Archiv

Heimzug und Brutzeit 2017 in Süd-Niedersachsen – (fast) alles schon mal da gewesen?

Wiedehopf - M.Siebner
Abb. 1: Wiedehopf im Göttinger Westen. Foto: M. Siebner

Unter dem knapp 2000 Jahre alten, hier leicht veränderten Sinnspruch des weisen Rabbi Ben Akiba wird im Folgenden ein kleiner Einblick in das süd-niedersächsische Vogelleben gegeben. Wie immer gibt es neben vielen Schattenseiten auch ein paar Lichtblicke. Sie alle zu dokumentieren ist das nüchterne Metier seriöser Avifaunistik. Wohl dem, der sich heute noch, animiert von der beschaulichen Devise “Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl’ die heit’ren Stunden nur“, in die Natur begibt. Sich darüber zu erheben oder gar lustig zu machen, ist völlig verfehlt: Bisweilen muss auch der abgeklärteste Vogelkundler - etwa nach der Durchquerung einer mit monströsen Windrädern zugestellten, güllegesättigten Glyphosat-Wüstenei - zu Stimmungsaufhellern greifen, wenn er seinen Seelenfrieden bewahren will. Trost spendende Kalendersprüche zählen dabei sicher zu den harmloseren Substanzen

Das Wetter im Berichtszeitraum März bis Juni wies zwei Besonderheiten auf: Einem mit ca. 3,5°C über dem langjährigen Mittel sehr warmen März (vielleicht der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen) folgte eine ungewöhnlich kalte zweite Aprilhälfte, mit Nachtfrösten in überdurchschnittlicher Zahl. Mai und (warmer) Juni verliefen ohne besondere Vorkommnisse, mit einer Ausnahme: Am 22. Juni tobte sich südlich von Göttingen ein Unwetter mit Starkregen und lokalem Hagelschlag aus. Verglichen mit anderen Teilen Niedersachsens ging es aber eher gemäßigt zu. Insgesamt war es, bis auf die zweite Junihälfte, wieder einmal recht trocken.

Zugphänologische Ausreißer waren dünn gesät: Am 14. April ließ sich im Leinepolder Salzderhelden ein Wachtelkönig vernehmen, für diesen ausgeprägten Spätheimkehrer fast ein Winterdatum. Wohl derselbe Vogel knarrte dort auch am 20. des Monats, so dass von einer extrem frühen Revierbesetzung ausgegangen werden kann. Am 10. April rief ein früher Kuckuck an den Northeimer Kiesteichen, der zweite am 21. des Monats ebenda. 2015 war es ganz ähnlich (am 9.4. im Leinepolder und am 21.4. bei Diemarden). Die zeitlichen Abstände von elf bzw. zwölf Tagen (für den Heimzug, bei dem es schnell gehen muss, eine lange Spanne!) zeigen, dass Erstbeobachtungen nicht überinterpretiert werden sollten. Noch ausgeprägter war die Kluft zwischen Erst- und Zweitbeobachtung bei einem anderen Weitstreckenzieher: Am 5. März flog eine Rauchschwalbe in der Leineniederung nördlich von Northeim umher. Dann vergingen drei Wochen, bis sich am 26. März am Göttinger Kiessee die zweite zeigte. Leicht verfrüht trafen Waldlaubsänger ab dem 10. April ein. Ein Braunkehlchen machte bereits am 1. April im Leinepolder auf sich aufmerksam. Die zweite Beobachtung erfolgte zwölf Tage später am Northeimer Freizeitsee. Bei der Nachtigall scheint sich hingegen der Trend zur früheren Heimkehr zu verfestigen: Am 10. April sang an den Northeimer Kiesteichen ein Männchen, dem sich in den Tagen danach weitere Mitbewerber an die Fersen hefteten.

Im Leinepolder (einem über die Jahrzehnte nur sehr unregelmäßig genutzten Brutplatz) verlief eine von zwei Bruten des Höckerschwans mit vier Jungvögeln erfolgreich. Am Böllestau bei Hollenstedt schlüpften sechs Jungschwäne. In Göttingen waren die traditionellen Paare im Levin-Park (anfangs acht Kleine, darunter drei weiße immutabilis, von denen eines später verschwunden war), im Rückhaltebecken Gö.-Grone (anfangs sieben Küken, darunter vier immutabilis, eines später verschwunden) und am Kiessee (sechs Jungvögel, bis dato ohne Verluste) erfolgreich. Der Brutplatz am Wendebachstau bei Reinhausen war erstmals seit 2011 (danach wurde das Gewässer für den Hochwasserschutz umgestaltet) wieder besetzt (fünf Jungvögel, ein immutabilis). An der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden schritten zwei Paare zur Brut. Eins war erfolglos, das andere saß Ende Juni noch auf dem Nest.
Der letzte Singschwan des Northeimer Winterbestands war nach dem 24. März verschwunden.

Im Mai trat ein Ereignis ein, dem wohl nur ein sehr überschaubarer Beobachterkreis entgegen gefiebert haben dürfte: Im Lutteranger zeigte ein Paar Kanadagänse mit zwei Küken den ersten regionalen Brutnachweis an. Der Nachwuchs war nach dem 28. des Monats über Wochen nicht mehr auszumachen. Mitte Juli jedoch demonstrierte, vorausschickend angemerkt, ein großer Jungvogel in Begleitung eines Elternteils den vergleichsweise guten Ausgang der Erstansiedlung.

Kanadagans - M.Göpfert
Abb. 2: Neu für die Region: Kanadagans-Familie im Lutteranger. Foto: M. Göpfert

Eine Weißwangengans (eventuell aus dem Dreiertrupp im März im Leinepolder) verweilte bis in den Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt.
Eine mit einer Graugans vergesellschaftete Tundrasaatgans hielt es bis Ende April an der Kiesgrube Ballertasche aus. Im Leinepolder übersommert eine Blässgans im 2. Kalenderjahr.
Als neu gemeldete Brutplätze der Graugans können die kleinen Gewässer (und das Dach des Raucherpavillons der Asklepios-Klinik) bei Tiefenbrunn mit vier Paaren verbucht werden. An der Tongrube bei Parensen hat sich die Art ebenfalls angesiedelt. Baumbruten wie in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau kommen immer wieder mal vor. Als Besonderheit kann vermerkt werden, dass im Seeanger in dieser Saison nur ein (spätes) Brutpaar mit zwei Kleinen, die ab dem 29. Mai gesehen wurden, erfolgreich war. Ungewohnt positiv verlief eine Brut im Levin-Park: Ein Jungvogel erreichte, dank der ungewohnten Milde des ansässigen Höckerschwan-Männchens mit Terrorpotential, die Selbständigkeit.
Am Göttinger Kiessee brachten 14 Paare ca. 50 Junge zum Schlüpfen. In den Wochen danach halbierte sich diese Zahl auf 25. Hohe Jungenverluste sind beim Wassergeflügel nicht ungewöhnlich. Die Ursachen für den Schwund (der z.B. an den Brutplätzen am Northeimer Freizeitsee oder an der Geschiebesperre in diesem Ausmaß nicht konstatiert wurde) müssen offen bleiben. Rücksichtsloses Verhalten mancher Spaziergänger/innen, vor allem in Gesellschaft unangeleinter Hunde, und Prädatoren (von der kleinen Wanderratte über schuppige Unterwasserräuber bis zum großen Graureiher) haben sicher ihren Teil dazu beigetragen.
Am 11. und 12. Mai rastete ein markierter Gast mit gelbem Halsring und der Aufschrift D050 an der Geschiebesperre.

Erfolgreiche Bruten der Nilgans gibt es bis dato an der Leine bei Salzderhelden (vier Kleine), an der Geschiebesperre (eine mit anfangs drei, später zwei Gösseln, die andere mit zunächst zehn, später nur noch fünf oder sechs – ein Jungvogel wurde von Kolkraben erbeutet, ohne dass die eigentlich wehrhaften Altvögel einschritten), an Fischteichen an der Bölle nördlich vom Gut Wickershausen (sieben Kleine), am Levin-Park (sechs), südlich von Klein Lengden in einem Rotmilannest (mindestens zwei), am Wendebachstau bei Reinhausen (drei) und an der Sandgrube Meensen (fünf, später nur noch zwei). Acht Bruten sind wohl kaum dazu angetan, die von Jägern, Landwirten und anderen uneigennützigen Verteidigern einer kerndeutschen Vogelwelt entfachte Hysterie um diesen Neubürger zu befeuern.

Nilgans - M.Siebner
Abb. 3: Nilgansbrut im Levin-Park. Foto: M. Siebner

Das Maximum der Brandgans liegt kurioserweise vom Kiessee vor: Am Morgen des 23. Juni suchten vier Vögel das Weite.
Bis zu drei Rostgänse hielten sich bis in den Juni in verschiedenen Feuchtgebieten der Region auf.

Zu den Heimzug-Rastbeständen von Gründel- und Tauchenten liegen keine Daten vor, die den herkömmlichen Rahmen überschreiten.
Das im Winter am Seeanger und Seeburger See präsente Männchen der Mandarinente wurde dort nach dem 26. März nicht mehr gesehen. Zu ihm hätte (theoretisch) ein Weibchen gepasst, das im Juni auf einem kleinen Gewässer in Moringen dümpelte.
Balzende Schnatterenten sind im Seeanger nicht ungewöhnlich. Dieses Jahr wurde ernst gemacht: Ab dem 25. Juni präsentierte eine stolze Mutter mit neun sehr agilen Kleinen den ersten Brutnachweis für den Landkreis Göttingen.
Wie festgezurrt wirkte ein sehr ortsfestes Männchen der Spießente, das sich vom 15. März bis 26. April auf der Leine in der Göttinger Weststadt aufhielt. Der Vogel war aber offenkundig gesund bzw. nicht (wesentlich) behindert.
Der aus dem Vorbericht bekannte Trupp aus sechs Kolbenenten (vier Männchen, zwei Weibchen) am Seeburger See reduzierte sich bis zum 5. März auf drei Vögel. Am 15. März legte ein Paar auf dem Kiessee eine kurze Rast ein. Ein Weibchen fand den Seeanger vom 7. April bis zum 9. Mai offenbar sehr kommod.
Am 9. März rastete eine männliche Moorente auf dem Kiessee. Der Vogel war farbmarkiert („YB“) und entstammte dem Auswilderungsprojekt am Steinhuder Meer, wo er am 9. August 2016 entlassen wurde. Sein Ring konnte im Oktober am Möhnesee/NRW und im Dezember bei Grigny südlich von Paris abgelesen werden. Bemerkenswert ist nicht nur, dass er, obwohl aus einer Volierenzucht stammend, ein arttypisches Wegzugverhalten mit Südwest-Disposition zeigte, sondern auch, dass er den Flinten unserer schießwütigen Nachbarn auf heilen Flügeln entkommen konnte. Dieses Glück wurde einem als Reiherente bestimmten Steinhuder Weibchen, das 2012 in Frankreich geschossen wurde, leider nicht zuteil (vgl. Melles & Brandt 2016). Damit liegt der erste Nachweis eines unversehrten Rückkehrers mit Auslandserfahrung vor.

Moorente - M.Göpfert
Abb. 4: Moorente am Göttinger Kiessee. Foto: M. Göpfert

Am 5. März lieferten außergewöhnliche 19 Bergenten am Northeimer Freizeitsee einen neuen Regionalrekord. Die bisherige Höchstzahl stammt mit 18 Vögeln aus dem November 1988 vom Seeburger See. Das Auftreten passt gut zu den hohen Zahlen, die im vergangenen Winter aus Süddeutschland bekannt wurden.
Die aus dem Vorbericht bekannte weibliche Samtente hatte den Northeimer Freizeitsee nach dem 4. März verlassen. Ihr folgten vom 11. bis 26. April drei (wohl vorjährige) Männchen an den Northeimer Kiesteichen.

Am 13. und 14. April präsentierte sich ein Paar Mittelsäger am Seeburger See als kleine Dauerschläferzelle. Schlicht ging es vom 23. April bis zum 3. Mai am Freizeitsee mit einem Weibchen zu, dem sich am 4. und 5. Mai eine Artgenossin zugesellte.

Bei der diesjährigen Kartierung rufender Rebhühner im Göttinger Ostkreis gerieten 218 Vögel (mit Zusatztransekten, die 2017 erstmals bearbeitet wurden, 232 Vögel) zu Gehör. Im Vorjahr waren es 238. Insgesamt kann der Bestand als stabil eingestuft werden. Wiederum gab es starke lokale Schwankungen: Am Hotspot Feldmark Geismar-Süd riefen nur 12 Hähne (vor zwei Jahren noch 62!), während der Bestand in der auf weiten Strecken apokalyptisch anmutenden Feldmark Gieboldehausen - Wollbrandshausen von 29 auf 51 Hähne stieg. Im Seeanger und seinem Umfeld zeigten 13 ziemlich aus dem Rahmen fallende Rufer nach Jahren des Fehlens einen gleichermaßen beachtlichen wie unerklärlichen Zuwachs an. Auch am südlichen Göttinger Stadtrand (südlich der Drachenwiese, bisweilen sogar auf der Erweiterungsfläche am Kiessee) lassen sich wieder Rebhühner blicken. Die lokalen Schwankungen können unter anderem mit einzelnen Prädatoren erklärt werden, die sich auf die Hühnchen spezialisiert haben, z.B. ein Habicht am Diemardener Berg oder ein Uhu in der Feldmark Nesselröden. Umso wichtiger sind Schutzprojekte auf großer Fläche, die solche Schwankungen ausgleichen können.

Rebhuhn - A.Stumpner
Abb. 5: Gelege frisch abgemäht? Rebhuhn bei Bovenden. Foto: A. Stumpner

Einzelne Männchen des Fasans gerieten am Seeburger See und in der Rhumeaue bei Wollershausen zu Gehör.

Solitäre Rothalstaucher hielten sich am 11. April am Seeburger See und am 17. Mai an den Northeimer Kiesteichen auf.
Zwei Ohrentaucher, die ab und an ihren Balztanz zelebrierten, gaben sich vom 13. bis 20. April am Seeburger See recht lange die Ehre.
Schwarzhalstaucher waren am Seeburger See in guter Zahl über den gesamten Berichtszeitraum präsent und erreichten am 6. Mai mit 29 Ind. ein bemerkenswertes Maximum. Über die beiden anderen Lappentaucherarten wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.

Auf der Suche nach einem Kleinspecht im dichten Baumbestand der Insel im Kiessee wurde am 13. März ein scharfäugiger Beobachter eines Vogels gewahr, der etwas größer ausfiel als die Zielart: Eine Rohrdommel stand, gut verborgen, in stoischer Gelassenheit auf einem Ast, bisweilen auch in der bekannten Pfahlstellung. Gegen Abend verließ der aus lokaler Sicht sehr seltene Gast, von dem es nur noch einen Nachweis vom März 2003 (ebenfalls im Geäst der Insel) gibt, rufend das Gebiet.

Rohrdommel - M.Siebner
Abb. 6: Insulare Rohrdommel am Kiessee. Foto: M. Siebner

Die kleine Graureiher-Kolonie am Sultmer bei Northeim bestand in diesem Jahr aus mindestens vier Paaren mit Schlupferfolg.
Die Göttinger Population konzentrierte sich wie im vergangenen Jahr auf eine große mistelreiche Hybridpappel an der Nordostecke des Kiessees. Bruten gab es auch in zwei benachbarten Pappeln. Mindestens zwölf Paare brachten ca. 25 Junge zum Ausfliegen. Derzeit sitzen noch mindestens fünf Jungvögel in zwei Nestern. Wenn weiterhin alles gut läuft, werden ca. 30 kleine Reiher selbständig geworden sein, ein gutes Ergebnis. Für das zukünftige Gedeihen der Kolonie sind alle potentiellen Nestbäume (Pappeln) an der Ostseite des Kiessees von hoher Schutzwürdigkeit und dürfen nicht gefällt werden! Im Levin-Park werkelten im April fünf Paare an ihren Nestern, gaben diese Aktivitäten aber auf und siedelten vermutlich an den Kiessee um.

Der regionale Brutbestand des Weißstorchs ist auf epochale 20 Paare gestiegen. Im Landkreis Northeim gab es erfolgreiche Neuansiedlungen am Gut Wiebrechtshausen nahe dem Denkershäuser Teich und bei Lindau, im Landkreis Göttingen bei Bernshausen, wo 1989 ein Paar für eine Saison gebrütet hatte. Der Bruterfolg fiel insgesamt passabel aus (im Schnitt ca. 2,5 Junge pro Paar), nur in Seeburg gab es einen Totalausfall. Ist die spektakuläre Zunahme wirklich auf die „Renaturierung der Biotope“ zurückzuführen, wie im „Göttinger Tageblatt“ vom 22. Juni zu lesen war? Diese steile These wäre einer Überprüfung wert…Ist aber auch egal: In den Augen vieler Naturfreunde ist jetzt, wo der Storch zurück ist, die Welt wieder in Ordnung.

Recht bemerkenswert ist die Übersommerung von bis zu zwei Fischadlern an den Northeimer Kiesteichen.

Fischadler - B.Riedel
Abb. 7: Fischadler an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Der am 24. Juni 2016 im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern freigelassene und besenderte Bartgeier „Lucky“ aus dem Berliner Tiergarten gönnte sich eine ganz erstaunliche (aber nicht untypische) Erkundungsreise über Westeuropa. Am 20. Mai 2017 schaffte er es bis nach Uslar, kehrte dann nach Südosten um, flog über Göttingen immer weiter, bis er nach einem großen Schlenker über Hessen, Nordrhein-Westfalen und Belgien an der Nordspitze der Niederlande anlangte. Von dort ging es über Mittel-/Ostfrankreich und Süddeutschland wieder zurück in die Heimat, mit einem Abstecher nach Slowenien. Damit liegt der zweite Nachweis eines Bartgeiers für Süd-Niedersachsen vor. Der Erstnachweis, das Weibchen „Scadella“ aus der Schweiz, saß am 1. Juni 2012 auf einem Scheunendach der Domäne Wetze bei Northeim. Den zweiten Vogel hat (wohl) niemand gesehen, sein Auftreten erschließt sich nur aus den Daten des Senders. Wer die Reise nachvollziehen möchte kann dies unter www.hohetauern.at tun. Sehr zu empfehlen!

Bis zum 20. April gerieten elf Kornweihen ins Blickfeld, darunter bis zum 20. März das am Bramwaldrand bei Eberhausen überwinternde Männchen und bis zum 26. März ein (?) im Leinepolder überwinterndes Weibchen.
Rekordverdächtige fünf Wiesenweihen (drei Männchen, zwei Weibchen bzw. weibchenfarbene Vögel) zogen im Zeitraum vom 29. April bis 5. Juni über die Region. Zwei weitere Vögel ließen sich als immature Steppen- oder Wiesenweihen bestimmen.
Das traditionelle Brutpaar der Rohrweihe im Osten des (alten) Landkreises Göttingen hatte seinen Nistplatz in diesem Jahr wieder bezogen.
Am 25. März flog ein immaturer Seeadler über den Hochsolling. Vermutlich dieser Vogel sorgte bis zum 28. des Monats im Leinepolder für Aufsehen.

Zwischen dem 10. März und dem 4. Mai konnten drei heimziehende Merline notiert werden.
Am 12. Mai flog ein männlicher Rotfußfalke über dem Kiessee umher, der einzige der Saison und immerhin der erste Lokalnachweis für das beliebteste Göttinger Beobachtungsgebiet.

Rotfussfalke - S.Hörandl
Abb. 8: Rotfußfalke über dem Göttinger Kiessee. Foto: S. Hörandl

Das Göttinger Wanderfalken- Brutpaar auf dem Neuen Rathaus brachte vier Junge zum Ausfliegen, die derzeit mit ihren lautstark inszenierten Bettelflügen die Innenstadt beleben. Das Paar am Fernsehturm bei Gö.-Deppoldshausen begnügte sich mit drei Jungen. Ob bis zu zwei Vögel zum Ende des Berichtszeitraums nur deshalb auf der Duderstädter Oberkirche saßen, um den schönen Blick auf die Fußgängerzone zu genießen, wird sich im kommenden Frühjahr herausstellen…

Im Leinepolder übersommert erneut eine Handvoll Kraniche, darunter immerhin zwei ältere Vögel. Hat der Landkreis Göttingen bei der (überfälligen) Brutansiedlung gegenüber dem Landkreis Northeim den Schnabel vorn? Das könnte sich demnächst erweisen…
Aus dem Leinepolder liegen Hinweise auf weniger als zehn rufende Wachtelkönige vor. Die Rhumeaue zwischen Lindau und Bilshausen war in diesem Frühjahr in vergleichbarer Dichte besiedelt. Bei Wachenhausen sangen sechs Männchen. Ausgerechnet hier hat die Betriebsstelle Süd des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mit dem Landvolk informelle Vereinbarungen zur Beweidung geschlossen. Offenkundig bestand weder ein durchdachtes Konzept noch wurde die Untere Naturschutzbehörde Northeim einbezogen. Und so standen Rinder und Schafe ab Mitte Juni auf eingezäunten Flächen unweit der Rufplätze der Vögel. Fachkundiger Naturschutz - zu dem Beweidungsmaßnahmen durchaus zählen können - sieht wohl anders aus. Im Göttinger Abschnitt der Rhumeaue bei Bilshausen kam es noch verheerender: Hier sollen zwei Altarme wieder mit dem Flusslauf verbunden werden, der zudem auf einem Abschnitt neu durch eine Wiese gelegt wird. Die Baggerarbeiten mit ca. 10.000 m³ Bodenhaushub in einem Naturschutzgebiet wurden in nur 20 Meter Entfernung von Rufplätzen des Wachtelkönigs in Angriff genommen. Die Maßnahmen mögen ja sinnvoll sein - aber dass sie am 14. Juni, also mitten in der Brutzeit der Vögel, mit schwerem Gerät in Szene gesetzt wurden, ist ein klarer Verstoß gegen die gesetzlichen Vorgaben von Natur- und Artenschutz. Jeder private Landbesitzer wäre zu Recht rasiert worden, wenn er auf seinem Grund und Boden dermaßen gewütet hätte…Das „N“ für Naturschutz scheint im Akronym dieses Kompetenzzentrums nicht ohne Grund den letzten Platz einzunehmen.
Am 26. März hüpfte eine Elster in einem Hausgarten in Wiershausen aufgeregt umher und kroch förmlich in die dichte Krautvegetation unter einer Fichte. Ursache des merkwürdigen Verhaltens war kein Wiesel und auch kein Waschbär, sondern – eine Wasserralle. Der wehrhafte Vogel verließ sein Versteck und verscheuchte die Elster. Dieser Vorgang wiederholte sich noch ein Mal. Am Folgetag war die Ralle aus dem Dickicht verschwunden. Wasserrallen sind auf dem Zug, ob havariert oder kerngesund, in Habitaten fernab jedes Gewässers häufiger als man denkt. Davon zeugen auch vergleichsweise viele Totfunde (Scheibenanflüge, Verkehrsopfer, von Katzen erbeutet), manchmal sogar mitten in Großstädten. In der Fotogalerie von ornitho sind etliche dieser bedauernswerten Zivilisationsopfer dokumentiert.

Wasserralle - J.Weiss
Abb. 9: Garten-Wasserralle startet Angriff auf Elster. Foto: J. Weiss

Interessanterweise wurden in diesem Frühjahr die meisten Wasserrallen in der Rhumeaue bei Wollershausen sowie in der Kiesgrube Ballertasche festgestellt. Hier machten sich jeweils bis zu fünf Ind. bemerkbar, während am Seeburger See und Seeanger die Tagessummen nur bei ein bis zwei Ind. lagen.
Bei der diesjährigen landesweiten Erfassung des Tüpfelsumpfhuhns konnten bis dato in den Feuchtgebieten der Region keine Vögel festgestellt werden. Dabei dürfte auch die Trockenheit bis Mitte Juni eine Rolle gespielt haben. Nach Starkregenfällen haben sich die Bedingungen verbessert. Vielleicht gelingt im Juli noch der ein oder andere Brutzeit-Nachweis. Aus dem traditionellen Brutgebiet Leinepolder liegen keine verwertbaren Angaben vor.
Der warme März hat Paare des Teichhuhns zum frühen Brüten animiert. Bereits am 26. April konnten an der Leine im Göttinger Westen drei Pulli notiert werden. Eine weitere Aprilfamilie wurde am 30. aus Bodensee gemeldet. Das Paar auf dem Göttinger Stadtfriedhof trotzte wacker dem durch Eisbruch und menschliches Einwirken verursachten Röhrichtschwund und baute ein exponiertes Schwimmnest. Die Brut verlief erfolgreich. Am Levin-Park ist derzeit nur ein Brutpaar mit einer Schachtelbrut aktiv. Die beiden Jungen aus der ersten Brut beteiligen sich an der Aufzucht ihrer fünf kleinen Geschwister. Am Weendespring, wo sich im letzten Jahr nach langer Abwesenheit wieder ein Paar angesiedelt hat, überlebte bis dato nur einer von fünf Jungvögeln. Ein Paar brütete erfolgreich in der Stahlwand am Flüthewehr, die zum Glück in dieser Zeit nicht vom Schwemmgut gesäubert wurde.

Teichhuhn - M.Siebner
Abb. 10: Erfolgreiche Teichhuhnbrut vom Flüthewehr. Foto: M.Siebner

Der einzige Kiebitzregenpfeifer der Heimzugsaison geriet am 6. Mai im Leinepolder ins Blickfeld des auswärtigen Birdrace-Teams „Partizan Marzipan“.
An der Geschiebesperre Hollenstedt kam es zu drei Kiebitz-Bruten mit insgesamt vier Küken. Zwei Jungvögel wurden flügge, einer fiel einem Rotmilan zum Opfer. Am Seeanger hielten sich zwei balzende Paare auf. Anfang Mai saß ein Altvogel für ein paar Tage auf einem Gelege. Dann wurden die Bemühungen eingestellt oder von Prädatoren zunichte gemacht.
An der Geschiebesperre Hollenstedt hatte eins von zwei bis drei Paaren des Flussregenpfeifers Schlupferfolg. Die beiden Küken waren jedoch nach kurzer Zeit nicht mehr auszumachen. Am Freizeitsee konnte der Brutbestand auf ca. fünf bis sechs Paare beziffert werden, mit mehr als ungewissem Erfolg. An der Kiesgrube Reinshof hatten zwei Paare Schlupferfolg. Während aus der ersten Brut zwei Jungvögel selbständig wurden (zum ersten Mal seit Jahren in diesem Gebiet!), waren die beiden anderen nach dem Unwetter am 22. Juni nicht mehr aufzufinden. An den Northeimer Kiesteichen, auf der Erweiterungsfläche des GVZ III („Göttingens Kalahari“) im Westen der Stadt und in der Kiesgrube Ballertasche bestand Brutverdacht.
Elf Sandregenpfeifer am 14. Mai im Seeanger sind aus regionaler Sicht bemerkenswert viele.

