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Das Birdrace 2013 in Süd-Niedersachsen:
ein Rekord wird geschreddert

Baumfalke - M.Schuck
Soll bei den einen, Haben bei den anderen: Baumfalke. Foto: M. Schuck


Beim Birdrace 2006 erzielte das Team der „Feuchtkehlchen“ (Fabian Bindrich, Jan Goedelt und Volker Hesse) mit 125 an einem Maitag im Landkreis Göttingen beobachteten Vogelarten einen Rekord, der sich im Lauf der Jahre als ausgesprochen zählebig erwies. Ein Vergleich mit den Höchstleistungen gewisser DDR-Athletinnen, die im vereinten Deutschland immer noch gültig sind, drängt sich auf, ist aber selbstverständlich vollkommen abwegig. Egal: Nach der Devise „Immer daran denken, nie davon sprechen“ wurde die Zahl 125 zur Messlatte für alle Folgeteams. Wind und Wetter, mangelnde Kooperation der Vögel, kontraproduktive Vorgehensweisen und dergleichen mehr standen der Egalisierung entgegen. 2013 sollte es (endlich) anders kommen…

Das Wetter am 4. Mai 2013 gestaltete sich äußerst angenehm, zumindest bei uns. Knapp 20 Grad, kaum Wind, Sonnenschein und ein paar Wolken bildeten einen erfreulichen Kontrast zum Dauerregen und den einstelligen Temperaturen des Vorjahrs. Der Vogelzug machte sich in passablen Rastzahlen etlicher Arten positiv bemerkbar. In der Thermik ließen sich viele Greifvögel ausmachen. Dies galt jedoch nicht für Deutschlands Südhälfte. Dort regnete es verbreitet, ja schüttete sogar manchmal. Den Artenzahlen war dies alles andere als förderlich. Zudem wurden aus einigen Kreisen erschreckend niedrige Zahlen selbst von Allerweltsvögeln gemeldet, für die vermutlich der vergangene „Märzwinter” in Kombination mit den Segnungen der so genannten „Energiewende“ verantwortlich zeichnet.

Dieses Jahr traten (nur) zwei Formationen des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen an: das 2005 gegründete Traditionsteam der „Göttinger Sozialbrachvögel“ (Hans H. Dörrie, Christoph Grüneberg, Karl Jünemann, Moritz Otten und Mathias Siebner) und die seit 2010 tätigen „Leinehänflinge“ (Steffen Böhner, Mischa Drüner, Jan Fleischfresser, Silvio Paul und Martin Schuck). Die Ergebnisse aller Teams können auf der Homepage des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) unter dda-web.de im Einzelnen nachvollzogen werden.

Die „Leinehänflinge“, die sich im zweiten Jahr im Landkreis Northeim abrackerten, gingen wie üblich planmäßig und zielstrebig vor. Vorkommen von Straßentaube (2012 nicht auf der Liste) und Türkentaube wurden prophylaktisch in Einbeck ermittelt. Mehrere Exkursionen in die endlosen Waldgebiete des Sollings waren den Eulen und anderen Waldvogelarten gewidmet. Auch in Steinbrüchen und, natürlich, in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck waren Kundschafter tätig.
Um möglichst früh vor Ort zu sein, unterzog sich das Team am Vorabend der freiwilligen Kasernierung in der Jugendherberge Silberborn im Solling. Obwohl sie die einzigen Gäste waren, wurde ihnen von der Herbergsmutter eine gemeinsame Kammer zugewiesen. Das denkbar schlichte Interieur im JVA-Design bestand aus Doppelstockbetten und anderen Einrichtungsgegenständen, die schon vor 30 Jahren aus der Mode waren. Wie das Foto zeigt, konnte das niederdrückende Ambiente die Psyche der Kombattanten offenbar nicht beeinträchtigen: Sie wirken, auch durch den Biergenuss befördert, vergleichsweise entspannt.

Leinehänflinge
Abb. 2: Die „Leinehänflinge“ in der Jugendherberge Silberborn. Foto: M. Schuck


Am nächsten Tag ging es lange vor Sonnenaufgang in den Wald, wo das frühmorgendliche Vogelkonzert eher verhalten ausfiel und das Auffinden von Kleinvögeln erschwerte. Die einzige Waldschnepfe war nicht zum Balzen aufgelegt, sondern flog stumm vor den Beobachtern auf. Dagegen zeigte ein unablässig rufender Sperlingskauz an der „Großen Blöße“, dass er offenkundig unverpaart war. Ein einsamer Waldkauz ließ sich kurz vernehmen. Mit nur zwei Eulenarten war das Ergebnis recht mager. Die Annahme eines drastischen Bestandsrückgangs nach den letzten Kältewintern plus Mäusemangel liegt nahe. Am Lakenteich, einem hochgelegenen Brutplatz, konnte der Zwergtaucher auf die Liste gepackt werden.
Auffällig und für Anfang Mai recht ungewöhnlich war, dass überall (noch) Misteldrosseln und Kernbeißer sangen bzw. durch ihre Kontaktrufe auf sich aufmerksam machten. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass die normalerweise heimlich und früh brütenden Misteldrosseln nach dem „Märzwinter“ ihre Reviere nur erheblich verspätet besetzen konnten. Auch Heimzug und Ankunft der später im Jahr ebenfalls heimlichen Kernbeißer hatten sich augenscheinlich verzögert. Von diesen Misshelligkeiten konnten die Vogelzähler profitieren.
Bei den Sperlingsvögeln sind zwei weitere Phänomene erwähnenswert: Zum einen fehlten die im Vorjahr überaus häufigen Erlenzeisige nahezu komplett; nur in einem Lärchenbestand bei Lauenberg ließen sich ein paar von ihnen ausmachen. Zum anderen scheint der Birkenzeisig in Einbeck besonders gut vertreten zu sein. Für die gleichermaßen faszinierenden und unsteten Finkenvögel sind extreme Bestandsschwankungen und lokale Zusammenballungen aber durchaus typisch, insbesondere dann, wenn sie sich wie der Erlenzeisig nomadisch verhalten und großräumig den Fruktifikationen ihrer Nahrungsbäume folgen.
Im Leinepolder Salzderhelden sorgten etliche Überschwemmungsflächen für ein kopfstarkes Auftreten von Limikolen. Allerdings zeigten zehn Arten, darunter vor allem die üblichen Vertreter der Gattung Tringa, ein eher durchschnittliches Spektrum an. Für die eine oder andere zusätzliche Calidris-Art fehlten einfach die Schlammflächen. Verglichen mit dem Vorjahr herrschten jedoch fast schon paradiesische Zustände. Bei den Rallen gerieten endlich Wachtelkönig und Tüpfelsumpfhuhn auf die Liste.
An der Geschiebesperre Hollenstedt, deren Bedeutung für heimziehende Wasser- und Watvögel seit Jahren abnimmt, stellte ein auf dem Heimzug eher seltener Zwergstrandläufer eine echte Bonusart dar. Eine Schwarzkopfmöwe zeigte sich auf dem verrummelten Northeimer Freizeitsee als kleiner Lichtblick; ansonsten war die Wasserfläche von Vögeln ziemlich leergefegt. Später am Abend wurden die Beobachter noch von zwei Arten beglückt, die sie eigentlich schon abgeschrieben hatten: Rohrweihe und Steinschmätzer traten erst nach 20 Uhr in Erscheinung. Insgesamt lief unter optimalen Bedingungen alles rund: Mit 129 Arten konnte das Team nicht nur sein bestes Ergebnis überhaupt erzielen, sondern sich auch am Titel eines süd-niedersächsischen Meisters und Rekordhalters erfreuen - allerdings nur, in bester Schalke-Tradition, für kurze Zeit…

Auch die „Göttinger Sozialbrachvögel“ waren hocherfreut, dass sich die Schlechtwetterprognosen, die bis kurz vor Rennbeginn für Verdruss gesorgt hatten, als Trugbild entpuppten. Sie hatten sich zudem durch die überaus talentierte Nachwuchskraft Moritz Otten aus der Region Hannover verstärkt. Das harmonische Zusammenwirken in einem Team, dem zwei gebürtige Braunschweiger angehören, ist eine beglückende Vorwegnahme alttestamentarischer Verheißungen, nach denen dereinst der Löwe in Frieden und Eintracht neben seinem Beutetier lagern wird…
Wie im Vorjahr erfolgte der Start um 4:30 Uhr an der Langen Bahn im Bramwald. Der Anblick mindestens einer balzenden Waldschnepfe konnte fast vergessen machen, wie sehr gerade diese Art im vergangenen „Märzwinter“ ums Überleben kämpfen musste. Anders als im Solling zeigten vier Waldkäuze akustisch ein zahlenmäßig typisches Vorkommen an. Ob es sich dabei um ruffreudige Junggesellen handelte bleibt ungewiss.
Auf der großen Windwurffläche bei Ellershausen rief eine der letzten Turteltauben der Region. Dort saß auch ein Neuntöter, sang ein Baumpieper und pfiff ein Grauspecht. Überall ließen sich, wie im Solling, Misteldrosseln und Kernbeißer vernehmen.
In einem Kleingarten der Göttinger Südstadt zelebrierte ein Wendehals-Paar an einem Nistkasten seinen Duettgesang. Sollte es mit der Brut klappen, wäre dies die erste seit mehr als 20 Jahren im Kiessee-Leinegebiet. Weil mit Wendehals, Neuntöter, Baumpieper und Grauspecht vier nahezu exklusive Charakterarten des Kerstlingeröder Felds bereits „abgearbeitet“ waren, beschloss man, auf einen Besuch dieses Gebiets zu verzichten – knapp drei Stunden gespart!
Die Mittagspause fand nicht im „Cafè Yesterday“ statt, das leider schließen musste. Als Alternative bot sich das neue „Kim’s Diner“ im hippen Maschmühlenweg an, ein Edel-Imbiss mit opulenter Ausstattung. Ein superscharfes Chili con Carne brachte den ziemlich ramponierten Paten des Teams wieder auf Vordermann.

Göttinger Sozialbrachvögel
Abb. 3: Die „Göttinger Sozialbrachvögel“ bei der Mittagspause.
Foto: Unbekannter Mitesser

Nach einem kurzen Zwischenstopp an den Schweckhäuser Wiesen, über denen ein Schwarzstorch als neue Birdraceart kreiste, ging es in Eichsfeld. Dort gelangten durch die präzise Vorarbeit von K. Jünemann nicht nur das auffällige Schwarzkehlchen, sondern auch die erheblich schwierigeren Arten Rebhuhn und Wiesenpieper auf die Liste. Die Fahrt zu einem Reliktvorkommen des unscheinbaren Singvogels in der Feldmark Wollbrandshausen verlief zwar erfolgreich, aber dennoch äußerst deprimierend. Zwischen riesigen und komplett ausgeräumten Schlägen fristen ein bis zwei Paare an einem Grasweg mit Entwässerungsgraben ihr Dasein. Der Grasweg wird bald einer Flurbereinigung zum Opfer fallen. Soll man jetzt – buchstäblich als letzter Notnagel - an einem der zahllosen Kruzifixe um himmlischen Beistand gegen den schandbaren Umgang mit einer jahrhundertealten Kulturlandschaft bitten? Beeilen muss man sich auf jeden Fall, denn der flehende Blick nach oben wird bald von gigantischen Windrädern verstellt…

Flussseeschwalbe - M.Siebner
Abb. 4: Flussseeschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Die Zeitersparnis ermöglichte einen ausgiebigeren Aufenthalt an den Feuchtgebieten Seeanger, Lutteranger und Seeburger See. Während der Lutteranger einen gewohnt öden Anblick bot, hielt der Seeanger für rastende Vögel einige Feuchtsenken parat, die immerhin acht Limikolenarten nutzten. Die offene Wasserfläche war zudem von einigen Enten- und Gänsearten bevölkert, die im Vorjahr nicht aufzufinden waren. Am Seeburger See waren Flussseeschwalbe und Mittelmeermöwe willkommene Bonusarten.

Kurzum: Auch für die „Sozialbrachvögel“ verlief das Rennen sehr, sehr ersprießlich. Von den erwartbaren Arten fehlten letztendlich nur Erlenzeisig, Baumfalke und Eisvogel. Habicht, Klein- und Mittelspecht traten als notorisch unzuverlässige Kandidaten ebenfalls nicht in Erscheinung. Das war’s aber auch schon. Mit 135 Arten wurde ein Ergebnis erzielt, das vorab wohl niemand für möglich gehalten hätte. Das Team kam sich ein bisschen vor wie Bob Beamon nach seinem Weitsprung von 8,90 m in Mexiko-Stadt 1968. Dieser Rekord hatte übrigens 23 Jahre Bestand…

In der bundesweiten Wertung belegten die „Sozialbrachvögel“ unter 194 Teams den 18. Platz. In der Singvogelwertung schnitten sie mit 72 Arten, die Platz 6 anzeigten, nachgerade spektakulär ab und wurden nur von Spitzenteams überrundet, die in besonders vogelreichen Gebieten Ostdeutschlands, der Lüneburger Heide oder an der Küste tätig waren.
Die „Leinehänflinge“ kamen in der Gesamtwertung auf Platz 35 und erreichten bei den Singvögeln einen ebenso beachtlichen 25. Platz.

Wie wird es nächstes Jahr? Wie wird das Wetter? Gibt es zusätzliche Teams? Haben die Politiker endlich Ernst gemacht mit der Bewahrung respektive Steigerung der Biodiversität? Man weiß es nicht (oder leider doch), freut sich aber kindlichen Gemüts jetzt schon auf die nächste Runde.

Hans-Heinrich Dörrie

Mai 6th, 2013

Vögel im Stau – nur auf Kaffeepause in der südniedersächsischen Schneewehe?

Wiesenpieper - M.Siebner
Abb. 1: Wiesenpieper am verschneiten Flüthewehr. Foto: M. Siebner

In Massen trompetende Kraniche, handzahme Feldlerchen, Limikolenschwärme wie im Wattenmeer – manch einem Naturfreund erschienen die südniedersächsischen Feuchtgebiete im März 2013 wie Paradiese, die man sonst nur aus Filmen kennt. Doch die extremen Wetterbedingungen stellten für die meisten Vögel eine Notsituation dar, die sie bei Strafe des Untergangs zu meistern hatten. Auch für empfindsamere Naturen unter den heimischen Avifaunisten, die den kälte- und schneegestressten Mitgeschöpfen nur noch die Daumen drücken konnten, war die wochenlange Kälteperiode alles andere als erquicklich. Kurz nach dem meteorologischen Frühlingsanfang ließen milde Temperaturen über 10 Grad den Winter schon in Vergessenheit geraten. Doch was dann aus nordöstlicher Richtung an kalter Polarluft bis weit ins südliche Mitteleuropa verfrachtet wurde, spottete dem Blick auf den Kalender und brachte den Glauben an Klimaerwärmung und immer mildere Winter ins Wanken. Eine stabile Hochdruckwetterlage über den Britischen Inseln und ein Tiefdruckgebiet über Osteuropa schaufelten über Wochen kalte Luftmassen heran. Dazu pustete ein beißender Ostwind die Frühlingsgefühle eines jeden noch so hartgesottenen Optimisten bis nach Spanien. Im Süden Deutschlands hielten sich milde Temperaturen noch etwas länger, sodass die regulär im Laufe des Monats bei uns eintreffenden Vogelarten bis in die Landesmitte vorrücken konnten. Der Norden und Osten Deutschlands lagen hingegen bereits ab dem zweiten Märzwochenende wieder unter einer dicken Schneedecke. Die für einen März außergewöhnlich kalte und vor allem stabile Wetterlage, mit der Kaltluftgrenze über Südniedersachsen, bescherte unserer Region einen, was Ausmaß und Dauer anbelangt, noch nie registrierten Zugstau früh heimziehender Vogelarten, der eine gesonderte Auswertung verdient.

Wetteronline.de 10.3.2013
Abb. 2: Die Mittagstemperaturen am 10.3.2013 lassen die über Südniedersachen verlaufende Wetterscheide gut erkennen. Quelle: wetteronline.de

wetteronline.de 13.3.2013
Abb. 3: Kalte Nacht vom 13.3.2013. Die Kombination einer Schneedecke mit eisigen Temperaturen vor allem in der Nordost-Richtung zwang viele Vögel in der Region zu verharren. Quelle: wetteronline.de

Nicht nur die langjährigen Minusrekorde auf der Temperaturskala, sondern auch viele Rastmaxima verschiedener Vogelarten, sowohl regional als teils auch überregional, wurden regelrecht „pulverisiert“. Kraniche und Feldlerchen mussten in der auch zu anderen Jahreszeiten trostlosen Agrarlandschaft Südniedersachsens über viele Tage ausharren. Bekassinen stocherten zu Hunderten durch den schneebedeckten Leinepolder Salzderhelden und Lachmöwen waren zeitweise gezwungen, in der Göttinger Innenstadt dem Nahrungserwerb nachzugehen. Wie sich der Zugstau bei einigen Vogelarten bemerkbar machte, soll hier im Einzelnen dargestellt werden.

Der Leinepolder Salzderhelden war während der Wetterkapriolen von Tausenden Vögeln bevölkert, die in den Flachwasserbereichen nach Nahrung suchten. Bis zu 1500 Krickenten zeigten ein neues Maximum für Südniedersachsen an. Stockenten demonstrierten mit bis zu 3000 Ind. eine für den März ungewöhnlich starke Präsenz. Spießenten waren mit bis zu 400 Ind. ebenfalls rekordverdächtig vertreten, während bei den anderen (Gründel-)Entenarten eher durchschnittliche Zahlen gemeldet wurden. Die Gänsezahlen fielen nicht besonders spektakulär aus: Die hartgesottenen Tundrasaatgänse hatten sich schon vor dem Kälteeinbruch in ihre Brutgebiete aufgemacht. Blässgänse waren zwar mit bis zu ca. 1000 Ind. über eine längere Zeit vertreten, doch ist diese Zahl mehr überdurchschnittlich als sensationell. Generell haben, so scheint es zumindest, Wasservogelarten unter dem Zugstau weniger gelitten als andere. Dies ist damit zu erklären, dass, man glaubt es kaum, der durch Mark und Bein gehende Ostwind auch sein Gutes hatte: Er sorgte für einen hohen Wellengang, der die meisten Gewässer nicht oder nur tageweise leicht zufrieren ließ.

Der kleine Göttinger Kiessee und auch andere stadtnahe Gewässer wie die Kiesgrube Reinshof und der Wendebachstau präsentierten sich dank der lokalen Angelvereine und ihrer vogelfreundlichen Besatzmaßnahmen als Anziehungspunkt für eine kopfstarke und bunte Palette von Fischfressern: Bis zu 140 Gänsesäger waren am Göttinger Stadtrand in dieser Größenordnung ein Novum. Das Maximum wurde jedoch am Seeburger See mit mindestens 260 Ind. erreicht.

Gänsesäger - M.Siebner
Abb. 4: Gänsesäger am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Ebenso wie die Gänsesäger konnten auch die Kormorane ihren Zug in die nordöstlichen Brutgebiete, wo sämtliche Stillgewässer zugefroren waren, nicht fortsetzen. Geschadet hat es ihnen kaum. Am Kiessee konnten bis zu 190 Ind. bei ihren äußerst erfolgreichen Tauchgängen beobachtet werden. Der bei ihrer Jagd entstehende „Beifang“ wurde dankend von Lachmöwen (s.u.) sowie Grau- und Silberreihern angenommen.

Bis zu drei Fischadler jagten am Göttinger Kiessee ebenfalls sehr erfolgreich und blieben ungewöhnlicherweise über mehrere Tage im Gebiet.

Fischadler - M.Siebner
Abb. 5: Fischadler bei Schneefall über dem Göttinger Kiessee Foto: M. Siebner

Die hohen Rastbestände von Kleinvögeln dürften der Grund für die regional auf dem Heimzug außergewöhnlichen sieben Beobachtungen des Merlins gewesen ein.

