rötelmäuse ist stark zurückgegangen. Dagegen ließ sich am 22. Oktober auf dem Stadtfriedhof ein Weibchen vernehmen. Das ist, man mag es kaum glauben, der erste Lokalnachweis für dieses (tagsüber) gut erforschte Gebiet.

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 15: Verstummt (oder gar weg?): Waldkauz im Alten Botanischen Garten.
Foto: V. Hesse

Vom Wendehals liegen ganze zwei Beobachtungen vor: Ein junger Migrant am 21. Juli am Seeanger und ein (spät) singender Vogel am 30. Juli am Ortsrand von Salzderhelden.

Vom Käseberg bei Lippoldshausen gibt es aus der ersten Jahreshälfte Hinweise auf ein Revier des Mittelspechts, desgleichen aus der Umgebung von Mielenhausen. Am 22. Oktober ließ sich am Göttinger Kiessee ein Ind. fotografieren und lieferte damit den zweiten Lokalnachweis für dieses viel besuchte Gebiet. Es handelte sich mit Sicherheit um einen umherstreifenden Vogel, denn die nächsten Brutplätze liegen im Göttinger Wald. Am 21. Oktober geriet an der Rhumequelle bei Rhumspringe ein Mittelspecht in den Blick, wohl als erster Lokalnachweis.

Am Kiessee konnte am 18. August ein weibchenfarbener Pirol ausgemacht werden, der einzige im Berichtszeitraum.

Über Brutvorkommen des Neuntöters auf Windwurfflächen im Wald gibt es nur (noch) wenige Informationen. Daher ist ein Paar nahe der Kohlenstraße im Bramwald eine besondere Erwähnung wert.
Raubwürger haben ihre traditionellen Winterreviere auf dem Kerstlingeröder Feld (ab dem 21. Oktober) und am Sandwasser bei Duderstadt (ab dem 22. Oktober) wieder besetzt. Mehr zum Wintervorkommen (hoffentlich) im Folgebericht.

60 Saatkrähen, die am 31. Oktober nahe den Schweckhäuser Wiesen nach Südwesten zogen, zeigten die höchste Tagessumme an, gefolgt von 32 Ind. am 26. Oktober über Gö.-Nikolausberg und 22 Ind. am 17. November über Gö.-Geismar. Viel schwächer kann der Wegzug dieser einstmals sehr häufigen Art wohl kaum verlaufen. Die Zeiten, in denen Tausende über die Region zogen, sind lange vorbei.

Von der Beutelmeise liegen (immerhin) zwölf Meldungen vor, zumeist ein bis drei Ind. betreffend. Eine Ausnahme bildeten mindestens 13 Vögel, die am 17. Oktober in drei Trupps vom Seeanger abzogen.

Beutelmeise - M.Siebner
Abb. 16: Beutelmeise an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Im September/Oktober gerieten an zehn Tagen insgesamt 48 ziehende Heidelerchen in den Blick, maximal 13 Ind. am 13. Oktober über dem Kerstlingeröder Feld.

Bartmeisen machten sich von September bis November vor allem am Seeanger bemerkbar. An fünf Tagen konnten kleine Trupps von bis zu fünf Ind. notiert werden. Im Leinepolder Salzderhelden waren am 1. November mindestens drei Vögel präsent.

Göttingens idyllischer Nachbarort Rosdorf verfügt noch über unzerschnittene und ökologisch intakte Naturräume, in denen sich Vögel unter optimalen Bedingungen beobachten lassen. An einem dieser Hotspots der Biodiversität - es handelt sich dabei um das von Hecken gesäumte Betriebsgelände einer Bedachungsfirma mit Nutzfahrzeugen und anderen Gerätschaften -, tummelte sich am 3. November ein Gelbbrauen-Laubsänger in einem Blaumeisentrupp. Bereits im Vorjahr, am 3. und 4. Oktober im Göttinger Ostviertel, hatte ein Artgenosse gezeigt, dass sich die Zunahme von Binnenlandnachweisen auch in unserer Region bemerkbar zu machen scheint. Bei nunmehr vier Nachweisen seit 2005 ist aber noch viel Luft nach oben…

Gelbbrauenlaubsänger - M.Siebner
Abb. 17: Gelbbrauen-Laubsänger in Rosdorf. Foto: M. Siebner

In der Elleraue zwischen Hilkerode und Brochthausen sang am 22. Juli (noch) ein Schlagschwirl.
Der starke Brutverdacht für den Schilfrohrsänger am Seeanger konnte am 8. August mit mindestens einem gefütterten Jungvogel erhärtet werden.
Ganz außerordentlich und zudem mit bestimmungsrelevanten Fotos gut belegt ist der Nachweis eines Buschrohrsängers am 21. Oktober im Seeanger durch M. Georg. Der erste der Region hatte an den Northeimer Kiesteichen Mitte Juni 2014 für mehrere Tage durch seinen wunderschönen Gesang auf sich aufmerksam gemacht. Der erste im Landkreis Göttingen sang (natürlich) nicht noch rief er, so dass er entsprechend schwer auszumachen war. Wenn man bedenkt, dass sich die meisten der, ohnehin sehr seltenen, mittel- und westeuropäischen Herbstnachweise auf Fänglinge an Beringungsstationen beziehen, ist diese Beobachtung umso spektakulärer. Eine endgültige Beurteilung wird die Deutsche Avifaunistische Kommission vornehmen, bei der der seltene Gast bereits dokumentiert ist.

Buschrohrsänger - M.Georg
Abb. 18: Buschrohrsänger am Seeanger. Foto: M. Georg

Von der Ringdrossel gibt es ganze drei Wegzugbeobachtungen: Am 7. Oktober zog eine über das Kerstlingeröder Feld, am 21. Oktober rastete eine am Ortsrand von Bösinghausen und am 24. Oktober ging eine im waldrandnahen Göttinger Ostviertel zusammen mit anderen Drosseln der Nahrungssuche nach.

Aus Gö.-Nikolausberg liegt vom 26. August der einzige Wegzugnachweis des Trauerschnäppers vor.

