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Der Vogelwinter 2018/19 in Süd-Niedersachsen:
Selten unspektakulär

Rotdrossel - MSiebner
Abb. 1: War in diesem Winter deutlich häufiger als sonst: Rotdrossel
Foto: M. Siebner

Als “winterlich” kann der Dezember 2018 fürwahr noch nicht bezeichnet werden, herrschten doch vorrangig milde Temperaturen mit im Mittel 4°C. Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Schnee waren Mangelware, vielmehr machten vorfrühlingshafte 12°C kurz vor Weihnachten die Hoffnungen auf eine weiße Weihnacht endgültig zunichte. Und der Januar? Zunächst zeichnete sich kein wirklicher Wintereinbruch ab; nachts fiel die Temperatur nicht unter -3°C und tags stieg sie dank stabiler atlantischer Luftströmungen auf bis zu 8°C - durchaus auszuhalten. In der zweiten Januarhälfte erreichte uns dann ein einigermaßen stabiles Hochdruckgebiet und bescherte uns eine sonnige Woche und Dauerfrost mit Temperaturen von bis zu -10°C. Wenngleich nur von kurzer Dauer, so brachte es dennoch etwas Dynamik ins Zuggeschehen. Selbst größere Stillgewässer froren großflächig zu und ließen zahlreiche Wasservögel auf Fließgewässer umsiedeln. Bis Mitte Februar stiegen die Temperaturen peu à peu auf bis zu 14°C und gegen Ende des Monats wurde die 20°C-Marke nur knapp unterboten, was vielerorts bereits eifrig zur Grillzange greifen ließ. Frühjahrszug und beginnendes Brutgeschäft sind bereits überall spürbar und lassen sich kaum mehr aufhalten. Oder doch? Hoffen wir, dass kein später Wintereinbruch den Vögeln einen Strich durch die Rechnung macht.
Mit 14.718 Meldungen wurden in ornitho.de, auf dessen Daten der folgende Bericht größtenteils beruht, etwas weniger Beobachtungen eingetragen als im vorangegangenen Winter.

Gute Zahlen wies der Überwinterungsbestand des Höckerschwans auf, wenngleich ein sehr geringer Jungvogelanteil von unter acht Prozent ein schlechtes Brutjahr 2018 nahe legt. Neben 55 Tieren in der Feldmark zwischen Angerstein und Elvese wurden weitgehend ortstreue Gruppen von jeweils etwa 40 Individuen an der Werra bei Laubach (Hann. Münden), am Seeburger See sowie im Leinepolder beobachtet. Überwinternde Singschwäne gerieten neben einem Einzelvogel am Seeburger See traditionsgemäß im Leinepolder Salzderhelden ins Blickfeld. Darunter der seit 2012 bekannte, in Lettland 2011 mit einer blauen Halsmanschette (2E94) markierte Vogel, der nun seinen bereits siebten Winter bei uns verbringt. Zwei Familienverbände mit je drei Jungvögeln sowie weitere Altvögel ließen den Winterbestand zeitweise auf bis zu 23 Tiere anwachsen, von denen der Großteil bis Ende Februar wieder abgezogen war.

Singschwan - MSiebner
Abb. 2: Singschwan am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Im Umfeld der Northeimer Seenplatte fanden sich bis zu vier Kanadagänse zusammen. Ein an der Geschiebesperre beobachteter und fotografierter Vogel ließ sich vermutlich der Unterart “parvipes” zuordnen. Wie schon im Vorjahr fanden sich auch diesen Winter drei Vögel am Seeanger ein, bei denen es sich möglicherweise um die Brutvögel aus 2017 vom Lutteranger (plus Jungvogel) handeln könnte.
Weißwangengänse, von denen während der Kältephase im Januar sieben im Seeanger sowie vier an der Geschiebesperre Zuflucht suchten, bildeten die Ausnahme zu den wenigen, üblicherweise einzeln oder paarweise in der Region überwinternden Vögeln.
Die seit dem 21.10. im Leinepolder anwesende und mit einem gelben Züchterring versehene Streifengans sorgte über den Winter für eine Bereicherung der Vogelvielfalt.
Während der Kältephase im Januar kam es im Norden und Osten offenbar zu kräftigen Kältefluchten Grauer Gänse, wodurch sich kurzzeitig fünfstellige (!) Schlafplatzansammlungen an Leinepolder und Geschiebesperre anfanden. Die Zahlen der im Leinepolder und den umliegenden Gebieten überwinternden Tundrasaatgänsen erreichten dadurch ab Mitte Januar mit mindestens 5000 Vögeln ihren Peak, eine recht stattliche Zahl dieser in der Tundra Sibiriens brütenden Art. Neben ebenfalls beachtlichen 4000 Blässgänsen ebenda konnten am Seeburger See mit 500 Vögeln hohe Zahlen festgehalten werden, wo typischerweise nur bis zu 65 Tiere zur Überwinterung schreiten. Auch die Graugans konnte mit 2000 Tieren im Januar an der Geschiebesperre ihr Maximum erreichen. Unter 600 Vögeln am Seeburger See bzw. Seeanger fand sich auch ein seit 2014 bekannter, alljährlicher Gast aus Tschechien mit rotem Halsband (I29) sowie ein an den süd-niedersächsischen Kiesteichen Giften bei Nordstemmen markierter Vogel (dunkelgrün SKZ). Aus Ungarn (Halsring H 469) stammt ein Vogel, der am 27. Februar nahe dem Seeburger See abgelesen wurde. Mit 540 Ind. soll auch die Kiesgrube Reinshof nicht unerwähnt bleiben.
Höchstzahlen der Nilgans fallen mit 80 im Leinepolder Mitte Februar eher mager aus.
Eine im Seeanger überwinternde Brandgans stellt aus regionaler Sicht eine kleine Besonderheit dar. Die humpelnde Fortbewegung durch ein verletztes Bein lässt die Überlegung zu, inwieweit es sich hierbei um eine freiwillige oder doch notgedrungene Überwinterung handelt.
Die seit Anfang September an der Leine in der Göttinger Südstadt anzutreffende Warzenente, die von örtlichen Vogelfreunden liebevoll “Claudia” getauft wurde, erfreute sich über die Wintermonate reger Aufmerksamkeit. Umso beunruhigender die Tatsache, dass sie offenbar zunehmend die Lust am Schwimmen verliert und sich nunmehr ausschließlich an Land (und im Geäst) aufzuhalten scheint.
Ausnahmsweise mal in weißer statt in bunter Pracht bereicherte eine Mandarinente ab Mitte Dezember kurzzeitig den Kiessee.

Mandarinenente - MSiebner
Abb. 3: Weiße Mandarinente am Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Winterbestand der Pfeifente liegt mit einem Maximum von 250 Individuen am Leinepolder im positiven Trend der letzten Jahre. Bei der Krickente lässt sich mit 190 Vögeln am Seeburger See ein erneut ordentlicher Winterbestand festhalten. Der Höchstwert winterlicher Stockenten fiel mit 570 Vögeln am Seeburger See recht hoch aus, während er im Polder für Februar mit ca. 200 Ind. eher niedrig lag, vermutlich wegen des Fehlens ausgedehnter Wasserflächen. Unter nur fünf Meldungen der Löffelente stechen sechs Männchen am Kiessee am 1. Januar heraus.
Die einzige Beobachtung einer (weiblichen) Kolbenente gelang am 2. Februar auf der Fulda bei Speele.
Geringe Bestandszahlen fanden sich bei Vertretern weiterer Tauchentenarten. Bis zu 70 Tafelenten an der Northeimer Seenplatte sowie 38 am Seeburger See Ende Februar fallen hinter den Höchstzahlen der letzten Jahre weit zurück. Auch die Reiherente war mit 300 Vögeln an den Northeimer Teichen Ende Januar und nur niedrig zweistelligen Zahlen auf Göttinger Gewässern eher unterrepräsentiert.
Am 12. Dezember legte eine weibchenfarbene Trauerente eine Stippvisite auf dem Seeburger See ein. Einen Monat später fand sich für acht Tage eine Samtente ebenda ein. Schellenten waren mit 15 Individuen an der Geschiebesperre gut vertreten, weitere elf Ind. wurden an den Northeimer Teichen sowie sieben Ind. am Seeburger See beobachtet.
Der ab Ende November auf den Northeimer Kiesteichen anwesende Entenhybrid der Kombination Kolben- x Moorente oder Kolben- x Reiherente wurde bis mindestens Anfang Februar dort beobachtet.

Tauchentenhybrid - BRiedel
Abb. 4: Rätselhafter Tauchentenhybrid. Foto: B. Riedel

Zwergsäger erreichten mit 29 Ind. an den Northeimer Teichen und 13 Ind. am Seeburger See ihre Maxima und waren damit gut vertreten. Der seit dem 21. November am Seeburger See anwesende, weibchenfarbene Mittelsäger war noch bis zum 19. Januar dort anzutreffen.
Der Winterbestand des Gänsesägers lag zunächst mit 170 Ind. am Seeburger See sowie 24 Ind. im Polder recht hoch, mit der Vereisung der Stillgewässer sanken die Zahlen jedoch schnell und erreichten erst im Februar wieder knapp die 100er-Marke. Bis zu 20 weitere Vögel konnten auf der Fulda bei Hann. Münden ausfindig gemacht werden.
Die einzige Feststellung des Fasans, in Südniedersachsen eine echte Rarität, erfolgte bei Duderstadt am Namenstag des heiligen Nikolaus.
Mit vier Zwergtauchern fiel der Winterbestand im Stadtgebiet dieses Jahr sehr gering aus, was vielleicht durch geringe Pegelstände der Leine als Folge des Dürresommers 2018 erklärt werden kann. Bis zu sechs Ind. an der Werra (Hann. Münden) und 25 Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt Ende Januar zeigen einen passablen Bestand an, wenngleich die Zahlen hier sicherlich durch Zuwanderer von kleineren, zugefrorenen Gewässern beeinflusst sind.
Der Bestand der am Seeburger See überwinternden Haubentaucher lag zunächst bei ordentlichen 80 Ind. Anfang Dezember, schrumpfte jedoch bis Anfang Februar auf einen einsamen Einzelvogel. Der warme Februar machte den See schließlich wieder zugänglich, sodass sich bis zum Ende des Berichtzeitraums wieder um die 40 Haubentaucher anfanden. 92 Ind. überwinterten an den Northeimer Kiesteichen, vornehmlich am Großen Freizeitsee.
Schwarzhalstaucher konnten vom 5. bis 26. Dezember am Seeburger See beobachtet werden, wo zunächst zwei, dann nur noch ein Einzelvogel die Wasservogelwelt bereicherten. Einem Duo an den Northeimer Kiesteichen folgte ein Trio Anfang Dezember ebenda. Zur (Teil-)Überwinterung schritt jedoch nur ein Individuum, das es zumindest bis Ende Januar dort aushielt.
Der seit Ende November bekannte Sterntaucher verblieb bis zum 18. Januar am Großen Freizeitsee. Die ebendort (vor allem am Forellenzuchtteich bei Edesheim an der B 3) seit November anwesenden zwei Prachttaucher des ersten Kalenderjahres räumten bereits Mitte Dezember wieder das Feld.

Prachttaucher - BRiedel
Abb. 5: Prachttaucher am Forellenteich. Foto: B. Riedel

Maximale Winterbestände des Kormorans fanden sich mit 52 Ind. am Wendebachstausee und 54 Ind. am Göttinger Kiessee. 171 Ind. am Seeburger See reduzierten sich nach dessen großflächigem Zufrieren auf eine Handvoll Vögel; zeitgleich erhöhte sich der Bestand an Werra und Fulda bei Hann. Münden von 41 auf bis zu 169 Ind.
Bis Mitte Dezember verweilte eine große Anzahl an Silberreihern am Seeburger See und den umliegenden Gewässern. Das Maximum wurde am 17. Dezember erreicht, als dort und am angrenzenden Lutteranger die Göttinger Rekordzahl von insgesamt 191 Individuen festgestellt werden konnten. Ein Austausch zwischen den beiden Gebieten ist aufgrund des kurzen Beobachtungszeitraumes weitestgehend ausgeschlossen. Dieses Auftreten steht in starkem Kontrast zum letzten Jahr, als im Dezember an keinem Tag auch nur die 20er-Marke erreicht war. Im Landkreis Northeim suchten am 16. Januar im Leinepolder IV 54 Reiher nach Nahrung.
Ebenfalls deutlich häufiger als im letzten Jahr wurde die Rohrdommel diesen Winter beobachtet. Am Seeburger See rastete zwischen dem 1.-5. Dezember eine im Schilfgürtel, gefolgt von einem Vogel am Großen Freizeitsee bei Northeim, welcher am 12. Dezember ins Blickfeld des Beobachters geriet. Die erste Dommel des Jahres 2019 konnte nur akustisch festgestellt werden, als sie in der Nacht des 20. Januar über den Polder II zog. Am 18. Februar wurde nochmals der Seeburger See besucht. Ein wenig verflogen hatte sich einer dieser Tarnungskünstler, als er am 9. Februar am Ortsrand von Hann. Münden auf einer Straße spazieren ging. Dank dem beherzten Einsatz einer Autofahrerin konnte die Dommel mit Hilfe einer Decke, augenscheinlich unverletzt, in Richtung der nahen Fulda getrieben werden.
Das Storchenpaar in Hollenstedt war den ganzen Winter auf seinem Nest zu sehen.

Wei�storch - Hadacek
Abb. 6: Winterstorch an der Geschiebesperre. Foto: F. Hadacek

Die meisten Beobachtungen von Kornweihen stammen aus den Leinepoldern zwischen Einbeck und Northeim, an welchen über den gesamten Winter verteilt fünf Beobachtungen mit sieben Tieren gelangen, wobei Doppelerfassungen nicht auszuschließen sind. Abseits jenes Gebietes flogen an acht weiteren Orten Individuen dieser eleganten Mäusejäger.
Gab es Winter mit überhaupt keiner Beobachtung, so gelangen in diesem Jahr an vier Orten jeweils einzelne Raufußbussarde in das Blickfeld der Beobachter. Aufgrund der Alters- und Geschlechtsangaben kann hier von jeweils unterschiedlichen Individuen ausgegangen werden.
Ähnlich der vergangenen Jahre waren Merline auch in diesem Winter die Ausnahme. Am 18. Dezember wurde ein Weibchen bei Bovenden entdeckt und am 9. Februar ein weiteres bei Immensen.
Kraniche waren ab Mitte Februar eine nahezu alltägliche Erscheinung. Allein zwischen dem 16. und 17. Februar zogen mindestens 2531 Individuen (inklusive Mehrfachmeldungen) über Göttingen, wobei der Zug wie jedes Jahr bis weit in die Nacht hinein stattfand und viele Trupps nur akustisch wahrgenommen werden konnten.
Regelmäßig ist in diesem Winter nur der Seeburger See von der Wasserralle besucht worden. An anderer Stelle wurde am 23. Februar eine an der Geschiebesperre Hollenstedt gesehen.
Nachdem man am 20. Februar im Leinepolder I den erste Goldregenpfeifer des Jahres zwischen anwesenden Kiebitzen entdeckte, folgten am 22. des Monats 35 überfliegende Vögel in der Feldmark südlich Geismar, am 24. 46 Ind. rastend auf einem Acker südlich Einbeck sowie am 27. 60 Individuen wiederum im Leinepolder I.
Für überwinternde Limikolen stellte sich die Geschiebesperre bei Hollenstedt wiederum als Ort mit hoher Anziehungskraft heraus.
Bis zu sechs Kiebitze hielten sich den gesamten Winter über hier auf. Am 20. Februar rasteten, heute leider in dieser Anzahl selten gewordene, 3500 Individuen dieser Art im Leinepolder I.
Auch Bekassinen waren die gesamten Wintermonate mit maximal 11 Tieren an der Sperre zu sehen.

Bekassinen - FHadacek
Abb. 7: Bekassinen an der Geschiebesperre. Foto: F. Hadacek

Nur eine Waldschnepfe konnte entdeckt werden. Diese flog dem Beobachter am 21. Januar bei Mielenhausen vor den Füßen auf.
Vom 26. Januar bis 1. Februar rastete eine Zwergschnepfe an der Geschiebesperre. Eine weitere wurde an der Leine bei Bovenden gesehen.
An der bereits mehrfach erwähnten Flachwasserzone bei Hollenstedt waren auch regelmäßig bis zu zwei Waldwasserläufer zu beobachten.
Ein Großer Brachvogel suchte am 16. Februar am Großen Freizeitsee nach Nahrung.
Zweifelsohne das ornithologische Highlight dieses Winters (mit traurigem Beigeschmack) stellt eine am 15. Januar entdeckte Dreizehenmöwe dar. Zwar gab es schon einige Beobachtungen dieser sonst streng pelagischen Art im Bearbeitungsgebiet, jedoch wohl keine unter diesen Umständen. Nach einem starken Sturmtief in der vorangegangen Nacht wurde die Möwe auf dem Gelände der Nord-Uni in einer großen Brache liegend entdeckt. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits stark geschwächt und verstarb im Laufe des Nachmittags an eben diesem Ort, ein Schicksal, welches sie mit vielen ins Binnenland verdrifteten Hochseevögeln teilt.

Abgesehen davon blieb es relativ ruhig um die Möwengilde diesen Winter. Eine Silbermöwe hielt sich die gesamte Zeit über am Seeburger See auf. Eine mutmaßlich weitere besuchte ab dem 22. Januar regelmäßig den Großen Freizeitsee und die Geschiebesperre.
Etwas häufiger trat die Steppenmöwe in Erscheinung. Am Seeburger See hielten sich bis vier Individuen regelmäßig auf. Am 21. Januar rastete ein Altvogel auf dem Großen Freizeitsee, gefolgt von bis zu fünf Tieren vom 29. Januar bis 6. Februar an der Geschiebesperre Hollenstedt. Eine Möwe im dritten Kalenderjahr verweilte am 16. Februar Im Leinepolder I.
Nennenswerte Ansammlungen von Sturmmöwen gab es am 2. Dezember am Seeburger See mit 25 gleichzeitig anwesenden Vögeln und am 13. Januar im Leinepolder II, wo sichetwa 50 Individuen aufhielten.
Die schon in der letzten Zusammenfassung erwähnte Nestbesetzung der Ringeltaube in Gö.-Treuenhagen seit Anfang Oktober, konnte noch mindestens bis zum 16. Dezember verfolgt werden. Der Brutversuch verlief offensichtlich erfolglos. Größere winterliche Ansammlungen der Türkentaube wurden Anfang Dezember bei Diemarden (19 Ind.) und Niedernjesa (14 Ind.) festgestellt. In Seeburg hielten sich am 2. Februar ebenfalls 14 Individuen auf.
Vom Raufußkauz gibt es von insgesamt 13 Beobachtungen aus Solling, Bramwald, Reinhäuser Wald und Kaufunger Wald zu berichten. Singende Sperlingskäuze wurden mit einem Individuum im Bramwald und mit zwei Männchen im Reinhäuser Wald festgestellt. Bemerkenswert ist bei den Käuzen im Reinhäuser Wald der Gesangsplatz mitten in einem Buchenwirtschaftswald trotz der vorhandenen Nähe zu den traditionell besiedelten Nadelwaldbereichen. Auffällig ist ein dichter Unterwuchs aus jungen Buchen. Es bleibt abzuwarten, ob die Eulen auch zur Brutzeit an dem Laubwald festhalten. Parallelen zu der Beobachtung finden sich im fränkischen Steigerwald, wo unter anderem 1996 bei intensiven Untersuchungen acht besetzte Sperlingskauzreviere in ausgedehnten alten Buchenbestandskomplexen mit Aufwuchs festgestellt wurden. In entsprechenden Revieren wurden kleinere Fichtenstangenhölzer in unmittelbarer Nähe selbst zur Zeit der Jungenaufzucht geradezu gemieden. Hier könnte der Feinddruck nistender Sperber eine gewisse Rolle gespielt haben. Waldkäuze waren mit mindestens einem Revier in jedem der acht Sperlingskauzreviere vorhanden. Ein Zusammenleben der beiden Arten scheint sich durchaus nicht auszuschließen. Viel eher könnte hier eine provozierte Aktivitätsverlängerung des Winzlings durch unsensibles Nachpfeifen von „Eulenfreunden“ dem Waldkauz einen entscheidenden Vorteil geben. Balzende Waldohreulen wurden erfreulicherweise wieder etwas zahlreicher notiert als noch im letzten Winter. Schon am 25. Dezember konnte ein balzendes Paar bei Einbeck registriert werden. Ihm folgte ein mehrfach gehörtes Männchen aus dem traditionellen Revier in Gö.-Treuenhagen sowie ein Paar in Gö.-Geismar. Am 3. Februar konnte ein Männchen in Rosdorf verhört werden sowie am 13. Februar ein Vogel im Bramwald westlich von Ellershausen. Im Solling nördlich von Bodenfelde konnte am 1. Februar ein balzendes Paar vernommen werden. Am 23. Februar überflog eine Waldohreule rufend das Primatenzentrum in Gö.-Weende und am 24. Februar meldete sich ein Männchen bei Stockhausen aus einem Feldgehölz. Vom Waldkauz gelang nach der erfolgreichen Brut 2017 im Alten Botanischen Garten am 24. Januar erstmals wieder eine Beobachtung. Die Eule konnte beim erfolgreichen Jagen auf dem Stadtwall beobachtet werden. Am 15. Februar balzte ein Männchen ebenda. Ob es zu einer Neuauflage des Brutversuchs kommt bleibt abzuwarten.

Waldkauz - VHesse
Abb. 8: Waldkauz im Alten Botanischen Garten (2017). Foto: V. Hesse

Der Eisvogel hat sich mit 61 Beobachtungen in diesem Winter von dem in 2017 vermutlich durch Starkregenereignisse und Hochwasser geschuldeten schwachen Bruterfolg nicht gerade erholt. Vorletzten Winter waren es zum Vergleich noch 156 Beobachtungen.
Winterreviere vom Raubwürger (mindestens drei Beobachtungen) gab es auf dem ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt sowie besonders erwähnenswert auf einer Windwurffläche mitten im Kaufunger Wald südlich von Hann. Münden. Ob die Windwurffläche zur Brutzeit noch besetzt ist, darf gespannt abgewartet werden. Auf dem Kerstlingeröder Feld, in der Feldmark westlich von Hollenstedt und südlich von Eberhausen ließ er sich jeweils zweimal ausfindig machen. Einzelbeobachtungen gelangen außerdem noch östlich von Edesheim, nördlich der Schweckhäuser Wiesen und aus Bettenrode im Reinhäuser Wald. Eine Beobachtung südöstlich von Diemarden könnte ebenfalls den letztgenannten Vogel betreffen.
Der Winterbestand der Saatkrähe lag durchweg im einstelligen Bereich. Beim einsetzenden Heimzug konnten am 18. Februar maximal 70 Saatkrähen neben dem Nachtclub „Chateau“ im Göttinger Süden beobachtet werden.
Zwei Hybriden aus Raben- x Nebelkrähe konnten am 12. Januar südwestlich von Bovenden unter Rabenkrähen festgestellt werden.
Das Januarmaximum der Feldlerche kann mit 180 Individuen am 19. des Monats in der Nähe von Northeim als durchaus hoch eingestuft werden.
Eine durchgängige Überwinterung gelang mindestens zwei Bartmeisen am Seeanger. Fotogestützte Nachweise der regional seltenen nordöstlichen Nominatform der Schwanzmeise gelangen zwischen dem 7. bis 18. Dezember in der Umgebung der Northeimer Kiesteiche von maximal acht Vögeln. Jeweils Einzelvögel traten am 20. Januar bei Hann. Münden und am 27. Januar im Neuen Botanischen Garten auf.

Schwanzmeise - WVogeley
Abb. 9: Nordöstliche Schwanzmeise bei Northeim Foto: W. Vogeley

Beim Zilpzalp gab es 15 Beobachtungen, die auf sieben Vögel zurückzuführen sind. Etwa die Hälfte der Wintervögel hielt sich über Wochen in Senffeldern auf. Hinweise auf eine durchgehende Überwinterung gab es allerdings nicht.
Winterbeobachtungen der Mönchsgrasmücke gelangen im gewohnten Maße nur spärlich. Je ein Männchen am 1. Dezember im Neuen Botanischen Garten und am 11. Dezember bei Barlissen. Vom Sommergoldhähnchen existiert diesen Winter nur eine Beobachtung von zwei Vögeln am 2. Februar in der Göttinger Südstadt. Der positive Trend scheint vorerst gebrochen.
Nach einem Seidenschwanz Anfang November folgte noch ein Trupp aus fünf Vögeln am 27. Dezember am Großen Freizeitsee. Von einem Einflug kann auch diesen Winter nicht die Rede sein.
Nachweise der Singdrossel passen in das Bild der letzten Jahre. Vom 16. bis 22. Dezember hielt ein Vogel in Hann. Münden die Stellung. Nach einem kleinen Kälteeinbruch gesellte sich eine Singdrossel am 23. Januar für drei Tage zu den überwinternden Rotdrosseln und Amseln im Forstbotanischen Garten. In diesem Zeitraum zeigte sich ein weiterer Vogel nur für einen Tag in Gö.-Weende. Die Rotdrossel trat diesen Winter bemerkenswert häufig in Erscheinung, so gab es alleine im Januar 103 (!) Beobachtungen (Januar 2018: neun Beobachtungen). Im Bereich des Forstbotanischen Gartens und Neuen Botanischen Gartens waren es bis zu 150 Vögel. Diese regional sehr ungewöhnliche hochwinterliche Ansammlung ist auf ein ausgesprochen gutes Beerenangebot (Weißdorn, Roter Hartriegel) zurückzuführen. Die Beeren des Roten Hartriegels, welche als beliebte Vogelnahrung in der Regel im Herbst schon nahezu restlos abgeerntet sind, konnten teilweise noch im Januar zahlreich vorgefunden werden.