In der Nacht vom 9. auf den 10. März wurden im ganzen Beobachtungsgebiet laut rufende Kranichtrupps bemerkt, die aufgrund der schlechten Sicht in sehr geringer Höhe desorientiert umherflogen. Ab dem 10. März konnten dann auf vielen Äckern, teilweise auch in Siedlungsnähe, größere rastende Gruppen festgestellt werden. In den folgenden Tagen sorgten Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und starke Schneefälle im Nordosten Deutschlands für einen ausgeprägten Umkehrzug aus diesen Regionen, während gleichzeitig weiterer Zuzug aus dem Südwesten stattfand. Auf dem Höhepunkt der Kälteperiode konnten an den Schlafplätzen im Leinepolder sowie im Seeanger bei Seeburg 7800 bzw. 7000 Kraniche gezählt werden. Daneben gab es offenbar noch kleinere Schlafplätze, u.a. im Stockhäuser Bruch und auf der Dransfelder Hochfläche. Annähernd vergleichbar große Rastzahlen konnten nur während einer Schlechtwetterphase Anfang November 2002 im Leinepolder ermittelt werden, als dort ca. 5000 Ind. auf bessere Zugbedingungen warteten. Für den Heimzug ist die Zahl von (mindestens) 15.000 Ind. jedoch singulär. Die Vögel suchten tagsüber im weiteren Umfeld ihrer Schlafplätze auf Äckern nach Nahrung. Der Einzugsbereich des Schlafplatzes am Seeanger reichte bis ins Thüringer Eichsfeld. Allabendlich wurde die Landesgrenze von ca. 1000 Vögeln in Richtung Niedersachsen überflogen. Mit zunehmender Verweildauer wurden, zur Ablenkung oder auch aus Mitleid mit den darbenden Großvögeln, Fütterungen auf einigen Feldern ausgebracht, die ihre Fitness augenscheinlich beträchtlich steigerten. Während sie sich an den Hungertagen stumm und in ihr Schicksal ergeben an den Schlafplätzen geballt hatten, erwachte jetzt wieder ihre Ruffreudigkeit und etliche begannen sogar ihre beeindruckenden Tänze aufzuführen. Geschwächte Vögel konnten sich offenbar schnell erholen. Weil Kraniche schlau sind und ein gutes Gedächtnis haben, könnten sich einige von ihnen in den kommenden Zugperioden wieder an den Futterplätzen einfinden: Nachschauen kost’ ja nix…

Kraniche - M.Siebner
Abb. 6: Tausende Kraniche im Seeanger.
Foto: M. Siebner (zum Vergrößern klicken)

Goldregenpfeifer wurden nach dem ersten Kälteeinbruch ab dem 9. März im Leinepolder mit einer Rekordzahl von knapp 800 Ind. wahrgenommen. Danach schienen viele wieder Richtung Süden ausgewichen zu sein, denn mit der Änderung der Wetterlage gegen Ende der ersten Aprildekade war ein für die Region zu dieser Zeit absolut ungewöhnlicher Durchzug mit bis zu 100 Ind. zu verzeichnen.

Wie die vorherige Art wurden auch die Kiebitze zu einer Schneeflucht in großem Stil gezwungen. Am 21. März wurden allein in der Leineniederung nördlich von Northeim insgesamt mindestens 6700 und im Seeanger 3300 Vögel gezählt, die in dicht gedrängten Trupps Schnee und Wind zu trotzen versuchten. Auch südlich von Göttingen dürften es weit über 1000 gewesen sein. Diese Vögel wichen zumindest zum Teil wie die Goldregenpfeifer in weithin schneearme oder -freie Gebiete im Südwesten aus. Am 7. April machte sich dann der zweite Heimzugversuch von Kiebitzen mit beispielsweise 5850 innerhalb von drei Stunden nach ONO ziehenden Ind. über Ebergötzen eindrucksvoll bemerkbar.

Kiebitz - M.Siebner
Abb. 7: Torwart wider Willen, und hungrig dazu. Auf dem Sportgelände in der Göttinger Südstadt gestrandeter Kiebitz. Foto: M. Siebner

In dieser Größenordnung nicht nur regional beispiellos waren 1620 Bekassinen im Leinepolder Salzderhelden, die sich dort nach den Schneefällen am 20. und 21. März eingefunden hatten. Im Seeanger wurden mindestens 410 Ind. festgestellt, die auch dort ein neues Maximum darstellten. Selbst kleinflächige Feuchtgebiete wie der Stockhäuser Bruch wurden von bis zu 50 Vögeln frequentiert. Ein Teil scheint zwar wie Kiebitze und Goldregenpfeifer nach und nach die Region Richtung Südwesten verlassen zu haben; dennoch harrten auch während der Eistage um den 23. März viele Bekassinen in Leinepolder und Seeanger aus. Hohe Zahlen (mehr als 400 Ind.) wurden für diesen Zeitraum auch vom Steinhuder Meer und aus dem Kreis Gießen gemeldet.

Bekassinen - S.Paul
Abb. 8: Bekassinen im Leinepolder Salzderhelden. Foto: S. Paul

Anders als ihr naher Verwandter ist die Waldschnepfe auf dem Zug ausgesprochen ungesellig. Daher sind gleich neun Beobachtungen von acht Ind. während der Zugstausituation sehr ungewöhnlich. Weil der Boden in den Wäldern, ihrem bevorzugten Brut- und Rasthabitat, mit verharschtem Schnee bedeckt war, der jedes Stochern nach Würmern und Arthropoden unmöglich machte, sahen sich die Vögel zum Ausweichen in die Niederungen gezwungen. Wie bizarr dies im Einzelfall verlief, zeigte eine Waldschnepfe, die am 24. März an der Ecke Angerstraße/Gartenstraße in der Göttinger Südstadt bar jeder Deckung auf einer Rasenfläche nach Nahrung suchte. Weil Vögel in der Regel über kein Mienenspiel verfügen - die irgendwie immer gemütlich aussehende Waldschnepfe erst recht nicht -, kann man dem (vermutlich) völlig ausgehungerten Tier nicht ansehen, wie ihm zumute war. Am 14. und 22. März flog eine Waldschnepfe im Göttinger Levin-Park auf, wahrscheinlich derselbe Vogel mit einer für den Siedlungsbereich ungewöhnlich langen Verweildauer.

Waldschnepfe - M.Siebner
Abb. 9: Waldschnepfe in der Göttinger Südstadt. Foto: M. Siebner

Der Göttinger Kiessee war nicht nur für Kormorane und Gänsesäger ein attraktives Terrain. Bis zu 900 Lachmöwen (ein Kiessee-Rekord) nutzten den See als Rast- und Schlafplatz und unternahmen von dort Nahrungsflüge in die Feldmarken südlich der Stadt. Ihr Hunger war groß, denn selbst in der Göttinger Innenstadt wurden Lachmöwen beobachtet, die im Schatten der Dönerläden auf der Weender Straße nach Essbarem suchten. In möwenreichen Großstädten wie Hamburg oder Berlin kann dieses Verhalten regelmäßig beobachtet werden, in Südniedersachsen war es hingegen etwas nie zuvor Dagewesenes. Ihre Zahl nahm nach dem 22. März vermutlich ebenfalls durch Abzug nach Südwesten kontinuierlich ab.

Lachmöwen - M.Siebner
Abb. 10: Lachmöwen am Schlafplatz auf dem Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Nach den Schneefällen am 20. und 21. März sowie erneut am 29. stauten sich Feldlerchen in großen Schwärmen auf den Äckern der Region. Ihre regionale Gesamtzahl lässt sich nur schwer ermitteln, sie könnte aber - bei Tagessummen von bis zu 10.000 Ind. allein in den Randbereichen des Leinepolders Salzderhelden - durchaus im hohen fünfstelligen Bereich gelegen haben. Gerade bei dieser Art schwankten die Zahlen besonders auffällig, es war ein von Schneefällen stimuliertes ständiges Kommen und Gehen, mit gleichzeitig nordostwärts gerichtetem Zug und Ausweichbewegungen nach Südwesten. Knapp 3000 Vögel, die über Tage in der südlichen Göttinger Feldmark ausharrten bildeten eher die Ausnahme.

Feldlerchen - M.Siebner
Abb. 11: Feldlerchenschwarm in der Feldmark Reinshof. Foto: M. Siebner

Die ebenfalls im März ziehende Heidelerche wurde angesichts der Wetterlage in vergleichsweise geringer Zahl beobachtet. Auffällig war jedoch, dass sich bis zu drei Ind. für mehrere Tage an der „Meyerwarft“ am Göttinger Kiessee aufhielten.

Heidelerche - M.Siebner
Abb. 12: Ausharrende Heidelerche an der „Meyerwarft“. Foto: M. Siebner

Mindestens 600 Bachstelzen, auch dies eine Rekordzahl, suchten am 21. März im Leinepolder Salzderhelden nach Futter. Weil sie auf tierische Nahrung angewiesen sind, die in Eis und Schnee kaum zu erbeuten ist, hatten sie es besonders schwer. Da die Feuchtsenken und flach überschwemmten Flächen ab der letzten Märzdekade tagsüber bei leichten Plusgraden wieder auftauten, konnten sie vielleicht noch gerade so über die Runden kommen. Gleichwohl dürfte der Großteil von ihnen zwischenzeitlich wieder abgezogen sein.

Schwer zu quantifizieren waren die überall im Stadtgebiet umherfliegenden Stare, deren Gesamtzahl sich ebenfalls auf mehrere Tausend Ind. beziffern dürfte. Viele Vogelfreunde staunten nicht schlecht, als ihre Futterhäuser von gleichermaßen großen wie hungrigen Starentrupps heimgesucht wurden, insbesondere dann, wenn statt der üblichen Sonnenblumenkerne Fettfutter gereicht wurde.

Auffällig war das weitgehende Ausbleiben von Wacholder- und Rotdrosseln, die normalerweise zwischen Ende Februar und Ende März, oft zusammen mit Kiebitzen und Staren, in großer Zahl auf Wiesen zu beobachten sind. Dagegen wurden aus Südwestdeutschland enorme Konzentrationen rastender Drosseln gemeldet. Offenkundig waren diese Vögel ebenfalls von dem Zugstau betroffen, der sich in diese Richtung quasi vorgearbeitet hatte.

Der sonst sehr unauffällige Heimzug der Misteldrossel verlief im März 2013 dagegen beispiellos. In der mistelreichen Göttinger Südstadt wurden tageweise bis zu 300 Ind. in lockeren Verbänden (bis zu 70 Ind. im Trupp an einem Baum!) beobachtet. Ihre namensgebende Nahrungsgrundlage schrumpfte jedoch zusehends. Der Grund für das massenhafte Auftreten dieses scheuen Waldvogels im Siedlungsbereich dürfte in den mit verharschtem Schnee bedeckten Waldgebieten unserer Berglandregion zu suchen sein. Misteldrosseln halten sich während des Zugs zur Nahrungsaufnahme gerne auf Lichtungen und waldnahen Offenflächen auf. Weil sie diesen Lebensraum nicht nutzen konnten, waren sie, ähnlich wie die Waldschnepfen, zum Ausweichen gezwungen. Vergleichbare Ansammlungen sind aus dem gesamten Bundesgebiet zumindest in den einschlägigen Datenbanken nicht zu finden.

Misteldrossel - M.Siebner
Abb. 13: Eine von vielen: Misteldrossel. Foto: M. Siebner

22 Beobachtungen von mindestens ebenso vielen Ind. des Schwarzkehlchens zwischen dem 18. März und dem 10. April signalisierten nicht nur einen Regionalrekord, sondern vor allem, dass auch diese recht robuste Art durch die kalte Witterung massiv am Weiterzug gehindert wurde. Immerhin entgingen sie hier der Schmach, mit Braunkehlchen verwechselt zu werden, wie dies in einigen Regionen der Fall war. Ob die lange Verweildauer einiger Vögel eventuell sogar in neuen Brutansiedlungen mündet, bleibt abzuwarten. Bislang ist das Schwarzkehlchen, trotz bundesweit positivem Trend, mit weniger als 10 Paaren in der Region immer noch ein sehr spärlicher Brutvogel.

Schwarzkehlchen - M.Siebner
Abb. 14: Diesem männlichen Schwarzkehlchen erging es besser als seinen Artgenossen. Es wurde nämlich im April 2009 am Tierpark Sababurg
in Nordhessen fotografiert. Foto: M. Siebner

Wie viele Vögel von dem Zugstau betroffen waren, lässt sich nicht mit Exaktheit sagen. Durch die besondere Lage Südniedersachsens mitten auf der Kaltluftgrenze war eine starke Dynamik zu erkennen. Bei einigen Arten wie der Feldlerche oder den Staren und auch Greifvögeln wie dem Rotmilan schienen immer wieder Vögel entweder nach Süden abzuziehen oder aus dieser Richtung neu in der Region einzutreffen. Keinesfalls hatte man den Eindruck, dass der Vogelzug nun vollständig zum Erliegen gekommen wäre. Die Ereignisse im März 2013 illustrieren anschaulich, dass ein Zugstau keine statische Angelegenheit ist, bei der eine konstante Zahl von Vögeln bis auf weiteres einfach im Schnee stecken bleibt. Dies beantwortet auch die Frage in der Überschrift: Die Natur ist keine Autobahn, wo das Rote Kreuz mit Wärmedecken und Kaffee aushilft bis der Schneepflug kommt.

Die einmaligen und spektakulären Ansammlungen von Vögeln, vor allem von Kranichen, riefen auch viele interessierte Laien und Hobbyfotografen auf den Plan. Nicht immer begegnete man den Vögeln dabei mit dem gebührenden Abstand und Respekt. Mehrfach konnte beobachtet werden wie skrupellose Fotografen sie an ihrem Schlafplatz mutwillig aufscheuchten. Auch Spaziergänger mit freilaufenden Hunden versetzten – trotz mehrfacher Aufrufe in der Tagespresse und im Radio - die ohnehin schon arg von Schnee und Kälte gepeinigten Vögel in Unruhe, was ihre Konstitution weiter schwächte.

Der beispiellose Zugstau löste sich im Laufe der ersten Aprildekade weitestgehend auf. Derzeit verweilen Kraniche mit ca. 500 Ind. aber immer noch in einer für Jahreszeit und Region ungewöhnlich großen Zahl.

Wie stark der immerhin drei Wochen andauernde Kälteeinbruch und die Ausweichbewegungen den Tieren zugesetzt haben, lässt sich zunächst nicht genau sagen. Die befürchteten Verluste scheinen jedenfalls bei den Kranichen und anderen Großvögeln ausgeblieben zu sein. Bei Kontrollen konnten auf den Feldern um die Schlafplätze weder Kadaver noch Indizien dafür (Aasfresser, Rupfungen) gefunden werden. Bei kleineren (Sperlings-)Vögeln, deren entseelte Leiber kaum auszumachen sind, lassen sich Verluste noch schwieriger bis gar nicht dokumentieren.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Entbehrungen nicht in einem schlechten Bruterfolg in der kommenden Saison niederschlagen.
Christoph Grüneberg und Hans-Heinrich Dörrie

Dieser Bericht basiert auf Daten von: P.H. Barthel, S. Böhner, T. Brandt, G. Brunken, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Fichtler, M. Göpfert, E. Gottschalk, C. Grüneberg, V. Hesse, K. Hinsch, K. Jünemann, C. Kaltofen, J. Kirchner, V. Lipka, T. Meineke, F. Mühlberger, S. Munzinger, M. Otten, S. Paul, B. Preuschhof, D. Radde, P. Reus, M. Risch, H. Schmidt, M. Siebner, A. Stumpner, S. Stübing, M. Schuck, M. Wimbauer und D. Wodner.

Auswahl der Wetterkarten: M.Schuck

April 15th, 2013

Grau in grau – der Vogelwinter 2012/2013 in Süd-Niedersachsen

Zwergtaucher - M.Siebner
Abb. 1: Zwergtaucher. Foto: M. Siebner

 

„Gott! Welch Dunkel hier“ singt der edle Florestan in Beethovens Oper „Fidelio“. Und seit jeher witzeln respektlose Spötter, dass ihm diese Widrigkeit in zwei Jahren unterirdischer Kerkerhaft auch schon früher hätte auffallen können. Die triste Realität des vergangenen Winters hingegen entzieht sich jeder abgeschmackten Sottise: Mit gerade mal 80 Sonnenstunden von Dezember bis Februar war er der dunkelste seit 86 Jahren.
Einem frühen Kälteeinbruch mit Schneefall Anfang Dezember folgte, ein frühlingshaftes Intermezzo zum Ende des Monats inbegriffen, bis in den Ausklang des Februars mäßig kaltes Winterwetter, das einige Stillgewässer zumindest phasenweise zufrieren ließ. Verglichen mit den letzten Jahren gestalteten sich die Überlebenschancen für Eisvogel und Co. aber deutlich besser. Neben dem - wie nach einem Vulkanausbruch á la Pinatubo - alles niederdrückenden bleigrauen Himmel bot eine ungewöhnliche Kleinvogelarmut Anlass zum Grübeln. Das agrarisch geprägte Offenland wirkte auf weiten Strecken geradezu vogelleer. Obschon der frühe Wintereinbruch viele (Klein-)Vögel zum raschen Abflug nach Süden (oder zum kleinräumigen Umzug in die futterhausreichen Ortsrandlagen?) veranlasst haben dürfte, drängt sich dennoch der Eindruck auf, dass die desaströsen Folgen der industriell bedingten Strukturarmut gerade im Agrarland auch bei vielen Allerweltsarten einen immer höheren Preis fordern.

Mit bis zu 50 Ind., unter ihnen maximal 14 Jungvögel, lag der Winterbestand des Höckerschwans in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck im Schnitt der letzten Jahre. Singschwäne waren dort mit bis zu 16 Ind., darunter nur zwei Jungvögel, ebenfalls durchschnittlich vertreten. Der bereits im Vorbericht genannte, in Lettland markierte Vogel (blaue Halsmanschette 2E94) war dauerhaft mit von der Partie. Am 11. Januar rasteten vier Ind. in der Feldmark Rittmarshausen nur kurz. Einen Tag später hielt sich ein Einzelvogel in der Feldmark nordöstl. Ebergötzen auf, der vielleicht diesem Trupp entstammt haben könnte.
Bemerkenswert für den Landkreis Göttingen und erst recht für die nähere Umgebung unserer Stadt sind drei adulte Zwergschwäne, die, ziemlich nervös, am 17. Februar der Kiesgrube Reinshof einen Kurzbesuch abstatteten.

Zwergschwäne - M.Siebner
Abb. 2: Zwergschwäne an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

 

Zwei Kanadagänse und bis zu vier Weißwangengänse volatierten im Januar/Februar im Leinepolder Salzderhelden und an der Geschiebesperre Hollenstedt. Am 29. Dezember ließ sich im Seeanger eine Waldsaatgans bestimmen. Die Zahlen der Tundrasaatgans schwankten beständig, gleichwohl kann von einem maximalen Winterbestand von rund 1200 Ind. ausgegangen werden. Am 13. Januar rastete an der Geschiebesperre eine vierköpfige Familie der Kurzschnabelgans.
Ab Mitte Februar traten in den o.g. Gebieten vermehrt Blässgänse in Erscheinung, deren Zahlen nur knapp unter denen der Tundrasaatgänse lagen.
Winterliche Brandgänse sind in unserer Region immer noch eine kleine Besonderheit, deshalb sind neun Ind. am 12. Januar am Großen Northeimer Freizeitsee und gleich 15 Ind. am 28. Februar ebenda erwähnenswert. Eine Rostgans hielt sich am 9. Dezember an der Geschiebesperre Hollenstedt offenbar nur kurz auf.

