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Der Vogelwinter 2016/17 in Süd-Niedersachsen: zeitweise kalt und meistens ruhig

Seidenschwanz - MSiebner
Abb. 1: Seidenschwanz am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Winterwetter war geprägt von einem eisigen Januar, der ca. 2°C kälter ausfiel als im Mittel. In den Niederungen fiel jedoch nur wenig Schnee. Die Stillgewässer waren über Wochen zugefroren. Nur der Northeimer Freizeitsee wies einen eisfreien Bereich von nennenswerter Größe auf, an dem sich im Hochwinter mehr als 1000 Wasservögel konzentrierten. In der letzten Februardekade tauten die Gewässer wieder auf, wobei das Orkantief „Thomas“ am 23. des Monats diesen Prozess mit ergiebigen Regenfällen beschleunigte. Um der Wassermassen Herr zu werden, wurde die Leine im Polder 1 bei Salzderhelden schnell angestaut.
Anders als im vorangegangenen milden Winter 2015/16 verharrten einige Kurzstreckenzieher dieses Mal in nennenswerter Zahl. Dazu später mehr.

Der Winterbestand des Singschwans in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck kann auf maximal zwölf bis 14 Ind. beziffert werden, darunter der seit Ende November präsente lettische Stammgast 2E 94 und nur zwei Jungvögel.
Am 18. Januar rasteten zwei Ind. im Seeanger nur kurz.
Zwei Kanadagänse hielten sich im Januar am Freizeitsee und an der Geschiebe-sperre auf, ein Einzelvogel ab dem 26. Februar am Seeburger See. Sechs Weißwangengänse präsentierten am 11. Dezember am Seeanger das Maximum für den Berichtszeitraum. Zwei Vögel vom 19. bis 21. Februar am Tanzwerder sind vermutlich ein Erstnachweis für den Altkreis Münden. Im Northeimer Raum konnten bis zu drei Vögel (am 26. Februar im Leinepolder) ausgemacht werden.

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Abb. 2: Weißwangengänse in Hann. Münden. Foto: W. Vogeley

Mitte Januar erreichten Tundrasaatgänse an ihrem Schlafplatz an der Geschiebesperre mit bis zu 3000 Ind. ihr hochwinterliches Maximum.
Am 5. Februar überflogen zwei Kurzschnabelgänse den Leinepolder Richtung Süden. Maximal 1800 Blässgänse fielen Mitte Januar an der Geschiebesperre zum Schlafen ein.
Am 9. Dezember ballerten Zeitgenossen, die sich in der Öffentlichkeit als „grüne Abiturienten“ spreizen, südlich der Geschiebesperre auf einfliegende Gänse. Dies geschah bis in die Dunkelheit, als nur noch die Silhouetten der Vögel zu erkennen waren. Man fragt sich (und wird es wohl nie erfahren), was von Leuten, deren Vogelartenkenntnis sich auch tagsüber im Nanobereich bewegt, zum reinen Vergnügen so alles vom Himmel geholt wird…
Der Winterbestand der Nilgans lag an der Geschiebesperre regelmäßig bei bis zu 150 Ind. Bemerkenswerte Ausnahmen bildeten der 27. Januar und der 14. Februar, als dort ca. 400 bzw. mindestens 320 Ind. notiert wurden. Das sind die höchsten jemals ermittelten Winterzahlen. Weiterhin darf gerätselt werden, woher die Mehrzahl dieser Gäste stammt. Aus dem Osten wohl kaum und auch nicht aus der Region, weil die Nilgans hier ein spärlicher Brutvogel ist. Zudem krakeelten die meisten der ansässigen Brutpaare an ihren Nistplätzen auch im Winter munter vor sich hin.
Winterliche Brandgänse ließen sich im Februar einzeln am Seeanger und Seeburger See sowie zu zweit (am 1. des Monats) an der Kiesgrube Reinshof bewundern.

Ein bis zwei Mandarinenten bevölkerten den Obertorteich in Duderstadt sowie über Wochen den Seeburger See und Seeanger, obwohl beide Gewässer nahezu komplett zugefroren waren.
Der Winterbestand der Pfeifente an der Rhume bei Northeim lag auch im kalten Januar unvermindert bei ca. 160 Ind. Als skurrile Göttinger Besonderheit ist ein über Wochen an der Leine präsentes Paar erwähnenswert, das an der Gailgrabenbrücke in der Südstadt bald jede Scheu ablegte und sich mit Weißbrot füttern ließ – seine obligatorische Pflanzenkost mal in anderer Form.
In der Wasserwüste des gefluteten Polder 1 versammelten sich Ende Februar mindestens 1900 Stockenten, für die Jahreszeit nicht untypisch.
Am 17. Februar zierte eine männliche Kolbenente die Northeimer Kiesteiche. Ihr folgten zehn Tage später am Seeburger See gleich sechs Ind. (4 M., 2 W.).
Auf dem eisfreien, nur wenige Hundert Quadratmeter großen Wasserloch am Northeimer Freizeitsee stapelten sich im Januar, nach dem Zufrieren aller anderen Stillgewässer, bis zu 620 Reiherenten, darunter auch (bis in den März) der aus dem Vorbericht bekannte männliche Hybrid Tafel- x Reiherente.

ReiherXTafelente - BRiedel
Abb. 3: Männlicher Hybrid Tafel- x Reiherente am Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Das Maximum von bis zu 300 Tafelenten fiel schwächer aus als bei der vorigen Art, ist aber dennoch bemerkenswert, weil die Höchstzahlen normalerweise Ende Februar/Anfang März erreicht werden.
Eine männliche Bergente hielt am Seeburger See und Seeanger bis zum 21. Dezember durch. Als mögliche Eisflüchter vom Seeburger See, wo sie im Herbst länger präsent waren, trafen am 5. Dezember an den Northeimer Kiesteichen (Fischzuchtteich bei Edesheim) drei Artgenossen ein. Einer harrte bis zum 15. Januar aus.
Die seit dem 11. November 2016 an den Northeimer Kiesteichen anwesende weibliche Eisente wich auf den Freizeitsee aus und wurde dort letztmalig am 21. Januar beobachtet.
Eine weibchenfarbene Trauerente legte am 29. Dezember an den Northeimer Kiesteichen offenbar nur einen Zwischenstopp ein. In einer milden Phase um Weihnachten trafen am 23. Dezember am Seeburger See vier Samtenten ein. Ihre Zahl erhöhte sich am 30. des Monats auf fünf Ind., die dann der wieder zunehmenden Vereisung weichen mussten. Von den ursprünglich drei seit dem 23. November 2016 an den Northeimer Kiesteichen stationären Vögeln suchten zwei nach dem 20. Dezember das Weite. Der verbliebene Solitär ließ sich von den widrigen Bedingungen nicht beirren und legte auf dem Eisloch am Freizeitsee eine komplette Überwinterung hin, die aktuell noch andauert.

Zwergsäger lieferten am Freizeitsee mit 21 Ind. (7 M., 14 wf. Ind.) am 16. Februar ein aus regionaler Sicht bemerkenswertes, aber nicht untypisches Maximum.

Zwergsäger - MSiebner
Abb. 4: Schmuckes Zwergsäger-Männchen auf dem Göttinger Kiessee.
Foto: M. Siebner

Ein weibchenfarbener Mittelsäger vom Dienst (es wird höchste Zeit für ein prächtiges Männchen!) machte sich zuerst am 13. Januar am Seeburger See bemerkbar, zog dann wohl , weil dort nur ein kleiner eisfreier Bereich nahe der Auemündung existierte, nach dem 15. an den Freizeitsee um, wo er bis zum Ende des Berichtszeitraums gesehen wurde.

Bei einer gründlichen Zählung wurden am 31. Dezember auf der Leine im Göttinger Siedlungsbereich elf überwinternde Zwergtaucher gezählt, die, wie in den letzten Jahren, einen leicht unterdurchschnittlichen Bestand anzeigten.

Am Northeimer Freizeitsee ballten sich im Januar bis zu 140 Haubentaucher. Als auch dieses Gewässer bis auf das bereits erwähnte Loch zugefroren war, harrten immer noch bis zu 81 (25.1.) von ihnen dort aus. Später ging ihre Zahl auf 25 bis 30 Vögel zurück, die wahlweise als kaltblütig oder dickfellig zu bezeichnen auch für Vögel nur ein metaphorischer Behelf ist. Sie wurden zu guter Letzt vom Tauwetter zum Ende der zweiten Februardekade belohnt.
Von den beiden aus dem Vorbericht bekannten Schwarzhalstauchern an den Northeimer Kiesteichen hielt einer (auf den Freizeitsee umgezogen) bis zum 18. Januar durch.

An der Geschiebesperre Hollenstedt nahm am 19. Januar eine Rohrdommel ein Sonnenbad. Auch am 19. Februar zeigte sich dieser Vogel (oder ein Artgenosse) dort ganz offen, während ein anderer am Nordufer des Seeburger Sees entlang flog und im Schilf verschwand.
Der Rastbestand des Silberreihers erreichte in diesem Winter einen Tiefstand der letzten Jahre. Die bis zu 150 Vögel, die sich im Herbst am Seeburger See und im Seeanger zum Fischfang versammelt hatten, zogen nach dem weitgehenden Zufrieren dieser Gewässer schnell ab. An der Geschiebesperre Hollenstedt (Schlafplatz) hielten sich am 5. Dezember 86 Ind. auf. Im Hochwinter fielen dort maximal um die 40 bis 45 Vögel ein. In den Leinepoldern waren sie zumeist nur in einstelliger Zahl vertreten. Gebietsweise wurden mehr Graureiher als Silberreiher gezählt, das hat es lange nicht mehr gegeben. Am Göttinger Levin-Park begeisterten wiederum ein bis zwei „Stadt-Silberreiher“ mit geringer Fluchtdistanz die Laufkundschaft. Von der Auschnippe bei Adelebsen gibt es zwei Totfunde. Abgebissene Federn deuteten auf einen Raubsäuger, der die Vögel aber nicht unbedingt getötet haben muss. Als Grund für das ungewöhnlich magere Wintervorkommen kann Mäusemangel vermutet werden.

Silberreiher - MSiebner
Abb. 5: Silberreiher auf dem zugefrorenen Kiessee. Foto: M. Siebner

Das Weißstorch-Brutpaar aus Hollenstedt verbrachte den Winter nahe dem Brutplatz.

Von der Kornweihe liegen beachtliche 37 Winterbeobachtungen von 41 Ind. vor (wegen Mehrfachmeldungen vermutlich nur 17 Ind. betreffend), darunter fünf adulte Männchen. Länger präsent waren nur ein bis zwei Vögel im Leinepolder Salzderhelden, ein adultes Männchen in der Feldmark Eberhausen/Ellershausen (bis Anfang März) sowie, etwas aus dem Rahmen fallend, ein altes Weibchen am südlichen Göttinger Stadtrand, dem sich tageweise ein zweiter Vogel zugesellte.
Fliegende Haustüren, im Volksmund auch Seeadler genannt, werden allmählich (fast) zur Allerweltsart. Am 17. und 21. Dezember geriet am Seeburger See ein immaturer Vogel (wohl derselbe) in den Blick. Am 27. Dezember flog einer im 2. Kalenderjahr (eventuell ebenfalls der vom Seeburger See) über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden nach Norden. Am 15. Februar sorgte ein Altvogel in der Feldmark Rosdorf für Panik unter Graureihern und Gänsen. Ein immaturer Artgenosse tat es ihm am 18. Februar an der Geschiebesperre und einen Tag später am Freizeitsee nach.

Seeadler - BRiedel
Abb. 6: Seeadler auf dem Eis des Freizeitsees. Foto: B. Riedel

Der Raufußbussard war vergleichsweise gut vertreten: Am 3. Dezember zog einer über den Diemardener Berg, am 23. Dezember einer über den Seeburger See und am 15. Januar über Gö.-Nikolausberg. Mit Fotos gut belegt ist ein adultes Männchen vom 26. Januar, das seine entspannte Patrouille am Göttinger Stadtrand bis zum Flüthewehr und zum Wassergewinnungsgelände führte. Den Abschluss bildet ein zweijähriger Vogel vom 25. Februar im Seeanger.
Winterliche Merline gerieten am 16. Januar in der Feldmark Reinshof (ad. M.) und am 28. Januar in der Feldmark Geismar vor die Optik. An der Geschiebesperre Hollenstedt gab ein adultes Weibchen am 25. Februar ebenfalls nur ein kurzes Gastspiel.

Die Hauptmasse der Kraniche zog wohl am 19. und 20. Februar durch, allerdings wie üblich zumeist in der Dunkelheit und daher nicht zählbar. Es dürften aber mehrere Tausend gewesen sein. Ansonsten tröpfelte der Zug vor sich hin, vierstellige Gesamt-Tagessummen liegen nicht vor.

Im Dezember und Januar gerieten einzelne Kiebitze am Seeanger, an der Geschiebesperre und den Northeimer Kiesteichen auf die Tageslisten. Durchgängige Überwinterungen gab es wohl nicht. Das bisherige Heimzug-Maximum lag am 26. Februar bei 920 Ind. im Polder I.

Von der Waldschnepfe gibt es fünf Beobachtungen von sechs augenscheinlich kerngesunden Ind., alle aus Waldgebieten bzw. (zweimal) aus der Kiesgrube Ballertasche.
Das Maximum ausharrender Bekassinen lag an der Geschiebesperre Hollenstedt am 28. Januar bei vier Ind. In anderen Gebieten (Kiesgrube Reinshof, Feldmark Rosdorf, Göttinger Kiessee, Kiesgrube Ballertasche und Seeanger) gab es Beobachtungen von Einzelvögeln. Zwei Vögel genossen am 2. Dezember den effektiven Schutz der JVA Rosdorf, wo ein kleiner Teich existiert.
Von der Geschiebesperre Hollenstedt liegen neun Beobachtungen des Waldwasserläufers vor. Ob sie die durchgängige Überwinterung eines Einzelvogels betreffen muss offen bleiben.

Über den Reinhäuser Berg zogen am 16. Januar drei Silbermöwen (1 ad., 2 K2). Am 17. Januar rasteten zwei Ind. am Freizeitsee. Die häufigere Steppenmöwe gelangte zehnmal zur Beobachtung, darunter zwei an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden, die aus lokaler Sicht bemerkenswert sind. Eine adulte Heringsmöwe hielt sich vom 23. bis 25. Februar im Leinepolder auf.

Heringsmöwe -  PReus
Abb. 7: Heringsmöwe im Leinepolder. Foto: P. Reus

Ab dem 20. Februar labten sich bis in den März ca. 60 Hohltauben auf einem Sonnenblumenfeld am Wüsten Berg südlich von Göttingen. Anzahl und lange Verweildauer sind bemerkenswert.

Im Wäschetal bei Waake wurde am 13. Januar eine frischtote Schleiereule gefunden. Im Hochsolling gelangen im Februar Rufnachweise von je einem Raufuß- und Sperlingskauz.
Waldohreulen begannen recht früh mit der Balz. Am 10. Januar ließ sich bei Eberhausen ein Vogel vernehmen, am 19. Januar einer an der Geschiebesperre, am 22. Januar im Solling und am 15. Februar bei Mollenfelde. Am 18. Februar balzten zwei Vögel am Rand von Gö.-Nikolausberg (mit Flügelklatschen) sowie am 19. Februar auf dem Kerstlingeröder Feld und am 25. Februar in Lichtenhagen. Am 15. Dezember kreiste eine Sumpfohreule über den Häusern von Rosdorf und wurde dabei von Rabenkrähen gemobbt.
Der Göttinger Stadt-Waldkauz hat es sich möglicherweise im Alten Botanischen Garten gemütlich gemacht. Am 21. Februar ließ er sich am Bartholomäus-Friedhof blicken. Wahrnehmungen einer Eule im selben Bereich fünf Tage später könnten sich auf ihn bezogen haben. Dass er offenkundig nicht mehr heult, muss kein schlechtes Zeichen sein…

156 Beobachtungen von Eisvögeln in vielen Gebieten könnten darauf hindeuten, dass sich die Winterverluste, trotz wochenlanger Vereisung aller Stillgewässer, in Grenzen gehalten haben. Bewohner/innen der Göttinger Innenstadt war ein wenig scheuer Vogel ans Herz gewachsen, der am Leinekanal in Höhe Waageplatz ein Winterrevier besetzt hielt und ein offenbar reiches Nahrungsangebot souverän zu nutzen wusste.

Eisvogel - SHörandl
Abb. 8: Eisvogel im Göttinger Süden. Foto: S. Hörandl

Vom Raubwürger wurden nur zwei bis drei feste Winterreviere bekannt: wie immer auf dem Kerstlingeröder Feld und, recht bemerkenswert, an den ehemaligen Tongruben Siekgraben am westlichen Göttinger Stadtrand. Auf der wenig begangenen Hochfläche bei Gö.-Deppoldshausen konnte ein Ind. zweimal registriert werden. Aus dem Leinepolder (sonst alljährlich besetzt) liegt nur eine Beobachtung vom 18. Januar vor. Offenbar hat die Mäusearmut nicht nur den überwinternden Silberreihern zu schaffen gemacht. Darüber hinaus gibt es Einzelnachweise in der Feldmark Eberhausen, bei Reyershausen, im Bratental bei Gö.-Nikolausberg, bei Atzenhausen sowie östlich von Diemarden und von Duderstadt.

Von der Saatkrähe sind bis zu ca. 70 Ind. erwähnenswert, die bei Thüdinghausen überwinterten. Ansonsten lagen die Zahlen im einstelligen Bereich.
Ca. 60 Kolkraben, die sich am 8. Januar westlich von Meensen an einem Kadaver versammelt hatten und gegen Abend nach Westen abflogen sind insofern von Bedeutung, weil so große Trupps aus dem Südkreis bislang nicht bekannt geworden sind.

Sehr bemerkenswert war ab Mitte Januar das hochwinterliche Auftreten von Feldlerchen in den Feldmarken Reinhof und Gö.-Geismar mit maximal 250 Ind. am 24. des Monats. Im Januar des vorangegangenen sehr milden Winters fehlten sie komplett (was aber eher die Regel ist). Offenbar ermutigte ein gutes Nahrungsangebot (u.a. auf den Versuchsflächen des Klosterguts Reinshof) in Kombination mit wenig Schnee die Vögel zum Verweilen. Ob es sich um Winterflüchter aus dem Nordosten oder (eher unwahrscheinlich) frühe Zuzügler aus dem Südwesten handelte muss offen bleiben.

Feldlerche - Siebner
Abb. 9: Feldlerche im Göttinger Süden. Foto: M. Siebner

Nach fünf Dezemberbeobachtungen gab es im Januar nur eine Wahrnehmung des Zilpzalps (am 4. nahe der Geschiebesperre). Der Stimmfühlungsruf des Vogels wurde nur gehört, es liegt aber eine Tonaufnahme vor, die auf diese Art deutet. Aus dem Februar existieren keine Beobachtungen. Im Januar/Februar 2016 gelangten immerhin sechs zur Beobachtung.

Vom Sommergoldhähnchen (im Winter 2015/16 nur eine Beobachtung Anfang Februar!) liegen beachtliche sechs Januar-Beobachtungen vor. Am Northeimer Freizeitsee kam es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer erfolgreichen Überwinterung. Am Göttinger Levin-Park und in der angrenzenden Kleingartenkolonie „Edelweiß“ trat im Januar und Februar ein kleiner Trupp von drei Vögeln in Erscheinung, der ebenfalls eine durchgehende Überwinterung angezeigt haben könnte.

Endlich: Am 27. Januar tauchte am Northeimer Freizeitsee der erste Seidenschwanz auf. Ihm folgten vom 5. bis 7. Februar drei Artgenossen auf dem Kerstlingeröder Feld. Ein Trupp von neun Ind. fraß sich vom 8. bis 10. Februar durch die Kleingartenanlage „Am Kiessee“. Zum Monatsende ließ sich ein größerer Schwarm von mindestens 40 Vögeln auf Mistel-Pappeln am Kiessee nieder und sorgte für einen mittleren Auflauf von Vogelbeobachtern und Fotografen.

Am 26. Januar wurden im Neuen Botanischen Garten zwei Singdrosseln bestimmt. Ansonsten: Fehlanzeige bei Hochwinterbeobachtungen, wie üblich.
Am 8. und 12. Januar hielt sich ein, aus regionaler Sicht, jahreszeitlich ungewöhnliches Schwarzkehlchen in der Feldmark Gö.-Geismar auf.
43 Beobachtungen des Hausrotschwanzes sind recht bemerkenswert, bezogen sich aber zu einem Gutteil auf drei bis vier mittlerweile traditionelle Winterreviere an der Norduni, im Göttinger Industriegebiet (mit einem von unten erwärmten Flachdach als Wellness-Oase) und auf dem JVA-Gelände in Rosdorf. Wie im letzten Winter kam ihnen die Schneearmut zupass.

Hausrotschwanz - MSiebner
Abb. 10: Hausrotschwanz auf immergrünem Flachdach. Foto: M. Siebner

Von der Heckenbraunelle liegen beachtliche 40 Januar-Beobachtungen vor, darunter etliche an Futterstellen. Eine durchgehende Überwinterung von ein bis zwei Vögeln konnte wiederum am Northeimer Freizeitsee belegt werden, desgleichen von einem Einzelvogel in Gö.-Geismar.