Wacholderdrosseln - MSiebner
Abb. 10: Auch sie labten sich am Beerenreichtum: Wacholderdrosseln. Foto: M. Siebner

Trotz des schneearmen Winters sind 13 Beobachtungen des Hausrotschwanzes von sechs verschiedenen Individuen als recht mager anzusehen. In dem sehr guten letzten Winter waren es hingegen noch mindestens 30 verschiedene Vögel.
Von der Heckenbraunelle liegen zwölf Januar-Beobachtungen von vermutlich elf Vögeln vor. Wie viele davon echte Überwinterer waren, ist aufgrund der unauffälligen Lebensweise schwierig zu sagen.
Erwähnenswerte hochwinterliche Ansammlungen des Wiesenpiepers gab es nördlich von Rosdorf mit 14 Ind. am 15. Januar sowie am 31. des Monats mit zehn Vögeln an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Von der Gebirgsstelze liegen 79 Beobachtungen vor. Mit bis zu drei Vögeln lag das Klärwerk in der Göttinger Weststadt wieder vor. Ob der Rückgang gegenüber dem vergangenen Winter (117 Beobachtungen) signifikant ist oder auf geringerer Beobachterintensität beruht, muss offen bleiben. Bei der Bachstelze lag das Maximum bei 40 Ind. am 13. Januar im Leinepolder Salzderhelden.
Kopfstarke Ansammlungen von Bergfinken gab es diesen Winter nur sehr lokal. Grund dafür waren verbreitete Trockenschäden, die ein geringes Nahrungsangebot zur Folge hatten, während andererseits Buchenvollmasten auf großer Fläche dafür sorgten, dass Nahrungsgäste sich weiträumig verteilten. Mit einem Schlafplatz in Slowenien, der von bis zu fünf Millionen Vögeln besucht wurde, kann die regionale Maximalzahl von mageren 300 Ind. am 31. Dezember im Bramwald nicht konkurrieren.
Nordöstliche „Trompetergimpel“ gerieten vergleichsweise selten mit 19 akustischen Wahrnehmungen zu Gehör. In dem seit zwei Jahren besetzten Überwinterungsgebiet des Girlitz’ an der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende, machte sich die Art mit maximal zwei Individuen im Vergleich zu den Vorjahren sehr rar (2017/18: 11 Ind., 2016/17: 15 Ind.). Ein singendes Männchen in einem angestammten Revier schon am 29. Januar in der Kleingartenanlage „Auf der Masch“ in der Göttinger Weststadt war aus regionaler Sicht hingegen sehr früh. Wie schon im letzten Jahr kam es zu einem Einflug des Birkenzeisigs nach Süd-Niedersachsen. Die maximale Truppgröße betrug allerdings dieses Mal „nur“ 300 Individuen. Am 23. Dezember geriet in Gö.-Nikolausberg ein sehr heller Vogel zu Gesicht, welcher als „Polarbirkenzeisig“ –Kandidat gemeldet wurde. Die Beobachtung wurde bereits bei der Deutschen Avifaunistischen Kommission (DAK) dokumentiert, welche den Nachweis final bewertet.
Dreistellige Maximalzahlen der Goldammer gab es am Seeburger See (100 Ind. am 22. Dezember), Duderstadt (110 Ind. am 25. Dezember), Diemardener Berg (150 Ind. am 6. Januar), Feldmark Höckelheim (100 Ind. am 17. Januar), Gö.-Weende (100 Ind. am 25. Januar), ehemalige Tongrube Siekgraben (120 Ind. am 29. Januar) und Feldmark Geismar-Süd (152 Ind. am 11. Februar). Januarbeobachtungen der Rohrammer gelangen von bemerkenswerten neun Individuen an der ehemaligen Tongrube Siekgraben, zwei Vögeln an der Geschiebesperre Hollenstedt sowie sechs aus dem Leinepolder Salzderhelden und einer am Göttinger Hagenberg.

Béla Bartsch, Malte Georg und Ole Henning

Damit schließt dieser Bericht, der nahezu komplett auf Angaben aus ornitho.de beruht. Ein herzlicher Dank der Verfasser geht an die Beobachter/innen:
P.H. Barthel, B. Bartsch, A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, E. Höhle, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, J. Kallmayer, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, J. Krogmann, I. Lilienthal, V. Lipka, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Nickel (Naturgucker), S. Paul, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, M. Schneider, M. Schulze, M. Siebner, D. Singer, A. Stumpner, F. Vogeley, W. Vogeley, M. Wimbauer, D. Wucherpfennig und viele andere.

Warzenente - MSiebner
Abb. 11: Auf in den Frühling mit “Claudia”. Foto: M. Siebner

March 9th, 2019

Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen 6 bis 14 online

Naturkundliche Berichte
Abb. 1: Dicker Stapel mit den Bänden 6 bis 14 der Zeitschrift

Von 2001 bis 2010 wurde die Zeitschrift “Naturkundliche Berichte zur Fauna und Flora in Süd-Niedersachsen” vom Arbeitskreis Göttinger Ornithologen herausgegeben. In den Bänden finden sich der avifaunistische Jahresbericht des jeweils vergangenen Jahres sowie viele interessante Beitrage zu Fauna und Flora der Region. Zu nennen sind u.a. Kapitel über den Mittelspecht, die Vogelwelt des Kerstlingeröder Feldes, des Göttinger Waldes oder des Göttinger Stadtkerns. Der reichhaltige Lesestoff hat dabei heute nicht an Aktualität verloren, hilft er doch Veränderungen in der Vogelwelt zu erkennen und zu verstehen.

Vielen Dank an Prof. Heitkamp, der für die Homepage die PDF-Versionen der Bände 6 bis 14 zur Verfügung gestellt hat. Diese können unter Publikationen abgerufen werden. Neben den kompletten Bänden können auch einzelne Beiträge einzeln angewählt werden.

February 10th, 2019

Späte Brutzeit und Wegzug 2018: ein sehr warmer, sehr trockener und endloser Sommer

Seeanger - MSiebner
Abb. 1: Ausgetrockneter Seeanger mit Schilf als Viehfutter Foto: M. Siebner

Kurz und bündig: Der Sommer 2018 war groß, sehr groß. Er begann Mitte April und machte erst Mitte November einem Kälteeinbruch Platz. Insgesamt gestaltete er sich nicht ganz so warm wie der „Jahrhundertsommer 2003“. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war aber keiner so trocken. In vielen Regionen fiel nur ein Drittel der üblichen Regenmenge. Winzer, Betreiber von Obstkulturen, Eisdielenbesitzer und Freibadgänger jubilierten, während Getreide- und Kartoffelbauern, Binnenschiffer und Förster über Einbußen klagten. Gebietsweise wurde das Grünfutter für Kühe und Schafe knapp. Biobauern hingegen, die aus Prinzip auf eine vielfältige Fruchtfolge setzen und den Boden schonender bearbeiten, waren nicht annähernd so schlimm dran. Und während sich im warmen Rinden-Mikroklima Myriaden gefräßiger Borkenkäfer über die vom Wintersturm „Friederike“ gebeutelten Fichtenplantagen in den Landesforsten und Privatwäldern hermachten, konnte man sich im Göttinger Stadtwald, der seit Jahrzehnten „naturgemäß“ bewirtschaftet wird, gelassen zurücklehnen: Schäden waren hier kaum auszumachen.
Vor dem Hintergrund dieses außergewöhnlichen Wetterphänomens, das sich besonders in Deutschland und Skandinavien bemerkbar machte, fabulierten Klimapropheten und Propagandisten/Profiteure der „Energiewende“ sogleich von einer „neuen Heißzeit“ oder gar vom „Kippen des Klimas“. Meteorologen, die zur Besonnenheit mahnten, kamen in der medial aufgeheizten Stimmung kaum zu Wort. Letztlich wird man frühestens in ca. 30 Jahren ein Urteil über den Realitätsgehalt dieser Prognosen fällen können. Eins ist aber sicher: Sollte der Sommer 2019 kühl und feucht ausfallen, werden sich die Normalbürger nach den Temperaturen des Vorjahrs zurücksehnen und das bekannte Klagelied von Rudi Carrell anstimmen
Das warme und trockene Wetter kam vermutlich einigen Agrarland-Bodenbrütern (z.B. Feldlerche und Rebhuhn) zugute, die in manchen Sommern unter Nässeperioden und Starkregenereignissen zu leiden haben. Andererseits wurden nur wenige Jungamseln gemeldet. Das deutet darauf hin, dass sich Würmer und Schnecken in tiefere Erdschichten verkrochen hatten und als Nahrung für den Nachwuchs nicht zur Verfügung standen. Von durchweg katastrophalen Auswirkungen auf die Vogelwelt kann aber nach allem, was aus der Fachwelt zu hören ist, keine Rede sein. Interessant ist auch, dass es - wie mancher vielleicht erwartet haben mag - zu keinem Einflug mediterraner Vogelarten gekommen ist. Unter den bundesweit gemeldeten Seltenheiten waren sie sogar unterrepräsentiert. Die spektakulären Einzelbruten von Kappenammer und Brillengrasmücke ohne Präzedenz im (eher kühlen und nassen) Sommer 2017 erlebten keine Neuauflage.
Die Dürre machte sich in unserer Region vielfältig bemerkbar. Die Leine führte über Monate Niedrigwasser, die westliche Hälfte des Seeangers fiel ab Mitte Juli komplett trocken. Der Lutteranger und die Alte Rosdorfer Tongrube waren kurz davor. Die Tongruben Siekgraben in der Gemeinde Rosdorf mutierten zur staubtrockenen Wüstenei. Immerhin: Am Seeanger konnten die Vögel auf den benachbarten „Pfuhl“ mit beständig hohem Wasserstand ausweichen.

Leine - MSiebner
Abb. 2: Leine mit Niedrigwasser Foto: M. Siebner

Die ersten Singschwäne der Saison, ein Paar mit drei Jungvögeln, trafen am 25. November an der Geschiebesperre Hollenstedt ein.

Am 4. November hielt sich unweit des Seeangers unter anderen Gänsen eine Ringelgans der dunkelbäuchigen Nominatform auf. Für den Landkreis Göttingen ist dies erst der zweite Nachweis, nach einem am 5. Mai 2002 an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden beobachteten Vogel.
Zwei Weißwangengänse mischten sich ab dem 24. November am Seeburger See und am Seeanger unter die Wasservögel.
Eine entflogene Streifengans mit gelbem Züchterring pendelte im Oktober/November weiträumig zwischen den Feuchtgebieten im Göttinger Ostkreis und in der Leineniederung im Landkreis Northeim.
Ein Paar der Nilgans mit zwei flüggen Jungvögeln an der Kiesgrube Angerstein bei Nörten Anfang September hatte diese vermutlich dort erbrütet. Auch 2017 war in diesem Gebiet ein Paar erfolgreich. Am Seeanger kam es offenkundig zur Brut eines zweiten Paars (drei Küken). Die „Schweinesuhle“ bei Gö.-Esebeck wurde im Juli von einem Paar mit sechs Gösseln zweckentfremdet. Im August war ein Paar am Göttinger Kiessee mit nur einem Nachkommen mäßig erfolgreich. An der Kiesgrube Ballertasche wurde Anfang August ein Paar mit fünf, später nur noch vier flüggen Jungvögeln gesehen. Dass sie dort oder in der Nähe erbrütet worden waren, ist anzunehmen. Damit erhöhte sich die Zahl der erfolgreichen Bruten auf 13 und bewegte sich im Rahmen der letzten Jahre. Obwohl Nilgansbruten, vor allem im ländlichen Bereich, manchmal nicht dokumentiert werden, kann von einer exponentiellen Vermehrung bei uns nach wie vor keine Rede sein, eher wohl vom Erreichen einer Plateauphase.

Nilgansbruten (klein)
Abb. 3: Erfolgreiche Nilgans-Brutpaare 2000-2018 in Süd-Niedersachsen.
Grafik: M. Siebner (zum Vergrößern bitte anklicken)

Die Brandgans trat an der Geschiebesperre Hollenstedt und im Seeanger nur als Einzelvogel auf.
Eine weibliche Warzenente (Zuchtform der südamerikanischen Moschusente) hatte es sich ab Anfang September am Paddlerheim an der Leine in der Göttinger Südstadt gemütlich gemacht. Das neue Maskottchen wurde wegen anatomischer Ähnlichkeiten mit der Nasenwurzel einer prominenten grünen Politikerin vom Paten dieser Art im deutschen Brutvogelatlas auf den Namen „Claudia“ getauft. Als die sympathische Matrone Ende November für ein paar Tage nicht mehr an ihrem Stammplatz auszumachen war, machte sich bei ihrem kleinen Fanclub, von dem sie liebevoll umsorgt wurde, Sorge breit. Umso größer war die Freude, als sie, nicht weit entfernt, am 30. November auf der Leine nördlich des Flüthewehrs wiedergefunden wurde.
Am 7. Oktober schmückte eine männliche Mandarinente den Obertorteich in Duderstadt.
Bruten der Reiherente waren (ab Ende Juli bis Anfang September) dünn gesät: Am Böllestau bei Hollenstedt mit einem Jungvogel, am Göttinger Flüthewehr mit anfangs vier Kleinen, von denen zwei später nicht mehr aufzufinden waren, am Wendebachstau bei Reinhausen mit sieben, am Seeanger mit drei und an der Kiesgrube Ballertasche mit einem Jungvogel. Am Seeburger See schritt die Art zum ersten Mal seit Jahren zur Brut und war mit einem flügge gewordenen Jungvogel erfolgreich.
Ab dem 27. November geriet an den Northeimer Kiesteichen eine merkwürdige Hybridente in den Blick. Als sehr wahrscheinliche Eltern können Kolbenente und Moorente gelten - eine hier noch nie beobachtete Kombination.
Am 9. Juli machten am Göttinger Kiessee drei schlicht gefärbte Schellenten Rast. Über den Ursprung solcher Vögel, deren regulärer Wegzug erst im Herbst einsetzt, ist hier schon mehrfach spekuliert worden. Eine Herkunft aus Brutpopulationen in Sachsen-Anhalt oder aus Niedersachsen nördlich der Mittelgebirgsschwelle liegt nahe. Bislang waren Sommervögel vor allem am Seeburger See präsent. Von besonderer Bedeutung ist, dass sie sich am Kiessee auf einem der Naturschutzbalken niederließen. Damit steht die Balken-Artenliste, eine Göttinger Exzellenz-Initiative mit bundesweiter Strahlkraft, jetzt bei 30 Arten.

Ein weibchenfarbener Mittelsäger mischte sich ab dem 21. November am Seeburger See unter die anderen Wasservögel. Ab dem 28. November bis zum Monatsende war er nicht (mehr) zu sehen.

Von der Wachtel liegen für den Zeitraum Mai - Ende Juli 23 Wahrnehmungen vor. In der Regel waren sie allein unterwegs (Ausnahme: zwei Ind. nahe Landolfshausen). Hinweise auf Revierbesetzungen länger präsenter Männchen gab es nur bei Diemarden und nahe dem ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt.
In der Rhumeaue bei Rüdershausen ist der Bestand des Fasans angestiegen. Am 17. September hielten sich dort gleich fünf (mit hoher Wahrscheinlichkeit von Jägern ausgesetzte) Vögel auf. Für die bedauernswerten Kreaturen stellt sich die Alternative: Tod durch Abschuss oder Verhungern im Winter.

Der ungewöhnliche Brutplatz des Zwergtauchers am Lakenteich im Hochsolling (350 m ü.NN) war wieder von einem Paar besetzt. Eine Brut verlief, bei normalem Wasserstand, mit drei flügge gewordenen Jungvögeln erfolgreich.
In der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden waren (mindestens) vier Paare mit insgesamt neun Bruten sehr gut im Geschäft. Am 26. August bevölkerten mindestens 27 Vögel aller Altersklassen das Gewässer.
Wie heimlich Zwergtaucher brüten können, ist für Göttingen gut dokumentiert: Völlig überraschend geriet Mitte September an der im Stadtgebiet liegenden ehemaligen Tongrube am Siekgraben ein Brutpaar mit zwei Kleinen ins Visier. Die Brut (die erste in der Stadt seit 1993!) verlief erfolgreich. Derweil wird die Grube eifrig weiter mit Erdaushub verfüllt. Sollten die Vögel im nächsten Jahr wieder auftauchen, ist geplant, einen temporären Verfüllungsstopp zu verhängen, immerhin.

Tongrube - MSiebner
Abb. 4: Brutplatz des Zwergtauchers in Göttingen. Foto: M. Siebner

An den Northeimer Kiesteichen konnte nur eine erfolgreiche Brut des Haubentauchers dokumentiert werden. Ob eine Brut an den „Wunderteichen“ südlich des Freizeitsees erfolgreich war, bleibt offen.
Der Brutplatz an den Thiershäuser Teichen (mit sehr niedrigem Wasserstand) war in diesem Jahr verwaist.
Am Seeburger See wurden am 7. Juli 18 Bruten auf Teichrosen gezählt. Weil Bruten zuvor durch Starkwind oder Störungen von Bootsfahrern gescheitert waren, dürfte die Gesamtzahl noch höher gelegen haben. Mindestens elf Paare konnten Schlupferfolg vorweisen.
Am Göttinger Kiessee brachten zwei Paare je einen Jungvogel hoch, Einzelpaare an der Kiesgrube Reinshof und am neuen Brutplatz an den Kiesgruben Groß Schneen je drei. Das Ergebnis am Kiessee bestätigt den negativen Trend, zumal in der Brutzeit nur die beiden Paare anwesend waren.
Am 10. und 11. November machte sich am Northeimer Freizeitsee der erste (und bislang einzige) Rothalstaucher der Wegzug- und Wintersaison bemerkbar.
Vom 1. bis 11. November gaben zwei Ohrentaucher dem Seeburger See die Ehre.
Sommerliche Schwarzhalstaucher erreichten am 2. Juli ebenda mit sieben Vögeln ihr Maximum, einzeln oder zu zweit waren sie dort über Wochen präsent. Ein später Vogel machte am 18. November auf dem Northeimer Freizeitsee Rast.

Ein Sterntaucher traf am 29. November auf dem Northeimer Freizeitsee ein.
Das Gastspiel eines Prachttauchers am 10. November ebenda war offenbar nur von kurzer Dauer. Am 29. November geriet ein zweiter Vogel in den Blick, dem sich einen Tag später der dritte der Saison hinzugesellte.

Der aus dem letzten Winter bekannte Kormoran mit Farbring (Blau 2R8) von der Insel Rügen konnte, nachdem er die Brutzeit in Mecklenburg-Vorpommern verbracht hatte, am 7. Oktober erneut am Seeburger See abgelesen werden.

In der Nacht des 16. Oktober flog eine Rohrdommel über Einbeck. Am 25. November stand eine im Schilf des Seeburger Sees.
Silberreiher verteilten sich im Wesentlichen auf den Leinepolder (maximal 34 Ind. am 17. Oktober) und den Seeburger See (maximal 68 Ind. am 28. November).

War der Dürresommer für den Schwarzstorch ein einziges Desaster? Ganz im Gegenteil! In den Waldgebieten östlich der B 27 bis in den Harz wurden aus acht Bruten 24 Junge flügge, ein Rekordergebnis. Im ehemaligen Kreis Osterode gab es Hinweise auf die erfolgreiche Brut eines neunten Paars. Den Vögeln kam, scheinbar paradox, gerade das Trockenfallen vieler Bäche zugute - hilflose Fische aller Art konnten während der Aufzuchtphase der Jungen bequem erbeutet und verfüttert werden. Wenn es ein Desaster gab, dann eher für Bachforelle und Co. Westlich der Leine sah es allerdings nicht so gut aus. Im Bramwald war nur ein Brutplatz besetzt (dort wurden immerhin vier Jungvögel flügge), der andere, seit mehr als 20 Jahren bezogene, erwies sich als verwaist. Im Kaufunger Wald konnte erneut keine Brut festgestellt werden. Sollten die Vögel nach Hessen gewechselt sein, erwartet sie der massive Ausbau von Windrädern im Wald, dem jetzt schon weitaus mehr Bäume zum Opfer gefallen sind als im heiß umkämpften Hambacher Forst gefällt werden sollen…
Glücklicherweise hat „Friederike“ nur ein Nest zum Absturz gebracht. Es wurde (im Harz) schnell durch eine Nisthilfe ersetzt.

Schwarzstorchnest - JThiery
Abb. 5: Solide Wertarbeit. Künstliche Nestplattform für den Schwarzstorch Foto: J. Thiery

Verglichen mit dem feuchten Sommer des Vorjahrs (bis zu 33 Ind. im Leinepolder) fielen die Wegzug-Rastzahlen sehr niedrig aus, mehr als zwei Vögel zusammen wurden nirgendwo gesehen. Spektakuläre elf Schwarzstörche, die am 23. August über der Göttinger Nordstadt kreisten, sind der größte hier jemals beobachtete, aktiv ziehende Trupp. Zeigte er womöglich an, dass die Vögel schnell das Weite suchten, um in feuchtere Gefilde zu gelangen?
Auch für den Weißstorch war 2018, nach einigen Anlaufschwierigkeiten, letztlich ein gutes Jahr. Im Landkreis Northeim wurden 26 Junge aus 13 Brutpaaren beringt, im Landkreis Göttingen 23 von insgesamt 28 Jungstörchen. Neben dem Nest im Seeanger (vgl. den Vorbericht auf dieser Homepage) blieb auch der Brutplatz bei Wollbrandshausen unbesetzt.

Gleich drei junge Steppen- oder Wiesenweihen gerieten in den Blick: am 22. August über Gö.-Nikolausberg, am 20. September am Seeburger See und am 25. September über dem Bratental bei Göttingen (vermutlich eher Wiesenweihe).
Bis dato liegen Angaben zu zehn, zumeist ziehenden, Kornweihen vor, darunter nur zwei alte Männchen.
Am 10. November ging im Leinepolder ein junger Raufußbussard auf die Jagd.

Mit zwölf Beobachtungen war der Merlin gut vertreten. Am 6. November machte einer am Seeanger erfolglos Jagd auf eine Fledermaus.
Am 8. September flog, fotografisch belegt, ein Rotfußfalke, entweder ein Weibchen oder ein Jungvogel, am Seeburger See umher.

Der Wegzug des Kranichs erbrachte nur am 19. Oktober nennenswerte Zahlen, die einen Vergleich mit früheren Zeiten aushalten. Im bzw. über dem Leinepolder Salzderhelden wurden knapp 2800 Ind. gezählt. Die Gesamtzahl für die Region könnte bei ca. 7000 Ind. gelegen haben. Auf Platz zwei rangiert die Tagessumme vom 16. November mit ca. 2600 Vögeln, von denen allein ca. 1640 über Gö.-Weende zogen. Am 28. Oktober waren es etwas mehr als 1000 Vögel.

Am 8. Juli riefen im Leinepolder zwei Tüpfelsumpfhühner. Am 29. September gelangte dort (wohl) das letzte der Saison zur Beobachtung.

Die (mittlerweile) magische Zahl von 100 Ind. wurde auf dem sommerlichen Zwischenzug von Kiebitzen nirgendwo erreicht - erbärmlich. Die höchste Wegzugansammlung von ca. 250 Ind. konnte, als große Ausnahme, am 30. Oktober in der Feldmark Ebergötzen notiert werden - dort rasteten vor der „Energiewende“ bis zu 3000 Vögel…

Die tagelange Suche engagierter Beobachter (zum Teil mit Schlafsack-Übernachtung vor Ort!) war am 2. September endlich von Erfolg gekrönt: In der ariden Feldmark Ballenhausen südlich von Göttingen rasteten sechs Mornellregenpfeifer (vier alte, zwei junge). Am 9. September flogen drei Ind. über Gö.-Nikolausberg.