Zum erheblichen Verdruss des Berichterstatters, der Pate dieser charismatischen Wasservogelart für den deutschen Brutvogelatlas ADEBAR ist, war die Verweildauer einer Moschusente der weißen Zuchtform „Warzenente“ am Göttinger Kiessee vom 9. bis 12. Februar nur kurz. Immerhin ließ sie sich stolz porträtieren.

Moschusente - M.Siebner
Abb. 3: Moschusente am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

 

Am 4. und 5. Dezember hielt sich ein Brautenten-Paar erst am Göttinger Kiessee, später am Leinekanal gegenüber der Bäckerei Hemer auf. Warum die unberingten, aber recht zutraulichen Vögel so schnell wieder verschwanden ist unklar. Am Futtermangel kann es kaum gelegen haben…
Rätsel bezüglich der Herkunft gibt ein rekordverdächtiger Trupp von sieben Mandarinenten (5 M., 2 W.) auf, der sich ab Mitte Januar an der winzigen Etzequelle in Etzenborn niedergelassen hatte. Ob es sich bei zwei W. und einem M., die wenig später am Obertorteich in Duderstadt auftauchten und bis dato dort noch präsent sind, um einen Teil dieser Vögel handelt muss offen bleiben.

Mandarinenten - M.Siebner
Abb. 4: Mandarinenten an der der Etzequelle. Foto: M. Siebner

 

Ein Winterbestand von bis zu knapp 50 Schnatterenten im Leinepolder Salzderhelden ist aus regionaler Sicht immer noch ungewöhnlich, liegt aber im allgemein positiven deutschen Trend, zumal in vergleichsweise milden Wintern. Dagegen sind bis zu 90 winterliche Pfeifenten ebenda keine Besonderheit (mehr), sondern Ausdruck einer Rasttradition, die sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Bei Vereisung und hohem Schnee weichen die Vögel auf die Rhume bei Northeim aus.
Recht gute Winterzahlen liegen von der Stockente vor, von der am 1. Januar auf dem Seeburger See satte 1058 Ind. und im Januar/Februar im Leinepolder Salzderhelden bis zu 1400 Ind. notiert wurden; im letztgenannten Gebiet waren vermutlich noch weitaus mehr präsent, jedoch kaum zu zählen.
Das Quartett der niedlichen Zwergenten aus dem Vorbericht (eine für die Jagd missbrauchte Zuchtform, die mit ihren durchdringenden Schnatterkaskaden Wildenten vor die Flinte locken soll) ist leider auf ein Trio geschrumpft. Beim sporadischen Zufrieren des Göttinger Kiessees wichen die kleinen Krakeeler auf die Leine/Flüthe am Sandweg aus, wo sie nach Kräften gefüttert wurden. Ob ihr randständiger Fanclub, zu dem mittlerweile auch einige namhafte Lokalvogelkundler zählen, noch wächst - oder eher die Zahl derer, die jetzt einen Lärmschutzwall um den Kiessee fordern?

Zwergenten - M.Siebner
Abb. 5: Nur noch zu dritt: Zwergenten. Foto: M. Siebner

 

Während die Samtente aus dem Vorbericht von der Kiesgrube Reinshof zum 1. Dezember verschwunden war, fanden sich ab der zweiten Dekade dieses Monats an den Northeimer Kiesteichen bis zu vier Ind. ein (drei auf dem Großen Freizeitsee, eine auf dem Fischzuchtteich an der B 3). Ab Mitte Januar waren nur noch zwei Ind. präsent, diese jedoch bis zum Ende des Berichtszeitraums.

Der Mittelsäger ist im Göttinger Stadtgebiet eine große Seltenheit. Ein Paar im Vorjahr lieferte am Kiessee den ersten Nachweis seit 17 Jahren. Umso bemerkenswerter ist, dass vom 3. bis 10. Februar erneut ein Vogel das Gewässer besuchte.

Mittelsäger - M.Siebner
Abb. 6: Weibchenfarbener Mittelsäger (mit Gänsesäger) am Göttinger Kiessee.
Foto: M. Siebner

 

Die Rasttradition überwinternder Gänsesäger auf dem nur 13 Hektar großen Göttinger Kiessee drückte sich mit maximal 50 Ind. am 9. Februar wiederum recht üppig aus. Zum selben Datum wurden am Seeburger See 104 Ind. gezählt, die ebenfalls einen hohen Winterbestand indizierten. Je nach Vereisung schwankten die Zahlen erheblich, doch sowie die Gewässer zumindest teilweise wieder eisfrei waren, kehrten die robusten Vögel zurück.

Mit ca. zehn bis zwölf Ind. lag der winterliche Rastbestand des Zwergtauchers auf der Leine in Göttingen erfreulicherweise etwas höher als in den vergangenen Jahren. Die Mehrzahl hielt sich auf den vollmundig als „renaturiert“ abgefeierten Abschnitten zwischen der ICE-Brücke und der Godehardstr. auf, wo gute Deckungsmöglichkeiten in Kombination mit Flachwasserbereichen bestehen. Dort ließen sich übrigens, neben mehreren Hundert Stockenten, in geringer Zahl auch Krick-, Pfeif- und Schnatterenten beobachten, die für den Göttinger Siedlungsbereich eher ungewöhnlich sind. Am 22. Februar trieb ein Graureiher an der Leine nahe der Stegemühle mit einem Zwergtaucher eine Art Katz und Maus-Spiel, das für das arglose Opfer letal endete.
Die vergleichsweise milde Witterung ermöglichte an den Northeimer Kiesteichen ca. 60 bis 65 Haubentauchern die Überwinterung. Die Vögel konzentrierten sich auf den Großen Freizeitsee, der auch während kälterer Phasen nicht zufror.
Vom 1. bis 5. Dezember schwamm auf der Kiesgrube Reinshof, die sich allmählich zum Seetaucher-Hotspot zu entwickeln scheint, ein Prachttaucher.

Prachttaucher - M.Siebner
Abb. 7: Prachttaucher auf der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

 

Der winterliche Rastbestand des Silberreihers in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck kulminierte im Hochwinter und kann für den Zeitraum Mitte Januar – Anfang Februar auf ca. 120 Ind. beziffert werden. Später gingen die Zahlen wieder zurück, ein durchgehender Winterbestand von ca. 50 Ind. scheint aber realistisch. Ansonsten ist die Art mittlerweile in der Region fast schon ubiquitär, nicht nur in den wenigen verbliebenen Grünländereien, sondern auch in ausgeräumten Feldmarken mit Entwässerungsgräben – ein erstaunliches Phänomen vor allem für ältere Beobachter, die sich noch gut an die vormalige Seltenheit der weißen Riesen erinnern können.

Einzeln und später als Paar auftretende Weißstörche ließen sich bereits ab Ende Januar im Leinepolder Salzderhelden und an der Geschiebesperre Hollenstedt blicken. Dies ist mit einiger Gewissheit weniger der seit 1998 stagnierenden „globalen Erwärmung“ geschuldet, sondern eher der dubiosen Herkunft der Vögel, deren Vorfahren vermutlich kupierte „Projektstörche“ waren, denen der Zugtrieb weggezüchtet und -gefüttert wurde.

Sieben Winterbeobachtungen von insgesamt elf Kornweihen (Doppelzählungen inbegriffen) liegen vor, mehrheitlich aus dem Leinepolder Salzderhelden, wo es zwei bis drei Vögel (darunter ein ad. M.) trotz eines Anstaus Ende Dezember bis Ende Januar aushielten.
Vom Seeadler existieren zwei Beobachtungen vorjähriger Ind. Ein Jungadler zog am 7. Dezember bei Rittmarshausen nach Südwesten, der andere labte sich am 24. Februar an der Geschiebesperre Hollenstedt an einem verunglückten Höckerschwan.
Am 29. Dezember hielt sich im Seeanger ein Merlin auf und bekräftigte sein, aus regionaler Sicht, traditionell seltenes Auftreten in den Wintermonaten.

Im Seeanger und an der Kiesgrube Reinshof gab es Anzeichen für erfolgreich überwinternde Wasserrallen, wohl jeweils Einzelvögel.

Goldregenpfeifer auf der Schneeflucht wurden am 5. Dezember (6 Ind.) in der Feldmark nordöstl. Ebergötzen und am 7. Dezember (26 Ind.) in der Feldmark Rittmarshausen notiert.
Ein unzeitgemäßer Großer Brachvogel hielt sich am 1. Februar im Leinepolder Salzderhelden auf.
Ebenfalls auf der Flucht vor Eis und Schnee dürften sich insgesamt drei Waldschnepfen am 8. Dezember auf dem Göttinger Friedhof Junkerberg sowie am 9. Dezember bei Falkenhagen und an der Garte in Diemarden befunden haben. Hoffentlich konnten sie von Kollisionen unbeschadet weiterziehen.

Waldschnepfe - V. Lipka
Abb. 8: Waldschnepfe in Diemarden. Foto: V. Lipka

 

An der Geschiebesperre Hollenstedt gelang zwei Waldwasserläufern die Überwinterung.

Aus regionaler Sicht sehr bemerkenswert sind Beobachtungen winterlicher (adulter) Zwergmöwen am 6. Januar. Ein Ind. geriet am Seeburger See ins Blickfeld und zwei im Leinepolder Salzderhelden, wo ein Anstau nach Regenfällen und Schneeschmelze für gedeihliche Umweltbedingungen gesorgt hatte.
In der ersten Januardekade hielten sich bis zu 70 Sturmmöwen im Leinepolder und an den Northeimer Kiesteichen auf. Solche Zahlen sind für unsere möwenarme Region immer noch bemerkenswert, lassen sich aber ebenfalls mit dem Anstau erklären. Interessanterweise machten sich Großmöwen in diesem Zeitraum trotz der Nahrungsschwemme in Gestalt ertrunkener Kleinsäuger und anderer verwertbarer Partikel nur in geringer Zahl bemerkbar, zudem nur zum Beginn des Anstaus Ende Dezember. Am 27. ließen sich mindestens drei adulte Silbermöwen blicken, denen vom 5. bis 7. Januar eine jahreszeitlich weitaus ungewöhnlichere adulte Heringsmöwe folgte.
Eine Mittelmeermöwe im 2. Kalenderjahr belebte am 28. Februar den Großen Northeimer Freizeitsee. Nur kurz war der Besuch einer adulten Steppenmöwe am 17. Februar an der Kiesgrube Reinshof. Für ein Foto reichte es aber allemal.

Steppenmöwe - M.Siebner
Abb. 9: Steppenmöwe an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner

 

Im Rahmen des Rebhuhnschutzprojekts der Uni Göttingen werden unter Einsatz von Lockvögeln Rebhühner zur Besenderung gefangen. Am 27. Februar staunte ein Mitarbeiter nicht schlecht, als eine seiner Fallen langsam über eine Feldflur bei Nesselröden rollte! Verantwortlich für die übernatürlich anmutende Wahrnehmung war ein panischer Uhu, der sich den separiert gehaltenen Lockvogel einverleiben wollte. Er wurde nach einer ernsten Ermahnung, sich in Zukunft nicht mehr an den Hühnchen zu vergreifen, wieder in Freiheit gesetzt. Über die mentale Verfassung des gestressten Lockvogels kann man nur spekulieren. Interessant ist auch der Fundort, denn aus den angrenzenden Waldgebieten liegen ältere Uhu-Nachweise vor. Bei der Wahl ihrer Nistplätze sind die Großeulen sehr flexibel und mitnichten auf Steinbrüche oder natürliche Felsformationen angewiesen. Ein Bussardnest tut es zur Not auch, selbst Bodenbruten in Fichtenschonungen sind bekannt.

Uhu - W.Beeke
Abb. 10: Uhu in der Rebhuhnfalle. Foto: W. Beeke

 

Am 23. Februar ließ sich im traditionellen Revier im Reinhäuser Wald ein Sperlingskauz vernehmen. Die einzige Sumpfohreule dieses Winters geriet am 20. Februar nahe der B 3 auf Höhe Gö.-Weende ins Blickfeld.

In Göttingen und seiner näheren Umgebung haben mindestens zwei Eisvögel den Winter unbeschadet überstanden. Wenn der nächste ähnlich ersprießlich verläuft, könnte sich der Brutbestand endlich wieder erholen.

Neu für den Göttinger Kiessee ist ein Mittelspecht, der am 10. Februar auf der Insel quäkte.

Es liegen nur sieben Winterbeobachtungen des Raubwürgers vor, u.a. von den traditionellen Überwinterungsplätzen Leinepolder Salzderhelden und Kerstlingeröder Feld.

Mit ganzen acht Beobachtungen scheint die Saatkrähe zur halben Rarität zu mutieren. Zudem wurden fast nur Einzelvögel gesehen, das Maximum betrifft vier (!) Ind. am 24. Februar an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Dagegen ist die Rabenkrähe offenbar gut im Geschäft. Die seit Jahrzehnten bestehenden winterlichen Rast- und Sammelplätze in der Göttinger Nordstadt (Telekom, Klinikum) frequentierten mindestens 4000 Ind., unter die sich, zumeist nur akustisch wahrnehmbar, bis zu (geschätzt) ca. 300 Dohlen mischten. Leider wird dieses urbane Naturspektakel kaum gewürdigt. Die meisten Normalbürger/innen empfinden die schwarzen Vogelwolken als lästig bis verstörend. Dabei kann sich das allabendliche Treiben, was Dynamik und Lärmpegel anbelangt, durchaus mit dem herbstlichen Auftrieb an den Kranich- und Gänsesammelplätzen messen, die Jahr für Jahr von Tausenden Naturtouristen angefahren werden. In Göttingen gibt es bereits die „Nacht der Kultur“ (der Doppelsinn ist unbeabsichtigt) und eine „Ladies Night“ der Firma Karstadt. Wie wär’s denn mal mit einer „Nacht der Krähen“? So eine Veranstaltung könnte durchaus eine Abwechslung in der öden Routine verschnarchter Stadtmarketing-Events darstellen. Zudem gäbe es neben der „Wahl des Göttinger Gänseliesels“ endlich ein zweites Highlight mit hohem Gruselpotential…

Rabenkrähe - M.Siebner
Abb. 11: Rabenkrähe mit Leckerbissen. Foto: M. Siebner

 

Östliche Kohlmeisen mit dreisilbigem „Invasionsruf“ (vgl. die Anmerkungen im Vorbericht), die im Herbst zu Tausenden über Deutschland gezogen waren, zeigten sich im gesamten Berichtszeitraum, vor allem in der Göttinger Südstadt. Dort hatten einige Vögel regelrechte Winterreviere besetzt. Ihre Quantifizierung bereitet Probleme, weil auch in größeren Trupps von mehr als 20 Vögeln immer nur einzelne den charakteristischen Ruf von sich gaben. Waren es insgesamt 50 Ind. oder nur 10? Man weiß es nicht…

Weitaus seltener als Zwergschwäne, Waldsaatgänse und Seeadler sind - mit nur zwei Regionalnachweisen (darunter ein in einem Einflugjahr fotografierter Vogel) - Schwanzmeisen der in Nord- und Osteuropa ansässigen Nominatform caudatus. Diese Vögel zeichnen sich durch einen strahlend weißen Kopf mit Knopfaugen, die wie aufgesetzt wirken, einen zum Kopf kontrastierenden schwarzen „Schal“ und zart rosa überhauchte schneeweiße Flanken aus. Anhand dieser Merkmale können sie, in gutem Licht und wenn sie mal ausnahmsweise stillhalten, von weißköpfigen Ind. der heimischen Unterart europaeus unterschieden werden. Am 29. Dezember wurde auf dem Kerstlingeröder Feld eine Schwanzmeise wahrgenommen und aufgrund der o.g. Merkmale als caudatus notiert.

Winterliche Zilpzalps machten sich, wie eh und je in der Region, ziemlich rar. Einzelvögel traten am 20. Dezember am Göttinger Kiessee und am 22. Dezember in der Göttinger Südstadt in Erscheinung. Eine seit Oktober in Einbeck-Drüber präsente Mönchsgrasmücke war nach dem frühen Kälteeinbruch am 5. Dezember verschwunden. Ein weibchenfarbener Vogel hielt sich am 7. Dezember in einem verwilderten Kleingarten in der Göttinger Südstadt auf, wo er sich von Äpfeln ernährte.

Von einem ausgeprägten Einflugjahr des Seidenschwanzes kann bis dato keine Rede sein, zumindest nicht in unserer Region. Die nordischen Gäste traten wie üblich erst ab Ende Januar verstärkt auf den Plan. Möglicherweise waren in Göttingen bis weit in den Februar nur ein oder zwei Trupps von jeweils 50 bis 70 Ind. anwesend. Zum Monatsende stiegen die Zahlen an und es wurden Truppgrößen von bis zu 203 Vögeln gemeldet.

Seidenschwanz - M.Siebner
Abb. 12: Liebe geht durch Magen und Darm – und zwar rasant! Foto: M. Siebner

 

Vom Hausrotschwanz liegen aus dem Zeitraum vom 12. Dezember bis zum 10. Januar sechs Winterbeobachtungen vor, darunter drei aus einem Areal in der Göttinger Weststadt, in dem es in den vergangenen Jahren zu vereinzelten Überwinterungen/Überwinterungsversuchen gekommen war.

Mit gerademal sechs Beobachtungen, die bis auf eine am Göttinger Siekgraben alle von der Geschiebesperre Hollenstedt (maximal vier Ind.) stammen, scheint sich der desolate Regionalstatus des Bergpiepers als Wintergast zu verfestigen.
Im Göttinger Süden und Westen überwinterten ein bis zwei Gebirgsstelzen, Beobachtungen von Einzelvögeln an der Geschiebesperre Hollenstedt waren eher sporadischer Natur.
Für den Berichtszeitraum liegen zwölf Winterbeobachtungen der Bachstelze vor, zumeist aus Göttingen und von der Geschiebesperre Hollenstedt . Dort fand die einzige durchgehende Überwinterung eines Ind. statt.
Mit der bundesweiten Datenbank www.ornitho.de verfügen die Avifaunisten seit Oktober 2011 über ein hervorragendes Prüfinstrument, um die in der Tagespresse und anderswo wiedergekäute undifferenzierte Mutmaßung, dass „die Zugvögel immer mehr zu Standvögeln“ werden, auf ihren Realitätsgehalt abzuklopfen. In absehbarer Zeit kann man aussagekräftig dokumentieren, ob die o.g. Vogelarten wirklich vermehrt in Nord-, Ost- und Mitteldeutschland ausharren und sich neue Überwinterungsgebiete erschlossen haben. In klimatisch begünstigten Regionen Süd- und Westdeutschlands überwinterten sie schon lange vor der „globalen Erwärmung“, wobei die aktuellen Daten zeigen, dass zumindest Zilpzalp und Mönchsgrasmücke auch dort alles andere als verbreitete Wintergäste sind.

Vom nordischen „Trompetergimpel“, einem Taxon, das seit dem Herbst und Winter 2004 mit seinem nasalen Kontaktruf auf sich aufmerksam macht, gibt es 13 Beobachtungen, fast alle aus dem von Vogelkundlern gut begangenen Göttingen. Zumeist wurden rufende Einzelvögel notiert; wie bei den „Invasionsmeisen“ ist eine Quantifizierung schwierig, zumal wenn sie in kleinen Trupps auftreten, aus denen vermeintlich nur ein Vogel ruft.