Auch Wiesenpieper traten deutlich zahlreicher auf als im milden Winter 2015/16. Davon zeugten unter anderem 25 Ind. am 9. Januar in der Feldmark Rosdorf sowie die gleiche Anzahl am 21. Januar im Seeanger. Natürlich sind Vergleiche von Beständen überwinternder Kurzstreckenzieher auf regionaler Basis wenig aussagekräftig. Gleichwohl können sie Hinweise darauf liefern, wie differenziert und komplex das Zuggeschehen abläuft und welche Faktoren es bestimmen (wobei die Temperaturen vor Ort nur ein Faktor von vielen sind).
Vom Bergpieper liegen klägliche sechs Beobachtungen vor. Das Maximum am Hotspot Geschiebesperre betrug ganze drei Vögel…
Der Göttinger Winterbestand der Gebirgsstelze kann, wie in den Vorwintern, auf fünf bis sechs Vögel beziffert werden. An der Geschiebesperre erfolgte die übliche Überwinterung eines Vogels.

Gebirgsstelze - MSiebner
Abb. 11: Gebirgsstelze an der Leine in Göttingen. Foto: M. Siebner

Im kalten Januar wurden in verschiedenen Gebieten insgesamt etwas mehr als 30 Bachstelzen beobachtet (im milderen Januar 2016 24 Ind.), zumeist Einzelvögel.

Bergfinken traten in der Leineniederung nur in geringer Zahl auf. Ganz anders sah es in den Hochlagen des Sollings aus: Hier haben vermutlich Tausende überwintert. Leider konnte der Schlafplatz, den sie, schwer zu zählen, in der Dämmerung ansteuerten, nicht gefunden werden.
Vom nordischen „Trompetergimpel“ liegen seit dem 26. Oktober 2016 37 Beobachtungen (zumeist Einzelvögel) vor, erheblich weniger als im letzten Winter (80 Beobachtungen von mehr als 100 Ind.).
Aus regionaler Sicht sehr bemerkenswert, aber für kalte Winter nicht untypisch, waren ab Anfang Februar bis zu 15 Girlitze auf Ruderalflächen an der Norduni in Gö.-Weende.

Es ist allein der Systematik dieses Berichts geschuldet, dass ein Glanzlicht erst an dieser Stelle seine Strahlkraft entfalten kann: Am 24. und 25. Januar hielten sich in der Feldmark Reinshof drei Grauammern auf. Ihnen folgte am 27. ein Ind. am Freizeitsee. Seit dem Verschwinden als Brutvogel nach 1995 - das im Atlas deutscher Brutvogelarten aufgeführte Vorkommen im Leinepolder 2005 beruht auf der Wertung singender Männchen, die später wieder verschwunden waren, als „wahrscheinliche Brüter“ - traten Grauammern nur noch sehr vereinzelt auf dem Heim- und Wegzug auf. Die letzte Winterbeobachtung liegt mehr als 30 Jahre zurück.

Grauammer - MGeorg
Abb. 12: Grauammer in der Feldmark Reinshof. Foto: M. Georg

Dreistellige Maximalzahlen der Goldammer, die immer mehr aus der chemisierten Normallandschaft zu verschwinden scheint, gab es am Freizeitsee (120 Ind. am 10.1.), in der Feldmark Immensen (100 Ind. am 25.1.) und an der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende (150 Ind. am 26.1.).
Der regionale Januarbestand der Rohrammer bestand aus drei Vögeln an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, die den ganzen Monat über der Kälte trotzten.

Damit endet der Bericht, der nahezu ausschließlich auf Daten in ornitho.de beruht.

Hans H. Dörrie

Der Verfasser dankt folgenden Melderinnen und Meldern:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, S. Beisler, S. Böhner, L. Bolte, J. Bondick,
M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, S. Bust, J. Bryant, A. Delius, K. Dornieden, M. Drüner, M. Fichtler, T. Frischgesell, K. Gehring, M. Georg, K. Gimpel, M. Göpfert, A. Görlich, S. Grassmann, D. Gruber, C. Grüneberg, W. Haase, O. Henning,
D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, M. Hölker, S. Hörandl,
S. Jaehne, M. Jenssen, A. Juch, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, M. Kiepert, J. Kirchner, F. Kleemann,
M. Kuschereitz, V. Lipka, G. MacKay, D. Mederer, T. Meineke, H. Meyer, S. Minta,
M. Mooij, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schopnie, L. Sebesse, T. Seeler, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, R. Spellauge, I. Spittler,
K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, A. Torkler, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley,
K. Wagner, C. Weinrich, J. Weiss, D. Wucherpfennig und vielen anderen.

Krickente - MSiebner
Abb. 13: Überwinterndes Krickentenmännchen am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

March 11th, 2017

Das Ascherberg-Wäldchen –
von der Motorsäge wach geküsst

Ascherberg - SBöhner
Abb. 1: Ohne Worte. Foto: S. Böhner

Urwaldähnliche Vegetation aus einem vielfältigen, durch einen enorm hohen Alt- und Totholzanteil gekennzeichneten Baumbestand, dichte Gebüsche und Efeudschungel, Heimat von bis zu 35 Brutvogelarten (darunter auch von in Göttingen seltenen wie der Waldohreule) mit knapp 100 Paaren auf ganzen dreieinhalb Hektar: Der Ascherberg, genauer seine östliche Hälfte nahe dem Kiessee, war ein wilder, verwunschener Ort, an dem sich die Natur in den letzten 50 Jahren ungestört entwickeln konnte. Ein paar Trampelpfade, die äußerst selten genutzt werden, durchziehen das aus einem Park entstandene Wäldchen. Von der herrschaftlichen Villa des früheren Besitzers stehen nur noch ein paar Fundamente und ein eisernes Tor. Kaum ein Spaziergänger in Göttingens meistbesuchtem Naherholungsgebiet verirrt sich dorthin. Auf den beiden am Rand aufgestellten Bänken hat man noch nie jemanden sitzen gesehen. Jetzt aber haben Mitarbeiter des städtischen Bauhofs in diese Idylle Schneisen der Verwüstung geschlagen. Wie konnte es dazu kommen?

Im November 2015 erhielt der Schreiber dieser Zeilen eine Anfrage des städtischen Forstamtsleiters zur Vogelwelt des Ascherbergs. Mit einer auf zahlreiche Daten aus den letzten 20 Jahren gestützten Expertise konnte er über die bemerkenswert hohe Arten- und Individuendichte in Kenntnis gesetzt werden, verbunden mit der Empfehlung, das Gebiet in Ruhe zu lassen und es gegebenenfalls offiziell als Naturwaldzelle auszuweisen. Schon damals drängte sich die Frage auf, warum der Ascherberg auf einmal ins Visier des Forstamts geraten war.

Im März 2016 konnte ein vorbeiradelnder Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde Fällarbeiten in der Nordostecke gerade noch rechtzeitig stoppen. Außer ein paar jüngeren Bäumen war zum Glück nichts zu Bruch gegangen. Es ist wohl nur diesem Zufall zu verdanken, dass der Ascherberg damals nicht in eine aufgeräumte Parkanlage verwandelt wurde. Der skandalöse Vorfall ging mit bissigen Kommentaren durch die Presse, wobei der (angeblich) uninformierte Forstamtsleiter keine gute Figur machte. Interessanterweise fiel die unangekündigte Hauruckaktion in die heiße Vorbereitungsphase des Landesturnfests, was Rückschlüsse auf ihre eifrigsten, im Hintergrund agierenden Unterstützer zulassen könnte…

Im Frühjahr 2016 bestätigte eine Brutvogelkartierung des Planungsbüros Corax (vom Fachdienst Umwelt der Stadt beauftragt) die außerordentlich hohe Arten- und Individuenzahl der ansässigen Vogelwelt. Jetzt hätte man eigentlich davon ausgehen können, dass weitere Eingriffe nicht zu befürchten waren. Es kam aber ganz anders. Innerhalb der Verwaltung wurde ein Kompromiss geschlossen, den als faul zu bezeichnen ein Euphemismus wäre: Unterhalb des Randwegs mit den zwei Bänken wird, bis auf ein paar jüngere Bäume, die Vegetation beseitigt. Der Trampelpfad im Norden (neben dem alten Obstgarten) wird zu einer attraktiven Piste mit „Pflege des randlichen Unterholzes“ ertüchtigt. Am Rosdorfer Weg werden auf einer Breite von 30 Metern ins Gebiet alle potentiellen Gefahrenbäume beseitigt. Der Rest wird künftig als Wirtschaftswald genutzt. Als ökologisches Bonbon wird die Verrammelung des zentralen Trampelpfads mit Baumstämmen verkauft – das fühlt sich gut an, ist aber in Wahrheit reine Dekoration. Wozu mit großem Aufwand einen Weg verbauen, der wegen fehlender Nutzung kaum noch erkennbar ist? Von dem Kompromiss profitieren im Wesentlichen zwei Akteure: die Wassersportler mit ihren jährlichen Zeltlagern, die jetzt mehr Platz haben, und das Forstamt, das den Gehölzbestand fortan nutzen kann, natürlich „schonend“, wie es sich für ein von der Stiftung Naturland und dem Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziertes Unternehmen gehört. Tatsache ist jedoch: Der einzigartige Charakter des Ascherbergs als faktische Naturwaldzelle ist dahin.

Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes ist die ganze Aktion überflüssig und von horrender Sinnlosigkeit. Nichts hätte dagegen gesprochen, das Gebiet weiterhin in seinem urwüchsigen Zustand zu belassen. In den letzten 50 Jahren hat sich niemand daran gestört. Von Protesten ordnungsliebender Normalbürger mit Aversionen gegen Wildwuchs aller Art ist nichts bekannt.
Aber es geht ja nicht nur um den Ascherberg. Wie rabiat und kaum behelligt Nutzer- und Interessengruppen, die Natur nur noch als Investitionshindernis wahrnehmen, mittlerweile in unserer Stadt agieren können, lässt sich am Leine-Grüngürtel zwischen der Otto-Frey-Brücke und der Godehardstraße dokumentieren: Hier wurden praktisch alle Büsche beseitigt und zahlreiche Bäume gefällt. Ein Biergarten, eine geplante Zufahrt für den Lieferverkehr zur Lokhalle und eventuell ein weiterer Hotelneubau werden dem früher hoch geschätzten Grüngürtel den Rest geben. Der Kontrast zur aufwendig „renaturierten“ Leine könnte nicht stärker ausfallen. Wie sagte vor ein paar Tagen ein jovialer Mitarbeiter des Bauhofs: „In keiner deutschen Stadt wird so viel für die Natur getan wie in Göttingen“. Na dann: Prost Mahlzeit!

Hans H. Dörrie

Ascherberg2 - SBöhner
Abb. 2: Immer noch ohne Worte. Foto: S. Böhner

February 15th, 2017

Späte Brutzeit und Wegzug 2016 in Süd-Niedersachsen: mal warm, mal kalt - Wetter halt

Rauchschwalbe - Siebner
Abb. 1: Flügge Rauchschwalben am Göttinger Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Das Wetter wies im Berichtszeitraum Juli - November einige Besonderheiten auf. Am 28. August fegte ein Sturm über den Göttinger Süden und sorgte am Kiessee für zahlreiche umgestürzte Bäume, vor allem alte Weiden. Der sehr warme September (fünf Grad wärmer als im Durchschnitt) glich mehr einem Sommermonat. Der Oktober war dagegen alles andere als golden und eher kühl. Der ungewöhnlich frühe Wintereinbruch in der ersten Novemberhälfte mit gebietsweise starken Schneefällen im Norden der Republik machte sich bei uns nur in abgeschwächter Form mit ein paar Frostnächten bemerkbar, in denen einige Kleingewässer, darunter auch Teile des Seeangers, schnell zufroren. Gleichwohl erreichten uns in diesem Zeitraum gefiederte Gäste auf der Winterflucht. Nach einer kurzen Phase der Milderung waren Ende des Monats einige Stillgewässer erneut mit Eis bedeckt.

Im Leinepolder Salzderhelden traf der treue lettische Singschwan mit der Farbmarkierung 2E 94 am 25. November zu seiner fünften Überwinterung in Folge ein, mit Partner, aber leider ohne Nachwuchs.
In der ersten Oktoberdekade rasteten bis zu neun Weißwangengänse im Seeanger, ansonsten gibt es nur einen Vaganten zu vermelden, der sich unter anderem an der Geschiebesperre Hollenstedt und der Kiesgrube Reinshof bemerkbar machte.
Im Umfeld der Geschiebesperre Hollenstedt erhöhte sich die Zahl erfolgreicher Nilgansbruten auf drei, wie im Vorjahr kam eine am nahen Böllestau hinzu. Am Göttinger Kiessee konnte sich ein zweites Paar fortpflanzen, mit einem selbständig gewordenen Sprössling. Damit liegen, wenn es in den kommenden Wochen keine Winterbruten gibt, Hinweise auf zehn erfolgreiche Bruten vor, deutlich weniger als im Vorjahr (18 Bruten). Einige aus den Vorjahren bekannte Brutplätze wurden 2016 nicht kontrolliert, so dass die wirkliche Zahl etwas höher liegen könnte. Dies ändert aber nichts daran, dass eine stürmische Expansion dieser von Unkundigen dämonisierten Art wohl anders aussieht.

Nilgans - AStumpner
Abb. 2: Nilgänse bei der Restmüllverwertung am Göttinger Kiessee.
Foto: A. Stumpner

Am 5. Juli bevölkerten 25 Brandgänse kurzzeitig den Seeanger. Anderswo traten sie nur in niedriger einstelliger Zahl in Erscheinung.
Im Herbst bemühten sich am Obertorteich in Duderstadt bis zu zwei männliche Mandarinenten um ein Weibchen. Ein Junggeselle zierte am 29. Oktober die Geschiebesperre Hollenstedt und am 8. November den Großen Northeimer Freizeitsee.
Mit der Beobachtung eines Weibchens, das drei schon recht große Jungvögel führte, gelang am 11. Juli im Leinepolder Salzderhelden endlich mal wieder ein Brutnachweis der Schnatterente. Mindestens 130 Vögel (wohl auf der Eisflucht aus dem Nordosten, wo es im Herbst große Rastbestände an Flachwassern gibt) bedeckten am 11. November den Großen Northeimer Freizeitsee - ein Lokalrekord für dieses Gewässer.
Ab November war der traditionelle Überwinterungsplatz der Pfeifente an der Rhume in Northeim mit mehr als 120 Vögeln wieder gut besetzt. Ein Rastplatz der ganz besonderen Art wurde in diesem Herbst von bis zu fünf Vögeln besucht: das nur ca. einen halben Hektar große, von Rasenflächen umgebene Rückhaltebecken auf dem Gelände der JVA Rosdorf. Hier sind die Vögel bei ihren Weidegängen vor Störungen sicher, nur ab und an schaut ein Wachmann mit (angeleintem) Hund vorbei…

pfeifenten - BRiedel
Abb. 3a: Wie in jedem Jahr: Pfeifenten an der Rhume in Northeim. Foto: B. Riedel

Pfeifente -MSiebner
Abb. 3b: Männliche Pfeifente auf der Leine in Göttingen. Foto: M. Siebner

Fünf Kolbenenten (4 Männchen, 1 Weibchen) legten am 31. Oktober an den Northeimer Kiesteichen eine offenbar nur kurze Rast ein.
Für die Reiherente war 2016 ein ausgesprochen mageres Brutjahr. Von der Rhume in Northeim liegen Hinweise auf zwei Bruten mit Schlupferfolg vor, am Böllestau konnte ein Weibchen bemerkenswerte sieben Kleine in die Selbständigkeit führen. In Stadt und Landkreis Göttingen geriet nur ein nichtflügger Jungvogel ins Blickfeld, am 3. September an der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden.
Am 27. November zeigte ein männlicher Hybrid Tafel- x Reiherente am Northeimer Freizeitsee einige Merkmale der nordamerikanischen Kleinen Bergente, mit der solche Kreuzungen manchmal verwechselt werden. Struktur, Größe und vor allem der große dunkle Nagelfleck schlossen einen Ausnahmegast aber sicher aus.
Im November hielten sich am Seeburger See über Wochen bis zu drei junge Bergenten auf.
Am 11. und 13. November schwamm auf dem Northeimer Freizeitsee bzw. auf einem der nahen Kiesteiche eine junge Eiderente (erster Regionalnachweis seit 2010). Ein Artgenosse, der am 18. November den Seeburger See bereicherte, könnte derselbe Vogel gewesen sein.
Die vordem letzte Beobachtung einer Eisente liegt nur zwei Jahre zurück („der unheimliche Dauertaucher vom Seeburger See“). Gleichwohl kann ein junger Nachfolger, der sich seit dem 11. November an den Northeimer Kiesteichen aufhält, immer noch als große Besonderheit verbucht werden.

Eisente - BRiedel
Abb. 4: Eisente an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Vom 29. Oktober bis 4. November besuchten bis zu vier junge Trauerenten (30.10.) den Seeburger See, zwei weitere folgten ihnen ab dem 25. November ebenda. Den Schlusspunkt setzten drei Vögel am 27. des Monats. Das ist, immerhin, ein kleiner Abglanz des bemerkenswerten Einflugs ins deutsche Binnenland.
Seit dem 23. November komplettieren drei weibchenfarbene Samtenten an den Northeimer Kiesteichen die Palette von Meeresenten. Ihnen folgten vom 26. bis 27. des Monats am Seeburger See bemerkenswerte acht Artgenossen.

Aus dem Zeitraum Mai - Juli liegen Wahrnehmungen von 17 rufenden Wachteln vor, darunter ein am 12. Juni nachts über das Göttinger Ostviertel ziehender Vogel. Das Maximum lag bei drei Rufern am 20. Mai im Leinepolder Salzderhelden.
Offenkundig kommt es wieder zu vermehrten Aussetzungen von Fasanen durch unbelehrbare Waidwerker. Dass sie sich nicht auf das Eichsfeld beschränken zeigte ein Vogel vom 12. November in der Feldmark Reyershausen. Der nächste schneereiche Kältewinter wird diesen bedauernswerten Kreaturen den Garaus machen – sofern sie vorher nicht geschossen werden.
Der aktuelle niedersächsische Landesjagdbericht 2014/15 weist für den Landkreis Göttingen eine „Jagdstrecke“ von 19 Rebhühnern aus. Dabei ist unklar, ob sie „erlegt“ wurden oder ob es sich um so genanntes „Fallwild“ gehandelt hat. In diese Rubrik fallen in der Regel Rebhühner, deren Todesursachen im Dunkeln bleiben (sollen). Sind sie durch Zusammenstöße mit dem SUV des Jagdpächters zu Tode gekommen oder wurden sie aus Versehen von einem Deutsch Kurzhaar apportiert? Man weiß es nicht… Die Jägerschaft hat sich in einer freiwilligen Übereinkunft verpflichtet, die neuerdings in der Roten Liste als „stark gefährdet“ aufgeführten Vögel nicht mehr zu schießen. Die Verfasser des Landesjagdberichts beklagen selber, dass 295 tote Rebhühner in Niedersachsen, von denen beachtliche 237 als „Fallwild“ deklariert wurden, dem (ohnehin ramponierten) Image der „grünen Abiturienten“ nicht gerade förderlich sind.

Rebhuhn - VLipka
Abb. 5: Rebhuhn. Foto: V. Lipka

Vom Zwergtaucher gibt es Hinweise auf erfolgreiche Bruten von den Klärteichen bei Lauenberg (Sollingvorland), vom Böllestau, von den Husumer Teichen bei Hammenstedt und aus der Kiesgrube Ballertasche (zwei Paare mit jeweils zwei Bruten). Im Landkreis Northeim existieren zahlreiche Kleingewässer als potentielle Bruthabitate der kleinen Trillerkünstler, die aber von Vogelkundlern so gut wie nie aufgesucht werden. Eine gezielte Suche könnte durchaus positive Ergebnisse hervorbringen.
Am Seeburger See kam es zu mindestens 15 Bruten von Haubentauchern, von denen um die zehn von Schlupferfolg gekrönt waren. Wie mittlerweile üblich wurden die Nester auf den Blättern von Seerosen angelegt, um der Prädation durch terrestrische Beutegreifer zu entgehen. Die Nahrungssuche dürfte durch eine massive Algenblüte beeinträchtigt gewesen sein, die ab dem Hochsommer das Wasser in eine tiefgrüne Brühe verwandelte. Die Algenblüte hatte auch zur Folge, dass sich die Seerosenblätter schneller als üblich zersetzten. Die allermeisten Bruten konnten aber vorher erfolgreich abgeschlossen werden.
An den Thiershäuser Teichen konnten sich drei Paare mit insgesamt acht Kleinen erfolgreich reproduzieren. Hier scheint es mit der Art bergauf zu gehen. An den Northeimer Kiesteichen und an den „Wunderteichen“ südlich des Freizeitsees fanden insgesamt drei erfolgreiche Bruten statt. Am „Kormoranteich“ wurde ein brütender Altvogel vermutlich von einem Habicht erbeutet. An der Geschiebesperre Hollenstedt war wie im Vorjahr ein Paar präsent, konnte sich aber nicht fortpflanzen.
An der Kiesgrube Reinshof scheint sich die Art dauerhaft zu etablieren: Aus einer Brut wurden zwei Junge selbständig.