Am 10. September bekräftigten 23 Gartenrotschwänze, dass das Kerstlingeröder Feld ihr mit Abstand bevorzugtes Wegzug-Rastgebiet ist.
Mit vier Ind. dokumentierten Steinschmätzer am 2. September im Leinepolder die höchste Tagessumme. Damit scheint sich der negative Trend bei den Rastzahlen fortzusetzen.

Über das Rastvorkommen des Bergpiepers wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben. 25 Ind. am 29. November im Leinepolder sind ein guter Auftakt.

Bergpieper - M.Siebner
Abb. 19: Bergpieper im Frühjahr am Rückhaltebecken Gö.-Grone. Foto: M. Siebner

Zwischen dem 9. August und dem 2. September gelangten an sieben Tagen insgesamt 13 Brachpieper zur Beobachtung, mit dem Maximum von vier Vögeln am 29. August am Wüsten Berg.
Am 9. Juli, also noch zur Brutzeit, konnten am Altendorfer Berg bei Salzderhelden mindestens 20 Baumpieper gezählt werden, heutzutage eine beachtliche Summe. Vom 21. bis 29. August zogen insgesamt mindestens 721 von ihnen über den Wüsten Berg, maximal 223 Ind. am 24. und 218 Ind. am 26. Hätte man die morgendlichen Beobachtungen dort fortgesetzt, wäre die magische 1000er-Marke sicher erreicht worden. Die Rekordsumme im neuen Millennium von 1071 Ind. im Herbst 2014 über dem Kerstlingeröder Feld hat immer noch Bestand.
Rotkehlpieper gab es nur am Seeanger: Am 27. und 29. September zog je ein rufender Vogel über das Gebiet, am 16. Oktober ließ sich einer am Boden beobachten.
Am 13. Oktober zogen 295 Wiesenpieper über das Kerstlingeröder Feld. Die höchste Rastzahl konnte am 15. Oktober mit 105 Ind. am Seeanger mit 105 Ind. notiert werden.

Nordische „Trompetergimpel“ sind in diesem Herbst deutlich häufiger zu hören als im Vorjahr. Möglicherweise deutet sich sogar ein Rekordeinflug an. Mehr dazu im Folgebericht.
In der Feldmark Rosdorf und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben lagen im September die Maximalzahlen wegziehender Girlitze bei neun bis zehn Ind. Insgesamt wurden nur 34 Ind. gemeldet. So viele rasteten früher an der Kiesgrube Reinshof oder anderen Ruderalflächen an einem Tag…
Von einem starken Einflug des Fichtenkreuzschnabels, wie er aus anderen Regionen gemeldet wird, ist Süd-Niedersachsen weit entfernt. Das kann sich aber in den Wintermonaten noch ändern.
Mindestens 630 Bluthänflinge am 9. Oktober in der Feldmark Wolbrechtshausen sind eine sehr hohe Zahl, die aber mehrheitlich Brutvögel aus anderen Regionen auf dem Wegzug umfasst haben dürfte.
Aktuell vollzieht sich in Deutschland ein bemerkenswerter Einflug von Birkenzeisigen, der sich auch in unserer Region mit Schwärmen von bis zu 150 Vögeln bemerkbar macht. Unter ihnen sind auffallend viele Ind., die gemeinhin wegen ihrer hellen bis sehr hellen Grundfärbung der nordeurasischen Nominatform flammea („Taigabirkenzeisig“) zugeordnet werden. Unsere heimischen Brutvögel der Unterart cabaret sind in der Regel (von der es Ausnahmen gibt!) erheblich dunkler. Fotos in ornitho.de von gemischten Schwärmen zeigen, wie variabel das Federkleid der Vögel ausfällt. Die sichere Zuordnung zu einer Unterart ist daher oftmals nicht möglich. Zudem haben genetische Untersuchungen jüngst ergeben, dass die Differenzierung unter den Birkenzeisig-Taxa minimal bis null ist, so dass die bisherigen Arten und Unterarten besser als klinale Färbungstypen einer einzigen Art, den arktischen Polarbirkenzeisig eingeschlossen, zu behandeln sind (je weiter nördlich desto heller). Wie auch immer: Um den Einflug zu quantifizieren, kann man helle Vögel im Herbst und Winter getrost - und wie von ornitho im Einklang mit der gültigen Systematik vorgeschlagen -, als „Taigabirkenzeisige“ melden. Und eins ist sicher: So viele gab es in unserer Region seit Mitte der 1990er Jahre noch nie!

Taigabirkenzeisig - W.Vogeley
Abb. 20: „Taigabirkenzeisig“ in Hann. Münden. Foto: W. Vogeley

Am 3. November rastete, fotografisch belegt, am Reinhäuser Berg eine Spornammer.
Mindestens 110 Goldammern am 19. November in der Feldmark Gö.-Geismar sind mittlerweile eine Zahl, die (leider) als Ausnahme gelten kann.
Zwischen dem 24. und 29. August gerieten am Wüsten Berg an drei Tagen die Zugrufe von insgesamt mindestens vier Ortolanen in die Gehörgänge der Zeugen des Mornells.

Hans H. Dörrie

Der herzliche Dank des Verfassers gilt allen Melderinnen und Meldern in unserer Datenbank ornitho.de sowie Einzelpersonen, die spezielle Auskünfte erteilt haben:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, J. Behling (Nieders. Landesforsten), S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, K. Conrad (Nieders. Landesforsten), A. Delius, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, E. Gottschalk, M. Grandt, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, D. Jákli, M. Jenssen, K. Jünemann, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, M. Kiepert, J. Kirchner, F. Kleemann, G. Köpke, M. Kuschereitz, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, K. Menge, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, S. Paul, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, U. Rees, B. Riedel, H. Rumpeltin, C. Schmidt, H. Schmidt, D. Schopnie, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, I. Spittler, H. Stiebel, A. Stumpner, A. Sührig, J. Thiery (Nieders. Landesforsten), D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss und D. Wucherpfennig.