Am 8. Dezember rasteten am Diemardener Berg 150 Goldammern, zumindest teilweise wohl auf der Schneeflucht. Die späteren Zahlen von dieser Ammernhochburg lagen sämtlich bei unter 100 Ind. Bei Gö.-Herberhausen hielten sich am 7. Januar mindestens 60 Ind. auf. Ansonsten war man schon hocherfreut, wenn sich Trupps von mehr als fünf oder zehn Vögeln zeigten. Indizieren diese Zahlen einen dramatischen Bestandsrückgang? Es scheint dringend geboten, aussagekräftige Kartierungen von Agrarbrutvögeln in Gebieten vorzunehmen, die bereits früher bearbeitet wurden. Davon gibt es in Stadt und Landkreis Göttingen jede Menge…

Hans-Heinrich Dörrie

Goldammer - M.Siebner
Abb. 13: Goldammer. Foto: M. Siebner

 

Dieser Bericht basiert auf Tausenden Daten (zum genauen Zählen war der Berichterstatter zu faul), die im wesentlichen der Datenbank ornitho entstammen. Ein Dank des Verf. geht an die Beobachter/innen und eine Bitte um Entschuldigung an alle, die er vergessen hat:
P.H. Barthel, W. Beeke, S. Böhner, R. Boll, J. Brauneis, G. Brunken, Y. Clough, L. Demant, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, J. Endres, M. Fichtler, J. Fleischfresser, M. Geb, M. Göpfert, C. Grüneberg, W. Haase, H.-B. Hartmann, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, K. Jünemann, C. Kaltofen, J. Kamp, A. Kannegießer, J. Kirchner, V. Lipka, T. Meineke, H. Meyer, M. Otten, S. Paul, B. Preuschhof, D. Radde, U. Rees, H. Schmidt, D. Schomberg, A. Schröter, M. Schuck, W. Schwarzfischer, M. Siebner, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, J. Voßmerbäumer, C. Weinrich und D. Wucherpfennig.

März 8th, 2013

Späte Brutzeit und Wegzug 2012: Von Juli bis November ging es eher beschaulich zu

Zwergente - M.Siebner
Abb. 1: Wer am lautesten schnattert, hat den Schnabel vorn!
Foto: M. Siebner

Bis auf einen, mit Nachtfrösten bis zu -5,3°C, ungewöhnlichen Kälteeinbruch zum Ende eines ansonsten ungewöhnlich goldenen Oktobers, hatte das Wetter im Berichtszeitraum wenig zu bieten: Keine Stürme, keine Überschwemmungen, keine Hitzerekorde, nichts dergleichen. Deshalb können wir uns ohne weiteres Vorgeplänkel den Vögeln zuwenden.

In einer Gruppe von zunächst drei, später vier adulten Singschwänen, die Ende Oktober an der Geschiebesperre Hollenstedt eintrafen, befand sich ein 2011 in Lettland mit einer blauen Halsmanschette (2E 94) markierter Vogel. Bereits im Herbst 2010 konnten dort zwei Ind. aus dem lettischen Projekt ausgemacht werden.
Wenn überhaupt, lassen sich Vertreter der seltenen Waldsaatgans in unserer Region nur in ausgeprägten Kältewintern mit hoher Schneelage blicken. Der letzte Nachweis stammt vom 16. Februar des Einflugwinters 2010, als ein Einzelvogel an der Geschiebesperre Hollenstedt bestimmt wurde. Die Meldung einer vierköpfigen Familie im Leinepolder Salzderhelden am 28. Oktober ist daher noch ungewöhnlicher als ohnehin schon.
Am 14. August wurde in Stockhausen eine Nilgans-Familie mit acht nichtflüggen Jungvögeln entdeckt. Wo genau der Brutplatz sich befunden hat muss offen bleiben. Am nahen Wendebachstau haben Nilgänse ab und an gebrütet (2012 aber nicht); möglicherweise basiert die Neuansiedlung auf einem Umzug dieser Vögel. An der Geschiebesperre Hollenstedt zeigten Mitte-Ende November bis zu knapp 250 Ind. ein mittlerweile typisches Wegzug-Maximum an. Immer noch unbeantwortet ist die Frage, woher viele dieser Vögel stammen, deren Anzahl die regionale Populationsgröße um einiges übertrifft.

Eine männliche Mandarinente beehrte am 23. September die Kiesgrube Reinshof nur für kurze Zeit. Die Erpel „Cheech“ und „Chong“ waren über Jahre die Maskottchen der Göttinger Vogelkundler. Seitdem im Frühjahr 2009 mit „Cheech“ der letzte der beiden unwiderruflich verschwunden war, deutet sich jetzt an, dass sie (endlich) Nachfolger gefunden haben, die ihnen an Ausstrahlung in nichts nachstehen: Seit Mitte Oktober sorgt ein kompaktes Quartett von „Zwergenten“ am Göttinger Kiessee für Furore. Zwergenten sind eine Zuchtform der Stockente, die mit ihrem unablässigen Geschnatter Wildenten vor die Flinten von Jägern locken sollen. Der Lärmpegel der putzigen Krachmacher ist in der Tat beeindruckend. Noch ist ihr Fanclub überschaubar…

Zwergenten _ M.Siebner
Abb. 2: Zwergenten am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Kolbenenten sind, dem deutschlandweit positiven Trend entsprechend, in den letzten Jahren zu regelmäßigen Gästen Süd-Niedersachsens avanciert, zudem steigen auch die Truppgrößen. Am 30. Juni rasteten vier Männchen auf dem Göttinger Kiessee, gleich 13 Vögel (acht M. und fünf wf. Ind.) besuchten am 8. Juli den Seeburger See.
2012 konnte in Göttingen keine Brut der Reiherente registriert werden. Am Seeanger hatten (immerhin) vier Weibchen mit jeweils fünf, vier, zwei und einem Jungvogel Schlupferfolg.
Auf der Kiesgrube Reinshof hält sich seit dem 1. November eine diesjährige Samtente auf.

Samtente - M.Siebner
Abb. 3: Samtente auf der Kiesgrube Reinshof Foto: M. Siebner

Am 16. und 30. August schwamm auf dem Seeburger See eine weibchenfarbene (junge?) Schellente. Aus dem Vorjahr (17.7.2011) liegt eine vergleichbare Beobachtung vor. In Niedersachsen brüten Schellenten seit einigen Jahren vereinzelt, aber mit leicht positivem Trend in der Tieflandregion. Der Bestand stieg von 15 Brutpaaren 2005 (Krüger & Oltmanns 2007) auf aktuell 20 bis 22 Brutpaare (T. Krüger, mdl.). In Süd-Niedersachsen treffen Schellenten zumeist erst ab Oktober als Rastvögel und Wintergäste ein. Über die Herkunft dieser Vögel ist nichts Genaueres bekannt, es ist aber anzunehmen, dass sie aus Nord- oder Nordosteuropa kommen. Die jahreszeitlich ungewöhnlich frühen Gäste könnten dagegen aus Niedersachsen oder auch dem benachbarten Sachsen-Anhalt stammen. Dort nimmt der Brutbestand gleichfalls zu.Für 2005 wurde er auf 26 bis 28 Paare beziffert und stieg bis 2010 auf 35 bis 36 Paare an (Fischer & Dornbusch 2006, 2011).

Jahreszeitlich ebenfalls ungewöhnlich sind bis zu sechs weibchenfarbene Gänsesäger (darunter drei sicher als diesjährig bestimmte Ind.), die sich bereits ab August an der Geschiebesperre Hollenstedt aufhielten. Wie bei der Schellente treffen die ersten Rastvögel und Wintergäste in unserer Region erst ab Mitte Oktober ein.
In den vergangenen ~ 20 Jahren gab es an der Geschiebesperre immer wieder Sommer- und Frühherbstbeobachtungen von Gänsesägern. Spätsommerliche Vögel mit einem für das Jugendkleid charakteristischen hellen Zügelstreif sind jedoch eine Novität. Bekanntlich ist man in der Vogelkunde vor Überraschungen nicht sicher. Und an der Leine zwischen Northeim und Einbeck gibt es etliche unzugängliche Abschnitte mit alten Höhlenbäumen…
Das flugunfähige Weibchen, das zuerst am 30. April auf der Leine am Flüthewehr gesehen wurde, gelangte letztmalig am 24. Juli an der Leinebrücke über die Kiesseestraße ins Blickfeld. Was mag aus ihm geworden sein?

Vom Lakenteich im Solling (immerhin 353 m ü.NN!) liegt ein Brutnachweis des Zwergtauchers mit zwei Jungvögeln vor. An den Husumer Teichen bei Hammenstedt fanden zwei Bruten mit insgesamt drei Jungvögeln statt. Ansonsten: Fehlanzeige.
Für die drei Paare des Haubentauchers am Göttinger Kiessee fällt die Bilanz 2012 ungewohnt positiv aus: Aus drei Bruten wurden neun Jungvögel flügge. Das ist ein Wert, der erheblich über den schlechten Ergebnissen der Vorjahre liegt. Warum? Weil die anthropogenen Störfaktoren (Regatten mit hohem Wellenschlag, undisziplinierte Tretbootfahrer etc.) auch in diesem Jahr unvermindert wirksam waren, könnte der Grund womöglich in der dunklen und geheimnisvollen Welt unter Wasser zu suchen sein: Pünktlich zum Brutbeginn des ersten Paars trieben an der Ostseite des Gewässers zwei große Welse kieloben. Sportangler hatten einige der räuberischen Allesfresser vor mehr als 20 Jahren zur Erweiterung ihres Beutespektrums ausgesetzt. Ob sie sich fortpflanzen konnten, ist unklar bis fraglich. In den vergangenen zehn Jahren dezimierten, durch Totfunde belegt, mehrere Fischsterben den Bestand. Dass zwischen dem (endgültigen?) Abgang der gefräßigen Top-Prädatoren in diesem Jahr und dem guten Haubentaucher-Bruterfolg ein Kausalzusammenhang besteht, kann zumindest nicht ausgeschlossen werden.
Völlig anders erging es den Artgenossen am Seeburger See. Die Hoffnung auf Spät- bzw. Ersatzbruten im Juli/August wurde nicht erfüllt, der Ausfall war total. Über die Gründe dieses bis dato singulären Phänomens wurde bereits im Brutzeitbericht 2012 auf dieser Homepage spekuliert. Sollte sich ein negativer Trend abzeichnen und beschleunigen, wäre der Seeburger See wohl bald um seinen Wappen-Brutvogel ärmer – eine Entwicklung, die sich bis vor kurzem kaum jemand hat vorstellen können. Auch die spätherbstlichen Rastzahlen liegen bis dato mit maximal ca. 50 Ind. unter dem Durchschnitt.
Am 4. November hielt sich ein Rothalstaucher auf den Northeimer Kiesteichen auf.
Am 24. November rastete ein Prachttaucher auf dem Seeburger See offenbar nur für kurze Zeit.

Wie eine Fata Morgana könnten sechs Löffler (4 ad. und 2 diesj. Ind.) gewirkt haben, die am 17. Oktober über die Agrarwüste um Landolfshausen nach Westen zogen. Anzahl und (recht spätes) Datum sind aus regionaler Sicht ohne Präzedenz.
Ende Oktober hielten sich im Leinepolder Salzderhelden bis zu 50 Silberreiher auf dem Wegzug auf. Die weißen Riesen sind auch in diesem Herbst wieder gut vertreten, mit Nachweisen mehr oder minder stationärer Vögel aus allen Ecken der Region und einer typischen Konzentration auf die Leineniederung und die Umgebung des Seeburger Sees, wo am 11. November maximal 18 Ind. gezählt wurden. Bei entsprechender Wetterlage könnten Kälte- und Schneeflüchter aus dem Osten die Zahlen noch steigen lassen.
Durch vier Spätbruten (drei im Levin-Park und eine mit vier selbständig gewordenen Jungvögeln auf der Insel im Kiessee) erhöhte sich die Zahl der Göttinger Paare des Graureihers auf beachtliche 19.
Ein Seidenreiher hielt sich Mitte August für mehrere Tage an der Geschiebesperre Hollenstedt auf und befestigte damit seinen Status als nunmehr alljährlich in Erscheinung tretende Gastvogelart.

Seidenreiher - W.Kühn
Abb. 4: Seidenreiher an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Foto: W. Kühn

Ein Fischadler vom 16. November an der Kiesgrube Reinshof stellt den spätesten regionalen Wegzugnachweis dieser Art dar.
Aus dem Spektrum spärlich auftretender Greifvogelarten sorgte eine männliche Wiesenweihe im dritten Kalenderjahr vom 18. bis 25. August am Diemardener Berg für Unruhe unter den Rastvögeln. Von den Beobachtern wurde sie mit einer Mischung aus Bewunderung und einigem Argwohn zur Kenntnis genommen.

Wiesenweihe - M.Siebner
Abb. 5: Wiesenweihe am Diemardener Berg. Foto: M. Siebner

Die ersten Raufußbussarde der Saison gerieten am 19. Oktober bei Uslar (nach Südosten ziehendes vorj. Ind.) sowie am 28. Oktober und 21. November im Leinepolder Salzderhelden (ad. M.) ins Blickfeld.
Typisch fiel das Auftreten von Merlinen auf dem Wegzug aus. Aus dem Zeitraum vom 17. September bis 26. Oktober existieren sechs Beobachtungen zumeist weibchenfarbener Einzelvögel, die bis auf eine alle aus dem Osten des Landkreises Göttingen stammen.

Mit dem 26. Oktober liegt für die Region (endlich einmal wieder) ein Massenzugtag des Kranichs vor. Im Süden der Gemeinde Gleichen wurden zwischen 10.00 Uhr und 17.15 Uhr 15.515 ziehende Ind. gezählt, die zumindest teilweise identisch mit mindestens 5220 Ind. gewesen sein dürften, die über Ebergötzen stichprobenartig ermittelt wurden. In den letzten Jahren waren die Kranichzahlen rückläufig, da Zehntausende ihren neuen Rastplatz in der Diepholzer Moorniederung auf einer Route nördlich des Harzes ansteuern.
Anfang September wurde der Wasserstand der Leine südlich des Flüthewehrs für Ausbaggerungsarbeiten gesenkt. Auf den Schlammflächen, die danach freilagen, ließ sich eine für das Göttinger Stadtgebiet eher ungewöhnliche Wasserralle für zwei Tage optimal beobachten und fotografieren.

Wasserralle - M.Siebner
Abb. 6: Wasserralle am Göttinger Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Am 21. August machte ein Austernfischer über Gö.-Nikolausberg nächtens mit seinem Zugruf auf sich aufmerksam. Am 30. September zog ein rufender Kiebitzregenpfeifer über die ehem. Tongruben Siekgraben.
Die Rastzahlen des Kiebitzes scheinen sich im freien Fall zu befinden. Im traditionellen Rastgebiet in der Feldmark Wollbrandshausen – Gieboldehausen wurden am 23. September maximale 115 Ind. (!) gezählt. Die niedrigen Zahlen stimmen (leider) mit dem bundesweiten Trend für das Binnenland überein.
Am 29. und 31. August ließen sich am Diemardener Berg einzeln ziehende Mornellregenpfeifer vernehmen. Ein Regenbrachvogel zog am 5. Juli kichernd über den Göttinger Kiessee.
Rastende Waldschnepfen wurden am 20. Oktober im Seulinger Wald, am 12. November in der Feldmark von Gö.-Deppoldshausen und am 29. November bei Landolfshausen von den Beobachtern in Unruhe versetzt, desgleichen eine Zwergschnepfe am 28. November bei Uslar.
Am 21. August rastete ein junger Steinwälzer auf dem Badesteg am Seeburger See. Am 30. August zog ein rufender Knutt über den Diemardener Berg. Die beiden bemerkenswerten Beobachtungen unter ungewöhnlichen Umständen konnten die Limikolenarmut, die u.a. dem hohen Wasserstand des Seeangers geschuldet ist, nur bedingt kompensieren.

Starvogel des letztgenannten Top-Beobachtungsgebiets war eine am 22. August überhin ziehende Schmarotzerraubmöwe im ersten Kalenderjahr. Da sie auf ihrem Flug nach Westen auch das Göttinger Stadtgebiet kreuzte, ist sie eine neue Gastvogelart für die Leinemetropole.

Schmarotzerraubmöwe - V.Lipka
Abb. 7: Schmarotzerraubmöwe am Diemardener Berg.
Foto: V. Lipka

Am 29. Juni hielt sich an der Geschiebesperre Hollenstedt eine (vermutlich) adulte Schwarzkopfmöwe auf. Im Zeitraum zwischen dem 16. August und dem 16. September verweilten, wie beinahe schon üblich, bis zu zwei Jungvögel am Seeburger See.

Schwarzkopfmöwe - M.Siebner
Abb. 8: Junge Schwarzkopfmöwe Foto: M. Siebner

Eine adulte Mittelmeermöwe – mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der langjährige Sommer- und Herbstgast „Michaela“ – traf am 29. Juni am Seeburger See ein. Die treue Seele wurde dort bis in den November beobachtet.
Eine adulte Raubseeschwalbe flog am 5. August über den Northeimer Freizeitsee.

Der Wegzug von zwei Taubenarten verlief in diesem Herbst vergleichsweise spektakulär. Den mindestens 165 Hohltauben, die am 17. Oktober über Ebergötzen zogen, folgten einen Tag später rekordverdächtige 535 Durchzügler bei Uslar. Viele von ihnen zogen zusammen mit Ringeltauben, die mit beeindruckenden 4100 Ind. am 15.10.bei Sattenhausen, mindestens 3410 Ind. am 17. Oktober bei Ebergötzen sowie mit knapp 4000 bzw. 3230 Ind. am 18. bzw. 19. Oktober bei Uslar den Himmel belebten. Mit den Tagessummen im mittleren fünfstelligen Bereich aus anderen Teilen Deutschlands können diese Zahlen aber nicht mithalten…
Den desolaten Status der Turteltaube unterstreichen ganze drei Nachweise aus dem Berichtszeitraum, darunter eine späte Wegzugbeobachtung vom 10. Oktober aus der Feldmark bei Sattenhausen.

Am 12. Juli wurde an der ehem. Bauschuttdeponie Gö.-Geismar eine vierköpfige Familie der Waldohreule mit flüggen, aber noch bettelnden Jungvögeln ausgemacht. Eine Brut in der südöstlich gelegenen Pappelreihe, wo bereits früher Bruten stattgefunden haben, kann als wahrscheinlich gelten.

Am 13. August ließen sich an der Leine nahe dem Flüthewehr zwei Eisvögel beobachten. Einer der beiden brachte den zirpenden Kontaktruf gerade flügge gewordener Jungvögel hervor. Ob dies als (einziger Göttinger) Brutnachweis gewertet werden kann ist fraglich; mehrfache Kontrollen eines nahe gelegenen Brutplatzes verliefen erfolglos.

Eisvogel - M.Siebner
Abb. 9: Eisvogel an der Leine. Foto: M. Siebner

Während sich der einsame Wendehals in der Göttinger Weststadt (vgl. den Brutzeitbericht auf dieser Homepage) bis zum 3. Juli vergebens die Kehle heiser leierte, war ein Paar auf dem Kerstlingeröder Feld mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln erfolgreich.

Das anderswo in Deutschland registrierte vermehrte bis massenhafte Aufkommen invasiver Eichelhäher konnte in unserer Region nicht bestätigt werden. Die Zahlen lagen im durchschnittlichen Bereich und betrafen zumeist umherstreifende Vögel auf Nahrungssuche. Am 30. August und am 19. Oktober widmeten sich in einem Hausgarten in Sievershausen/Solling zwei Tannenhäher, ganz typisch, der Suche nach Haselnüssen.

Von der Beutelmeise liegen aus dem Zeitraum vom 11. September bis 11. Oktober (nur) vier Wegzugbeobachtungen von maximal drei Ind. vor, die vom Göttinger Kiessee, dem Seeanger und dem Seeburger See stammen.

In diesem Herbst vollzog sich in Deutschland ein nie zuvor registrierter Einflug nordöstlicher Kohlmeisen, die mit einem ungewöhnlichen zweisilbigen Ruf auf sich aufmerksam machten (Tonaufnahmen bei ornitho.de). Aus der Region existieren bis dato nur vergleichsweise wenige Beobachtungen, darunter eine von ca. 145 in kleinen Trupps ziehenden Ind. am 15. Oktober bei Landolfshausen sowie die Wahrnehmung von mindestens einem Vogel am 9. November in der Göttinger Innenstadt.