Haubentaucher - Siebner
Abb. 6: Flügger Haubentaucher Anfang Juni am Kiessee. Foto: M. Siebner

Am Göttinger Kiessee schritt in diesem Jahr nur ein Paar zur Brut. Zwei von drei Kleinen wurden selbständig und waren schnell verschwunden. Das ist der niedrigste Wert seit Jahren. Weitere Paare mit Brutambitionen waren nicht präsent, dagegen, sehr merkwürdig, bereits am 8. Juni für kurze Zeit zwei flügge Jungvögel, die nicht vor Ort erbrütet worden waren. Woher sie stammten, ist völlig unklar, mit Sicherheit nicht aus der näheren Umgebung. Die brütenden Vögel verhielten sich ungewohnt scheu und suchten immer den Schutz der Ufervegetation. Das gelang ihnen so gut, dass die Brut erst nach dem Schlupf der Jungen am 22. Juli entdeckt wurde. Über die Gründe des Bestandseinbruchs kann man nur mutmaßen. Gibt es, wie von Anglern vor Ort behauptet, eine signifikante Veränderung der Fischfauna zu Lasten mittelgroßer Fische, die sich angeblich in einem starken Rückgang von Weißfischen manifestiert? Dem schien der ungewöhnlich hohe Rastbestand im Winter 2015 von bis zu 16 Vögeln zunächst zu widersprechen. Die Wegzug-Rastzahlen bis zum frühen Zufrieren des Gewässers Ende November könnten jedoch durchaus auf eine (durch Besatzmaßnahmen geförderte?) Änderung im Nahrungsangebot deuten. Haubentaucher und Gänsesäger waren in der Regel mit weit unter zehn Vögeln unterdurchschnittlich präsent, Kormorane dagegen in guter Zahl mit regelmäßig um die 80 bis 100 Vögel. Allerdings ist bei den Kormoranen ihr weiter Aktionsradius zu berücksichtigen; hinzu tritt, dass der Kiessee für sie ein sicheres Refugium darstellt, wo sie vor Abschüssen geschützt sind und sich entsprechend konzentrieren. Gegen eine signifikante Zunahme von Prädationsereignissen spricht der gute Bruterfolg aller anderen Wasservögel. Möglicherweise hat auch der natürliche Wegfall erfahrener Paare, die den aktiven Grundstock einer Lokalpopulation bilden, eine Rolle gespielt.
Schwarzhalstaucher lieferten Ende August am Seeburger See mit fünf Vertretern ein eher mageres Maximum. Recht optimistisch scheinen zwei ortsfeste Vögel ab dem 25. November an den Northeimer Kiesteichen zu sein.
Am Seeburger See rastete am 22. November ein Prachttaucher offenbar nur für kurze Zeit - bis die Anglerboote kamen.

Am 29. Oktober machte sich am Seeburger See eine Rohrdommel bemerkbar. Am 7. August konnte in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden eine diesjährige Zwergdommel, wohl auf dem frühen Wegzug, ausgemacht (und fotografiert) werden. Der Lebensraum ist für diese Art alles andere als suboptimal…
Am 21. Juli präsentiert an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Silberreiher seine farbberingten Beine (links: oben rot, unten gelb; rechts: oben blau, unten rot). Wer nun gedacht hätte, dass dieser Vogel aus Ungarn stammt (wo Silberreiher beringt werden) oder gar aus der von Reihern wimmelnden Todeszone um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine, sah sich getäuscht: Er wurde am 2. Mai 2012 als Nestling am 1300 km entfernten Lac de Grand-Lieu nahe der französischen Atlantikküste markiert. Interessanterweise entstammten die beiden anderen Vögel, deren Herkunft in der Region durch Farbringablesung ermittelt werden konnte (Anfang Mai 2005 am Seeanger), ebenfalls dieser damals nur aus 15 bis 20 Paaren bestehenden Brutpopulation.
Im Spätherbst kam es um Seeburg zu einem, für den Landkreis Göttingen beispiellosen, Auftrieb der weißen Riesen. Bis zu (mindestens) 150 Vögel bevölkerten die Auemündung, den Röhrichtgürtel des Sees sowie Seeanger und Lutteranger. Dagegen fielen die Zahlen in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck, die sich im niedrigen zweistelligen Bereich bewegten, stark ab. Einschränkend ist jedoch anzumerken, dass aussagekräftige Schlafplatzzahlen von dort nicht vorliegen. Das massierte Auftreten im Göttinger Ostkreis dürfte mit dem Nahrungsangebot zusammen hängen. Möglicherweise hat das schlechte Mäusejahr die Vögel gezwungen, sich wieder vermehrt dem Fischfang zu widmen

Silberreiher - Siebner
Abb. 7: Silberreiher an der Auemündung. Foto: M. Siebner

Der Brutbestand der Göttinger Graureiher belief sich in diesem Jahr auf ca. 17 erfolgreiche Paare und näherte sich damit wieder den Zahlen vor dem sehr schlechten Jahr 2015 an. Am Levin-Park brüteten zehn Paare auf Schwarzerlen und Weiden am Ufer und (nur) eins auf der alten Inselweide. Auf der Insel im Kiessee waren zwei von drei Paaren mit zwei bzw. drei ausgeflogenen Jungvögeln erfolgreich. In der Gehölzreihe in der Nordostecke gab es vier beflogene Nester, in alten Hybridpappeln mit Misteln als Nestunterlage. Über den Nachwuchs aus diesen Bruten liegen keine genauen Angaben vor, weil die Nester in den hohen Bäumen kaum einsehbar waren. Ende August wurden noch Junge gefüttert, das ist für Graureiher recht spät.
Am 14. Juli versuchte sich ein Purpurreiher im Seeanger an der Mäusejagd, musste die Beute aber an einen dominanten Graureiher abtreten.

54 Fischadler wurden gemeldet, darunter etliche mehrtägig am Seeburger See und Seeanger rastende Vögel. Interessanterweise konnten sie in der Algensoße den einen oder anderen Fisch erbeuten.
Wespenbussarde erreichten am 21. September mit 23 (in acht Trupps bzw. einzeln) über Gö.-Nikolausberg ziehenden Vögeln ihr Tagesmaximum.
Bis dato liegen ganze sechs Beobachtungen von sieben Kornweihen vor, darunter ein recht früher Altvogel vom 20. August in der Feldmark Ellensen (Northeim). Alte Männchen der Wiesenweihe gerieten am 31. August in der Feldmark Groß Schneen und am 18. September über Gö.-Nikolausberg ins Blickfeld.
Am 13. November zogen eindrucksvolle 72 Rotmilane in mehreren Trupps über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden. Die Flügelmarken eines am 22. November in der Feldmark zwischen Weißenborn und Beienrode länger tot gefundenen Vogels zeigten, dass er am 16. Juni 2015 am Ettersberg bei Weimar nestjung beringt worden war. Die Todesursache muss offen bleiben. Das nächste Windrad ist mit 1,5 km recht weit entfernt.
Ein immaturer Seeadler, der am 21. September über die Geschiebesperre nach Osten flog, verursachte Panik in der Wasservogelwelt.
Am 15. November sorgten in der Feldmark Hollenstedt und über Diemarden einzeln ziehende Raufußbussarde für gebührende Aufmerksamkeit. Bei diesen Vögeln könnte es sich um reguläre Durchzügler oder (aus regionaler Sicht frühe) Schneeflüchtlinge aus dem Nordosten gehandelt haben.
Ziehende Merline wurden am 5. und 24. September exklusiv an der Geschiebesperre notiert.
Ein junger Rotfußfalke ließ sich am 31. August am Diemardener Berg fotografisch belegen.

Rotfussfalke - OHenning
Abb. 8: Junger Rotfußfalke am Diemardener Berg. Foto: O. Henning

Der Wegzug der Kraniche setzte am 18. September (elf Vögel über Seeburg) recht früh ein, verlief danach aber erneut unspektakulär - kein Wunder, denn unsere Region liegt mittlerweile im toten Winkel zwischen den beiden Korridoren zur Diepholzer Moorniederung und zum Helmestau bei Kelbra. Die höchste Tagessumme wurde am 4. Oktober mit 1700 ziehenden Vögeln erreicht, ansonsten bewegten sich die Zahlen in der Regel im dreistelligen Bereich. Soll man jetzt auf Wetteranomalien hoffen, damit wir endlich wieder einen Massenzugtag erleben? Im Interesse der Vögel besser nicht…
Am 4. September machte sich an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Tüpfelsumpfhuhn bemerkbar.

Am 17. September zogen fünf Kiebitzregenpfeifer über den Seeanger, Einzelvögel wenig später am 18. über die Geschiebesperre und am 21. über Gö.-Nikolausberg. Der einzige Goldregenpfeifer der Saison suchte am 10. November über Rosdorf das Weite.
Die Wegzug-Rastzahlen der von der „Energiewende“ (Mais statt Moor) besonders gebeutelten Kiebitze bewegten sich wieder einmal auf einem erbärmlich niedrigen Niveau. Im September wurden in der Feldmark Wollbrandshausen an drei Tagen bis zu 150 Vögel gezählt, an allen anderen waren es deutlich weniger. Das Maximum lieferten ca. 400 Vögel auf der Winterflucht, die am 11. November über dem Seeburger See umherflogen.
Am Northeimer Freizeitsee und an der Geschiebesperre kam es zu Spätbruten von insgesamt drei Paaren des Flussregenpfeifers. Am Freizeitsee gab es wohl Schlupferfolg. Ob die Kleinen selbständig werden konnten, ist in diesem vom Besucherandrang stark gebeutelten Gebiet sehr fraglich. Die Brut in der Sandgrube Meensen wurde aufgegeben.
Versnobte Mornellregenpfeifer, die es wiederum nicht für nötig befanden, einen Fuß auf unsere Region zu setzen, gerieten am 21. August zu dritt über dem Diemardener ins Blickfeld und (mindestens) einzeln am 24. August über Gö.-Nikolausberg sowie eine Nacht später über Hann. Münden in die Ohren.
Vom 19. bis 27. August rasteten bis zu drei Regenbrachvögel im Seeanger.
Am 7. August gelang im Hochsolling eine Beobachtung, die manchen sicher vor Neid erblassen lässt: Eine vierbeinige Waldschnepfe (d.h. mit einem Küken zwischen den Beinen) flog auf und ließ drei weitere Jungvögel zurück, die wenig später flott der Mutter folgten.

Waldschnepfe - SPaul
Abb. 9: Kleine Waldschnepfe im Solling. Foto: S. Paul

Im Kaufunger Wald bei Lutterberg bestand wieder Brutverdacht. Am 31. Oktober lag in Gö.-Geismar ein Vogel tot auf dem Rasen, vermutlich nach einem Scheibenanflug.
Am 28. August kreiselte ein junges Odinshühnchen auf dem Seeburger See.
Unter den traditionell (zumindest auf dem Wegzug) spärlich auftretenden Limikolen sind zwei Rotschenkel am 31. Juli am Seeanger zu vermelden, denen am 3. September an der Geschiebesperre Hollenstedt ein Einzelvogel folgte. Am 11. September beäugte ein junger Knutt den Rummel am Freizeitsee.
Der einzige Temminckstrandläufer der Saison ließ sich am 29. August an der Geschiebesperre blicken, wo am selben Tag auch zwei Zwergstrandläufer ihr Maximum erreichten. Von dort liegen aus dem Zeitraum vom 21. August bis 15. September fünf Beobachtungen von insgesamt sieben, zumeist diesjährigen Sichelstrandläufern vor (maximal drei Vögel am 14. und 15. September).

Schwarzkopfmöwen waren im Berichtszeitraum mit mindestens 15 Vögeln (darunter vier Altvögel und einige für mehrere Tage am Seeburger See und Seeanger verweilende Vögel) gut vertreten.
Gut dokumentiert ist eine junge Silbermöwe (bzw. eine Möwe mit hohem genetischen Anteil dieser Art) vom 29. August am Seeburger See. In unserer Region sind Silbermöwen nur sehr spärliche (Winter-)Gäste. Die Beobachtung fällt daher ziemlich aus dem Rahmen.

Silbermöwe - MSiebner
Abb. 10: Junge Silbermöwe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

Am 30. Juli konnte ebenda eine junge Mittelmeermöwe identifiziert werden. Alt war hingegen am selben Gewässer eine Steppenmöwe am 6. November.
Am 5. und 6. Juli fischten bis zu fünf alte Flussseeschwalben am Seeburger See, am 12. des Monats waren noch einmal zwei zugegen.

Mindestens 3.841 Ringeltauben, die am 23. Oktober über dem Waldrand bei Gö.-Herberhausen gezählt wurden, zeigten für diese Art einen guten Zugtag an.
Sehr erfreulich sind bis zu 24 herbstliche Türkentauben in der Feldmark östlich von Rosdorf, für Göttingen und Umgebung sicher eine Maximalzahl der letzten Jahre.
Aus dem Solling bei Dassel liegt die Julibeobachtung einer balzenden Turteltaube vor. Darüber hinaus gab es nur noch einen Vogel am 1. August südlich von Northeim, der bereits dem Wegzug zugerechnet werden konnte. Erbärmlich, aber typisch.

Ein entflogener Gelbbrustara hielt Ende Juli für mehrere Tage Bovenden in Atem und schaffte es schnell in die Spalten der Tagespresse. Versuche, das schöne Tier mit hohem Marktwert wieder einzufangen scheiterten offenbar. Über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt.

Am 20. Oktober flog eine Schleiereule bei Eberhausen in Richtung der Papermühle, die erste hier seit sieben Jahren - eventuell ein Indiz dafür, dass diese zuvor von Kältewintern dezimierte Art wieder etwas Aufwind bekommt.
Nahe dem Feldbornberg bei Gö.-Nikolausberg zeigte ein am 12. Juli nachts fiepender Jungvogel eine erfolgreiche Brut der Waldohreule an. Damit liegen (vgl. den Vorbericht) nur zwei Brutnachweise vor, die ein, im Vergleich zum Vorjahr, eher schlechtes Nahrungsangebot indizieren.
Eine Sumpfohreule gab sich am 24. November im Stockhäuser Bruch die Ehre.

Sumpfohreule - MGeorg
Abb. 11: Sumpfohreule im Stockhäuser Bruch. Foto: M. Georg

Seinen Ehrenplatz als „Vogel des Jahres 2017“ untermauert ein Waldkauz, der im Göttinger Alten Botanischen Garten seit Ende Oktober ein Revier hält, sehr eindrücklich. An den Rand der Innenstadt hatten sich balzende Männchen zuvor nur ausnahmsweise und für kurze Zeit vorgewagt.

Sehr erfreulich ist, nach einer erfolgreichen Fortpflanzung am Fassberg im Göttinger Norden (vgl. den Vorbericht), ein weiterer Brutnachweis vom Wendehals abseits seiner bröckelnden Trutzburg auf dem Kerstlingeröder Feld: Am 6. Juli ließen sich an den Northeimer Kiesteichen ein Alt- und ein bettelnder Jungvogel ausmachen. Die einzige Wegzugbeobachtung gibt es vom 3. September an der Kiesgrube Ballertasche.

Am 19. August brachte ein überfliegendes Männchen des Pirols Farbe in den Seeanger.

65 Saatkrähen, die am 13. November über das Göttinger Ostviertel zogen, bildeten den größten Wegzugtrupp. In Weende wird das traditionelle Überwinterungsareal von bis zu fünf Vögeln bevölkert - vor 40 Jahren waren es noch mehr als 100. Ein seit dem 19. Jahrhundert bestehender Winterschlafplatz am Kleinen Hagen zwischen Leine und Grone im Göttinger Westen war bis in die 1960er Jahre sogar von bis zu 7.500 Vögeln besetzt. Die Gründe für den starken Rückgang der Winterzahlen dürften, neben klimatischen Veränderungen, auch im verbesserten Nahrungsangebot an den Deponien osteuropäischer Metropolen zu suchen sein, das den Krähen längere Zugwege erspart. In Deutschland wird der Wohlstandsmüll heutzutage thermisch vorbehandelt und der Rest nach kurzer Zeit abgedeckt, was die Attraktivität von Deponien für Vögel deutlich vermindert hat. Hinzu treten Grünlandschwund und chemische Sterilisierung potentieller Überwinterungsflächen im Agrarland.

Ein Trupp von mindestens zwölf ziehenden Beutelmeisen am 2. Oktober über dem Seeanger erinnert an die Zeit vor 30 Jahren, als Ansammlungen in dieser Größenordnung (bisweilen sogar mehr als 30 Vögel) keineswegs ungewöhnlich waren.

Die höchste Tagessumme von 57 ziehenden Heidelerchen wurde am 15. Oktober erreicht. Vom 2. bis 26. Oktober ließen weitere 45 Vögel ihren melancholischen Flugruf hören

An der Sandgrube Meensen sind fünf von ca. 15 Brutröhren der Uferschwalbe, darunter mindestens zwei beflogene, dem Abbau zum Opfer gefallen.

Uferschwalbe - MGöpfert
Abb. 12: Uferschwalbe mit Rauchschwalben am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Gleichermaßen ungewöhnlich wie erfreulich sind drei Bruten von zwei Paaren der Rauchschwalbe am Göttinger Flüthewehr. Nester an Brücken und Wehren gibt es hin und wieder (im Landkreis Göttingen z.B. unter einer Weserbrücke), gleichwohl sind solche Standorte immer noch die Ausnahme. Für Göttingen ist die lokale Neuansiedlung besonders erwähnenswert, weil der städtische Bestand mittlerweile unter 100 Paaren liegt, die zumeist in den wenigen verbliebenen, für sie zugänglichen Großviehställen brüten (Ausnahme ist die Gerätehalle des Werderhofs an der Garte).
Am 8. November flog ein junger Spätnachzügler über die Geschiebesperre Hollenstedt. Bundesweit liegen in Ornitho für die vergangenen drei Jahre jeweils um die 20 Novemberbeobachtungen der Rauchschwalbe vor. Auch in der Vergangenheit gab es vereinzelt bis Mitte November solche Bummelanten. Passen sie in das Bild, das ein ehedem anerkannter Vogelexperte neulich im ZDF-Zweiteiler über Zugvögel zum Besten gegeben hat? Nach seiner „persönlichen Prognose“ wird es bis zum Ende des Jahrhunderts „keine Zugvögel mehr geben“ - weil sie alle wegen der globalen Erwärmung zu Standvögeln geworden sind! Namentlich erwähnt wurden die ausgeprägten Weitstreckenzieher Pirol, Mauersegler und Neuntöter, denen man dann wohl auf einem Neujahrsspaziergang bei ihrer Jagd nach Insekten begegnen kann. Gerade bei diesen drei Arten konnten aber bisher keine signifikanten Veränderungen des arttypischen Zugverhaltens festgestellt werden. Leider werden die meisten Zuschauer solche Prophezeiungen in sinistrer Nostradamus-Tradition für bare Münze genommen haben…

Heimliche Bartmeisen ließen sich, mindestens zu zweit, am 16. Oktober am Seeanger und am 30. Oktober am Seeburger See ausmachen.

Am 3. Juli sangen in der Rhumeaue bei Lindau noch zwei Schlagschwirle. Deutlich länger, nämlich bis zum 24. des Monats, orgelte einer in der Kiesgrube Ballertasche vor sich hin.

Gut dokumentiert sind Göttingens erste Gelbbrauen-Laubsänger (nach 2005 und 2013 der dritte Regionalnachweis). Bis zu zwei, von B. Koop (Plön) entdeckte Vögel wuselten vom 3. bis 4. Oktober sehr agil in den hohen Laubbäumen der Albert-Einstein-Straße im Ostviertel.

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Abb. 13: Gelbbrauen-Laubsänger im Göttinger Ostviertel. Foto: L. Sebesse

Kein Nachweis wegziehender Ringdrosseln ist auch eine Erwähnung wert.

Erfolgreiche Spät- oder Zweitbruten des Schwarzkehlchens wurden vom Diemardener Berg (möglicherweise das Paar vom Kahlschlag jenseits der Garte) und aus der Feldmark nördlich Katlenburg bekannt. In der Rhumeaue westlich Elvershausen und nördlich Hammenstedt bestand Brutverdacht. Am vorjährigen Brutplatz in der Feldmark südlich Hollenstedt hielt sich am 23. November noch ein Paar auf, bei dem es sich aber auch um späte Wegzügler gehandelt haben kann.

Die von M. Mooij verfertigte Tonaufnahme des Zugrufs eines am 2. Oktober über das Kerstlingeröder Feld ziehenden Piepers passt gut zum Waldpieper, eine für Süd-Niedersachsen neue Vogelart aus den Weiten Sibiriens. Das letzte Wort hat, wie immer bei großen Seltenheiten, die Deutsche Avifaunistische Kommission, bei der der Vogel bereits gemeldet wurde.
Am 27. August erfreuten am Diemardener Berg zwei Brachpieper die enthusiasmierten Teilnehmer des Göttinger Zugvogelfestivals, einen Tag später war dort noch einer präsent.

Brachpieper - VLipka
Abb. 14: Brachpieper am Diemardener Berg. Foto: V. Lipka

Am 28. August zog ein Rotkehlpieper vor einer herannahenden Gewitterfront über Ebergötzen.
Der erste Bergpieper (Altvogel mit Brutkleidresten) machte sich recht früh am 23. September an der Geschiebesperre bemerkbar. Ihm folgten bis dato (nur) fünf Artgenossen im Leinepolder und im Seeanger.

Der aus dem Vorbericht bekannte männliche Tahaweber vom Seeanger wurde am 19. August letztmalig gesehen. Mit einem gleichzeitig präsenten Pirol (s.o.) dominierte an diesem Tag Schwatz-Gelb. Leider waren wohl keine BVB-Fans zugegen, die das hätten genießen können.

Mindestens 4.386 Buchfinken zogen am 2. Oktober über das Kerstlingeröder Feld. Einer besonderen Erwähnung wert sind auch mindestens 1.761 Vögel am 15. des Monats über dem Kaufunger Wald.
Zehn Girlitze am 22. Oktober an der Otto-Hahn-Straße in Gö.-Weende waren der größte, immerhin zweistellige (!) Trupp, der auf dem Wegzug registriert werden konnte. Mit Ausnahme des Göttinger Westens, wo vier bis fünf Vögel zusammen gesehen wurden, gerieten sonst zumeist nur Einzelvögel ins Visier.