Mäusebussard - M.Siebner
Abb. 21: Junger Mäusebussard im Seeanger. Foto: M. Siebner

December 10th, 2017

Der Star – Vogel des Jahres 2018 –
in Süd-Niedersachsen:
ein Allerweltsvogel auf der Roten Liste

Balzender Star - MSiebner
Abb. 1: Balzender Star. Foto: M. Siebner

Mit dem Star (Sturnus vulgaris) hat der NABU eine gute Wahl getroffen. Der Jahresvogel ist vielen Menschen bekannt, auch aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Im Siedlungsbereich brütet er an Gebäuden und in Nistkästen. Schon im Vorfrühling liefert er vor dem Brutplatz eine beeindruckende Vorstellung. Der strukturreich perlende Gesang enthält viele Imitationen. Wachtel oder Pirol bereits Ende Februar? Nicht der Klimawandel, der Star macht’s möglich. Dabei schlägt der Vogel voller Hingabe rhythmisch mit den Flügeln. Das aus der Ferne einfarbig dunkel wirkende Gefieder irisiert in allen Farben. Lebensfreude pur!

Verbreitung und Bestand

Leider gestaltet sich das Dasein unseres Porträtvogels seit einiger Zeit alles andere als gedeihlich. Und das ist eher wenigen bekannt. In den letzen 20 Jahren hat das Agrarland der Europäischen Union unfassbare 300 Millionen Vögel verloren. Davon entfallen allein auf den Star ca. 40 Millionen Brutpaare (PECMS 2012). In Deutschland sind in diesem Zeitraum knapp zwei Millionen Starenpaare verschwunden. Der dramatische Rückgang beruht wahrscheinlich auf einem ganzen Bündel von Faktoren, die in ihrem konkreten Zusammenwirken immer noch wenig bekannt sind. Der niedersächsische Bestand wird im aktuellen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) auf im Mittel 420.000 Brutpaare beziffert. Das sind nur halb so viele wie in den 1960er bis 1970er Jahren. Deshalb wird der Star, obwohl immer noch häufig und verbreitet, folgerichtig in der Roten Liste (Krüger & Nipkow 2015) in der Kategorie 3 („im Bestand gefährdet“) geführt.

Wie so oft bei scheinbaren Allerweltsarten ist eine Quantifizierung des regionalen Brutbestands nicht möglich. Daten, die über flüchtige Zufallsbeobachtungen hinausgehen, sind Mangelware und stammen zumeist aus der ersten Dekade des neuen Jahrtausends. Die Angaben im niedersächsischen Brutvogelatlas beruhen auf modellierten Hochrechnungen und sind mit 400 bis 1000 Paaren pro Quadrant (ca. 30 km²) für das waldreiche Bergland Süd-Niedersachsens mit Sicherheit zu hoch ausgefallen. Brüten in der Region 10.000 oder 20.000 Paare? Man weiß es nicht. Dies betrifft auch den Schwund der letzten Jahrzehnte. Verlässliche Zahlen zur langfristigen Bestandsentwicklung liefert letztlich nur die Kartierung des 3,6 km² großen Göttinger Kerngebiets in den Jahren 2005/2006 (Dörrie 2006). Damals wurden 106 Paare gezählt. 1965 waren es noch 240, 1948 nur 65 (wobei anzumerken ist, dass in den Kälte- und Hungerwintern der Nachkriegszeit auch die meisten Nistkästen verfeuert wurden). Bei der Kartierung der beiden größten Göttinger Friedhöfe im Jahr 2004 (Dörrie & Paul 2005) ergab sich auf dem altholz-, höhlen- und nistkastenreichen Stadtfriedhof mit ganzen fünf Paaren auf 36 Hektar eine unerwartet niedrige Besiedlung. Dabei sollen alte Parkanlagen zu den bevorzugten Bruthabitaten unseres Porträtvogels zählen…
Bei der Stadtwald-Kartierung 2003 (Dörrie 2004b) zeigte sich, dass der Star in einem „naturgemäß“ bewirtschafteten, durch dichte Vegetationsstrukturen geprägten Buchenwald eine seltene Erscheinung ist: Mit nur vier Paaren auf 185 Hektar fiel die Besiedlung sehr dünn aus. Nur am Hainholzhof und auf dem Kerstlingeröder Feld sah es mit insgesamt 15 Paaren etwas besser aus. Im Kaufunger Wald scheint die Art ebenfalls selten zu sein, mit Ausnahme der wenigen Altbuchen- und Alteichenbestände (G. Brunken in Dörrie 2002). Im Nordteil des EU-Vogelschutzgebiets „Unteres Eichsfeld“ wurden 2003 auf 33 km² 80 bis 100 Paare festgestellt, die meisten an Waldrändern mit alten Eichen (G. Brunken, M. Corsmann und U. Heitkamp in Dörrie 2004). Die Vorliebe für Eichen als Brutbäume wird auch durch ein kleines Schlaglicht auf zwei benachbarte Waldgebiete belegt: Der eichenreiche Große Leinebusch beherbergte 2002 vier Paare, im eichenlosen Kleinen Leinebusch fehlte die Art (G. Brunken in Dörrie 2003).
Weich- und Hartholzbestände entlang der Fluss- und Bachläufe sind/waren besser besiedelt, z.B. die Gehölze entlang von Leine und Garte südlich von Göttingen (zehn Paare auf 2,1 km, Dörrie 2002b).
Der ländliche Siedlungsbereich gilt als einer der Hauptlebensräume unseres Porträtvogels (Krüger et al. 2014). In unserer Region ist er, was Starendaten anbelangt, weithin eine terra incognita. Aktuelle Angaben zum Brutbestand, die jeweils weniger als zehn Paare betreffen, liegen in unserer Datenbank ornitho nur aus Teilen der Orte Gerblingerode (D. Wucherpfennig), Immingerode (D. Wucherpfennig), Eberhausen (M. Jenssen) und Ahlshausen (H. Rumpeltin) vor. Dabei treffen gerade hier wichtige Habitatparameter zusammen, die für eine Brutansiedlung unabdingbar sind. Darauf wird im Folgenden etwas näher eingegangen.