Mornellregenpfeifer - MSiebner
Abb. 6: Die Wüste lebt: Mornell (Altvogel) bei Ballenhausen. Foto: M. Siebner

Von der Waldschnepfe liegen ab dem 21. Oktober elf Wegzugbeobachtungen rastender Einzelvögel vor, zum Glück alle außerhalb des Siedlungsbereichs, wo Waldschnepfen oft in Kalamitäten geraten.
Bei keiner anderen Vogelgruppe hat sich der Dürresommer aus regionaler Sicht so negativ bemerkbar gemacht wie bei Limikolenarten, die, anders als Mornell und Waldschnepfe, Feuchtgebiete bevorzugen. Besonders gravierend war der wochenlange Wegfall des Seeangers als beliebter Rastplatz. Limikolen sind jedoch sehr gute Flieger und hochmobil. Das weiträumige Auffinden geeigneter Rastplätze stellt für sie in der Regel kein Problem dar. Wirklich gefährlich können ihnen auf dem Wegzug bei warmer Witterung Ausbrüche von Botulismus werden (oder, bei jedem Wetter, Vogelschießer in Süd- und Südwesteuropa).
Im August wurden an drei Tagen bzw. in zwei Nächten mindestens vier Regenbrachvögel gesehen bzw. gehört. Alle zogen im Luftraum überhin. Wo hätten sie auch landen sollen…
Maximal fünf Große Brachvögel rasteten am 2. Juli im Seeanger. Danach machten sie sich dürrebedingt noch rarer als ohnehin schon.
Bekassinen zeigten erst am 22. Oktober mit 17 Vögeln im Leinepolder ihren maximalen Rastbestand an. An den allermeisten Tagen bewegten sich ihre Zahlen, wie bei den meisten Watvogelarten, im einstelligen Bereich. Letztes traf auch auf den Bruchwasserläufer als Referenzart zu: Zum Beginn der großen Dürre profitierten am 2. Juli im Seeanger immerhin 25 Vögel von den trocken fallenden Flächen. Später lagen die maximalen Tagessummen durchweg unter fünf, zumeist nur bei ein bis zwei Ind. Auch der Alpenstrandläufer, sonst auf dem Wegzug nicht selten, machte sich regelrecht rar: Maximal drei Ind. bevölkerten am 30. September den Seeanger, der nach einem nassen Intermezzo von zwei Tagen wieder etwas Wasser führte.
Als einzige (Halb-)Seltenheit ist ein junger Knutt hervorzuheben, der vom 15. bis 22. September Starvogel der Geschiebesperre Hollenstedt war.
Einen positiven Akzent in dieser Tristesse setzte, immerhin, der Flussuferläufer: Am 18. August drängelten sich gleich 16 Ind. auf einem der Naturschutzbalken im Göttinger Kiessee.

Die Schwarzkopfmöwe trat nur sehr vereinzelt auf: Am 2. und 11. Juli als Altvogel am Seeanger und Seeburger See sowie mit zwei bzw. einem Jungvogel am 14. und 20. September ebenda.
Ab dem 11. November ließ sich am Seeburger See eine Silbermöwe im 4. Kalenderjahr zweifelsfrei identifizieren. Sie hatte sich zuvor an der Kiesgrube Auekrug im ehemaligen, jetzt zu Göttingen gehörenden Landkreis Osterode aufgehalten.

Silbermöwe - MGöpfert
Abb. 7: Silbermöwe (re., mit Steppenmöwe) am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Von der Steppenmöwe liegen nur fünf Nachweise vor: Am 7. Juli im Seeanger (3. Kalenderjahr), vom 8. bis 10. November am Seeburger See (zwei Altvögel), denen ab dem 16. November ein weiterer (?) Altvogel folgte. Ab dem 21. November kamen zwei Jungvögel hinzu, denen ab dem 28. November ein Artgenosse im 4. Kalenderjahr Gesellschaft leistete. Der einzige Nachweis vom Northeimer Freizeitsee stammt vom 29. November (ohne Altersangabe).
Drei Mittelmeermöwen gerieten in den Blick: Am 22. Juli am Seeburger See ein Altvogel sowie am 7. August in der Feldmark Gö.-Geismar (4. Kalenderjahr) und am 20. August in der Feldmark Reinshof (Altvogel).

Am 15. Juli drehte eine adulte Raubseeschwalbe eine Runde über dem Seeanger.
Am 3. Oktober kurvten zwei junge Flussseeschwalben und eine junge Küstenseeschwalbe über dem Northeimer Freizeitsee.

Spätbruten der Ringeltaube sind nicht selten. Möglicherweise sind sie sogar ein bedeutsamer Faktor für den Boom dieser ungemein anpassungsfähigen Art. Am 22. November saß in der Göttinger Weststadt ein Jungvogel im Nest. In Gö.-Treuenhagen schritt ein Paar Anfang Oktober zur Brut und hielt das - nach Laubfall ungeschützte - Nest in der letzten Novemberdekade immer noch besetzt.
Als neues (?) Domizil der Türkentaube kann das Dorf Hoppensen bei Dassel (Landkreis Northeim) verbucht werden. Bemerkenswerte 62 Ind., die am 11. November in der Suhleaue bei Seulingen in drei Bäumen saßen, zeigten eine Höchstzahl der letzten Jahre an und belegten zudem, dass die Art im Eichsfeld immer noch vergleichsweise häufig zu sein scheint.
Auf dem Wegzug wurden insgesamt fünf Turteltauben festgestellt, alles Einzelvögel.

Wie es um den regionalen Brutbestand der Schleiereule bestellt ist weiß niemand. Um die Jahrtausendwende existierten in Süd-Niedersachsen um die 1300 (!) Nistkästen in Scheunen und Kirchtürmen. Wie viele von ihnen gibt es heute noch und wie viele werden aktuell zum Brüten genutzt? Niemand weiß es. Aus dem Berichtszeitraum existieren nur drei Beobachtungen: Am 11. August flog ein Vogel in Seeburg umher, am 19. Oktober in Fredelsloh. Am 24. August lag eine gerupfte Schleiereule auf einem Acker in der Feldmark Gieboldehausen.
Nachdem im Frühjahr kein Brutnachweis der Waldohreule gelang, setzte das traditionelle Paar in Gö.-Treuenhagen einen kleinen Kontrapunkt: Am 29. Juli machten sich zwei Alt- und mindestens drei flügge Jungvogel in der Kleingartenkolonie „Lange Bünde“ lautstark bemerkbar.

Waldohreule - VHesse
Abb. 8: Waldohreule in Gö.-Treuenhagen. Foto: V. Hesse

Am 23. August flog ein (auf dem Wegzug seltener) Wiedehopf nahe dem Seeburger See nach Süden.

Vom Wendehals liegt kein Wegzugnachweis vor.
Interessantes gibt es vom Mittelspecht zu berichten. Am 9. November lieferte ein Vogel den Erstnachweis für den (innenstadtnahen) Alten Botanischen Garten in Göttingen. Diese Beobachtung reiht sich ein in andere im engeren Stadtgebiet abseits der Wälder. Im letzten Winter hat ein Ind. am Kiessee überwintert. Im Januar 2018 hielt sich einer über Tage in der Weststadt gegenüber dem Hagenberg auf, im August 2018 am Pappelwäldchen unweit des Kiessees. Möglicherweise trägt die Alterung des Baumbestands im urbanen Bereich zum vermehrten Auftreten bei. Ob es demnächst zu „Stadtbruten“ kommt, bleibt natürlich offen. Möglicherweise hat der oftmals dominante, in allen genannten Gebieten häufige Buntspecht ein Wörtchen mitzureden…

Am 19. Oktober saß bei Duderstadt unweit der Landesgrenze zu Thüringen ein verbummeltes altes Neuntöter-Männchen auf einem Weißdornbusch.
Am 3. Oktober machte sich, recht früh, der traditionelle Raubwürger in seinem Winterrevier auf dem Kerstlingeröder Feld bemerkbar, eine Woche später sein Kollege am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt. Darüber hinaus liegen drei Wegzugbeobachtungen (Niemetal, Kiesgrube Ballertasche, Gartetal bei Diemarden) vor.

Der größte Wegzugtrupp von Saatkrähen bestand aus jämmerlichen 20 Ind., die sich am 1. und 2. November südlich von Göttingen aufhielten.

Für die wenigen Beutelmeisen, die es bei uns noch zu sehen gibt, ist der Seeanger ein beliebter Rastplatz. Am 31. Oktober erreichten sie hier mit sechs Ind. das Maximum. Im Leinepolder (Einzelvogel), am Seeburger See (ein Jungvogel und ein Männchen) und im Göttinger Neuen Botanischen Garten (ziehender Einzelvogel) traten sie deutlich spärlicher in Erscheinung.

Vom 26. September bis 20. Oktober gerieten an 15 Tagen insgesamt mindestens 100 Heidelerchen in den Blick/zu Gehör. Der größte Trupp bestand am 6. Oktober aus 23 Vögeln über dem Kerstlingeröder Feld.

Im Herbst kam es zu einem kleinen Einflug von Bartmeisen. Auch sie favorisierten - obwohl das Schilf stellenweise erheblich unter Viehverbiss gelitten hatte - vom 14. Oktober bis zum Ende des Berichtszeitraums in unterschiedlicher Zahl den Seeanger. Am 21. Oktober wurden bis zu elf Ind. gezählt, an anderen Tagen zwischen zwei und zehn Ind. Wie viele von ihnen über Wochen „sesshaft“ waren, muss offen bleiben. Am 17. Oktober besuchten zwei Ind. die Kiesgrube Reinshof und am 7. November zogen zwei Vögel vom Göttinger Kiessee nach Westen ab.

Bartmeisen - Menzel
Abb. 9: Bartmeisen-Männchen am Seeanger. Foto: B. Menzel

Fotografisch belegt und daher als valide Nachweise einzustufen sind sechs Schwanzmeisen der nordöstlichen Nominatform an den ehemaligen Tongruben Siekgraben am 8. November, ein Einzelvogel (ungewöhnlicherweise unter Genossen der heimischen Unterart europaeus) am 11. November am Seeburger See, drei Ind. am 17. November am Northeimer Freizeitsee, die am Folgetag dort noch präsent waren, und acht Ind. am 30. November ebenda.

Gleich drei Gelbbrauen-Laubsänger wurden in Göttingen dingfest gemacht. Einer ließ sich am 4. Oktober im Neuen Botanischen Garten gut beobachten. Ihm folgte am 15. Oktober ebenda ein sehr heimlicher, zudem äußerst ruffauler Geselle. Solche Vögel sind praktisch unauffindbar, wenn sie agil durch die Vegetation schlüpfen - die ambitionierte Riege junger Nachwuchskräfte, auch die „Gang vom Kellnerweg“ genannt, hat (nicht nur) in diesem Fall ganze Arbeit geleistet. Am 2. November kam einem etwas älteren Beobachter die Kenntnis des zweisilbigen Kontaktrufs zugute: In der Baumreihe aus Pappeln, Weiden und Holunderbüschen südlich des Kiessees machte ein weiterer Vogel das Trio komplett. Damit liegen für das Referenzgebiet des AGO sieben Nachweise vor. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im Herbst 2018 vergleichsweise wenige Gelbbrauen-Laubsänger im tiefen Binnenland nachgewiesen wurden. Von Göttingen als ihrer Hochburg zu sprechen wäre jedoch vermessen. In der Regel gingen die seltenen Gäste ihren Geschäften zusammen mit Meisen und Goldhähnchen nach.

Der erste (und bis dato einzige) Seidenschwanz der Saison flog, aus regionaler Sicht recht früh, am 4. November über den Göttinger Neuen Botanischen Garten nach Süden.

Vom Star, „Vogel des Jahres 2018“, liegen einige interessante Zählergebnisse vor. Am traditionellen Schlafplatz am Seeburger See versammelten sich am 7. Juli 7000 Vögel. Danach lagen die Zahlen bei 1000 bis 3000 Ind. Am 26. Oktober waren wieder um die 6000 Vögel präsent. Im Leinepolder erreichten sie am 6. September mit 2500 und am 23. Oktober mit 6000 Ind. ihre lokalen Monatsmaxima. Sehr bemerkenswert ist ein (neuer?) Schlafplatz in einer 30-jährigen Fichtenplantage in der Feldmark Behrensen (Landkreis Northeim): Hier begaben sich im Oktober bis zu 20.000 Stare zur Ruhe, am 3. November immer noch 8000. Am 18. November war der Schlafplatz nach einem Kälteeinbruch verwaist. Möglicherweise hat es dabei sich um Vögel gehandelt, die in den vergangenen Jahren an der Geschiebesperre Hollenstedt genächtigt hatten. Im Göttinger Süden bis Diemarden war die Art im August/September im höheren dreistelligen Bereich gut vertreten. Am 30. Oktober zogen ca. 2250 Ind. in kleinen Trupps über das Kerstlingeröder Feld.

Am 6. Oktober zogen von 6.50 Uhr bis 12.00 Uhr 53 Misteldrosseln über das Kerstlingeröder Feld. Mancher wird jetzt sagen: na und? Weit gefehlt: 53 Ind. sind für die Region die bisher höchste Wegzug-Tagessumme dieser eher ungeselligen und nur in kleinen Trupps von, in der Regel, weniger als fünf Ind. ziehenden Art!
Vom 29. September bis zum 17. Oktober gerieten (magere) sechs Ringdrosseln vor die Optik, alles Einzelvögel.
Am 15. Oktober erbrachte eine sehr verdienstvolle Zählung von Amseln auf dem Friedhof Junkerberg in Gö.-Weende bemerkenswerte 138 Vögel. Unter ihnen könnten sich auch rastende Durchzügler befunden haben. Gleichwohl ist die hohe Zahl offenkundig gesunder Vögel auf (nur) ca. 30 Hektar Fläche vielleicht geeignet, die Aufregung um das „Amsel-Massensterben“ durch das afrikanische Usutu-Virus ein wenig herunterzufahren. Das Virus hat in diesem Jahr vor allem in Norddeutschland etliche Opfer gefordert. Dennoch bleibt festzuhalten dass nicht jede abnorm erscheinende Amsel auch krank sein muss. Während der Mauser weisen manche Vögel kahle Stellen am Kopf und ein zerrupftes Gefieder auf. So derangiert sie auch aussehen mögen: Todeskandidaten sind sie in aller Regel nicht.

Amsel - MGöpfert
Abb. 10: Mausernde Amsel in Gö.-Weende. Foto: M. Göpfert

Am 16. August, in der Hauptdurchzugszeit dieses Transsaharaziehers, wuselten an den Wegen und Waldrändern um das Kerstlingeröder Feld mindestens 40 Trauerschnäpper herum. Alle waren im Jugendkleid, was auf einen guten Bruterfolg im 2018 recht warmen Skandinavien hindeutet. So viele Trauerschnäpper an einem Tag wurden in unserer Region noch nie beobachtet. Das grenzte schon an Massenzug dieser (auch) auf dem Wegzug nur spärlich auftretenden Art.
Aus der Feldmark Mingerode (vorjähriger Brutplatz) ist eine erfolgreiche Brut des Schwarzkehlchens nachzutragen. Vermutlich hat es auch in der Feldmark Gö.-Geismar wieder eine Brut gegeben.

Einen regionalen Erstnachweis der ganz besonderen Art konnte M. Göpfert am 30. Oktober im Göttinger Neuen Botanischen Garten erbringen: Unter vielen Hausrotschwänzen tummelte sich ein merkwürdig gefärbtes Männchen, das auch Merkmale des Gartenrotschwanzes zeigte. Auf den Fotos sind eine dunkle Brust (eher verwaschen gefärbt), ein rötlicher Bauch, eine schwarze Kopfpartie und ein helles Stirnband gut zu erkennen, ebenso ein prominentes helles Flügelfeld und Halsband. Östliche Hausrotschwänze der Unterart phoenicuroides, die seit 1995 erst vier Mal in Deutschland nachgewiesen wurden, zeigen niemals ein derart helles Flügelfeld. Zudem ist bei ihnen die schwarze Brust vom roten Bauch scharf abgegrenzt. Daher war von einem Hybriden aus beiden Arten auszugehen. Das merkwürdige Halsband, das man sonst bei Hybriden nicht findet, kam vielleicht durch Mauser zustande. Der interessante Mischling hielt sich bis (mindestens) zum 9. November im Gebiet auf, war aber immer sehr unstet und mobil, und daher nicht leicht zu beobachten.

HausXGartenrotschwanz - MGöpfert
Abb. 11: Männlicher Hybrid Haus- x Gartenrotschwanz. Foto: M. Göpfert

Vom 16. August bis 5. September gelangten bemerkenswerte 21 Brachpieper zur Beobachtung. Mit sechs Ind. wurde am Wüsten Berg südlich von Göttingen am 21. August die höchste Anzahl registriert. In dieser Auflistung nicht enthalten sind drei Ind. am 11. September bei Arenborn (Landkreis Kassel), die bei ornitho.de zwar punktgenau verortet, aber in der Übersicht automatisch einem niedersächsischen Quadranten in der Gemeinde Uslar (Landkreis Northeim) zugeordnet wurden.
Der sichtbare Wegzug des Baumpiepers tröpfelte, bei durchweg „schönem Wetter“, vor sich hin. Mit einer großen Ausnahme: Am Vormittag des 21. August bemerkten die Beobachter am Diemardener Berg, dass der Wind von Nordwest auf Ost drehte. Während vorher am Wüsten Berg 44 Baumpieper (27 ziehend, 17 rastend) notiert wurden, zogen jetzt binnen zweieinhalb Stunden mindestens 728 Ind. (!) über den Zählpunkt. Wie sehr wechselnde Winde den Vogelzug praktisch binnen einer Stunde grundlegend verändern können, ist bekannt, am eindrücklichsten wohl von Helgoland, wenn eine längere Westwindphase vom (Süd-)Ostwind abgelöst wird. Erlebt man dieses Phänomen unverhofft im tiefen Binnenland und quasi vor der Haustür, erscheint es vielleicht noch staunenswerter. Mit 728 Vögeln wurde nicht nur die rezente Höchstzahl von 406 Ind. am 21. August 2013 über dem Kerstlingeröder Feld in den Schatten gestellt, sondern auch der Langzeitrekord von 506 Ind., die am 30. August 1989 nahe Gö.-Weende überhin zogen.
Vielleicht auch weil die meisten Rasthabitate ausgetrocknet waren, machte sich der Rotkehlpieper rar: Am 6. September hielt sich ein Jungvogel im Leinepolder auf.
Vom Bergpieper gibt es seit dem 13. Oktober 18 Nachweise von insgesamt 24 Ind. Möglicherweise könnte auch bei dieser Art die Trockenheit das Rast- und Wintervorkommen negativ beeinflussen.

Auch als Zugvogel ist der Buchfink weitaus häufiger als der Kranich: Vom 26. September bis zum 6. Oktober wurden in der Hauptwegzugzeit an sieben Terminen über dem Kerstlingeröder Feld und dem Kaufunger Wald insgesamt 16.799 Ind. gezählt. Jetzt kann man sich gern ans Extrapolieren machen…
Am 30. September zogen von 6.50 Uhr bis 10.30 Uhr bemerkenswerte 165 Kernbeißer über das Kerstlingeröder Feld.

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Abb. 12: Kernbeißer. Foto: M. Siebner

Am 27. Oktober machten sich im Göttinger Neuen Botanischen Garten die ersten nordöstlichen „Trompetergimpel“ bemerkbar, und zwar gleich zu viert. Bis dato liegen 18 Beobachtungen von mindestens 22 Vögeln vor.
Wer gedacht/gehofft hat, dass der Bestand des aus Südwest-Europa stammenden Girlitz’ bei den vorherrschenden mediterranen Temperaturen in die Höhe schnellen würde, sah sich herbe enttäuscht. Mit den Zahlen geht es weiter bergab, in der Regel wurden nur ein bis zwei Girlitze gesehen, die maximale Tagessumme stammt, mit ganzen sieben Vögeln, vom 26. August aus Gö.-Nilkolausberg.
Wesentlich erfreulicher sind dagegen bis zu 600 Stieglitze, die sich am 31. Oktober an einem von Sonnenblumen geprägten Blühstreifen am Diemardener Berg versammelt hatten. Weil es ein reges Kommen und Wegfliegen war, könnte die Gesamtzahl noch höher gelegen haben.
Deutlich niedriger fielen die Maximalzahlen beim Bluthänfling aus: Seine Truppgrößen erreichten nur selten den mittleren zweistelligen Bereich, 120 Vögel am 1. Oktober bei Eberhausen, 100 Ind. am 8. Oktober in der Feldmark Reinshof und 100 Ind. am 18. November auf einer Brachfläche am Diemardener Berg waren die Ausnahmen. Dies könnte, wenn solche Zahlen zur Regel werden (oder gar weiter sinken), durchaus Rückschlüsse auf die Entwicklung des Brutbestands mit bundesweit ausgeprägt negativem Trend zulassen.

Eine Schneeammer suchte am 25. November im Spülsaum des Seeangers nach Nahrung.
Der Ortolan war vom 16. August bis zum 12. September mit zehn Vögeln gut vertreten. Nächtliche Zugrufe in kurzen Zeitabständen, die bei leichtem Nebel am 4. September über der Göttinger Innenstadt zu hören waren, wurden vom Beobachter gleich vier Ind. zugeordnet. Weil der Ortolan in der Region nur sehr spärlich auftritt und es sich dabei auch um (mindestens) einen desorientierten Durchzügler gehandelt haben könnte, ging nur ein Vogel in die Wertung ein. Gleichwohl ist die Gesamtzahl die zweithöchste hier jemals für den Wegzug ermittelte. Wie beim Brachpieper könnten die guten Zahlen auf einer besseren Erfassung bzw. gestiegenen Kenntnis des Flugrufs beruhen, aber auch einen Hinweis liefern, dass wärmeliebende Bodenbrüter 2018 einen guten Bruterfolg hatten.

Ortolan (klein)
Abb. 13: Ortolane auf dem Wegzug 1999-2018. Grafik: M. Siebner
(zum Vergrößern bitte anklicken)

Damit schließt dieser Bericht, der nahezu ausschließlich auf ornitho-Daten beruht. Der herzliche Dank des Verfassers geht an die Melderinnen und Melder:

P.H. Barthel, B. Bartsch, K. Beelte, J. Behling (Landesforsten), A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, A. Görlich, E. Gottschalk, F. Grau, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, E. Höhle, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, J. Kallmayer, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, J. Krogmann, V. Lipka, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, S. Paul, L. Pelikan, G. Peters, F. Petrick, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, B. Riedel, H. Rumpeltin, T. Sarasa, F.C. von Saltzwedel, C. Schmidt, H. Schmidt, M. Schneider, D. Schopnie, M. Schulz, M. Schulze, M. Siebner, D. Singer, R. Spellauge, I. Spittler, A. Stumpner, J. Thiery (Landesforsten), F. Vogeley, W. Vogeley, D. Wucherpfennig und viele andere.

Hans H. Dörrie

Gelbbrauenlaubsänger - MSiebner
Abb. 14: Bis zum nächsten Herbst?! Gelbbrauen-Laubsänger südlich des Kiessees.
Foto: M. Siebner

December 1st, 2018

Die Feldlerche – Vogel des Jahres 2019 –
in Süd-Niedersachsen:
Vom Himmel in den Abgrund der Roten Liste

Feldlerche - MSiebner
Abb. 1: Singende Feldlerche. Foto: M. Siebner

Auf einem Lesesteinhaufen steht ein kleiner, erdbraun gefärbter Vogel. Er putzt sich, mustert aufmerksam die Umgebung, sträubt ein Häubchen, und dann geschieht etwas Unglaubliches: In Spiralen steigt er, mit schnellen Flügelschlägen und unablässig tirilierend empor, immer höher, bis er nur noch als winziger Punkt am Himmel zu sehen ist. Dort oben bleibt er, immer noch singend, scheinbar unbeweglich stehen, bis es nach einigen Minuten (im Extremfall erst nach einer Stunde!) wieder abwärts geht. Die letzten Meter bis zum Boden legt er als rasantes Geschoss zurück. Nach der Landung ist er wegen seines Tarnkleids nur mit Mühe auszumachen. Weil man dieses Spektakel bereits im Februar beobachten kann, ist die Feldlerche, weit vor der Rauchschwalbe, der wahre Frühlingsbote, über den sich alle freuen, die in der freien Natur noch ohne Kopfhörer unterwegs sind.

Bestand und Bestandsentwicklung

Bereits 1998 hatte der NABU die Feldlerche (Alauda arvensis) zum „Vogel des Jahres“ ausgerufen. Weil das offenkundig nichts gebracht hat, versucht man es im kommenden Jahr ein weiteres Mal. Gründe dafür gibt es genug: Allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich der bundesweite Brutbestand um ca. 30 Prozent reduziert. Krüger et al. (2014) geben, gestützt auf die Vorarbeiten für den bundesdeutschen Brutvogelatlas ADEBAR in den Jahren 2005 bis 2009, für Niedersachsen einen Brutbestand von 100.000 bis 200.000 Paaren/Revieren an, verbunden mit der kritischen Anmerkung, dass die „modellierten“ Ergebnisse für diese immer noch recht häufige Art die triste Realität nur unzureichend wiedergeben.
Wie dramatisch der langfristige Rückgang ausgefallen ist, lässt sich daran bemessen, dass für die Jahre 1960 bis 1970 noch 1,2 Millionen Paare/Reviere geschätzt wurden, wohlgemerkt allein für Niedersachsen. Das kommt einem Bestandsschwund von 90 Prozent gleich. Die Aufnahme der Feldlerche in die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten (Kategorie 3, „im Bestand gefährdet“) ist die traurige Konsequenz.