Kohlmeise - M.Siebner
Abb. 10: Die nordöstlichen Kohlmeisen sollen etwas größer und kräftiger gezeichnet sein, sehen aber praktisch genau so aus wie dieser heimische Vogel. Foto: M. Siebner

Der Wegzug der Heidelerche verlief in durchschnittlichen Zahlen. Aus dem Zeitraum vom 30. September bis 13. November liegen Beobachtungen von insgesamt 180 Ind. vor, darunter allein 62 in kleinen Trupps ziehende Vögel vom 13. Oktober in der Feldmark Falkenhagen.

Am 7. Juli ergab eine Kontrolle des Uferschwalben-Brutplatzes an der Sandgrube Meensen, dass von zehn frischen Höhlen nur zwei beflogen wurden. Am 5. August erwiesen sich am Northeimer Freizeitsee 100 Niströhren als zumindest teilweise genutzt.

Am 13. August hielt sich ein Drosselrohrsänger in der üppig sprießenden Ruderalvegetation südl. der „Meyerwarft“ am Göttinger Kiessee auf. Wenige Tage später wurden die für Kleinvögel aller Art attraktiven Rast- und Nahrungsflächen gnadenlos gemäht, selbst der Ufersaum am neuen Zulauf geriet auf weiten Strecken unter den Häcksler. Den joggenden oder Gassi gehenden Normalbürger/innen wird das Ambiente aus jungen Bäumen und geometrisch gepflanzten Sträuchern, das jetzt richtig adrett und aufgeräumt aussieht, sicher gefallen…

Am 18. November ließen sich in Göttingen die ersten Seidenschwänze blicken. Ihre Zahl liegt bis dato bei vier bis neun Ind., die sich vor allem in der Kleingartenanlage „Am Wehr“ nahe dem Flüthewehr aufhielten. Ob sie Vorboten eines großen Einflugs sind bleibt abzuwarten. In Norddeutschland und Dänemark zumindest sieht einiges nach einem solchen aus…

Neu für Süd-Niedersachsen ist eine Wasseramsel, die Mitte November dreimal an der Leine in Göttingen gesehen wurde. Ihrem sehr dunklen Bauch fehlte jeder rötliche Farbaspekt. Damit zeigte dieser Vogel ein diagnostisches Merkmal der nordeuropäischen Unterart Cinclus c. cinclus.

Wasseramsel - M.Siebner
Abb. 11: Schwarzbäuchige Wasseramsel nahe der Stegemühle.
Foto: M. Siebner

Nordeuropäische Wasseramseln überwintern mitunter an der deutschen Nord- und Ostseeküste bzw. im küstennahen Binnenland, in Niedersachsen bis in die Lüneburger Heide. Wiederfänge beringter Vögel belegen, dass sie über mehrere Jahre denselben Platz aufsuchen können. Im Tiefland brüten Wasseramseln nur ausnahmsweise oder sehr lokal. Daher kann dort in der Regel von einer nordeuropäischen Herkunft der (wenigen) Wintergäste ausgegangen werden.
Im süd-niedersächsischen Bergland, wo Wasseramseln der rotbraunbäuchigen Unterart Cinclus c. aquaticus spärlich, aber verbreitet brüten, gestaltet sich die Sache etwas komplizierter. (Alte) Weibchen von aquaticus haben manchmal einen sehr dunklen oder dunkel erscheinenden Bauch (van Duivendijk 2011). Bei Erhebungen im Harz zeigten neun Prozent der Weibchen dunkle Bäuche und waren von cinclus nicht zu unterscheiden (Zang & Heckenroth 2001). Überdies gibt es in Tschechien ganze Brutpopulationen einheitlich dunkelbäuchiger Ind. von aquaticus, besonders in den höheren Lagen des Berglands (Kren 2000).
Ob der Göttinger Vogel nun ein abweichend gefärbtes ortsansässiges Weibchen war oder ein aus dem Harz, Skandinavien oder Tschechien zugeflogener Gas mit kurzer Verweildauer: Eine Wasseramsel mit dieser Bauchfärbung wurde - trotz erhöhter Aufmerksamkeit seit vielen Jahren (Dörrie 2010) - in der Region zuvor noch nie registriert. Einen leisen Verdacht gab es bereits im Dezember 2011, doch ließ sich dieser Vogel nicht zweifelsfrei dokumentieren.

Von der Ringdrossel liegen aus dem Zeitraum vom 23. September bis 11. Oktober (nur) fünf Beobachtungen von insgesamt acht Ind. vor. Bereits am 13. September wurden an der Kiesgrube Reinshof zwei Rotdrosseln gesichtet, für unsere Region einzigartig früh.

Rotdrossel - M.Siebner
Abb. 12: Rotdrossel am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

In der Feldmark südl. Hollenstedt, wo sich im Frühjahr ein brutverdächtiges Paar des Schwarzkehlchens aufhielt, gelang am 3. September die Beobachtung einer Familie mit zwei flüggen Jungvögeln. Wegen der offenkundigen Ortstreue kann trotz des relativ späten Datums von einer erfolgreichen (Zweit- oder Ersatz-?) Brut ausgegangen werden. Neben den bis in den September präsenten Brutvögeln in der Rhumeaue bei Bilshausen traten Einzelvögel am 9. September im Leinepolder Salzderhelden, am 10. und 13. Oktober am Diemardener Berg sowie am 12. und 27. Oktober bei Landolfshausen auf. Gleich drei Männchen inspizierten am 12. Oktober das brachenreiche Gelände des zukünftigen Güterverkehrszentrums III auf dem Göttinger Siekanger („Meyer’s Logistik-Rampe“).
Sehr spät dran war ein weibchenfarbener Gartenrotschwanz am 31. Oktober in der Göttinger Weststadt.
Steinschmätzer waren in diesem Herbst fast schon eine Rarität. Insgesamt liegen vom 16. August bis zum 12. Oktober nur 15 Beobachtungen vor, nur einmal wurde eine maximale Tagessumme von fünf Ind. erreicht.

19 Brachpieper konnten in der Zeit vom 18. August bis 23. September in der Regel an ihrem Flugruf lokalisiert werden, zumeist am Diemardener Berg und in der Feldmark Sattenhausen. Meistens waren es Einzelvögel, manchmal zwei und einmal mindestens drei. Zwischen dem 25. und 31. August wurden am Diemardener Berg an fünf Tagen von einem hellhörigen Beobachter insgesamt 240 ziehende Baumpieper gezählt. Einzelne Rotkehlpieper konnten am 10. September an der Geschiebesperre Hollenstedt und am 11. September am Seeanger ausgemacht werden.
Ist es ein Artefakt, das auf der zunehmenden Hörschwäche älterer Adepten bzw. der Unkenntnis (neuer) Schlafplätze beruht oder schlichtweg traurige Realität? Jedenfalls werden Beobachtungen des Bergpiepers offenbar immer spärlicher. Bis dato liegen seit dem 15. Oktober nur sieben Beobachtungen von insgesamt 12 Ind. vor (Doppelzählungen an der Geschiebesperre Hollenstedt eingeschlossen), mit einer maximalen Tagessumme von ganzen drei Ind. ebenda. Schon im letzten Herbst und Winter wurden auffallend wenige Vertreter dieser faszinierenden Art mit einem für europäische Singvögel einzigartigen Zugverhalten notiert.

Seit dem 7. Oktober konnten bis Ende November neun Nachweise nordöstlicher “Trötergimpel” erbracht werden, zumeist in Göttingen und seiner engeren Umgebung.

Trompetergimpel - M.Siebner
Abb. 11: Nordische Gimpel wie dieses „trötende“ Weibchen
sind etwas größer und kräftiger gefärbt, aber ansonsten im Feld
von ihren mitteleuropäischen Artgenossen kaum zu unterscheiden.
Foto: M. Siebner

Gleichsam der Kiebitz unter den Finkenvögeln ist der Girlitz, dessen Rastbestände ähnlich dramatisch sinken. Trotz geeigneter Nahrungshabitate z.B. an der Kiesgrube Reinshof oder an den ehem. Tongruben Siekgraben lag – bei einer Gesamtzahl von ganzen 66 Ind. zwischen dem 15. September und 27. Oktober – die maximale Truppgröße bei kläglichen 11 Ind. Der offenkundige Bestandsrückgang dieser wärmeliebenden ursprünglichen Lichtwaldart belegt einmal mehr, dass es weniger die moderat ansteigenden Jahresdurchschnittstemperaturen („Klimaerwärmung“) sind, welche die Populationsentwicklung vieler Arten beeinflussen, sondern vielmehr die allgemeine Verdichtung der Vegetation bis zum Dunkelwaldstadium infolge hoher Nährstoffeinträge („Eutrophierung“).

Von der Grauammer, einem seit knapp 20 Jahren verschwundenen Brutvogel, liegt nur alle paar Jahre eine Beobachtung vor. Deshalb ist ein am 17. Oktober über Ebergötzen nach Südwesten ziehender Vogel bemerkenswert. Über die Jahre könnte sich auch der Ortolan diesem Status annähern, denn er wurde, trotz intensiver Beobachtungstätigkeit an einigen Hotspots zur Hauptzugzeit, nur mit fünf Ind. wahrgenommen.

Hans-Heinrich Dörrie

Dieser Bericht basiert auf mehr als 7000 Daten, die fast alle der bundesweiten Datenbank und Beobachtungsplattform ornitho.de entstammen. Angesichts der schier erschlagenden Fülle des Materials ist er allenfalls ein Schlaglicht, zudem mit einem Schwerpunkt auf ungewöhnliche Beobachtungen bzw. Phänomene. Sollten wichtige Daten fehlen oder der eine oder andere Beobachter mangelnde Berücksichtigung erfahren haben, geht dies allein auf das Konto des Verfassers. Dieser schließt mit einem Dank an die Beobachter/innen:

P.H. Barthel, S. Böhner, G. Brunken, J. Bryant, L. Demant, H. Dörrie, M. Drüner, M. Fichtler, J. Fleischfresser, M. Geb, M. Göpfert, C. Grüneberg, W. Haase, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, K. Jünemann, C. Kaltofen, J. Kirchner, G. Köpke, V. Lipka, Frau Matschat, T. Meineke, M.M. Meyer, F. Morgenstern, M. Otten, S. Paul, B. Preuschhof, D. Radde, H. Schmidt, D. Schomberg, A. Schröter, M. Schleuning, M. Schuck, M. Siebner, K. Stey, A. Stumpner, K. Wahler und D. Wucherpfennig.

Literatur:

van Duivendijk, N. (2011): Advanced Bird ID Handbook. The Western Palearctic. New Holland Publishers.

Dörrie, H.-H. (2010): Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format. Erhältlich beim Verfasser oder bei der Newsgroup avigoe.

Fischer, S. & G. Dornbusch (2006): Bestandssituation ausgewählter Brutvogelarten in Sachsen-Anhalt – Jahresbericht 2005. Ber. Landesamt Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Sonderheft 1: 5-27.

Fischer, S. & G. Dornbusch (2011): Bestandssituation ausgewählter Brutvogelarten in Sachsen-Anhalt – Jahresbericht 2010. Ber. Landesamt Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Sonderheft 1: 5-36.

Kren, J. (2000): Birds of the Czech Republic. C. Helm/A & C Black.

Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.

Zang, H. & H. Heckenroth (2001): Die Vögel Niedersachsens, Lerchen bis Braunellen. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachs. B, H. 2.8.

November 30th, 2012

Die Bekassine – Vogel des Jahres 2013 –
in Süd-Niedersachsen: ein Nachruf?

Bekassine2
Abb. 1: Aufmerksame Bekassine. Foto: M.Siebner

 

Mit der Bekassine (Gallinago gallinago) hat der NABU eine Vogelart gewählt, deren Anblick beim Betrachter immer wieder Erstaunen hervorruft, nicht selten mit einem Schmunzeln gepaart. Das Erscheinungsbild des gut drosselgroßen Vogels ist in der Tat einzigartig. Die Proportionen scheinen nicht zusammenzupassen: Der tarnfarbene Körper mutet plump und bauchbetont an, der Schnabel ist grotesk lang, die Beine irgendwie zu kurz. Wenn der kleine Watvogel mit nähmaschinenartiger Stochertechnik eine Schlammfläche nach Verwertbarem punktiert und, hoch aufgerichtet, im schnellen Trippelschritt Konkurrenten verjagt, drängt sich der Eindruck auf, dass die Evolution manchmal zu Scherzen aufgelegt ist. Das eigentümliche Design signalisiert jedoch nichts anderes als die perfekte Anpassung an einen feuchten Lebensraum. Mit 16 Arten, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen, kommt das Genus Gallinago in Europa, Afrika, Asien und Amerika vor, ist also global sehr erfolgreich.
Der großen Ähnlichkeit in Größe, Gestalt und Gefieder entsprechen (notwendigerweise) unterschiedliche Fortpflanzungsrituale. Während die in Deutschland als Brutvogel ausgestorbene Doppelschnepfe (Gallinago media) eine Arenabalz am Boden zelebriert, zeichnet sich ihre nahe Verwandte durch eine spektakuläre Flugbalz aus. Das Männchen fliegt hoch über seinem Revier und vollführt dabei Sturzflüge, bei denen die Luft durch die abgespreizten äußeren Steuerfedern gepresst wird. Dabei entsteht ein weithin hörbares Geräusch, das an das Meckern einer Ziege erinnert. Der noch heute gebräuchliche Volksname „Himmelsziege“ gibt das auffällige Balzverhalten trefflich wieder. Am Boden oder auf einem Zaunpfahl singt das Männchen zudem ein monotones, aber recht klangvolles „tüke, tüke, tüke…“ Scharfe „tick, tick“-Alarmrufe vom Spätfrühling an, die von einer erhöhten Warte vorgetragen werden, sind ein guter Hinweis auf eine Brut bzw. auf Jungvögel, die vor einem Beutegreifer gewarnt werden.

Verbreitung und Bestand

In großen Teilen Europas ist die Erfolgsgeschichte unseres Porträtvogels seit Jahrzehnten ins Stocken geraten bzw. weithin zum Erliegen gekommen. Der niedersächsische, im Wesentlichen auf die norddeutsche Tiefebene beschränkte Brutbestand wurde von Krüger & Oltmanns (2007) auf ca. 2200 Paare/Reviere beziffert (und ist seit dem Referenzjahr 2005 sicher weiter geschrumpft). Ungefähr ein Drittel der in Deutschland verbliebenen ca. 5700-6600 Paare (Südbeck et al. 2007) brüten in unserem Bundesland.
Hauptursachen für den dramatischen Rückgang sind Lebensraumverlust in den Brutgebieten und massenhafter Abschuss in den Rast- und Ruhegebieten dieses Zugvogels. In einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden alljährlich insgesamt mehr als 500.000 Bekassinen geschossen (Hirschfeld & Heyd 2005), die meisten in Frankreich und Großbritannien. Die Schnepfenjagd gilt von jeher als besonders „sportliche“ Herausforderung, spätere Gaumenfreuden eingeschlossen…

Seeanger
Abb. 2: Seeanger. Foto: J. Herting

Vor der Entwässerung der Leinewiesen und der Trockenlegung der Niedermoore um den Seeburger See war die Bekassine vermutlich ein, zumindest lokal, nicht seltener Brutvogel. Quantitative Angaben sind jedoch Mangelware. Aus der Umgebung Göttingens verschwand sie in den 1930er Jahren. In den 1950er Jahren war sie noch, mit ein bis zwei Paaren, aus den Niedermoorresten im Seeanger bei Seeburg bekannt (G. Köpke, briefl.). In den letzten Jahren (jedoch nicht 2012) gelangen in diesem seit 2001 wiedervernässten Gebiet Beobachtungen balzender Männchen und warnender Altvögel, die den starken Brutverdacht von ein bis zwei Paaren rechtfertigten. Ob sich die Art dort wieder dauerhaft ansiedelt ist ungewiss.
In etwa derselben Größenordnung bewegt sich der Brutbestand im Hochwasser-Rückhaltebecken Salzderhelden (Polder 1) zwischen Northeim und Einbeck. Hier ist die Bekassine seit vielen Jahren ein etablierter Brutvogel.

Leinepolder
Abb. 3: Leinepolder Salzderhelden. Foto: J. Herting

In den beiden verbliebenen (Brut-)Gebieten finden Veränderungen statt, die einem Charaktervogel von Mooren und Feuchtwiesen abträglich sind. Im Seeanger verdichtet sich wegen des ständigen Nährstoffeintrags die Vegetation, das Gebiet verbuscht zusehends, die Schwarzerle ist auf dem Vormarsch. Einige Bereiche sind durch den anhaltend hohen Wasserstand in letzter Zeit so feucht geworden, dass sie nicht mehr beweidet werden können. Dies nutzt der Art sicher am Anfang, könnte sich jedoch später als Nachteil erweisen, weil lückenhafte bis offene Strukturen, die für Nahrungssuche und Fortbewegung am Boden unabdingbar sind, verloren gehen. Hinzu kommt die ausgeprägte Insellage des im Kern nur knapp 30 Hektar großen Bekassinen-Lebensraums inmitten einer industrialisierten Agrarlandschaft, die das Überleben zur Zitterpartie macht. Gerade in solchen Oasen ist der Verfolgungsdruck durch patrouillierende Fressfeinde nämlich besonders hoch.
Im Leinepolder Salzderhelden breitet sich auf großer Fläche ein dichter Röhrichtbestand aus. Im Umfeld der Leine und der früheren Kiesgrube entwickeln sich auwaldähnliche Gehölzstrukturen. In solchen Lebensräumen können Bekassinen nicht brüten. Ob die jüngst in Angriff genommenen Anstaumaßnahmen mit dem Ziel, auch im Sommer dauerhaft überschwemmte Bereiche zu schaffen, der Bekassine zu Gute kommen oder eher den kleinen Rallen der Gattung Porzana, bleibt abzuwarten. Wenn es gut läuft, profitieren vielleicht alle davon.

 

Wildschweinjagd zum Schutz der Bekassine?

Anders als im Seeanger war in der streng vor jeglichen Störungen geschützten Kernzone des ca. 900 Hektar großen Naturschutz- und EU-Vogelschutzgebiets Leinepolder Salzderhelden die Jagd über Jahre nur unter strengen Auflagen erlaubt. Gestattet war der Beschuss von Wildtieren allenfalls von Hochsitzen oder Verstecken am Rand des Gebiets. Mit dem robust verquasten Selbstverständnis und Sendungsbewusstsein der Jägerschaft („Bewahrer des ökologischen Gleichgewichts“) sind solche Restriktionen auf Dauer nicht vereinbar. Deshalb verfielen ihre Funktionäre auf die Propagandamasche, das Schießen von Wildschweinen, Füchsen und Waschbären in der bisherigen Tabuzone als uneigennützigen „Schutz von Wiesenbrütern“ auszugeben. Zusammen mit den Artenschützern vom Landvolkverband wurde man bei der zuständigen Naturschutzbehörde vorstellig. Über belastbare Daten zu einer existenzbedrohenden Gefährdung des Brutbestands „seltener Vögel“ durch die oben genannten Tierarten verfügten die Antragsteller (natürlich) nicht. Egal: Im Herbst 2011 wurde vom Landkreis Northeim für einen befristeten Zeitraum die Wildschweinjagd in der Kernzone gestattet und von den Waidwerkern sogleich mit zahlreichen Hochsitzen und Lockfütterungen in Szene gesetzt. Das Resultat fiel mit ganzen zwei (!) geschossenen Tieren äußerst mager aus – was jedoch kaum verwundert. Wiederholte Vollstaumaßnahmen im Winter hatten den Lebensraum für die Wildschweine nämlich sehr unwirtlich gestaltet; zudem gibt es im Polder keine Maisfelder, die für die Schwarzkittel wahre Paradiese sind und von ihnen entsprechend zahlreich frequentiert werden. Vor diesem Hintergrund entpuppte sich das Horrorbild marodierender Wildschweinrotten, die Bodenbrüter zum Aussterben bringen, als propagandistisches Hirngespinst.
Gegen einen neuerlichen Erlass in diesem Jahr, mit dem die Jagd in der Kernzone bereits ab dem 1. August gestattet wird, ging der BUND zusammen mit örtlichen Naturschützern juristisch vor, wurde jedoch vom Göttinger Verwaltungsgericht als „nicht klageberechtigt“ abgefertigt. Überdies sei Eile geboten: der Landkreis Northeim habe „schnell und effektiv auf den Schutzzweck“ reagiert (siehe Göttinger Tageblatt vom 9.9.2012).
Weil weitere Klagen eine Menge Geld kosten steht zu erwarten, dass die Artenschutzrezeptur aus Kimme, Korn und Doppelkorn auch in den kommenden Jahren zur Anwendung gelangt. Ob die Bekassine daraus einen Nutzen zieht, darf bezweifelt werden: Aus der mitteleuropäischen Normallandschaft mit ihrem komplexen Gefüge von Räubern und Beutetieren ist kein einziger Fall bekannt, dass sich eine gefährdete Vogelart nach der Bekämpfung ihrer (realen oder vermeintlichen) Feinde wieder im Bestand erholt hätte.