Ansprüche an den Lebensraum

Für den Star sind die besten Brutplätze, ob nun Nistkästen, Natur- und Spechthöhlen oder schadhaftes Mauerwerk, uninteressant, wenn in der näheren Umgebung insekten- und arthropodenreiche Offenflächen fehlen. Junge Stare werden ausschließlich mit tierischer Nahrung großgezogen, die von den Eltern auf Weiden, Wiesen oder Scherrasenflächen erbeutet wird (Bauer et al. 2005). Und hier taucht schon das erste Problem für unseren Porträtvogel auf. Eine Untersuchung in Dänemark (Heldbjerg et al. 2016) hat ergeben, dass sein Bestandsrückgang mit der Aufgabe der Offenlandhaltung von Nutztieren einhergeht. Das klingt einleuchtend, denn Weidetiere halten die Vegetation kurz, scheuchen beim Fressen potentielle Beutetiere auf und sorgen mit ihrem für Insekten sehr attraktiven Dung für stetigen Nachschub verfügbaren Starenfutters. Das enge Zusammenleben von Futter suchenden Staren und Großherbivoren kann man an den wenigen Stellen in unserer Region studieren, wo noch Nutztiere im Freiland grasen, z.B. im Seeanger (Rinder) oder an den Deichen am Leinepolder Salzderhelden (Schafe). Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Weidetiere in der gesamten EU um -zig Millionen zurückgegangen ist, kann man sich ausmalen, wie sehr allein diese Entwicklung die Starenpopulation getroffen hat. Hinzu tritt, dass, selbst wenn man wollte, die hochgezüchteten Turbo-Milchkühe nicht mehr außerhalb der Ställe gehalten werden können. Mit ihrem degenerierten Verdauungsapparat würden die bedauernswerten Tiere nach kurzer Zeit sterben.

Star mit Schaf - MSiebner
Abb. 2: Freunde fürs Leben: Schaf und Star. Foto: M. Siebner

George (2017) bringt das nahezu komplette Verschwinden von einer Kontrollfläche bei Müncheberge (Harzrand/Sachsen-Anhalt) mit der Extensivierung der Grünlandnutzung (als Naturschutzmaßnahme!) in Verbindung. Günther & Hellmann (2012) nennen als Erklärung für den dramatischen Rückgang von 14 auf zwei Paare auf einer Kontrollfläche im Selketal (Harz/Sachsen-Anhalt) einen späteren Mahdtermin in Kombination mit der Aufgabe der Beweidung. Dieses Szenario könnte auch die geringe Besiedlung des Kerstlingeröder Felds in Göttingen erklären, das mit seinen höhlenreichen Uraltbuchen und weiten Wiesen eigentlich ein Starenparadies erster Güte sein sollte. Wenn die Wiesen jedoch erst im Sommer gemäht werden (wovon Feldlerche und, selten, Wachtelkönig profitieren) gibt es für die Stare während der Brutzeit im hohen Gras nichts zu beißen. In diesem FFH-/Naturschutzgebiet werden zwar verbuschende Magerrasenflächen beweidet, allerdings ebenfalls erst recht spät und zudem nur für vergleichsweise kurze Zeit.
Der (eher lokalen) Extensivierung der Grünlandnutzung steht deren Intensivierung auf weiter Fläche entgegen. Die Bewirtschaftung als reines Mähgrünland manifestiert sich in bis zu fünf Schnitten pro Jahr, beginnend schon Ende April. Profitiert der Star vom regelmäßigen Kurzhalten der Vegetation? Eher nicht, denn auch das Mähgrünland wird oft übermäßig gedüngt und teils sogar mit Bioziden von „Schädlingen“ gesäubert. Das Insektenangebot hält sich auf solchen degradierten Flächen in engen Grenzen. Zudem sinkt der Grünlandanteil beständig und dürfte im Landkreis Göttingen aktuell bei weniger als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche liegen.
Nährstoffarme, aber insektenreiche Offenflächen in Abbaugebieten oder als Resultat von Erschließungsmaßnahmen wachsen wegen des düngenden Eintrags von Stickstoffverbindungen aus der Luft heutzutage viel schneller zu als früher. Wie in den Wäldern wird auch hier der Star zum Leidtragenden der allgemeinen Eutrophierung.
Darüber hinaus wird sein Bestand, wie der vieler anderer Agrarvögel, von den Folgen des industriellen Ackerbaus in Mitleidenschaft gezogen. Die Mixtur aus Gülle, Glyphosat und Monokulturen (Wintergetreide, Mais, Raps etc.) hat das früher artenreiche Kulturland in eine insektenarme Einöde verwandelt. Bei der Kartierung einer 863 Hektar großen Agrarlandfläche bei Behrensen konnten 2001 nur zwei Reviere festgestellt werden, obwohl Gehölze mit potentiellen Brutbäumen dort seit der ersten Kartierung 1983 deutlich zugenommen hatten (Brunken 2003). Im Siedlungsbereich wird der Star, neben Haussperling und Mauersegler, von der verbreiteten Wärmedämmung gebeutelt, die auch die letzten Fugen und Nischen unzugänglich macht. Auch Dachantennen, die er gern als Singwarten nutzt, sind deutlich seltener geworden.

Brutökologie

Stare brüten früh im Jahr. Schon ab Mitte Mai kann man die ersten Familienverbände mit zumeist drei bis vier flüggen Jungvögeln bei der Nahrungssuche beobachten. Gebrütet wird, wie schon erwähnt, in Höhlen oder ähnlichen Strukturen. Eine besondere Rolle spielen Buntspechthöhlen, die er als Nachmieter nutzt. Seit einiger Zeit mehren sich Beobachtungen von Staren, die in Höhlen brüten, die Buntspechte in die Wärmedämmung von Fassaden gemeißelt haben. Der Hausbesitzer ist erbost, der Star entzückt, weil er der „Energiewende“ mit ihren desaströsen Folgen für die Vogelwelt ausnahmsweise ein Schnippchen schlagen konnte…

Mauerstar - MSiebner
Abb. 3: Star an wärmegedämmter Buntspechthöhle. Foto: M. Siebner