Regionale Angaben

G. Brunken (in Dörrie 2010) ermittelte in den Jahren 1978 bis 1980 mit Probeflächenkartierungen und Hochrechnungen auf 6.000 Hektar Agrarfläche um Ebergötzen und den Seeburger See (Landkreis Göttingen) eine großflächige Abundanz von 1,25-1,52 Rev./10 ha. Dreesmann (1995) errechnete 1994 für 70 Probeflächen auf 17.200 Hektar Kulturland in Süd-Niedersachsen einen Mittelwert von knapp 1,8 Rev./10 ha. Der höchste Wert wurde in der Gemeinde Gleichen mit 2,8 Rev./10 ha erreicht.
Aussagekräftige Daten, obgleich auch sie nicht mehr aktuell, gibt es von einer 863 Hektar großen Untersuchungsfläche in der Feldmark Behrensen (Landkreis Northeim), die in den Jahren 1983, 1988 und 2001 auf das Vorkommen von Agrarlandbrütern untersucht wurde (Brunken 2003). 1983 betrug der Abundanzwert der Feldlerche 2 Rev./10 ha, 1989 1,9 Rev.10 ha und 2001 2,4 Rev./10 ha, der Bestand konnte daher für den Zeitraum von 18 Jahren als stabil eingestuft werden. Dies deutet auch darauf hin, dass die größten Einbrüche bereits in den 1960er/70er Jahren erfolgt sein müssen. Zum Vergleich: B. Bartsch (Bartsch 2016) notierte in der Brutzeit 2016 auf 620 Hektar intensiv genutzten Agrarlands im Landkreis Diepholz eine Siedlungsdichte von 0,7 Rev./10 ha. 2017 und 2018 lag sie mit 0,6 bzw. knapp 0,7 Rev./10 ha ähnlich niedrig (B. Bartsch, per E-Mail.). Dieses Ergebnis kann für den Nordwesten unseres Bundeslands als durchaus typisch gelten. Die großen Unterschiede in der Besiedlung zwischen Nordwest- und Süd-Niedersachsen können, neben spezifischen Formen der Landnutzung (Stichwort Mais!), auch mit der Höhenlage erklärt werden. Höher gelegene Flächen trocknen nach Regenfällen schneller ab. Dadurch könnten sich die Brutverluste dieser wärmeliebenden Art in Grenzen halten.
Die avifaunistischen Jahresberichte des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen aus den Jahren 1999 bis 2008 enthalten eine Fülle von (in der Regel kleinflächigen) Siedlungsdichteangaben aus den Landkreisen Göttingen und Northeim (nicht selten mit Abundanzen von mehr als 5 Rev./10 ha), die im Rahmen dieses kleinen Porträts nicht referiert geschweige denn ausgewertet werden können. Das Fehlen von Folgekontrollen ist hier besonders schmerzlich.
Für die Landkreise Göttingen und Northeim liegt nur ein aktuelles Ergebnis aus Kartierarbeiten vor. T. Langer (Langer 2017) untersuchte vor zwei Jahren im Rahmen einer Magisterarbeit an der Uni Göttingen die Feldlerchen-Brutbestände auf zwei Kontrollflächen in den Feldmarken von Göttingen-Geismar (18,6 km²) und im Eichsfeld (17 km²). In Geismar wurden 1,4 Rev./10 ha ermittelt, im Eichsfeld 1,6 Rev./10 ha. Für einen, mit 49 Hektar allerdings recht kleinen, Teil des Göttinger Untersuchungsgebiets gibt es aus dem Jahr 2001 die Angabe von 3,6 Rev./10 ha (Dörrie 2002). Für eine Analyse der Bestandsentwicklung in der vergleichsweise reich strukturierten Feldmark Geismar reichen die Daten wegen der unterschiedlichen Bezugsgrößen nicht aus. Die von Langer (2017) errechneten Werte liegen vermutlich (die meisten vergleichbaren Untersuchungen sind älter als zehn Jahre) in einem Bereich, der heute für mitteleuropäische Ackerflächen als leicht überdurchschnittlich eingestuft werden kann.
Die Feldlerchen-Brutzeitbeobachtungen in unserer Datenbank ornitho.de sind in der Regel nicht geeignet, Abundanzen anzuzeigen, weil ein auf zehn Hektar bezogener Referenzwert nicht berechnet werden kann. Gleichwohl liefern die Angaben zum Diemardener Berg und Umgebung (U. Hinz, bis zu 42 singende Männchen) und zur Feldmark Geismar (mehrere Beobachter, bis zu 46 singende Männchen) Hinweise auf eine vergleichsweise dichte Besiedlung.
Trotz des insgesamt unzureichenden Datenmaterials und scheinbar geringer Schwankungen bei den großflächigen Abundanzen gibt es Anzeichen für einen weiteren Bestandsrückgang in den letzten Jahren. Ein Blick auf Habitatangebot, Populationsdynamik und Änderungen bei der anthropogenen Nutzung soll das verdeutlichen.

Feldlerche - VHesse
Abb. 2: Feldlerche, immer wachsam. Foto: V. Hesse

Lebensraum

Die Feldlerche ist ein ursprünglicher Steppenvogel, der ausschließlich am Boden brütet. Durch die großflächigen Rodungen der Wälder ab dem hohen Mittelalter und der damit einhergehenden Ausweitung von Ackerflächen und Wiesen vergrößerte sich ihr Lebensraum erheblich. So konnte sie zum klassischen, ungemein häufigen Kulturfolger werden, der zusammen mit dem Haussperling die Vogelwelt des ländlichen Raums dominierte (Zang & Heckenroth 2001). Dreifelderwirtschaft und kleinteilige Nutzungsformen sind ferne Vergangenheit. Heute dominiert die industrielle, auf Chemie und Hightech gestützte Landwirtschaft mit ihren hinlänglich bekannten negativen bis katastrophalen Begleiterscheinungen.
Für die Feldlerche, die auch heute noch eine Präferenz für Getreidefelder zeigt (Langer 2017), ist eine Änderung in der Bewirtschaftung, die ab den 1960er Jahren einsetzte, von besonderer Bedeutung: Während früher der Anbau von Sommergetreide („im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“) gängige Praxis war, werden heute praktisch alle Getreidefelder bereits im Herbst eingesät (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 47 Prozent, Langer 2017). Daraus ergibt sich, dass Wintergetreideschläge im zeitigen Frühjahr von den Vögeln für die Erstbrut genutzt werden können. Ab Ende Mai stehen die Halme aber so dicht und mehr als 60 Zentimeter hoch, dass diese Flächen als Brutlebensraum kaum noch in Frage kommen; allenfalls die breiten Fahrspuren der Traktoren bieten sich noch zum Brüten an - für die Vögel ein Vabanquespiel. Als weitere Winterfrucht ist der Raps zu nennen (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 10 Prozent, Langer 2017). Bruten der Feldlerche in Rapsfeldern finden sich vor allem an Randlinienstrukturen, in Fahrspuren und, z.B. nach starken Niederschlägen, auf vegetationsarmen Fehlstellen (eig. Beob.).
Die dominierende Sommerfrucht ist heute der Mais (Flächenanteil im Göttinger und Eichsfelder Untersuchungsgebiet 15 Prozent, Langer 2017), der für Feldlerchen (und alle anderen Agrarbrüter) wegen seiner intensiven Bearbeitung (regelmäßige Biozidduschen eingeschlossen) ein suboptimales bis pessimales Bruthabitat darstellt. Gleichwohl befanden sich 2017 18,7 Prozent der Reviere in Maisfeldern (Langer 2017). Dies kann damit erklärt werden, dass die Maisfelder in einer Zeit, in der Getreidefelder nicht mehr nutzbar sind, immer noch eine lückenhafte Vegetation aufweisen, die für balzende Lerchen attraktiv ist. Später im Jahr, wenn die Pflanzen höher als 60 Zentimeter stehen, werden auch sie von den Vögeln komplett geräumt (eig. Beob.). Über Bruten in Maisfeldern liegen aus der Region nur sehr wenige Einzeldaten vor (A. Görlich, mdl. Mitt.).
Besonders gravierend fällt der Rückgang im Grünland aus. Die Nutzung als Silage (Viehfutter) erfolgt auf diesen Flächen mit bis zu vier Schnitten im Jahr (der erste findet oft schon im April statt!), so dass brutwillige Feldlerchen dort nicht mehr existent sind. Extensiv genutzte Weiden, die früher ein bedeutsamer Lebensraum waren, gibt es im Landkreis Göttingen praktisch nur noch in ein paar Naturschutzgebieten (z.B. auf dem Kerstlingeröder Feld im Osten des Stadtgebiets).
Stillgelegte Flächen oder Rotationsbrachen, die nicht selten optimale Habitate boten, sind nach der Abschaffung von Stilllegungsquoten zur Vermeidung von Überproduktion in der Agrar-Normallandschaft seit Mitte der 1990er Jahre kaum noch zu finden. Der Verlust konnte auch nicht durch die seit 2015 verbindlichen „ökologischen Vorrangflächen“ auf mindestens fünf Prozent der jeweiligen Betriebsfläche kompensiert werden. Der Beitrag des so genannten „greenings“ für den Natur- und Artenschutz in der Agrarlandschaft geht gegen Null (BfN 2017).

Maisfeld - klein
Abb. 3: Mais mit Meise macht mobil. Propagandatafel in der Feldmark Reinshof, aufgenommen am 30. Juni 2018. Im Feld dahinter herrschte Totenstille…

Welche Auswirkungen all diese anthropogenen Veränderungen auf Bruterfolg und Populationsgröße hatten und haben, analysiert Kuiper (2015) in ihrer beeindruckenden Dissertation über Feldlerchen in der niederländischen Provinz Groningen. Sie konnte belegen, dass deren jährliche Reproduktionsrate nicht ausreicht, um den Brutbestand zu erhalten. Die regionale Population ging allein im (vergleichsweise kurzen) Untersuchungszeitraum von 2007 bis 2012 um 40 Prozent (!) zurück. Es handelt sich um eine klassische „sink population“, deren Verluste nicht durch Einwanderung anderer Vögel kompensiert werden können, weil es im weiten Umfeld nicht besser aussieht. Ob die Ergebnisse auf Süd-Niedersachsen übertragbar sind, ist fraglich. Die Schwankungsbreite der Kartierergebnisse aus den letzten 30 Jahren spricht gegen einen massiven Bestandseinbruch. In der Provinz Groningen ist der Grünlandanteil weitaus größer als im Landkreis Göttingen (ca. sieben Prozent). Auch scheint bei uns die Diversität in der Fruchtfolge auf weiten Flächen immer noch einen ausreichenden Bruterfolg zu garantieren. Für Teile Nordwest-Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens könnten sich aber durchaus Parallelen zum Nachbarland ergeben. Manche Teams des alljährlich stattfindenden “Birdrace” haben dort mittlerweile Mühe, eine Feldlerche auf ihre Liste zu bekommen…

Zug und Überwinterung

Der Wegzug der Feldlerche in ihre west- und südeuropäischen Überwinterungsgebiete beginnt eher unauffällig. Die Vögel machen sich bereits im August rar und können dann selbst in Gebieten, in denen sie gebrütet haben, kaum noch ausgemacht werden. Der eigentliche Wegzug kulminiert im September/Oktober. Tagessummen im höheren dreistelligen Bereich sind heutzutage die Ausnahme. Auch dies könnte am allgemeinen Bestandsrückgang liegen.
Im Winter ist die Feldlerche eine bestenfalls sehr spärliche Erscheinung. Von einem Status als regelmäßiger Wintergast ist sie - trotz der als Mantra vorgebrachten Pauschalbehauptung, dass „unsere Zugvögel wegen des Klimawandels immer mehr zu Standvögeln werden“ - in unserer Region weit entfernt. Im (harten) Winter 2009/2010 harrten fünf Vögel nahe dem Gut Wickershausen (Landkreis Northeim) über Wochen aus. Im Winter 2010/2011 fehlte die Lerche komplett. Im Winter 2011/2012 konnte nur ein Dezembervogel ausgemacht werden, im milden Winter 2014/2015 im Dezember in der Leineniederung zwei kleine Trupps von 20 bzw. 24 Ind., die im Januar nicht mehr gesehen wurden Im Januar 2016 gelang keine Beobachtung. Im (milden) Januar 2018 machten bis zu 43 Ind. in der südlichen Göttinger Feldmark Station. Ca. 250 Lerchen, die ab Mitte Januar 2017 in der Feldmark Reinshof ein offenkundig reiches Nahrungsangebot vorfanden, sind die große Ausnahme. Diese Vögel konnten jedoch schon frühen Heimzug indiziert haben. Das Beispiel zeigt aber auch: Neben Frost und Schnee ist es vor allem die Futtermenge, die das Wintervorkommen einiger Agrarlandbrüter limitiert. Wenn man heute wachen Auges ab dem Spätherbst durch die Felder spaziert, wirken diese nachgerade vogelleer. Auf den tot gespritzten und abgeräumten Äckern ist nichts zu holen. Und Futterhäuser in den Dörfern und am Stadtrand werden von Feldlerchen nun mal nicht aufgesucht…
Vom Heimzug, der bereits Anfang Februar einsetzen und in manchen Jahren wegen ungünstiger Witterungsbedingungen irruptiv verlaufen kann, sind zwei spektakuläre Vorkommnisse bekannt: Am 24. Februar 2010 bevölkerte ein riesiger Schwarm von 12.000 bis 13.000 Feldlerchen die Feldmark Gieboldehausen. Nach einem harten Winter hatte Tauwetter eingesetzt und die Vögel zur Heimkehr in ihre Brutgebiete animiert. Die sehr hohe Zahl deutete auf die Auflösung einer Zugstausituation im Südwesten, was aber zumindest anhand der Daten in vogelkundlichen Meldelisten nicht verifiziert werden konnte. Noch zahlreicher waren Feldlerchen im berüchtigten „Märzwinter 2013“ vertreten. In einer klassischen Zugstausituation (Kälteeinbruch und starker Nordostwind) ballten sich im Leinepolder Salzderhelden mindestens 10.000 Ind. In der südlichen Göttinger Feldmark trotzten 3000 Ind. den Unbilden. Weil unter den Vögeln ein reges Kommen und Gehen herrschte - ein Teil versuchte weiter zu ziehen, ein anderer kehrte um - könnte die Gesamtzahl in der Region durchaus im hohen fünfstelligen Bereich gelegen haben. In den meisten Jahren verläuft der Heimzug aber ohne Besonderheiten. Am Beispiel des Leinepolders Salzderhelden (Landkreis Northeim), der mit ca. 800 Hektar den größten Grünlandkomplex in der Region darstellt, lässt sich der Rückgang bei den Rastzahlen belegen: In den 1980er Jahren waren Ansammlungen von bis zu 3000 auf dem Heimzug rastenden Feldlerchen keineswegs die Ausnahme (alle Daten Dörrie (2010),AGO-Jahresberichte, Sammelberichte auf der AGO-Homepage und ornitho.de).

Verfolgung

In der Vergangenheit wurden Lerchen auch in Deutschland zu Millionen erbeutet, meistens auf dem Wegzug. Einen Eindruck vom ungeheuren Verfolgungsdruck liefert die kleinste Maßeinheit, mit der die Vögel gehandelt wurden: der „Schock“, der aus 60 Vögeln bestand. Jedem Fänger gingen jedes Jahr durchschnittlich 100 Schock (= 6000 Vögel) ins Netz. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Fang in Deutschland verboten (Zang & Heckenroth 2001).
In der EU ist die Feldlerche immer noch in sechs Ländern „jagdbar“. Aus vier Ländern liegen für das letzte Referenzjahr 2014 Angaben zu 898.958 getöteten Vögeln vor. Hinzu treten, nach früheren Angaben, 451.671 in Italien und 180.000 bis 400.000 in Griechenland erbeutete Lerchen. Auf Malta und in Frankreich ist die Zahl um 71 Prozent auf 194.229 gesunken. Ob der Rückgang mit einem verminderten Verfolgungsdruck oder dem allgemeinen Bestandsschwund erklärt werden kann, bleibt offen. Im südwest-französischen Département Landes dürfen Feldlerchen nicht nur geschossen, sondern auch mit Klappnetzen und Drahtfallen erbeutet werden (Hirschfeld & Attard 2017). Das nennt sich dort „Tradition“. Ein beliebtes Kinderlied („Alouette“) besingt nicht etwa eine leckere Käsesorte, sondern eine Lerche, der nach und nach alle Federn ausgerissen werden… Der ambitionierte französische Umweltminister, der sich für den Schutz des Ortolans mit der Jäger- und Gourmetlobby angelegt hatte, ist neulich entnervt zurückgetreten.

Feldlerchenküken - TLanger
Abb. 4: Hungrige Feldlerchenküken, noch im Nest. Foto: T. Langer

Schutz

Gestützt auf die alarmierenden Daten vogelkundlicher Verbände wie z.B. des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) mit seinen Monitoring-Programmen ist die Krise der Agrarvögel (und neuerdings der Insekten) im letzten Jahrzehnt zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Heute steht im Mittelpunkt der Diskussion die eine Frage: Wie kann den Vögeln geholfen und ihr Niedergang gestoppt werden? Betrachtet man den Hype um das ausgelagerte Konzert eines Popsängers auf dem von Feldlerchen bevölkerten Flughafen Essen-Mülheim im Sommer 2018 scheint alles erfreulich klar zu sein: Das gesetzlich verankerte Schutzbedürfnis brütender Feldlerchen steht höher als irgendwelche Massenevents. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn außerhalb der Brutzeit ist praktisch alles möglich. Davon zeugen nicht zuletzt die zahllosen Windräder im Offenland, mit denen der Lebensraum der Vögel immer weiter zugepflastert wird.
Durch die industrielle Landwirtschaft werden Lebensräume von Agrarlandbrütern in rasantem Tempo entwertet. Neben dem galoppierenden Wegfall von Graswegen, Randstreifen und Brachen (jüngstes Beispiel ist die Flurbereinigung in Gieboldehausen) muss das so genannte Zweikulturen-Nutzungssystem als besonders verheerend eingestuft werden: Im Umfeld von Agrogasanlagen (euphemistisch „Biogasanlagen“ genannt) werden Getreidefelder (vorwiegend Roggenfelder) bereits im Mai geschreddert. Nach ein paar Tagen Pause kommt Mais auf die Fläche. Diese brutalstmögliche Nutzungsform lässt keine einzige Vogelbrut hochkommen - ein Massaker sondergleichen. In Südeuropa werden die getöteten Vögel immerhin verspeist… Zum Ausgleich wurden/werden um die Gärbehälter ein paar „ökologisch wertvolle“ Obstbäume gepflanzt. Leider liegen zu den Auswirkungen des Zweikulturen-Nutzungssstems kaum Daten vor, zumindest nicht aus dem Landkreis Göttingen.
Ähnlich trostlos sieht es beim rasanten Vorrücken des Siedlungsbereichs aus: Hier verschwinden die Brutplätze unwiederbringlich durch Überbauung. Eine Abschwächung dieses katastrophalen Trends ist, trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse, nicht in Sicht – im Gegenteil: Der Bauboom bei Neubau- und Gewerbegebieten scheint derzeit auf einen neuen Höhepunkt zuzusteuern. Ein aktuelles Beispiel liefert das Güterverkehrszentrum III im Göttinger Westen (wegen der ehedem existierenden großen Brachflächen auch „Kalahari“ genannt). Auf den Brutplätzen von fünf Paaren stehen jetzt riesige Logistikhallen. Damit ist der Westen des engeren Stadtgebiets endgültig feldlerchenfrei. Jenseits der Landesgrenze zu Hessen soll bei Neu-Eichenberg ein ca. 100 Hektar großer Logistik“park“ entstehen, vermutlich der größte seiner Art in Deutschland, und natürlich auf bestem Ackerland…
Welche Schutzkonzepte gibt es? Neben der Anlage von biozidfreien Ackerrandstreifen und einem doppelten Saatreihenabstand werden seit einiger Zeit so genannte „Lerchenfenster“ in Getreideschlägen als besonders viel versprechend beworben. Diese können ohne größeren Aufwand installiert werden, wenn der Landwirt das Drillen auf ein paar Metern aussetzt, bis eine ca. 20 m² große Lücke entstanden ist, die von den Vögeln auch bei hohem und dichten Aufwuchs zum Brüten und zur Nahrungsaufnahme genutzt werden kann. 2009 startete der NABU das Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche“. Bis 2011 beteiligten sich ca. 500 Landwirte und schufen auf 1244 Äckern mehr als 5000 Lerchenfenster. Im Abschlussbericht (Cimiotti et al. 2011) wird festgehalten, dass sich auf Äckern mit Lerchenfenstern mehr Feldlerchen aufhielten als auf fensterfreien. Dies war jedoch nur in den Monaten Mai und Juni (also nach dem Abschluss der Erstbruten anderswo?) statistisch signifikant. Ob die Maßnahme den Bruterfolg steigern konnte, musste bei der Auswertung, die nur während einer Brutzeitperiode vorgenommen werden konnte, unklar bleiben. Bis jetzt sind die Erfahrungen mit Lerchenfenstern europaweit unterschiedlich ausgefallen: in Schweden (Birdlife 2018) und England (RSPB undatiert) positiv, in der Schweiz ohne signifikanten, in den Niederlanden mit negativem Befund (Birdlife 2018). Im nordrhein-westfälischen Brutvogelatlas (Grüneberg et al. 2013) heißt es lapidar: „Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass einzelne Maßnahmen, wie die Anlage von Lerchenfenstern den Bestandsrückgang der gefährdeten Feldlerche nicht aufhalten können“. Dieses ernüchternde Resumée wird durch eine aktuelle Untersuchung von Joest (2018) bestätigt, der für die Hellwegbörde in Nordrhein-Westfalen „keine signifikante Wirkung auf die Aktivitätsdichte der Feldlerche oder anderer Vogelgruppen“ durch Lerchenfenster feststellen konnte.
Lerchenfenster werden mittlerweile gern als Kompensationsmaßnahmen bei Eingriffen in Natur und Landschaft empfohlen. In der südlichen Göttinger Feldmark wurden einige installiert, die auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Bis jetzt noch anekdotisch ist eine Beobachtung aus dem Frühjahr 2018: Kurz nachdem eine (besenderte) Feldlerche in einem Fenster zur Brut geschritten war, fiel ihr Gelege einem unbekannten Prädator zum Opfer (A. Görlich, mdl. Mitt., M. Püttmanns, per E-Mail). Birgt die Konzentration von Lerchen auf ein paar deckungsarmen und daher für Fressfeinde attraktiven Freiflächen ein erhöhtes Prädationsrisiko, vor allem zum Beginn der Brutzeit? Augenfällig war, dass die Fenster bei der Nahrungssuche gut frequentiert wurden. In welchem Umfang die Vögel dort auch zur Brut schritten, ist offen (M. Püttmanns, per E-Mail). Dies stimmt mit Beobachtungen aus Schweden (Birdlife 2018) überein. Hat, wie von dort ebenfalls berichtet wird, die Anlage von Lerchenfenstern vor allem in großen Getreideschlägen einen Sinn? Auf diese Fragen wird es vielleicht in der kommenden Brutzeit Antworten geben.

Eichsfeld - TLanger
Abb. 5: Sonnenaufgang über dem Eichsfeld. Foto: T. Langer

In der Stadt und im Ostteil des Landkreises Göttingen läuft seit mehr als zehn Jahren ein Projekt zum Schutz des Rebhuhns. Staatlich als Agrar-Umweltmaßnahme geförderte Blühstreifen aus einer speziellen Saatgutmischung, die je zur Hälfte alle zwei Jahre gegrubbert werden, sollen das Aussterberisiko verringern. Bis jetzt konnte der Bestand von ca. 250 Paaren immerhin stabilisiert werden. Das ist angesichts der prekären Situation dieser Vogelart mit einem mittelfristigen Rückgang von 97 Prozent schon als Erfolg zu werten (Gottschalk & Beeke 2016). Im Frühjahr 2015 wurden zehn dieser Blühstreifen auf das Vorkommen von Vögeln untersucht. Dabei ergab sich, dass die Feldlerche die am häufigsten gesichtete Vogelart war. Die, unter Einschluss eines 50 Meter breiten Randstreifens (im Wesentlichen Getreidefelder), ermittelte Revierdichte lag mit 6,7 Rev./10 ha recht hoch. Dies könnte einen Hinweis auf die bevorzugte Nutzung von Blühstreifen durch die Lerchen liefern. Wegen der geringen Größe - die Gesamtfläche der zehn Blühstreifen betrug inklusive der 50 Meter-Randstreifen ganze 47,44 Hektar - ist dieser Wert aber bestenfalls von lokaler Aussagekraft (A. Görlich, Verf.).
Ein interessantes Ergebnis der Analyse von Kuiper (2015) ist der weithin fehlende positive Effekt von blütenreichen Randstreifen in der Provinz Groningen. Auch sie wurden im Rahmen von Agrar-Umweltmaßnahmen angelegt. Obwohl weitaus nahrungsreicher als die angrenzenden Getreideschläge, konnten sie weder die Siedlungsdichte noch den Bruterfolg signifikant erhöhen. Dies betraf vor allem Blühstreifen, die weiter als 100 Meter von einem Feldlerchennest entfernt lagen. Die (vergleichsweise) besten Erfahrungen gab es mit Luzernefeldern, die von den Vögeln überdurchschnittlich genutzt wurden. Auch im Landkreis Göttingen werden Luzernestreifen als Artenschutzmaßnahme angelegt, allerdings als Nahrungsflächen für den Rotmilan. Damit die Milane sich über einen längeren Zeitraum an Mäusen gütlich tun können, werden sie entsprechend oft und früh gemäht. Untersuchungen im Frühjahr 2015 (A. Görlich, Verf.) ergaben, dass die Feldlerchen diese ökologische Falle zum Glück weitgehend mieden.
Kuiper (2015) zieht aus ihrer Untersuchung den Schluss, dass es den Lerchen vor allem an sicheren Brutplätzen mangelt, wo sie menschlichen Aktivitäten wie Mahd u.ä. sowie dem gestiegenen Verfolgungsdruck durch gefiederte und vierbeinige Fressfeinde entgehen können. Bedingung für den Bestandserhalt ist eine hohe Diversität der Fruchtfolge (Sommergetreide eingeschlossen). Sie ermöglicht den Vögeln das Wechseln von einer Kultur zur anderen, was besonders für die Zweitbruten, von denen die Populationsgröße letztlich abhängt, von Bedeutung ist (vgl. auch Grüneberg & Sudmann 2013). Erst in diesem Rahmen könnte eine Ausweitung der (kostspieligen) Randstreifen einen Sinn ergeben.
Allemal erstrebenswert ist eine verstärkte Förderung des ökologischen Landbaus. Flade et al. (1993) belegen am Beispiel des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin in Brandenburg materialreich, dass die Auswirkungen auf Siedlungsdichte und Bruterfolg der Feldlerche durchweg positiv ausfallen können. Im Intensiv-Agrarland Niedersachsen sieht es in dieser Hinsicht düster aus. Der Flächenanteil des Ökolandbaus lag 2016 bei 3,4 Prozent (im Landkreis Göttingen bei 4,6 Prozent). Verglichen mit anderen Bundesländern wie dem Saarland, Hessen oder Brandenburg (jeweils deutlich über zehn Prozent) ist das ein sehr niedriger Wert. Bundesweit betrug der auf alle Getreideflächen bezogene Anteil von Biogetreide ganze 3,8 Prozent. Die stärksten Zuwächse gab es in Niedersachsen beim Obstbau und der Haltung von Legehennen, also in Bereichen, die für das Ansiedlungsverhalten von Feldlerchen irrelevant sind.