Fluss- und Sandregenpfeifer - M.Siebner
Abb. 11: Im Vergleich: Sand- und Flussregenpfeifer an der Kiesgrube Reinshof.
Foto: M. Siebner

Einzelne Regenbrachvögel machten am 22. April am Freizeitsee und am 27. April an der Geschiebesperre kichernd auf sich aufmerksam. Vom Großen Brachvogel liegen nur zwei Beobachtungen vor. Am 15. April gab es vier Vögel westlich von Gö.-Elliehausen, ein Einzelvogel flog am 19. April über den Seeburger See.
Die einzige Uferschnepfe der Saison wurde am 1. April im Leinepolder gesichtet.
Am 23. und 24. April rastete eine prächtige Pfuhlschnepfe am Freizeitsee bzw. an der Geschiebesperre.

Brutzeitbeobachtungen balzender Waldschnepfen, die sich auf knapp zehn „Paare“ beziehen könnten, liegen aus dem Hochsolling, dem Bramwald bei Eberhausen und aus dem Kaufunger Wald (einschließlich Hühnerfeld) vor. Rastvögel gab es am 14. März im Stockhäuser Bruch und am 21. März auf dem Göttinger Stadtfriedhof.
Das (magere) Maximum der Bekassine wurde mit 25 Vögeln am 31. März im Seeanger erreicht. Im Leinepolder balzten maximal zwei Männchen.
Am 1. März stand eine Zwergschnepfe ungeschützt (im doppelten Wortsinn!) an der Geschiebesperre.

Das Auftreten von Limikolen der Gattung Tringa wies keine Besonderheiten auf. Das Maximum von 31 Bruchwasserläufern (eine gute Indikatorart für geeignete Rastflächen) fiel am 5. Mai im Seeanger eher mager aus.
Sehr bemerkenswert ist ein Waldwasserläufer, der sich für ca. vier Wochen in der Rhumeaue bei Lindau aufhielt und brutverdächtige Verhaltensweisen zeigte. Die letzten Bruthinweise stammen aus den frühen 1990er Jahren von der Geschiebesperre.
Mit 54 Ind. gestaltete sich das Maximum des Kampfläufers am 22. März in Leinepolder nicht gerade berauschend.
Ein harlekinesker Steinwälzer stocherte am 14. Mai an der Kiesgrube Reinshof eifrig im Gänsekot (von diesem Weltenbummler sind noch wesentlich unappetitlichere Substanzen als Nahrung bekannt)…
Aus tiefer binnenländischer Sicht war der Sanderling mit vier Nachweisen gut vertreten. Am 29. April rastete ein schlicht gewandeter Vogel an der Kiesgrube Reinshof. Vom 14. bis 17. Mai tat es ihm ein Artgenosse, der in der Mauser schon etwas weiter war, ebenda nach. Am 15. Mai stand einer an der Geschiebesperre und am 3. Juni zeigte sich ein Vogel im Seeanger im bunten Prachtkleid.
Einzelne Zwergstrandläufer am 7. Mai an der Geschiebesperre und vom 30. bis 31. Mai im Limikolenparadies Reinshof bekräftigten das Bild vom spärlichen Heimzuggast.
Das Maximum von Temminckstrandläufern wurde am 3. Mai mit sieben Vögeln erreicht, und zwar, wie so oft, im Seeanger. An der Kiesgrube Reinshof zeigte sich einer besonders fotogen. Den (systematisch geordneten) Reigen der Calidris-Limikolen beschließen maximal sechs Alpenstrandläufer am 31. März an der Geschiebesperre.

Kiesgrube Reinshof: Treffpunkt für Limikolen und ihre Bewunderer:

Steinwälzer - L.Sebesse
Abb. 12: Steinwälzer. Foto: L. Sebesse

Zwergstrandläufer - M.Siebner
Abb. 13: Zwergstrandläufer. Foto: M. Siebner

Sanderling und Alpenstrandläufer - M.Georg
Abb. 14: Sanderling mit Alpenstrandläufer. Foto: M. Georg

Temminckstrandläufer - M.Siebner
Abb. 15: Temminckstrandläufer. Foto: M. Siebner

Das Maximum heimziehender Zwergmöwen wurde am 23. April am Northeimer Freizeitsee mit 30 Vögeln erreicht. Anderswo (z.B. in Hessen) war der Zug stärker wahrnehmbar. Regionale Daten sind, auch und gerade bei dieser Art, immer mit Vorsicht zu genießen und sollten nie verallgemeinert werden.
Die Lachmöwen-Kolonie im Lutteranger war von drei Brutpaaren bevölkert, deren Erfolg unklar ist.
Vom 12. bis 29. April gab es fünf Nachweise der Schwarzkopfmöwe (zumeist Altvögel). Ein Nachweis vom 25. April am Göttinger Kiessee ist einer besonderen Erwähnung wert.
Eine beringte Sturmmöwe (schwarzer Ring mit weißer Markierung X 97P) vom 11. März am Göttinger Kiessee war sächsischen Geblüts und entstammte einer Kolonie bei Kulkwitz/Leipziger Land. Bei der Beringung am 5. Juni 2012 war sie bereits erwachsen.
Mittelmeermöwen ließen sich am 4. März über dem Seeanger, am 20. April am Göttinger Kiessee (vorjähriger Vogel) und am 30. April wiederum am Seeanger (zwei Altvögel) bestimmen.
Von der mittlerweile erheblich häufiger in Erscheinung tretenden Steppenmöwe wurden zwischen dem 5. März und dem 5. Juni mindestens 13 verschiedene Ind. gemeldet, darunter je ein vom 16. bis 31. März sowie ein vom 22. bis 25. April am Freizeitsee und der Geschiebesperre präsenter Vogel. Letzterer erbeutete an der Geschiebesperre mindestens zwei Graugansküken. Ein vorjähriger Vogel (roter Farbring 91 4P) vom 13. März am Freizeitsee stammte aus Polen, wo er am 28. Mai 2016 bei Kozielno beringt worden war. Daneben gab es wieder ein paar auf Artniveau unbestimmbare Großmöwen (darunter auch Hybriden östlicher Provenienz).
Von der Heringsmöwe liegen drei Nachweise vor: Am 25. April an der Kiesgrube Reinshof (vorjähriges Ind.) sowie vom 13. Mai an der Geschiebesperre (vier ziehende Altvögel) und vom 2. Juni ebenda (zwei Ind. ohne weitere Angaben).
Am 5. Mai bestätigten zwei Raubseeschwalben am Seeanger ihren Status als alljährlicher Gastvogel. Eine war metallberingt, konnte aber nicht abgelesen werden.
Während des Unwetters am 22. Juni trotzte, neben sechs tollkühnen Beobachtern, eine Weißbart-Seeschwalbe am Göttinger Kiessee den Kapriolen der Natur.

Wei�bartseeschwalbe - M.Georg
Abb. 16: Weißbart-Seeschwalbe am Göttinger Kiessee. Foto: M. Georg

Auch das Heimzugmaximum der Trauerseeschwalbe fiel am 25. April mit insgesamt 27 Ind. am Freizeitsee und den Northeimer Kiesteichen eher schwach aus.
Von der Flussseeschwalbe existieren sieben Nachweise, zumeist vom Seeburger See. Das Maximum von vier Vögeln wurde jedoch am 1. Juni am Northeimer Freizeitsee erreicht.
Drei Küstenseeschwalben gelangten zur Beobachtung: Am 22. April am Kiessee (dritter Nachweis für das Göttinger Stadtgebiet nach zwei Vögeln im Frühjahr 1967 ebenda!), am 24. April am Seeburger See und am 20. Mai im Lutteranger.

Aus lokaler Sicht recht interessant ist der lange Aufenthalt einer Hohltaube im Ascherberg-Wäldchen am Kiessee. Der Vogel zeigte sich von Mitte März bis Mitte Mai, balzte ab und an und suchte bisweilen die Gesellschaft einer Ringeltaube. Auch im Vorjahr wurde hier eine Hohltaube gesehen. Man darf gespannt sein…
Von der Türkentaube liegen erfreulich viele Meldungen vor, darunter auch aus Ortschaften mit historischen Brutvorkommen. Ob diese jemals erloschen waren, lässt sich wegen fehlender Kontrollen in der Zwischenzeit nicht rekonstruieren. Interessant sind Beobachtungen abseits des Eichsfelds, wo sich die Art immer halten konnte. Gebiete im Leinetal oder westlich davon sind von besonderem Belang, weil der Rückgang hier am stärksten ausgefallen ist. Bruthinweise gab es in Hoppensen/Dassel, Moringen, Nörten-Hardenberg, Gladebeck, Parensen, Harste, Ossenfeld, Stockhausen, Diemarden, Obernjesa, Groß Schneen und Hann. Münden (dort zwischenzeitlich wohl seit 2002 verschwunden). In Rosdorf waren mindestens fünf Reviere besetzt. Auch in Göttingen konnte eine leichte Zunahme dokumentiert werden (neue Rufplätze u.a. am Brauweg, nahe der Gailgrabenbrücke und in Weende). Von einer rasanten Zunahme kann kaum die Rede sein; ein wehmütiges „güle, güle“ für diesen ca. 63 Jahre alten Neubürger scheint aber weniger angebracht denn je…
Der Turteltaube geht es weitaus schlechter. Es liegen nur neun Beobachtungen vor, wohl alle von heimziehenden Vögeln. Am 25. und 30. Mai sang ein Männchen in einem Feldgehölz bei Eberhausen. Auf der großen Bramwald-Blöße bei Ellershausen konnte die Art beim Birdrace nicht gefunden werden, vermutlich/hoffentlich nur wegen schlechten Wetters.

Turteltaube - W.Vogeley
Abb. 17: Turteltaube an der Geschiebesperre. Foto: W. Vogeley

Die Schleiereule geriet, immerhin, fünf Mal ins Blickfeld bzw. ins Ohr, darunter an der Kirche in Rollshausen sowie in Ahlshausen (Northeim) und in Seeburg. In der Rhumeaue bei Gieboldehausen gelangen zwei Offenlandbeobachtungen.
Aus dem Bramwald liegen seit Jahrzehnten keine Beobachtungen des Raufußkauzes vor. Umso bemerkenswerter ist ein Männchen, das am 15. und 16. März sowie am 10. April westlich von Eberhausen (ca. 350 m ü.NN) seine Rufreihe hören ließ.
Sehr ungewöhnlich ist eine erfolgreiche Brut der Waldohreule in der Göttinger Nordstadt. Vier Jungvögel erlangten die Selbständigkeit. Die letzte bekannte Brut im urbanen Lebensraum Wohnblockzone stammt aus dem Jahr 1996 (Wilamowitzweg im Ostviertel). Etwas näher am Waldrand konnte sich ein Paar an der Albert-Einstein-Straße mit mindestens drei Jungen reproduzieren, desgleichen das traditionelle Brutpaar am Ascherberg. In Rosdorf war nur eines von zwei Paaren mit Erfolg (Einzelkind) gesegnet. Bei Stockhausen fiepte ein Quartett. Am Ortsrand Groß Schneen und bei Mollenfelde geriet je ein Paar mit mindestens einem Jungvogel in den Blick. Im Siedlungsbereich von Hann. Münden nervten mindestens drei Junge die Anwohner. Brutverdacht gab es zudem in der Suhleaue bei Rollshausen und nahe dem westlichen Ortsrand von Gö.-Weende.
Anfang April versetzte auf dem Göttinger Stadtfriedhof ein Uhu für ein paar Tage besonders die ansässigen Rabenkrähen in Aufruhr, was das Auffinden der imposanten Großeule ungemein erleichterte. Weil kein Brutvorkommen anzunehmen war, wurde sie dem Göttinger Beobachterkreis zugänglich gemacht, ansonsten sind alle Nistplätze bei ornitho geschützt, um rücksichtslose Fotografen und andere unliebsame Zeitgenossen fernzuhalten.
Einen vor Nachstellungen jeder Art optimal geschützten, wenngleich sehr lärmexponierten Brutplatz hat seit ca. zwei Jahren ein Uhupaar unter der A 7 auf einem der mehr als 50 Meter hohen Pfeiler der Werratalbrücke bei Hedemünden bezogen. Dafür musste der Wanderfalke seinen Nistkasten räumen. Der nutzbare Aktionsraum der Jungvögel außerhalb des Kastens ist vergleichsweise winzig und man kann den Kleinen nur die Daumen drücken. Ein Absturz aus luftiger Höhe in die tief unten fließende Werra würde mit Sicherheit letal enden.
Der verhaltene Optimismus aus dem Vorbericht bezüglich einer Waldkauz-Brut im Göttinger Alten Botanischen Garten fand ab dem 11. März seine erfreuliche Bestätigung. Ein Paar des „Vogels des Jahres 2017“ brachte vier Junge zum Ausfliegen. Der bei vielen Beobachter/innen und Passanten sehr populäre Familienverband blieb über vier Monate zusammen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 18: Niedlicher Jungkauz im Alten Botanischen Garten. Foto: M. Siebner

Ein wesentlicher Faktor bei der erfolgreichen Ansiedlung am Rand der Innenstadt war sicher eine lokale Massenvermehrung der Rötelmaus. Die am Boden wimmelnden Tiere wurden im Dreiminutentakt erbeutet und verfüttert. Leider kam es, wie es so oft kommen muss: Wohlmeinende Spaziergänger griffen einen angeblich kranken Ästling und brachten ihn in die NABU-Pflegestation. Zum Glück konnte er am nächsten Tag wieder zu seiner Familie zurückgebracht werden. Ebenfalls sicher gut gemeint, aber ähnlich fragwürdig ist das Anbringen von mindestens einem, in Kinderarbeit hergestellten Nistkasten in diesem altholz- und baumhöhlenreichen Park durch den NABU. Der Sinn dieser Aktion im Nachklapp einer erfolgreichen Ansiedlung auf eigenen Schwingen bleibt im Dunkeln. Nach dem maßgeblichen Referenzwerk von Mebs & Scherzinger (2000) sind spezielle Artenschutzmaßnahmen für den häufigen und sehr anpassungsfähigen Waldkauz nicht notwendig, manchmal (wenn sie die Vorkommen schwächerer Eulenarten tangieren) sogar kontraproduktiv. Bei den Göttinger Innenstadt-Neubürgern sollte man gelassen abwarten, ob und wie sie in einem schlechten Mäusejahr über die Runden kommen. Alternative Beutetiere wie Singvögel und Amphibien (darunter seltene und streng geschützte!) gibt es genug.

Am GDA-Wohnstift in Geismar brüteten früher ungefähr 90 Paare des Mauerseglers. Die Brutplätze fielen vor ein paar Jahren der Fassadensanierung zum Opfer. Von den zur Kompensation angebrachten 175 künstlichen Nisthöhlen wurden in dieser Brutsaison (vier Kontrollgänge) bis zu 26 angeflogen. Bei der Besetzung konnte keine Präferenz für eine Himmelsrichtung notiert werden. Die meisten beflogenen Kästen befanden sich mit 14 (von 91 Kästen) an der Nordseite des Gebäudes, an der Westseite waren es sechs (von 39 Kästen) und an der Südseite ebenfalls sechs (von 45 Kästen). Vielleicht/hoffentlich steigt die Akzeptanz der langlebigen Vögel in den nächsten Jahren. Das Beispiel zeigt den gravierenden Rückgang nach Wärmedämmungen wie auch die zögerliche Annahme von Ersatzquartieren. Wenn man bedenkt, dass solche Maßnahmen in Göttingen, wo Häuser wie am Fließband gedämmt werden, immer noch die Ausnahme sind, kann man sich das Ausmaß des Bestandsrückgangs vorstellen.

Unter den weltweit ca. 10.000 Vogelarten ist der Wiedehopf auch optisch ein echtes Unikum, das bei einheimischen Normalbürger/innen, die seiner ansichtig werden, ungläubiges Staunen („den gibt es hier?“) auslöst. Auf dem Heimzug 2017 rasteten gleich sieben von ihnen, ein neuer Regionalrekord. Neben Vögeln am 28. März nahe der Leine bei Vogelbeck, am 2. April in einem Hausgarten in Ebergötzen, am 5. April am Ortsrand Mariengarten, am 10. April in der Feldmark Wollbrandshausen, am 11. April am Ortsrand Scheden sowie am 24. April bei Niedeck sorgte einer vom 3. bis 5. April in der „Kalahari“ (GVZ III) im Göttinger Westen für besonderes Aufsehen. Manche der zahlreichen Beobachter mussten allerdings lange warten, bis der am Boden praktisch unsichtbare Gast sich zum Auffliegen bequemte und, wie ein exotischer Riesenschmetterling, sein beeindruckendes Feuerwerk zündete. In den vergangenen Jahren haben die regionalen Nachweise deutlich zugenommen, was vermutlich mit dem positiven Trend in einigen ostdeutschen Bundesländern zusammenhängen dürfte. Hier hat man gute Erfahrungen mit künstlichen Nisthilfen auf Truppenübungsplätzen oder in ausgeräumten, aber großinsektenreichen Tagebau-Folgelandschaften gemacht.

Wiedehopf - M.Hild
Abb. 19: Wiedehopf in Scheden. Foto: M. Hild

Obwohl der Heimzug mit ca. 25 verschiedenen Migranten ganz passabel ausgeprägt war, sah es, was Bruten anbelangt, für den Wendehals schlecht aus: Der langjährige Brutplatz auf dem Kerstlingeröder Feld war, ganz bitter, verwaist. Nahe dem Huhnsberg bei Scheden gab es immerhin Hinweise auf eine Revierbesetzung. Im Gartetal westlich von Diemarden sangen über Wochen bis Ende Juni ein bis zwei Vögel an verschiedenen Stellen. Der für eine Verpaarung charakteristische Duettgesang war aber nicht zu vernehmen. Dies war am 11. Mai an den Northeimer Kiesteichen nahe einem im Vorjahr besetzten Revier der Fall; in einer anderen Ecke der Seenplatte (Brut im Vorjahr) sang ein Vogel über mehrere Tage. Mehrtägige Präsenz konnte Mitte Mai auch bei Ahlshausen festgestellt werden.

Vom exotisch wirkenden Pirol konnten immerhin vier Männchen vernommen werden, am 3. Mai am Gieseberg südlich von Deiderode, am 6. Mai bei Ellershausen und an der Geschiebesperre sowie am 24. Juni an der Kiesgrube Reinshof.

Befürchtungen, die Neuntöter könnten auf ihrem Zug durch das extrem trockene Nordostafrika deutliche Verluste erlitten haben, bestätigten sich zum Glück nicht, zumindest auf regionaler Ebene. Bei der alljährlichen Zählung Mitte Juni auf dem Kerstlingeröder Feld zeigten 20 Männchen einen guten durchschnittlichen Bestand an, auch in der jährlich kontrollierten Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau bewegte er sich mit sechs bis sieben Männchen im herkömmlichen Rahmen.
Der östlich von Duderstadt überwinternde Raubwürger hatte sein Revier nach dem 28. März geräumt. Sein Kollege von den ehemaligen Tongruben Siekgraben im Westen Göttingens wurde nach dem 25. März nicht mehr gesehen. Das Kerstlingeröder Feld scheint der traditionelle Wintergast bereits nach dem 12. März verlassen zu haben. Darüber hinaus gerieten noch Einzelvögel am 10. März am Bramwaldrand südlich von Eberhausen (dort auch einmal im Winter beobachtet) sowie am 19. März auf dem Sengersfeld im Göttinger Stadtwald vor die Optik.

Recht bemerkenswert ist die lange Präsenz von Dohlen an der Klosterkirche in Gö.-Nikolausberg. Vom 20. März bis zum 26. April ramenterten dort bis zu vier Vögel, manchmal in heftige Scharmützel mit ansässigen Rabenkrähen verwickelt, deren Willkommenskultur gering ausgeprägt war. Brutverdächtiges Verhalten wie Kopulationen oder Transport von Nistmaterial konnte nicht notiert werden. Wie auch immer: Auf den kommenden Frühling darf man gespannt sein. In Duderstadt scheint die lokale Population zu wachsen: An den drei Kirchen, am alten Rathaus, am Westerturm und an der Marktstraße hielten sich mehrere Paare auf, teils auch mit Nistmaterial.
Aus dem März (früher der Heimzugmonat schlechthin) existieren ganze drei Beobachtungen von insgesamt fünf Saatkrähen.
Deutlich wohler fühlt sich bei uns der Kolkrabe. Am 6. Mai konnten an der Deponie Blankenhagen bei Moringen beeindruckende 220 Vögel gezählt werden, eine neue Rekordzahl. Im sicheren Wildtiergehege am Göttinger Kehr haben sich Kolkraben eingenistet und klauen den Schweinen die Nahrung.

Kolkrabe - M.Siebner
Abb. 20: Kolkrabe im Wildtiergehege am Kehr. Foto: M. Siebner

An der Northeimer Seenplatte scheint das Vorkommen der Beutelmeise vor dem Erlöschen zu stehen. In der Brutsaison konnte nur noch ein Paar beim Nestbau registriert werden. Die Gründe für den seit Jahren anhaltenden Rückgang (im Landkreis Göttingen hat es schon lange keine erfolgreiche Brut mehr gegeben) dürften in der natürlichen Populationsdynamik dieser unsteten Art zu suchen sein, die in Westeuropa seit jeher von Vorstößen und Rückzügen geprägt ist.

Zwischen dem 2. und 19. März fanden an sieben Tagen insgesamt ca. 51 Heidelerchen Eingang in unsere Datenbank. Das Gros stellten mindestens 30 Ind. im Wintergetreide am 19. in der Feldmark Reinshof.

An den Northeimer Kiesteichen beflogen zum Ende des Berichtszeitraums ca. zehn Paare der Uferschwalbe ihre Nester, an einer kleinen, frisch aufgeschütteten Kies-/Sandbank mit nur drei Metern Schräge. Die Kolonie am Freizeitsee bevölkerten mindestens 30 Paare. An der Sandgrube Meensen existierten 13 frische Brutröhren.
Die kleine Kolonie der Rauchschwalbe am Flüthewehr südlich von Göttingen, einem ungewöhnlichen Brutplatz, ist von zwei auf drei Paare angewachsen. Interessant sind Beobachtungen von Altvögeln, die ihren flüggen Nachwuchs abseits bekannter Nistplätze fütterten. Dies geschah Ende Juni/Anfang Juli an der Westseite des Kiessees und an der Springmühle westlich der A7 in Gö.-Grone. Die beiden Reitställe in Grone, wo Rauchschwalben regelmäßig brüten, sind eine Ecke weg; gleichwohl könnten die Vögel natürlich von dort gestammt haben. Andererseits zeigt das langjährige Beispiel der Gerätescheune am Werderhof/Garte, dass sich die Art auch abseits von Großtierstallungen (aber immer in Gewässernähe) fortpflanzen kann. Sollten sich vergleichbare Beobachtungen (am besten mit Nestfunden) häufen, wäre dies ein positives Signal und könnte eine graduelle Emanzipation von der engen Bindung an Stallungen indizieren.
In der Göttinger Innenstadt scheint der Brutbestand der Mehlschwalbe mit knapp 23 Paaren stabil zu sein. Die Kolonie von zehn bis zwölf Paaren an der Ecke Burgstraße/Ritterplan, wo noch vor sechs Jahren ca. zwölf Paare (z.T. hinter einer schadhaften Fassade!) gebrütet hatten, ist nach Sanierungsarbeiten auf zwei Paare geschrumpft. Dafür hat sich am Kaufland-Gebäude in der Kurzen Geismarstraße eine Kolonie von ca. sieben Paaren etabliert.
An der großen Scheune in Bursfelde im Wesertal besteht seit längerer Zeit die größte Kolonie weit und breit. Für die erste Dekade des neuen Jahrtausends liegen Angaben zu ca. 90 bis 100 Paaren vor. Im August 2011 wurden 180 intakte Nester gezählt, von denen die meisten angeflogen wurden. Nach einer Meldung, dass Ende Juni 2017 mindestens 200 Vögel präsent waren, erfolgte Anfang Juli (unter Zuhilfenahme eines Campingstuhls) eine gründliche Zählung: Sie erbrachte 252 intakte Nester, von denen 173 beflogen wurden. Ein echter Lichtblick am verdüsterten Schwalbenhimmel! Weitere Angaben zu dieser Kolonie sind sehr erwünscht - noch ist genügend Zeit, vor dem Wegzug Vögel und Nester zu zählen. Zudem ist ein Ausflug an die Weser (auch in den kommenden Jahren) immer eine feine Sache, für Radfahrer aus Richtung Göttingen zumindest auf dem Hinweg…
Eine Rötelschwalbe, die am frühen Morgen des 9. Mai zusammen mit anderen Schwalben auf dem Steg des Seeburger Sees saß, ist eine von drei Raritäten in diesem Bericht (s.u.), die diesen Namen wirklich verdienen (erster Regionalnachweis seit 2006). Im Laufe des Vormittags suchte sie schnell das Weite.

Rötelschwalbe - M.Siebner
Abb. 21: Rötelschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Waldlaubsänger waren aus regionaler Sicht dünn gesät. Hinweise auf Revierbesetzungen von Einzelvögeln kamen nur aus dem Kaufunger und Göttinger Wald.
Auf dem Kerstlingeröder Feld ließ sich während der Neuntöter-Erfassung im Juni nur ein einziger Fitis ausmachen. Trotz des späten Erfassungstermins scheint der lokale Rückgang dramatisch zu sein. Anfang des Jahrtausends wurden noch bis zu 45 Reviere kartiert (Goedelt & Schmaljohann 2002), die sich auf die Aufwuchsflächen von Lärche und Birke konzentrierten. Mittlerweile ist der Baumbestand (auch) in diesen Bereichen so dicht und dunkel geworden, dass er keinen Lebensraum für diese Lichtwaldart mehr darstellt.

Schlagschwirle sangen vom 21. bis 24. Mai am Seeburger See, am 31. Mai am Sandwasser östlich von Duderstadt, am 2. Juni nahe der Gartemühle südlich von Göttingen, am 3. und 10. Juni an der Kiesgrube Ballertasche sowie am 5. Juni in der Rhumeaue bei Wollershausen. Der Verbreitungsschwerpunkt lag wiederum in der Rhumeaue bei Bilshausen, wo sich ab Anfang Juni bis zu vier Männchen der Balz widmeten - und hoffentlich nicht von den Baggern vertrieben wurden.
Im Leinepolder sangen in der Brutzeit bis zu drei Rohrschwirle. Mit ebenfalls bis zu drei Sängern war die Art am Seeburger See Mitte Mai gut vertreten. Bis Ende Mai balzte dort noch ein Männchen. Ein Sänger am 23. April in der Rhumeaue bei Wollershausen hatte vermutlich nur eine Rast eingelegt.

Ab dem 1. Mai ging ein männlicher Schilfrohrsänger am Seeanger zielstrebig ans Werk. Drei Wochen später war der unermüdliche Sänger (mit typischen Balzflugeinlagen) nicht mehr allein. Ende Juni konnte ein Futter tragender Altvogel ausgemacht werden. Die zahlreichen Beobachtungen in diesem nahezu täglich besuchten Gebiet rechtfertigen (mindestens) einen starken Brutverdacht. Aus den Feuchtgebieten der Region lagen zuvor fast immer nur Hinweise auf so genannte „Gesangsreviere“ vor. Altvögel mit Futter wie 2001 am Denkershäuser Teich (U. Heitkamp in Dörrie 2002) bildeten die singuläre Ausnahme. Auf dem Heimzug war die Art wieder recht gut vertreten, das Maximum wurde am 26. April an der Kiesgrube Reinshof mit vier Vögeln erreicht.