Häufig genutzt werden Nistkästen (die Kotflecken am Einflugloch verraten es), die eigentlich dem Mauersegler gewidmet sind. Zu Konflikten mit der Zielart, die bei der Besetzung ihrer Brutplätze rabiat vorgeht und Eier und Jungvögel der „unrechtmäßigen“ Bewohner mit ihren gleichermaßen kräftigen und scharfen Krallen abräumt, kommt es jedoch eher selten: Wenn die Mauersegler mit ihren Brutvorbereitungen ernst machen, sind viele Starenbruten schon ausgeflogen.
In der regionalen Literatur und in der Datenbank ornitho sind vereinzelt Hinweise auf Zweitbruten (nicht zu verwechseln mit Spät- oder Ersatzbruten!) zu finden. Darauf können Jungvögel hindeuten, die noch Ende Juni/Anfang Juli an einer schon vorher genutzten Höhle gefüttert werden. Ob ihre Zahl zugenommen hat, muss offen bleiben.

Nach der Brutzeit

Ab Mitte Juni lösen sich die Familienverbände auf und es kommt zur Bildung von großen Schwärmen. Jetzt tritt tierische Nahrung in den Hintergrund, zugunsten von Beeren und Früchten. Im bundesdeutschen Brutvogelatlas (Gedeon et al. 2014) wird die Vermutung geäußert, dass das Angebot von Steinobst im Vorjahr ein gravierender Faktor bei Bestandsschwankungen ist. Sind z.B. (wie im Frühsommer 2017) Kirschen knapp steigt die nachbrutzeitliche Mortalität, mit negativen Auswirkungen auf die Brutpopulation im Folgejahr.
Die Vorliebe für Früchte und Beeren wird unserem Porträtvogel mancherorts zum Verhängnis. Vor allem im Südwesten Europas und in Nordafrika setzen Winzer und Obstbauern alles daran, die verhassten Konkurrenten in Schach zu halten – auch mit Mitteln der ansonsten weltweit geächteten chemischen Kriegsführung. Bis in die jüngere Vergangenheit wurden Schlafplätze mit Dynamit und Benzinbomben in die Luft gejagt und Schwärme mit Kontaktgiften oder Gefiederbenetzungsmitteln zum letalen Auskühlen besprüht (Feare 1984, Glutz v. Blotzheim 1993). In unseren Breiten kommt zumeist ein ausgefeiltes Arsenal von optischen (Stanniolbehänge, Glitzerkugeln), akustischen (Böllerschüsse im Halbminutentakt, Abspielen von Warnrufen) und anderen Gegenmitteln (Überspannung der Kulturen mit Netzen, in denen viele Stare umkommen) zur Anwendung. Auf Flugplätzen werden Greifvögel eingesetzt, um die Schwärme zwecks Minderung des Vogelschlag-Risikos zu vertreiben. In den Zeiten, als es dem Star erheblich besser ging als heute, sollen all diese, z.T. barbarischen Maßnahmen keinen bestandsmindernden Einfluss gehabt haben (Feare 1984). Trifft das auch heute noch zu?

Schlafplätze

Starenschwärme liefern ein faszinierendes Schauspiel, das jede(r) Vogelbegeisterte wenigstens einmal gesehen haben sollte. In Röhrichtgürteln von Stillgewässern oder in ufernahen Gehölzen beziehen sie Abend für Abend ihre Schlafplätze. Bevor sie sich zur Ruhe begeben, fliegen die Vögel in riesigen Formationen umher, ändern jählings die Richtung und schreiben dabei bizarre Figuren in den Himmel. Diese Manöver (bei denen sie, in Kleingruppen bestens organisiert, niemals zusammenstoßen) dienen zum einen der Abwehr von Flugfeinden, zum anderen dem sozialen Zusammenhalt. Sind sie endlich gelandet, geht es bis zur Dunkelheit mit unablässigem Geschnatter weiter. Vermutlich sind die Schlafplätze, wie bei Rabenvögeln, auch Informationsbörsen.

Schwarm Seeburg - MSiebner
Abb. 4: Starenschwarm über dem Seeburger See. Foto: M. Siebner