Eine Schneeammer, die am 22. November über den Seeburger See (ein luftiger Hotspot für diese Art) zog, konnte mit einer Tonaufnahme belegt werden.
Dies trifft auch auf einen Ortolan vom 8. September über Seulingen zu, dem ein Artgenosse vom 1. des Monats über Gö.-Nikolausberg voran geflogen war.

Damit schließt der Bericht, der nahezu ausschließlich auf Angaben in unserer Datenbank Ornitho.de beruht.

Hans H. Dörrie

Der Verfasser bedankt sich bei den Melder/innen:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, S. Beisler, S. Böhner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, M. Cieslik, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Fichtler, M. Georg, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grüneberg, W. Haase, H. Hartung, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, G. Köpke, B. Koop, M. Kuschereitz, T. Langer, I. Lilienthal, V. Lipka, G. MacKay, T. Matthies, D. Mederer, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, R. Spellauge, M. Sprötge, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, K. Wagner, C. Weinrich, D. Wucherpfennig und viele andere.

Spie�ente - MSiebner
Abb. 15: Männliche Spießente am Flüthewehr. Foto: M. Siebner

Add comment December 8th, 2016

Der Waldkauz - Vogel des Jahres 2017 -
in Süd-Niedersachsen

Waldkauz - V.Hesse
Abb. 1: Waldkauz im Göttinger Stadtwald. Foto: V. Hesse

Die Wahl unserer häufigsten Eule durch den NABU soll die Familie der gefiederten Nachtgeister und den bevorzugten Lebensraum ihres Protagonisten Waldkauz (Strix aluco), altholzreiche Laub- und Laubmischwälder, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Über den Erfolg der Aktion wird man Ende kommenden Jahres vielleicht mehr erfahren. So viel lässt sich aber jetzt schon sagen: Zur weltweit gerühmten Lebensqualität unserer Geistesmetropole („extra Gottingam non est vita - si est vita, non est ita“) zählt sicher auch, dass Waldkäuze in der Peripherie ohne größeren Aufwand angetroffen werden können - in Revieren, die seit Jahrzehnten besetzt sind. Dazu später mehr.

Verbreitung und Bestand

Im aktuellen niedersächsischen Brutvogelatlas (Krüger et al. 2014) wird der landesweite Brutbestand mit 4.000 bis 7.500 Paaren angegeben. Diese breite Spanne verdeutlicht die für viele Eulenarten typischen Erfassungsprobleme. Waldkäuze sind in der Regel nachtaktiv und können deshalb nur mit speziellen Begehungen registriert werden. Deshalb sind sie in den gängigen Monitoring-Programmen unserer Brutvögel nur ausnahmsweise vertreten. Zudem brüten sie in Wäldern, die zur Balz- und Brutzeit im Winter und zeitigen Frühjahr oftmals nur mit Mühe oder gar nicht zu passieren sind.
Die höchsten Siedlungsdichten erreicht unser Vogel in den buchenreichen Wäldern des süd-niedersächsischen Berglands. Die von Fichten dominierten Hochlagen sind erheblich dünner bis überhaupt nicht besiedelt. Der Bestand gilt in unserer Region seit Jahrzehnten als stabil - mit der Einschränkung, dass die Datenlage alles andere als zufriedenstellend ist. Gleichwohl rangiert die Art in der so genannten Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel (Krüger & Nipkow 2015), weil mit der Ausräumung und Chemisierung der Agrarlandschaft (Nahrungshabitat) und der verstärkten Nutzung von Altholz (Brutplätze) durch die moderne Forstindustrie zwei Faktoren an Gewicht gewinnen, die zum Bestandsrückgang führen könnten. Zudem geht das seit 1988 laufende „Monitoring von Greifvögeln und Eulen“ von einem Bestandsrückgang aus, der in den 1990er Jahren einsetzte (Mammen & Stubbe 2009).

Der Brutbestand in Stadt und Landkreis Göttingen sowie im Altkreis Northeim kann sehr, sehr grob auf mindestens 500 Paare geschätzt werden. Zufallsbeobachtungen aus den letzten Jahrzehnten belegen, dass der Kauz in kaum einem größeren Waldgebiet zu fehlen scheint. Die einzige Bestandserfassung nach zeitgemäßer Methodik liegt für den Göttinger Stadtwald vor: Hier wurden von Februar bis Anfang Juli 2003 auf 758 Hektar (ca. 50 Prozent der Stadtwaldfläche) 14 Reviere ermittelt (Dörrie 2004), die einen überdurchschnittlich hohen Wert von 1,8 Rev./km² dokumentierten. Wie wenig die Art selbst von vogelkundlich Interessierten beachtet wird, lässt sich mit unserer Datenbank Ornitho belegen: Aus dem waldreichen Landkreis Northeim liegen seit 2011 ganze 72 Wahrnehmungen (zumeist akustische) vor, darunter viele aus der ersten Maidekade, wenn das alljährliche Birdrace stattfindet, zu dem sich Göttinger Beobachter in den Solling aufmachen… Maidaten (spät) rufender Männchen sind für die Quantifizierung des Brutbestands aber von geringer Relevanz, weil sie auch Junggesellen betreffen können.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 2: Gut getarnt: Waldkauz an der Bruthöhle im Landkreis Göttingen.
Foto: N. Wasmund

Gefährdung und Schutz

Bei der Brutplatzwahl ist der Waldkauz sehr flexibel. Er brütet in Höhlen aller Art (auch an Gebäuden), in Schornsteinen, selbst Bodenbruten sind bekannt. In offenen Baumnestern schreitet er nur ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Ähnlich vielfältig ist sein Nahrungsspektrum, das von Insekten über Regenwürmer, Amphibien, Reptilien, Fische (!) bis zu Vögeln mittlerer Größe (kleinere Eulenarten eingeschlossen) reicht. Die Hauptnahrung stellen, wie bei anderen Eulen, Mäuse, Wühlmäuse und Ratten. Wegen der breiten Nahrungspalette leidet er weniger unter mäusearmen Kältewintern als z.B. Schleier- und Waldohreule (Mebs & Scherzinger 2000).
Seiner freundlich-gemütlichen Erscheinung zum Trotz ist der Waldkauz ein wehrhafter Geselle, der auch Konflikten mit dem Menschen nicht aus dem Wege geht. Die Autobiografie des berühmten, 1991 verstorbenen Vogelfotografen Eric Hosking trägt den hintersinnigen Titel „An Eye for a Bird“ – damit spielt der Autor auf einen höchst unliebsamen Vorfall mit einem aggressiven Waldkauz an, nach dem er einäugig durchs Leben gehen musste. Solche Attacken, die fast immer dem Schutz der Jungvögel dienen und zumeist mit ein paar Kratzern am Kopf des Eindringlings glimpflich enden, finden vor allem im Siedlungsbereich statt; im Wald verhalten sich die Vögel weitaus scheuer.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 3: Waldkauzbrut am Nikolausberger Weg. Foto: M. Siebner

Feinde hat der Waldkauz vergleichsweise wenige: Ab und an (und deutlich seltener als Waldohreulen) fällt er einem Habicht oder Uhu zum Opfer (Uttendörfer 1939). Vermutlich ist seit einigen Jahren der Waschbär als Prädator von Eiern und Jungvögeln hinzugekommen. Diese Verluste fallen jedoch gegenüber den zahlreichen Verkehrsopfern kaum ins Gewicht. Viele Vogelfreunde dürften weitaus mehr tote als lebendige Waldkäuze gesehen haben. Auch Kollisionen mit Freileitungen oder letale Verletzungen an Weidezäunen mit Stacheldraht fordern ihren Tribut.
Dagegen zeigen ganze drei Totfunde in der bundesweit ausgerichteten Windkraftopfer-Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg bis dato eine vermutlich geringe Gefährdung an. Mit der gleichermaßen großflächigen wie rücksichtslos betriebenen Verspargelung der Wälder hat sich jedoch, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz, in jüngster Zeit ein neues Konfliktpotential entwickelt. Waldkäuze jagen gern über oder an Offenflächen im Wald, deren Zahl mit den Anlagen drastisch steigt. Kollisionen und Anstieg der Totfunde scheinen geradezu programmiert. Auch in Niedersachsen wachsen die Begehrlichkeiten, Windräder in Wäldern zu errichten. Bis jetzt ist das aber (noch) nicht möglich.
Wegen der weiten Verbreitung, Häufigkeit und Plastizität unseres Porträtvogels sind spezielle Schutzmaßnahmen derzeit nicht erforderlich. Ein nahezu unverzichtbares Habitatrequisit sind alte Höhlenbäume, zu deren Erhalt sich die Landesforstämter verpflichtet haben. Die Realität sieht leider oft anders aus, denn gerade an Wegen wird manch alter „Gefahrenbaum“ gefällt. Im Göttinger Stadtwald, der „naturgemäß“ und nach den Vorgaben des Forest Stewardship Council (FSC) bewirtschaftet wird, scheinen für unseren Freund ideale Bedingungen zu herrschen. Die „naturgemäße“ Bewirtschaftung mit ihrem Verzicht auf größere Auflichtungen hat jedoch zur Folge, dass der Baumbestand dichter und dunkler wird. Zudem verfilzt die Bodenvegetation als Folge von Nährstoffeinträgen immer mehr, hinzu tritt rasant empor schießender Jungwuchs. Die Käuze konzentrieren sich daher - das hat die Erfassung 2003 ergeben - entlang der Wege und auf die (wenigen) vegetationsarmen Offenflächen, wo sich die Mäusejagd weniger mühsam gestaltet. Besonders im Osten sind große Waldbereiche für die Eule nur noch bedingt nutzbar. Ein alter Höhlenbaum im dichten Bestand könnte daher für sie wenig bis nichts bringen.

Waldkauz - M.Siebner
Abb. 4: Kaminkauz im Tageseinstand im Göttinger Wald. Foto: M. Siebner

Nistkästen für den Waldkauz sind aus den oben genannten Gründen nicht nur überflüssig, sondern können sogar äußerst negative Folgen für andere Vogelarten nach sich ziehen. Eine Nisthilfe, die vor ein paar Jahren auf der Streuobstwiese auf dem Kerstlingeröder Feld angebracht wurde, konnte zum Glück schnell wieder abgehängt werden. Mit der komfortablen Behausung hätte man den Terminator möglicherweise in ein traditionelles Revier der Waldohreule gelockt, was für diese vermutlich böse ausgegangen wäre…

Waldkäuze beobachten – wann und wo?

In Göttingen ist der Waldkauz nicht verstädtert. Vom Stadtfriedhof z.B. gibt es keinen Nachweis. In schneereichen Kältewintern suchen einzelne Vögel den dicht bebauten Siedlungsbereich auf. Einsam balzende Männchen sind aus dem Cheltenham-Park und dem stadteinwärts gelegenen Ostviertel bekannt, gaben aber dort wohl nur kurze Gastspiele. Am Stadtrand sieht es anders aus: Hier bestehen seit Jahrzehnten feste Reviere dieses ausgeprägten Standvogels. Wenn man im Spätwinter und Frühling die Schillerweisen im Ostviertel aufsucht, kann man die Männchen schon von weitem heulen hören (der Ruf ist Interessenten bestimmt aus dem Fernsehen bekannt, auch von Filmen, die in Irland spielen, wo die Art nicht vorkommt…). Die angrenzenden Stadtwaldbereiche (Molkengrund, Lange Nacht, Ebertal) sind ebenfalls sicheres Waldkauzterrain, das wegen der vielen Wege besonders dicht besiedelt ist. Im Umkreis des Kerstlingeröder Felds sind mehrere Reviere besetzt. Mit Glück lässt sich auf dem Dach der Schutzhütte nahe dem Tuchmacherborn ein im Tageseinstand dösender Waldkauz ausmachen (vgl. Abb. 4). Gut bekannt ist auch ein Revier am Klausberg. Hier bezogen die Käuze samt niedlichem Nachwuchs in mehreren Jahren einen am Nikolausberger Weg stehenden riesigen Nadelbaum, der leider beseitigt wurde. Die Vögel sind aber noch da - und sorgen bei den auf ihre Nachtruhe bedachen Anwohnern nicht nur für Freude. Die Jungvögel sind ähnlich ruffreudig wie junge Waldohreulen, allerdings klingen ihre Lautäußerungen nicht so quietschend, sondern mehr rostig kratzend. Ob ein 2008 an der Grone unterhalb des Hagenbergs entdecktes Revier (Dörrie 2011) noch besetzt ist, muss offen bleiben.
Das Wetter spielt bei der Eulenbeobachtung eine große Rolle. Es sollte nicht windig sein und auch nicht regnen. Die Temperaturen sind Nebensache, weil die Vögel auch in bitterkalten Frostnächten ihre Balzrituale zelebrieren. Die Balz setzt bereits im Juli wieder ein, so dass auch die Wintermuffel unter uns auf ihre Kosten kommen.
Wenn man den Nachtvogel nicht nur gehört hat, sondern (endlich) mal zu Gesicht bekommt, sind folgende Merkmale diagnostisch: Waldkäuze haben vergleichsweise kleine runde Köpfe und dunkle Augen. Ihr Gefieder fällt sehr variabel aus, es gibt tiefbraune bis sehr helle Individuen. Die fehlenden Federohren unterscheiden sie von der (kleineren und schlankeren) Waldohreule. Die Sumpfohreule mit ihren eher rudimentären Öhrchen kann mit einem Waldkauz verwechselt werden. Sie bezieht aber offene Lebensräume, ist tagaktiv und bei uns ein bestenfalls spärlich in Erscheinung tretender Gastvogel. Das scharfe „kuwitt“ der Weibchen wurde und wird nicht selten dem viel kleineren Steinkauz zugeschrieben, der in unserer Region seit mehr als 30 Jahren ausgestorben ist.

Waldkauz - N.Wasmund
Abb. 5: Waldkauz-Ästling. Foto: N. Wasmund

Bevor man nur noch Glück und Faszination bei der Beobachtung unseres Porträtvogels wünschen kann, eine ganz große Bitte: Junge, noch nicht flugfähige Waldkäuze stiefeln in ihrem ganz natürlichen Ästlingsstadium gerne auf dem Waldboden umher oder sitzen bräsig auf einem Baumstumpf. Diese Puschel sind weder „krank“, „aus dem Nest gefallen“ oder „von ihren Eltern verlassen“. Leider werden Ästlinge immer wieder von wohlmeinenden Spaziergängern „gerettet“ und in Pflegestationen verbracht, wo sie ein ungewisses Schicksal erwartet. Das muss nicht sein!

Nachtrag vom 13. März 2017: Im Göttinger Alten Botanischen Garten füttert ein Brutpaar derzeit drei schon recht große Jungvögel. Das ist die erste Brut am Rand der Göttinger Innenstadt und vielleicht ein kleines Dankeschön unseres Porträtvogels für die Ehrung!

Hans H. Dörrie

Literatur

Dörrie, H.-H. (2004): Zur Siedlungsdichte der Brutvögel in einem Kalkbuchenwald im FFH-Gebiet „Göttinger Wald“ (Süd-Niedersachsen). Naturkundl. Ber. Fauna Flora Süd-Niedersachs. 9: 76-106.

Dörrie, H.-H. (2011): Göttingens gefiederte Mitbürger. Streifzüge durch die Vogelwelt einer kleinen Großstadt. Zweite Aufl. Göttinger Tageblatt Buchverlag. Göttingen.

Krüger, T., J. Ludwig, S. Pfützke & H. Zang (2014): Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008. Naturschutz Landschaftspfl. Niedersachsen, H. 47. Hannover.

Krüger, T. & M. Nipkow (2015): Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel. 8. Fassung, Stand 2015. Inform.d. Naturschutz Niedersachsen 35: 181-260.

Mammen, U. & M. Stubbe (2009): Aktuelle Trends der Bestandsentwicklung der Greifvogel- und Eulenarten Deutschlands. Populationsökologie Greifvogel- und Eulenarten 6: 9-25.

Mebs, T. & W. Scherzinger (2000): Die Eulen Europas. Kosmos-Verlag.

Uttendörfer, O. (1939): Die Ernährung der deutschen Greifvögel und Eulen. Neumann- Neudamm Verlag, Melsungen. Nachdruck 1997, AULA-Verlag, Wiesbaden.

Waldkauz - M.Siebner

October 19th, 2016

Heimzug und Brutzeit 2016 in Süd-Niedersachsen

Schwarzspecht - S.Paul
Abb. 1: Junges Schwarzspecht-Männchen auf dem Kerstlingeröder Feld.
Foto: S. Paul

Das Wetter im Berichtszeitraum von März bis Juni hielt wenige Überraschungen bereit. Nur der März fiel, relativ gesehen, aus dem Rahmen: Er war nicht nur sehr trocken, sondern auf weiten Strecken kälter als der Vormonat und der (allerdings sehr milde) Dezember 2015. Der April verlief durchschnittlich. In der letzten Dekade gab es einen Kälteeinbruch. Der Mai war insgesamt passabel. Über Pfingsten sorgten die Eisheiligen in der Monatsmitte für ein kühl-windiges Intermezzo. Der Juni gestaltete sich durchwachsen, mit starken Niederschlägen von bis zu 34 l/m² zum Monatsbeginn, immer wieder Regen und Gewittern sowie einer kleinen, unwetterträchtigen Hitzewelle (bis zu 34°C) in der letzen Dekade. Am 24. ließ ein schweres Gewitter mit Orkanböen im Eichsfeld zahlreiche Bäume umstürzen.

Als zugphänologische Besonderheit ist ein männliches Braunkehlchen hervorzuheben, das, fotografisch belegt, bereits am 3. April im Leinepolder Salzderhelden rastete. Der nächste Artgenosse zeigte sich zehn Tage später am 14. April (typisches Erstbeobachtungsdatum) im Seeanger. Die erste Nachtigall sang am 10. April am Nachtclub „Chateau“ an der Reinhäuser Landstraße. Bei dieser Art mit positivem Bestandstrend scheint sich aus regionaler Sicht in den letzten Jahren eine Verfrühung der Ankunft singender Männchen (was machen die Weibchen?) um ca. acht bis zehn Tage abzuzeichnen.
Waldlaubsänger wurden in diesem Frühjahr deutlich mehr beobachtet als üblich. Auch der Sumpfrohrsänger trat in Zahlen auf, die erheblich über denen der Vorjahre lagen. Andere Südostzieher (u.a. Klappergrasmücke, Neuntöter, Schlagschwirl) haben, obwohl im östlichen Sahel gebietsweise eine enorme Dürre herrschte, ebenfalls ein normales bis gutes Jahr. Näheres dazu weiter unten.
Vor dem Hintergrund des sehr milden Winters erfolgte die Heimzug-Erstbeobachtung des Zilpzalps am 12. März in der Kiesgrube Ballertasche im Wesertal vergleichsweise spät. Prägender Charaktervogel der Saison ist wohl - der Zaunkönig, der an allen Ecken und Enden sein Liedchen schmettert. Die vergangenen milden Winter haben dem agilen Gnom einen regelrechten Boom beschert.

Zaunkönig - M.Siebner
Abb. 2: Gewinner des Jahres: Zaunkönig. Foto: M. Siebner

Höckerschwäne schritten an der Kiesgrube Ballertasche mit zwei Paaren zur Brut. Während ein Paar mit seinen fünf Jungen vermutlich zur Weser abwanderte, verblieb das andere mit zwei Kleinen im Gebiet. In Göttingen konnten sich drei Paare am Kiessee (zunächst acht, später nur noch sieben Pulli), am Levin-Park (sechs Kleine, darunter ein immutabilis) sowie am Rückhaltebecken Grone (fünf Kleine, zwei immutabilis) reproduzieren. An den Northeimer Kiesteichen gab es fünf Junge. Am Böllestau bei Hollenstedt, der sich zum regelmäßigen Brutplatz mausert, war ein Paar ebenfalls mit fünf Sprösslingen erfolgreich. Am Seeanger schlüpften zwei Jungvögel, von denen einer übrig blieb. Am Seeburger See brütete ein dickfelliges Paar direkt neben dem großen Steg an der Badeanstalt. Die Brut verlief zunächst erfolgreich, drei Junge (Dreiergelege) schlüpften. Hätten sie die Selbständigkeit erreicht, wäre das sehr ungewöhnlich gewesen: Eine Brut mit Ausfliegeerfolg hat es an diesem Gewässer seit Jahrzehnten nicht gegeben. Leider wurden die Kleinen nach dem 22. Juni nicht mehr gesehen. Dem Sturm am 24. Juni können sie also, anders als in der Tagespresse kolportiert, nicht zum Opfer gefallen sein.

Höckerschwan - M.Siebner
Abb. 3: Später vom Sturm zerstörtes Höckerschwannest. Foto: M. Siebner

Nach dem 2. März waren die letzten (acht) überwinternden Singschwäne aus dem Leinepolder Salzderhelden abgezogen.
Kanadagänse waren im Leinepolder und am Seeanger bis weit in den Mai mit bis zu sieben Ind. am Start. Vom 19. bis 24. März demonstrierten Weißwangengänse mit bis zu 33 Vögeln in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck einen kleinen Einflug. Welchen Populationen diese Vögel zuzuordnen sind muss offen bleiben. Seit einigen Jahren mehren sich Nachweise größerer Trupps; die bisherige Höchstzahl datiert vom 22. März 2009, als 93 Ind. an der Geschiebesperre Hollenstedt rasteten (B. Riedel in naturgucker.de). Einzelvögel hielten sich bis ins späte Frühjahr auf, darunter ein handzahmer Solitär am 31. Mai am Kiessee. Der drohenden Proklamation zum Maskottchen lokaler Vogelkundler entzog sich die Gans durch rasches Verschwinden.