Fazit

Die Zukunft unseres Porträtvogels gestaltet sich leider, leider alles andere als licht. Die jüngsten Hiobsbotschaften kommen aus Frankreich, wo der Rückgang vieler Agrarbrutvögel wegen des gestiegenen Einsatzes von Pestiziden mitteleuropäische Ausmaße erreicht hat (Gueffroy 2018). Obwohl die Akzeptanz der industriellen Landwirtschaft, besonders der Massentierhaltung, langsam sinkt (was sich bis jetzt aber nur geringfügig im Konsumverhalten niederschlägt), lässt die vielbeschworene Agrarwende auf sich warten. Ob sie im Rahmen eines ausschließlich an “Wachstum” und Profitmaximierung orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems (von Kennern der Materie Kapitalismus genannt) konsequent durchgesetzt werden kann? Zweifel daran sind vielleicht berechtigt.

Blühstreifen - WBeeke
Abb. 6: Blühstreifen des Rebhuhn-Schutzprojekts. Foto: W. Beeke

Feldlerchen beobachten – wann und wo

Ein echter Hotspot zur Beobachtung von Felderchen ist die südliche Göttinger Feldmark. Hier sind sie erfreulicherweise noch recht häufig. Das liegt in erster Linie am Wechsel der Anbauflächen. Der Maisanteil ist vergleichsweise gering, dafür gibt es die für Zweit- oder gar Drittbruten wichtigen Rübenfelder. Daneben werden auch Kartoffeln, Bohnen und andere Feldfrüchte angebaut. Feldlerchen suchen mit Vorliebe die Grenzlinien zwischen verschiedenen Kulturen auf, weil dort die Bewirtschaft nicht so intensiv und oft genügend Deckung vorhanden ist (eig. Beob.). Im April und Mai ist die Aktivität der singenden Männchen am höchsten, und man kann sie bequem von den Wegen aus („Heckenweg“ westlich der Bauschuttdeponie oder von der Verlängerung der Straße „Im Bruche“ in Geismar) sehen und hören. Dabei fällt auf: Jedes Männchen singt anders. Imitationen von Lautäußerungen anderer Vogelarten werden regelmäßig in den ohnehin sehr variablen Gesang von hoher Brillanz eingeflochten. Jetzt versteht man, warum er von jeher Dichter und Komponisten inspiriert hat. Auch am Diemardener Berg mit seinen ausgedehnten Schlägen sind Feldlerchen noch gut vertreten.
Leider droht den Vögeln von unerwarteter Seite Ungemach: Von vielen Menschen wird die Feldmark Geismar als „eintönig“ wahrgenommen. Deshalb stoßen aktuelle Pläne, sie „ökologisch aufzuwerten“ und weiter für die Naherholung (u.a. als asphaltiertes Skaterparadies) zu ertüchtigen, in der Regel auf Zustimmung. Als Steppenvogel zeigt die Feldlerche jedoch ein ausgeprägtes Meideverhalten gegenüber vertikalen Strukturen jeder Art. Bäume sind eine beliebte Ansitzwarte für gefiederte Prädatoren. Daher halten die Vögel zu ihnen immer einen Sicherheitsabstand ein, auch und gerade beim Brüten. Eine Verminderung der nutzbaren Brutfläche ist die Konsequenz. Auch von einer Streuobstwiese, nach Angaben der Planer das zukünftige „Highlight“, haben sie nichts. Will man diese Rote-Liste-Vogelart wirklich schützen, sollten in ihrem Lebensraum keine weiteren Anpflanzungen vorgenommen werden, so sehr es einen ursprünglichen Baumsavannenbewohner wie Homo sapiens auch schmerzen mag. Dagegen könnten die vorgeschlagenen Blüh- und Randstreifen durchaus eine Bereicherung darstellen.
Auch ein Ausflug nach Göttingen-Deppoldshausen könnte sich lohnen. Dort ist der Boden flachgründig und voller Steine. Er ist nur mäßig zu bewirtschaften, erwärmt sich schnell, ist voller Arthropoden und bietet den Lerchen ein optimales Ambiente. Hinzu tritt die Vielfältigkeit der Anbauflächen, zu denen auch Versuchsflächen des Klosterguts Reinshof zählen. 2001 konnte auf 152 Hektar mit 3,1, Rev./10 ha eine hohe Siedlungsdichte notiert werden (Dörrie 2002). Ob das immer noch zutrifft?
Ansonsten können Feldlerchen praktisch überall beobachtet werden, wo großflächig Ackerbau betrieben wird. Auf eine Wiederholung des „Märzwinters 2013“, als sie sich in Massen am Göttinger Stadtrand aufhielten und sich, weil geschwächt, zum Teil sehr „zutraulich“ zeigten, sollte man im Interesse der Vögel besser nicht hoffen…


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Abb. 7: Lerchenreiche Feldmark. Gö.-Geismar. Foto: Thomas Meder, Lufbildfotographie Südniedersachsen. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Zum Schluss eine kleine Anekdote mit makabrer Schlusspointe: Feldlerchen verhalten sich bei der Revierverteidigung gegen Rivalen alles andere als friedlich. Beobachtungen von erbitterten Zweikämpfen und wilden Verfolgungsjagden sind nicht selten. Ein Männchen an der Kiesgrube Reinshof stellte im Frühjahr 2000 alles Dagewesene in den Schatten: Diese veritable Aggrolerche flog auf den Beobachter (der nun wirklich nicht als Rivale zu erkennen war) zu und rüttelte vor ihm, schimpfend und auf Augenhöhe. Eine ahnungslos vorbei fliegende Rohrammer wurde bis über die Wasserfläche der Kiesgrube verfolgt, mehrfach ins Wasser gedrückt und letztlich ersäuft (Dörrie 2001).
Und zu aller letzt ein kleiner Tipp: Wird man einer Feldlerche gewahr, die am Boden eher leise und verhalten singt, kann es sich auch um ein Weibchen handeln. Optisch unterscheidbar sind die Geschlechter nicht, denn beide tragen das typische Camouflage-Outfit.

Hans H. Dörrie

Literatur

Bartsch, B. (2016): Die Bedeutung von Landschaftsstrukturelementen für die Avifauna in einer konventionell intensiv genutzten Agrarlandschaft Nordwestdeutschlands. Bachelorarbeit an der Uni Göttingen, unveröff.

Birdlife (2018): Farmers for Skylarks - Unique cooperation to reverse the trend for a threatened species

Brunken, G. (2003): Aspekte zur Entwicklung einer Feldbrüter-Avizönose im Landkreis Northeim (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 107-118.

Bundesamt für Naturschutz (2017): Agrar-Report 2017.

Cimiotti, D., Hötker, H., Schöne, F. & S. Pingen (2011): Projekt „1000 Äcker für die Feldlerche“ des Naturschutzbundes Deutschland in Kooperation mit dem Deutschen Bauernverband. Abschlussbericht.

Dörrie, H.-H. (2001): Avifaunistischer Jahresbericht 2000 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 6: 5-121.

Dörrie, H.H. (2002): Ein Beitrag zur Brutvogelfauna im Stadtgebiet von Göttingen (Süd-Niedersachsen). Ergebnisse von Revierkartierungen 2001. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 104-177.

Dörrie, H.H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser unter info@ornithologie-goettingen.de oder bei der Newsgroup avigoe.de

Dreesmann, C. (1995): Zur Siedlungsdichte der Feldlerche Alauda arvensis im Kulturland von Südniedersachen. Beitr. Naturk. Niedersachs. 48: 76-84.

Flade, M., Plachter, H., Henne, E. & K. Anders (Hrsg.) (2003): Naturschutz in der Agrarlandschaft. Verlag Quelle und Meyer, Wiebelsheim.

Gottschalk, E. & W. Beeke (2015): Stärkste Bestandseinbrüche unter den Feldvögeln: das Rebhuhn. Der Falke 62: 12-27.

Gueffroy, L. (2018): Where Have all the Farmland Birds Gone?

Grüneberg, C. & S.R. Sudmann (2013): Die Brutvögel Nordrhein-Westfalens. LWL-Museum für Naturkunde, Münster.

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Joest, R. (2018): Wie wirksam sind Vertragsnaturschutzmaßnahmen für Feldvögel? Untersuchungen an Feldlerchenfenstern, extensivierten Getreideäckern und Ackerbrachen in der Hellwegbörde (NRW). Vogelwelt 138: 109-121.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Kuiper, M.W. (2015): The value of field margins for farmland birds. Dissertation an der Universität Wageningen (Niederlande).

Langer, T. (2017): Territory selection of the skylark (Alauda arvensis) in the agricultural landscape of the administrative district of Göttingen. Unveröff. Masterarbeit.

RSPB (undatiert): Conservation projects - Skylark plots

Zang, H. & H. Heckenroth (2001): Die Vögel Niedersachsens, Lerchen bis Braunellen. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H. 2.8. Hannover.

Feldlerche - MSiebner
Abb. 8: Ankunft der Lerchen auf einem noch kahlen Acker im Frühjahr.
Foto: M. Siebner

October 29th, 2018

Seeanger: Naturschutzgebiet unter Druck?

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Abb. 1: Seeanger. Foto: V. Hesse

Bis ins 18. Jahrhundert existierte in der Senke zwischen Seeburg und Ebergötzen ein ca. 15 Hektar großes Gewässer: der Westersee. Zusammen mit dem Seeburger See und dem Luttersee (heute Lutteranger, 1989 wiedervernässt) bildete er ein Ensemble aus drei Feuchtgebieten. In der Folgezeit verlandete er. Übrig blieb ein Niedermoor, das bis weit ins 20. Jahrhundert entwässert und, bis auf kleine Reste, in Weide- und Ackerland verwandelt wurde.
Nach jahrelangen Vorarbeiten begann 2002/2003 die Renaturierung des Gebiets. Der Landkreis Göttingen hatte mit 105 Hektar einen Großteil der Flächen angekauft. Der Bachlauf der Aue, die seit jeher die Senke durchfließt, wurde streckenweise in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, Entwässerungsgräben verschlossen. An der tiefsten Stelle entstand schnell ein Gewässer, das zusammen mit dem benachbarten „Pfuhl“, der von einem weiteren Bach, der Retlake, gespeist wird, eine Einheit bildet.
Nach dieser Naturschutz-Großtat entwickelte sich der Seeanger schnell zum mit Abstand artenreichsten und wertvollsten Feuchtgebiet im Landkreis Göttingen. Besonders auf Vögel übt er - in einer Landschaft, die extrem arm an Feuchtgebieten mit Flachwasserzonen ist - eine magische Anziehungskraft aus. In manchen Frühjahren wimmelt es von Watvögeln (Limikolen), die auf dem Heimzug in ihre skandinavischen und nordasiatischen Brutgebiete rasten. Darunter befanden sich Ausnahmegäste wie Terekwasserläufer, Graubrust-Strandläufer, balzende Doppelschnepfen und andere Vögel, die auch versierte Vogelkundler zuvor nur dem Namen nach kannten. Als Rastgebiet für Limikolen im tiefen Binnenland kommt dem Seeanger mittlerweile eine niedersachsenweite Bedeutung zu. Vereinzelte Bruten und Brutversuche landes- und bundesweit hochbedrohter Arten wie Tüpfelsumpfhuhn, Knäkente und Bekassine unterstreichen die Bedeutung des Gebiets. Der Seeanger ist derzeit der einzige Brutplatz des Kiebitz’ und der Schnatterente im Landkreis Göttingen. Als neue Brutvogelarten haben sich Blaukehlchen und Schwarzkehlchen etabliert. Sumpfrohrsänger, Feldschwirl und Fitis (mit dem selten gewordenen Kuckuck als Brutparasit) sind Vogelarten mit überregional negativem Bestandtrend, die hier noch eine Heimstatt finden. Das Loblied ließe sich – gestützt auf knapp 50.000 Datensätze, die der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen in 15 Jahren zusammentragen konnte - noch über Seiten fortsetzen. Kurzum: Der Seeanger ist ein wahres Juwel in einer Landschaft, die weithin von der industriellen Landwirtschaft geprägt ist.

Heute ist der Seeanger ein Naturschutzgebiet (bis jetzt leider ohne entsprechende Hinweisschilder). Doch nicht nur das: Er war von Anfang an auch als Rückhaltebecken für Sedimente geplant, um die Aue und den Seeburger See, in den der Bach mündet, von nährstoffreichen Ablagerungen aus den umliegenden Ackerflächen zu entlasten. Mittlerweile erfüllen die wachsenden Röhrichtbestände an den Gewässerufern, die in diesem Sommer leider durch intensiven Viehverbiss gelitten haben, eine wichtige Filterfunktion. Auch im Hochwasserschutz spielt der Seeanger eine positive Rolle und hat in manchen Jahren die Einwohner von Seeburg, besonders die Anlieger der Aue, vor größeren Kalamitäten bewahrt.

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Abb. 2: Weißstorch: Hat sich nach der Wiedervernässung schnell angesiedelt.
Foto: V. Hesse

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte - sollte man meinen. Seit dem Frühjahr 2018 ist das Gebiet jedoch (wieder einmal) in den Fokus geraten. Vordergründig geht es um den Seeburger See, der schon seit langem von hohen Phosphat- und Nitrateinträgen gebeutelt wird. Die Kreistagsgruppe Linke/Piraten/Partei und ein fraktionsloser Abgeordneter haben das „Auge des Eichsfelds“ für sich entdeckt und Vorschläge entwickelt, wie ihm zu helfen sei. Neben sinnvollen, wenngleich leider ziemlich wirklichkeitsfremden Maßnahmen wie die Ausweitung des Naturschutzgebiets Seeburger See auf die angrenzenden Ackerflächen und deren Rückverwandlung in Grünland wird auch das Ausbaggern der dicken Sedimentschicht ins Gespräch gebracht. Darüber hinaus - und jetzt wird es interessant - soll in Zukunft weniger Wasser durch den Seeanger fließen, um die Aue und damit den Seeburger See zu entlasten. Dieses Ansinnen wird seit einiger Zeit von einem Seeburger Landwirt propagiert, der als Stichwortgeber für die auf diesem Themenfeld unerfahrenen Kommunalpolitiker gelten kann. Die Argumentation lautet etwa wie folgt: Weil sich das Wasser im Seeanger in den Sommermonaten erwärmt, führt dessen Zufluss über die Aue zur Erwärmung des Seeburger Sees, Algenblüte und Fischsterben sind die Folgen. Stimmt das? Aktuelle Messungen einer Arbeitsgruppe der Uni Göttingen um Dr. C. Heim haben ergeben, dass die Wassertemperatur der Aue vor ihrer Einmündung in den Messmonaten April bis Oktober immer um etliche Grade niedriger lag als die des Sees. Im März waren die Temperaturen mit jeweils ca. 10°C ungefähr gleich. Damit ist eine direkte Erwärmung, die zudem wegen der Größe des Sees nur sehr lokal wäre, nicht gegeben.
Das letzte nennenswerte Fischsterben im See fand 2006 statt, als mehr als 1000 Aale an einem spezifischen Herpesvirus verendeten. Mit der oben geschilderten (Schein-)Problematik hatte das nichts zu tun. Massensterben von Weißfischen in den Frühjahren bis 2013 kamen dadurch zustande, dass sich die Tiere in den flachen, zur Dekoration künstlich angelegten Gräben um das Restaurant „Graf Isang“ verirrten, nicht mehr hinausfanden und letztlich zu Tausenden an Sauerstoffmangel starben. Später konnte das Sackgassen-Problem behoben werden. Auch hier passt das Drehbuch nicht.

Auch die kurzzeitige Massenvermehrung von Cyanobakterien („Blaualgenblüte“), die 2018 zum Badeverbot führte, kann man dem Seeanger schwerlich anlasten. Sie erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem in diesem extremen Dürresommer kaum Wasser aus dem (weithin ausgetrockneten) Seeanger in den See gelangte. Blaualgen waren in Deutschland auch an etlichen anderen Gewässern ein Problem.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 3: Kiebitz. Brütet im Landkreis Göttingen nur noch im Seeanger.
Foto: M. Siebner

Das Gleiche betrifft den Sauerstoffgehalt: Er ist bereits am Badesteg des Sees erheblich höher als in der ca. 40 Meter entfernten Auemündung. Beispiel: Der Sauerstoffgehalt betrug im August 2017 nahe der Auemündung (gemessen in einiger Entfernung an der Brücke am Rundweg) magere 0,22 mg/l, während am Badesteg immerhin 10,45 mg/l ermittelt wurden. Der vermeintlich negative Einfluss des Seeangers auf Seetemperatur und Sauerstoffgehalt ist daher ein Trugbild, nichts weiter.
Ähnliches gilt auch für den Eintrag von Nitraten und Phosphaten aus dem Seeanger, der als einer der Hauptgründe für die ökologische Misere des Sees dargestellt wird. Zwar wird manchmal, vor allem nach Starkregenereignissen, vermehrt phosphatreiches Wasser aus Aue und Retlake in den See geleitet, doch ist diese Menge viel zu gering, um die Gesamtbelastung des Sees signifikant zu erhöhen. Zum einen ist die Aue nur einer von mehreren Zuflüssen von intensiv gedüngten Äckern, zum anderen ist der Wasserkörper des Sees für eine gravierende Belastung durch einen einzelnen Zufluss viel zu groß. Das konnte bereits 2006 auf einer Veranstaltung in Bernshausen von einem Experten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eindrucksvoll mit Messdaten belegt werden. Auf dem Seegrund lagert mittlerweile eine jahrzehntealte, meterdicke Sedimentschicht, die, besonders an der Bernshäuser Seite, faktisch biologisch tot ist. Wäre, könnte man ebenso hypothetisch zurückfragen, die Situation ohne den Seeanger, der weitaus mehr phosphathaltige Sedimente zurückhält als er in dem einen oder anderen feuchten Jahr zeitweise freigibt, möglicherweise noch schlechter?

Es liegt auf der Hand, dass (wieder einmal) der Seeanger die bewährte Funktion des Sündenbocks erfüllen soll. Doch damit nicht genug: Im Frühsommer 2018 schritten drei Personen aus dem oben genannten Spektrum zur Tat und nahmen in krasser Selbstermächtigung Manipulationen am zentralen Zulauf von der Aue in den Seeanger vor, um die Durchlaufmenge zu reduzieren. Mindestens ebenso skandalös wie diese kriminelle Aktion in einem Naturschutzgebiet ist das Verhalten des Landkreises, der bis dato weder Anzeige erstattet (die Namen der Leute sind bekannt!) noch die Manipulation rückgängig gemacht hat.

Es ist bezeichnend, dass in den Verlautbarungen der Seeretter im Zusammenhang mit dem Seeanger das Wort „Naturschutzgebiet“ niemals auftaucht. Zu einem Runden Tisch Ende September in Bernshausen wurden Naturschutzorganisationen und Fachgruppen wie unser Arbeitskreis gar nicht erst eingeladen. Ist das wirklich nur pure Ignoranz oder hat das Methode?

Blaukehlchen - MSiebner
Abb. 4: Blaukehlchen: Regelmäßiger Brutvogel im Seeanger.
Foto: M.Siebner

Wie auch immer: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger würde das Naturschutzgebiet und seine Schutzziele schwer beeinträchtigen. Die Gesetzeslage spricht da eine deutliche Sprache. In diesem Zusammenhang muss leider auch ein Bauprojekt Erwähnung finden, das der Landkreis demnächst in Auftrag geben will: Ein Weg im zentralen Bereich des Seeangers soll um einen halben Meter aufgeschüttet werden, damit Rinderhalter bequemer zu ihren Tieren gelangen können. Damit würde aus dem Weg, der in manchen Jahren stellenweise überflutet wird (aber für Trecker immer noch passierbar bleibt) ein Damm, der die Feuchtwiesen zerschneidet. Resultat wäre ein Trockenfallen weiterer Flächen. Trockene Flächen beherbergen mehr Mäuse als feuchte. Die Folge: Prädatoren werden angelockt, die zwischen einer Maus und einem jungen Kiebitz keinen Unterschied machen. Prädation ist ohnehin schon ein großes Problem für die ansässige Vogelwelt. So wichtig und unabdingbar die Beweidung zum Erhalt von Offenflächen ist: Hier soll den Partikularinteressen von Landwirten Vorrang gegenüber den Naturschutzzielen eingeräumt werden, wohlgemerkt auf Flächen, die dem Landkreis gehören und die im Rahmen des Vertragsnaturschutzes bewirtschaftet werden. Zudem ist von einer gesetzlich vorgeschriebenen Verbandsbeteiligung von Trägern öffentlicher Belange (zu denen auch Naturschützer zählen) an dem Bauvorhaben bis dato nichts zu hören.

Aus alldem ergibt sich: Eine Reduzierung der Wassermenge im Seeanger darf es nicht geben, erst recht nicht aus einer Motivation, die fragwürdig ist und sich letztlich einer rationalen Bewertung entzieht.
Unsere Forderung gewinnt auch vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass der Seeanger Teil eines FFH-Gebiets ist, für das ein Verschlechterungsverbot gilt. Auch hier dürfte die Rechtslage klar sein.

Für den Arbeitskreis Göttinger Ornithologen:
H. Dörrie
Prof. Dr. M. Göpfert
F. Helms
Dr. V. Hesse
K. Jünemann
S. Paul
Dr. M. Siebner

Seeanger - VHesse
Abb. 5: In fast allen Jahren immer gut mit Wasser gefüllter Seeanger.
Foto: V. Hesse

September 13th, 2018

Heimzug und Brutzeit 2018:
„Brüh’ im Lichte dieses Glückes!”

Silberreiher - M.Siebner
Abb. 1: Meister Proper im Göttinger Süden. Silberreiher im Hochzeitskleid.
Foto: M. Siebner

Die eigenwillige Umdichtung der deutschen Nationalhymne, die eine leichte Muse aus Delmenhorst 2005 vor einem Fußballspiel versehentlich zu Gehör brachte („ich war so aufgeregt“), hat endlich Wirkung gezeigt: Im April, Mai und Juni 2018 gestaltete sich das Wetter so sonnig und warm wie noch nie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor ca. 150 Jahren. Können wir bald ein Klimaoptimum (heutzutage ein verpönter Begriff!) wie im Mittelalter genießen, mit Weinbau an den Hängen des Leinetals oder Ackerbau und Viehzucht auf Grönland wie zur Wikingerzeit? Fällt die nächste Eiszeit, die eigentlich nicht mehr fern sein sollte, etwa aus? Oder herrschen im kommenden Jahr wieder ganz andere Verhältnisse? Egal: Bis Ende Juni konnten in der Region schon knapp 30 Sommertage (mit Höchsttemperaturen von 25°C und mehr) verbucht werden. Von lokalen Starkregenereignissen war nur der Nordteil des Landkreises Northeim betroffen, die Altstadt von Bad Gandersheim soff gleich zweimal ab.
Davor jedoch gab es eine Neuauflage des berüchtigten „Märzwinters 2013“. Anders als in der Südhälfte der Republik fiel sie in unserer Region nicht so heftig aus wie vor fünf Jahren und machte besonders den heimziehenden Kiebitzen schwer zu schaffen: Am 11. März indizierten 5400 Ind. im Leinepolder Salzderhelden ein sehr gutes Rastvorkommen, alles schien sich im grünen Bereich zu bewegen. Drei Tage später drehte der Wind auf Nordost und die Temperaturen fielen dramatisch ins Minus. Eine knappe Woche lang malträtierten Frost und eisige Sturmböen die bedauernswerten Vögel. Weil die güllesatten Äcker weder Schutz noch Nahrung boten, kämpften sie an Straßenrändern, in Gräben, auf Verkehrsinseln und in Vorgärten ums Überleben, einmal sogar zwischen Wohnblocks an der Göttinger Geismar Landstraße. Zumeist waren es kleinere Trupps von weniger als 20 Vögeln. Wie viele umgekommen sind bleibt offen. Die Handvoll Totfunde dürfte nur einen Bruchteil der realen Verluste angezeigt haben. In der letzten Märzdekade normalisierten sich die Verhältnisse und der Heimzug nach Osten kam wieder in Gang.