In Süd-Niedersachsen wird seit vielen Jahrzehnten ein Schlafplatz im Schilf des Seeburger Sees bezogen. Hier versammeln sich ab Juni die Brutvögel samt Nachwuchs und Nichtbrüter der weiteren Umgebung. Ringfunde von anderen Schlafplätzen in unserem Bundesland belegen, dass sich ihnen bereits ab Juli Artgenossen aus Ostdeutschland und Polen, aber auch aus der Schweiz (Dispersionszug) hinzugesellen können (Zang in Zang et al. 2009). Anhand der Rastzahlen am Seeburger See lässt sich der Niedergang unseres Porträtvogels leider nur allzu gut dokumentieren. Die älteste Beobachtung datiert vom Juli 1932 mit 25.000 Ind. (Eichler 1949-50, Bruns 1949). Bis 1960 lagen die Zahlen mit maximal 20.000 Ind. augenscheinlich leicht darunter (Witt 1963). Hampel (1965) berichtet für den Zeitraum 1955-1964 eher pauschal von „riesigen Schwärmen“. In den 1970er Jahren explodierten die Zahlen förmlich: Während im Oktober 1975 eher unterdurchschnittliche 8000 Ind. gezählt wurden, waren es im Herbst 1976 bereits 500.000, denen 1977 enorme 700.000 folgten. Im September 1979 gelangten gar 800.000 Vögel zur Beobachtung. Die alles überragende Maximalzahl wurde jedoch im April dieses Jahres, also interessanterweise auf dem Heimzug, mit 1.500.000 Staren. erreicht (Angaben nach Brunken & Meineke 1976, Brunken 1978a, 1978b, Dörrie 2010). Dieses grandiose Spektakel ist allen Beobachtern, die seiner teilhaftig werden durften, unvergesslich. Über die Ursachen der auf wenige Jahre beschränkten Rastzahlen-Explosion kann man im Nachhinein nur spekulieren.
Danach ging es beständig bergab. Ob die 100.000er-Marke nach 1979 jemals wieder erreicht wurde, lässt sich aus dem zugänglichen Datenmaterial nicht ermitteln. Die Maximalzahl im neuen Jahrtausend lag bei 60.000 Ind. im Herbst 2004 (Dörrie 2005). In den letzten drei Jahren wurden nicht einmal 15.000 Ind. erreicht (2015 12.000, 2016 5000 und 2017 6000 Ind.). Die Aussagekraft der aktuellen Zahlen ist allerdings gering, weil trotz hoher Beobachterfrequenz am Seeburger See den Starenschwärmen immer weniger Beachtung geschenkt wird. Die Zahl der abendlichen Exkursionen, bei denen man sie zählen könnte, ist stark zurückgegangen.
Parallel zum Schwund am Seeburger See entwickelte sich in den 1990er Jahren in den Weiden an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Schlafplatz, der auf dem Wegzug von bis zu 100.000 Vögeln genutzt wurde (P.H. Barthel in Schumacher 1996, Dörrie 2010). Seit wann genau er verwaist ist bleibt offen. Auf dem Heimzug wird seit ein paar Jahren ein Schlafplatz im Röhricht des Leinepolders Salzderhelden angeflogen. Hier liegen die Maximalzahlen bei ca. 8000 Ind. (P.H. Barthel in ornitho). Ein Schlafplatz an der Kiesgrube Reinshof wurde nur sehr unregelmäßig von bis zu 1500 Ind. besucht, aus den letzten zehn Jahren gibt es keine Beobachtungen mehr. Der Denkershäuser Teich, wo im Oktober 1986 bis zu 20.000 Vögel einfielen und die Rastzahlen 1999-2004 bei maximal 4000 Vögeln (2001) lagen (Heitkamp 2013), wird vielleicht noch auf dem Heim- und Wegzug besucht; in welcher Größenordnung ist unbekannt. Auch das Röhricht in der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal bei Hann. Münden dient Staren als Schlafplatz. Fokken (o.J.) nennt 500 Vögel aus dem Frühjahr 1979 und ca. 1000 Ende Juni 1982. Ob 2500 Ind. vom März 2016 (W. Vogeley in ornitho) ein langjähriges Maximum sind muss offen bleiben.

Star Schwarm Nah - MSiebner
Abb. 5: Starenschwarm, etwas näher. Foto: M. Siebner

Wintervorkommen

Wie viele Stare gibt es bei uns im Winter? Eine bündige Antwort auf diese Frage ist nicht möglich. Zudem kann sich der Heimzug der Kurzstreckenzieher unter ihnen schon im Spätwinter bemerkbar machen. Die meisten unserer Brutvögel dürften ihre Heimat verlassen und in Südwesteuropa bis Nordafrika überwintern. Sie werden durch Artgenossen ersetzt, die vermutlich aus dem (Nord-)Osten stammen. Den Anteil sesshafter Vögel bei der Starenpopulation des süd-niedersächsischen Berglands beziffert Zang in Zang et al. (2009) auf ca. fünf Prozent. Unsere Stare werden also keineswegs, wie manchmal in die Welt posaunt wird, „immer mehr zu Standvögeln“. Auch die einfache Rechnung „je milder der Winter, desto mehr Stare harren aus“, haut nicht hin. Das belegen die langjährig gesammelten Daten ganz klar. Vermutlich spielen Nahrungsangebot und Zug- bzw. Populationsdynamik auswärtiger Wintergäste eine erheblich größere Rolle als die Höhe der Temperaturen. Im milden Winter 1994/95 war ein Schlafplatz in der Göttinger Theodor-Heuss-Straße von immerhin 5000-6000 Vögeln besetzt (Schumacher 1996). Im Januar des sehr kalten Winters 1996/97 schliefen 3000 Vögel in einer von Efeu umwachsenen Esche vor einem Chinarestaurant in der Friedrichstraße (Dörrie 2010). Im kalten Winter 2002/2003 kam es wiederum zu einem starken innerstädtischen Auftreten: Zwischen Weender Straße und Gotmarstraße schliefen im Dezember 2002 bis zu 1000 Vögel im Efeu eines Hinterhofs. Als der genervte Hausbesitzer den Bewuchs kurzerhand beseitigte wichen die Vögel an die alten Kliniken in der Goßlerstrasse aus, wo sich ihre Zahl im Januar 2003 auf ca. 2500 Ind. vergrößerte (Dörrie 2004a). Seitdem ist über Winterschlafplätze im urbanen Göttinger Bereich nichts mehr bekannt geworden, zumindest nicht in diesen Dimensionen. Einen eher verstörenden Höhepunkt des Auftretens in der kalten Jahreszeit lieferte der berüchtigte „Märzwinter 2013“. Während eines gigantischen, über Wochen anhaltenden Zugstaus mit Dauerfrost und Schneefall fielen ab der letzten Märzdekade bis weit in den April Tausende Stare an Göttinger Futterhäuschen ein, offenbar völlig ausgehungert. Die Verwunderung der vogelfreundlichen Mitbürger/innen war groß, denn viele hatten das Füttern schon eingestellt - es war ja, dem Kalender nach, Frühling (Grüneberg & Dörrie 2013).
Wie auch immer: Stare sind, in stark schwankender Zahl, im Winter seit jeher eine normale Erscheinung (z.B. Hampel 1965). Am ehesten bekommt man sie im Leinepolder Salzderhelden zu sehen, aber auch, bei entsprechendem Nahrungsangebot, in den Feldmarken um Göttingen oder im Seeanger.

Rätselvogel - HJThorns
Abb. 6: Ein Rätselvogel. Foto: H.-J. Thorns

Was zeigt dieses Foto? Eine sibirische Erddrossel? Einen Tannenhäher? Oder etwas ganz Exotisches? Solche Mutmaßungen werden bisweilen von interessierten Bürger/innen in Telefongesprächen oder E-Mails geäußert, manchmal mit der ergänzenden Information, dass der Vogel im Bestimmungsbuch zu Hause nicht abgebildet ist. Auf die Nachfrage, wie das Buch denn heißt und wann es erschienen ist, werden bekannte Titel aus den 1960er bis 1970er Jahren genannt. Kein Wunder. Die Antwort ist aber einfach: Es handelt sich um einen Star, der vom Jugend- ins Winterkleid ummausert.