Nonnengans - M.Siebner
Abb. 4: Zutrauliche Weißwangengans am Göttinger Kiessee. Foto: M. Siebner

Der Brutbestand der Graugans wird in diesem Jahr niedersachsenweit erfasst. Ganz so einfach, wie man glaubt, ist die Dokumentation von Bruten dieser eigentlich auffälligen Vogelart nicht: Grauganspaare können durchaus versteckt brüten (manchmal auch in Bäumen) und bleiben unentdeckt. Gelege werden nicht selten von Prädatoren geplündert oder aus anderen Gründen aufgegeben. Brutaufgaben sind für diese Saison vom Göttinger Levin-Park, dem Stadtfriedhof und dem Seeburger See (mind. zwei) belegt. In der folgenden Zusammenstellung für das AGO-Untersuchungsgebiet (Landkreis Göttingen und Altkreis Northeim) sind nur Paare mit Schlupferfolg enthalten. Sie verteilen sich auf die Kiesgrube Ballertasche (3), den Göttinger Kiessee (15, Rekordbestand), die Kiesgrube Reinshof (2), den (sanierten und wieder mit Wasser gefüllten) Wendebachstau bei Reinhausen (5), den Seeanger (3), den Seeburger See (2), den Dorfteich in Bodensee (2, wie immer hintereinander brütend), die Renshäuser Bachaue (1), die Rhumeaue bei Katlenburg (3), den Northeimer Freizeitsee (19), die Northeimer Kiesteiche (10), die Geschiebesperre Hollenstedt (10) und den Leinepolder Salzderhelden (6). Angesichts der mittlerweile fast überall und zahlreich in Erscheinung tretenden Vögel sind (mindestens) 81 erfolgreiche Paare (bei einem erheblich höheren Nichtbrüterbestand) vielleicht weniger als allgemein angenommen.
Die männliche Graugans mit roter Halsmanschette I29 (2012 in Tschechien beringt) macht sich offenbar daran, ihren dritten Sommer in der Region zu verbringen: Sie konnte am 19. Juni an der Geschiebesperre abgelesen werden.

Graugans - B.Riedel
Abb. 5: Wieder da: Sommergast I29 an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Erfolgreiche Bruten der Nilgans sind bis dato von der Geschiebesperre Hollenstedt (2), dem Seeanger (2), dem Wendebachstau und von der hessisch-niedersächsischen Landesgrenze an der Weser gegenüber Gimte (14 Gössel!) bekannt. Am Göttinger Kiessee schlüpften Mitte Juni zwei Kleine. Die Familie war über Tage nicht mehr auszumachen, tauchte aber nach dem Landesturnfest wieder auf.
Brandgänse erreichten am 17. April am Northeimer Freizeitsee mit 13 Ind. ein lokales Maximum. Ende Juni verteilten sich 19 Ind. auf die Geschiebesperre Hollenstedt, den Seeanger und den Seeburger See.

Sehr bemerkenswert ist eine Rostgans-Familie mit sieben flüggen Jungvögeln am 11. Juni im Leinepolder. Wegen des sehr frühen Datums steht zu vermuten, dass die Brut in der näheren Umgebung stattgefunden hat. Als neuer regionaler Brutvogel kann dieser etablierte Neubürger aber (noch) nicht geführt werden.

Mit bis zu 240 Ind. waren in der letzten Märzdekade Pfeifenten im Leinepolder gut vertreten. Das Heimzug-Maximum der Spießente am 25. März stammt interessanterweise mit 50 Ind. vom Seeburger See. Löffelenten gaben dem Leinepolder den Vorzug und erreichten dort mit 220 Ind. am 1. April ihre saisonale Höchstzahl. Das aus dem Winterbericht bekannte Männchen der Kolbenente hielt es bis zum 20. März an der Northeimer Seenplatte aus.
Am Northeimer Freizeitsee, der auch im Winter von dieser Art mit bis zu 280 Ind. gut besucht war, zeigten am 14. März 125 Tafelenten ihr Heimzug-Maximum.

Am 1., 9. und 19. März geriet am Freizeitsee ein weiblicher Mittelsäger in den Blick, vermutlich immer derselbe Vogel. Gänsesäger beiderlei Geschlechts hielten sich, einzeln oder zu zweit, bis weit in den Juni an der Geschiebesperre Hollenstedt auf. Am 6. Juni zeigte sich ein Männchen am Seeburger See.

Über das Auftreten der Wachtel wird im nächsten Bericht zusammenfassend Auskunft gegeben. Im weiteren Umfeld des Seeburger Sees, in der Rhumeaue bei Bilshausen und bei Hilkerode bereicherten jeweils ein bis zwei von Jägern in die Landschaft geschmissene Fasane die Beobachtungsstrecken.

Fasan - V.Hesse
Abb. 6: Männlicher Jagdpapagei bei Seeburg. Foto: V. Hesse

Wie es den Hauben- und Zwergtauchern erging, wird im nächsten Bericht mitgeteilt. Am 2. April schwammen gleich drei Rothalstaucher auf dem Seeburger See. Einzelvögel gab es am 5., 17. und 24. des Monats auf dem Northeimer Freizeitsee. Schwarzhalstaucher zeigten keine Besonderheiten und traten durchweg in einstelliger Zahl auf.

Ein vom 10. bis 12. Juni im Leinepolder rastender Löffler war farbberingt, aber immer zu weit entfernt, um die Markierung ablesen zu können.
Am 9. April flog eine Rohrdommel über das Schilf in der Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden. Über das Wohl und Wehe der Göttinger Graureiher wird im nächsten Bericht Auskunft gegeben.
Ein Silberreiher mit schwarzem Schnabel und rötlichen Beinen (so genannter „modesta-Typ“) stand am 23. März mit 14 normalen Artgenossen im Leinepolder. Gleich vier „modesta“-Ind. rasteten, zudem mit Schmuckfedern garniert, am 2. und 3. April an der Geschiebesperre Hollenstedt bzw. im Leinepolder.

Seidenreiher - M.Siebner
Abb. 7: Eleganz im tristen Ambiente: Seidenreiher bei Angerstein Foto: M. Siebner

Ein Seidenreiher fand sich bereits am 10. März an der Geschiebesperre Hollenstedt ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit derselbe Vogel ließ sich vom 17. bis 19. März an Wassergräben in der ausgeräumten Leineniederung bei Angerstein bewundern. Am 22. des Monats wurde er im Leinepolder wieder entdeckt, wo er für drei Tage blieb. Am 17. und 18. April folgte ihm am Großen Freizeitsee ein Artgenosse. Der Seidenreiher, einst eine große Rarität, kann in unserer Region mittlerweile als nahezu jährlich in Erscheinung tretender Gastvogel verbucht werden. Die Nachweise haben in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Wie beim Silberreiher sind die Populationen des kleinen Vetters in der jüngeren Vergangenheit nachgerade explodiert. Seidenreiher haben sich seit den 1970er Jahren wieder an der französischen und englischen Atlantikküste ausgebreitet. Irland, Belgien und die Niederlande wurden ebenfalls kolonisiert. In Deutschland haben Bruten bis jetzt nur ausnahmsweise stattgefunden, zuletzt 2007 auf der Nordseeinsel Memmert, wohl als holländischer Import. Hauptgrund für die rasante Bestandszunahme ist die nachlassende Verfolgung, der bis weit ins 20. Jahrhundert Millionen Reiher zum Opfer fielen – weil sie Fische fressen und modebewusste Damen sich mit ihren Federn zu schmücken glaubten. Milde Winter zum Beginn der Ausbreitungsphase waren ein weiterer positiver Faktor. Wer sich für die Areal- und Bestandsdynamik von Vogelarten interessiert, sollte die aufschlussreiche Arbeit von Engler & Stiels in der „Vogelwarte“ (Bd. 54 (2016): 27-44) lesen, in der monokausale Erklärungsansätze, die mit dem Allzweckargument „Klimawandel“ hantieren, kritisch beurteilt werden.

Vom Weißstorch ist zu vermelden, dass eine Neuansiedlung bei Katlenburg-Lindau abgebrochen wurde.

Von heimziehenden Kornweihen liegen bis zum 2. Mai vier Beobachtungen von fünf Ind. (zwei M., ein W., zwei ohne Angabe) vor. Am 9. Mai ging in der Feldmark Gieboldehausen eine männliche Wiesenweihe auf die Jagd.
Am 10. April machte ein vorjähriger Seeadler den Leinepolder unsicher. Ihm folgte am 4. Mai an den Northeimer Kiesteichen ein vermutlich ebenfalls vorjähriger Artgenosse, während der (immerhin) dritte in diesem Frühjahr, am 6. Mai über Einbeck, deutlich älter war.

Merline gerieten am 9. März in der Feldmark Sattenhausen, am 11. März in der Feldmark Ballenhausen, am 3. April am Heidelbeerbruch im Hochsolling (beiläufige Attacke auf Meisen, dann zügig weiterziehend) sowie am 27. April an der Geschiebesperre Hollenstedt in den Blick. Am 12. Mai besuchte ein weiblicher Rotfußfalke die letztgenannte Lokalität. Ende Juni läuteten bis zu acht Baumfalken über der Drachenwiese im Göttinger Süden die große Luftjagd auf Gerippte Brachkäfer („Junikäfer“) ein.

Baumfalke - M.Siebner
Abb. 8: Baumfalke über der Drachenwiese. Foto: M. Siebner

Für die Wanderfalken in Stadt und Landkreis Göttingen ist 2016 ein gutes Jahr. Die Paare am Neuen Rathaus, am Fernsehturm bei Deppoldshausen sowie im Raum Hann. Münden (3) brachten in der Regel drei Junge zum Ausfliegen. Der Brutplatz im Reinhäuser Wald war erneut besetzt.

Die Hauptmasse der Kraniche war bereits im Februar durchgezogen. In der ersten Märzdekade setzte sich der Zug fort, erreichte aber nur am 1. des Monats eine regionale Tagessumme von wenig mehr als 1000 Ind. Im Leinepolder hielten sich die üblichen, zumeist unreifen Aspiranten in einstelliger Zahl bis weit in den Mai auf (ein Einzelvogel noch am 14. Juni). Am Seeanger verhielten sich zwei vorjährige Ind., die am 18. Mai zum letzten Mal gesehen wurden, recht unauffällig.

Aus dem Leinepolder wurden ab Anfang Mai bis zu fünf rufende Männchen des Wachtelkönigs gemeldet. Ihre wirkliche Zahl dürfte in diesem großen Gebiet mit Betretungsverbot höher liegen. In der Rhumeaue bei Bilshausen knarrten ab Mitte Mai bis zu drei Männchen. Bemerkenswert ist ein kleiner Einflug in Göttingen: Ab dem 20. Juni hatten sich auf dem Kerstlingeröder Feld und dem Sengersfeld im Göttinger Stadtwald insgesamt bis zu vier Rufer niedergelassen. Eine Parallele zu den Einflügen 2002 und 2007 drängt sich auf. Damals jedoch standen die Wiesen im Leinetal nach starken Regenfällen unter Wasser. Die Vögel mussten in höhere Lagen ausweichen. Dieses Szenario existierte 2016 nicht. Deshalb erhebt sich die Frage: Wo kommen sie her? Sind es Hochwasserflüchtlinge aus dem Süden oder wurden sie, wo auch immer, abgemäht und mussten das Weite suchen? Solche Vermutungen könnte man auch bei drei Rufern anstellen, die sich, vorab mitgeteilt, erst Anfang Juli in der Rhumeaue bei Lindau bemerkbar machten.

Vom 12. Mai bis 1. Juni ließ ein Austernfischer in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck sein durchdringendes „Kliiiep“ ertönen.

Austernfischer - B.Riedel
Abb. 9: Austernfischer am Freizeitsee. Foto: B. Riedel

Rastende Goldregenpfeifer erreichten am 16. März im Leinepolder mit 91 Ind. ihre höchste Tagessumme. Am 24. März zogen beachtliche 173 Ind. in mehreren Trupps über das Kerstlingeröder Feld.
Kiebitze auf der Durchreise waren am 15. März im Leinepolder mit einem Maximum von 2300 Ind. präsent. Am Seeanger hatten drei Paare Schlupferfolg. Drei Jungvögel erreichten die Flugfähigkeit. Aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck liegen keine Hinweise auf erfolgreiche Bruten vor.
Für den Flussregenpfeifer scheint sich die Lage immer mehr zu verdüstern. Eine erfolgreiche Brut (ein flügger Jungvogel) ist nur von der Kiesgrube Ballertasche dokumentiert. In der Sandgrube Meensen brütet aktuell ein Paar. An den ehemaligen Tongruben Siekgraben zeigte ein warnender Altvogel eine mögliche Brut an, die aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit scheiterte. Ansonsten: Fehlanzeige. An den bekannten Orten (Geschiebesperre, Northeimer Kiesteiche, Freizeitsee, Seeanger, Kiesgrube Reinshof) balzten jeweils bis zu zwei Paare, ab und an konnten Kopulationen und das Anlegen einer Nistmulde beobachtet werden, aber das war’s auch schon. Der seit 2008 existierende Brutplatz an der Glunz-Brache in Gö.-Grone ist durch zunehmende Bebauung und Umwidmung in einen LKW-Parkplatz unbrauchbar geworden. Vielleicht kommt es noch zu Spätbruten, aber die bisherige Bilanz ist deprimierend. Hauptfaktor beim Bestandsrückgang ist der immer stärker grassierende Freizeitrummel, der wiederum wegen der allgemeinen Vermüllung Kostgänger aller Art anlockt, die auch ein Regenpfeifergelege nicht verschmähen.

Flussregenpfeifer - M.Siebner
Abb. 10: Flussregenpfeifer am Siekgraben. Foto M.Siebner

Ein am 23. Mai nachts über Seeburg rufender Vogel wurde als Mornellregenpfeifer bestimmt.

Am Seeanger gerieten am 7. April bemerkenswerte 16 Regenbrachvögel vor die Linse. An der Geschiebesperre Hollenstedt waren vier Ind. am 15. Mai recht spät dran.
Am 26. März rasteten zwei Uferschnepfen im Leinepolder. Ihnen folgte ebenda am 7. April ein Trupp von sieben Ind. Vom 13. bis 17. April hielt sich im Seeanger ein Einzelvogel auf. Bei einem weiteren Vertreter am 17. April im Leinepolder, der leider nicht fotografiert werden konnte, herrschte Uneinigkeit, ob er der im tiefen Binnenland sehr seltenen Unterart islandica („Isländische Uferschnepfe“) angehört haben könnte.
Von der Waldschnepfe liegen Beobachtungen von knapp 50 Ind. vor (Mehrfachzählungen reviertreuer Männchen inbegriffen). Den Auftakt im Berichtszeitraum machte ein heimziehender Vogel, der am 4. März in einem Hausgarten im Göttinger Ostviertel nach Nahrung stocherte. Hinweise auf revierhaltende Männchen gab es (ab Mai) im Kaufunger Wald (5-6), im Bramwald (1), im Hochsolling (3-4) sowie im Elvershäuser Wald (1).
Von der Zwergschnepfe existieren offiziell nur zwei Beobachtungen. Das liegt daran, dass einige Rastplätze nicht mehr öffentlich gemacht werden, um die Vögel vor Stress durch Beobachter und Fotografen zu bewahren. Bekassinen demonstrierten am 2. April im Leinepolder mit 220 Ind. ein zeit- und gebietstypisches Maximum. Dort balzten auch bis zu zwei Männchen.
Die Rastvorkommen von Waldwasserläufer und Flussuferläufer wiesen keine Besonderheiten auf. Am 17. und 18. April rastete ein Teichwasserläufer im Leinepolder. Die Maxima von Rotschenkel (13 Ind. am 7. April), Grünschenkel (ca. 50 Ind. am 4. Mai) und Bruchwasserläufer (ca. 150 Ind. am 7. Mai) fielen im Leinepolder eher durchschnittlich aus.
Die Höchstzahl von 92 Kampfläufern ebenda wurde am 22. März schon recht früh erreicht.
Am Seeanger hielt sich vom 14. bis 16. Mai ein Steinwälzer auf. Ob ein Artgenosse am letzten Datum an der Geschiebesperre identisch mit diesem Vogel war muss offen bleiben.
Bis zu zwei Zwergstrandläufern am 14. Mai am Seeanger folgte vier Tage später ein Einzelvogel im Leinepolder.
Am Seeanger, dem traditionellen Hotspot für diese kleine Limikole, rasteten (am 9. Mai) bis zu zwölf Temminckstrandläufer.

Temminckstrandläufer - B.Riedel
Abb. 11: Temminckstrandläufer an der Geschiebesperre. Foto: B. Riedel

Recht bemerkenswert für diese auf dem Heimzug nur sehr spärlich auftretende Art sind fünf Sichelstrandläufer am 9. Mai an der Geschiebesperre. Am Seeanger rastete ein Einzelvogel vom 11. bis 15. des Monats. Das Polder-Maximum von elf Alpenstrandläufern am 22. März kann sich für den Heimzug durchaus sehen lassen.

Durchziehende Zwergmöwen traten wie immer erratisch auf. Am 17. April fielen am Northeimer Freizeitsee bis zu 100 vom Himmel, für den Seeburger See liegt das Maximum bei 70 Ind. am 30. des Monats. Die Lachmöwen-Kolonie am Lutteranger verdient diesen Namen leider nicht mehr, denn es wurde nur ein brütender Einzelvogel gesehen. Ob er erfolgreich war ist ungewiss.
Schwarzkopfmöwen ließen sich vergleichsweise zahlreich blicken. Am Seeburger See und Seeanger hielten sich am 2. und 3. April bis zu zwei Altvögel auf, alt waren auch zwei Ind. am 16. April an der Kiesgrube Reinshof, desgleichen drei Vögel einen Tag später am Northeimer Freizeitsee. Vier Ind. (drei ad., ein vorj. Ind.) flogen am 25. April zusammen mit Lachmöwen über das letztgenannte Gebiet. Ein Altvogel trug einen grünen Farbring, mehr war leider nicht zu erkennen. Den (vorläufigen) Schlusspunkt setzte ein Altvogel am 29. Juni an der Geschiebesperre.
Am 1. April überflog eine adulte Mittelmeermöwe die Geschiebesperre. Ein Vogel, der am 13. Juni auf der Göttinger Drachenwiese stand, befand sich im 3. Kalenderjahr. Steppenmöwen rasteten am 9. April am Seeburger See und am 22. Mai am Göttinger Kiessee. Fünf weitere Großmöwen wurden, sehr löblich, besser unbestimmt gelassen…

Den Reigen der Seeschwalben eröffnen mittlerweile übliche Raubseeschwalben, die jeweils zu zweit am 1. Mai am Northeimer Freizeitsee und am 11. Mai am Seeburger See auf sich aufmerksam machten.
Am 2. Mai flog eine Weißbart-Seeschwalbe über dem letztgenannten Gewässer. Einzelne Weißflügel-Seeschwalben leuchteten am 2. Mai im Polder und am 18. Mai am Seeburger See. Trauerseeschwalben erreichten am 6. Mai ebenda mit 150 Ind. (möglicherweise. noch mehr, weil an diesem Tag die Zugdynamik besonders stark ausgeprägt war) ein beeindruckendes Maximum.
Von der Flussseeschwalbe liegen vom 14. April bis 25. Juni bemerkenswerte 13 Beobachtungen von 17 Vögeln vor (jeweils drei Ind. am 13. Mai am Seeburger See und am 8. Juni am Freizeitsee). Ein am 28. Mai über die Kiesgrube Ballertasche bei Hann. Münden ziehender Vogel ist eine besondere Erwähnung wert. Damit verglichen trat die Küstenseeschwalbe deutlich spärlicher auf. Was die Truppgröße anbelangt, war sie mit sieben Vögeln am 26. April am Seeburger See der Schwesterart allerdings überlegen. Am 30. April folgte an ebendiesem Gewässer ein Einzelvogel.

Küstenseeschwalbe - M.Siebner
Abb. 12: Küstenseeschwalbe am Seeburger See. Foto: M. Siebner

In diesem Frühjahr wurden, immerhin, mindestens zehn Turteltauben gesehen. Das langjährige Vorkommen im Bramwald konnte beim Birdrace am 7. Mai mit zwei singenden Männchen bestätigt werden. Auch das altbekannte Revier an der Landesgrenze zu Thüringen bei Vogelsang war wieder belegt.

Schleiereulen konnten als Einzelvögel im Leinepolder und in bzw. bei Bodensee gesehen/gehört werden.
Im Vergleich zum Vorjahr hielten sich Nachweise erfolgreicher Bruten der Waldohreule in denkbar engen Grenzen: Nur am Kiessee ließen sich (zwei) fiepende Jungvögel vernehmen.

Waldohreule - K.Jünemann
Abb. 13: Waldohreule in der Rhumeaue bei Bilshausen. Foto: K. Jünemann

Als veritable Megararität sauste ein männlicher Ziegenmelker in der Nacht des 25. Mai am Steinacker in Gö.-Nikolausberg um die Häuser. Der letzte Regionalnachweis stammt aus dem Frühjahr 2006 vom Seeburger See, der letzte davor vom Herbst 1986 aus dem Leinepolder…

Einen kleinen Lichtblick gibt es bei den Göttinger Mauerseglern. Nachdem im vergangenen Jahr die Brutkästen an der Arnoldi-Schule nach deren Umsetzung verwaist waren, sind sie jetzt wieder von ca. 15 Paaren belegt. Dagegen haben die sensiblen Vögel die Nisthilfen an einer Schule in der Göttinger Weststadt in diesem Jahr gemieden; angeblich, weil man diese farbig angestrichen hat…

Rastende Wiedehopfe hielten sich am 6. April am Göttinger Neuen Botanischen Garten und am 17. April nahe dem Altendorfer Berg bei Einbeck auf.