Kiebitz - MSiebner
Abb. 2: Kiebitz auf einer Verkehrsinsel am Ortseingang Rosdorf. Foto: M. Siebner

Neben den Kiebitzen waren es vor allem Heidelerchen, deren Heimzug jäh ins Stocken geriet. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten sich vom 17. bis 21. März bis zu 85 von ihnen.
Der Heimzug verlief insgesamt eher schleppend und individuenarm. Besonders auffällig war dies beim Gartenrotschwanz: Viele Reviere wurden erst Ende April besetzt, einige gar nicht. Ähnlich verhalten trat die Wiesenschafstelze in Erscheinung: Die maximalen Tagessummen von 20 Ind. in der Leineniederung bei Northeim und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben wurden nirgendwo übertroffen. Im Seeanger, wo optimale Rastbedingungen herrschten, gaben sich ganze 15 Ind. ein maximales Stelldichein. Ob es sich dabei nur um regionale Phänomene gehandelt hat muss offen bleiben. Einen Erklärungsansatz für den (bei einigen Arten vielleicht nur scheinbar) stotternden Heimzug lieferte die Großwetterlage im Südwesten Europas: Sie wurde von zählebigen Tiefdruckgebieten dominiert und hinderte die Vögel vermutlich am schnellen Weiterkommen. Hatten sie die ungastlichen Gefilde erst einmal hinter sich gelassen, sind sie vielleicht, bei durchweg „schönem Wetter“ hierzulande, schnell, zielstrebig und weithin unsichtbar in ihre Brutgebiete geflogen.
Vom Kuckuck (14. April) und vom Braunkehlchen (9. April) lagen wiederum recht frühe Erstbeobachtungen vor, wobei anzumerken ist, dass sich jeweils weitere Artgenossen in den Folgetagen bemerkbar machten. Dies betrifft auch die Nachtigall (9. April), bei der sich die frühere Ankunft immer mehr verstetigt.

Nachtigall - MGöpfert
Abb. 3: Nachtigall. Foto: M. Göpfert

Gleich zwei Erstbeobachtungen der Gartengrasmücke erfolgten, aus regionaler Sicht singulär früh, bereits am 15. April. Die erste Dorngrasmücke geriet, ganz regulär, zwei Tage später in den Blick. Garten- vor Dorngrasmücke: Das hat es bei uns noch nie gegeben.

Im Landkreis Northeim schritten drei Paare des Höckerschwans zur Brut, am Böllestau bei Hollenstedt, an den Northeimer Kiesteichen und an den „Wunderteichen“ südlich der A7. Die Paare an den „Wunderteichen“ und am Böllestau blieben erfolglos, während das Paar an den Kiesteichen sich mit vier Jungen (später nur noch zwei) reproduzieren konnte. In Göttingen waren die traditionellen Paare im Levin-Park (acht Junge, davon vier immutabilis), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (neun Junge) und am Kiessee (fünf Junge, später nur noch drei, die mit den Eltern auf die Leine auswichen) erfolgreich. An der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden gab es drei Junge. Am Wendebachstau bei Reinhausen schlüpften aus einer Spätbrut fünf Junge, davon vier immutabilis.
Ein Singschwan legte am 2. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre Hollenstedt eine kurze Rast ein.

Am 3. und 24. März lieferten zwei Kanadagänse an der Kiesgrube Ballertasche die ersten Lokalnachweise seit 1987. Am Seeanger und in der Leineniederung nördlich von Northeim trieben sich beständig ein bis drei Vögel umher. Maximal sieben Ind. gerieten am 26. April im Leinepolder und am 29. Mai an der Geschiebesperre ins Visier. Zu Bruten oder Brutversuchen ist es, anders als im Vorjahr (erfolgreiches Paar am Lutteranger), zum allgemeinen Bedauern wohl nicht gekommen.
Am 14. und 15. März hielt sich eine kleinere Kanadagans am Göttinger Kiessee und der Kiesgrube Reinshof auf, die vermutlich der Unterart parvipes angehörte. Diese Unterart wird gern in Gefangenschaft gehalten. Ein phänotypisch ähnlicher Vogel wurde im Frühjahr 2000 am Seeburger See gesehen.

Kanadagans - M.Siebner
Abb. 4: Kanadagans (vermutlich Unterart parvipes). Foto: M. Siebner

Einzelvögel der Weißwangengans traten im gesamten Berichtszeitraum auf, Anfang März an der Kiesgrube Reinshof, später in der Leineniederung nördlich Northeim.
Anfang März rasteten noch bis zu 2500 Tundrasaatgänse an der Geschiebesperre. Nach dem 25. des Monats waren die letzten verschwunden.
Blässgänse waren im März mit bis zu 1600 Ind. in der Leineniederung wie üblich etwas schwächer vertreten als Saatgänse. Der aus dem Vorbericht bekannte, 2011 in Noord-Brabant/Niederlande markierte Vogel (schwarzer Halsring 5VA) konnte am 4. und 11. März am Seeburger See bzw. Seeanger erneut abgelesen werden. Die letzte Blässgans des Frühjahrs stammt vom 23. April.
Die Brutpopulation der Graugans erlebte in der Leineniederung nördlich von Northeim ein ziemliches Desaster, dessen Ursachen (Beeinträchtigung durch den „Märzwinter“, Prädation, gezielte Verfolgung?) offen bleiben. Im Leinepolder Salzderhelden hatte ein Paar Schlupferfolg (vier Junge), am Böllestau bei Hollenstedt eines von zwei Paaren (ein Jungvogel), an der Geschiebesperre Hollenstedt zwei bis drei Paare (insgesamt sieben bis neun Junge) und am Freizeitsee eines (fünf Junge). Der Erfolg von ein bis zwei Paaren an den Northeimer Kiesteichen blieb ungewiss. Wie viele der geschlüpften Küken die Selbständigkeit erreichten ist ebenfalls unklar. Sieben Paare mit Schlupferfolg zeigten nur ein Fünftel bis Sechstel des Bestands der letzten Jahre an.
In Göttingen lief es besser: Am Kiessee hatten 17 Paare Schlupferfolg. Später führten 13 Paare um die 37 Jungvögel, mit guten Chancen zur Selbständigkeit.
Der Levin-Park erwies sich heuer als „Land des Friedens“, an dem nicht nur religiöse Sektierer ihre helle Freude gehabt hätten: Weil sich die Attacken des Höckerschwan-Erpels (wollte man ihm einen Namen verpassen, wäre „Clemens“ eine Option) weithin in Grenzen hielten, brachten zwei Paare zwei bzw. vier Kleine zum Ausfliegen. Das gab es noch nie.
Eine Brut auf dem Stadtfriedhof wurde, wie so oft, aufgegeben.
An der Kiesgrube Ballertasche brüteten fünf Paare. Offenbar hatte nur eines von ihnen Schlupferfolg. Von den fünf Gösseln waren vier später verschwunden. An der Sandgrube Meensen gab es ein Paar mit drei Jungen, die bald darauf nicht mehr aufzufinden waren. Am Wendebachstau bei Reinhausen waren mindestens vier Paare mit Erfolg (insgesamt 14 Kleine) gesegnet.
Am Seeburger See führten vier bis fünf Paare Junge (insgesamt zwölf bis 15, darunter drei aus einer späten Brut im Juni), am Seeanger (wieder) nur eines (drei Kleine). Am winzigen Teich in Bodensee brüteten wie üblich zwei Paare hintereinander, d.h. das zweite Paar legte los, wenn das erste mit seinem Nachwuchs abgewandert war.

Bis dato gibt es acht erfolgreiche Bruten der Nilgans zu vermelden: Am Göttinger Levin-Park mit sechs flügge gewordenen Jungen, an der Rhume bei Bilshausen (zwei Junge Ende April, die offenbar später nicht mehr auszumachen waren), an der Sandgrube Meensen (neun Kleine), am Böllestau bei Hollenstedt (acht), an der Geschiebesperre (sieben), nahe der Staumauer in Salzderhelden (neun), im Seeanger (zwei) und auf der Werra bei Hedemünden an der Außengrenze unserer Zivilisation (neun). In Fredelsloh stritt sich eine Nilgans mit Turmfalken und Dohlen um das Turmloch der Klosterkirche. Fortsetzung folgt…

Höckerschwan - MSiebner
Abb. 5: Höckerschwan im Levin-Park, mit kleinen Nilgänsen im Visier.
Foto: M. Siebner

Brandgänse erreichten am 25. Juni mit vier Ind. an der Geschiebesperre ihr Maximum.
Im April schmückten zwei Rostgänse den Leinepolder. Ebenfalls zu zweit waren Artgenossen, die am 27. Juni über die Einbecker Altstadt flogen.

Am Seeanger führte ein Weibchen der Schnatterente zum Sommerbeginn sieben Junge. Damit liegt für dieses Gebiet (und den Landkreis Göttingen) der zweite Brutnachweis in Folge vor.
Überwinternde Pfeifenten waren bis Ende März an der Rhume bei Northeim und im Leinepolder mit bis zu 600 Ind. noch gut vertreten. Der positive Trend seit ca. 20 Jahren ist bemerkenswert, zumal für einen Rastplatz im tiefen Binnenland.
Heimziehende Schwimmenten zeigten ein durchweg schwaches Vorkommen an, mit einer Ausnahme: Am 16. April bedeckten 129 Löffelenten die kleine Kiesgrube Reinshof - ein Lokalrekord der Extraklasse. Ansonsten bewegten sich auch bei dieser Art die Maximalzahlen im zweistelligen Bereich.
Am 17. und 18. März glänzte am Northeimer Freizeitsee ein schmuckes Männchen der Kolbenente samt schlichtem Gespons.

Die weibliche Bergente vom Freizeitsee hielt es bis zum 25. März dort aus. Ein Weibchen vom 23. April an der Geschiebesperre dürfte ein anderer Vogel gewesen sein.

Ein bis zwei ausgesetzte Fasane vegetieren in der Feldmark Gieboldehausen und in der Rhumeaue als Flintenfutter vor sich hin.
Das Ergebnis der diesjährigen Kartierung von Rebhühnern an 90 Transekten im Göttinger Ostkreis fiel mit 170 Vögeln gegenüber dem Vorjahr (218 Ind.) mäßig aus. Die Brutsaison 2017 war durch eine hohe Kükenmortalität im Juli gekennzeichnet (drei Tage Dauerregen). Gleichwohl bewegte sich der Rückgang (noch) im Rahmen normaler Schwankungen. Zudem können die verschiedenen Teilpopulationen unterschiedliche Trends aufweisen. So legte die Diemardener Population, die im letzten Jahr stark zurückgegangen war, trotz der Schlechtwetterphase im Juli wieder etwas zu.

Die bis zu drei am Northeimer Freizeitsee überwinternden Rothalstaucher waren (wohl) bis Ende März präsent. Die nahezu komplette Vereisung des Gewässers Anfang März ignorierten sie souverän. Am Seeburger See hielten sich vom 23. März bis zum 30. April beständig ein bis zwei Ind. auf (immer dieselben?). Von Mitte bis Ende April traten am Freizeitsee und an den Northeimer Kiesteichen Einzelvögel in Erscheinung. Den Reigen beschlossen ein bis zwei Ind. im Brutkleid vom 11. bis 13. Mai an den Northeimer Kiesteichen.

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Abb. 6: Rothalstaucher auf dem Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Am 23. März schmückten zwei Ohrentaucher den Seeburger See. Ihnen folgte am 26. und 27. April ein Einzelvogel ebenda, der sich am Rand eines kleinen Trupps von fünf Schwarzhalstauchern aufhielt. Die letztgenannte Art erreichte dort am 7. April mit 15 Ind. ihr Maximum. Über das Brutgeschäft der anderen Lappentaucher wird im Folgebericht Auskunft gegeben.

Ein Silberreiher mit Schmuckfedern posierte im März über Wochen im Landwehrgraben am südlichen Göttinger Stadtrand (vgl. Abb. 1). Ähnlich gewandet waren im März/Anfang April auch bis zu vier Vögel am Seeanger und Seeburger See. Dem Modesta-Typ (rote Beine, schwarzer Schnabel) zugeordnet wurde jedoch nur ein Ind. am 10. Mai in der Leineniederung nördlich von Northeim. Maximal 82 Ind. hielten sich am 14. April im Leinepolder auf, ansonsten lagen die Zahlen weit darunter und bestätigten das insgesamt schwache Auftreten in den vergangenen Monaten.
Die Kolonie der Graureiher in zwei Hybridpappeln am Göttinger Kiessee umfasste in diesem Frühjahr zehn Paare (im Vorjahr zwölf). Knapp 30 Jungvögel dürften flügge geworden sein.
Ein Seidenreiher stattete der Geschiebesperre Hollenstedt am 23. Mai einen kurzen Besuch ab.

Die Expansion brütender Weißstörche im und um den Leinepolder ist in diesem Frühjahr ins Stocken geraten: Brutversuche auf Nisthilfen in Hohnstedt und am Ortsrand von Salzderhelden scheiterten. Das traditionelle Paar am Seeanger schritt nicht zur Brut. Sein Nest war in den vergangenen Jahren mächtig gewachsen, sogar mit einem Bäumchen als Untermieter. Weil der Landkreis Göttingen den Absturz befürchtete, wurde eine Fachkraft mit der Verkleinerung beauftragt. Diese fiel jedoch - man kennt das ja von anderen „Pflegemaßnahmen“ durch Grobmotoriker - so radikal aus, dass bis auf die Plattform von dem Nest kaum noch etwas zu sehen war. Zudem fand die Aktion zum Beginn der Brutzeit statt. Das war den Vögeln denn doch zuviel…

Storchennest - MSiebner
Abb. 7: Rasiert statt saniert: Weißstorchnest am Seeanger. Foto: M. Siebner

Für die Brutstörche ist 2018 wohl ein schlechtes Jahr. Trockenheit und Mäusemangel forderten ihren Tribut. Es liegen Berichte von aus dem Nest geworfenen Jungvögeln vor. In Hevensen/Wolbrechtshausen überlebte ein Jungvogel (von vier) den Rauswurf schwer verletzt und wird in einer Pflegestation im Eichsfeld aufgepäppelt. In Gieboldehausen wurde ein schwaches Küken kurzerhand von einem Altvogel verspeist.

Drei Winterbeobachtungen der Kornweihe stehen neun Heimzugbeobachtungen gegenüber. Sie waren weit über die Region verteilt und betrafen, mit Ausnahme von zwei Ind. in der Rhumeaue bei Bilshausen am 19. März, Einzelvögel. Bis auf zwei Männchen handelte es sich um Weibchen oder immature Vögel.
Eine weibliche Wiesenweihe krönte während des Birdrace am 5. Mai eine kleine Exkursion an den Lutteranger. Weibchenfarben und entsprechend knifflig zu bestimmen war eine Steppen- oder Wiesenweihe am 10. Mai über der Feldmark Reinshof.
Am 31. März und 2. April mischte ein junger Seeadler den Leinepolder auf.

Schlichte Merline wurden am 14. April im Leinepolder und am 28. April im Seeanger notiert.
Weibliche Rotfußfalken ließen sich am 10. Mai in der Feldmark Reinshof und am 12. Mai an der Geschiebesperre bestaunen (und fotografieren).
Am beliebten Junikäfer-Buffet auf der Drachenwiese in Gö.-Treuenhagen fanden sich ab Mitte des namensgebenden Monats der Tierchen in der Dämmerung bis zu sechs Baumfalken ein. Wie immer ein tolles Spektakel, obwohl es weniger Käfer gab als in den Vorjahren.

Junikäfer - MSiebner
Abb. 8: Mmmmhh, lecker: Junikäfer als Baumfalken-Snack. Foto: M. Siebner

Mit einer Neuansiedlung im Norden der Stadt ist die Göttinger Wanderfalken-Population auf drei Paare angewachsen. Mindestens fünf Jungfalken erreichten die Flugfähigkeit. Näheres kann an dieser Stelle leider nicht (mehr) mitgeteilt werden, weil die Verfolgung durch ebenso vernagelte wie skrupellose Reisetaubenzüchter stark zugenommen hat. Diese kriminellen Vogelfreunde der ganz speziellen Art arbeiten mit vergifteten/imprägnierten Tauben, die noch eine Weile fliegen können („Kamikaze-Tauben“). Beliebt sind auch kleine Metallhaken im Fleisch der Köder, die, wenn sie von den Falken verschluckt werden, für deren elenden Tod sorgen. In Westdeutschland, aber auch im benachbarten Thüringer Eichsfeld wurden so schon etliche Familien ausgelöscht. Dass unsere Falken scheinbar sicher im Siedlungsbereich brüten, schützt sie nicht unbedingt, weil sie in der Regel im Offenland auf die Jagd gehen.
Aus dem Landkreis Northeim wurde eine Brut in einem Strommast bekannt. Weil sie recht spät und von möglicherweise unerfahrenen Vögeln in Angriff genommen wurde, scheiterte sie. Eine kleine Sensation ist, dass die Brut nicht einem Nistkasten, sondern in einem Corvidennest stattfand. So etwas gab es seit der Wiederbesiedlung Niedersachsens vor ca. 30 Jahren (mit in Hessen ausgewilderten Vögeln) wohl noch nie. Das Brüten in Nestern von anderen Vornutzern ist typisch für Baumbrüter. Baumbrüter sind aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für den Norden und Nordosten des heutigen Bundeslands belegt. In Brandenburg zeigt ein Projekt zum Wiederaufbau einer Baumbrüterpopulation erste Erfolge. Dagegen sind Baumfalken, die Krähennester in Strommasten zum Brüten nutzen, in unserer Region so ungewöhnlich nicht. Es gab sogar Nistplätze, die über Jahre genutzt wurden. Wie es heute damit aussieht, weiß leider keiner…

Der Heimzug des Kranichs plätscherte, mit höchsten (sichtbaren) Tagessummen von um die 1000 Ind., in der ersten Märzdekade vor sich hin. Die größte Zahl wurde am 7. März im Leinepolder mit ca. 1350 Rastvögeln registriert. Ein Jungvogel im 2. Kalenderjahr mit Beinverletzung konnte sich im Seeanger bis (mindestens) zum 3. Juni regenerieren.
Wachtelkönige waren nur sehr spärlich vertreten: Im Leinepolder riefen bis zu drei Männchen, Einzelvögel in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen (im Mai) und am 17. Juni an der Retlake nahe dem Seeanger. Nachweise aus dem Seeanger und Umgebung sind eine Rarität.
Am 22. April drückte sich ein Tüpfelsumpfhuhn am Schilfrand des Seeangers herum. Am 28. des Monats sangen im Leinepolder mindestens zwei Männchen. Am 12. Mai taten es ihnen ebenfalls zwei Männchen in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau nach.

Am 9. April beehrte ein Austernfischer die Geschiebesperre mit einer Stippvisite.

Austernfischer - WVogeley
Abb. 9: Austernfischer. Wichtigstes Bestimmungsmerkmal: Kleiner als Schwarzstorch. Foto: W. Vogeley

Goldregenpfeifer traten im kleinen „Märzwinter“ nicht in überdurchschnittlich hoher Zahl auf. Die Maximalzahlen lagen bei 67 Ind. am 7. März im Leinepolder und 56 Ind. am 15. März in der Feldmark Gö.-Geismar. Ein Vogel am 19. März an der Weser bei Hann. Münden war erst der zweite Nachweis für den Altkreis. Der erste stammt aus dem Jahr 1969!
Erfolgreiche Bruten (Schlupferfolg) des Kiebitz’ fanden wie in den Vorjahren nur an der Geschiebesperre (mindestens drei Paare) und am Seeanger (ebenfalls mindestens drei Paare) statt. An der Geschiebesperre erreichten drei Jungvögel aus zwei Bruten die Selbständigkeit, am Seeanger wohl nur einer. Wegen der oftmals ungünstigen Beobachtungsbedingungen und der Tarnung der Jungvögel in der aufwachsenden Vegetation könnten es (vielleicht und hoffentlich) auch mehr gewesen sein. Ob die Brut an einer Vernässungsstelle gegenüber der Geschiebesperre (nahe der Schäferei) erfolgreich verlief muss offen bleiben. Immerhin scheint der „Märzwinter“ den regionalen Brutbestand nicht beeinträchtigt zu haben.
Von ca. zwölf brutwilligen Paaren des Flussregenpfeifers an den Abbaugewässern der Region sind offenkundig nur drei mit Schlupferfolg dokumentiert: An der Geschiebesperre (vier Jungvögel aus zwei Bruten) und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (zwei Kleine). Über den Ausgang einer Brut (Gelegefund) an der Sandgrube Meensen lagen keine weiteren Informationen vor. Ob überhaupt ein Jungvogel die Selbständigkeit erreichte ist fraglich. Prädatoren und Freizeitrummel sind die schlimmsten Feinde des Flussregenpfeifers. Seine Zukunft verdüstert sich immer mehr.
Vom Sandregenpfeifer, der in typisch niedrigen Tagessummen von maximal vier Ind. auftrat, ist ein aus dem Rahmen fallender Nachweis vom 25. Juni an der Geschiebesperre eine besondere Erwähnung wert. Zuvor waren dort am 2. und 3. Juni ein bis zwei Ind. präsent, die wohl noch dem späten Heimzug zugerechnet werden konnten.

Einzelne Regenbrachvögel standen am 15. April an der Geschiebesperre und im Polder (vermutlich derselbe Vogel) und am 7. Mai im Seeanger.
Ihr Großer Vetter war in der Leineniederung und am Seeanger mit vier Beobachtungen von Einzelvögeln vertreten, zu zweit am 1. April über der Geschiebesperre und am 15. April im Leinepolder.
Uferschnepfen traten ebenfalls als Einzelvögel in Erscheinung: Vom 25. bis 27. März im Seeanger, am 19. und 22. April ebenda (mit kurzer Luftbalzeinlage) und am 29. April im Luftraum über der Geschiebesperre.
Sieben Pfuhlschnepfen (teils noch im Winterkleid, teils ins Brutkleid mausernd) am 25. April im Seeanger sind nicht annähernd so viele wie der legendäre Trupp von 80 Vögeln (kein Tippfehler!), der am 9. September 2010 bei gruseligem Wetter über dem Seeburger See auf der Suche nach einem Rastplatz umherflog. Gleichwohl signalisierten sie die zweitgrößte Anzahl in unserer Region.

Pfulschnepfen - VHesse
Abb. 10: Belegfoto der Pfuhlschnepfen im Seeanger. Foto: V. Hesse

Von der Waldschnepfe gab es 28 Beobachtungen. Im Kaufunger Wald (Hann. Münden/Lutterberg) konnte die Anzahl besetzter „Reviere“ wieder auf ca. fünf beziffert werden. Am 30. März zeigte ein schon länger toter Vogel in der Göttinger Südstadt Kalamitäten an, von denen Waldschnepfen auf dem Zug besonders betroffen sind (Scheibenanflüge, Kollision mit Fassaden, Verkehrsopfer usw.). In der Fotogalerie von ornitho gibt es wieder eine Vielzahl von Ablichtungen toter Vögel, auch und gerade aus dem Siedlungsbereich.
Am 5. März feierten elf (!) Zwergschnepfen in einem winzigen Feuchtgebiet am westlichen Stadtrand einen Göttinger Allzeitrekord.
Im Leinepolder balzte am 17. Mai mindestens eine Bekassine. Der kurze Meckerflug eines Männchens am 29. April im Seeanger blieb ohne weitere Konsequenzen. Ansonsten war die Art auf dem Heimzug nur schwach vertreten, in der Regel in einstelliger bis niedriger zweistelliger Zahl. 72 Ind. am 22. März im Leinepolder waren die große Ausnahme.

Limikolen der Gattung Tringa waren eher durchschnittlich präsent: Dunkle Wasserläufer erreichten am 26. April im Seeanger mit 15 Ind. ihr Maximum, Rotschenkel am 26. April mit vier Ind. ebenda, Grünschenkel mit, immerhin, 26 Ind. am 23. April, Waldwasserläufer am 3. April mit mindestens 40 Vertretern im Leinepolder und Bruchwasserläufer am 6. Mai an der oben genannten Vernässungsstelle bei der Schäferei in der Leineniederung mit 105 Ind. Am Seeanger bewegten sich die Maximalzahlen durchweg im mittleren zweistelligen Bereich (68 Ind. am 6. Mai).
Beim Kampfläufer lag wieder der Seeanger mit 40 Ind. (darunter auch Schönlinge mit barocker Federpracht á la Louis Quatorze) am 25. April vorn.