Schutz

Die „Energiewende“ ist für viele Agrarland-Brutvögel ein einziges Desaster (Flade 2012). Ein grundlegender Wandel in der EU-Agrarpolitik, der dem Einhalt gebieten könnte, ist nicht in Sicht. Deshalb wird es auch in den kommenden Jahren bei (in der Regel) kleinflächigen Schutzprojekten für Vogelarten mit hoher Schutzpriorität oder EU-Verantwortung bleiben. Zu diesen zählt der Star wegen seiner immer noch weiten Verbreitung und Häufigkeit nicht. Sehr positiv sind Beweidungsprojekte mit robusten Rinderrassen in der Normallandschaft zu bewerten, von denen er sicher profitieren kann. Vom konventionellen Wiesenbrüterschutz mit späten Mahdterminen hat er dagegen rein gar nichts… Im Siedlungsbereich verschwindet nach Sanierungen ein Brutplatz nach dem anderen. Kann man dem Star helfen? Klar doch, wird jeder sagen: mit Nistkästen. Ihr Umsatz dürfte 2018 deutlich steigen. Warum auch nicht. In Schrebergärten, die mit ihren Offenflächen ein optimaler Lebensraum sind, aber oft nur wenige Höhlenbäume aufweisen, kann die Starendichte mit Nistkästen deutlich gesteigert werden. Und wenn die Zielart das Angebot verschmäht, können sich auch andere Tierarten in ihnen niederlassen. Weil Nistplatzmangel für den Star aber, wie dargelegt, nur ein Problem unter vielen ist, wird sich ein ins Positive gewendeter Bestandstrend allein mit künstlichen Bruthilfen nicht erreichen lassen. Dies betrifft auch die in Presse und Talkshows propagierte Ganzjahresfütterung von Singvögeln. Ein positiver Einfluss auf Brutpopulationen ist bis jetzt nicht belegt. Für den Star ist er besonders unwahrscheinlich, weil die Jungen mit Insekten ernährt werden, die an den Futterhäusern nicht zur Verfügung stehen.
Ein Quantum Trost liefert ein globaler Blick auf unserer Porträtvogel. Er ist mittlerweile einer der häufigsten Vögel der Welt und nach Einbürgerungen mit mehreren Hundert Millionen Paaren (ganz genau weiß man es nicht) auf fünf Kontinenten verbreitet.

Junger Star - MSiebner
Abb. 7: Junger Star. Foto: M. Siebner

Stare beobachten

Stare in Aktion kann man sehr schön am Göttinger Kiessee beobachten. Dort brüten am Rundweg ca. drei bis vier Paare in Spechthöhlen. Bereits ab Ende Februar balzen die Männchen vor der Bruthöhle, und ab Mitte April sind die durchdringenden Bettelrufe der Jungvögel zu hören. Später laufen (hüpfen tun die Amseln!) die dunklen Altvögel mit ihrem braunen Nachwuchs über die (von Bioziden verschont gebliebenen!) Liegewiesen, sind dann aber schnell verschwunden. Neben dem altholzreichen Stadtwall sind auch die Schillerwiesen oder die Pferdeweiden am Hainholzhof eine gute Option, vor allem im Mai. Ansonsten sind zufällige Beobachtungen vielerorts möglich, so lange man sich nicht in einem dunklen Nadelwald aufhält. Im Herbst ist ein abendlicher Besuch des Seeburger Sees ein Muss. Wer richtig viele Stare sehen möchte, sollte sich an den Gotteskoogsee im deutsch-dänischen Grenzgebiet oder in die Altstadt von Rom begeben.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & W. Fiedler (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Passeres - Sperlingsvögel. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Brunken, G. (1978a): Avifaunistischer Jahresbericht 1976 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 101-109.

Brunken, G. (1978b): Avifaunistischer Jahresbericht 1977 Seeburger See und Umgebung. Faun. Mitt. Süd-Niedersachsen 1: 235-258.

Brunken, G. (2003): Aspekte zur Entwicklung einer Feldbrüter-Avizönose im Landkreis Northeim (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 107-118.

Brunken, G. & T. Meineke (1976): 1. Jahresbericht der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Göttingen für das Jahr 1975. Göttingen.

Bruns, H. (1949): Die Vogelwelt Südniedersachsens (mit Beilage: Quantitative Bestandsaufnahmen). Orn. Abh. 3.

Dörrie, H.-H. (2002a): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.

Dörrie, H.H. (2002b): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.

Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.

Dörrie, H.-H. (2004a): Avifaunistischer Jahresbericht 2003 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 4-75.

Dörrie, H.-H. (2004b): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2005): Avifaunistischer Jahresbericht 2004 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 4-76.

Dörrie, H.-H. (2006): Brutvögel im Göttinger Kerngebiet 1948 - 1965 - 2005/2006. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 11: 68-80.

Dörrie, H.-H. & S. Paul (2005): Lebendiges Treiben am unpassenden Ort? – Friedhofsvögel in Göttingen 2004. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 10: 85-96.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Eichler, W.-D. (1949-50): Avifauna Gottingensia I-III. Mitt. Mus. Naturk. Vorgesch. Magdeburg 2: 37-51, 101-111, 153-167.

Feare, C. (1984): The Starling. Oxford University Press. Oxford, New York.

Flade, M. (2012): Von der Energiewende zum Biodiversitäts-Desaster – zur Lage des Vogelschutzes in Deutschland. Vogelwelt: 133: 149-158.

Fokken, A. (o.J.): Die Vogelwelt des Bramwaldes, der Oberweser und des Stadtgebiets Münden. Selbstverlag.

Gedeon, K. et al. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Stiftung Vogelmonitoring und Dachverband Deutscher Avifaunisten. Hohenstein-Ernstthal und Münster.

George, K. (2017): Langjährige Bestandsentwicklung häufiger Brutvogelarten im Naturpark Harz/Sachsen-Anhalt. Vogelwarte 55: 217-234.