Schilfrohrsänger - S.Hörandl
Abb. 22: Schilfrohrsänger an der Kiesgrube Reinshof. Foto: S. Hörandl

Tagesmaxima von Sumpfrohrsängern wurden am 6. Juni mit elf Sängern zwischen Freizeitsee und Rhume sowie am 2. Juni mit neun Sängern im Leinepolder notiert.
Ungemein dickfellig verhielt sich ein Drosselrohrsänger an der ab Mai völlig verrummelten Kiesgrube Reinshof. Er krächzte zunächst vom 10. bis 27. Mai an der Ostseite mit Ballermann-Flair und zog dann in die etwas ruhigere Nordwestecke um, wo er am 3. Juni zuletzt gehört wurde. Ob es sich, nach mehr als zehn Tagen Pause, bei einem am 15. Juni singenden Männchen um denselben Vogel oder einen späten Heimzieher gehandelt hat, muss offen bleiben. An der Kiesgrube Ballertasche (lange Verweildauer im Vorjahr) traf ein Männchen am 3. Juni ein, wurde aber später nicht mehr festgestellt. Offenkundige Heimzügler ließen sich am 26. April an der Kiesgrube Reinshof (zwei), am 6. Mai im Leinepolder, am Northeimer Freizeitsee und Seeburger See sowie am 7. Mai an der Geschiebesperre vernehmen.
Wie der Waldlaubsänger hat offenbar auch der Gelbspötter eine schlechte Saison. An den Northeimer Kiesteichen, am Freizeitsee, am Lutteranger und an der Kiesgrube Reinshof waren Einzelreviere besetzt. Am 5. Juni sangen in der Rhumeaue Bilshausen - Wollershausen sechs Männchen. Darüber hinaus existiert noch eine Handvoll Junibeobachtungen vermutlich umherstreifender Männchen. In Göttingen konnte kein einziges Revier ausgemacht werden, allerdings fand auch keine gezielte Suche auf großer Fläche statt.

Gelbspötter - S.Hörandl
Abb. 23: Gelbspötter an der Bauschuttdeponie Gö.-Geismar. Foto: S. Hörandl

Am Göttinger Kiessee hielten sich, mit Unterbrechungen, bis zum 28. April Seidenschwänze auf. Die Größe des Trupps schwankte zwischen zwei und 60 Ind. Am 1. März rasteten 15 Vögel bei Reyershausen, am 3. März 20 Ind. am Nordrand des Göttinger Ostviertels. Recht ungewöhnlich ist die Beobachtung von 12 Ind. im Hochsolling, die am 25. März auf Fichten eine Pause einlegten. Am Leineberg und auf dem Stadtfriedhof fraßen sich vom 3. bis 11. April bis zu 20 Ind. durch das Beerenangebot.

Von der Ringdrossel liegen 16 Beobachtungen von insgesamt 18 Ind. vor. Ein Weibchen, das am 18. Mai (also für den Heimzug recht spät) frisch tot unter einer Fensterscheibe an der Göttinger Norduni lag, wies Merkmale auf (z.B. breite weiße Federränder der Unterschwanzdecken), die für die südliche Unterart alpestris sprachen. Allerdings ergab die genauere Befassung mit der Thematik, dass die Zuordnung von Weibchen gerade im Frühjahr wegen des abgetragenen Gefieders extrem knifflig, wenn nicht unmöglich ist. Um ganz sicher zu gehen, wurden DNA-Proben genommen, Das Ergebnis fiel auch hier unbefriedigend aus, weil die Proben den häufigsten Haplotyp zeigten, den beide Unterarten gemeinsam haben. Gleichwohl war die Diskussion um diesen Vogel (auch mit auswärtigen Experten) äußerst lehrreich. So soll es sein…

Ringdossel - V.Lipka
Abb. 24: Ringdrossel (Scheibenanflug) an der Nord-Uni. Foto: V. Lipka

Erstaunlich: Nachdem im Mai/Juni 2016 über Wochen ein altes Männchen des Zwergschnäppers in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg gesungen hatte, tauchten ein Jahr später ab dem 29. Mai im Göttinger Stadtwald nahe der Panzerstraße gleich zwei Sänger auf (ein Rotkehlchen und ein Halbstarker). Ihr Gesang wurde nach dem 25. Juni nicht mehr vernommen. Ob sie sich verpaaren konnten, ist eher unwahrscheinlich.
Im Wildtiergehege am Kehr sang im Mai zehn Tage lang ein Männchen des Trauerschnäppers, nach Jahren des Fehlens in diesem früheren Göttinger Verbreitungsschwerpunkt. Nordöstlich vom Rinderstall im Kaufunger Wald tat es ihm ein Artgenosse am 25. Mai ausgiebig nach. Darüber hinaus existieren 16 Beobachtungen von ca. 17 heimziehenden Vögeln.

Aus dem Leinepolder Salzderhelden (I und II) liegen drei Junibeobachtungen des Braunkehlchens vor, darunter ein singendes Männchen und an anderer Stelle zwei verpaarte Vögel.
In der Feldmark Wiebrechtshausen war ein neues Brutpaar des Schwarzkehlchens auf Anhieb mit zwei Jungen erfolgreich. Neuansiedlungen mit Bruterfolg gab es auch in der Feldmark bei Hohnstedt, in den Schweckhäuser Wiesen und in der Feldmark Mingerode. Der neue Brutplatz in der Suhleaue östlich von Seulingen war auch im Folgejahr wieder besetzt, vermutlich auch derjenige südlich vom Gut Wickershausen. Der mehrjährige, auch in diesem Jahr wieder besetzte Brutplatz am Grenzstreifen bei Ecklingerode stand am 12. Mai voller Schafe. Nachhaltig vertreiben konnten die wolligen Rasenmäher die Vögel aber nicht, wie auch in einem beweideten Teil der Feldmark Hohnstedt. Allein der Bestand in der Rhumeaue zwischen Hammenstedt und Gieboldehausen kann locker auf knapp zehn Paare veranschlagt werden. Der positive Trend hält an, das Ausbreitungspotential der robusten Kerlchen mit hohem Sympathiewert scheint noch lange nicht ausgeschöpft zu sein.

Schwarzkehlchen - M.Siebner
Abb. 25: Junges Schwarzkehlchen in der Feldmark Gö.-Geismar. Foto: M. Siebner

Am Denkershäuser Teich hatten fünf Blaukehlchen Reviere besetzt. Der Brutbestand ist seit zehn Jahren stabil (vgl. Heitkamp 2013). In der (zuvor selten besuchten) Rhumeaue bei Wollershausen zeigten zwei bis drei revierhaltende Männchen eine ordentliche Besiedlung an. Den Brutverdacht aus dem letzten Jahr in der Suhleaue bei Rollshausen konnte ein eben flügger Jungvogel optimal erhärten. Die bekannten Vorkommen im Leinepolder, an der Geschiebesperre, in der Rhumeaue bei Lindau sowie am Seeanger und Seeburger See bestätigten sich erneut, teils auch mit flüggen Jungvögeln.
Heimziehende Steinschmätzer erreichten am 11. Mai mit elf Vögeln an den ehemaligen Tongruben Siekgraben ein eher mageres Maximum. An anderen Orten lagen die Tagessummen durchweg im (zumeist niedrigen) einstelligen Bereich.

Die jährlich Mitte Juni (mit Nachkontrollen) vorgenommene Zählung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte Hinweise auf 24 Reviere (im Vorjahr 18). An den wenigen Orten, an denen er überhaupt noch vorkommt (u.a. Rhumeaue, Sandgrube Meensen, Hühnerfeld im Kaufunger Wald) bewegten sich die Zahlen im einstelligen Bereich.
Die Maximalzahlen rastender Wiesenpieper stammen von den ehemaligen Tongruben Siekgraben: Am 12. März rasteten hier 59 Ind. Am 4. April fiel die Tagessumme mit 55 Ind. nur unwesentlich niedriger aus. Positives gibt es aus dem Leinepolder zu berichten: Am Ostdeich der Polder II und III siedelten sechs bis sieben Paare, darunter mindestens vier mit Bruterfolg. Der (verwaiste?) Brutplatz in der Leineaue bei Bovenden war am 17. April von zwei singenden Männchen bevölkert. Angaben zum weiteren Verlauf fehlen leider. Ansonsten im Landkreis Göttingen: Fehlanzeige.
Der einzige Rotkehlpieper der Saison zog am 6. Mai über Gö.-Nikolausberg.
An der Kiesgrube Ballertasche hielten sich vom 4. März bis zum 9. April bis zu sechs Bergpieper auf. Am 10. April belebten drei Ind. die „Kalahari“ (GVZ III) im Göttinger Westen. Am Seeanger und an der Geschiebesperre verweilten jeweils ein bis zwei Ind., im letztgenannten Gebiet bis zum 28. April.

Am 5. Mai gab eine weibliche Zitronenstelze dem Seeanger die Ehre - die zweite „richtige“ Seltenheit nach der Rötelschwalbe. Kaum war sie weg, tauchte am Folgetag erstaunlicherweise ein Männchen auf, das von den beiden Göttinger Birdrace-Teams frenetisch als unverhoffte Bonusart gefeiert wurde. Wenn man sich das Gewirr toter Äste anschaut, die gerade im „Pfuhl“ an der Ostseite ins oder übers Wasser ragen - einen besseren Brutplatz dürfte es weit und breit nicht geben. Knapper verfehlen konnten sich zwei potentielle Partner wohl kaum… Für den Seeanger existieren jetzt seit 2009 vier Lokalnachweise.

Zitronenstelze - B.Bartsch
Abb. 26: Weibliche Zitronenstelze im Seeanger. Foto: B. Bartsch

Während des einzigen Zähltermins zur Hauptheimzugzeit des Buchfinken zogen am 12. März 1479 Ind. über das Kerstlingeröder Feld. Es ist wohl dem warmen März zu verdanken, dass sich bereits am 20. April, aus regionaler Sicht wohl singulär früh, am Kiessee Jungvögel bemerkbar machten, die gerade das Nest gerade verlassen hatten.
Aus dem März liegen bis zum 9. des Monats noch drei Wahrnehmungen des östlichen „Trompetergimpels“ vor.
Von den anderen Finkenvögeln existieren keine Daten, die im Rahmen dieses Berichts einer besonderen Erwähnung bedürfen.

Im Leinepolder Salzderhelden (IV) machte sich am 26. April eine heimziehende Grauammer bemerkbar. Die Nachweise dieser seit den 1990er Jahren als Brutvogel ausgestorbenen Art (letzter Brutplatz bei Einbeck-Drüber) scheinen langsam zuzunehmen. Ob dies Anlass zum Optimismus bietet bleibt abzuwarten.
Im Berichtszeitraum gab es keinen Nachweis des Ortolans. Auch der Brachpieper fehlte. Beide Arten machen vor allem mit ihrem Flugruf auf sich aufmerksam. Mittlerweile gibt es zuhauf Vogelstimmen-Apps, die das problemlose Bestimmen oder Wiedererkennen von Vogelgesängen und -rufen suggerieren. Ältere Semester können ihre Hörschwäche von der Firma eines (im Nebenjob) sinistren Fußball-Vereinspräsidenten beheben lassen. Warum hört sie trotzdem keiner mehr? Die Antwort steht (vielleicht) in einem der nächsten Sammelberichte…

Hans H. Dörrie

Literatur:

Dörrie, H.-H. (2002): Avifaunistischer Jahresbericht 2001 für den Raum Göttingen und Northeim. Naturkdl. Ber. FaunaFlora Süd-Niedersachs. 7: 4-103.

Goedelt, J. & H. Schmaljohann (2002): Neues vom Kerstlingeröder Feld - Ergebnisse einer Revierkartierung im Jahr 2001. Naturkdl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 7: 178-187.

Heitkamp, U. (2013): Die Vögel des Denkershäuser Teiches. Eigenverlag.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Melles, F. & T. Brandt (2016): Moorenten zurück in Niedersachsen. Der Falke 63: 34-39.

Dieser Bericht basiert in erster Linie auf 31.200 Beobachtungen von über 100 Melderinnen und Meldern der Datenbank ornitho.de. Andere Beobachterinnen und Beobachter lieferten Einzeldaten oder erteilten Spezialauskünfte zu bestimmten Arten. Ihnen allen gilt der Dank des Verfassers. Besonders aktiv waren die Damen und Herren:
P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, S. Böhner, L. Bolte, J. Bondick, M. Borchardt, G. Brunken, S. Bust, J. Bryant, A. Delius, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, E. Gottschalk, M. Grandt, S. Grassmann, C. Grüneberg, W. Haase, F. Hadacek, J. Hegeler, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hörandl, S. Hohnwald, S. Holler, D. Hubatsch, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, M. Kiepert, J. Kirchner, F. Kleemann, M. Kuschereitz, V. Lipka, D. Mederer, G. Mackay, T. Matthies, T. Meineke, K. Menge, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, T. Orthmann, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, B. Riedel, J. Rosenkranz, H. Rumpeltin, H. Schmidt, D. Schopnie, M. Schulze, L. Sebesse, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, I. Spittler, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, W. Unkrig, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss und D. Wucherpfennig.

Buchfink - S.Hillmer
Abb. 27: Früher Start ins Leben: Junger Buchfink im April am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

July 16th, 2017

Das Birdrace 2017 in Süd-Niedersachsen

FxSchnabel - MSiebner
Abb. 1: Nur eine Art auf der langen Birdrace-Liste:
ein Fichtenkreuzschnabel bei Ellershausen. Foto: M. Siebner

Die Regeln sind denkbar einfach: Ein Team, bestehend aus zwei bis fünf Personen, beobachtet und zählt auf dem Gebiet eines Landkreises an einem Kalendertag Vögel, oder genauer gesagt: Vogelarten. Gewertet werden darf jede Art, die von der Mehrzahl der Teammitglieder gesehen oder gehört und bestimmt wird. Seit 2004 organisiert der Dachverband deutscher Avifaunisten (DDA) dieses bundesweite Birdrace. Das Interesse daran nimmt seitdem beständig zu. Seit dem zweiten Jahr seines Bestehens findet das Spektakel unter süd-niedersächsischer Beteiligung statt. Mit den Spitzenplätzen in der Gesamtwertung haben die hiesigen Mannschaften aufgrund der geographischen Voraussetzungen nichts zu tun, das schmälert allerdings nicht den Enthusiasmus.

Die “Göttinger Sozialbrachvögel” sind zumindest dem Namen nach ein Team der ersten Stunde, wobei die Mannschaft (2017 bestehend aus Bela Bartsch, Shauna Grassmann, Karl Jünemann, Phil Keuschen und Birdrace-Veteran Mathias Siebner) seitdem nahezu komplett ausgewechselt wurde. Zudem gingen auch in diesem Jahr wieder Mischa Drüner und Maarten Mooij als “Dynamo avigoe” an den Start, und zwar verstärkt durch Andreas Wiedenmann. Seit einigen Jahren versuchen sich zudem auch regelmäßig Teams im benachbarten Landkreis Northeim. Wie schon im letzten Jahr traten Ole Henning, Severin Racky und Silvio Paul als “Leineuferläufer” dort an. Was Kurt Tucholsky über Familienfeiern wusste, klärt auch die Frage, warum ein Teil des traditionellen Birdrace-Teams “VIE will rock you!” (namentlich Daniel Hubatsch und Jonathan Rosenkranz) aus dem Kreis Viersen (NRW) in diesem Jahr als “Partizan Marzipan” im Kreis Northeim antrat: „Niemand geht gerne hin, aber wehe es fehlt einer!“ Und so kam die kuriose Situation zustande, dass sich das Zweierteam, der eine von Ilsede (Peine), der andere von Düsseldorf kommend, am Vorabend um 22 Uhr in Bad Lauterberg traf, um danach direkt Richtung Northeim aufzubrechen – einem Kreis, den beide noch nie zuvor betreten hatten und einzig aus hastigen ornitho-Recherchen kannten. Der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen lässt den Tag des Rennens hier noch einmal Revue passieren.

Der Vorabend, 23:30 Uhr
: Partizan Marzipan erreicht das Nachtlager. Nach einstündiger Fahrt erreicht das selbsternannte „Urlaubsteam“ bei dichtem Nebel einen Waldparkplatz im Solling und rollt im Auto die Isomatten aus – da ruft draußen schon der erste Raufußkauz. Für die Flachlandindianer eine tolle Art, für das Birdrace aber noch zu früh! Ärger hält nur auf, also gute Nacht. Nach ein paar unruhigen Stunden Schlaf „balzt“ um 4 Uhr der Wecker – erste Art Waldschnepfe! Nach diesem tollen Start fällt das Aufstehen umso leichter und wird beim Gang in den Wald mit Raufuß- und Sperlingskauz, Waldohreule und Waldkauz belohnt. Zurück am Auto angekommen, trifft das Team auf die Leineuferläufer. Bis zur Mittagszeit fahren beide Teams gemeinsam durch den Solling.

03:30 Uhr: Leineuferläufer starten ins Projekt Titelverteidigung. Nach einer unruhigen Nacht in einer eher durchschnittlich behaglichen Unterkunft in der Solling-Metropole Uslar und nach einem Kaffee bricht mit den Leineuferläufern das Siegerteam des Vorjahres auf der erfolgserprobten Route durch den Landkreis Northeim auf. Der Auftakt im Solling ist vielversprechend, bereits am ersten Haltepunkt kann der Raufußkauz auf der Liste mit einem Kreuzchen versehen werden und ruft auch an drei weiteren Stellen. Drei weitere Eulenarten kommen hinzu, ebenso etliche weitere der begehrten Waldarten, und das trotz Nebel. Eine weitere erfreuliche Überraschung hält die Morgendämmerung bereit: völlig überraschend stoßen die Leineuferläufer auf die zwei Beobachter des Teams Partizan Marzipan - die Runde durch den Solling wird also zu fünft fortgesetzt. Problematisch hingegen die Situation bei den Spechten: Mit Ach und Krach gelingt der Nachweis des Buntspechtes - darüber hinaus: Fehlanzeige.

Göttinger Sozialbrachvögel
Abb.2: Teambild der “Leineuferläufer”.

03:40 Uhr: Auch Dynamo avigoe ist auf Achse. Frisch im Kopf, aber noch nicht im Körper, geht es zum Kerstlingeröder Feld. Kälte, Nebel und Wind scheuchen keine Vögel auf. Außer Singdrossel und Amsel ist es ruhig, und für jede Art muss gearbeitet werden. Der Grünspecht kommt nicht aus seiner Höhle heraus. Eine Strophe von Waldlaubsänger reicht glücklich. Später wird Dynamo avigoe während des Spaziergangs durch Schwarzspecht und nur wenige Baumpieper begleitet. Die anderen Charakterarten vom Kerstlingeröder Feld, d.h. Wendehals, Grauspecht und Neuntöter(!), können leider nicht dazugeschrieben werden. Während eine Mönchsgrasmücke ruft, erklingt ein anderes “Tack“. Eine Ringdrossel setzt sich oben in einen Baum. Dennoch fängt das Birdrace mau an.

3:50 Uhr: Teamversammlung der Sozialbrachvögel am Göttinger Stadtfriedhof. Kurz nach 4 Uhr morgens ist das ambitionierte Quintett bereit, einen langen Tag anzutreten und es kann bereits ein Rotkehlchen als erste Art des Tages verzeichnen. Im Bramwald angekommen, bringt das Wetter viel Nebel am Boden und Wind über den Baumkronen: Nur der Waldkauz meldet sich zu Wort. Ein sehr ernüchternder Anfang, da Eulen und Waldschnepfe still bleiben. Das Wetter sorgt auch dafür, dass die Turteltauben in Ellershausen nicht aufwachen wollen, hingegen aber ein Wildschwein. Ein überfliegender Pirol, fotogene Fichtenkreuzschnäbel und die oft fehlende Haubenmeise sorgen für gute Laune in der Truppe. Das Team entscheidet sich um 9:20 Uhr, auf Fahrräder umzusteigen und steuert auf den Kiessee zu. Hier können ein Zwergtaucher im Geäst, Trauer- und Grauschnäpper und ein Kormoran notiert werden. Ein Eisvogel an der Rase und ein rufender Waldwasserläufer sind wichtige Arten, bevor es mit dem Auto weiter geht.

Wiesenweihe - Dynamo avigoe
Abb.3: Allem Anschein nach eine männliche Wiesenweihe
für das Team “Dynamo avigoe”. Foto: M. Mooij

09:24 Uhr: Dynamisch vom Siekgraben zur Ruhmeaue. Dynamo avigoes Hoffnung auf ein paar Zwergschnepfen am Siekgraben wird leider nicht erfüllt, ebenso auf die erhoffte Haubenmeise am Stadtfriedhof. Stattdessen endlich die erste Elster und ein Feldschwirl an der ehemaligen Tongrube und Wasseramseln am Hagenweg. Beim Zwischenstopp in Nikolausberg: ein Sperber über dem Hang. Bei Wollershausen fliegt eine Bekassine aus dem Schilf auf, und auch Braun- und Schwarzkehlchen zeigen sich in der wärmenden Mittagssonne. Eine am Himmel kreisende Weihe wird erst bei der Nachbestimmung anhand des Fotos als Wiesenweihe deklariert.

Dynamo avigoe Einsatzfahrzeug
Abb.4: Einsatzfahrzeug von “Dynamo avigoe” beim Boxenstopp bei einem Eichsfelder Qualitätsgastronom. Schärft die Wurst ebenso wie den Birder-Blick!

12:30 Uhr: Technischer Wechsel bei Partizan Marzipan. Am Freizeitsee Northeim angekommen, trennen sich die Wege der beiden Northeimer Teams. Nun mit dem Rad unterwegs, liefern die Kiesteiche für Partizan Marzipan schöne Arten wie Zwergmöwe, Schwarzhalstaucher, Schilfrohrsänger und Beutelmeise. Anschließend bringt die Geschiebesperre Hollenstedt die erhofften Limikolen und weitere schöne Arten auf die Liste. Gegen 14 Uhr wird die 100-Arten-Grenze geknackt – für das ortsfremde Team ein erster Teilerfolg. Weiter geht’s zum Leinepolder Salzderhelden, wo als Tageshighlights ein nur kurz zur Rast einfallender Kiebitzregenpfeifer wartet und aus einem Weidengebüsch ein wohl durchziehender Drosselrohrsänger knarrt.

13:00 Uhr
: Mittagspause mit Pizza, neuen Arten und gutem Wetter. Die Göttinger Sozialbrachvögel haben sich trotz großem Proviant im Garten ihres Birdrace-Ältesten zum Pizza essen versammelt, wo Birkenzeisig und Türkentaube planmäßig auf sich aufmerksam machen. Dank Karls großem Auto werden fix fünf Fahrräder verstaut, damit man auf das Kerstlingeröder Feld radeln kann. Hier herrscht bis auf einen Neuntöter und einen singenden Trauerschnäpper am Kehr absolute Stille. Nächster Stopp ist die Rhumeaue, wo nicht nur zwei Nilgänse zu sehen sind, welche sich demonstrativ auf einen Jäger-Hochsitz stellen und Krach machen. Auch Schwarzspecht, Grauspecht und Feldschwirl lassen von sich hören.

15:00 Uhr: Verschnaufen bei den Leineuferläufern. Zeit für ein Zwischenfazit. Die Leineuferläufer konnten auch den Vormittag recht erfolgreich nutzen. Mit Wendehals, Trauerschnäpper und Schilfrohrsänger konnten gleich mehrere gute Birdracearten eingestrichen werden, und auch der Zwischenstand von 102 Arten geht in Ordnung. Entsprechend zuversichtlich ist die Stimmung in der Kulinarik-Oase “City Grill” in Einbeck, die die Leineuferläufer beherbergen darf. Die Tour wird in Richtung Deponie Blankenhagen fortgesetzt, wo sich mit Dohle und Hohltaube problemlos zwei Lücken auf der Tagesliste schließen lassen. Besonders beeindruckend dort aber sind rekordverdächtige 220 Kolkraben. Problemvögel bleiben weiterhin: die Spechte…

16:30 Uhr
: Paukenschlag bei Dynamo avigoe - Ankunft in Seeburg, endlich flutscht es mal wieder! Die Limikolen, Entenvögel und Schafstelzen stocken die Liste in kurzer Zeit um etliche Arten auf. Das hebt die Moral. Und Wahnsinn: Eine Zitronenstelze, auf die andere Beobachter vor Ort aufmerksam machen. Dass die Tags zuvor dort beobachtete weibliche Zitronenstelze noch da sein würde, hatte wohl keiner einkalkuliert, aber dass nun mit einem Männchen gar extra ein neues Individuum eingeflogen wurde, nehmen die Birdracer dankbar zur Kenntnis.

18:00 Uhr
: Sozialbrachvögel treffen am letzten Beobachtungsort Seeburg ein. Ein ehemaliges Teammitglied und Maskottchen der Göttinger Sozialbrachvögel (Teamfoto!) leitete durch Rauchzeichen die Gruppe zu einem Gelbspötter am Lutteranger. Eine Kanadagans kam dort noch schnell dazu. Am Seeburger See angekommen ist es bereits 20:33 Uhr, und bei leckerem Kuchen, Gemüse und einem Bier kann man knapp 30 Schwarzhalstaucher, Trauerseeschwalben und einen Baumfalken beim Jagen beobachten. Da der Tag für die Göttinger Sozialbrachvögel im Zeichen der gelben Vögel mit Gelbspötter, Pirol und Zitronenstelze stand, ist es auch nicht verwunderlich, dass ein ganz knallgelbes Entenküken dann noch für den Abschluss sorgt.

19:30 Uhr
: Früher Abpfiff für Partizan Marzipan. Nach dem euphorischen Artensammeln macht sich ab dem späten Nachmittag mehr und mehr Unmut breit: bei der Suche nach tollen Arten in tollen Gebieten hat das Zweierteam keine Augen für einige Allerweltsarten gehabt: Teichhuhn, Hohltaube, Dohle, Grünspecht, Gimpel, und Feldsperling fehlen noch auf der Liste! So sollen bis zum Schluss zwar dennoch Hohltaube und Dohle auf der Liste fehlen, niemand sonst aber wird die grenzenlose Freude über den Ruf eines Teichhuhns verstehen können, das um 19:30 Uhr als letzte neue Tagesart seinen majestätischen Ruf in der Rhumeaue bei Lindau ertönen lässt. Am Ende stehen 116 Arten zu Buche und Partizan Marzipan die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben.

21:45 Uhr: Aus, Schluss und vorbei bei den Leineuferläufern. Den Schlusspunkt setzt der Wachtelkönig, und mit Rebhuhn und Wespenbussard gelangten zuvor auch noch zwei unerwartete Arten auf die Liste. Doch insgesamt bleibt die letzte Station des Teams - der Leinepolder Salzderhelden - hinter den Erwartungen zurück: Zum Beobachten suboptimale Flächen und nur das “Pflichtprogramm” bei den rastenden Vögeln machen ein echtes Spitzenergebnis nicht möglich. Ob 122 Arten wohl für die Titelverteidigung ausreichen?