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Abb. 4: Bekassine beim Nahrungserwerb. Foto: V. Lipka

Bekassinen sehen – wann und wo?

Im Prinzip können Bekassinen in unserer Region nahezu ganzjährig beobachtet werden, am besten jedoch während der Zugzeit. Der Heimzug setzt verstärkt in der dritten Märzdekade ein und kulminiert in der ersten Aprilhälfte. In dieser Zeit ist der Leinepolder Salzderhelden eine Bank, besonders dann, wenn Teile des Gebiets noch flach unter Wasser stehen. In manchen Jahren rasten dort zahlreiche Bekassinen. Am 6.4.2012 wurden dort sogar beachtliche 200 Ind. gezählt (P.H. Barthel in ornitho.de). Leider sind die Vögel in der Regel recht weit entfernt; wie viele es sind, kann man am ehesten ermessen, wenn sie von einem Beutegreifer aufgescheucht werden. Balzfliegende Männchen lassen sich am besten im Mai bestaunen, bevorzugt in der Dämmerung.
Auch im Seeanger bestehen im Frühjahr gute Chancen, unseren Porträtvogel zu Gesicht zu bekommen. Dies betrifft, anders als im Leinepolder, auch den Wegzug, der bereits Mitte Juli einsetzt und im Oktober abklingt. Im Seeanger gibt es derzeit wegen des hohen Wasserstands keine ufernahen Schlammflächen, auf denen sich Bekassinen gerne tummeln und entsprechend leicht zu beobachten sind. In dichter Vegetation sind die Vögel wegen ihrer perfekten Tarnung nur mit Mühe auszumachen.

Tarnung
Abb. 5: In ihrem Lebensraum ist die Bekassine oft schwer zu entdecken.
Foto: M.Siebner

Ein lohnendes Ziel ist auch der Stockhäuser Bruch an der Leine zwischen Niedernjesa und Groß Schneen. In diesem kläglichen Grünlandrelikt der Leineaue wird man der Vögel aber zumeist nur ansichtig, wenn sie aufgescheucht mit rätschendem Flugruf gen Himmel entschwinden – in ihrem reißenden Zickzackflug wirken sie dann alles andere als plump! Zufallsbegegnungen mit auffliegenden Migranten sind bisweilen auch in der freien Feldmark oder an einem Entwässerungsgraben möglich, selbst im Winter. Ortsfeste Überwinterungen sind jedoch in unserer Region, trotz (angeblich) milderer Winter in den letzten Jahren, immer noch die große Ausnahme. Hans-Heinrich Dörrie

Literatur

Hirschfeld, A. & A. Heyd (2005): Jagdbedingte Mortalität von Zugvögeln in Europa: Streckenzahlen und Forderungen aus Sicht des Vogel- und Tierschutzes. Ber. Vogelschutz 42: 47-74.

Krüger, T. & B. Oltmanns (2007): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten – 7. Fassung, Stand 2007. Inform.d.Naturschutz Niedersachs. 27: 131-175.

Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye & W. Knief ( 2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung, 30. Nov. 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Oktober 21st, 2012

Kleine Reiher im Göttinger Süden

Rallenreiher Nachtreiher Zwergdommel

In diesem Frühsommer ließen sich innerhalb der drei Wochen nach Pfingsten am Stadtrand und im Umfeld der Stadt drei Reiherarten beobachten, die in unserer Region nur seltene Gäste sind.

Erster in der Runde war ein Rallenreiher (Ardeola ralloides) am Göttinger Kiessee. Endeckt wurde der Vogel früh morgens am Samstag, dem 26.06.2012. Schnell wurden weitere heimische Ornithologen alarmiert, da zu befürchten war, dass der bevorstehende Besucheransturm in diesem stadtnahen Erholungsgebiet, den Reiher schnell wieder vertreiben würde.

Rallenreiher
Rallenreiher auf seinem Lieblingsbaum am Kiessee. Foto: M.Siebner

Aber der Vogel trotzte über 10 Tage regem Bootsverkehr im Wasser und ausschweifenden Grillparties am Seeufer. In den ersten Tagen erkundete er dabei den ca. 800 m messenden See und ließ sich an fast allen Ecken mal blicken. Näherten sich Ruder- oder Tretboote, begab er sich in eine Duckstellung und flüchtete erst im letzten Moment meistens zu Fuß. Später fand er jedoch die störungsarmen Plätze heraus und pendelte schließlich nur noch zwischen seinem in den See ragenden Lieblings-Weidenbaum und der Insel.

Direkt nach seiner Entdeckung wurde eine Meldung über Club300 und die bundesweite Datenbank ornitho.de abgegeben. Dies lockte innerhalb von ein paar Tagen weit mehr als 100 Vogelfreunde aus nah und fern in die Universitätsstadt, welche ihre Weiterreise häufig sofort wieder antraten, sobald die seltene Art auf ihrer Liste abgehakt war. Die mitgebrachte teils schwere Optik, mit der das Unterholz abgesucht wurde, irritierte dabei so manchen Pfingstausflügler. Trotzdem hielt sich der Ansturm, verglichen mit einem ‘Squacco heron’ in England, in Grenzen.

Der Göttinger Rallenreiher war allem Anschein nach ein Individuum im zweiten Kalenderjahr, also noch nicht vollständig ausgefärbt. Kennzeichnend sind die noch ockerfarbenen Partien auf den Flügeln, die noch recht kurzen Schmuckfedern am Kopf sowie der nur schwach blau gefärbte Schnabel.

Die Nacht verbrachte der junge Reiher hoch in Pappeln in der Nähe des Sees. Gegen Ende seines Aufenthaltes machte er größere Ausflüge, bis er am Abend des 6. Juni zuletzt am Kiessee beobachtet wurde.

Rallenreiher
Rallenreiher lauert auf Beute. Foto: M. Siebner

Der erste Nachweis eines Rallenreihers in unserer Region datiert vom 2. bis 4. Mai 1983 von der alten Rosdorfer Tongrube. Auch dieser Vogel, wohl ein Altvogel, ließ eine Annäherung auf bis zu fünf Meter zu und verharrte dabei manchmal in einer Art Pfahlstellung. Bei allzu heftigen Störungen wich er auf die Insel am Kiessee aus.

Der zweite Vogel, ein Individuum im Schlichtkleid, hielt sich vom 23. bis 28. August 2002 am Seeburger See auf. Möglicherweise war er noch länger präsent, denn ein Vogel mit entsprechender Beschreibung wurde vor dem 23. August von den Betreibern des Bootsverleihs gesehen, als er auf den Teichrosen balancierte. (…nach oben)

Am frühen Pfingstsonntagmorgen dann entdeckten eigentlich für den Rallenreiher angereiste Vogelfreunde einen adulten Nachtreiher (Nycticorax nycticorax) im dichten Geäst der Insel. Bis etwa 10 Uhr war dieser, ebenso wie sein beigefarbener Kollege, recht mobil am See unterwegs. Für den Tag zog er sich auf die Insel zurück und ließ sich erst am Abend wieder blicken. Seine Rufe wurden dann noch bis in die Dunkelheit von der Insel vernommen.
Der Vogel war wohl nur einen einzigen Tag am Göttinger Kiessee. Ob ein zuvor von Passanten auf der Insel beobachteter “Pinguin” unser weiß-grauer Reiher war, kann nicht endgültig geklärt werden.

Nachtreiher
Adulter Nachtreiher am Göttinger Kiessee. Foto: H. Petersen.

Der bislang einzige Nachtreiher im Göttinger Stadtgebiet hielt sich vom 30. Mai bis zum 5. Juni 2001 ebenfalls am Kiessee auf, bevorzugt an der Insel. Auch dieser war ein Altvogel im Hochzeitskleid.

Die fast schon dschungelartige Vegetation auf der Insel sowie die vielen übers Wasser ragenden alten Weiden stellen mittlerweile auch für Auwaldbewohner auf der Durchreise einen optimalen Rastlebensraum dar. Dies sollte bei Pflegemaßnahmen durch den Fachdienst Stadtgrün stärker berücksichtigt werden. Eine Gefahrenquelle für Spaziergänger bilden die Bäume am Ufer ohnehin nicht, und die Bootsfahrer können ihnen problemlos ausweichen. (…nach oben)

Die Kiesgrube Reinshof, in der warmen Jahreszeit nicht weniger verrummelt als der Kiessee, liegt südlich von Göttingen nahe der Gemeinde Rosdorf. Dort ließ sich am 17. Juni 2012 eine Zwergdommel (Ixobrychus minutus) entdecken, als sie von Norden kommend den spärlichen Schilfbewuchs des Südufers entlang flog und dabei immer wieder landete. Zuletzt wurde der Vogel im Schilf kletternd im südlichen Teil des Gewässers beobachtet, wo sich auch der größte Schilfbestand befindet. Die Dommel, bei der es sich höchstwahrscheinlich um ein Weibchen handelte, konnte an den Folgetagen nicht mehr an der Kiesgrube gesichtet werden.

Zwergdommel
Eine Zwergdommel klettert im Schilf an der Kiesgrube Reinshof. Foto: M. Siebner.

Der letzte Nachweis einer Zwergdommel in der Region Göttingen abseits des Seeburger Sees war ein Männchen am 8. Juni 1988 an den Tongruben Ascherberg.

Abschließend noch ein Wort zur Größe der drei kleinen Reiher, die im Spektiv allesamt größer erscheinen:
Der Nachtreiher ist der Größte, etwa so groß wie ein Mäusebussard. Der Rallenreiher ist, wie man am Kiessee sehen konnte, kleiner als eine Stockente, während es die Zwergdommel nur auf Eichelhähergröße bringt.

Und - kleiner sollte sie auch auf keinen Fall sein: bei dieser sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen muss man sich fragen, wie viele Zwergdommeln im Röhricht, zumal wenn es sich um stumme Weibchen gehandelt hat, hier in den letzten Jahren unbemerkt durchgezogen sind… (…nach oben)

Mathias Siebner

Literatur:
Dierschke, J. (1985): Rallenreiher (Ardeola ralloides) im Kreis Göttingen. Mitt. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 73-74.
Dörrie, H.-H. (2002): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.
Dörrie, H.-H. (2003): Avifaunistischer Jahresbericht 2002 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 8: 4-106.
Dörrie, H.-H. (2010) Anmerkungen zur Vogelwelt des Leinetals in Süd-Niedersachsen und einiger angrenzender Gebiete 1980-1998. Kommentierte Artenliste. 3., korrigierte Fassung im pdf-Format, Göttingen.

Juli 4th, 2012

Warum der Göttinger Gartenrotschwanz ein Laubenpieper ist

Gartenrotschwand
Die ersten Jungvögel sind 2012 bereits ausgeflogen. Foto: M.Siebner

Unter diesem feinsinnigen Titel hat Silvio Paul die Ergebnisse einer Kartierung des Gartenrotschwanzes – Vogel des Jahres 2011 – im Göttinger Stadtgebiet aus dem Vorjahr zusammengefasst. Neun Mitarbeiter/innen des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen haben sich diesem schmucken Vogel für eine Brutsaison mit viel Freude und Engagement gewidmet.

Die Ergebnisse sind auch von überregionalem Interesse und lassen Rückschlüsse auf die Ansprüche und Lebensumstände nicht nur des Gartenrotschwanzes, sondern auch anderer Lichtwald- und Agrarlandarten zu.

Die interessante Lektüre kann als pdf hier heruntergeladen werden.

H.H. Dörrie

Juni 28th, 2012

Warum in die Ferne schweifen?
Wir fliegen doch so nah!

Heimzug und Brutzeit 2012 in Süd-Niedersachsen

Das Wetter in den Monaten März bis Juni wies keine erwähnenswerten Besonderheiten auf. Mal war es zu kühl, mal zu warm, mal zu trocken, oft zu nass, das Übliche halt. Deshalb können wir ohne Umschweife ins volle Vogelleben der Landkreise Göttingen und Northeim greifen und hoffen, dass die geneigte Leserschaft daraus einen wie immer gearteten Nutzen zieht. Es gibt eine Menge zu berichten!

In Göttingen schritten drei Paare des Höckerschwans zur Brut: Im Levin-Park (sechs Junge), im Rückhaltebecken Grone (neun Junge, darunter fünf weiße Ind. der immutabilis-Variation) und am Kiessee (vier Junge). Drei von sechs Jungen eines Brutpaares am Seeanger waren ebenfalls reinweiß. Die Zahl der Jungen des Kiessee-Paares reduzierte sich auf zwei, weil die Hälfte der Sprösslinge im Abstand von drei Tagen in den reißenden Sog des Abflusses in der Nordostecke geriet und unter dem Sandweg hindurch in die Leine gespült wurde. Diese Gefahrenquelle für kleines Wassergeflügel befindet sich ausgerechnet an der beliebten Enten- und Schwanenfütterung mit dem Schild „Füttern nicht erwünscht“. Dass die beiden Jungschwäne die unterirdische Schussfahrt überlebt haben, ist erstaunlich. Nach dem Malheur schwammen sie zwar, ab und an in Gesellschaft eines Altvogels, auf der Leine umher, wurden aber bald darauf nicht mehr gesehen. Ende offen…

Höckerschwan
Abb. 1: Huckepack in eine unbekannte Welt. Foto: M. Siebner.

Von den 15 Singschwänen, die den Winter im Leinepolder Salzderhelden verbracht hatten, hielten es sieben (vier ad., drei vorj. Ind.) bis Mitte März dort aus.
Wie üblich trieben sich bis Ende Mai ein bis zwei Weißwangengänse in der Region herum.
In Göttingen belief sich die Zahl erfolgreicher Bruten der Graugans auf sieben (sechs am Kiessee und eine auf dem Stadtfriedhof mit insgesamt 15 bzw. vier Gösseln).
Von einer rasanten Ausbreitung der Nilgans im Siedlungsbereich ist Göttingen immer noch weit entfernt. Auch 2012 blieb es beim einzigen Brutvorkommen im Levin-Park. Dort erlangten neun Jungvögel die Flugfähigkeit.
Ein bis zwei Brandgänse hielten sich vornehmlich am Seeanger und an der Geschiebesperre Hollenstedt auf, lediglich am 9. Juni fanden sich im letztgenannten Gebiet gleich zehn Ind. ein.
Wie in den vergangenen Jahren traten an der Geschiebesperre Hollenstedt und im Seeanger ein bis zwei Rostgänse in Erscheinung; auch der Expansionsdrang dieser Art hält sich offenkundig in Grenzen.

Im Leinepolder Salzderhelden herrschten im März/April wegen eines Vollstaus nach Regenfällen und dem Anstau von Gräben aus Naturschutzgründen optimale Bedingungen für rastende Gründelenten. Schnatterenten erreichten am 6. April mit 115 Ind. das Maximum. Trotz Brutzeitbeobachtungen an der Geschiebesperre Hollenstedt und am Seeanger liegen keine Hinweise auf Bruten vor. Bis zu 300 Pfeifenten wurden im März im Leinepolder gezählt. Von der Krickente konnten ebenda am 4. April außergewöhnliche 800 (!) Ind. notiert werden. Im zweiten traditionellen Rastgebiet, dem Seeanger, gerieten hingegen im März/April die üblichen 40 bis 60 Ind. ins Blickfeld. Von dort liegen auch Brutzeitbeobachtungen von bis zu drei Paaren vor, die nicht als Brutverdacht interpretiert werden sollten. Am 2. März bedeckten ungewöhnliche 280 Spießenten die Wasserflächen im Leinepolder. Ein Paar hielt sich bis in den Juni am Seeanger auf.
110 Knäkenten, die am 26. März im Leinepolder gezählt wurden, stellen, wenn man die bislang veröffentlichten Rastzahlen zum Maßstab nimmt, ein neues regionales Maximum dar. In der ersten Aprilhälfte rasteten im Leinepolder bis zu 170 Löffelenten. Entsprechend gering fiel am Seeburger See das Maximum mit 36 Ind. am 11. April aus. Mitte März verweilten am Seeburger See für mehrere Tage bis zu zwei Paare der Kolbenente. Männliche Einzelvögel wurden am 3. Juni im Seeanger und zwei Tage später am Göttinger Kiessee gesehen.
Am 7. März rasteten, als lokaler Erstnachweis, am Seeanger drei Bergenten (zwei M., ein W.). Aus dem regionalen Zeitfenster fiel am 5. und 15. Mai an den Northeimer Kiesteichen eine weibliche Schellente, der am 21. Mai auf dem Seeburger See zwei Männchen folgten, die noch später dran waren.

Am 15. März zeigte sich auf dem Göttinger Kiessee ein Paar des Mittelsägers - die letzte Lokalbeobachtung liegt 17 Jahre zurück! -, das praktisch unablässig tauchte und entsprechend schwer zu orten war.
Am 4. März bedeckten 90 Gänsesäger den Seeburger See. Übel dran ist ein Artgenosse, dem ein halber Flügel fehlt. Er wurde zuerst am 30. April auf der Leine südlich von Göttingen bemerkt und hält sich seitdem zwangsweise dort auf.

Mittelsäger - Siebner
Abb. 2: Weiblicher Mittelsäger auf dem Göttinger Kiessee Foto: M. Siebner.

Für ein abschließendes Urteil über das Auftreten der Wachtel in unserer Region ist es noch zu früh. Bis dato deutet aber nichts auf ein ausgesprochen „gutes Jahr“. In den regelmäßig von Beobachter/innen aufgesuchten Göttinger Feldmarken Reinshof, Geismar-Süd und Diemardener Berg lagen die Gesamtzahlen pro Tag durchweg bei weniger als zehn rufenden Männchen. Dies trifft auch auf die mehrfach begangene Feldmark um Sattenhausen zu.
Im westlichen Göttinger Stadtgebiet ist das Rebhuhn eine mittlere Seltenheit, im Süden sieht es (noch) besser aus (vgl. den Sammelbericht zum vergangenen Winter auf dieser Homepage). Insofern ist ein ortsfestes Paar an den ehemaligen Tongruben Siekgraben an der Grenze zum Landkreis bemerkenswert.