Glutz von Blotzheim, U.N. (1993): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 13/III. Aula-Verlag. Wiebelsheim.

Grüneberg, C. & H.-H. Dörrie (2013): Vögel im Stau – nur auf Kaffeepause in der südniedersächsischen Schneewehe? www.ornithologie-goettingen.de.

Günther, E. & M. Hellmann (2012): Die Vögel auf dem Ausberg im Naturschutzgebiet „Selketal“ im Harz 1991, 2005, 2012. Ornithol. Jber. Mus. Heineanum 30: 81-90.

Hampel, F. (1965): Artenliste vom Seeburger See 1955-64 (unter knapper Berücksichtigung des Raumes um Göttingen). Unveröff. Typoskript, hektogr. Göttingen.

Heitkamp, U. (2013): Die Vögel des Denkershäuser Teiches. Eigenverlag.

Heldbjerg, H., Fox, A.D., Levin, G. & T. Nyegaard (2016): The decline of the Starling Sturnus vulgaris in Denmark is related to changes in the extent and intensity of cattle grazing. Agriculture, Ecosystems & Environment 230: 24-31.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Pan-European Common Bird Monitoring Scheme (PECMS) (2012): Trends of common Birds in Europe. (www.ebcc.info).

Schumacher, H. (1996): Ornithologischer Sammelbericht 1995 für die Region Göttingen. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. (1): 4-56.

Witt, K. (1963): Ornithologische Beobachtungen vom Seebuger See.aus den Jahren 1958-61. Jb. Dt. Jugendb. für Naturbeob. 1962/63: 110-134.

Zang, H., Heckenroth, P. & P. Südbeck (2009): Die Vögel Niedersachsens. Rabenvögel bis Ammern. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H.2.11. Hannover.

Ich bin auch ein Star - MSiebner
Abb. 8: Ich bin auch ein Star. Foto: M. Siebner

October 22nd, 2017

Vögel, die auf Balken stehen

Höckerschwan -  Balken - MSiebner
Abb. 1: Höckerschwäne am Kiessee. Foto M. Siebner

Wasser, sagt man, hat keine Balken. Aber stimmt das eigentlich? Am Göttinger Kiessee herrscht endlich Klarheit. Seit dem Frühjahr 2016 ist das Gewässer um eine Attraktion reicher. Nach einer Vereinbarung zwischen Naturschützern, Stadtverwaltung und Wassersportlern wurden Baumstämme zu Wasser gelassen und am Grund verankert. Sie dienen einerseits als „Wellenbrecher“ zum Schutz des Röhrichts an der Ost- und Südseite, an anderer Stelle als Barrieren, die das Umfahren der Vogelschutzinsel mit Booten verhindern sollen. Bei den Baumstämmen handelt es sich um die Reste der gefällten Robinien aus der Groner Straße im Stadtzentrum, die nach ihrer Sanierung in steriler Tristesse mit immer mehr Leerstand vor sich hin vegetiert. Die schrundige Oberfläche der neuen Strukturelemente ermuntert Lebewesen aller Art, sich auf ihnen niederzulassen, sei es zur Nahrungssuche oder zum Ausruhen. Neben den vor Jahrzehnten von ihren überforderten Besitzern ausgesetzten Schmuckschildkröten (die damals um die fünf DM kosteten und nicht viel größer waren als die gleichwertige Münze) sind dies vor allem Vögel.

Schildkröte - Balken - MSiebner
Abb. 2: Schmuckschildkröten nutzen die Balken fürs Sonnenbad. Foto: M. Siebner

Göttinger Vogelkundler reagierten schnell: Während anfangs nur eher beiläufige Beobachtungen anfielen, werden mittlerweile alle Vögel, die auf den Balken sitzen, penibel in einer speziellen Artenliste erfasst. Klingt das nicht total bescheuert? Irgendwie schon, ist aber auf jeden Fall naturverträglicher und erholsamer als andere Freizeitbeschäftigungen in diesem Naherholungsgebiet.
Derzeit steht die Liste bei 29 Arten, es ist also noch viel Luft nach oben. Immerhin befinden sich auf ihr bereits jetzt schon Seltenheiten wie Moorente, Schwarzkopfmöwe und Weißbart-Seeschwalbe, während Singvögel mit nur drei Arten (Rabenkrähe, Gebirgsstelze und Bachstelze) dramatisch unterrepräsentiert sind.

Gänsesäger - Balken - MSiebner
Abb. 3: Gänsesäger. Foto: M. Siebner

Damit die Liste weiter wächst und ständig aktualisiert werden kann, sollten entsprechende Beobachtungen in unserer Datenbank ornitho.de mit dem Verweis „Balkenart“ versehen oder an info@ornithologie-goettingen.de geschickt werden.

Schwarzkopfmöwe - Balken - MSiebner
Abb. 4: Schwarzkopfmöwe als einmalige Balkenart. Foto: M. Siebner

Natürlich ergeben sich aus der neuen Aufgabestellung vielfältige Fragen, denen mit gebotener Ernsthaftigkeit nachgegangen werden sollte: Wie beeinflusst der Klimawandel das Nahrungs- und Komfortverhalten der Vögel? Ist es möglich, faunenfremde Einwanderer wie die Nilgans gezielt von den Balken fernzuhalten – zum Schutz unserer einheimischen Wasservögel? Können aufmontierte und ganzjährig beschickte Futterhäuschen die Artenzahl bei den Sperlingsvögeln erhöhen? Ändert sich das Nutzerverhalten, wenn die ursprünglich nordamerikanischen Robinien nach ihrem Verrotten gegen deutsche Eichen ausgetauscht werden? Wird sich die „Balken-Artenliste“ zu einem aussagekräftigen Indikator der biologischen Vielfalt entwickeln? Entsteht am Kiessee ein beispielhaftes Citizen-Science-Projekt mit bundesweiter Strahlkraft? Hoffen wir das Beste!

Hans H. Dörrie

Abendstimmung - Balken - MSiebner
Abb. 5: Abendstimmung mit Balken. Foto: M. Siebner

September 29th, 2017

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