23:00 Uhr: Schweiß, Blut, Tränen - und der Sieg. Trotz des sehr holprigem Anfangs, und obwohl für die Göttinger Sozialbrachvögel der Waldkauz die einzige Eulenart des Tages bleibt, kommt das Team mit 125 Vogelarten auf den sicheren Sieg in der Regionalwertung und einen tollen, erlebnisreichen Tag.

Sozialbrachvoegel
Abb.5: Teambild der “Göttinger Sozialbrachvögel”.

23.30 Uhr: Dynamo ohne Energie: Nach dem dicken Motivationsschub am späten Nachmittag wird es mit fortschreitender Dämmerung richtig dünn: keine Schleiereule, kein Blaukehlchen in drei Anläufen, keine Wasserralle, keine Wachtel, kein Rebhuhn. Und schließlich eine halbe Stunde vor Mitternacht keine Energie mehr. Wer sich so noch nicht gefühlt hat, weiß nicht, was müde heißt - zu müde, um gleich ins Bett zu gehen. Von der Konkurrenz um über zehn Arten überboten, dennoch glücklich.

Am Ende des Tages bleibt festzuhalten, dass die Mannschaft um Frontfrau Shauna Grassmann einen beeindruckenden Auftritt hingelegt hat und sich völlig zu Recht ein Jahr lang mit der Krone des Regionalmeisters schmücken darf. Es darf angenommen werden, dass das insgesamt verzögerte Frühjahr und die moderaten Wetterbedingungen am Wettkampftag das regionale Gesamtergebnis von insgesamt 143 Arten positiv beeinflusst hat. Mehr Arten wurden jedenfalls nur im Fabeljahr 2013 (148 Arten) beobachtet. Und augenscheinlich haben die sonst oftmals kniffligen Brutvogelarten (Heckenbraunelle, Schwanzmeise, Kernbeißer, Gimpel und Co.) in diesem Jahr deutlich weniger Probleme bereitet und sich einigen Teams gleich mehrfach aufgedrängt. Es bleibt also noch eine Menge zu fachsimpeln, bis im Mai 2018 der Startschuss für das nächste Birdrace fällt.

Die Ergebnisse aller Teams finden sich hier.

S. Paul

Vielen Dank an die Berichterstatter M. Drüner, D. Hubatsch und Phil Keuschen

Birdrace
Radweg Dynamo avigoeBirdrace - Bramwald - SozialbrachvögelBirdrace Dynamo avigoeBirdrace - Grone - Sozialbrachvögel
Abb. 6-10: Impressionen vom 2017er Birdrace.

June 2nd, 2017

Der Vogelwinter 2016/17 in Süd-Niedersachsen: zeitweise kalt und meistens ruhig

Seidenschwanz - MSiebner
Abb. 1: Seidenschwanz am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Winterwetter war geprägt von einem eisigen Januar, der ca. 2°C kälter ausfiel als im Mittel. In den Niederungen fiel jedoch nur wenig Schnee. Die Stillgewässer waren über Wochen zugefroren. Nur der Northeimer Freizeitsee wies einen eisfreien Bereich von nennenswerter Größe auf, an dem sich im Hochwinter mehr als 1000 Wasservögel konzentrierten. In der letzten Februardekade tauten die Gewässer wieder auf, wobei das Orkantief „Thomas“ am 23. des Monats diesen Prozess mit ergiebigen Regenfällen beschleunigte. Um der Wassermassen Herr zu werden, wurde die Leine im Polder 1 bei Salzderhelden schnell angestaut.
Anders als im vorangegangenen milden Winter 2015/16 verharrten einige Kurzstreckenzieher dieses Mal in nennenswerter Zahl. Dazu später mehr.

Der Winterbestand des Singschwans in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck kann auf maximal zwölf bis 14 Ind. beziffert werden, darunter der seit Ende November präsente lettische Stammgast 2E 94 und nur zwei Jungvögel.
Am 18. Januar rasteten zwei Ind. im Seeanger nur kurz.
Zwei Kanadagänse hielten sich im Januar am Freizeitsee und an der Geschiebe-sperre auf, ein Einzelvogel ab dem 26. Februar am Seeburger See. Sechs Weißwangengänse präsentierten am 11. Dezember am Seeanger das Maximum für den Berichtszeitraum. Zwei Vögel vom 19. bis 21. Februar am Tanzwerder sind vermutlich ein Erstnachweis für den Altkreis Münden. Im Northeimer Raum konnten bis zu drei Vögel (am 26. Februar im Leinepolder) ausgemacht werden.

Wei�wangengans - WVogeley
Abb. 2: Weißwangengänse in Hann. Münden. Foto: W. Vogeley

Mitte Januar erreichten Tundrasaatgänse an ihrem Schlafplatz an der Geschiebesperre mit bis zu 3000 Ind. ihr hochwinterliches Maximum.
Am 5. Februar überflogen zwei Kurzschnabelgänse den Leinepolder Richtung Süden. Maximal 1800 Blässgänse fielen Mitte Januar an der Geschiebesperre zum Schlafen ein.
Am 9. Dezember ballerten Zeitgenossen, die sich in der Öffentlichkeit als „grüne Abiturienten“ spreizen, südlich der Geschiebesperre auf einfliegende Gänse. Dies geschah bis in die Dunkelheit, als nur noch die Silhouetten der Vögel zu erkennen waren. Man fragt sich (und wird es wohl nie erfahren), was von Leuten, deren Vogelartenkenntnis sich auch tagsüber im Nanobereich bewegt, zum reinen Vergnügen so alles vom Himmel geholt wird…
Der Winterbestand der Nilgans lag an der Geschiebesperre regelmäßig bei bis zu 150 Ind. Bemerkenswerte Ausnahmen bildeten der 27. Januar und der 14. Februar, als dort ca. 400 bzw. mindestens 320 Ind. notiert wurden. Das sind die höchsten jemals ermittelten Winterzahlen. Weiterhin darf gerätselt werden, woher die Mehrzahl dieser Gäste stammt. Aus dem Osten wohl kaum und auch nicht aus der Region, weil die Nilgans hier ein spärlicher Brutvogel ist. Zudem krakeelten die meisten der ansässigen Brutpaare an ihren Nistplätzen auch im Winter munter vor sich hin.
Winterliche Brandgänse ließen sich im Februar einzeln am Seeanger und Seeburger See sowie zu zweit (am 1. des Monats) an der Kiesgrube Reinshof bewundern.

Ein bis zwei Mandarinenten bevölkerten den Obertorteich in Duderstadt sowie über Wochen den Seeburger See und Seeanger, obwohl beide Gewässer nahezu komplett zugefroren waren.
Der Winterbestand der Pfeifente an der Rhume bei Northeim lag auch im kalten Januar unvermindert bei ca. 160 Ind. Als skurrile Göttinger Besonderheit ist ein über Wochen an der Leine präsentes Paar erwähnenswert, das an der Gailgrabenbrücke in der Südstadt bald jede Scheu ablegte und sich mit Weißbrot füttern ließ – seine obligatorische Pflanzenkost mal in anderer Form.
In der Wasserwüste des gefluteten Polder 1 versammelten sich Ende Februar mindestens 1900 Stockenten, für die Jahreszeit nicht untypisch.
Am 17. Februar zierte eine männliche Kolbenente die Northeimer Kiesteiche. Ihr folgten zehn Tage später am Seeburger See gleich sechs Ind. (4 M., 2 W.).
Auf dem eisfreien, nur wenige Hundert Quadratmeter großen Wasserloch am Northeimer Freizeitsee stapelten sich im Januar, nach dem Zufrieren aller anderen Stillgewässer, bis zu 620 Reiherenten, darunter auch (bis in den März) der aus dem Vorbericht bekannte männliche Hybrid Tafel- x Reiherente.

ReiherXTafelente - BRiedel
Abb. 3: Männlicher Hybrid Tafel- x Reiherente am Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Das Maximum von bis zu 300 Tafelenten fiel schwächer aus als bei der vorigen Art, ist aber dennoch bemerkenswert, weil die Höchstzahlen normalerweise Ende Februar/Anfang März erreicht werden.
Eine männliche Bergente hielt am Seeburger See und Seeanger bis zum 21. Dezember durch. Als mögliche Eisflüchter vom Seeburger See, wo sie im Herbst länger präsent waren, trafen am 5. Dezember an den Northeimer Kiesteichen (Fischzuchtteich bei Edesheim) drei Artgenossen ein. Einer harrte bis zum 15. Januar aus.
Die seit dem 11. November 2016 an den Northeimer Kiesteichen anwesende weibliche Eisente wich auf den Freizeitsee aus und wurde dort letztmalig am 21. Januar beobachtet.
Eine weibchenfarbene Trauerente legte am 29. Dezember an den Northeimer Kiesteichen offenbar nur einen Zwischenstopp ein. In einer milden Phase um Weihnachten trafen am 23. Dezember am Seeburger See vier Samtenten ein. Ihre Zahl erhöhte sich am 30. des Monats auf fünf Ind., die dann der wieder zunehmenden Vereisung weichen mussten. Von den ursprünglich drei seit dem 23. November 2016 an den Northeimer Kiesteichen stationären Vögeln suchten zwei nach dem 20. Dezember das Weite. Der verbliebene Solitär ließ sich von den widrigen Bedingungen nicht beirren und legte auf dem Eisloch am Freizeitsee eine komplette Überwinterung hin, die aktuell noch andauert.

Zwergsäger lieferten am Freizeitsee mit 21 Ind. (7 M., 14 wf. Ind.) am 16. Februar ein aus regionaler Sicht bemerkenswertes, aber nicht untypisches Maximum.

Zwergsäger - MSiebner
Abb. 4: Schmuckes Zwergsäger-Männchen auf dem Göttinger Kiessee.
Foto: M. Siebner

Ein weibchenfarbener Mittelsäger vom Dienst (es wird höchste Zeit für ein prächtiges Männchen!) machte sich zuerst am 13. Januar am Seeburger See bemerkbar, zog dann wohl , weil dort nur ein kleiner eisfreier Bereich nahe der Auemündung existierte, nach dem 15. an den Freizeitsee um, wo er bis zum Ende des Berichtszeitraums gesehen wurde.

Bei einer gründlichen Zählung wurden am 31. Dezember auf der Leine im Göttinger Siedlungsbereich elf überwinternde Zwergtaucher gezählt, die, wie in den letzten Jahren, einen leicht unterdurchschnittlichen Bestand anzeigten.

Am Northeimer Freizeitsee ballten sich im Januar bis zu 140 Haubentaucher. Als auch dieses Gewässer bis auf das bereits erwähnte Loch zugefroren war, harrten immer noch bis zu 81 (25.1.) von ihnen dort aus. Später ging ihre Zahl auf 25 bis 30 Vögel zurück, die wahlweise als kaltblütig oder dickfellig zu bezeichnen auch für Vögel nur ein metaphorischer Behelf ist. Sie wurden zu guter Letzt vom Tauwetter zum Ende der zweiten Februardekade belohnt.
Von den beiden aus dem Vorbericht bekannten Schwarzhalstauchern an den Northeimer Kiesteichen hielt einer (auf den Freizeitsee umgezogen) bis zum 18. Januar durch.

An der Geschiebesperre Hollenstedt nahm am 19. Januar eine Rohrdommel ein Sonnenbad. Auch am 19. Februar zeigte sich dieser Vogel (oder ein Artgenosse) dort ganz offen, während ein anderer am Nordufer des Seeburger Sees entlang flog und im Schilf verschwand.
Der Rastbestand des Silberreihers erreichte in diesem Winter einen Tiefstand der letzten Jahre. Die bis zu 150 Vögel, die sich im Herbst am Seeburger See und im Seeanger zum Fischfang versammelt hatten, zogen nach dem weitgehenden Zufrieren dieser Gewässer schnell ab. An der Geschiebesperre Hollenstedt (Schlafplatz) hielten sich am 5. Dezember 86 Ind. auf. Im Hochwinter fielen dort maximal um die 40 bis 45 Vögel ein. In den Leinepoldern waren sie zumeist nur in einstelliger Zahl vertreten. Gebietsweise wurden mehr Graureiher als Silberreiher gezählt, das hat es lange nicht mehr gegeben. Am Göttinger Levin-Park begeisterten wiederum ein bis zwei „Stadt-Silberreiher“ mit geringer Fluchtdistanz die Laufkundschaft. Von der Auschnippe bei Adelebsen gibt es zwei Totfunde. Abgebissene Federn deuteten auf einen Raubsäuger, der die Vögel aber nicht unbedingt getötet haben muss. Als Grund für das ungewöhnlich magere Wintervorkommen kann Mäusemangel vermutet werden.

Silberreiher - MSiebner
Abb. 5: Silberreiher auf dem zugefrorenen Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Weißstorch-Brutpaar aus Hollenstedt verbrachte den Winter nahe dem Brutplatz.

Von der Kornweihe liegen beachtliche 37 Winterbeobachtungen von 41 Ind. vor (wegen Mehrfachmeldungen vermutlich nur 17 Ind. betreffend), darunter fünf adulte Männchen. Länger präsent waren nur ein bis zwei Vögel im Leinepolder Salzderhelden, ein adultes Männchen in der Feldmark Eberhausen/Ellershausen (bis Anfang März) sowie, etwas aus dem Rahmen fallend, ein altes Weibchen am südlichen Göttinger Stadtrand, dem sich tageweise ein zweiter Vogel zugesellte.
Fliegende Haustüren, im Volksmund auch Seeadler genannt, werden allmählich (fast) zur Allerweltsart. Am 17. und 21. Dezember geriet am Seeburger See ein immaturer Vogel (wohl derselbe) in den Blick. Am 27. Dezember flog einer im 2. Kalenderjahr (eventuell ebenfalls der vom Seeburger See) über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden nach Norden. Am 15. Februar sorgte ein Altvogel in der Feldmark Rosdorf für Panik unter Graureihern und Gänsen. Ein immaturer Artgenosse tat es ihm am 18. Februar an der Geschiebesperre und einen Tag später am Freizeitsee nach.

Seeadler - BRiedel
Abb. 6: Seeadler auf dem Eis des Freizeitsees. Foto: B. Riedel

Der Raufußbussard war vergleichsweise gut vertreten: Am 3. Dezember zog einer über den Diemardener Berg, am 23. Dezember einer über den Seeburger See und am 15. Januar über Gö.-Nikolausberg. Mit Fotos gut belegt ist ein adultes Männchen vom 26. Januar, das seine entspannte Patrouille am Göttinger Stadtrand bis zum Flüthewehr und zum Wassergewinnungsgelände führte. Den Abschluss bildet ein zweijähriger Vogel vom 25. Februar im Seeanger.
Winterliche Merline gerieten am 16. Januar in der Feldmark Reinshof (ad. M.) und am 28. Januar in der Feldmark Geismar vor die Optik. An der Geschiebesperre Hollenstedt gab ein adultes Weibchen am 25. Februar ebenfalls nur ein kurzes Gastspiel.

Die Hauptmasse der Kraniche zog wohl am 19. und 20. Februar durch, allerdings wie üblich zumeist in der Dunkelheit und daher nicht zählbar. Es dürften aber mehrere Tausend gewesen sein. Ansonsten tröpfelte der Zug vor sich hin, vierstellige Gesamt-Tagessummen liegen nicht vor.

Im Dezember und Januar gerieten einzelne Kiebitze am Seeanger, an der Geschiebesperre und den Northeimer Kiesteichen auf die Tageslisten. Durchgängige Überwinterungen gab es wohl nicht. Das bisherige Heimzug-Maximum lag am 26. Februar bei 920 Ind. im Polder I.

Von der Waldschnepfe gibt es fünf Beobachtungen von sechs augenscheinlich kerngesunden Ind., alle aus Waldgebieten bzw. (zweimal) aus der Kiesgrube Ballertasche.
Das Maximum ausharrender Bekassinen lag an der Geschiebesperre Hollenstedt am 28. Januar bei vier Ind. In anderen Gebieten (Kiesgrube Reinshof, Feldmark Rosdorf, Göttinger Kiessee, Kiesgrube Ballertasche und Seeanger) gab es Beobachtungen von Einzelvögeln. Zwei Vögel genossen am 2. Dezember den effektiven Schutz der JVA Rosdorf, wo ein kleiner Teich existiert.
Von der Geschiebesperre Hollenstedt liegen neun Beobachtungen des Waldwasserläufers vor. Ob sie die durchgängige Überwinterung eines Einzelvogels betreffen muss offen bleiben.

Über den Reinhäuser Berg zogen am 16. Januar drei Silbermöwen (1 ad., 2 K2). Am 17. Januar rasteten zwei Ind. am Freizeitsee. Die häufigere Steppenmöwe gelangte zehnmal zur Beobachtung, darunter zwei an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden, die aus lokaler Sicht bemerkenswert sind. Eine adulte Heringsmöwe hielt sich vom 23. bis 25. Februar im Leinepolder auf.

Heringsmöwe -  PReus
Abb. 7: Heringsmöwe im Leinepolder. Foto: P. Reus

Ab dem 20. Februar labten sich bis in den März ca. 60 Hohltauben auf einem Sonnenblumenfeld am Wüsten Berg südlich von Göttingen. Anzahl und lange Verweildauer sind bemerkenswert.

Im Wäschetal bei Waake wurde am 13. Januar eine frischtote Schleiereule gefunden. Im Hochsolling gelangen im Februar Rufnachweise von je einem Raufuß- und Sperlingskauz.
Waldohreulen begannen recht früh mit der Balz. Am 10. Januar ließ sich bei Eberhausen ein Vogel vernehmen, am 19. Januar einer an der Geschiebesperre, am 22. Januar im Solling und am 15. Februar bei Mollenfelde. Am 18. Februar balzten zwei Vögel am Rand von Gö.-Nikolausberg (mit Flügelklatschen) sowie am 19. Februar auf dem Kerstlingeröder Feld und am 25. Februar in Lichtenhagen. Am 15. Dezember kreiste eine Sumpfohreule über den Häusern von Rosdorf und wurde dabei von Rabenkrähen gemobbt.
Der Göttinger Stadt-Waldkauz hat es sich möglicherweise im Alten Botanischen Garten gemütlich gemacht. Am 21. Februar ließ er sich am Bartholomäus-Friedhof blicken. Wahrnehmungen einer Eule im selben Bereich fünf Tage später könnten sich auf ihn bezogen haben. Dass er offenkundig nicht mehr heult, muss kein schlechtes Zeichen sein…

156 Beobachtungen von Eisvögeln in vielen Gebieten könnten darauf hindeuten, dass sich die Winterverluste, trotz wochenlanger Vereisung aller Stillgewässer, in Grenzen gehalten haben. Bewohner/innen der Göttinger Innenstadt war ein wenig scheuer Vogel ans Herz gewachsen, der am Leinekanal in Höhe Waageplatz ein Winterrevier besetzt hielt und ein offenbar reiches Nahrungsangebot souverän zu nutzen wusste.

Eisvogel - SHörandl
Abb. 8: Eisvogel im Göttinger Süden. Foto: S. Hörandl

Vom Raubwürger wurden nur zwei bis drei feste Winterreviere bekannt: wie immer auf dem Kerstlingeröder Feld und, recht bemerkenswert, an den ehemaligen Tongruben Siekgraben am westlichen Göttinger Stadtrand. Auf der wenig begangenen Hochfläche bei Gö.-Deppoldshausen konnte ein Ind. zweimal registriert werden. Aus dem Leinepolder (sonst alljährlich besetzt) liegt nur eine Beobachtung vom 18. Januar vor. Offenbar hat die Mäusearmut nicht nur den überwinternden Silberreihern zu schaffen gemacht. Darüber hinaus gibt es Einzelnachweise in der Feldmark Eberhausen, bei Reyershausen, im Bratental bei Gö.-Nikolausberg, bei Atzenhausen sowie östlich von Diemarden und von Duderstadt.

Von der Saatkrähe sind bis zu ca. 70 Ind. erwähnenswert, die bei Thüdinghausen überwinterten. Ansonsten lagen die Zahlen im einstelligen Bereich.
Ca. 60 Kolkraben, die sich am 8. Januar westlich von Meensen an einem Kadaver versammelt hatten und gegen Abend nach Westen abflogen sind insofern von Bedeutung, weil so große Trupps aus dem Südkreis bislang nicht bekannt geworden sind.

Sehr bemerkenswert war ab Mitte Januar das hochwinterliche Auftreten von Feldlerchen in den Feldmarken Reinhof und Gö.-Geismar mit maximal 250 Ind. am 24. des Monats. Im Januar des vorangegangenen sehr milden Winters fehlten sie komplett (was aber eher die Regel ist). Offenbar ermutigte ein gutes Nahrungsangebot (u.a. auf den Versuchsflächen des Klosterguts Reinshof) in Kombination mit wenig Schnee die Vögel zum Verweilen. Ob es sich um Winterflüchter aus dem Nordosten oder (eher unwahrscheinlich) frühe Zuzügler aus dem Südwesten handelte muss offen bleiben.

Feldlerche - Siebner
Abb. 9: Feldlerche im Göttinger Süden. Foto: M. Siebner

Nach fünf Dezemberbeobachtungen gab es im Januar nur eine Wahrnehmung des Zilpzalps (am 4. nahe der Geschiebesperre). Der Stimmfühlungsruf des Vogels wurde nur gehört, es liegt aber eine Tonaufnahme vor, die auf diese Art deutet. Aus dem Februar existieren keine Beobachtungen. Im Januar/Februar 2016 gelangten immerhin sechs zur Beobachtung.

Vom Sommergoldhähnchen (im Winter 2015/16 nur eine Beobachtung Anfang Februar!) liegen beachtliche sechs Januar-Beobachtungen vor. Am Northeimer Freizeitsee kam es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer erfolgreichen Überwinterung. Am Göttinger Levin-Park und in der angrenzenden Kleingartenkolonie „Edelweiß“ trat im Januar und Februar ein kleiner Trupp von drei Vögeln in Erscheinung, der ebenfalls eine durchgehende Überwinterung angezeigt haben könnte.

Endlich: Am 27. Januar tauchte am Northeimer Freizeitsee der erste Seidenschwanz auf. Ihm folgten vom 5. bis 7. Februar drei Artgenossen auf dem Kerstlingeröder Feld. Ein Trupp von neun Ind. fraß sich vom 8. bis 10. Februar durch die Kleingartenanlage „Am Kiessee“. Zum Monatsende ließ sich ein größerer Schwarm von mindestens 40 Vögeln auf Mistel-Pappeln am Kiessee nieder und sorgte für einen mittleren Auflauf von Vogelbeobachtern und Fotografen.

Am 26. Januar wurden im Neuen Botanischen Garten zwei Singdrosseln bestimmt. Ansonsten: Fehlanzeige bei Hochwinterbeobachtungen, wie üblich.
Am 8. und 12. Januar hielt sich ein, aus regionaler Sicht, jahreszeitlich ungewöhnliches Schwarzkehlchen in der Feldmark Gö.-Geismar auf.
43 Beobachtungen des Hausrotschwanzes sind recht bemerkenswert, bezogen sich aber zu einem Gutteil auf drei bis vier mittlerweile traditionelle Winterreviere an der Norduni, im Göttinger Industriegebiet (mit einem von unten erwärmten Flachdach als Wellness-Oase) und auf dem JVA-Gelände in Rosdorf. Wie im letzten Winter kam ihnen die Schneearmut zupass.

Hausrotschwanz - MSiebner
Abb. 10: Hausrotschwanz auf immergrünem Flachdach. Foto: M. Siebner

Von der Heckenbraunelle liegen beachtliche 40 Januar-Beobachtungen vor, darunter etliche an Futterstellen. Eine durchgehende Überwinterung von ein bis zwei Vögeln konnte wiederum am Northeimer Freizeitsee belegt werden, desgleichen von einem Einzelvogel in Gö.-Geismar.

Auch Wiesenpieper traten deutlich zahlreicher auf als im milden Winter 2015/16. Davon zeugten unter anderem 25 Ind. am 9. Januar in der Feldmark Rosdorf sowie die gleiche Anzahl am 21. Januar im Seeanger. Natürlich sind Vergleiche von Beständen überwinternder Kurzstreckenzieher auf regionaler Basis wenig aussagekräftig. Gleichwohl können sie Hinweise darauf liefern, wie differenziert und komplex das Zuggeschehen abläuft und welche Faktoren es bestimmen (wobei die Temperaturen vor Ort nur ein Faktor von vielen sind).
Vom Bergpieper liegen klägliche sechs Beobachtungen vor. Das Maximum am Hotspot Geschiebesperre betrug ganze drei Vögel…
Der Göttinger Winterbestand der Gebirgsstelze kann, wie in den Vorwintern, auf fünf bis sechs Vögel beziffert werden. An der Geschiebesperre erfolgte die übliche Überwinterung eines Vogels.

Gebirgsstelze - MSiebner
Abb. 11: Gebirgsstelze an der Leine in Göttingen. Foto: M. Siebner

Im kalten Januar wurden in verschiedenen Gebieten insgesamt etwas mehr als 30 Bachstelzen beobachtet (im milderen Januar 2016 24 Ind.), zumeist Einzelvögel.

Bergfinken traten in der Leineniederung nur in geringer Zahl auf. Ganz anders sah es in den Hochlagen des Sollings aus: Hier haben vermutlich Tausende überwintert. Leider konnte der Schlafplatz, den sie, schwer zu zählen, in der Dämmerung ansteuerten, nicht gefunden werden.
Vom nordischen „Trompetergimpel“ liegen seit dem 26. Oktober 2016 37 Beobachtungen (zumeist Einzelvögel) vor, erheblich weniger als im letzten Winter (80 Beobachtungen von mehr als 100 Ind.).
Aus regionaler Sicht sehr bemerkenswert, aber für kalte Winter nicht untypisch, waren ab Anfang Februar bis zu 15 Girlitze auf Ruderalflächen an der Norduni in Gö.-Weende.

Es ist allein der Systematik dieses Berichts geschuldet, dass ein Glanzlicht erst an dieser Stelle seine Strahlkraft entfalten kann: Am 24. und 25. Januar hielten sich in der Feldmark Reinshof drei Grauammern auf. Ihnen folgte am 27. ein Ind. am Freizeitsee. Seit dem Verschwinden als Brutvogel nach 1995 - das im Atlas deutscher Brutvogelarten aufgeführte Vorkommen im Leinepolder 2005 beruht auf der Wertung singender Männchen, die später wieder verschwunden waren, als „wahrscheinliche Brüter“ - traten Grauammern nur noch sehr vereinzelt auf dem Heim- und Wegzug auf. Die letzte Winterbeobachtung liegt mehr als 30 Jahre zurück.

Grauammer - MGeorg
Abb. 12: Grauammer in der Feldmark Reinshof. Foto: M. Georg

Dreistellige Maximalzahlen der Goldammer, die immer mehr aus der chemisierten Normallandschaft zu verschwinden scheint, gab es am Freizeitsee (120 Ind. am 10.1.), in der Feldmark Immensen (100 Ind. am 25.1.) und an der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende (150 Ind. am 26.1.).
Der regionale Januarbestand der Rohrammer bestand aus drei Vögeln an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, die den ganzen Monat über der Kälte trotzten.