Von den Husumer Teichen bei Hammenstedt liegen Hinweise auf ein Revierpaar des Zwergtauchers vor. Möglicherweise bahnt sich dort eine Brut an oder findet bereits im Verborgenen statt. Zudem können Zwergtaucher noch bis weit in den August brüten. Darüber hinaus gibt es in der Region keine Anzeichen für eine Brutansiedlung, auch nicht am Seeanger und an den Sandgruben Meensen, wo Zwergtaucher in den vergangenen Jahren unregelmäßig zur Brut geschritten sind.
Am Göttinger Kiessee konnte sich bis dato nur eines von drei Paaren des Haubentauchers reproduzieren. Die vier Jungvögel haben eine Regatta und den täglichen Ansturm von Paddlern, Kanuten und Tretbootfahrern gut überstanden und sind fast selbständig, was sie jedoch nicht vom penetranten Anbetteln ihrer Eltern abhält.
Am Seeburger See dümpeln die meisten der ca. 20 bis 25 ansässigen Paare lustlos vor sich hin. Alle Bruten und Brutversuche im Bereich der beiden Stege im Umfeld des „Graf Isang“ wurden aufgegeben. Bis zum 20. Juni konnte kein Jungvogel ausgemacht werden. Dieses lokale Phänomen ist nicht neu, harrt aber immer noch einer schlüssigen Erklärung. Ob Nistplatzmangel, (gestiegener?) Prädationsdruck, geringe Sichttiefe, Veränderungen der submersen Vegetation mit Auswirkungen auf die Populationen kleiner Fische oder anthropogene Störungen durch Erholungssuchende und Angler die Ursachen sind oder eine Kombination aus mehreren dieser Faktoren, muss vorerst offen bleiben. An den Seggenbülten im Bereich der Stege fand ein gleichermaßen permanenter wie fruchtloser Kampf mit Blässhühnern und Lachmöwen um die vergleichsweise sicheren Brutplätze statt. Immerhin konnte in den vergangenen Jahren der Ausfall von Erstbruten durch Zweit- und/oder Ersatzbruten zumindest teilweise wettgemacht werden. Dies könnte darauf hindeuten, dass sich im Sommer die negative Wirkmächtigkeit eines oder auch mehrerer Faktoren abschwächt. Fragt sich nur, welche das sind…

Vom Rothalstaucher liegen zwei Nachweise vor: Ein Ind. ließ sich am 3. Mai auf dem Seeburger See ausmachen. Wesentlich fotogener war ein Vogel am 12. Mai auf dem Göttinger Kiessee.

Rothalstaucher
Abb. 3: Rothalstaucher auf dem Göttinger Kiessee Foto: M. Siebner.

Schwarzhalstaucher traten ab dem 28. März an mehreren Stillgewässern in Erscheinung. 11 der insgesamt ca. 55 Vögel zeigten am 27. April auf dem Seeburger See das Tagesmaximum an, immerhin sieben waren dort noch am 14. Juni präsent.
Am 5. Mai beglückte ein als adult bestimmter Sterntaucher auf dem Großen Freizeitsee bei Northeim die Birdracer des Teams „Leinehänflinge“. Noch unzeitgemäßer verhielt sich ein Ind. im Schlichtkleid, das am 18. Juni am Seeburger See für eine Überraschung sorgte und auch am Folgetag noch anwesend war. Möglicherweise derselbe Vogel hielt sich ab dem 22. Juni an den Koldinger Kiesteichen bei Hannover auf.

Das Frühjahr 2012 stand im Zeichen einiger, teils spektakulärer Beobachtungen diverser Reiherarten, die auf dieser Homepage noch mit einem Spezialbeitrag gewürdigt werden. An dieser Stelle nur ein kurzes Resumée: Am 18. März ließ sich eine Rohrdommel nächtens über Einbeck-Drüber akustisch vernehmen. Am 17. Juni hielt sich an der Kiesgrube Reinshof eine (für dieses Gebiet lang ersehnte) Zwergdommel, wohl ein adultes Weibchen, auf.
Am 27. Mai rastete am Göttinger Kiessee ein adulter Nachtreiher. Unbestrittener Starvogel war jedoch ein Rallenreiher (M. Siebner) im zweiten Kalenderjahr, der sich vom 26. Mai bis zum 6. Juni dort aufhielt, etliche Beobachter/innen von außerhalb anzog und es sogar in die Tagespresse schaffte. Die dort kolportierte Aussage, der Vogel sei „kleiner als eine Stockente“, mag befremdlich klingen, entspricht aber den Tatsachen. Wer’s nicht glaubt, kann es im Svensson nachlesen.

Rallenreiher
Abb. 4: Rallenreiher am Göttinger Kiessee Foto: W. Kühn.

Das außergewöhnlich kopfstarke Auftreten winterlicher Silberreiher in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck (vgl. den Sammelbericht zum vergangenen Winter auf dieser Homepage) setzte sich bis in den März fort. Am 2. dieses Monats ließen sich im Leinepolder Salzderhelden noch 114 Ind. zählen. Danach gingen die Zahlen zurück. Aus dem Rahmen fielen später allenfalls sieben Ind., die am 7. Mai im Trupp über den Göttinger Kiessee nach Norden zogen.
Den Göttinger Graureihern geht es bestens. Ihre Kolonie im Levin-Park ist auf 14 bis 15 beflogene Nester angewachsen, die sich, bis auf eins auf einer Erle am Teichufer, alle in der Weide auf der kleinen Insel befinden. Ca. 30 Jungvögel sind bereits ausgeflogen. Darüber hinaus kam es auf der Insel im Kiessee zur erfolgreichen Ansiedlung eines aktuell noch fütternden Brutpaars. Der alte Baumbestand dort ist als Koloniestandort langfristig besser geeignet als die Weide im Levin-Park. Wie lange der betagte Baum die Belastung durch viele Nester mit gewichtigem Inhalt plus zentnerweise Kot noch aushält, ist ungewiss. Deshalb ist der Kiessee eine echte Alternative, zumal die Vögel im Levin-Park gelernt haben, dass sie vom Menschen nichts zu befürchten haben und eine entsprechende Toleranz gegenüber Störungen entwickeln konnten.

Graureiher
Abb. 5: Graureiher-Nachwuchs im Levin-Park Foto: M. Siebner.

Die kleine Kolonie an der Rhume bei Bilshausen ist ebenfalls wieder besetzt; die genaue Zahl der Nester konnte in dem dichten Fichtenbestand aber nicht ermittelt werden.
Am 8. Mai absolvierte ein Seidenreiher eine lokale Erkundungsreise, die ihn vom Seeanger über den Lutteranger zum Seeburger See führte, wo er einen Schlafplatz bezog.

Vom Schwarzstorch liegen knapp 30 Beobachtungen vor. Besonders interessant sind Brutzeitbeobachtungen, die keinem der bekannten Brutplätze zugeordnet werden können. So wurden, wie in den Vorjahren, Einzelvögel regelmäßig bei Waake gesehen. In der Suhleaue bei Landolfshausen traten im Juni bis zu vier Ind. in Erscheinung. Bemerkenswert sind auch zweimal im Mai über das Göttinger Ostviertel fliegende Vögel. Ob sich die Beobachtungen auf bisher unentdeckte Brutpaare beziehen, ist eine spannende Frage.
Im Mai kam es im Leinepolder Salzderhelden und seiner engeren Umgebung zu einer für die Heimzugperiode regional beispiellosen Ansammlung von Weißstörchen. Bei ornitho.de wurden bis zu 36 Ind. eingegeben, die von einem lokalen Storchenfreund bei naturgucker.de am 10. Mai mit 46 Ind. noch übertroffen wurden. Eine faktische Neuansiedlung fand jedoch nur am Ortsrand von Lütgenhausen in der Rhumeaue (Landkreis Göttingen) statt.
Derzeit werden alle möglichen Dörfer von einer Allianz aus Jägerschaft, Freiwilliger Feuerwehr und einzelnen Landwirten mit (noch mehr) Nisthilfen bestückt. Wenn sich, wie in Obernfeld geschehen, ein oder zwei Vögel kurzzeitig für das Angebot zu interessieren scheinen, tritt sofort die Tagespresse in Aktion, um die frohe Botschaft vom „Storchenparadies Eichsfeld“ (Göttinger Tageblatt vom 4.5.2012) in die Welt zu posaunen. Aus fachlicher Sicht fast schon makaber anmutend sind die, sicherlich gut gemeinten, Aktionen im Leinetal, z.B. in Groß Schneen und Stockhausen, wo die industrialisierte Landwirtschaft dafür gesorgt hat, dass Grünland nur noch in winzigen Resten zu finden ist und öde Maisschläge zunehmend dominieren. Wie auch immer: zumindest die Nilgans wird sich freuen und die eine oder andere Nisthilfe begeistert in Beschlag nehmen…

Ca. 20 Beobachtungen des Fischadlers liegen vor, darunter eine recht späte vom 5. Juni, einen über den Hohen Hagen/Dransfelder Stadtwald ziehenden Vogel betreffend.

Missing Link, Irrläufer der Evolution oder bedauernswertes Opfer gentechnischer Versuche der Einbecker Bayer-Tochter Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS)? Bei Begegnungen im Landkreis Northeim drängen sich solche Mutmaßungen mitunter auf. Ob sie auch bei einem Riesenvogel angestellt wurden, der am 1. Juni auf einem Scheunendach der Domäne Wetze bei Northeim saß, muss offen bleiben. Die Herkunft des Fabelwesens, das sich als zweijähriger Bartgeier (A. Engel) entpuppte, konnte schnell geklärt werden. Es handelte sich um das Weibchen „Scadella“ aus einem andalusischen Nachzuchtprogramm. Sie wurde 2011 in der Schweiz ausgewildert und mit einem Sender versehen. Ende Mai 2012 unternahm sie, von zwei oder drei Flügelschlägen pro Tag angetrieben, eine gemächliche Tour d’Horizon über Süd-, Mittel- und Westdeutschland. Am 9. Juni war sie wieder im sicheren Hafen Schweiz. Ein Foto und Näheres zu dem mobilen Vogel findet sich unter der Adresse www.nwo-avi.com.

Männliche Wiesenweihen begeisterten die Beobachter am 29. April über dem Kerstlingeröder Feld in Göttingen, am 11. Mai in der Feldmark Sattenhausen und am 18. Mai am ehemaligen Grenzstreifen bei Ecklingerode.

Wiesenweihe
Abb. 6: Wiesenweihe bei Ecklingerode Foto: M. Siebner.

Im EU-Vogelschutzgebiet V 19 „Unteres Eichsfeld“ sind in diesem Jahr auf ca. 130 km² 19 Reviere des Rotmilans besetzt, exakt so viele wie im Vorjahr.
Die letzten Rauhfußbussarde aus dem spektakulären Einflug im vergangenen Winter wurden am 10. März im Leinepolder Salzderhelden und in der ersten Aprildekade in der Feldmark östl. Moringen gesehen.
Am 30. April flog ein weiblicher Rotfußfalke über den Seeburger See.
Die Beobachtung eines adulten Eleonorenfalken (höchstwahrscheinlich) der dunklen Morphe am 17. Juni an der Kiesgrube Reinshof (H. Dörrie, M. Drüner) war zwar kurz, aber so eindrücklich, dass die wesentlichen diagnostischen Merkmale erkannt werden konnten. Über die Validität dieses potentiellen Erstnachweises für Süd-Niedersachsen wird die Deutsche Avifaunistische Kommission (DAK) ein abschließendes Urteil fällen.
Die Göttinger Wanderfalken von St. Johannis konnten sich mit mindestens zwei flügge gewordenen Jungvögeln fortpflanzen. Über den Bruterfolg der Paare am Fernsehturm auf dem Osterberg bei Gö.-Deppoldshausen und im Reinhäuser Wald - dieser Brutplatz ist nach zehn Jahren Uhu-Dominanz wieder besetzt - liegen keine Angaben vor.

Wanderfalke
Abb. 7: Junger Wanderfalke in Göttingen Foto: M. Siebner.

Augenscheinlich ist 2012 ein gutes Jahr für den Turmfalken. Dies belegen nicht nur zahlreiche Hinweise auf erfolgreiche Bruten, sondern auch Anrufe besorgter Bürger/innen, die in ihrem engeren Lebensumfeld mit tapsigen, „aus dem Nest gefallenen“ Jungfalken konfrontiert werden. Ihnen wurde in der Regel der Rat zuteil, die nur scheinbar hilflosen Kerlchen auf das nächstgelegene Dach bzw. auf einen entsprechend hohen Ast zu setzen - Hauptsache weit weg von den überall marodierenden Katzen…

In der ersten Märzdekade zogen mehr als 5000 Kraniche über die Region. Danach gingen die Zahlen zurück, der Zug hielt aber noch bis in den April an. In diesem Monat wurde der Leinepolder Salzderhelden auch von bis zu 400 Ind. für mehrere Tage als Rastplatz genutzt. Ende April hielt sich noch die mittlerweile übliche Handvoll zumeist immaturer Vögel dort auf. Am Seeanger zeigten sich, auch dies nicht mehr ungewöhnlich, bis Mitte Mai ein bis zwei Bummelanten. Bemerkenswert spät war jedoch ein Ind. am 28. Mai an der Geschiebesperre.
Am 10. April wurde einem Jäger im Leinepolder Salzderhelden die Beobachtung einer Großtrappe vergönnt, die von einem kleinen Beobachterkreis bestätigt und auch fotografisch belegt werden konnte (Foto bei naturgucker.de). Interessanterweise war der Vogel unberingt, seine Herkunft aus einem der drei ostdeutschen Reservate ist daher nicht zwingend anzunehmen. Vermutlich war es dasselbe Ind., wohl ein vorjähriges Männchen, das am 30. März im nordhessischen Ringgau (Werra-Meißner-Kreis) eine Rast eingelegt hatte (vgl. dazu den Beitrag der HNA).
Im Leinepolder Salzderhelden ließen sich ab Ende Mai bis zu fünf Wachtelkönige vernehmen, die allerdings nur einen Bruchteil der ansässigen Vögel in einem Gebiet ausmachen dürften, das für die Allgemeinheit nicht zugänglich ist.
Rallen gehen manchmal rabiat zu Werke, nicht nur in Neuseeland, wo sich die stämmige Wekaralle einen Namen als berüchtigter Eier- und Jungvogelräuber erarbeitet hat. Auch das heimische Blässhuhn neigt manchmal zu robusten Aktionen. Dies belegt das Foto eines Vogels am Seeburger See, der sich an einem Lachmöwengelege schadlos hält.

Blässhuhn
Abb. 8: Räuberisches Blässhuhn Foto: M. Siebner.

Trotz des brachial vorgenommenen Rückschnitts ihrer Lieblingsweide (in der ein Paar jedoch wieder unverdrossen zur Brut schritt) ist die Brutsaison für die zwei bis drei Paare des Teichhuhns im Göttinger Levin-Park bislang gut verlaufen. Ca. 12 Junge aus vier Bruten, darunter eine Schachtelbrut, rennen und schwimmen frohgemut und immer hungrig der Selbständigkeit entgegen. Auch anderswo in der Stadt scheint die Art, nach Jahren des schleichenden Rückgangs, wieder vergleichsweise gut vertreten zu sein. Am Rückhaltebecken in Grone und auf dem Friedhof Junkerberg fanden erfolgreiche Bruten statt, im Pfingstanger herrscht Brutverdacht und am Kiessee sowie an der Leine im südlichen Stadtgebiet sind insgesamt mindestens sechs (heimliche) Paare präsent. Der über viele Jahrzehnte besetzte Brutplatz auf dem Stadtfriedhof ist hingegen immer noch verwaist, weil mit der Ufervegetation des kleinen Teichs ähnlich rücksichtslos verfahren wurde wie mit der Weide im Levin-Park.

Teichhuhn
Abb. 9: Dem Fachdienst Stadtgrün wacker trotzend:
Brütendes Teichhuhn im Levin-Park. Foto: M. Drüner.

Ein Austernfischer beehrte am 4. April den Seeanger nur kurz. Am 19. April rasteten drei Säbelschnäbler an der Geschiebesperre Hollenstedt. Ein Einzelvogel sorgte am 21. April am Seeburger See für den lokalen Erstnachweis, um sich danach für zwei Tage im Seeanger aufzuhalten.
Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der Kiebitz endgültig als Brutvogel aus dem Landkreis Göttingen verschwunden ist. Die einzige Brut, auf einem kahlen Maisacker nahe dem Seeanger, wurde nach Regenfällen vor dem 5. Mai aufgegeben. Ob ein reviertreues Paar in der Feldmark Wollbrandshausen sich fortpflanzen konnte, bleibt ungewiss. Im Seeanger selbst ist die Vegetation mittlerweile auf den meisten Flächen zu hoch und zu dicht für das Brüten.
Wie es scheint konnte sich der Flussregenpfeifer nur auf der Glunz-Brache im Gö.-Groner Industriegebiet fortpflanzen. Dort hatten zwei Paare Schlupferfolg, (mindestens) ein Jungvogel erreichte die Flugfähigkeit. Die „Renaturierungsflächen“ im kanalisierten Leinebett und die Kiesaufschüttungen an der „Meyerwarft“ südl. des Kiessees wurden mehrfach von interessierten Vögeln aufgesucht; ihre Verweildauer fiel jedoch immer nur sehr kurz aus, weil sie dem regen Besucherverkehr von Mensch und Hund weichen mussten. Ein Brutversuch an den ehem. Tongruben Siekgraben scheiterte. An der Kiesgrube Reinshof balzten bis zu zwei Paare, im Steinbruch bei Emmenhausen eins und an der Geschiebesperre Hollenstedt bis zu drei. Sie alle blieben erfolglos (das Emmenhauser Paar wurde nicht kontrolliert).
Mögliche Gelege an der Geschiebesperre dürften den Regenfällen in der ersten Maidekade, die den Wasserstand schnell steigen ließen, zum Opfer gefallen sein. Die von lokalen Vogelfreunden landseitig angelegten kleinen Kiesbänke konnten ihren gut gemeinten Zweck nicht erfüllen, weil schneller Pflanzenbewuchs sie für die auf Freiflächen angewiesenen Trippelbrüder entwertete.
Obwohl einige (potentielle bzw. jahrweise besetzte) Brutplätze wie die Kiesgrube Ballertasche, die Kiesgrube Angerstein, der Steinbruch bei Elvese oder der Northeimer Freizeitsee nicht auf Brutvorkommen untersucht wurden, fällt das Ergebnis äußerst mager aus und lässt die Zukunft der regionalen Brutpopulation in einem düsteren Licht erscheinen.

Flussregenpfeifer
Abb. 10: Diesj. Flussregenpfeifer an der Kiesgrube Reinshof,
dort leider nicht erbrütet Foto: M. Siebner.

Am 18. Mai wurde ein nachts über Ebergötzen gehörter Flugruf dem in Niedersachsen nicht mehr meldepflichtigen Mornellregenpfeifer zugeschrieben.
Am 23. März, d.h. für diese Art recht früh, hielt sich ein rastender Regenbrachvogel im Leinepolder Salzderhelden auf. Ihm folgten am 13. April Einzelvögel im Seeanger und an der Kiesgrube Reinshof sowie zwei Ind. am 25. April an der Geschiebesperre Hollenstedt. Den späten Heimzug-Schlusspunkt setzte ein Ind. am 15. Mai am Seeburger See.
Im März/April verweilten bis zu fünf Uferschnepfen im Leinepolder.
Aus dem Solling (z.B. nahe Winnefeld und dem Neuen Teich) liegen Beobachtungen von bis zu vier balzenden Männchen der Waldschnepfe vor. Im Landkreis Göttingen konnte das Vorkommen im Bramwald (bis zu zwei balzende M. an der Langen Bahn) bestätigt werden.
Der Leinepolder Salzderhelden stellte in der diesjährigen Heimzugperiode einen optimalen Rastlebensraum für verschiedene Limikolenarten dar, allen voran die Bekassine, die am 6.4. mit mindestens 200 Ind. gut vertreten war. Im Mai zelebrierten balzende Einzelmännchen dort ihr eindrucksvolles Flugritual. Dagegen gab es am Seeanger erneut keine Anzeichen für eine Brutansiedlung. Grund dafür ist, trotz eines recht hohen Wasserstands, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Verdichtung der bodennahen Vegetation, die diesem Wiesenvogel abträglich ist. Hinzu kommt vermutlich ein gestiegener Prädationsdruck, der gerade bei wiedervernässten Gebieten in Insellage unausweichlich zu sein scheint.
Ein Teichwasserläufer im Prachtkleid, der sich bereits am 8. April, dem frühesten jemals in Deutschland dokumentierten Heimzugdatum, an der Geschiebesperre Hollenstedt eingefunden hatte, blieb dort drei Tage und ließ sich von vielen Beobachter/innen bestaunen.