Der Wendehals war mit ca. 20 Heimzugbeobachtungen recht gut vertreten. Im Randbereich des Polder IV westlich Edesheim war bis in den Mai ein Revier über Wochen besetzt. Am traditionellen Brutplatz auf dem Kerstlingeröder Feld hatte sich mindestens ein Sänger eingefunden. Gleichermaßen erfreulich wie bemerkenswert ist der Nachweis eines Brutpaars mit mindestens zwei flüggen Jungvögeln am 26. Juni am Fassberg im Norden Göttingens. Dort hatten Wendehälse bis vor 30 Jahren ab und an gebrütet. Die aktuellen Brutvögel gaben sich als echte Leisetreter, denn zuvor war in diesem Bereich nur zweimal (am 21. April und am 2. Mai) ein singender Vogel gehört worden.

Wendehals - B.Riedel
Abb. 14: Wendehals im Leinepolder. Foto: B. Riedel

Singende Pirole ließen sich am 25. Mai aus einem Gehölz bei Amelsen und am 29. Mai aus einem alten Buchen-Eichenbestand bei Ahlshausen vernehmen. Beide Fundorte liegen im Landkreis Northeim.

Die jährliche Zählung von Neuntötern auf dem Kerstlingeröder Feld erbrachte am 22. Juni Hinweise auf mindestens 20 Reviere. Diese Zahl liegt im Durchschnitt der letzten, durchweg guten Jahre. Drei Paare hatten Nachwuchs, eines fütterte, recht früh, schon fast flügge Jungvögel. Bei zwei Männchen bestand der Verdacht, dass sie gleich zwei Weibchen in Beschlag genommen hatten (Polygynie). Eine Erfassung an Offenflächen im Kaufunger Wald (Rinderstall, Stromtrasse Sichelnstein etc.) ergab am 28. Juni sieben Reviere, ein flügger Jungvogel eingeschlossen. Etliche langjährig bekannte Reviere waren wieder besetzt (z.B. vier bis fünf in der Rhumeaue bei Lindau). Einen negativen Einfluss der Dürre im östlichen Sahel scheint es bei diesem Südostzieher nicht oder nur marginal gegeben zu haben, sehr erfreulich.
Vom Raubwürger liegen bis zum 3. April 24 Beobachtungen vor, die sich im Wesentlichen auf die bereits im Vorbericht erwähnten reviertreuen Wintergäste auf dem Kerstlingeröder Feld, in der Feldmark Geismar, an der Lengderburg und im Leinepolder (2) beziehen. Darüber hinaus gab es Sichtungen bei Weißenborn, in der Feldmark Barterode, in den Feldmarken westlich Relliehausen und Sattenhausen sowie zwischen Potzwenden und Falkenhagen.

Brutverdächtige Tannenhäher konnten am 6. März und am 7. Mai im Heidelbeerbruch (Hochsolling) ausgemacht werden. Aus regionaler Sicht bemerkenswert ist ein Trupp von ca. 120 heimziehenden Saatkrähen, der am 10. März an der Agrogasanlage bei Krebeck auf die Nahrungssuche ging. Ansonsten traten sie nur in einstelliger Zahl auf, darunter ein verbummelter Altvogel am 21. April im Göttinger Neuen Botanischen Garten.

Der einzige Brutnachweis der Beutelmeise stammt vom Northeimer Freizeitsee.

Beuteameise - F.Hollander
Abb. 15: Beutelmeise am Freizeitsee. Foto: F. Hollander

Vom 15. bis 21. März wurden an drei Tagen insgesamt nur fünf ziehende Heidelerchen wahrgenommen. Offenkundig geraten die Zugrufe einiger Arten immer mehr in Vergessenheit: Die einen hören sie nicht mehr, die anderen kennen sie (noch) nicht…

Der Kälteeinbruch Ende April machte Insektenfressern zu schaffen, unter ihnen besonders den Schwalben, die sich an den Gewässern zusammenballten. Zum Glück wurde es bald wärmer und die Verluste dürften sich in engen Grenzen gehalten haben.
Am Ostufer des Northeimer Freizeitsees besteht eine kleine Uferschwalben-Kolonie von ca. 25 Paaren, die einem hohen Druck durch Freizeitaktivitäten ausgesetzt ist. Sie gelangte deshalb nach Himmelfahrt in das NDR-Fernsehjournal „Hallo Niedersachsen“, wo die Vögel als „Uferseeschwalben“ angekündigt wurden. Im Umfeld der Geschiebesperre existiert möglicherweise eine weitere (recht kleine) Kolonie. In einer Grube bei Wellersen (Landkreis Northeim) wurden am 8. Mai sechs angeflogene Höhlen gezählt, an der Sandgrube Meensen Ende Juni zwölf, von denen fünf beflogen wurden.

Schwalben - M.Göpfert
Abb. 16: Erschöpfte Rauch- und Uferschwalben am Seeburger See. Foto: M. Göpfert

Nennenswerte Anzahlen des Feldschwirls von bis zu fünf singenden Männchen liegen nur von der Rhumeaue bei Bilshausen, vom Northeimer Freizeitsee und aus dem Leinepolder vor.
Recht gut vertreten ist in diesem Jahr der Schlagschwirl: Hinweise auf Revierbesetzungen in Gestalt singender Männchen konnten an der Kiesgrube Ballertasche und in ihrem Umfeld (bis zu drei), in der Rhumeaue bei Bilshausen (bis zu zwei), in der Rhumeaue bei Katlenburg-Lindau (zwei), in der Gillersheimer Bachaue, am Seeburger See und in der Suhleaue dokumentiert werden.
Dagegen beschränkte sich das Vorkommen des Rohrschwirls habitatbedingt auf zwei Gebiete: Am Seeburger See sang ein Männchen vom 26. April bis zum 7. Mai und ein weiterer (?) Vogel am 25. Mai. Im Leinepolder konnten im Mai und Juni durchgehend zwei bis drei Sänger die Schwirldamen (hoffentlich) betören.
Vom Schilfrohrsänger liegen zwischen dem 10. April und 30. Mai Nachweise von sieben singenden Männchen (Kiesgrube Ballertasche, Seeburger See, Seeanger, Freizeitsee) vor. In der Regel waren sie eintägig präsent. Nur einer machte vom 11. bis 13. April an der Geschiebesperre eine Ausnahme.
Für den Zeitraum vom 5. Mai bis 4. Juni existieren Nachweise von sechs singenden Drosselrohrsängern. Ein Vogel, der vom 28. Mai bis 4. Juni die Kiesgrube Ballertasche beschallte, tat dies in genau der gleichen Ecke wie im Vorjahr. Im Eschweger Werrabecken (Nordhessen) hat sich (wieder) ein Bestand von bis zu zehn reviertreuen Männchen etabliert. Vielleicht arbeitet sich der positive Trend ja flussabwärts vor… Am Northeimer Freizeitsee sangen am 7. Mai gleich zwei Männchen. An der Geschiebesperre blieb einer immerhin vier Tage. Etwas ungewöhnlich ist ein Vogel am 5. Mai an den ehemaligen Tongruben Siekgraben, wo er sich mangels Vegetation kaum verstecken konnte.

Drosselrohrsänger - W.Vogeley
Abb. 17: Drosselrohrsänger an der Kiesgrube Ballertasche. Foto: W. Vogeley

Im März und April bestand noch Hoffnung, aber jetzt ist es offiziell: Weder im vergangenen Winter noch im anschließenden Frühjahr ließ sich in der Region ein Seidenschwanz blicken – das ist bereits die zweite schwanzlose Saison seit 2013/14. Vermutlich sind die gefräßigen Vögel durch den Klimawandel so groß und schwer geworden, dass sie es nicht mehr über die Ostsee schaffen…

Vom 25. März bis zum 23. April konnten acht Ringdrosseln ausgemacht werden, mit Ausnahme von drei Ind. am 8. April in der südlichen Göttinger Feldmark alles Einzelvögel.

Vom 20. Mai bis 18. Juni sang sich ein adulter Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht bei Gö.-Nikolausberg in die Herzen vieler Beobachter - ein Weibchen der eigenen Art wäre ihm sicher lieber gewesen. Das agile, bisweilen neugierig wirkende Schmuckstück zeigte den achten Regionalnachweis seit 1955 an und war das erste als rotkehlig gemeldete Männchen überhaupt.

Zwergschnäpper - V.Hesse
Abb. 18: Zwergschnäpper in der Billingshäuser Schlucht. Foto: V.Hesse

Vom Trauerschnäpper liegen aus dem Zeitraum vom 25. April bis zum 19. Mai Nachweise von 27 Ind. vor (max. drei Ind. am 27. April am Kiessee). Aus regionaler Sicht ist das eine Höchstzahl der letzten Jahre. Eine Revierbesetzung oder gar Brut konnte gleichwohl nicht dokumentiert werden.

Brutverdächtige Braunkehlchen? Fehlanzeige. Im Leinepolder konnte ein Paar nach dem 20. Mai nicht mehr bestätigt werden.
Dagegen scheint es mit dem Schwarzkehlchen weiter aufwärts zu gehen: Auf dem Kahlschlag im äußersten Süden des Göttinger Stadtgebiets (ehemaliges Pappelwäldchen) brütete ein Paar, das vermutlich von der Feldmark Geismar dorthin umgezogen war, erfolgreich. In der Feldmark südlich vom Gut Wickershausen (Landkreis Northeim) signalisierte ein warnendes Paar am 8. Mai starken Brutverdacht. Möglicherweise kommt die Suhleaue als neuer Brutplatz hinzu. Hier wurden mehrfach Schwarzkehlchen beobachtet. Für ein Paar vom 25. April in der Feldmark östlich Nesselröden liegen leider keine Folgebeobachtungen vor. Die meisten bekannten Brutplätze waren, soweit sie kontrolliert wurden, wieder besetzt. Sogar in der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen, wo alle Blühstreifen verschwunden sind, gelang einem Paar die Fortpflanzung.
Vorbildlich belegt ist der erste Sprosser der Region. Er wurde am 27. Mai am Westufer des Northeimer Freizeitsees von N. Krott und C. Junge entdeckt und konnte am 30. Mai von B. Riedel mit Fotos und Tonaufnahmen bestätigt werden. Nach dem 3. Juni war sein eindrucksvoller Gesang nicht mehr zu hören. Der Anerkennung des seltenen Gasts durch die Avifaunistische Kommission Niedersachsen/Bremen kann man mit einiger Zuversicht entgegen sehen.

Sprosser - B.Riedel
Abb. 19: Sprosser am Northeimer Freizeitsee. Foto: B.Riedel

Auch in diesem Jahr wurden in der Suhleaue brutverdächtige Blaukehlchen gesehen. Von einer Neuansiedlung in diesem wenig begangenen Winkel des Eichsfelds kann wohl ausgegangen werden. Ebenfalls abseits der ausgetretenen Pfade ließ sich am 9. Juni in der Gillersheimer Bachaue ein Vogel ausmachen. Aus diesem Gebiet gab es schon früher Hinweise auf ein Brutvorkommen.

Ein jahreszeitlich interessanter Steinschmätzer am 25. Juni in der Feldmark Ebergötzen war augenscheinlich ohne Partner (geschweige denn mit Nachwuchs gesegnet).

Der Brachpieper machte sich dreimal bemerkbar: am 30. April über dem Gelände des Güterverkehrszentrums III („Göttingens Kalahari“), am 7. Mai während des Birdrace gleich zu dritt in der Feldmark Jühnde sowie am selben Tag über Gö.-Nikolausberg ziehend.
Die traditionelle Erfassung von Baumpiepern auf dem Kerstlingeröder Feld ergab am 22. Juni 18 revieranzeigende Vögel. Das ist ein durchschnittlicher Wert, wobei anzumerken ist, dass der (auf den Neuntöter zugeschnittene) Zähltermin für diese Art eigentlich zu spät liegt. An Offenflächen im Kaufunger Wald (u.a. an der Stromtrasse Sichelnstein) sangen am 28. Juni sechs Männchen, in der Rhumeaue bei Bilshausen, an der Sandgrube Meensen und im NSG Hühnerfeld im Kaufunger Wald jeweils drei. Das sind die Maximalzahlen für einen früheren Charaktervogel der Waldränder und Offenflächen, dessen Lebensraum auf kleine Inseln geschrumpft ist.
Einen Brutnachweis des Wiesenpiepers gibt es in dieser Saison nur aus der Feldmark Volkerode bei Rosdorf, wo am 27. Mai ein warnender und futtertragender Vogel gesehen wurde (Nachtrag vom 25. Juli - HD). In der Feldmark Wollbrandshausen - Gieboldehausen konnte im Mai nur noch ein singendes Männchen notiert werden. Und die nächste Flurbereinigung rückt näher… Am 19. Juni sang in der Leineniederung bei Bovenden ein Männchen, doppelt so viele waren es am 4. Juni in den Randbereichen des Leinepolders. Der Aufenthalt eines, vorweg mitgeteilten, singenden Männchens Anfang Juli an den ehemaligen Tongruben Siekgraben dürfte von kurzer Dauer sein, weil die Bagger schon bereitstehen.

Wiesenpieper - M.Siebner
Abb. 20: Wiesenpieper an den ehemaligen Tongruben Siebgraben. Foto: M. Siebner

Prächtige Rotkehlpieper gaben sich am 6. Mai an der Geschiebesperre und am 14. und 15. Mai im Seeanger die Ehre.
Heimziehende Bergpieper traten in diesem Frühjahr in guter Zahl auf. Aus dem Zeitraum vom 25. März bis zum 18. April liegen 20 Beobachtungen von ca. 40 Ind. vor. Am Seeanger waren bis zu sechs Ind. im Brutkleid über mehrere Tage anwesend. Das Maximum von neun Ind. stammt vom 28. März aus dem Leinepolder.

Am 24. März zogen mindestens 1179 Buchfinken über das Kerstlingeröder Feld. Am 28. März zeigten 400 über das Göttinger Ostviertel ziehende, eher beiläufig gezählte Vögel, dass man an diesem Tag auf dem Plateau des Göttinger Walds vielleicht besser aufgehoben gewesen wäre… Am 2. April suchten mindestens 400 Ind. am Ortsrand von Diemarden unterhalb des Diemardener Bergs nach Nahrung.
An der Leine im Süden Göttingens trötete am 2. und 18. März, als Letzter aus einem bemerkenswerten Einflug, noch ein ortstreuer „Trompetergimpel“ vor sich hin.

In der Feldmark Hollenstedt nordwestlich vom Gut Wickershausen konnte am 8. Mai eine (vermutlich heimziehende) Grauammer ausgemacht worden. Die letzte Beobachtung zuvor stammt aus dem Oktober 2012 und betraf einen über Ebergötzen ziehenden Vogel.

Ein männlicher Tahaweber bringt seit dem 29. Mai Farbe in den Seeanger, ist aber trotz seiner auffälligen Erscheinung manchmal nicht aufzufinden. Tahaweber sind eigentlich in Afrika südlich der Sahara beheimatet. Entflogene Käfigvögel haben jedoch in Feuchtgebieten auf der iberischen Halbinsel eine stabile Brutpopulation etabliert. Ob der (unberingte) Vogel von dort stammt, ist aber sehr unwahrscheinlich. Um seinen beeindruckenden Balzflug - mit aufgeplustertem Rückengefieder wie eine Hummel über dem Brutrevier brummend umherfliegend - zu genießen, müsste man ihm ganz schnell ein Weibchen besorgen, oder besser gleich drei…

Tahaweber - M.Siebner
Abb. 21: Männlicher Tahaweber am Seeanger. Foto: M. Siebner

Mit diesem skurrilen Unikum schließt der Bericht. Er basiert auf ca. 27.000 Datensätzen, die nahezu ausschließlich unserer Datenbank ornitho.de entstammen. Der Verfasser bedankt sich bei den (hauptsächlichen) BeobachterInnen:

P.H. Barthel, B. Bartsch, R. Bayoh, K. Beelte, S. Beisler, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, S. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, J. Bunk, A. Dahlmann, L. Demand, V. Dierschke, K. Dornieden, M. Drüner, H. Edelhoff, M. Feldhoff, M. Fichtler, K. Gimpel, A. Goedecke, M. Göpfert, A. Görlich, S. Goihl, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, D. Gruber, C. Grüneberg, T. Hammer, W. Haase, H. Hartung, J. Hegeler, E. Heiseke, O. Henning,D. Herbst, V. Hesse, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, S. Holler, R. Hruska, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, F. Kleemann, H. Kobialka, G. Köpke, M. Kuschereitz, T. Langer, T. Lepp, I. Lilienthal, V. Lipka, W. Lübcke, R. Maares, G. Mackay, T. Matthies, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, H. Meyer, S. Minta, M. Mooij, T. Orthmann, M. Otten, S. Paul, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, S. Racky, D. Radde, I. Rapp, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, C. Roos, G. Rotzoll, H. Rumpeltin, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, R. Schumann, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, M. Sprötge, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, A. Torkler, N. Trottmann, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Wegst, M. Weinhold, C. Weinrich, J. Wermes, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann und viele andere.

Hans H. Dörrie

July 9th, 2016

Das Landesturnfest 2016 - ein Erlebnis der besonderen Art am Göttinger Kiessee

Absperrungen - Erlebnisturnfest
Abb. 1: Absperrungen am Kiessee

Massenevents sind heutzutage durchaus populär und auch legitim, um viele Menschen zu unterhalten und dies mit einem Hobby wie dem Ausüben einer Sportart zu verbinden. Leider wird hierbei nicht immer Rücksicht auf die Natur und ihre Bewohner genommen. Dies war auch beim so genannten „Erlebnis Turnfest“ der Fall, das vom 23. bis 26. Juni mit ca. 20.000 Aktiven und (angeblich) 250.000 Besuchern in Göttingen stattgefunden hat. Der Schwerpunkt der Aktivitäten lag dabei am Kiessee und seiner Umgebung in einem Landschaftsschutzgebiet.

Ursprünglich war die Veranstaltung für den Mai 2016 geplant. An der West- und Ostseite des Kiessees sollten zwei Bühnen errichtet werden, von denen man über einen Ponton übers Wasser hätte wechseln können. In der Dunkelheit sollten illuminierte “Wellness-Inseln” aus Plastik auf dem Wasser zum Verweilen einladen. Diese Planungen konnten von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt in Kooperation mit Natur- und Vogelschützern modifiziert werden. Übrig blieb eine große Bühne auf der Rasenfläche im Osten des Kiessees, wo den Tag über Auftritte von Musikern und anderen Künstlern stattfanden. Der Besucherverkehr war in diesem Bereich am lebhaftesten, während z.B. ein Drachenboot-Rennen erheblich weniger Zuspruch fand.

Die Verlegung auf Ende Juni sollte dem Schutz brütender Vögel dienen, die im Mai besonders aktiv sind. Gleichwohl brüten auch Ende Juni viele Arten noch und füttern ihre Jungen. Der Vorschlag, das Event auf die Zeit ab Ende Juli zu verlegen, stieß bei den Betreibern auf taube Ohren.

Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeiter des Arbeitskreises Göttinger Ornithologen (AGO) während des “Erlebnis Turnfests” Untersuchungen zu möglichen Störungen angestellt.

Während der Veranstaltung wurden einige Bäume am Sandweg für einen “Kletterpark” umgewidmet. Um Störungen brütender Vögel zu vermeiden, bekam ein Vogelkundler den Auftrag, die Bäume von einem Hubsteiger aus nach Nestern abzusuchen. In einem Baum befand sich ein Nest, worauf dieser für Kletterer gesperrt blieb. Darüber hinaus wurden keine Nester gefunden, dafür aber jede Menge singende Vögel. Diese Vorgehensweise ist kritisch zu sehen und hat eher Alibi-Charakter. Nester der Wacholderdrossel oder der Rabenkrähe sind in der Regel nicht schwer zu entdecken. Kleine Finkenvögel wie etwa der Birkenzeisig (der am Sandweg brütet) bauen winzige Nester von der Größe eines Überraschungseis. Wenn diese in einer Astgabel im dicht belaubten Kronenbereich platziert werden, sind sie praktisch, Hubsteiger hin oder her, unauffindbar. Dies gilt auch für einen Gartenbaumläufer, der versteckt hinter einer abgeplatzten Rinde sein Nest hat. Die vielen Sänger, die der Gutachter feststellen konnte, haben sich bestimmt nicht nur zum puren Vergnügen in den Bäumen aufgehalten.

Ein weiterer Punkt war der Schutz des Röhrichts im Bereich der Bühne an der Ostseite. Dieses ist ein äußerst wichtiger Lebensraum für viele Vogelarten, unter denen der Teichrohrsänger, der in Göttingen eher selten ist und hier seine größte Population hat, besonders hervorsticht. Teichrohrsänger brüten bis weit in den Sommer. Für Brutvogelarten wie Haubentaucher, Blässhuhn, Teichhuhn und Stockente ist dieser Lebensraum ebenfalls von hoher Bedeutung und erfüllt gerade bei starkem Besucherverkehr oder Wassersportveranstaltungen eine wichtige Schutzfunktion. Deshalb sollte der Röhrichtgürtel mit einem abgedeckten Zaun vor Besuchern geschützt werden. Bei einer Begehung vor und nach dem Fest mussten wir feststellen, dass das Röhricht nicht geschützt war, sondern der Zaun sich auf den baumbestandenen Uferbereich nördlich davon beschränkte. Durch diesen mangelnden Schutz wurde begünstigt, dass eine Schneise ins Schilf getreten wurde.