Damit endet der Bericht, der nahezu ausschließlich auf Daten in ornitho.de beruht.

Hans H. Dörrie

Der Verfasser dankt folgenden Melderinnen und Meldern:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, S. Beisler, S. Böhner, L. Bolte, J. Bondick,
M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, S. Bust, J. Bryant, A. Delius, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, T. Frischgesell, K. Gehring, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, A. Görlich, S. Grassmann, D. Gruber, C. Grüneberg, W. Haase, O. Henning,
D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, M. Hölker, S. Hörandl,
S. Jaehne, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, M. Kiepert, J. Kirchner, F. Kleemann,
M. Kuschereitz, V. Lipka, G. MacKay, D. Mederer, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta,
M. Mooij, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schopnie, L. Sebesse, T. Seeler, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, R. Spellauge, I. Spittler,
K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, A. Torkler, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley,
K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, D. Wucherpfennig und vielen anderen.

Krickente - MSiebner
Abb. 13: Überwinterndes Krickentenmännchen am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

March 11th, 2017

Das Ascherberg-Wäldchen –
von der Motorsäge wach geküsst

Ascherberg - SBöhner
Abb. 1: Ohne Worte. Foto: S. Böhner

Urwaldähnliche Vegetation aus einem vielfältigen, durch einen enorm hohen Alt- und Totholzanteil gekennzeichneten Baumbestand, dichte Gebüsche und Efeudschungel, Heimat von bis zu 35 Brutvogelarten (darunter auch von in Göttingen seltenen wie der Waldohreule) mit knapp 100 Paaren auf ganzen dreieinhalb Hektar: Der Ascherberg, genauer seine östliche Hälfte nahe dem Kiessee, war ein wilder, verwunschener Ort, an dem sich die Natur in den letzten 50 Jahren ungestört entwickeln konnte. Ein paar Trampelpfade, die äußerst selten genutzt werden, durchziehen das aus einem Park entstandene Wäldchen. Von der herrschaftlichen Villa des früheren Besitzers stehen nur noch ein paar Fundamente und ein eisernes Tor. Kaum ein Spaziergänger in Göttingens meistbesuchtem Naherholungsgebiet verirrt sich dorthin. Auf den beiden am Rand aufgestellten Bänken hat man noch nie jemanden sitzen gesehen. Jetzt aber haben Mitarbeiter des städtischen Bauhofs in diese Idylle Schneisen der Verwüstung geschlagen. Wie konnte es dazu kommen?

Im November 2015 erhielt der Schreiber dieser Zeilen eine Anfrage des städtischen Forstamtsleiters zur Vogelwelt des Ascherbergs. Mit einer auf zahlreiche Daten aus den letzten 20 Jahren gestützten Expertise konnte er über die bemerkenswert hohe Arten- und Individuendichte in Kenntnis gesetzt werden, verbunden mit der Empfehlung, das Gebiet in Ruhe zu lassen und es gegebenenfalls offiziell als Naturwaldzelle auszuweisen. Schon damals drängte sich die Frage auf, warum der Ascherberg auf einmal ins Visier des Forstamts geraten war.

Im März 2016 konnte ein vorbeiradelnder Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde Fällarbeiten in der Nordostecke gerade noch rechtzeitig stoppen. Außer ein paar jüngeren Bäumen war zum Glück nichts zu Bruch gegangen. Es ist wohl nur diesem Zufall zu verdanken, dass der Ascherberg damals nicht in eine aufgeräumte Parkanlage verwandelt wurde. Der skandalöse Vorfall ging mit bissigen Kommentaren durch die Presse, wobei der (angeblich) uninformierte Forstamtsleiter keine gute Figur machte. Interessanterweise fiel die unangekündigte Hauruckaktion in die heiße Vorbereitungsphase des Landesturnfests, was Rückschlüsse auf ihre eifrigsten, im Hintergrund agierenden Unterstützer zulassen könnte…

Im Frühjahr 2016 bestätigte eine Brutvogelkartierung des Planungsbüros Corax (vom Fachdienst Umwelt der Stadt beauftragt) die außerordentlich hohe Arten- und Individuenzahl der ansässigen Vogelwelt. Jetzt hätte man eigentlich davon ausgehen können, dass weitere Eingriffe nicht zu befürchten waren. Es kam aber ganz anders. Innerhalb der Verwaltung wurde ein Kompromiss geschlossen, den als faul zu bezeichnen ein Euphemismus wäre: Unterhalb des Randwegs mit den zwei Bänken wird, bis auf ein paar jüngere Bäume, die Vegetation beseitigt. Der Trampelpfad im Norden (neben dem alten Obstgarten) wird zu einer attraktiven Piste mit „Pflege des randlichen Unterholzes“ ertüchtigt. Am Rosdorfer Weg werden auf einer Breite von 30 Metern ins Gebiet alle potentiellen Gefahrenbäume beseitigt. Der Rest wird künftig als Wirtschaftswald genutzt. Als ökologisches Bonbon wird die Verrammelung des zentralen Trampelpfads mit Baumstämmen verkauft – das fühlt sich gut an, ist aber in Wahrheit reine Dekoration. Wozu mit großem Aufwand einen Weg verbauen, der wegen fehlender Nutzung kaum noch erkennbar ist? Von dem Kompromiss profitieren im Wesentlichen zwei Akteure: die Wassersportler mit ihren jährlichen Zeltlagern, die jetzt mehr Platz haben, und das Forstamt, das den Gehölzbestand fortan nutzen kann, natürlich „schonend“, wie es sich für ein von der Stiftung Naturland und dem Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziertes Unternehmen gehört. Tatsache ist jedoch: Der einzigartige Charakter des Ascherbergs als faktische Naturwaldzelle ist dahin.

Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes ist die ganze Aktion überflüssig und von horrender Sinnlosigkeit. Nichts hätte dagegen gesprochen, das Gebiet weiterhin in seinem urwüchsigen Zustand zu belassen. In den letzten 50 Jahren hat sich niemand daran gestört. Von Protesten ordnungsliebender Normalbürger mit Aversionen gegen Wildwuchs aller Art ist nichts bekannt.
Aber es geht ja nicht nur um den Ascherberg. Wie rabiat und kaum behelligt Nutzer- und Interessengruppen, die Natur nur noch als Investitionshindernis wahrnehmen, mittlerweile in unserer Stadt agieren können, lässt sich am Leine-Grüngürtel zwischen der Otto-Frey-Brücke und der Godehardstraße dokumentieren: Hier wurden praktisch alle Büsche beseitigt und zahlreiche Bäume gefällt. Ein Biergarten, eine geplante Zufahrt für den Lieferverkehr zur Lokhalle und eventuell ein weiterer Hotelneubau werden dem früher hoch geschätzten Grüngürtel den Rest geben. Der Kontrast zur aufwendig „renaturierten“ Leine könnte nicht stärker ausfallen. Wie sagte vor ein paar Tagen ein jovialer Mitarbeiter des Bauhofs: „In keiner deutschen Stadt wird so viel für die Natur getan wie in Göttingen“. Na dann: Prost Mahlzeit!

Hans H. Dörrie

Ascherberg2 - SBöhner
Abb. 2: Immer noch ohne Worte. Foto: S. Böhner

February 15th, 2017

Späte Brutzeit und Wegzug 2016 in Süd-Niedersachsen: mal warm, mal kalt - Wetter halt

Rauchschwalbe - Siebner
Abb. 1: Flügge Rauchschwalben am Göttinger Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Das Wetter wies im Berichtszeitraum Juli - November einige Besonderheiten auf. Am 28. August fegte ein Sturm über den Göttinger Süden und sorgte am Kiessee für zahlreiche umgestürzte Bäume, vor allem alte Weiden. Der sehr warme September (fünf Grad wärmer als im Durchschnitt) glich mehr einem Sommermonat. Der Oktober war dagegen alles andere als golden und eher kühl. Der ungewöhnlich frühe Wintereinbruch in der ersten Novemberhälfte mit gebietsweise starken Schneefällen im Norden der Republik machte sich bei uns nur in abgeschwächter Form mit ein paar Frostnächten bemerkbar, in denen einige Kleingewässer, darunter auch Teile des Seeangers, schnell zufroren. Gleichwohl erreichten uns in diesem Zeitraum gefiederte Gäste auf der Winterflucht. Nach einer kurzen Phase der Milderung waren Ende des Monats einige Stillgewässer erneut mit Eis bedeckt.

Im Leinepolder Salzderhelden traf der treue lettische Singschwan mit der Farbmarkierung 2E 94 am 25. November zu seiner fünften Überwinterung in Folge ein, mit Partner, aber leider ohne Nachwuchs.
In der ersten Oktoberdekade rasteten bis zu neun Weißwangengänse im Seeanger, ansonsten gibt es nur einen Vaganten zu vermelden, der sich unter anderem an der Geschiebesperre Hollenstedt und der Kiesgrube Reinshof bemerkbar machte.
Im Umfeld der Geschiebesperre Hollenstedt erhöhte sich die Zahl erfolgreicher Nilgansbruten auf drei, wie im Vorjahr kam eine am nahen Böllestau hinzu. Am Göttinger Kiessee konnte sich ein zweites Paar fortpflanzen, mit einem selbständig gewordenen Sprössling. Damit liegen, wenn es in den kommenden Wochen keine Winterbruten gibt, Hinweise auf zehn erfolgreiche Bruten vor, deutlich weniger als im Vorjahr (18 Bruten). Einige aus den Vorjahren bekannte Brutplätze wurden 2016 nicht kontrolliert, so dass die wirkliche Zahl etwas höher liegen könnte. Dies ändert aber nichts daran, dass eine stürmische Expansion dieser von Unkundigen dämonisierten Art wohl anders aussieht.

Nilgans - AStumpner
Abb. 2: Nilgänse bei der Restmüllverwertung am Göttinger Kiessee.
Foto: A. Stumpner

Am 5. Juli bevölkerten 25 Brandgänse kurzzeitig den Seeanger. Anderswo traten sie nur in niedriger einstelliger Zahl in Erscheinung.
Im Herbst bemühten sich am Obertorteich in Duderstadt bis zu zwei männliche Mandarinenten um ein Weibchen. Ein Junggeselle zierte am 29. Oktober die Geschiebesperre Hollenstedt und am 8. November den Großen Northeimer Freizeitsee.
Mit der Beobachtung eines Weibchens, das drei schon recht große Jungvögel führte, gelang am 11. Juli im Leinepolder Salzderhelden endlich mal wieder ein Brutnachweis der Schnatterente. Mindestens 130 Vögel (wohl auf der Eisflucht aus dem Nordosten, wo es im Herbst große Rastbestände an Flachwassern gibt) bedeckten am 11. November den Großen Northeimer Freizeitsee - ein Lokalrekord für dieses Gewässer.
Ab November war der traditionelle Überwinterungsplatz der Pfeifente an der Rhume in Northeim mit mehr als 120 Vögeln wieder gut besetzt. Ein Rastplatz der ganz besonderen Art wurde in diesem Herbst von bis zu fünf Vögeln besucht: das nur ca. einen halben Hektar große, von Rasenflächen umgebene Rückhaltebecken auf dem Gelände der JVA Rosdorf. Hier sind die Vögel bei ihren Weidegängen vor Störungen sicher, nur ab und an schaut ein Wachmann mit (angeleintem) Hund vorbei…

pfeifenten - BRiedel
Abb. 3a: Wie in jedem Jahr: Pfeifenten an der Rhume in Northeim. Foto: B. Riedel

Pfeifente -MSiebner
Abb. 3b: Männliche Pfeifente auf der Leine in Göttingen. Foto: M. Siebner

Fünf Kolbenenten (4 Männchen, 1 Weibchen) legten am 31. Oktober an den Northeimer Kiesteichen eine offenbar nur kurze Rast ein.
Für die Reiherente war 2016 ein ausgesprochen mageres Brutjahr. Von der Rhume in Northeim liegen Hinweise auf zwei Bruten mit Schlupferfolg vor, am Böllestau konnte ein Weibchen bemerkenswerte sieben Kleine in die Selbständigkeit führen. In Stadt und Landkreis Göttingen geriet nur ein nichtflügger Jungvogel ins Blickfeld, am 3. September an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden.
Am 27. November zeigte ein männlicher Hybrid Tafel- x Reiherente am Northeimer Freizeitsee einige Merkmale der nordamerikanischen Kleinen Bergente, mit der solche Kreuzungen manchmal verwechselt werden. Struktur, Größe und vor allem der große dunkle Nagelfleck schlossen einen Ausnahmegast aber sicher aus.
Im November hielten sich am Seeburger See über Wochen bis zu drei junge Bergenten auf.
Am 11. und 13. November schwamm auf dem Northeimer Freizeitsee bzw. auf einem der nahen Kiesteiche eine junge Eiderente (erster Regionalnachweis seit 2010). Ein Artgenosse, der am 18. November den Seeburger See bereicherte, könnte derselbe Vogel gewesen sein.
Die vordem letzte Beobachtung einer Eisente liegt nur zwei Jahre zurück („der unheimliche Dauertaucher vom Seeburger See“). Gleichwohl kann ein junger Nachfolger, der sich seit dem 11. November an den Northeimer Kiesteichen aufhält, immer noch als große Besonderheit verbucht werden.

Eisente - BRiedel
Abb. 4: Eisente an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Vom 29. Oktober bis 4. November besuchten bis zu vier junge Trauerenten (30.10.) den Seeburger See, zwei weitere folgten ihnen ab dem 25. November ebenda. Den Schlusspunkt setzten drei Vögel am 27. des Monats. Das ist, immerhin, ein kleiner Abglanz des bemerkenswerten Einflugs ins deutsche Binnenland.
Seit dem 23. November komplettieren drei weibchenfarbene Samtenten an den Northeimer Kiesteichen die Palette von Meeresenten. Ihnen folgten vom 26. bis 27. des Monats am Seeburger See bemerkenswerte acht Artgenossen.

Aus dem Zeitraum Mai - Juli liegen Wahrnehmungen von 17 rufenden Wachteln vor, darunter ein am 12. Juni nachts über das Göttinger Ostviertel ziehender Vogel. Das Maximum lag bei drei Rufern am 20. Mai im Leinepolder Salzderhelden.
Offenkundig kommt es wieder zu vermehrten Aussetzungen von Fasanen durch unbelehrbare Waidwerker. Dass sie sich nicht auf das Eichsfeld beschränken zeigte ein Vogel vom 12. November in der Feldmark Reyershausen. Der nächste schneereiche Kältewinter wird diesen bedauernswerten Kreaturen den Garaus machen – sofern sie vorher nicht geschossen werden.
Der aktuelle niedersächsische Landesjagdbericht 2014/15 weist für den Landkreis Göttingen eine „Jagdstrecke“ von 19 Rebhühnern aus. Dabei ist unklar, ob sie „erlegt“ wurden oder ob es sich um so genanntes „Fallwild“ gehandelt hat. In diese Rubrik fallen in der Regel Rebhühner, deren Todesursachen im Dunkeln bleiben (sollen). Sind sie durch Zusammenstöße mit dem SUV des Jagdpächters zu Tode gekommen oder wurden sie aus Versehen von einem Deutsch Kurzhaar apportiert? Man weiß es nicht… Die Jägerschaft hat sich in einer freiwilligen Übereinkunft verpflichtet, die neuerdings in der Roten Liste als „stark gefährdet“ aufgeführten Vögel nicht mehr zu schießen. Die Verfasser des Landesjagdberichts beklagen selber, dass 295 tote Rebhühner in Niedersachsen, von denen beachtliche 237 als „Fallwild“ deklariert wurden, dem (ohnehin ramponierten) Image der „grünen Abiturienten“ nicht gerade förderlich sind.

Rebhuhn - VLipka
Abb. 5: Rebhuhn. Foto: V. Lipka

Vom Zwergtaucher gibt es Hinweise auf erfolgreiche Bruten von den Klärteichen bei Lauenberg (Sollingvorland), vom Böllestau, von den Husumer Teichen bei Hammenstedt und aus der Kiesgrube Ballertasche (zwei Paare mit jeweils zwei Bruten). Im Landkreis Northeim existieren zahlreiche Kleingewässer als potentielle Bruthabitate der kleinen Trillerkünstler, die aber von Vogelkundlern so gut wie nie aufgesucht werden. Eine gezielte Suche könnte durchaus positive Ergebnisse hervorbringen.
Am Seeburger See kam es zu mindestens 15 Bruten von Haubentauchern, von denen um die zehn von Schlupferfolg gekrönt waren. Wie mittlerweile üblich wurden die Nester auf den Blättern von Seerosen angelegt, um der Prädation durch terrestrische Beutegreifer zu entgehen. Die Nahrungssuche dürfte durch eine massive Algenblüte beeinträchtigt gewesen sein, die ab dem Hochsommer das Wasser in eine tiefgrüne Brühe verwandelte. Die Algenblüte hatte auch zur Folge, dass sich die Seerosenblätter schneller als üblich zersetzten. Die allermeisten Bruten konnten aber vorher erfolgreich abgeschlossen werden.
An den Thiershäuser Teichen konnten sich drei Paare mit insgesamt acht Kleinen erfolgreich reproduzieren. Hier scheint es mit der Art bergauf zu gehen. An den Northeimer Kiesteichen und an den „Wunderteichen“ südlich des Freizeitsees fanden insgesamt drei erfolgreiche Bruten statt. Am „Kormoranteich“ wurde ein brütender Altvogel vermutlich von einem Habicht erbeutet. An der Geschiebesperre Hollenstedt war wie im Vorjahr ein Paar präsent, konnte sich aber nicht fortpflanzen.
An der Kiesgrube Reinshof scheint sich die Art dauerhaft zu etablieren: Aus einer Brut wurden zwei Junge selbständig.

Haubentaucher - Siebner
Abb. 6: Flügger Haubentaucher Anfang Juni am Kiessee. Foto: M. Siebner

Am Göttinger Kiessee schritt in diesem Jahr nur ein Paar zur Brut. Zwei von drei Kleinen wurden selbständig und waren schnell verschwunden. Das ist der niedrigste Wert seit Jahren. Weitere Paare mit Brutambitionen waren nicht präsent, dagegen, sehr merkwürdig, bereits am 8. Juni für kurze Zeit zwei flügge Jungvögel, die nicht vor Ort erbrütet worden waren. Woher sie stammten, ist völlig unklar, mit Sicherheit nicht aus der näheren Umgebung. Die brütenden Vögel verhielten sich ungewohnt scheu und suchten immer den Schutz der Ufervegetation. Das gelang ihnen so gut, dass die Brut erst nach dem Schlupf der Jungen am 22. Juli entdeckt wurde. Über die Gründe des Bestandseinbruchs kann man nur mutmaßen. Gibt es, wie von Anglern vor Ort behauptet, eine signifikante Veränderung der Fischfauna zu Lasten mittelgroßer Fische, die sich angeblich in einem starken Rückgang von Weißfischen manifestiert? Dem schien der ungewöhnlich hohe Rastbestand im Winter 2015 von bis zu 16 Vögeln zunächst zu widersprechen. Die Wegzug-Rastzahlen bis zum frühen Zufrieren des Gewässers Ende November könnten jedoch durchaus auf eine (durch Besatzmaßnahmen geförderte?) Änderung im Nahrungsangebot deuten. Haubentaucher und Gänsesäger waren in der Regel mit weit unter zehn Vögeln unterdurchschnittlich präsent, Kormorane dagegen in guter Zahl mit regelmäßig um die 80 bis 100 Vögel. Allerdings ist bei den Kormoranen ihr weiter Aktionsradius zu berücksichtigen; hinzu tritt, dass der Kiessee für sie ein sicheres Refugium darstellt, wo sie vor Abschüssen geschützt sind und sich entsprechend konzentrieren. Gegen eine signifikante Zunahme von Prädationsereignissen spricht der gute Bruterfolg aller anderen Wasservögel. Möglicherweise hat auch der natürliche Wegfall erfahrener Paare, die den aktiven Grundstock einer Lokalpopulation bilden, eine Rolle gespielt.
Schwarzhalstaucher lieferten Ende August am Seeburger See mit fünf Vertretern ein eher mageres Maximum. Recht optimistisch scheinen zwei ortsfeste Vögel ab dem 25. November an den Northeimer Kiesteichen zu sein.
Am Seeburger See rastete am 22. November ein Prachttaucher offenbar nur für kurze Zeit - bis die Anglerboote kamen.

Am 29. Oktober machte sich am Seeburger See eine Rohrdommel bemerkbar. Am 7. August konnte in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden eine diesjährige Zwergdommel, wohl auf dem frühen Wegzug, ausgemacht (und fotografiert) werden. Der Lebensraum ist für diese Art alles andere als suboptimal…
Am 21. Juli präsentiert an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Silberreiher seine farbberingten Beine (links: oben rot, unten gelb; rechts: oben blau, unten rot). Wer nun gedacht hätte, dass dieser Vogel aus Ungarn stammt (wo Silberreiher beringt werden) oder gar aus der von Reihern wimmelnden Todeszone um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine, sah sich getäuscht: Er wurde am 2. Mai 2012 als Nestling am 1300 km entfernten Lac de Grand-Lieu nahe der französischen Atlantikküste markiert. Interessanterweise entstammten die beiden anderen Vögel, deren Herkunft in der Region durch Farbringablesung ermittelt werden konnte (Anfang Mai 2005 am Seeanger), ebenfalls dieser damals nur aus 15 bis 20 Paaren bestehenden Brutpopulation.
Im Spätherbst kam es um Seeburg zu einem, für den Landkreis Göttingen beispiellosen, Auftrieb der weißen Riesen. Bis zu (mindestens) 150 Vögel bevölkerten die Auemündung, den Röhrichtgürtel des Sees sowie Seeanger und Lutteranger. Dagegen fielen die Zahlen in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck, die sich im niedrigen zweistelligen Bereich bewegten, stark ab. Einschränkend ist jedoch anzumerken, dass aussagekräftige Schlafplatzzahlen von dort nicht vorliegen. Das massierte Auftreten im Göttinger Ostkreis dürfte mit dem Nahrungsangebot zusammen hängen. Möglicherweise hat das schlechte Mäusejahr die Vögel gezwungen, sich wieder vermehrt dem Fischfang zu widmen

Silberreiher - Siebner
Abb. 7: Silberreiher an der Auemündung. Foto: M. Siebner

Der Brutbestand der Göttinger Graureiher belief sich in diesem Jahr auf ca. 17 erfolgreiche Paare und näherte sich damit wieder den Zahlen vor dem sehr schlechten Jahr 2015 an. Am Levin-Park brüteten zehn Paare auf Schwarzerlen und Weiden am Ufer und (nur) eins auf der alten Inselweide. Auf der Insel im Kiessee waren zwei von drei Paaren mit zwei bzw. drei ausgeflogenen Jungvögeln erfolgreich. In der Gehölzreihe in der Nordostecke gab es vier beflogene Nester, in alten Hybridpappeln mit Misteln als Nestunterlage. Über den Nachwuchs aus diesen Bruten liegen keine genauen Angaben vor, weil die Nester in den hohen Bäumen kaum einsehbar waren. Ende August wurden noch Junge gefüttert, das ist für Graureiher recht spät.
Am 14. Juli versuchte sich ein Purpurreiher im Seeanger an der Mäusejagd, musste die Beute aber an einen dominanten Graureiher abtreten.

54 Fischadler wurden gemeldet, darunter etliche mehrtägig am Seeburger See und Seeanger rastende Vögel. Interessanterweise konnten sie in der Algensoße den einen oder anderen Fisch erbeuten.
Wespenbussarde erreichten am 21. September mit 23 (in acht Trupps bzw. einzeln) über Gö.-Nikolausberg ziehenden Vögeln ihr Tagesmaximum.
Bis dato liegen ganze sechs Beobachtungen von sieben Kornweihen vor, darunter ein recht früher Altvogel vom 20. August in der Feldmark Ellensen (Northeim). Alte Männchen der Wiesenweihe gerieten am 31. August in der Feldmark Groß Schneen und am 18. September über Gö.-Nikolausberg ins Blickfeld.
Am 13. November zogen eindrucksvolle 72 Rotmilane in mehreren Trupps über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden. Die Flügelmarken eines am 22. November in der Feldmark zwischen Weißenborn und Beienrode länger tot gefundenen Vogels zeigten, dass er am 16. Juni 2015 am Ettersberg bei Weimar nestjung beringt worden war. Die Todesursache muss offen bleiben. Das nächste Windrad ist mit 1,5 km recht weit entfernt.
Ein immaturer Seeadler, der am 21. September über die Geschiebesperre nach Osten flog, verursachte Panik in der Wasservogelwelt.
Am 15. November sorgten in der Feldmark Hollenstedt und über Diemarden einzeln ziehende Raufußbussarde für gebührende Aufmerksamkeit. Bei diesen Vögeln könnte es sich um reguläre Durchzügler oder (aus regionaler Sicht frühe) Schneeflüchtlinge aus dem Nordosten gehandelt haben.
Ziehende Merline wurden am 5. und 24. September exklusiv an der Geschiebesperre notiert.
Ein junger Rotfußfalke ließ sich am 31. August am Diemardener Berg fotografisch belegen.

Rotfussfalke - OHenning
Abb. 8: Junger Rotfußfalke am Diemardener Berg. Foto: O. Henning

Der Wegzug der Kraniche setzte am 18. September (elf Vögel über Seeburg) recht früh ein, verlief danach aber erneut unspektakulär - kein Wunder, denn unsere Region liegt mittlerweile im toten Winkel zwischen den beiden Korridoren zur Diepholzer Moorniederung und zum Helmestau bei Kelbra. Die höchste Tagessumme wurde am 4. Oktober mit 1700 ziehenden Vögeln erreicht, ansonsten bewegten sich die Zahlen in der Regel im dreistelligen Bereich. Soll man jetzt auf Wetteranomalien hoffen, damit wir endlich wieder einen Massenzugtag erleben? Im Interesse der Vögel besser nicht…
Am 4. September machte sich an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Tüpfelsumpfhuhn bemerkbar.

Am 17. September zogen fünf Kiebitzregenpfeifer über den Seeanger, Einzelvögel wenig später am 18. über die Geschiebesperre und am 21. über Gö.-Nikolausberg. Der einzige Goldregenpfeifer der Saison suchte am 10. November über Rosdorf das Weite.
Die Wegzug-Rastzahlen der von der „Energiewende“ (Mais statt Moor) besonders gebeutelten Kiebitze bewegten sich wieder einmal auf einem erbärmlich niedrigen Niveau. Im September wurden in der Feldmark Wollbrandshausen an drei Tagen bis zu 150 Vögel gezählt, an allen anderen waren es deutlich weniger. Das Maximum lieferten ca. 400 Vögel auf der Winterflucht, die am 11. November über dem Seeburger See umherflogen.
Am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre kam es zu Spätbruten von insgesamt drei Paaren des Flussregenpfeifers. Am Freizeitsee gab es wohl Schlupferfolg. Ob die Kleinen selbständig werden konnten, ist in diesem vom Besucherandrang stark gebeutelten Gebiet sehr fraglich. Die Brut in der Sandgrube Meensen wurde aufgegeben.
Versnobte Mornellregenpfeifer, die es wiederum nicht für nötig befanden, einen Fuß auf unsere Region zu setzen, gerieten am 21. August zu dritt über dem Diemardener ins Blickfeld und (mindestens) einzeln am 24. August über Gö.-Nikolausberg sowie eine Nacht später über Hann. Münden in die Ohren.
Vom 19. bis 27. August rasteten bis zu drei Regenbrachvögel im Seeanger.
Am 7. August gelang im Hochsolling eine Beobachtung, die manchen sicher vor Neid erblassen lässt: Eine vierbeinige Waldschnepfe (d.h. mit einem Küken zwischen den Beinen) flog auf und ließ drei weitere Jungvögel zurück, die wenig später flott der Mutter folgten.