Ein Sumpfläufer erregte am 15. und 16. Mai im Seeanger einiges Aufsehen. Mausert sich das Gebiet zum Binnenland-Hotspot für diese hochgeschätzte Limikolenart? Seit 2014 liegt schon die zweite Beobachtung vor, zwei weitere aus den Jahren 2015 und 2016 sind bei der Avifaunistischen Kommission Niedersachsen/Bremen anhängig.
Von den Calidris-Limikolen sind ein Zwergstrandläufer am 5. Juni und, recht bemerkenswert, zwölf Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre und neun an der Vernässungsstelle gegenüber am 13. Mai erwähnenswert (vielleicht identisch).

Temminckstrandläufer - MSiebner
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

Der einzige Sichelstrandläufer (auf dem Heimzug ohnehin eher selten) stammte vom 28. April aus dem Seeanger.
Mehr als zwei Alpenstrandläufer wurden an einem Tag in keinem Gebiet gesehen.

Maximal 16 Zwergmöwen zeigten am 23. April am Seeburger See ein insgesamt eher schwaches Auftreten an.
Einzelpaare der Lachmöwe schritten im Seeanger und Lutteranger zur Brut, vermutlich erfolglos. Ein Vogel, der am 21. März mit 110 Artgenossen auf dem vereisten Göttinger Kiessee stand, stammte aus Polen. Er trug einen weißen Farbring mit dem Code „T2TW“, der ihm am 10. Juni 2011 als Nestling im Zentrum des Landes verpasst worden war.
Von der Schwarzkopfmöwe gab es zehn Beobachtungen von mind. elf Ind. in allen für das Frühjahr typischen Altersklassen, eingeschlossen einen irritierenden Vogel nahe der Schäferei vom 10. Mai, der vom ersten Winterkleid ins erste Sommerkleid ummauserte.
Eine alte Großmöwe wurde am 20. April an den Northeimer Kiesteichen als Silbermöwe bestimmt.
Sicher ansprechbar war eine vorjährige Mittelmeermöwe am 6. und 7. Mai am Seeburger See und Seeanger. Sie trug einen roten Farbring mit der Kombination „62T“, der ihr am 13. Mai 2017 als Nestling an der Donau im Kreis Straubing (Bayern) angelegt worden war. Darüber hinaus lagen Beobachtungen vom 30. April am Northeimer Freizeitsee (vorjähriger Vogel), am 8. Mai am Göttinger Flüthewehr sowie vom 12. und 15. Mai an der Geschiebesperre (zu zweit, im 3. bzw. 4. Kalenderjahr) vor.
Von der Steppenmöwe, die sich aus regionaler Sicht zur „häufigsten“ Großmöwenart gemausert hat, gab es vom 2. März bis 15. Juni beachtliche 22 Beobachtungen von (wohl) 22 verschiedenen Ind. Ob sie durchweg kussecht waren, sei angesichts der notorischen Hybridproblematik dahingestellt…
Eine alte Heringsmöwe ließ sich am 3. Mai an der Geschiebesperre gut bestimmen, wenngleich, in weiser Beschränkung, nicht auf Unterartniveau.

Am 8. Mai schmückte eine Weißflügel-Seeschwalbe die Geschiebesperre, als einziger Vertreter der seltenen Seeschwalben in dieser Saison.
Am 1. Mai zeigten 30 Trauerseeschwalben am Seeburger See ihr saisonales Maximum.

Trauerseeschwalbe - MSiebner
Abb. 12: Trauerseeschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Flussseeschwalben machten sich im Zeitraum vom 23. Mai bis 21. Juni mit insgesamt vier Ind. am Seeburger See und am Northeimer Freizeitsee eher rar.
Gleichhäufig waren Küstenseeschwalben am Seeburger See zu Gast: Am 24. April (zwei Ind.), am 27. April und am 15. Mai.

Von der Turteltaube lagen, immerhin, elf Beobachtungen vor, zumeist von heimziehenden Vögeln. Interessant waren Hinweise auf eine Revierbesetzung in Sievershausen (Sollingvorland), wo dreimal ein singendes Männchen vernommen wurde. Dies betraf auch ein singendes Männchen am 16. Juni auf einer Windwurffläche im Gillersheimer Forst. Nahe Eberhausen, wo sich im Mai letzten Jahres ein balzender Vogel in einem Feldgehölz aufgehalten hatte, machte sich wiederum ein Männchen bemerkbar, allerdings erst Ende Juni am Dorfrand zur Zeit der Kirschernte. Der Brutplatz auf der Windwurffläche bei Ellershausen scheint wohl endgültig verwaist zu sein. Gehölzsukzession und Verdichtung der Bodenvegetation haben das Gebiet für die Art vollends entwertet. Im zweiten Frühjahr in Folge ließ sich kein Vogel mehr blicken.

Unsere heimischen Eulenarten zeichneten in dieser Brutsaison ein düsteres Bild: Von der Schleiereule gab es keine Beobachtung. Das ist jedoch nicht weiter verwunderlich, weil dieser Art schon seit langem keine Beachtung mehr geschenkt wird.
Raufußkauz: Fehlanzeige.
Sperlingskauz: Im Hochsolling konnte nur ein singendes Männchen in einem altbekannten Revier bestätigt werden. Eine Suche nach weiteren Männchen wäre vielleicht sinnvoller gewesen als das Anfahren und Abhaken dieses Vogels auf der Jahresliste.
Waldohreule: Kein Brutnachweis, obwohl der Göttinger Süden mehrfach darauf kontrolliert wurde.
Dagegen geriet die Sumpfohreule gleich dreimal vor die Optik: am 7. April am Northeimer Freizeitsee, am 5. Mai am Seeburger See und am 21. Juni (!) ebenda.
Die einzigen Jungeulen wurden aus dem Göttinger Ostviertel nahe dem Nikolausberger Weg bekannt: Dort konnte sich das unverwüstliche Waldkauz-Paar mit ein bis zwei Jungen reproduzieren. Auf dem Göttinger Stadtfriedhof ist immer noch ein Männchen präsent. Ob ihm die drei Nistkästen, die der NABU dort (überflüssigerweise) angebracht hat, bei der Verpaarung helfen, darf bezweifelt werden.
Für das kommende Jahr gilt (hoffentlich) die alte Eulenweisheit „Kommt Zeit, kommt Maus“…

Bienenfresser machten sich ungewohnt zahlreich bemerkbar, allerdings nicht auf Augenhöhe: Am 19. Mai flogen 14 Ind. über Gö.-Geismar (Einstellung des Regionalrekords vom Mai 2014 bei Einbeck), einen Tag später mindestens drei Vögel im Luftraum über einem belegten Liegestuhl in Diemarden und am 21. Mai drei Vögel über dem Göttinger Ostviertel. Macht zusammen mindestens 20 Bienenfresser an drei Folgetagen. Das kann man fast schon Massenzug nennen…

Der Wiedehopf konnte seinen Status als jährlicher Heimzuggast zementieren. Einzelvögel rasteten am 9. April in Gö.-Weende (Hausgarten am Kellnerweg), am 11. April am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre (vielleicht derselbe) und am 17. April südlich Waake und an den ehemaligen Tongruben Siekgraben.

Wiedehopf - MGeorg
Abb. 13: Wiedehopf in Weende. Foto: M. Georg

Anfang Juli zeigte sich im Leinepolder ein Wendehals an einer (Brut-)Höhle. Unverhofft kommt bei dieser Art nicht gerade oft…
Vögel mit längerer Verweildauer konnten im Göttinger Raum nur in Weende/Nikolausberg (Bärenberg, Fassberg und Forstbotanischer Garten) dokumentiert werden. Duettgesang und heimliche Vögel im Juni legten starken Brutverdacht von ein bis zwei Paaren nahe. Auf dem Kerstlingeröder Feld trat die Art nur unregelmäßig in Erscheinung, leider schon das zweite Jahr in Folge.

Der einzige Pirol der Saison ließ sich am 21. Mai in einem Hausgarten in Ebergötzen ausmachen.

Neuntöter trafen in diesem Jahr in Deutschland ungewöhnlich früh und in guter Zahl ein. Die zeitige Ankunft dieses Ostziehers wird auch durch ein Paar belegt, das sich am 29. April an der Kiesgrube Ballertasche bemerkbar machte. In der Region war er gut vertreten und eine gezielte Erfassung hätte vermutlich noch weitaus höhere Zahlen erbracht. Die alljährlich vorgenommene Zählung auf dem Kerstlingeröder Feld war jedoch dazu angetan, die Hoffnung auf ein Rekordjahr etwas zu dämpfen: 20 revieranzeigende Männchen sind zwar ein gutes Ergebnis, die Zahlen der Vorjahre (2016 und 2017: 20, 2015: 21) wurden aber nicht übertroffen, es bleibt beim Rekordbestand von 25 Männchen im Frühjahr 2014. Mitten im Bramwald war wieder ein Brutplatz auf einer kleinen Windwurffläche besetzt.

Brutplatz Neuntöter - JWeiss
Abb. 14: Brutplatz des Neuntöters im Bramwald. Foto: J. Weiss

Der überwinternde Raubwürger auf dem Kerstlingeröder Feld wurde am 12. April das letzte Mal gesehen. Die anderen Wintergäste (ehemaliger Grenzstreifen bei Duderstadt, Feldmark Tiftlingerode, Atzenhausen) waren schon zwei Wochen vorher verschwunden.

Bemerkenswert ist die Beobachtung eines Tannenhähers, der am 30. Mai in Sievershausen drei flügge Jungvögel fütterte. Ob die Brut im Siedlungsbereich stattgefunden hat muss offen bleiben. Der Solling, wo Tannenhäher regelmäßig brüten, liegt praktisch nebenan.
Positives gibt es von der Dohle zu berichten: In Gillersheim zog ein Paar in einer Scheune (Schleiereulenkasten) vier Junge groß. An den Kirchen in Fredelsloh und Barterode bestand Brutverdacht von Einzelpaaren. Im Hedemündener Gemeindewald brüteten drei Paare in Schwarzspechthöhlen. Zu verdächtigen Vögeln in Lindau und Bodensee lagen keine weiteren Angaben vor, die ein Brüten wahrscheinlich machten.
Die Höchstzahl von Saatkrähen stammte mit 25 Ind. am 4. März aus dem Göttinger Süden. Dabei dürfte es sich um länger präsente Wintergäste gehandelt haben. Kleinere Trupps von 11 Ind. am 6. März über Gö.-Weende und von 16 Ind. am 7. März ebenda konnten vielleicht ebenfalls dem (abziehenden) Winterbestand zugeordnet werden. Mit anderen Worten: Der Heimzug von Vögeln, die weiter südlich überwintert hatten, war in diesem Frühjahr nicht wahrnehmbar.
Am Diemardener Berg hatte ein Agraringenieur auf einem großen Maisacker tote Rabenkrähen und ein Gas-Schnellschreckgerät der Marke „Purivox Karussel“ platziert. Für den Göttinger Süden stellte dieser befremdliche Anblick (von den regelmäßigen Detonationen ganz zu schweigen) einen krassen Gegensatz zu den Umwelt- und Artenschutzmaßnahmen gleich nebenan dar, eine echte Novität.

Rabenkrähe - VLipka
Abb. 15: So macht man einen Maisacker noch vogelärmer. Foto: V. Lipka

Von der Beutelmeise lagen sieben Heimzugbeobachtungen von insgesamt mindestens elf Ind. vor. Bruthinweise: Fehlanzeige. Ihr Status als ehemaliger Brutvogel ist nicht mehr fern…

Neben den bis zu 85 in der Einleitung erwähnten unglückseligen Heidelerchen, die sich im „Märzwinter“ an den ehemaligen Tongruben Siekgraben stauten, sind mindestens 20 Vögel erwähnenswert, denen es am 19. März an der Weser in Hann. Münden ähnlich erging. Darüber hinaus gerieten vom 6. bis 27. März ca. 95 weitere Vögel in den Blick. Nach einem gigantischen Zugstau sah das eher nicht aus. Allerdings sind die kleinen Lerchen nicht so auffällig wie Kiebitze.

Ende Mai wurden an der Brutkolonie der Uferschwalbe am Freizeitsee um die 50 angeflogene Röhren gezählt.

2017 war für den Waldlaubsänger kein gutes Jahr. Im Landkreis Göttingen wurden vom 15. April bis Ende Juni ganze 29 Vögel ausgemacht. Ganz anders ein Jahr später: Mit 121 Beobachtungen lag im gleichen Zeitraum ein passables Ergebnis vor. Vermutlich ist der Einbruch der Mäusepopulationen diesem Bodenbrüter zugute gekommen. Mäuse plündern Nester und locken Prädatoren an, die sich dann auch bei den Vögeln bedienen. Gleichwohl ist die Zukunft dieser faszinierenden Art, der aktuell, vor allem in der Schweiz, einige Forschungsprojekte zu Populationsdynamik und Habitatnutzung gewidmet sind, recht düster. Im Bramwald zum Beispiel werden die meisten Buchenbestände nach der Großschirmschlag-Methode bewirtschaftet. Das bedeutet: Ein paar ältere Bäume bleiben stehen, während sich zwischen ihnen dichter Jungwuchs ausbreitet. Solche wenig strukturierten Flächen sind dem Waldlaubsänger abträglich: Es fehlen mäßig bewachsene Offenstellen mit Bülten und ähnlichen Requisiten zum Brüten sowie jüngere Einzelbäume, deren horizontal verlaufende Äste er gern als Singwarte nutzt. Zwei Fotos sollen das verdeutlichen:

Waldlaubsänger 1 - JWeiss
Abb. 16: Brutplatz des Waldlaubsängers im Bramwald.
Foto: J. Weiss

Waldlaubsänger 2 - JWeiss
Abb. 17: Dichter Jungwuchs auf einer Schirmschlagfläche im Bramwald.
Foto: M. Weiss

Nicht nur für den Waldlaubsänger, auch für andere Waldvögel (z.B. Spechte und andere Höhlenbrüter) sind jungwuchsreiche Schirmschlagflächen nicht nutzbar. Allenfalls ein paar Ubiquisten (Zilpzalp, Rotkehlchen) können dort brüten. In den nächsten Jahrzehnten wird sich daran leider nichts ändern.
Über den Grünlaubsänger, der vom 4. bis 9. Juni Gö.-Weende beschallte, wurde bereits im Vorbericht auf dieser Homepage Auskunft gegeben, hoffentlich erschöpfend.

Am zunehmend desolaten Status des Feldschwirls hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert: In der Rhumeaue bei Bilshausen ließen sich, als saisonales Maximum, vier Sänger vernehmen. Jeweils bis zu drei sangen im Leinepolder, in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau, an den Schweckhäuser Wiesen, im Stockhauser Bruch und an der Kiesgrube Ballertasche. Aus der Normallandschaft ist er faktisch verschwunden.
Schlagschwirle waren mit 16 Beobachtungen (zum Teil identischer Vögel) an Fluss- und Bachläufen in passabler Zahl vertreten. Die meisten gab es mit drei Sängern in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau. Im weiteren Umfeld ließen sich noch vier andere vernehmen. Damit bestätigte sich die Rhumeaue als traditioneller Hotspot für diese Art. An der Retlake nahe dem Seeanger gelangte am 17. Juni ein Sänger zu Gehör, bis zu drei waren es an der Kiesgrube Ballertasche und Umgebung. Ein Sänger am 24. Juni bei Scheden komplettierte die Nachweise aus dem Westkreis.
Ein Rohrschwirl hielt am Seeburger See ein Gesangsrevier besetzt. Im Leinepolder war er anscheinend ungewöhnlich schwach vertreten, mit nur einer akustischen Wahrnehmung am 28. April.

Vom Schilfrohrsänger gab es in unseren Feuchtgebieten (Ausnahme: zwei Sänger in Gebüschen an Göttinger Bahndämmen) 13 Heimzugbeobachtungen. Am Seeanger war ein Sänger wiederum über Wochen präsent (zwei Vögel am 9. Mai). Ob es zu einer Neuauflage der Brut aus dem Vorjahr gekommen ist, bleibt bis dato unklar.
16 Beobachtungen (Mehrfachmeldungen eingeschlossen) belegen: Für den Drosselrohrsänger war es ein gutes Jahr. An der Kiesgrube Ballertasche sangen, sehr bemerkenswert, bis zu drei Männchen, die sich aber offenkundig nicht verpaaren konnten. Irgendwann klappt das schon…
Neben den üblichen Rastplätzen (Göttinger Kiessee, Seeburger See, Kiesgrube Reinshof) wurden auch kleine Gebüsche oder Hecken weitab jedes Röhrichts aufgesucht. Aus dem Göttinger Siedlungsbereich lagen Nachweise vom Leinepark und Levin-Park vor. Am 30. Mai ließ ein Krachmacher in einem Hausgarten im Kiessee-Karree in Gö.-Geismar die Anwohner aufschrecken. Ein Nachweis vom 16. Juni an den Husumer Teichen ist bemerkenswert, dürfte aber einen umherstreifenden Vogel betroffen haben. Wie auch immer: Es ist ein tolles Erlebnis, wenn man, arglos dahinschlendernd, von den beeindruckenden Lautäußerungen dieser gefiederten Knarr- und Krächzmembrane aus dem Trott gerissen wird.

Drosselrohrsänger - WVogeley
Abb. 18: Drosselrohrsänger in der Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Mit 22 Beobachtungen von ca. 34 Ind. zwischen dem 1. und 23. April war die Ringdrossel in diesem Frühjahr vergleichsweise gut vertreten. Zumeist handelte es sich um Einzelvögel. An der Geschiebesperre, in der Feldmark südlich Eberhausen und auf dem Kerstlingeröder Feld traten kleine Trupps von maximal vier Ind. in Erscheinung.

Auf dem Heimzug rasteten zehn Trauerschnäpper in der Region. Ein Ind. war am 19. Mai am Duderstädter Stadtwall auf Nistplatzsuche.

Anfang Juli gelang im Leinepolder, einem traditionellen Brutplatz, die Beobachtung eines fütternden Paars des Braunkehlchens, ansonsten überwogen die Heimzugbeobachtungen. Im Umfeld eines Blühstreifens in der Feldmark Desingerode im Göttinger Ostkreis kam es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Brut, der ersten im Landkreis seit 2004 (Seeanger). Jungvögel wurden nicht gesehen, doch zeigte ein futtertragendes Weibchen zumindest Schlupferfolg an. Leider scheiterte die Brut, vermutlich durch Prädation. Kontrollen im Seeanger, die im Rahmen einer landesweiten Erfassung durchgeführt wurden, erbrachten keinen Bruthinweis.
Einige der aus den Vorberichten bekannten Brutplätze des Schwarzkehlchens waren in diesem Frühjahr verwaist. Folge des „Märzwinters“, der dieser Art große Probleme bereitet haben könnte? Allein in Hessen sollen sich im März ca. 2000 Schwarzkehlchen gestaut haben. Andererseits gab es auch neue Brutplätze. Erfolgreiche Paare mit ausgeflogenen Jungvögeln gerieten in der Feldmark Ellensen (Sollingvorland), nahe Lödingsen und am Göttinger GVZ III („Kalahari“) in den Blick. Dieser Brutplatz wird im nächsten Jahr unter weiteren Logistikhallen monströsen Ausmaßes begraben sein…Bruterfolg hatten mindestens zwei Paare in der Rhumeaue bei Lindau und Bilshausen. Der traditionelle Brutplatz am ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt war zumindest wieder besetzt. In der Feldmark Obernfeld und nahe den Schweckhäuser Wiesen (Brut im Vorjahr) zeigten verpaarte Vögel Interesse. Im Seeanger, ansonsten eine Bank für diese Art, scheint es in diesem Jahr keine Brut gegeben zu haben. Möglicherweise ergibt sich nach Beendigung der Zweitbruten ein etwas positiveres Bild. Dazu mehr im nächsten Bericht.
Erfolgreiche (Einzel-?)Bruten des Blaukehlchens konnten im Seeanger und am Seeburger See dokumentiert werden. Aus dem Leinepolder und der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau gab es Brutzeitbeobachtungen. Das klingt nicht gerade üppig. Möglicherweise hat auch dieser Art, mit ähnlicher Zugphänologie wie das Schwarzkehlchen, der „Märzwinter“ zu schaffen gemacht. Aus dem Süden Deutschlands liegen bei ornitho etliche Fotos ungewohnt „zutraulicher“ Blaukehlchen vor, die bar jeder Deckung und teilweise sogar im Siedlungsbereich auf die Nahrungssuche gehen mussten. Man kann sich vorstellen wie ihnen zumute war…

Blaukehlchen - SHörandl
Abb. 19: Junges Blaukehlchen im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Anfang Juni wurden einige Bewunderer des Weender Grünlaubsängers eines Gartenrotschwanz-Männchens gewahr, das in seinen Gesang Lautäußerungen des verwandten Hausrotschwanzes eingebaut hatte. Solche Mischsänger sind/waren auch aus dem Göttinger Ostviertel bekannt. Gartenrotschwänze sind begabte Spötter. Wenn sie einsam auf weiter Flur balzen, liegt es nahe, den Gesang der in der Nachbarschaft wesentlich häufigeren Schwesternart nachzuahmen. Einen Hinweis auf Mischbruten liefern diese Sänger in der Regel nicht. In Göttingen ist ein Hybrid Garten- x Hausrotschwanz noch nie gesehen worden.

Der einzige Brachpieper dieses Frühjahrs stammte vom 21. April aus der Umgebung von Appenrode.
Die alljährliche Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 15. Juni (nur) 15 revieranzeigende Männchen. Neben dem (zu) späten Datum hat vermutlich auch das Bombenwetter dazu beigetragen, dass sich die Vögel nach Abschluss der ersten Brut noch weniger bemerkbar machten als sonst.
Der Brutbestand des Wiesenpiepers konnte am Polder II des Leinepolders (wiederum) auf mindestens drei Paare beziffert werden. Anfang Juli zeigte ein balzendes Männchen nahe Bovenden, dass die Art in der Leineniederung zwischen Göttingen und Nörten-Hardenberg noch brüten könnte. Wie groß bzw. klein die Population ist weiß niemand. Die letzten umfassenden Kontrollen liegen 15 Jahre zurück…Auch die Rastzahlen hielten sich in Grenzen: Maximal 90 Vögel konnten am 6. April in der Leineniederung nördlich Northeim gezählt werden, 68 am 14. April ebenda. Das ist nur ein kläglicher Abglanz früherer Zeiten, als dreistellige Rastzahlen keine Ausnahme waren.
Einzelne Rotkehlpieper ließen sich am 3., 6. und 9. Mai im Seeanger bewundern.
Bis zum 18. April konnten, u.a. an der Kiesgrube Ballertasche und im Seeanger, insgesamt 90 Bergpieper gezählt werden (Mehrfachmeldungen eingeschlossen). Die meisten gab es, mit bis zu 22 Ind., am 6. April im Leinepolder. Nach Jahren der Flaute ein vergleichsweise gutes Ergebnis. Schlafplatzzählungen lagen leider nicht vor.

Am 22. April leuchtete eine männliche Zitronenstelze im Seeanger. Damit liegt für dieses Gebiet seit 2009 schon der fünfte Nachweis vor.
Kann es sein, dass Getreidebruten der Wiesenschafstelze seltener werden? Die buchstäbliche Handvoll, die gemeldet wurde, ist sicher nicht repräsentativ. Gleichwohl wäre es interessant zu erfahren, ob sich dieser Acker-Neubürger, nach 20 Jahren erfolgreicher Anpassung, wieder im Sinkflug befindet. Verwunderlich wäre es nicht…

Wiesenschafstelze - SHörandl
Abb. 20: Wiesenschafstelze im Seeanger. Foto: S. Hörandl

Am 11. Mai wuselten an den ehemaligen Tongruben Siekgraben (für die Saison bemerkenswerte) 23 Thunbergschafstelzen umher, ansonsten gab es nur Einzelvögel.
Eine Bachstelze, die sich von Ende März bis in die erste Maidekade im Seeanger aufhielt, wies mit einem sehr dunklen Mantel und hellen Flügelbinden Merkmale der nordwesteuropäischen Unterart yarrellii (Trauerbachstelze) auf. Nach Diskussionen und Fotostudium konnte jedoch ein Hybrid mit der Nominatform alba nicht ausgeschlossen werden. So erschien der Mantel auf manchen Fotos grau geschuppt, was an einer astreinen Trauerbachstelze zweifeln ließ. Hybriden scheinen im tiefen Binnenland nicht selten zu sein. Zwei weitere dunkle Vögel wurden in der Leineniederung nördlich von Northeim und am Seeburger See ausgemacht. Sie waren jedoch nicht so krass gefärbt wie die Seeanger-Stelze.

Vom 8. November 2017 bis zum 11. März 2018 gelangen 68 akustische Feststellungen des nordischen Trompetergimpels, zumeist von Einzelvögeln. Das waren ein paar mehr als 2016/17 (40 Beobachtungen), aber weniger als 2015/16 (85 Beobachtungen, über 100 Ind.). Insgesamt liegen die Zahlen nach 2014/15 (nur sieben Vögel) auf einem durchweg höheren Niveau, was auch mit der vermehrten Aufmerksamkeit, die diesem Taxon zuteil wird, erklärt werden kann.

Eine Grauammer sang am 14. April nahe dem ehemaligen Grenzstreifen bei Duderstadt leider nur kurz.