Röhricht - Erlebnisturnfest
Abb. 2: Schneise im ungeschützten Röhricht

Schäden an der Vegetation wurden auch bei einer Begehung in einem Gehölzbestand im Osten zwischen Kiessee und Flüthegraben festgestellt. Hier wurden Bäume gefällt und Jungwuchs beseitigt. Der Grund für diese Maßnahme bleibt im Dunkeln. Den Boden bedeckte man größtenteils mit Schotter. Am ersten Tag fand das Areal eine Verwendung als Fahrradparkplatz, später wurden dort zwei Generatoren hingestellt. Ob vor dieser Maßnahme eine Untersuchung des ansässigen Brutvogelbestands erfolgte, ist unbekannt.

Gehölz - Erlebnisturnfest
Abb. 3: Ruiniertes Gehölz an der Kiessee-Ostseite

Eine Spezialität unter den Vögeln am Kiessee sind brütende Waldohreulen. Am 18. Juni machten erstmals zwei Jungvögel am Ascherberg durch ihr andauerndes Fiepen auf sich aufmerksam. Sie saßen sehr verlässlich immer am Nordrand des Wäldchens. In der Nacht vom 26. Juni wurde allerdings nur noch ein rufender Jungvogel wahrgenommen. Während des Festes hatte man die Hauptnahrungsfläche der fütternden Altvögel, eine Wiese am Rosdorfer Weg nördlich des Ascherbergs, in einen Parkplatz verwandelt. Die teilweise auch über Nacht dort geparkten Autos und der entsprechende Besucherverkehr übten sicher einen Scheucheffekt auf die Vögel aus. Hinzu trat eine deutliche Abnutzung der Wiese mit breiten, auch durch Regenfälle verursachten Schlammspuren, die auch den Mäusen abträglich war. Die Lebensqualität der brütenden Waldohreulen (und die ihrer Beute) war durch den Parkplatz mit Sicherheit eingeschränkt.

Sehr befremdlich war die Installation eines startbereiten Heißluftballons mit der Aufschrift „Kölln-Flocken“ zu Werbezwecken am 23. Juni. Dies war im Vorfeld nicht abgesprochen, sondern erfolgte offenbar auf Grund einer sehr kurzfristigen Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Göttingen, in dessen Zuständigkeitsbereich sich die Westseite des Kiessees befindet. Konnte man nach der ursprünglichen Planung noch die Hoffnung hegen, dass auf der Westseite eine Art Schutzzone für Gänse auf der Suche nach Nahrung existierte (die Ostseite war für die Vögel nicht mehr nutzbar), wurde man nach der Installation des Ballons eines Schlechteren belehrt: Beim Aufstellen des Riesengeräts flogen sämtliche Enten und Gänse auf und waren sichtlich in Aufruhr. Diejenigen Vögel, die noch keinen flüggen Nachwuchs hatten, versteckten sich so schnell wie es eben ging im Röhricht an der Südseite. Welche Störung und Stresssituation für die Tiere dies darstellte kann man sich ausmalen. Nach einigen Minuten landeten die ersten Tiere wieder auf dem See, mieden aber die Westseite, wo der Ballon aufgeblasen präsentiert wurde (aber seltsamerweise nicht abhob).

Kein Platz für Gänse
Abb. 4: Auch hier kein Platz für Gänse: Heißluftballon an der Westseite

Ebenfalls entgegen der ursprünglichen Planung wurde in der Nacht des 26. Juni ein Feuerwerk gezündet. Auch dieses hatte der Landkreis, dessen Engagement in Sachen Natur- und Artenschutz am Kiessee sich anscheinend in engen Grenzen hält, offenbar kurzfristig genehmigt. Es dauerte nur einige Minuten, sorgte aber in der Tierwelt für viel Aufruhr. Nach der ersten Rakete flogen alle Wasservögel auf. Die Höckerschwäne suchten mit ihren Jungen im südlichen Röhricht Schutz, auch die auf der Insel brütenden Graureiher wurden aufgescheucht. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Vögel, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, auf dem Wasser niederließen. Auf jeden Fall fiel ihre Reaktion auf das Feuerwerk dramatischer aus als bei den vielen Besuchern, die auch von einem N-Joy- Anheizer nicht dazu animiert werden konnten, in laute „Ahh-“, „Uuh-“ oder „Hui“- Rufe auszubrechen…

Knallerei - Erlebnisturnfesta
Abb. 5: Bunte Knallerei im Landschaftsschutzgebiet

Wie ernst man es mit dem Vogelschutz meint, könnten drei Schilder belegen, die der städtische Bauhof am Ascherberg aufgestellt hat. So löblich es ist, Vogelbruten zu schützen: Die Motivation lag eher darin, eine Haftung bei möglichen Personenschäden durch herabfallende Äste oder umstürzende Bäume zu vermeiden. Dabei wird der Ascherberg von den allermeisten Spaziergängern ohnehin gemieden. Ob die Schilder im Zusammenhang mit dem „Erlebnis Turnfest“ angebracht wurden ist unklar.

Warnschild - Erlebnisturnfest
Abb. 6: Warnschild am Ascherberg

So gravierend die Störungen vor allem während des Feuerwerks und durch den Heißluftballon ausgefallen sind: Bei den auffälligen Bruten z.B. von Höckerschwan, Blässhuhn und Graureiher konnten keine durch den Rummel verursachten Verluste dokumentiert werden. Für kleine, versteckt brütende Singvögel ist dies ohnhin kaum nachzuweisen. Das Beispiel einer Grauschnäpper-Brut in einem maroden Nistkasten, die Tag und Nacht einer Disko-Befeuerung in Gestalt einer Warnleuchte ausgesetzt war und dennnoch erfolgreich verlief, zeigt die Anhänglichkeit von Vögeln an ihren Nachwuchs, die auch durch sehr starke menschliche Einwirkungen mit hohem Stresspotential kaum gelockert werden kann.

Diskobeleuchtung - Erlebnisturnfest
Abb. 7: Grauschnäpperbrut im Diskofieber

Fazit:

Bei der Planung und Durchführung des „Erlebnis Turnfests“ wurde auf die Belange des Landschafts-, Natur- und Artenschutzes nur ungenügend Rücksicht genommen. Mit einer Verlegung in den Spätsommer/Herbst hätte viele negative Begleiterscheinungen abgemildert werden können. Derartige Massenveranstaltungen sollten in der Brutzeit der Vögel nicht mehr genehmigt werden, erst recht nicht in einem Landschaftsschutzgebiet. Sollte, wie von der Göttinger Verwaltung vorgeschlagen, der Kiessee aus dem Landschaftsschutz entlassen werden, wären solche Veranstaltungen künftig ohne Auflagen und zu jeder Jahreszeit möglich. Deshalb bleibt als zentrale Forderung zur Bewahrung der Artenvielfalt in Göttingens beliebtestem Naherholungsgebiet: Kein Wegfall des Landschaftsschutzes am Göttinger Kiessee!

Phil Keuschen, unter Mitarbeit von Hans H. Dörrie

Verkehrschaos - Erlebnisturnfest
Abb. 8: Verkehrschaos statt Naherholung

Wiese - Erlebnisturnfest
Abb. 9: Liegewiese nach dem Event

July 4th, 2016

Das Birdrace 2016 in Süd-Niedersachsen

Himmel
Abb. 1: Blauer Himmel ohne Vögel… Foto: M. Siebner

In diesem Jahr gingen am 7. Mai in unserer Region vier Teams an den Start, um in einem Landkreis während 24 Stunden so viele Vogelarten wie möglich zu notieren. Das Wetter war suboptimal: Sonne satt und bis zu 26°C warm, ein gnadenlos blauer Himmel und zu allem Überfluss ein böig auffrischender Ostwind bis Stärke 4. Gleichwohl können sich die Ergebnisse, die auf der Homepage des Dachverbands Deutscher Avifaunisten unter www.dda-web.de im Einzelnen studiert werden können, sehen lassen.

Mit dem Titel des Süd-Niedersachsenmeisters dürfen sich die „Leineuferläufer“ (Silvio Paul, Ole Henning und Severin Racky) schmücken. Sie beackerten den Landkreis Northeim und waren mit 126 Arten sehr erfolgreich (zweitbestes Ergebnis für eine im Northeimer Raum angetretene Formation). Für unsere Datenbank ornitho.de konnten sie 138,60 € einwerben.
Wie vor drei Jahren die „Leinehänflinge“ mietete sich das Team am Vorabend in der Jugendherberge Silberborn ein. Als man um 3:30 Uhr starten wollte, erwies sich die Unterkunft als verschlossen. Zum Glück war sie aber weit weniger gegen einen Ausbruch gesichert als, sagen wir mal, die JVA Rosdorf - an die sie, was Einrichtung und Personal betrifft, durchaus erinnert. Nach einem beherzten Sprung aus dem Fenster konnte sich das Team auf den Weg machen.

Leineuferläufer
Abb. 2: Die „Leineuferläufer“

In den angrenzenden Hochlagen des Sollings balzten Waldschnepfen und Raufußkäuze ungewohnt intensiv. Vom Nachweis eines Sperlingskauzes wurde wohlweislich Abstand genommen, weil nahezu jede Singdrossel die kleine Eule perfekt zu imitieren wusste. Interessanterweise ließ sich kein Erlenzeisig blicken und auch der Fichtenkreuzschnabel trat nur als Einzelvogel in Erscheinung – für diese Nadelwald-Charakterarten scheint 2016 ein schlechtes Jahr zu sein. Die Eichenhudewälder bei Lauenberg wirkten nachgerade spechtleer, doch kam hier immerhin der Waldlaubsänger auf die Liste. Mit Schwarzstorch und, zum ersten Mal bei einem regionalen Birdrace, Tannenhäher konnten zwei charismatische Bonusarten verbucht werden.
Die Leineniederung zwischen Einbeck und Northeim erwies sich als gewohnt artenreich. Zwar glänzte der Einbecker Wanderfalke durch Abwesenheit, doch sorgten Grauschnäpper und Wasseramsel in der Maibockmetropole für eine gewisse Kompensation. Im Leinepolder dümpelte, mit Ausnahme der Spießente, eine artenreiche Entenpalette. Auch bei den Limikolen war die Ausbeute zufrieden stellend. Mit drei Temminckstrandläufern an der Geschiebesperre Hollenstedt kam sogar eine der begehrten Calidris-Arten hinzu. Bei den Rallen herrschte jedoch bedenkliche Ebbe. Sie waren mit Bläss- und Teichhuhn nur mager vertreten. Am Böllestau bei Hollenstedt geriet ein nestbauendes Paar des Zwergtauchers, der in der Region ein seltener Brutvogel ist, ins Visier Als kleine Besonderheiten komplettierten am Freizeitsee Schilfrohrsänger und Fischadler sowie an der Geschiebesperre eine junge Mittelmeermöwe die Liste.

Unter den drei Mannschaften, die im Landkreis Göttingen auf Tour gingen, hatten „Dynamo avigoe“ (Mischa Drüner, Maarten Mooij und Felix Kleemann) mit 116 Arten knapp die Nase vorn. Dies trifft auch auf das Spendenaufkommen von 184,40 € zu.

Schwarzhalstaucher-S.Hillmer
Abb. 3: Schwarzhalstaucher auf dem Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

Das Team startete um 3:20 Uhr an den Schillerwiesen im Göttinger Ostviertel. Dort ließ sich jedoch kein Vogel vernehmen. Ein über das Kerstlingeröder Feld fliegender Erlenzeisig war der einzige seiner Art und ein echter Bonus gegenüber den Mitbewerbern. An Spechten waren dort nur Grauspecht und Wendehals auszumachen, beide Male sehr kurz. Der Wanderfalke konnte erst beim dritten Anlauf (im Reinhäuser Wald) verbucht werden. Glanzlicht des Tages waren gleich drei Brachpieper in der Feldmark nahe dem Großen Leinebusch. In der Göttinger Nordstadt konnte, nach zehn Minuten Wartezeit am Nest, endlich eine Schwanzmeise gesehen werden. Am Seeanger und Seeburger See gerieten im Wesentlichen die Arten ins Blickfeld (Ausnahme: Rotschenkel), derer auch die anderen Mitstreiter ansichtig wurden. Am Lutteranger kamen mit Rohrweihe und Kormoran zwei Arten hinzu, die gegenüber dem folgenden Team, das zum Aufsuchen dieses Supergebiets zu faul war, den Ausschlag gaben.

Das seit 2005 existierende Traditionsteam der „Göttinger Sozialbrachvögel“ (Mathias Siebner, Hans H. Dörrie, Karl Jünemann, Shauna Grasmann und Phil Keuschen) ging durch den Ausfall von zwei exzellenten Beobachtern (wegen einer Familienfeier bzw. ruchloser Fahnenflucht in den Landkreis Rotenburg/Wümme) geschwächt an den Start. Spektakulärer Höhepunkt der Tour, die 114 Arten erbrachte, war kein Vogel, sondern - eine Privataudienz beim Dalai Lama, dem wohl bedeutendsten Denker unserer Zeit. Er weilte für einen Tag inkognito im Eichsfeld, um sich an dessen einzigartiger Atmosphäre zu erfreuen, die von religiöser Inbrunst und einem tiefen Respekt vor der Natur geprägt ist. Die schwer beeindruckten „Sozialbrachvögel“ wurden mit dem Sinnspruch „Jeder Tag in der Natur ist ein guter Tag“ verabschiedet.

Sozialbrachvögel
Abb. 4: Die „Göttinger Sozialbrachvögel“ nach der Erleuchtung

Auch vor dieser denkwürdigen Begegnung lief es (zunächst) prima. Im Bramwald, der gegen 4:30 Uhr erreicht wurde, fehlten von den erwartbaren Arten (u.a. Sperlingskauz, Waldschnepfe und Turteltaube) nur Baumpieper und Erlenzeisig. Doch je wärmer es wurde desto zäher gestaltete sich die Artensuche. Ab 11:00 Uhr stellten die meisten Vögel den Gesang ein; die Rummelkulisse an der Kiesgrube Reinshof und am Kiessee tat ein Übriges. Auch in der Stadt lief es alles andere als rund (kein Wanderfalke, keine Schwanzmeise, die Wasseramsel konnte immerhin auf den letzen Drücker in Bilshausen nachgearbeitet werden). In der Rhumeaue sang für ein paar Sekunden ein Feldschwirl gegen den strammen Wind. An den artenreichen Gebieten Seeanger und Seeburger See traf das Team leicht verspätet ein, konnte aber mit Kleinspecht, Rohrschwirl und einer durchziehenden Weißwangengans als Bonusarten Boden wettmachen. Den versöhnlichen Abschluss setzte eine Schleiereule, die hinter Bodensee auf einem Pfahl an der Straße saß.

Das ambitionierte Nachwuchsteam der „Schweißstörche“ (Mike Kuschereitz, Judith Walz, Sonja Henke, Frauke Helms, David Singer und ein paar mitfahrende Gäste vom Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung) war im zweiten Jahr mit dem Fahrrad unterwegs.

Schwei�störche
Abb. 5: Die „Schweißstörche“

Das Ergebnis von 102 Arten ist sehr beachtlich, zumal das „schöne Wetter“ die Teambezeichnung zusätzlich befeuerte. Für den Landkreis Göttingen konnten Zwergtaucher, Silberreiher, Gelbspötter (im Gartetal) und Trauerschnäpper (neben dem Göttinger Spaßbad) als Bonusarten verbucht werden, die den beiden anderen Teams fehlten. Besonders ärgerlich war das Fehlen der Wasseramsel. Dies (und die Schwierigkeiten der anderen Teams bei der Suche nach ihr) lässt sich aber damit erklären, dass die meisten Jungvögel wohl schon flügge waren und sich mit ihren Eltern weiträumig verteilt hatten. Auf die Suche nach Erlenzeisigen am Rand der Schweckhäuser Wiesen, wo sie bei der Vorerkundung noch gesehen wurden, musste aus Zeitgründen verzichtet werden- schade, aber dieser Nachweis ist aus avifaunistischer Sicht auch ohne Birdrace sehr interessant. In Rosdorf geriet ein Rätselvogel mit rosafarbenen Unterflügeln ins Blickfeld. Nach Literaturrecherche entpuppte er sich als angemalte Zuchttaube, deren absonderliche Färbung angeblich fliegende Beutegreifer abschrecken soll. Der Tourverlauf (70 Kilometer auf und ab) ist wiederum gut dokumentiert und verdeutlicht die Strapazen, die ein unmotorisiertes Rennen im niedersächsischen Bergland mit sich bringt.

Tourverlauf Schweißstörche
Abb. 6: Tourverlauf der „Schweißstörche”. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Sehr positiv war in diesem Jahr der hohe Anteil junger Nachwuchsbeobachter/innen, die sich auf alle Teams verteilten. Und im nächsten Jahr? Gibt es womöglich noch mehr Teams und alles geht wieder von vorne los…

Hans H. Dörrie, unter Mitarbeit von Silvio Paul, Maarten Mooij und David Singer

May 9th, 2016

Der Vogelwinter 2015/16 in Süd-Niedersachsen – mild, kaum Schnee und ein kaltes Intermezzo

Schwarzhalstaucher-V.Hesse
Abb. 1: Winterlicher Schwarzhalstaucher an den Northeimer Kiesteichen.
Foto: V. Hesse

Mit 5,6°C über dem langjährigen Mittel war der Dezember 2015 der wärmste und zweitsonnigste seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen 1881. Auch der Januar 2016 gestaltete sich mild, zumindest in seiner ersten Hälfte. Später ließen Nachtfröste mit bis zu -17°C viele kleinere Stillgewässer vereisen. Der Northeimer Freizeitsee war jedoch niemals komplett zugefroren und wurde zum Magnet für Wasservögel. Im Februar dominierten wieder, in Kombination mit hohen Niederschlägen, milde Temperaturen. Zum Ende des Monats waren weite Flächen im Leinepolder Salzderhelden flach überstaut.

Wer nun, animiert von den Schlagzeilen der Tagespresse, gedacht hatte, dass in unserer Region „die Vogelwelt in diesem Winter verrückt spielt“, „die Zugvögel hier bleiben“ und ähnliches mehr, dürfte von den realen Gegebenheiten enttäuscht gewesen sein. Wie in den meisten anderen Wintern gab es nur vergleichsweise wenige Nachweise ausharrender bzw. spät durchziehender Kurz- und Mittelstreckenzieher: Feldlerchen gerieten lediglich am 3. Dezember (sechs Ind. im Leinepolder) und am 27. Dezember (Einzelvogel in der Feldmark Gerblingerode) in den Blick, im Januar fehlten sie komplett. Das Januaraufkommen ausharrender Kiebitze bestand aus maximal fünf Vögeln an der Geschiebesperre Hollenstedt. Von der Singdrossel liegen nur zwei Beobachtungen vom 9. Dezember am Northeimer Freizeitsee und vom 9. Januar im Leinepolder vor. Ein Vogel am 18. Februar am Rückhaltebecken Gö.-Grone kann bereits dem beginnenden Heimzug zugerechnet werden. Auf dem Campus der Göttinger Nord-Uni verbrachte eine Heckenbraunelle den Winter. Auf den Ruderalflächen am Freizeitsee war sie wie in den Vorjahren mit bis zu fünf Vögeln gut vertreten. Darüber hinaus gibt es aus dem Dezember und Januar (im Februar setzt bereits der Heimzug ein) acht weitere Winterbeobachtungen, darunter die eines Vogels vom 30. Dezember bis 5. Januar in Gö.-Geismar. In den ebenfalls milden Wintern 2013/14 und 2014/15 wurden jeweils zehn Vögel notiert, darunter je zwei bis drei längerfristig ausharrende.