Waldschnepfe - SPaul
Abb. 9: Kleine Waldschnepfe im Solling. Foto: S. Paul

Im Kaufunger Wald bei Lutterberg bestand wieder Brutverdacht. Am 31. Oktober lag in Gö.-Geismar ein Vogel tot auf dem Rasen, vermutlich nach einem Scheibenanflug.
Am 28. August kreiselte ein junges Odinshühnchen auf dem Seeburger See.
Unter den traditionell (zumindest auf dem Wegzug) spärlich auftretenden Limikolen sind zwei Rotschenkel am 31. Juli am Seeanger zu vermelden, denen am 3. September an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Einzelvogel folgte. Am 11. September beäugte ein junger Knutt den Rummel am Freizeitsee.
Der einzige Temminckstrandläufer der Saison ließ sich am 29. August an der Geschiebesperre blicken, wo am selben Tag auch zwei Zwergstrandläufer ihr Maximum erreichten. Von dort liegen aus dem Zeitraum vom 21. August bis 15. September fünf Beobachtungen von insgesamt sieben, zumeist diesjährigen Sichelstrandläufern vor (maximal drei Vögel am 14. und 15. September).

Schwarzkopfmöwen waren im Berichtszeitraum mit mindestens 15 Vögeln (darunter vier Altvögel und einige für mehrere Tage am Seeburger See und Seeanger verweilende Vögel) gut vertreten.
Gut dokumentiert ist eine junge Silbermöwe (bzw. eine Möwe mit hohem genetischen Anteil dieser Art) vom 29. August am Seeburger See. In unserer Region sind Silbermöwen nur sehr spärliche (Winter-)Gäste. Die Beobachtung fällt daher ziemlich aus dem Rahmen.

Silbermöwe - MSiebner
Abb. 10: Junge Silbermöwe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Am 30. Juli konnte ebenda eine junge Mittelmeermöwe identifiziert werden. Alt war hingegen am selben Gewässer eine Steppenmöwe am 6. November.
Am 5. und 6. Juli fischten bis zu fünf alte Flussseeschwalben am Seeburger See, am 12. des Monats waren noch einmal zwei zugegen.

Mindestens 3.841 Ringeltauben, die am 23. Oktober über dem Waldrand bei Gö.-Herberhausen gezählt wurden, zeigten für diese Art einen guten Zugtag an.
Sehr erfreulich sind bis zu 24 herbstliche Türkentauben in der Feldmark östlich von Rosdorf, für Göttingen und Umgebung sicher eine Maximalzahl der letzten Jahre.
Aus dem Solling bei Dassel liegt die Julibeobachtung einer balzenden Turteltaube vor. Darüber hinaus gab es nur noch einen Vogel am 1. August südlich von Northeim, der bereits dem Wegzug zugerechnet werden konnte. Erbärmlich, aber typisch.

Ein entflogener Gelbbrustara hielt Ende Juli für mehrere Tage Bovenden in Atem und schaffte es schnell in die Spalten der Tagespresse. Versuche, das schöne Tier mit hohem Marktwert wieder einzufangen scheiterten offenbar. Über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt.

Am 20. Oktober flog eine Schleiereule bei Eberhausen in Richtung der Papermühle, die erste hier seit sieben Jahren - eventuell ein Indiz dafür, dass diese zuvor von Kältewintern dezimierte Art wieder etwas Aufwind bekommt.
Nahe dem Feldbornberg bei Gö.-Nikolausberg zeigte ein am 12. Juli nachts fiepender Jungvogel eine erfolgreiche Brut der Waldohreule an. Damit liegen (vgl. den Vorbericht) nur zwei Brutnachweise vor, die ein, im Vergleich zum Vorjahr, eher schlechtes Nahrungsangebot indizieren.
Eine Sumpfohreule gab sich am 24. November im Stockhäuser Bruch die Ehre.

Sumpfohreule - MGeorg
Abb. 11: Sumpfohreule im Stockhäuser Bruch. Foto: M. Georg

Seinen Ehrenplatz als „Vogel des Jahres 2017“ untermauert ein Waldkauz, der im Göttinger Alten Botanischen Garten seit Ende Oktober ein Revier hält, sehr eindrücklich. An den Rand der Innenstadt hatten sich balzende Männchen zuvor nur ausnahmsweise und für kurze Zeit vorgewagt.

Sehr erfreulich ist, nach einer erfolgreichen Fortpflanzung am Fassberg im Göttinger Norden (vgl. den Vorbericht), ein weiterer Brutnachweis vom Wendehals abseits seiner bröckelnden Trutzburg auf dem Kerstlingeröder Feld: Am 6. Juli ließen sich an den Northeimer Kiesteichen ein Alt- und ein bettelnder Jungvogel ausmachen. Die einzige Wegzugbeobachtung gibt es vom 3. September an der Kiesgrube Ballertasche.

Am 19. August brachte ein überfliegendes Männchen des Pirols Farbe in den Seeanger.

65 Saatkrähen, die am 13. November über das Göttinger Ostviertel zogen, bildeten den größten Wegzugtrupp. In Weende wird das traditionelle Überwinterungsareal von bis zu fünf Vögeln bevölkert - vor 40 Jahren waren es noch mehr als 100. Ein seit dem 19. Jahrhundert bestehender Winterschlafplatz am Kleinen Hagen zwischen Leine und Grone im Göttinger Westen war bis in die 1960er Jahre sogar von bis zu 7.500 Vögeln besetzt. Die Gründe für den starken Rückgang der Winterzahlen dürften, neben klimatischen Veränderungen, auch im verbesserten Nahrungsangebot an den Deponien osteuropäischer Metropolen zu suchen sein, das den Krähen längere Zugwege erspart. In Deutschland wird der Wohlstandsmüll heutzutage thermisch vorbehandelt und der Rest nach kurzer Zeit abgedeckt, was die Attraktivität von Deponien für Vögel deutlich vermindert hat. Hinzu treten Grünlandschwund und chemische Sterilisierung potentieller Überwinterungsflächen im Agrarland.

Ein Trupp von mindestens zwölf ziehenden Beutelmeisen am 2. Oktober über dem Seeanger erinnert an die Zeit vor 30 Jahren, als Ansammlungen in dieser Größenordnung (bisweilen sogar mehr als 30 Vögel) keineswegs ungewöhnlich waren.

Die höchste Tagessumme von 57 ziehenden Heidelerchen wurde am 15. Oktober erreicht. Vom 2. bis 26. Oktober ließen weitere 45 Vögel ihren melancholischen Flugruf hören

An der Sandgrube Meensen sind fünf von ca. 15 Brutröhren der Uferschwalbe, darunter mindestens zwei beflogene, dem Abbau zum Opfer gefallen.

Uferschwalbe - MGöpfert
Abb. 12: Uferschwalbe mit Rauchschwalben am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Gleichermaßen ungewöhnlich wie erfreulich sind drei Bruten von zwei Paaren der Rauchschwalbe am Göttinger Flüthewehr. Nester an Brücken und Wehren gibt es hin und wieder (im Landkreis Göttingen z.B. unter einer Weserbrücke), gleichwohl sind solche Standorte immer noch die Ausnahme. Für Göttingen ist die lokale Neuansiedlung besonders erwähnenswert, weil der städtische Bestand mittlerweile unter 100 Paaren liegt, die zumeist in den wenigen verbliebenen, für sie zugänglichen Großviehställen brüten (Ausnahme ist die Gerätehalle des Werderhofs an der Garte).
Am 8. November flog ein junger Spätnachzügler über die Geschiebesperre Hollenstedt. Bundesweit liegen in Ornitho für die vergangenen drei Jahre jeweils um die 20 Novemberbeobachtungen der Rauchschwalbe vor. Auch in der Vergangenheit gab es vereinzelt bis Mitte November solche Bummelanten. Passen sie in das Bild, das ein ehedem anerkannter Vogelexperte neulich im ZDF-Zweiteiler über Zugvögel zum Besten gegeben hat? Nach seiner „persönlichen Prognose“ wird es bis zum Ende des Jahrhunderts „keine Zugvögel mehr geben“ - weil sie alle wegen der globalen Erwärmung zu Standvögeln geworden sind! Namentlich erwähnt wurden die ausgeprägten Weitstreckenzieher Pirol, Mauersegler und Neuntöter, denen man dann wohl auf einem Neujahrsspaziergang bei ihrer Jagd nach Insekten begegnen kann. Gerade bei diesen drei Arten konnten aber bisher keine signifikanten Veränderungen des arttypischen Zugverhaltens festgestellt werden. Leider werden die meisten Zuschauer solche Prophezeiungen in sinistrer Nostradamus-Tradition für bare Münze genommen haben…

Heimliche Bartmeisen ließen sich, mindestens zu zweit, am 16. Oktober am Seeanger und am 30. Oktober am Seeburger See ausmachen.

Am 3. Juli sangen in der Rhumeaue bei Lindau noch zwei Schlagschwirle. Deutlich länger, nämlich bis zum 24. des Monats, orgelte einer in der Kiesgrube Ballertasche vor sich hin.

Gut dokumentiert sind Göttingens erste Gelbbrauen-Laubsänger (nach 2005 und 2013 der dritte Regionalnachweis). Bis zu zwei, von B. Koop (Plön) entdeckte Vögel wuselten vom 3. bis 4. Oktober sehr agil in den hohen Laubbäumen der Albert-Einstein-Straße im Ostviertel.

Gelbbrauenlaubsänger LSebesse
Abb. 13: Gelbbrauen-Laubsänger im Göttinger Ostviertel. Foto: L. Sebesse

Kein Nachweis wegziehender Ringdrosseln ist auch eine Erwähnung wert.

Erfolgreiche Spät- oder Zweitbruten des Schwarzkehlchens wurden vom Diemardener Berg (möglicherweise das Paar vom Kahlschlag jenseits der Garte) und aus der Feldmark nördlich Katlenburg bekannt. In der Rhumeaue westlich Elvershausen und nördlich Hammenstedt bestand Brutverdacht. Am vorjährigen Brutplatz in der Feldmark südlich Hollenstedt hielt sich am 23. November noch ein Paar auf, bei dem es sich aber auch um späte Wegzügler gehandelt haben kann.

Die von M. Mooij verfertigte Tonaufnahme des Zugrufs eines am 2. Oktober über das Kerstlingeröder Feld ziehenden Piepers passt gut zum Waldpieper, eine für Süd-Niedersachsen neue Vogelart aus den Weiten Sibiriens. Das letzte Wort hat, wie immer bei großen Seltenheiten, die Deutsche Avifaunistische Kommission, bei der der Vogel bereits gemeldet wurde.
Am 27. August erfreuten am Diemardener Berg zwei Brachpieper die enthusiasmierten Teilnehmer des Göttinger Zugvogelfestivals, einen Tag später war dort noch einer präsent.

Brachpieper - VLipka
Abb. 14: Brachpieper am Diemardener Berg. Foto: V. Lipka

Am 28. August zog ein Rotkehlpieper vor einer herannahenden Gewitterfront über Ebergötzen.
Der erste Bergpieper (Altvogel mit Brutkleidresten) machte sich recht früh am 23. September an der Geschiebesperre bemerkbar. Ihm folgten bis dato (nur) fünf Artgenossen im Leinepolder und im Seeanger.

Der aus dem Vorbericht bekannte männliche Tahaweber vom Seeanger wurde am 19. August letztmalig gesehen. Mit einem gleichzeitig präsenten Pirol (s.o.) dominierte an diesem Tag Schwatz-Gelb. Leider waren wohl keine BVB-Fans zugegen, die das hätten genießen können.

Mindestens 4.386 Buchfinken zogen am 2. Oktober über das Kerstlingeröder Feld. Einer besonderen Erwähnung wert sind auch mindestens 1.761 Vögel am 15. des Monats über dem Kaufunger Wald.
Zehn Girlitze am 22. Oktober an der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende waren der größte, immerhin zweistellige (!) Trupp, der auf dem Wegzug registriert werden konnte. Mit Ausnahme des Göttinger Westens, wo vier bis fünf Vögel zusammen gesehen wurden, gerieten sonst zumeist nur Einzelvögel ins Visier.

Eine Schneeammer, die am 22. November über den Seeburger See (ein luftiger Hotspot für diese Art) zog, konnte mit einer Tonaufnahme belegt werden.
Dies trifft auch auf einen Ortolan vom 8. September über Seulingen zu, dem ein Artgenosse vom 1. des Monats über Gö.-Nikolausberg voran geflogen war.

Damit schließt der Bericht, der nahezu ausschließlich auf Angaben in unserer Datenbank Ornitho.de beruht.

Hans H. Dörrie

Der Verfasser bedankt sich bei den Melder/innen:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, S. Beisler, S. Böhner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, M. Cieslik, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grüneberg, W. Haase, H. Hartung, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, G. Köpke, B. Koop, M. Kuschereitz, T. Langer, I. Lilienthal, V. Lipka, G. MacKay, T. Matthies, D. Mederer, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, R. Spellauge, M. Sprötge, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, D. Wucherpfennig und viele andere.

Spie�ente - MSiebner
Abb. 15: Männliche Spießente am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Add comment December 8th, 2016

Der Waldkauz - Vogel des Jahres 2017 -
in Süd-Niedersachsen

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 1: Waldkauz im Göttinger Stadtwald. Foto: V. Hesse

Die Wahl unserer häufigsten Eule durch den NABU soll die Familie der gefiederten Nachtgeister und den bevorzugten Lebensraum ihres Protagonisten Waldkauz (Strix aluco), altholzreiche Laub- und Laubmischwälder, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Über den Erfolg der Aktion wird man Ende kommenden Jahres vielleicht mehr erfahren. So viel lässt sich aber jetzt schon sagen: Zur weltweit gerühmten Lebensqualität unserer Geistesmetropole („extra Gottingam non est vita - si est vita, non est ita“) zählt sicher auch, dass Waldkäuze in der Peripherie ohne größeren Aufwand angetroffen werden können - in Revieren, die seit Jahrzehnten besetzt sind. Dazu später mehr.

Verbreitung und Bestand

Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand mit 4.000 bis 7.500 Paaren angegeben. Diese breite Spanne verdeutlicht die für viele Eulenarten typischen Erfassungsprobleme. Waldkäuze sind in der Regel nachtaktiv und können deshalb nur mit speziellen Begehungen registriert werden. Deshalb sind sie in den gängigen Monitoring-Programmen unserer Brutvögel nur ausnahmsweise vertreten. Zudem brüten sie in Wäldern, die zur Balz- und Brutzeit im Winter und zeitigen Frühjahr oftmals nur mit Mühe oder gar nicht zu passieren sind.
Die höchsten Siedlungsdichten erreicht unser Vogel in den buchenreichen Wäldern des süd-niedersächsischen Berglands. Die von Fichten dominierten Hochlagen sind erheblich dünner bis überhaupt nicht besiedelt. Der Bestand gilt in unserer Region seit Jahrzehnten als stabil - mit der Einschränkung, dass die Datenlage alles andere als zufriedenstellend ist. Gleichwohl rangiert die Art in der so genannten Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel (Krüger & Nipkow 2015), weil mit der Ausräumung und Chemisierung der Agrarlandschaft (Nahrungshabitat) und der verstärkten Nutzung von Altholz (Brutplätze) durch die moderne Forstindustrie zwei Faktoren an Gewicht gewinnen, die zum Bestandsrückgang führen könnten. Zudem geht das seit 1988 laufende „Monitoring von Greifvögeln und Eulen“ von einem Bestandsrückgang aus, der in den 1990er Jahren einsetzte (Mammen & Stubbe 2009).

Der Brutbestand in Stadt und Landkreis Göttingen sowie im Altkreis Northeim kann sehr, sehr grob auf mindestens 500 Paare geschätzt werden. Zufallsbeobachtungen aus den letzten Jahrzehnten belegen, dass der Kauz in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Die einzige Bestandserfassung nach zeitgemäßer Methodik liegt für den Göttinger Stadtwald vor: Hier wurden von Februar bis Anfang Juli 2003 auf 758 Hektar (ca. 50 Prozent der Stadtwaldfläche) 14 Reviere ermittelt (Dörrie 2004), die einen überdurchschnittlich hohen Wert von 1,8 Rev./km² dokumentierten. Wie wenig die Art selbst von vogelkundlich Interessierten beachtet wird, lässt sich mit unserer Datenbank Ornitho belegen: Aus dem waldreichen Landkreis Northeim liegen seit 2011 ganze 72 Wahrnehmungen (zumeist akustische) vor, darunter viele aus der ersten Maidekade, wenn das alljährliche Birdrace stattfindet, zu dem sich Göttinger Beobachter in den Solling aufmachen… Maidaten (spät) rufender Männchen sind für die Quantifizierung des Brutbestands aber von geringer Relevanz, weil sie auch Junggesellen betreffen können.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 2: Gut getarnt: Waldkauz an der Bruthöhle im Landkreis Göttingen.
Foto: N. Wasmund

Gefährdung und Schutz

Bei der Brutplatzwahl ist der Waldkauz sehr flexibel. Er brütet in Höhlen aller Art (auch an Gebäuden), in Schornsteinen, selbst Bodenbruten sind bekannt. In offenen Baumnestern schreitet er nur ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Ähnlich vielfältig ist sein Nahrungsspektrum, das von Insekten über Regenwürmer, Amphibien, Reptilien, Fische (!) bis zu Vögeln mittlerer Größe (kleinere Eulenarten eingeschlossen) reicht. Die Hauptnahrung stellen, wie bei anderen Eulen, Mäuse, Wühlmäuse und Ratten. Wegen der breiten Nahrungspalette leidet er weniger unter mäusearmen Kältewintern als z.B. Schleier- und Waldohreule (Mebs & Scherzinger 2000).
Seiner freundlich-gemütlichen Erscheinung zum Trotz ist der Waldkauz ein wehrhafter Geselle, der auch Konflikten mit dem Menschen nicht aus dem Wege geht. Die Autobiografie des berühmten, 1991 verstorbenen Vogelfotografen Eric Hosking trägt den hintersinnigen Titel „An Eye for a Bird“ – damit spielt der Autor auf einen höchst unliebsamen Vorfall mit einem aggressiven Waldkauz an, nach dem er einäugig durchs Leben gehen musste. Solche Attacken, die fast immer dem Schutz der Jungvögel dienen und zumeist mit ein paar Kratzern am Kopf des Eindringlings glimpflich enden, finden vor allem im Siedlungsbereich statt; im Wald verhalten sich die Vögel weitaus scheuer.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 3: Waldkauzbrut am Nikolausberger Weg. Foto: M. Siebner

Feinde hat der Waldkauz vergleichsweise wenige: Ab und an (und deutlich seltener als Waldohreulen) fällt er einem Habicht oder Uhu zum Opfer (Uttendörfer 1939). Vermutlich ist seit einigen Jahren der Waschbär als Prädator von Eiern und Jungvögeln hinzugekommen. Diese Verluste fallen jedoch gegenüber den zahlreichen Verkehrsopfern kaum ins Gewicht. Viele Vogelfreunde dürften weitaus mehr tote als lebendige Waldkäuze gesehen haben. Auch Kollisionen mit Freileitungen oder letale Verletzungen an Weidezäunen mit Stacheldraht fordern ihren Tribut.
Dagegen zeigen ganze drei Totfunde in der bundesweit ausgerichteten Windkraftopfer-Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg bis dato eine vermutlich geringe Gefährdung an. Mit der gleichermaßen großflächigen wie rücksichtslos betriebenen Verspargelung der Wälder hat sich jedoch, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz, in jüngster Zeit ein neues Konfliktpotential entwickelt. Waldkäuze jagen gern über oder an Offenflächen im Wald, deren Zahl mit den Anlagen drastisch steigt. Kollisionen und Anstieg der Totfunde scheinen geradezu programmiert. Auch in Niedersachsen wachsen die Begehrlichkeiten, Windräder in Wäldern zu errichten. Bis jetzt ist das aber (noch) nicht möglich.
Wegen der weiten Verbreitung, Häufigkeit und Plastizität unseres Porträtvogels sind spezielle Schutzmaßnahmen derzeit nicht erforderlich. Ein nahezu unverzichtbares Habitatrequisit sind alte Höhlenbäume, zu deren Erhalt sich die Landesforstämter verpflichtet haben. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn gerade an Wegen wird manch alter „Gefahrenbaum“ gefällt. Im Göttinger Stadtwald, der „naturgemäß“ und nach den Vorgaben des Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet wird, scheinen für unseren Freund ideale Bedingungen zu herrschen. Die „naturgemäße“ Bewirtschaftung mit ihrem Verzicht auf größere Auflichtungen hat jedoch zur Folge, dass der Baumbestand dichter und dunkler wird. Zudem verfilzt die Bodenvegetation als Folge von Nährstoffeinträgen immer mehr, hinzu tritt rasant empor schießender Jungwuchs. Die Käuze konzentrieren sich daher - das hat die Erfassung 2003 ergeben - entlang der Wege und auf die (wenigen) vegetationsarmen Offenflächen, wo sich die Mäusejagd weniger mühsam gestaltet. Besonders im Osten sind große Waldbereiche für die Eule nur noch bedingt nutzbar. Ein alter Höhlenbaum im dichten Bestand könnte daher für sie wenig bis nichts bringen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 4: Kaminkauz im Tageseinstand im Göttinger Wald. Foto: M. Siebner

Nistkästen für den Waldkauz sind aus den oben genannten Gründen nicht nur überflüssig, sondern können sogar äußerst negative Folgen für andere Vogelarten nach sich ziehen. Eine Nisthilfe, die vor ein paar Jahren auf der Streuobstwiese auf dem Kerstlingeröder Feld angebracht wurde, konnte zum Glück schnell wieder abgehängt werden. Mit der komfortablen Behausung hätte man den Terminator möglicherweise in ein traditionelles Revier der Waldohreule gelockt, was für diese vermutlich böse ausgegangen wäre…

Waldkäuze beobachten – wann und wo?

In Göttingen ist der Waldkauz nicht verstädtert. Vom Stadtfriedhof z.B. gibt es keinen Nachweis. In schneereichen Kältewintern suchen einzelne Vögel den dicht bebauten Siedlungsbereich auf. Einsam balzende Männchen sind aus dem Cheltenham-Park und dem stadteinwärts gelegenen Ostviertel bekannt, gaben aber dort wohl nur kurze Gastspiele. Am Stadtrand sieht es anders aus: Hier bestehen seit Jahrzehnten feste Reviere dieses ausgeprägten Standvogels. Wenn man im Spätwinter und Frühling die Schillerweisen im Ostviertel aufsucht, kann man die Männchen schon von weitem heulen hören (der Ruf ist Interessenten bestimmt aus dem Fernsehen bekannt, auch von Filmen, die in Irland spielen, wo die Art nicht vorkommt…). Die angrenzenden Stadtwaldbereiche (Molkengrund, Lange Nacht, Ebertal) sind ebenfalls sicheres Waldkauzterrain, das wegen der vielen Wege besonders dicht besiedelt ist. Im Umkreis des Kerstlingeröder Felds sind mehrere Reviere besetzt. Mit Glück lässt sich auf dem Dach der Schutzhütte nahe dem Tuchmacherborn ein im Tageseinstand dösender Waldkauz ausmachen (vgl. Abb. 4). Gut bekannt ist auch ein Revier am Klausberg. Hier bezogen die Käuze samt niedlichem Nachwuchs in mehreren Jahren einen am Nikolausberger Weg stehenden riesigen Nadelbaum, der leider beseitigt wurde. Die Vögel sind aber noch da - und sorgen bei den auf ihre Nachtruhe bedachen Anwohnern nicht nur für Freude. Die Jungvögel sind ähnlich ruffreudig wie junge Waldohreulen, allerdings klingen ihre Lautäußerungen nicht so quietschend, sondern mehr rostig kratzend. Ob ein 2008 an der Grone unterhalb des Hagenbergs entdecktes Revier (Dörrie 2011) noch besetzt ist, muss offen bleiben.
Das Wetter spielt bei der Eulenbeobachtung eine große Rolle. Es sollte nicht windig sein und auch nicht regnen. Die Temperaturen sind Nebensache, weil die Vögel auch in bitterkalten Frostnächten ihre Balzrituale zelebrieren. Die Balz setzt bereits im Juli wieder ein, so dass auch die Wintermuffel unter uns auf ihre Kosten kommen.
Wenn man den Nachtvogel nicht nur gehört hat, sondern (endlich) mal zu Gesicht bekommt, sind folgende Merkmale diagnostisch: Waldkäuze haben vergleichsweise kleine runde Köpfe und dunkle Augen. Ihr Gefieder fällt sehr variabel aus, es gibt tiefbraune bis sehr helle Individuen. Die fehlenden Federohren unterscheiden sie von der (kleineren und schlankeren) Waldohreule. Die Sumpfohreule mit ihren eher rudimentären Öhrchen kann mit einem Waldkauz verwechselt werden. Sie bezieht aber offene Lebensräume, ist tagaktiv und bei uns ein bestenfalls spärlich in Erscheinung tretender Gastvogel. Das scharfe „kuwitt“ der Weibchen wurde und wird nicht selten dem viel kleineren Steinkauz zugeschrieben, der in unserer Region seit mehr als 30 Jahren ausgestorben ist.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 5: Waldkauz-Ästling. Foto: N. Wasmund

Bevor man nur noch Glück und Faszination bei der Beobachtung unseres Porträtvogels wünschen kann, eine ganz große Bitte: Junge, noch nicht flugfähige Waldkäuze stiefeln in ihrem ganz natürlichen Ästlingsstadium gerne auf dem Waldboden umher oder sitzen bräsig auf einem Baumstumpf. Diese Puschel sind weder „krank“, „aus dem Nest gefallen“ oder „von ihren Eltern verlassen“. Leider werden Ästlinge immer wieder von wohlmeinenden Spaziergängern „gerettet“ und in Pflegestationen verbracht, wo sie ein ungewisses Schicksal erwartet. Das muss nicht sein!

Nachtrag vom 13. März 2017: Im Göttinger Alten Botanischen Garten füttert ein Brutpaar derzeit drei schon recht große Jungvögel. Das ist die erste Brut am Rand der Göttinger Innenstadt und vielleicht ein kleines Dankeschön unseres Porträtvogels für die Ehrung!