Teichwasserläufer
Abb. 11: Teichwasserläufer an der Geschiebesperre Hollenstedt Foto: W. Kühn.

Ein prächtig gewandeter Steinwälzer verlieh der Kiesgrube Reinshof am 15. Juni den ihr gebührenden Glanz und konnte optimal abgelichtet werden.

Steinwälzer
Abb. 12: Steinwälzer an der Kiesgrube Reinshof Foto: M. Siebner

Sanderlinge traten am 29. April einzeln und am 6. Mai zu zweit an der Geschiebesperre Hollenstedt auf.

Eine Zwergmöwe, die am 27. April mit drei Artgenossen über dem Seeburger See umherflog, sorgte bei den Beobachtern anfänglich für Irritationen. Sie trug nämlich das sehr seltene, weithin unbekannte erste Winterkleid mit dunklen Flügeldecken. Solche Vögel können auch erfahrene Beobachter ins Bockshorn jagen, weil sie andere Möwen- oder Seevogelarten vortäuschen.

Zwergmöwe
Abb. 13: Zwergmöwe mit einfarbig dunklen Flügeln am Seeburger See
Foto: M. Schuck.

Derzeit brüten am Seeburger See maximal drei Paare der Lachmöwe auf vorgelagerten Seggenbülten und Teichrosen. Die Kolonie am Lutteranger ist, trotz lärmender Brutvorbereitungen, wieder einmal verwaist.
Schwarzkopfmöwen machten sich eher rar, denn es liegen nur Beobachtungen eines Altvogels vom 3. Mai an der Geschiebesperre Hollenstedt und eines ins erste Sommerkleid mausernden Ind. vom 31. Mai am Seeburger See vor.
Je eine Mittelmeermöwe im zweiten Kalenderjahr ließ sich am 29. Mai auf dem Göttinger Kiessee und am 7. Juni am Seeburger See blicken.

Der süd-niedersächsische Frühling 2012 präsentierte sich nicht nur als bemerkenswertes Reiher-Spektakel - auch die Seeschwalben waren mit einem Gutteil ihrer in Mitteleuropa vorkommenden Arten vertreten.
Der Reigen wird von einer Zwergseeschwalbe eröffnet, die am 12. Mai über dem Seeburger See ihre Kreise zog.
Vom 5. bis 7. Mai hielten sich ebenda zwei Weißbart-Seeschwalben auf (immer dieselben?). Ihnen folgte am 10. und 12. Mai ein Einzelvogel. Am 21. Juni fanden sich erneut zwei Ind. ein.

WBSS
Abb. 14: Weißbart-Seeschwalbe am Seeburger See Foto: M. Siebner.

Einzelne Weißflügel-Seeschwalben schmückten das Eichsfeldmeer am 1. und 17. Mai, gleich vier waren es am 14. Juni.
Trauerseeschwalben erreichten am 10. Mai ebendort mit nicht gerade üppigen 15 Ind. das Maximum.
Flussseeschwalben traten am Seeburger See vergleichsweise zahlreich auf. Vom 24. bis 25. April hielt sich ein Ind. dort auf, ein weiterer Vogel am 30. dieses Monats. Zwei Ind. waren es am 7. und 8. und bis zu vier vom 10. bis 12. Mai. Am 17. und 18. Mai gab sich ein Einzelvogel die Ehre, dem am 17. Juni zwei Ind. folgten. Den (vorläufigen) Schlusspunkt setzte ein Ind. am 22. Juni am Göttinger Kiessee, wo die Art eine mittlere Rarität ist. Bei ca. 12 Ind. kann man fast von einem Einflug sprechen.

Fussseeschwalbe
Abb. 15: Flussseeschwalbe am Seeburger See Foto: M. Siebner.

Dagegen liegen (nur) drei Beobachtungen einzelner Küstenseeschwalben vor, und zwar vom 6. Mai von der Geschiebesperre Hollenstedt sowie, recht spät für diese Art, vom 14. und 19. Juni vom Seeburger See.

Von der Türkentaube gibt es aus dem engeren Göttinger Stadtgebiet weniger als 15 Beobachtungen, von denen sich zudem etliche nur auf ein bis zwei Vögel im Bereich Rosdorfer Weg/Klinkerfuesstraße beziehen. Hinweise auf Vorkommen von Einzelpaaren liegen aus Geismar und Grone sowie aus der Nord- und Weststadt vor. Damit zeichnet sich ab, dass der Brutbestand wahrscheinlich nur noch aus fünf bis sechs Paaren bestehen könnte. Wenn der Niedergang anhält, kann man diesem seit ca. 50 Jahren in Göttingen ansässigen Neubürger bald nur noch ein elegisches „Güle, güle“ nachrufen…
Von der Turteltaube wurden ganze zehn Sichtungen bzw. akustische Gesangswahrnehmungen bekannt, die sich im wesentlichen auf die wenigen Offenflächen und Lichtwaldhabitate der großen Waldgebiete Kaufunger Wald, Bramwald, Reinhäuser Wald und Solling beziehen. Mit Ausnahme eines Paars bei Dassel am 7. Juni gerieten nur Einzelvögel ins Blickfeld.

Auf dem Plateau des Reinhäuser Walds nahe der Hesse-Straße ließ sich am 26. Februar und am 4. März ein singendes Männchen des Rauhfußkauzes vernehmen. Zwischen den beiden Rufplätzen liegen ca. 1000 m. Ob es sich um einen oder zwei Sänger gehandelt hat muss offen bleiben. Spätere Kontrollen verliefen erfolglos. Immerhin liegt jetzt für dieses Waldgebiet der erste, lange überfällige Nachweis vor.
In dem oben genannten Bereich des Reinhäuser Walds waren zwei Reviere des Sperlingskauzes besetzt, im Umfeld des Hurkutsteins möglicherweise sogar ein drittes. Mindestens eine Brut scheint erfolgreich verlaufen zu sein.
Der mittlerweile traditionelle Brutplatz der Waldohreule im Göttinger Stadtteil Treuenhagen war wieder besetzt. Erfolgreiche Bruten konnten auch in der Gö.-Weender Feldmark nördl. der Otto-Hahn-Straße und in Ballenhausen dokumentiert werden. Im Tegeler Weg (Lohberg oberhalb von Geismar) rief am 1. April ein Männchen.

Waldohreule
Abb. 16: Junge Waldohreule in Treuenhagen Foto: M. Siebner.

In der ersten Aprilwoche wurde in der Feldmark östl. Moringen noch eine Sumpfohreule gesehen. Zum Beginn ihrer Brutzeit ließen sich im Reinhäuser Wald bisweilen rufende Uhus vernehmen. Zur Fortpflanzung scheint es aber nicht gekommen zu sein, zumindest nicht am traditionellen Brutplatz, der später vom Wanderfalken besetzt war.

Um den regionalen Brutbestand des Eisvogels ist es nach drei nicht gerade milden Wintern schlecht bestellt. Die weitaus meisten Beobachtungen betreffen einen Einzelvogel im Göttinger Süden. Nur am 1. April wurden an der Alten Rosdorfer Tongrube zwei Ind. gesehen, die später wieder verschwunden waren. Immerhin: Der traditionelle Brutplatz an der Hahle bei Mingerode ist wieder besetzt.

Am 30. Mai überflog ein Trupp von zehn Bienenfressern das Göttinger Industriegebiet Richtung Südost. Damit liegt der vierte Nachweis für das Göttinger Stadtgebiet seit 1997 vor. 2001 rasteten, ebenfalls am 30. Mai, sogar 11 Ind. für kurze Zeit in einem Neubaugebiet in Nikolausberg.

Heimziehende Wiedehopfe faszinierten die Beobachter am 26. und 27. April im Göttinger Neuen Botanischen Garten sowie am 27. April am Steinberg oberhalb des Seeangers.

Anders als im vergangenen Jahr, als dort ab April keine Beobachtungen mehr erfolgten, ist auf dem Kerstlingeröder Feld wieder ein im Duett singendes Wendehals-Paar dauerhaft präsent.
Im April/Mai wurde nahe dem ehem. Steinbruch oberhalb der Garte südl. von Göttingen jeweils über mehrere Tage ein singender Vogel vernommen. Eine Wiederbesetzung dieses historischen Brutplatzes ist jedoch eher unwahrscheinlich, denn nach dem 13. Mai herrschte dort Stille.
Dagegen verhielt sich ein Sänger in Hausgärten an der Holtenser Landstraße in Göttingen ausgesprochen standortsfest - er sang dort vom 21. Mai bis zum 15. Juni praktisch ununterbrochen. Ob sich schlussendlich noch ein Weibchen gefunden hat, das dem Leierzwang ein Ende setzte und die geplagten Anwohner aufatmen ließ, ist eher unwahrscheinlich, zumal in einem derart suboptimalen Lebensraum.
Singende Rastvögel hielten sich am Göttinger Kiessee, an der ehem. Bauschuttdeponie Gö.-Geismar, im Levin-Park, bei Waake und am Seeburger See auf.
Im eichenreichen NSG „Ossenberg – Fehrenbusch“ bei Dransfeld wurden am 10. April fünf rufende Mittelspechte registriert. Bei früheren Erfassungen konnte die Art dort nicht festgestellt werden, so dass wohl von einer Neuansiedlung auszugehen ist.
Südl. des Göttinger Flüthewehrs fand eine Brut des Kleinspechts statt. Kleinspechte verhalten sich aus Gründen der Vermeidung von Prädation z.B. durch den räuberischen Buntspecht während der Brut sehr heimlich. Daher liegen aus der Region nur wenige Nachweise dieser Art vor.

Auf dem Heimzug singende Pirole erfreuten die Beobachter am 17. Mai am Birkenberg bei Kerstlingerode, am 18. Mai im Lohholz bei Mingerode, am 25. Mai an der Geschiebesperre Hollenstedt sowie am 2. Juni am fast schon traditionellen Rastplatz an der Rasemündung südl. des Göttinger Flüthewehrs.

Eine am 8. Juni durchgeführte Zählung von Neuntötern auf dem Kerstlingeröder Feld (Göttinger Stadtgebiet) ergab bemerkenswerte 21 revieranzeigende Männchen und acht Weibchen. Das Ergebnis übertrifft die sieben M. und zwei W. aus dem sehr schlechten Vorjahr deutlich und liegt nur knapp unter der bisherigen Höchstzahl von 22 M. aus dem Jahr 2008. Der Brutbestand in diesem regionalen Verbreitungsschwerpunkt mit hoher Siedlungsdichte zeichnet sich bis jetzt durch eine langjährige Stabilität aus. Weite Bereiche des Kerstlingeröder Felds sind jedoch mittlerweile stark verbuscht und verfilzt, so dass optimale Bedingungen zur Nahrungsaufnahme am Boden vor allem an den zahlreichen vegetationsarmen Wegen existieren, an denen sich die Brutpaare folgerichtig konzentrieren.
Bis in den April hielten sich noch ca. sieben Raubwürger an ihren Überwinterungsplätzen auf, deren Position der Karte im Bericht über den vergangenen Winter entnommen werden kann. Sehr erfreulich ist ein Brutnachweis aus der Feldmark bei Varlosen, der erste dokumentierte seit 2005 (bei Rüdershausen).

Abseits des regionalen Verbreitungsschwerpunkts Northeimer Kiesteiche werden Bruten der Beutelmeise nur noch selten wahrgenommen. An der Kiesgrube Reinshof hielten sich zwei Paare auf. Der Brutverlauf eines der beiden ließ sich gut dokumentieren. Noch am 30. Mai wurden die schon recht großen Jungvögel im Nest gefüttert. Am 4. Juni hingegen war das Nest verwaist und kein Vogel mehr zu sehen. Wenn die Jungen nicht in der Zwischenzeit ausgeflogen waren, steht zu befürchten, dass sie Anfang Juni einer Kältephase mit Dauerregen zum Opfer gefallen sind.

Beutelmeise
Abb. 17: Nestbauende Beutelmeise an der Kiesgrube Reinshof Foto: W. Kühn.

Der Heimzug der Heidelerche war in der Region ungewöhnlich schwach wahrzunehmen. Aus dem Zeitraum vom 2. bis 16. März existieren ganze fünf Beobachtungen von insgesamt nur 11 Ind.

Vom Waldlaubsänger gelangten, wieder einmal, nur vergleichsweise wenige 15 Beobachtungen zur Kenntnis, die meisten aus der Heimzugperiode. An einer jährlich mehrfach begangenen Zählstrecke im Göttinger Stadtwald gab es keine Anzeichen für eine Revierbesetzung.

Aus der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau und Bilshausen liegen Hinweise auf insgesamt drei Reviere des Schlagschwirls vor. Einzelne Männchen ließen im Mai ihren betörenden Gesang am 17. in der Rhumeaue bei Wollershausen, am 20. und 21. am Seeburger See, nur sehr kurz am 22. am Göttinger Kiessee (seit 1997 der zweite Lokalnachweis) und am 28. in der Elleraue bei Hilkerode erschallen.

Schlagschwirl
Abb. 18: Schlagschwirl am Seeburger See Foto: V. Hesse.

Im Leinepolder Salzderhelden ist wiederum (mindestens) ein Revier des Rohrschwirls besetzt.
In der ersten Maihälfte versetzte ein singender Drosselrohrsänger für mehrere Tage die Wasser- und Schilfflächen des Seeburger Sees in Vibration. Zu einer echten Revierbesetzung scheint es aber nicht gekommen zu sein. Ein singender Rastvogel präsentierte sich am 28. Mai am Göttinger Kiessee.

Von der kleinen Population des Trauerschnäppers im Wildgehege nahe dem Hainholzhof (Göttinger Stadtwald) gibt es, trotz mehrfacher Kontrollen, keine Meldungen. Nachdem der Bestand in den letzten Jahren weiter geschrumpft war, könnte das Vorkommen jetzt endgültig erloschen sein.

Im Leinepolder Salzderhelden schritten (mindestens) zwei Paare des Braunkehlchens zur Brut, mit einiger Wahrscheinlichkeit die einzigen weit und breit.
Das Schwarzkehlchen befindet sich weiterhin im leichten Aufwind. In der Rhumeaue bei Bilshausen waren drei Brutpaare zugegen, von denen bis dato (mindestens) eins erfolgreich war. In der Feldmark südl. Hollenstedt bestand Brutverdacht und an der Geschiebesperre Hollenstedt hielt ein Männchen mit auffällig weißen Oberschwanzdecken von Ende März bis Mitte April ein Revier. Solche auf den ersten Blick an ein Sibirisches Schwarzkehlchen erinnernden Vögel treten in Deutschland mitunter auf, ohne aber echte Sibirjaken mit Westausbreitung zu sein.
Wie anderswo in Deutschland, Helgoland ausgenommen, ist das Rotsternige Blaukehlchen der nordischen bzw. alpinen Nominatform auch in unserer Region eine große Rarität. Seit 1955 existieren nur vier Beobachtungen, darunter eine zweifelhafte vom Wegzug. Ein am 13. Mai in einem Rapsfeld bei Sattenhausen singendes Männchen ist daher als außergewöhnlich einzustufen. Die Avifaunistische Kommission Niedersachen und Bremen (AKNB), bei der alle Wahrnehmungen dieses Taxons zu melden sind, wird eine Beurteilung vornehmen.
Vom Gartenrotschwanz, dessen regionales Vorkommen sich im wesentlichen auf Göttinger Kleingärten konzentriert, liegt ein Brutnachweis aus Potzwenden vor.

Auf dem Kerstlingeröder Feld (Göttinger Stadtgebiet) wurden am 8. Juni 17 revieranzeigende Männchen des Baumpiepers gezählt, genau so viele wie im Vorjahr. Trotz jährlicher Schwankungen, die sich z.B. im guten Jahr 2010 (22 M.) und in den schlechten Jahren 2008 und 2009 (jeweils 11 M.) ausdrücken, scheint der langfristige Bestandsrückgang gegenüber den Anfangsjahren des 21. Jahrhunderts (30 bzw. 31 Rev. 2000 und 2001) evident zu sein. Um dies zweifelsfrei belegen zu können, müsste aber eine gründliche Kartierung mit mehreren Begehungen ab Anfang April vorgenommen werden.
Göttingens winzige Restpopulation von ein bis zwei Brutpaaren des Wiesenpiepers konnte sich in der Feldmark Geismar-Süd mit (mindestens) einer ausgeflogenen Erstbrut reproduzieren. Ansonsten liegen aus dem Landkreis Göttingen nur drei Brutnachweise aus der Feldmark Sattenhausen und der Leineniederung bei Bovenden vor. Östl. Gieboldehausen gab es starken Brutverdacht von bis zu drei Paaren, in der Feldmark Wollbrandshausen war zumindest ein Revier besetzt.
Vom Brachpieper wurden für den Zeitraum vom 1. bis 13. Mai (nur) drei Beobachtungen rastender Einzelvögel übermittelt, zwei aus den Feldmarken Sattenhausen und Landolfshausen sowie eine beim Birdrace (Team „Gänsewiesel“) an den ehem. Tongruben Siekgraben.

Von dem in Nordwesteuropa vorkommenden Taxon aus dem Schafstelzenkomplex, der Gelbkopf-Schafstelze, liegen zwei Beobachtungen vor, eine vom 16. April an der Geschiebesperre Hollenstedt und eine vom 7. Mai aus dem Leinepolder Salzderhelden.

Schafstelze
Abb. 19: Gelbkopf-Schafstelze im Leinepolder Foto: T. Matthies.

Am 29. Mai wurde ein Beobachter am Göttinger Kiessee durch einen Karmingimpel aufgeschreckt, der für kurze Zeit im Weidendickicht am Südufer sang. Nach Anerkennung durch die AKNB wäre dies der erste dokumentierte Nachweis für das Göttinger Stadtgebiet.

Am 1. Mai schmückten drei Ortolane die Feldmark Landolfshausen.

Mit dieser attraktiven Ammernart schließt der Bericht. Er stützt sich im wesentlichen auf Meldungen in der regionalen Newsgroup avigoe.de und der bundesweiten Datenbank ornitho.de. Seit der Inbetriebnahme im Oktober 2011 ist der Nutzerkreis von ornitho aus Stadt und Landkreis Göttingen auf mehr als 60 Beobachter/innen angewachsen, die bisher mehr als 21.000 Datensätze beisteuern konnten. Stellvertretend für alle geht ein Dank an die Melder: P.H. Barthel, B. Bierwisch, S. Böhner, G. Brunken, J. Bryant, T. Chrost, L. Demant, M. Deutsch, H. Dörrie, K. Dornfeldt, K. Dornieden, M. Drüner, J. Dyczkowski, M. Fichtler, J. Fleischfresser, M. Geb, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, C. Grüneberg, W. Haase, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, K. Jünemann, H.-A. Kerl, J. Kirchner, G. Köhler, V. Lipka, T. Matthies, T. Meineke, M. Otten, S. Paul, B. Preuschhof, D. Radde, H. Schmidt, A. Schröter, M. Schuck, M. Siebner, S. Stadtmann, F. Steinmeyer, K. Stey, A. Stumpner und D. Wucherpfennig.

Hans-Heinrich Dörrie

Juni 24th, 2012

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