Heckenbraunelle - S.Paul
Abb. 2: Heckenbraunelle am Freizeitsee. Foto: S. Paul

Der Zilpzalp machte sich mit neun bis zehn robusten Vertretern häufiger bemerkbar als in den beiden vorangegangenen Wintern (2014/15 sieben Ind., 2013/14 fünf Ind., darunter ein Überwinterungsaspirant am Northeimer Freizeitsee); gleichwohl hätte ein ungewohnt zahlreiches, den hohen Dezembertemperaturen vermeintlich entsprechendes Ausharren wohl anders ausgesehen. Hinweise auf durchgehende Überwinterungen liegen nicht vor. Die einzige Mönchsgrasmücke wurde am 10. Januar aus Göttingen bekannt. Vom Hausrotschwanz ist eine Überwinterung im Uni-Nordgelände fast lückenlos dokumentiert. Auch im Industriegebiet der Weststadt und auf dem Rosdorfer JVA-Gelände konnte je ein Vogel (1 M., 1 wf. Ind.) die (schneearme) Kälteperiode im Januar überdauern. Drei erfolgreiche Überwinterungen sind aus Göttinger Sicht ohne Präzedenz. Zuvor war es war es Einzelvögeln in wenigen Wintern gelungen, die kalte Jahreszeit schadlos zu verbringen. In der Regel setzen nicht niedrige Temperaturen, sondern Schneefälle den Überwinterungsversuchen ein Ende.
Ungefähr acht überwinternde Gebirgsstelzen (darunter vier bis fünf im Göttinger Stadtgebiet und bis zu zwei an der Geschiebesperre Hollenstedt) lagen im guten Durchschnitt. Bachstelzen harrten im Dezember und Januar nur in geringer einstelliger Zahl aus, das Maximum lieferten sechs Vögel am 21. Januar am Wendebachstau bei Reinhausen. Überwinternde Rohrammern traten im Dezember und Januar praktisch nur an den ehemaligen Tongruben Siekgraben mit bis zu fünf Vögeln in Erscheinung. Gewohnt rar machte sich mit dem Sommergoldhähnchen ein weiterer Kandidat: Am 5. Februar geriet bei Eberhausen ein Einzelvogel in den Blick.
Der Vollständigkeit halber sei vermerkt, dass (nur) ein Paar des Weißstorchs den Winter in der Nähe seines Brutplatzes (Leinepolder) verbrachte. Ab Mitte Februar waren bereits etliche Paare von spanischen Müllkippen oder mit Eintagsküken bestückten Futterstellen in der Rheinebene zurückgekehrt.
Fazit: Der (warme) „Jahrhundertwinter 2015/16“.verlief im süd-niedersächsischen Bergland eher ereignisarm. Von spektakulären Überraschungen keine Spur. Vielmehr bestätigten sich aufs Neue die regionalen Unterschiede bei der Winterverbreitung von Vogelarten, die bereits innerhalb eines Bundeslands (in Niedersachsen z.B. nördlich und südlich der Mittelgebirgsschwelle) gravierend ausfallen, auch in milden Wintern. In den plakativen Verlautbarungen der Tagespresse (und leider auch in Fachpublikationen zum Thema „Vögel und Klimawandel“) fallen sie in schöner Regelmäßigkeit unter den Tisch…

Der Winterbestand des Höckerschwans konzentrierte sich wie üblich auf die Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck, wo er auf ca. 60 Ind. (mit einem geringem Jungvogelanteil von maximal 20 Prozent) taxiert werden konnte. Im Umfeld des Seeburger Sees überwinterten bis zu 19 Ind. (darunter nur ein Jungvogel). Auf der Werra im Göttinger Südkreis hielten sich bis zu 33 Vögel auf.
In der Leineniederung überwinterten maximal 27 Singschwäne (darunter nur zwei Junge und die beiden treuen lettischen Gäste mit den Halsmanschetten 2E22 und 2E94). In der Feldmark Krebeck rastete vom 9. bis 15. Januar eine Familie mit zwei Jungen.

Singschwan - B.Riedel
Abb. 3: Singschwäne an den Northeimer Kiesteichen. Foto: B. Riedel

Eine Ringelgans der dunkelbäuchigen Nominatform war vom 6. bis 9. Februar Glanzlicht der Polder-Avifauna. Von diesem an der Küste überwinternden arktischen Gast liegen weniger als zehn Regionalnachweise vor. Kanadagänse ließen sich - mit maximal sechs Ind. am 16. Februar im Seeanger - den ganzen Winter über bestaunen. Einzelne Weißwangengänse traten am 9. und 10. Januar am Seeanger und am 13. Februar auf dem Northeimer Freizeitsee in Erscheinung.
Am 6. Dezember rasteten am Seeanger zwei Waldsaatgänse offenbar nur kurz. Maximal 3600 Tundrasaatgänse konnten nach dem Kälteeinbruch am 19. Januar am Schlafplatz Geschiebesperre Hollenstedt gezählt werden, später gingen die Zahlen wieder zurück. An diesem Tag hielten sich auch 1300 Blässgänse ebenda auf. Eine ähnlich hohe Zahl wurde am 6. Februar mit 1200 Ind. im Leinepolder notiert.
Nilgänse genossen den milden Winter bis weit in den Januar in hoher Zahl. Maximal 231 Vögel wurden am 9. Dezember in der Feldmark Einbeck gezählt, 130 Ind. am 19. Dezember am Seeanger. Nach dem Kälteeinbruch Mitte Januar sanken die Zahlen merklich.
Winterliche Brandgänse sind nicht mehr annähernd so selten wie früher: Am Seeburger See und Seeanger hielten sich im Januar und Februar über Tage Einzelvögel auf. An der Geschiebesperre Hollenstedt geriet am 13. Februar ebenfalls ein Einzelvogel in den Blick. Gleich vier Ind. hatten sich am 25. Februar im Leinepolder niedergelassen.
Die unvermeidliche Rostgans der Saison hielt sich vom 19. bis 25. Januar an der Geschiebesperre Hollenstedt auf.

Auf dem Obertorteich in Duderstadt schwamm am 30. Dezember ein Mandarinenten-Paar.

Mandarinente - M.Siebner
Abb. 4: Mandarinenten in Duderstadt. Foto: M. Siebner

Der traditionelle Überwinterungsbestand der Pfeifente in der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck belief sich auf ca. 120 Ind.
Ein schmuckes Männchen der Kolbenente fand sich am 1. Januar auf dem Seeburger See ein. Vermutlich derselbe Vogel verfügte sich später an die Northeimer Seenplatte, wo er bis zum Ende des Berichtszeitraums anwesend war.
Der Northeimer Freizeitsee war in diesem Winter ungemein vogelreich, besonders nach dem Zufrieren anderer Stillgewässer. Bis zu 280 Tafelenten und bis zu 750 Reiherenten bedeckten das Gewässer mit Höchstzahlen der letzten Jahre.
Am 14. Januar legten zwei Trauerenten auf dem Northeimer Freizeitsee eine offenbar nur kurze Rast ein. Deutlich länger, nämlich vom 8. bis 18. Januar, sagte das Gewässer drei Samtenten zu.
Zwergsäger erreichten am 22. Januar am Northeimer Freizeitsee mit 16 Ind. (1 M., 15 wf. Ind.) und am 20. Februar am Seeburger See mit 17 Ind. (3 M., 14 wf. Ind.) ihre Maxima, wobei zumindest ein Teil der Vögel identisch gewesen sein könnte. Gänsesäger waren am Seeburger See im Januar mit bis zu 120 Vögeln präsent. Am Göttinger Kiessee hielten sich im Dezember bis zu 54 Vögel auf. Um die Weihnachtsfeiertage wurden sie von zwei Kanuten und einem Stehpaddler vertrieben. Anfang Januar wurde (endlich) der Südteil des Gewässers im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Nutzerverbänden und Naturschützern durch eine mit Bojen markierte Leine abgesperrt. Die Zahlen aus dem Dezember wurden aber nicht annähernd wieder erreicht.
Verehrer prächtiger Männchen des Mittelsägers mussten sich am 26. Dezember am Seeburger See und am 6. und 7. Februar am Northeimer Freizeitsee mit einem schlicht gefärbten Vogel begnügen.

Mittelsäger - B.Riedel
Abb. 5: Mittelsäger (mit Gänsesägern) auf dem Northeimer Freizeitsee.
Foto: B. Riedel

Bei der alljährlichen Zählung rufender Rebhühner im Landkreis Göttingen wurden auf 90 Transekten 213 Vögel notiert, etwas weniger als im Vorjahr (238 Ind.). In der Feldmark Diemarden gab es, allerdings nach einem lokalen Rekordjahr, einen Rückgang von 76 auf 39 Rufer, während im Raum Gieboldehausen - Wollbrandshausen und südlich von Ebergötzen Zuwächse (von 29 auf 45 bzw. von 20 auf 41 Ind.) verzeichnet werden konnten.

An der Geschiebesperre Hollenstedt tummelten sich bis zu 23 Zwergtaucher. Am Göttinger Kiessee hielten maximal 14 Ind. bis zum weitgehenden Zufrieren des Gewässers durch. Der Winterbestand im Göttinger Stadtgebiet dürfte mehr als 20 Vögel betragen haben und lag damit im guten Trend der letzten Jahre.
Haubentaucher erreichten am Seeburger See am 25. Dezember mit 54 Ind. ein eher mageres Maximum. Der Northeimer Freizeitsee lag mit maximal 125 Vögeln am 22. Januar in ihrer Gunst deutlich vorn. Am Göttinger Kiessee hielten sich bis zu 16 Ind. auf, die erst mit dem Zufrieren des Gewässers ab Mitte Januar verschwanden. Das ist der höchste Winterbestand der letzten Jahre.
Der ab dem 28. November an der Kiesgrube Reinshof präsente Rothalstaucher war nach dem 6. Dezember weitergezogen.
Am 30. Dezember gerieten an der Geschiebesperre Hollenstedt drei Schwarzhalstaucher in den Blick eines Beobachters. Wesentlich kooperativer und fotogener demonstrierte ein Artgenosse am 17. Februar an den Northeimer Kiesteichen, dass Winterbeobachtungen nicht mehr die große Ausnahme sind wie früher.
Das nennt man wohl einen Doppelschlag: Nachdem am 21. November ein Eistaucher mit kurzer Verweildauer am Seeburger See den dritten Regionalnachweis geliefert hatte, folgte ihm nur sieben Wochen später ein weiterer (Jung-)Vogel. Er hielt sich vom 14. bis 21. Januar am Northeimer Freizeitsee auf (Erstnachweis für den Landkreis Northeim) und zog etliche Beobachter und Fotografen in seinen Bann.

Eistaucher - M.Siebner
Abb. 6: Eistaucher auf dem Northeimer Freizeitsee. Foto: M.Siebner

Im Dezember stieg das Rastvorkommen des Kormorans am Göttinger Kiessee tageweise bis auf 110 Ind. Der eigentliche Winterbestand kann auf ca. 30 bis 50 Vögeln veranschlagt werden. Offenkundig gibt es vermehrte Bestrebungen der Sportangler, an ihrem gut bestückten Freilandaquarium mit dem verhassten Konkurrenten aufzuräumen. Das Ansinnen einer Abschussgenehmigung wurde von der zuständigen Behörde mit Verweis auf den Siedlungsbereich als befriedeter Bezirk abgelehnt. Daraufhin versammelten sich am 27. Februar an der Leine südlich des Flüthewehrs ein paar Bewaffnete - anscheinend mit dem Ziel (überfliegende?) Kormorane zu schießen. Unter den zahlreichen Spaziergängern sorgte der martialische Auftrieb für erhebliche Unruhe. Bald war die Polizei zur Stelle. Um die Mittagszeit löste sich die Partie auf, ohne zum Schuss gekommen zu sein. In Zukunft wird darauf zu achten sein, ob es erneut zu solchen Aktionen kommt.

Einzelne Rohrdommeln konnten sich am 31. Dezember im Leinepolder sowie am 9. Januar jeweils am Seeanger und Seeburger See nicht verstecken.

Rohrdommel - L. Sebesse
Abb. 7: Suchbild mit Rohrdommel vom Seeanger. Foto: L. Sebessse

Vom Schlafplatz des Silberreihers im Leinepolder liegen Maximalzahlen von 124 Ind. (31.12..) bzw. 130 Ind. (6.2.) vor, an den anderen Tagen waren es deutlich weniger. Am Seeburger See und Umgebung waren maximal 25 (26.12.) bzw. 29 Vögel (9.1.) präsent, der reguläre Winterbestand dürfte knapp 20 Vögel betragen haben.

Wie in den meisten Wintern machte sich die Kornweihe eher rar: Es gibt nur zwei Beobachtungen, und zwar aus dem Sollingvorland bei Hilwartshausen am 25. Dezember (K2-M.) sowie am 17. Januar vom Diemardener Berg (K2-Ind.).
Auch das Auftreten des Raufußbussards mit nur einem Nachweis vom 28. Januar im Seeanger (ad. M.) ist, von wenigen Einflugjahren abgesehen, typisch für die Region.
Dies trifft auch auf Winterbeobachtungen des Merlins zu, von denen nur eine am 13. Februar im Leinepolder Salzderhelden (ad. M.) gelang.
Kraniche waren praktisch immer unterwegs. Im Dezember und Januar handelte es sich zumeist um späte Durchzügler (maximal 574 Ind. in mehreren Trupps am 3.1. über Hann. Münden). In der Silvesternacht gerieten nachts ziehende Trupps bei Waake und über der Göttinger Innenstadt unter Raketenbeschuss und verhielten sich entsprechend desorientiert.
Ab Anfang Februar tauchten die ersten Heimzieher auf. Am 6. Februar rasteten immerhin 1900 Ind. im flach überstauten Leinepolder. An vier Tagen Mitte Februar zog wohl die Hauptmasse durch, allerdings wie meist im Frühjahr in der Dunkelheit und daher kaum zu quantifizieren.
Bis zu 800 Blässhühner, die in der Kälteperiode den Northeimer Freizeitsee bedeckten, sind aus regionaler Sicht eine Höchstzahl der letzten Jahre, mehr als doppelt so viele wie sonst.

Kiessee - P.Keuschen
Abb. 8: Am Göttinger Kiessee trotzten über 90 Blässhühner der Kälte.
Foto: P. Keuschen

Der Heimzug der Kiebitze verlief bis zum Ende des Berichtszeitraums eher unauffällig - bis auf den 23. Februar, als beachtliche 1500 Vögel im Leinepolder rasteten. In der Feldmark Reinshof hielten sich Ende Februar bis zu 500 Ind. auf.
Im Leinepolder verbrachten ein bis zwei Große Brachvögel die erste Februarhälfte.
Angesichts der vielen Gefahren, denen Waldschnepfen auf dem Zug ausgesetzt sind, ist es erfreulich ist, dass nur drei Beobachtungen (Ahlsburg, Reinhäuser und Weender Wald) vorliegen. Alle Vögel waren augenscheinlich gesund und munter.
Hauptüberwinterungsgebiet der Bekassine waren die ehemaligen Tongruben Siekgraben, wo bis zu elf Vögel ausharrten. An der Geschiebesperre Hollenstedt gelang, wie in anderen Jahren auch, zwei Waldwasserläufern die Überwinterung.
Am Northeimer Freizeitsee trieben sich im Januar bis zu 48 Sturmmöwen umher. 44 Vögel am 13. Januar an der Kiesgrube Reinshof riechen verdächtig nach einem Lokalrekord.
Am Northeimer Freizeitsee überwinterten zwei Steppenmöwen (1 ad., 1 K2-Ind.). Am Seeburger See bildeten am 14. Dezember vier K1-Vögel das Maximum. Zwei Vögel auf dem Göttinger Kiessee am 5. Januar waren offenkundig verpaart.

Steppenmöwe - S.Hillmer
Abb. 9: Steppenmöwenpaar am Göttinger Kiessee. Foto: S. Hillmer

An der Großen Blöße im Solling ließ sich am 27. Februar ein Sperlingskauz vernehmen.

Den Komfort eines weithin milden Winters konnte der Eisvogel in vollen Zügen genießen. Im Göttinger Siedlungsbereich tauchte er regelmäßig am Leinekanal in der Innenstadt (bis zu zwei Ind.), im Alten Botanischen Garten, am Schwänchenteich im Cheltenham-Park und an den Schillerwiesen auf und sorgte bei interessierten Normalbürger/innen für ungläubiges Staunen und irritierte Anrufe („gibt’s die hier?“).

Vom Raubwürger liegen seit dem 11. Oktober um die 70 Beobachtungen aus vielen Gebieten vor, die ein gutes Jahr indizieren. Die genaue Zahl besetzter Winterreviere muss offen bleiben, kann aber auf mindestens sechs (Leinepolder (2), Kerstlingeröder Feld, Feldmark Geismar, Lengderburg (beringter Vogel, der zu scheu zum Ablesen war!) und Feldmark Seulingen) beziffert werden.

Raubwürger - S.Hörandl
Abb. 10: Beringter Raubwürger an der Lengderburg. Foto: S. Hörandl

Am 28. Februar zogen 160 Saatkrähen über das Göttinger Ostviertel. Ansonsten lagen die Zahlen im einstelligen Bereich.

Am Seeburger See konnten am 26. Dezember zwei Bartmeisen ausgemacht werden, im Leinepolder an zwei Terminen im Januar und Februar bis zu sieben Ind.

Die aus dem Vorbericht bekannte dunkelbäuchige Wasseramsel - Kleinod der Göttinger Innenstadt - hielt es bis zum 27. Januar dort aus. Anfang März tauchte sie (oder ein anderer Vogel?) wieder auf.

Trotz milder Witterung und Schneearmut harrten Wiesenpieper nur in geringer Zahl aus. Mehr als drei Vögel wurden nirgendwo gezählt. Vom Bergpieper gibt es seit dem 8. Oktober 22 Beobachtungen, die bis auf eine (24. November Einzelvogel am Seeanger) alle aus der Leineniederung zwischen Northeim und Einbeck stammen. Das Maximum wurde am 6. November mit 13 Ind. (Polder I und II) erreicht.

Unter den Finkenvögeln sind bis zu 100 Kernbeißer bemerkenswert, die auf dem Göttinger Stadtfriedhof überwinterten. Seit dem 18. Oktober gerieten nordische „Tompetergimpel“ mit knapp 80 akustischen Wahrnehmungen zu Gehör. Die Gesamtzahl der Vögel, die manchmal in kleinen Trupps oder zusammen mit „normalen“ Gimpeln unterwegs waren, könnte sich auf mehr als 100 Ind. belaufen haben - einsamer Regionalrekord.

Trompetergimpel - M.Göpfert
Abb. 11: Trompetender Gimpel. Foto: M. Göpfert

Vom Girlitz liegt nur die Beobachtung eines am 28. Februar über Gö.-Nikolausberg heimziehenden Vogels vor. Vom zahlreichen Ausharren in einem milden Winter kann (auch) bei dieser thermophilen Art nicht die Rede sein - allerdings wurden in der Vergangenheit die meisten Girlitze in Kältewintern registriert, was ebenfalls nicht ins Bild passt…
Auf dem Göttinger Stadtfriedhof überwinterten bis zu 30 Fichtenkreuzschnäbel, waren aber wie ihre stiernackigen Verwandten mit dem Monsterschnabel oft schwer auszumachen.
Vom Einflug der Erlenzeisige, der sich vor allem in Süddeutschland bemerkbar machte, war in unserer Region nichts zu spüren. Mit der Ausnahme von 150 Ind. am 24. Januar am Göttinger Flüthewehr lagen die Zahlen durchweg im ein- bis zweistelligen Bereich.
Der Stieglitz, „Vogel des Jahres 2016“, ließ sich vom milden Winter nicht übermäßig zum Ausharren verleiten. Der größte der (wenigen) Trupps umfasste am 19. Februar auf dem Göttinger Uni-Campus 50 Vögel.

Stieglitz - M.Siebner
Abb. 12: Stieglitz. Foto: M. Siebner

Auch der wärmeliebende Bluthänfling zeigte sich wenig geneigt zum Standvogel zu mutieren: Von ihm liegen nur elf Beobachtungen mit maximalen Truppgrößen von 30 bis 35 Vögeln im Northeimer Raum vor. Warum das so ist dürfte klar sein: Was helfen den Finken die schönsten Temperaturen im Plusbereich in Kombination mit wenig Schnee, wenn sie in der glyphosatgetränkten Öde nichts zum Beißen finden? Für das Vertilgen liegen gebliebener Maiskörner sind ihre Schnäbelchen in der Regel zu schwach. Zudem geht die Zahl samenreicher Blühstreifen immer weiter zurück. Auch dies wird beim Bohei um die „immer milderen Winter“ vergessen…

Am Northeimer Freizeitsee überwinterten bis zu 120 Goldammern. Ebenfalls 120 Ind. konnten am 4. Februar in der Feldmark westlich des Leinepolders gezählt werden.

Hans H. Dörrie

Dieser Bericht basiert nahezu ausschließlich auf Daten aus unserer Datenbank ornitho.de. Der Dank des Verfassers geht an:

R. Bayoh, P.H. Barthel, B. Bartsch, K. Beelte, S. Beisler, S. Böhner, G. Börner, M. Borchardt, H. Brockmeyer, G. Brunken, J. Bryant, M. Corsmann, L. Demand, E. Dense, J. Dierschke, V. Dierschke, H. Dörrie, K. Dornieden, M. Drüner, M. Feldhoff, M. Fichtler, M. Göpfert, E. Gottschalk, S. Grassmann, C. Grauf, C. Grüneberg, W. Haase, H. Hartung, O. Henning, D. Herbst, V. Hesse, A. Hill, S. Hillmer, U. Hinz, S. Hohnwald, E. Höhle, S. Hörandl, S. Holler, R. Hruska, G. Jacobs, S. Jaehne, M. Jenssen, K. Jünemann, U. Jürgens, R. Käthner, C. Kaltofen, A. Kannengießer, J. Katzenberger, R. Kellner, D. Kemper, H.-A. Kerl, P. Kerwien, P. Keuschen, J. Kirchner, A. Klamm, F. Kleemann, H. Kobialka, M. Kuschereitz, I. Lilienthal, V. Lipka, G. MacKay, T. Meineke, K. Menge, P. Mergel, S. Minta, M. Mooij, F. Mühlberger, T. Orthmann, M. Otten, C. Paulus, G. Pfützenreuter, B. Preuschhof, F. Preusse, S. Racky, D. Radde, U. Rees, P. Reus, B. Riedel, M. Risch, V. Rösch, C. Roos, G. Rotzoll, W. Scharlau, M. Schleuning, F.-U. Schmidt, H. Schmidt, P. Schmidt, D. Schomberg, D. Schopnie, L. Sebesse, M. Seifert, M. Siebner, D. Singer, L. Söffker, W. Sondermann, R. Spellauge, I. Spittler, M. Sprötge, M. Stange, T. Steiger, T. Stemmler, K. Stey, A. Stumpner, A. Sührig, D. Trzeciok, F. Vogeley, W. Vogeley, C. Weinrich, D. Wucherpfennig, M. Zimmermann, S. Zinke und etliche andere.

Eisvogel - P.Keuschen
Abb. 13: Eisvogelweibchen in der Göttinger Innenstadt. Foto: P. Keuschen

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