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Mammen, U. & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvogel- und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten 6: 9-25.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Uttendörfer, O. (1939): Die Ernährung der deutschen Greifvögel und Eulen. Neumann- Neudamm Verlag, Melsungen. Nachdruck 1997, AULA-Verlag, Wiesbaden.

Waldkauz - M.Siebner

October 19th, 2016

Heimzug und Brutzeit 2016 in Süd-Niedersachsen

Schwarzspecht - S.Paul
Abb. 1: Junges Schwarzspecht-Männchen auf dem Kerstlingeröder Feld.
Foto: S. Paul

Das Wetter im Berichtszeitraum von März bis Juni hielt wenige Überraschungen bereit. Nur der März fiel, relativ gesehen, aus dem Rahmen: Er war nicht nur sehr trocken, sondern auf weiten Strecken kälter als der Vormonat und der (allerdings sehr milde) Dezember 2015. Der April verlief durchschnittlich. In der letzten Dekade gab es einen Kälteeinbruch. Der Mai war insgesamt passabel. Über Pfingsten sorgten die Eisheiligen in der Monatsmitte für ein kühl-windiges Intermezzo. Der Juni gestaltete sich durchwachsen, mit starken Niederschlägen von bis zu 34 l/m² zum Monatsbeginn, immer wieder Regen und Gewittern sowie einer kleinen, unwetterträchtigen Hitzewelle (bis zu 34°C) in der letzen Dekade. Am 24. ließ ein schweres Gewitter mit Orkanböen im Eichsfeld zahlreiche Bäume umstürzen.

Als zugphänologische Besonderheit ist ein männliches Braunkehlchen hervorzuheben, das, fotografisch belegt, bereits am 3. April im Leinepolder Salzderhelden rastete. Der nächste Artgenosse zeigte sich zehn Tage später am 14. April (typisches Erstbeobachtungsdatum) im Seeanger. Die erste Nachtigall sang am 10. April am Nachtclub „Chateau“ an der Reinhäuser Landstraße. Bei dieser Art mit positivem Bestandstrend scheint sich aus regionaler Sicht in den letzten Jahren eine Verfrühung der Ankunft singender Männchen (was machen die Weibchen?) um ca. acht bis zehn Tage abzuzeichnen.
Waldlaubsänger wurden in diesem Frühjahr deutlich mehr beobachtet als üblich. Auch der Sumpfrohrsänger trat in Zahlen auf, die erheblich über denen der Vorjahre lagen. Andere Südostzieher (u.a. Klappergrasmücke, Neuntöter, Schlagschwirl) haben, obwohl im östlichen Sahel gebietsweise eine enorme Dürre herrschte, ebenfalls ein normales bis gutes Jahr. Näheres dazu weiter unten.
Vor dem Hintergrund des sehr milden Winters erfolgte die Heimzug-Erstbeobachtung des Zilpzalps am 12. März in der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal vergleichsweise spät. Prägender Charaktervogel der Saison ist wohl - der Zaunkönig, der an allen Ecken und Enden sein Liedchen schmettert. Die vergangenen milden Winter haben dem agilen Gnom einen regelrechten Boom beschert.

Zaunkönig - M.Siebner
Abb. 2: Gewinner des Jahres: Zaunkönig. Foto: M. Siebner

Höckerschwäne schritten an der Kiesgrube Ballertasche mit zwei Paaren zur Brut. Während ein Paar mit seinen fünf Jungen vermutlich zur Weser abwanderte, verblieb das andere mit zwei Kleinen im Gebiet. In Göttingen konnten sich drei Paare am Kiessee (zunächst acht, später nur noch sieben Pulli), am Levin-Park (sechs Kleine, darunter ein immutabilis) sowie am Rückhaltebecken Grone (fünf Kleine, zwei immutabilis) reproduzieren. An den Northeimer Kiesteichen gab es fünf Junge. Am Böllestau bei Hollenstedt, der sich zum regelmäßigen Brutplatz mausert, war ein Paar ebenfalls mit fünf Sprösslingen erfolgreich. Am Seeanger schlüpften zwei Jungvögel, von denen einer übrig blieb. Am Seeburger See brütete ein dickfelliges Paar direkt neben dem großen Steg an der Badeanstalt. Die Brut verlief zunächst erfolgreich, drei Junge (Dreiergelege) schlüpften. Hätten sie die Selbständigkeit erreicht, wäre das sehr ungewöhnlich gewesen: Eine Brut mit Ausfliegeerfolg hat es an diesem Gewässer seit Jahrzehnten nicht gegeben. Leider wurden die Kleinen nach dem 22. Juni nicht mehr gesehen. Dem Sturm am 24. Juni können sie also, anders als in der Tagespresse kolportiert, nicht zum Opfer gefallen sein.

Höckerschwan - M.Siebner
Abb. 3: Später vom Sturm zerstörtes Höckerschwannest. Foto: M. Siebner

Nach dem 2. März waren die letzten (acht) überwinternden Singschwäne aus dem Leinepolder Salzderhelden abgezogen.
Kanadagänse waren im Leinepolder und am Seeanger bis weit in den Mai mit bis zu sieben Ind. am Start. Vom 19. bis 24. März demonstrierten Weißwangengänse mit bis zu 33 Vögeln in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck einen kleinen Einflug. Welchen Populationen diese Vögel zuzuordnen sind muss offen bleiben. Seit einigen Jahren mehren sich Nachweise größerer Trupps; die bisherige Höchstzahl datiert vom 22. März 2009, als 93 Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt rasteten (B. Riedel in naturgucker.de). Einzelvögel hielten sich bis ins späte Frühjahr auf, darunter ein handzahmer Solitär am 31. Mai am Kiessee. Der drohenden Proklamation zum Maskottchen lokaler Vogelkundler entzog sich die Gans durch rasches Verschwinden.

Nonnengans - M.Siebner
Abb. 4: Zutrauliche Weißwangengans am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Brutbestand der Graugans wird in diesem Jahr niedersachsenweit erfasst. Ganz so einfach, wie man glaubt, ist die Dokumentation von Bruten dieser eigentlich auffälligen Vogelart nicht: Grauganspaare können durchaus versteckt brüten (manchmal auch in Bäumen) und bleiben unentdeckt. Gelege werden nicht selten von Prädatoren geplündert oder aus anderen Gründen aufgegeben. Brutaufgaben sind für diese Saison vom Göttinger Levin-Park, dem Stadtfriedhof und dem Seeburger See (mind. zwei) belegt. In der folgenden Zusammenstellung für das AGO-Untersuchungsgebiet (Landkreis Göttingen und Altkreis Northeim) sind nur Paare mit Schlupferfolg enthalten. Sie verteilen sich auf die Kiesgrube Ballertasche (3), den Göttinger Kiessee (15, Rekordbestand), die Kiesgrube Reinshof (2), den (sanierten und wieder mit Wasser gefüllten) Wendebachstau bei Reinhausen (5), den Seeanger (3), den Seeburger See (2), den Dorfteich in Bodensee (2, wie immer hintereinander brütend), die Renshäuser Bachaue (1), die Rhumeaue bei Katlenburg (3), den Northeimer Freizeitsee (19), die Northeimer Kiesteiche (10), die Geschiebesperre Hollenstedt (10) und den Leinepolder Salzderhelden (6). Angesichts der mittlerweile fast überall und zahlreich in Erscheinung tretenden Vögel sind (mindestens) 81 erfolgreiche Paare (bei einem erheblich höheren Nichtbrüterbestand) vielleicht weniger als allgemein angenommen.
Die männliche Graugans mit roter Halsmanschette I29 (2012 in Tschechien beringt) macht sich offenbar daran, ihren dritten Sommer in der Region zu verbringen: Sie konnte am 19. Juni an der Geschiebesperre abgelesen werden.

Graugans - B.Riedel
Abb. 5: Wieder da: Sommergast I29 an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Erfolgreiche Bruten der Nilgans sind bis dato von der Geschiebesperre Hollenstedt (2), dem Seeanger (2), dem Wendebachstau und von der hessisch-niedersächsischen Landesgrenze an der Weser gegenüber Gimte (14 Gössel!) bekannt. Am Göttinger Kiessee schlüpften Mitte Juni zwei Kleine. Die Familie war über Tage nicht mehr auszumachen, tauchte aber nach dem Landesturnfest wieder auf.
Brandgänse erreichten am 17. April am Northeimer Freizeitsee mit 13 Ind. ein lokales Maximum. Ende Juni verteilten sich 19 Ind. auf die Geschiebesperre Hollenstedt, den Seeanger und den Seeburger See.

Sehr bemerkenswert ist eine Rostgans-Familie mit sieben flüggen Jungvögeln am 11. Juni im Leinepolder. Wegen des sehr frühen Datums steht zu vermuten, dass die Brut in der näheren Umgebung stattgefunden hat. Als neuer regionaler Brutvogel kann dieser etablierte Neubürger aber (noch) nicht geführt werden.

Mit bis zu 240 Ind. waren in der letzten Märzdekade Pfeifenten im Leinepolder gut vertreten. Das Heimzug-Maximum der Spießente am 25. März stammt interessanterweise mit 50 Ind. vom Seeburger See. Löffelenten gaben dem Leinepolder den Vorzug und erreichten dort mit 220 Ind. am 1. April ihre saisonale Höchstzahl. Das aus dem Winterbericht bekannte Männchen der Kolbenente hielt es bis zum 20. März an der Northeimer Seenplatte aus.
Am Northeimer Freizeitsee, der auch im Winter von dieser Art mit bis zu 280 Ind. gut besucht war, zeigten am 14. März 125 Tafelenten ihr Heimzug-Maximum.

Am 1., 9. und 19. März geriet am Freizeitsee ein weiblicher Mittelsäger in den Blick, vermutlich immer derselbe Vogel. Gänsesäger beiderlei Geschlechts hielten sich, einzeln oder zu zweit, bis weit in den Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Am 6. Juni zeigte sich ein Männchen am Seeburger See.

Über das Auftreten der Wachtel wird im nächsten Bericht zusammenfassend Auskunft gegeben. Im weiteren Umfeld des Seeburger Sees, in der Rhumeaue bei Bilshausen und bei Hilkerode bereicherten jeweils ein bis zwei von Jägern in die Landschaft geschmissene Fasane die Beobachtungsstrecken.

Fasan - V.Hesse
Abb. 6: Männlicher Jagdpapagei bei Seeburg. Foto: V. Hesse

Wie es den Hauben- und Zwergtauchern erging, wird im nächsten Bericht mitgeteilt. Am 2. April schwammen gleich drei Rothalstaucher auf dem Seeburger See. Einzelvögel gab es am 5., 17. und 24. des Monats auf dem Northeimer Freizeitsee. Schwarzhalstaucher zeigten keine Besonderheiten und traten durchweg in einstelliger Zahl auf.

Ein vom 10. bis 12. Juni im Leinepolder rastender Löffler war farbberingt, aber immer zu weit entfernt, um die Markierung ablesen zu können.
Am 9. April flog eine Rohrdommel über das Schilf in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden. Über das Wohl und Wehe der Göttinger Graureiher wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
Ein Silberreiher mit schwarzem Schnabel und rötlichen Beinen (so genannter „modesta-Typ“) stand am 23. März mit 14 normalen Artgenossen im Leinepolder. Gleich vier „modesta“-Ind. rasteten, zudem mit Schmuckfedern garniert, am 2. und 3. April an der Geschiebesperre Hollenstedt bzw. im Leinepolder.

Seidenreiher - M.Siebner
Abb. 7: Eleganz im tristen Ambiente: Seidenreiher bei Angerstein Foto: M. Siebner

Ein Seidenreiher fand sich bereits am 10. März an der Geschiebesperre Hollenstedt ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit derselbe Vogel ließ sich vom 17. bis 19. März an Wassergräben in der ausgeräumten Leineniederung bei Angerstein bewundern. Am 22. des Monats wurde er im Leinepolder wieder entdeckt, wo er für drei Tage blieb. Am 17. und 18. April folgte ihm am Großen Freizeitsee ein Artgenosse. Der Seidenreiher, einst eine große Rarität, kann in unserer Region mittlerweile als nahezu jährlich in Erscheinung tretender Gastvogel verbucht werden. Die Nachweise haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Wie beim Silberreiher sind die Populationen des kleinen Vetters in der jüngeren Vergangenheit nachgerade explodiert. Seidenreiher haben sich seit den 1970er Jahren wieder an der französischen und englischen Atlantikküste ausgebreitet. Irland, Belgien und die Niederlande wurden ebenfalls kolonisiert. In Deutschland haben Bruten bis jetzt nur ausnahmsweise stattgefunden, zuletzt 2007 auf der Nordseeinsel Memmert, wohl als holländischer Import. Hauptgrund für die rasante Bestandszunahme ist die nachlassende Verfolgung, der bis weit ins 20. Jahrhundert Millionen Reiher zum Opfer fielen – weil sie Fische fressen und modebewusste Damen sich mit ihren Federn zu schmücken glaubten. Milde Winter zum Beginn der Ausbreitungsphase waren ein weiterer positiver Faktor. Wer sich für die Areal- und Bestandsdynamik von Vogelarten interessiert, sollte die aufschlussreiche Arbeit von Engler & Stiels in der „Vogelwarte“ (Bd. 54 (2016): 27-44) lesen, in der monokausale Erklärungsansätze, die mit dem Allzweckargument „Klimawandel“ hantieren, kritisch beurteilt werden.

Vom Weißstorch ist zu vermelden, dass eine Neuansiedlung bei Katlenburg-Lindau abgebrochen wurde.

Von heimziehenden Kornweihen liegen bis zum 2. Mai vier Beobachtungen von fünf Ind. (zwei M., ein W., zwei ohne Angabe) vor. Am 9. Mai ging in der Feldmark Gieboldehausen eine männliche Wiesenweihe auf die Jagd.
Am 10. April machte ein vorjähriger Seeadler den Leinepolder unsicher. Ihm folgte am 4. Mai an den Northeimer Kiesteichen ein vermutlich ebenfalls vorjähriger Artgenosse, während der (immerhin) dritte in diesem Frühjahr, am 6. Mai über Einbeck, deutlich älter war.

Merline gerieten am 9. März in der Feldmark Sattenhausen, am 11. März in der Feldmark Ballenhausen, am 3. April am Heidelbeerbruch im Hochsolling (beiläufige Attacke auf Meisen, dann zügig weiterziehend) sowie am 27. April an der Geschiebesperre Hollenstedt in den Blick. Am 12. Mai besuchte ein weiblicher Rotfußfalke die letztgenannte Lokalität. Ende Juni läuteten bis zu acht Baumfalken über der Drachenwiese im Göttinger Süden die große Luftjagd auf Gerippte Brachkäfer („Junikäfer“) ein.

Baumfalke - M.Siebner
Abb. 8: Baumfalke über der Drachenwiese. Foto: M. Siebner

Für die Wanderfalken in Stadt und Landkreis Göttingen ist 2016 ein gutes Jahr. Die Paare am Neuen Rathaus, am Fernsehturm bei Deppoldshausen sowie im Raum Hann. Münden (3) brachten in der Regel drei Junge zum Ausfliegen. Der Brutplatz im Reinhäuser Wald war erneut besetzt.

Die Hauptmasse der Kraniche war bereits im Februar durchgezogen. In der ersten Märzdekade setzte sich der Zug fort, erreichte aber nur am 1. des Monats eine regionale Tagessumme von wenig mehr als 1000 Ind. Im Leinepolder hielten sich die üblichen, zumeist unreifen Aspiranten in einstelliger Zahl bis weit in den Mai auf (ein Einzelvogel noch am 14. Juni). Am Seeanger verhielten sich zwei vorjährige Ind., die am 18. Mai zum letzten Mal gesehen wurden, recht unauffällig.

Aus dem Leinepolder wurden ab Anfang Mai bis zu fünf rufende Männchen des Wachtelkönigs gemeldet. Ihre wirkliche Zahl dürfte in diesem großen Gebiet mit Betretungsverbot höher liegen. In der Rhumeaue bei Bilshausen knarrten ab Mitte Mai bis zu drei Männchen. Bemerkenswert ist ein kleiner Einflug in Göttingen: Ab dem 20. Juni hatten sich auf dem Kerstlingeröder Feld und dem Sengersfeld im Göttinger Stadtwald insgesamt bis zu vier Rufer niedergelassen. Eine Parallele zu den Einflügen 2002 und 2007 drängt sich auf. Damals jedoch standen die Wiesen im Leinetal nach starken Regenfällen unter Wasser. Die Vögel mussten in höhere Lagen ausweichen. Dieses Szenario existierte 2016 nicht. Deshalb erhebt sich die Frage: Wo kommen sie her? Sind es Hochwasserflüchtlinge aus dem Süden oder wurden sie, wo auch immer, abgemäht und mussten das Weite suchen? Solche Vermutungen könnte man auch bei drei Rufern anstellen, die sich, vorab mitgeteilt, erst Anfang Juli in der Rhumeaue bei Lindau bemerkbar machten.

Vom 12. Mai bis 1. Juni ließ ein Austernfischer in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck sein durchdringendes „Kliiiep“ ertönen.

Austernfischer - B.Riedel
Abb. 9: Austernfischer am Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Rastende Goldregenpfeifer erreichten am 16. März im Leinepolder mit 91 Ind. ihre höchste Tagessumme. Am 24. März zogen beachtliche 173 Ind. in mehreren Trupps über das Kerstlingeröder Feld.
Kiebitze auf der Durchreise waren am 15. März im Leinepolder mit einem Maximum von 2300 Ind. präsent. Am Seeanger hatten drei Paare Schlupferfolg. Drei Jungvögel erreichten die Flugfähigkeit. Aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck liegen keine Hinweise auf erfolgreiche Bruten vor.
Für den Flussregenpfeifer scheint sich die Lage immer mehr zu verdüstern. Eine erfolgreiche Brut (ein flügger Jungvogel) ist nur von der Kiesgrube Ballertasche dokumentiert. In der Sandgrube Meensen brütet aktuell ein Paar. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben zeigte ein warnender Altvogel eine mögliche Brut an, die aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit scheiterte. Ansonsten: Fehlanzeige. An den bekannten Orten (Geschiebesperre, Northeimer Kiesteiche, Freizeitsee, Seeanger, Kiesgrube Reinshof) balzten jeweils bis zu zwei Paare, ab und an konnten Kopulationen und das Anlegen einer Nistmulde beobachtet werden, aber das war’s auch schon. Der seit 2008 existierende Brutplatz an der Glunz-Brache in Gö.-Grone ist durch zunehmende Bebauung und Umwidmung in einen LKW-Parkplatz unbrauchbar geworden. Vielleicht kommt es noch zu Spätbruten, aber die bisherige Bilanz ist deprimierend. Hauptfaktor beim Bestandsrückgang ist der immer stärker grassierende Freizeitrummel, der wiederum wegen der allgemeinen Vermüllung Kostgänger aller Art anlockt, die auch ein Regenpfeifergelege nicht verschmähen.

Flussregenpfeifer - M.Siebner
Abb. 10: Flussregenpfeifer am Siekgraben. Foto M.Siebner

Ein am 23. Mai nachts über Seeburg rufender Vogel wurde als Mornellregenpfeifer bestimmt.

Am Seeanger gerieten am 7. April bemerkenswerte 16 Regenbrachvögel vor die Linse. An der Geschiebesperre Hollenstedt waren vier Ind. am 15. Mai recht spät dran.
Am 26. März rasteten zwei Uferschnepfen im Leinepolder. Ihnen folgte ebenda am 7. April ein Trupp von sieben Ind. Vom 13. bis 17. April hielt sich im Seeanger ein Einzelvogel auf. Bei einem weiteren Vertreter am 17. April im Leinepolder, der leider nicht fotografiert werden konnte, herrschte Uneinigkeit, ob er der im tiefen Binnenland sehr seltenen Unterart islandica („Isländische Uferschnepfe“) angehört haben könnte.
Von der Waldschnepfe liegen Beobachtungen von knapp 50 Ind. vor (Mehrfachzählungen reviertreuer Männchen inbegriffen). Den Auftakt im Berichtszeitraum machte ein heimziehender Vogel, der am 4. März in einem Hausgarten im Göttinger Ostviertel nach Nahrung stocherte. Hinweise auf revierhaltende Männchen gab es (ab Mai) im Kaufunger Wald (5-6), im Bramwald (1), im Hochsolling (3-4) sowie im Elvershäuser Wald (1).
Von der Zwergschnepfe existieren offiziell nur zwei Beobachtungen. Das liegt daran, dass einige Rastplätze nicht mehr öffentlich gemacht werden, um die Vögel vor Stress durch Beobachter und Fotografen zu bewahren. Bekassinen demonstrierten am 2. April im Leinepolder mit 220 Ind. ein zeit- und gebietstypisches Maximum. Dort balzten auch bis zu zwei Männchen.
Die Rastvorkommen von Waldwasserläufer und Flussuferläufer wiesen keine Besonderheiten auf. Am 17. und 18. April rastete ein Teichwasserläufer im Leinepolder. Die Maxima von Rotschenkel (13 Ind. am 7. April), Grünschenkel (ca. 50 Ind. am 4. Mai) und Bruchwasserläufer (ca. 150 Ind. am 7. Mai) fielen im Leinepolder eher durchschnittlich aus.
Die Höchstzahl von 92 Kampfläufern ebenda wurde am 22. März schon recht früh erreicht.
Am Seeanger hielt sich vom 14. bis 16. Mai ein Steinwälzer auf. Ob ein Artgenosse am letzten Datum an der Geschiebesperre identisch mit diesem Vogel war muss offen bleiben.
Bis zu zwei Zwergstrandläufern am 14. Mai am Seeanger folgte vier Tage später ein Einzelvogel im Leinepolder.
Am Seeanger, dem traditionellen Hotspot für diese kleine Limikole, rasteten (am 9. Mai) bis zu zwölf Temminckstrandläufer.

Temminckstrandläufer - B.Riedel
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Recht bemerkenswert für diese auf dem Heimzug nur sehr spärlich auftretende Art sind fünf Sichelstrandläufer am 9. Mai an der Geschiebesperre. Am Seeanger rastete ein Einzelvogel vom 11. bis 15. des Monats. Das Polder-Maximum von elf Alpenstrandläufern am 22. März kann sich für den Heimzug durchaus sehen lassen.

Durchziehende Zwergmöwen traten wie immer erratisch auf. Am 17. April fielen am Northeimer Freizeitsee bis zu 100 vom Himmel, für den Seeburger See liegt das Maximum bei 70 Ind. am 30. des Monats. Die Lachmöwen-Kolonie am Lutteranger verdient diesen Namen leider nicht mehr, denn es wurde nur ein brütender Einzelvogel gesehen. Ob er erfolgreich war ist ungewiss.
Schwarzkopfmöwen ließen sich vergleichsweise zahlreich blicken. Am Seeburger See und Seeanger hielten sich am 2. und 3. April bis zu zwei Altvögel auf, alt waren auch zwei Ind. am 16. April an der Kiesgrube Reinshof, desgleichen drei Vögel einen Tag später am Northeimer Freizeitsee. Vier Ind. (drei ad., ein vorj. Ind.) flogen am 25. April zusammen mit Lachmöwen über das letztgenannte Gebiet. Ein Altvogel trug einen grünen Farbring, mehr war leider nicht zu erkennen. Den (vorläufigen) Schlusspunkt setzte ein Altvogel am 29. Juni an der Geschiebesperre.
Am 1. April überflog eine adulte Mittelmeermöwe die Geschiebesperre. Ein Vogel, der am 13. Juni auf der Göttinger Drachenwiese stand, befand sich im 3. Kalenderjahr. Steppenmöwen rasteten am 9. April am Seeburger See und am 22. Mai am Göttinger Kiessee. Fünf weitere Großmöwen wurden, sehr löblich, besser unbestimmt gelassen…

Den Reigen der Seeschwalben eröffnen mittlerweile übliche Raubseeschwalben, die jeweils zu zweit am 1. Mai am Northeimer Freizeitsee und am 11. Mai am Seeburger See auf sich aufmerksam machten.
Am 2. Mai flog eine Weißbart-Seeschwalbe über dem letztgenannten Gewässer. Einzelne Weißflügel-Seeschwalben leuchteten am 2. Mai im Polder und am 18. Mai am Seeburger See. Trauerseeschwalben erreichten am 6. Mai ebenda mit 150 Ind. (möglicherweise. noch mehr, weil an diesem Tag die Zugdynamik besonders stark ausgeprägt war) ein beeindruckendes Maximum.
Von der Flussseeschwalbe liegen vom 14. April bis 25. Juni bemerkenswerte 13 Beobachtungen von 17 Vögeln vor (jeweils drei Ind. am 13. Mai am Seeburger See und am 8. Juni am Freizeitsee). Ein am 28. Mai über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden ziehender Vogel ist eine besondere Erwähnung wert. Damit verglichen trat die Küstenseeschwalbe deutlich spärlicher auf. Was die Truppgröße anbelangt, war sie mit sieben Vögeln am 26. April am Seeburger See der Schwesterart allerdings überlegen. Am 30. April folgte an ebendiesem Gewässer ein Einzelvogel.

Küstenseeschwalbe - M.Siebner
Abb. 12: Küstenseeschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

In diesem Frühjahr wurden, immerhin, mindestens zehn Turteltauben gesehen. Das langjährige Vorkommen im Bramwald konnte beim Birdrace am 7. Mai mit zwei singenden Männchen bestätigt werden. Auch das altbekannte Revier an der Landesgrenze zu Thüringen bei Vogelsang war wieder belegt.

Schleiereulen konnten als Einzelvögel im Leinepolder und in bzw. bei Bodensee gesehen/gehört werden.
Im Vergleich zum Vorjahr hielten sich Nachweise erfolgreicher Bruten der Waldohreule in denkbar engen Grenzen: Nur am Kiessee ließen sich (zwei) fiepende Jungvögel vernehmen.

Waldohreule - K.Jünemann
Abb. 13: Waldohreule in der Rhumeaue bei Bilshausen. Foto: K. Jünemann

Als veritable Megararität sauste ein männlicher Ziegenmelker in der Nacht des 25. Mai am Steinacker in Gö.-Nikolausberg um die Häuser. Der letzte Regionalnachweis stammt aus dem Frühjahr 2006 vom Seeburger See, der letzte davor vom Herbst 1986 aus dem Leinepolder…

Einen kleinen Lichtblick gibt es bei den Göttinger Mauerseglern. Nachdem im vergangenen Jahr die Brutkästen an der Arnoldi-Schule nach deren Umsetzung verwaist waren, sind sie jetzt wieder von ca. 15 Paaren belegt. Dagegen haben die sensiblen Vögel die Nisthilfen an einer Schule in der Göttinger Weststadt in diesem Jahr gemieden; angeblich, weil man diese farbig angestrichen hat…

Rastende Wiedehopfe hielten sich am 6. April am Göttinger Neuen Botanischen Garten und am 17. April nahe dem Altendorfer Berg bei Einbeck auf.