Hans H. Dörrie

Damit schließt der Bericht, der nahezu vollständig auf 34.690 Datensätzen in ornitho.de beruht. Maßgeblich dazu beigetragen haben:

R. Barth, P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, A. Bischoff, S. Böhner, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, J. Bryant, A. Delius, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, R. Fleck, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, F. Grau, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, A. Hartmann, F. Helms, H. Helmerichs, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, V. Lipka, G. Mackay, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, P. und W. Pahl, S. Paul, G. Peters, F. Petrick, B. Preuschhof, J. Priesnitz, S. Racky, D. Radde, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, C. Schmidt, H. Schmidt, M. Schneider, D. Schopnie, M. Schulz, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, R. Spellauge, I. Spittler, A. Stumpner, A. Sührig, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, A. Wiedenmann, D. Wucherpfennig und andere.

Blaumeise - MSiebner
Abb 21: Kleine Blaumeise im Moment des Ausfliegens aus dem Nistkasten.
Foto: M. Siebner

July 11th, 2018

Grünlaubsänger:
Ein kleiner Vogel belebt Göttingen-Weende

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Abb. 1: Weender Grünlaubsänger. Foto: V. Hesse

Am 4. Juni 2018 gegen 6:55 Uhr, kurz vor Aufbruch zu einer Mitfahrgelegenheit am anderen Ende von Göttingen, wurde Alexander Sührig in seiner Wohnung durch die auf Kipp stehende Balkontür auf einen sich nicht sofort erschließenden Gesang aufmerksam, der nach längerem Anhören und Sichtung des Vogels - der Beobachter befand sich jetzt auf dem Balkon - als Gesang eines Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) identifiziert werden konnte. Der Vogel hielt sich in Koniferen im unmittelbaren Nahbereich des Hauses Uferweg 4 auf und entzog sich zunächst weiteren Wahrnehmungen.
Weil AS unter Termindruck stand, wurde die Beobachtung gegen 7:02 Uhr abgebrochen, nachdem der zuletzt exponiert in einer Fichte singende Vogel (singenderweise) von der Nord- auf die Südseite des Hauses Uferweg 4 geflogen war. Immerhin konnte - mehr schlecht als recht - auf die Schnelle ein Tondokument angefertigt werden.
Am Arbeitsplatz angekommen, stellte AS die Beobachtung nach kurzem Abgleich des Gehörten mit Gesängen von Grünlaubsängern auf xeno-canto.org umgehend in die Datenbank ornitho.de, um weiteren Interessierten die Möglichkeit einer zeitnahen Nachsuche und damit auch eine qualitätvollere Dokumentation zu ermöglichen. Die Rechnung ging dann auch auf und so ist es nicht zuletzt der engagierten Nachsuche und täglichen „Betreuung“ des Vogels durch Malte Georg zu verdanken, dass er bis zum 9. Juni von vielen weiteren aus nah und fern angereisten Vogelbeobachterinnen und -beobachtern - es waren wohl an die 40 oder mehr - gehört und gesehen werden konnte.

Die ersten Tage seiner Anwesenheit sang der Vogel nahezu unermüdlich während des überwiegenden Teils der Hellphase und konnte dabei trotz vieler Standortswechsel recht gut von seinen Bewunderern ausfindig gemacht werden. Die regelmäßigsten Gesangszeiten waren die frühen Morgen- bis Vormittagsstunden, wobei hier sogar der Nahrungserwerb und fliegende Standortswechsel von Gesang begleitet waren. Der überwiegend von exponiertem Standort vorgetragene, arttypische Gesang, der an einen laut vorgetragenen Mix der Gesänge von Bachstelze, Heckenbraunelle und Zaunkönig erinnert, variierte teilweise sehr im Strophenbau und Rhythmus. Ausschließliche Imitationen des Zaunkönigs anstelle des üblichen Gesangs, die von manchen Grünlaubsängern bekannt sind, brachte der Vogel nicht hervor. Das war auch gut so, denn diese Imitationen können so perfekt ausfallen, dass man meint, nur den Zwerg zu hören und achtlos weitergeht… Nachmittags verstummte er nicht selten und konnte auch im Laufe des Abends zumeist nicht mehr ausfindig gemacht werden. An seiner Territorialität ließ der Grünlaubsänger keine Zweifel aufkommen, was auch die örtlichen Brutvögel zu spüren bekamen. Bei Girlitzen fühlte sich der Laubsänger womöglich durch deren ähnlichen Gesang provoziert und konnte gleich zweimal bei Verfolgungsflügen beobachtet werden. Nachdem am 9. Juni die Gesangsaktivität des Vogels schon sehr stark nachgelassen hatte, verließ der einsam gebliebene Sänger letztendlich nach einer Aufenthaltsdauer von sechs Tagen Weende. Besondere Erwähnung soll auch das rege Interesse der Anwohner vor Ort finden, welche nicht nur tolerant die aufkommenden Menschenmengen, teils mit beeindruckend bis bedrohlich wirkendem optischen Equipment ausgestattet, vor ihren Grundstücken duldeten, sondern sich auch immer wieder angeregt über den kleinen Sänger informierten. So viel Leben war selten in den schmalen Gassen…

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Abb. 2: Tonaufnahme des Gesangs. Aufnahme: M. Göpfert
Bitte das Sonagramm anklicken

Der Grünlaubsänger ist ein typischer Vertreter der artenreichen Gattung Phylloscopus. Auffällig ist der helle Überaugenstreif, der bis an die Schnabelwurzel reicht. Die schmale helle Flügelbinde ist bei vielen Vögeln nur gering ausgeprägt und kann manchmal sogar fehlen. Bei unserem Vogel war sie aber manchmal zu sehen, am besten auf Fotos. Auffallend „grün“ ist die Art eigentlich nicht. Die niederländische Bezeichnung „Grauer Fitis“ trifft es viel besser. Grünlaubsänger brüten in mehreren Unterarten von Osteuropa bis China. In Deutschland ist die Art ein seltener Brut- und Gastvogel. Die große Mehrzahl der Vögel stellen Männchen, die vor allem Ende Mai bis Mitte Juni manchmal über Tage ortsfest singen und, weil sie kein Weibchen anlocken konnten, dann wieder abziehen. Das vermehrte Auftreten an der westlichen Verbreitungsgrenze wird allgemein durch Zugprolongation in Folge von erhöhten Temperaturen zur Zugzeit Mitte Mai bis Mitte Juni begründet. Zudem begünstigen Phasen mit östlichen Winden das Vorkommen. Obgleich diese Bedingungen im Mai 2018 durchaus passten, kam es, zumindest nach den Daten in ornitho.de, bundesweit zu keinem Einflug der Art. Lediglich auf Helgoland und der Greifswalder Oie, einer kleinen Ostseeinsel, zeigten mehrere zeitgleich anwesende Vögel ein vermehrtes, aber nicht untypisches Auftreten an.
Bei der Bruthabitatwahl scheint der Grünlaubsänger eine besondere Affinität zu frisch bis feuchten Hangwäldern zu besitzen. Häufig werden dort die Bereiche mit einer hohen Bonität und dem ältesten Baumbestand aufgesucht, wobei die vorkommenden Baumarten eine untergeordnete Rolle spielen. In Deutschland werden so zum Beispiel im besonderen Umfang strukturreiche Laub- und Mischwälder im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns besiedelt, aber auch alte Fichtenwälder in den Hochlagen des Harzes. Des Weiteren konzentriert sich das sehr kleine deutsche Vorkommen mit mehreren Revierbesetzungen und einzelnen Brutnachweisen unter anderem auf Helgoland, die Greifswalder Oie und die Sächsische Schweiz. Oft vorhandene Strukturelemente sind kleine Lichtungen, Waldränder, Bäche, Wasserfälle und, anscheinend mit besonderer Anziehungskraft, Felsen und Schluchten oder ersatzweise Erdanschnitte, Geländestufen oder auch Gartenmauern. Der Neststandort befindet sich ebenfalls in kleinen Nischen an den letztgenannten Geländestrukturen. Die erste Brut in Deutschland fand 1962 im rheinland-pfälzischen Westerwald denn auch, wie Jahrzehnte später mehrfach auf Helgoland, in einer Felsspalte oder -nische statt. Die geforderten Habitateigenschaften werden nicht selten auch von Parks, Alleen und Gärten erfüllt. In diesem Zusammenhang besonders interessant sind ein Nestfund in Schweden an einer efeubewachsenen Hauswand in 1,5 m Höhe oder auch das Einnisten in einem offenen Hausbriefkasten auf der Kurischen Nehrung.

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Abb. 3: Felsiger Neststandort auf Helgoland. Foto: M. Georg

Das Streifgebiet des Vogels im Göttinger Stadtteil Weende kann grob nach Süden durch die Hennebergstraße/Im Hassel eingegrenzt werden, sowie nach Norden hin durch die Breite Straße. Die westliche bzw. östliche Grenze bildete die Hannoversche Straße sowie der Friedhof Weende. Da der Vogel überhaupt nur singend wahrgenommen wurde, wäre es auch denkbar, dass er stumm sein Streifgebiet über den hier begrenzten Bereich ausgedehnt hat. In diesem Areal präferierte der Grünlaubsänger im Wesentlichen drei Stellen:
Der zuverlässigste Ort zum Auffinden des Vogels waren eindeutig die zirka 0,5 ha großen, unzugänglichen Hausgärten an der Ecke Petrikirchstraße/Breite Straße. Die Gärten sind charakterisiert durch einen sehr gestuften, lückigen Baumbestand aus sowohl Koniferen als auch Laubbaumarten. Die parkähnlichen Gärten mit zum Teil recht hohen Bäumen sind nach außen hin durch Häuser begrenzt. In der Mitte der Grundstücke fließt ein kleiner Bach, die Weende, in einer recht dichten Einfassung aus Sträuchern. Eine kleine Natursteinmauer rundet das Habitat ab. Bevorzugte Gesangsplätze waren die exponierte Spitze eines Urweltmammutbaums, verdeckt im Kronenbereich einer Esche sowie zahlreiche andere Bäume und seltener auch Hausdächer.

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Abb. 4: Petrikirchstraße in Weende. Foto: M. Georg

Auch der Entdeckungsort am Uferweg entspricht im Allgemeinen der Beschreibung des ersten Gebiets. Auffällig ist hierbei die Eingrenzung der Weende vor allem durch Mauern und Häuser, welche entfernt den Eindruck einer Schlucht entstehen lassen. Der recht hochgewachsene Baumbestand kann hier schon eher als parkähnlicher „Mischwald“ beschrieben werden. Im Vergleich zum ersten Gebiet stehen die Bäume etwas dichter beisammen. Der Grünlaubsänger konnte mitunter beim direkten Wechsel zwischen den beiden Stellen beobachtet werden.

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Abb. 5: Uferweg in Weende. Foto: M. Georg

Der Friedhof Weende, als drittes Gebiet, besitzt im Vergleich zu den beiden zuvor beschriebenen Stellen keinen Bach, der den parkähnlichen Baumbestand durchfließt. Auch der Koniferenanteil ist im Vergleich zu diesen deutlich erhöht. Als Besonderheit sind hier noch die Friedhofsgebäude aus Naturstein zu nennen. Trotz dieses „montanen“ Eindrucks konnte der Grünlaubsänger hier nur zu Anfang einige Male festgestellt werden.

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Abb. 6: Friedhof Weende. Foto: M. Georg

Zusammengefasst sind einige Parallelen zwischen den Habitateigenschaften des aufgesuchten Gebiets im Göttinger Siedlungsbereich und den Primärhabitaten in osteuropäischen Wäldern zu erkennen. Häuser und Mauern suggerieren exponierte Felskuppen im urbanen Lebensraum (die Betriebsstätte einer Bäckerei sieht fast wie eine große, horizontale Klippe aus), die Weende sorgt für ein feucht-kaltes Klima und ein lückiger, parkähnlicher Baumbestand aus teilweise recht stattlichen Einzelbäumen vollendet das Bild.


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Abb. 7: Karte mit bevorzugten Gesangsplätzen. Grafik: A. Sührig, S. Alvite Rúa
Zum Vergrößern bitte anklicken.

Erratische Revierbesetzungen einzelner Männchen in Parklandschaften, Gärten und auf Friedhöfen sind auch im übrigen Deutschland nichts Außergewöhnliches. Figurativ seien an dieser Stelle der Alte Botanische Garten in Hamburg, das Kieler Stadtzentrum, das Hilchenbacher Seniorenwohnheim im Siegerland und mit einer gewissen Regelmäßigkeit diverse Parks und Friedhöfe in Berlin genannt. Ein erster Brutnachweis im Siedlungsbereich mit einem von einem Altvogel gefüttertem flüggen Jungvogel gelang allerdings erst am 27. Juni 2017 auf dem Friedhof „In den Kisseln“ in Berlin-Spandau, vorbehaltlich der Beurteilung der Avifaunistischen Kommission Berlin Brandenburg (AKBB).
All dies zeigt, dass es in Deutschland eine Unmenge von Plätzen und Orten gibt, die für durchziehende oder revierbesetzende Männchen prinzipiell geeignet sind. Hier kann man nur auf den Zufall und seine Stimmenkenntnis vertrauen…

Aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen lagen zuvor drei Beobachtungen des Grünlaubsängers vor. Am 9. Juni 1963 bemühte sich am Bismarckstein im Göttinger Stadtwald (im Volksmund auch „Elefantenklo“ genannt) ein singendes Männchen um ein brütendes Weibchen des Waldlaubsängers. Am 8. August desselben Jahres (!) sang ein Männchen im Kirchweg (heute Humboldtallee). Das Datum ist für einen singenden Vogel recht spät. Im Stadtwald könnte das „Elefantenklo“ als herausragende „Felsformation“ eine besondere Anziehungskraft auf den seltenen Gast ausgeübt haben. Die Humboldtallee ist auch heute noch von hohen Häusern inmitten eines alten Baumbestands geprägt.
Am 29. Mai 1987 ließ sich an der Domäne Eddigehausen (Gemeinde Bovenden) in einem hohen Einzelbaum ein kurzzeitig singendes Männchen vernehmen. Diese Beobachtung wurde vom damaligen Bundesseltenheitenausschuss (BSA) anerkannt.

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Abb. 8: Grünlaubsänger, fast unentwegt singend. Foto: M. Georg

Und zu guter letzt: Die Vorliebe des Grünlaubsängers für Parkanlagen aller Art konnte neulich sogar im deutschen Fernsehen dokumentiert werden. Für die Fußball-WM-Sendung „Kwartira“ im Ersten besuchte ein Reporter in Begleitung russischer Hooligans den Friedhof der westsibirischen Stadt Jekaterinburg. Dort stehen prachtvolle Grabsteine mit aufwendig gestalteten Porträts von Mafiagrößen, die in den 1990er Jahren bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind. Während die Besucher die beeindruckenden Zeugnisse einer hochentwickelten Sepulkralkultur bestaunten, sang über ihnen - ein Grünlaubsänger, laut schmetternd und daher auch vor dem Fernseher unüberhörbar. Die Zahl der Zuschauer, die das zu würdigen wussten, dürfte aber nicht sehr groß gewesen sein…

Malte Georg, Alexander Sührig und Hans H. Dörrie

Literatur:
Deutsche Seltenheitenkommission (2000): Seltene Vogelarten in Deutschland 1997. Limicola 14: 273-340.
Deutsche Seltenheitenkommission (2008): Seltene Vogelarten in Deutschland von 2001 bis 2005. Limicola 22: 249-339.
Frede, M. & H. Krafft (2012): Vogel des Monats: November 2012. Der Grünlaubsänger vom Hilchenbacher Seniorenwohnheim. Charadrius 48, Heft 3-4.
Glutz von Blotzheim U.N. & K.M. Bauer (1991): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 12/II. Aula-Verlag. Wiesbaden.
Hampel, F. (1964): Grüner Laubsänger, Phylloscopus trochiloides, in Göttingen. J. Orn. 105: 199.
Koschkar, S. & J. Dierschke (2014): „Go West…“: Der Grünlaubsänger Phylloscopus trochiloides in Deutschland. Seltene Vögel in Deutschland 2013: 50-59.
Schäffer, A. (2018): Ostzieher mit Westausdehnung: Grünlaubsänger. Der Falke 7/2018: 22.

Links:
www.oag-helgoland.de
www.ornitho.de

July 1st, 2018

Birdrace 2018 in NOM und GÖ:
Rekordverdächtiges und Ernüchterndes

Schwarzkelchen - Siebner
Abb. 1: Nach dem Rennen hatten ‘Schwarzkelchen’ immerhin
fünf Teams aus der Region auf ihrer Liste. Foto: M.Siebner

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Artenzahlen waren es nicht, die den diesjährigen regionalen Durchlauf des bundesweiten Birdrace zu einem außergewöhnlichen Ereignis gemacht haben. Ein seit mehreren Tagen stabiles Hochdruckgebiet sorgte am 5. Mai nicht nur zwischen Solling, Harz und Kaufunger Wald dafür, dass Durchzügler Richtung Nordost abgezogen waren oder erst gar keinen Stopp machten und die Artenlisten der Teams in akribischer Fleißarbeit überwiegend mit den regionalen Brutvögeln gefüllt werden mussten.

Viel bemerkenswerter war aus regionaler Sicht die Beteiligung von insgesamt neun Teams in den Landkreisen Göttingen und Northeim – so viele waren es noch nie. Sowohl die Zusammensetzung der Teams als auch die Herangehensweise beim Rennen selbst unterschieden sich dabei erfreulich.

Dass im folgenden darauf – aufgrund der hohen Anzahl der Teams – nicht in aller Ausführlichkeit eingegangen werden, sei bereits vorab entschuldigt.

Sozialbrachvögel
Abb. 2: Die “Göttinger Sozialbrachvögel” im Bramwald,
durch den im Januar der Orkan Friederike gefegt ist.

Der bewährten Mischung aus Routine und guter Vorbereitung blieben die Vorjahressieger von den „Göttinger Sozialbrachvögeln“ (Béla Bartsch, Phil Keuschen, Mathias Siebner und Karl Jünemann aber in diesem Jahr ohne Shauna Grassmann) treu und waren damit auch erneut erfolgreich. Der Start im Bramwald lief wie geschmiert, am fortgeschrittenen Vormittag in Göttingen wurde es dann allerdings
zäher. An der alten Rosdorfer Tongrube berichtete ein aus dem Wasser steigender Student, dass der Eisvogel erst weggeflogen ist, als er baden ging - besten Dank dafür… Nur ein Team konnte übrigens 2018 den Flugsaphir beobachten – die Sozialbrachvögel waren es nicht. Letzte Haken auf die Liste kamen dann – wie bei etlichen anderen Göttinger Teams - auf dem Steg vom Seeburger See hinzu.

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Abb. 3: Das autofreie Team der “Lüneburger Grünschnäbel”.

Nicht nur mit logistischen Problemen hatte das erstmals im Landkreis Göttingen angetretene Team der „Lüneburger Grünschnäbel“ (Svenja Roosch, Christiane Weber) zu kämpfen. Der Teamname entstammt dem gemeinsamen Studienort der Mitglieder. Dem ursprünglichen Dreiergespann kam kurzfristig eine Mitstreiterin abhanden (Zahnchirurgie…). Der eigentliche Plan, nach einem möglichst
erfolgreichen Start auf Fahrrädern in der Göttinger Umgebung mit dem Bus in Richtung Seeburg aufzubrechen, ging wegen Überfüllung nicht auf, so dass per Muskelkraft in Richtung Osten aufgebrochen werden musste. Und auch auf dem Rückweg entpuppte sich der öffentliche Nahverkehr als unzuverlässig, die Räder mussten in Seeburg zurückgelassen werden. Dass die Grünschnäbel den
Rennverlauf als Debakel verbuchen werden, ist trotzdem unwahrscheinlich. „Wir treten an, um gemeinsam was zu unternehmen und dabei zu sein, nicht um ein Top-Artenergebnis zu erzielen“, sagt Svenja Roosch. Eine sehr sympathische und eigentlich auch gesunde Haltung.

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Abb. 4: Radelpause bei den “Schweißstörchen”.

Mit den „Schweißstörchen“ (Leo Bolte, Malou Czibeck, Melanie Klock, Sandra Neißkenwirth, David Singer) trat 2018 ein Team an, das bereits zweimal auf Fahrrädern am Wettbewerb teilnahm und damit über einen beträchtlichen logistischen Erfahrungsschatz verfügt. Ausgestattet mit fünf Rädern und einem Anhänger (für Verpflegung und Spektiv) starteten die Schweißstörche um 3.11Uhr in Göttingen, um nach diversen Zwischenstopps über den Göttinger Stadtforst und das Kerstlingeröder Feld in Richtung Osten bzw. Seeburger See aufzubrechen. Als das Rennen gegen halb elf dort für beendet erklärt wurde, steckten 81 Fahrkilometer in den Knochen der Schweißstörche, und das Team verbuchte mit 107 sein bestes Birdrace-Ergebnis (und den dritten Platz in der Regionalwertung). Ganz praktisch, dass man am Seeburger See seine Zelte aufgeschlagen hatte und direkt vor Ort den verdienten Erholungsschlaf antreten konnte.

Leineuferlaeufer
Abb. 5: Die “Leineuferläufer” abseits der Leine
am Sachsenstein bei Bad Sachsa.

Die Idee mit der Übernachtung direkt an den Hotpots des Artenreichtums hatten auch andere, nur irgendwie andersherum: Den „Leineuferläufern“ (Severin Racky, Ole Henning, Malte Georg und Silvio Paul) steckte bereits eine Nacht in der Schutzhütte auf 800m Höhe und bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt in den Knochen, als der Wecker das Birdrace einläutete. Geplant war, das Rennen 2018 dazu zu nutzen, den zwei Jahre zuvor im Rahmen der Gebietsreform durch den Landkreis Göttingen erbeuteten Altkreis Osterode genauer unter die vogelkundliche Lupe zu nehmen. Vorwissen dazu gab es kaum, und auch ornitho.de gibt nicht viel her, denn für den Altkreis sind kaum, für manche Gebiete gar keine Beobachtungsmeldungen vermerkt. Dass die Leineuferläufer trotzdem nur knapp am Gesamtsieg vorbeischrammten, spricht nicht zuletzt für die attraktive und abwechslungsreiche Landschaft auf den einverleibten Flächen - mit spektakulären Hochlagen auf Nationalparkterrain, einer Vielzahl kleinerer Naturschutzgebiete und einer vergleichsweise abwechslungsreichen Feldmark.

Uriah Piep
Abb. 6: Reifenpanne bei “Uriah Piep” am Rand des des Leinepolders.

Auch im benachbarten Landkreis Northeim ging wieder ein Team an den Start. Wohnhaft im mit Birdrace-Teams gut ausgestatteten Oldenburg entschloss sich „Uriah Piep“ (Joanne Sander, Felix Oßwald) zu einem Start in der alten Heimat. Das Duo wurde zwar nicht von einer „Lady in black“ in aller Frühe um viertel vor fünf aus sanftem Schlummer gerissen, aber immerhin war der „Blackbird“ die
erste Art auf der Liste. Das Leinetal wurde mittels Fahrrad von Norden in Richtung Süden aufgerollt, mit mehr oder weniger ergiebigen Zwischenstopps an den Northeimer Topgebieten Leinepolder, Geschiebesperre Hollenstedt und Northeimer Kiesteiche. Den unbestreitbaren Vorteilen des Sattelritts stellte das Schicksal eines der Risiken ganz praktisch gegenüber: Reifenpanne und kurze Zwangspause. Als es am Abend wieder Richtung Norden ging, hatte Uriah Piep immerhin fünf Arten auf der Liste, die den Göttinger Teams vollständig fehlten.

Zwergpieper
Abb. 7: Das Nachwuchsteam “Zwergpieper” am Abend beim “Isang”.

Es ließe sich noch viel berichten. Zum Beispiel vom Team der „Zwergpieper“, einer echten Youngster-Truppe mit väterlicher Unterstützung, das bis zum Einbruch der Dunkelheit tapfer der Erschöpfung trotzte.

Dynamo Avigoe
Abb. 9: “Dynamo Avigoe” am Ende eines langen Birdrace-Tages
auf dem Steg in Seeburg.

Oder von den Routiniers von „Dynamo avigoe“, die zwar satte vier exklusive Arten verbuchen konnte, darunter mit der Wiesenweihe auch ein echtes Highlight, aber an die eigenen Vorjahresergebnisse nicht heranreichten.

Am Ende des Tages hatten die Titelverteidiger aus dem Vorjahr, die Sozialbrachvögel, die Nase erneut knapp vorn. Die Gesamtartenzahl fiel vor dem Hintergrund der grandiosen Beteiligung und der Ausweitung des „Spielfeldes“ mit 140 Arten (2017: 143) eher schmal aus.

Die genauen Ergebnisse können beim DDA nachgelesen werden. Aus regionaler Sicht spiegelt sich in der großen Zahl an Teilnehmern ein in den vergangenen zwei Jahren erfreulich steigendes Interesse an der Feldornithologie – in erster Linie von jungen Beobachterinnen und Beobachtern – wider. Möge diese Entwicklung anhalten, und sich – nicht nur, aber auch – niederschlagen, wenn das Birdrace im Jahr 2019 angepfiffen wird.

S. Paul

Leineuferlaeufer-Harz
Abb. 8: Impression früh morgens im Harz mit den “Leineuferläufern”.

P.S.: Danke an M. Siebner, S. Roosch, D. Singer und F. Oßwald für die mitgerteilten Eindrücke von diesjährigen Rennen!

May 26th, 2018

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