Der Wendehals war mit ca. 20 Heimzugbeobachtungen recht gut vertreten. Im Randbereich des Polder IV westlich Edesheim war bis in den Mai ein Revier über Wochen besetzt. Am traditionellen Brutplatz auf dem Kerstlingeröder Feld hatte sich mindestens ein Sänger eingefunden. Gleichermaßen erfreulich wie bemerkenswert ist der Nachweis eines Brutpaars mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln am 26. Juni am Fassberg im Norden Göttingens. Dort hatten Wendehälse bis vor 30 Jahren ab und an gebrütet. Die aktuellen Brutvögel gaben sich als echte Leisetreter, denn zuvor war in diesem Bereich nur zweimal (am 21. April und am 2. Mai) ein singender Vogel gehört worden.

Wendehals - B.Riedel
Abb. 14: Wendehals im Leinepolder. Foto: B. Riedel

Singende Pirole ließen sich am 25. Mai aus einem Gehölz bei Amelsen und am 29. Mai aus einem alten Buchen-Eichenbestand bei Ahlshausen vernehmen. Beide Fundorte liegen im Landkreis Northeim.

Die jährliche Zählung von Neuntötern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 22. Juni Hinweise auf mindestens 20 Reviere. Diese Zahl liegt im Durchschnitt der letzten, durchweg guten Jahre. Drei Paare hatten Nachwuchs, eines fütterte, recht früh, schon fast flügge Jungvögel. Bei zwei Männchen bestand der Verdacht, dass sie gleich zwei Weibchen in Beschlag genommen hatten (Polygynie). Eine Erfassung an Offenflächen im Kaufunger Wald (Rinderstall, Stromtrasse Sichelnstein etc.) ergab am 28. Juni sieben Reviere, ein flügger Jungvogel eingeschlossen. Etliche langjährig bekannte Reviere waren wieder besetzt (z.B. vier bis fünf in der Rhumeaue bei Lindau). Einen negativen Einfluss der Dürre im östlichen Sahel scheint es bei diesem Südostzieher nicht oder nur marginal gegeben zu haben, sehr erfreulich.
Vom Raubwürger liegen bis zum 3. April 24 Beobachtungen vor, die sich im Wesentlichen auf die bereits im Vorbericht erwähnten reviertreuen Wintergäste auf dem Kerstlingeröder Feld, in der Feldmark Geismar, an der Lengderburg und im Leinepolder (2) beziehen. Darüber hinaus gab es Sichtungen bei Weißenborn, in der Feldmark Barterode, in den Feldmarken westlich Relliehausen und Sattenhausen sowie zwischen Potzwenden und Falkenhagen.

Brutverdächtige Tannenhäher konnten am 6. März und am 7. Mai im Heidelbeerbruch (Hochsolling) ausgemacht werden. Aus regionaler Sicht bemerkenswert ist ein Trupp von ca. 120 heimziehenden Saatkrähen, der am 10. März an der Agrogasanlage bei Krebeck auf die Nahrungssuche ging. Ansonsten traten sie nur in einstelliger Zahl auf, darunter ein verbummelter Altvogel am 21. April im Göttinger Neuen Botanischen Garten.

Der einzige Brutnachweis der Beutelmeise stammt vom Northeimer Freizeitsee.

Beuteameise - F.Hollander
Abb. 15: Beutelmeise am Freizeitsee. Foto: F. Hollander

Vom 15. bis 21. März wurden an drei Tagen insgesamt nur fünf ziehende Heidelerchen wahrgenommen. Offenkundig geraten die Zugrufe einiger Arten immer mehr in Vergessenheit: Die einen hören sie nicht mehr, die anderen kennen sie (noch) nicht…

Der Kälteeinbruch Ende April machte Insektenfressern zu schaffen, unter ihnen besonders den Schwalben, die sich an den Gewässern zusammenballten. Zum Glück wurde es bald wärmer und die Verluste dürften sich in engen Grenzen gehalten haben.
Am Ostufer des Northeimer Freizeitsees besteht eine kleine Uferschwalben-Kolonie von ca. 25 Paaren, die einem hohen Druck durch Freizeitaktivitäten ausgesetzt ist. Sie gelangte deshalb nach Himmelfahrt in das NDR-Fernsehjournal „Hallo Niedersachsen“, wo die Vögel als „Uferseeschwalben“ angekündigt wurden. Im Umfeld der Geschiebesperre existiert möglicherweise eine weitere (recht kleine) Kolonie. In einer Grube bei Wellersen (Landkreis Northeim) wurden am 8. Mai sechs angeflogene Höhlen gezählt, an der Sandgrube Meensen Ende Juni zwölf, von denen fünf beflogen wurden.

Schwalben - M.Göpfert
Abb. 16: Erschöpfte Rauch- und Uferschwalben am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Nennenswerte Anzahlen des Feldschwirls von bis zu fünf singenden Männchen liegen nur von der Rhumeaue bei Bilshausen, vom Northeimer Freizeitsee und aus dem Leinepolder vor.
Recht gut vertreten ist in diesem Jahr der Schlagschwirl: Hinweise auf Revierbesetzungen in Gestalt singender Männchen konnten an der Kiesgrube Ballertasche und in ihrem Umfeld (bis zu drei), in der Rhumeaue bei Bilshausen (bis zu zwei), in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau (zwei), in der Gillersheimer Bachaue, am Seeburger See und in der Suhleaue dokumentiert werden.
Dagegen beschränkte sich das Vorkommen des Rohrschwirls habitatbedingt auf zwei Gebiete: Am Seeburger See sang ein Männchen vom 26. April bis zum 7. Mai und ein weiterer (?) Vogel am 25. Mai. Im Leinepolder konnten im Mai und Juni durchgehend zwei bis drei Sänger die Schwirldamen (hoffentlich) betören.
Vom Schilfrohrsänger liegen zwischen dem 10. April und 30. Mai Nachweise von sieben singenden Männchen (Kiesgrube Ballertasche, Seeburger See, Seeanger, Freizeitsee) vor. In der Regel waren sie eintägig präsent. Nur einer machte vom 11. bis 13. April an der Geschiebesperre eine Ausnahme.
Für den Zeitraum vom 5. Mai bis 4. Juni existieren Nachweise von sechs singenden Drosselrohrsängern. Ein Vogel, der vom 28. Mai bis 4. Juni die Kiesgrube Ballertasche beschallte, tat dies in genau der gleichen Ecke wie im Vorjahr. Im Eschweger Werrabecken (Nordhessen) hat sich (wieder) ein Bestand von bis zu zehn reviertreuen Männchen etabliert. Vielleicht arbeitet sich der positive Trend ja flussabwärts vor… Am Northeimer Freizeitsee sangen am 7. Mai gleich zwei Männchen. An der Geschiebesperre blieb einer immerhin vier Tage. Etwas ungewöhnlich ist ein Vogel am 5. Mai an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, wo er sich mangels Vegetation kaum verstecken konnte.

Drosselrohrsänger - W.Vogeley
Abb. 17: Drosselrohrsänger an der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Im März und April bestand noch Hoffnung, aber jetzt ist es offiziell: Weder im vergangenen Winter noch im anschließenden Frühjahr ließ sich in der Region ein Seidenschwanz blicken – das ist bereits die zweite schwanzlose Saison seit 2013/14. Vermutlich sind die gefräßigen Vögel durch den Klimawandel so groß und schwer geworden, dass sie es nicht mehr über die Ostsee schaffen…

Vom 25. März bis zum 23. April konnten acht Ringdrosseln ausgemacht werden, mit Ausnahme von drei Ind. am 8. April in der südlichen Göttinger Feldmark alles Einzelvögel.

Vom 20. Mai bis 18. Juni sang sich ein adulter Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg in die Herzen vieler Beobachter - ein Weibchen der eigenen Art wäre ihm sicher lieber gewesen. Das agile, bisweilen neugierig wirkende Schmuckstück zeigte den achten Regionalnachweis seit 1955 an und war das erste als rotkehlig gemeldete Männchen überhaupt.

Zwergschnäpper - V.Hesse
Abb. 18: Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht. Foto: V.Hesse

Vom Trauerschnäpper liegen aus dem Zeitraum vom 25. April bis zum 19. Mai Nachweise von 27 Ind. vor (max. drei Ind. am 27. April am Kiessee). Aus regionaler Sicht ist das eine Höchstzahl der letzten Jahre. Eine Revierbesetzung oder gar Brut konnte gleichwohl nicht dokumentiert werden.

Brutverdächtige Braunkehlchen? Fehlanzeige. Im Leinepolder konnte ein Paar nach dem 20. Mai nicht mehr bestätigt werden.
Dagegen scheint es mit dem Schwarzkehlchen weiter aufwärts zu gehen: Auf dem Kahlschlag im äußersten Süden des Göttinger Stadtgebiets (ehemaliges Pappelwäldchen) brütete ein Paar, das vermutlich von der Feldmark Geismar dorthin umgezogen war, erfolgreich. In der Feldmark südlich vom Gut Wickershausen (Landkreis Northeim) signalisierte ein warnendes Paar am 8. Mai starken Brutverdacht. Möglicherweise kommt die Suhleaue als neuer Brutplatz hinzu. Hier wurden mehrfach Schwarzkehlchen beobachtet. Für ein Paar vom 25. April in der Feldmark östlich Nesselröden liegen leider keine Folgebeobachtungen vor. Die meisten bekannten Brutplätze waren, soweit sie kontrolliert wurden, wieder besetzt. Sogar in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, wo alle Blühstreifen verschwunden sind, gelang einem Paar die Fortpflanzung.
Vorbildlich belegt ist der erste Sprosser der Region. Er wurde am 27. Mai am Westufer des Northeimer Freizeitsees von N. Krott und C. Junge entdeckt und konnte am 30. Mai von B. Riedel mit Fotos und Tonaufnahmen bestätigt werden. Nach dem 3. Juni war sein eindrucksvoller Gesang nicht mehr zu hören. Der Anerkennung des seltenen Gasts durch die Avifaunistische Kommission Niedersachsen/Bremen kann man mit einiger Zuversicht entgegen sehen.

Sprosser - B.Riedel
Abb. 19: Sprosser am Northeimer Freizeitsee. Foto: B.Riedel

Auch in diesem Jahr wurden in der Suhleaue brutverdächtige Blaukehlchen gesehen. Von einer Neuansiedlung in diesem wenig begangenen Winkel des Eichsfelds kann wohl ausgegangen werden. Ebenfalls abseits der ausgetretenen Pfade ließ sich am 9. Juni in der Gillersheimer Bachaue ein Vogel ausmachen. Aus diesem Gebiet gab es schon früher Hinweise auf ein Brutvorkommen.

Ein jahreszeitlich interessanter Steinschmätzer am 25. Juni in der Feldmark Ebergötzen war augenscheinlich ohne Partner (geschweige denn mit Nachwuchs gesegnet).

Der Brachpieper machte sich dreimal bemerkbar: am 30. April über dem Gelände des Güterverkehrszentrums III („Göttingens Kalahari“), am 7. Mai während des Birdrace gleich zu dritt in der Feldmark Jühnde sowie am selben Tag über Gö.-Nikolausberg ziehend.
Die traditionelle Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld ergab am 22. Juni 18 revieranzeigende Vögel. Das ist ein durchschnittlicher Wert, wobei anzumerken ist, dass der (auf den Neuntöter zugeschnittene) Zähltermin für diese Art eigentlich zu spät liegt. An Offenflächen im Kaufunger Wald (u.a. an der Stromtrasse Sichelnstein) sangen am 28. Juni sechs Männchen, in der Rhumeaue bei Bilshausen, an der Sandgrube Meensen und im NSG Hühnerfeld im Kaufunger Wald jeweils drei. Das sind die Maximalzahlen für einen früheren Charaktervogel der Waldränder und Offenflächen, dessen Lebensraum auf kleine Inseln geschrumpft ist.
Einen Brutnachweis des Wiesenpiepers gibt es in dieser Saison nur aus der Feldmark Volkerode bei Rosdorf, wo am 27. Mai ein warnender und futtertragender Vogel gesehen wurde (Nachtrag vom 25. Juli - HD). In der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen konnte im Mai nur noch ein singendes Männchen notiert werden. Und die nächste Flurbereinigung rückt näher… Am 19. Juni sang in der Leineniederung bei Bovenden ein Männchen, doppelt so viele waren es am 4. Juni in den Randbereichen des Leinepolders. Der Aufenthalt eines, vorweg mitgeteilten, singenden Männchens Anfang Juli an den ehemaligen Tongruben Siekgraben dürfte von kurzer Dauer sein, weil die Bagger schon bereitstehen.

Wiesenpieper - M.Siebner
Abb. 20: Wiesenpieper an den ehemaligen Tongruben Siebgraben. Foto: M. Siebner

Prächtige Rotkehlpieper gaben sich am 6. Mai an der Geschiebesperre und am 14. und 15. Mai im Seeanger die Ehre.
Heimziehende Bergpieper traten in diesem Frühjahr in guter Zahl auf. Aus dem Zeitraum vom 25. März bis zum 18. April liegen 20 Beobachtungen von ca. 40 Ind. vor. Am Seeanger waren bis zu sechs Ind. im Brutkleid über mehrere Tage anwesend. Das Maximum von neun Ind. stammt vom 28. März aus dem Leinepolder.

Am 24. März zogen mindestens 1179 Buchfinken über das Kerstlingeröder Feld. Am 28. März zeigten 400 über das Göttinger Ostviertel ziehende, eher beiläufig gezählte Vögel, dass man an diesem Tag auf dem Plateau des Göttinger Walds vielleicht besser aufgehoben gewesen wäre… Am 2. April suchten mindestens 400 Ind. am Ortsrand von Diemarden unterhalb des Diemardener Bergs nach Nahrung.
An der Leine im Süden Göttingens trötete am 2. und 18. März, als Letzter aus einem bemerkenswerten Einflug, noch ein ortstreuer „Trompetergimpel“ vor sich hin.

In der Feldmark Hollenstedt nordwestlich vom Gut Wickershausen konnte am 8. Mai eine (vermutlich heimziehende) Grauammer ausgemacht worden. Die letzte Beobachtung zuvor stammt aus dem Oktober 2012 und betraf einen über Ebergötzen ziehenden Vogel.

Ein männlicher Tahaweber bringt seit dem 29. Mai Farbe in den Seeanger, ist aber trotz seiner auffälligen Erscheinung manchmal nicht aufzufinden. Tahaweber sind eigentlich in Afrika südlich der Sahara beheimatet. Entflogene Käfigvögel haben jedoch in Feuchtgebieten auf der iberischen Halbinsel eine stabile Brutpopulation etabliert. Ob der (unberingte) Vogel von dort stammt, ist aber sehr unwahrscheinlich. Um seinen beeindruckenden Balzflug - mit aufgeplustertem Rückengefieder wie eine Hummel über dem Brutrevier brummend umherfliegend - zu genießen, müsste man ihm ganz schnell ein Weibchen besorgen, oder besser gleich drei…

Tahaweber - M.Siebner
Abb. 21: Männlicher Tahaweber am Seeanger. Foto: M. Siebner

Mit diesem skurrilen Unikum schließt der Bericht. Er basiert auf ca. 27.000 Datensätzen, die nahezu ausschließlich unserer Datenbank ornitho.de entstammen. Der Verfasser bedankt sich bei den (hauptsächlichen) BeobachterInnen:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, S. Beisler, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, A. Dahlmann, L. Demand, V. Dierschke, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Feldhoff, M. Fichtler, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, S. Goihl, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, D. Gruber, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, E. Heiseke, O. Henning,D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, G. Köpke, M. Kuschereitz, T. Langer, T. Lepp, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, R. Maares, G. Mackay, T. Matthies, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, T. Orthmann, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, I. Rapp, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, C. Roos, G. Rotzoll, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, R. Schumann, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, M. Sprötge, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, A. Torkler, N. Trottmann, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Wegst, M. Weinhold, C. Weinrich, J. Wermes, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann und viele andere.

Hans H. Dörrie

July 9th, 2016

Das Landesturnfest 2016 - ein Erlebnis der besonderen Art am Göttinger Kiessee

Absperrungen - Erlebnisturnfest
Abb. 1: Absperrungen am Kiessee

Massenevents sind heutzutage durchaus populär und auch legitim, um viele Menschen zu unterhalten und dies mit einem Hobby wie dem Ausüben einer Sportart zu verbinden. Leider wird hierbei nicht immer Rücksicht auf die Natur und ihre Bewohner genommen. Dies war auch beim so genannten „Erlebnis Turnfest“ der Fall, das vom 23. bis 26. Juni mit ca. 20.000 Aktiven und (angeblich) 250.000 Besuchern in Göttingen stattgefunden hat. Der Schwerpunkt der Aktivitäten lag dabei am Kiessee und seiner Umgebung in einem Landschaftsschutzgebiet.

Ursprünglich war die Veranstaltung für den Mai 2016 geplant. An der West- und Ostseite des Kiessees sollten zwei Bühnen errichtet werden, von denen man über einen Ponton übers Wasser hätte wechseln können. In der Dunkelheit sollten illuminierte “Wellness-Inseln” aus Plastik auf dem Wasser zum Verweilen einladen. Diese Planungen konnten von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt in Kooperation mit Natur- und Vogelschützern modifiziert werden. Übrig blieb eine große Bühne auf der Rasenfläche im Osten des Kiessees, wo den Tag über Auftritte von Musikern und anderen Künstlern stattfanden. Der Besucherverkehr war in diesem Bereich am lebhaftesten, während z.B. ein Drachenboot-Rennen erheblich weniger Zuspruch fand.

Die Verlegung auf Ende Juni sollte dem Schutz brütender Vögel dienen, die im Mai besonders aktiv sind. Gleichwohl brüten auch Ende Juni viele Arten noch und füttern ihre Jungen. Der Vorschlag, das Event auf die Zeit ab Ende Juli zu verlegen, stieß bei den Betreibern auf taube Ohren.

Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeiter des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) während des “Erlebnis Turnfests” Untersuchungen zu möglichen Störungen angestellt.

Während der Veranstaltung wurden einige Bäume am Sandweg für einen “Kletterpark” umgewidmet. Um Störungen brütender Vögel zu vermeiden, bekam ein Vogelkundler den Auftrag, die Bäume von einem Hubsteiger aus nach Nestern abzusuchen. In einem Baum befand sich ein Nest, worauf dieser für Kletterer gesperrt blieb. Darüber hinaus wurden keine Nester gefunden, dafür aber jede Menge singende Vögel. Diese Vorgehensweise ist kritisch zu sehen und hat eher Alibi-Charakter. Nester der Wacholderdrossel oder der Rabenkrähe sind in der Regel nicht schwer zu entdecken. Kleine Finkenvögel wie etwa der Birkenzeisig (der am Sandweg brütet) bauen winzige Nester von der Größe eines Überraschungseis. Wenn diese in einer Astgabel im dicht belaubten Kronenbereich platziert werden, sind sie praktisch, Hubsteiger hin oder her, unauffindbar. Dies gilt auch für einen Gartenbaumläufer, der versteckt hinter einer abgeplatzten Rinde sein Nest hat. Die vielen Sänger, die der Gutachter feststellen konnte, haben sich bestimmt nicht nur zum puren Vergnügen in den Bäumen aufgehalten.

Ein weiterer Punkt war der Schutz des Röhrichts im Bereich der Bühne an der Ostseite. Dieses ist ein äußerst wichtiger Lebensraum für viele Vogelarten, unter denen der Teichrohrsänger, der in Göttingen eher selten ist und hier seine größte Population hat, besonders hervorsticht. Teichrohrsänger brüten bis weit in den Sommer. Für Brutvogelarten wie Haubentaucher, Blässhuhn, Teichhuhn und Stockente ist dieser Lebensraum ebenfalls von hoher Bedeutung und erfüllt gerade bei starkem Besucherverkehr oder Wassersportveranstaltungen eine wichtige Schutzfunktion. Deshalb sollte der Röhrichtgürtel mit einem abgedeckten Zaun vor Besuchern geschützt werden. Bei einer Begehung vor und nach dem Fest mussten wir feststellen, dass das Röhricht nicht geschützt war, sondern der Zaun sich auf den baumbestandenen Uferbereich nördlich davon beschränkte. Durch diesen mangelnden Schutz wurde begünstigt, dass eine Schneise ins Schilf getreten wurde.

Röhricht - Erlebnisturnfest
Abb. 2: Schneise im ungeschützten Röhricht

Schäden an der Vegetation wurden auch bei einer Begehung in einem Gehölzbestand im Osten zwischen Kiessee und Flüthegraben festgestellt. Hier wurden Bäume gefällt und Jungwuchs beseitigt. Der Grund für diese Maßnahme bleibt im Dunkeln. Den Boden bedeckte man größtenteils mit Schotter. Am ersten Tag fand das Areal eine Verwendung als Fahrradparkplatz, später wurden dort zwei Generatoren hingestellt. Ob vor dieser Maßnahme eine Untersuchung des ansässigen Brutvogelbestands erfolgte, ist unbekannt.

Gehölz - Erlebnisturnfest
Abb. 3: Ruiniertes Gehölz an der Kiessee-Ostseite

Eine Spezialität unter den Vögeln am Kiessee sind brütende Waldohreulen. Am 18. Juni machten erstmals zwei Jungvögel am Ascherberg durch ihr andauerndes Fiepen auf sich aufmerksam. Sie saßen sehr verlässlich immer am Nordrand des Wäldchens. In der Nacht vom 26. Juni wurde allerdings nur noch ein rufender Jungvogel wahrgenommen. Während des Festes hatte man die Hauptnahrungsfläche der fütternden Altvögel, eine Wiese am Rosdorfer Weg nördlich des Ascherbergs, in einen Parkplatz verwandelt. Die teilweise auch über Nacht dort geparkten Autos und der entsprechende Besucherverkehr übten sicher einen Scheucheffekt auf die Vögel aus. Hinzu trat eine deutliche Abnutzung der Wiese mit breiten, auch durch Regenfälle verursachten Schlammspuren, die auch den Mäusen abträglich war. Die Lebensqualität der brütenden Waldohreulen (und die ihrer Beute) war durch den Parkplatz mit Sicherheit eingeschränkt.

Sehr befremdlich war die Installation eines startbereiten Heißluftballons mit der Aufschrift „Kölln-Flocken“ zu Werbezwecken am 23. Juni. Dies war im Vorfeld nicht abgesprochen, sondern erfolgte offenbar auf Grund einer sehr kurzfristigen Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Göttingen, in dessen Zuständigkeitsbereich sich die Westseite des Kiessees befindet. Konnte man nach der ursprünglichen Planung noch die Hoffnung hegen, dass auf der Westseite eine Art Schutzzone für Gänse auf der Suche nach Nahrung existierte (die Ostseite war für die Vögel nicht mehr nutzbar), wurde man nach der Installation des Ballons eines Schlechteren belehrt: Beim Aufstellen des Riesengeräts flogen sämtliche Enten und Gänse auf und waren sichtlich in Aufruhr. Diejenigen Vögel, die noch keinen flüggen Nachwuchs hatten, versteckten sich so schnell wie es eben ging im Röhricht an der Südseite. Welche Störung und Stresssituation für die Tiere dies darstellte kann man sich ausmalen. Nach einigen Minuten landeten die ersten Tiere wieder auf dem See, mieden aber die Westseite, wo der Ballon aufgeblasen präsentiert wurde (aber seltsamerweise nicht abhob).

Kein Platz für Gänse
Abb. 4: Auch hier kein Platz für Gänse: Heißluftballon an der Westseite

Ebenfalls entgegen der ursprünglichen Planung wurde in der Nacht des 26. Juni ein Feuerwerk gezündet. Auch dieses hatte der Landkreis, dessen Engagement in Sachen Natur- und Artenschutz am Kiessee sich anscheinend in engen Grenzen hält, offenbar kurzfristig genehmigt. Es dauerte nur einige Minuten, sorgte aber in der Tierwelt für viel Aufruhr. Nach der ersten Rakete flogen alle Wasservögel auf. Die Höckerschwäne suchten mit ihren Jungen im südlichen Röhricht Schutz, auch die auf der Insel brütenden Graureiher wurden aufgescheucht. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Vögel, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, auf dem Wasser niederließen. Auf jeden Fall fiel ihre Reaktion auf das Feuerwerk dramatischer aus als bei den vielen Besuchern, die auch von einem N-Joy- Anheizer nicht dazu animiert werden konnten, in laute „Ahh-“, „Uuh-“ oder „Hui“- Rufe auszubrechen…

Knallerei - Erlebnisturnfesta
Abb. 5: Bunte Knallerei im Landschaftsschutzgebiet

Wie ernst man es mit dem Vogelschutz meint, könnten drei Schilder belegen, die der städtische Bauhof am Ascherberg aufgestellt hat. So löblich es ist, Vogelbruten zu schützen: Die Motivation lag eher darin, eine Haftung bei möglichen Personenschäden durch herabfallende Äste oder umstürzende Bäume zu vermeiden. Dabei wird der Ascherberg von den allermeisten Spaziergängern ohnehin gemieden. Ob die Schilder im Zusammenhang mit dem „Erlebnis Turnfest“ angebracht wurden ist unklar.

Warnschild - Erlebnisturnfest
Abb. 6: Warnschild am Ascherberg

So gravierend die Störungen vor allem während des Feuerwerks und durch den Heißluftballon ausgefallen sind: Bei den auffälligen Bruten z.B. von Höckerschwan, Blässhuhn und Graureiher konnten keine durch den Rummel verursachten Verluste dokumentiert werden. Für kleine, versteckt brütende Singvögel ist dies ohnhin kaum nachzuweisen. Das Beispiel einer Grauschnäpper-Brut in einem maroden Nistkasten, die Tag und Nacht einer Disko-Befeuerung in Gestalt einer Warnleuchte ausgesetzt war und dennnoch erfolgreich verlief, zeigt die Anhänglichkeit von Vögeln an ihren Nachwuchs, die auch durch sehr starke menschliche Einwirkungen mit hohem Stresspotential kaum gelockert werden kann.

Diskobeleuchtung - Erlebnisturnfest
Abb. 7: Grauschnäpperbrut im Diskofieber

Fazit:

Bei der Planung und Durchführung des „Erlebnis Turnfests“ wurde auf die Belange des Landschafts-, Natur- und Artenschutzes nur ungenügend Rücksicht genommen. Mit einer Verlegung in den Spätsommer/Herbst hätte viele negative Begleiterscheinungen abgemildert werden können. Derartige Massenveranstaltungen sollten in der Brutzeit der Vögel nicht mehr genehmigt werden, erst recht nicht in einem Landschaftsschutzgebiet. Sollte, wie von der Göttinger Verwaltung vorgeschlagen, der Kiessee aus dem Landschaftsschutz entlassen werden, wären solche Veranstaltungen künftig ohne Auflagen und zu jeder Jahreszeit möglich. Deshalb bleibt als zentrale Forderung zur Bewahrung der Artenvielfalt in Göttingens beliebtestem Naherholungsgebiet: Kein Wegfall des Landschaftsschutzes am Göttinger Kiessee!

Phil Keuschen, unter Mitarbeit von Hans H. Dörrie

Verkehrschaos - Erlebnisturnfest
Abb. 8: Verkehrschaos statt Naherholung

Wiese - Erlebnisturnfest
Abb. 9: Liegewiese nach dem Event

July 4th, 2016

Previous Posts


Kalender

July 2017
M T W T F S S
« Jun    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Beiträge nach Monaten

Beiträge nach Kategorien